Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Die schönste Soiree meines Lebens (Ettore Scola, 1972)

Alfredo Rossi (Alberto Sordi), ein leicht überheblicher, jedoch auch aufgeschlossener Geschäftsmann, ist wegen einer ominösen Geld-Transaktion in der Schweiz unterwegs. Als er nach der Übergabe mit seiner prall gefüllten Tasche zur Bank gehen will, hat diese allerdings schon geschlossen und so ist er gezwungen, mit der Einzahlung bis zum nächsten Morgen zu warten. Anschließend gerät er an eine geheimnisvolle Schöne auf einem Motorrad, mit der er sich auf den bergigen Straßen der schweizer Alpen ein kleines Wettrennen liefert - zumindest bis sein Maserati gerade in der entlegensten Gegend schlappmacht. Ein einheimischer Bauer bietet ihm jedoch Hilfe an und so verschlägt es ihn in ein altes Schloss, in dem eine obskure Gesellschaft von Richtern ihren Ruhestand damit verbringt, Gerichtsprozesse zu spielen. Ganz euphorisch über den unerwarteten Besuch, legen sie dem Neuankömmling auch sofort nah, doch diesen Abend in die Rolle des Angeklagten zu schlüpfen. Er denkt sich nichts weiter dabei und ist erstmal vor allem von dem üppigen Buffet geplättet, als er dann allerdings was von Todesurteilen hört, wird ihm doch langsam mulmig, und die alteingesessenen Juristen scheinen womöglich auch schon einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit gefunden zu haben...

Mehr sollte keinesfalls verraten werden und überhaupt ist der Film schwer einzuordnen und zu beschreiben. Als Vorlage soll hier wohl die Geschichte DIE PANNE von Friedrich Dürrenmatt gedient haben, da ich diese aber nicht kenne, kann ich in der Richtung auch keine Vergleiche anstellen. Ettore Scola wird ja meist zur Riege der intellektuellen Regisseure Italiens gezählt, das Endresultat erfüllt jedoch kaum das Klischee des drögen Arthouse-Kinos und somit zeigt sich wieder einmal, dass die Übergänge eben fließend sind und Schubladen-Denken nichts als kontraproduktiv ist. Tatsächlich sind die, zugegebenermaßen, zahlreichen dialoglastigen Passagen (das haben Prozesse nun mal so an sich) in ein wundervoll exzentrisches Ganzes eingebettet, das nicht nur mit einer gothic-artig angehauchten Atmosphäre schön einlullt, sondern auch immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, noch angenehm schräge Surrealismen hervorzaubert.
Wieso ist der Wagen stehen geblieben, obwohl später festgestellt wird, dass an ihm gar nichts kaputt ist? Warum sieht das Dienstmädchen im Schloss nur so verdammt gut aus? Weshalb begutachtet einer der Richter während der Verhandlung Sex-Heftchen? Und wie ist erst das Ende zu deuten? Fest steht jedenfalls, dass das Darsteller-Ensemble erste Sahne ist und Alberto Sordi sowieso zu den Größten der Großen zählt.

Sicher nicht jedermanns Fall und sicher auch für mich kein sofortiger Lieblingsfilm, nichtsdestotrotz aber ein weiteres sehenswertes Faszinosum aus dem schier unerschöpflichen Fundus des Italo-Kinos.



Lorenza (Giuliana Gamba, 1987)

Ehefrau (Florence Guerin) wird von ihrem psychopathischen Mann zu immer ausgefalleneren Sexspielen gedrängt und flüchtet sich in die Arme eines sensiblen, jüngeren Liebhabers. Lange dauert es jedoch freilich nicht, bis sich die verschiedenen, miteinander unvereinbaren Beziehungskisten auf drastische Weise zuspitzen...

Vor dem Hintergrund schummriger Hotelzimmer versucht der Film, eine Welt der dunklen Gelüste und heimlichen Beobachtung zu präsentieren. Doch das platte Sammelsurium aus kruden Sado-Fantasien (Pistole zwischen die Beine und solche Sachen), schmalzigen Belanglosigkeiten und überkandidelter Dramatik weiß nur wenig zu überzeugen. Wenn man der Regisseurin (!) etwas attestieren kann, dann immerhin, dass sich die Langeweile in Grenzen hält. Zu verdanken hat man das einer ganzen Reihe seltsamer Einfälle und teilweise auch unerwarteter Lichtblicke, welche allerdings nur kurz das Interesse wecken und dem Gesamtbild kaum auf die Sprünge helfen können. Wenn z.B. das frisch verliebte Pärchen mit Hilfe eines Umstylings die Geschlechterrollen wechselt, um den Ehemann in die Irre zu führen und somit Rache zu üben, fragt man sich als Zuschauer nur: Was soll das alles? Wenigstens vom ästhetischen, inszenatorischen Gesichtspunkt her ist man wieder auf der sicheren Seite. So begrüßt einen gleich im Vorspann dieser typische 80er-mäßig aufgepeppte Jazz und auch die Sets zeugen hin und wieder von etwas Sinn für Bildgestaltung und Farbgebung.

Ansehbar, aber schlussendlich zu unentschlossen, zu mittelmäßig und vor allem zu unerotisch, um sich gegen die stärkere Konkurrenz zu behaupten.



Zwischen Nacht und Traum (Luciano Martino, 1992)

Massimo (Gianfranco Manfredi) schlägt sich als relativ erfolgloser Drehbuchautor durchs Leben. Besonders zu schaffen macht ihm seine kleine, hellhörige Wohnung, in der er nach der Trennung von seiner Frau gelandet ist. So kommt es ihm gerade recht, dass sein Verleger ihm über Kontakte zu einem Politiker eine neue, noblere Bleibe verschafft. Die Freude über das vermeintlich großzügige Angebot ist allerdings von kurzer Dauer, denn die Villa, in die es ihn verschlägt, ist in den Händen exzentrischer und noch dazu äußerst raffgieriger Adliger. All diese Probleme treten jedoch in den Hintergrund als er im Garten des Anwesens eine seltsame junge Frau (Natassja Kinski) trifft, die dort des Nachts Klarinette spielt und darauf wartet, von einem Prinzen abgeholt zu werden...

So ein stimmungsvoller Titel, Luciano Martino zur Abwechslung mal auf dem Regiestuhl und eine dt. DVD gibt es auch noch - da dachte ich mir: wieso hab ich von dem Teil noch nie was gehört??? - und musste das gute Stück sofort ordern. Die Erwartungen lagen also schon etwas höher und, wie das dann oft so ist, lässt die Enttäuschung auch nicht lange auf sich warten.
Wie schon die Inhaltsangabe deutlich macht, ist der Film ein wahrlich schräges Unterfangen, was ja immer erstmal von Interesse ist, nur hier leider auf die völlig falsche Weise umgesetzt wurde. Die anfänglich noch halbwegs sympathische Verschrobenheit wandelt sich jedenfalls in Windeseile in penetrante Exzentrik. Der Humor ist auch von sehr merkwürdiger Sorte und regt kaum zum Lachen an (und das sage ich, den in Punkto Italo-Comedy so schnell nichts erschüttert). Was bleibt, ist dann lediglich eine müde Satire aufs Filmgeschäft, die mit ihren ungewöhnlichen Einfällen eher nervt als fasziniert. Die Musik von Luigi Ceccarelli, welcher bei D'Amatos Spätwerken deutlich bessere Arbeit geleistet hat, setzt diesmal ebenfalls kaum Akzente. Nun ja, und dann gibt's gelegentlich noch ein paar entblößte Brüste, die aber auch nichts mehr retten können.

Wer sich selber ein Bild machen will, kann ja die paar Euro in die Billigscheibe (Titel: IN MY ROOM) investieren, ich fürchte nur, die Begeisterung wird sich in Grenzen halten. Man hat halt ständig das Gefühl, dass das Potential einer nicht uninteressanten Grundidee in keinster Weise ausgeschöpft wird.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Die Nacht der rollenden Köpfe (Maurizio Pradeaux, 1972)

Kitty (Nieves Navarro) beobachtet durch ein Teleskop zufällig einen Mord und zu allem Überfluss gerät bei den anschließenden Ermittlungen auch noch ihr Verlobter (Robert Hoffmann) ins Visier der Fahnder. Doch während dieser beständig seine Unschuld beteuert folgen auch schon weitere Opfer...

Och ja, ein klarer Fall von Mittelklasse-Giallo! Wenn sich der Cast auch nicht schlecht liest, so muss man doch gleich feststellen, dass Nieves Navarro und Simon Andreu unter Luciano Ercolis Regie deutlich mehr glänzen konnten. Eben weil ein Ercoli es um Längen besser versteht, die visuelle Eleganz und generell die inszenatorischen Möglichkeiten eines solchen Stoffes auszureizen. Hoffmann als Verdächtigter, Luciano Rossi als völlige Randfigur und George Martin als Inspektor bleiben alle arg blass. Wenigstens Sal Borgese als eifriger Taschenfabrikant, der mit der Mordserie den Verkauf seiner Produkte ankurbeln will, konnte mir ein paar Schmunzler entlocken. Stellt sich jetzt also die Frage: Wie hart will man mit dem Film ins Gericht gehen? So schlimm ist es ja auch nicht - die Langeweile hält sich in Grenzen, der raue Look hat sein eigenes Flair, einige Erotikszenen sind ganz ansprechend umgesetzt und der Theater-Subplot sorgt für den Spritzer genretypischer Extravaganz. Ab einem gewissen Zeitpunkt fühlen sich die anfangs noch angenehme Unaufgeregtheit und die charmanten Unzulänglichkeiten aber doch eher wie ein uninspiriertes Abspulen des Standardprogramms an. Und wenn sogar das Finale so unmarkant vorbeirauscht, dann reißt auch die Auflösung des Ganzen kaum vom Hocker.

Nicht ärgerlich schlecht, aber bei weitem auch kein Muss. Die hübsche Musik von Roberto Pregadio kann noch ein paar Pluspunkte sammeln und Fans von Susan Scott sind logischerweise ebenfalls willkommen.



Mai 2011



Lady of the Orient Express (Franco Lo Cascio, 1989)

Gloria (Malisa Longo) schippert mit einer Freundin durch Venedig und beklagt sich darüber, wie sie von ihrem Mann vernachlässigt wird. Wenig später steigt die Gute auch schon in den Orientexpress, ihr Mann stößt ebenfalls hinzu und man erfährt, dass diese Reise wohl für frischen Wind in der Ehe sorgen soll. Dies geschieht dann folgendermaßen: Gloria schmeißt sich an jeden Mann ran, der nicht bei 3 in seinem Abteil ist, bevor es zum Äußersten kommt, kehrt sie jedoch wieder zu ihrem Gatten zurück und macht diesen mit ihren detaillierten Erlebnisberichten total scharf...

Der sagenumwobene Orientexpress dient hier also als Hintergrund, um die schon leicht ausgelutschte Geschichte der frustrierten Ehefrau, mal wieder etwas zu variieren. Der zumindest erstmal sympathisch obskure Streifen bietet nun nicht gerade Anlass zu Begeisterungsstürmen, aber eine verworrene Anziehungskraft hat doch wieder ihre schmierigen Fühler ausgestreckt. Wo sonst vereinigen sich stilsicherer sowie stilunsicherer Schwulst und abgrundtiefe Billigkeit auf so wundersame Weise? Richtig - nur in den erotischen Leinwand-Ergüssen der späten 80er-Jahre aus Bella Italia!
Die nächtlichen vorbeirauschenden Landschaften, das einigermaßen stimmungsvoll ausgeleuchtete Innere des Zuges und romantische Rückblenden vermitteln tatsächlich eine recht schöne Atmosphäre. Mit unterirdischen Dialogzeilen, vorgetragen von einigen der wohl unsäglichsten Synchronsprechern, die je auf die Filmwelt losgelassen worden, geht's dann allerdings geradewegs in die Gosse (auf amüsante Weise, versteht sich). Die weiteren Charaktere, also Mitreisenden, die der Film einführt, sorgen ebenfalls dafür, dass das heitere Kopfschütteln kein Ende nimmt: einer macht mit seiner Golf-Ausrüstung die Gänge unsicher; ein leidenschaftlicher Sänger wird bei seinen Darbietungen ständig von Asthma-Anfällen heimgesucht; einem Schein-Ehepaar, das in Wirklichkeit die wohlhabenden Fahrgäste erleichtern will, wurden Slapstick-Einlagen aus der hinterletzten Schublade untergejubelt; plus eine Menge anderer kleiner kurioser Einfälle.
Was den Sex-Content betrifft, geht's eher gemäßigt zu (Kürzungen nicht ausgeschlossen), aber da hier die unwiderstehliche Malisa Longo in einer ihrer letzten großen Rollen zu sehen ist, ist der Film für mich als Liebhaber reifer Italo-Schönheiten eh über jede allzu harsche Kritik erhaben. Last but not least sollte auch der anschmiegsame Trademark-Säusel-Score, der lediglich ein bisschen mehr Abwechslung vertragen könnte, noch seine verdiente Erwähnung finden.

Nach normalen Maßstäben kaum noch greifbar, sondern eben wieder die schon oft erwähnte faszinierende Ästhetik des Kunstvoll-Schundigen, die in den Erotikstreifen der 80er die Konstante ist, die diese Filme zu so sehenswerten (und ich meine, immer noch stark unterschätzten) Vertretern des Italo-Kinos macht. Wer also, was des Genre allgemein angeht, immer noch Berührungsängste hat, dem sei hiermit zum hundertsten Mal gesagt: die Entdeckungsreise lohnt!



The Playgirls and the Vampire (Piero Regnoli, 1960)

Eine Gruppe von Tänzerinnen und zwei männliche Begleiter verfahren sich an einem stürmischen Abend irgendwo im Wald. Ins Hotel können sie nicht zurückkehren, da sie dort ohne zu bezahlen abgehauen sind, und so scheint die einzige Rettung ein nahgelegenes Schloss zu sein. Vielleicht hätten sie die Warnung eines Einheimischen jedoch ernster nehmen sollen, denn dort angekommen werden sie von dem mysteriösen Adels-Nachfahren nicht sonderlich gastfreundlich empfangen. Widerwillig wird der illustren Truppe dann aber doch die Übernachtung gewährt, allerdings unter der strengen Anweisung, zu später Stunde nicht im Schloss rumzuschleichen. Doch auch dieser Rat wird nicht befolgt und so gibt es nach der ersten Nacht auch schon den ersten Todesfall zu beklagen. Und da die einzige Zufahrtsstraße überschwemmt ist, haben die verbleibenden Gäste auch noch genug Zeit, die dunklen Geheimnisse des alten Gemäuers näher kennenzulernen...

Ein Traum von einem grenzenlos charmanten Grusler der alten sowie gleichzeitig neuen Schule! Was macht den besonderen Reiz aus? Nach etwas Überlegen bin ich überzeugt, es ist die Verschmelzung von unbeholfen naiver Nostalgie-Färbung und parallel aber schon selbstironischer Genre-Reflexion, versehen mit einem überdimensionalen Augenzwinkern.
Setting und Bilder treffen auf Anhieb den richtigen Nerv, um einen in die typisch anheimelnde Stimmung zu versetzen. Fragen wie, ob die Story Sinn ergibt, für Hochspannung gesorgt ist, oder das Ganze nun tatsächlich furchteinflößend ist, rücken da mal eben ganz weit in den Hintergrund. Viel eher sollte man Piero Regnolis Leistung einer näheren Betrachtung unterziehen - kaum ein Schmierspektakel, bei dem er nicht seine flinken Finger im Spiel hatte - und so erfreut auch bei dieser frühen Regie-Arbeit schon eine herrlich zaghafte Dosis Sleaze das Herz. Bereits das erste Playgirl wird mit einer schmucken Kamerafahrt beinaufwärts ins rechte Licht gerückt. Ständig wird sich leicht bekleidet auf Betten geräkelt oder auf hochhackigen Schuhen durch finstere Gänge gestakst - und man kann nur annehmen, dass die Anweisung an den Kameramann lautete, voll draufzuhalten, was dieser dann auch mit viel Elan umsetzte. Klar darf auch eine Striptease-Szene nicht fehlen, welche handlungsbedingt rüde unterbrochen wird, bevor die letzten Kleidungsstücke fallen. Die Topless-Einlage wird dafür später aber ebenfalls noch nachgeliefert. Aber ich will den Film gar nicht nur auf diese visuellen Freuden (welche zweifellos ein essentieller Bestandteil sind) reduzieren, denn wenn 80 Minuten so flott vergehen, dann müssen die Verantwortlichen auch sonst einiges richtig gemacht haben. Dazu dann noch ein Score, der zwischen romantischen Klavierklängen und düster dräuender Dramatik pendelt, und fertig ist das Wohlfühlpaket.

Wunderbar launiges, atmosphärisch und reizvoll in Szene gesetztes Gruselkino, das genau den richtigen Weg zwischen bewährten Standards und kecken Neuerungen einschlägt. Und so hat sich das gute Stück mit sofortiger Wirkung einen Sonderplatz weit vorne unter meinen Gothic-Favoriten ergattert.

Die UK-Scheibe von Redemption bietet engl. Sprache, Bild und Ton warten mit den üblichen Alterserscheinungen auf, aber alles im locker erträglichen Rahmen. Kaufempfehlung!

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Juni 2011



Happy Birthday, Harry (Marius Mattei, 1976)

Harry (John Richardson) ist ein abenteuerlustiger Frauenheld, wie er im Buche steht. Über einen Mangel an attraktiven Bekanntschaften kann er sich wahrlich nicht beklagen, nur mit der großen Liebe will es einfach nicht klappen. Auch seinem Psychologen (Terry-Thomas), welcher ebenfalls ein paar lockere Schrauben hat, macht der ausschweifende Lebenswandel seines Klienten ordentlich zu schaffen. Wirklich verzwickt wird die Angelegenheit aber erst aufgrund einer Testamentsklausel: Harry's Vater hat nämlich festgelegt, dass sein leichtlebiger Sohnemann nur was vom Erbe bekommt, wenn er spätestens bis zum 40. Geburstag unter der Haube ist - und bis dahin sind es nur noch wenige Tage...

Mal wieder so ein Film, auf den ich durch Zufall gestoßen bin und dessen erschwingliche VHS ich mir aufgrund einiger prominenter Namen nicht entgehen lassen konnte. Marisa Mell, Gordon Mitchell und Carole Andre sind immerhin wohlbekannt aus der Blütezeit des wundervollen Italo-Kinos. Schauplatz ist London, was wohl insofern Sinn macht, da mit Terry-Thomas und John Richardson ja auch zwei Briten dabei sind. Während Renato Polselli auf Seite der Produzenten genannt wird und ebenfalls gleich einen seiner Regulars, Isarco Ravaioli, mit ins Boot geholt hat.
So weit so gut. Zuerst fällt mal die äußerst verdümmlichende deutsche Synchro auf, welche desöfteren die Schmerzgrenze überschreitet, aber in Anbetracht des Ausgangsmaterials sicher auch nicht vollkommen fehl am Platz ist. Die Grundsituation führt dann zu relativ planlos wirkenden Handlungsversatzstücken, mit mäßigem Humor-Erfolg, in gelegentlich schmissiger Inszenierung. Foto-Shootings mit kreisender Kamera und treibenden 70s-Grooves sind ja nie was Schlechtes. Gordon Mitchells kurzer Auftritt ist auch für einige Schmunzler gut. Das Highlight ist jedoch ganz klar der "Film im Film"-Subplot um einen nicht übermäßig talentierten Regisseur, der einen amateurhaften Erotikstreifen zusammenschustert, bei dem diverse Shakespeare-Figuren verwurstet werden ("Ramlet",...,"das ist Cleopatra, die haben wir mit reingenommen, falls irgendein Zuschauer die anderen Figuren nicht kennt" ). Zu gefallen wissen außerdem, wie immer, die surreal überzogenen Traumsequenzen - wäre doch der Irrsinn öfter so schön auf die Spitze getrieben worden und würde weniger vor sich hin dümpeln, hätte hier ein echter Knaller entstehen können.

Bisschen andere Herangehensweise als beim üblichen Italo-Klamauk der 70s, auf der Dämlichkeits-Skala aber ungefähr in gleichen Regionen. Somit wohl eher was für abgebrühte Italo-Allesgucker, die die lichten Momente zwischen viel Schwachsinn zu schätzen wissen.



Gestern, heute und morgen (Vittorio de Sica, 1963)

1. Episode:

Pulsierende und mit reichlich lebhaftem Lokalkolorit versehene Geschichte, die bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen hat. Einige Male hatte ich das Gefühl, der Humor wird zu sehr durch die problembeladene Dramatik in den Hintergrund gedrückt (womit ich nicht sagen will, dass eine Komödie keine "schweren" Themen aufgreifen darf, aber die richtige Balance zu finden, ist halt die große Kunst). So schwer wiegt dieses Manko dann aber doch nicht und so bleibt ein solider, teilweise auch charmanter Einstieg.

2. Episode:

Eher ein kurzer Zwischenspieler, der recht fragmentarisch bleibt. Die Moral lautet dabei wohl: bei manchen Frauen, kann man froh sein, wenn man sie los ist!

3. Episode:

Das glänzende Prachtstück des Films! Die beinah perfekte Verquickung von vergnüglich-überdrehten Späßen und nicht zu vordergründig eingewobenem Tiefsinn. Die oben erwähnte "Balance" trifft De Sica hier weitaus besser - mit netten Charakteren, die anfangs comichafte Klischees erfüllen und dann in den richtigen Momenten darüber hinauswachsen. Tolles Gesamtflair, die legendäre Striptease-Szene und eine Sophia Loren, die einfach so wahnsinnig gut aussieht, dass ich jetzt mal wieder die Bilder sprechen lassen muss:


Insgesamt also die volle Ladung an temperamentvollen, italienischen Gefühlwelten, wobei die letzte Episode dann einen so schön stimmigen Abschluss darstellt, dass man doch am liebtsten gleich eine Empfehlung aussprechen möchte.



The Red Monks (Gianni Martucci, 1988)

Ramona (Lara Wendel) lernt durch Zufall einen Schlossherren kennen, den sie (obwohl er nicht gerade den vertrauenswürdigsten Eindruck macht) kurz darauf schon heiratet. In der Hochzeitsnacht schleicht sich der frisch gebackene Ehemann dann auch schon davon, da er noch ein Date mit den roten Mönchen hat, die von ihm zu allem Überfluss auch noch ein Frauenopfer verlangen. Und das ist erst der Auftakt einer Reihe von Mysterien, mit denen das Schloss und die vorherigen dort lebenden Generationen aufwarten...

Hauptattraktion ist eindeutig mal wieder eines dieser italienischen Anwesen, die man garantiert schon in anderen Italo-Streifen gesehen hat (spontan fällt mir da in dem Fall Alex Damianos DIE VILLA DER UNERSÄTTLICHEN ein - von dem gibt's ne gute UK-DVD!). Regisseur Martucci gelingt es auch erstaunlich konsequent, aus den modern auf altertümlich getrimmten Kulissen und Locations eine unwirkliche, surreale Atmosphäre rauszukitzeln. Als dann zudem noch völlig unerklärte Handlungsfiguren wie aus dem Nichts auftauchen und seltsame Plot-Twists desinteressiert hingeknallt werden, fühlte ich mich irgendwie angenehm verschaukelt und war zumindest erstmal erfreut, dass der Film sich traut, von den üblichen Low-Budget-Horror-Pfaden abzuweichen. Die Kamera gleitet also recht ansprechend durch künstlich stilisierte Sets, zommt munter hin und her, steht dann mal wieder unerwartet schräg und lässt Malisa Longo, Gerardo Amato, Lara Wendel und Co. beinah durchweg wie unbeteiligte Statisten wirken.
Wenn es doch nur nicht so langweilig wäre! So kann ich jedem eventuell interessierten Zuschauer nur raten, eine große Portion Geduld einzupacken, denn im Grunde wartet man hier bis zum Ende vergeblich auf, wie auch immer geartete, Aha-Momente, so dass die inspirierten Ansätze dann mit der Zeit doch von einer schleichenden Ermüdung überschattet werden.

Vielleicht wirklich ein Film, dem man mal noch ne zweite Chance geben sollte, um dann entweder festzustellen, wie dämlich und bemüht das doch alles ist oder womöglich die ultimative Ultra-Kunst (wie Kollege McKenzie sagen würde) zu fassen zu kriegen.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Sie tötete in Ekstase (Jess Franco, 1971)

Dr. Johnson (Fred Williams) steht wegen seiner Embryonen-Experimente heftig in der Kritik. Als er von seinen vorgesetzten Kollegen regelrecht niedergemacht wird und seine Arbeitsgrundlage verliert, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den Tod, woraufhin seine Frau erbarmungslose Rache an den Verantwortlichen schwört...

Jess Franco ist ja in seiner Laufbahn sicherlich kaum als großer Geschichtenerzähler in Erscheinung getreten, aber diesmal reduziert er den Story-Gehalt noch weiter auf ein minimalistisches Grundgerüst. Somit ist dann die Bühne eröffnet für pyschedelische Jazz-Einlagen und visuelle Extravaganzen. Meist zweifellos grandios anzusehen und mit sicherem Stilempfinden ausgebreitet. Auch der schönste Style büßt jedoch an Faszination ein, wenn sich der Mangel an Substance so unverblümt offenbart. Oder tue ich dem Film unrecht und mir sind vielleicht hintergründig verborgene, tiefere Aussagen entgangen? Das will ich nicht so ganz glauben, denn sowohl die moralischen Fragen der Medizin als auch die Tragik der zerissenen Beziehung werden zwar ordentlich bedeutungsschwanger, aber gleichzeitig so simpel und oberflächlich angeschnitten, dass sie kaum ernstzunehmende Elemente darstellen.

Es bleibt dann also bei passabel goutierbarer Inszenierungsästhetik, die Franco allerdings z.B. in dem viel zu selten erwähnten NECRONOMICON auch schon intensiver hinbekommen hat. Gut, solide, sehenswert, aber nicht das große Highlight.



Juli 2011



The Harem (Marco Ferreri, 1967)

Margherita (Carroll Baker) hat es nicht leicht in ihren Beziehungen zu Männern (bzw. die Männer haben es nicht leicht mit ihr).
Gianni (Gastone Moschin), ein stadtbekannter Industrieller, wird von ihr am Morgen vor der Hochzeit mit der Entscheidung überrascht, dass sie nun doch vor dem Eheleben zurückschreckt. Um seinen Ruf besorgt, versucht er es allerdings noch so darzustellen, als ob er derjenige gewesen wäre, der sich gegen die Hochzeit entschieden hat - nebenbei ist er eh der Ansicht ist, dass Frauen nur im traditionellen Familienleben ihre Erfüllung finden können.
Gaetano (Renato Salvatori) ist im Gegensatz dazu eher ein Vertreter der netten, verständnisvollen Sorte und zumindest vorgeblich auch aufgeschlossen gegenüber fortschrittlicheren Rollenbildern. Seine letztendlichen Absichten laufen jedoch beinah auf's Gleiche hinaus.
Der Dritte im Bunde ist dann Mike (William Berger). Der Typ exzentrischer Draufgänger, der gerade aus Afrika mit einem zahmen Gepard im Schlepptau zurückgekehrt ist. Außerdem die erste Liebe von Margherita, und so will er sie beim Wiedersehen in seiner stürmischen Art und Weise auch gleich am liebsten ins Bett zerren.
Margherita, die nun mal wieder hin und her gerissen ist zwischen ihren Gefühlen, beschließt, sich eine Auszeit in Jugoslawien zu nehmen. Dort bezieht sie mit einem Bekannten eine Villa, und hat die Idee, doch mal ihre drei Männerbekanntschaften, die sich untereinander nicht oder kaum kennen, dort aufeinandertreffen zu lassen. Die bekommen also jeder eine Einladung, und finden sich nur wenig später in einer anfangs sehr befremdlichen Situation wieder, die zunehmend eine seltsame Dynamik in Punkto Begierde, Beziehungsvorstellungen und Geschlechterrollen entwickelt...

