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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Spezialkommando Wildgänse (1970)
PostPosted: 18.01.2016 18:33 
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Michael Craig   Eva Renzi   Klaus Kinski   Adolfo Celi   in

SPEZIALKOMMANDO WILDGÄNSE

APPUNTAMENTO COL DISONORE / SPEZIALKOMMANDO WILDGÄNSE / SASTANAK SA NECASNIM (I|D|JUG|1970)
mit Margaret Lee, Ennio Balbo, Giacomo Rossi Stuart, Giuseppe Addobbati, Luciano Pigozzi und als Gast George Sanders
eine Produktion der Roberto Cinematografica | Lisa Film | Avala Film
ein Film von Adriano Bolzoni


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»Was heißt hier Soldaten? Es sind Terroristen!«


Als es zwischen Griechen und Türken zu Kämpfen sowie zahlreichen terroristischen Anschlägen während des Zypernkonflikts kommt und die Gewalt auf ihrem blutigen Höhepunkt angekommen ist, nutzt der fanatische Priester Evagoras (Klaus Kinski) die unübersichtliche Lage, um Verhandlungen und jeden Versuch einer friedlichen Einigung zu vereiteln. Dabei geht er mit unerbittlichen Mitteln und Grausamkeit vor. Sein Ziel ist, den Generalsekretär der Vereinten Nationen zu ermorden, um mit seinem Exempel an die Weltöffentlichkeit zu gelangen. Da das britische Militär die Lage zwischen den verfeindeten Fronten entschärfen soll, entsteht zusätzlicher Zündstoff. Colonel Stephen Mallory (Michael Craig) hat die beinahe unmögliche Aufgabe, mit seinen Truppen für Ruhe und Ordnung zu sorgen, doch die Gewalt kocht immer mehr aus dem Untergrund hervor, außerdem hat Evagoras es auf Mallory abgesehen...

Die präzise Zuordnung in ein bestimmtes Genre erweist sich bei zahlreichen Produktionen als nicht gerade einfach, da es viele Beiträge gibt, die vorgeben, etwas zu sein, das sie keineswegs halten können. Natürlich bekommt man auch diejenigen zu Gesicht, die wenig versprechen, aber überraschenderweise und in vielerlei Hinsicht entschädigen oder mehrere Genres gleichzeitig bedienen. Adriano Bolzonis Beitrag verleitet aufgrund seines deutschen Titels umgehend dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen, was zunächst phasenweise auch gerechtfertigt erscheint. Letztlich wird es aber vor allem diese eher selten behandelte Thematik sein, die nicht nur für Abwechslung, sondern auch für einen ungeahnten Tiefgang sorgen wird. Der Einstieg steht jedoch zunächst ziemlich konträr dazu, da der Beobachter gleich mit einer Exekution konfrontiert wird. Die frühe Phase ist, wie viele nachfolgende Sequenzen auch, mit einschüchternder Hektik und Temperament durchzogen, in denen die Hauptpersonen ihr gesamtes Können unter Beweis stellen. Einerseits liegt die deutliche Konzentration also auf Verbrechen und Gewalt, andererseits zeigen sich jedoch sehr kritische Untertöne, die durch die jeweiligen sehr unterschiedlich, aber vollkommen stichhaltig wirkenden Charaktere transportiert werden. Man nimmt ein Roulette aus Fanatismus und Überzeugung, Idealen, Werten und Moral, Egoismus, Vermessenheit und falschen Sentimentalitäten wahr, das diesen sehr variablen Verlauf bestimmt und permanent für Zündstoff sorgen wird. Die Bebilderung spart sich die naturgemäße Prosa nicht auf, gibt jedoch auch immer wieder kurz Gelegenheit, einige der Beteiligten in ganz aufrichtigen Momenten zu erleben, in denen sie sich für kurze Augenblicke frei von den Rahmenbedingungen machen können. Doch wie es eben ist, setzt die Realität dann wieder blutig zum Überholmanöver an.

Adriano Bolzonis Film ist sehr gut mit bekannten Schauspielern ausgestattet, die teilweise ganz besondere Leistungen erbringen. In diesem Zusammenhang ist es eine Offenbarung, Eva Renzi nicht nur als weibliche Hauptperson, sondern auch in einer sehr ausfüllenden Rolle als griechische Partisanin Helena zu sehen, die sie mit viel unbändigem Temperament und charakterlicher Tiefe ausstattet. Dem Empfinden nach handelt es sich dabei um eine Interpretation, die dem Anspruch der Schauspielerin sehr nahe gekommen sein muss, wird sie sich doch in einer von Männern und Zwängen dominierten Umgebung nicht beugen. Ohne Rücksicht auf Verluste kämpft sie für ihre Überzeugung und tut dabei ihre Ideale lauthals und mit eindeutigen Mitteln kund. Einem Offizier von Rang und Namen spuckt sie beispielsweise angewidert ins Gesicht, da er sie mit seinen Blicken ihrer Ansicht nach zu einem Objekt degradiert hat. Sie stellt sich gegen Maschinenpistolen und rücksichtslose Mörder und als ihr eigenes Kind als Schachfigur zwischen den Fronten eingesetzt werden soll, wird sie zur unberechenbaren Furie. Eva Renzi provoziert in zahlreichen ihrer Filme zur Analyse, da es so aussieht, als sei es quasi ihr Grundrecht, es dem Zuschauer abzuverlangen. Es stellt sich somit als sehr große Überraschung heraus, eine tiefgründige und auf Augenmaß angelegte Frauenrolle in einem Beitrag mit derartiger Thematik erleben zu können. Diese wurde obendrein mit der Finesse der schönen Berlinerin ausgestattet. Als Ausgleich für innere Widerstände und Zerreißproben sieht man ausgelassene und unbeschwerte Momente mit ihr und Partner Michael Craig, die durch das malerische Setting an Strand und Meer, in Verbindung mit der beruhigenden Musik von Gianni Ferrio einer Strecke von Traumbildern gleichen. Zumindest so lange, bis die Realität wieder in kalten Bildern einschießt. Erneut umwerfend, diese Eva Renzi!

Innerhalb der unbarmherzigen Mechanik von Verbrechen, Gewalt und Mord muss es der Brite Michael Craig mit einer Horde an Gegnern aufnehmen, deren Handlungen nur schwer rational zu erklären sind, was die Angelegenheit natürlich wesentlich erschwert. Erstaunlich ist, dass der Verlauf nicht großartig daran interessiert zu sein scheint, falsche Hoffnungen oder verzerrte Eindrücke aufkommen zu lassen, was gleichzeitig den Weg ebnet und das Ziel suggeriert. Craig bewegt sich resolut in dieser turbulenten Angelegenheit. Interessant ist, dass er ab einem gewissen Zeitpunkt zur Beute wird, obwohl er ja eigentlich als Jäger in die Geschichte integriert wurde. Wer anderes könnte hinter dieser perfiden Umsetzung eines solchen Plans stecken als Klaus Kinski, den man hier als vermeintlichen Würdenträger sieht. Da er sich hinter religiösen Phrasen und einer Soutane versteckt, kann er seinen Kreuzzug dem Empfinden nach ungehindert fortsetzen. Kinski wirkt wie so häufig in einer ungewissen Art gefährlich, seine Stärke entsteht erneut aus der Fähigkeit, dass er der Wolf sein kann, der Kreide gefressen hat. Michael Craig und Klaus Kinski werden über lange Hand als Gegenspieler aufgebaut, sodass der Zuschauer einen ordentlichen Clash und ein spektakuläres Finale erwarten darf, das aufgrund der guten schauspielerischen Kompetenzen verfeinert wird. In diesem Zusammenhang sind natürlich noch die Leistungen von Adolfo Celi als Mann des Widerstandes aus dem Untergrund, sowie George Sanders oder beispielsweise Ennio Balbo zu nennen, die das Geschehen gekonnt abrunden. Eine erwähnenswerte, wenn auch im Vergleich zu Eva Renzi vollkommen untergeordnete Rolle bei den Damen bekleidet die gern gesehene Margaret Lee, die wie so oft geheimnisvoll und unergründlich bleibt. Ein klasse Ensemble, das schließlich das halten kann, was es im Vorfeld verspricht.

Wie bereits erwähnt, ist die Thematik nicht uninteressant und auch wenn die Geschichte zunächst nach einem klassischen Politikum aussieht, wird der Verlauf im letzten Drittel etwas kopflastig, verliert deswegen ein wenig das Interesse an eigentlichen Botschaften. Die Erzählstruktur lässt plötzlich ihren klaren Aufbau zu sehr vermissen und es kommt hin und wieder zu Gedankensprüngen, die einfach zu hastig in irgendwelchen unzureichenden Erklärungen hervorgebracht werden. Dieser Eindruck entsteht vielleicht nicht zuletzt dadurch, weil die Konzentration nun hauptsächlich auf reißerische Action und pyrotechnische Spielereien gelegt wurde, und die psychologische Kriegsführung einer mechanischen weichen muss. Denkt man an die sehr dichte Ausarbeitung und die stichhaltige Integration der Charaktere, wirkt diese Kehrtwendung etwas unbefriedigend, weil die Regie ihren nahezu andersartigen Kurs nicht eingehalten hat. Also versucht "Spezialkommando Wildgänse" unterm Strich doch zweigleisig zu fahren, um womöglich so viele Zuschauer wie möglich zu erreichen. Große Stärken erreichen das Auge des Betrachters in Form der charakteristischen Schauplätze, es lässt sich in diesem Zusammenhang eine angenehm wirkende, atmosphärische Dichte ausmachen, die durch bemühte Kamera-Einstellungen an Profil gewinnen, letztlich aber nicht außergewöhnlich wirken. Die Musik präsentiert sich wie ein Chamäleon und passt sich jeder Situation blendend an, es werden Stimmungen fabriziert, die sogar teilweise unter die Haut gehen wollen. Letztlich sieht man mit Adriano Bolzonis Film einen sehr ambitionierten Genre-Beitrag mit vielen beachtlichen Elementen, der allerdings den Mut der Anfangsphase leider nicht bis über die Ziellinie transportieren konnte. Deshalb steht oder fällt die Angelegenheit ganz simpel mit dem Auge des Betrachters. Für Fans von Eva Renzi und Klaus Kinski liegen dennoch willkommene Überraschungen und kleinere Sensationen im Kugelhagel bereit.


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 Post subject: Fanny Hill (1964)
PostPosted: 29.01.2016 16:56 
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Letícia Román   in

FANNY HILL

● FANNY HILL / FANNY HILL: MEMOIRS OF A WOMAN OF PLEASURE (D|US|1964)
mit Miriam Hopkins, Chris Howland, Ulli Lommel, Alexander D'Arcy, Helmut Weiss, Karin Evans, Marshall Reynor,
Christiane Schmidtmer, Hilde Sessak, Britt Lindberg, Susanne Hsiao, Veronica Ericson und Walter Giller
eine Produktion der CCC Filmkunst | Famous Players Corporation | Favorite Films | im Gloria Filmverleih
ein Film von Russ Meyer


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»Dirne?«


England im 18. Jahrhundert. Die unschuldige, und aus der Provinz stammende Fanny Hill (Letícia Román) geht nach London um sich eine geregelte Arbeit zu suchen. Allerdings ist sie auf die dort lauernden Verlockungen und Gefahren nicht vorbereitet. Schnell lernt sie eine gewisse Madame Brown (Miriam Hopkins) kennen, die sie in ihrem Hause aufnehmen will. Im Gegenzug soll die Schöne vom Lande einfach nur nett zu den dort ein und aus gehenden Herren sein. Noch ahnt sie nicht, dass sie in einem berüchtigten Freudenhaus gelandet ist und dass sie fortan Objekt der Begierde wird, da jeder Gast sich in den Kopf gesetzt hat, die verführerische Fanny in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen...

Der Berliner Produzent Artur Brauner stellte häufiger seine Experimentierfreudigkeit mit recht mutigen Beiträgen unter Beweis, mit denen er sich oftmals gegen gewöhnliche Sehgewohnheiten zu stellten versuchte und die teilweise sogar für Aufsehen sorgen konnten. Unter dieser Voraussetzung entstand auch sein Projekt "Fanny Hill", das nach der Wiederentdeckung des Erotikons von John Cleland, welches hier als Vorlage diente, schnell mit einem internationalen Stab realisiert wurde. Zu diesem Zweck wurde mit dem Amerikaner Russ Meyer ein Regisseur verpflichtet, der bekannt für das besondere Anpacken erotischer Stoffe war. Dem Film ist seine deutsche Seele zu jedem Zeitpunkt anzusehen, was schließlich einen eher unbefriedigenden Gesamteindruck hinterlässt, da die Auffassung handelsüblicher Erotik-Komödien vertreten wird. Angesichts des Produktionsjahres bekommt man nur so viel zu sehen, damit keinerlei Reibungsflächen entstehen werden und man verliert sich daher lediglich in Andeutungen und vagen Veranschaulichungen, die im Endeffekt nicht über alberne Elemente und viele Szenen hinauskommen, die nach angestaubten Klamauk schmecken. Diese Strategie von einem Schritt nach vorne gehen, um gleichzeitig wieder drei zurückzugehen bedeutet gleichermaßen, dass ein belangloser Eindruck entsteht und man schließlich nicht dazu verleitet werden kann, den Film als einen der besonderen Beiträge des erotischen Films zu bewerten, sodass lediglich eine ungenutzte Idee zurückbleibt. Vielmehr bekommt der Zuschauer einen Verlauf präsentiert, der beinahe deutschen Lustspielen reinster Seele gleicht, die keinen Mittelweg zwischen geistreicher Unterhaltung und Situationskomik hinbekommen haben. Gut, vielleicht neigt man bei den Voraussetzungen des Films auch dazu, ein bisschen zu viel zu erwarten und daher sollten ihm seine durchaus vorhandenen Stärken zugute gehalten werden, denn Ausstattung und Stab können sich beispielsweise sehen lassen.

Auch die internationale Besetzung weiß in im Großen und Ganzen zu gefallen, wenn auch nicht immer zu überzeugen. Die Titelrolle bekommt von der bezaubernden Letícia Román Leben eingehaucht und die Italienerin weiß einen naiven und fortwährend komischen Touch zu präsentieren, allerdings vermisst man den suggerierten erotischen Tenor. Überhaupt scheitert der Versuch derartige Akzente zu setzen, was vor allem über die Dialoge geschehen soll, immer wieder wird man mit Fannys Erzählstimme aus dem Off versorgt. Die weitere Besetzung besteht hauptsächlich aus bekannten deutschen Stars, einige Darsteller sollten der Thematik wohl alleine mit ihrem hinlänglich bekannten Medien-Image zuträglich sein, und andere tatsächlich zu kleineren Erotik-Stars avancieren. Chris Howland und Walter Giller tun sich beispielsweise nicht besonders hervor, man ist sogar versucht zu sagen, dass sie strapazieren, Ulli Lommel hinterlässt einen angenehmen Eindruck, genau wie die reizende Christiane Schmidtmer. Generell ist zu sagen, dass die Nebenrollen allesamt recht klein ausgefallen sind, wenn man genau hinschaut kann man Harald Juhnkes spätere Ehefrau Susanne Hsiao aufspüren, oder eine sehr unkenntlich zurecht gemachte Hilde Sessak, mit Bart und Warze. Den besten Eindruck hinterlässt schließlich die Amerikanerin Miriam Hopkins als Madame Brown, die verschlagen wirkt und das Szenario mit einer angemessenen Ausstrahlung bereichert. Die Kostüme und die Sets wirken authentisch, sind dabei allerdings weit entfernt von einem Ausstattungsfilm, hin und wieder kommt es zu netten Szenen, die Situationskomik und Humor vermitteln können, aber unglücklicherweise ziehen sich diese Passagen nicht gerade wie ein roter Faden durch den Film, der einfach keine Entscheidung treffen wird, was er tatsächlich darstellen möchte. Erotik, Verführung oder gar Frivolität muss man schließlich suchen wie die Nadel im Heuhaufen und "Fanny Hill" bleibt unterm Strich als kein besonders in Erinnerung bleibender Beitrag zurück, weil er sich leider irgendwie selbst zensiert hat. Heiter bis wolkiger Erotik-Klamauk in Kinderschuhen.


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 Post subject: Als die Blumen Trauer trugen (1971)
PostPosted: 30.01.2016 10:44 
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● Folge 39: ALS DIE BLUMEN TRAUER TRUGEN (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Sylvia Lukan, Paul Hoffmann, Inge Birkmann, Heinz Ehrenfreund, Klaus Wildbolz, Thomas Piper, Thomas Egg, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Dietrich Haugk




Dr. Trotta wird im Garten seines Hauses erschossen und die Spur zum Täter führt über eine Schallplatte der Band "Joker Five", die sich der Mann in mittleren Jahren immer und immer wieder anhörte. Jeanie, die Sängerin dieser Musikgruppe war die Freundin von Doktor Trottas Sohn Peter. Sie starb wenige Wochen zuvor an den Komplikationen einer Abtreibung. Kommissar Keller vermutet genau hier den Zusammenhang, doch genau deswegen scheint auch jeder der Beteiligten ein Tatmotiv zu haben. Die Ermittlungen ergeben, dass man niemandem eine direkte Schuld an Jeanies Tod nachweisen kann, doch es könnte sein, dass der Tat möglicherweise eine Racheaktion zugrunde liegt...

Innerhalb der "Kommissar"-Reihe bildet Dietrich Haugks "Als die Blumen Trauer trugen" einen der Klassiker, der mit einer unheimlichen Melancholie durchzogen ist, vielleicht könnte man es sogar Theatralik nennen. Diese Tatsache soll allerdings nichts Negatives über diesen Beitrag aussagen, denn der Zuschauer wird nicht zuletzt wegen der einfühlsamen und gleichermaßen fordernden Geschichte und der besonderen Charaktere so packend, sodass man sich nicht abwenden kann und mit der singenden, respektive toten Lichtgestalt der Episode mitfühlt. Folge 39 wird von Musik getragen, von einem Lied das allgegenwärtig ist und buchstäblich nachhallt. Doch zunächst kommt es zu einem plötzlichen Mord, dem eine packende Inszenierung zuteil wird und der sich ganz offensichtlich in der besseren Gesellschaft abspielt. Konträr dazu stehen die gleich zu Beginn integrierten Bandmitglieder, aber es kommt zu einem schnellen Aufzeigen von wichtigen Zusammenhängen und man bekommt es mit einem sehr klassischen Aufrollen eines Verbrechens zu tun, bei dem Kommissar Keller und seine Mannschaft förmlich jedes kleinste Detail aufgreifen werden. Im Mittelpunkt steht die Lethargie der jungen Männer aus der Band, denen deutlich anzusehen ist, dass eine Welt zusammengebrochen zu sein scheint. Außergewöhnlich dabei wirkt die Skizzierung der Emotionen, wenn es wie in diesem Fall dazu kommt, dass die Inspiration, Freundin, Liebe und das Elixier nicht mehr weiter existiert. Die Erfahrung Kommissar Kellers und des Zuschauers sagt, dass innerhalb solcher Zustände alles möglich sein könnte und man zieht es auch in Betracht, was die Folge mit einer merkwürdigen Spannung versorgt, die jedoch alles andere als klassisch erscheint. Die Abhandlung des sensiblen Themas erfährt jedenfalls durch die Regie sehr echte Momente, wobei die kritische Auseinandersetzung mit dem § 218 einigen Oberflächlichkeiten weichen muss.

Dietrich Haugk beschäftigt sich zwar umgehend mit dem Kriminalfall und dem dazu gehörenden Mord, außerdem werden diejenigen, die übrig geblieben sind, charakterisiert, aber letztlich lebt die Folge nahezu ausschließlich von ihren großen Rückblenden in der man die faszinierende Lichtgestalt Jeanie posthum kennenlernt. Wo man hinschaut, man sieht große Poster der Sängerin und sie ist allgegenwärtig, doch auch mit diesem ausgeprägten Kult ist der Tod nicht zu überwinden. Auch Daisy Doors Schlager "Du lebst in Deiner Welt (Highlights Of My Dreams)", der nach der Ausstrahlung über Nacht zum großen Hit wurde, wird Teil einer Kreation, der die österreichische Theater-Schauspielerin Sylvia Lukan den Feinschliff gibt. Ihr Wesen wirkt anziehend, ihre Art vereinnahmend und sie bleibt als eine der ganz besonderen "Kommissar"-Figuren in Erinnerung. Routiniers wie die stets großartige Inge Birkmann oder Paul Hoffmann setzen klassische Schauspiel-Akzente und drängen den oftmals auf zu modern getrimmten Charakter der Umgebung zu Serien-Maximen zurück, was stets eine gute Mischung zwischen Lethargie und Nüchternheit zu ergeben scheint. Erneut sieht man ein paar der 1000 Blüten der Liebe, eines der unzähligen Gesichter des Schicksals und ein halbes Dutzend von Leuten, die offensichtlich wirkliche Typen sind. Wie im Titel angedeutet, wird hier eine international verständlich wirkende Sprache gesprochen, nämlich die der Blumen, und es bleibt zu sagen, dass ein abwechslungsreiches Roulette der Emotionen und falschen Entscheidungen sehr gut bei der Stange halten kann. Die Auflösung wirkt zugegebenermaßen etwas eilig aus dem Ärmel gezaubert und insgesamt muss die angestoßene Kritik ganz simplen Populärthemen weichen. Dennoch bekommt man von Dietrich Haugk ein gelungenes Experiment offeriert, dass sich seiner kraftvollen Möglichkeiten zu jedem Zeitpunkt bewusst ist und daher in Erinnerung bleibt.


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 Post subject: Frauenarzt Dr. Sibelius (1962)
PostPosted: 31.01.2016 10:52 
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FRAUENARZT DR. SIBELIUS

● FRAUENARZT DR. SIBELIUS (D|1962)
mit Lex Barker, Barbara Rütting, Senta Berger, Sabine Bethmann, Anita Höfer, Harry Meyen, Ann Savo,
Berta Drews, Hans Nielsen, Gudrun Schmidt, Loni Heuser, Rudolf Platte und Elisabeth Flickenschildt
ein Alfa Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Rudolf Jugert


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»Deine Methoden widern mich an!«


Der angesehene Gynäkologe Dr. Georg Sibelius (Lex Barker) ist Arzt mit Leib und Seele, verbringt somit auch die meiste Zeit in seiner Sprechstunde und der Klinik. Seine schöne Frau Elisabeth (Senta Berger) ist aufgrund der beruflichen Einbindung ihres Mannes sehr einsam, sie fühlt sich vernachlässigt und zurückgestellt, bis sie sich schließlich in eine unbegründete Eifersucht hineinsteigert. Als Gitta Hansen (Ann Savo), Patientin bei Dr. Sibelius, eines Tages behauptet, sie erwarte ein Kind von ihm, wird das Zusammenleben mit Elisabeth immer schwerer, da Frau Sibelius nicht mehr weiß, was sie glauben soll. Die nächste Zielscheibe stellt die gemeinsame Freundin und Journalistin Sabine Hellmann (Barbara Rütting) dar und es kommt zu einer Reihe von impulsiven Fehlentscheidungen...

Betrachtet man den Titel von von Rudolf Jugerts Spielfilm, liegt zunächst die Vermutung nahe, dass es hauptsächlich zu einer Abhandlung des brisanten Themas Schwangerschaftsabbruch kommen wird, jedoch wird relativ schnell klar, dass "Frauenarzu Dr. Sibelius" keinen vollkommen mutigen Kurs einschlagen wird. Was man dem Zuschauer anfangs suggeriert, wird zwar durch die Titelperson und die aufgezeigte Arbeit präsent gehalten, doch weicht schließlich den immer wiederkehrenden Szenen einer Ehe an der Belastungsgrenze und entpuppt sich somit eher als Liebes-Melodram mit reißerischen Tendenzen. Dies soll lediglich als Anmerkung stehen bleiben, denn Routinier Rudolf Jugert lieferte einen soliden Unterhaltungsfilm ab, der mit viel Zeitkolorit angereichert ist. Überhaupt ist der Regie stets zu bescheinigen, dass ein gutes Fingerspitzengefühl und ein guter Sinn für die Ausstaffierung vorhanden war. Hergestellt durch die Alfa-Filmproduktion, sprich Artur Brauner, gleicht dieser Beitrag den etwa zur selben Zeit entstandenen Beiträgen sehr, was eine angenehme Verlässlichkeit aufkommen lässt. Auch ließ man es sich nicht nehmen, einige Szenen zu integrieren, die für damalige Verhältnisse ziemlich gewagt erscheinen, wie zum Beispiel die einkopierte Sequenz eines Kaiserschnitts im Operationssaal, oder so manche freizügige Szene mit den beteiligten Damen des Geschehens. Das Hauptthema nimmt immer mehr Formen eines Tauziehens an, die Eifersucht von Frau Sibelius nimmt dabei massivere Formen an, was den Zuschauer irgendwann zu irritieren beginnt, da die Titelfigur doch als ein Musterbeispiel an Tugenden dargestellt wird. Angereichert mit vielen bekannten und beliebten Stars, nimmt die Geschichte ihren vorgefertigten Verlauf und bei den Charakteren sind einige schablonenartige Zeichnungen zu finden, die allerdings in das Bild der damaligen Zeit passen.

Was sich eigentlich negativ anhört, entwickelt sich jedoch zur großen Stärke, da jede der Personen vollkommen mit der eigenen Aufgabe vertraut zu sein scheint und dadurch eine hohe Glaubwürdigkeit vermittelt. Lex Barker ist hier am Anfang seiner deutschen Karriere zu sehen und er ist vollkommen konträr zu seinen Auftritten in den zuvor abgedrehten Filmen im Kampf gegen "Dr. Mabuse" eingesetzt worden, was sich als angenehme Überraschung herausstellt. Barker transportiert eine nüchterne Sachlichkeit und gibt dem Mediziner, der von Frauen umgarnt wird, ein sehr gutes Profil. Seine bessere Hälfte Senta Berger spielt resolut gegen aufkommende Sympathien des Zuschauers an, ihr Temperament und ihre Eifersucht scheinen den allgegenwärtigen Pragmatismus zu untergraben. Zwischen den Fronten agiert Barbara Rütting in ihrer Paraderolle als selbstständige Alleingängerin, die ihren Einsatz als offensichtliches Pendant zu Frau Doktor findet. Genau aus dieser Tatsache begründet sich auch der Zündstoff dieser Dreier-Konstellation, denn Sabine Hellmann verkörpert eigentlich alles, was der Mann von Welt anziehend findet und die moderne Frau darstellen sollte. Außerdem reizt die Unabhängigkeit der um den Globus reisenden Journalistin, die nicht von der Zeit, Gunst und dem Geld eines Mannes diktiert wird. In Jugerts Film glänzen selbst die Nebenrollen durch facettenreiche Zeichnungen, wie beispielsweise die immer großartige Elisabeth Flickenschildt, Harry Meyen, Anita Höfer oder eine hier ungewöhnlich solide Sabine Bethmann, um nur einige zu nennen. Der einzige Kritikpunkt in diesem Zusammenhang stellt das Auftauchen von Loni Heuser und vielleicht Rudolf Platte dar, die es sich nicht nehmen lassen durch unsicheren Humor nach Art des Hauses aufzufallen, was dieser Verlauf jedoch erst gar nicht nötig gehabt hätte. Die langsam aufgebauten Reibungsflächen münden in große Konfrontation, um schließlich einem Balsam-für-die-Seele-Finale zu weichen, was durchaus als handelsüblich betrachtet werden kann. Insgesamt inszenierte Rudolf Jugert einen stilsicheren und fast ausnahmslos sehenswerten Beitrag, der zwar einiges an Potential der Geschichte ungenutzt verstreichen lässt, aber einen hohen Unterhaltungswert mit sich bringt.


