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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: PAPRIKA - EIN LEBEN FÜR DIE LIEBE - Tinto Brass
PostPosted: 03.05.2017 17:21 
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Paprika – Ein Leben für die Liebe – Tinto Brass

(Italien 1991)

Dezember 2003, DVD (One World; DF; 1,45:1; gekürzt)
1.5.2017, DVD (One World; DF; 1,45:1; gekürzt)
Buch (Fanny Hill – 1. Fassung):
Anfang April 2017 (Cleland, John: Die Abenteuer der Fanny Hill, area Verlag, Erftstadt 2005.)



Inhaltsbeschreibung des Buches:

Siehe zwei Einträge im Filmtagebuch weiter oben oder hier:
http://dirtypictures.phpbb8.de/post265352.html#p265352


Inhalt des Films:

Mimma will ihrem Freund Nino dabei helfen, seine Geldnöte zu bewältigen und beschließt in Absprache mit ihm, 14 Tage lang im Bordell von Madame Colette zu arbeiten. Da sie aus Parenzo in Jugoslawien kommt und Mimma nicht schön klingt, wird sie dort „Paprika“ genannt, „Paprika – scharf wie Zigeunergulasch“. Schnell schläft Mimma mit ihrem ersten Kunden und stellt dabei ein Problem fest: „So ein Mist, es hat mir Spaß gemacht!“, worauf Colette kontert: „Wenn du bei jedem Kunden kommst, kannst du den Job hier vergessen!“ Nach vielen weiteren Freiern hat sie bald 50 000 Lire verdient, worüber sie sich sehr freut, die Bilder der vielen geilen Männer vor ihrem inneren Auge machen ihr jedoch sehr zu schaffen und Gina, ebenfalls Angestellte bei Madame Colette, befreit sie von diesen Bildern, indem sie Sex mit Mimma hat und warnt sie zudem vor Colette, da diese irgendwann mit jedem der Mädchen schlafen würde – und tatsächlich nähert sich wenig später Colette Mimma mit einem Umschnalldildo: „Ich bin dein Deckhengst, kleine Hure!“

Mimma verliebt sich nun in einen ihrer Freier, den jungen Seemann Franco und geht mit ihm Essen. Gestört wird das romantische Diner vor der untergehenden Sonne von Nino, der sich ausgerechnet das gleiche Restaurant ausgesucht hat, um mit Liliana, mit der er seit 3 Jahren verlobt ist, zu speisen. Empört stellt Mimma fest, dass Nino sie nur ausbeuten wollte wie ein Zuhälter, und Nino besucht sie wenig später im Bordell, stolz darauf, dass er ihr diesen Job verschafft hat, wo sie so viel Geld verdienen kann, und will ab jetzt 60 % ihrer Einnahmen. Mimma, die sich zuvor entschlossen hatte, noch weitere 2 Wochen in dem Bordell zu verbringen, lehnt einen Heiratsantrag Francos aufgrund der schlechten Erfahrung mit Nino ab und sucht sich einen neuen Beschützer, Herrn Tome, mit einem „mordmäßigen Gerät in der Hose, wie alle Zwerge und Buckligen“.

Mimma schläft auch mit dem gewalttätigen Rocco, der zuvor in Colettes Etablissement Mimmas Freundin Foufou verprügelt hat, da sie ihm Geld unterschlagen hat und das sie sparen wollte, um eine Kneipe zu eröffnen. Nach einer Nacht mit ihm nennt Mimma ihn bereits vertrauensselig „Amore“. Rocco verschafft ihr nun eine Anstellung in Marseille bei Madame Olympia, die so heißt, weil sie bereits bei den Spielen ´36 dabei war und ihre Härte und Disziplin mit einem Hitlergruß demonstriert. In ihrem Etablissement wird Mimma von ihrem Onkel besucht, der mit ihr schlafen will, da er schon immer in sie verliebt war. Als sie Rocco auf ihn hetzt, flüchtet er.

