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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 07.06.2010 19:48 
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Logan5514 hat geschrieben:
Da gab's auch eine Szene wo Keanu aus der Nase Blutet und die Bluttropfen zu kleinen Spinnen werden und im Abfluss verschwinden - Echt strange ;)


Das klingt auf jeden Fall auch ganz schön schräg. So ganz intakt scheint Ihr Kopf auch nicht mehr zu sein, Herr Logan!

Logan5514 hat geschrieben:
Gab's bei "deinem" Film den auch einen Vor- und Abspann :lol:


Kann ich mich zumindest nicht dran erinnern. Ich weiß auch nicht mehr alle Details, nur noch die grobe "Handlung" und Einzelszenen. Ich hab mir nach dem Aufwachen auch sofort Notizen gemacht, sonst hätte ich kurz darauf eh wieder das Meiste vergessen.
(Sehr bizarr war auch, daß ich den Film zwar im Sessel sitzend gesehen habe, gleichzeitig aber auch Teil davon war, wie ein Schauspieler... :shock:)

Wie auch immer, ich will diesen Film!! :(

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 07.06.2010 22:20 
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Diabolik! hat geschrieben:
Logan5514 hat geschrieben:
Du hast doch einen an der Murmel, oder? :lol:


Ich hab nie was anderes behauptet! ;)

Ich träum öfters ziemlich lebhaft und abgefahren, aber daß ich KOMPLETTE Filme träume, ist eher selten. Das musste hier einfach mal schriftlich festgehalten werden!


Mail to enzogcastellari@yahoo.it


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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 07.06.2010 22:23 
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Diabolik! hat geschrieben:
Ich träum öfters ziemlich lebhaft und abgefahren, aber daß ich KOMPLETTE Filme träume, ist eher selten. Das musste hier einfach mal schriftlich festgehalten werden!


Das mir immer verdächtiger. Ob wir tatsächlich irgendwie verwandt sind? Mhhmm... :o

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 08.06.2010 20:28 
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Blap hat geschrieben:
Das mir immer verdächtiger. Ob wir tatsächlich irgendwie verwandt sind? Mhhmm... :o


Möglicherweise... ein grausiges Experiment... Retortenbabies, Mutanten... wir werden die Weltherrschaft an uns reißen!

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 08.06.2010 20:28 
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Und hier wäre der Grund, warum ich vorletzte Nacht bizarre Träume von Mark Gregory hatte: das langersehnte RIFFS-Doublefeature vom Wochenende! Der Senf zu Teil 2 folgt morgen...

***

THE RIFFS – DIE GEWALT SIND WIR (Italien/USA 1982) R: Enzo G. Castellari


Ann (Stefania Girolami), die Tochter eines reichen und mächtigen Waffenkonzern-Präsidenten (Enio Girolami), ist von zu Hause weggelaufen und landet in der lebens- und menschenfeindlichen Bronx, die vom Staat New York zu einer vogelfreien Todeszone erklärt wurde und von brutalen Straßengangs regiert wird. Dort wird sie auch umgehend von einer Bande rollschuhfahrender Prügelknechte mit Hockeyschlägern, den „Zombies“, drangsaliert. Rettung naht jedoch in Form einer weiteren Gang, den „Riffs“ (in der englischen Version werden sie „Riders“ genannt), schlagfertigen Motorradrockern, die den Zombies die Gülle aus dem Mastdarm hauen. Als besonders geschickt mit dem Schlagstock erweist sich der junge und muskulöse Anführer der Gang namens Trash (Mark Gregory). Ann ist sofort ganz angetan von dem langhaarigen Lederwestenträger und auch in Trash knospen bald ungewohnt zärtliche Gefühle. Aber es nahen Konflikte ernsthafter Natur: Ein Mitglied der Riffs wurde von einer weiteren verfeindeten Bande, den „Tigers“, brutal ermordet. Dessen Chef, „The Ogre“ (Fred Williamson) genannt, ist der ungekrönte König der Bronx und macht Trash deutlich, dass er ihm mit der Tötung des Rockers einen Gefallen getan hat – der Ermordete trug nämlich einen Peilsender, wie er lediglich von Polizisten verwendet wird, ergo war er ein Spitzel. Trash mag nicht so recht daran glauben, während sein Stellvertreter Ice (Gianni Loffredo) die Theorie des Ogres glühend verteidigt. Trash weiß jedoch auch, dass Ice Machtgelüste hegt und die Herrschaft über die Gang gern an sich reißen würde. Ist nicht vielleicht sogar Ice der wahre Verräter? Bevor diese Frage sich klären lässt, droht Gefahr von einer anderen Seite: Die „Manhattan Corporation“ heuert einen Auftragskiller namens „Hammer“ (Vic Morrow) an, um in der Bronx aufzuräumen und Ann zurückzuholen. Trash will den Ogre und die Tigers um Hilfe bitten, dafür muss er jedoch die halbe Bronx durchqueren – mitten durch das Gebiet feindlicher Banden. Gleichzeitig wird er von Hammer gejagt…


Natürlich hat Castellari sich bei THE RIFFS großzügig bei Walter Hills fulminantem WARRIORS und John Carpenters DIE KLAPPERSCHLANGE bedient, aber das sieht man ihm, gemessen am Ergebnis, gerne nach. Denn der Film ist ein hervorragend inszenierter und exzellent fotografierter Action-Reißer, gespickt mit originellen und charmanten Einfällen, bei denen kein Kenner-Auge trocken bleibt. Man muss diese wilde Melange einfach gernhaben, auch wenn hartherzigen Spaßbremsen dies wohl schwer fallen wird.
Die diversen Gangs und deren charakteristischer Paraphernalien erfordern auch eine Menge Humor und trash-o-logische Toleranz – allerdings sind die liebevollen Outfits der Bandenmitglieder auch derart knuffig, dass man Castellari kaum böse sein kann und ihm einige Bizarrerien nur zu gern verzeiht. Die Rocker der Riffs sehen sogar noch recht authentisch aus – wen wundert´s, bis auf ein paar Ausnahmen wurden echte Hell´s Angels (Hakenkreuze satt!) für die Dreharbeiten verpflichtet, die ökonomischerweise auch gleich noch den Job des Security Dienstes am Set übernahmen. Auf schrullige Weise niedlich sind auch die leuchtenden Plastik-Totenschädel an den Lenkern der Motorräder.
Auch die anderen Gangs sind eine Schau: die Rollschuh-Bande ist natürlich offensichtlich aus THE WARRIORS „entliehen“, während die zerlumpten, viehischen „Scavengers“ frappierend den Untergrundkannibalen aus der KLAPPERSCHLANGE ähneln. Ein echter Schenkelklopfer sind auch die Zuhältertypen der „Tigers“, die als eine Art dekadenter Slum-Aristokraten charakterisiert werden. Unnachahmlich auch die Stepdance-tanzenden und grotesk geschminkten „Iron Men“, die mit ihren Gehstöcken und eisernen Melonen direkt aus Kubricks CLOCKWORK ORANGE zu stammen scheinen. Dem üppigen Drehbuch von Genre-Veteran Dardano Sacchetti (u.a. WOODOO, SHOCK und INFERNO) lässt sich jedenfalls nicht vorwerfen, es geize mit witzigen oder originellen Einfällen. In einer Szene zu Beginn des Films begleitet z.B. ein hauseigener Schlagzeuger ein Treffen der Gangs am Hudson River, was der Situation eine recht surreale Qualität verleiht.

Die Sets und Kulissen sind eine Wucht: Castellari präsentiert die „Stadt, die niemals schläft“, von ihrer hässlichsten und apokalyptischsten Seite – ausgebrannte Häuser, Ruinen, überwucherte Hinterhöfe, abgewrackte Industrieanlagen. Die Schauplätze sind größtenteils dieselben, die Michael Wadleigh in seinem exquisiten Film WOLFEN verwendete.
Bei der geschickten Schnittmontage beweist sich übrigens die wunderbare Magie des Kinos auf sehr eindrückliche Art – teilweise schlüpfen die Darsteller in ein Gulliloch in Italien und tauchen aus einem Abflussrohr in New York wieder auf. Teile des Films wurden on location in einem alten Tempel von Tivoli gedreht, den die Crew eigens mit Graffitis „verschönerte“ – seitdem sind dort bis zum heutigen Tage Filmaufnahmen untersagt!