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 Post subject: Schön, nackt und liebestoll (1972)
PostPosted: 01.02.2016 15:09 
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SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL

● RIVELAZIONI DI UN MANIACO SESSUALE AL COPO DELLA SQUADRA MOBILE / SO SCHÖN - SO NACKT - SO TOT (I|1972)
mit Farley Granger, Sylva Koscina, Silvano Tranquilli, Annabella Incontrera, Krista Nell, Chris Avram, Femi Benussi,
Angela Covello, Fabrizio Moresco, Andrea Scotti, Irene Pollmer, Luciano Rossi sowie Philippe Hersent und Susan Scott
eine Produktion der Produzioni Cinematografiche Romane | im Verleih der NWDF
ein Film von Roberto Bianchi Montero


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»Eure Nachforschungen waren eine einzige Blamage!«


Ein maskierter Serienkiller macht Rom unsicher. Seine Zielscheiben sind ausschließlich schöne und gut gestellte Frauen der High-Society, die sich ihre Langeweile gerne mit außerehelichen Aktivitäten vertreiben. Der Mörder fotografiert seine Opfer beim Liebesspiel und bringt sie schließlich auf bestialische Weise um. Am Tatort werden die Beweisfotos hinterlassen, allerdings sind die Köpfe der jeweiligen Liebhaber herausgeschnitten. Kommissar Capuana (Farley Granger) steht vor einem Rätsel und sucht verzweifelt nach irgendwelchen Ansatzpunkten, doch die Mordserie geht weiter. Hat man es mit einem Wahnsinnigen zu tun und wo lässt sich ein Motiv finden? Bei seiner mühsamen Arbeit stößt er auf erste Hinweise, doch der Druck, den Fall endlich zu lösen, wächst unaufhörlich...

Regisseur Roberto Bianchi Montero inszenierte mit "Schön, nackt und liebestoll" einen sehr klassisch wirkenden Genrebeitrag, der sich vor allem im visuellen und stilistischen Bereich nicht vor Konkurrenten zu vertecken braucht. Betrachtet man die zunächst sehr ausgefallen wirkende Story allerdings genauer, platziert sich der Film eher im gehobenen Giallo-Mittelfeld. Aufwendig und extravagant in seinen Bildern, trivial, wenn auch nachvollziehbar in seiner Intention, außerdem mitreißend und spannend, wenn auch nicht immer durchgehend, beweist die Regie ein gutes Fingerspitzengefühl um die Zielgruppe zufrieden zu stellen. Der Aspekt der gelungenen Unterhaltung steht hier außer Frage, denn alle Zutaten für einen mehr als unterhaltsamen Beitrag sind im in genügendem Ausmaß vorhanden, dennoch neigt die spektakulär konstruierte Geschichte dazu, in Belanglosigkeiten zu münden. Leider ist die Vorhersehbarkeit nicht wegzudiskutieren, der Schlüssel ist für den geschulten Zuschauer im weitesten Sinne und hier rückblickend gesehen quasi schon aus dem Vorspann zu erahnen, allerdings handelt es sich nicht um vorhersehbare Elemente im Sinne von Motiv oder Auflösung, sondern leider in Richtung des verpassten Überraschungsmoments. Dass der Film sich im Großen und Ganzen vieler, bereits schon einmal da gewesener Elemente sowie Veranschaulichungen bedient, macht wenig aus, da die Umsetzung sehr geglückt ist und einen einladenden Charakter vermittelt. So viel Kritik sei bei einem Film, der sich seiner Kapazitäten nicht in aller Konsequenz bewusst war, aber diese gut wegzustecken weiß, ruhig angemerkt, da man dennoch einen geglückten Giallo serviert bekommt, der eben letztlich genauso ausgefallen ist, wie es sich zahlreiche seiner Konkurrenten nur hätten träumen lassen. Selten gab es übrigens einen derartigen Spielfilm mit solch prominenter und darüber hinaus atemberaubender weiblicher Besetzung, die dem zunächst so reißerisch klingenden Titel die oberste Glaubwürdigkeit ausstellen.

Überhaupt ist die Geschichte mit vielen bekannten Gesichtern angereichert worden, sodass man sich gerne auf das bunte Geschehen einlässt. Farley Grangers Kommissar Capuano bekommt einen recht typischen Stempel aufgedrückt. Bei seiner sachlichen Arbeitsweise kommt es immer wieder zu persönlichen Grenzen und allerhand Komplikationen, die er mit seiner Erfahrung und seinem Scharfsinn bekämpfen kann. Dabei erscheint er überhaupt nicht unkonventionell zu sein, er vermittelt beinahe eine merkwürdig pragmatische Ruhe und offenbart letztlich, dass er nicht gerade unfehlbar ist, vermutlich weil er beim Thema Mord und Verbrechen einfach genug Abartiges gesehen hat. Auch beim Privatmann Capuano zeigen sich einige Macken im Ansatz, die ihn noch mehr greifbar werden lassen. Des Weiteren ist die Darstellerriege unter anderem mit Silvano Tranquilli und Chris Avram sehr prägnant besetzt, wobei man bei den Damen mit einer schier beispiellosen Besetzung konfrontiert wird. Sylva Koscina, Susan Scott, Annabella Incontrera, Krista Nell, Femi Benussi, wohin soll man nur schauen? Ja, man wünscht sich tatsächlich, dass diese Liste unendlich sein würde. Alle Damen unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem Äußeren, denn sie sehen im luxuriösen Leben nur noch wenige Möglichkeiten, sich einen Kick zu verschaffen, folglich muss selbstverständlich jeweils ein strapazierfähiger Liebhaber zum Zeitvertreib her. Wegen dieser Tatsache haben alle eines gemeinsam, denn sie werden zu potentiellen Todeskandidatinnen. Alle Darstellerinnen geben ihren zu interpretierenden Charakteren eine besondere Note, insbesondere Annabella Incontrera sticht durch ihre elegante und kühle Erscheinung hervor. Betrachtet man sich die unerbittliche Vorgehensweise des Killers, so ist es beinahe bestürzend, wie viel Schönheit und Verführung hier gezielt zerstört wird und welches Ende einige der Damen in diesem Szenario finden müssen.

Die weibliche Hauptrolle be- und entkleidet die wieder einmal umwerfende Sylva Koscina. Nicht nur schön, nackt oder liebestoll, lieferte sie immer sehr packende und glaubhafte Leistungen. In ihrem Repertoire konnte sie die unterschiedlichsten Anforderungen ohnehin spielend abrufen. Das aufmerksame Auge der Kamera hebt ihre aparte Erscheinung vornehmlich mit ausgiebigen Großaufnahmen hervor, oder wahlweise auch in horizontalen Einstellungen. Barbara, die Ehefrau des Kommissars, ist ebenfalls Mitglied der gefährdeten Gruppe von Luxusweibchen, sie wirkt sehr direkt, steht aber auch für den ruhigeren Pol in dieser Konstellation. Ein Genuss, die Wahl-Italienerin in dieser Rolle bewundern zu können. Insgesamt ist "Schön, nackt und liebestoll" ein Giallo, den Freunde des Genres selbstverständlich gesehen haben sollten. Gerade in diesem Bereich wurde es nach einer Schwemme von Beiträgen immer schwerer, das Rad neu zu erfinden und etwaige Wiederholungen zu vermeiden. Es ist aber nicht weiter schlimm, da eine angenehme Verlässlichkeit ausgestrahlt wird. Der rote Faden wird in diesem Szenario nie aus den Augen verloren, dass man als Zuschauer aber Bahnbrechendes aufspüren könnte, bewahrheitet sich eher selten. Charakteristisch hierfür steht das Finale, das in seiner eher holprigen Auflösung zwar einen ordentlichen Paukenschlag setzen wollte, dies aber leider nicht glücken wollte, denn wer sich in der bunten Welt der Gialli etwas auskennt, wird anstelle von Überraschungen leider zu viele eindeutige Hinweise finden. Musikalisch fühlt man sich angenehm bis klassisch begleitet, die Untermalung greift in vielen Szenen sehr gut. Unterm Strich ist dieser Film also nur, oder also doch, ein halber Volltreffer, von dem man ohne größere Erklärungen allerdings sagen kann, dass er auf bestimmte, oder sogar unbestimmte Art und Weise gefällt. Der größte Vorteil bei "Schön, nackt und liebestoll" bleibt deswegen, dass das Ergebnis kaum kurzweiliger hätte ausfallen können, die teilweise beklemmende Atmosphäre sorgt für gute Spannungsmomente und letztlich kann sich Monteros Beitrag angenehm in der Erinnerung festsetzen.


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 Post subject: Das ohnmächrige Pferd (1975)
PostPosted: 04.02.2016 18:51 
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DAS OHNMÄCHTIGE PFERD

● DAS OHNMÄCHTIGE PFERD (D|1975) [TV]
mit Eva Renzi, Paul Hubschmid, Eva Maria Meineke, Christian Wolff, Jan Niklas, Beatrice Richter, Bernd Herzsprung, Fritzludwig Gärtner
eine Produktion des Südwestfunks
ein Fernsehspiel von Rolf von Sydow


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»Ach du lieber Himmel, sollten Sie etwa gebildet sein?«


Auf dem abgelegenen Landsitz von Lord Henry James Chesterfield (Paul Hubschmid) plätschert das Landleben so vor sich hin und es gibt nur wenige Farbtupfer innerhalb des aristokratischen Alltags. Seine Frau Lady Chesterfield (Eva Maria Meineke) gefällt sich in oberflächlichen Gebärden und sie ist nur an ihrer Stellung in der Gesellschaft interessiert, sein Sohn Bertram (Jan Niklas) stellt eine große Enttäuschung dar, weil er nicht den normalen Interessen seines Standes nachgeht und sich den Künsten verschrieben hat. Auch seine Tochter Priscilla (Beatrice Richter), die sich nicht gerade wie eine Dame verhält, macht ihm wenig Freude, vor allem, als sie ihren neuen französischen Verlobten Hubert (Christian Wolff) mitbringt. Wenig später stellt eben dieser der Familie seine angebliche Schwester Coralie (Eva Renzi) vor, denn die beiden haben zusammen einen Plan geschmiedet, um an das Vermögen der Chesterfields zu gelangen. Auch Coralie soll in die Familie einheiraten, doch bei diesem Vorhaben kommt es zu ungeahnten Komplikationen der amourösen Art...

Betrachtet man zunächst den recht sonderbar klingenden Titel dieses Fernsehfilms, der unter der Leitung des Wiesbadener Routiniers Rolf von Sydow inszeniert wurde, kommt man im Sinne einer Klassifizierung nicht wirklich weiter. Dieser vollkommen unbekannten Produktion eilen außer allgemeinen Stabsangaben keine weiteren Informationen voraus und die gängige Einteilung verfrachtet diese Geschichte ins weitläufige Reich der Komödien. Da man sich schließlich im Jahr 1975 befunden hat, kommt man nicht umhin, sich Gedanken über den handelsüblichen Humor der in diesem Zeitfenster entstandenen Filme zu machen und die Devise heißt vor allem einmal abzuwarten, was auf den vom Prinzip her geneigten Zuschauer zukommen mag. Der Einstieg ist, wie jeder neue Akt übrigens auch, in einen goldenen Bilderrahmen eingefasst, der durch das Anzoomen des Sets wieder verschwindet und die Geschichte zeigt schnell ihren Charakter eines Kammerspiels, da man über die gesamte Spieldauer lediglich in einem Raum befindet, der das aristokratische Umfeld neben den beteiligten Personen charakterisiert. Die gute Aufteilung des Raumes und die Vermittlung von Symmetrie lassen diese vollkommene Ortsgebundenheit weniger gravierend erscheinen, auch der Einsatz von mehreren Kameras sorgt für die Flexibilität, die unter diesen Voraussetzungen abzurufen war. Das Hauptaugenmerk bei dieser Angelegenheit liegt logischerweise auf der Dialogarbeit und es lassen sich nach kürzester Zeit Wortwitz, Zynismus und Situationskomik ausfindig machen, was unter anderem für einen kurzweiligen Verlauf sorgen wird. Die Hauptverantwortung für das Gelingen dieses Films übernehmen von der ersten Sekunde an die gebuchten Darsteller und man darf schon sagen, dass sich die Besetzung für hiesige TV-Verhältnisse durchaus sehen lassen kann.

Das Set ist vom ersten Augenblick an ein aristokratisches Vakuum, bestehend aus der Familie Chesterfield samt Butler, und es ist zu erahnen, dass das geregelte Leben absolut keine großen Überraschungen bietet. Lord Chesterfield gefällt sich somit darin, die Situation mit herbem Zynismus zu ertragen und mit saftigen Wortspitzen zu präparieren. Paul Hubschmid wirkt alleine schon wegen seiner weltmännischen Erscheinung wie der richtige Mann für diese Rolle zu sein, mit seiner Wortgewandtheit zielt er gerne auf die offensichtlichen Unzulänglichkeiten der anderen ab. Ja, er teilt gerne aus und wird daher auch kaum etwas anderes tun, nicht zuletzt um den Seinigen zu demonstrieren, was er von ihnen hält. Dem Empfinden nach ist dieses Gesellschaftsspiel schon Jahrzehnte alt, doch eigentlich beißt der Mann mit der ernüchterten Sichtweise nur auf Granit, da seine Frau die Ohren in Perfektion auf Durchzug stellen kann, und seine Kinder ihn ganz offensichtlich nicht mehr ganz ernst nehmen und sie darüber hinaus offenbar nichts unversucht lassen, eben vollkommen bewusst aus der Art zu schlagen. Doch jeder hat sich längst mit den Begebenheiten abgefunden und trägt das Spiel nach der persönlichen Fa­çon aus. Eva Maria Meineke jongliert mit Oberflächlichkeiten und adeligen Worthülsen, Etikette und Stand sind die Fronten, an denen sie zu kämpfen beliebt. Die Kinder, die nicht in die Spur zu bringen waren, bekommen teilweise recht groteske Anstriche von Jan Niklas und insbesondere Beatrice Richter, die mehrmals am Eindruck einer satten Fehlbesetzung vorbei schlittert. Dennoch wird sie es sein, die ihrer Familie Scherereien macht, da sie einen Hochstapler mit ins Haus bringt, ihn auch noch heiraten will und er obendrein Franzose ist. Das bisherige Leben hätte doch so angenehm langweilig weiter verlaufen können, wenn nicht Christian Wolff und Eva Renzi aufgetaucht wären.

Da also eine enorme Aussteuer lockt, nimmt es der windige Hubert in Kauf, sich die weder schöne noch intelligente Tochter zuzumuten, denn schließlich ist sie ja, zumindest vom Stammbaum her, nicht von schlechten Eltern. Doch bereits nach kürzester Zeit zeigen sich erste Differenzen und das Nervenkostüm des ambitionierten jungen Mannes wird sichtlich dünner, da die Gewissheit Gestalt annimmt, dass er es mit einer hysterischen Ziege zu tun hat. Die Verwirrung für die ohnehin ratlos drein schauenden Chesterfields wird nur noch größer, als plötzlich Coralie auftaucht, die angebliche Schwester (was in besseren Kreisen offensichtlich nur ein Pseudonym für Geliebte darstellt). Nun ist die gemütliche Ruhe endgültig gesprengt. Warum nur eine lukrative Heirat, wenn es doch noch einen ledigen Sohn aufzulesen gibt? Bei Eva Renzis erstem Auftreten kommt man in den Genuss einer zunächst groß angelegten Maskerade, um wenig später einen Paukenschlag, in Form eines amüsanten Rollentauschs zu sehen. Zu diesem Zweck legt sie ihre unscheinbaren Ensembles, die Brille und biederen Gebärden ab, um sie gegen aufreizende Roben und auffordernde Gesten auszutauschen. Dem Zuschauer leuchtet es bei ihrem neuen Anblick nun vollkommen ein, warum sie schlafende Hunde wecken konnte, sodass plötzlich mehrere Herren bei ihr Schlange stehen, die durch eindeutige Avancen glänzen. Die Themen Betrug und Täuschung weichen einem Heirats-Roulette in dem sich Eva Renzi flexibel und schlagfertig auf das jeweilige Gegenüber einstellen kann. Ob unverbesserliche Zyniker, halbe Trottel, eifersüchtige Liebhaber oder selbstverliebte Snobs, die Konversationen treiben sehr amüsante Blüten. Die Darsteller zeigen sich allesamt in guter Spiellaune und wirken hochkonzentriert, Glaubwürdigkeit und Humor lassen es dem Zuschauer ein Leichtes werden, sich auf die teilweise exaltierte Geschichte einzulassen.

Wenn man Rolf von Sydow hauptsächlich wegen seiner Arbeiten im Kriminalbereich kennt, stellt sich im Vorfeld die interessante Frage, ob er sich genauso im Komödienfach profilieren kann. "Das ohnmächtige Pferd" lässt aufgrund der allgemeinen Unbekanntheit und des sehr offen klingenden Titels kaum Rückschlüsse auf den bevorstehenden Verlauf zu, und ob in den Darstellern auch komödiantisches Blut fließen wird. Das Zusammenspiel wirkt erfrischend bis leichtfüßig, die Geschichte über weite Strecken originell und man bekommt es mit einer angenehmen Situationskomik zu tun. Aufgrund der örtlichen Gebundenheit entsteht nur wenig Eintönigkeit, die Szenerie wird von langen Dialogstrecken getragen, in denen so mancher Schlagabtausch für Schmunzeln sorgen kann. Die gut bekömmliche Würze ergeben außerdem noch zusätzliche Klischees, die sich einer geistreichen Aufschlüsselung erfreuen und unterm Strich ergibt diese Geschichte vom verschlafenen Lande ein geglücktes, aber vor allem kurzweiliges Sehvergnügen. Inszenatorisch sieht man im Grunde genommen handelsübliches Zeitkolorit, das für viele sicherlich einiges an Staub angesetzt haben dürfte, jedoch wurden im Rahmen der naturgemäß begrenzten Möglichkeiten einer TV-Produktion gute Lösungen gefunden und Rolf von Sydow verschreibt sich vollkommen dem Nimbus der Komödie, die in diesem Fall nur wenige gesellschaftskritische oder groteske Tendenzen verfolgt und sich hauptsächlich den Gesetzen der Verwechslung unterwirft. Insgesamt stellt "Das ohnmächtige Pferd" eine sehr schöne Abendunterhaltung dar, an der der Zahn der Zeit zwar schon genagt hat, jedoch keine schwerwiegenden Spuren hinterlassen konnte. Außerdem schließt diese TV-Produktion eine weitere Lücke bei der Aufarbeitung von Eva Renzis Filmkarriere, in der sich glücklicherweise immer wieder erstaunliche Überraschungen herauskristallisieren.


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 Post subject: Ilsa - Die Tigerin (1977)
PostPosted: 05.02.2016 15:24 
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Dyanne Thorne   in

ILSA - DIE TIGERIN

● ILSA THE TIGRESS OF SIBERIA / ILSA, LA TIGRESSE DU GOULAG / ILSA - DIE TIGERIN (CDN|1977)
mit Michel-René Labelle, Gilbert Beaumont, Jean-Guy Latour, Ray Landry, Terry Haig, Jacques Morin, u.a.
eine Produktion der Mount Everest Enterprises Ltd. | im Avis Filmverleih
ein Film von Jean LaFleur


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»Das war eine von Stalins Huren«


In einem sibirischen Gulag regiert die für ihre Brutalität und sexuellen Ausschweifungen bekannte Lagerkommandantin Ilsa (Dyanne Thorne) mit eiserner Hand und betreibt ein Regime der Willkür. Strafgefangene werden gedemütigt und gefoltert, bei dem kleinsten Vergehen werden sadistische Todesurteile vollstreckt. Spuren werden dabei keine hinterlassen, da die hauseigene, sibirische Tigerin Sascha hauptsächlich mit dem anfallenden Menschenfleisch gefüttert wird. Als Stalin gestürzt wird, verlassen die Genossin Oberst und ihre Gefolgschaft das Lager Hals über Kopf und tauchen unter. Fast 25 Jahre später findet sich Ilsas Spur in Montréal wieder, wo sich die Dame einen Namen als Betreiberin einer Bordellkette machen konnte. Da noch viele offene Rechnungen ausstehen und Rache keine Verjährungsfrist kennt, wollen ihr mehrere Leute gleichzeitig an den Kragen...

Die "Ilsa"-Trilogie zeigte von Beginn an die unterschiedlichsten Schauplätze der Schreckensherrschaft auf, in Beitrag Nummer 3 findet sich der Zuschauer in einem sibirischen Arbeitslager wieder. Obwohl es sich dem Namen nach immer um die gleiche Person handelt, schlüpfte Dyanne Thorne im Verlauf der Reihe in sehr unterschiedliche Rollen. Allerdings weist die Marschrichtung dabei einen hohen Wiedererkennungswert auf und auch hier kommt es teilweise zu sehr drastischen Veranschaulichungen. Der "Tigerin" wird im Allgemeinen bescheinigt, dass es nicht zu der Intensität im Rahmen beunruhigender Darstellungen kommt, und die ersten beiden Teile mehr zu bieten haben. Tatsächlich bestätigt sich dieser Eindruck im Verlauf, allerdings ist Jean LaFleurs Arbeit in zwei Teile aufzusplitten. Die Szenerie im Arbeitslager ist geprägt von Mord, Folter, Sadismus und barbarischer Handhabe, doch fünfundzwanzig Jahre später scheint der dominanten Genossin Oberst tatsächlich ein bisschen die Luft ausgegangen zu sein, ausgenommen im Rahmen ihrer sexuellen Ausschweifungen. Eigentlich ist die Verknüpfung nur bedingt geglückt, da die Erzählstruktur etwas zu holprig ausgefallen ist. Wie dem auch sei, in Sibirien bekommt der an Spektakeln interessierte Zuschauer auf seine Kosten und nach persönlichem Ermessen handelt es sich um die brutalste Bebilderung aller drei Teile, vielleicht auch, weil sich die erste Hälfte dieses Films ziemlich ernst nimmt und nicht so sehr ein Hintertürchen in die Märchenwelt offen lässt. Der Einstieg wird mit der Flucht eines Gefangenen und dessen brutalem Ende geebnet. Von nun an geht es Schlag auf Schlag, denn "Ilsa" gibt den offensichtlich üblichen Befehl, die sterblichen Überreste des Mannes für die Tigerin Sascha bereitzustellen. Diese Demonstration soll dabei nur sekundär als Abschreckung für die anderen Gefangenen dienen, denn es scheint so, als brauche die Aufseherin dieses Vorgehen für sich selbst. Es geilt sie auf und bei Anbruch der Dunkelheit geht sie ihren Sexualpraktiken nach Art des Hauses nach.

Die Personifikation von Sex und Sadismus stellt erneut eine unbändige Dyanne Thorne dar, die sich nach Herzenslust austoben darf. Erneut spart sie nicht an körperlichen Einblicken und scheint stets auf der Suche nach einem neuen Kick zu sein. In ihrem Lager wird sie daher von ihrer kompletten Gefolgschaft gedeckt, und das sogar im doppelten Wortlaut. Nach der harten Arbeit zieht sich "Ilsa" gerne mit gleich mit zwei Herren zurück, die im Wettstreit um sie zuvor den Zuschlag erhalten hatten. Garniert mit zahlreichen Sexszenen und brutalen Machenschaften, entsteht erneut ein eindeutiges Profil und die Amerikanerin macht einen sehr guten Eindruck und wirkt noch nicht einmal unbegabt bei dem, was sie tut. Szenen außerhalb des Schlafgemachs provozieren mit expliziten Bildern wie beispielsweise jenen aus dem Tigerkäfig, oder die des Armdrückens, wenn der Verlierer durch eine Kettensäge nicht nur den Arm verliert, sondern gleichzeitig im Off in Stücke zerlegt wird, um der hungrigen Sascha verehrt zu werden. Nebenbei sieht der Zuschauer Szenen von der kommunistischen Folter, in der der schwache Protagonist Yakurin viele Federn lassen muss. Der Fantasie werden einige üble Streiche gespielt. Plötzlich ist Stalin gestürzt und man verlässt das Camp fluchtartig. Baracken samt Insassen werden einfach angezündet, unwichtige Personen abgeknallt, bis die Kamera zu einem Eishockeyspiel in Montréal des Jahres 1977 schwenkt. Yakurin besucht mit den Spielern seiner sowjetischen Mannschaft ein Bordell in dem, wie es der Zufall will, "Ilsa" hinter den Überwachungskameras sitzt. Das gleiche Spiel nimmt also eine weitere Etappe, wenn auch in modernerem Setting. Die Themen Folter, Unmenschlichkeit und Sex werden wieder aufgegriffen, allerdings nicht verfeinert, und die zweite Etappe des dritten Teils kann lediglich durch einige Szenen des bestialischen Mordes für Aufsehen und Unbehagen sorgen. Insgesamt gesehen fällt "Die Tigerin" im direkten Vergleich mit seinen gleichnamigen Artgenossen trotz guter Effekte ab, stellt aus persönlicher Sicht dennoch den zumindest halben Lieblingsfilm der Reihe dar.


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 Post subject: Perverse Emanuelle (1973)
PostPosted: 06.02.2016 11:30 
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Norma Kastel   Alberto Dalbés   Jack Taylor   Lina Romay   in

PERVERSE EMANUELLE

● TENDRE ET PERVERSE EMANUELLE / DES FRISSONS SUR LA PEAU / PERVERSE EMANUELLE (F|1973)
mit Pierre Taylou, Monique Van Linden, Dan van Husen, Richard Kennedy, Antonio Mayans und Alice Arno
eine Produktion der Brux International Pictures
ein Film von Jess Franco


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»Schon wieder diese Melodie?«


Die berühmte Pianistin Emanuelle (Norma Kastel) ist von schrecklichen Alpträumen und apathischen Zuständen geplagt, was ihrem Mann Gordon (Alberto Dalbés) große Sorgen bereitet. Bei einem guten Freund der Familie, dem Psychiater Michel Dreville (Jack Taylor), sucht er nach Antworten. Emanuelle soll sich nun für einige Zeit unter seine fachliche Aufsicht begeben, doch zu dem vereinbarten Termin erscheint sie nicht. Sie ist spurlos verschwunden. Wenig später findet man ihre Leiche am Strand und die Polizei geht davon aus, dass sie sich in selbstmörderischer Absicht von den Klippen gestürzt hat. Die Untersuchungen ergeben allerdings, dass Emanuelle ein Doppelleben geführt hat und plötzlich steht die Diagnose Mord im Raum...