Marco "Das große Fressen" Ferreri, sicher einer der eigenwilligsten Regisseure Italiens, hat also einen beachtlichen Cast versammelt und zudem noch Morricone für die Musik gewonnen - was soll da noch schiefgehen?
Carroll Baker sehe ich ja immer ganz gerne und auch hier überzeugt sie in ihrer verunsichert zwischen Tradition und Emanzipation schwankenden Frauenrolle. William Berger mit Vollbart habe ich nicht nur kaum erkannt, sondern gibt auf der männlichen Seite auch eine der interessantesten Erscheinungen ab.
In welche Richtung es inhaltlich geht, dürfte nach meiner Inhaltsangabe ja einigermaßen klar sein, und wie Ferreri das Ganze aufkocht ist durchaus nicht uninteressant. Übermäßig rasantes Tempo, Exploitation oder Sleaze en masse sollte man da natürlich nicht erwarten, aber trotz des gemächlichen Aufbaus macht sich kaum Langeweile breit. Eben weil hinter der zerdehnten Ungewissheit doch ständig so ein Überraschungsmoment zu lauern scheint. Mal subtiler und mal offensichtlicher fährt der Film langsam die Skurillitäten hoch, so dass man sich unweigerlich fragt, was für ein Ende das wohl alles nehmen wird. Und ohne zu viel zu verraten, wird es zum Finale hin tatsächlich noch unerwartet drastisch und kulminiert in einer Schluss-Sequenz, die, wenn man mag, sicher noch etwas Stoff zum Nachdenken liefert.
Dass Morricone dazu nun nicht seinen eingängigen Lounge-Sound auspackt, macht nur Sinn, stattdessen unterstützen die verloren wirkenden und sparsam eingesetzten Saxophon-Klänge die rätselhafte Aura beinah perfekt. Auch auf visueller Seite geht es eher zurückhaltend zu, doch die interessanten Locations rund um das Anwesen und die gelegentlich aufblitzende Raffinesse in den Aufnahmen zeugen von einem recht ansprechenden Gestaltungswillen.

Das große Thema also: Männer und Frauen - für sich, untereinander, in der Gesellschaft, im Wandel der Zeit. Und da gerade in dieser Hinsicht, dem italienischen Kino ja gerne mal meist platt verallgemeinerte Vorwürfe gemacht werden (von wegen Frauenfeindlichkeit und so), finde ich es immer interessant, das Ganze differenzierter anzugehen. Und es gibt ja eben auch genug Filme, die eine nuanciertere Sichtweise zulassen (müssen nun nicht unbedingt nur solche wie dieser hier sein, bei denen die Geschlechter-Thematik so vordergründig im Mittelpunkt steht). Bezüglich des Endes bin ich mir zwar immer noch etwas unschlüssig, aber ich belasse es jetzt mal bei dem vagen Fazit: alle, für die meine Ausführungen nun nicht völlig abschreckend klangen, sollten dem Ganzen eine Chance geben.

Ein Label mit dem Namen Infinity Arthouse hat den Streifen in England auf DVD rausgebracht. Gute Quali + Originalformat + OmU = Kaufempfehlung!



Blue Tornado - Männer wie Stahl (Antonio Bido, 1991)

Die Piloten Alex und Phillip sind eigentlich ein eingespieltes Team, bis sich eines Tages bei einem Manöver ein seltsamer Zwischenfall ereignet: über einem Gebirge werden die beiden Zeuge eines grellen Lichts! Während Alex gerade so noch ganz perplex die Landung schafft, ist sein Kollege verschollen. Später wird das Wrack seiner Maschine gefunden, doch von der Leiche keine Spur. Ein Untersuchungsausschuss spricht Alex zwar von jeglicher Schuld seinerseits frei, doch er will sich nicht damit zufriedengeben, dass der Vorfall so oberflächlich unter den Teppich gekehrt wird, und stellt eigene Nachforschungen an...

Typischer Fall von einem Film, bei dem garantiert keine Gefahr besteht, dass es irgendwann womöglich zu aufregend werden könnte. Der Cast ist nicht weiter der Rede wert. Die Actionszenen sind so ziemlich frei von Action, aber immerhin nicht komplett unatmosphärisch abgefilmt. Die Mystery-Beigabe ist irgendwie auch einfach nur da und schafft es kaum, Spannung oder Interesse ansteigen zu lassen. Meine ganze Hoffnung lag daher nun auf erheiternden Trash-Stilblüten und netter/schmissiger Musik, doch auch in dieser Hinsicht sieht's eher mager, wenn auch nicht völlig trostlos, aus.
Hat man dann also langsam die Nase voll von dem standardisiert abgespulten Flugzeug-Hin-und-Her-Gerolle auf den Landebahnen und sich genug gewundert über wirre bzw. nichtssagende Handlungsstränge, dann treiben die gefühlvollen Aspekte der Chose den Unterhaltungspegel doch schonmal deutlich nach oben. Unser gebrochener Held lernt bei seinen Recherchen bezüglich außerirdischen Lebens nämlich eine schnucklige UFO-Forscherin in der Bibliothek kennen. Und obwohl diese anfangs von seiner plumpen Anmache gar nicht so begeistert ist ("Sprechen wir über UFOs oder von unheimlichen Begegnungen der eher gewöhnlichen Art?") liegen sich die beiden schon bald unter dem Sternenhimmel in den Armen. Gut auch, der alternde aber rüstige Vater des verschwundenen Piloten, der einiges über die Geheimnisse des Gebirges zu erzählen weiß und zum Schluss Alex mit zu einer Bergbesteigung nimmt. Tja, und welch Wunder sich da offenbart, das werde ich nun natürlich nicht verraten. Hach, hätten die Macher doch mehr Mut zu solchen liebenswürdigen Momenten naiver Faszination gehabt! So retten aber auch der gelegentlich eingestreute Synthie-Pop und ein dufte Herzschmerz-Song nur schwerlich über die zahlreichen drögen Passagen.

Hatte schon beim Schreiben dieses kurzen Reviews Mühe, mich an manche Einzelheiten zu erinnern - das sagt wohl alles! Nun ja, der Vorhang fällt dann mit dem Zitat "There's Life on Every Star" (soll von Goethe sein) und im Abspann (den das ZDF löblicherweise komplett gezeigt hat) gibt's dann nochmal das nette Liedchen zu hören.

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Der Korsar des Königs (Primo Zeglio, 1953)

Frühes 19. Jahrhundert, französische Besatzer machen den spanischen Landsleuten das Leben schwer. Nur eine tapfere Einheit spanischer Soldaten bietet den Rivalen Paroli. Dieser Truppe gehört auch Miguel (Frank Latimore) an, der unerwartet den Dienst quittieren muss, da sein Vater, ein Admiral, als Verräter gebrandmarkt und anschließend umgebracht wurde. Von der Unschuld seines Vaters überzeugt, heuert er nun, um Näheres zu erfahren, auf dem Schiff unter dem Kommando des Portugiesen Don Inigo (Maxwell Reed) an, der damit beauftragt wurde, auf hoher See einen Schatz in Empfang zu nehmen und anschließend der spanischen Regierung zu überbringen. Dieser zwielichtige Kapitän stand nicht nur mit Miguels Vater in Verbindung, sondern er geht auch über Leichen, um den Schatz an sich zu reißen...

Gar nicht mal schlechtes Abenteuer-Spektakel aus den 50ern! Die farbenfrohen Dekors werden ganz stimmungsvoll ins rechte Licht gerückt. Längen halten sich ebenso wie die Spannung in Grenzen, doch das Interesse am Fortgang der Geschichte flaut nie zu sehr ab. Auf das zweckmäßige und nicht unnötig überkomplizierte Story-Gerüst wird halt das traditionelle Gut-gegen-Böse-Duell aufgebaut.
Da ist auf der einen Seite Frank Latimore als lässiger Held, der jede Situation cool und verschmitzt meistert, und dabei von den Frauen angehimmelt wird - nicht mal als ihm, um auf dem Schiff nicht erkannt zu werden, ein Kennzeichen seiner Armee mit dem heißen Messer rausgeschnitten wird, zuckt er mit der Wimper! Dann auf der anderen Seite Maxwell Reed als sein Widersacher, über den gesagt wird, er stünde mit dem Teufel im Bunde. Und tatsächlich haben wir hier schon einen recht rabiaten Villain, der vor nichts und niemandem Halt macht, um für sich den größten Gewinn rauszuschlagen. Zumal er dann wirklich beinah diabolische Qualitäten entwickelt, wenn er zwischen seinen Anfällen (bei denen er immer an einem Stuhl festgebunden werden muss) auf dem verlassenen Schiff langsam anfängt zu phantasieren.
Das Beiwerk besteht unter anderem aus flotten Degen-Duellen, die teilweise wirklich Spaß machen, auch wenn sie manchmal seltsam ruckartig aussehen (hat man das damals vielleicht erst nachträglich beschleunigt?). Die Liebe kommt natürlich auch noch ins Spiel und der unglaublich vielbeschäftigte Carlo Rustichelli untermalt das Geschehen großzügig mit einem nicht zu scheppernden Score, aus dem sich gelegentlich auch mal netter Melodiebogen hervorschält.

Ich meine, mit der richtigen Erwartungshaltung dürfte man hier kaum zu sehr enttäuscht werden. Wie heißt es doch manchmal: "Im besten Sinne altmodisch" - das trifft es wohl am besten.



Der Stärkste unter der Sonne (Michele Lupo, 1963)

In der Stadt Nephyr herrschen nach einem Krieg Unterdrückung und Terror, was sogar so weit geht, dass der König (Piero Lulli) Jahr für Jahr 24 der schönsten Jungfrauen entführen lässt, um sie den Göttern zu opfern. Ein paar mutige Männer (u.a. Livio Lorenzon, Mark Forest, Giuliano Gemma, Mimmo Palmara, Nello Pazzafini) beschließen, den Vorgängen nicht länger tatenlos zuzusehen und dem derzeitigen Machthaber den Kampf anzusagen. Außerdem ist da noch die Tochter des vorherigen Königs, welche ebenfalls Anspruch auf die Thronfolge hat, was die bereits vorherrschenden Intrigen zunehmend verschärft...

Also die im ersten Moment extravagante (24 Jungfrauen!), aber letztendlich doch nicht übermäßig ausufernd umgesetzte Grundidee (ok, wir sind hier immer noch im Jahre 1963), sollte soweit klar sein. Was sich da nun aber noch für Konflikte und Verschwörungen zwischen den verschiedenen Herrschern drum herum ranken, bleibt doch etwas undurchsichtig. Eventuell war ich einfach nicht aufmerksam genug, aber ich möchte mal vorsichtig bezweifeln, dass diese Details hier von so großer Wichtigkeit sind.
Eins ist jedoch mal sicher: hier regiert der Bombast an allen Ecken! Und damit ist es so eine zweischneidige Angelegenheit. Riesige Bauten kriegt man hier zu sehen, gigantische Schiffe gehen in Flammen auf, groß angelegte Wagenrennen halten das Volk bei Laune und während ein Palast gerade am Einstürzen ist dürfen ein paar Leute auch Bekanntschaft mit wilden freigewordenen Löwen machen. Das Budget dürfte hier also schon etwas stattlicher gewesen sein und somit mangelt es nicht an Superlativen. Doch nach einem kurzen Staunen verflüchtigt sich das Interesse gerade in den ausgewalzten Massenszenen dann schonmal ein wenig.
Dafür sind diese unwirklich kräftig leuchtenden Farben in den Innenaufnahmen immer wieder ein echter Augenschmaus. Und die feineren Qualitäten des Streifens, wenn z.B. die Kamera in den übersichtlicheren Kampfszenen auffallend edel durch das Geschehen gleitet, gehen auf jeden Fall leicht über Genre-Standard hinaus. Dann ist da ja noch eine ganze Reihe wohlbekannter Mimen, die hier mitunter in ausladenden Kostümen mehr oder weniger überzeugend ihren Zeilen aufsagen. Weiterhin, eine Prinzessin, die selbst im finstersten Kellerverlies noch einen zauberhaften Look zur Schau trägt, und ein zweckmäßiger Score von Francesco De Masi. Last and least, sollte über die hin und wieder eingestreuten Komikversuche, für die meist ein Kleinwüchsiger zuständig ist, wohl lieber der Mantel des Schweigens gehüllt werden (wobei so schlimm fand ich sie nun auch nicht - lockern das Ganze auf dämliche Weise ein bisschen auf).

Sicher einer der besseren Vertreter des Peplum-Genres. Zwar weit davon entfernt, durchgängig zu fesseln, aber insgesamt gut ansehbar. Bonuspunkte gibt's außerdem für die launige Rauferei an den Monte-Gelato-Wasserfällen.



Il Porno Shop Della Settima Strada (Joe D'Amato, 1979)

Der Raubzug zweier Amateur-Gangster (Ernesto Colli und ?) verläuft nicht wie geplant. Denn während sie sich in einem Supermarkt an der Kasse zu schaffen machen, sind auch schon die örtlichen Schutzgeld-Eintreiber der Mafia im Anmarsch und denen schmeckt es gar nicht, dass ihnen zwei dahergelaufene Strolche so dazwischenfunken. Allerdings gelingt es den beiden gerade noch, mit der Beute zu entfliehen. Ihr Weg führt sie nun in einen Sex-Shop, wo sie die Verkäuferin (Annamaria Clementi) als Geisel nehmen, um zusammen mit ihr New York möglichst unbeschadet zu verlassen, was sich jedoch schwieriger als angenommen gestaltet. Nachdem sie also noch einen anderen "Geschäftspartner" eingesammelt haben, finden sie erstmal in einer Studentenbehausung Unterschlupf. Dort kommen dann noch zwei weibliche und eine männliche Geisel hinzu, und die Situation wird langsam angespannter...

Nur im Film macht sich kaum Spannung bemerkbar! Im Ernst: nach den ersten Minuten meint man hier wirklich noch, einen echten D'Amato-Knüller vor sich zu haben - seine Kamera taumelt wie verliebt durch die Häuserschluchten, fängt sowohl das pulsierende Leben als auch die schummrig-dreckigen Ecken mit Genuss ein. Obendrein unterstützt der kühle Jazz-Score von Bruno Biriaco das Flair tadellos. Jepp, D'Amato war hier scheinbar wirklich gerade in New York und hat nebenbei noch diesen Film abgedreht. Oder macht man tatsächlich alleine für so einen Low/No-Budget-Streifen einen Trip über den großen Teich?
Wie dem auch sei, nachdem der Einstieg die bewährten "Sex & Crime"-Zutaten schon unübersehbar andeutet, war ich also gespannt, worauf das hier nun hinauslaufen wird. So richtig ergiebig ist der Crime-Anteil der Story allerdings nicht. Okay, da sind halt welche auf der Flucht, da sie einen Laden überfallen und damit die Aufmerksamkeit der Mafia auf sich gezogen haben. Bloß hat man kaum das Gefühl, dass von diesen schnarchigen Schutzgeld-Typen je mal eine unmittelbare Gefahr ausgeht. Und da die Geschichte auch sonst kaum Wendungen oder Entwicklungen parat hält, sieht's hier auf erzählerischer Ebene doch etwas sehr dürftig aus.
Zudem geht es für D'Amato-Verhältnisse über weite Strecken gar nicht so extrem sleazig zu. Natürlich dürfen schmierige Annäherungsversuche der Geiselnehmer ebenso wenig fehlen wie die obligatorische Duschszene, und ein bisschen Voyeurismus, bei dem die Kamera zwischen angelehnter Schlafzimmertür und erregter Beobachterin hin und her schwenkt, ist auch wieder mit dabei. Das war es allerdings noch nicht ganz, denn auf eine sehr interessante "Black on white"-Sexeinlage/Romanze möchte ich doch noch näher eingehen, da sie meine These von D'Amato als "socially responsible Exploitation Director" schön untermauert: dem kriminellen Trio gehört auch ein Schwarzer an, und während seine beiden Kollegen schon mehr oder weniger erfolgreich am rummachen sind, zeigt er Interesse an der einen noch jungfräulichen Studentin. Hier hat man also ein Szenario, bei dem es sicher ein Leichtes gewesen wäre, es auf reißerische Weise und mit grenzwertigen Rassismen auszuschlachten. Aber nicht so D'Amato: er macht daraus stattdessen ungelogen die zärtlichste, romantischste, einfühlsamste und erotischste Szene des ganzen Films! Muss man gesehen haben.

Was bleibt ist somit solide Kost, die den geneigten Sleaze-Connoisseur über knapp 80 Minuten gut durchbringen sollte. Nur den ultimativen Geheimtipp oder ein wild über die Stränge schlagendes Spektakel sollte man hier nicht erwarten.

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La Bambolona - Die große Puppe (Franco Giraldi, 1969)

Der gut situierte Anwalt Giulio (Ugo Tognazzi) verguckt sich eines Tages als er ziellos durch die Stadt schlendert in ein hübsches Mädchen (Isabella Rey). Auf Schritt und Tritt folgt er ihr bis nach Hause, um dann letztendlich auch noch ihre Eltern um Erlaubnis zu bitten, dass er sie doch öfters mal sehen dürfte. Das Ehepaar redet ständig von einem ominösen "Verein", der sie bedroht, und hat zudem noch einen Verwandten im Ministerium, um den auch eine merkwürdige Geheimniskrämerei betrieben wird. Jedenfalls scheinen sie aber von der Bekanntschaft mit dem Anwalt nicht völlig abgeneigt zu sein und so erlauben sie den Kontakt. Was nun folgt, sind regelmäßige "Treffen", die die Tochter relativ geistesabwesend über sich ergehen lässt, wobei sie jedoch die ständigen Annäherungsversuche ihres neuen Verehrers strikt zurückweist. Der Lebemann, der sich nun zur Abwechslung mal in Zurückhaltung üben muss, hat zwar bald die Nase voll von dem Spiel, allerdings packt ihn dann doch immer wieder die Faszination. Während die beiden einfach nicht miteinander warmwerden, ist dann trotzdem schon bald die Rede von Hochzeitsplänen. Doch das wunderliche Verhältnis zwischen den beiden bringt noch die ein oder andere Überraschung und einen Ausgang, den sich der erfolgsverwöhnte Frauenaufreißer so sicher nicht vorgestellt hat, hervor...

Nach den ersten Sekunden kann man sich bereits an einer beispielhaft schwungvollen 60s-Inszenierung, mit allem was dazugehört, erfreuen. Der schrille, aber dennoch schön eingängige Bacalov-Score umschmeichelt die Ohren bereits vorzüglich. Dario Di Palmas Kameraarbeit findet einen charmanten Mittelweg zwischen Stilsicherheit und dezentem Voyeurismus, und wirkt in den exzentrischeren Momenten sogar mal entfesselt. Somit ist also schonmal ein guter Grundstein gelegt für was auch immer da folgen möge. Als nächstes muss man dann feststellen, dass weder das Label Komödie noch Drama hier wirklich passt. Stattdessen präsentiert Regisseur Giraldi ein eigenartiges Beziehungsgeflecht, bevölkert von sonderbaren Charakteren mit undeutlichen Motivationen und verborgenen Geheimnissen. Nein, Hochspannung macht sich hier sicher nicht breit, aber ich war doch konstant am weiteren Verlauf der Geschichte interessiert.
Ugo Tognazzi gehört jetzt nicht mal zu meinen absoluten Darstellerlieblingen, hier fand ich ihn jedoch echt passend und überzeugend. Isabella Rey macht ihre Sache ebenfalls gut als das Mädel, das seinem ständigen Getatsche ausgeliefert ist und bei dem man sich lange nicht sicher sein kann, was sich nun in ihrem Kopf tatsächlich abspielt. Im Hinblick auf die Rolle des schwulen Dieners wird sich auch nicht zu übel in Klischees gesuhlt, sondern für die damalige Zeit kann man die Darstellung der Homosexualität vielleicht schon annähernd als progressiv bezeichnen. Auf wieder ganz andere Weise interessant, ist dann auch die Szene, in der sich unzählige leichtbekleidete Frauen in der luxeriösen Wohnung des Anwalts versammelt haben - hat zwar handlungstechnisch kaum Relevanz, aber hey, wer wird sich darüber schon beschweren?

Zusammenfassend bleibt somit ein Werk, das sich nicht wirklich in eine bestimmte Schublade stecken lässt, sicher auch nicht bahnbrechend revolutionär ist, aber, wie ich finde, auf gelungene Weise und in angenehmer Inszenierung mal eine "etwas andere Geschichte" erzählt. Einer dieser Filme, die sich nicht mehr an schwermütiger Sozialkritik aufhalten, aber trotzdem noch nicht der Sinnbefreitheit mancher 70er-Klamotten verfallen.



Una Iena in Cassaforte (Cesare Canevari, 1968)

Ein zwielichtige Gesellschaft, die wohl eine kriminelle Vergangenheit verbindet, findet sich auf einem noblen Anwesen ein, um dort groß abzukassieren. Der Clou dabei ist, dass die Schlüssel für den dort befindlichen Safe über die verschiedenen Leute verteilt sind. Als man nun also zur Tat schreiten will, stellt sich heraus, dass einer der Komplizen seinen Schlüssel nicht findet, und so kocht die angespannte Stimmung bereits zum ersten Gewaltausbruch hoch. Nachdem der erste das Zeitliche gesegnet hat, wird die Lage nur noch vertrackter, denn die Übriggebliebenen trauen sich kaum über den Weg - Wahnvorstellungen machen sich breit, teilweise verbündet man sich, dann hintergeht man sich wieder oder es wird gleich kurzer Prozess gemacht. Was sind zudem die wahren Absichten der verführerischen Frauen und welche Rolle spielt der "Boss" im Hintergrund?

Ein Film, wie ihn wahrscheinlich echt nur Canevari drehen kann. Die Geschichte vermengt im Grunde Gangsterfilm-versatzstücke mit einem Schuss Agatha Christies TEN LITTLE INDIANS. Insofern geht es eigentlich erstmal erstaunlich bodenständig zu, und fast möchte man meinen, man bekommt hier eine schon x-mal gesehene Story vorgesetzt. Wenn da eben nicht diese durchtriebene Inszenierung und die irren Figuren den Unterschied machen würden. Spätestens wenn hier der erste Charakter unter wirren Klaviergeklimper, grell-schummrigem Licht und kreisender Kamera gen Delirium verabschiedet wird, kriegt man ungefähr eine Vorstellung davon, wo der Hase lang läuft. Neben den finsteren, nicht selten gestört wirkenden Typen, sorgen vor allem auch diese, selbst für 60s-Verhältnisse, unglaublich aufgedonnerten drei Grazien schon rein optisch für eine irgendwie intensive, eindringliche Aura. Das Setting macht auf jeden Fall auch was her, wobei mir besonders die nächtlichen Szenen rund um die Fontänen im Garten gefallen haben. Der nicht übermäßig auffällige Score von Gian Piero Reverberi passt sich dem an sich schon leiernden Rhythmus des Films adäquat an. Kritisieren kann man jedoch sicher, dass sich das ewige Gerangel um die Schlüssel und die ständigen Rivalitäten untereinander mit der Zeit ein wenig abnutzen, ja mitunter beinah nur wie Mittel zum Zweck erscheinen. Dafür konnten mich dann aber die kauzigen Wendungen zum Schluss wieder versöhnlich stimmen.

Tja, cineastischer Hochgenuss mag vielleicht anders aussehen, aber wenn man sich erstmal auf die entlegenen Pfade, die hier eingeschlagen werden, eingelassen hat, dann gibt's auch kein Entkommen mehr und die Faszination zwingt sich gewissermaßen auf. Ein echter Canevari eben.



Il Sesso Della Strega (Angelo Pannaccio, 1973)

Das Familienoberhaupt des Hilton-Klans liegt im Sterben. Bevor sein Lebenslicht endgültig erlischt, hält er jedoch noch eine Ansprache an seine Verwandschaft, die sich zahlreich auf seinem Landsitz eingefunden hat. Im Grunde scheint er sich für den Einzigen zu halten, der noch sowas wie Anstand hatte, während er den Rest der Familie dem Untergang geweiht sieht. Wenig später, stellt sich bei der Testamentsverlesung heraus, dass die verbleibenden Familienmitglieder bis zum 30. Lebensjahr in dem Anwesen zusammen wohnen müssen. Nachdem die ersten Animositäten ausgetauscht wurden, kommt es noch dicker: einem der Erben wird von einem unbekannten Täter mit einer mittelalterlichen Waffe der Gar ausgemacht. Dies ruft einen Kommissar (Donald O'Brien) auf den Plan, der die Verwandtschaft nun auch mal näher unter die Lupe nehmen will. Überhaupt scheint einer gewissen Ingrid, die in mysteriöser Verbindung zu ihrer außerhalb lebenden Tante steht, eine besondere Rolle zuzukommen...

An sich ja ein nicht uncharmantes Exemplar aus der Sparte "Gothic-Giallo". Der Film dürfte zwar in der damaligen Gegenwart angesiedelt sein, doch das altertümliche, teils schmucke, teils verfallene Setting sorgt gleich für eine angenehme Atmosphäre, die auch dem typischen Gothic-Grusler zur Zierde gereicht hätte. Weiterhin große Klasse ist der süffisant-ausladende Score von Daniele Patucchi, der mich schlagartig in den siebten Italo-Himmel versetzt hat - und damit eventuell die Erwartungen zu hoch geschraubt hat.
Bei der ganzen Reihe an Charakteren, die einem da beinah ohne jegliche Einführung vorgesetzt werden, ist's erstmal ziemlich schwer, den Überblick zu behalten. Die Story bleibt auch wirklich sehr im Dunkeln, was das Ganze zu einer etwas schwerfälligen Angelegenheit macht, die eben auch durch die Inszenierung nur bedingt gerettet wird. Man kennt das ja, dass so manche Unzulänglichkeit locker durch die visuelle Umsetzung übertüncht werden kann, aber in dieser Hinsicht mangelt's Pannaccio an einer konsequenten Note.
Keine Frage, über den Geschehnissen schwebt ein uriges Flair, aber was bleibt sonst noch? Hier mal ein Farbfilter drüber, da mal eine ganz stimmige Ausleuchtung. Als Bonus-Häppchen außerdem eine leicht überdurchschnittliche Dosis an nett abgefilmten, jedoch auch nicht außergewöhnlichen Sexszenen, und eine psychedelische Rock-Einlage im Halbdunkeln, die wie aus dem Nichts auftaucht und die ich überhaupt nicht einordnen konnte. Wer aber extrem Sleaziges und/oder stilisierte Gewaltexzesse erwartet, ist definitiv an der falschen Adresse. Lediglich gegen Ende werden Tempo und Drastik kurzzeitig mal etwas hochgefahren.
Was nun den Cast betrifft, so kann neben dem schon erwähnten O'Brien, der in der Rolle des Ermittlers nicht sonderlich viel zu tun hat, mal wieder Camille Keaton das Auge erfreuen. Ansonsten sollte man sicher auch Gianni Dei nicht vergessen, bei dem mir kürzlich mal aufgefallen ist, dass der in schrägen Italo-Obskuritäten ja beinah schon zum Stamminventar gehört (man erinnere sich nur an PATRICK LEBT!), und hier trägt er zudem eine stylische Sonnenbrille zur Schau.

Nunja, nachdem dieses wichtige Detail nun genannt ist, bleibt mir nur festzustellen, dass es sich hier wohl um die Sorte von Film handelt, deren nebulöser (schöngeredeter?) Qualitäten ich doch so ziemlich erlegen bin. Aus einer etwas nüchterenen Sichtweise war's dann aber doch nicht der große Knaller. Wenn irgendein Label den eines schönen Tages mal in vernünftiger Form auf DVD verewigen möchte, hätte ich aber nicht die geringsten Einwände.

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Mit Faust und Degen (Riccardo Freda, 1963)

Der Künstler Benvenuto Cellini (Brett Halsey) hat für eines seiner Werke gerade die Gunst des Königs (Umberto D'Orsi) gewonnen. Doch Konkurrenten, die sich benachteiligt fühlen, gönnen ihm den Sieg nicht und stecken seine Werkstatt in Brand. Nachdem Cellini den Verantwortlichen eine Lektion erteilt hat, zieht er nun mit seinem Bruder umher. Lange dauert es jedoch nicht, bis er aufgrund seiner Fähigkeiten, sowohl im Kampf als auch in der Kunst, bei einem neuen Herrscher den Dienst antreten darf. Und so führt ihn sein abenteuerlicher, von politischen Wirrungen, Machtkämpfen und Liebschaften gesäumter Weg letztendlich bis zu einer Anstellung beim Papst (Bernard Blier)...