Lockenkopf Mark Gregory (richtiger Name: Marco di Gregorio) ist gewiss kein begnadeter Charaktermime – eigentlich beherrscht er nicht viel mehr als immer denselben, kindlich-trotzigen Gesichtsausdruck und bewegt sich zuweilen recht steif und tuntig, was durch sein körperbetontes Lederoutfit noch verstärkt wird. Man muss dem unausgebildeten Amateurmimen jedoch zugute halten, dass er bei THE RIFFS erst süße 17 Lenze jung war und von Castellari beim Eisenstemmen in einer Muckibude gecastet wurde. Ich jedenfalls mag ihn irgendwie, weshalb ich mir auch umgehend THUNDER 1 & 2 besorgt habe, wo er einen RAMBO-artigen Einzelkämpfer mit indianischen Wurzeln gibt.
Der legendäre Vic Morrow (dessen Karriere als jugendlicher Gewalttäter in Richard Brooks` SAAT DER GEWALT ihren Lauf nahm) spielt die menschliche Abrissbirne „The Hammer“ mit Bravour; der daseinsmüde Soziopath, der lediglich Freude am Töten und Zerstören empfindet, grinst ihm aus jedem Knopfloch. Nichts werde von seinen Gegnern übrigbleiben, knurrt er an einer Stelle: „Ashes… just ashes.“ Castellari arbeitete bereits bei DER WEISSE KILLER mit Morrow zusammen, seinem JAWS-Rip Off, wo der Amerikaner den Charakter von Bernhard Shaw übernahm. Es wird im Film nicht recht deutlich, aber „Hammer“ war wohl früher mal Polizist – beim finalen Massaker schlüpft er erneut in die Uniform, was ihn besonders gefährlich macht. Morrow dreht gegen Ende des Films vollkommen durch und veranstaltet mit Unterstützung polizeilicher Reiter und Flammenwerfer ein Blutbad ohnegleichen. Hammer: „I work for nobody. I don´t care about the Manhattan Corporation. I don´t care about the girl. I don´t care about politics. I don´t care about anything. I believe in nothing. I´m Hammer, exterminator.“
Leider verstarb er nur ein Jahr nach Beendigung der Dreharbeiten zu THE RIFFS bei einem tragischen Hubschrauberunfall.
Blaxploitation-Urgestein Fred Williamson als Oberpimp „Ogre“ ist wie üblich eine Bank – hier tritt er in fiesen, grellbunten Satin-Klamotten auf und hat eine Lustsklavin namens „Witch“(Betty Dessy), die ihre Gegner mit der Bullenpeitsche vertrimmt.
Christopher Connelly (ATLANTIS INFERNO) gibt einen Ex-Ordnungshüter, der zunächst auf der falschen Seite steht, dann jedoch späte Reue zeigt und Loyalität zu den RIFFS beweist.
Der hünenhafte George Eastman ist immer verlässlich, hier spielt er das Oberhaupt der „Zombies“ und sieht mit seinem Zopf aus, wie ein wildgewordener Dschingis Khan. Besonders gefallen hat mir auch Gianni Loffredo als verräterisches Bandenmitglied Ice, komplett mit Nickelbrille und Wehrmachtsjacke.
Der Rest des Ensembles ist mal wieder, ganz Castellari-like, sehr familiär gehalten: Ann wird von Enzos Tochter Stefania Girolami gespielt, als Kontrahenten sehen wir Enzo selber als Berater (oder Anwalt) des bösen Waffenfabrikanten, der von Enzos älterem Bruder Enio Girolami verkörpert wird. Den erleben wir übrigens auch in einer ähnlichen Rolle in RIFFS 2, sowie als Endzeitbarbaren in METROPOLIS 2000.

Die vorzügliche Kameraarbeit besorgte wieder einmal der gestandene Sergio Salvati, der bereits Leones ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und Fulcis GEISTERSTADT auf unvergessliche Weise ablichtete.
Der rockige Score stammt aus der Feder von Walter Rizzati, dessen bekannteste und eingängigste Arbeit die Musik zu Fulcis DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER sein dürfte. Zu bekritteln wäre hier allenfalls, dass Castellari leider bei vielen Actionszenen gänzlich auf Musikuntermalung verzichtete, weswegen die Choreografie etwas hölzern daherzukommen scheint.

Auch wenn THE RIFFS eher ein Prä- als ein Post-Apocalypse-Film ist, handelt es sich hier (auch ohne vorausgegangenem Atomschlag) um einen ungemein stimmungsvollen Endzeit-Film mit düsterer Comic Strip-Atmosphäre, fantasievoller Ausstattung und Kostümen, sowie jeder Menge Peckinpahscher Zeitlupen-Action, der keine Sekunde langweilig wird.
Fazit: Ein toller B-Klopper mit maximalem Unterhaltungswert!

Kommen wir nun zur einzigen bitteren Pille, die der Fan des Films zu schlucken hat: Leider liegt nach wie vor keine brauchbare deutsche Fassung von THE RIFFS vor. Zur Sichtung musste also leider die aktuelle britische Fassung (Titel: THE BRONX WARRIORS) aus dem Hause Shameless gereichen, die eine fantastische Bildqualität aufweist und im korrekten Format 2,35 : 1 präsentiert wird. Aber natürlich leider ohne deutschen Ton, der für dieses Werk essentiell ist. Eine deutschsprachige Veröffentlich oder zumindest ein Fandub muss her!

„Death walks with us. Death rides and sleeps with us.“
- Trash unterweist Ann im Lebensstil der RIFFS

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 09.06.2010 20:30 
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THE RIFFS 2 – FLUCHT AUS DER BRONX (Italien/USA 1983) R: Enzo G. Castellari


1990: Die Bronx soll gesäubert werden. Henry G. Clarke (Enio Girolami), der machthungrige Präsident des skrupellosen Immobilienkonzerns „General Constructions“, verkauft den Bewohnern die brutale Zwangsräumung gönnerhaft als Umsiedelungsprojekt nach New Mexico. Die Slums sollen eingeebnet werden, um dort schicke Hochhaussiedlungen für die Upper Class hochzuziehen. Die schwer bewaffneten Säuberungsverbände der DAS („Disinfestation Annihilation Squad“), gewappnet mit silbernen Schutzanzügen und Motorradhelmen, räumen per Flammenwerfer und Maschinengewehr den urbanen Moloch auf. Als eine der ersten Opfer trifft es die Eltern von Trash (Mark Gregory), dem ehemaligen Bandenchef der Rockergruppe „Riffs“. Die Riffs sind längst zerschlagen worden, die Gangs sind in alle vier Winde zerstreut – die Überlebenden werden im Untergrund von dem Mexikaner Toblerone [sic!] (Antonio Sabato) angeführt und formieren sich neu zum Widerstand. Trash holt zum Gegenschlag aus, wofür er sich Hilfe beim legendären Einbrecherkönig Strike (Giancarlo Prete) und dessen sprengstoffkundigem Söhnchen holt. Geplant ist die Entführung von Präsident Clarke. Der hat jedoch auch ein brandheißes Eisen im Feuer: den staatlich finanzierten Massenmörder Floyd Wrangler (Henry „I´m worse than anybody!“ Silva) , der auf präsidiales Geheiß die Bronx in ein Schlachthaus verwandeln soll. Aber Trash ist ausgezogen, die Staatsbüttel eine alttestamentarische Lektion in Kausalität zu lehren: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Ein beispielloses Blutbad nimmt seinen Lauf…


„Verlassen Sie die Bronx! Tragen Sie sich ein für ein neues Zuhause im zauberhaften New Mexico!“ – Mit solch blumig-zynischen Worten preisen die Lautsprecher der Säuberungs-Vans ihre Pogromaktion an, während sie ruhigen Blutes die verkohlten Leichen aus den Häusern schleifen. THE RIFFS 2 macht von der ersten Sekunde an deutlich, auf welcher Seite der Film steht – die staatstragenden Elemente der Legislative und Exekutive kommen dabei nicht sonderlich gut weg. Und auch die Wirtschaft wird als korrupter Saustall entlarvt. War es im ersten Teil noch die Waffenindustrie, die ihr Fett weg bekam, so kriegt dieses Mal die Immobilienbranche den Rüffel.
Der Titel ist bei alledem etwas irreführend: Um eine FLUCHT AUS DER BRONX geht es gar nicht, eher um das genaue Gegenteil. Man will das heimatliche Territorium mit allen Mitteln und bis aufs Blut verteidigen.