Nach einer bizarren Orgie bei dem Adeligen Ascanio hat sie sich genug ausgelebt und will Schluss mit ihrer Karriere machen und Franco zurück, obwohl sie alle hier mag, „die verrückten Kunden und die Mädchen“. Kummer bereitet ihr noch der Tod ihrer Freundin Beba, die zu Tode geprügelt wurde; obwohl unter Olympias Gästen sofort ein Arzt zur Hilfe eilen konnte, konnte nur noch ein Priester, ebenfalls ein Kunde Olympias, ein letztes Gebet für sie sprechen. Und Rocco bedroht nun auch Mimma, obwohl, oder gerade weil sie mittlerweile 30 000 Lire pro Kunden verdient. Und so genießt Mimma weiterhin ihr Leben, schläft mit dem zwischenzeitlich kurz auftauchenden Franco am Strand, verweigert einem Admiral ihren Arsch und wird Zeugin, wie ein Commendatore erst sie fickt und dann einen Mann.

Der reiche Adelige Bastiano holt sie nun zu sich und als er sie von hinten fickt und nach langer Zeit zum ersten Mal wieder einen Orgasmus hat, bittet er sie, ihn zu heiraten. Als sie ihn betrügt und Bastiano dies bemerkt, ist er entgegen Mimmas Befürchtungen nicht erbost, sondern begeistert, weil dadurch sein Schwanz endlich wieder hart werden konnte. Und Mimma merkt: „Dank dieser Titten, diesem Arsch und dieser Pussy bin ich adlig, vermögend und allseits respektiert“. Freudvoll feiert sie: „Trinken wir darauf, dass das Leben kurz ist und die Liebe unsterblich! (…) Heute verkaufe ich mich nicht, ich verschenke mich!“ Ebenso tragisch wie der plötzliche Tod Bastianos, den Mimma betrauert, ist für alle Beteiligten, dass jetzt, am 20. September 1958, das Merlin-Gesetz verabschiedet wird und deswegen alle Freudenhäuser geschlossen werden müssen – „Ab heute freut man sich nicht mehr in Italien“, meint ein Radiosprecher. Doch zumindest für Mimma gibt es einen Lichtblick: Franco kehrt mit seinem Schiff zu ihr zurück.


Review:

Tinto Brass, der bedeutendste Regisseur von Erotikfilmen in Italien, plante über längere Zeit hinweg, John Clelands „Fanny Hill“ zu adaptieren, entschloss sich jedoch, den Stoff zu modernisieren und im Sommer 1958 in Italien und Frankreich anzusiedeln, statt im England des 18. Jahrhunderts. Dabei behält er die Struktur des Romans im Großen und Ganzen, indem ein Mädchen vom Land in einem Großstadtbordell eine Karriere beginnt, sich in einen jungen Mann verliebt, der fort von ihm auf See muss, und bis es ihn zum Happy-End wiedertrifft erlebt es mit Männern aus teils höchsten Gesellschaftsschichten sexuelle und teils bizarr-erotische Abenteuer, bis es einen alten weisen Wollüstling trifft, der sich in es verliebt und ihm all sein Vermögen hinterlässt.