Piraten, Gladiatoren, historische Figuren - nachdem ich in letzter Zeit verstärkt mit diesen Regionen des klassischen, italienischen Unterhaltungskinos auf Tuchfühlung gegangen bin, war meine Hoffnung natürlich, mal irgendwas zu finden, was sich von der routiniert runtergekurbelten Massenware abhebt, sei es auch nur durch kleine Details, Kniffe, Ambitionen - oder wenn das alles zuviel verlangt ist, wenigstens nicht zu sehr langweilt. Der hier vorgestellte Film kommt diesem Anspruch erfreulicherweise ziemlich nah!
Von Beginn an hat man das Gefühl, dass Riccardo Freda und seine Crew die Zügel angenehm straff in der Hand haben und sich nie unnötig lange an Nebensächlichkeiten aufhalten. Die Ereignisse folgen im Grunde Schlag auf Schlag, Brett Halsey ist bestens aufgelegt und gerade die Inszenierung lässt den Streifen endgültig über die uninspirierten Fließbandprodukte triumphieren. Die Kulissen wirken alle einen Tick edler und aufwendiger als üblicherweise. Immer wieder auffallend sorgfältig und stimmungsvoll gewählte Bildkompositionen, sowie ein von dynamischen Streichern dominierter De-Masi-Score runden das Bild angenehm ab.
Besonders hervorheben möchte ich auch noch den augenzwinkernden Grundton, der es mir besonders angetan hat. In einer Szene wagt es der König entgegen aller Warnungen, das erste Mal ein Bad zu nehmen, aber folgt dabei zumindest noch dem Rat des entsetzten Kirchenverteters, doch wenigstens die Hose anzulassen! Cellinis Frauengeschichten, wie z.B. die Bekanntschaft mit einer bezaubernden Magd (Claudia Mori), bei der er aufgrund seiner stürmischen Art anfangs beinah einen Hammer über den Kopf gezogen kriegt, jedoch dann im späteren Verlauf nicht ihre wahren Gefühle erkennt, sind ebenfalls erheiternd und nett ausgearbeitet. In solchen und ähnlichen Momenten lässt Freda ständig unaufdringliche, humorvolle Pointen einfließen, ohne dabei die Stimmung in Richtung Klamauk kippen zu lassen.
Wie gesagt, der Film legt ein ganz anständiges Tempo vor, und das macht sich auch in den Action-Einlagen bemerkbar. Wenn der große Künstler nämlich nicht gerade an seinen Skulpturen rumdoktort, oder versucht, das Herz einer Dame zu gewinnen (sobald sie ihn heiraten wollen, nimmt er allerdings wieder Reißaus), dann weiß er durchaus auch MIT FAUST UND DEGEN umzugehen. Besonders schön, die Szene in der Herberge, als seine Leute alle schon vollgesoffen am Boden liegen und er es salti-schlagend alleine mit einer Überzahl von Gegnern aufnimmt. Dieses weitestgehend vergnügliche Treiben wird zeitweise mal von dunkleren Tönen unterbrochen, als feindliche Truppen den Palast des Papstes stürmen und in den anschließenden Gefechten zahlreiche Leichen in den Straßen Roms zurückbleiben. Doch zum Schluss hin mäßigt sich es wieder und das Ende schlägt auf recht gelungene Weise die Brücke zum Anfang. Vorher gibt's in einem schön herbstlichen Laubwald allerdings auch noch ein Duell auf dem Dach einer fahrenden Kutsche zu bestaunen.

Ein rundum gelungenes Historien-Abenteuer, bei dem Freda alles richtig gemacht hat. Mehr kann man im Rahmen des Genres eigentlich kaum erwarten.



Ferien in der Silberbay (Filippo Walter Ratti, 1961)

Die Familie Morricone plant ihren Sommerurlaub. Da sie an anderen Orten schon zu viele offene Rechnungen hinterlassen haben, ist diesmal die Cote D'Azur dran. Das Problem ist nämlich, dass das Unternehmen des Vaters (Mario Carotenuto) Konkurs anmelden musste, und so soll nun ein möglichst reicher, potentieller Ehemann für die Tochter (Paola Patrizi) gefunden werden. Lange dauert die Suche nicht, denn bei dem Sohn eines Barons scheint es sich um den idealen Partner zu handeln und die beiden verstehen sich auf Anhieb blendend. Somit verläuft in den Augen der glücklichen Eltern nun also alles nach Plan, denn jeder hält den anderen für vermögend, doch dies entpuppt sich bald als Irrtum...

Nach vielversprechendem Beginn mit sommerlicher Urlaubskulisse und launigen Ehe-Kabbeleien, bei denen der von mir immer gern gesehene Italo-Komödien-Veteran Mario Carotenuto mal wieder seine typische Show abziehen kann, verflacht das Ganze leider ein wenig. Die Charaktere bleiben alle recht oberflächlich und dem Haupt-Plot hat man zudem noch ein zweites, bruchstückhaft-rührseliges Liebesgeschichtchen zur Seite gestellt, das beinah nur überflüssig wirkt.
Auch wenn für die meiste Zeit ziemlich ungelenk von Schauplatz zu Schauplatz gesprungen wird, findet sich aber doch noch der ein oder andere nette Einfall. So zum Beispiel die abstruse Nebenhandlung um den toten Vaters des Barons: Dieser hat ihm angeblich im Traum angekündigt, ihm die richtigen Lottozahlen zu verraten. Woraufhin nun der verarmte "Großindustrielle" den Baron auf Teufel komm raus zum Schlafen bringen will, um so an die Zahlen zu gelangen. Denn schließlich sind beide daran interessiert, dass sich zu dem Liebesglück nun auch endlich der Geldsegen gesellt.
Solche skurillen, aber gelungen umgesetzten Ideen sind hier jedoch definitiv zu rar. So kann letztendlich auch das idyllische Flair den Mangel an herzhaften Lacher nicht ausgleichen. Zumal dann noch diverse Gesangseinlagen den eh schon etwas zerfahrenen Filmfluss zusätzlich ausbremsen. In dieser Hinsicht sollte aber auch auf die deutsche Schnittfassung hingewiesen werden, was da letztens im TV lief bringt es nämlich gerade mal auf rund 69 Minuten. Wenn das nun nur weitere Musiknummern waren, die der Schere zum Opfer gefallen sind, mag es vielleicht gerade noch zu verkraften sein. Ohne die Laufzeit der Originalfassung zu kennen, geschweige denn, einen direkten Vergleich zu haben, würde es mich, aufgrund der erwähnten Schwächen, aber auch nicht wundern, wenn da einige Handlungspassagen, die manchen Zusammenhang eventuell noch plausibler hätten machen können, rausgeflogen sind. Damit ist die Schuld zumindest nicht nur bei den Filmemachern zu suchen.

Das Urteil kann für mich aber trotzdem nur lauten: hier und da ganz nett, keine völlige Zeitschverschwendung, aber weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.



Macaroni (Ettore Scola, 1985)

Robert Traven (Jack Lemmon) ist aus beruflichen Gründen in Italien. Gerade als er sich nach einem Meeting etwas auf sein Hotelzimmer zurückgezogen hat, wird er überraschend von einem gewissen Antonio Jasiello (Marcello Mastroianni) besucht. Dieser stellt sich ihm als ein alter Kriegskamerad vor, doch der entnervte Geschäftsmann kann sich an nichts erinnern und so trennen sich die beiden im Streit wieder. Da ihn die Begegnung allerdings doch nicht kalt lässt, entschließt er sich, Antonios Familie aufzusuchen, und auch die Erinnerungen an seine damalige große Liebe, Antonios Schwester, kommen wieder hoch. Tatsächlich wird er stets herzlich aufgenommen und zu seinem Verwundern scheint seine Person, wo er auch hinkommmt, in aller Munde zu sein. Wie sich herausstellt, hat Antonio, um seine von Robert sitzen gelassene Schwester zu trösten, Jahr für Jahr in Roberts Namen Briefe geschrieben, die ihn als heroischen, abenteuerlustigen Journalisten darstellen, was nun allerdings so ganz und gar nicht der Wahrheit entspricht. Somit gerät er im Kreise der Verwandtschaft in die ein oder andere Erklärungsnot, gleichzeitig scheint er sich aber doch langsam mit der italienischen Lebensart anzufreunden und am Ende bekommt er sogar noch Gelegenheit, seine heldenhafte Seite, die ihm in den Briefen immer angedichtet wurde, unter Beweis zu stellen...

Naja, naja, auch ein namenhafter Regisseur wie Ettore Scola darf mal danebenlangen. Nein, komplett schlecht ist der Film nicht, aber das Adjektiv "unausgegoren" trifft es mal wieder ganz gut. Einmal mehr wird hier halt der Kulturen-Clash zelebriert, bestehend aus: gefühlskalter, depressiver, amerikanischer Unternehmer trifft auf einfachen, lebensfrohen, italienischen Angestellten. Nichts wirklich Neues und zwar auch nicht ganz so simpel gestrickt, wie ich es jetzt hier dargestellt habe, aber der Funke will einfach nicht so recht überspringen. Dass einen hier nun kein Dauerfeuerwerk an Gags erwartet, wird aufgrund der melancholischen Grundstimmung schnell klar, aber wenn den gelungenen, rührenden Szenen mindestens genauso viele bemüht und gekünstelt wirkende Momente gegenüberstehen, dann stimmt irgendwas nicht. Als dann zum Ende hin auch noch ein überkandidelt dramatischer Crime-Subplot um mafiöse Geldeintreiber-Geschichten eingeflochten wird, kommt zwar etwas mehr Schwung in die Sache, aber besonders stimmig fügt sich dieser Handlungsstrang eben auch nicht ein. Immerhin wartet dafür die fantasievolle Schluss-Szene mit der italienischen Kino-Magie auf, die man in den vorherigen 100 Minuten leider zu oft vermisst hat.
In Hinblick auf den Cast könnte man natürlich meinen, dass mit zwei Schauspiel-Schwergewichten wie Mastroianni und Lemmon kaum was schiefgehen kann und schlecht machen sie ihre Sache auch nicht. Denkt man jedoch an ihre Glanzzeiten zurück, dann wirken sie hier, so blöd es auch klingen mag, schon ziemlich alt. Mit der Spielfreude und der Chemie zwischen den beiden sieht es jedenfalls nicht so rosig aus, wobei das eben auch an der ausgenudelten Gangart, der es eindeutig an Schwung und Charme mangelt, liegen könnte. Ein uneingeschränktes Lob verdient sich zumindest noch Armando Trovajoli, der hier mal wieder einen sehr schön gefälligen Score beigesteuert hat.

Die richtigen Zutaten waren also vorhanden, nur das Resultat lässt zu Wünschen übrig, denn die netten Einfälle werden einfach von zu vielen unstimmigen Durststrecken überschattet. Trotzdem ist es an der Zeit, dass sich jetzt mal die deutschen DVD-Labels mit Scolas bisher so sträflich ignorierter (!) Filmographie befassen.

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Vollgas (Flavio Mogherini, 1982)

Ofelia (Daniela Poggi) ist der Star an ihrer Tankstelle, doch von den Angeboten der männlichen Kundschaft will sie nichts wissen, denn sie wartet nur auf ihren Rocky (Andrea Roncato). Dieser ist ein vielbeschäftigter Brummifahrer und gerade wieder im Lande und so muss das Widersehen erstmal gebührend zwischen den Laken gefeiert werden. Die Freude ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn der Gute ist wenig später auch schon wieder auf Achse. Hilfsbereit wie er ist, peppelt er unterwegs noch eine Prostituierte wieder auf, die von Kunden etwas unsaft behandelt wurde. Dies beschert ihm jedoch eine Menge Ärger, als sein Herzblatt Ofelia gerade im ungünstigsten Moment Wind von der Sache bekommt und die Situation etwas falsch deutet. Die will nun also erstmal nichts von ihrem Typen wissen, macht ihren eigenen Lkw-Führerschein und sinnt auf Rache...

Italo-Komödie - man hat's nicht immer leicht mit dir! Daniela Poggi in der Hauptrolle ist nun nicht gerade die große Offenbarung, so übel macht sie ihre Sache aber auch nicht und in dem größtenteils unbekannten Cast ist sie dann tatsächlich sowas wie ein Lichtblick. Ansonsten hat man hier aber auch erstmal mit zahlreichen lahm synchronisierten Dialogen und einem akuten Mangel an gelungenen Gags zu kämpfen. Weiter geht's mit seltsamen Handlungssträngen, die meist total lustlos aufgerollt werden, nur um dann genauso unplausibel wieder fallen gelassen zu werden. Da ist z.B. ein stocksteifer, englischer Lord, der es auf Ofelia abgesehen hat, von ihr jedoch immer nur Abfuhren erhält, da sie einen "richtigen Mann" will. Somit muss also der härteste Macho der Stadt ran, um den Knaben etwas umzuerziehen und ihm ein zünftiges Styling zu verpassen. Tatsächlich noch einer der lustigeren Einfälle, führt aber auch alles zu nichts und so folgt dann erstmal Ofelias Racheaktion. Ihr umtriebiger Rocky hat nämlich ein gemütliches Rendezvous in einem abgelegenen Landhaus geplant, doch die erwarteten heißen Miezen finden sich nicht ein, stattdessen karrt seine erboste Freundin einen gefräßigen Tiger an, der nun im Garten seine Runden dreht. Tja, was soll man dazu noch sagen?
Im Prinzip kann man es so zusammenfassen: wenn es mal was zu Lachen gibt, was nicht übermäßig oft der Fall ist, dann spielt es sich ausschließlich auf der "so behämmert, dass es schon wieder gut ist"-Ebene ab. Dass gelegentlich mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven mal ein Hauch italienischer Inszenierungsästhetik durchscheint und Riz Ortolanis Disco-mäßiger Score mitunter recht schmissig daherkommt, ist hier auch keine große Rettung mehr.

Eine ordentliche Portion Sleaze, ein experimentellere Regie (die ja zumindest in wenigen Ansätzen vorhanden ist) oder zumindest konsequenter Klamauk hätten hier sicher noch einiges reißen können. So bleibt's aber nur bei einer arg drögen Angelegenheit, die kaum Spaß macht.



Der Wunderknabe (Luigi Filippo D'Amico, 1955)

Ubaldo Impallato (Alberto Sordi) hat es bei seiner Tätigkeit als Musiklehrer nicht leicht - eine feste Anstellung hat er nicht; sein Job besteht vornehmlich darin, kranke Kollegen zu vertreten, und dementsprechend ist er ständig knapp bei Kasse. Alles ändert sich jedoch als der Vater von einem seiner Schüler, dem kleinen Gigetto, in den Knast wandert. Da auch die Verwandtschaft nichts von ihm wissen will, nimmt der Lehrer den 6-jährigen Jungen also erstmal widerwillig unter seine Obhut, nicht ahnend, welch unglaubliches Talent in ihm schlummert. Als sich dann nämlich herausstellt, dass der Knabe bereits die Stimme und das Talent eines echten Opernsängers hat, ist der ergeizige Impallato fest entschlossen, seinen Schützling groß rauszubringen. Doch nun, wo die Verwandtschaft merkt, dass es da was zu holen gibt, zeigt sie auf einmal auch wieder Interesse an dem Kind, das allerdings bald genug davon hat, sich ständig von Auftritt zu Auftritt scheuchen zu lassen...

Ok, da ist zu allererst mal einer meiner liebsten Darsteller in der Hauptrolle: Alberto Sordi! Wie er sich hier wild um Kopf und Kragen grimassiert und dabei ständig unter Strom zu stehen scheint, ist allerdings schon recht hefig. Zusammen mit den Dialogen, die generell in einem selbst für Italo-Komödien-Verhältnisse atemberaubenden Eiltempo runtergerasselt werden, kann es da gelegentlich schon ein klein wenig anstrengend werden. Allgemein ist der Film aber definitiv etwas höher angesiedelt, gut genießbar und stellenweise auch genial. Wenn z.B. der Lehrer Impallato bereits vom großen Reichtum träumt und mit einer (geliehenen) Nobelkarosse erstmal großspurig bei seinem alten Arbeitgeber vorfährt, ist das schon richtig herrlich anzusehen. Alberto Sordi war eben einfach ein toller Mime/Komiker, der hier in vielen Szenen glänzen kann, zumindest so lange er es nicht allzu sehr übertreibt. Natürlich drängen sich bei dieser Art von Story auch die tiefsinnigeren Töne schon förmlich auf - so wird im Rahmen einer Kinder-Talent-Show die Medienlandschaft kritisch unter die Lupe genommen, und die Profitgier, die auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird, ist so ein weiterer, allgegenwärtiger Aspekt. Für eine bissige Satire fehlt sicher noch ein bisschen, aber zu einem vergnüglichen, gutherzigen und durchdachten Reigen reicht es allemal. Nur ab und zu könnte man eben glatt mal eine Atempause vertragen, dafür sind jedoch die recht edel und aufwändig anmutenden Sets wieder eine Entschädigung.

Insgesamt halt eine sehr italienische Komödie - wer damit sowieso nicht viel anfangen kann, wird hier wohl nicht zum Fan werden; alle anderen dürften jedoch einen klassischen Genre-Vetreter finden, der, mit leichten Abstrichen, zu gefallen weiß.



September 2011



Die Stute (Quentin Masters, 1978)

Fontaine Khaled (Joan Collins) und ihr reicher, alter Ehemann sind im Londoner Nachtclub-Business tätig. Die eiskalte High-Society-Lady hat allerdings eher ein Auge auf Tony Blake (Oliver Tobias) geworfen, welcher sich, als der titelgebende "Stud", vor Angeboten der weiblichen Kundschaft kaum retten kann. Er lässt sich jedoch auf die Affäre ein (die ihn bald mehr beansprucht als ihm lieb ist), denn er erhofft sich davon auch einen geschäftlichen Vorteil - schließlich will er nicht immer nur für andere organisieren, sondern träumt eigentlich von seinem eigenen Laden. Bei ihrem ersten Zusammentreffen fallen die beiden dann in einem Hotel-Fahrstuhl übereinander her, wobei Fontaine, verrucht wie sie eben ist, auch noch den Alarm aktiviert, so dass die Show über die Monitore der Security flimmert. Dummerweise kommt dabei ein Sextape zustande, das bald in Umlauf gerät und irgendwann auch ihr Mann und ihre Stieftochter zu sehen kriegen. Ersterer dreht daraufhin den Geldhahn für seine Gattin zu und reicht die Scheidung ein, während Letztere als Rache dafür, dass ihr Vater so betrogen wurde, nun auch den Stud flachlegen will. Somit verkompliziert sich die ganze Situation erheblich, doch zwischendurch ist auch noch Zeit für einen Abstecher nach Paris...

...welcher die charmante Sinnlosigkeit dieser hoffnungslos verkorksten Seifenoper, basierend auf einer Vorlage von Joans Schwester, Jackie Collins, perfekt auf den Punkt bringt! Eigentlich haben mich diese ganzen Verrisse als "übler Softporno" richtig neugierig auf den Streifen gemacht, und ich war spätestens nach dem wahnsinnig groovigen Vorspann davon überzeugt, dass der Film gar nicht so schlecht sein kann, wie ständig behauptet wird. Was ich dann tatsächlich gesehen habe, hat meine Erwartungen zumindest teilweise erfüllt.
Es muss erstmal angemerkt werden, dass sich jeder echte 70s-Ästhet zwischen den vielen Disco-Szenen, die auch schön großzügig mit coolen Songs unterlegt sind, kaum unwohl fühlen dürfte. Die ach so schmierigen Softporno-Exzesse, von denen in vielen Reviews die Rede ist, hätten von mir aus gerne noch zahlreicher sein dürfen. Alles in allem geht's hier nämlich kaum sonderlich explizit zu, wobei die angesleazte Grundstimmung und die gelegentlichen Geschmacksunsicherheiten schon was für sich haben. Style ist definitiv auch vorhanden - in dieser Hinsicht absolut grandios, aber leider viel zu kurz, ist z.B. der erwähnte Ausflug nach Paris, wo man dann einer Orgien-Sequenz im Indoor-Pool-Areal einer extravaganten Villa beiwohnen darf. Hört sich jetzt wahrscheinlich auch schon wieder viel ausufernder an als es letztendlich ist, aber in diesen Szenen lässt der Regisseur die Kamera tatsächlich mal von der Leine, und es entwickelt sich ein psychedelischer Rausch, in dem ich gerne noch länger geschwelgt hätte. Das Problem ist halt, dass man es hier ansonsten kaum richtig krachen lässt, und sich deshalb die haarsträubende bis kaum existente (geschweige denn, spannende oder interessante) Story mit der Zeit zu sehr in den Vordergrund drängt.
Ein paar Worte noch zu Joan Collins - was sie betrifft kommt es mir ja meistens so vor, als ob es auf der einen Seite die großen Fans und auf der anderen Seite die Hasser, die sie gar nicht ausstehen können, gibt. Ich würde mich in keine der beiden Gruppen einordnen, finde aber, dass sie ihre Rolle durchaus überzeugend rüberbringt, und so schlimm ist sie nun auch nicht anzusehen.

Sicher so ein Film, bei dem die Beurteilung von Unzulänglichkeiten und Qualitäten von Zuschauer zu Zuschauer sehr variieren dürfte. Aus meiner Sicht kann er als Zeitbild auf jeden Fall eine solide Zahl an Sympathiepunkten einheimsen, alleine schon wegen der Musik. Ansonsten bleibt aber ein Beigeschmack ala "Hier hätte so viel mehr möglich sein können" - dann hätten sich die Fans von Joan Collins von dem Schock aber womöglich gar nicht mehr erholt. Demnächst werde ich mal schauen, ob das Sequel THE BITCH mehr zu bieten hat, und für THE STUD verbleibe ich mit einer vorsichtigen Empfehlung.

Das Label Optimum hat die beiden Filme in UK als Double-Feature rausgebracht. Bildqualität sieht nach meinem Empfinden gut aus, lediglich der engl. Ton, für den keine Untertitel vorliegen, hat mir mit diversen Akzenten und extremem Genuschel schwer zu schaffen gemacht. Aber was solls, man guckt hier ja kein tiefschürfendes Charakter-Drama. Im Amazon-Marketplace kann man das Set zur Zeit für um die 7€ (inkl. Porto) finden!

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PostPosted: 14.10.2012 22:29 
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Lady Diamond (Gerry O'Hara, 1979)

Nico Cantafora (Antonio Cantafora), ein italienischer Schmalspurganvoe, ist nach London unterwegs, wo er im Namen seiner Bosse einen gestohlenen Diamantring weiterverhökern soll. Am Flughafen trifft er auf Fontaine Khaled (Joan Collins), die er zwar nicht kennt, aber von der er trotzdem sofort beeindruckt scheint. Er arrangiert also, dass er im Flugzeug neben ihr sitzen darf, und nachdem er sie mit seinem Latin-Lover-Charme ordentlich betört hat, kommt ihm die grandiose Idee, ihr das Diebesgut unterzujubeln, um eventuellen Problemen beim Checkout aus dem Weg zu gehen. Das Dumme ist nur, dass er seine unwissende Komplizin anschließend erstmal aus den Augen verliert. Nachdem Fontaine dann feststellen muss, dass es mit ihrer Disco auch gar nicht so rosig läuft, treffen sich die beiden zwar wieder, doch da Nicos dubiose Geschäfte mit dem Mob ebenfalls alles andere als reibungslos über die Bühne gehen, spitzt sich die Situation bald zu...

Knüller, es gibt doch wirklich Fortsetzungen, die den Vorgänger in allen Belangen schlagen - so war mein erster Gedanke! Es hat sich zwar ein Wechsel auf dem Regiestuhl vollzogen, aber der Style ist immer noch mindestens genauso edel wie bei THE STUD. Im Ernst: was man dem Film auch vorwerfen will, es ändert nichts daran, dass der Ryhthmus, die Bilder und die Sets einfach originäres Kino in seiner reinsten Form widerspiegeln. Was ich damit sagen will, weiß ich selbst gar nicht so genau, aber ich würde es wohl so ausdrücken, dass sich gerade aufgrund der ganzen augenzwinkernd aufgegriffenen Klischees eine naive Kino-Magie entwickelt, die beinah unwiderstehlich ist. Oder anders formuliert: ein Filmerlebnis, das einfach nur Spaß macht.
Joan Collins meistert die Rolle der affektierten, dekadenten und nicht zu Letzt männerverschlingenden Diva wieder mit Bravour. Unbezahlbar z.B. die Szene, in der sie ihrem Chauffeur vom Paarungsverhalten von Klapperschlangen erzählt und beiläufig mit laszivem Blick fragt: "Do you like to fuck, Ricky?" Danke, dass solche Dialoge mal möglich waren! Die männliche Besetzung mit Antonio Cantafora (aka Michael Coby, ja genau der, der auch schon als Terence-Hill-Doppelgänger sein Unwesen getrieben hat) ist auch so ein Glücksfall. Spätestens wenn der Gute, dann hier in seiner kauzigen Italo-Gangster-Personifizierung inklusive feinstem Italo-Englisch-Akzent einen abgedroschenen Spruch nach dem anderen raushaut, bin ich aus dem Grinsen jedenfalls gar nicht mehr rausgekommen.
Über die Ausgangsvoraussetzungen kann man also wirklich nicht meckern. Der Score ist wieder erste Sahne und kann vor allem in den zwei längeren, stimmungsvoll inszenierten Sexszenen auftrumpfen. Die Disco-Einlagen und die dazugehörige Song-Auswahl fügen sich ebenfalls wieder prächtig ein. Und die Pool-Orgie, die zwar insgesamt nicht an das ähnliche Szenario aus THE STUD ranreicht, bietet diesmal sogar Unterwasser-Action. Tja, aber irgendwo muss doch jetzt noch der Haken sein - es ist mal wieder die Story. Über weite Strecken gelingt es hier wirklich besser als beim Vorgängerfilm, die Schwächen der unsinnigen Handlungsstränge zu übertünchen, aber gerade gegen Ende, als dann auf einmal Dramatik ins Spiel kommen soll, geht es wieder in die Hose (oder besser gesagt: bleibt zu sehr über der Gürtellinie). Der Film ist eben wirklich immer dann am besten, wenn er nicht versucht, seine langweilige Geschichte an den Mann oder die Frau zu bringen, sondern unbekümmert in schwülstigem Edelkitsch-Sleaze schwelgt.

Einige großartige Momente, bei denen ich beinah Freudensprünge gemacht hätte und für die alleine ich den Film allen 70er-affinen Filmfans nachdrücklich ans Herz legen möchte. Nur die letzte Konsequenz, die daraus den ultimativen Kultstreifen hätte machen können, fehlt auch hier. Trotzdem, wie ich finde, ein massiv unterbewertetes Stück Filmgeschichte, dessen inszenatorische und stilistische Feinheiten ein Großteil des Publikums scheinbar einfach nicht zu schätzen wissen kann. Aber ist ja eigentlich kein Wunder - wo doch im heutigen Mainstream-Verständnis die 70er meist lediglich das belächelte Jahrzehnt sind. Ich sage jedoch: wer mit dem nötigen Ernst rangeht, hat am Ende den größten Spaß!

Auch hier nochmal der Hinweis auf das Double-Feature von Optimum, welches mit top Preis/Leistungs-Verhältnis aufwartet.



Flotte Teens und heiße Jeans (Michele Massimo Tarantini, 1975)

Die Abiturientin Loredana (Gloria Guida) ist - wie sollte es in so einem Film auch anders sein - eher an den Männern als am Unterrichtsstoff interessiert. Da sie es genießt, ihre Reize einzusetzen, lassen Interessenten des anderen Geschlechts also auch nicht lange auf sich warten. Ganz zum Ziel kommt bei ihr jedoch vorerst keiner und so enden die verführerischen Plänkeleien für die heißblütigen Typen nicht selten mit Frust. Eine ihrer Freundinnen (Ilona Staller) zieht es da vor, sich einen reichen, älteren Liebhaber (Franco Diogene) zu angeln, und auch Loredana, die davon zwar nicht so viel hält, verguckt sich eines Tages in einen Arbeitskollegen ihres Vaters. Doch diese, anfangs noch ernstere Bekanntschaft, wartet ebenfalls mit Schwierigkeiten auf. Zuhause läuft währenddessen auch nicht alles ganz rund. Loredanas Eltern leben getrennt, der Vater (Mario Carotenuto) pflegt seine Beziehung zu seiner neuen, jüngeren Freundin ganz ungeniert, und die Mutter (Giselle Sofio) versucht, ihren Liebhaber (Enzo Cannavale) zu verheimlichen, obwohl die Tochter eh schon lange Bescheid weiß...