Teilweise schlägt die Fortsetzung andere, radikalere Töne als ihr Vorgänger an – THE RIFFS 2 ist düsterer und brutaler, die Kämpfe gemeiner, das Abkratzen dreckiger. Ansonsten ist auch im zweiten Teil der BRONX WARRIORS-Saga alles beim Alten: coole Kostüme, abgewrackte Settings, voluminöse Lockenfrisuren, fetzige Rockmusik und jede Menge räudige Action.
Zimperlich geht Castellari auch beim zweiten Streich nicht zu Werke – dem Freund cineastischer Endzeit-Spektakel wird runde 80 Minuten ein bleigeschwängertes Blutbad und Feuerwerk um die Ohren gefetzt. Wie gehabt sind die zahlreichen Schießereien in Zeitlupenbildern à la Sam Peckinpah aufgelöst, Enzos großem Regie-Vorbild. Der Body Count erreicht locker astronomische Beträge; THE WILD BUNCH nimmt sich dagegen wie eine Episode von BONANZA aus. Es knallt und kracht an allen Ecken und Enden, und Langeweile kommt dabei nie auf.

Auch bei der Darstellerriege gibt es nicht viel Neues zu berichten, dementsprechend aber auch nichts zu bekritteln. Marco di Gregorio erledigt seinen Job etwas überzeugender als im ersten Teil, zumal er bei RIFFS 2 auf sein wenig kleidsames Lederwestchen verzichtet. Schauspielerische Glanzleistungen sollte man auch dieses Mal nicht erwarten, dafür schaut er hübsch grimmig aus der Wäsche und teilt anständig mit seinem unerschöpflichen Six-Shooter aus. Antonio Sabato (u.a. DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL und DER MAFIA-BOSS) kann als schmieriger Mexikaner ordentlich punkten, und Giancarlo Prete (der „Scorpion“ aus METROPOLIS 2000) ist sehr überzeugend in seiner Rolle als Strike. Der explosive Lausebengel an seiner Seite wird übrigens von seinem leiblichen Sohnematz gegeben. Der absolute Knaller ist aber ohne Frage der große Henry Silva als Oberkaputtmacher Wrangler: „Fuck Headquarters! I´m doing this my way!“ Und Henrys Weg, daran sollte kein Zweifel bestehen, ist ein Weg der Schmerzen.
In einer kleinen Nebenrolle sehen wir übrigens die schöne Moana Pozzi, die in Corbuccis A TU PER TU mitspielte und einen Kurzauftritt in Fellinis GINGER UND FRED absolvierte – bekannter wurde sie, zumindest im Stiefelland, als recht freizügige Pornodarstellerin, die häufig gemeinsam mit Ciccolina agierte. Leider tauschte sie bereits 1994 im Alter von nur 33 Jahren das Lotterbett mit dem Sterbelager und ging von uns.

Die erneut wundervolle Kameraführung besorgte dieses Mal Blasco Giurato, der bereits seit den späten 60ern hinter der Linse steht und Genre-Perlen wie DIE FALLE oder LA ORCA fotografierte. Die Musik komponierte der verdienstvolle Francesco di Masi, der bereits bei EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE mit Castellari zusammenarbeitete und später auch den Score für Fulcis NEW YORK RIPPER schrieb.

Insgesamt gefällt mir FLUCHT AUS DER BRONX einen Deut besser als THE RIFFS, denn die Story kommt einfach etwas straffer und fetziger daher, die Atmosphäre ist raubeiniger, das Pyromanen-Herz kann schwelgen und es wird noch hemmungsloser aufs Gaspedal getreten.
Demnächst steht dann THE RIFFS 3 – DIE RATTEN VON MANHATTAN auf dem Menüplan, bei dem die Qualitätslatte merklich tiefer angesetzt werden muss. Oh no, Bruno, too much is not enough! – Das Niveau sinkt, die Stimmung steigt…


***

Die Bildqualität der Shameless-DVD, Teil 2 in der BRONX WARRIORS-Box, hat leider eine Bildqualität zum Schämen. Ob da kein brauchbareres Master aufzutreiben war? Über den Beamer ging da gar nichts, es musste die olle Röhrenglotze herhalten. Das tat dem Spaß trotzdem nur einen geringfügigen Abbruch.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 09.06.2010 21:44 
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Sehr angenehm, Herr Teufel!

Mir gefällt der erste Teil ein wenig besser, aber die Knaller liegen schon sehr nah beeinander. Brunos Sause ist natürlich ein absoluter Leckerbissen, wen kümmert es da schon, dass er mit den beiden Bronx Randalinskys nichts am Hut hat... :lol:

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BeitragVerfasst: 09.06.2010 22:51 
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Blap hat geschrieben:
Brunos Sause ist natürlich ein absoluter Leckerbissen, wen kümmert es da schon, dass er mit den beiden Bronx Randalinskys nichts am Hut hat... :lol:


Keine Frage! Ich liebe diese Gurke seit meiner VHS-Jugend und freue mich auf baldiges Wiedersehen!

Ein gewisses Gelsenkirchener Urgestein im Rentenalter namens "Horst", das regelmäßig bei den Vorführungen des geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega anwesend ist, kommentierte die Schlußszene, als der Rattenmann seine Maske lüftet, mit den unsterblichen Worten: "Na, dat sind ja schöne Aussichten!" :lol:

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 11.06.2010 21:44 
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SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL („Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile“, Italien 1972) R: Roberto Bianchi Montero

In den Kreisen der Oberen Zehntausend geht ein Killer um. Sein Modus Operandi: schöne und vor allem untreue Ehegattinnen werden bespitzelt und ihre libidösen Fehltritte fotografiert, um sie hernach mit dem Messer zu meucheln. Die in flagranti erstellten Schnappschüsse findet man fein drapiert neben den Leichen. Unter den Frauen der gehobenen Gesellschaft geht die Angst um – keine ist unschuldig, jede kann es treffen. Denn alle sind sie schön, nackt und liebestoll! Kommissar Capuana (Farley Granger) ist zunächst ratlos, vermutet den mysteriösen Täter jedoch im Umfeld der Opfer. Kann er weitere Morde verhindern? Ist seine eigene Frau ihm treu? Ein Wettlauf gegen die Zeit und den Tod beginnt…


„Bekenntnisse eines Triebtäters an den Leiter der mobilen Einsatztruppe“, wie der sperrige O-Titel in der deutschen Übersetzung heißt, wurde unter der knackigeren Franchise SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL in die damaligen Bahnhofskinos geschwemmt – wohl mit der Absicht, dem Zuschauer einen Sexfilm unterzujubeln. Stattdessen handelt es sich bei Roberto Bianchi Monteros Film um einen waschechten Giallo, der alle handelsüblichen Zutaten des Genres zu einem durchaus schmackhaften Eintopf verquirlt. Dank der löblichen „Italian Genre Cinema-Collection“ aus dem Hause Camera Obscura kann der Connaisseur sich diese seltene Perle nun erstmals in ungeschnittener und restaurierter Form ins heimische Wohnzimmer holen.

Bereits der kreative Vorspann umschmeichelt die entzündeten Augen mit bunten Pop-Art-Farbspielen, das wunderbare Titelstück von Giorgio Gaslini besorgt den dazu passenden Hörschmaus.
Dann geht es direktemang ins Eingemachte: Die Kamera verweilt auf nacktem Frauenfleisch, kaltblütig zerschnetzelt von unbekannter Killerhand. Der erste Auftritt des Hitchcock-erprobten Farley Granger mit einigen namenlosen Leichenbeschauer liefert gleich Anlass für den ersten schmierigen Dialog des Films: „Habt ihr sonst noch was gefunden?“ „Jo, ´ne Kollektion Puderdosen.“ „Na, gepudert hat sie ja wohl ganz schön, haha!“
Oha. Solcherlei denkwürdige Dialoge werden im weiteren Verlauf noch zahlreiche folgen (zumindest in der deutschsprachigen Fassung), zartbesaitete Gemüter seien vorgewarnt.

In technischer Hinsicht bietet der Film eher solide Durchschnittsware – die Raffinesse eines Bava oder Argento sollte man nicht erwarten. Zumindest Marcus Stiglegger weist aber im Audiokommentar auf die zuweilen gelungene Ausleuchtung, dezente Farbspielereien (Betonung von Primärfarben) und den geschickten Einsatz von Zeitlupe hin. Wirklich bemerkenswert ist z.B. die erste Mordszene am Strand, als der Täter sein Opfer jagt und die komplette Szene in Zeitlupe aufgelöst wurde. Stiglegger referiert im Audiokommentar über den „Eternal Instant“ von Zeitlupenaufnahmen, das Peckinpahsche „Fixieren des Augenblicks in der Ewigkeit“ und die Darstellung der „Überempfindlichkeit der Sinne im Moment der Krise.“ Äußerst gelungen ist auch eine spätere Sequenz, als das Opfer den Mörder in einem Badezimmerspiegel hinter sich entdeckt, der zuvor von Wasserdampfkondensat verhüllt war und daraufhin eine Wendeltreppe hinaufgejagt wird, an deren Ende sie ihr Dasein aushaucht.

