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 Betreff des Beitrags: SAINT ANGE - HAUS DER STIMMEN - Pascal Laugier
BeitragVerfasst: 09.08.2018 14:51 
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BEWERTET: "Saint Ange - Haus der Stimmen" (Frankreich 2004)
mit: Virginie Ledoyen, Lou Doillon, Dorina Lazar, Catriona MacColl, Jérome Soufflet, Virginie Darmon, Marie Herry, Martin Chouquet u.a. | Drehbuch: Pascal Laugier | Regie: Pascal Laugier

Französische Alpen 1958. Anna kommt nach "Saint Ange", um das Waisenhaus vor seinem Verkauf noch einmal zu reinigen. Nachdem alle Kinder abgereist sind, bleiben nur mehr die Köchin Helenka, die junge Judith und Anna selbst in dem weitläufigen Gebäude. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten hier für kurze Zeit 300 Kinder Unterschlupf gefunden und es scheint so, als suchten einige von ihnen das Waisenhaus noch immer heim. Anna findet Fotos und Karteikarten der Kinder und möchte erfahren, was damals passiert ist. Erwartungsgemäß stößt sie dabei auf Widerstand und begibt sich bei ihren Alleingängen in große Gefahr....

Bild Bild

Wer sich einen Gruselschocker mit dementsprechenden Bild-und Toneffekten erwartet, wird feststellen, dass sich das Unheimliche und Verstörende im Kopf des Betrachters abspielt. Das Element des unübersichtlichen und deshalb unberechenbaren Areals stellt eine subtile Bedrohung dar, weil es den Kontrollverlust der Personen betont. Die Disziplin und Strenge des ehemals straff geführten Waisenhaus mündet in ein Vakuum, das Ratlosigkeit hervorruft. Der Umgang der Anwesenden mit der neuen Situation ist unterschiedlich. So reagiert die pragmatische, rundliche Köchin auf die Schließung des Instituts wie sie immer auf unabänderliche Ereignisse reagiert hat: gleichmütig. Die Wunden der Vergangenheit empfindet sie als Lauf des Lebens, als Folge des Krieges, der wenige seelisch und körperlich verschont hat. Judith als letzte Zeugin dieser schweren Übergangsjahre wirkt in dem leeren Anwesen verloren und einsam, hat sich aber in ihrer eigenen Welt eingerichtet. Die Ankunft von Anna, über deren Herkunft nichts und deren Vergangenheit wenig bekannt wird, bricht die Routine auf und fügt der schwermütigen Geschichte des Hauses neue Facetten hinzu. Ihre Sensibilität lässt sie für das Schicksal der verlorenen Kinder empfänglich werden und die Suche nach ihrem Verbleib wird für sie zum alles bestimmenden Gedanken. Wider besseres Wissen glaubt der Zuschauer zunehmend auch an die Möglichkeit einer parallelen Existenz der Kinder in einem geheimen Versteck. Rationale Erklärungsversuche werden als halbherzig und oberflächlich empfunden, während Anna auch ganz persönlich mit Sorgen um ihre Zukunft zu kämpfen hat. Das klassische Muster der Einsamkeit wird in "Saint Ange" in vielen Panoramaaufnahmen betont, die sich mit Nahaufnahmen einer Hauptdarstellerin abwechseln, die das Publikum ähnlich wie Laetitia Casta in "Das Haus der Geheimnisse" für sich einnimmt.

Virginie Ledoyen nimmt nicht nur die Suche nach der Wahrheit in ihre Hand, sondern führt auch den Zuseher an Orte, die er aufgrund seiner Vorahnung eigentlich nicht sehen möchte, jedoch weiß, dass es ihm keine Ruhe lassen wird, bis er hinter die Kulissen geblickt hat. Ihr unaufdringliches, zartes Erscheinungsbild, das Sympathie und Anteilnahme hervorruft, gibt zuerst wenig Auskunft über die Energie und die Entscheidungskraft, die der jungen Frau innewohnt. Die Zurückhaltung in Bezug auf eigenen Belange, das Fehlen von Selbstmitleid und die Hinwendung zu Personen, von denen sie annimmt, dass sie ihre Hilfe benötigen, lässt sie zum Mittelpunkt des Films werden. Ihr angenehmes Wesen, das eine natürliche Wärme ausstrahlt, wird zum Anker in einer Handlung, die stellenweise nach Orientierung sucht und der man trotz ausführlichem Schürfens nicht auf den Grund gehen kann. So bleibt offen, was 1946 wirklich geschah; man erhält ein paar lapidare Auskünfte und die Versicherung, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Die Beharrlichkeit von Anna als Ausdruck einer berechtigten Neugier und Sorge oder gar als Zeichen zunehmender wahnhafter Fixierung - der Film gibt keine Auskunft darüber, welche Erklärung die richtige ist. Virginie Ledoyen vermag es überzeugend, hier keinerlei Angriffsflächen zu bieten, indem sie ihr Spiel konsequent empathisch vorantreibt. Lou Doillon, die Tochter von Jane Birkin, konzentriert die Zweifel über ihre mentale Gesundheit auf sich und wirkt mit ihrer ausgezehrten Figur selbst wie ein Gespenst. Sie zeigt jene Eigenschaften, die in dem alten Haus schon lange verdrängt wurden: kindliche Freude, Leichtigkeit und Anhänglichkeit. Ihre eindrucksvolle Physiognomie mit den sich unter der ausgemergelten Haut abzeichnenden Knochen kontrastiert mit den weichen Konturen ihrer neuen Freundin und täuscht das Publikum erfolgreich bezüglich ihres Durchhaltewillens. Angesichts der Tatsache, dass sie schon zwölf Jahre in diesem Haus weilt, verwundert es jedoch nicht, wer den längeren Atem haben wird.

Leiser Beitrag des Spukhaus-Genres, der Vieles andeutet und Raum für Interpretationen lässt, wobei er vor allem von der Imaginationskraft seines Publikums und dem berührenden Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen profitiert. 4 von 5 Punkten


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