Nein, "Story" kann man das alles kaum nennen, aber vorab möchte ich nur schonmal anmerken, dass mir der Streifen nun bei der zweiten Sichtung trotz dramaturgischer Holprigkeiten größtenteils richtig gut gemundet hat. Das wirklich Bemerkenswerte ist, dass es hier im Gegensatz zu den LICEALE-Fortsetzungen und sonstigen "Flotte Teens"-Umtitelungen mitunter durchaus noch ernst zugeht. Nur schade eben, dass sich der Regisseur nicht ganz auf eine Richtung festlegen konnte. So kriegt man es dann halt doch gelegentlich mit Klamauk-Einlagen zu tun, die sich nie so recht in den sonstigen Grundton einfügen wollen, sich aber zum Glück auch in Grenzen halten. Die Italo-Komödien-Allergiker können also aufatmen - und nun zu den echten Qualitäten dieses schönen Filmchens. Gloria Guida schwebt mit ihrer sonnigsten Ausstrahlung so federleicht beschwingt durch das Geschehen, dass es die reinste Freude ist. Kameramann Giancarlo Ferrando (TORSO; DIE FARBEN DER NACHT) holt in regelmäßigen Abständen selbst aus ansonsten belanglosen Szenen immer wieder das Maximum heraus, und beweist damit einmal mehr, welches Jahrzehnt den Style für sich gepachtet hat. Wenn sich dazu dann noch die Grundzutat des Italo-Kinos, nämlich stimmige Musik, gesellt, dann kann doch so gut wie nichts mehr schiefgehen.
Um nochmal auf die unausgewogene Gangart zu sprechen zu kommen: wilde Genre-Mixturen können ja zuweilen auch was für sich haben, aber ich bleibe dabei, dass es in diesem Fall einfach nur unnötig wirkt. Wenn man da z.B. den sonst eher auf "harmlosen Clown" abonnierten Alvaro Vitali bei einem slapstickhaft inszenierten Vergewaltigungsversuch sieht, dann wirkt das schon etwas befremdlich. Oder eine Verfolgungsjagd, die natürlich auch unbedingt mit den üblichen Klamauk-Einsprengseln versetzt werden musste; oder ein Lehrer, der Karate kann... - das alles hätte der Film nicht gebraucht (wobei ich zumindest die Western-Hommage noch ganz nett fand). Davon abgesehen, können jedenfalls erstaunlicherweise gerade die leiseren Töne überzeugen. So z.B. wenn Loredana zwischen spielerischer Provokation, abenteuerlustigen Eskapaden und tieferen Gefühlen hin und her gerissen ist; und auch die Szenen um ihre Flucht von Zuhause, in deren Verlauf dann ebenfalls das Verhältnis ihrer Eltern thematisiert wird, schaffen es zu berühren. Weiterhin ist ähnlich, allerdings längst nicht so extrem, wie in Fernando Di Leos AVERE VENT'ANNI, auch hier die Spannung zwischen offensiv ausgelebter weiblicher Freizügigkeit und den verschiedenen Reaktionen von männlicher Seite ein allgegenwärtiger Aspekt. Besonders schlüssig geht es in dieser Hinsicht zwar auch nicht zu, aber irgendwie zieht sich der Film dann doch immer ganz galant aus der Affäre.

Es bleibt somit ein Paradebeispiel an unvergleichlicher 70er-Ästhetik, das in den subtileren Momenten zudem fast schon als herzerwärmend bezeichnet werden kann. Der Klamauk wäre sicher verzichtbar gewesen und immer trifft der Film auch nicht den richtigen Ton, aber wie heißt es so schön: man kann nicht immer alles haben.

Mit der MIG-Scheibe macht man nichts falsch! Einziger Wermutstropfen: ich wollte den Film diesmal eigentlich auf italienisch mit dt. UTs gucken (um mal zu prüfen, in wie weit die dt. Synchro die Stimmung eventuell verfälscht), musste dann aber feststellen, dass die UTs auch nur die Synchro wiedergeben. Dieses Vorhaben hätte dann für mich als Italienisch-Unkundigen also keinen Sinn gemacht.



Dangerous Love (Andrea Bianchi, 1989)

Ein ganz entzückendes Vorzeige-Exemplar der italienischen Erotikwelle der ausgehenden 80er-Jahre! Obwohl es zu dieser Zeit mit dem italienischen Kino allgemein schon gnadenlos bergab ging, konnten da einige Regisseure gerade auch in Verbindung mit den veränderten stilistischen und zeitlichen Umständen ihre Stärken nochmal richtig zum Vorschein bringen. Andrea Bianchi, ja sowieso bekannt für Sleaze der Extraklasse, sichert sich mit IO GILDA jedenfalls auch 10 Jahre nach Reißern wie MALABIMBA wieder einen der vorderen Plätze zwischen seinen Genre-Kollegen. Alleine schon die Idee, einem Erotik-Heuler das Gewand einer Film-Noir-Hommage zu verpassen, ist doch beinah genial.
Das Gangsterleben zwischen schummrigen Nachtclubs, edlen Villen und dreckigen Geschäften fängt Bianchi mit einem rumpligen, aber zweifellos oft auch absolut stylischen Gestaltungswillen ein. Storymäßig geht es weder unnötig überladen noch langweilig simpel zu, sondern eine gewisse Grundspannung hält sich definitiv. Recht amüsant fand ich auch die Zeichnung der Charaktere. Denn vordergründig präsentiert der Film ja eine Welt, in der die mächtigen Männer das Sagen haben und die Frauen halt hübsche Anhängsel sind, aber hinter dieser Fassade entblößen die Figuren dann ihre zerbrechliche, romantisch-naive Ader. Das fängt schon bei dem Obermacker Max (Gerardo Amato) an, der obsessiv seinen Gilda-Schrein hegt und pflegt, oder der Bodyguard der neuen Gilda (Pamela Prati), der mit dieser mal ein Verhältnis hatte und nun immer noch von der großen Liebe träumt. Da macht es dann auch auf erfrischende Weise Sinn, dass dieser Sex&Crime-Reigen mit einem echten Bilderbuch-Happy-End abgerundet wird. Vorher gibt's natürlich noch eine stattliche Anzahl an Sexszenen, bei denen sich die übliche Mischung aus Sleaze-Effekt und tatsächlicher Erotik breit macht, und das unwiderstehliche Klaviergeklimper sorgt dafür, dass das alles runtergeht wie Öl. Zwischendurch wird die Crime-Schraube auch etwas stärker angezogen als man das von vielen Genrevertetern kennt. Schon am Anfang gibt's einen Mord zu sehen, dessen Hintergründe dann erst im Finale vollständig aufgeklärt werden, und auch in den sonstigen Auseinandersetzungen geht's hin und wieder etwas ruppiger zu. Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem die edle Synchro, die dem Ganzen erst die richtige Würze verleiht.

Das nenne ich doch mal den perfekten Einstiegsfilm in die Welt der italienischen Spät-80er-Erotik. Wer hier nicht zum Fan wird, für den ist das Genre vielleicht wirklich nichts.

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Sie greifen nach den Lebenden (Tom McLoughlin, 1983)

Bei einem bizarren Zwischenfall verschuldet ein Hellseher mit telekinetischen Fähigkeiten den Tod mehrerer Mädchen. Währendessen möchte Julie (Meg Tilly) unbedingt in eine Clique aufgenommen werden und für die letzte Prüfung soll sie die Nacht in einem Mausoleum verbringen. Da dort allerdings auch besagter Magier beigesetzt wurde, wird aus der Mutprobe eine wahrhaftige Nacht des Schreckens...

80s-Horror, der recht interessante Pfade einschlägt. Bereits die Anfangssequenz hat mich mit ihrer seltsam beunruhigenden Stimmung eiskalt gepackt. Was dann folgt, ist zugegebenermaßen jedoch schon ein wenig konventioneller. Der Film setzt auf das typische High-School/College-Umfeld, rückt dieses aber recht geschickt in Richtung klassisches Gruselkino. Besonders stark sind diese soghaften Kamerafahrten durch das menschenleere Gemäuer und über den umliegenden Friedhof, unterlegt mit einem eindringlichen Score. In den Punkten Atmosphäre und auch Schock-Efekte wurde dahingehend definitiv vieles richtig gemacht, gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, das Potential der Ausgangskonstellation wurde nicht vollständig ausgeschöpft, so dass die Spannung eben doch gelegentlich von Vorhersehbarkeit abgelöst wird. Der überraschend graphische Schlussteil (womit jetzt allerdings nicht Gewalt gemeint ist) ist mit seinen schaurig-schönen Masken und Effekten dann wiederum überzeugender, und die mir allesamt unbekannten Darsteller/innen füllen ihre Rollen ebenfalls glaubwürdig aus.

Ein sehenswerter Beweis dafür, dass weitestgehend old-schoolige Grusler auch in den 80er-Jahren noch möglich waren. Gelungene Momente eigenständiger Faszination wechseln sich mit schwächeren Passagen ab, und heraus kommt dabei am Ende ein auf seine Weise doch recht charmantes Werk, das Freunden des phantastischen Films für knapp 85 Minuten solide Unterhaltung bieten sollte. Zumal so eine kleine Zeitreise in die 80er, die hier allerdings gar nicht so heftig ausfällt, ab und zu ja auch mal ganz nett ist.



Bettgeknister - Sexgeflüster (Mario Siciliano, 1981)

Marina (Karin Well) hat es satt, dass ihr Mann Roberto (Paolo Gramignano) sich ständig mit irgendwelchen "Pimperhäschen" rumtreibt, während sie das Geld verdient und er ihr auch noch auf der Tasche liegt. So beschließt sie, ihm den Geldhahn zuzudrehen und sich ihr Vergnügen woanders zu suchen...

Puh, was für eine Story! Aber Meister Siciliano ist natürlich immer einen Blick wert. Ich zähle ihn ja inzwischen wirklich zu den absoluten Größen des inspirierenden Italo-Schund-Kinos. Woran das liegt, kann ich gar nicht mal so genau sagen, aber der Look, der filmische Rhythmus und die allgemeine Atmosphäre haben bei ihm meist sowas richtig Schwungvolles und Anheimelndes - eben so eine unverkennbare Note, die ich als untrennbar mit Italo-Kino verbunden empfinde.
Aber genug der diffusen Lobeshymnen, denn in diesem Streifen sind diese wie auch immer gearteten Qualitäten nicht wirklich konsistent anzutreffen. Es ist im Grunde ein Film, der die Nebensächlichkeiten zum Hauptinhalt erhebt. Da Siciliano nicht mal ansatzweise eine wenigstens zweckmäßige Geschichte zu erzählen hat, werden am laufenden Band typische "Füllszenen" zelebriert: ständig wird auf irgendwas angestoßen, Personen sind irgendwohin unterwegs, liegen in der Sonne, machen undurchschaubare (und daher für den Zuschauer völlig sinnfreie) Deals klar, etc. Das alles eingehüllt in diese angenehme Grundschundigkeit ist an sich ja gar nicht so übel, aber einen ganzen Film kann man damit einfach nicht füllen.
Eine schöne Szene ist der Flashback zu Beginn, als Marina über ihre Beziehung zu Roberto nachdenkt: da kombiniert Siciliano doch tatsächlich stimmig ausgeleuchtete Aufnahmen mit billigen Standbildern von diversen Stadt-Panoramen, so dass man gar nicht mehr weiß, was man sagen soll. Ganz besonders abenteuerlich wird es auch immer dann, wenn die Charaktere ihre Beziehungskisten auswerten. Überhaupt treiben die Dialoge den Spaßfaktor in ungeahnte Höhen, aber über den permanenten Leerlauf können sie eben auch nicht komplett hinwegtäuschen. Es fehlt dem Film letztendlich an einem konsequenten Style, denn sowohl Bildgestaltung als auch der Score stechen höchstens mal vereinzelt hervor. Und dass Sex/Erotik-Szenen so gut wie kaum vorhanden sind, bzw. wenn dann arg zerschnippelt oder lieblos hingeschludert wirken, ist für einen Sexfilm auch eine alles andere als gute Voraussetzung.

An Lachern mangelt es keinesfalls und in einigen wenigen Szenen beweist Siciliano, dass er eben doch kein ganz schlechter Regisseur war, der Rest ist allerdings sinnbefreitester Edel-Trash, bei dem Freud und Leid oft nah beieinander liegen.



The Red Headed Corpse (Renzo Russo, 1971)

John Ward (Farley Granger) ist ein Maler, für den es deutlich besser laufen könnte - seine Werke finden immer weniger Abnehmer und weiterhin ist er auch dem Alkohol sehr zugetan. Alles soll sich jedoch ändern, als ihm eines Tages von einem Hippie eine lebensgroße Puppe angedreht wird. Nach kurzem Zögern nimmt er das gute Stück mit nach Hause und bessert es in seiner Werkstatt etwas auf. Doch während er da so mit einem Messer am Hantieren ist entspringt aus der Figur auf einmal ein Tropfen Blut, und einen Moment später steht anstelle der reglosen Puppe plötzlich eine quicklebendige, attraktive Frau (Krista Nell) vor ihm. Als ob das nicht schon genug wäre, ändert sich ihr Äußeres nach diversen Umstyling-Versuchen jedoch nochmals (Erika Blanc) und der Maler scheint nun vollkommen ihrem Bann erlegen zu sein. Da seine neue Lebensgefährtin sich auch bereitwillig als Model anbietet, überwindet er sich, nun auch Nacktbilder zu malen, um die Kundennachfrage zu bedienen und somit auch mal wieder mehr Geld in der Tasche zu haben. Die Folge ist allerdings, dass mehr und mehr Kunden bald auch an dem Model hinter den Bildern interessiert sind, und so wird die bizarre Beziehung zunehmend verkompliziert...

Die Titelsequenz mit einem Lounge-Score der Güteklasse A und die unwiderstehlich kuriose Ausgangsidee stellen die Weichen auf einen charmanten Giallo/Grusel-Vetreter zum Gernhaben. Genau auf diesem Sektor des ambitionierten Wohlfühl-Schundkinos, für das die Schublade "Trash" viel zu schade ist, waren die Italiener eben echte Meister.
Der anfangs schon erwähnte Score von Sante Maria Romitelli ist wirklich ganz vorzüglich, die Charaktere rangieren allesamt zwischen undurchsichtig und kauzig, und überhaupt hält man sich gar nicht erst lange an normalen Erzählmustern auf. Erika Blanc darf also mal wieder den temperamentvollen Vamp geben, und füllt diesen Part natürlich äußerst reizend aus. Farley Granger verleiht seiner Rolle zwischen liebenswürdiger Bodenständigkeit und brodelndem Wahnsinn eine eigentümliche Aura, und auf der Seite der zwielichtigen Verehrer findet sich u.a. Venantino Venantini. Nachdem ich von der Atmosphäre also erstmal richtig schön eingelullt war, musste ich mich dann aber doch irgendwann fragen: "Passiert hier auch noch was halbwegs aufregendes?" Was die Gewalt betrifft, dürfte es sich hier um einen der harmlosesten Gialli (wenn man den Film diesem Genre zurechnen möchte, was ich eher nicht tun würde) handeln. An sich ist das ja noch nicht das Problem, aber wenn es dafür nicht mal eine anständige Portion Sleaze gibt und die storytechnischen Überraschungen sich auch in Grenzen halten, dann sieht's schon etwas mager aus. Die Auflösung ist dann zumindest passabel, aber reißt auch nicht vom Hocker.

Wer die herrliche Atmosphäre der Früh-70er-Italo-Schinken zu schätzen weiß, wird sich hier sofort zuhause fühlen. Und wenn man die Erwartungen nicht allzu hoch ansetzt, sollten die schrägen Charaktere, die tolle Damen-Riege und die stimmungsvoll schlenkrige Regie trotzdem für ein brauchbares Filmvergnügen sorgen.

Retromedia hat den Streifen in den USA zusammen mit NIGHTMARE CASTLE und SATANIK auf einer doppelseitigen Disc unter dem Titel "Euro Fiends From Beyond The Grave" rausgebracht. Sehr erfreulich fand ich schonmal, dass der engl. Ton (die einzige Audio-Option) bestens zu verstehen ist, und was das Bild betrifft, habe ich auch schon deutlich Übleres gesehen. Bei einem Preis von um die 5€ geht das doch in Ordnung.

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PostPosted: 14.10.2012 22:40 
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Schritte in der Nacht (Theo Mezger, 1961)

Harry Benson (Erik Schumann), ein unbescholtener Durchschnittsbürger, hat gerade einen gemütlichen Abend bei seinem Vetter und dessen Frau verbracht. Kaum hat er den Nachhauseweg angetreten fühlt er sich jedoch schon verfolgt und an der nächsten Straßenecke wollen ihm zwei finstere Gestalten an den Kragen. Gerade so gelingt es ihm nochmal, die Oberhand zu gewinnen, doch seine Lage spitzt sich immer weiter zu, denn alles hat sich scheinbar gegen ihn verschworen...

Zuerst mal sollte angemerkt werden, dass es sich hier nicht um einen "vollwertigen" Film handelt, sondern mit einer Laufzeit von rund 42 Minuten erinnert die Produktion eher an die Episode einer Serie. So kompakt wie er nun also ist funktioniert der Film aber auf jeden Fall nicht schlecht. Zu den Charakteren findet man prompt einen Zugang und die Frage nach den Hintergründen dieser sowohl für den Protagonisten als auch für den Zuschauer so undurchschaubaren Situation hält das Interesse am Fortlauf der Geschichte durchgängig aufrecht. Als Hochspannung würde ich es zwar nicht bezeichnen, aber die stimmige Schwarzweiß-Photographie, die das düstere Stadtviertel in satte Hell-Dunkel-Kontraste taucht, sorgt für eine recht dichte Atmosphäre. Es folgt schließlich eine Auflösung, die einen zufriedenstellenden Abschluss bildet, auch wenn sie für eifrige Giallo-Gucker sicher nicht die Riesen-Sensation darstellt.

Nichts sonderlich Fesselndes, aber solide Stimmungskost, die brauchbar zu unterhalten weiß.

An der VÖ von Pidax habe ich nichts auszusetzen, besonders das Bild empfand ich als auffällig gut.



Sklavin für einen Sommer (Joe D'Amato, 1984)

Italien in den 30er-Jahren. Alessandra (Lilli Carati) erwartet die Rückkehr ihres Mannes (Al Cliver), der als Kommandant auf Feldzug in Afrika war. Als Schriftsteller versucht er sich allerdings auch noch, wobei die zu diesem Zweck angestellte Sekretärin (Annie Belle) vornehmlich an der allein gelassenen Ehefrau interessiert ist. Eine lesbische Affäre, die anfangs geheimgehalten werden soll, sorgt also schonmal für Kofliktpotenzial. Dass der Kriegsheimkehrer jedoch auch noch eine "Negerin" (Laura Gemser) anschleppt, will den beiden anderen Frauen allerdings so gar nicht passen. Es dauert zwar nicht lange bis es zu den ersten Annäherungen kommt, doch Spannungen und rassistische Feindseligkeiten stellen das Zusammenleben auf eine harte Probe. Als die finanzielle Lage zudem immer auswegsloser wird, beschließt der Herr des Hauses, sich mit selbstgedrehten Pornofilmchen etwas dazu zu verdienen - dabei eskaliert die Situation...

Warum dieser Film oft zu D'Amato's besseren Werken aus den 80ern gezählt wird, bleibt mir weiterhin schleierhaft. Ganz so übel wie bei der ersten Sichtung vor einigen Jahren war's zwar diesmal nicht, aber das Problem ist nach wie vor das dämliche Geschichtchen, das hier erzählt wird. Sicher sollte man, wie immer, zwischen dem Rassismus der dargestellten Figuren und den filmischen Aussagen unterscheiden, aber ein unangenehmer Beigeschmack bleibt trotzdem. So gibt es dann zwar immer mal wieder kritische Anflüge, die das Verhalten der Charaktere entlarven sollen, gleichzeitig werden jedoch auch viele Chancen, den Figuren etwas mehr Tiefe zu verleihen, durch unsinnige Story-Entwicklungen und fragwürdige Szenarien zunichte gemacht.
Laura Gemser, von der ich nun sowieso nicht der größte Fan bin, hat halt auch eine denkbar undankbare Rolle abbekommen, die ständig wie von einer bedrückten Aura überschattet scheint (was ja mit Blick auf die Handlung auch Sinn macht, jedoch aufgrund der fehlenden erzählerischen Konsequenz, nicht wirklich in einer überzeugenden Charakterisierung resultiert). Betreffend der formaleren Qualitäten, können der Score von Manuel De Sica (Sohnemann von Vittorio), Massacesis Kamera und das historische Setting zumindest stellenweise für Stimmung sorgen, aber irgendwo hat man das alles auch schonmal besser gesehen und besonders prickelnd sind die Erotikszenen diesmal ebenfalls nicht. Bleiben also noch Lilli Carati und Annie Belle, die ihre Parts solide rüberbringen, aber auch schon bessere Tage gesehen haben. Gleiches trifft auf Nello Pazzafini zu, der hier uncredited in der Rolle des lüsternen Gärtners auch ein eher trauriger Anblick ist, zumal er dann in der sleazig-abgründigen Porno-Dreh-Sequenz noch einen Auftritt hat, auf den man auch hätte verzichten können.

Nee, hier hat D'Amato ausnahmsweise dann doch mal ziemlich gründlich daneben gelangt. An sich zwar kein Totalausfall, aber die blöde Ausgangsidee überschattet das Geschehen auf unschöne Weise. Da hätte D'Amato entweder mit mehr Ernsthaftigkeit rangehen müssen oder, wenn's halt oberflächlich bleiben soll, eine unverfänglichere Story als Grundlage wählen sollen.



Kesse Teens - Die erste Liebe (Mario Imperoli, 1974)

Monica (Gloria Guida) kann sich vor eindeutigen Angeboten kaum retten: da ist z.B. Leo (Gianluigi Chirizzi), ein zwielichtiger Bursche aus ihrer Klasse, der Mädchen gegen Geld an reiche Männer vermittelt; weiterhin ein junggebliebener Studienrat, in den sie sich sofort verknallt hat; und auch ein stadtbekannter Anwalt, in dessen Ehe es mächtig kriselt, hat ein Auge auf sie geworfen. Somit hat sie es nun nicht leicht, sich zu entscheiden, wer der Geeignete für die ersten sexuellen Erfahrungen und bestenfalls auch die große Liebe ist...

Die 19-jährige Gloria Guida in ihrem allerersten Film, unter der Regie von Mario Imperoli, der sie ein Jahr später auch den in dem sehenswerten BLUE JEANS gekonnt in Szene gesetzt hat. Wenn man von den flotten Sprüchen, die wahrscheinlich verstärkt in der deutschen Synchronfassung zu finden sind, absieht, wurde der Humor diesmal ganz außen vor gelassen. Stattdessen gibt es die übliche Melange aus ein wenig Gefühl, ein wenig Drama, ein wenig Erotik, ein wenig Romantik, ein wenig Sleaze, ein wenig Tiefsinn und ein wenig Flachsinn. Inszeniert wurde das in diesem Fall aber wirklich mit angezogener Handbremse, so dass lediglich die bezaubernde Präsenz von Gloria Guida und der sich fast permanent einschmeichelnde Score von Nico Fidenco die rettenden Anker sind.
Ganz egal sind einem die Charaktere zwar nicht, und ab und an kommen auch mal recht stimmige Momente dabei heraus, aber oft bleiben die Bemühungen und Verwicklungen rund um Liebe, Sex, Seitenssprünge und Beziehungskrisen auf einem echt drögen Level. Einige Handlungselemente, wie z.B. die Machenschaften dieses Möchtegern-Zuhälters, wirken dann auch eher wie unsinniges Beiwerk, allerdings muss in dieser Hinsicht bedacht werden, dass die deutsche Version wohl um eine knappe Viertelstunde gekürzt sein soll. Daher könnte ich mir schon vorstellen, dass da manche Zusammenhänge in der italienischen Originalfassung noch runder wirken. Aber da das im Moment nur Spekulation ist, bleibt nur noch zu sagen, dass zumindest das Ende mal wieder ein ziemlicher Hammer ist und damit diesem gemächlichen Unterfangen in letzter Sekunde noch etwas Würze verleiht.

Fans von Gloria Guida und Nico Fidenco (und wer ist das bitteschön nicht?) können trotzdem mal einen Blick riskieren und ihr Durchhaltevermögen bei diesem fast gänzlich unaufregenden, aber auch nicht komplett uncharmanten Filmerlebnis unter Beweis stellen.

Gesehen via der Mawa/Colosseo-Scheibe - naja, gute Qualität sieht anders aus, aber es ist zu ertragen.

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Top Model (Joe D'Amato, 1988)

Um Erfahrungen für ihr neues Buch zu sammeln, schleußt sich Sarah Asproon (Jessica Moore) unter dem Decknamen Gloria zusammen mit ihrer Verlegerin (Laura Gemser) in eine Call-Girl-Agentur ein. Doch hinter der professionellen Fassade kommen echte Gefühle ins Spiel, als sie den Computerprofi Cliff (James Sutterfield) kennenlernt. Die Wege der beiden kreuzen sich nun immer häufiger, doch die Bekanntschaft will nicht so recht in Gang kommen. Cliff hat nebenher nämlich noch eine Beziehung zu einem Mann und ist sich über seine Gefühle noch nicht im Klaren, und das Doppelleben wird für Sarah/Gloria auch bald zum Problem...

Es ist im Grunde die reinste Seifenoper, aber wenn das alles so stimmig umgesetzt ist, gebe ich mich solchem Kitsch doch gerne hin. Die Story erinnert natürlich frappierend an ELF TAGE, ELF NÄCHTE, wovon TOP MODEL schon aufgrund des selben Titelcharakters als Fortsetzung oder Remake angesehen werden kann, aber das Konzept geht auch diesmal größtenteils wieder auf. Irgendwie gelingt es D'Amato, zwischen großzügigen Passagen gepflegter Langeweile dann doch ein wenig Interesse für die Charaktere aufkommen zu lassen. Ansonsten steht und fällt der Film aber ganz klar mit seiner hinreißenden Hauptdarstellerin und der Inszenierungsweise, die aufs Schönste verdeutlicht, in welchem Jahrzehnt man sich hier befindet.
Ganz zu Beginn bereits ein heißes Foto-Shooting in Anwesenheit obskur anmutender Schaufensterpuppen in einer dieser großräumigen, leerstehenden Dachwohnungen, die ich irgendwie mit amerikanischen Filmen in Verbindung bringe. Wurde ja schließlich auch in New Orleans gedreht, nur dass es hier dann eben doch noch die italienische Extra-Portion Sleaze gibt, denn wie meine Augen kaum glauben konnten, wird hier doch tatsächlich angedeutet, dass sich der schmierige Fotograf während der Aufnahmen einen runterholt. Für derartige Schmuddeleien ist in dieser Glitzerwelt allerdings nicht viel Platz, und so setzt Onke Joe dann vor allem auf ein schmissiges Panoptikum aus pulsierendem Großstadt-Getümmel, luxeriösen Apartements und hochglanzpolierten Körperkontakten. Das alles wäre jedoch nicht mal halb so schön ohne Piero Montanaris Kompositionen, die die Atmosphäre mit schwülstigem Smooth Jazz und pumpenden Synthie-Pop in den besten Momenten zu einem ästhetischen Hochgenuss werden lassen.

Mag sein, dass manche das trotzdem langweilig finden, aber ich meine, wenn man sich wirklich drauf einlässt, kann man am Ende nur zufrieden feststellen, dass der gute D'Amato wieder mal vieles richtig gemacht hat.

Ich empfehle an dieser Stelle abermals die "Joe D'Amato Collection" aus England - soviel D'Amato für so wenig Geld gibt es sonst nirgendwo.



Oktober 2011



Der Gorilla (Tonino Valerii, 1976)

Der Bau-Unternehmer Sampioni (Renzo Palmer) hat beständig mit Morddrohungen zu tun, immer verbunden mit stetig steigenden Geldforderungen. Er beschließt jedoch, nicht zu zahlen, und heuert stattdessen einen Bodyguard (Fabio Testi) an, der von nun an jegliche Gefahr von ihm abwenden soll...

Ein solider, allerdings auch weitestgehend formelhafter Italo-Crime-Vertreter. Diese Leibwächter-Thematik so in den Mittelpunkt zu rücken, ist zumindest mal ein anderer Ansatz, doch nach dem gefälligen Einstieg bleibt die erwartete Steigerung aus. Da darf der "Gorilla" ein bisschen mit der Tochter seines Klienten anbändeln, was im Prinzip keine so schlechte Abwechslung zur ansonsten raueren Gangart darstellt, aber letztendlich ein arg dünner Handlungsstrang bleibt. Der restlichen Verwicklungen um eine geheimnisvolle Gangsterbande und diverse undurchsichtige Nebenfiguren, von denen man nicht genau weiß, auf welcher Seite sie stehen, sind auch nicht gerade furchtbar aufregend, interessant oder überraschend. Es bleibt im Grunde alles auf einem brauchbaren Unterhaltungslevel, jedoch können weder die deftigen Schießereien und Prügeleien noch die ausgefalleneren Action-Einlagen, wie die Fahrstuhl-Aktion oder das "Auto vs. Zug"-Finale, über die schwächelnde Spannungskurve hinwegtäuschen. Anerkennenwert ist zumindest noch, dass der Film bezüglich der Ursachen-Frage bei Verbrechen und gesellschaftlichen Missständen gelegentlich auch etwas tiefer geht, und nicht den Fehler macht, in die ärgerlich konservativen Muster, die man in dem Genre desöfteren findet, zu fallen. Was den Score betrifft, hätte ich vom bewährten Trio Tempera, Bixio und Frizzi wiederum mehr erwartet, und auch sonst kommt die Machart kaum über solides Handwerk hinaus.

Reichlich 90 Minuten ohne große Langeweile rumgebracht, aber jetzt ist mir auch mal wieder bewusst geworden, dass mir andere Genres in den Weiten des Italo-Kinos einfach noch viel lieber sind.