Unbedingt lobenswert ist auch der stimmungsvolle Score vom Jazz-Komponisten Giorgio Gaslini, der auch zusammen mit der Gruppe GOBLIN die Musik zu PROFONDO ROSSO zauberte.

Das recht durchwachsene Drehbuch gewinnt sicherlich keine goldenen Hackebeile für besondere Innovation, zumindest wird aber auch keine Langeweile verbreitet. Bluttat folgt im Sauseschritt auf Bluttat, und da die Geschehnisse größtenteils recht ansprechend inszeniert sind und viel nackte Haut die Leinwand ausfüllt, wird der Zuschauer angenehm bei der Stange gehalten (hüstel!). Einige „Streckszenen“ muss man zwar ertragen, hier und da tritt die Narration etwas unbeholfen auf der Stelle und das Auslegen geschickter falscher Fährten gehört auch nicht unbedingt zur Stärke des Skripts – aber unter solchen Missständen leiden etliche Gialli.
Beim optischen Erscheinungsbild des Messermörders bedient sich der Film recht offensichtlich beim ikonischen Vorbild des Killers aus Bavas BLUTIGER SEIDE – schwarze Lederhandschuhe, Hut, Trenchcoat und Strumpfmaske. Nur ist die Maske hier ebenfalls schwarz, statt weiß. Die blutigen Morde sind recht pittoresk und werden stilsicher mit dem Klappmesser ausgeführt.
Wie in zahlreichen anderen Gialli steht auch in SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL die dekadente Upper-Class im Fokus der Ereignisse. Die Damen der Bourgeoisie werden als hedonistische, unterleibszentrierte Schlampen gezeichnet, die ihren reichen Männern auf der Tasche liegen und sich in Beauty-Parlors und Friseursalons vergnügen
Gegen Ende gelingt es der etwas unbeholfenen Geschichte dann wirklich, eine manierliche Spannung zu erzeugen – und zwar mit dem berüchtigten Telefonat, das dem Film seinen (Original-)Titel verleiht. Die detektivische Glanzleistung, aus der Kommissar mittels dieses Gesprächs dann die Identität des Killers kombiniert, wirkt aber doch etwas arg konstruiert und holprig.

Diskussionswürdig wären eventuell die etwas mittelalterlich anmutenden Moralvorstellungen der Geschichte, wie sie im konservativen Italien der damaligen Ära aber nicht weiter verwundern. Das Brechen des kirchlichen Gebots der ehelichen Treue durch die promiskuitiven Ehefrauen, so könnte man argumentieren, verleiht dem Killer eine Legitimation für seine Taten – ein Postulat, dessen sich ja auch die amerikanischen Verwandten des Slasher-Films bedienen: Wer fickt, wird zerhackt. In fast biblischer Geißelungsmanier wird das Weib als Ursprung aller Sünde und Befleckerin der heiligen Institution Ehe entlarvt. Dieser „Ethik“ folgt der Film konsequenterweise bis zum bitteren Ende, das eine echte Dampframme ist. Hier geht es nicht mehr um die Tugenden von „gut und böse, richtig und falsch“ – hier wird dem Betrachter eine doch etwas fragwürdige und alttestamentarische Kirchenmoral untergeschoben.
Es ist aber dem Spaß zuträglicher, den Film aus dem historischen und soziologischen Kontext zu lösen und ihn mit unideologischen Augen zu sehen – dann ist er nämlich eine mitunter herrlich schmuddelige „Guilty Pleasure“-Erfahrung.

Die deutsche Synchronisation ist stellenweise ein Gnadenhammer, der seinesgleichen sucht. Hierfür gibt es zahllose Beispiele, mein persönlicher Favorit ist aber die Szene auf der Polizeiwache, bei der „warme Brüder“ und „Nutten“ sich einen Schlagabtausch liefern, der derart unfassbar ist, daß ich zurückspulen musste, da ich glaubte, nicht recht gehört zu haben:
Tunte: „Ich steh einfach nicht auf Weiber und hab seit meiner Entwöhnung nie wieder ´ne Titte angepackt!“
Bulle: „Sei doch ehrlich! Du hasst alle Frauen! Es ist doch so, Cleopatra, oder?“
Tunte: „Aaach was, ich bin der Meinung alle Menschen sollten Brüder werden, und zwar warme! Und wieso quatscht ihr immer von ´nem Mörder, es kann doch auch ´ne Schickse gewesen sein!“
Bulle: „Natürlich. Oder ein Arschficker wie du.“
Tunte: „Apropos, wenn du kein Bulle wärst, könnt ich direkt schwach werden!“
(Auftritt Farley Granger)
Tunte: „Hee, Kommissar, können wir Ihren Gesellen hier nicht umschwulen?“
Nutte: „Den sollte man auch umficken!“

Un-fass-bar!! Ich frage mich immer wieder, was in den Hirnskästen der damaligen Synchronautoren wohl vor sich ging oder aus welchen verkommenen Bahnhofspinten und Bierschwemmen diese Schreiberlinge rekrutiert wurden. Augenscheinlich ist jedenfalls, daß die Genrefilme der Epoche nicht sonderlich ernst genommen und generell als Abfallprodukt behandelt wurden. Den Trash-Gourmet erfüllt dies natürlich mit Wohlgefallen, wenn auch eher unbeabsichtigt. Das italienische Original verströmt jedenfalls eine gänzlich andere Atmosphäre, die Grundstimmung des Films ist bierernst, teilweise sogar niedergeschlagen. Mitunter gibt das Skript sich regelrecht wortkarg, während die deutsche Fassung fröhlich drauflos plappert.

Den Kommissar Capuana gibt uns der legendäre Hollywoodstar Farley Granger, der anno dunnemals mit Altmeister Hitchcock bei COCKTAIL FÜR EINE LEICHE und DER FREMDE IM ZUG zusammenarbeitete – in gesetzten Jahren zog es ihn dann nach Italien, wo der in Filmen wie ALLA RICERCA DEL PIACERE (aka HOT BED OF SEX aka LEATHER AND WHIPS) oder Dallamanos DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER mitspielte.
Granger macht seine Sache durchaus ordentlich – mitunter haftet seiner Rolle etwas subtil Tragisches an, das er hervorragend transportiert. Wie er wohl auf den offen homophoben Humor des Streifens reagiert haben mag, bleibt Spekulation; schließlich ist Granger selber schwul und lebt seit 50 Jahren in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung.
Neben Granger ist vor allem die durchweg ansehnliche Damenriege bemerkenswert, denn hier gibt es zahlreiche Augenweiden für die Skopophilen unter uns zu belechzen. Das erste Opfer des Mörders wird von der liebreizenden Femi Benussi gegeben – dieser Mord ist auch in filmischer Hinsicht herausragend, denn es handelt sich um die bereits erwähnte Zeitlupen-Massakrierung am Strand. Außerdem gibt es noch Annabella Incontrera und die stets gern gesehene Susan Scott alias Nieves Navarro zu bewundern. Mein persönlicher Liebling unter den Schönen, Nackten und Liebestollen ist die rassig-rothaarige Österreicherin Krista Nell, die leider drei Jahre später an Leukämie starb. Die Ehegattin von Capuana wird von der aparten Sylva Koscina gespielt, die ursprünglich aus Kroatien stammt.
Der gestandene Silvano Tranquilli hat nicht nur die Rolle eines Anwalts übernommen, er darf sich auch mit Nieves zwischen den Laken wälzen. Besonders erwähnenswert ist natürlich der einzigartig morbide Luciano Rossi (u.a. bekannt aus den Luciano Ercoli-Giallo, als „Quasimodo“ in CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF und zahllosen anderen) in der Rolle des nekrophilen Leichenbestatters, der im Film bereits recht früh als Tatverdächtiger eingeführt wird – ein „Roter Hering“, denn man schnell als solchen durchschaut. Mir ist er besonders durch seine manische Darbietung in DJANGO UND DIE BANDE DER BLUTHUNDE in Erinnerung geblieben. Laut Kessler ließ er sich in Edoardo Mulargias FOLTERCAMP DER LIEBESHEXEN ohne Double fellationieren, was ihn zumindest zu einem Schauspieler macht, der seinen Beruf mit Leidenschaft ausübte.