»Die Vergangenheit vergisst man besser, Emanuelle!« Optimistische Worte eines Mannes, der über den geheimen, und viel mehr schamlosen Lebenswandel seiner Gattin offenbar nicht im Geringsten Bescheid wusste, oder vielleicht doch? Bereits der Vorspann zu Jess Francos "Perverse Emanuelle" fällt durch eine, an Träumen und Erotik inspirierte Marschrichtung auf, die durch die wunderbaren Klavier-Arrangements einen hochwertigen ersten Eindruck hinterlassen können. Dann plötzlich wird dem Zuschauer die minderwertige deutsche Synchronisation um die Ohren gehauen, sodass die anfängliche Euphorie etwas ausgebremst wird. Gut, für eine miserable Sprachfassung können Regie und fertiger Film schließlich nichts, wenn man sich auch die Hände angesichts der platten Dialoge sicherlich nicht komplett in Unschuld waschen kann. Interessiert schaut man dem weiteren Verlauf zu, der immer wieder durch Jess Francos gutes Gespür für Sequenzen der besonderen Art aufgewertet wird und es zu einem angemessenen Profil kommt. Die Geschichte wird mit einem mysteriösen Einschlag versehen, der die Hauptfigur langsam aber sicher vorstellt. Einstimmig wird von einer überragenden Künstlerin gesprochen, doch es werden immer mehr Stimmen laut, die ihre sexuellen Ausschweifungen thematisieren. Die passenden Bilder liefern Jess Franco und Hauptdarstellerin Norma Kastel, die der Glaubhaftigkeit halber einen makellosen Körper zu bieten hat und darüber hinaus eine sehr ansprechende Art besitzt, ihre tragische Figur transparent zu machen. Der Film weist ein typisches Aufgebot an Franco-Stars auf, die für Verlässlichkeit, aber in erster Linie Dienstbarkeit stehen.

Norma Kastel, die hier in ihrem ersten von nur leider neun Filmen und einmalig unter Franco zu sehen ist, hinterlässt einen recht bemerkenswerten Eindruck, da sie die Titelrolle mit Leichtigkeit ausfüllt, außerdem interessant genug gestalten kann, um das Geschehen aufmerksam zu verfolgen. Kastell scheut sich hier vor keiner Szene und Einstellung, schafft es dabei aber, die Geheimnisse um ihr Wesen aufrecht zu erhalten und einen guten Mittelweg zwischen Eleganz, Labilität und Schamlosigkeit einzuschlagen. Bekannte Gesichter wie beispielsweise Jack Taylor, Alberto Dalbés oder Alice Arno runden das Geschehen ab und sorgen für Wiedersehensfreude, wenngleich etliche Darsteller auch nur auf Sparflamme laufen. Hier ist Lina Romay als Greta zu erwähnen, die die Rolle ihres Lebens nach eigenem Ermessen stets gleich uninteressant abspult. Die Geschichte kann trotz guter Anbahnung kaum Spannung aufbauen und der Verlauf plätschert inmitten des Erotik-Einschlags und kleiner Kriminal-Tendenzen vor sich hin, wohlgemerkt aber nicht langweilig, sondern eher etwas zu unspektakulär. Die malerischen Schauplätze und die teilweise ausgefallenen Kamera-Einstellungen in diversen Rückblenden sind für prinzipielles Interesse verantwortlich, außerdem ist der rote Faden in Form der herrlichen musikalischen Begleitung ein Genuss. Wenn man schließlich des Rätsels Lösung serviert bekommt, bleibt letztlich der Eindruck eines sehr gemäßigten Franco zurück, der die meisten Fans sicherlich nicht begeistern wird und auch nicht die Möglichkeiten bietet, neue Anhänger zu rekrutieren. Das Finale kann schließlich noch einen kleinen Überraschungsmoment transportieren, sodass "Perverse Emanuelle" selbst für die anfangs kategorisch ausgeschlossene Zweitsichtung geeignet ist.


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 Post subject: Rivalen (1990)
PostPosted: 07.02.2016 19:04 
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Rick Schroder   in

RIVALEN

● ACROSS THE TRACKS / RIVALEN (US|1990)
mit Brad Pitt, David Anthony Marshall, Thomas Mikal Ford, John Linton, Jack McGee, Cyril O'Reilly und Carrie Snodgress
eine Produktion der Desert Productions | im Verleih der Overseas FilmGroup
ein Film von Sandy Tung


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»Du wirst nie etwas besser können als ich!«


Billy Maloney (Rick Schroder) kommt wegen Autodiebstahls in eine Besserungsanstalt. Nach einem Jahr kehrt er nach Hause zurück und geht mit seinem älteren Bruder Joe (Brad Pitt) auf die selbe High School, doch die beiden Brüder unterscheiden sich grundlegend voneinander. Während Joe strebsam und beliebt ist, außerdem hart daran arbeitet, ein Sportstipendium zu erhalten, bleibt sein Bruder ein Außenseiter und wird von anderen gemieden. Joe überredet seinen Bruder, sich genau wie er sportlich zu betätigen und er stellt sich ebenfalls als sehr begabt beim Laufen heraus. Eine alte Geschwister-Rivalität kocht wieder hoch, doch auch die Vergangenheit droht Billy wieder einzuholen, da ein alter Bekannter ihn in alte Strukturen und Drogengeschäfte hineinziehen will...

»Die kleinste Bewegung und du bist tot, du mieses Stück Scheiße!« So schnell kann ein Autoklau mit anschließender Verfolgungsjagd durch die City beendet sein. Wenige Augenblicke später ist auch bereits ein komplettes Jahr vergangen, und der verlorene Sohn kann aus der Besserungsanstalt nach Hause zurückkehren. Der Zuschauer denkt sich, dass es dem Film sicherlich ganz gut gestanden hätte, wenn einige Demonstrationen aus diesem Ambiente gezeigt worden wären, schon alleine um die permanenten Alpträume von Billy zu erklären. Aber wie es so ist, die schlimmsten Geschehnisse werden einmal wieder ins Reich der Mythen verwiesen. Die Themen schwere Kindheit, Agonist und Antagonist und falsche Freunde ergeben den Stoff, aus dem die Jugend-Dramen sind und Regisseur Sandy Tung beweist ein gutes Händchen in den Bereichen Konfrontation und Publikumswirksamkeit. Billy kommt wie der personifizierte Vorwurf nach Hause zurück, seine Mutter sieht in den Spiegel des Versagens, sein Bruder betrachtet ihn immer mehr als Rivalen und letztlich wird das normale Leben umgekrempelt, aber genauso für den auf die schiefe Bahn geratenen Jüngsten. Es gilt nun sich einzufügen, Struktur in den Alltag zu bringen und Verlockungen zu widerstehen, was nicht gerade einfach ist, da die Gespenster der Vergangenheit umher schwirren. Das alles hört sich letztlich brisanter an, als es in Wirklichkeit ist, denn Reibungsflächen werden zwar thematisiert und transparent geschildert, aber unterm Strich nur vage angerissen. Da der vermutete Zündstoff in aller Konsequenz ausbleibt, schaut man sich die beiden Hauptdarsteller genauer an, die einem die Zeit sehr gut vertreiben und denen man schließlich auch gute Leistungen bescheinigen darf. All dies sieht man schließlich Zeiten, in denen Ex-Kinderstar Rick Schroder noch ein größeres Kaliber als sein Rivale Brad Pitt darstellte.

Die Thematik um Not und Tugenden wird von den beiden Darstellern recht gut auf den Punkt gebracht, Schroder bringt die nötige Verschlagenheit mit, wirkt von Anfang an aber eigentlich nicht besonders unsympathisch, da der Film das Schicksal, zahlreiche Lebensumstände und den schlechten Einfluss von Halbkriminellen verantwortlich macht. Leider erweist sich das Drehbuch nicht als konsequent, beziehungsweise mutig genug, um wirklich beunruhigende Momente entstehen zu lassen, aber dennoch tun die Darsteller alles für ein optimale Ausnutzen der Möglichkeiten und der vagen Andeutungen. Rick Schroder spielt nicht nur die interessantere Figur, die häufig zwischen Engelchen und Teufelchen entscheiden muss, er zeichnet insgesamt die dichteren Part. Brad Pitt wirkt dem Empfinden nach und im direkten Vergleich ebenfalls überzeugend, es können sichtbare Kontraste aufgebaut werden, allerdings muss er dabei viel zu häufig seichten Tendenzen nachgeben. Der komplette Verlauf bedient sich immer wieder der damals angesagten Jugendsprache, die szenenweise richtig hellhörig machen kann, überhaupt ist es sehr beachtenswert, typische Charakteristika der beginnenden 90er Jahre zu sehen, wie vor allem die gängige Kleidung oder die Musik. Hinzu kommt, dass dies alles unter den typischen Gesetzen der Jugend-Dramen abgehandelt wird und die Regie beweist sich als gekonnter Jongleur mit einigen Klischees, die als Würze einfach nicht fehlen dürfen. Viele Filme stehen und fallen damit, zu welcher Zeit und in welchem Alter sie angeschaut wurden und gerade Beiträge wie "Rivalen" sind schließlich dazu verurteilt, innerhalb fortschreitender Zeiträume deutlich zu verlieren. Insgesamt lässt sich daher sagen, dass der Endruck des Spektakels, das bei der Erstansicht vor ungefähr zwanzig Jahren zustande gekommen war, mit dem erneuten Anschauen nur noch eine vage Erinnerung geblieben ist, was nicht gleichzeitig bedeuten soll, dass Sandy Tungs Beitrag nicht nach wie vor unterhaltsam und kurzweilig ist.


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 Post subject: Nur tote Zeugen schweigen (1962)
PostPosted: 12.02.2016 17:39 
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Jean Sorel   Eleonora Rossi Drago   in

NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN

● NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN / IPNOSI / HIPNOSIS (D|E|I|1962)
mit Heinz Drache, Margot Trooger, Werner Peters, Mara Cruz, Massimo Serato, Michael Cramer, Guido Celano und Götz George
eine Produktion der International Germania | Procusa | Domiziana Internazionale Cinematografica | im Constantin Filmverleih
ein Film von Eugenio Martín


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»Ich verdächtige nicht gerne, ich überführe lieber«


Der Hypnotiseur und Bauchredner Georg von Cramer (Massimo Serato) wird nach seiner abendlichen Vorstellung am Varieté ermordet in seiner Garderobe aufgefunden. Unter Verdacht gerät der als Bote tätige Chris Kronberger (Götz George), der wie jeden Abend eine Sendung Blumen abzugeben hatte. Da man ihn zuletzt aus von Cramers Garderobe rennen sah, wird er zum Hauptverdächtigen und befindet sich seitdem auf der Flucht vor Inspektor Kaufmann (Heinz Drache), der auch die Mitglieder des Varietés unter die Lupe nimmt. Aber es kommen ihm Zweifel an der Schuld des Verdächtigen, der mittlerweile ebenfalls gezwungen ist, in diesem Fall zu ermitteln. Bei den Befragungen durch den leitenden Kriminalkommissar (Werner Peters) kommt es am Ort des Verbrechens jedoch zu einem unglaublichen Hinweis durch von Cramers Kollegin Katharina (Margot Trooger). Sie behauptet nämlich, dass der wichtigste Zeuge in diesem Fall die Bauchrednerpuppe "Grog" sei, die nicht nur während der Tat anwesend war, sondern seit dem Mord spurlos verschwunden ist...

Mit Eugenio Martíns "Nur tote Zeugen schweigen" schließt sich eine lang bestehende Lücke, die wohl selbst bei vielen eingeschworenen Krimi-Kennern noch darauf gewartet hat, geschlossen zu werden. Insbesondere die coproduzierten Beiträge dieser Dekade bieten sehr interessante Variationen der kriminalistischen Unterhaltung, und obwohl sie sich an damals gängigen Formaten orientiert haben, bekommt man als Zuschauer oft wesentlich mehr geboten als erwartet. Teilweise liegt es bestimmt an den unterschiedlichen Begehren der verschiedenen Märkte, allerdings wirken manche Beiträge nicht zuletzt deswegen unkonventionell, weil sie sich eben von den handelsüblichen Produktionen unterscheiden sollten. Diese Strategie ging glücklicherweise bei einigen Konkurrenzprodukten auf, bei anderen hingegen blieb unterm Strich lediglich der Eindruck bestehen, dass sie bemüht aber nicht außergewöhnlich zurück blieben. "Nur tote Zeugen schweigen" reizt zunächst wegen der nicht alltäglich klingenden Geschichte und des Umfeldes Theater, außerdem versammeln sich im Bereich der Darsteller namhafte Gesichter der deutschen Krimi-Prominenz und einige Mitglieder des europäischen Kinotopp. Ein schneller Einstieg ebnet den Weg für eine speziell anmutende Geschichte, ein ebenso schneller Mord und die Tatsache, dass der Zuschauer als Zeuge fungieren darf, tut dem allgegenwärtig verwirrenden Element keinen Abbruch. Nach kurzer Spieldauer zeigt sich im Speziellen, dass Martín eine unterschiedliche Strategie beim Aufbau der beteiligten Charaktere fährt, insbesondere einige der deutschen Akteure wirken in ihrem Einsatz vollkommen konträr zu den üblichen Eindrücken und bestehenden Sehgewohnheiten.

Gute Voraussetzungen für eine Konkurrenz-Produktion reinster Seele, die man vielleicht genau aus diesem Grund mit kritischeren Blicken konfrontiert als sonst. Hat man viel gesehen, gibt es naturgemäß auch nicht mehr sehr viel Außergewöhnliches oder Neues zu entdecken, was aber keineswegs auf die Schauspieler-Entourage zutreffen wird, wenngleich Jean Sorel und Eleonora Rossi Drago weitgehend typische Einsätze, im Sinne markanter Personen vorzuweisen haben. Es sind eher die deutschen Stars, die dem europäischen Flair angepasst wirken, was als recht bemerkenswert in Erinnerung bleibt. Natürlich kommt dem Verlauf eine Verschlagenheit nach Art des Hauses Sorel zugute, ein regelrecht dumpfes Profil der männlichen Hauptrolle bereichert die mysteriös verlaufende Geschichte sehr gut. Die Spannung begründet sich in den Personen, deren Handeln schwer zu deuten ist, sowohl er als auch Partnerin Eleonora Rossi Drago geben keinen Zentimeter Aufklärung preis, zumindest nicht freiwillig. Sicherlich hapert es hier und da an kriminalistischem Pragmatismus, allerdings erweist sich eben genau dieser Eindruck als erfrischendes Element. Schützenhilfe hierbei leistet eine überaus geheimnisvoll wirkende Eleonora Rossi Drago, die eine ordentliche Portion Nervosität auf den Zuschauer übertragen kann. Die Kamera setzt ihre Blicke mit denen der beunruhigend wirkenden Bauchrednerpuppe "Grog" gleich und thematisiert das Schlagwort Hypnose sehr gut, überhaupt werden die meisten Darsteller in regelrechten Bildstrecken eingefangen. Erfreuliche Leistungen sieht man des Weiteren von Mara Cruz, die als gutes Pendant zu den anderen Damen des Geschehens aufbauen kann, oder Massimo Serato, der nicht zuletzt wegen seiner kurzen, aber überaus eindringlichen Szenen auffällt.

Die deutsche Seite fällt wie bereits erwähnt mit guten alten Bekannten aus den zu dieser Zeit beliebten Edgar-Wallace-Filmen, oder aus dem Epigonen-Bereich auf, und augenscheinlich kristallisiert sich eine wirklich interessante Mischung heraus. Der deutsche Trailer wirbt selbstbewusst mit den Stars aus dem kurz zuvor entstandenen Straßenfeger "Das Halstuch" von Francis Durbridge, und gemeint sind natürlich Heinz Drache und Margot Trooger, die man später ebenfalls wieder in den "Hexer"-Filmen gemeinsam vor der Kamera sehen konnte. Betrachtet man Heinz Drache, so wirkt seine Darbietung natürlich noch etwas weniger festgefahren als bei seinen folgenden Auftritten im Krimi-Fach. Allerdings sieht man in diesem teilweise turbulenten Verlauf eine Inspektoren-Figur, wie man sie sich früher oder später bei Wallace häufiger gewünscht hätte. Drache wirkt noch befreiter und innerhalb seiner üblichen Angriffslustigkeit vehementer, vielleicht sogar unkonventioneller, sodass er schließlich einen soliden Eindruck hinterlassen kann. Sein Chef wird dargestellt vom stets gerne gesehenen Werner Peters, der seinen sehr kurzen Auftritt zwar routiniert färben kann, er aber für das weitere Geschehen nicht relevant ist. Beim Thema Relevanz muss leider ebenfalls Margot Trooger genannt werden, deren Rolle hochinteressant angebahnt wird, sich aber ebenfalls irgendwann abrupt verliert. Ihre provokante Fragestellung nach dem verstummten, beziehungsweise verschwundenen Zeugen in Form der Bauchrednerpuppe irritiert nicht nur Beteiligte am Befragungsort, sondern vor allem den Zuschauer und sie schürt letztlich den Gedanken an das potentiell Unmögliche. Schließlich kann Götz George als zwischen die Fronten geratene Schachfigur gefallen, ohne allerdings in den Luxus eines dramaturgischen Feinschliffs zu kommen.

Insgesamt wird die komplette Star-Besetzung in dieser hohen Dichte den Film aber bereichern, da der gute Wille von andersartigen Anlegungen zu erkennen ist In diesem Zusammenhang sollte auch die Puppe "Grog" nicht unerwähnt bleiben, da sie für wirklich unheimliche Momente sorgen wird. Nicht nur von der Optik her werden derartige Akzente gesetzt, sondern auch im Bereich Akustik, da man zu späterer Spieldauer noch mehrmals ihr beunruhigendes Lachen im Szenario hören wird. Dieser kleine Horror-Einschlag tut dem Verlauf sehr gut und stellt sich neben dem eigentlichen Kriminalfall, der von vorne herein ein ziemlich offenes Buch ist, einen extravaganten Hingucker dar. Genre-Experten werden sich möglicherweise etwas an dem offenen Verlauf der Geschichte und der sich anbahnenden Vorhersehbarkeit stören, auch dass gewisse Personen gegen den eigentlich intelligent angelegten Spannungsaufbau arbeiten, stört das gelungene Gesamtbild ein wenig. Dennoch besitzt Eugenio Martíns Beitrag ganz großartige Momente, die zumindest einmal nicht alltäglich erscheinen, vor allem auch angesichts des Produktionsjahres. Man setzt auf Kontraste und Widerstände, temporeiche und bedrohlich wirkende Sequenzen sorgen für eine kurzweilige Unterhaltung, Set, Ausstattung, Musik und Bebilderung präsentieren sich in angemessenem Rahmen. Auch wenn bei "Nur tote Zeugen schweigen" einiges an Potential unausgeschöpft bleiben wird, und man sich stellenweise eine konsequentere Abhandlung gewünscht hätte, bleibt dieser Beitrag im Großen und Ganzen als gelungene Abwechslung in Erinnerung, die mit Leichtigkeit belegen kann, dass Gelegenheit nicht nur Diebe, sondern auch Mörder machen kann.


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 Post subject: Einer von und beiden (1973)
PostPosted: 14.02.2016 17:56 
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● EINER VON UNS BEIDEN (D|1973)
mit Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Elke Sommer, Ulla Jacobsson, Kristina Nel, Walter Gross, Berta Drews,
Anita Kupsch, Claus Theo Gärtner, Fritz Tillmann, Peter Schiff, Otto Sander, Gunther Beth, Ortrud Beginnen, u.a.
eine Produktion Roxy Film | Divina Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Wolfgang Petersen


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»Crescit animus, quotiens coepti magnitudinem attendit«


Durch Zufall entdeckt der ehemalige Student Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow), dass es sich bei der Doktorarbeit des bekannten Soziologie-Professors Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) um eine Fälschung handelt. Da Ziegenhals selbst mehr schlecht als recht lebt, beschließt er Kolczyk aufzusuchen, um ihn mit seinem Wissen zu erpressen. Dieser geht darauf ein, doch die finanziellen Forderungen sind gleichzeitig mit einer Kampfansage verbunden, nämlich dass einer von beiden auf der Strecke bleiben werde. Als die Prostituierte Miezi (Elke Sommer), eine Bekannte von Bernd ermordet wird, gerät auch Kolczyk ins Visier der Polizei, da er sie durch seinen Erpresser kennengelernt hatte. Der Professor muss sich eingestehen, dass seine Existenz nun nachhaltig bedroht ist und er greift zu immer drastischer werdenden Mitteln, die auch Ziegenhals zu einmdeutigen Gegenmaßnahmen zwingen...

Es sind Kontraste, die Wolfgang Petersens bemerkenswerten Film von vorne herein bestimmen, und man bekommt abwechselnd Einblicke in zwei verschiedene Welten. Zunächst befindet man sich in der luxuriösen Villa Kolczyk, am Frühstückstisch bei gepflegter Konversation, die Tochter des Hauses findet als Obolus 100 DM für neue Schuhe, auf der anderen Seite wirkt die ungleiche Wohngemeinschaft um Bernd Ziegenhals wie ein kleinerer Kulturschock, ebenfalls beim Frühstück zwischen Bier, Aspirin, eingeschobenem Zähneputzen und dem ersten Stammfreier des Tages für Miezi. Wie könnte es Berührungspunkte geben, fragt man sich zunächst, doch die Geschichte liefert die schnelle Antwort, als Bernd einen buchstäblichen Sechser im Lotto landet und gleichzeitig einen Betrüger aus der besseren Gesellschaft entlarvt. Zu Beginn stellt sich noch nicht die Frage, wer der beiden Hauptpersonen eigentlich mehr zu verabscheuen ist, doch beide werden noch eindrucksvolle Expertisen in Sachen menschlicher Abgründe liefern. Kalte Intelligenz und gewohnheitsmäßige Überheblichkeit stehen ab sofort im offenen Kampf mit prinzipieller Gewaltbereitschaft der physischen und psychischen Art, die mit einer nichts-zu-verlieren-Attitüde gefährliche Formen annehmen wird, wenn es darum geht, Existenz und Reputation zu bedrohen. Im Grunde genommen wird hier ein altes Prinzip bedient, dass nämlich ein Erpresser niemals Ruhe geben wird, es sei denn er wird zum schweigen gebracht. Das weiß auch Professor Kolczyk, vor allem ab dem Zeitpunkt, wenn Skrupel und Nerven gegen Null laufen. Bevor sich dieser Clash allerdings in aller Intensität aufbauen kann, wird der Zuschauer zunächst mit der, wenn auch nicht gerade unwichtigen, Nebenhandlung geködert, in der alle relevanten Personen charakterisiert werden. Überhaupt ist die Verstrickung eines jeden Inhalts sehr gut gelungen und "Einer von uns beiden" kann zu jedem Zeitpunkt ein hohes Niveau an Unterhaltung und Spannung hervorrufen.

Die beiden Hauptfiguren in diesem Schachspiel des Übervorteilens, um selbst so schnell wie möglich in die günstigere Position zu kommen, machen mit Klaus Schwarzkopf und Jürgen Prochnow einen hervorragenden Eindruck, der sich über Kontraste und blanken Hass aufbaut. Kolczyk zeigt sich von Berufswegen her als Analytiker, was er gegen Ziegenhals nicht nur ausspielt, sondern er versucht innerhalb der immer größer werdenden Bedrängnis auch zum Äußersten zu gehen, zumindest nimmt er es sich mehrmals vor. Bei dieser nicht einfachen Interpretation ist Routinier Klaus Schwarzkopf ganz offensichtlich mit allen Wassern gewaschen und es zeigt sich umgehend, dass er der richtige Mann für diese Rolle ist. Das gleiche lässt sich von einem vollkommen abgesattelt und gescheitert aussehenden Jürgen Prochnow sagen und die beiden Gegenspieler, die so vollkommen unterschiedlich voneinander agieren und eigentlich kaum etwas gemein haben, werden sich schließlich auf einer Stufe des niederen Niveaus wieder treffen. Zusätzlich erfreuen die Darbietungen von Elke Sommer, die genau wie ihr Pendant Ulla Jacobsson frappant exakt eingesetzt wirkt. Abgerundet mit sehr bekannten Stars des deutschen Kino und Fernsehens, kann sich Petersens Beitrag durchaus sehen lassen und insbesondere Claus Theo Gärtner, Walter Gross oder Berta Drews hinterlassen des Weiteren noch sehr eindringliche Zeichnungen. Es wirkt wie ein Segen, dass die übrigen Beteiligten neben den groß aufspielenden Hauptpersonen, auf die verständlicherweise alles zugeschnitten ist, nicht untergehen. Da der mit psychologischer Hochspannung aufgeladene Verlauf ohnehin schon restlos überzeugend wirkt, kommt es auf den großen Showdown an, bei dem man schließlich erfahren möchte, ob sich der Filmtitel bewahrheitet. Das Finale entpuppt sich nach allem hin und her, nach allem Widerständen und Kämpfen, bei allen Kompromissen und Verlusten als außergewöhnliches Spektakel, das diesem großartigen Beitrag die Krone aufsetzt. "Einer von uns beiden" stellt daher ohne Zweifel einen der besten deutschen Psycho-Thriller dieser Zeit dar. Spitze!


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 Post subject: Ilsa - Haremswächterin des Ölscheichs (1976)
PostPosted: 15.02.2016 17:07 
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Dyanne Thorne   in

ILSA - HAREMSWÄCHTERIN DES ÖLSCHEICHS

● ILSA, HAREM KEEPER OF THE OIL SHEIKS / ILSA, GARDIENNE DU HAREM DES ROIS DU PÉTROLE /
ILSA, GARDIENNE DU HAREM / ILSA - HAREMSWÄCHTERIN DES ÖLSCHEICHS (CDN|US|1976)
mit Max Thayer, Jerry Delony, Uschi Digard, Colleen Brennan, Haji, Tanya Boyd, Marylin Joi und Richard Kennedy
eine Produktion der Mount Everest Enterprises Ltd. | im Avis Filmverleih
ein Film von Don Edmonds


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»Sie war Sklavin, ein unwichtiger Mensch!«


Ilsa (Dyanne Thorne), die militante und gnadenlose rechte Hand des Scheichs El Sharif (Jerry Delony), ist zuständig für die Annehmlichkeiten ihres Herrn und die Züchtigung seiner Untertanen. Als Haremswächterin hat sie ständig für Nachschub in Form schöner Frauen zu sorgen, die sie international entführen lässt, um sie schließlich durch ihre gefürchteten Foltermethoden gefügig zu machen. Da El Sharif über unermessliche Ölreserven verfügt, ist ihm aufgrund seiner Machtstellung nur schwer das Handwerk zu legen. Als der amerikanische Diplomat Dr. Kaiser (Richard Kennedy) und Adam Scott (Max Thayer), Commander beim Geheimdienst, zu ihm reisen, um Verhandlungen über Ölvorkommen zu führen, sind sie sich sicher, dass sie den Sexscheich unter Druck setzen können, da sie von einer von ihnen eingeschleusten Spionin mit Informationen versorgt werden. Doch Ilsa hat das Komplott bereits durchschaut und nimmt sich der Verräterin mit ihren Spezialmethoden an...