Girolimoni - Das Ungeheuer von Rom (Damiano Damiani, 1972)

In Rom, zur Zeit von Mussolinis Aufstieg, geht ein Kindermörder um. Das Volk ist aufgebracht, Eltern sorgen sich um ihre Kinder und der Duce fürchtet, dass die bisher erfolglosen Ermittlungen der Polizei ein schlechtes Licht auf den Faschismus werfen. Somit wird nun mit Hochdruck und oft basierend auf fadenscheinigsten Indizien und wenig glaubwürdigen Zeugenaussagen nach dem Schuldigen gefahndet. Nach weiterhin ergebnislosen Recherchen und dem Selbstmord eines unschuldig Angeklagten, scheint man in dem etwas extravagant lebenden Fotografen Girolimoni (Nino Manfredi) den perfekten Schuldigen gefunden zu haben. Dieser lässt die Anschuldigungen mit seiner redegewandten und lebensfrohen Art zu Beginn gar nicht erst an sich ran, muss aber bald feststellen, dass in einem Justizsystem, das mehr und mehr von politischen Interessen bestimmt wird, aus seiner Lage bitterer Ernst wird. Was nebenbei jedoch niemand weiß, ist, dass der tatsächlich für die Morde Verantwortliche ein geistesgestörter, junger Mann ist, dessen Taten von seiner Familie gedeckt werden...

Harter Tobak, der bei mir echt für ein flaues Gefühl in der Magengegend gesorgt hat.
Zum einen ist die Misshandlung und Ermordung von Kleinkindern an sich ja schon eine äußerst unbequeme und unschöne Thematik, auf die hier in Worten ziemlich schonungslos und direkt eingegangen wird. Zum anderen führt der Film auf brutalste Weise die Unmenschlichkeit faschistischer Systeme vor. Daraus resultierend ensteht ein wütend machendes Bild einer Gesellschaft, die immer schnell dabei ist, in der Masse nach der Todesstrafe zu schreien, aber wenn es konkret wird, die Augen verschließt. Weiterhin eine von Hoffnungslosigkeit geprägte, unheilvolle Symbiose aus Justiz und Politik; bei der es nur noch darum geht, Macht und Ansehen zu wahren sowie das Volk möglichst ruhig zu stellen; bei der den Einzelschicksalen der Opfer, deren Angehörigen und unschuldig Gebrandmarkter keine Aufmerksamkeit mehr zukommt; und bei der eine tatsächliche Aufklärung der schrecklichen Vorfälle immer mehr in den Hintergrund rückt. Am Ende folgt ein Sprung in die Gegenwart der zeigt, dass sich in gewisser Hinsicht kaum was geändert hat, und es ist wohl leider kein so abwegiger Gedanke, dass man für diese letzte Einstellung genauso gut auch die heutige Gegenwart einsetzen könnte.

Kino, das fesselt und ernsthaft zum Nachdenken anregt. Damiano Damiani, einer der Größten.

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Cecilia (Jess Franco, 1981)

Cecilia (Muriel Montosse) führt ein Leben in Luxus, abgeschieden von der restlichen Welt. Eine Ausfahrt mit ihrem Chauffeur nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als er sie, statt nach Hause, an einen anderen Ort bringt, wo zwei ihrer ehemaligen Bediensteten über sie herfallen. Dieses Erlebnis ruft bei ihr eine Reaktion zwischen Abscheu und Faszination hervor. Als ihr Mann (Antonio de Cabo) davon erfährt, schwört er, sich an den Verantwortlichen zu rächen, doch seine Frau besänftigt ihn, und schlägt ihm eine offene Beziehung vor, wovon er vorerst allerdings nicht so viel hält. Kaum haben die beiden jedoch Besuch auf ihrer abgelegenen Residenz, vergnügt sich ihr Gatte auch schon mit einer Anderen, und diesmal ist seine Frau nicht sonderlich begeistert. Letztendlich einigen sich die beiden dann doch, dass jeder seine sexuellen Freiheiten genießen darf, dem anderen aber davon erzählen muss...

Die pure filmische Meditation, wie sie nur ein Franco auf der Höhe seiner Kunst hinbekommt, oder die absolute Tortur für alle Franco-Hasser. Ersteres ist freilich etwas übertrieben, denn ganz leicht macht es einem der Film wahrlich nicht, dennoch sind seine Qualitäten nicht zu übersehen. Bereits dieser zugewachsene Palast im Dickicht des Waldes (gedreht in Portugal) ist als Setting ein Highlight für sich, welches in den besten Momenten mit einer eindrucksvoll verwunschenen Atmosphäre aufwartet. Daniel White untermalt diese zahlreichen, ausgesprochen edlen Bilder und schwelgerischen Passagen mit einem delirierend leiernden Score, der nur selten mal durch etwas schwungvollere Jazz-Einlagen aufgelockert wird. Muriel Montosse bringt ihre nicht übermäßig komplexe Rolle solide rüber und macht natürlich auch optisch einiges her. Zudem hat auch Lina Romay wieder einen kurzen Auftritt. Doch obwohl man es hier ja vordergründig mit einem Erotikfilm zu tun hat, werden die teilweise recht deftigen, allerdings auch eher rar gesäten Sexszenen schon fast zur Nebensache. Soweit aber keine Beschwerden, wäre da eben nicht diese unglaublich lähmende Erzählweise - streckenweise habe ich sogar Gefallen gefunden an diesem taumelnden, kaum vorhandenen Film-Rhythmus, aber wenn dann jeder Aspekt der an sich schon dünnen Story und jede Belanglosigkeit wie in Zeitlupe durchgegangen wird, dann wird es mitunter schon etwas strapaziös, so dass sich dann spätestens beim unspektakulären Ende ein gewisses Gefühl der Leere einstellt.

Sicher so ein Film, den man nun mit Leichtigkeit als unantastbares "poetisches Meisterwerk" hochjubeln könnte, aber dafür ist mir das Teil schlicht und einfach ne Spur zu schwerfällig. Für alle, denen die Franco-typische Langsamkeit kein völliger Graus ist, allerdings trotzdem ein lohnenswertes Unterfangen.

Die US-DVD von Blue Underground bietet exzellente Bildqualität, engl. Ton, franz. Ton und engl. UTs.



Nightmare Motel (Philip Leacock, 1973)

Das Ehepaar Mitchell (Cloris Leachman und Dabney Coleman) kommt gerade aus dem Urlaub und ihr Heimweg führt sie irgendwo durch die tiefste Wüste. Da sie zudem noch ein paar spezielle Fotos machen wollen, fahren sie einen beachtlichen Umweg, der ihre ursprüngliche Zeitplanung vollends über den Haufen wirft. Heftige Unstimmigkeiten herrschen zwischen den beiden und die Nerven liegen langsam blank, doch als sie dann auf weiter Flur ein kleines Motel erspähen, raufen sie sich erstmal wieder zusammen, und wollen sich eine kleine Auszeit gönnen. Das Etablissement entpuppt sich jedoch schnell als miese Abstiege, denn bei den beiden Typen, die sie in dem Laden antreffen, kann von Gastfreundschaft nicht im Geringsten die Rede sein. Doch es kommt noch dicker: als die Frau von der Toilette wiederkommt ist ihr Mann plötzlich spurlos verschwunden. Die beiden anwesenden Gestalten, die ja eigentlich was sehen hätten müssen, verhalten sich gegenüber der aufgebrachten Frau abermals äußerst unkooperativ, und meinen lediglich, dass ihr Mann mit dem Auto (welches sie auch tatsächlich noch wegfahren sieht) abgehauen ist. Diese Story will sie jedoch nicht glauben und überhaupt scheint an der Sache einiges faul zu sein, somit versucht sie auf eigene Faust, Licht ins Dunkel zu bringen...

Typischer Fall von einem Film, der versucht, die Zuschauer mit einer außergewöhnlichen Ausgangsidee am Ball zu halten, aber abseits davon auch nicht allzu viel zu bieten hat. So minimalistisch dieser Ansatz jedoch auch sein mag, seine Wirkung verfehlt er nicht. Ned Beatty und Ross Martin geben hier echt zwei sehr merkwürdige "Wüstenbewohner" ab, bei denen man sich kontinuierlich fragt, was sie da nur im Schilde führen. Über diesem ganzen abgeschotteten Areal, zu dem neben dem versifften Cafe noch eine Reihe von Zimmerchen gehört, die von einer kaum weniger seltsamen Frau verwaltet werden, schwebt so eine unbehagliche Aura - da gibt es z.B. gewisse Türen, die keinesfalls geöffnet werden sollen und sowieso hat man es ganz und gar nicht gerne, wenn aus der Ferne Angereiste zu neugierig werden oder auch noch anfangen rumzuschnüffeln. Exakt diese düstere Geheimnistuerei ist es nun, was dem Streifen zu seiner Faszination und einem durchweg soliden Maß an Spannung verhilft. Die knackig kurze Laufzeit von knapp 80 Minuten trägt auch ihren Teil dazu bei, in Punkto Intensität werden zum Finale hin nochmal ein paar Schippen draufgelegt, nur schade, dass die Auflösung dann letzten Endes eher unausgegoren bleibt.

Ein kleiner Film, der seine Prämisse im Grunde recht effektiv umsetzt, aber sich in den entscheidenden Momenten teilweise selbst ein Bein zu stellen scheint.



Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key (Sergio Martino, 1972)

Oliviero (Luigi Pistilli) ist ein erfolgloser Schriftsteller, der schon lange nichts mehr zu Papier gebracht hat, dafür jedoch zunehmend sowohl dem Alkohol als auch dem Wahnsinn verfällt. Seine Frau Irina (Anita Strindberg) führt ebenfalls ein erdrückendes Dasein auf dem opulenten wie morbiden Anwesen, gepeinigt von ihrem Mann und verängstigt von dessen geliebten schwarzen Kater Satan. Als dann überraschend Olivieros Nichte Floriana (Edwige Fenech) zu Besuch eintrifft, scheint Irina endlich eine Verbündete gefunden zu haben, doch die Harmonie hat schon bald ein Ende...

Wow, was für ein wuchtiges und intensives Filmerlebnis! Hier wird einem richtig schön vor Augen geführt, in welche Höhen sich die künstlerisch versierten Handwerker des italienischen Genre-Kinos in dessen Blütezeit (und das waren nun mal zweifellos die 70er-Jahre) aufgeschwungen haben. Wenn sich hier bereits in der Eingangssequenz eine stilvolle Symbiose aus traditionellem Gothic-Horror und drogengeschwängerten Zeitgeist-Exzessen vollzieht, möchte man am liebsten sofort Dem danken, der das erste Mal auf die Idee kam, diese beiden, auf seltsame Weise wie für einander geschaffen wirkenden Welten zusammenzuführen. Aus einem ähnlichen Blickwinkel lassen sich auch die Charaktere betrachten, in denen das Vergangene, meist Unterdrückte, noch heftigst rumort und im gegenwärtigen Handeln an die Oberfläche kriecht.
Als Hauptsetting hat man eine imposante Villa gewählt, die zusammen mit Ferrandos majestätischen Kameramanövern, diese obsessive Stimmung zwischen Dekadenz und Verfall überhaupt erst richtig kanalisiert. Interessanterweise wirken da die giallosken Morde eher wie nebensächliche Bausteine eines tieferen und größeren Gesamtbildes, so dass es auch nur Sinn macht, dass Bruno Nicolai anstelle von zeitgemäßen Lounge-Gesäusel auf einen klassischer und zeitloser anmutenden Score setzt. Was nun die Bestzung betrifft, scheint "Traumcast" ein treffender, jedoch viel zu ambivalenter Begriff, da er dem freudigen Wiedersehen mit der liebgewonnenen "Italo-Familie" einfach nicht gerecht wird. Hat Luigi Pistilli jemals schlecht gespielt? War Anita Strindberg jemals eindrucksvoller? Ist Ivan Rassimov nicht immer wieder der perfekte Mann für düstere, undurchschaubare Nebenrollen? Und sorgen Edwige Fenechs ungewöhnliche Frisur und Rollentypus womöglich dafür, dass sie hier weniger zum Schwärmen einlädt als sonst? Letztere Frage kann jedenfalls ohne zu zögern verneint werden! Bleibt noch ein feiner Plot, an dem auch wieder ein alter Bekannter, namentlich Ernesto Gastaldi, mitgeschrieben hat, und der nicht nur mit wirklich überraschenden Twists aufwartet, sondern die ausgenudelte Giallo-Formel zudem mit sexuellen Untertönen - nein, Obertönen - und nett eingefädelter Poe-Referenz anreichert.

Das Fazit kann daher nur lauten: Italo-Kino der 70er ist und bleibt die beste Adresse für wahrhaftigen Filmgenuss!

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Der Zeuge der Nacht (William Fruet, 1984)

Wenn er nicht im Büro hockt, geht Harry Ross (Kip Gilman) desöfteren gerne mal joggen. Bei einem dieser spätabendlichen Ausflüge, als er gerade in einer neuen Gegend unterwegs ist, wird er nach einem lästigen Zwischenfall (er tritt in Hundescheiße) auf ein schummrig erleuchtetes Fenster aufmerksam, in dem er eine sich lasziv entkleidende Frau (Barbara Law) erblickt. Selbst über seine voyeuristischen Anwandlungen besorgt, beschließt er, eine Psychiaterin (Dayle Haddon) aufzusuchen, die ihn zwar beruhigt, dass er nicht pervers sei, aber ihm doch nahelegt, diese Spielchen in Zukunft sein zu lassen. Er kann allerdings nicht anders, findet sich Nacht für Nacht wieder an Ort und Stelle ein, und solange keine störenden Nachbarn dazwischenkommen, gibt er sich ganz seinen Spannereien hin. Dabei bekommt er zudem mit, dass ein Typ und eine weitere Frau dort auch noch mit Zugange sind, bis es dann eines Nachts eine Leiche gibt! Harry Ross war sozuagen wieder live mit dabei, kriegt den genauen Tathergang jedoch nicht mehr zusammen, gilt aber natürlich schnell als der Hauptverdächtige. Seine Psychiaterin, die nun inzwischen zu seiner Gehilfin und Love Interest geworden ist, will seine Gedächtnislücken durch Hypnose auffrischen, wobei tatsächlich noch ein paar erhellende Details zu Tage gefördert werden, doch seine Lage wird immer verzwickter...

Wem diese Inhaltsangabe etwas bekannt vorkommt, der denkt vielleicht an Brian De Palmas DER TOD KOMMT ZWEIMAL (einer meiner Alltime-Faves!). Da beide Streifen jedoch aus dem Jahre 1984 sind, braucht man nun auch kein Rätselraten zu beginnen, wer da wohl von wem beeinflusst wurde - zumal Stories dieser Art in den 80er-Jahren sicher auch nicht mehr die große Innovation waren. Schaut man sich das übrigens aus Kanada stammende Filmchen von Herrn Fruet so an, möchte man wiederum doch fast meinen, man habe es mit einem abenteuerlichen Low-Budget-Rip-Off von was auch immer zu tun. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, das Ganze sei ein völliger Griff ins Klo. Im Gegenteil: streckenweise geht es hier wirklich launig zur Sache!
Zum großen Teil ist dieser "Erotik-Thriller" nämlich bevölkert von amüsant überzeichneten Charakteren, die um keinen dummen Spruch verlegen sind; angeführt von einem Protagonisten, der auch ein bisschen neben der Spur ist, und gerade deswege prima als sympathisch vertrottelte Identifikationsfigur taugt. Der Film schafft es also, sein nicht übermäßig spannungsreiches Geschichtchen immerhin charmant und ohne Anflüge von Langweile rüberzubringen. Teilweise scheint sich sogar eine gewisse Genialität breitzumachen, aber viel mehr als ein paar recht raffiniert platzierte Überraschungsmomente kommt letztendlich doch nicht dabei rum. Die übrigen Unzulänglichkeiten und Holprigkeiten werden jedoch erstaunlich geschickt von der augenzwinkernden Herangehenweise aufgefangen, die zusammen mit dezent schmierigen Rotlicht-Einlagen, den Gesamteindruck auf ein ansehnliches Level hievt. wobei gegen Ende das Interesse doch zunehmend einem leicht ernüchternden "hat man alles schonmal so ähnlich gesehen"-Gefühl weicht.

Bei weitem kein Überflieger, aber ein einigermaßen vergnügliches Filmchen, das zumindest bei der Erstsichtung (wenn man die enttäuschende Auflösung noch nicht kennt) solide Unterhaltung, am besten zu später Stunde, bieten sollte.



Komm nur, mein liebstes Vögelein (Rolf Thiele, 1968)

Was für ein Film! Wie soll man das alles in Worte fassen? Nun gut, dass Rolf Thiele ordentlich was auf dem Kasten hat, sollte mir ja seit seinem äußert abgefahrenen GRIMMS MÄRCHEN VON LÜSTERNEN PÄRCHEN schon mehr als klar sein, was er hier jedoch bereits im Jahre 1968 auf das deutsche Publikum losgelassen hat, schlägt zwar einen etwas anderen Weg ein, aber ist mindestens genauso abgedreht, so dass ich mitunter beinah nicht wusste, wie mir geschieht!
Genauer gesagt, hat man es hier mit einer Art Zeitreise durch die verschiedenen Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte zu tun. Dabei geht es um die Lage der Bevölkerung, die Rolle von Regierung und Kirche, aber ganz besonders im Mittelpunkt steht immer das Verhältnis zur Sexualität. Zu Beginn dieser Chronik der Liebe und Lust stellt sich dann auch erstmal ein gewisser "Wissenschaftler" vor, der das Geschehen im weiteren Verlauf durchweg mit süffisant-geistreichen Kommentaren begleitet. Und während man sich noch so fragt, ob man das Ganze nun total albern oder doch recht clever finden soll, bleibt kaum ein Moment zum Luftholen und es geht kopfüber in die Historie. Diese pikante Geschichtsstunde jetzt in all ihren Einzelheiten wiederzugeben, scheint mir hier kaum möglich, aber zu den Epochen und Phänomenen, auf die eingegangen wird, gehören u.a.: Aufklärung, Hexenverfolgung, Minnegesang, Rokoko, Dreißigjähriger Krieg, Goldene 20er, Drittes Reich, Wirtschaftswunder und letzendlich die Sexualforschung in den 60er-Jahren.
Tja, und was Rolf Thiele daraus zusammengebraut hat, kann sich echt sehen lassen und sorgt nicht selten für einen offenen Mund. Schon die Anforderungen bezüglich ständig wechselnder Kulissen und Kostüme wurden trotz sichtlich beschränkter Mittel, aber dafür mit umso mehr Einfallsreichtum ziemlich beeindruckend oder zumindest charmant umgesetzt. Beachtlich auch der schon erwähnte Off-Kommentator, der beständig die zotigen Witzchen anzusteuern scheint, sie dann doch knapp umschifft, und stattdessen neckische Pointen, manchmal auch echte Brüller, aus dem Ärmel schüttelt.
Sowohl in der Ausstattung als auch von der Geisteshaltung her, macht sich da eben echt eine Hintergründigkeit und Liebe zum Detail bemerkbar, die viele Erotik-Klamotten so nicht zu bieten haben. Natürlich, wie das Thema es so an sich hat, gibt's da auch genügend Gelegenheit in vornehmlich weiblichen Nuditäten zu schwelgen, aber auch dahingehend wird fast nie plump draufgehalten, sondern das Meiste nur reizvoll angedeutet und dann geschickt abgeschwenkt bevor es zum Äußersten kommt. Und als ob das alles nicht schon genug für zwei Filme wäre, gesellen sich dazu auch noch parodistisch anmutende Albernheiten, flirrende Visuals sowie schlichtweg unbeschreibliche Einfälle.

"Unglaublich, dass sowas mal in Deutschland und vor allem schon in den 60ern entstehen konnte" - das war Gedanke, der mir während des Filmgenusses desöfteren in den Sinn kam. Mal glaubt man, einem irren Trip beizuwohnen, im nächsten Moment gibt's viel zu lachen und immer wieder überraschen die satirischen Einlagen, die der Entstehungszeit weit voraus wirken. Ein Ausnahmewerk vergangener, deutscher Filmkunst.



November 2011



Zu Tode gehetzt (Giorgio Stegani, 1971)

Zwei Welten prallen aufeinander, als die junge, aus reichen und konservativen Familienverhältnissen stammende Lisa (Ornella Muti) den 19-jährigen Franzosen Robert (Alessio Orano) kennenlernt, der einer gänzlich anderen, alternativen und unabhängigen Lebensart zugewandt ist. Für die beiden stellen diese Gegensätze kaum ein Problem dar und so erblüht schon bald eine zärtliche, einfühlsame Liebe. Lisas Vater hat dafür allerdings keinerlei Verständnis und verlangt, dass sie den Kontakt zu diesem vermeintlich zwielichtigen Typen, der auch schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, sofort abbricht. Mit dieser familiären sowie gesellschaftlichen Ignoranz konfrontiert, kommt dem jungen Pärchen die Idee, sich in die am Meer gelegene Ferienvilla von Lisas reichen Eltern abzusetzen. Von dort aus erkunden sie die idyllische Umgebung und landen auf einer einsamen Insel, nachdem ihr Boot schlappgemacht hat. Währenddessen hat der einflussreiche Vater, der vor allem um die Unschuld seiner Tochter besorgt ist, allerdings auch schon Polizei, Küstenwache und sogar Militär zu einer riesigen Suchaktion alarmiert. Die unschuldigen Annährungen der beiden, im wahrsten Sinne des Wortes, Gestrandeten und die paradiesische Naturverbundenheit scheinen also in ernster Gefahr, zumal die ganze Angelegenheit auch für sensationslüsterne Journalisten ein gefundenes Fressen ist...

Und wieder eine ziemlich fantastische Entdeckung in Sachen Italo-Kino der 70er, soviel muss schonmal gesagt werden. Als Zuschauer bekommt man zu Beginn direkt die Polizeiermittlungen vorgesetzt, die allerdings nur so eine Art Grundgerüst darstellen, denn die verschiedenen Zeugenaussagen all der Leute, die mit dem Ausreißer-Pärchen Kontakt hatten, gehen dann in grOße Rückblenden über, welche wiederum den Verlauf der Geschichte aufdröseln. Hört sich jetzt sicher komplizierter an, als es letzlich ist, denn im Grunde geht hier doch alles recht linear vonstatten, und zwischendurch kann man auch schnell mal vergessen, dass die Story restrospektiv erzählt wird, da es eben nicht wirklich etwas zur Sache tut. Schaden tut's dem Film jedoch ebenfalls nicht und deshalb will ich mich an diesem Punkt auch gar nicht länger aufhalten.
Viel erwähnenswerter ist da nämlich zum Beispiel, auf welch eindrucksvolle Weise hier die Charaktere zum Leben erweckt werden. Sicher trägt die herausragende inszenatorische Leistung, von der ich sogleich noch schwärmen werden, einen großen Teil dazu bei, aber ich empfand dieses dargestellte Verhältnis nicht nur als oberflächlichen "Coming of Age"-Verschnitt, sondern war wirklich angetan von dieser anrührenden, stellenweise fast schon märchenhaften, aber auch von einem unterschwelligen Fatalismus geprägten Beziehung. Manchmal möchte man meinen, es schrammt knapp am Plakativen, Klischeehaften vorbei, wenn man zur nur beiläufig angeschnittenen "Hippie"-Bewegung genau die typischen Bilder geliefert bekommt, die man von einem filmischen Produkt dieser Zeit erwartet, oder im Gegensatz dazu eben die konservative Seite präsentiert wird, also in dem Fall die Eltern, die die Veränderungen in der Gesellschaft eher misstrauisch beäugen, vor allem wenn der eigene Nachwuchs davon betroffen ist. In ähnlicher Hinsicht funktionieren die bissigen Kommentare in Richtung reißerischer Sensations-Journalismus (die bekannte Zeitung mit den 4 Buchstaben lässt grüßen) jedoch wieder umso besser: so ist z.B. ein Reporter enttäuscht, dass es sich bei dem involvierten jungen Mann um einen Franzosen handelt, da "jede andere Nationalität bei dem Fall mehr hergegeben hätte", ein anderer betont, dass "das Wort 'Hippie' in einem Artikel natürlich mit verbraten werden muss" und das Ende offenbart quasi wie nebenbei einen weiteren bitterbösen Seitenhieb.
Nun aber zu Cast und Inszenierung, die es schließlich sind, die dem Streifen zu höheren Weihen verhelfen. Luigi Pistilli wirkt in der Rolle des Kommissars etwas verschenkt. Die junge Ornella Muti und den eher unbekannten Alessio Orano kann man dafür durchaus als Traumpaar bezeichnen, zumindest bringen sie ihre Charaktere absolut überzeugend, eindringlich und verzaubernd rüber. Die imposanten Naturaufnahmen und eine Unterwasserszene, wie ich sie selten so stylisch gesehen habe, sind ebenfalls nicht weniger als ein wahrer Augenschmaus. Doch das Beste zum Schluss, die Lobeshymmne auf Komponist Gianni Marchetti! Ohne Zweifel eines der schönsten Beispiele für italienische Soundtrack-Kunst. Was also Herr Marchetti (den Namen bitte merken) hier geschaffen hat, gleicht schlichtweg einem lieblichen Zuckerguss, bei dem man unweigerlich dahinschmelzen möchte; verträumte Gitarren- und Klavierklänge dominieren das Geschehen und etablieren die Atmosphäre überhaupt erst richtig, vereinzelt setzen treibende Up-Tempo-Sounds punktgenau Akzente, und dabei handelt es sich nicht nur, wie so oft, um Variationen eines Themas, sondern es wird eine ganze Bandbreite aufgefahren, die außerdem noch durch mehrere Ohrwurm-Songs ergänzt wird.

Da fällt mir gar kein großes Fazit ein, außer: Unbedingt sehens- und hörenswert!


Die deutsche DVD von MVW erinnert qualitativ an eine recht ordentlich erhaltene VHS, Bild dürfte aber immerhin im Originalformat sein (wenn auch nicht anamorph). Egal, kaufen! Billig gibt's die Scheibe im Moment z.B. noch bei Ebay, ansonsten aber schon schwerer zu finden das Teil. Ach ja, den Covertext sollte man ignorieren, denn da wird mal wieder heftigst gespoilert!

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PostPosted: 14.10.2012 23:14 
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Der Geisterzug (Rainer Wolffhardt, 1957)

Eine illustre Gruppe von Reisenden ist per Zug unterwegs. Diverse Neckereien und Reibereien sorgen dafür, dass die Stimmung nicht unbedingt auf dem Höhepunkt ist, außerdem gießt es in Strömen und der Zug hat Verspätung. Es kommt wie es kommen muss: sie verpassen den letzten Anschlusszug und müssen nun in einem spärlich ausgestatteten Aufenthaltsraum eines kleinen Bahnhofs irgendwo in der Einöde die Nacht verbringen. Doch damit nicht genug, der Bahnhofsvorsteher tischt den ohnehin schon genervten Passagieren weiterhin noch eine wirre Story von einem Geisterzug und damit in Verbindung stehenden Todesfällen auf. Schnell werden die Erzählungen als Aberglaube abgetan, als dann allerdings tatsächlich seltsame Vorkommnisse folgen, wird ihnen doch etwas anders zumute...

Dachte ich mir, wo ich Zug-Filme aus irgendeinem Grund generell faszinierend finde, klingt das doch nach einer richtig reizvollen Prämisse, aber es pendelt sich zwischen bestenfalls Mittelmaß und Enttäuschung ein. Die Charaktere rangieren zwischen farblos, anstrengend und, selten, amüsant. Ein älteres Frauchen, das zusammen mit ihrem Papagei reist, strapaziert z.B. eher die Nerven, dafür kann ein echter Spaßvogel, der seinen Mitreisenden mit herrlich dämlichen Sprüchen und Scherzen auf den Geist geht, durchaus den ein oder anderen Lacher auf seiner Seite verbuchen. Wie gesagt, der Rest der Truppe kann hier nicht wirklich was reißen, weder nach oben noch nach unten, wobei zumindest das Auftauchen eines mysteriösen Mädels für etwas Abwechslung sorgt. Mystery und vielleicht zarter Grusel ist es ja auch, was ich mir hier erhofft habe, verbunden mit der Befürchtung, dass es in Anbetracht des Entstehungsjahres sicher noch etwas altbacken und bieder zugeht. Letztgenanntes Manko fällt jedoch anfangs nicht allzu sehr ins Gewicht und die Ausgangssituation lässt sich auch nicht ganz schlecht an. So wechseln sich halbwegs gelungene Einfälle mit eher antiquiert anmutenden Sequenzen ab, nur leider will sich nie so recht eine wirklich einnehmende Atmosphäre einstellen und die ach so überraschende finale Auflösung killt dann schließlich erfolgreich den gerade mühsam etablierten Zauber.