Ein Wort noch zu den „Hardcore-Szenen“, die in der US-Fassung des Films mit dem zweideutigen Titel PENETRATION, zu bestaunen sind: Ein gewiefter amerikanischer Produzent ließ einige Rödeleien mit drittklassigen Sexakteuren ablichten, schnitt sie in Monteros Film und bewarb das Ergebnis als „Porno mit Farley Granger“. Der betagte Schauspieler war davon weniger amüsiert und verklagte den Produzenten, wonach die Ferkelfassung vom US-Markt verschwinden musste. Aus lizenzrechtlichen Gründen veröffentlichte Camera Obscura nun die „geschnittene“ Version ohne Porno-Inserts – was ja auch die ursprünglich von Montero beabsichtigte Schnittfassung ist.
Der Schelm Kessler kommentiert dies im Audiokommentar wie folgt: „Ich hätte es sehr lustig gefunden, wenn die Firma vom über 80 Jahre alten Farley Granger verklagt worden wäre und die gesamte DVD-Edition dann eingestampft hätte werden müssen. Das wird nun leider nicht geschehen.“
Grins. Seien wir froh darüber!

Apropos: Eine besondere Huldigung verdient der sehr informative und vergnügliche Audiokommentar der beiden Filmgelehrten Marcus Stiglegger und Christian Kessler. Auffallend daran ist, dass Stiglegger eher mit fachmännischer Ernsthaftigkeit zuwerke geht und gerne doziert, während Kessler die Angelegenheit mit seinem speziellen Humor („Titten!“) erfolgreich vor allzu ausufernder Trockenheit bewahrt. An einer Stelle schnäuzt er sich sogar enthemmt die Nase (voll ins Mikro!) und gibt öfters einige seiner prallen Anekdoten zum Besten, die ja stets für Stimmung sorgen. In jedem Fall sind diese Audiokommentare eine lehrreiche und amüsante Dreingabe, die man auch bei zukünftigen Veröffentlichungen nicht missen möchte!

Fazit: SCHÖN, NACKT UND LIBESTOLL gehört gewiss nicht zu den Glanzlichtern des Genres, dafür ist die Macht der Konkurrenz einfach zu groß. Er bewegt sich vielmehr im gehobenen Mittelfeld – um zu den Giallo-Größen zu zählen, mangelt es ihm an Spannung, originellen Einfällen und einem überzeugenden Drehbuch. Trotzdem wird hier recht solide Kost serviert, die lediglich etwas an Würze vermissen lässt.
Aber ganz egal wie gut oder schlecht der Film ist – was letztendlich dem subjektiven Geschmack unterliegt – so muss man doch dem wunderbaren Label Camera Obscura tiefen Dank zollen für die Veröffentlichung dieses vergessenen Kleinods. Die Aufmachung der DVD ist prächtig und stilvoll, der Film wird in brillanter Qualität dargereicht. Das Sahnehäubchen sind die üppigen Extras und der bereits großzügig mit Lorbeer gekrönte Audiokommentar.


Lieblingszitat des Films:
„Das erste Mal gestorben und gleich tot! Hähä.“

Lieblingszitat des Audiokommentars:
„Später drehte er [Roberto Bianchi Monteros Sohn Mario Bianchi] dann Filme wie DER GEILE TAXI-FICKER und… naja… (Pause)… da weiß man gar nicht, was man sagen soll.“

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BeitragVerfasst: 12.06.2010 01:33 
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Ich warte leider noch immer auf meine Ersatzlieferung, es ist ein Trauerspiel.

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Sehr, sehr schöne Besprechung!
Mein Exemplar befindet sich noch im Versandprozess und die Tage des Wartens werden jetzt wohl noch qualvoller.
Besten Dank Diabolik!
Mein Wort des Tages: Ferkelfassung :lol:

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BeitragVerfasst: 14.06.2010 20:22 
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Zombiebunker hat geschrieben:
Sehr, sehr schöne Besprechung!


Blap hat geschrieben:
Welch prächtiger Kommentar. Du solltest die Booklettexte für Label der gehobenen Güteklasse verfassen!


Danke für die Blumentöpfe. Ich verneige mich in Demut und gebe ab an Herrn Lundgren...

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BeitragVerfasst: 14.06.2010 20:22 
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THE MECHANIK (USA/Deutschland 2005) R: Dolph Lundgren

Der ehemalige russische Speznaz-Elitesoldat Nikolai Cherenko (Dolph Lundgren) hat die Kampfstiefel an den Nagel gehängt und führt ein beschauliches Leben als Familienvater und Automechaniker. Das geht so lange gut, bis der Drogenbaron Sasha (Ivan Petrushinov) und seine Spießgesellen in der Nachbarschaft eine Schießerei anfangen und dabei Nicks Frau und sein Sohn ums Leben kommen. Nick fackelt nicht lange, nimmt blutige Rache und schickt die Bande ins Schattenreich. Alle, bis auf Sasha – denn der scheinbare Kopfschuss durchschlug nur die Wange des Dealers. Sieben Jahre später: Nick ist als illegaler Einwanderer in die USA immigriert, wo er erneut seinen Borschtsch als Mechaniker verdient. Da steht plötzlich der Anwalt einer wohlhabenden Landsmännin vor seiner Tür und bittet ihn als ehemaligen Speznaz-Kämpfer um Hilfe: Die Tochter der Dame ist in Sankt Petersburg entführt worden, man verlangt ein horrendes Lösegeld. Zunächst weigert Nick sich, doch als man ihm ein Foto des Entführers präsentiert, ändert er schlagartig seine Meinung: Es handelt sich natürlich um Sasha, der in Russland einen Drogen- und Mädchenhändler-Ring unterhält. Nikolai fliegt in die alte Heimat zurück, wo man ihm bereits eine schlagkräftige Truppe Einheimischer zur Unterstützung bereitgestellt hat, angeführt von dem Briten William Burton (Ben Cross). Am folgenden Tag dringt man in den Club der Gangster ein und befreit das mit Drogen gefügig gemachte Mädchen mit handfestem Waffeneinsatz. Eine Flucht durch das ländliche Russland nimmt ihren Lauf, während Sasha und seine Männer den Befreiern an den Hinterreifen kleben…


Nachdem Dolph Lundgren bereits bei THE DEFENDER für den erkrankten Sidney J. Fury einsprang und auf dem Regiestuhl Platz nahm, markiert THE MECHANIK seine erste vollständig eigene Arbeit als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion. Der Film soll zwar in Russland spielen, wurde aber – bis auf einige Szenen in Sankt Petersburg – hauptsächlich in Bulgarien gedreht. Diese Wahl kann man nur als perfekt bezeichnen, denn das rundum gelungene Ergebnis lebt, neben seinen brillant gefilmten, kompromisslos harten Actionszenen, vor allem von den Schauplätzen und Settings.

Was nämlich THE MECHANIK von der üblichen Action-B-Ware angenehm unterscheidet, ist das Augenmerk auf kulturelle Eigenarten, Lokalkolorit und schwelgerische Landschaftsgemälde. Die recht simple und wenig innovative Story spult zwar eine sattsam bekannte Handlung herunter, lässt sich jedoch immer wieder viel Zeit für wunderschöne Panoramaaufnahmen der osteuropäischen Natur und Einblicke in die Lebensart des herzlichen und gastfreundlichen Völkchens, das sie bewohnt. Verstärkt wird diese erdige Echtheit durch den konsequenten Einsatz der russischen Sprache bei allen nicht-angelsächsischen Darstellern.

Aber kommen wir zum Mark dieses dunkel brodelnden Gebräus, der Action: die ist dermaßen räudig, dreckig und raubeinig inszeniert, dass es geradezu körperlich schmerzt. Es wird ausgiebig geschossen, gestochen und geblutet; Knochen zerbersten, zerschundene Leiber fliegen in Zeitlupe in den Schweinedreck am Wegesrand, menschliche Schnipsel regnen in den Staub. Lundgrens Regie ist dabei absolut professionell und abgeklärt. Die kurzen aber umso heftigeren Bleigewitter werden vom Kameramann Ross W. Clarkson in ausgewaschene, düstere Farben gekleidet, geschickter Zeitlupeneinsatz verstärkt die Authentizität der Gewalt. Die ungemein straffe Inszenierung verzichtet bewusst auf beschönigendes Beiwerk, man riecht förmlich den Schweiß und spürt den Dreck auf der Haut. Passend bodenständig sind auch die Action-Sequenzen – im fast 20minütigen Finale kämpft Nick nicht etwa mit einer Hightech-Präzisionswaffe, sondern mit einer schlichten doppelläufigen Schrotflinte, was die Rohheit des Showdowns noch steigert.
Der äußerst rabiate Schlusskampf zwischen Sashas Mannen und Nicks Trupp vollzieht sich ausschließlich auf einem heruntergekommenen Hof in einem Dorf an der finnischen Grenze. Dies funktioniert nicht nur prächtig, es stellt auch eine willkommene Abwechslung zu den gängigen finalen Shoot Outs dar, die zumeist in sterilen Stahlbeton- und Glaswüsten abgefeiert werden.