Brass geht jedoch über eine in einem moderneren Setting angesiedelte Literaturverfilmung hinaus, indem er auch zu der Zeit, als der Film gedreht wurde und heute noch aktuelle gesellschaftspolitische Dimensionen Italiens in den Fanny-Hill-Stoff hineinwirkt: Das auch heute noch mit kleinen Änderungen gültige Merlin-Gesetz bewirkte, dass in Italien ab 1958 sämtliche Bordelle geschlossen werden mussten und Zuhälterei verboten wurde. Prostitution war von nun an nur noch im privaten Raum möglich; dieses Gesetz förderte jedoch unbeabsichtigt auch die Straßenprostitution und wird deswegen und weil es streitig ist, ob Frauen dadurch wirklich besser geschützt werden, Ziel vieler Angriffe. In „Paprika“ darf nicht nur ein Radionachrichtensprecher anlässlich der Schließung der Freudenhäuser verkünden: „Ab heute freut man sich nicht mehr in Italien“, das Gesetz wird von den Protagonisten des Films resigniert als Werkzeug betrachtet, das aus der Kultur der Erotik eine untergegangene Kultur macht. Brass zeigt trotzdem in aller Deutlichkeit – und in der ungekürzten Version des Films, die ich nicht kenne und die aber düsterer sein soll, wohl noch deutlicher – dass das Gesetz auch eine gewisse Berechtigung hat, wird der Zuschauer doch Zeuge, wie junge Männer Frauen teils manipulativ zur Prostitution überreden und sie dann mit körperlicher und teils tödlicher Gewalt dazu zwingen, ihnen einen großen Teil ihrer Einnahmen zu überlassen.

Interessant wird der Film noch mehr, wenn man die Leichtigkeit, mit der Mimma diesen Sommer in den Freudenhäusern verbringt, diesen düsteren Grundtenor gegenüberstellt. Debora Caprioglio, von 1987 – 1989 Ehefrau von Klaus Kinski und mit ihm 1989 in „Paganini“ zu sehen, einerseits ganz dem Tinto-Brass-Klischee seiner ihm bevorzugten üppigen Körperformen entsprechend, andererseits außerordentlich fröhlich aufspielend, portraitiert glaubwürdig einen Charakter, der sich von Männergewalt psychisch nicht unterkriegen lässt und sich eine gewisse kindliche Naivität bewahrt, ohne albern zu sein, oder die Dinge allzu unrealistisch betrachtend, scheitern müsste.

Handwerklich ist der Film Standard für Tinto Brass, d. h., es gibt zahlreiche voyeuristische Kamerafahrten und Schwenks auf Nuditäten, oft symmetrische Bildaufteilungen mit Spiegeln in der Mitte, Spiegel über und am Bett und Fahrten von Spiegeln ins reale Geschehen und zurück, farbenfrohe Ausleuchtungen und ebenso buntgestrichene Wände im edlen Ambiente der Bordelle, Restaurants und Wohnungen mit Seeblick und schummrige Schlafzimmer mit hell beleuchteten Frauen, deren Haar im gleißenden Licht wie ein Flammenkranz wirkt. Und natürlich Tinto Brass selbst als lüsterner Abtreibungsarzt, der Mimmas Brüste begrapscht, während er zynische Kommentare von sich gibt.


Fazit:

Gelungene Erotik-Drama-Komödie mit gut aufgelegten Darstellern und schöner Fotographie, die nachdenklich stimmt.


Wertung:

8,5 / 10


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 Post subject: Re: PAPRIKA - EIN LEBEN FÜR DIE LIEBE - Tinto Brass
PostPosted: 27.09.2017 22:55 
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Erst vor kurzem habe ich DIE ITALIENISCHE AFFÄRE als zu den besten Filmen von Brass gehörend gewertet.
Nun, mit PAPRIKA erweitert sich diese Liste um einen Titel, denn ich finde, damit demonstriert Brass einmal mehr, wieso er (zurecht) als Maestro del Cinema Erotico bezeichnet wird.
Denn es mag zwar stimmen, dass der Film handwerklich (und eigentlich auch gesamtheitlich) durchschnittlich ist, aber was heißt das schon bei Brass?
Ich halte es für sehr schwierig, seine Filmografie überhaupt in überdurchschnittlich, durchschnittlich und unterdurchschnittlich zu unterteilen.
Und zwar ganz einfach deswegen, weil er in allen seinen Filmen (zumindest jenen der 2. Schaffensperiode, also alles ab DER SCHLÜSSEL) derart eigenständig und eigenartig ist, dass sie eine Klasse für sich sind, in der Durchschnitt mit dem gleichzusetzen ist, was allgemein innerhalb des Genres schon sehr gut wäre.
Genau das ist PAPRIKA auch, er ist Durchschnitt, aber eben Brass-Durchschnitt und der ist sehr gut.
Aber weil der Film eben für mich persönlich zu seinen bisher spaßigsten, unterhaltsamsten, gleichwohl in mehrerlei Hinsicht virtuosesten gehört, stufe ich ihn noch etwas höher ein.
Ob es jetzt die Geschichte ist, mit der jungen Frau, die sich, als sie mit der Zeit gefallen am Leben als Prostituierte findet, quer durch Italien arbeitet und bis nach Frankreich kommt oder die vorzügliche Darstellerwahl oder die Sets oder die Inszenierung...
Es gibt so vieles, wo ich sage, das kann nur Brass at his Best sein.
Auch aus humoristischer Sicht finde ich viel hervorragendes, wo ich mir dann denke, das kann nur er auf die Art und Weise machen, dass es eben doch wirklich lustig ist, aber der Film gleichzeitig trotzdem seriös bleibt, also nicht ins kindlich-klamaukige abdriftet.
Man denke nur an die Sequenz bei Prinz Ascanio (John Steiner in seiner letzten Rolle)...
Die Musik ist ebenfalls wieder sehr gefällig ausgefallen, so locker-leicht tänzerisch, wie man das in den Filmen von Brass oft hört.
Speziell für den Film, der ja trotz mancher tragischer Szene vor Fröhlichkeit und Lebensfreude nur so sprüht, könnte ich mir kaum etwas besseres oder passenderes vorstellen.
Also ich sage ganz klar: PAPRIKA gehört in die oberste Reihe im Œu­v­re des Tinto Brass, zu seinen besten, schönsten, gelungensten Filmen.
10/10


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 Post subject: Re: PAPRIKA - EIN LEBEN FÜR DIE LIEBE - Tinto Brass
PostPosted: 31.01.2020 22:46 
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Habe heute nun die uncut Blu-Ray in deutscher Sprache geschaut. Vor vielen Jahren hatte ich die 83 min Version (VHS Kassette) gesehen, die über 30 min gekürzt war. Voriges Jahr erschien eine Donau-DVD, die sogar nur knapp 82 min lang war (die hab ich natürlich nicht gekauft). Im Bonusteil gibt es ein sehr informatives Interview mit dem Regisseur aus 2015. Außerdem eine kleine Bildergalerie.
Das Booklet mit 24 Seiten ist auch sehr interessant geworden, dort geht man auf mehrere Filme des Regisseurs ein.
Der Film selbst orientiert sich ja inhaltlich etwas an Fanny Hill oder auch an Nana (1983, mit der tollen Katya Berger, gibt es leider nur auf einer spanischen DVD ohne deutschen Ton).
Paprika auf Blu-Ray hat mir inhaltlich sehr gut gefallen, einer der besten von Tinto Brass (in meiner persönlichen Rangliste ist Salon Kitty auf #1, dann Paprika, und danach Caligula auf #3).
Einzig die Bildqualität war nicht so toll, ich hätte mir mehr Schärfe gewünscht, ansonsten aber eine runde Sache.


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 Post subject: Re: PAPRIKA - EIN LEBEN FÜR DIE LIEBE - Tinto Brass
PostPosted: 26.05.2020 01:34 
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Von der Blu-Ray hätte ich mir schon mehr erwartet ... nicht nur sehr weiches bzw. unscharfes Bild mitunter, sondern der Bildausschnitt scheint auch nicht zu stimmen. Sieht oft aus, als wäre oben oder auch noch an anderen Seiten was abgeschnitten, z. B. leicht abgeschnittene Köpfe. Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, das intendierte Bild vor Augen zu haben. Naja, man muss wohl wieder mal zufrieden sein mit dem, was man bekommt, die US-BD basiert anscheinend auf demselben schwachen Transfer oder einem ähnlichen, und ungeschnitten scheint es ja schon zu sein.

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Higurashi no Naku Koro ni


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