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 Betreff des Beitrags: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
BeitragVerfasst: 10.06.2018 20:00 
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#0: Vorwort

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Die Filme von Jess Franco üben seit Jahren eine bisher nicht zu erklärende Faszination auf mich aus. Seine Filme sind eine ständige Gradwanderung. Sie bewegen sich scheinbar zwischen inszenatorischer Raffinesse und dilettantischem Runterkurbeln, zwischen burlesquer Erotik und plumper Pornografie, zwischen üppiger Ausstattung und amateurhafter Hinterhofkulisse. Oder trifft nichts davon wirklich zu? Entziehen sich die Werke von Jess Franco jeglichem cineastischen Vergleich?

Ein weiser Mann sagte einst: „Um die Filme von Franco völlig zu verstehen, muss man alle seine Filme gesehen haben.“

Dies möchte ich mit meinem Jess Franco Projekt hiermit machen (ok, mit ein paar Einschränkungen – besonders im Bereich seiner frühen Filme). Ich möchte euch an meiner Reise durch die Wirren des spanischen Ausnahmeregisseurs teilhaben lassen. Weiter freue ich mich auch Kommentare von Mitreisenden oder Erfahrungen von Leuten, welche diese Reise bereits hinter sich haben.

#1: The awful Dr. Orlof (1961)
#2: The sadistic Baron von Klaus (1962)
#3: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll (1964)
#4: Das Geheimnis des Doktor Z (1965)
#5: Succubus (1967)
#6: Sadisterotica (1967)
#7: Kiss me, Monster (1967)
#8: Der Todeskuss des Dr. Fu Man Chu (1967)
#9: Die sieben Männer der Sumuru (1968)
#10: 99 Women (1968)
#11: Justine (1968)
#12: Venus in Furs (1968)
#13: Die Jungfrau und die Peitsche (1968)
#14: Der Hexentöter von Blackmoor (1969)
#15: Nightmare comes at Night (1969)
#16: Nachts, wenn Dracula erwacht (1969)
#17: Eugenie (1970)
#18: Vampyros Lesbos (1970)
#19: Sie tötete in Ekstase (1970)

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Zuletzt geändert von roother am 08.09.2018 13:43, insgesamt 27-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 10.06.2018 21:29 
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Da hast du dir eine Menge vorgenommen!

Ich habe erst ca. 60% seiner Filme gesehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 10.06.2018 21:38 
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Ich bin auch selbst gespannt, wie lange ich es durchziehen kann. Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden, dieses Tagebuch zu eröffnen - erhöht etwas den Druck ;-)

Ich habe Gott sei Dank schon viele Filme von Franco. Meine Liste bis 1974 habe ich bis auf eine handvoll Filme, die ich einfach nicht bekommen habe, soweit komplett.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 10.06.2018 22:02 
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#1 The awful Dr. Orlof (1961)

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Einer der erste Franco Filme (ich glaube sein 5.). 1961 in klassischem S/W gedreht weiß dieser kleine aber feine Horrorfilm in vielerlei Hinsicht zu überraschen. Franco beweist hier sein Gespür für stimmungsvolle Bilder und einer soliden Inszenierung. Die Kinematografie von Pacheco ist vorzüglich und fängt wunderschöne Bilder des gotisch wirkenden französischen Dorfes ein.

Die nächtliche Jagd auf junge Frauen erinnert entfernt an Jack, the Ripper. Hier jagt Morpho, kontrolliert von Doktor Orlof, in dessen Auftrag junge Damen und schleppt diese auf das Anwesen des Doktors. Dort versucht Orlof durch chirurgische Eingriffe mit den Leichenteilen den verbrannten Körper seiner Tochter wiederherzustellen.

Auch wenn hier noch deutlich an nackten Schauwerten gespart wird (entblößte Brüste sind nur kurz zu sehen), kann man schon hier deutlich francosche Motive entdecken. Wilde Klangmuster (besonders zu Beginn) erinnern an Francos musikalische Ursprünge im Jazz, ebenso wie das Tanzen von burlesque anmutenden Damen in einem Nachtclub. Das Motiv der Gedankenkontrolle (Morpho wird gelenkt und von Dr. Orlof gefügig gemacht) kehrt in Francos Filmen immer wieder.

Auch wenn der inhaltliche Aufbau keine Besonderheit darstellt und das visuelle Konzept des Morpho eher befremdlich als bedrohlich wirkt, kann „The awful Dr. Orlof“ durchaus unterhalten und widerlegt das Vorurteil, Franco müsse sich aufgrund seines fehlenden Gespürs für Dramatik auf die nackten Schauwerte seiner Darstellerinnen verlassen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 10.06.2018 22:59 
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Hallo roother,

auch ich wünsche Dir viel Spaß auf Deiner Reise; ich selbst habe das Tor ins Franco-Universum schon länger durchschritten und finde nicht mehr zurück :D...

mein frühester Film von Franco, den ich bisher gesehen habe, ist "Vampiresas 1930", eigentlich ein Musical (Francos Liebe zur Musik), welches ich auf der spanischen DVD ohne Untertitel besitze, dennoch ist die Filmsprache und sind die Anklänge an Francos Vorbilder schon hier so deutlich, dass es eine wahre Freude ist...