Der Humor des Streifens gibt sich angenehmerweise sehr zurückhaltend und beschränkt sich auf dröge Situationskomik, die zudem meistenteils vom leicht fatalistischen Trinker Burton ausgeht. Ein schöner Running Gag ist die wiederkehrende Misslage des auf der Strecke bleibenden Gefährts (Burton: „Fuckin´russian junk!“), bei dem dann Nick seine Mechaniker-Künste unter Beweis stellen darf und den streikenden Motor auf sehr russisch-pragmatische Art mal mit Damenstrümpfen, mal mit Chilipulver flickt.

Auch die Schauspielerriege kann – dem schlichten Sujet angemessen – vollends überzeugen. Herr Lundgren selber spielt den rachdurstigen Witwer Nick auf knorrig wortkarge Weise, verleiht der Figur aber trotzdem eine subtile Tiefe und unterschwellige Tragik. Sein – wirklich sehr gutes – Spiel glänzt mit feinem Understatement. Wundervoll ist auch Ben Cross in der Rolle des trinkfreudigen Engländers Burton, der anfangs von Nicks Hammer und Amboss-Methoden fast zur Verzweifelung gerieben wird.
Auch sämtliche Nebenrollen vermögen es, durch die Bank zu begeistern, zumal man es mit frischen und unverbrauchten Gesichtern zu tun hat, die allesamt so authentisch rüberkommen, als habe man sie von den Sankt Petersburger Hinterhöfen weggecastet. Ivan Petrushinov als Gangsterboss Sasha legt eine wunderbar eklige Performance auf die Dielenbretter – man glaubt dem Mann jedes Wort, jeder Blick ist eine Drohung, jedes Grinsen eine Verheißung nahender Schmerzen.
Die britische Komödiantin Olivia Lee verkörpert die entführte Tochter, die während der ersten Filmhälfte im Dogennebel dahintaumelt, überraschend gut und mit ungewöhnlichem Ernst. Es dauert nicht lange, da knospen in ihr zärtliche Gefühle für Nick heran, aber der Film verzichtet dankenswerterweise auf jegliche Romanze. Nick hat seinen Verlust noch nicht überwunden, dazu sind nicht viele Worte nötig – sein Herz ist nicht frei und seine Stirn ist schwarz umwölkt vom Willen zur Blutwurst.
Und die kreist dann am Ende in der Pfanne, daß es eine Art hat – der rote Lebenssaft suppt knüppelhageldick aus faustgroßen Einschusskratern.

Kurzum: Eine konsequente und mitreißende Action-Splitterbombe der B-Liga, wie man sie in dieser ungeschminkten Direktheit seit Jahren nicht mehr erleben durfte. (Man sollte jedoch unbedingt darauf achten, sich die ungekürzte Fassung zu besorgen, sonst erlebt man eine böse Spaßbremse.)
Daumen hoch, Mr. Lundgren! Bitte mehr davon!

Lieblingszitat:
“What´s the plan?“
“Kill ´em all.”



Besten Dank an Herrn Blap für diese wunderbare Empfehlung!

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BeitragVerfasst: 14.06.2010 22:22 
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Eine erstklassige Rezension zu diesem B-Hammer! Wenn ich deine Ausführungen lese, habe ich das Treiben fast greifbar vor Augen! Ausserdem wird mir sofort klar, warum B-Action regiert, rockt und rollt!

Dolph for President!

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BeitragVerfasst: 16.06.2010 20:33 
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SEINE KUGELN PFEIFEN DAS TODESLIED („Il Pistolero dell' Ave Maria“, Italien/Spanien 1969) R: Ferdinando Baldi

Ein Fremder (Peter Martell = Pietro Martellanza) reitet durch eine unwirtliche Wüstengegend, wachsam beäugt von fiesen, waffenstarrenden Mexikanern. Offensichtlich pfeift er aus dem letzten Loch: kraftlos hängt er im Sattel, vom Durst ausgelaugt, von der Sonne verbrannt. Als es jedoch zur Konfrontation kommt, zeigt der Fremde, aus welchem Holz er geschnitzt ist – fünfmal donnert der Revolver und fünf Mexikaner fressen Staub. Den Sechsten lässt er laufen, nicht ohne ihm eine Botschaft mit auf den Weg zu geben: Schöne Grüße an die Herrin, was eine gemeine Mörderin sei.
Kurz darauf findet der Fremde, der auf den Namen Raphael hört, Unterschlupf auf einer kargen Farm, die vom jungen Sebastian (Leonard Mann = Leonardo Manzella) allein bewirtschaftet wird. Anhand eines Kleidungsstücks erkennt Raphael seinen Gastgeber und wir erfahren, dass sie ein gemeinsames Schicksal verbindet. Eine opulente Rückblende verrät uns die Wahrheit über die beiden: Sie kennen sich schon seit früher Kindheit und spielten als Jungs miteinander, die Dritte im Bunde war Sebastians Schwester Isabella (Pilar Velásquez), zu der Raphael bereits im Knabenalter liebevolle Bande knüpfte. Auf der heimischen Hazienda wird ein rauschendes Fest gegeben, denn man erwartet die Ankunft des Hausherren und Familienoberhauptes, dem General Carrasco (José Suárez), der im Krieg gegen die Franzosen gekämpft hat. Sebastians und Isabellas Mutter Anna (Luciana Paluzzi) birgt jedoch blutrünstige Pläne unter dem Busen: mit Beihilfe ihres Liebhabers Tomás (Alberto de Mendoza) will sie den unerwünschten Gatten loswerden. Tomás erdolcht den Patriarchen hinterrücks, Anna gibt ihm mit dem Colt den Rest – dummerweise hat Isabella jedoch die Bluttat heimlich beobachtet. Um sie zum Schweigen zu bringen und von ihrem lästigen Lover Raphael zu trennen, wird sie mit dem Krämer Juanito (Luciano Rossi) zwangsverheiratet und fristet auf dem Anwesen das Dasein einer besseren Magd. Der kleine Sebastian ist nach den Ereignissen mit seiner Amme (Silvana Bacci) nach Texas geflohen.
Nach dieser Offenbarung braucht es nicht viele Überredungskünste, um Sebastian für den geplanten Rachefeldzug zu gewinnen. Die mannstolle Anna hat jedoch seit langem ein Auge auf den schmucken Raphael gelegt und versucht mit Hilfe ihrer mexikanischen Schergen, allen voran der schmierige Schurke Francisco (Piero Lulli), seiner habhaft zu werden. Gemeinsam machen sich die Gefährten auf den Weg in die alte Heimat, gehetzt von einer Todesschwadron mexikanischer Mordbuben…