In diesem zweiten Teil der offiziellen "Ilsa"-Reihe sieht man quasi eine Art Reinkarnation der Hauptfigur, und sie schlüpfte kurzerhand in die Rolle der gefährlichen Haremswächterin, die den Zuschauer erneut in Uniform, oder wahlweise barbusig in Erstaunen versetzt. Trotz der vollkommen unterschiedlichen Figuren, die Dyanne Thorne in den drei Teilen zu verkörpern hatte, bleibt die Marschrichtung die selbe, denn es geht sadistisch, blutrünstig unerbittlich und sehr zynisch zu. Als vollkommen eigenständiger Teil ist die "Haremswächterin des Ölscheichs" stilistisch gesehen näher am ersten Teil orientiert und man bekommt die gewohnt bestialische Performance der wirklich bestechenden Hauptfigur geboten, die zwar immer irgend einer übergeordneten Stelle beugen muss, aber dem Empfinden nach schalten und walten kann, wie es ihr Herz begehrt. Ihre Aufgabe im Scheichtum besteht darin, die in aller Herrenländer zusammen entführten Schönheiten als unterwürfige Sex-Sklavinnen in Sachen Finger- und Zungenfertigkeit auszubilden, und wenn sie wie meistens zu Beginn nicht sofort spuren, wird mit der hauseigenen Überzeugungskraft nachgeholfen. Zwischenzeitlich ist der Verlauf selbstverständlich immer wieder ausgiebig daran interessiert, gleich mehrere Ventile für Ilsas Sadismus und deren Perversion zu öffnen, und Auspeitschen und Foltern scheinen in dieser Beziehung nur die angenehmeren Varianten darzustellen. Auffällig ist erneut, dass sich die Dame ganz offensichtlich nicht selbst gerne die Hände schmutzig macht, und sie daher ihre Anweisungen vor allem delegiert, am liebsten an ihre zwei angriffslustigen Gehilfinnen "Samt" und "Seide", zwei Bezeichnungen, die höchstens auf die konstitutionellen Vorzüge dieser Damen anspielen, jedoch nicht ihren brutalen, Kriegsritualen gleichenden Machenschaften gerecht werden. Es wird also blutig, es wird teilweise sogar unappetitlich, sodass es bei Freunden jener Performances zu zufriedenen Gesichtern kommen dürfte.

Dyanne Thorne ist selbstverständlich auch hier der Stoff, aus dem die degenerierten Träume sind und erneut darf man der üppigen Amerikanerin eine intensive Darbietung bescheinigen, die obendrein noch äußerst überzeugend wirkt. Sie führt ein Regiment, offensichtlich ganz nach den Vorstellungen ihres Herrn, kann aber die bedeutenden Schritte weitergehen, wenn die Vorstellungskraft der Anderen an ihre Grenzen stoßen. In Teil 1 und 3 wurde ihre ausschweifenden Sexualpraktiken thematisiert und ausgiebig veranschaulicht, doch in diesem Umfeld scheint zunächst kein Spielraum dafür eingeräumt worden zu sein, weil sich in dieser Beziehung ausschließlich El Sharif profilieren darf. Das Drehbuch lässt sich allerdings dann auch nicht weiter lumpen, und verschafft ihr die Befriedigung, die sie verdient hat. Die Liaison mit Commander Scott gibt ihr ungeahnt menschliche Züge, was allerdings ein Großteil der Zuschauer aber möglicherweise erst gar nicht sehen möchte. llsa ist dazu geschaffen, sich alles was sie braucht zu nehmen, und sollte schließlich nicht dazu verurteilt sein, nur von einem selbsternannten Sexprotz genommen zu werden. Max Thayer spielt bemerkenswert auf, wobei in diesem Satz leider das nicht unerhebliche Wort schlecht fehlt. Überhaupt sind die darstellerischen Leistungen der umherspringenden dritten Garnitur eher durchwachsen, und sollten daher mit dem nötigen Galgenhumor angenommen werden, aber eigentlich handelt es sich dabei wirklich nur um Nebensächlichkeiten. Don Edmonds konzentriert sich in "Haremswächterin des Ölscheichs" auf zahlreiche praktische Veranschaulichungen, die in ihrer Mechanik zum Teil recht abenteuerliche Züge annehmen. Qual und Folter warten mit netten Ideen auf, die zumindest für die Testpersonen sehr strapaziöse Formen annehmen, die Dialogarbeit weiß außerdem sehr zu gefallen, da insbesondere Dyanne Thorne die Gespräche individuell färben kann und der vorgefertigte Verlauf mündet in ein rasantes Finale, das mit zahlreichen Leichen gepflastert sein wird. Insgesamt weiß auch dieser zweite Anlauf der "Ilsa"-Trilogie nicht zuletzt aufgrund seiner Holzhammer-Effekte zu gefallen, dem Dyanne Thorne mal wieder die Krone aufsetzt.


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 Post subject: Rheingold (1977)
PostPosted: 21.02.2016 12:37 
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RHEINGOLD

● RHEINGOLD (D|1977)
mit Elke Haltaufderheide, Rüdiger Kirschstein, Gunther Malzacher, Alice Treff, Reinfried Keilich, Claudia Butenuth, u.a.
eine Visual Filmproduktion von Elke Haltaufderheide
ein Film von Niklaus Schilling


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»In und um Koblenz gehört sie mir...«


Nach einem ihrer zahlreichen Besuche bei ihrer Mutter (Alice Treff), trifft die Diplomatengattin Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide) ihren alten Jugendfreund Wolfgang Friedrichs (Rüdiger Kirschstein) im Zug wieder, dem Trans-Europa-Express "Rheingold", in dem er als Kellner für die Abteile und die Annehmlichkeiten der Gäste zuständig ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, die fahrplanmäßig zwischen Genf und Düsseldorf stets unbeschwerte bis hemmungslose Formen annimmt. Bei einer der Fahrten fliegt die heimliche Liaison allerdings plötzlich auf, da Elisabeths Mann, der Diplomat Karl-Heinz Drossbach (Gunther Malzacher), ebenfalls mit dem "Rheingold" reist. Während der Fahrt kommt es zu einer fatalen Kettenreaktion und das Schicksal nimmt genau wie der TEE-"Rheingold" seinen unabänderlichen Lauf...

RHEINGOLD wrote:
»Am 15. Mai 1928 fuhr der berühmteste Expresszug der Deutschen Reichsbahn erstmals zwischen Hoek van Holland und Basel. Da er auf seiner Fahrt größtenteils dem Rheinlauf folgte, wurde ihm in Anlehnung an die bekannte Sage der Name "Rheingold" gegeben. Mit seinen violett/elfenbeinfarbenen Pullman-Wagen war er bei jedem Halt eine Sensation, und nicht selten erwarteten ihn die Menschen unterwegs an den Gleisen und winkten ihm zu. Seit 1965 ist die legendäre Strecke nun Teil des europäischen TEE-Netzes. Heute ist die Fahrzeit um drei Stunden kürzer. Aus dem Violett der Wagen ist Rot geworden, aber der Name ist geblieben. Noch immer bedeutet dieser Zug den Reisenden mehr, als mit ihm nur von einer Stadt in die andere zu gelangen.«

Das interessante Making-Of zu "Rheingold" weist gleich zu Beginn auf die Schwierigkeiten der Entstehung bei Niklaus Schillings Beitrag hin, weil die Finanzierung sich offenbar über mehrere Jahre hingezogen hatte. Mit einem Produktionsbudget von rund einer Millionen Mark über Selbstfinanzierung, Vorabkauf des Fernsehens und einer Prämie konnte das über lange Hand geplante Projekt schließlich auf die Beine gestellt werden. Von Basel ausgehend, fanden die Dreharbeiten vier Wochen lang an jedem zweiten Tag in einem als Filmstudio umfunktionierten Waggon statt. Der Kommentar weist auf eine Aussage des Schweizer Regisseurs Schilling hin, der von sich behauptet haben soll, zu Zügen ein erotisches Verhältnis zu haben, was man zunächst vielleicht nur mit leichtem Erstaunen quittiert, beim Anschauen des fertigen Films aber absolut begreifen wird, denn die Inszenierung des TEE-"Rheingold" geht weit über eine herkömmliche Hommage hinaus. Schnell und quasi zu jedem Zeitpunkt zeigt sich hier das Können und die Präzision von Schilling, der aus dieser zunächst übersichtlich klingenden Handlung ein nahezu brillantes Konglomerat aus Mythologie, Emotion, Realität, Traum und Vergangenheit erstellt. Die Faszination entfaltet sich dabei umgehend, selbst wenn man im Vorfeld daran dachte, diesen Zug eigentlich nur an sich vorbei fahren zu lassen. Schilling selbst spricht von einem Zugfilm »in absoluter Form«, der schon mit der komplizierten Planung und den widrigen Produktionsbedingungen scheitern kann. Betrachtet man das beeindruckende Gesamtergebnis, so kann man wohl davon ausgehen, dass er seinen Vorstellungen sehr nahe gekommen sein wird, außerdem war "Rheingold" Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 1978, wurde darüber hinaus mit dem Filmpreis in Gold (Kamera) und in Silber in der Kategorie "Weitere programmfüllende Spielfilme" ausgezeichnet.

Die Geschichte beginnt mit einem Abschied am Düsseldorfer Bahnsteig und die Hauptpersonen werden in Windeseile vorgestellt, sodass der Verlauf vor allem von dieser Dreieckskonstellation, bestehend aus dem Ehepaar Drossbach und dem Liebhaber von Elisabeth vordergründig dominiert wird. Behandelt wird eine, dem Empfinden nach vertraute Geschichte, die sich vom Prinzip her genau in dieser Form permanent so abspielen könnte. Zwei der Personen haben eine gemeinsame, bürgerliche Vergangenheit, die eine Form niemals eingeschlafener Intimität mit sich bringt, die Zweierkonstellation der Eheleute stellt einen festen Bestandteil der besseren Gesellschaft, mit all ihren Verpflichtungen und Zwängen dar und die beiden Männer würden am liebsten nichts miteinander gemein haben, allerdings treffen sie sich dennoch auf gleichen Ebenen. Bei den Darstellern muss vor allem Elke Haltaufderheides atemberaubende Leistung gewürdigt werden, die es erneut schafft eine nahezu gespenstische Präsenz aufzubauen, deren Ruhe und das damit verbundene konträre Handeln den Zuschauer ganz empfindlich verwirrt. Das örtliche und zeitliche Vakuum des "Rheingold" bietet nach allen Heimlichkeiten keinen Schutz mehr vor Enthüllungen, sodass eine vorprogrammierte Katastrophe als lose Skizze im Raum stehen bleibt, die durch die präzise geplante Inszenierung Gestalt annehmen darf. Mutig stellt man sich gegen das Großthema Spektakel und setzt auf plötzlich einsetzende Irritationen und Schocks. Der Zug, der permanent in Bewegung ist, setzt seine Marschrichtung mit Spannung und Tempo gleich, Schilling spielt dabei die gesamte Palette seiner Möglichkeiten aus und alles wirkt wie aus einem Guss. Versehen mit Metaphorik und Anleihen aus der deutschen Sage, entstehen hochinteressante Variationen, die den intelligenten Aufbau unterstreichen und bilden, außerdem düstere Vorahnungen schüren.

Die Brisanz der Situation wird in einer Kurzschlusssituation forciert. Elisabeth überreicht ihrem Mann, der sie und ihren Liebhaber soeben auffliegen gelassen hat, einen Brieföffner, ein Geschenk ihrer Mutter für ihn. Eben diese sah man gleich zu Beginn am Bahnsteig, voller Sorge um ihre Tochter und in offensichtlich in diffusen Vorahnungen gefangen. Bereits hier entfaltet sich das unbeschreiblich Zynische dieser schicksalhaften Situation, da die besorgte Mutter das Mordinstrument lieferte. Die Drossbachs sitzen sich gegenüber, durch das Fenster sieht man die vorbeirauschende Landschaft, er begegnet ihr wie üblich mit diplomatischer Immunität und das offenbar in jeder erdenklichen Beziehung, sie liest die Illustrierte "Schöne Welt". Elke Haltaufderheides Gesichtsausdruck vermittelt Ruhe und Sicherheit, was dem Zuschauer suggeriert, dass nichts passieren wird. Nur Einstellungen aus der E-Lok zeichnen eine Hochgeschwindigkeit, eben jene, mit der man auf die Katastrophe zusteuert und die heulende Akustik des Triebwagens und der Schienen in Verbindung mit der Musik von Eberhard Schoener erzeugen mit einfachsten Mitteln Nervenkitzel. Der Brieföffner liegt auf dem Bordtisch und nimmt die Vibrationen der Fahrt an, er bewegt sich eigenständig und zitternd in die Richtung von Drossbach, man hört die Stimme des Nebenbuhlers, der die Fahrgäste bedient, plötzlich zeigt die Spitze der Tatwaffe auf den Diplomaten, als wolle sie ihn einladen, den richtigen Zeitpunkt wahrzunehmen. Beim Einfahren in einen Tunnel geschieht die Affekthandlung im Schutze der Dunkelheit und er sticht mehrmals auf seine Gattin ein, bis er in Koblenz fluchtartig den Zug verlässt, um ihn wenig später mit einem Taxi zu verfolgen. Die Intensität dieser Szenen und das unberechenbare Element wirken absolut packend, der Wettlauf mit Zeit, Zug und Tod beginnt.

Die weitere Fahrt ist geprägt von unterschiedlichsten Rückblenden, in denen die Protagonistin Eindrücke und Situationen der Zweisamkeit Revue passieren lässt, die bis ins Kindheitsalter zurückgehen. Bei dieser Gelegenheit lernt man auch die zwei Gesichter dieser Frau kennen, die zusätzlich hinter einer Maske und Fassade versteckt sind. Ihre Unempfindlichkeit wirkt nahezu schockierend, das Hinnehmen der Situation unbegreiflich, sodass empfindlich mit der Hilflosigkeit des Zusehers gepokert wird. Aber es scheint tatsächlich so zu sein als warte sie, und im Spektrum zahlreicher Möglichkeiten weiß der Zuschauer nicht, was schließlich passieren wird. Bei jedem Halt des "Rheingold" kommen und gehen neu integrierte Personen, wie beispielsweise der alte Herr, der seiner Enkelin anhand des Panoramablicks aus dem Fenster die Mythologie längs des Rheins erklärt, was gleichzeitig in eine intelligente Assoziation zu Elisabeth gesetzt wird. Des Weiteren sieht man eine Mutter und ihr ungehorsames Kind, einen Astrologen, der die Zukunft und Gegenwart deutet, oder einen Schwarzfahrer und Erfinder, die der Dame in Weiß alle das einseitige Gespräch halten. In der Phase der Angeschlagenheit reduziert sich außerdem die Affäre Wolfgang auf ihre bloße Mechanik. Niklaus Schilling verlangt dem Zuschauer recht viel ab, indem er buchstäblich Schicksal spielt und günstige Zeitpunkte wie im realen Leben einfach verstreichen lässt. Insgesamt präsentiert sich dieser Beitrag in einer bestechenden Form und es wird eine unbestimmte Faszination verbreitet, die nicht alle Tage zu finden ist. "Rheingold" kann sich schließlich einen sicheren Platz unter den bemerkenswerten deutschen Beiträgen dieser Zeit sichern und die Regie feiert nicht nur einen Arbeitssieg, sondern insgeheim einen Triumph, wenn sich alle Eindrücke gesetzt haben. Großartiges Kognitionskino, für das man bei Interesse unbedingt eine Fahrkarte lösen sollte!


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 Post subject: Fünf Freunde und der Zauberer Wu (1978)
PostPosted: 21.02.2016 22:38 
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● Folge 17: FÜNF FREUNDE UND DER ZAUBERER WU (1) / FIVE ARE TOGETHER AGAIN (1) (1978)
mit Marcus Harris, Gary Russell, Jennifer Thanisch, Michele Gallagher, Michael Hinz, Friedrich von Thun
Gäste: Alfie Bass, Kenneth Cope, Peter Jeffrey, Timothy Bateson, David Rappaport, Wayne Brooks, u.a.
eine Produktion der Southern Television | in Zusammenarbeit mit dem ZDF
Regie: James Gatward




Julian, Dick, Anne und George erleben bei der Ankunft auf Kirrin Cottage eine unangenehme Überraschung, da anscheinend Scharlach ausgebrochen ist und Georges Eltern in Quarantäne müssen. Aufgrund der Ansteckungsgefahr können die Fünf Freunde nicht dort bleiben und werden vorübergehend bei Professor Hayling und dessen Sohn Tinker untergebracht. Auf einer großen Wiese der Haylings hat ein kleiner Zirkus seine Zelte aufgeschlagen und die Kinder bieten sich als freiwillige Helfer an, lernen bei dieser Gelegenheit Sam und seinen widerspenstigen Schimpansen Charly, und den mysteriös wirkenden Mr. Wu kennen. Eines Nachts werden aus Professor Haylings Forschungsturm wichtige Dokumente gestohlen, doch es bleibt ein Rätsel, wie der Einbrecher dort hinein gelangt sein soll, bis schließlich Charly und Sam unter Verdacht geraten...

Die Ferien sollten eigentlich unbeschwert beginnen, die Kinder stellen sich auf neue, gemeinsame Abenteuer in Kirrin Cottage ein, doch die Vorfreude wird schnell ausgebremst, da Professor Kirrin und seine Frau in Quarantäne müssen. Das Haus und die gewohnte Umgebung stehen also nicht zur Verfügung, aber trotz der Besorgnis scheint alles halb so schlimm zu sein, da Geheimnisse in der Luft liegen. Ein Zirkus kampiert samt seiner teils merkwürdigen Gestalten in der Nähe, und die Geschichte macht von Beginn an keinen Hehl daraus, mit welchem Kriminellen man es zu tun hat. Folge 17 ist eine der zahlreichen Doppelfolgen der sechsundzwanzigteiligen Serie und "Fünf Freunde und der Zauberer Wu" überzeugt in beiden Teilen durch seinen klaren Aufbau und bedrohlich wirkende Sequenzen. Trotz der vorgefertigten Brandmarkung des Bösewichts, gibt es des Weiteren einige andere Figuren, die nicht über jeden Verdacht erhaben zu sein scheinen. Folglich ist es die vornehmste Aufgabe der "Fünf Freunde" für Recht und Ordnung zu sorgen und das Gerechtigkeitsempfinden der jungen Zuschauer wieder geradezubiegen. Die Schauplätze bieten Spektakuläres für Kinderaugen, vor allem der Zirkus und seine Attraktionen dürften in dieser Beziehung gefallen, außerdem ist der futuristisch wirkende Turm von Professor Hayling zu nennen, in dem es erneut zu bahnbrechenden Erfindungen kommt.

Der Zauberer Wu beunruhigt schon durch seine bloße Erscheinung und die Kinder sehen sich mit einem potentiellen Gauner im Anzug konfrontiert, allerdings wird die Spannung lediglich über Verdachtsmomente aufrecht erhalten. Sein kleinwüchsiger Assistent verzieht ebenso wie er kaum eine Miene und beide lassen sämtliche Alarmglocken läuten. Eine seltsame Mischung aus Abneigung und Faszination kommt schließlich auf, weil Mr. Wu diverse Kostproben seines Super-Gedächtnisses liefert, mit dem er sich nicht nur an alle möglichen Situationen und Details vergangener Tage und Jahre erinnern kann, sondern beispielsweise auch nahezu unmöglich erscheinende mathematische Formeln aus dem Stand lösen kann. Die neusten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse ziehen also wie so oft lichtscheue Gestalten magisch an, und als Papiere verschwinden, gerät sehr zur Empörung der Kinder der sympathische Schimpanse Charly unter Verdacht, was selbstverständlich nach einer Richtigstellung schreit. Aufgelockert mit spaßigen Szenen und dem obligatorischen Humor von Dick, nimmt dieser erste Teil seinen Lauf, um in Folge 2 weiterhin an Fahrt aufzunehmen. Noch entstehen nicht die ganz gefährlichen Situationen für die Kinder, aber der Grundstein für die klassische Unterhaltung wurde auch hier wie üblich überzeugend gelegt, sodass die Spannung auf die Fortsetzung steigt und man auf eine gute Fortsetzung mit großem Finale hoffen darf.


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 Post subject: Slavers - Die Sklavenjäger (1976)
PostPosted: 26.02.2016 23:22 
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Trevor Howard   Britt Ekland   Ron Ely   Jürgen Goslar   in

SLAVERS - DIE SKLAVENJÄGER

● SLAVERS - DIE SKLAVENJÄGER (D|1976)
mit Cameron Mitchell, Artur Brauss, Don Jack Rousseau, Helen Morgan, Erica Schramm, Erik Schumann, Ken Gampu,
Peter Elliot, Sam Williams, Brian O'Shaughnessy, Rinaldo Talamonti, Konrad Georg, Judy Goldman und Ray Milland
eine Lord Film | im Alemania Filmverleih
ein Film von Jürgen Goslar


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»Heute Nacht bekommst du eine andere Rute zu spüren!«


In Ostafrika liefern sich arabische und portugiesische Sklavenhändler schwere Revierkämpfe, obwohl der Handel mit Menschen offiziell längst abgeschafft wurde. Die Auseinandersetzungen sind nicht nur untereinander geprägt von Brutalität und Gewalt, sondern vor allem die unterjochten Einheimischen bekommen die Grausamkeiten von Anführern und Handlangern zu spüren, sodass unzählige Köpfe rollen werden. Bei der Menschenjagd liefern sich Hassan (Ray Milland), Anführer der arabischen Menschenjäger, und der Portugiese DaSilva (Cameron Mitchell) blutige Kämpfe um Macht und Ansehen. Eine Gruppe Europäer rund um den Diplomaten Max von Erken (Jürgen Goslar) und seine Frau Anna (Britt Ekland) gerät ins Kreuzfeuer der konkurrierenden Banden und es kommt zu schicksalhaften Begegnungen und fatalen Launen des Todes...

"Die Sklavenjäger" stellt den Abschluss von Jürgen Goslars Phase des sozusagen beunruhigenden Films dar, bevor er sich eine lange Auszeit nahm, um 1987 für den deutschen Serien-Straßenfeger "Das Erbe der Guldenburgs" vor und hinter der Kamera zur Verfügung zu stehen. Anhand dieses Kontrastprogramms kann man sehen, dass Goslar als Schauspieler und Regisseur in zahlreichen Genres zu Hause war und diese auch gewinnbringend bedienen konnte. Über die Marschrichtung in diesem Film lässt sich sicherlich streiten, wird der Zuschauer doch mit sehr expliziten und strapaziösen Szenen konfrontiert, die die zeitgenössische Kritik zu Verrissen in Hülle und Fülle animierte, und in denen Schlagworte wie Menschenverachtung oder Zynismus auftauchten. Goslars Werk ist in der Tat auf Spektakel und Geschmacklosigkeiten gebürstet worden, jedoch stellt diese Handhabe auch das Elixier des Films, und sozusagen die Basis der imaginären Glaubwürdigkeit dar. Sie Szenerie beginnt in winterlicher Landschaft mit einem Duell, bei dem es naturgemäß dazu kommt, dass einer ins Jenseits befördert wird. Diese kurzen Eindrücke ebnen den Weg in andere klimatische Verhältnisse, wo es sofort Schlag auf Schlag weitergehen darf, da eine Horde von "Sklavenjägern" auftaucht, deren Brutalität eines der typischen Charakteristika für den Verlauf darstellen wird. Das Einfangen dieser Menschen treibt sehr abstoßende Blüten wenn geschildert wird, wofür einige von ihnen benötigt werden. Man sieht die örtliche Hautevolee, die zu beruhigenden Harfenklängen Trophäen schießt. Hierbei wird vollkommen klar, dass es sich um einen Zeitvertreib aus purem Vergnügen handelt und es hagelt Jubel und Applaus, wenn man einen der Sklaven mit einem Kopfschuss erlegen konnte. Selbstverständlich entstehen bereits hier Szenen in denen der Zuschauer in sich hineinhorcht und hinterfragt, ob man überhaupt gewillt ist, sich eine derartige Trostlosigkeit zuzumuten, sodass sich bereits in dieser Frühphase einiges darüber entscheiden wird, ob der Film steht oder fällt.

Betrachtet man die Riege der Darsteller, ist es auf den ersten und zweiten Blick mehr als erstaunlich, welch prominentes Star-Aufgebot internationalen Formats Jürgen Goslar für seinen Film mobilisieren konnte. Profilierte Darsteller scheuen sich also letztlich nicht, den teils widerwärtigen Verlauf mit noch widerwärtigeren Skizzierungen ihrer Charaktere auszustaffieren, wie insbesondere Ray Milland oder Cameron Mitchell. Im Kreise der Sympathieträger bekommt man recht konventionelle Schablonen präsentiert, die allerdings oftmals nicht genügend Möglichkeiten bekommen, für einen Ausgleich zu sorgen, wobei man aber auch vermuten darf, dass es weniger in der Absicht der Regie gelegen hat, tiefschürfende Psychogramme zu präsentieren. Diverse Grausamkeiten und zahlreiche gepfefferte Dialoge (Kostprobe: »Jetzt kannst du ja deine schwedische Hure schön bedienen, du Wichser!«), sorgen letztlich dafür, dass etliche Personen einen bleibenden Eindruck hinterlassen werden, obwohl man bei den wenigsten einen darstellerischen Kraftakt geboten bekommt, was aber von der Dramaturgie ebenfalls nicht vorgesehen war. Die große, vielleicht sogar zweifelhafte Stärke des Films entwickelt sich über das Spiel mit den Grenzen der Vorstellungskraft. Es werden Dinge gesagt, bei denen man glaubt, nicht richtig gehört zu haben und es werden Bilder gezeigt, bei denen man nicht richtig gesehen haben möchte. Der rote Faden präsentiert sich somit beinahe ausschließlich in unbändiger Schockform und unterm Strich bleibt "Die Sklavenjäger" so gut wie in jeder Beziehung eine Botschaft schuldig, da man weder an geschichtlichem Kontext, noch an der Moral von der Geschicht' interessiert ist. Diese Tatsache fällt allerdings weniger schwer ins Gewicht, da der Film schließlich so wahrgenommen werden kann, wie es die Anlegung fordert, nämlich als verstörendes Schreckensspektakel, das Nervenkitzel, Unterhaltungsambition und Abscheu in sich zu vereinen versucht. Als deutscher Beitrag bleibt er alleine schon aus diesem Grund ein irgendwie beeindruckender Film, bei dem man sich am Schluss selbst fragen muss, ob man ihn überhaupt so einschätzen darf, da Jürgen Goslar gleich mit mehreren Gratwanderungen unterwegs ist. Aber Wegschauen gilt mal wieder nicht. Im Positiven wie im Negativen irritierend, trostlos und streckenweise überaus schockierend!