noch früher ist dann ja Dein Startfilm mit der Nummer 1 entstanden...

mach Dir doch einmal die Freude und schau Dir "Gritos en la noche" und "Caligari" (Deutschland 1919) einmal nacheinander an; Franco hatte immer wieder betont, dass er den deutschen expressionistischen Film liebt und gerade hier ist dies meiner Ansicht nach besonders deutlich zu spüren; zum einen, was den Stil betrifft, und zum anderen meine ich, dass "Dr. Caligari" ein wesentlicher Ideengeber wäre... Dr. Orloff übt eine hypnotische Macht auf Morpho aus, wie auch Dr. Caligari den traumwandlerischen Cesare zu seinen Verbrechen verleitet; aus dem Schlafwandler des Stummfilms ist dann in Francos Version ein blindes Faktotum geworden, das willenlos seinem Meister folgt (die Eingangssequenz, wenn Dr. Orloff mit seinem Stock Morpho "steuert" wäre hierfür exemplarisch)...
dann könnte man noch weiter gehen und den "Film Noir" erwähnen, wobei besonders aus "Scotland Yard greift ein" von John Brahm oder auch aus "Zeuge gesucht" von Robert Siodmak ganze Szenen-Folgen übernommen werden - ich meine die Sequenzen, wenn die Freundin des Polizeibeamten aktiv wird - die Betonung liegt auf dem Aktivsein der Frau, was im damaligen Film doch recht ungewöhnlich gewesen ist, da die Frauenfigur ganz alleine die Handlung an sich reist...

da hätten wir vielleicht schon ein kleines Bausteinmuster, wie man Francos Filme lesen könnte, wie einst "ein weiser Mann" meinte: Francos Filme sind nur wenig linear, sondern zyklisch und Collagen-artig, und dabei auf Vorbilder ausgerichtet, die in Francos Variationen durchscheinen; deshalb würde ich Francos Kino fast schon esoterisch nennen, da man diese Vorgehensweise (1.) verstehen und dann im weiteren (2.) entschlüsseln muss (diese Quellen finden sich indes nicht nur in der Filmgeschichte, sondern vor allem auch in der Literatur und in der bildenden Kunst); darüber hinaus ist Francos Werk natürlich auch auf "Überschreitung" angelegt, immer wieder werden die bekannten Vorbilder zitiert, um zugleich zerstört zu werden, wobei dann auch der Sexus - besonders im Sinne de Sades - als überschreitendes Element eingesetzt ist...

ich wünsche Dir also bis "Al Pereira vs. the Alligator Ladies" - ein mehr als würdiger Abschiedsfilm des Meisters - sehr viel Freude... mögen die Spiele beginnen...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 10.06.2018 23:10 
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Vielen Dank für diese detailierten und aufbauenden Worte. Tatsächlich habe ich auch an Caligari gedacht als ich das Klopfen des Stocks gesehen habe. Sekundärwerke als Ergänzung zu konsumieren wäre natürlich eine enorme Bereicherung und könnten mir wohl helfen den Schlüssel zu Francos Werken zu finden. Ich befürchte aber, dass dies zeitlich nur schwer umzusetzen ist. Aktuell bin ich voll motiviert.....

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 11.06.2018 09:52 
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#2 The sadistic Baron von Klaus (1962)

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Und weiter geht es mit einem Franco Frühwerk. Ein Jahr nach „The awful Dr. Orlof“ liefert Franco ein ähnliches Werk ab. Auch hier schwingt leicht der Hauch von Übernatürlichkeit mit.

Wenn der Neffe des Oberhaupts der Familie von Klaus zu Besuch kommt, in einer geheimen Gruft das Vermächtnis des Baron von Klaus‘ aus dem 17. Jahrhundert entdeckt und er sich scheinbar besessen von dessen Geist an das Erfüllen einer alten Prophezeiung macht, kommt man durchaus auf die Idee, dass es hier um geisterhafte Morde an jungen Frauen gehen könnte.

Schon ist man gedanklich mitten im Motiv, welches man auch aus Francos Vorgängerfilm kennt. Leider stellt sich nach anfänglichen Begeisterung sehr schnell Ernüchterung ein. 1h vergeht ohne, dass Nennenswertes passiert. Vielmehr folgen wir dem blassen Kommissar, der zusammen mit einem Tatortfotografen die mysteriöse Mordserie an jungen Frauen untersucht. Dabei bekommen wir aber keine spannende Ermittlungsarbeit à la Poliziotteschi serviert, sondern müssen belanglose Gespräche ertragen. Erst in den letzten 30 Minuten kommt Franco mit bis dato unbekanntem Sleaze daher, was ein wenig versöhnlich stimmt. Kann die Atmosphäre schon nicht überzeugen, dann kommt jetzt wenigstens etwas Schwung ins Spiel.