Kein völlige Zeitverschwendung, aber muss nicht nochmal sein.

Die Pidax-Scheibe wartet mit einer recht rustikalen Qualität auf, ist aber zu ertragen.



Maladonna (Bruno Gaburro, 1984)

Osvaldo (Maurice Poli), der Herr des Hauses, ist empört als er auf das altehrwürdige Raininger-Anwesen zurückkehrt und mitbekommt, dass seine Frau (Paola Senatore) dort während seiner Abwesenheit wilde Orgien veranstaltet hat. Zwischen den beiden Eheleuten ist allerdings sowieso schon jegliche Flamme der Liebe erloschen, sofern diese überhaupt mal existiert hat, und so projiziert die Dame des Hauses ihre ganze Leidenschaft auf ihren Liebhaber Alessio (Daniel Stephen), wobei sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, dass der es nur auf ihr Geld abgesehen hat. Doch auch der verbitterte Ehemann lernt eine Seelenverwandte kennen und lieben, wobei ihm wiederum nicht klar ist, dass diese in Wirklichkeit mit eben diesem Alessio, der ja mit seiner Frau beschäftigt ist, gemeinsame Sache macht. Dann sind da noch das Dienstmädchen (Claudia Cavalcanti) und so ein Art Stallbursche, die sich ebenfalls lieben und davon träumen, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Welchen Ausgang wird es aus diesem Netz der Gefühle, Sinnlichkeiten und Intrigen wohl geben?


Ach herrlich! Ein absolut gefälliges Schmuckstück, womit ich nicht sagen will, der Film sei perfekt, aber die richtigen Zutaten sind alle vorhanden und wie diese hier in den besten Szenen verschmolzen werden, da hatte ich doch desöfteren das Gefühl, den Jackpot im Bereich der Italo-Erotik geknackt zu haben. Massig Pluspunkte sammeln können allgemein schonmal das ins historische Ambiente verlegte Geschehen, und die bildhaft ästhetisierte sowie einmal mehr von Maestro Cipriani musikalisch wundervoll ausstaffierte Inszenierung. Regisseur Bruno Gaburro sehe ich seit MALOMBRA, der der inhaltlich lose verknüpfte Vorläufer zu MALADONNA ist, sowieso als einen der heimlichen Meister dieser spezifisch italienischen Spielart des Erotik-Genres an.
Wie man nach meiner Inhaltsangabe aber vielleicht schon ansatzweise erahnen kann, verliert sich der Film streckenweise in etwas überambitioniert wirkenden Handlungssträngen, die dann letztendlich doch nicht sonderlich viel Substanz vorzuweisen haben. Zum Glück wird der Fokus jedoch immer wieder schnell genug auf die Erotikszenen gerichtet, welche hier eben wirklich außerordentlich ansprechend durchstilisiert sind und obendrein einen gewissen Einfallsreichtum nicht vermissen lassen. Paola Senatore fügt sich mit ihrer etwas raueren, reiferen Ausstrahlung stimmig in dieses klassische Setting ein (und zeigt, wenn es heiß hergeht, kaum Zurückhaltung), während die jüngere Claudia Cavalcanti einen passenden Kontrast dazu bildet, und der gute Maurice Poli ist doch einer, den man immer gerne sieht, besonders wenn er so bedeutungsschwanger umherschleichen darf. Ferner sind die üblichen Verdächtigen, wie Pasquale Fanetti (Kamera) und Piero Regnoli (Story) wieder mit von der Partie.

Eine grundlegende Affinität zum Genre vorausgesetzt, ein Film, den ich nur wärmstens weiterempfehlen kann.

In Hongkong unter dem Titel THE UNTOLD STORY OF LADY O auf DVD veröffentlicht. Bildqualität ist okay, Ton leider nur eine üble engl. Synchro, der man lediglich zu Gute halten kann, dass sie immerhin gut verständlich ist (somit kann man dann auf die außerdem anwählbaren engl. UTs verzichten, denn diese stiften mehr Verwirrung als alles Andere).



Hospital der sexy Schwestern (Joe D'Amato, 1977)

Der ausschweifend lebende Gynäkologe Guido Lo Bianco (Massimo Serato) hat sich beim Bau seiner neuen Klinik heftig verkalkuliert und ist bei einigen zwielichtigen Geldgebern in Ungnade gefallen, so dass er zusammen mit einem befreundeten Anwalt (Mario Carotenuto) den Plan ausheckt, erstmal für eine Weile aus Italien zu verschwinden. Für seinen Posten soll nun irgendein Trottel gefunden werden, der als eine Art Marionette eingesetzt werden kann. Die Wahl fällt schnell auf den aus einfachereren Verhältnissen stammenden Frauenarzt Franco Giovanardi (Renzo Montagnani), welcher zwar erst ablehnt, aber der Verlockung einer ordentlichen Gehaltssteigerung doch nicht lange widerstehen kann. In seiner neuen Praxis weht nun jedenfalls ein ganz anderer Wind, denn wie er schnell merkt, verkehren (was man durchaus wörtlich verstehen kann) dort hauptsächlich Damen der High Society, denen es eigentlich an gar nichts fehlt, außer an Liebe Zuwendung ihrer meist schon betagteren Gatten. Doch auch bei diesen anfangs noch angenehmen "außerärztlichen Pflichten" wird es irgendwann zu viel des Guten...

Komödien sind ja zur Abwechslung mal ein Genre, das der schaffensfreudige Herr D'Amato nur selten beackert hat. Daher wusste ich auch nicht so recht, was ich hier erwarten soll, wobei meine Vermutung doch stark in Richtung sleaziger Erotik-Klamauk der untersten Schublade ging. Mein Gehirn war also schon fast auf Sparbetrieb eingestellt, nur um dann bereits in den ersten Minuten eines Besseren belehrt zu werden. Eine ganze Reihe von Charakteren, die alle in irgendwelche schwer durchschaubare Geldgeschichten verwickelt sind, wird da eingeführt, so dass ich mich nur fragen konnte: "Wo, um Himmels Willen, soll das alles hinführen?" Genau das ist dann eben auch das große Problem: während der Humor auf der Strecke bleibt und die Erotik aus müden Entkleidungs-Einlagen besteht, nehmen völlig uninteressante Handlungsstränge viel zu viel Raum ein. Es wirkt, als wollte D'Amato hier schon mehr als nur eine billige Sex-Komödie drehen, so werden beispielsweise ganz am Rande Themen wie die Selbstbestimmung der Frau oder die Gesellschaftsfähigkeit einer lesbischen Beziehung angesprochen. Hilft aber alles nichts, wenn lahmer Klamauk und ein überfrachtetes Story-Konstrukt, welches am Ende doch kaum sinnvoll aufgelöst wird, das Bild bestimmen. Selbst rein formal, abgesehen von wenigen Ausnahmen, ein selten einfallslos und unattraktiv umgesetztes Unterfangen. Schade um den gut aufgelegten Renzo Montagnani, die Komiker der alten Garde, wie Mario Carotenuto und Aldo Fabrizi, sowie die Damenriege bestehend aus Paola Senatore, Lorraine De Selle, Dirce Funari und Marina Hedman, die hier alle nicht viel zu tun haben.

Lediglich ein paar gelegentliche milde Schmunzler konnten mich vom vorzeitigen Abschalten abhalten. Ansonsten aber ein Film, der zwar gewisse Ambitionen durchscheinen lässt, aber sich zwischen satirischen Ansätzen und ausgelutschten Albernheiten gründlich verzettelt.

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Merkwürdige Geschichten - Serie (Fritz Umgelter, 1970)

Anruf aus dem Jenseits

Ein international tätiger Geschäftsmann kommt gerade zu Hause an, und erwartet, dort seine Freundin, die Stewardess ist, anzutreffen. Stattdessen empfängt ihn jedoch nur die Haushälterin, weiterhin hat ihm seine Lebensgefährtin eine leere Postkarte aus Beirut zukommen lassen und kurze Zeit später erzählt ihm ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft, seine Freundin sei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Doch da erhält er plötzlich einen Anruf und ihre Stimme erklingt, was nicht das einzige seltsame Vorkommnis bleiben soll...

Das ist sie nun also, die Mystery-Serie aus Deutschland, zu der Infos im Netz so rar gesät sind, dass ich mich frage, ob die damals bei der Ausstrahlung überhaupt jemand gesehen hat. Zumindest kann man wohl davon ausgehen, dass sich der Bekanntheitsgrad und der Erfolg doch sehr in Grenzen gehalten haben, was ja aber natürlich noch kein Indikator für mangelnde Qualität sein muss.
Es beginnt scheinbar immer mit einer Rahmenhandlung, dass sich eine Gruppe von Leuten unter verschiedenen Umständen zusammenfindet und einer davon eine Geschichte zum Besten gibt, welche dann die Haupthandlung der Episode darstellt. Dabei geht es weitestgehend erstmal grundsolide zu. Inszenatorisch konnte ich bisher keine besonders eindrücklichen Kniffe feststellen, soweit aber alles im grünen Bereich. Von nervenzerfetzender Spannung kann sicher keine Rede sein, Manches wirkt auch etwas zu gewollt auf mysteriös getrimmt, nichtsdestotrotz wird das Interesse gehalten. So bleibt man also dran und stößt im weiteren Verlauf doch noch auf den ein oder anderen gelungenen Einfall, und Szenen, die einem, wenn schon keinen eiskalten, doch zumindest einen kühlen Schauer über den Rücken jagen.

25 Minuten brauchbare Unterhaltung, nach denen ich jedenfalls noch Muse hatte, gleich noch eine weitere Folge nachzuschieben.

Quali der VÖ von Pidax geht auch voll in Ordnung.


Ein Brief aus der Vergangenheit

Ein junger Professor und seine Schwester, mit der er zusammen wohnt, führen ein recht beschauliches Leben. Eines Tages erhalten sie mit 17 Jahren Verspätung einen Brief, der eigentlich an ihren Vater gerichtet war, der zu dem Zeitpunkt, zu dem der Brief hätte ankommen müssen, allerdings auch schon verstorben war. Jedenfalls sind die beiden überrascht, als sie aus dem Schreiben erfahren, dass ihr Vater sich damals wohl nach einem anderen Haus umgesehen hat. Zumal es sich der Erläuterung nach um ein recht großzügiges Anwesen handeln muss. Außerdem finden sie heraus, dass das Haus trotz des günstigen Kaufpreises aus dunklen Gründen auch nach dieser langen Zeit immer noch keinen Abnehmer gefunden hat. Einiger Warungen zum Trotz, will sich der Professor nun doch mal auf den Weg machen, um zu sehen, was es damit wirklich auf sich hat...

Was die generelle Machart angeht, trifft das, was ich weiter oben zur ersten Episode geschrieben haben, größtenteils wieder zu. Allerdings empfand ich den Ansatz der Story, um dieses geheimnisumwitterte Haus, noch eine ganze Spur effektiver. Wie sich dieser halb schüchterne und halb zielstrebige Bursche da langsam seinem Ziel nähert, begeleitet von rätselhaft düsteren Vorhersagen, und was ihn schließlich dort erwartet und wie das Ganze aufgelöst wird... - das hat schon was.

Erneut sollt man keinen bahnbrechenden Kracher erwarten, aber von einer deutlichen Steigerung gegenüber der ersten Episode würde ich schon sprechen bzw. hat mir die Geschichte schlicht und einfach mehr zugesagt. Mal schauen wie's nun weitergeht, 11 weitere Folgen warten noch auf Sichtung.


Die Kälte einer Sommernacht

Ein Ehepaar ist drauf und dran, einen gemütlichen Urlaub in einem alten Landhaus zu verbringen. Aufgrund der schlechten Wetterlage brauchen sie für den Weg länger als gedacht, doch schließlich erreichen sie ihr Ziel. Wieso allerdings steht die Haustür schon offen und wo kommt dieses ab und zu zu hörende Husten her? Die Lage wird nicht unbedingt beruhigender, als der Mann wegen eines reizvollen Rollenangebotes vom Theater schon am nächsten Tag wieder abreist. Seine Frau ist nun also erstmal alleine in dieser wenig einladenden Unterkunft und bald stehen auch noch düstere Gestalten vor der Tür...

Diesmal geht's direkt los ohne Rahmenhandlung. Ähnlich wie in der vorherigen Folge, zu Beginn wieder die Fahrt zu einem geheimnisvoll anmutenden Haus. Im weiteren Verlauf ein paar sanfte Schreckmomente und insgesamt okaye Atmosphäre und Story-Entwicklungen. Als etwas gewöhnungsbedürftig empfand ich die Charaktere bzw. die Schauspieler, die diese verkörpern - ist halt ein eher ungleiches Paar, aber gut, warum nicht.


Die verhexte Bahnstation

Ein Doktor möchte einen befreundeten Baron auf seinem Schloss besuchen. Zu diesem Zweck nimmt er also den Zug und steigt schließlich bei einer kleinen Station inmitten einer bergigen Waldgegend aus, in der Hoffnung, dass ihn sein Gastgeber von dort aus abholt. Dem ist aber nicht so und nachdem sich der betagte Bahnhofsvorsteher ebenfalls als nicht besonders hilfreich entpuppt, beschließt der Doktor, dass er per Abkürzung durch den Wald das Schloss wohl auch zu Fuß erreichen wird. Als er in dem finsteren Dickicht jedoch mehrmals meint, den Bahnhofvorsteher zu sehen, merkt er, da stimmt irgendwas nicht, und kehrt zur Bahnstation zurück...

Richtig klasse fand ich in dieser Episode dieses naturverbundene Setting - Berg und Tal, dichte Wälder, rauschende Flüsse - alles sehr stimmig eingefangen. Auch die Geschichte ist recht interessant aufgebaut und bietet genug Rätselhaftigkeiten, bei denen man doch ein wenig gespannt sein kann, auf welche Weise sie sich schließlich zu einer Auflösung zusammenfügen oder ob sie vielleicht nur Rätselhaftigkeiten bleiben. Von den ersten vier Folgen bisher mein Favorit!



Als das Licht ausging... (Hy Averback, 1968)

Waldo Zirrer (Robert Morse), Vizepräsident und Schatzmeister der erfolgreichen Megatronics-AG, sackt eines Tages ganz dreist die ihm anvertrauten Gelder der Aktionäre ein und will sich damit natürlich so schnell wie möglich aus dem Staub machen. Doch das Vorhaben gestaltet sich noch weitaus turbulenter als angenommen, denn wer konnte schon damit rechnen, dass New York am gleichen Abend aufgrund eines riesigen Stromausfalls im Chaos versinkt. Zur ungefähr gleichen Zeit erwischt die Broadway-Schauspielerin Margaret Garrison (Doris Day) ihren Mann mit einer anderen Frau, und fährt daraufhin erstmal zu ihrem abgelegenen Zweitwohnsitz. Einige haarsträubende Zufälle später taucht allerdings genau dort Waldo mit seiner Geldtasche auf. Unter skurillen Umständen knocken sich beide vorübergehend mit einer Überdosis Schlafmittel aus, landen zwar irgendwie noch im gleichen Bett, aber kriegen voneinander vorerst gar nichts mit. Die schläfrige Stimmung wird allerdings rüde unterbrochen als Maggies Mann (Patrick O'Neal) in der Tür steht. Dieser erblickt erstmal nur seine Frau und zeigt sich ganz reumütig, als er dann aber bemerkt, dass da noch ein Mann in ihrem Bett liegt und angesichts dieser scheinbar so eindeutigen Situation, ist er fuchsteufelswild, dass sich seine Frau, wie er annimmt, so schnell für seinen "Ausrutscher" revanchiert hat. Und damit noch nicht genug, ein Regisseur (Terry-Thomas), der Maggie groß rausbringen will und auch darüber hinaus an ihr interessiert ist, ist ebenfalls im Anmarsch, und hofft, diese verzwickte Lage vielleicht zu seinem Vorteil nutzen zu können...

Tja, was kann man zu diesem Film sagen? - dass er inspiriert ist von dem "Great Blackout", der sich wohl wirklich 1965 in New York ereignet hat, und dass er unter Doris-Day-Fans scheinbar nicht den besten Ruf genießt. Na gut, was nun Doris Day betrifft, so hab ich doch tatsächlich noch nie einen Film mit ihr gesehen und ihr Mitwirken war für die Sichtung auch kein ausschlaggebender Faktor, sondern für mich klang schlichtweg die Grundidee reizvoll. Wie dem auch sei, was ich dann jedenfalls gesehen habe, ist eine absolut herrliche (!) Slapstick-Komödie, die meine gemäßigten Erwartungen streckenweise wolkenkratzerhoch übertroffen hat!
Eben diese Ausgangssituation mit dem Stromausfall schafft schon eine besondere, auf seltsame Weise wohlige Atmosphäre (wenn jemand ähnliche Filme kennt, bitte ich um Empfehlungen). Der Cast weiß ausnahmslos zu gefallen und erweckt die Charaktere mit überbordender Spielfreude zum Leben. Die ganzen irrwitzigen Verwicklungen, die ich hier gar nicht adäquat wiedergeben kann, finden eine ausgesprochen treffliche Balance zwischen temporeich aber auch nicht zu überkandidelt. Besondere Knüller sind z.B. als der wütende Ehemann versucht, die beiden mit Schlafmittet vollgepumpten Gestalten auszufragen; oder auch die Szenen des Nachrichtensprechers, der bei Notstromaggregat und Kerzenschein arg Mühe hat, gegen seine zunehmende Müdigkeit anzukämpfen.
Leider schwindet die Faszination ein wenig, als ungefähr nach der reichlichen Hälfte der Laufzeit die Lichter wieder angehen. Und im Schlussteil scheint den meist zwar immer noch amüsanten Einfällen und Wendungen dann doch langsam die Puste auszugehen. Das sollte jedoch den tollen Gesamteindruck nicht zu sehr stören. Ansonsten noch erwähnenswert, die pittoreske Visualisierung und die angenehme Musik von David Grusin, mit einem sich sofort einschmeichelnden Titelsong der Gruppe The Lettermen.

So sieht gute Komödien-Unterhaltung aus! Nicht verpassen, wenn er mal wieder im TV läuft.


Dezember 2011




Mich machen alle an! (Joel Seria, 1981)

San Antonio, seines Zeichens Kommissar und Frauenheld, wird auf einen Knasti angesetzt, der irgendeine hochbrisante Erfindung der Russen geklaut hat. Seine vertrottelten Kollegen sind ihm dabei keine große Hilfe, und so stürzt er von einem Abenteuer ins nächste, wird von verführerischen Frauen in Fallen gelockt und schwebt später sogar in unmittelbarer Lebensgefahr...

Was zur Hölle hat sich Obskurfilmer Joël Séria bei diesem Streifen gedacht? Vergleichbares hab ich bisher kaum gesehen, soviel steht schonmal fest. Es beginnt mit einer seltsam anmutenden "Blue Screen"-Autofahrt durch Paris, bei der sich der Protagonist kurz vorstellt, und ehe man sich's versieht, wird man auch schon hineingezogen in diese hammerharte Klamauk-Groteske, die sich hemmungslos dem Wahnsinn hingibt. Ob Brutalo-Gags, die wirken wie aus skurillen Alpträumen entsprungen; anzüglich sexualisierte Witzchen oder Splatter-Andeutungen - das alles und noch viel mehr findet der ungläubige zuschauer hier.

Endlich mal jemand, der sich traut, die Grenzen des Komödien-Genres neu auszuloten! Allerdings war ich dann doch froh, als die reichlich 80 Minuten rum waren, denn länger hätte ich diese Tour de Force der Brachial-Komik wohl nicht ertragen.

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Gebissen wird nur nachts (Freddie Francis, 1970)

Die Hollywood-Schauspielerin Betty Williams (Pia Degermark) ist die Urenkelin des Barons von Rabenstein. Sie reist nach Transylvanien, um sich nun mal ein Bild zu machen von diesem Schloss, das sie erben soll, dort trifft sich jedoch erstmal nur einen Diener an, der schon bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Der neue Gast hat nämlich erstaunliche Ähnlichkeit zur alten Baronesse Clarimonde (ebenfalls Pia Degermark), der nicht nur wilde sexuelle Ausschweifungen nachgesagt werden, sondern die auch immer noch sehr aktiv ist und sich durch regelmäßige Blutaufnahme ihre Schönheit bewahrt. Lediglich die Haarfarbe unterscheidet die beiden und als dann Perücken ins Spiel kommen, nehmen die turbulenten Verwechslungen ihren Lauf. Weiterhin werden die Mönche des angrenzenden Priesterseminars in Versuchung geführt, und der charmante Lehrer des nahgelegenen Mädchen-Pensionats hat auch noch ein Wörtchen mitzureden...

Das ist doch mal Feines, ein schwungvoller Erotik-Schwank im astreinen Gothic-Gewand! Eben dieses Setting ist bereits ein absoluter Hingucker, der mit tollen Drehorten, stimmig ausgeleuchteten Kulissen und kunterbunten Designs das Auge erfreut. Der Brit-Grusel-erprobte Freddie Francis hat hier also zur Abwechslung mal in Deutschland ganze Arbeit geleistet, und ein Kuriosum geschaffen, das in Sachen Ideenreichtum und visueller Brillanz so manchem Hammer-Schinken aussticht.
Pia Degermark macht in ihrer Doppelrolle viel Spaß, und so kann man sich höchstens ärgern, dass ihre Filmographie so mickrig ausgefallen ist. Der Rest des Casts bringt seine Klischeefiguren einigermaßen vergnügt rüber, und für die mitunter recht schräge musikalische Untermalung war Jerry van Rooyen zuständig, der mich schon bei Jess Francos SUCCUBUS begeistern konnte. Was diese Filme außerdem verbindet, ist der Produzent, ein gewisser Pier A. Caminecci, bei dem es mich nicht wundern würde, wenn er hier auch filmtechnisch ein bisschen Input hat, denn Nuditäten in solch beachtlich hoher Frequenz und seltener auch mal leichte Sleazigkeiten traue ich dem doch eher auf traditionelle Horror/Grusel-Stoffe abonnierten Francis nicht unbedingt zu.
Ein Highlight ist der lange Showdown im Rahmen eines Kostümballs, zu dem sogar Graf Dracula höchstpersönlich per Hubschrauber eingeflogen wird. "Seine Draculenz" (um mal einen Eindruck von den Wortspielen zu geben) wird hier jedenfalls als echter Lüstling porträtiert, der früh morgens, als er noch mit seinem zahlreichen weiblichen Besuch beschäftigt ist, von den ersten Sonnenstrahlen überrascht wird ("Die Nacht hat doch gerade erst begonnen!") und sich mit heruntergelassenen Hosen auf die Suche nach einem sicheren Ort machen muss - herrlich!
Okay, ich geb's ja zu, wer vollkommen allergisch auf Klamauk reagiert, der wird hier vielleicht trotz der traumhaften Schauwerte irgendwann die Nase voll haben. Der Humor bewegt sich zwischen launigen Einfällen und drögen Kalauern; die Story bietet mal mehr und mal weniger geschickt aneinander gereihte Genre-Versatzstücke. Wie aber diese "Unzulänglichkeiten" so völlig selbstverständlich mit fast schon meisterlicher Konsequenz mit der stilvoll-stylischen Inszenierung vereint werden, das ist es, was hier den Reiz und die Faszination ausmacht.

Eine der besten, charmantesten und schönsten Grusel-Komödien, die ich kenne. Für aufgeschlossene Horror- und Erotik-Fans gleichermaßen Pflichtprogramm.

Selbst Laser Paradise hat sich nicht lumpen lassen, und hier mal sehr ordentliche Qualität abgeliefert. Die deutsche DVD-VÖ kann ich somit nur empfehlen. Ein Hinweis noch: wer bei Amazon ordert, sollte beachten, dass unter dem Titel "Gebissen wird nur nachts" eine englischsprachige Version gelistet ist, und unter "The Vampire Happening" die deutsche.



Fieber im Blut (Mauro Bolognini, 1986)

Gerade als die Pest überstanden ist, sorgt die Ankunft eines charmanten Jünglings (Jason Connery) in Venedig für allerlei Aufsehen. Im Mittelpunkt: Angela (Laura Antonelli) und Valeria (Monica Guerritore), beides Damen der oberen Gesellschaftsschicht. Was Valeria angeht, ist es bei ihm Liebe auf den ersten Blick. Etwas anders verhält es sich mit Angela, diese verzehrt sich nämlich bereits nach ihm, während er noch gar nichts von seinem Glück weiß. Das mit der Magd abgesprochene Treffen mit Valeria fällt jedoch ins Wasser, da ein von Angela engagierter Ortskundiger den begehrten Blondschopf doch noch überreden kann, eben lieber diese aufzusuchen. Wird es ihm dennoch gelingen, beide Frauen in einer Nacht glücklich zu machen?

Schick, schick, was Mauro Bolognini hier an wohlkostümierter Besetzung und edel abgefilmter architektonischer Opulenz auffährt (kein Wunder, bei dieser Stadt als Kulisse!). Wobei sich, in Anbetracht dieser stilvollen wie unterkühlten Inszenierung und den im Liebestaumel geschwollen daherredenden Figuren, der, wie üblich, angenehm ins Ohr gehende Morricone-Score erstmal als die einzige wirklich greifbare Qualität herauskristallisiert. Im weiteren Verlauf entfalten die wenigen Momente, in denen die allgegenwärtige Begierde etwas explizitere Formen annimmt, jedoch gerade aufgrund der vorherigen Zurückhaltung eine viel stärkere Wirkung. Und auch erzählerisch machen der lockere, auch mal deftigere Umgangston, der sich anfangs noch wie ein Fremdkörper anfühlt, sich jedoch schnell zum stimmigen Gegenpol fügt, diese atmosphärische Chronik einer venezianischen Liebesnacht der nicht alltäglichen Sorte zu einer recht vergnüglichen Angelegenheit.
Der Sohn von Sean Connery wird mit seiner etwas unbedarften Art seinem hier zu erfüllenden Rollentypus absolut gerecht, Laura Antonelli mangelt es auch ca. 20 Jahre nach ihren ersten Gehversuchen in den Welten der italienischen Erotik und/oder Komödie keineswegs an eindringlicher Ausstrahlung und atemberaubender Schönheit, und eine ebenso liebreizende Erscheinung ist ihre Magd im Film, gespielt von einer gewissen Clelia Rondinella.

Gleichermaßen, sowohl elegant und distanziert als auch launig und augenzwinkernd aufbereitetes Sittenbild einer vergangenen Epoche, das für leichte, auf genießbare Weise angekitschte Unterhaltung sorgt.



Die letzte Nacht des Boris Gruschenko (Woody Allen, 1975)

Boris (Woody Allen) ist der Spross einer traditionellen, russischen Familie. Was ihn vom Rest der Sippe unterscheidet, ist seine stark ausgeprägte intellektuelle Ader, die ihn immer wieder auf die großen Fragen rund um Leben, Liebe, Tod und Gott bringt. Die einzige, die ihm auf diesem Niveau Paroli bieten kann, ist seine Cousine Sonja (Diane Keaton), die für ihn auch die perfekte Traumfrau darstellt. Problematisch wird es allerdings schon deshalb, weil sie eher auf Boris' grobschlächtigen Bruder Ivan steht. Doch dann folgt auch noch der Aufruf, dass die jungen Männer in den Krieg gegen Napoleon ziehen sollen, was Boris nun so gar nicht mit seinem Wesen vereinbaren kann. Doch der Druck der Familie ist zu stark und so findet er sich wider Willen auf dem Schlachtfeld wieder. Dort ist er natürlich völlig fehl am Platz, und gilt aufgrund seiner tollpatschigen Art schon bald überall als Feigling, doch einige wundersame Zufälle später ist er tatsächlich einer der wenigen, die die verlustreichen Gefechte lebend überstehen, und sogar eine ganze Reihe von Orden bringt er mit nach Hause. Seine Sonja hat inzwischen ein stinkenden Fischhändler geheiratet, allerdings gibt er die Hoffnung nicht auf, dass er bei ihr doch noch eine Chance hat. Nebenbei erlebt der "intellektuelle Frauenheld" jedoch noch eine aufregende Liebesnacht mit einer Gräfin, gerät wegen eines eifersüchtigen Ehemanns mächtig in die Bredouille und wird schließich in ein wahnwitziges Attentat auf Napoleon verwickelt...