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 Post subject: Finale in Berlin (1966)
PostPosted: 29.02.2016 15:30 
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Michael Caine   in

FINALE IN BERLIN

● FUNERAL IN BERLIN / FINALE IN BERLIN (UK|US|CH|1966)
mit Eva Renzi, Paul Hubschmid, Oskar Homolka, Guy Doleman, Hugh Burden, Heinz Schubert, Wolfgang Völz,
Thomas Holtzmann, Günter Meisner, Herbert Fux, Rainer Brandt, Ursula Heyer, Ira Hagen, John Abineri, u.a.
eine Produktion der Lowndes Productions Limited | Paramount Pictures | Jovera | im Paramount Filmverleih
ein Film von Guy Hamilton


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»Der Kommunismus war meine Jugendliebe!«


Harry Palmer (Michael Caine), ehemaliger Unteroffizier der Armee, wird vor ein Ultimatum gestellt. Entweder erklärt er sich bereit, als Spion in den Dienst ihrer Majestät zu treten, oder er würde für längere Zeit ins Gefängnis gehen müssen. Ohne eine richtige Wahl zu haben, lässt er sich in das geteilte Berlin abstellen, um dort seinen geheimen Auftrag zu erledigen. Der russische Geheimdienstoberst Stok (Oskar Homolka) hegt Pläne, die Fronten endgültig zu wechseln, und Palmer soll sein Überlaufen mittels einer vorgetäuschten Beerdigung sicher arrangieren. Sein alter Geheimndienst-Kollege Johnny Vulkan (Paul Hubschmid) organisiert die Operation und ein Treffen mit Oberst Stok, außerdem lernt Palmer unter anderem die geheimnisvolle Samantha Steel (Eva Renzi) kennen, die seinen Auftrag kreuzt. Die gesamte Angelegenheit scheint jedoch nicht so einfach vonstatten zu gehen wie gedacht, und es stellt sich die Frage, wen der Agent des britischen Geheimdienstes tatsächlich als Gegenspieler hat...

Guy Hamiltons "Finale in Berlin" bildet neben "Ipcress – streng geheim" von 1965 und "Das Milliarden-Dollar-Gehirn" von 1967 den zweiten Teil der Trilogie rund um den britischen Agenten Harry Palmer, der jeweils von Michael Caine dargestellt wurde. Gedacht als realistischere Alternative zur erfolgreich laufenden James-Bond-Reihe, bekommt man Spionage-Thriller der edleren Sorte geboten, und "Finale in Berlin" präsentiert sich in vielerlei Hinsicht auf sehr hohem Niveau. Zunächst lässt sich einmal feststellen, dass man bemerkenswert viel Lokalkolorit geboten bekommt, in diesem Zusammenhang geht somit eine sehr bildgewaltige, sowie originelle Präsentation des Kamera-Spezialisten Otto Heller einher, die auch lange nach dem Anschauen noch in Erinnerung bleiben wird. Die Geschichte verfolgt eine eher ruhige Strategie und punktet durch einen sehr gut strukturierten, intelligenten Aufbau, der weniger reißerische Tendenzen zutage bringt, die man in einem solchen Beitrag vielleicht vermuten würde. Der unaufdringliche Verlauf, symmetrische Bilder, bemerkenswert gute darstellerische Leistungen und der trockene britische Humor ergeben ein rundes Gesamtbild, sodass es für den Zuschauer ein Leichtes ist, sich darauf einzulassen. Permanent werden bekannte Locations in West-Berlin gezeigt, die zusammen mir der noch recht jungen Berliner Mauer zu Dreh- und Angelpunkten für die Operationen der verschiedenen Geheimdienste werden, die mit ihren sehr unterschiedlichen Strategien und Handlangern für das lückenlose Zusammenführen dieses Puzzle-Spiels sorgen werden. Zu jedem Zeitpunkt ist erkennbar, dass die Regie einen sehr hohen Anspruch an diesen Film gestellt hat, damit es bei dieser beinahe ausschließlichen Konzentration darauf, hin und wieder zu kürzeren Phasen des eigenen Ausbremsens kommt. Steigerungen des Tempos sorgen für Aufmerksamkeit, die Action-Anteile bleiben eher gewollt rar gesät.

Im schauspielerischen Bereich sieht man ein interessant zusammengestelltes Aufgebot an internationalen Stars, sowie bekannten deutschen Interpreten. Der Brite Michael Caine prägt das Geschehen wie kein zweiter und stattet seine Rolle mit kühler Eleganz aus. Häufig fällt Palmer durch seine trockenen Kommentare auf und man begleitet letztlich einen Analytiker, der dem Empfinden nach nie den Überblick über die Situation verliert. Auch in prekären Phasen des Verlaufs geht eine gewisse Überlegenheit von ihm aus, die seinem Agieren einen guten Schliff gibt. Anstelle der ursprünglich eingeplanten amerikanischen Schauspielerin Anjanette Comer, die hier allerdings krankheitsbedingt passen musste, sieht man Eva Renzi erstmalig auf internationalem Parkett und in ihrem erst zweiten Spielfilm. Als Samantha Steel wird sie zunächst als Blickfang integriert, bevor sie langsam aber sicher die Hüllen, im Sinne ihrer eigentlichen Identität, fallen lässt, womit der Verlauf aber nicht lange hinterm Berg hält. Oskar Homolka skizziert das hohe Tier des russischen Geheimdienstes überaus präzise, genau wie es bei Paul Hubschmid der Fall ist. Die Hauptpersonen schüren insgesamt etliche Zweifel, die für eine ordentliche Grundspannung und eine hohe Aufmerksamkeit sorgen. Abrundend füllen deutsche Stars wie Wolfgang Völz, Heinz Schubert oder Herbert Fux den Verlauf sehr ansprechend aus, sodass man von einem globalen Besetzungs-Coup sprechen darf. Trotz der Hochwertigkeit in nahezu allen Bereichen bleibt das unbestimmte Gefühl zurück, dass dem Film eine irgend eine wichtige Komponente zu fehlen scheint, wenngleich man das Kind nur schwer beim Namen nennen kann. Sind es die Vergleiche zu anderen, wesentlich reißerischer angelegten Produktionen, oder hätte man sich insgesamt doch ein bisschen mehr Spektakel gewünscht? Diese Frage bleibt auch nach mehrmaligem Anschauen offen, fällt aber keineswegs schwer ins Gewicht. "Finale in Berlin" bleibt unterm Strich ein gut durchdachter und anspruchsvoller Vertreter seiner Gattung, der vor allem im visuellen Bereich beachtliche Ausrufezeichen setzen kann.


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 Post subject: Ein Koffer (1978)
PostPosted: 07.03.2016 14:10 
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● Folge 12: EIN KOFFER (1978)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande
Gäste: Liselotte Pulver, Harald Leipnitz, Uschi Glas, Werner Pochath, Hans Söhnker, u.a.
Eine Produktion der Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Michael Braun




»Den kannste kreuz und quer verhören, da kommt nicht viel bei raus!«


In einem Zugabteil kommt es zu einem ungewöhnlichen Geschäft. Rolf Bär wird von dem Mitreisenden Hasso Pohlmann gebeten, mit ihm die Koffer zu tauschen, da Zollbeamte das Gepäck überprüfen. Bär lehnt zunächst ab, bekommt aber eine hohe Summe zugesteckt mit dem Versprechen auf mehr. In München sollen die Koffer wieder getauscht werden. Bär überprüft das fremde Gepäckstück und findet Unmengen an Heroin, was ihn auf die Idee bringt, die heiße Ware selbst zu Geld zu machen. Karin Runge, seine junge Geliebte, beteuert ihre Angst, doch Rolf ist nicht von seinem Plan abzubringen. Wenig später kommt es zu einem Mord, dessen mysteriöse Tatumstände Kommissar Köster Kopfzerbrechen bereiten...

Michael Brauns unscheinbar klingende Folge beginnt ganz in der Stimmung abklingender Urlaubslaune, die plötzlich mit der rücksichtslosen Mechanik von Drogengeschäften konfrontiert wird. Da Gelegenheit ja bekanntlich Diebe macht, lässt sich ein bis dahin weitgehend unbescholtener Mann auf den dreckigen Deal ein, obwohl permanente Zweifel von seiner Freundin geschürt werden. Der Zuschauer ahnt beim Anblick des Drogenkuriers Werner Pochath bereits, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, und obwohl er umgehend von den Zollbeamten abgeführt wird, da er offensichtlich kein unbeschriebenes Blatt ist, bekommt man nur eine kleine Atempause zugestanden. Am Bahnhof wird Bär von seiner Frau empfangen und man ahnt gleich, dass sie dem Vorhaben indirekt zuarbeitet, da ein mögliches, neues Leben im Raum steht, das allerdings ohne sie stattfinden soll. Die Aufmerksamkeit der Ehefrau lenkt die Diskussion auf der Heimfahrt sofort auf den fremden Koffer, auch die Ausreden ihres Mannes überzeugen sie nur schwerlich, bis sie die Katze aus dem Sack lässt, und ihn direkt auf sein Verhältnis anspricht. Kleinere Sequenzen aus den Szenen einer Ehe werden wichtige Bausteine dafür, um zu verstehen wie der weitere Verlauf zu rechtfertigen ist, der von Michael Braun mit einer empfindlichen Twist- und Schock-Taktik angereichert wurde, da der Eindruck umher geistert, dass der Tod eben manchmal wie gerufen zu kommen scheint. Folge 12 bedient sich einer klassischen Erzählstruktur und einer, für Serienverhältnisse, konventionellen Geschichte, die sich im Endeffekt aber deutlich wegen der Tatsache abheben kann, dass sie vollkommen anti-emotional vonstatten geht. Das Elixier für diese Marschroute stellt eine Vierer-Konstellation an Interpreten dar, die einerseits verhältnismäßig übliche, andererseits aber auch überaus konträre Skizzierungen anbieten, wobei vor allem eine Dame zu nennen ist.

Die Schweizerin Liselotte Pulver erlebt man somit vollkommen losgelöst von ihrem bestehenden Image und unterm Strich lässt sich sagen, dass ihr diese Folge gehört, die sie sogar in aller Diskretion dominiert. Ungewöhnlich ernst und verschlagen, erlebt man eine Performance die restlos überzeugend ist. Ihr handeln erklärt sich aus tiefster Kränkung, ihre Reaktionen aus hochgradiger Verachtung, doch obwohl in diesem Fall alles von Anfang an klar ist, beziehungsweise gezeigt wird, wird es ihre Ursula Bär sein, mit der man ungemütliche Überraschungen erlebt. Ihr Mann wird von Harald Leipnitz mit den notwendigen Facetten ausgestattet, die den Playboy im Spätherbst glaubhaft erscheinen lassen. Eine unerwartete Chance könnte bei dem Mann in den besten Jahren alles verändern, er könnte seinen Alltag samt Ehefrau hinter sich lassen. Obwohl die Bärs offensichtlich gut situiert sind, ist das Verlangen nach wesentlich mehr stärker als die Vorsicht, was eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen wird. Zusätzlich sieht man sehr gute Leistungen von Werner Pochath, der dem Empfinden nach jedem Verbrecher wie aus dem Gesicht geschnitten ist, und von Uschi Glas mit bayrischem Dialekt, die eine der Schlüsselfiguren Für Köster darstellt. Um direkt beim Hauptkommissar zu bleiben, sieht man eine der üblich grimmigen Performances von Siegfried Lowitz, dem anzusehen ist, dass es ihn frustriert, den Lauf der Dinge vorauszusehen. Zunächst gibt es wenige Anhaltspunkte zu finden, doch wenn er einmal die Fährte aufgenommen hat, nimmt er seine Zielscheiben in einem Würgegriff, dem selbst die gewissenlosesten Verbrecher kaum standhalten. "Ein Koffer" bleibt im Serien-Kontext eine der ganz starken Episoden, deren Verlauf zwischen Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit, sowie Zielstrebigkeit und Schock hin- und herpendelt, außerdem eines der packendsten Finals bereithält, die man bei "Der Alte" bislang sehen konnte. Sehenswert!


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 Post subject: Frauengefängnis 3 (1975)
PostPosted: 08.03.2016 21:04 
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FRAUENGEFÄNGNIS 3

● DES DIAMANTS POUR L'ENFER / FRAUENGEFÄNGNIS 3 (B|F|1975)
mit Lina Romay, Martine Steed, Nathalie Chapell, Roger Darton, Ronald Weiss, Denis Torre
eine Produktion der Brux International Pictures | Eurocine
ein Film von Jess Franco


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»Du kannst alles kriegen, wenn du mit dem Direktor schläfst«


Nach einem bewaffneten Überfall, bei dem Rohdiamanten gestohlen wurden, erschießt einer der drei Männer seine Komplizen, um mit der Beute in den Nachtclub seiner Geliebten namens Shirley Fields (Lina Romay) zu fliehen. Doch kurz nach seiner Ankunft wird er von Shirley ebenfalls niedergestreckt, doch zu ihrer Überraschung ist der Koffer, in dem die heiße Ware sein sollte, leer. Aufgrund der Tat und dem mysteriösen Verschwinden der Diamanten, wird Shirley zu mehreren Jahren Haft verurteilt und gelangt in ein berüchtigtes Frauengefängnis, dessen Direktor (Ronald Weiss) bekannt für Maßnahmen ist, die den normalen Regelvollzug deutlich überschreiten...

Ein ganz netter Einstieg in Jess Francos Frauengefängnis-Film suggeriert, dass er das halten könnte, was er verspricht, doch um es gleich kurz und schmerzhaft auf den Punkt zu bringen, die Luft ist bereits nach wenigen Minuten raus, da man sich dramaturgisch und inszenatorisch absolut auf der unsicheren Seite befindet. Von allem was man angesichts des Filmtitels erwarten könnte und natürlich auch sehen möchte, wird einem letztlich nur in zusammenhanglosen Bruchstücken zum Fraß vorgeworfen und das Durchhalten wird immer wieder empfindlich auf die Probe gestellt. Im Endeffekt sind es die zwar äußerst platten, aber gepfefferten Dialoge im Gossenton-Modus, die zum Weiterschauen animieren und teilweise richtig amüsieren, obwohl man mit einer Hauptdarstellerin konfrontiert wird, die wie es der französische Originaltitel andeutet, für die einen etwas von l'enfer, für die anderen etwas von diamants haben dürfte. Schäbige Sets, ein durch und durch gelangweiltes Auge der Kamera und magere Handlungsstränge entlarven den Film früh als langweiliges Schnipsel-Sammelsurium von vagen Ideen, die notdürftig und irgendwie zusammengeflickt wurden. Das Urteil mit "Frauengefängnis 3" fällt nicht zuletzt ziemlich hart aus, weil man eben nichts von dem geboten bekommt, was zu erwarten gewesen wäre, denn Jess Franco spart an Veranschaulichungen der drastischeren Sorte und der Verlauf plätschert unspektakulär und ermüdend vor sich hin, dass es manchmal kaum zu verstehen ist, weiß man doch um seine speziellen, oder experimentellen Regie-Einfälle. Leider verhungert der Zuschauer hier an langer Hand und kann aber wieder durch späte Peitschenhiebe aufgeweckt werden. Auch der uninteressanteste Film kann mit guten darstellerischen Leistungen ein wenig aufblühen, doch was geschieht, wenn ein Beitrag von drittklassigen Leistungen unterwandert wird? "Frauengefängnis 3" liefert die Antwort.

Um die obligatorische weibliche Hauptrolle in Franco-Filmen schnell abzuhandeln und ihr nicht zu nahe zu treten, soll das Fazit kurz ausfallen. Lina Romay trägt den Film und das ist fatal. Man sieht sie hier gewiss erneut am Rande ihrer darstellerischen Kapazitäten und das ist ernüchternd. Dass sie hier ebenfalls wie üblich hüllenlos zu sehen ist, dürfte viele Zuschauer erfreuen, da es dem Vernehmen nach angeblich ja auch vollkommen ausreichend sein soll. Gut. Weitere Darsteller geben sich ganz im Sinne der sparsamen Leistungen die Klinke in die Hand, aber wie gesagt wirkt es umso erfreulicher, dass einem die Gespräche ohne jegliches Niveau um die Ohren fliegen. »Es war ein Fehler, mich mit dieser Schlampe zu betrügen!«, hört man die zweifelhafte Protagonistin recht willkürlich zu ihrer Leidensgenossin und möglichen Gespielin in spe sagen und es wird mehrere von derartigen Rechtfertigungen für Mord und Totschlag geben, was allerdings zur Folge hat, dass man in dieser Einöde vergeblich nach jemandem suchen wird, mit dem man sich halbwegs und schlechten Gewissens, naja, identifizieren kann. Um ein wenig Spaß an der Sache zu behalten, solidarisiert man sich eben kurzerhand mit dem ausreichend vorhandenen Abschaum und es wird vollkommen belanglos, wessen Kopf rollen wird, wer seiner gerechten Strafe entgegen sehen oder entgehen kann, oder wie es überhaupt weiter geht. Die Hoffnung auf Twists (oder zumindest einen), sowie ein entsprechendes Finale bleibt dennoch bestehen. Bis es möglicherweise dazu kommt, vernimmt man schöne musikalische Klänge, die die Zeit angenehm und nützlich vertreiben und insgesamt kann gesagt werden, dass es sich bei diesem Jess-Franco-Vehikel zwar um keine verlorene Zeit handelt, aber, um es moderat zu formulieren, auch um keine Sternstunde im Orbit der Frauengefängnis-Geschichten. Es bleibt lediglich eine über weite Strecken belanglose Genre-Kost zurück.


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 Post subject: Psycho II (1983)
PostPosted: 12.03.2016 17:32 
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● PSYCHO II / PSYCHO 2 (US|1983)
mit Vera Miles, Robert Loggia, Dennis Franz, Hugh Gillin, Claudia Bryar, Robert Alan Browne, Ben Hartigan und Meg Tilly
eine Produktion der Universal Pictures | Oak Industries | im Verleih der UIP
ein Film von Richard Franklin


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»Lass die kleine Hure nicht wieder in mein Haus!«


Nach 22 Jahren wird der siebenmalige Mörder Norman Bates (Anthony Perkins) aus der Psychiatrie entlassen. Trotz heftiger Proteste und einer Kampagne von Lila Loomis (Vera Miles), der Schwester eines der Mordopfer, kann Norman ins normale Leben zurückkehren, da er aus klinischer Sicht als geheilt gilt. Obwohl er ein Motel besitzt, das allerdings in der Zwischenzeit von Geschäftsführer Toomey (Dennis Franz) zu einem gewöhnlichen Stundenhotel umfunktioniert wurde, beginnt er zunächst eine Arbeit in einem Schnellrestaurant, wo er die junge Kellnerin Mary (Meg Tilly) kennenlernt. Da sie von ihrem Freund den Laufpass bekam und momentan ohne Bleibe ist, lädt Norman sie ein, übergangsweise bei sich zu wohnen, doch das große, alte Haus samt Besitzer erscheinen ihr schnell ziemlich unheimlich. In den nächsten Tagen geschehen merkwürdige Dinge, denn Norman bekommt mysteriöse Telefonanrufe und Kurznotizen auf Zetteln. Das ungewöhnliche daran ist, dass sie von seiner, damals von ihm ermordeten Mutter zu sein scheinen...

Die einführenden Bilder zu "Psycho II" versprechen mehr, als nur ein Déjà-Vu für den Zuschauer zu werden, denn gleich zu Beginn wird man mit ungemütlichen Szenen konfrontiert, die aus Alfred Hitchcocks berühmten Klassiker von 1960 stammen, und den Mythos von "Psycho" aufgreifen. In Schwarz-Weiß-Bildern, die Filmgeschichte geschrieben haben, beobachtet man plötzlich Janet Leigh unter der Dusche im legendären Bates-Motel, bis sie von einer beängstigenden Gestalt mit mehreren Messerstichen niedergestreckt wird. Diese kleine Gedächtnisstütze wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, kündigt aber selbstbewusst an, dass "Psycho II" nicht nur ein Abziehbild werden möchte. Szenen am Gericht führen sogleich zwei gute alte Bekannte ins Szenario ein, die bereits in der Urversion zu sehen waren, nämlich den wieder einmal irritierend ruhig wirkenden Norman Bates und Lila Loomis, die Schwester der damals ermordeten Marion Crane, die gleich als zu allem entschlossene Gegenspielerin aufgebaut wird und lautstark auf die tödlichen Gefahren einer Entlassung hinweist. Richard Franklins Film ist durchzogen mit Verknüpfungen zu Hitchcocks Klassiker, die nicht nur thematischer Art, sondern auch stilistischer und inszenatorischer Natur sind. Dennoch wird schnell deutlich, dass diese Fortsetzung versucht, vollkommen auf eigenen Beinen zu stehen und das auch eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. So kommt man in den Genuss einer Geschichte, die angebrochene Gedanken weiterführt und dabei fährt die Regie eine beeindruckende Doppelstrategie, die Verlauf und Ausgang der Geschichte unberechenbar bleiben lassen, was sich letztlich komplett innerhalb bestehender Gesetze von Horror-Filmen gehobeneren Niveaus bewegt. Der neue Weg innerhalb vorhandener Rahmenbedingungen wird von einer sehr ansprechenden Besetzung geebnet, Bezüge zur 1960er-Version werden tatkräftig von Anthony Perkins und Vera Miles hergestellt, aber vor allem verfeinernd weitergeführt.

Perkins gestaltet seine Rolle wieder einmal sehr facettenreich, sein Wesen wirkt nervös, gehemmt, zerbrechlich und eigentlich undurchschaubar. Nach seiner Entlassung aus der Haft läuft er dem Empfinden nach ins Leere, oder vielmehr gegen eine Wand, die Alltag heißt und den er schon vor mehr als über 20 Jahren nicht bewältigen konnte. Im Haus seiner Mutter kommt es ohne Umschweife zu Situationen, die mehrere Möglichkeiten offen halten und zunächst ist es nicht genau zu deuten, ob es sich um rezidivierende Wahnvorstellungen handelt, oder um die hässlichen Gesichter eines Komplotts. Perkins, der den Verlauf so gut wie zu jedem Zeitpunkt trägt, macht einen hervorragenden Eindruck und provoziert geschickt Eindrücke beim Zuschauer, die zwischen Zutrauen und Skepsis hin und her pendeln. Vera Miles fällt bereits bei ihrem ersten Erscheinen durch ihre aggressive, und Zweifel schürende Rhetorik auf, als sie die Gerichtsverhandlung und deren Urteil zu unterwandern versucht. Auch diese gerne gesehene Interpretin schafft es sehr nachhaltig, dem Zuschauer zwiespältige Empfindungen aufzuzwingen. Eigentlich müsste Lila Loomis in die Kategorie der Personen fallen, mit denen man weitgehend sympathisieren kann, aber das ist irritierenderweise nicht der Fall. Vielmehr nimmt man eine hartherzige und selbstgefällige Frau wahr, die zu allem entschlossen sein könnte. Auch sie ist es, die der ambivalenten Figur Norman Bates auf unbestimmte Art beim Thema Mitfiebern zuträglich ist. Die frisch aufspielende Meg Tilly wirkt einerseits wie das klassische Äquivalent zu ihrer Film-Tante Janet Leigh, doch andererseits liegt es auch in ihrer Macht, vollkommen konträre Züge anzunehmen. Abrundende Leistungen servieren Robert Loggia, Dennis Franz oder Claudia Bryar und insgesamt bleibt der Eindruck über weite Strecken bestehen, dass die Skizzierungen aller Beteiligten das verwirrende Element vorantreiben können, wenngleich manche Personen in voller Absicht Schablonen bedienen.

Naturgemäß steht eine derartige Geschichte unter keinem guten Stern für die meisten Beteiligten und man wittert von der ersten Minute an Blut, Spektakel und Wahnsinn in der Luft. Der Spannungsbogen funktioniert auch ohne frühe Kniffe dieser Sorte sehr gut, sodass ein vollkommen unbehagliches Element die Szenerie nach Belieben dominieren kann. Der erste Mord wirkt daher wie vorprogrammiert und überhaupt sind die Inszenierungen dieser Inhalte sehr atmosphärisch mithilfe extravaganter Kamera-Einstellungen und beißender Akustik festgehalten worden. Die Frage, ob Norman Bates nur Opfer eines perfiden, doppelten Spiels ist, oder er die Geschehnisse aus dem Hinterhalt selbst antreibt, wird nahezu in Whodunit-Manier zurückgehalten und später vorangetrieben. "Psycho II" funktioniert sehr eigenständig und überzeugend, ohne sich selbst mit halsbrecherischen Methoden zu überholen. Mysteriöse Anrufe und handgeschriebene Zettel mit der Unterschrift von Normans verstorbener Mutter heizen die ohnehin schon aufgeladene Stimmung mit psychologischem Gehalt an, Trugbilder und Stimmen werfen die Frage auf, ob es mit Bates wieder so weit ist, oder immer schon so weit war, nämlich dass es mit seinem Geisteszustand nicht zum Besten gestellt ist. Franklin nimmt sich schließlich den Luxus vieler Spielräume und lässt dabei so manches Hintertürchen offen, um ein überraschendes, sowie spektakuläres Finale anzubahnen, beziehungsweise zu präsentieren. Wenn der Spuk dann endlich leider vorbei ist, kann die Regie sogar noch buchstäblich eine ungemütliche Schippe draufsetzen und am bitteren Ende fühlt man sich verwirrt und leer, aber insgesamt auch aufgeklärt. "Psycho II" ist eine rundum gelungene Fortführung eines legendären Alptraums geworden, der mit neuem Schwung und eigenständigem Charakter mehr als überzeugend ausgefallen ist. Unterm Strich bleibt nach persönlicher Ansicht eine der formvollendetsten Brücken im Horrorfilm-Bereich. Immer wieder gerne gesehen, immer wieder begeisternd!