Zurück bleibt ein recht zwiespältiger Eindruck und die Frage, ob ein enorm unterhaltsames und freizügiges Finale die zuvor ertragene Langeweile rechtfertigen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 10:32 
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Auf alle Fälle ein sehr spannendes Projekt, das Du Dir da vorgenommen hast. Wenn ich mal irgendwann alle Franco-Filme mein eigen nenne, dann habe ich dieses Projekt auch vor. Aber das dauert noch ein wenig, ich bin erst bei knapp der Hälfte :D

Wie Du ganz richtig schreibst, sind ja bei DR. ORLOFF bereits Motive zu sehen, die Franco den Rest seines Filmschaffens begleiten werden. Gerade die Mord-unter-Hypnose-Nummer hat er bekanntlich gerne in den verschiedensten Variationen wiederholt, wobei DR. ORLOFF sicher einer der besseren einer ist. Vermutlich inspiriert von Franjus AUGEN OHNE GESICHT baut Franco hier eine wunderbar morbide und erotisch aufgeladene Stimmung auf, die den Zuschauer mühelos aufsaugt.

Ich freue mich schon auf Deine weiteren Vorstellungen, und wünsche Dir den erforderlichen langen Atem. Bis wohin wirst Du die Sache treiben? Inklusive der Dietrich-Filme? Oder gar bis zu den Golden Films der frühen 80er? Oder stoppst Du vor den Dietrichs?

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 10:39 
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Danke für deine Worte.

Ich werde keinen Franco Film auslassen, den ich bekommen kann. Meine derzeitige Planung geht bis 1974. Bis dahin habe ich mittlerweile fast alle seine Werke daheim. Ehrlich gesagt habe ich aber etwas Angst vor den Golden Films. Bin mir da aktuell noch nicht ganz sicher, ob man die alle überhaupt bekommen kann und wieviele davon reine Pornos sind. Aber aktuell bin ich guter Dinge. Mal sehen ....

;-)

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 11:19 
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Einige seiner Höhepunkte sind bei den Golden Films zu finden. Ich persönlich empfinde GEMIDOS DE PLACER als grandios und extrem beeindruckend, andere sagen das gleiche von MIL SEXO TIENE LA NOCHE (den ich eher langatmig fand, was aber an den fehlenden UTs gelegen haben könnte v...).

Bei Severin in den USA findest Du einige Golden Films in einer guten Qualität und mit englischen Untertiteln, was auf jeden Fall mal eine vernünftige Ausgangsbasis ist. Und bezüglich Pornos: Sicher, richtig prickelnd sind die oft nicht, aber EL HOTEL DE LOS LIGUES hat das Kunststück geschafft lustig und erotisch zugleich zu sein, und die CONFESIONES ÍNTIMAS DE UNA EXHIBITIONISTA waren auch gutes Handwerk. FALO CREST empfand ich sogar als ziemlich gelungen (im Sinne von sexy), genauso wie EL SEXO ESTÁ LOCO. Ich merke schon: Wenn ich so drüber nachdenke, muss ich mich mit dieser Phase unbedingt mal wieder beschäftigen ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 12:09 
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Tolles Projekt, viel Spass dabei! :schilder_hschild:

Mein Traum: Alle Franco Werke in angemessener Qualität auf Blu-ray zu besitzen. Wird wohl immer ein Traum bleiben ...

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Vom Ursprung her verdorben


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 12:34 
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Viel Spass bei der/n Entdeckungsreise/n!

Bei Franco ist es zumindest bei mir so, dass ich vielleicht knapp die Hälfte seines Schaffens in den letzten 10 Jahren gesehen habe und da war für mich von der schönsten Perle bis hin zur elenden Graupe alles dabei gewesen. Bei so einem Output allerdings auch nicht verwunderlich und deshalb ist dieser geschmackliche Streuungsfaktor auf subjektiver Ebene absolut verschmerzbar. Jede seiner unterschiedlichen Filmphasen hatte Höhen und Tiefen, nur mit den Werken der Spätneunziger + Nullerjahre komme ich persönlich überhaupt nicht zurecht und meide noch bestehende Lücken, wenn möglich.


Tolles Projekt auf jeden Fall :)


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 14:03 
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Super Sache! Falls es nicht zu viel verlangt ist, wäre es super, eine Angabe zur jeweiligen Veröffentlichung mit der Du den jeweiligen Film gesehen hast zu posten. Einfach den Label Namen und das Medium.
Da ich meine Sammlung an Franco Filmen weiter ausbauen möchte, fände ich eine solche Angabe toll.

Von Franco besitze ich bis jetzt 29 Filme, die ich heiß und innig liebe.
Von den zuletzt entdeckten hat mich RUF DER BLONDEN GÖTTIN einfach nur geflasht, was für ein hypnotischer Sog sich da entwickelt. Ein echtes Franco Meisterwerk.
Der Schlechteste der letzten Zeit war MARQUISE VON SADE, der dann auch nicht den Weg in meine Sammlung gefunden hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 11.06.2018 14:07 
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roother hat geschrieben:

Auch wenn der inhaltliche Aufbau keine Besonderheit darstellt und das visuelle Konzept des Morpho eher befremdlich als bedrohlich wirkt...


