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 Betreff des Beitrags: WARE FÜR KATALONIEN - Richard Groschopp
BeitragVerfasst: 02.01.2019 13:55 
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"Ware für Katalonien" (DDR 1959)
mit: Hartmut Reck, Eva Maria Hagen, Heinz-Dieter Knaup, Hanna Rimkus, Wilfried Ortmann, Ivan Malré, Gerlind Ahnert, Heinz Scholz, Carola Braunbock, Jean Brahn, Horst Buder u.a. | Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen und Richard Groschopp nach einer wahren Begebenheit | Regie: Richard Groschopp

Der Mord an einem Mann namens Holzapfel weist auf einen Schmugglerring hin, dem auch eine alte Frau angehört, die im Auftrag ihres Neffen Ferngläser in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin bringt. Durch den Hinweis einer findigen Optikverkäuferin kommen Unterleutnant Schellenberg und sein Kollege Leutnant Hasselbach den Hintermännern der Bande auf die Spur: Hasso Teschendorf und Bob Georgi, der längst seine eigenen Geschäfte abwickelt: mithilfe einer naiven jungen Frau aus dem Osten will er seinen Kompagnon übervorteilen und verspricht ihr die Heirat. Zunächst glaubt Marion Stöckel an die ehrlichen Absichten des "dicken Bob", doch eine Reise nach Spanien öffnet ihr die Augen....

"Es ist unmöglich, nicht von Ihnen gefesselt zu sein."

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Der Zuschauer wähnt sich kurz in einem Edgar-Wallace-Film der Konkurrenz aus dem Westen, als Heinz-Dieter Knaup diese Worte an Hanna Rimkus richtet. Der besondere Charme, den die Nebenhandlung um die Verkäuferin Sabine und ihre beiden Verehrer von der Polizei ausstrahlt, wertet den Film positiv auf, da er die steife Atmosphäre der muffigen Amtsstuben aufbricht. Hartmut Reck ist der Sympathieträger der Produktion, die als zweitbesuchter Film des Jahres 1959 ein großer Kassenerfolg in der DDR wurde. Die Recherchen, die er mit agiler Frische anstellt, bringen den nötigen Schwung in die Mühlen der Bürokratie, für die das Auswerten der gefälschten Personalausweise und die Befragung der tumb auftretenden Phlegmatiker aus dem Heer der Kleinkriminellen, tägliche Routine darstellen. Reck zeichnet seinen ehrgeizigen Unterleutnant Schellenberg als Mann mit Ambitionen, aus seinem Beruf mehr als nur eine Pflichterfüllung zu machen. Die sportliche Konkurrenz mit seinem Kollegen Hasselbach beflügelt ihn und ist mehr als einmal Anlass für schlagfertige Rededuelle mit der gewitzten Hanna Rimkus. Reck empfiehlt sich hier bereits als Mann der kontroversen Entschlusskraft und hebt sich insofern von seinen ostdeutschen Kollegen ab, als er bald selbst "in den Westen gehen" wird. Eva Maria Hagen als Tochter aus gutbürgerlichem Hause erhält erst gegen Ende die Möglichkeit, aus ihrem Kokon der Gutgläubigkeit auszubrechen und sich gegen den aalglatten Ivan Malré und ihre Filmmutter aufzulehnen. Die Verflechtungen von Geschäft und Privatem heben den Film von einer sterilen Schilderung der Ermittlungen ab und schaffen Raum für Fallstricke. Die Frage, ob und wie schnell Marion hinter die windigen Schmuggelaktivitäten ihres Verlobten kommt, schafft eine latente Bedrohung für die junge Frau, die aber durchaus auf die Spitze getrieben werden hätte können. Die Szenen in Spanien mit dem finsteren Teschenberg werden zu rasch in geordnete Bahnen zurückgeführt. Ebenso kann die Bedrohung durch den verärgerten Bob umgehend vom Zugriff der Beamten abgewendet werden. Angesichts der Physiognomie des korpulenten Darstellers hätte man hier mehr Suspense schaffen können, indem die Einschüchterung der Mitwisser betont wird.

Das spannende Finale am geschichtlich exponierten Freiluftschauplatz setzt angenehme Akzente. Ein beeindruckendes Monument wie das Brandenburger Tor drückt einer Verfolgungsjagd selbstredend seinen Stempel auf. Der Film bearbeitet den Fall Schützendorf, den der Regisseur Richard Groschopp mit leichter Hand inszeniert und ihm Struktur gibt, was der echte Optikschieber in späteren Briefen an Groschopp bemängelte. Alles wäre zu bürgerlich gewesen, er selbst habe vier Villen besessen und nicht nur ein schlichtes Landhaus in Spanien etc. Die Hintergründe werden von Filmpublizist Ralf Schenk im Bonusmaterial der DVD anschaulich erläutert. Aufmerksam wurde ich auf die Produktion durch das sehr einnehmende Cover, auf dem Hartmut Reck über dem Brandenburger Tor thront und den ungewöhnlichen Titel, der Assoziationen zu jüngeren politischen Ereignissen herstellt und alles oder nichts bedeuten kann. Im Endergebnis präsentiert sich ein Film, der Anleihen beim "Stahlnetz" nimmt, seine Handlung aber mit charismatischen Elementen bestückt, welche die verkniffene Ernsthaftigkeit, an der viele DDR-Stoffe kranken, mildert und den Stoff lüftet. Die kleinen Fische der Organisation mit ihren Alltagsgesichtern sorgen für Realismus, während exaltiert aussehende Gangster im Anzug eines Ivan Malré exotische Farbtupfer liefern. Der überdurchschnittliche Unterhaltungswert rührt aus der Kombination von liebenswerten Charakteren und üblen Gaunern und einer Handlung, die trotz ihrer Länge von 95 Minuten bei Laune hält. Wenn selbst Erich Honecker in einem Interview, das er im Juni 1971 dem Parteiblatt "Neues Deutschland" gab, klagte, das DDR-Fernsehen verbreite "eine gewisse Langeweile", so ist es recht und billig, dass Kinofilme, die um Zuschauerzahlen buhlten, ihre Handlungen farbiger und effektvoller gestalteten. Naturgemäß beschränken sich die Panoramafahrten durch Europa auf eine französische Straßencafé-Szene mit Baskenmütze, einem "Pflümli-Wasser" in einem Schweizer Büro und eine gottesfürchtige, schwarzgewandete katalanische Hausangestellte, der das Sonnenbad der jungen ostdeutschen Frau gegen ihre katholischen Prinzipien geht.

Der Mordfall Holzapfel mündet unmittelbar in die aufregendere Geschichte des Optikschmuggels, der vom doppelten Spiel seiner Mitwirkenden lebt. Überzeugende Leistungen von Reck, Malré und Rimkus sorgen für anhaltendes Interesse beim Zuschauer, der diesmal fast ohne ideologische Belehrungen auskommen muss - mit der Ausnahme, dass das Bild der Polizei sehr positiv gezeichnet wird - in dieser Hinsicht stehen jedoch Produktionen wie Jürgen Rolands "Stahlnetz" dem Kollegen Groschopp in nichts nach.


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