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 Post subject: Das schwarze Schaf (1960)
PostPosted: 13.03.2016 22:28 
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Heinz Rühmann   in

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● PATER BROWN - DAS SCHWARZE SCHAF (D|1960)
mit Karl Schönböck, Maria Sebaldt, Siegfried Lowitz, Herbert Tiede, Lina Carstens, Fritz Rasp und Friedrich Domin
eine Produktion der Bavaria Filmkunst | im Bavaria Filmverleih
ein Film von Helmuth Ashley


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»Es ist logisch, aber es stimmt trotzdem nicht«


Da Pater Brown (Heinz Rühmann) einen Mordfall in Eigenregie aufgeklärt hat, der sich direkt vor seiner Kirche ereignete, wird er vom Bischof (Friedrich Domin) in eine Kleinstadt strafversetzt, in der er sich mit seiner Haushälterin Mrs. Smith (Lina Carstens) niederlassen soll. Wie üblich macht er sich auf den Weg, um Spenden für den Kirchenausbau zu sammeln und bei dieser Gelegenheit lernt er die Leute seiner neuen Gemeinde kennen. So auch den griesgrämigen Lord Kingsley (Fritz Rasp), der ihm zu seiner Verwunderung Aktien im Wert von £ 1000 stiftet. Bankier Conelly (Hans Leibelt) sorgt allerdings für schnelle Aufklärung und unterrichtet Pater Brown, dass die Papiere vollkommen wertlos sind. Während eine Theatergruppe um den Hauptdarsteller Emilio Scarletti (Karlk Schönböck) in der Stadt einzieht, um sich für die Premiere ihres anrüchigen Stückes in der Stadt vorzubereiten, kommt es zu einem rätselhaften Mord...

Als Auftakt der "Pater Brown"-Geschichten sieht man mit Helmuth Ashleys "Das schwarze Schaf" einen Kriminalfilm in weitgehend konventionellem Fahrwasser, der allerdings mehrere Akzente setzen kann. Zunächst wäre der klare Aufbau zu nennen, der von der Titelfigur selbst wie ein Mosaik zusammengesetzt wird, wenn die Polizei mal wieder auf ganzer Linie versagt. Stilistisch und inszenatorisch einwandfrei, bekommt man einen gut durchdachten Krimi serviert, der auf Twists und die allgemeine Kombinationsgabe baut. Das Tempo der Geschichte wird durch einem schnellen Mord forciert, der sich natürlich unmittelbar vor der Nase des Paters abspielt. Erwischt hat es einen berüchtigten Kleinstadt-Casanova, der den gedanklichen Weg zur Versuchung und verfallenden Moral herstellt, sodass es sich schließlich auch rechtfertigt, den Geistlichen wenig später in diesem Milieu ermitteln zu sehen. In Windeseile klärt sich der erste Mord auf und der Zuschauer weiß ebenso schnell, mit wem man es zu tun bekommt. Nach Rüge seines Bischofs und der eigentlich inkonsequenten Strafversetzung zieht Brown das Verbrechen weiterhin an wie ein Magnet, was aber selbstverständlich auch das Elixier dieser Geschichte sein wird. Der Verlauf lebt von der Hartnäckigkeit und vor allem des Spürsinns des Protagonisten, seine wache Kombinationsgabe würde so manchem Polizisten gut stehen, insbesondere dem Ermittler des Geschehens, denn Inspektor Graven glänzt eher durch Schnellschüsse, sowie unüberlegte Ermittlungsmethodik, was Brown nur zusätzlich anzustacheln scheint. Die Besetzung dieser Produktion kann sich mit ihren vielen bekannten Akteuren durchaus sehen lassen und so unterschiedlich die dargestellten Personen auch sind, findet man durchgehend überzeugende Darbietungen.

Heinz Rühmann in der Titelrolle füllt das Geschehen nicht nur komplett aus, er dominiert es förmlich entgegen einer zu erwartenden Diskretion eines Würdenträgers. Seine Schwächen sind weltlicher Natur, die Figur bleibt durch die Andeutungen von Schwächen sehr greifbar und sympathisch, wenngleich er aufgrund der Dramaturgie einige Male über das Ziel hinausschießen muss. Rühmann vereint resolute, oder direkte Momente mit subtilen, außerdem stattet er das Geschehen mit viel Humor und Wortwitz aus. Sein Gegenpart des leicht überfordert wirkenden Graven wird von Routinier Herbert Tiede klassisch gezeichnet, weitere nennenswerte Auftritte liefern Karl Schönböck als zwielichtiger Theatermann Scarletti, Siegfried Lowitz als gute Seele mit schwarzer Vergangenheit, Friedrich Domin als eigentlich milder Bischof, der lieber einmal mehr Gnade vor Recht ergehen lässt und vor allem Fritz Rasp, den man selten so mürrisch gesehen hat. Bei den Damen stattet Maria Sebaldt das Umfeld Theater mit der erforderlichen Bieder-Erotik aus, Lina Carstens überwacht den Geistlichen mit Adleraugen und sorgt für humorige Untertöne, und insgesamt hat "Das schwarze Schaf" eine überdurchschnittliche Besetzung zur Verfügung, die immer für Spannung und gute Momente sorgen kann. Als ein Markenzeichen der zwei "Pater Brown"-Verfilmungen gilt die charakteristische Musik von Martin Böttcher, die wieder einmal Stimmungen und Wendungen sehr angemessen untermalen kann. Überhaupt bleibt die unkonventionelle Geschichte unterm Strich als guter Ausgleich für damals handelsübliche Kriminalfilme stehen, die sich trotz Mord und Verbrechen eine selbstironische Note vorbehält. Am Ende schaut man auf eine Auflösung, die mit all ihren Wendungen und Enthüllungen für Zufriedenheit sorgen kann, auch wenn sich der Gedanke etabliert, dass die Kombinationsgabe von "Pater Brown" nicht von dieser Welt sein kann, oder tatsächlich nur mit Hilfe von oben vonstatten gehen konnte. Immer wieder sehenswert.


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 Post subject: Er kann's nicht lassen (1962)
PostPosted: 14.03.2016 12:10 
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Heinz Rühmann   in

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● PATER BROWN - ER KANN'S NICHT LASSEN (D|1962)
mit Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Grit Boettcher, Lina Carstens, Horst Tappert, Peter Ehrlich,
Peter Parten, Uli Steigberg, Emmerich Schrenk, Otto Schmöle, E. O. Fuhrmann, Rainer Penkert und Rudolf Forster
eine Produktion der Bavaria Filmkunst | im Bavaria Filmverleih
ein Film von Axel von Ambesser


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»Hat die Kirche Beziehungen zur Unterwelt?«


Nach seiner Versetzung auf die Inselgemeinde Abbotts Rock, wird es nicht ruhiger um Pater Brown (Heinz Rühmann), der in seiner Kapelle durch Zufall einen verschollenen Kirchenschatz entdeckt. Da sich auf der Insel allerlei lichtscheues Gesindel herumtreibt, dauert es nicht lange, bis das wertvolle Gemälde gestohlen wird. Auf eigene Faust sucht der Geistliche nach dem verschwundenen Kunstwerk und beschafft es auch wieder, gerät allerdings wieder in die Schlagzeilen. Sein Bischof (Rudolf Forster) hat nun endgültig genug von den Sensationsmeldungen in der Presse, und versetzt ihn erneut, dieses Mal allerdings in eine ruhige Gemeinde, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Als der dort ansässige Lord Darroway (Rainer Penkert) plötzlich zu Tode kommt und Pater Brown von Frau Holland (Ruth Maria Kubitschek), der Pflegerin des Lords, vom "toten Mann von Bannister Moor" erzählt bekommt, der der Legende nach seine Hände nach dem Schlossherrn von Darroway ausstreckt, glaubt der Pater nicht mehr an einen Unfall, sondern Mord...

Axel von Ambessers "Pater Brown"-Fortsetzung "Er kann's nicht lassen" sieht sich als unmittelbare Fortsetzung des Erstlingswerks, schlägt aber in vielerlei Hinsicht andere, und dem persönlichen Geschmack nach interessantere Wege ein. Da die erste Versetzung auf eine Insel mit kriminellen Elementen ein Schuss in den Ofen war, geht es später auf das aristokratisch geprägte Land, wo eine ganz besonders dichte Atmosphäre aufkommen wird, was aber auch schon auf Abbotts Rock der Fall war, denn es wurde tatsächlich an Originalschauplätzen in Irland gedreht. Als Schloss Darroway diente das aus zahlreichen Filmen bekannte Wasserschloss Anif in Österreich. Der Zufall will es also, dass der kriminalistisch interessierte Würdenträger einen verschollenen Schatz in Form eines Gemäldes des flämischen Malers van Dyck findet, und damit die Kriminalhandlung antreiben wird. Trotz des raschen Ortswechsels wartet die Regie mit einer sehr geglückten Verstrickung beider Handlungen auf, wenngleich der Zufall hier sicherlich ein wenig zu sehr überstrapaziert erscheint. Wie dem auch sei, es kommt schließlich zu guten Vorlagen im Bereich Tempo und Grusel und der Verlauf spielt geschickt mit den Themen Gier, Hass, Erpressung und Missgunst, also dem perfekte Nährboden für Mord. Zunächst überschattet ein übernatürliches Element den Verlauf, hat man beim ersten Todesfall doch schließlich den "toten Mann von Bannister Moor" leibhaftig bei seiner Lieblingsbeschäftigung sehen können, nämlich in mörderischer Absicht nach dem Schlossherrn zu greifen, und nicht zuletzt durch die in Nebel getauchten Bilder und die Eindrücke von Schauplätzen und Landschaft kommt eine bedeutende atmosphärische Dichte auf, die durch weitere Todesfälle angeheizt wird. Zahlreiche Plot-Fragmente bleiben lange ungewiss, ergeben bei der fortlaufenden Aufklärung aber immer einen Sinn, sodass sich auch hier von einem guten Aufbau sprechen lässt. Die universell aufmerksame Kamera legt Wert auf Details und das genaue Vorstellen seiner Charaktere.

Erneut gibt Heinz Rühmann Euer Hochwürden der Sensationen sehr ansprechend und es wird schnell klar, dass er die Rolle wieder sehr gut strukturieren wird, dem Empfinden nach sogar etwas ausgefeilter als im Vorgänger "Das schwarze Schaf". Ironische Anwandlungen und anspruchsvoller Humor lassen es zu einem Leichten werden, dem Hobby-Detektiv zu folgen un man nimmt es beinahe wohlwollend zur Kenntnis, dass er die Polizei nach Belieben ausstechen kann. Auch auf das amüsante Gespann Lina Carstens und Heinz Rühmann ist in etlichen Szenen Verlass und generell lässt sich sagen, dass die heiteren Töne die mörderische Thematik wieder etwas entschärfen werden. Die Besetzung wurde hier bis auf die eben genannten Interpreten und E. O. Fuhrmann vollkommen erneuert. Als Bischof sieht man den einmal mehr großartigen Rudolf Forster, der den kurz zuvor verstorbenen Friedrich Domin ersetzte. Seine Marschroute ist bissiger, er wirkt in vielen Situationen nicht so milde gestimmt wie sein Vorgänger und insbesondere in bei den Dialogen präsentiert sich Forster als waschechter Rhetoriker. Als Inspektor begleitet man Siegfried Wischnewski, der allgemeinen Erkenntnissen hoffnungslos nachlaufen muss aber einen ebenso guten Eindruck macht. Auf der Gegenseite des Gesetzes agieren Peter Ehrlich und Horst Tappert, schmieden bei dieser Gelegenheit recht glaubhafte Gangster-Visagen. Eine der erfreulichsten Cast-Erweiterungen stellt die wandlungsfähige Ruth Maria Kubitschek dar, die in den Bereichen Vertrauen und Überraschung deutliche Akzente setzen kann, des Weiteren feiert Grit Boettcher sozusagen einen Achtungserfolg mit einer sehr ausgewogenen Darbietung. Besetzungstechnisch erweist sich Axel von Ambessers Beitrag schließlich als absoluter Volltreffer. Martin Böttchers Klänge sorgen für Wiedererkennungswert und Stimmungsförderung, Kehrtwendungen, Überraschungen und im kriminalistischen Sinne konventionelle Zutaten machen diesen Beitrag zu einem sehenswerten Vergnügen, das man sich immer wieder ohne schwindende Euphorie anschauen kann.


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 Post subject: Psycho III (1986)
PostPosted: 20.03.2016 13:17 
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● PSYCHO III / PSYCHO 3 (US|1986)
mit Diana Scarwid, Jeff Fahey, Roberta Maxwell, Lee Garlington, Robert Alan Browne, Gary Bayer, Patience Cleveland
eine Produktion der Universal Pictures | Oak Industries | im Universal Verleih
ein Film von Anthony Perkins


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»Wir alle werden manchmal etwas verrückt«


Als sich die Novizin Maureen (Diana Scarwid) umbringen will, kommt stattdessen eine der Nonnen ums Leben. Obwohl es sich um einen Unfall handelte, verlässt Maureen fluchtartig das Kloster und wird auf einer Landstraße von Duane Duke (Jeff Fahey) aufgelesen, der allerdings nach kürzester Zeit zudringlich wird. Ihre Wege trennen sich und Duke nimmt einen Job im berüchtigten Bates Motel an, um genügend Geld zu verdienen, um nach Los Angeles zu gelangen. In der Zwischenzeit begegnet Norman Bates (Anthony Perkins) der aufdringlichen Journalistin Tracy Venable (Roberta Maxwell), die Recherchen über den Massenmörder anstellen will. Bei einem Gespräch der beiden taucht plötzlich Maureen auf, die der damals ermordeten Marion Crane sehr ähnlich sieht. Als sie im Motel ebenfalls ein Zimmer mietet, scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein, doch die ziellose Maureen wird zunächst von der heiligen Jungfrau Maria gerettet...

Je mehr Fortsetzungen eines Films ins Rennen geschickt werden, desto höher steht es mit der Wahrscheinlichkeit, dass sich Abnutzungserscheinungen einschleichen, oder es sich dabei um eher belanglose Varianten handelt. Bei den bislang entstandenen "Psycho"-Filmen konnte bereits der Nachfolger von Alfred Hitchcocks Klassiker mit seiner originellen Marschroute punkten und auch unter Anthony Perkins' Regie lassen sich deutliche Vorzüge feststellen. "Psycho III" funktioniert nicht nur wegen der Berücksichtigung der klassischen Basis so gut, sondern auch wegen vieler frischer Impulse und wesentlich zeitgemäßer wirkenden Plog-Fragmenten. Vielleicht kann man daher sagen, dass sich hier Konvention und Moderne kreuzen, was einen recht spannenden Verlauf verspricht. Direkt beim Einstieg kommt es zu formalen Querverbindungen zu "Vertigo", die Szenerie wartet recht schnell mit Spektakeln auf und knüpft zügig an Vergangenes an. So hört man beispielsweise intensive Gespräche über die verschwundene, und nie wieder aufgetauchte Emma Spool und als Maureen in den Fokus rückt, gibt es erneut Rückblenden aus "Psycho", dessen Bilder jedoch eine hochinteressante Verschmelzung mit der cineastischen Realität erfahren. Aufgrund der Thematik Glaube und Kirche, vernimmt der Zuschauer eine Art Blitzkritik, die jedoch eher dazu dient, der weiblichen Hauptrolle eine Art Nimbus mit auf den Weg zu geben, was auch sehr gut funktioniert, fiebert man doch über die Maßen mit der Dame ohne herausragende darstellerische Kapazitäten mit. Nichtsdestotrotz werden gerade über Diana Scarwid, die Erinnerungen an Janet Leigh wachruft, sehr gute Gedächtnisstützen gesetzt und es entstehen hervorragende Szenen, wie beispielsweise das Trugbild im gleichen Bad von Zimmer 1, als sich "Mrs. Bates" während Maureens Suizidversuch plötzlich in die Jungfrau Maria verwandelt. Derartige Ideen tragen schließlich entscheidend dazu bei, dass Perkins' Version einen besonderen Stellenwert einnehmen kann.

Die Geschichte wird interessant und variabel fortgesetzt, wartet allerdings nicht mit den zahlreichen Wendungen des Vorgängers auf, dafür aber mit umso mehr Veranschaulichungen, die an den Nerven zerren sollen. Wieder einmal präsentiert die Geschichte ein paar unsympathische Charaktere, die den Zuschauer dazu verleiten, mit Norman Bates zu sympathisieren, eine letztlich interessante Variante, die der Figur zusätzlichen Tiefgang und eine spürbar tragische Note mit auf den Weg gibt, was allerdings auch naturgemäß vollkommen im Kompetenzbereich des Hauptdarstellers liegt. Anthony Perkins gehört zu "Psycho" wie kein anderer, dementsprechend überzeugt er auch mit einer sehenswerten Leistung, die noch einmal neue Facetten preisgibt. Die sich einstellende Liebesgeschichte zwischen ihm und Diana Scarwid, sozusagen ganz unter verlorenen Seelen, arbeitet die Aussichtslosigkeit heraus, in der sich die Protagonisten befinden. Zusätzlich lädt sich der Verlauf immer wieder selbst mit einigen erotischen Spannungen und dazu passenden Bildern auf. Weiterhin erwähnenswert sind die Darbietungen von Jeff Fahey und Roberta Maxwell, zwei Musterbeispiele unsympathischer, beziehungsweise aufdringlicher Zeitgenossen, die das Geschehen immer wieder aufmischen. Nette Schock-Effekte und blutige Einlagen treiben den sich immer weiter aufbäumenden Wahnsinn stringent, aber auch ein bisschen zu vorhersehbar an, und kraftvolle Bilder leisten sehr gute Schützenhilfe beim unausweichlichen Zusteuern auf die Zielgerade, was offensichtlich gleichbedeutend mit einer Katastrophe sein wird. Als dritter Teil bleibt Anthony Perkins Beitrag durchaus beachtenswert und im Endeffekt bekommt man doch mehr geboten, als man vielleicht erwartet hätte. Insgesamt lässt sich dieser Film daher immer wieder gut anschauen, da er trotz seiner deutlichen Zuordnung und des Einhaltens an bestehende Gesetze noch ansprechende Ausreißmanöver anstrengt, und mit zusätzlichen Variationen sowie Informationen über das alte "Psycho"-Drama aushilft. Gelungen!


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 Post subject: Versuch's mal auf französisch (1964)
PostPosted: 20.03.2016 23:16 
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James Booth   Roy Kinnear   Marisa Mell  in

VERSUCH'S MAL AUF FRANZÖSISCH

● FRENCH DRESSING / VERSUCH'S MAL AUF FRANZÖSISCH (GB|1964)
mit Alita Naughton, Brian Pringle, Robert Robinson, Sandor Elès, Germaine Delbat, Henry McCarty, u. a.
eine Produktion der Associated British Picture Corporation | Kenneth Harper Production | im Atlas Verleih
ein Film von Ken Russell


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»No, no. F.F.!«


In dem verschlafenen Küstenort namens Gormsleigh-by-the-sea hat sich ein hartnäckiges Problem etabliert, denn es ist nicht gerade viel los und die Touristen bleiben aus. Eines Tages unterbreitet der Tagelöhner Jim (James Booth) dem Bürgermeister des Örtchens eine besondere Idee vor. Um Gormsleigh aus seinem Dornröschenschlaf zu befreien, will man ein Filmfestival inszenieren, doch dafür ist noch ein Zuschauermagnet erforderlich, am liebsten in Form eines französischen Superstars. Da man sich einen solchen jedoch nicht gerade leisten kann, soll es auch ein Sternchen tun und man engagiert die attraktive Françoise Fayol (Marisa Mell). Die Verantwortlichen haben allerdings das Temperament ihres Gastes unterschätzt und fortan ist Jim nur noch damit beschäftigt, kleinere und größere Katastrophen zu verhindern...

Bei Ken Russells Spielfilmdebüt "Versuch's mal auf französisch" handelt es sich um eine Komödie reinster Seele und von der ersten Minute an versprüht die Inszenierung nicht nur sehr viel Charme, sondern auch eine gehörige Portion Situationskomik, die sich aus den Basiskomponenten Dialog und Bebilderung zusammensetzt. Auch die beteiligten Darsteller präsentieren sich bei dieser Gelegenheit als waschechte Komödianten, die es dem Zuschauer ein Leichtes werden lassen, sich auf die zahlreichen Turbulenzen einzulassen. Die Szenerie transportiert viel Zeitkolorit, vor allem die Schauplätze vermitteln Flair, auch wenn der fiktive Filmort im Sinne der Geschichte als zu uninteressant dargestellt werden muss, und einer Aufmöbelung bedarf. Amüsement wird fortan groß geschrieben und es passieren allerlei Missgeschicke, die dann und wann das Potential besitzen, zum herzhaften Lachen oder wenigstens zum Schmunzeln zu verleiten. Die beteiligten Personen beweisen Fingerspitzengefühl vor allem aber britische Diskretion, sodass die Geschichte zu keiner Zeit überfrachtet wirkt. Lediglich Marisa Mell muss mit ihrem dick aufgetragenen französischen Temperament deftig auf die Pauke hauen, was die verschlafenen Briten wiederum irritiert und streckenweise kommt es zu einem herrlichen aneinander vorbei reden, beziehungsweise spielen, insbesondere wenn verschiedene Sphären des Humors aufeinander treffen. Originellerweise wurde vom Drehbuch eine Art Sprachbarriere vorgesehen, die von Françoise Fayol ausgespielt wird, Anleihen des Stummfilms mit beispielsweise Zeitraffer und Klavierbegleitung sorgen für richtig komische Momente. Trotz sehr guter Ansätze floppte Russells Beitrag seinerzeit an den Kinokassen, sagt aber im Endeffekt nichts über die Qualität dieses wirklich sehenswerten Beitrags aus.

Sehr gut aufgelegte Hauptdarsteller sorgen buchstäblich auf Hochtouren dafür, dass sich dieses Spektakel zusätzlich lohnt, man hat den Eindruck, dass eine Katastrophe die nächste jagt, was insgesamt viel über das vorgelegte Tempo aussagt. Verschnaufpausen gibt es daher wenige und alle Beteiligten können in unberechenbarer Manier immer wieder noch einen drauf setzen. Besonders interessant ist der Auftritt von Marisa Mell als Brigitte-Bardot-Plagiat Françoise Fayol, die den kleinen Küstenort aus dem gemütlichen Dornröschenschlaf heben soll. Mit viel Temperament und einer immensen Wucht in Wort und Tat, profiliert sich Marisa Mell spielend auf internationalem Parkett, eine unterm Strich denkwürdige Performance der Österreicherin, da sie eine Darstellerin mimt, die auf der Suche nach ernstzunehmenden Rollen ist. James Booth und Roy Kinnear sind beinahe hauptsächlich damit beschäftigt, Schadensbegrenzung zu betreiben, doch ihr unbändiger französischer Gast ist nicht immer so leicht im Zaum zu halten. Mit den beiden männlichen Hauptdarstellern kommt es zu ebenso vielen geistreichen Szenen und letztlich ist jeder der Besetzung für das Gelingen dieser Komödie mit verantwortlich, es scheint, dass sich jeder dieses Zusammentreffen etwas anders vorgestellt hat. Die inszenatorischen stärken des Films offenbaren sich in regelrechten Strecken, doch vielleicht ist es wirklich so, dass letztlich das gewisse Etwas gefehlt hat, wenn man es auch nicht klar benennen kann. Für die kurzweilige Unterhaltung mit viel Verve ist jedoch alles gegeben, sodass gesagt werden darf, dass man sich die Zeit im Bereich der Komödie kaum leichter vertreiben kann. Auch Fans von Marisa Mell werden definitiv auf ihre Kosten kommen, da man Facetten kennenlernt, die ihre landläufig bekannten Rollen erst gar nicht hergeben möchten. In diesem Sinne, versucht's mal auf französisch!


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 Post subject: Der brave Soldat Schwejk (1960)
PostPosted: 25.03.2016 09:49 
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Heinz Rühmann   in

DER BRAVE SOLDAT SCHWEJK

● DER BRAVE SOLDAT SCHWEJK (D|1960)
mit Ernst Stankowski, Franz Muxeneder, Ursula von Borsody, Erika von Thellmann, Senta Berger, Jane Tilden, u.a.
eine Produktion der CCC Filmkunst | im Gloria Filmverleih
ein Film von Axel vom Ambesser


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»Ich bin registriert als behördlich anerkannter Idiot«


Wegen Hochverrats soll der böhmische Überlebenskünstler Schwejk (Heinz Rühmann), der sich seinen Lebensunterhalt als Hundehändler in Prag verdient hat, ins Gefängnis gesteckt werden. Aufgrund seiner naiv-einfältigen Art wird er jedoch zunächst für schwachsinnig erklärt und wandert in die Landesirrenanstalt, bis der Erste Weltkrieg ausbricht und er in die Armee eingezogen wird. Dem kriegsmüden und eher an Amüsement interessierten Oberleutnant Lukasch (Ernst Stankovski) wird er als Diener zugeteilt, bis sie gemeinsam an die Front müssen. Dort sorgt Schwejk mit seiner Tolpatschigkeit immer wieder für neue, kleinere Katastrophen, bis er sich schließlich vor einem Standgericht wiederfindet, von dem er sich aber in gewohnter Manier wieder befreien kann...

Axel von Ambessers Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Hašek überzeugt zunächst durch einen klaren Aufbau und stellt im Bereich der Zeitsatiren auch heute noch ein ziemlich bekanntens Beispiel dar. Die Regie konzentriert sich sehr bewusst auf die Titelrolle und kreierte zusammen mit Heinz Rühmann eine Art unumgängliches Fundament, das den Film, der 1962 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film sogar für den Golden Globe nominiert war, stehen oder fallen lassen kann. Die Geschichte um den naiven, aber im Endeffekt sehr sympathischen Soldaten Schwejk setzt sich aus eigentlich immer wiederkehrenden Komponenten zusammen, um am Ende schließlich wieder zum Ursprung zu kommen. Schwierigkeiten entstehen naturgemäß immer, wenn Situationskomik und ernsthafte Themen Allianzen eingehen müssen, doch Axel von Ambesser und insbesondere Heinz Rühmann lösen diese anspruchsvolle Aufgabe über weite Strecken sehr günstig, allerdings scheinen viele tiefsinnigere Elemente trotzdem einfach liegen zu bleiben, wobei man keinem Film seine Unterhaltungsambitionen vorwerfen sollte. Der Verlauf wirkt also wie erwähnt weitgehend diktiert, was eine gewisse Dynamik vermissen lässt, und letztlich ausschließlich von Heinz Rühmann dominiert, sodass es so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten auf der Suche nach Alternativen gibt. Der Umfang der Titelrolle erstreckt sich quasi über jede Szene was gleichzeitig bedeutet, dass man von den üblichen Darstellern meist nur sehr kurze Auftritte zu sehen bekommt.