Der Morpho-Charakter kommt im Gesamtwerk Francos ja sehr häufig vor; es ist eine Figur, welche wie in einer Filmserie immer wieder auftaucht - wie zum Beispiel auch sein Inspector Tanner und weitere...

es wäre doch interessant, wenn man untersuchen würde, an welcher figürlichen Ikonographie Franco hier möglicherweise gedacht haben könnte; ich möchte hier auf Boris Karloffs Figur in THE RAVEN (1935) hinweisen, die nach meiner Ansicht durchaus das Vorbild für Francos "Morpho" (in all seinen Inkarnationen) darstellen könnte:

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in THE RAVEN geht es ebenso um einen Doktor (Bela Lugosi), der die Karloff-Figur manipuliert und für seine Zwecke einsetzt; Franco hatte seine große Verehrung für Bela Lugosi ausdrücklich betont (siehe im "Vampir"-Interview), so dass ich davon ausgehen möchte, dass Franco THE RAVEN sicherlich gekannt hat...

meine These wäre nun, dass Franco solche markant signifikanten Elemente - wie seinen "Morpho", durch den dann auch Boris Karloffs Figur durchscheint - als Rezeptionsanleitung verwendet hatte... ich meine, dass dem Zuschauer so eine Art "Anleitung" an die Hand gegeben wird, wie er den Film nehmen kann: als Werk, das sich beispielsweise in der Tradition der frühen klassischen Horrorfilme versteht, diese aber in neuer Weise darstellt...

gerade dieses Muster der "Anspielung" und "Referenz" findet sich in Francos Filmen besonders stark, so dass ich hier schon fast von Film-Collagen sprechen möchte, die sich zeigen, um damit zugleich den filmischen Kosmos, ja, die gesamte Filmgeschichte widerzuspiegeln, so als sei Franco ein Filmarchäologe, der sich an den "Schätzen" der filmischen Vergangenheit bedient...

(roother, ich weiß nicht, ob Dir das überhaupt recht ist, wenn an dieser Stelle - in Deinem Tagebuch - solche Einschübe vorkommen; ich kann meinen Beitrag gerne auch löschen, wenn nur Deine Filmkritiken hier stehen sollen)


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 11.06.2018 14:27 
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Howard Vernon hat geschrieben:

(roother, ich weiß nicht, ob Dir das überhaupt recht ist, wenn an dieser Stelle - in Deinem Tagebuch - solche Einschübe vorkommen; ich kann meinen Beitrag gerne auch löschen, wenn nur Deine Filmkritiken hier stehen sollen)


Nein, überhuapt nicht. Freue mich über jede Art von Rückmeldung. Meine Berichte über die Filme gehen ja nicht sehr in die Tiefe, daher ist das eine echte Bereicherung.

Deine Idee mit der Analogie zu Boris Karloff ist sehr interessant und macht auch Sinn. Danke für diesen Impuls.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: The sadistic Baron von Klaus)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 20:42 
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#3: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll / Dr. Orloff's Monster (1964)

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1964 drehte Franco diesen Horrorfilm, welcher ganz in der Tradition von „The awful Dr. Orlof“ und „The sadisitc Baron von Klaus“ daherkommt. Ich würde sogar behaupten, dass wir hier eine Art Mind-Controlling-Trilogy haben. In allen drei Filmen (welche alle innerhalb einer Zeitspanne von 3 Jahren abgedreht wurden) wird ein vermeintliches „Monster“ durch eine Form von externer Gedankenkontrolle dazu gebracht, junge Frauen zu töten. Hier ist es eine Art frankensteinsche Kreatur, die mithilfe von Ultraschall gelenkt wird.

Die Mordszenen zeigen hier zwar schon deutlich mehr Haut als Francos Vorwerke (eigentlich sind alle Damen beim Ermorden nackt), doch wirken diese sterilen Szenen fast wie Fremdkörper in der sonst sehr atmosphärischen Inszenierung. Ob diese nachgedreht wurden oder vielleicht auch für eine Zweitauswertung über die Co-Produzenten hergestellt wurden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Wie auch im großen Vorbild Frankenstein hadert das „Monster“ mit seinem Schicksal, was zu teils sehr emotionalen Szenen führt. Auf der anderen Seite gibt es Handlungselemente, welche nicht wirklich plausibel sind bzw. nicht in die bisherige Inszenierung passen. Die Motivation von Fisherman, welcher das „Monster“ zum Töten zwingt, habe ich nicht wirklich nachvollziehen können.

Dennoch hat mir die Umsetzung gut gefallen, denn der moralische Zwiespalt des Monsters in Verbindung mit der eher sleazig angelegten Mordszenen, gibt einen interessanten Kontrast.
Gesehen habe ich die französische Version, welche im Titel unerklärlicherweise Doktor Jekyll nennt, während das spanische Original von „Dr. Orloff’s Monster“ spricht (was übrigens auch der Handlung entspricht)

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 22:04 
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Laut Throwers Franco-Studie gibt es drei Fassungen des Films: die spanische, die US-amerikanische, welche fürs TV eingekauft wurde, sowie die französische, die dann auch die "sexy" Szenen enthält, die allerdings schon - da sie quasi nicht zum Ur-Konzept gehören - doch etwas unorganisch im "Filmkörper" wirken...
- und für mich noch sehr bemerkenswert hier: dies wäre die Gesangsnummer von Perla Cristal im Nachtclub mit den Zuschauerreaktionen - ein Element, das ja ständig in Francos Filmen vorkommt und bald dann auch vom Gesang zur Show ("Das Geheimnis des Dr. Z" oder "Necronomicon - Geträumte Sünden") oder zum Striptease (z. B. "Kiss Me Killer") wechseln wird...