Wie auch schon bei Castellaris DJANGO – DIE TOTENGRÄBER WARTEN SCHON (Shakespeares Drama „Hamlet“), Puccinis GLUT DER SONNE („Romeo und Julia“) und Bazzonis MIT DJANGO KAM DER TOD (Prosper Merimees Novelle„Carmen“) bedient sich hier erneut ein Italowestern an klassischen Stoffen der Weltliteratur – im vorliegenden Fall wurde die griechische Tragödie „Orestie“ des Aischylos verbraten. Im Gegensatz zu den drei erstgenannten Filmen, bei denen das Ergebnis etwas bemüht und unbeholfen daherkommt, funktioniert die Umsetzung der Vorlage bei SEINE KUGELN PFEIFEN DAS TODESLIED aber prächtig. Es ist die zeitlose Geschichte des ruhmreichen Feldherren Agamemnon, der aus siegreicher Schlacht (Troja) heimkehrt, sich nach den liebenden Armen seiner treuen Ehefrau (Klytämnestra) sehnt, jedoch auf Verrat und heimtückischen Meuchelmord durch ihren Lover (Aigisthos) trifft. Seine Kinder (Orest und Elektra) werden des heimischen Hofes verwiesen und sinnen auf Rache.
Ein Stoff, der sich problemlos und elegant vom antiken Griechenland in die staubigen Gefilde Mexikos transponieren lässt, was Regisseur Ferdinando Baldi bravourös gelingt. Der Film legt von der Expositionsszene bis zum fulminanten Showdown in der Hazienda ein angenehm flottes Erzähltempo vor – es gibt kaum Verschnaufpausen, das vorzüglich ausgefeilte Drehbuch verzichtet gänzlich auf Füllszenen und verleiht jedem Moment eine narrative Bedeutung.
Die anfangs etwas nebulöse Handlung wird durch die geschickt eingefügte Rückblende perfekt aufgelöst und belegt jeden der Charaktere mit seiner ureigenen, fest determinierten Bestimmung. Sebastian folgt mit einer Mischung aus eiskalter Berechnung und brennender Leidenschaft seinem Racheziel, während Raphael von seiner unsterblichen und verzehrenden Liebe zu Isabella angetrieben wird. Daraus entspinnt sich eine klassisch konstruierte Familientragödie, die mit Intrigen, gefährlichen Gelüsten und ungestillten Sehnsüchten gespickt ist und im Verlauf der Handlung immer wieder mit Plottwists und überraschenden Wendungen auftrumpft. Einige schön gefilmte Pistolenduelle werden serviert (bei denen man sich etwas mehr Härte gewünscht hätte), es gibt Faustkämpfe und Remmidemmi im Saloon, eine kleine Folterung am Rande, attraktive Frauen und alles Weitere, was eine zünftige Pferdeoper verlangt.
Am besten wird der Film immer dann, wenn er die dunklen, trostlosen Winkel in den intriganten Familienbeziehungen des Hauses Carrasco ausleuchtet, in deren Schatten sich niederträchtige menschliche Gefühle suhlen – Hass, Eifersucht, Schuldkomplexe und Lieblosigkeit regieren. Es verwundert daher nicht, dass Anna mit ihrem Mittäter und Lover Tomás ihre unersättliche Lebensgier nicht lange stillen kann und sich rasch neuen, kurzlebigen Liebschaften zuwendet. („Du bist für mich nichts weiter als ein Verwalter“, wirft sie ihm eiskalt an den gehörnten Kopf.)
Das Finale durchweht dann sogar noch eine Prise apokalyptischen Gothic-Horrors, wenn die Hazienda ein Fraß der Flammen wird, wie einst das verfluchte Haus derer von Usher.

Beim Ensemble herrscht gehobenes Niveau, alle leisten herausragende Arbeit: Leonard Mann (DIE KILLER-MEUTE) glänzt in seiner vielleicht besten Rolle, auch wenn er weitgehend emotionslos spielt, was seinem Charakter aber angemessen erscheint. Peter Martell (DIE BANDITEN VON MAILAND) überzeugt rundum als unglücklicher Liebeskranker – hervorzuheben ist die wunderbare Szene im Saloon, als er eine leichte Dame abweist und sich mit Tequila die Kante gibt, während die liebreizende Barbara Nelli im Hintergrund das ansehnliche Tanzbein schwingt. Piero Lulli (TÖTE, DJANGO) ist stets eine Bank, auch hier gibt er den herrlich ekligen Banditen Francisco mit Hingabe. Meine Lieblingsszene mit ihm ist eine „Folterung“, als er dem Delinquenten, einem alten Mann auf einem Friedhof, Informationen entlockt indem er ihm androht, seine Brille zu zerbrechen! Luciana Paluzzi (TRAGIC CEREMONY) ist eine sündige Augenweide und verkörpert die kalt berechnende Männerfresserin auf rundum gelungene Weise. Wunderschön anzuschauen ist auch die Spanierin Pilar Velásquez in der Rolle der Isabella.
Der tolle Luciano Rossi (SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL) bleibt leider ungewohnt blass, aber mehr gab seine Figur wohl leider nicht her. Gleiches gilt für Alberto de Mendoza (DER KILLER VON WIEN), der aber zumindest den abgelegten Stecher ansprechend rüberbringt. In Nebenrollen sehen wir Mirella Pamphili (LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG) als mexikanische Dirne, die Sebastian das Badewasser heiß macht („Wenn Sie den Wunsch haben, abgerubbelt zu werden, rufen Sie nach mir. Ich komme auch nachts vorbei.“), sowie José Manuel Martin und Franco Pesce, die jedoch nur Kurzauftritte absolvieren.

Die ideenreiche Kameraführung und der dynamische Schnitt sind hervorragend, auch wenn natürlich an keiner Stelle die Meisterschaft eines Sergio Leone erreicht wird. Eine güldene Krone gebührt jedoch dem wunderbaren Score von Roberto Pregadio, einem der besten Musikstücke des Italowesterns neben den Arbeiten von Morricone. Das eingängige Titelthema entzückt mit Gitarren, Streichern, Oboen- und Klarinetteneinsatz, akzentuiert mit Gänsehaut erzeugenden Pfeifer-Passagen und unheilvollen Kirchenglocken. Ich konnte mich gar nicht satt daran hören!

Schlusswort: Ein unverdienterweise wenig bekannter, ausgezeichneter Vertreter seiner Zunft und – meiner bescheidenen Meinung nach – der beste Western von Ferdinando Baldi. Sein schräger BLINDMAN gefällt mir zwar fast ebenso gut, aber der lässt sich eh mit nichts anderem vergleichen…

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BeitragVerfasst: 17.06.2010 18:22 
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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 11:12 
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MIMIC (USA 1997) R: Guillermo del Toro

In New York grassiert eine mysteriöse Seuche, die vor allem kleine Kinder trifft: das tödliche Strickler-Syndrom. Übertragen wird die Krankheit ausgerechnet durch Küchenschaben, die im Big Apple tonnenweise vorkommen. Die jungen Wissenschaftler Dr. Susan Tyler (Mira Sorvino) und Dr. Peter Mann (Jeremy Northam) haben jedoch eine ungewöhnliche Lösung des Problems parat: Eine biologische Gegenwaffe wird eingesetzt, eine Mutation aus einer Termite und einer Gottesanbeterin – die Judas-Züchtung. Durch deren Exkremente verenden die Kakerlaken, und die Gefahr scheint gebannt.
Drei Jahre später kommt es jedoch zu tödlichen Ereignissen in Manhattan: Es scheint, als ginge ein geheimnisvoller Serienmörder im Untergrund um, der sich seine Opfer unter den Obdachlosen sucht, die in verlassenen U-Bahn-Stationen hausen. Gleichzeitig erhält Susan von zwei Kindern einen mysteriösen Fund: eine große, mutierte Kakerlake, bei der es sich um ein Jungtier der mutierten Judas-Schabe zu handeln scheint. Susan und Peter stellen Nachforschungen an, unterstützt von dem U-Bahn-Securitybeamten Leonard (Charles S. Dutton) und dem Schuhputzer Manny (Giancarlo Giannini – genau, der damals in DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL den Inspektor Tellini spielte), der seinen autistischen Sohn Chuy (Alexander Goodwin) vermisst. Unter den Straßen von New York stoßen sie auf die schreckliche Wahrheit: Die Judas-Brut ist zu menschengroßen, fleischfressenden Monstren mutiert, die sich durch geschickte Mimikry an ihre humanen Feinde angepasst haben…


Tja. In groben Zügen liest sich diese Zusammenfassung gar nicht mal soo übel, und man hätte durchaus einen anständigen B-Monsterfilm daraus zimmern können.
Leider krankt die ganze Angelegenheit – wie so häufig – bereits am Drehbuch, das ein derart lückenhafter Flickenteppich geworden ist, dass der ganze Staat NY durch die klaffenden Logiklöcher fallen könnte.
Das Dilemma beginnt bereits bei der hirnamputierten Prämisse, dass die Geheimwaffe der Judas-Schrecken aus deren Kot besteht – denkt man diese Idee konsequent zu Ende, müssten die mutierten Monsterschaben ihre Opfer eigentlich zu Tode scheißen, anstatt sie zu zerfleischen. (Was ich übrigens sehr lustig gefunden hätte.) Überhaupt könnte der in seiner Naivität geradezu rührende Einfall, „genmanipulierte“ Schaben in New York auszusetzen, um nicht-genmanipulierte Schaben auszumerzen, direkt aus einem 50er Jahre-Billig-SF-Film von Jack Arnold stammen. (Was ja auch wieder sehr charmant ist.) Um den ganzen Kleister posthum „logisch“ zu erklären, lässt sich der Drehbuchautor dann aber allerhand pseudowissenschaftlichen Mumpitz einfallen – ein „Selbstmord-Gen“ wird bemüht, auweia. Solcherlei Dünnpfiff wird im Verlauf noch in üppigen Haufen serviert, und man fühlt sich zeitweise in eine der schlechteren Episoden von AKTE X versetzt – aber reiten wir nicht weiter drauf herum. Schließlich soll dies ein Monsterfilm sein, und was macht einen Monsterfilm aus? Szenen mit Monstern, genau!