Nach persönlichem Geschmack ist es aufgrund dieser Voraussetzungen nicht immer einfach, sich vollends auf den Film einzulassen, da Rühmann hier bestenfalls akzeptiert wird, und mit beispielsweise Ernst Stankovski, Erika von Thellmann oder Franz Muxeneder Darsteller unterwegs sind, die nicht gerade zu den größten Favoriten zählen. Ganz im Gegenteil. Heinz Rühmann kann man jedoch eigentlich nichts Negatives vorhalten, denn er meistert seine Rolle, ausgestattet mit böhmischem Akzent und allzu menschlichen Fehlern, mit Bravour. In vielerlei Hinsicht stellt er sein breites Repertoire unter Beweis, was schließlich auch die erforderliche Basis bei diesem Beitrag darstellt. Seine Naivität, beziehungsweise die offensichtliche Einfältigkeit, helfen ihm immer wieder aus der Klemme und entwaffnen andere Personen, die ihn nicht selten mit sehr deutlichen Worten und Vehemenz konfrontieren. Ernst Stankovski, Franz Muxeneder, Erika von Thellmann oder Jane Tilden sieht man in schablonenartigen Paraderollen, die für die Geschichte zwar sehr passend wirken, aber nicht sehr viel Neues hergeben möchten, Senta Bergers Auftrittsdauer ist zeitlich leider sehr begrenzt, was aber bei den meisten Akteuren auch der Fall ist. Der Verlauf bekommt dadurch etappenartige Züge, es herrscht ein Kommen und Gehen, sodass sich ein recht turbulenter Eindruck etablieren kann. Im Bereich der Zeitsatire wurde mit "Der brave Soldat Schwejk" sicherlich ein klassisches und gut durchdachtes Musterbeispiel erschaffen. Falls der eigene Geschmack dann tritzdem deutlich verfehlt wird, kann zwar ein guter Film nichts dafür, aber es wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Beitrag bleiben, der in absehbarer Zeit nicht mehr auf dem Plan stehen wird.


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 Post subject: I love Vienna (1991)
PostPosted: 26.03.2016 22:35 
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I LOVE VIENNA

● I LOVE VIENNA (A|1991)
mit Dolores Schmidinger, Ferry Farrokhzad, Gudrun Tielsch, Hanno Pöschl, Kouros Allahyari, Michael Niavarani und als Gast Marisa Mell
Produktion und Verleih | Epo Film
ein Film von Houchang Allahyari


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»Wien hat uns übergerollt«


Ali Mohamed (Ferry Farrokhzad) ist Deutschlehrer in Teheran. Er zieht mit seiner Schwester Marjam (Marjam Allahyari) und seinem Sohn (Kurosh Allahyari) nach Wien, der Stadt, die er vor allem aus den "Sissi"-Filmen kennengelernt hat. Doch schon bei der Ankunft zeigt sich relativ wenig von diesem Märchencharakter und er lernt die nackte Realität kennen. Als gläubiger Moslem sieht er sich mit den Verlockungen und den Lastern der westlichen Welt konfrontiert, überall scheint ein Verfall der Moral zu lauern. Auch die bürokratische Seite macht ihm schwer zu schaffen und schnell schlägt die anfängliche Vermessenheit in Desillusionierung um. Als Ali sich schließlich noch in Marianne Swoboda (Dolores Schmidinger), die verheiratete Wirtin seines Hotels verliebt, gibt es für ihn nur eine Lösung, nämlich die Ehe...

Mit "I love Vienna" gelang es dem iranischen Regisseur und Psychiater Houchang Allahyari den erfolgreichsten österreichischen Film des Jahres 1991 in die Kinos zu bringen, der später sogar mit dem Österreichischen Filmpreis in der Kategorie Bester Film ausgezeichnet wurde. Allahyari beschäftigt sich in seiner geistreichen Komödie mit Episoden multikultureller Voraussetzungen der titelgebenden Millionenstadt. In Etappen werden mithilfe der Protagonisten und aller Beteiligten die täglichen Wünsche, aber auch Ängste geschildert, genau wie zahlreiche Komplikationen und die Mechanik des Alltagsgeschäfts, kulturelle und religiöse Barrieren, aber auch die Lebensfreude, die sich an ganz kleinen, beziehungsweise alltäglichen Dingen misst. Der polyglotte Verlauf verleitet schließlich immer wieder zum Schmunzeln, ohne dabei aber seine Botschaft zu vergessen. Subtile und laute Mittel sorgen für Abwechslung, die Schauplätze vermitteln ein ganz besonderes Flair und die Personen erweisen sich allesamt als waschechte Originale. Bereits der Einstieg ist garniert mit Bürokratie und diversen Kulturschocks, als man beispielsweise in einem Viertel ankommt, in dem die Nutten ungeniert auf der Straße lauern, aber schließlich ist das Hotel hier billig. Absolut komische Szenen entstehen aufgrund überzeichneter Bilder und geschliffener Dialoge, vor allem aber wegen des Wiener Dialekts, der vom iranischen Protagonisten häufiger einmal berichtigt und in eine ordentliche Grammatik gebracht wird. Obwohl Ali in dieser Beziehung ja sehr redegewandt ist, spricht beispielsweise der Wirt des Hotels demonstrativ in gebrochenem Deutsch, ein anderer Herr Englisch mit ihm. Ddabei darf wirklich gelacht werden und das Aufgreifen bürokratischer Komplikationen tut ein Übriges dazu, dass eine gelungene Situationskomik transportiert werden kann.

Großen Anteil an diesem rundum gelungenen Verlauf hat Hauptdarsteller Fereydun Farrochsad, der in Deutschland im Exil lebte und ein Jahr nach dieser Produktion einem religiös motivierten Mordanschlag zum Opfer fiel. Farrochsad jongliert geschickt mit landläufig kursierenden, beziehungsweise etablierten Klischees und es kommt zu regelrechten Umkehrreaktionen in diesem Bereich, die primär zum Amüsement, aber sekundär auch zum nachdenken animieren. Etliche Welten treffen aufeinander, aber es gibt wider erwarten zahlreiche Berührungspunkte, sodass die verschiedenen Nationalitäten immer weiter zusammenrücken, auch wenn kleinere Katastrophen und Fettnäpfchen vorprogrammiert sind. In der weiblichen Hauptrolle sieht man Dolores Schmidinger, die quasi mit österreichischem Temperament auftrumpfen kann. Das Zusammenspiel der beiden Interpreten wirkt dynamisch und glaubhaft, es macht daher Freude, dieser Geschichte von A bis Z zu folgen. Als Gast taucht noch Marisa Mell in der Besetzungsliste auf und sie provoziert regelrecht als Bauchtänzerin Selina in ihrem bereits letzten Film. Erleichtert nimmt man den meisten ihrer belanglosen bis unglaublichen Auftritte der 80er Jahre zur Kenntnis, dass sie noch einmal eine versöhnliche Rolle spielen konnte, bei der sich der Kreis schließt. Die restliche Crew wirkt durch die Bank überzeugend und sorgt ebenfalls für mitunter urkomische Momente, insbesondere Hanno Pöschl fällt hierbei sehr positiv mit einigen sarkastischen Spitzen auf. "I love Vienna" ist unterm Strich eine wirklich schöne, geistreiche und vor allem ausgefeilte Komödie geworden, die für Toleranz, Verständnis und Verständigung wirbt, ohne dabei in handelsübliche Belanglosigkeiten abzudriften, oder gar aufdringlich zu wirken. Kein Wunder also, dass der Film seinerzeit ein so beachtlicher Erfolg wurde. Unterhaltsam!


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 Post subject: Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961)
PostPosted: 28.03.2016 08:39 
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● DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN / THE DEVIL'S DAFFODIL (D|GB|1961)
mit Joachim Fuchsberger, Sabina Sesselmann, Klaus Kinski, Ingrid van Bergen, Albert Lieven,
Walter Gotell, Jan Hendriks, Marius Goring, Peter Illing, Bettine Le Beau und Christopher Lee
eine Produktion der Rialto Film Preben Philipsen | Omnia Pictures Ltd. | im Prisma Filmverleih
ein Film von Ákos von Ráthonyi


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»Ich könnte eine Geschichte über Narzissen erzählen«


In London treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der innerhalb kürzester Zeit drei Frauen umgebracht hat. Die Bevölkerung ist beunruhigt, da es sich offensichtlich um einen Wahnsinnigen handelt, der stets ein bizarres Szenario veranstaltet. Bei jeder der Toten wurde bislang ein Strauß gelber Narzissen deponiert, was den ermittelnden Beamten, Oberinspektor Whiteside (Walter Gotell), vor ein Rätsel stellt. Da die Spur ins Drogenmilieu führt, wird ihm Jack Tarling (Joachim Fuchsberger) zur Seite gestellt, der Sicherheitsbeamter der Fluggesellschaft Global Airways ist, da eine Ladung geschmuggeltes Heroin am Flughafen sichergestellt wurde, das in künstlichen Narzissen versteckt war, aber durch einen Bombenanschlag vernichtet wurde. Tarling befragt den Londoner Geschäftsmann Raymond Lyne (Albert Lieven), dessen Firma für den Handel mit den künstlichen Blumen verantwortlich war, doch er stößt nicht gerade auf Kooperationsbereitschaft. In der Zwischenzeit schlägt der Narzissenmörder erneut aus dem Nichts zu...

Diese bereits siebte Edgar-Wallace-Verfilmung der Nachkriegszeit besitzt in vielerlei Hinsicht einen besonderen Stellenwert, rangiert er doch etwa bei den erfolgreichsten Produktionen in Deutschland mit 3,5 Millionen Kinobesuchern auf Platz 2, hinter Alfred Vohrers "Das Gasthaus an der Themse", der seinerzeit gut 100 000 Zuschauer mehr in die Kinos locken konnte. "Das Geheimnis der gelben Narzissen" besitzt in Fankreisen einen zwiespältigen Status, was oftmals in Zusammenhang mit der Arbeit von Gast-Regisseur Ákos von Ráthonyi gebracht wird, der bei seinem Film eine, fast möchte man sagen, konträre Strategie verfolgte und diesem Beitrag ein weitgehend beispielloses Profil mit auf den Weg geben konnte. Vielleicht ist mit der Wendung beispiellos etwas zu viel versprochen, hält sich doch auch dieser Film grundlegend an bestehende Gesetze der Serie, vor allem aber an die des Kriminalfilms an sich, allerdings bekommt man auch zahlreiche Unterschiede bei diesem gelben Ausreißer angeboten, die die Meinungen teilweise weit auseinander gehen lassen. Kritikpunkte einerseits, sind auf der anderen Seite naturgemäß die großen Stärken, und hier sind vor allem der überaus prosaische Charakter und die vollkommen ernste Atmosphäre zu nennen, die bei anderen Produktionen als Charakteristika eher in der zweiten Reihe zu finden waren, wenn überhaupt. Ákos von Ráthonyi erspart den Kinogängern den mittlerweile typisch etablierten Humor der Vorgänger, es handelt sich interessanterweise um den einzigen Rialto-Film in Schwarzweiß, der ohne Eddi Arent auszukommen hatte. Dieser Verlauf nimmt es dankend an, steht doch ein doppelzüngiger Christopher Lee zur Verfügung, der zwar nicht für obligatorischen Humor steht, allerdings für geistreiche Kommentare und eine Art Sarkasmus, der für Wallace-Verhältnisse beinahe schon überqualifiziert wirkt.

Alleine die Produktionsnotizen bescheinigen dem Film formell gesehen eine klassische Seele, erstmalig wurde mit Großbritannien, sprich der dort ansässigen Omnia Pictures coproduziert, was den erstmaligen Effekt hatte, dass man in den Genus von Außenaufnahmen an Originalschauplätzen kam und nicht auf Archivmaterial oder wenige speziell gedrehte Szenen vor Ort zurückgreifen musste. Des Weiteren wurde bei "Das Geheimnis der gelben Narzissen", der der letzte deutsche Film des Prisma Verleihs war, bevor er als Tochterfirma in die Constantin-Film integriert wurde, sozusagen zweigleisig gedreht, denn für jeden der beiden Produktionsmärkte kam es zu einer landesspezifischen Orientierung im Rahmen der Besetzung. Joachim Fuchsberger, Sabina Sesselmann und Klaus Kinski wurden durch William Lucas, Penelope Horner und Colin Jeavons ersetzt, der Rest der Crew blieb dabei identisch. Bei einem guten Dutzend Beiträge war es unter Ákos von Ráthonyi also an der Zeit für grundlegende und weitreichende Veränderungen, die sich auch wie ein roter Faden durch den Stab ziehen, wenn es natürlich auch mit den britischen Partnern zu tun gehabt haben dürfte. Bleibt man bei den strukturellen Veränderungen, darf man im Wallace-Orbit von einer Art Pionierarbeit sprechen, die in folgenden Beiträgen weniger kopiert, geschweige denn aufgegriffen wurden. Als unmittelbarer Nachfolger von "Die toten Augen von London" lassen sich vielleicht einige Ansätze und Parallelen der härteren Marschroute herausfiltern, allerdings schwimmt erstmalig ein empfunden realer Transfer in der Geschichte mit, die mit Mord und Drogenhandel eher von dieser Welt zu sein scheint, auf den ersten und vielleicht sogar auch zweiten Blick eher als herkömmlich und weniger ausgefallen abqualifiziert werden könnte, käme es nicht zu zahlreichen Finessen innerhalb des Plots.

»Eine wenig geschmackvolle Edgar-Wallace-Verfilmung«, lautet die lapidare Einschätzung des "Lexikon des internationalen Films", was letztlich die Frage aufwirft, wie geschmackvoll in diesem Zusammenhang überhaupt gemeint sein könnte. Handelt es sich um die doch sehr sterile Mechanik der Mordserie, bei der die Toten mit einem Markenzeichen, das Grabschmuck gleicht, versehen werden, oder begründet sich die vorgeworfene Geschmacklosigkeit darin, dass dieser ernst gehaltene Film vollkommen auf Tendenzen des Haudrauf-Humors verzichtet hat, was die Geschichte nicht nach bekanntem Schema entschärfen konnte? Der Geschmack, ob gut oder schlecht, liegt wie eigentlich immer, im Auge des Betrachters und rechtfertigt sich darin, was man im Endeffekt sehen möchte. Kritisiert man eine Änderung der Marschroute und fühlt sich irritiert wegen Neuerungen und Kehrtwendungen, die ja insbesondere in späten Wallace-Jahren zum Streitthema avancierten, oder erkennt man den Mut innerhalb noch junger Strukturen an und weiß den neuen Charakter dieser Geschichte zu schätzen? Es bleibt eine interessante Frage, die sich so einfach gar nicht klären lässt, wenn überhaupt. Die Passion der Edgar Wallace in der langen Phase der Schwarzweiß-Filme basiert für nicht wenige Anhänger auf typischen Charakteristika, bei der nicht nur die Tatsache ausschlaggebend ist, dass es sich eben um keine Farbfilme handelt. Schlagwörter wie Flair oder die typische Wallace-Atmosphäre verurteilen einige Filme zum Dasein in niedrigeren Sphären der Zuschauergunst, meistens spielen dabei aber nur klassische Lockvögel eine prominente Rolle, wie beispielsweise ein altes Gemäuer oder Nebel, eine Märchengestalt und das genaue darauf hinweisen auf eben diesen Märchen-Charakter der Geschichten. Wallace kann aber so viel mehr sein wie die Historie eindeutig belegt, und dieser dritte von fünf angelaufenen Beiträgen im Jahr 1961 ist schließlich als eine der wenigen Alternativen zur Masse anzusehen.

Interessant für die Geschichte ist die titelgebende gelbe Narzisse, die in der Blumensprache sagt: »Mein größter Traum, meine größte Sehnsucht hat sich mit dir erfüllt!« In vielerlei Hinsicht kann dieser Satz hier für bare Münze genommen werden, allerdings schleicht sich dabei ein doch sehr zynischer Unterton ein. Große Träume, große Sehnsucht - die Narzisse, zweckentfremdet und missbraucht als Drogenkurier, übernimmt in diesem Fall genau diese Funktion, allerdings im negativen Sinn. Die unscheinbare und nahezu fragile Wirkung die von dieser bildschönen Blume ausgeht, schlägt bereits nach kurzer Spieldauer in den Eindruck um, da die todbringend ist und für Gefahr steht. Der Narzissenmörder hat sie sich somit nicht nur als Markenzeichen auserkoren, sondern sie findet eine makabre Funktion, die quasi Grabschmuck gleicht. Im Rahmen der Symbolik der gelben Narzisse kündigt sie den Tod eigentlich nicht nur an, sondern der Mörder demonstriert mit ihrem Einsatz einen unausweichlichen Abschluss, obwohl sie für das ewige Leben steht. Doch diese Toten erstehen nicht wieder auf. Im Film ist die Titelrolle allgegenwärtig, erzielt ihre Wirkung trotz exponierter Erscheinung allerdings nur aus der zweiten Reihe, da sie vordergründig als Dekor eingesetzt wird und eigentlich vielmehr rückwirkend als eine Art Omen angesehen werden darf. Ein beliebtes Thema zwischen Mord und Verbrechen bleibt also die regelrechte Zerstörung von Schönheit und Anmut, insgesamt setzt die Regie jedoch keinesfalls auf symbolträchtige Offensiven, obwohl die Todesbotin in sehr vielen Szenen beiwohnt. Unterm Strich hat die Narzisse diese kleinere Betrachtung aber durchaus verdient, ist sie doch quasi wie ein Bindeglied für viele Sequenzen und letztlich mitverantwortlich für das Entstehen einer bedeutenden, wenn auch einer alternativ angelegten Wallace-Atmosphäre.

Im Bereich der jeweiligen Besetzungen wurde bislang stets auf große Aufgebote geachtet, was in "Das Geheimnis der gelben Narzissen" nicht anders ist. Joachim Fuchsberger kann in seinem bereits vierten Wallace-Auftritt schon zur prägenden Stammbesetzung gezählt werden. Als Sicherheitsbeamter einer Fluggesellschaft übernimmt er zwar nicht den klassischen Part wie in anderen Filmen, allerdings wird es vor allem seine Ermittler-Funktion sein, die Licht ins Dunkel bringt. Dem Empfinden nach befindet sich sein Jack Tarling in Gefahren, die vergleichsweise wesentlich akuter auf den gespannten Zuschauer wirken. Ein früher Mordanschlag, der eigentlich eher als diffuser Rundumschlag gedacht war, bahnt die prekäre Situation an, die einem klassischen Würgegriff für die meisten Beteiligten gleichen wird. Tarling überrascht mit erhöhter Sachlichkeit und es scheint, als nehme man erstmalig weniger Temperament wahr, was nicht gleichzeitig heißen soll, dass diese Figur sich irgend eine Blöße gibt. Bei ihm weiß das jeweilige Gegenüber nicht nur in Windeseile mit wem man es zu tun bekommt, sondern vor allem was der Ermittler von seinen Kontrahenten hält. Unbequeme Fragen und eine fordernde Attitüde hüllen die Stilrichtung in eine trockene Fa­çon, selbst der Umgang mit den Damen gestaltet sich teilweise als wenig taktvoll, was ihn umso resoluter erscheinen lässt. Insbesondere Partnerin in spe Sabina Sesselmann bekommt die Hartnäckigkeit zu spüren, von der zunächst eine beinahe eisige Aura auszugehen scheint. Die Münchnerin überzeugt auf alternativ angelegter Basis mit einem Präzisionsauftritt der wenig tief blicken lässt und den Zuschauer nicht mit der üblichen Transparenz oder vielleicht sogar Sympathie verwöhnen will. Einzeln und als Gespann erzielen beide Arbeitssiege, die schauspielerische Qualität wird dem Eindruck nach noch exemplarischer dargelegt, als man es gewohnheitsmäßig kennt.

Ingrid van Bergen und Klaus Kinski konnten bereits Wallace-Erfahrung in der Kurt Ulrich-Produktion "Der Rächer" aus dem Jahr 1960 sammeln. Insbesondere für Kinski sollte eine langjährige Verbindung mit dieser Reihe entstehen, seine Kollaborationsbereitschaft wurde im Rahmen unterschiedlichster Rollen erprobt und endete erst 1969 mit der Hauptrolle "Das Gesicht im Dunkeln". Der meistens so unberechenbare Darsteller scheint auch hier von Zeit zu Zeit den irren Blick an den Tag zu legen, seine Impulsivität schreckt auf, seine Ausraster aus dem Nichts irritieren und in Verbindung mit seinen sarkastischen Kostproben besteht insgesamt ein unbehaglicher Eindruck angesichts der interpretierten Figur, der aber auf darstellerischer Ebene gleichzeitig seine brillanten Züge preisgibt. Ingrid van Bergen als halbseidene Gloria weiß ebenso zu überzeugen, wenngleich sie Überraschungen vermissen lässt und gibt eine der wenigen Gesangsdarbietungen der Reihe zum Besten, und zwar auf der kleinen Bühne des Kosmos-Club, dem Umschlagplatz für Drogen, Erpressung und Mord. Außergewöhnliches in Sachen Rhetorik und Spiellaune bekommt man von Albert Lieven angeboten, der den schmierigen Geschäftsmann Lyne mit Dutzenden Gesichtern der Verachtenswürdigkeit ausstaffiert. Mit Peter Illing, Jan Hendriks und Marius Goring nimmt man weitere Gestalten aus dem Zwielicht wahr, die souverän interagieren und sich immer wieder glaubhaft in den Fokus spielen können. Eine ebenfalls genaue Betrachtung verdient Walter Gotell als Oberinspektor Whiteside, der auf den ersten und sogar auch auf den zweiten Blick recht wenig mit dem bislang präsentierten Rollenschema des Ermittlers zu tun hat. Dennoch hat seine Darbietung etwas Erfrischendes an sich, da er sich weder um Sympathien bemüht, noch an unnötigen Höflichkeiten interessiert zu sein scheint.

Einen ganz bemerkenswerten Coup im Bereich der überdurchschnittlich ausgewogenen Besetzung stellt die Verpflichtung von Christopher Lee dar, hier als zweiter Co-Ermittler Ling Chu. Mit chinesischen Weisheiten und bissiger Doppelzüngigkeit steht er den Verantwortlichen bei, verfolgt aber ganz offensichtlich eigene Ziele, die lange unklar bleiben. Seine Methoden sind unorthodox und bewegen sich häufiger an den Grenzen der Legalität, doch wie es eben so ist, heiligt der Zweck schließlich alle Mittel. Lee veredelt die tückische Geschichte mit seiner ganz speziellen Note und es bleibt zu sagen, dass Regisseur Ákos von Ráthonyi eine insgesamt hervorragende Besetzung zur Verfügung gehabt hat, bei der er eine gute Schauspielführung unter Beweis stellen konnte. Die Geschichte präsentiert innerhalb mehrerer gut verknüpfter Handlungsstränge ein recht hohes Tempo und immer wieder beunruhigende Bilder die in Atem halten, eine ungewöhnliche aber forcierende musikalische Gesamtkomposition sorgt für die richtigen Momentaufnahmen. Sicherlich tauchen ganz im guten Ton derartiger Kriminalfilme Wendungen, Erklärungen und sogar Lösungen auf, die wie aus dem Nichts herbeigezaubert zu sein scheinen, aber so wird letztlich nur das oberste Gebot einer derartigen Produktion bedient, keinen Leerlauf oder vielleicht sogar Stillstand entstehen zu lassen. Diese Geschichte aus dem Drogenmilieu vermittelt eine, für Edgar-Wallace-Verhältnisse, ungewohnte Härte und Sterilität, die möglichen Anflügen eines Märchencharakters und der Stagnation eine deutliche Abfuhr erteilen. Unterm Strich bleibt zu betonen, dass das Funktionieren der Kriminalfälle im Wallace-Orbit sehr häufig Ermessenssache bleibt, das eng und ausgiebig an persönliche Präferenzen gekettet ist, doch der beste Schwarzweiß-Film der Serie heißt womöglich tatsächlich "Das Geheimnis der gelben Narzissen". Ein Spitzenbeitrag!


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 Post subject: Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella (1973)
PostPosted: 30.03.2016 23:41 
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Carlo Giuffrè   Marisa Mell   in

BELLA, RICCA,
LIEVE DIFETTO FISICO,
CERCA ANIMA GEMELLA


● BELLA, RICCA, LIEVE DIFETTO FISICO, CERCA ANIMA GEMELLA (I|1973)
mit Erika Blanc, Gina Rovere, Elena Fiore, Nino Terzo, Alfonso Tomas, Dante Cleri, Renato Pinciroli, u.a.
eine Produktion der Goriz Film
ein Film von Nando Cicero


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»Mi vado a fare bella per te!«


Michele (Carlo Giuffrè) hat sich auf ein einträgliches Geschäft spezialisiert, das seiner Frau Rosaria (Erika Blanc) ein sorgenfreies Leben bietet. Er verdient seine Brötchen mit Heiratsschwindelei. Zielscheiben dabei sind selbstverständlich reiche, am liebsten hübsche Frauen, denen er das Geld aus der Tasche ziehen kann, um sich später wieder aus dem Staub zu machen. Doch Michele gerät mitunter an sehr spezielle Damen, die nur Probleme verursachen oder einen buchstäblich das Fürchten lehren. Die Misere scheint endlich vorüber zu sein, als er die schöne Paola (Marisa Mell) kennen lernt, die im Gegensatz zu seinen anderen Bekanntschaften auch noch relativ normal zu sein scheint. Doch wie das Schicksal so spielt, hat auch sie eine bedeutende Macke, über die Michele nicht so einfach wegsehen können wird...