wichtig erscheint mir auch Dein gewähltes Bild mit Andros (eigentlich die Morpho-Figur) in seinem aufgestellten "Sarg", das Motiv kehrt ja ebenfalls stetig in Francos Filmen wieder, was mich wiederum an die Caligari-Quelle denken lässt:

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oder sich auch in Ulmers BLACK CAT in abgewandelter Form findet:

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immer sind es die Opfer eines dämonischen Doktors, der seine Macht missbraucht und seinen Willen aufdrängt, die in diesem "Sarg" auf seine Befehle warten...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 22:19 
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Oh das Throwers Buch. Ich ärgere mich noch heute, dass damals verpasst zu haben und freue mich sehr auf die Neuauflage.
Dann lag ich ja richtig mit meiner Einschätzung. Besonders der Mord im Badezimmer wirkte völlig deplaziert. Schreibt Throwers etwas darüber, wie diese Szenen nachträglich entstanden sind? Sind sie vielleicht später von Franco selbst nachgedreht worden oder stammen sie (wie später sooft vom Produzenten)?

Die ganzen Verweise auf klassische Vorbilder sind schon enorm. Bin mal gespannt, wie sich das in späteren Phasen verhält.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 22:28 
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Ich hatte jetzt nur mal schnell wegen der Fassungsvielzahl angeschaut - Thrower geht recht ausführlich auf die verschiedenen Versionen ein; wenn Du Dir die Neuauflage seines Buches zulegst, dann wirst Du einen sehr guten Überblick über die Schnittunterschiede erhalten...
wie bei Deiner Nr. 1 und 2, so war auch hier der Produzent die führende Kraft, die in Frankreich eine etwas gewagtere Fassung bringen wollte; die Badezimmer-Szene fällt dabei wirklich extrem auf - aber ich könnte mir vorstellen, dass die damals im Kino am besten angekommen ist :shock:... oder?...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll)
BeitragVerfasst: 11.06.2018 22:32 
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Davon gehe ich auch aus. Das war zwar noch vor dem Aufkommen des klassischen Bahnhofskinos, aber Mitte der 60er Jahre hatten doch auch die "roughies" als Gegenpol der "nudie-cuties" in den USA Hochkunjunktur. Da passt diese Szene sehr gut ins Konzept.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 12.06.2018 18:41 
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roother hat geschrieben:
[align=center]#2 The sadistic Baron von Klaus (1962)

Zurück bleibt ein recht zwiespältiger Eindruck und die Frage, ob ein enorm unterhaltsames und freizügiges Finale die zuvor ertragene Langeweile rechtfertigen.


Ja, da gebe ich Dir recht: der Film ist teilweise sehr Dialog-intensiv, dafür zeigt das Finale dann aber, was in den nächsten Jahren kommen wird: Francos Interpretation des libertären de Sade, was ja - dieses frei anarchische Denken - Francos Kino zu reflektieren scheint...

dennoch finde ich "Baron von Klaus" von Francos frühen Werken am elegantesten gefilmt, wunderschöne Schwarzweißbilder entstehen von der Landschaft und fangen schöne Panoramablicke ein; ein weiterer wichtiger Punkt ist meiner Ansicht nach zudem aber das Schlussbild, wenn Ludwig von Klaus im Sumpf verschwindet...

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es gibt ja so einige Werke, in denen Franco den Plot mit einer derartigen Szene beendet, man denke hier vor allem an "Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies"...

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Varianten finden sind dann auch, wenn Franco als Schlussbild die Hauptperson tot im Wasser treibend zeigt, so etwa in "Vampyros Lesbos: Die Erbin des Dracula" oder in "La comtesse noire"...

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bei den Vampirfilmen kann die Schlusssequenz durchaus auf das Báthory-Motiv, nämlich in Blut zu baden, anspielen, trotzdem fällt auf, dass Franco ein besonderes Interesse daran hatte, am Schluss die oder den Protagonisten im Wasser "verschwinden" zu lassen...

ich stelle einmal die Frage in die Runde: kann sich jemand vorstellen, was hinter diesem Bild "stecken" könnte? Da es so häufig im Werk Francos vorkommt, wäre es beinahe schon als eine Art von Signatur seines Kinos anzusehen...

ich hatte mir gedacht, dass dahinter möglicherweise Francos serielles Prinzip stecken könnte: die Protagonisten tauchen zum Finale ab, um im nächsten Film wieder aufzutauchen - der weibliche Vampir-Typus aus "Vampyrps Lesbos" erscheint dann in "La comtesse noire" wieder, um schließlich dann als Doriana Gray in "Die Marquise von Sade" zu erscheinen, die ihrerseits am Schluss leblos im Wasser treibt...

neben der seriellen Strategie könnte aber auch eine Art von Filmgrammatik damit gemeint sein; Franco hatte ja betont, dass er nach einer Sequenz gerne einen Panoramaschwenk oder eine Aufnahme von Wasser (wieder das Wasser, das Element des Lebens) einfügt, um so in seiner Filmsprache anzudeuten, dass jetzt - nach der zusammenhängenden Szenefolge - ein "Absatz" gemacht wird...
die verschwinden-im-Wasser-Sequenz, die so viele Filme Francos beendet, könnte dann so eine Art von "Schlusspunkt" sein - "so, dass war es jetzt - ENDE"...

was meint Ihr?...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 12.06.2018 19:33 
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Howard Vernon hat geschrieben:

was meint Ihr?...