Nach SCHATTEN UND NEBEL nun mein zweiter Film von und mit Woody Allen, und nach diesem überaus positiven Erlebnis wird es auf keinen Fall mein letzter gewesen sein. Was sich hier nämlich offenbart ist ein kreativ inszeniertes Feuerwerk der Komik, das auf herrlichste Weise skurille Albernheiten und geistreich-philosophisch verschwurbelte Spitzen zusammenführt. Irrwitzige Dialoge und Wortspielereien treffen hier am laufenden Band ins Schwarze, ja der gute alte Slapstick wird so schön wie nur selten regelrecht zur Kunstform erhoben. Einzelne Szenen rauszupicken, macht vielleicht nicht allzu viel Sinn, aber es sei nur soviel gesagt: das wirklich Reizvolle ist, das der Film sich eben nicht nur auf die geschwätzige Humor-Ebene beschränkt, sondern diese einbettet in Bilderwelten aus prachtvollen Kulissen, grotesken Szenarien und bizarr-surrealen Auswüchsen.
Wie gesagt, Woody Allen ist für mich noch Neuland, aber hier habe ich an seiner Art definitiv Gefallen gefunden. Daneben kann jedoch vor allem auch Diane Keaton mit überschäumender Spielfreude glänzen, und wem das noch nicht reicht, der kann in einer kleinen Rolle Howard Vernon auch mal abseits von Onkel Jess sehen. Weiterhin nicht zu verachten, Olga Georges-Picot (diesen Namen musste ich anschließend gleich raussuchen) als unwiderstehliche High-Society-Dame.

Eine Komödie, die mit durchweg hohen Spaßfaktor, einer Vielzahl kurioser Einfälle, einem klasse aufgelegten Cast und diversen visuellen Highlights punkten kann. Sicher auch ein guter Einstieg für Leute wie mich, die aus eher diffusen Gründen bisher größtenteils Abstand gehalten haben von den Werken Woody Allens.

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Sieben Miezen klauen 'ne Million (Pedro Lazaga, 1979)

Ein Gruppe ausgefuchster Girls legt unter Einsatz ihrer weiblichen Reize reiche, alte Lüstlinge aufs Kreuz und scheffelt so fett Kohle. Die Geschädigten sollen sich dabei am Ende möglichst immer in einer so peinlichen Lage befinden, dass auch ein Gang zu den Behörden nicht in Frage kommt. Der Moral wegen werden jedoch nur solche Herrschaften ins Visier genommen, die sich ihre Reichtümer meist auf eher unfeine Weise ergaunert haben...

Da wird halt ein unglaubwürdiger Coup nach dem anderen ausgeheckt, anzügliche Typen treffen auf auszügliche Frauen, und nach einem Sinn oder gar so etwas Spannung sollte man am besten gar nicht erst fragen. Im Grunde handelt es sich also um nicht mehr als ein abgedroschenes Spiel mit Klischees, dass auch als Komödie kaum Land gewinnen kann. Umso erstaunlicher, dass die 80 Minuten trotz aller Defizite wie im Flug vergehen, und statt Langeweile größtenteils Kurzweil herrscht. Denn wenn die mühsam zusammengeflickten, episodenhaften Story-Fragmente für irgendetwas gut sind, dann zumindest dafür, dass ständig was los ist. Zudem kann man mit sonnigen Mittelmeer-Locations nicht soviel falsch machen, und da Fabio Frizzi auch noch gleich zwei Ohrwürmer auspackt, ist in den besten Momenten schon wieder für richtig angenehmes 70er-Flair gesorgt.
Ein kurzer Blick auf den Cast lohnt ebenfalls, so finden sich z.B. in den Rollen der Macho-Schnösel wohlbekannte Genre-Größen wie Giacomo Rossi-Stuart und Alberto de Mendoza. Für die Seite der weiblichen Gegenspieler, einschließlich der gelegentlich aufblitzenden nackten Haut, sind dann u.a. Janet Agren, Adriana Russo und Rossana Podesta zuständig - alles Namen, denen ich jetzt spontan keine Gesichter zuordnen könnte, aber die den meisten sicher schonmal im mittleren Drittel einiger Besetzungslisten aufgefallen sind.

Ein Film für alle, die sich an gemütlicher Belanglosigkeit und halbwegs inspiriertem Schund-Charme erfreuen können.

Die Scheibe von MHV ist jedenfalls ganz brauchbar.



100 Fäuste und ein Vaterunser (Mario Siciliano, 1972)

Im kleinen Örtchen Moonsville liegt einiges im Argen: die fromme Gottesdienerin (Uschi Glas) muss die Messe unter freiem Himmel abhalten, da es nicht nur an einem Pfarrer, sondern auch an einer Kirche mangelt. Dem neuen Pfarrer (Enzo Andronico) werden bei seiner Anreise, als er unterwegs ein Bad nimmt, die Sachen geklaut, und so schlüpft der Gauner Mortale (Ron Ely) in dessen Rolle. Zusammen mit seinem Kollegen Salto (Alberto Dell'Acqua) vollbringt er nun trotz ursprünglich nicht so edler Absichten die ein oder andere gute Tat. Denn schlagkräftige Unterstützung kann die Bevölkerung gut gebrauchen, sorgt doch ein gewisser Lupo (Ezio Marano) mit seiner Bande nachts für Angst und Schrecken, um so die Anwohner zu vertreiben und das Stückchen Land an sich zu reißen...

Mario Siciliano, einer der konsequentesten Meister des Schundigen, hat in den frühen 70ern also auch mal den italienischen Wilden Westen unsicher gemacht, und dabei Filme geschaffen, die sicher so manchem Fan des Genres Alpträume bescheren. Trotz alledem ist es durchaus beachtlich, in welch sonderbare Gefilde der durchweg comichafte Drive vordringt. Diese, in Look und Gangart so stimmige Art der Inszenierung ist schwer in Worte zu fassen, aber Siciliano war ein echter Meister darin (am besten verdeutlicht das vielleicht sein obskurer Giallo-Verschnitt BLUTIGE MAGIE).
Nun aber mal konkreter, was hat seine Western-Vision also zu bieten? Zum einen ist da ein total irrer Gangsterboss namens Lupo, der seinem Namen alle Ehre macht, denn wenn er nicht gerade versucht, mit ausgestopften Vögeln zu kommunizieren oder heftig sächselnd seine Mannschaft zusammenscheißt, dann heult er auch gerne mal wie ein Wolf in den Nachthimmel (oder er haut seinen Kopf gegen die Wand, oder er rollt sich auf dem Boden rum, oder oder oder). Seine geniale Idee war es wohl auch, den unbescholtenen Bürgern das Fürchten zu lehren, indem er seine Leute zu später Stunde in Bettlaken gehüllt durch das Städtchen reiten lässt. Wem das noch nicht genug surrealer Italo-Wahnsinn ist, dem seien die Szenen rund um die gruselig anzusehende, alte Jungfer Gertrude ans Herz gelegt. Deren bisherige Männer haben scheinbar alle schon in der Hochzeitsnacht, bevor der Akt vollzogen werden konnte, das Zeitliche gesegnet, und nun soll sie mit einem der Gehilfen Lupos vermählt werden, um so an ihr Grundstück zu kommen.
Bevor der Film dann aber vollends in Richtung Horror kippt, gibt es auch noch Irrsinn der etwas handelsüblicheren Sorte. Da wäre z.B. der echte Priester, der splitternackt durch die Gegend stolpert, und mit einem Fass oder was halt immer in der Nähe ist, gerade noch seine privatesten Teile bedecken kann. Ansonsten wird gekloppt, was das Zeug hält, mal unter Zuhilfenahme eines Wasserwerfers, mal mit zweckentfremdeten Torten. Und in besinnlicheren Momenten da philosophieren Salto and Mortale (aka Sartana und Halleluja) wehmütig darüber, dass das einst so gemütliche Banditenleben inzwischen ebenfalls dem Leistungsdruck unterworfen ist. Ach ja, dann ist da noch ein beknackter alter General, der beständig von George Washington schwärmt, ein vertrotteltes Profikiller-Duo aus England, und eventuell noch mehr Unsinnigkeiten, die meiner Erinnerung entfleucht sind.
An Musik gibt's dazu nettes Gedudel, zumindest wenn nicht gerade eher unpassend der Hit "Popcorn" von The Popcorn Makers (die Melodie dürfte jeder kennen) ertönt, also natürlich nur in der deutschen Fassung. Der platinblonde Dell'Acqua fliegt in den Kampfszenen ordentlich durch die Luft, Ex-Tarzan Ron Ely ergänzt das Buddy-Duo ganz passabel und gegen Uschi Glas will ich kein schlechtes Wort hören, denn zu dieser Zeit war sie ja wohl ein echtes Schnuckelchen. Weiterhin massig bekannte Gesichter, wie Dan van Husen, Dante Maggio, Stelio Candelli, Lars Bloch, und sogar Nello Pazzafini schaut kurz vorbei.

Vollkommen bekloppter Klamauk, der in den bizarren Momenten tatsächlich zu faszinieren weiß und ansonsten zumindest nicht langweilt. Jedenfalls längst nicht so schlecht wie sein Ruf und somit auch ein bisschen verkannte Filmkunst (jaja, haltet mich nur für verrückt). Bleibt nur noch die Frage, was uns gegenüber der 20 Minuten längeren Originalfassung alles Schönes vorenthalten wurde (ich für meinen Teil träume ja immer noch davon, dass gerade auch solchen Titeln das Koch-Treatment zukommt).



Die trüben Tassen der Stube 9 (Nando Cicero, 1978)

Die Ärztin Eva Marini (Edwige Fenech) wird in eine Kaserne eingeschleußt, um das das Sexualverhalten der Soldaten zu erforschen...

Dies dient jedoch, wie erwartet, nur als Aufhänger für eine äußerst lose zusammenhängende Reihe von Sketchen, die mal wieder ziemlich Unglaubliches zu Tage fördert. Zu sehen gibt es Renzo Montagnani als Colonel, der ursprünglich Tänzerin werden wollte, und sich deshalb auch gerne mal als Frau verkleidet. Weiterhin, Gianfranco D'Angelo als wahnsinniger Stabsarzt, der den Rekruten zum Spaß die Zähne zieht oder mit der Amputation diverser Körperteile droht. Auch sind seine medizinischen Fähigkeiten wohl nicht so ganz ausgefeilt, denn einer der Rekruten (Alvaro Vitali), der sich immer auf die Schuhe gepinkelt hat, wurde deswegen operiert - mit dem Ergebnis, dass nun alles in seinem Gesicht landet. Ein anderer, der sich nicht mehr länger vor dem Militärdienst drücken konnte, hat derweil die Vorgesetzten bestochen und vergnügt sich auf der Isolierstation mit seinen wechselnden Damenbesuchen, zumindest wenn er nicht gerade versucht, Dr. Marini rumzukriegen, der er seine Einberufung zu verdanken hat. Währenddessen geht es auch in dem angrenzenden Dörfchen hoch her, denn dort buhlen Prostituierte von gigantischem Ausmaß um die Gunst der ausgehungerten Soldaten. Andere Männer schwören jedoch auf eine eher rustikale Bäuerin, mit einer sehr seltsamen Gesichtsfärbung. Doch es gibt auch noch eine andere "Dorfschönheit", die nun endlich mal beim männlichen Geschlecht landen will, sich jedoch mangels Erfolg vorerst darauf verlegt, in die Männertoilette der versifften Dorfkneipe zu illern. Und die notgeilen Rekruten versuchen bei jeder ihr Glück und gelangen nie zum Ziel. Lino Banfi mischt natürlich ebenfalls mit und spielt diesmal einen Geistlichen, der sich in dieser trostlosen Gegend um alles kümmern muss, sowohl um die Alten als auch um die unterernährten Kinder aus armen Familien (wird da tatsächlich Gesellschaftskritik laut?). Wem das noch nicht genügt, der bekommt obendrauf noch den unverwechselbaren Salvatore Baccaro als Zuhälter Crispino, der bitterlich den verlust eines seiner Mächen beweint und es mit jedem aufnimmt, der ein schlechtes Wort über sie verliert.
Das sollte als grobe Lagebeschreibung reichen, und festzustellen bleibt also, dass die sonstige Kombination aus trotteligen Typen und
weiblichen Blickfängen in diesem Fall zu einer allgemeinen Freakshow auf beiden Seiten abgewandelt wurde. Natürlich mit Ausnahme des ultimativen Lichtblicks namens Edwige Fenech, deren "Charakterisierung" (hüstel) hier jedoch so dürftig ausgefallen ist, dass man zu ihren sporadischen Auftritten wirklich nur Folgendes sagen kann: sie sieht unglaublich gut aus und Vorwände, sich um- oder auszuziehen, gibt es immer! Von der Gag-Quote würde ich den Streifen im unteren Mittelfeld einsortieren, will sagen, ein paar herzhafte Lacher sind schon drin und ich hab auch schon noch Schlimmeres gesehen. In Sachen Geschmacklosigkeit und Derbheit ist er jedoch ganz vorne mit dabei, und so wird es auch immer gerade dann interessant, wenn sich der Klamauk in die richtig unfassbar behämmerten Sphären katapultiert. Dazwischen regiert allerdings zuviel abgenutzte Kalauer-Routine der eher drögen Sorte. Davon abgesehen, ist die insgesamt reichlich uninspirierte Machart ebenfalls keine große Hilfe. Mag sein, dass die tristen, düsteren Bilder gelegentlich für ein gewisses krude-faszinierendes Flair sorgen, aber eigentlich kann man glauben, dass hier Giancarlo Ferrando hinter der Kamera war und Piero Umiliani für dieses einfallslose Getröte und Gedudel verantwortlich sein soll.

Die Vorstellung, dass sowas ernsthaft mal in die Kinos gebracht wurde, ist einfach zu herrlich. Jedes weitere Fazit erübrigt sich.

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Januar 2012


Schüler lieben hübsche Hasen (Marino Girolami, 1975)

Nach der Zweitsichtung bin ich nun ebenfalls begeistert, und kann mir überhaupt nicht mehr erklären, wieso ich den Film in meiner Erinnerung bloß als "mittelmäßig" abgespeichert habe. Wahrscheinlich war ich damals einfach noch nicht bereit für diese Charme-Offensive.

Was mir als erstes aufgefallen ist: der Film setzt gar nicht so vordergründig auf Humor und ist nun auch nicht übermäßig lustig. Das ist jedoch keineswegs ein Manko, sondern gerade eine der Stärken. Denn statt penetrant und lärmend forcierten Gags entwickelt sich der Witz so viel natürlicher aus der netten Geschichte und den liebenswürdigen Charakteren. Edwige Fenech kann natürlich wieder mit ihrem bezaubernden Charisma punkten, und hat hier mal eine dankbarere Rolle abbekommen, die zwar klar auf ihre Reize setzt, aber nicht nur zur plumpen Fleischbeschau verkommt. Und der wundervolle Soundtrack rundet das Gesamtbild schließlich perfekt ab.

Kurz gesagt: ein Paradebeispiel für die unwiderstehliche Faszination des Italo-Kinos und für Fenech-Fans sowieso ein Muss. Hätte eine anständige DVD-VÖ hierzulande verdient!

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Queens of Evil (Tonino Cervi, 1970)

Der junge David (Ray Lovelock) fährt mit seinem Motorrad ziellos durch die Gegend, bis er auf einer einsamen Landstraße auf einen älteren Herren trifft, der ihn um Hilfe mit seinem Wagen bittet. David wechselt ihm also den Reifen und zum Dank darf er sich nebenbei noch anhören, dass seine revolutionären Ideen bezüglich Freiheit, Gesellschaft, Liebe usw. alle nichts taugen. Zum Abschied warnt ihn der alte Mann zudem noch eindringlich vor den Verlockungen der Fleischeslust. Anschließend sieht sich David nach einem Lager für die Nacht um, und wird mitten im Wald bei einer scheinbar leerstehenden Hütte fündig. Doch als am nächsten Morgen die Vögel zwitschern, muss er feststellen, dass das nebenstehende Haus von drei außerordentlichen Grazien bewohnt wird. Diese nehmen ihn bei sich auf und obwohl sie eigenartige Verhaltensweisen an den Tag legen, hält er es, zumindest anfangs, noch gut bei ihnen aus...

Ein feiner Lovelock-Song über den Credits, das verwunschene Wald-Setting und überhaupt diese Ausgangsidee, mit entsprechend eindrucksvoller Besetzung - kann da etwas schiefgehen? Allzu viel zumindest nicht. Zu Beginn und gelegentlich im weiteren Verlauf wird einem vor Augen geführt, dass der Film aus einer Phase stammt, in der Moralvorstellungen auf den Kopf gestellt und neu definiert worden. Wobei hier vielleicht schon wieder ein Zeitpunkt erreicht war, an dem man davon langsam genug hatte und das alles nicht mehr so ernst nahm. Wenn da z.B. Lovelocks Charakter, der sich für freie Liebe stark macht, gefragt wird, ob er denn nicht einer Frau treu sein könnte, und dies verneint mit der Begründung, dass er damit ja schließlich allen anderen Frauen untreu wäre, dann kommt die (pseudo?)-intellektuelle Ebene des Streifens eben kaum über karrikierendes Beiwerk hinaus. Dazu noch ein Hauch von Story, der sich beständig in der Schwebe befindet, und wenn er dann doch mal konkreter wird, eher noch mehr Verwirrung stiftet.
Mag jetzt zwar alles recht negativ klingen, aber die tatsächlichen Qualitäten dieses für die frühen 70er (die beste Zeit überhaupt) so typischen Werks liegen ja sowieso ganz woanders. Schließlich sind Silvia Monti, Haydee Politoff und Ida Galli ja nun nicht so ganz, was man sich unter dem klassischen Hinterwäldler vorstellt. Und so verliert dann nicht nur unser Ray irgendwann seinen Kopf, sondern auch der Zuschauer wird schwummrig eingelullt, angesichts dieser Reizüberflutung an extravaganten Kostümen, knalligsten Interior-Designs und schwelgerischer Natur. Zusammen mit der Musik von Angelo Francesco Lavagnino, bei der besonders die perlenden Harfen-Klänge genau den zuckersüßen Bombast repräsentieren, der es mir so angetan hat, ergibt das in den gelungensten Momenten einen märchenhaft träumerischen Taumel par excellence. Schade nur, dass diese Stimmung bei weitem nicht über die gesamte Laufzeit durchgehalten wird und der Story-Gehalt selbst für diese Art von Film ein wenig unausgegoren bleibt.

Trotz offensichtlicher Kritikpunkte (die manch einer sicher noch viel stärker gewichten würde), jedoch ein Film, der so viel unvergleichlich wonniges 70er-Flair bietet, dass ich ihn einfach nicht schlecht finden kann.

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Februar 2012


Die wahre Geschichte des Frank Mannata (Javier Seto, 1969)

Frank Mannatas (Jeffrey Hunter) Weg führt von Sizilien nach Amerika. Sein Bruder Salvatore (Guglielmo Spoletini aka. William Bogart) macht dort bereits passable Geschäfte mit der verbotenen Ware Alkohohl, und der Nachtclub/Schönheitsalon seiner Schwester Rossella (Gogo Rojo) könnte ebenfalls schlechter laufen. Ganz an die Spitze hat es die Family aber bisher nicht geschafft, und so hält da im Hintergrund die immer gieriger werdende Bande um einen gewissen Messina die Hand auf. Der kriminell hochambitionierte Neuankömmling will dem nun ein für alle Mal ein Ende setzen. Mit Übermut und vor allem Rücksichtlosigkeit will er ans wirklich große Geld ran, und seinen Klan endlich zur Nr. 1 in Chicago machen, koste es was es wolle! Nachdem beide Seiten schon herbe Verluste einstecken mussten, kommt es schließlich zum unvermeidlichen, allesentscheidenden Showdown um die Vorherrschaft in der Stadt...

Was soll man bei so einem Titel erwarten? Ein realistisch angehauchtes Gangster-Portrait, womöglich gar etwas zu dröge und nüchtern aufgezogen? So kann man es nun wirklich nicht ausdrücken! Viel mehr ist der Streifen die reinste Stilübung in Sachen Gangster-Mythen. Figuren, Dialoge, Handlungselemente können eigentlich nur als eine Anhäufung von Klischees bezeichnet werden. Jeffrey Hunters Rolle als Frank bzw. Francesco Mannata besteht im Grunde zu 90% daraus, in Anflügen wahnhafter Großspurigkeit zu verkünden, was er alles erreichen wird, dass ihm sowieso niemand das Wasser reichen kann, dass er bald Herr über ein riesiges Imperium sein wird, und so weiter und so fort.
Soweit alles schön und gut. An Spannung mangelts dabei zwar ein bisschen, aber, so komisch es vielleicht klingen mag, es sind genau diese konsequente Unoriginalität und das hier und da geringfügig abgewandelte Spiel mit dem Altbekannten, die hier für eine ganz eigene Faszination sorgen. Trotz also nicht übersprudelndem Einfallsreichtum gibt es inhaltlich aber doch so manche Kuriosität zu entdecken, welche sich vor allem in subtil-schwülstigen Erotik-Andeutungen äußern. Beispielsweise wird in dem Schönheitssalon - wer hätte es gedacht? - gar nicht nur massiert, sondern im Hinterzimmer vergnügt sich die Tochter des rassistischen Polizeichefs mit einem Schwarzen, und die Frau des Senators hegt wohl ähnliche Vorlieben. Der Mannata-Sippe kommt das jedoch sehr gelegen, denn so gelangen sie schnell an kompromittierende Fotos, mit deren Hilfe sie einige hohe Persönlichkeiten auf ihre Seite ziehen können.
Ansonsten noch unbedingt erwähnenswert ist die durchweg edle Inszenierung, die in ihren besten Momenten sogar überraschend über die Stränge schlägt und sich mitunter in exzessiven Kamera-Kunststücken verliert. Gianfranco Reverberis Score bietet bezüglich des 30er-Jahre-Setting zeitgemäße, unauffällige Klänge und darf dann erst, wenn Mannata herzzerreißend mit seiner neuen Liebe turtelt, mit einer schönen Klaviermelodie, die sich erfreulicherweise doch eher nach Late-60s anhört, endlich mal dicker auftragen. Und wenn dann noch mit Eduardo Fajardo und Victor Israel zwei der markantesten Gestalten des italienisch-spanischen Kinos in den Reihen der Bad Guys (wobei, Halt - sind in dem Film überhaupt Good Guys anzutreffen?) ihr Unwesen treiben, dann stimmt doch eigentlich alles.

Definitiv sehenswerter Crime-Beitrag, streckenweise zwar etwas vorhersehbar, aber dafür mit einem beachtlichen Sinn für Ästhetik umgesetzt.

Bitte mehr von solchem Stoff, ARD!

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Finalmente... le mille e una notte (Antonio Margheriti, 1972)

Der große Al Mamoun ist ganz begeistert von seiner neuen Sklavin (Femi Benussi), doch in der ersten Liebesnacht versagt seine Männlichkeit kläglich. Aus diesem Grund sollen ihn nun die palasteigenen Geschichtenerzähler wieder in die richtige Stimmung bringen. Die erste Geschichte handelt von einem gewissen Samandar (Pupo De Luca), der sich für den größten Hengst weit und breit hält. Doch ihm kommt zu Ohren, dass es da noch einen anderen (Vassili Karis) gibt, der ihm mächtig Konkurrenz macht, und gar behauptet, er könne jede Frau der Stadt (zumindest die jungen und schönen) mit verbunden Augen erkennen, wenn er ihnen etwas näher kommt. Da der Bursche natürlich für einen Schwätzer gehalten wird, soll er sein Talent unter Beweis stellen...
Story Nr. 2 dreht sich um den jungen Aladdin, der den Geist aus der Flasche um Hilfe bittet, bezüglich der (bereits verheirateten) Dame seines Herzens (Barbara Bouchet). Es dauert nicht lange, und das Rendezvous auf dem fliegenden Teppich ist arrangiert. Der Clou dabei ist, dass die beiden sich mindestens dreimal lieben müssen, bevor der Teppich wieder landen kann. Kein Problem mit seiner Angebeteten, doch als Aladdin sich später durch ein Missgeschick mit dem wütenden, gehörnten Ehemann auf dem Teppich befindet und man dann doch mal wieder irgendwie zu Boden kommen will, stellt sich die Situation schon deutlich kniffliger dar...
Und den Abschluss bildet schließlich die Geschichte um eine Prinzessin, die jedes Jahr eine Art Wettbewerb veranstaltet, bei dem sie einen Liebhaber sucht, der sie dreizehnmal in einer Nacht beglücken kann. Derjenige, der es schafft, soll sie dann heiraten dürfen. Soweit hat es jedoch bisher keiner gebracht, wie auch ein eigens für die Gescheiterten eingerichteter Friedhof deutlich macht. Dies hält einen neuen Kandidaten allerdings nicht davon ab, sich siegessicher der Herausforderung zu stellen...

Da muss man sich als erstes gleich mal wieder fragen, wie es sein kann, dass gerade solche ungewöhnlich aufwändigen Italo-Komödien kaum über die Grenzen von Italien hinausgekommen sind. Filmische Qualität kann bei diesen Entscheidungen definitiv kein Kriterium gewesen sein. Wenn Sergio D'Offizis Kamera da in den erste Minuten gigantische Prachtbauten (und leichtbekleidete Tänzerinnen, die sich darin befinden) auf eindrucksvolle Weise einfängt, dann liegt die Messlatte zweifellos schonmal ganz oben. Budget kann hier jedenfalls nicht ganz knapp gewessen sein, und Margheriti hat es, wie man es von ihm kennt, offensichtlich auch gut zu nutzen gewusst.
Bei diesen außerordentlichen, visuellen Qualitäten kann die Humorebene jedoch nicht ganz mithalten. Die Verulkung dieser Sagen- und Märchen-Stoffe ist zwar vom Ansatz her nett gemacht, aber zieht sich phasenweise doch auch etwas unergiebig in die Länge. Speziell bei den Wortspielen scheinen die Fansubs nicht ganz hinterherzukommen (trotzdem toll, dass sich jemand die Mühe gemacht hat!). Auf viel mehr, als ein paar gelungene Pointen und mitunter surreal anmutenden, phantastisch angehauchten Irrwitz läuft es also nicht hinaus, aber das ist ja schonmal besser als nichts. In Hinblick auf die zwar allgegenwärtige Erotik-Komponente bleibt es weitestgehend im Bereich der reizvollen Andeutungen - Margheriti ist ja schließlich kein Bianchi oder D'Amato. Ferner ist da noch ein Score von Carlo Savina, welcher das Geschehen adäquat orientalisch untermalt, aber ansonsten kaum als erinnerungwürdig bezeichnet werden kann.

Also nochmal: eine ungewöhnlich wertige Italo-Komödie, die zumindest rein formal in einer ganz anderen Liga spielt, als zahlreiche Filme des Genres, die seltsamerweise viel bekannter sind. Ansonsten zwar nicht der ganz große Wurf, aber wenn man sich darauf einlässt, doch von einem recht charmant-zauberhaften Flair beseelt.

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Stimmen aus dem Jenseits (Lucio Fulci, 1991)

Giorgio Mainardi (Duilio Del Prete) liegt im Hospital und spuckt Blut. Obwohl die Ärzte verkünden, nun auch noch "das Unmögliche zu versuchen", können sie ihn nicht mehr retten. Somit finden sich sämtliche Familienangehörige zur Beisetzung und anschließenden Testamentsverkündung ein. Doch nicht nur die Frage nach den Ursachen dieses plötzlichen Todes überschattet das Geschehen, sondern auch eine ganze Reihe von Animositäten, Intrigen und geheimen Affären darf bei so einem Familienzusammentreffen natürlich nicht fehlen. Die Tochter Rosy (Karina Huff) hatte wohl ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Vater, und so ist sie es auch, die die Wahrheit über seinen Tod ans Licht bringen will...

Zu Beginn gleich ein drastischer Einstieg mit einer kruden Traumsequenz, in der Giorgio Mainardi seinen Sohn umbringt. Anschließend kann man (mehr oder weniger) gespannt sein, in welche Richtung die Reise gehen wird: Familiendrama? Horror? Übernatürlicher Giallo? Von allem wahrscheinlich ein bisschen, aber letztlich auch egal. Fest steht nur, dass sich mit der deutschen Synchronfassung dann noch eine unüberhörbare Trash-Dimension hinzugesellt, die ich angesichts des durchwachsenen und nicht völlig ernstzunehmenden Ausgangsmaterials mit etwas Wohlwollen als willkommenen Kontrast bezeichnen möchte.
Ist aber auch wirklich ein ziemlicher Irrsinn, der einem hier vorgesetzt wird: Tote schicken noch aus ihrem Sarg drohende Botschaften, schlecht ausgearbeiteten Figuren kommt scheinbar große Bedeutung zu und das undurchschaubare Beziehungsgeflecht wird durch Rückblenden weiter verkompliziert. Die junge Rosy wandelt dabei wie ein Engel als einzige wirklich positive Identifikationsfigur durch diesen Film, der ansonsten vor allem von fiesen und/oder traurigen Gestalten bevölkert ist. Bezeichnend die Szene, in der sie ihrem paralysierten Opa, bei dem auch nicht klar ist, wieviel er von seiner Umwelt noch mitbekommt, eine Träne entlockt, nur um kurz darauf schon wieder rüde von ihm weggezogen zu werden.
Was soll man jedoch denken, wenn solchen zärtlichen Anklängen explizit-ekelige Autopsie-Szenen vorhergehen, oder sich später die Toten in der Familiengruft erheben? Manches wirkt tatsächlich eher wie Anbiederung an vermeintlich Fulci-typische Splatter-Standards, aber gerade aufgrund der vereinzelt fast schon poetisch zu nennenden Stimmung, ist man doch versucht, diese scheinbaren Gegensätze in eine Art Sinnzusammenhang einzuordnen. In Hinblick auf die Weichzeichner-Romantik der Rückblenden und die zum Teil durchaus ansprechend visualisierten Traumsequenzen funktioniert das noch ziemlich gut, so dass sich zumindest annähernd sowas wie ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Wirkung von Stelvio Ciprianis Musik, welche auch mal düstere Passagen mit freundlicheren Klängen untermalt, aber gerade dadurch die unwirkliche Atmosphäre trefflich unterstreicht. Erwähnung finden sollte außerdem die Schluss-Szene, die auf seltsame Weise genau den richtigen Ton trifft (oder ist es womöglich doch auch einfach ein bisschen die Erleichterung darüber, dass der wirre Spuk an einem Ende angelangt ist?).