Nando Cicero inszenierte mit "Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella" einen handelsüblichen Beitrag für das italienische Komödienfach und bedient sich vieler bekannter Elemente, bemüht sich dabei sogar um einige ausgefallene Erweiterungen. Ob ein derartiger Film steht oder fällt hängt im Endeffekt sehr stark vom persönlichen Ermessen ab, was sich vor allem auf den überspitzten Humor bezieht, der teilweise bizarre bis strapaziöse Tendenzen annehmen kann. Die Thematik der Emanzipation nimmt im Verlauf immer wieder sehr groteske Formen an und jedes erdenkliche Klischee wird genüsslich auf die Schlachtbank gezerrt, um es restlos auszunutzen. Wer mit derartigem Humor prinzipiell auf Kriegsfuß steht, kann hier ganz einfach nur verlieren, auch wenn sich zahlreiche Vorteile der Produktion zeigen, beispielsweise bei Stab und Besetzung. Allerdings darf man Ciceros Beitrag eine gewisse Diskretion zugute halten, was sich allerdings nur vergleichsweise betonen lässt. Der Holzhammer-Humor setzt in "Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella" gerne, unmissverständlich und immer wieder zum Überholmanöver an, etliche Szenen und Gebärden lassen sich dabei sogar im Dunstkreis der Situationskomik wieder finden, sodass man sich dem Verlauf ohne die Befürchtung ansehen kann, von irgend welchen grob-fahrlässig abgeschossenen Vögeln aufgelauert zu werden. Gut, naturgemäß oder rückblickend ist es nun einmal so, dass die Geschichte nicht ohne gewisse Peinlichkeiten auskommen kann, die alles andere als zum Lachen animieren, aber in dieser Beziehung gab es definitiv schon schlimmere Entgleisungen. Alles was man zu sehen und zu hören bekommt spielt sich noch im annehmbaren Rahmen ab. Aus persönlicher Sicht ist die entscheidende Frage in diesem Vehikel von 1973 erneut: »wohin gehst Du, Marisa?«

Wenn der Film läuft, handelt es sich zunächst allerdings um die falsche Fragestellung, denn es dauert etwa fünfzig Minuten, bis die Österreicherin das Geschehen in der Blüte ihrer Schönheit bereichern wird. Der Filmtitel wird im Vorspann trotz ihrer überschaubaren Auftrittsdauer von ihr und Partner Carlo Giuffrè in die zweite Reihe verwiesen und im Endeffekt nahm man Marisa Mell wieder als einen typischen, und darüber hinaus zugkräftigen Aufhänger, wie es in zahlreichen Produktionen der Fall war. Auffällig bleibt, dass sich das Thema Erotik hier ausschließlich in Andeutungen verliert und vielmehr zahlreichen Umkehrreaktionen ausgesetzt ist, da etwa eine Horde schablonenartiger Emanzen das Geschehen aufmischen und die anderen Damen, die in Micheles unfreiwilliges Beuteschema fallen, teils grotesk bis abstoßend zurecht gemacht wurden. Albernes Sex-Gerangel und damit verbundene Klamauk-Einlagen bleiben dem erleichterten Zuschauer so gut wie erspart, was sich bei Nando Ciceros Film insgesamt als Vorteil herausstellt, da man sich so auf alternative, und besser verdauliche Inhalte konzentrieren konnte. In der Masse der hauptsächlich ungleichen Damen können sich Marisa Mell und Erika Blanc trotz ihrer Rollen, die eigentlich nicht besonders viel hergeben möchten, natürlich ganz weit nach vorne spielen. Carlo Giuffrè findet alleine durch den Umfang seines Auftritts einen universellen Einsatz als Mädchen Mann für alles, kann den Humor sowohl subtil, als auch lauthals transportieren und wirkt unterm Strich sehr gut bekömmlich, außerdem sehr prägend für diese Emanzipations-Roulette. In Verbindung mit der abwechslungsreichen Musik von Carlo Rustichelli und den Aufmerksamen Kamera-Einstellungen von Aldo Giordani entstehen mehrere ordentliche Phasen, ein groteskes Finale bringt einem das Staunen näher, und unterm Strich lässt sich also sagen, dass man mit "Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella" einen Genre-Beitrag angeboten bekommt, der weitgehend unterhalten kann, auch wenn man kein ausgesprochener Fan der Italo-Komödie ist, oder ein solcher werden möchte. Also, va bene!


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 Post subject: Flotte Teens - Runter mit den Jeans (1980)
PostPosted: 03.04.2016 12:45 
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Renzo Montagnani   Marisa Mell   Alvaro Vitali   in

FLOTTE TEENS - RUNTER MIT DEN JEANS

● LA LICEALE AL MARE CON L'AMICA DI PAPÀ / FLOTTE TEENS - RUNTER MIT DEN JEANS (DIE ENTFÜHRUNG) (I|1980)
mit Gianni Ciardo, Sabrina Siani, Cinzia de Ponti, Andrea Brambilla, Lucio Montanaro, Ubaldo Lo Presti, Aldo Massasso, u.a.
eine Produktion der Dania Film | Effe 3 | Fedelfilm | Medusa Distribuzione | im Verleih der Schier Film
ein Film von Marino Girolami


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»Du bist ja hochgradig pervers!«


Massimo Castaldi (Renzo Montagnani) ist verzweifelt. Seine reiche Frau Violante (Marisa Mell) ist unersättlich und verlangt seine Liebesdienste immer und überall. Da die Ferien vor der Tür stehen, wollen die Castaldis gemeinsam mit ihrer Tochter Sonia (Sabrina Siani) in Urlaub fahren, doch sie hat ihr Abitur nicht bestanden und soll für eine Nachprüfung lernen. Auch Massimo würde sich lieber mit seiner jungen Geliebten vergnügen. Der Urlaub droht zu platzen, doch man will für Sonia eine Nachhilfelehrerin mitnehmen. Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt und unter strenger Aufsicht steht, soll diese Lehrerin eine Nonne aus dem Kloster sein. Massimo kommt nun auf eine Idee, die das Urlaubsvergnügen garantieren soll, denn seine Freundin Laura (Cinzia de Ponti) soll die Nonne spielen. Zwischenzeitlich kommen Terenzio (Alvaro Vitali) und Fulgenzio (Gianni Ciardo) auf die glorreiche Idee, ihre Urlaubskasse aufzubessern, indem sie Violante entführen wollen. Doch dieser Plan stellt sich als weniger lückenlos heraus...

Die "Flotte Teens"-Filme genießen in Fankreisen längst einen gewissen Kultstatus, die verschiedenen Teile und die Erfahrung zeigen hierbei allerdings diverse Licht-, und hauptsächlich Schattenseiten. Mit Marino Girolamis spätem Beitrag dieser Reihe bekommt man schlussendlich ein besonders schwerfälliges Exemplar der italienischen Erotik-Komödie geboten, welches das eigene Durchhaltevermögen und den schlechten Geschmack hart auf die Probe zu stellen vermag. Alles in diesem Verlauf wäre sicherlich nur halb so schlimm, wenn nicht permanent die beiden Erz-Trottel Alvaro Vitali und Gianni Ciardo auftauchen würden, die dem Subversiv-Humor in neue Dimensionen verhelfen. Nicht nur flotte Teens, sondern vor allem flotte Sprüche werden charakteristisch für dieses Vehikel sein, und neben allen Albernheiten und Ausrutschern bekommt man mit den Titelmädchen sozusagen wenigstens Balsam fürs Auge angeboten, außerdem geben sich namhafte Interpreten des italienischen Kinos hier die Klinke in die Hand. Üblicherweise wird auf Tempo, Turbulenzen, Verwechslungen und größere bis kleinere Katastrophen sowie Soft-Erotik gesetzt, was dem Film einen gewissen grundeigenen Schwung mitgeben kann. Mehrere einladende Bilder und schöne Schauplätze vertreiben einem die Zeit phasenweise ganz ordentlich, doch leider kommt es im Bereich des Film-Elixiers, nämlich beim Thema Humor von der Stange, hauptsächlich zu unerbittlichen Fehlzündungen, die selbst im Produktionsjahr 1980 keine Offenbarungen mehr gewesen sein dürften. Von Seiten der Regie gibt es innerhalb der laufenden Reihe so gut wie keine neuen Impulse mehr, so dass es bei "Flotte Teens - Runter mit den Jeans" nach fortgeschrittener Zeit zu gebetsmühlenartigen Tendenzen kommt, in denen alles nur noch ideenlos heruntergekurbelt wirkt.

Sehr positiv fällt das vorhandene Zeitkolorit einer neu anbrechenden Dekade auf, in die sich die Darsteller gut einfinden. Hier zu nennen ist Renzo Montagnani, der den permanenten Tiraden seiner reichen Frau ausgesetzt ist, außerdem kann er den Sex-Kapriolen seiner Gattin kaum noch standhalten, die es gerne an ungewöhnlichen Orten treibt, beziehungsweise eigentlich überall. Ob im Erotik-Kino oder im Bus, Zuschauer scheinen die unersättliche Dame erst richtig auf Touren zu bringen. Montagnani findet schließlich einen guten Mittelweg zwischen Anforderung und Dosierung. Für Marisa Mell wurde mit dieser Produktion im Grunde genommen das letzte Drittel ihrer Karriere eingeläutet und steht bezüglich des Rollen-Profils daher charakteristisch für das, was noch kommen sollte. Als Violante gibt sie sich vornehmlich kratzbürstig, ungeduldig und taktlos, aber schließlich besitzt sie das Geld, hat folglich auch das Sagen. Auch wenn es sich letztlich um eine eigentlich belanglose Rolle in einem nicht gerade guten Film handelt, weiß Marisa Mell dennoch zu überzeugen, vor allem das Zusammenspiel mit Partner Renzo Montagnani gestaltet sich als effektiv. Sabrina Siani und Cinzia de Ponti finden ihren präzisen Einsatz als Eye Candy und das Abschreibungs-Duo Vitali und Ciardo lehrt einen aufgrund hysterischer Gebärden und peinlicher Sprüche buchstäblich das Fürchten. Insgesamt lässt sich sagen, dass man derartige Genre-Beiträge wohl grundsätzlich gerne haben muss, um ihnen alle zur Schau gestellten Vergehen zu verzeihen, aber nach persönlichem Ermessen präsentiert sich ein augenscheinlicher Flop aus dem Bilderbuch eben genau in dieser Art und Weise. Unterm Strich treffen also nur zwei alte Thesen aufeinander. Erstens: Ein Marisa-Mell-Film ist immer ein guter Film. Zweitens: Ein Alvaro-Vitali-Film ist immer ein schlechter Film. "Flotte Teens - Runter mit den Jeans" konnte zumindest eine dieser Annahmen als falsch entlarven.


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 Post subject: Doppia coppia con regina (1972)
PostPosted: 04.04.2016 12:16 
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Marisa Mell   Gabriele Ferzetti   Juan Luis Galiardo   in

DOPPIA COPPIA CON REGINA

● ALTA TENSIÓN / DOPPIA COPPIA CON REGINA (E|I|1972)
mit Patrizia Adiutori, Manuel Alexandre, Jacinto San Emeterio, José María Caffarel, Mary Begoña und Helga Liné
eine Produktion der Films Montana | Ízaro Films | Jupiter Generale Cinematografica
ein Film von Julio Buchs


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»Who did you bet on?«


José (Juan Luis Galiardo) verdient sich sein Geld mühsam in einer Autowerkstatt, doch der junge Mann ist nicht ohne Träume. Er bricht nach Madrid auf, doch bei einer Sportveranstaltung wird er im Rahmen einer Wette um seine letzten Ersparnisse gebracht. Sein Weg scheint hier bereits hier zu Ende zu sein, doch er wird von der Mode-Fotografin Elisa Folbert (Patrizia Adiutori) aufgelesen, die ihm den Weg in die besseren Kreise ermöglicht. Bei einer Ausstellung lernt er die wohlhabende Laura Moncada (Marisa Mell) kennen, die ihn zu sich in ihre Villa einlädt, um José ein ungewöhnliches Geschäft vorzuschlagen. Da sie aufgrund einer Klausel im Testament ihres Vaters an ihren ungeliebten Mann Pablo (Gabriele Ferzetti) gekettet ist, und nicht frei über ihr Kapital verfügen kann, fasst sie den Entschluss, ihren Gatten mit der Hilfe von José zu beseitigen, doch es kommt zu einem fatalen Irrtum...

Julio Buchs' Beitrag aus dem Jahr 1972 beginnt mit einer äußerst ansprechend animierten Grafik des Vorspanns, in dem man unter Farbenpracht interessanterweise sofort bekannte Klänge von Gianni Ferrio aus einem anderen Klassiker zu hören bekommt, nämlich aus Duccio Tessaris "Das Grauen kam aus dem Nebel", allerdings handelt es sich hier lediglich um das Instrumentalstück ohne die Begleitung der italienischen Sängerin Mina. Die Liste der Darsteller sorgt vom ersten Moment an für große Vorfreude auf diesen lange in der Versenkung verschwundenen Film, der mehrere Genres gleichzeitig mit Elementen aus Crime, Thriller oder Giallo zu bedienen versucht. Die Geschichte beginnt mit dem finanziellen Desaster eines notorischen Verlierers, das ihm aufgrund neuer Bekanntschaften allerdings ungeahnte Möglichkeiten bietet. Die Regie ebnet das Lostreten einer fatalen Kettenreaktion zu diesem frühen Zeitpunkt nicht nur präzise, sondern dem Film schwingt eine besonders nervöse Spannung mit, die der spanische Titel "Alta tensión" sehr gut auf den Punkt bringt. Die Handlung bietet fortan einige Hauptpersonen an, die negativen Protagonisten entsprechen und deren Agieren gestaltet sich daher wie ein Roulette, bei dem es unklar ist, mit wem man im Endeffekt mitfiebern wird. Die Spielkarten aus dem Vorspann zeigen König, Dame und Bube, weisen somit auf die relevante Dreier-Konstellation hin, allerdings auch auf die Unberechenbarkeit dieses bevorstehenden Poker-Spiels, bei welchem jeder einen Trumpf in der Hand hat. Unter Verwendung einer anscheinend konventionellen Kriminalgeschichte kreiert Julio Buchs eine bemerkenswerte Atmosphäre, die in "Doppia coppia con regina" zum dominierenden Element wird. Von Szene zu Szene ist es zeitweise kaum zu fassen, mit welch hochwertiger Ausstattung man verwöhnt wird, ein Luxus, von dem andere Filme nur zu träumen gewagt hätten, was sich durchaus auch auf die Besetzung übertragen lässt.

Es ist eine große Freude, denn in dieser Produktion sieht man eine von Marisa Mells zweifellos besten Karriere-Rollen und es dürfen Superlative in Betracht gezogen werden. Nicht nur, dass sie hier in der Blüte ihrer Schönheit steht, sie überrascht vor allem mit einer vollkommen atemberaubenden Präzisionsleistung, die vom Prinzip her vielleicht an ihre verschlagene Rolle in "Nackt über Leichen" erinnern möchte. Als Teil des überaus intelligenten Aufbaus treibt sie die Dinge immer wieder voran, doch man sollte als Zuschauer auf der Hut sein, damit man nicht Beute und Jäger miteinander verwechselt, so wie es einige Personen des Szenarios tun. Marisa Mell punktet mit Gegensätzen wie Hochmut und Anmut, Verführung und Ignoranz, Kalkül und Überforderung, Berechnung und Manipulation. Besondere Akzente werden in den Bereichen Körpersprache und Spiellaune gesetzt, zu dieser Präzision sollte in den folgenden Jahren leider nicht mehr oft kommen. Wie dem auch sei, es ist sinnvoller sich über die hier bestehenden Tatsachen zu freuen. Die Erzählstruktur sieht teilweise abgewandelte männlich-weibliche Konstellationen vor, da die Frau das Schachbrett bedient. Zwar liegt es hier fernab aller Wahrscheinlichkeit, dass Laura nicht jeden Mann um den Finger wickeln könnte, auch sieht sie sich im festen Würgegriff ihres eigenen Mannes, aber es ist ihr Kapital, das sie mit in die Ehe bringt, welches allerdings durch unbequeme Klauseln im Nachlass wie eingefroren ist. Kein Wunder also, dass jeder jeden so schnell wie möglich loswerden möchte. Marisa Mell zeichnet dieses kalte und berechnende Wesen jedenfalls mit Bravour, die Kamera interessiert sich in regelrechten Bildstrecken für ihr schönes Gesicht und das Komplettpaket. Julio Buchs setzt fast ausschließlich auf diskrete Erotik, die sich oftmals in einem Hauch von Ahnungen verliert, was den eleganten Charakter seines Beitrags nur unterstreicht.

Hochgradig ästhetische Szenen entstehen im intimen Zusammensein mit ihrem Partner Juan Luis Galiardo, der die Konstruktion genauso verlässlich wie seine Partnerin aus Österreich trägt. José ist sich seiner Lage bewusst, sein Fehler besteht allerdings darin, dass er mit vollen Händen nach den Sternen greifen möchte, und dass es ihm ein wenig an Vorstellungsvermögen fehlt. Es ist ziemlich interessant dem veranstalteten Wechselspiel zwischen Vor- und Nachteil zu folgen, sowohl Laura als auch ihr Mann, aber auch José sehen sich zwischenzeitlich in besseren, mal schlechteren Ausgangspositionen. Galiardo erweist sich als besonderer Verstärker in den verschiedenen Etappen der Interaktion, oftmals glaubt man seine Gemütszustände hautnah miterleben zu können. Dieser hervorragenden Leistung steht Routinier Gabriele Ferzetti in nichts nach, er arbeitet sich vom unscheinbaren Lebemann, der zahlreiche Affären unterhält und seine Frau mit Verachtung straft und Zynismus provoziert, plötzlich in den Fokus und wirkt ab einem gewissen Zeitpunkt wie der Initiator einer Hetzjagd. Klassische Sympathieträger sind in "Doppia coppia con regina" so gut wie gar nicht vorgesehen, was letztlich aber sehr erfrischend wirkt, lediglich die umwerfende Patrizia Adiutori schlüpft in dieses Schema, möglicherweise um den Zuschauer nicht ganz alleine zu lassen. Erwähnenswert ist noch die interessante Erscheinung der Deutschen Helga Liné, die in einem ihrer obligatorischen Rollenprofile zu sehen ist, in welchem ihr wie so oft nur eine kurze Auftrittsdauer zugestanden wird. Es ist ziemlich spannend herauszufinden, auf wessen Seite man hier im Endeffekt stehen wird, denn die Regie zwingt einen förmlich, derartige Entscheidungen zu treffen. Der Clou beim Personen-Roulette entsteht letztlich aus der Tatsache, dass man hier niemandem trauen sollte, vor allem aber nicht sich selbst, denn es werden wenige Möglichkeiten ausgelassen, den Zuschauer aufs Glatteis zu führen.

Obwohl hier anscheinend gleich von Beginn an mit offenen Karten gespielt wird, bleibt der Verlauf bis zum Ende vollkommen ungewiss, woraus die Geschichte ihre Spannung zieht. Das vielversprechende Wechselspiel zwischen Erkenntnis und Unkenntnis wird bis zum letzten Moment hinausgezögert, sodass man auf ein spektakuläres und gut konstruiertes Finale hoffen darf, was sich auch in eindrucksvoller Manier bestätigen wird. Viele Phasen der latenten, beziehungsweise potentiellen Gefahr werden veranschaulicht, man sieht die oberflächliche Hautevolee beispielsweise bei der Jagd, man erfährt also bei dieser Gelegenheit, wer perfekt schießen kann. Auch geben diese Hinweise ein paar Rückschlüsse auf die Unerbittlichkeit einiger Personen, zumindest wenn es drauf ankommen würde. In der feudalen Villa der Moncadas befinden sich außerdem ein hauseigener Schießstand und selbstverständlich Waffen im Hülle und Fülle, was dem Empfinden nach eine Katastrophe so gut wie vorprogrammiert. Julio Buchs bringt einige sehr gut arrangierte Ideen in seiner Inszenierung unter, man sieht etwa eine beunruhigende Traumsequenz Josés, in welcher Tod und Leben für bizarre Trugbilder sorgen werden, tödliche Verwechslungen werden zum Leitmotiv, um über mehrere Windungen zum eigentlichen Punkt zurückzukommen, doch es bleibt nur schwer einzuschätzen. Der Film hat insgesamt so viel Stil und Verve, dass er alleine deswegen schon zu den inoffiziellen Top-Beiträgen dieser Machart zu zählen ist, die herrliche Bebildereung wird durch Gianni Ferrios Musikstücke veredelt, und durch das Akzeptieren oder Berücksichtigen bestehender Gesetze des zeitgenössischen Films entsteht eine vertraute Atmosphäre, die dicht ist, die Abwechslung bietet, die Überraschungen verspricht und die man so schnell nicht wieder vergessen dürfte. "Doppia coppia con regina" ist in jeder Beziehung ein außerordentlich einladender Filmgenuss geworden.


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 Post subject: Das Bildnis des Dorian Gray (1970)
PostPosted: 09.04.2016 13:03 
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Helmut Berger   in

DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY

● DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY / IL DIO CHIAMATO DORIAN / DORIAN GRAY (D|I|GB|1970)
mit Herbert Lom, Maria Rohm, Margaret Lee, Richard Todd, Isa Miranda, Eleonora Rossi Drago,
Renato Romano, Beryl Cunningham, Stewart Black, Francesco Tensi und Marie Liljedahl
eine Produktion der Terra Filmkunst | Sargon Film | Towers of London | im Constantin Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde
ein Film von Massimo Dallamano


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»Jugend ist das einzige was Wert hat im Leben!«


Wie es der Zufall will, lernt der Dorian Gray (Helmut Berger) den Kunsthändler und Lebemann Lord Henry Wotton (Herbert Lom) im Atelier des gemeinsamen Bekannten und Malers Basil Hallward (Richard Todd) kennen, der den jungen Mann porträtiert. Wotton ist fasziniert von der Unschuld und vor allem der Schönheit Dorians und er führt ihn in den Londoner Jet Set ein. Durch seinen Einfluss lernt der junge Mann die Vergnügungen und Verlockungen des Lebens kennen, auch seine zynischen und verunsichernden Bemerkungen lassen Dorian Gray nur zu einem Schluss kommen. Er will ewig jung bleiben, selbst wenn er dafür seine Seele hergeben müsste. Die Jahre verstreichen, die Bekannten um ihn herum verändern sich, doch er scheint tatsächlich ein dunkles Geheimnis zu haben, denn man sieht ihn unverändert jung und schön...

"Das Bildnis des Dorian Gray" brachte es seit Erscheinen des gleichnamigen Romans zu zahlreichen Verfilmungen und Massimo Dallamanos Adaption aus dem Jahr 1970 hält sich nur noch vage an die Vorlage, was allerdings keinen Grund zur Kritik darstellen soll. Handlung und Personen wurden in die tatsächliche Entstehungszeit verlegt, das Grundgerüst der Vorlage ist jedoch weiterhin erkennbar. Auch einige Textpassagen stimmen hier überein, die insbesondere Verwendung als Schlagworte finden. Vielleicht kann man dem Film bescheinigen, dass er sich von der Romanvorlage inspiriert zeigt, sich sogar im weitesten Sinne versucht zu emanzipieren und insgesamt ist es beim Anschauen empfehlenswert, dies losgelöst von Wildes Roman zu tun. Die Geschichte des narzisstisch veranlagten jungen Mannes, der sich quasi in sein eigenes Spiegelbild verliebt, ereignet sich im vom Zeitkolorit geprägtem London und transportiert daher eine, auch heute noch faszinierende Stärke der Bilder und Schauplätze, wobei von den Haupt-Charakteren natürlich nicht der ursprüngliche Schliff ausgeht. Was dem Film allerdings zugute kommt ist die Verpflichtung von Helmut Berger für die Titelrolle. Unabhängig von seiner Art zu interpretieren wirkt er nämlich tatsächlich wie der Prototyp des, oder eines Dorian Gray, den es überall und immer wieder geben könnte. Massimo Dallamano versucht hier viele Querverbindungen zu etlichen Genres zu knüpfen, so dass es von Drama bis Erotik auch zahlreiche andere Elemente zu finden gibt. Eines ist aber ohne jeden Zweifel entstanden, nämlich ein typisches Kind seiner Zeit, welches in vielerlei Hinsicht seine anziehende Wirkung auf den Zuschauer entfalten kann. Der Verlauf kann in Etappen eingeteilt werden, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So nimmt man zwischen Poesie bis Aggression viele Facetten wahr, die der Geschichte ein wechselhaftes, ja, beinahe unberechenbares Profil geben.

Hierzu trägt Helmut Berger in besonderem Maße bei, da man seine grundlegende Verwandlung hautnah miterleben kann. Zunächst muss einfach erwähnt werden, dass die Glaubwürdigkeit der Titelfigur hauptsächlich auf der äußeren Erscheinung des Österreichers basiert, möglicherweise könnte ein Dorian Gray ja genauso aussehen. Sicherlich verlangt das Drehbuch keine darstellerische Ausnahmeleistung, ein phasenweise oberflächlicher Tenor ist auch nicht zu leugnen, allerdings ist es die Präsenz Bergers hier überaus beachtlich. Innerhalb der bestehenden Möglichkeiten werden Aspekte wie Zerrissenheit, Angstzustände, Manipulation oder Ausschweifungen recht gut dargestellt, es bleibt unterm Strich eine spürbare Faszination zurück, die von der Titelrolle ausgeht. Die Produktion birgt ohnehin eine hervorragende europäische Besetzung, die bis in die kleinsten Nebenrollen namhaft besetzt ist. Als Lord Henry Wotton überzeugt Herbert Lom als zynisches Sprachrohr, Mentor und mahnende Instanz, alles auszukosten, bevor es zu spät ist. Konträr zu moralischem Verfall und fehlenden Tugenden steht Richard Todd als Basil Hallward, der das Bildnis geschaffen hat, und damit eigentlich Teil der Katastrophe ist. Schöne Frauen schwirren um das anziehende Licht Dorian Gray, von denen man ebenfalls sehr ansprechende Darbietungen präsentiert bekommt. Die Schwedin Marie Liljedahl, für die "Das Bildnis des Dorian Gray" bereits ihr vorletzter Film war, überrascht mit einer dynamischen Interpretation der Sybil, ihre bemerkenswerte Schönheit verhilft ihr zusätzlich in höhere Sphären der Glaubhaftigkeit. Sie steht vollkommen konträr zur Londoner Hautevolee, die zumindest bei den Damen verblüffende Gesichter von beispielsweise Margaret Lee, Eleonora Rossi Drago oder einer hier kaum zu fassenden Isa Miranda bekommen. Schließlich nimmt man vollkommen zufrieden wahr, dass die Produktion schon alleine aufgrund der Darsteller punkten kann.

Erneut stellt Massimo Dallamano seine besondere Fähigkeit unter Beweis, einen Film sehr gut strukturieren zu können, was hier wohlgemerkt nicht hauptsächlich am Leitfaden der Romanvorlage liegt. Trotz der quasi determinierten Geschichte kommt es zu sehr interessanten Erweiterungen und ansehnlichen Einfällen, die den geneigten Zuschauer blendend unterhalten können. Zwar wird thematisch sehr Vieles aufgegriffen, beziehungsweise angebahnt, allerdings liegt es letztlich an der Fülle begonnener Fragmente, dass man nicht überall zu zufriedenstellenden Abschlüssen gelangt, hin und wieder entsteht der Eindruck, dass der Dramaturgie ein bisschen mehr Tiefgang ganz gut gestanden hätte. Wie dem auch sei, "Das Bildnis des Dorian Gray" ist als Einheit gesehen ein nicht zu verachtender Film seiner Zeit geworden, der typische, oder vielmehr obligatorische Szenen diktiert. Hier ist natürlich der erotische Einschlag zu nennen, der sich schließlich als eine vollkommen erforderliche Zutat herausstellt, nicht zuletzt weil das Interesse auf sehr ästhetischen Einstellungen liegt, und man die richtigen Leute vor und hinter der Kamera versammeln konnte. Man nimmt Allianzen zwischen vielen Beteiligten wahr, die vor allem Kamera oder Musik mit einschließen, der Verlauf schimmert immer wieder in einem sehr eleganten Licht, was sich jedoch nicht als Fazit durchschlagen kann, vielleicht zugunsten einer gewissen Unterordnung durch die zeitgenössische Unterhaltungsmaschinerie. Nichtsdestotrotz präsentierte Massimo Dallamano einen durchweg unterhaltsamen Film, der interessante Persönlichkeiten offeriert, malerische Bilder präsentiert und für Atmosphäre steht, außerdem mit seiner auf Vielseitigkeit angelegten Geschichte überzeugen kann. Es bleibt ein überaus gerne gesehenes Erotik-Drama auf weltliterarischem Nährboden, welches in der persönlichen Rangfolge einen ganz hohen Stellenwert genießt.


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