Mir fällt da direkt eine Stelle aus Goethes "Faust" ein: "Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser; aus Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück."

Auch Fouqués "Undine" könnte ein Vorbild sein. Ein Unterwassergeist, der in Form einer nackten, wunderschönen Frau die Männer verführt. So wird Undine am Ende nach dem Tod des Erwählten wieder zu Wasser und wird eins mit dem Ursprung aus dem sie kam.

Das Enden im Wasser ist ein Symbol für die Vereinigung des ewigen Kreislaufes der Natur.

Ich weiß, ist weit hergeholt und cineastische Vergleiche habe ich keine, aber in der Litertaur finden wir viele dieser Motive

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt
BeitragVerfasst: 12.06.2018 21:45 
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roother hat geschrieben:

Das Enden im Wasser ist ein Symbol für die Vereinigung des ewigen Kreislaufes der Natur.



sehr schöne Gedanken, roother, die meiner Meinung nach Francos Poesie hervorragend treffen; wenn man einmal hinter die graphisch "fleischliche" Fassade (also hinter die Sexszenen etc.) blickt, dann fallen Bilder in Francos Kino auf, die von wahrer Schönheit sind... ich hatte ja oben schon einmal das Zyklische angesprochen, das ich in seinem Werk sehe - das Zyklische wäre einmal in der Narration zu finden, wenn zum Beispiel in "Marquis De Sade: Eugenie" das Ende sich im Finale mit dem Anfang verbindet... oder aber: man begegnet solch einer natürlichen Kreislaufanspielung, wie man sie im Wasserbild entdecken könnte - von daher finde ich Deine Vergleiche zur (besonders romantischen) Literatur diesbezüglich sehr treffen...




da fällt mir noch ein, dass das Wasser, beziehungsweise das Meer ebenso ein Symbol für das Unterbewusste sein könnte; die Weite des Meeres steht für das Unergründbare im Menschen usw. - dahingehend könnte Francos "Paroxismus" interessant sein, da Wanda, die "Venus im Pelz" (so der deutsche Titel), wie die antike Göttin aus dem Meer geboren wurde und am Anfang des Films an den Strand gespült wird - insofern könnte Wanda das Symbol für das aus dem Alltag Verdrängte sein, quasi das schlechte Gewissen von jenen, an die sie sich im Laufe der Handlung rächen wird...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Die lebenden Leichen des Doktor Jekyll)
BeitragVerfasst: 13.06.2018 13:27 
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#4: Das Geheimnis des Doktor Z (1965)

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Erneut liefert Franco einen Horrorfilm ab, der sich thematisch der Gedankenkontrolle widmet. Gab es bei den vorherigen Filmen mal mehr mal weniger deutliche Kritikpunkte, bin ich beim Doktor Z nun völlig beeindruckt.
„The diabolical Doktor Z“ hat einfach alles, was einen atmosphärischen Grusler ausmacht: Tolle Kinematografie, spannende Inszenierung, beeindruckende Musik von Daniel White – und (im Gegensatz zu „Orloff’s Monster“ und besonders „Baron von Klaus“) auch glaubwürdige Charakterzeichnungen.
Da wäre zum einen der fast schon bemitleidenswerte Doktor Z, der im Grunde selbst an seiner Radikalität zerbricht, die versucht Kriminelle wieder in die Gesellschaft zu integrieren, indem er sie in orloffscher Tradition gefügig macht und dafür vom wissenschaftlichen Rat so abgestraft wird, dass er einen Herzinfarkt erleidet. Zum anderen ist da Irma, welche in tiefster Trauer um ihrem Vater nicht nur dessen Lebenswerk vollenden möchte, sondern auch bittere Rache für seinen Tot übt.

Das Opfer der Gedankenkontrolle ist diesmal auch kein deformiertes Monster oder ein lebender Toter, sondern die charakterstarke Tänzerin Miss Muerte, welche unter Irmas Kontrolle, deren Rachefeldzug mit in Gift getränkten, spitzen Fingernägeln vollzieht.

Mit Miss Muerste kommt auch wieder subtile Erotik mit ins Spiel. Nur bekleidet von einem durchsichtigen Netzanzug, versprüht Estella Blain knisternde Erotik von der ersten bis zur letzten Minute und macht so „Das Geheimnis des Doktor Z“ zu einem vielschichtigen, cineastischen Erlebnis.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Das Geheimnis des Doktor Z)
BeitragVerfasst: 13.06.2018 18:28 
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Deine Vorstellung der Nr. 4 stellt sicherlich einen Höhepunkt im Gesamtwerk Francos dar - "Das Geheimnis des Doktor Z" bietet einen leichten Zugang, so dass wohl jeder, der für den damaligen Trend an Horror- und Science-Fiction-Filmen etwas übrig hat, sich gut unterhalten fühlen dürfte...

vielleicht könnte man noch erwähnen, dass Franco hier schon beginnt, den Part des Bösewichtes auf eine Frau zu projizieren, so dass die passive Opferrolle den Männern - den Wissenschaftlern, die Irmas Vater verstoßen haben - zufällt (dieser "Rollentausch" im Geschlechterklischee wird Franco mit den Jahren ja zunehmend deutlicher ausarbeiten und gestalten)...

am bizarrsten hatte auf den zeitgenössischen Zuschauer aber vermutlich der Show-Akt gewirkt, der in seiner morbiden Abstraktheit auch heute noch recht sonderbar erscheint...