Es ist ja wohlbekannt, das alte Lied vom Verfall des italienischen Kinos. Und nein, der Film kann seine Entstehungsszeit nicht verleugnen. Und ja, man könnte hier genug Kritikpunkte finden oder bei diesem "furchtbaren Billig-Look" auch einfach sofort abwinken.
Ich meine jedoch, es ist lohnenswert, etwas genauer hinzusehen, und sich an den Momenten zu erfreuen, in denen es tatsächlich so wirkt, als wolle sich "großes Kino" seinen Weg an die Oberfläche bahnen. Zu behaupten, Fulci hätte in dieser Phase nur noch uninspiriert und lustlos Schund abgeliefert, wäre jedenfalls nicht fair, denn dafür bietet der Film zu viele bizarre Eigenheiten und sträubt sich zu stark gegen gängige Genre-Muster.

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Die Superaufreißer (George Bowers, 1985)

Die Jungspunde Jack (Johnny Depp!) und Ben (Rob Morrow) verbringen ein langes Wochenende in einer exklusiven Hotel-Anlage. Da es dort von Bikini-Schönheiten nur so wimmelt, dürften ihre Pläne nicht schwer zu erraten sein. Doch die Versuche, beim anderen Geschlecht zu landen, werden durch diverse Störfaktoren sabotiert. Zum einen ist da ein Hotel-Detektiv, der übereifrig für Recht und Ordnung sorgt, oder das in seiner Tollpatschigkeit zumindest beabsichtigt. Zum anderen handeln sie sich mit ihrer draufgängerischen Art allerhand Ärger ein. So z.B. als sie einem selbtverliebten Juwelendieb in die Quere kommen, dessen Frau der Marke "dralle Milf" (Leslie Easterbrook) es den beiden besonders angetan hat. Einige Verwechslungen später schneiden sie dem eifersüchtigen Ehemann jedoch erstmal die Haare und spätestens als dieser das Ergebnis sieht, heißt es nur noch: Reißaus nehmen! Die sich anbahnende Romanze mit der niedlichen Kellnerin kommt leider auch nicht so recht in die Gänge, da einer ihrer schnösligen Kollegen, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat, beständig dazwischenfunkt. Und das Date mit einer Tochter "aus gutem Hause", zu dessen Zweck man sich extra als Arzt ausgibt, wird empfindlich durch deren exzentrische Cousine, die irgendeinen seltsamen Gott anbetet, gestört. Kurzum, die beiden Tölpel können sich bald nirgendwo mehr blicken lassen, verstricken sich immer mehr in ein Geflecht aus Personen, die alle irgendwas miteinander zu tun haben - und spätestens am Ende des Wochenendes droht das ganze Hotel im Chaos zu versinken...

Komödienjahr, zum Ersten (hiermit beginnt offiziell meine Zählung)! Zur Abwechslung also mal eine dieser T&A-Comedies, die in den 80ern in gar nicht so niedriger Stückzahl die amerikanischen Filmstudios verlassen haben. Die besagten Komponenten machen sich jedoch eher rar, und so wird auf allzu tiefe, allzu nackte Einblicke verzichtet. "Im Italien der 70er ging das noch anders zur Sache", möchte man denken, aber gut warten wir ab, was der Film sonst zu bieten hat. Die sommerlich-sonnige Atmosphäre sorgt auf jeden Fall schonmal für einen angenehmen Einstieg. So viel mehr kommt dann allerdings nicht dabei rum. Die kalauernde Synchro und die alle bereits so ähnlich gesehenen Gags vermögen kaum mehr als ein Schmunzeln hervorzukitzeln. In dieser Hinsicht fehlt es leider eindeutig an eigenständigen Ideen, spritzigen Überraschungen und Mut, das Ganze noch ein Stückchen "weiter zu treiben". Humortechnisch somit ein Wechsel zwischen ab und an auch mal schwungvolleren Passagen und bescheuerten Absackern. Der rettende Anker ist dabei schlichtweg die Tatsache, dass die alberne Hatz durch Hotelzimmer und Pool-Landschaften nie so ganz zum Stillstand kommt und zudem ein recht anheimelndes Gesamtflair vorherrscht. Viel Zeit, sich eventuell z.B. über stumpfsinnige Stereotypen oder das etwas fragwürdig anmutende Frauenbild aufzuregen (sofern man dies im Rahmen einer Klamauk-Komödie für notwendig erachtet), bleibt also kaum, denn ehe man sich's versieht, ist der Film auch schon zu Ende. Dazu noch ein etwas blass bleibender Johnny Depp, der hier seine erste Hauptrolle bestreitet und sich auch mal fast vollständig entblößen darf (wenn das mal nicht der perfekte Film ist, für all die Mädels, die so verrückt nach ihrem "Jack Sparrow" sind...). Außerdem natürlich die typische Musikuntermalung der 80er, die aber ruhig noch etwas prägnanter hätte ausfallen können, und ansonsten, wie gesagt, den Temperaturen angepasste Bademode soweit das Auge reicht.

Ein klassischer Fall von: ich kann mir schlechtere Zeitvertreibe vorstellen, aber übermäßig viel zu verpassen gibt's hier auch nicht.

Ein bisschen Nudity und derber Humor soll in dieser TV-Ausstrahlung wohl gefehlt haben. Zwar schade, aber ich vermute, einen wirklichen Unterschied hätte es auch nicht gemacht. Ich glaube, die ungeschnittene US-DVD brauche ich jedenfalls nicht unbedingt, zumal die deutsche Synchro, so zotig sie auch sein mag, hier doch nicht ganz verkehrt ist.

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Sonntag in New York (Peter Tewksbury, 1963)

Der in New York lebende Adam (Cliff Robertson) bekommt überraschend Besuch von seiner 22-jährigen Schwester Eileen (Jane Fonda), bei der es in Liebesdingen gerade nicht ganz rund läuft. Schnell kommt dann auch das leidige Thema zur Sprache, und zwar: inwiefern es von einer Frau erwartet werden kann, mit einem Mann, den sie kennengelernt hat, ins Bett zu steigen bzw. was dabei die Vor- und Nachteile sind. Weiterhin hält sie sich für das einzige Mädchen, das in diesem Alter noch Jungfrau ist. Adam, von solchen Fragen erstmal überrumpelt, möchte ihr dahingehend natürlich ein paar brüderlich solide Ratschläge mit auf den Weg geben, und stellt sich somit als das Musterbeispiel einer vorbildlichen Lebensweise dar. Als Eileen schließlich enttäuscht feststellen muss, dass ihr Bruder trotz Ehrenwort - und das ist vor allem das Entscheidende - nicht so ganz bei der Wahrheit geblieben ist, fasst sie Hals über Kopf den Entschluss, sich von Mike (Rod Taylor), den sie kürzlich bei einem Stadtbummel getroffen hat, "verführen zu lassen". Als diesem jedoch klar wird, mit was für einer "Anfängerin" er es zu tun hat, ist ihm doch nicht mehr so wohl zu Mute, und die ganze Sache platzt. Wie die beiden da nun in etwas legerer Aufmachung in der Wohnung des Bruders zusammensitzen, schneit mal wieder ein überraschender Gast herein: diesmal ist es Russ Wilson, der Freund und fast schon Verlobte von Eileen! Dieser nimmt natürlich an, Mike sei Eileens Bruder, und um erst gar keine falschen Assoziationen zu erwecken, bleibt man dabei auch erstmal. Doch das geht freilich nur so lange gut, bis dann der echte Bruder in der Tür steht, und einige der Beteiligten stark in Erklärungsnot geraten...

Größtenteils launige und nette Sixties-Komödie, gleichzeitig aber auch (im positiven Sinne) zwiespältig und durchwachsen. Was ich damit sagen will, ist: Wenn man z.B. gerade noch das Gefühl hat, es läuft wohl doch auf Beziehungs-Schmus und die Romantik-Schmalz-Schiene hinaus, dann folgen wieder erfrischende Einfälle, die dem Geschehen einen kleinen Schubs in eine andere Richtung geben. Daraus folgt, dass die Entwicklungen der Geschichte interessant bleiben, und gerade weil die Charaktere nicht zu bloßen Lachnummern degradiert, sondern durchaus ernstgenommen werden, resultiert daraus eine unaufdringliche und stimmige Komik. Kein lauter Slapstick, sondern wenn dann leiser, und teilweise auch ein reizvoller Hang zum Absurden! Etwas seltsam, aber umso schöner z.B. die Charakterzeichnung von Eileen, die keineswegs auf "Unschuld vom Lande" reduziert wird, sondern auf herrlichste Weise alle Gefühlslagen zwischen nachdenklich, aufgeweckt, verschreckt und kess abklappert. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich wohl mal nach mehr Filmen mit Jane Fonda Ausschau halten sollte, denn der sowas von liebreizende Charme, mit dem sie hier eine ihrer ersten Rollen zum Leben erweckt, ist wahrscheinlich das beste Attribut des Films. Aber auch der restliche Cast spielt sich mit fortschreitender Laufzeit ins Herz des Zuschauers. Wo so viel Nettigkeit versammelt ist, darf eine feine musikalische Begleitung selbstverständlich nicht fehlen, und für diese sorgt Jazz-Pianist Peter Nero, der hiermit seinen einzigen Ausflug ins Soundtrack-Fach absolviert hat und in einer Szene im "Club Nero" zudem höchstpersönlich in die Tasten haut.

Witzig aber auch rührend, und auf dieser Ebene der zugegebenermaßen eher leichten Unterhaltung rundum zufriedenstellend. Der ideale Film für einen Sonntag - nicht nur in New York!

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Die Insel der tausend Freuden (Hubert Frank, 1978)

Michael (Philippe Garnier), so könnte man meinen, steht auf der Sonnenseite des Lebens. Wären da nicht ein kompliziertes Dreiecks-Verhältnis mit seiner Frau Julia (Bea Fiedler) und deren Freundin Slyvia (Elisa Servier), sowie die Tatsache, dass seine ausgeprägte Spielsucht sein ganzes Geld auffrisst, das er von der reichen Lady Henriette (Lili Murati) erhält. Aber auch sonst breiten sich Schatten aus über dem Paradies: ein gewisser Howard (Arthur Brauss), der auch mit drin hängt im Beziehungsgeflecht, ist nämlich nicht nur Besitzer eines angesagten Nachtclubs, sondern zusammen mit seinem schmierigen Kollegen (Otto Retzer) ebenfalls für das Verschwinden einiger junger Frauen verantwortlich. Die Welten der Reichen und Schönen, der Armen und Schönen, und der hässlichen Hintermänner prallen aufeinander...

Das Meer rauscht, ein Pärchen tollt unbekümmert am Strand herum, beide lassen sich nieder und lieben sich - dazu ein angenehm groovender Titelsong, wie er nur aus den 70ern stammen kann. Was soll ich sagen? Bereits nach dieser Eröffnungssequenz war ich im Himmel und harrte gespannt der Dinge, die da noch folgen mögen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wohin es Hubert Frank und seine Crew hier verschlagen hat, sorgt das exotische Setting auf jeden Fall dafür, dass sich jegliche Vorurteile, die auch ich, zugegeben, manchmal noch bezüglich des "drögen und biederen" deutschen (Sex-)Film habe, schlagartig in Luft auflösen.
Auf dem Menü stehen also ästhetische Genüsse der erotischen Art in schöner Regelmäßigkeit und traumhafter Kulisse, wobei es mir besonders die beiden lesbischen Aufeinandertreffen und allgemein Scarlett Gunden angetan haben. Da diesmal jedoch der Komikanteil außen vor bleiben muss, wird als Ausgleich eine satte Portion Crime eingewoben, die es durchaus in sich hat. Extreme Drastiken sollte man dabei nicht erwarten, aber wenn Olivia Pascal als kesse Privatdetektivin über die Insel springt oder es mal schnell in den düsteren Folterkeller geht, dann hat man es hier mit meist comichaften Kriminalaspekten zu tun, die ihren Reiz vor allem dadurch erhalten, dass selbst die Ruppigkeit beinah in Putzigkeit umzukippen droht. Nicht schlecht gestaunt habe ich auch, als in der zweiten Filmhäfte auf einmal haarsträubende Mordkomplotte für schlichtweg gialloeske Plot-Twists sorgen! Dazu der durchweg fantastische Soundtrack von Gerhard Heinz und Kamerafahrten von Franz Xaver Lederle, die trotz der insgesamt eher bodenständigen Herangehensweise erstaunlich suggestive Qualitäten entwicklen.

Wenn ein vermeintlicher "Sleaze/Exploitation-Film" erfolgreich die sogenannten "niederen Gelüste" bedient, aber, davon abgesehen, ebenso mit herzerwärmender Naivität und Menschenfreundlichkeit fasziniert, dann hat ein Regisseur alles richtig gemacht. Wahrhaftiges Kino in Reinkultur. Ich bin begeistert.

Wer noch nicht hat, bitte SOFORT die deutsche DVD kaufen.

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März 2012


In Hollywood ist der Teufel los (Joe Dante, 1976)

Candy Hope (Candice Rialson) macht sich große Hoffnung auf eine Karriere als Filmstar. Die Traumfabrik Hollywood scheint dafür der richtige Anlaufpunkt. In dem Wirrwarr aus Produzenten, Agenten und dubiosen Produktionsfirmen ist der einzige Rat, den sie erhält, jedoch erstmal, sie solle sich doch ein bisschen in der Stadt umsehen und irgendjemand wird schon auf sie aufmerksam werden. Gesagt, getan und das Konzept scheint aufzugehen - prompt erhält sie ein Angebot! Dumm nur, dass sich die "Dreharbeiten" als ein echter Banküberfall entpuppen. Noch lässt der Durchbruch also auf sich warten, und der nächste Stopp ist das "Miracle"-Studio, bei dem, wie auch einer der Charaktere sinngemäß anmerkt, das einzige Wunder ist, dass es am Ende der Dreharbeiten überhaupt noch Überlebende gibt. Dort wird sie in einem billigen B-Movie verheizt, das hauptsächlich daraus besteht, dass knapp bekleidete Frauen sich durch den Dschungel ballern. Anschließend soll sie in einem Film untergebracht werden, der kurzerhand von den 1950ern nach 2050 versetzt wird. Doch die eh schon desaströsen Produktionsbedingungen werden durch einen am Set rumschleichenden Killer gestört, der nun endlich für den vom Regisseur schon so lange erwünschten "Realismus" sorgt...

Ohje, jetzt fange ich auch schon an mit diesem "Realismus"-Quatsch. Das ist nämlich einer der überstrapaziertesten Gags, mit denen der Film ständig um die Ecke kommt: immer gerade dann, wenn mal wieder jemand ins Gras beißt, lobt der Regisseur den "Realismus" des Dargestellten, bis er dann kapiert, was Sache ist. In diesem und ähnlichen Stil werden weitere makabre Scherze und Geschmacklosigkeiten aufgefahren, die größtenteils allerdings dermaßen plump, bemüht, und vorhersehbar daherkommen, dass das Lachen auch gerne mal ausbleibt. Die berühmte Besetzungscouch, Zickenkrieg unter den Aktricen, große Kunstambitionen der Amateur-Filmemacher... - kein Klischee wird ausgelassen. Show-Geschäft-Satire hin oder her, was nützt es, wenn jeder gelungenen Idee fünf danebengehende, ach so clevere Inside-Jokes folgen.
Dabei ertönt zu Beginn noch so ein feiner Titelsong (wohl das beste am Film), die Besetzung der Hauptrolle gefällt und überhaupt sieht alles wieder so wunderbar nach 70ern aus, dass man meinen möchte, es kann gar nicht viel schiefgehen. Ganz unerträglich ist es dann auch nicht. Ein kleiner Lichtblick ist z.B., ungefähr zur Halbzeit, der Besuch in einem Drive-In, wo die Nachwuchsschauspielerin zum ersten Mal ihre Fähigkeiten auf der großen Leinwand begutachtet. Aufgrund der grauseligen Qualität des Endproduktes wird sich gnadenlos betrunken, während ein paar Autos weiter ein empörter Familienvater schimpft, dass "John Wayne nie so einen Film machen würde" und von seiner Gattin nur ab und zu ein "krank!" zu hören ist. Die folgende Wendung (die an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten werden soll) ist dann allerdings tatsächlich mal eine der treffsichereren Bissigkeiten. Die Arbeiten an dem 50er-Film, der kurzentschlossen zum Sciencefiction-Streifen umfunktioniert wird, inklusive total bekloppter Monster-Darsteller, können auch nochmal mehr amüsieren. Und die Killerattacken, komplett mit fetten Nebelschwaden, angesiedelt in einer Location, die ein bisschen nach Western-Stadt anmutet, sehen immerhin sogar nach richtigem Horror-Film aus.

In Punkto Flair und Atmosphäre ein sehr angenehmer Gesamteindruck, und daher gerade in den belangloseren Passagen am besten. Ansonsten jedoch etwas zu krampfhafte Satire und ein paar Blindgänger zu viel, und so mit ach und Krach gerade noch ein: "kann man mal gesehen haben".

DVD-technisch macht man mit der Scheibe von Anolis jedefalls nicht viel falsch, zumal sie auch äußerst preiswert zu haben ist.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Fünf Klumpen Gold (Sergio Grieco, 1972)

Ein kauziger Alter (Franco Pesce) vertraut einem gerade eingetroffenen Herumtreiber (Antonio Sabato) die Geschichte um einen Goldschatz an. Nachdem der nicht mehr ganz rüstige Goldsucher bei einer stürmischen Liebesnacht im örtlichen Bordell den Löffel abgibt, beschließt der eher untypische Pistolero, der bis dahin noch widerwillig war, sich der Sache anzunehmen. Tatkräftige Unterstützung erhält er von der singenden Hauptattraktion des Freuden-Etablissements (Marisa Mell). Doch die beiden sind freilich nicht die Einzigen, die es auf den Plan, der zur Mine führen soll und sich aus fünf Goldklumpen zusammensetzt, abgesehen haben...

Alles in allem, durchwachsene "italienische Westernparodie" (wie es im deutschen Vorspann heißt). Die Gags rangieren zwischen nervig dümmlich, herrlich blöd und gelegentlich immerhin auch mal einfallsreich skurill und bizarr. Als Story-Gerüst muss mal wieder die turbulente Suche diverser Parteien nach einer verlockenden Beute herhalten - nichts Weltbewegendes, aber um ohne größere Längen von einem Handlungsort zum nächsten zu springen, genügt es. Ungewöhnlich dabei sicher die Tatsache, dass, im Gegensatz zum sonst so männerdominierten Westerngenre, die handlungstragenden Protagonisten in diesem Fall durch weibliche Unterstützung komplettiert werden. Die Charakterzeichnung betreffend, läuft die Zweckgemeinschaft zwischen Sabato und der immer gern gesehenen Mell zwar nicht ganz rund, aber man sollte es mit der Analyse vielleicht nicht übertreiben, solange die ganze Chose einigermaßen in Fahrt bleibt. Ansonsten sitzen die Finger für Komödienverhältnisse recht locker am Abzug, in Folge dessen sich mitunter eine makabre Note einschleicht. Kameraarbeit leistet sich nicht nur keine Patzer, sondern lässt in so manchem Moment auch die ein oder andere Ambition durchscheinen. Und auch wenn dafür der Musikeinsatz kaum Erwähnenswertes zu bieten hat, dann macht zumindest das Wiedersehen bekannter Locations, wie dieser aufgeschütteten "Straße" durch dieses grüne Tal, und bekannter Gesichter, wie Fernando Sancho (diesmal in der Rolle des noch vertrottelteren Generals), Freude.

Auch aufgrund der kurzen Laufzeit finden sich kaum Gründe, sich ernsthaft zu beschweren. Lediglich die Auflösung (plus lahmem Schlussgag) macht in der deutschen Fassung einen seltsam überhasteten Eindruck, was die Frage nach Kürzungen aufwirft.

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Geschichten aus der Gruft (Freddie Francis, 1972)

Oh, oh, jetzt werde ich mir mal Freunde machen unter den Brit-Grusel-Fans hier. Nach vielen Enttäuschungen und vor allem auch Unverständnis über die unzähligen positiven Stimmen, ist es nun an der Zeit mit den unsäglichen Horror-Anthologien aus der Amicus-Klitsche abzurechnen.

DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK, TOTENTANZ DER VAMPIRE, ASYLUM und nun auch TALES FROM THE CRYPT sind allesamt nichts als Blendwerk der auf den ersten Blick noch gefälligen, aber letztendlich unbefriedigenden Sorte! So muss mein Urteil ausfallen, nachdem ich bei den erwähnten Filmen, ungeachtet dessen ob ich sie bereits vor Jahren oder, wie den Letztgenannten, erst vor kurzem gesehen habe, immer wieder zu beinah exakt dem gleichen Ergebnis gekommen bin. Die Schwächen, von denen auch viele Hammer-Produktionen betroffen sind, kommen bei Amicus so richtig zum Vorschein. Diese möchte ich nun versuchen zu erläutern.
Handwerklich ist das alles größtenteils sauber umgesetzt, in dieser Hinsicht könnte man höchstens ankreiden, dass die Filme eben fast schon zu perfektionistisch, geleckt und steril sind. Doch, "stylisch" ist das trotzdem, soviel möchte ich zugestehen. Schließlich muss selbst "perfektionistische Künstlichkeit" keineswegs ein Mangel sein. Den sowieso völlig überstrapazierten "Style over Substance"-Vorwurf braucht man also gar nicht erst zu bemühen. Denn völlig richtig wird darauf häufig erwidert, warum denn nicht auch der Style genauso gut die Substance darstellen könne. Ein Ansatz, den jeder nachvollziehen sollen könnte, der schonmal, von der "Inszenierungs-Gewalt" erschlagen, mit offenem Mund einen dieser filmgewordenen Albträume verfolgt hat, die trotz ihrer Künstlichkeit oder Unwirklichkeit ein Eigenleben entwickeln, das mehr Substanz aufweist (aufzuweisen scheint?) als es ein lapidares Story-Konstrukt manchmal schafft. Hier nun wieder den Altmeister Mario Bava heranzuzerren, bietet sich einfach zu gut an, da dieser mit seinem DREI GESICHTER DER FURCHT wahrscheinlich DAS Referenzwerk des Episoden-Grusels geschaffen hat. Wer fragt da ernsthaft noch nach Story, wenn sich bereits in Bildsprache und Inszenierung eine solch einnehmende Tiefendimension entfaltet?
Amicus ist nun das genaue Gegenteil des eben Beschriebenen. Die visuelle Brillanz kommt nicht über kaltes, seelenloses Handwerk hinaus. Man glaubte scheinbar, es reiche, die üblichen bewährten Zutaten aufzufahren, sich dazu ein paar "raffinierte" Plots auszudenken, und schon funktioniert die Sause. Tatsächlich war ich zu Beginn meist noch ganz zuversichtlich, doch im Folgenden stellt sich von Episode zu Episode immer mehr und mehr die Frustration ein. Da muss ich doch nach Gründen suchen, weshalb sich bei mir statt Lust nur Frust breitmacht. Ich meine, es liegt daran, dass der schöne Schein, der sich im ersten Moment noch zeigt, sich im weiteren Verlauf zunehmend als nichts anderes als eiskalte Berechnung und Kalkül offenbart, die den Charme des Wilden und Ungezähmten, der für diese Art von Kino essentiell ist, im Keim ersticken. Nehmen wir zum Vergleich einen preiswert produzierten Naschy-Flick: dieser mag nicht das Level eines DREI GESICHTER DER FURCHT erreichen, bietet auf seine Weise aber dennoch jene rustikale Aura des Urwüchsigen, die mir sagt: hier kann jeden Moment noch was Unerwartetes, eventuell sogar Großartiges hereinbrechen! Und genau das hat man bei Amicus nicht. Dort ist alles bis ins letzte Detail durchgeplant: jede Unwägbarkeit wird ausgemerzt, jede Nebensächlichkeit muss dem Pubklikum haarklein erklärt werden, und wenn es doch noch ein Mysterium geben soll, dann ist das so dick aufgetragen, dass es auch schon wieder seinen Zauber verliert.

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My Father's Wife (Andrea Bianchi, 1976)

Laura (Carroll Baker) durchlebt mit ihrem Mann Antonio (Adolfo Celi) eine heftige Krise; die Sozialität wird meist bei oberflächlichen Cocktail-Parties gepflegt, er hat nur seine Firma im Kopf und sexuell kann er seine Frau schon lange nicht mehr befriedigen. Sein Arzt (Luigi Pistilli), ein echter Lebemann, meint jedoch, es sei alles nur eine Kopfsache, und um für etwas Zerstreuung zu sorgen, macht er gleich mal ein paar Frauenbekanntschaften für einen feuchtfröhlichen Abend klar. Das bringt den gestressten Ehemann kurzzeitig auch tatsächlich wieder auf Trab, nur die Situation mit seiner Frau verbessert es kein Stück. Schließlich wird Sohn Claudio (Cesare Barro) aus Boston heranbeordert, um seinen Vater in der Firma ein bisschen zu entlasten. Während dieser jedoch gerade wieder auf einer seiner Geschäftsreisen ist, kümmert sich Claudio zudem auch aufopfernd um seine nach Liebe dürstende Stiefmutter. Eine Konstellation, die verspricht, nicht ganz unproblematisch zu verlaufen...

Die Geschichte mag sich ja im ersten Moment nicht übermäßig bahnbrechend anhören, aber wie der gute Bianchi das umsetzt, das hat es mal wieder in sich. Ein pikanter Ehe-Zwist, der in einem anderen Film vielleicht als Sub-Plot fungiert hätte, wird hier mit einer zum Teil fast schon wahnsinnigen Eindringlichkeit in den Mittelpunkt gerückt, als wäre es das größte Drama, das der Menschheit je widerfahren ist. Da schleicht sich mitunter zwar ein wenig Langatmigkeit ein, und Begriffe wie Seifenoper und Kitsch sind auch nicht völlig fehl am Platz, aber egal - da die erzählerische Ebene überzeugend genug hochstilisiert ist, muss man einfach dran bleiben, um die Obsessionen der Charaktere weiter zu verfolgen.
Natürlich ist das bei aller Storylastigkeit aber immer noch zünftiges italienisches Genrekino, mit all den liebgewonnenen Ingredienzien. Der Soundtrack der De-Angelis-Brüder kann mit seinem loungigen Wohlklang schonmal voll punkten. Visuell scheint die rauschhaft grelle Ausleuchtung der Schlafzimmer- und Party-Szenarien die Hitzigkeit der brodelnden Emotionen wiederzuspiegeln. Carroll Baker ist als frustriertes, vernachlässigtes Hausmütterchen, das in Wirklichkeit natürlich noch lange nicht zum alten Eisen gehört, ziemlich gut. Gegen Femi Benussi kann man sowieso nie was sagen, zumal sie für ein lustiges Insider-Deja-vu sorgt, wenn sie beinah exakt wie in Bianchis DER GEHEIMNISVOLLE KILLER am Schwimmbecken entlang flaniert. Als wäre das nicht schon beachtlich genug, komplettieren den Italo-Traumcast: Jenny Tamburi und die unvergessenen Urgesteine Pistilli und Celi.

Wenn man Andrea Bianchi nun als einen der Meister des Sleaze bezeichnen möchte, dann ist das hier sicher das Sleaze-Melodram unter seinen Filmen, mit dem Fokus allerdings sogar mehr auf Melodram als auf Sleaze. Ganz verzichten muss man auf irrsinnnige Außergewöhnlichkeiten jedoch auch hier nicht, denn spätestens die finale Auflösung ist ein mega-fieser Brocken, den man erstmal verdauen muss.

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