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bereits hier ist ja die Konstellation gegeben, dass die Tänzerin im Tanz ihr Opfer umgarnt, was dann später in "Vampyros Lesbos" - mit lesbischem Subtext - in der dortigen "Show" des Nachtclubs weiterentwickelt wird...




da wir mit "Das Geheimnis des Doktor Z" chronologisch gesehen schon im Jahr 1965 angekommen sind und Du wohl nicht mehr in Deinem Filmtagebuch auf das Jahr 1963 zurückblicken wirst, möchte ich an dieser Stelle dann doch noch kurz Francos "Rififí en la ciudad" erwähnen - auch wenn in den letzten Jahren unglaublich viele Filme von Franco veröffentlicht worden sind, so hat es leider dieses kleine "Juwel" noch nicht zur großen Popularität gebracht... grob betrachtet kann man hier von einem "Film Noir" sprechen, der inhaltlich auf "The Glass Key" anspielt (ein Politiker kommt wegen eines Mordes gehörig unter Druck), wobei Orson Welles so sehr von Francos Film angetan war (Franco hat hier in einigen Szenen Welles' Stil imitiert), so dass er Franco als "Second Unit Director" für seinen "Falstaff" (1965) verpflichten sollte...

ich habe auf youtube einen kleinen Ausschnitt aus dem Film gefunden, der - quasi in Kontrast zum bizarren Show-Akt oben - eine typische Gesangsnummer mit Show zeigt, wie sie in einem US-amerikanischen "Noir" vorkommen könnte; neben dem Show-Spektakel würde ich aber gerne auf die hervorragende Inszenierung von Franco verweisen, wie er den "Akt" geschnitten hat (kaum Schnitte - Referenz auf den Anfang von TOUCH OF EVIL?) und wie er überhaupt die Gesangsnummer kompositorisch gestaltet...

youtu.be Video From : youtu.be


bin dann einmal gespannt, welcher Film als nächstes kommt...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Das Geheimnis des Doktor Z)
BeitragVerfasst: 13.06.2018 18:59 
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Rififi en la ciudad war eigentlich fest eingeplant, aber die Scheibe aus USA war über 2 Monate unterwegs (liegt mittlerweile aber hier auf dem Tisch). Doch da ich meinen Reviews immer 1-2 Filme voraus bin, ich der Zug aktuell erstmal abgefahren

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Das Geheimnis des Doktor Z)
BeitragVerfasst: 14.06.2018 16:56 
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#5: Succubus (1967)

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Wow, ok – das hätte ich jetzt nicht erwartet. Hier bekommt man schon so früh einen „typischen“ Franco, wie ihn wohl viele kennen: surreale Bilder gepaart mit exotisch anmutenden Bauten und Kulissen, sinnliche Erotik, Sadismus und dezent eingesetzter Humor.

Der Film beginnt mit einer Sado-Maso-Show exakt so wie wir es Jahre später in „Exorzism“ erneut erleben werden. In der Darstellerin Lorna (auch dieser Name wird uns bei Franco später erneut begegnen) begegnet uns eine sexuell aufreizende, aber völlig unzufriedene Frau. Nachdem ihr Partner sie trotz Striptease abblitzen lässt, wechselt die Szenerie vom tristen Appartement und eine sommerliche Kulisse im Süden Portugals. Das Bild ist surreal verfremdet: grieselige, völlig überbelichtete Bilder wirken traumartig. Dass Lorna sich hier als Gräfin präsentiert (was ebenfalls ein bei Franco noch sehr häufig auftretendes Motiv sein wird) und auch so genannt wird, unterstützen diese Vermutung.
Fortan wechseln scheinbar grundlos die Erzählebenen, fast schon parabolische Szenen werden von bodenständigen Handlungsabläufen abgelöst. Ellipsen in der Handlung verleiten zu Interpretation. Träumt Lorna nur oder lebt sie ein Parallelleben? Ist Lorna Opfer und steht unter der Kontrolle des geheimnisvollen Unbekannten oder ist sie selbst eine eiskalte Mörderin?

Ich will hier gar nicht erst versuchen all die Ellipsen zu füllen, zu all den Symbolen und Verweisen auf bedeutsame Persönlichkeiten der klassischen Kunst eine Verbindung herzustellen. Franco legt meiner Meinung nach mehr Wert aus das Visuelle als auf den Inhalt. Daher fasziniert mich das Spiel mit den Kontrasten des kühlen, rationalen Berlins auf der einen und des freundlichen, unbeschwerten Lissabons auf der anderen Seite.

Wenn Franco den Inhalt durch das Visuelle erzählt, wenn er die Kinematografie als Protagonist nutzt und dadurch die Handlung vorantreibt, ist dies seine absolute Stärke. Und für mich ist dies viel gewinnbringender als jeder Dialog.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Das Geheimnis des Doktor Z)
BeitragVerfasst: 14.06.2018 20:48 
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roother hat geschrieben:
[align=center]#5: Succubus (1967)

Wenn Franco den Inhalt durch das Visuelle erzählt, wenn er die Kinematografie als Protagonist nutzt und dadurch die Handlung vorantreibt, ist dies seine absolute Stärke. Und für mich ist dies viel gewinnbringender als jeder Dialog.


Wohl einer meiner absoluten Lieblingsfilme, ein Film, den ich sehr oft schon gesehen habe und bei dem ich mir nicht vorstellen kann, dass sich das jemals ändern wird; ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich das deutsche VHS-Tape zuerst gesehen habe - jedenfalls ziehe ich die deutsche Sprachfassung auf dem alten Tape (ist ja auch ein Film der "BRD") der englischsprachigen Blue-Underground-DVD immer wieder vor...

hier bricht Francos Surrealismus wohl zum ersten Mal so richtig durch, wobei der Film wie eine Parodie (?) auf Godards damaligen Inszenierungs-Stil wirkt (Franco war großer Godard-Fan, zumindest vor dessen politisch holzschnittartiger Filmessay-Phase); Francos Filme sind ja sehr häufig mit der Psychoanalyse verknüpft, was gerade auch in "Succubus" überdeutlich zu erkennen wäre... die Monster erscheinen wie das Verdrängte, weshalb denn auch beim Psychiater eine Sammlung mit kleinen Monsterfiguren (den klassischen Universal-Monstern) zu sehen ist...

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und auch ein Neuzugang ist dort zu finden: ein faustischer Charakter, gespielt von Michel Lemoine, der seine dunkle Macht auf Lorna ausübt...

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Francos "Faust" mit seiner hypnotischen Kontrolle über Lorna wäre also in diesem Fall nicht wissenschaftlich - so wie in den vorausgegangenen Werken mit Dr. Orloff dargestellt - ausgeführt, sondern seine "Kontrolle" ist eher mystisch - nicht erklärbar -, wobei für mich interessant ist, dass Franco hier dann auch das Motiv der "Gedankenkontrolle" mit einem anderen filmischen Vorbild zusammenbringt, nämlich mit Bela Lugosis Charakter aus "White Zombie", wo Lugosis Figur durch magische Kräfte die willenlosen Zombies lenkt und dabei sein Gesicht in nahsichtiger Überblendung immer wieder erscheint...

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ähnliche Einstellungen erhält dann auch Francos "Faust"-Figur, wenn sie Lorna durch ihre Gedanken kontrolliert - oder bildet sich Lorna all dies nur ein? Und was ist mit dem Admiral?

Fragen über Fragen, die unlösbar scheinen und jedes neue Anschauen zu einem Erlebnis machen - jedenfalls für mich, ich liebe diesen Film...


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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Succubus)
BeitragVerfasst: 14.06.2018 21:01 
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Wunderbar, wie hier über Francos Werk gesprochen und diskutiert wird. Zwar durchaus kritisch, aber ganz ohne Spott und Überheblichkeit. Gefällt mir.

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 Betreff des Beitrags: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Succubus)
BeitragVerfasst: 15.06.2018 14:02 
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#6: Sadisterotica / Red Lips (1967)

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Der erste Euro-Spy von Franco (zumindest in meiner Watchlist) - ein unterhaltsamer, sehr charmanter und enorm witziger, wenn auch vom Titel „Sadisterotica“ völlig unpassender Film.

Franco geht hier einen inszenatorischen Schritt zurück und liefert nach dem surrealen Meisterwerk Succubus ein eher gradliniges, leichtes Filmchen ab, jedoch nicht ohne die francoschen Sonderheiten. Denn eigentlich bietet die Story um zwei weiblichen Spione, welche eine Mordserie an jungen Frauen aufklären keine Überraschung, würde da nicht Franco seine kleinen Sonderbarkeiten einbauen.

Natürlich handelt der Mörder nicht alleine, sondern befehligt ein werwolfartiges Wesen namens Morpho (Dr. Orlof lässt grüßen) und auch hier gibt es im Flamingo Club eine sexy Striptease-Tanz-Einlage zu wilder Jazz-Musik. Auch wechselt der Film zwei Mal in die Meta-Ebene, indem sich die Protagonisten direkt dem Zuschauer zuwenden und mit ihm interagieren.

Eine enorm unterhaltsame Spy-Comedy, welche den Zuschauer sofort gefangen nimmt und in eine feel-good-Stimmung versetzt, welche jedoch immer mal wieder von befremdlich grausamen Szenen durchbrochen wird. Wenn die beiden Damen z.B. einen Mann mit Martini in bester Waterbording-Manier quälen oder Morpho seine Opfer während der Gefangennahme massiv begrapscht, dann bleibt einem das vorherige Lachen bitter im Hals stecken.

So entdeckt man mit der Zeit immer mehr Punkte, welche die eigentlich trivial wirkende Spy-Comedy zu einem echt sehenswerten Filmerlebnis machen.

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