Leider schafft der Film es aber auch in dieser Hinsicht nicht wirklich zu überzeugen. Zwar sehen die mutierten Krabbelviecher recht eklig und bedrohlich aus (besonders in ihrer „Mimikry“-Erscheinungsform), aber leider versäumt das Drehbuch es, aus den Konfrontationen mit den Killerinsekten das nötige Quäntchen an Suspense, Nervenkitzel oder gar Horror herauszupressen. Obwohl sich reichlich wohlfeile Gelegenheiten dazu anböten, vergeigt das Skript sämtliche guten Ansätze und lässt jede Möglichkeit auf ärgerliche Weise im Sande verlaufen. Es gibt durchaus gelungene Momente – aber immer dann, wenn die Narration die Daumenschrauben anziehen müsste, wird wieder lockergelassen. Stattdessen übt man sich im routinierten Abhaken von Klischees und gängigen Standardsituationen.
Was die Sache noch verschlimmert, sind die unausgegorenen und insgesamt blassen Charaktere – keine der Figuren besitzt Tiefe, Sympathiewerte oder wirkliches Potential. Letztendlich bleiben alle Beteiligten nur blutleere Statisten, die um den mageren Plot herumchargieren. Da macht auch der großartige Charaktermime F. Murray Abraham keine Ausnahme, der in einer unscheinbaren Nebenrolle verheizt wird. Hinzu kommen die mitunter sinnentleerten und/oder saudoofen Dialoge, die nicht einmal den Charme einer waschechten Trash-Gurke verströmen, sondern vielmehr auf peinliche Weise versuchen, sich an den damals unausweichlichen Tarantino-Chic anzubiedern.

Das Gelungenste an der ganzen Chose ist noch mit Abstand die Inszenierung von Del Toro, die immerhin sehr dicht und atmosphärisch rüberkommt – was hätte daraus werden können, wenn man ihm ein besseres Skript geliefert hätte! Die Kulissen der dunklen U-Bahn-Schächte und Abwasserkanäle, jene „geheime Welt“ unter der Großstadt, wird sehr wirkungsvoll genutzt, und auch an der guten Kameraarbeit von Dan Laustsen gibt es nichts zu bemängeln. Auf formaler Ebene ist der Steifen also durchaus annehmbar.
Hier und dort kommt auch tatsächlich so etwas wie Gruselstimmung und leidliche Spannung zustande, es wird eine Kelle ALIENS aufgeschüttet und mit einer Prise Carpenter nachgewürzt. Was letzten Endes aber auf dem Teller landet, ist leider nicht mehr als aufgewärmte Durchschnitts-Brühe, die einen faden Nachgeschmack hinterlässt.
Schade, wirklich schade.
Nach seinem vorzüglichen CRONOS hätte man sich von Del Toros erster US-Produktion etwas mehr Innovation und Pfeffer gewünscht, aber wahrscheinlich hielt das Studio den Neuling auf kleiner Flamme.

Der dickste Wermutstropfen kommt aber zum Schluss: Die DVD von MAWA Film & Medien/VCL Communications ist eine bodenlose Frechheit, obwohl es sich sogar um eine Neuauflage von 2010 handelt (mit FSK-Flatschen ohne Wendecover). Das Bild ist matschig, ständig geistern Schlieren und Nachzieheffekte über die Leinwand. Bei dunklen Szenen (also zu 80% des Films) erkennt man teilweise nichts mehr. Ab in die Tonne!


Lieblingsdialog:
„Hey Leute, hier geht eine echt perverse Scheiße ab!“
„Was für eine perverse Scheiße?“
„Eine ultraperverse!“

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 11:21 
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Blap hat geschrieben:
habe ich spontan die Marketing Scheibe für 3.50€ in der Bucht geschossen.


Die Marketing-DVD hat leider ein etwas schlechteres Bild, als die Scheibe vom großen X (unter dem Titel 3 KUGELN FÜR EIN AVE MARIA). Allerdings finde ich das nicht so dramatisch. Insgesamt kommt das Bild etwas dunkler daher, was IMHO aber der Grundstimmung des Films zugute kommt. Außerdem ist der eklatante Preisunterschied zwischen beiden Produkten ein Argument für die Marketing.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 11:57 
Ich lese Deine Bewertungen sehr gerne, habe aber manchmal nicht die Zeit alles ganz durchzulesen.
Kannst Du nicht ein kleines Fazit am Schluss anbringen, vielleicht mit Bewertung?
So wäre es leichter, weil ich mir bei hohen Bewertungen immer die Zeit nehmen würde um alles vollständig zu lesen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 13:55 
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Diabolik! hat geschrieben:
Außerdem ist der eklatante Preisunterschied zwischen beiden Produkten ein Argument für die Marketing.


So ist es. Nicht zu vergessen, dass das Cover der X-Scheibe recht *räusper* bescheiden anmutet. :lol:


italostrikesback hat geschrieben:
Kannst Du nicht ein kleines Fazit am Schluss anbringen, vielleicht mit Bewertung?
So wäre es leichter, weil ich mir bei hohen Bewertungen immer die Zeit nehmen würde um alles vollständig zu lesen.


Sünde! Ewige Verdammnis wäre die Folge!

Du sollst nicht die Rosinen aus dem Sud picken! Du sollst hungern, lechzen und leiden! Leidenschaft für Filme, nicht Gestocher nach den dicken Brocken! Knie nieder und empfange deine Strafe! :mrgreen:

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 20:19 
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Blap hat geschrieben:
Sünde! Ewige Verdammnis wäre die Folge!

Du sollst nicht die Rosinen aus dem Sud picken! Du sollst hungern, lechzen und leiden! Leidenschaft für Filme, nicht Gestocher nach den dicken Brocken! Knie nieder und empfange deine Strafe! :mrgreen:


Dem ist nichts hinzuzufügen. 8-)

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 22.06.2010 20:21 
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THUNDER (Italien, 1983) R: Fabrizio de Angelis

Der Indianer Thunder (Mark Gregory) kehrt in sein altes Heimatstädtchen irgendwo in Redneck-County zurück, um seine Freundin Shyla (Valeria Ross) abzuholen, die bei ihrem alten Großvater lebt und eine Tankstelle betreibt. Schon bei der erstbesten Gelegenheit gerät er mit dem Hilfssheriff Barry (Raimund Harmstorf) aneinander, der die„stinkende Rothaut“ zunächst erst mal verwarnt. Als Thunder jedoch erfährt, dass der uralte Indianerfriedhof abgerissen und bebaut werden soll, wobei obendrein ein Vertrag aus der Bürgerkriegszeit gebrochen wird, kommt es zum Äußersten: mit Pfeil und Bogen bewaffnet lehnt Thunder sich gegen die Staatsgewalt auf und lässt es zunftgemäß krachen & scheppern…


THUNDER wurde, wie unschwer zu identifizieren ist, im Fahrwasser des Erfolges von RAMBO vom fleißigen Produzenten Fabrizio de Angelis unter dem dümmlichen Pseudonym "Larry Ludman" flugs heruntergekurbelt – und entpuppt sich dabei als Rip-Off in Reinkultur. Der Film räubert dreist beim Original, kupfert die Vorlage teilweise szenengleich ab – doch trotz aller Ideenarmut ist dabei ein unterhaltsames und kurzweiliges Action-Trash-Vehikel entstanden, das mitunter durchaus zu rocken versteht.
Es ist jedenfalls ohne Probleme möglich – die nötige Menge Bier & Chips vorausgesetzt –, sich beim Genuss des Streifens prächtig zu amüsieren, wenn man dem ausgelutschten Plot nicht allzu viel Ernst beimisst, unfreiwillige Komik in Kauf nimmt und Spaß an deftigen Karambolagen und Low Budget-Explosionen mitbringt.
De Angelis hat offenbar seinem Kumpel Enzo Castellari beflissen auf die Finger geschaut und sich dessen Inszenierungsstil abgeguckt – sprich: es wird sich bei Peckinpah bedient, als sei´s ein Krämerladen! Leider fehlt De Angelis aber Castellaris inszenatorisches Talent, die Zeitlupen-Szenen kommen etwas hölzern und unbeholfen um die Ecke. (Als Produzent ist der gute Mann ja für ungezählte Italo-Genreperlen verantwortlich, als Regisseur verbrach er u.a. die beiden Fortsetzungen zu THUNDER von 1985, sowie den Heuler OVERTHROW – SÖLDNER DES SCHRECKENS und den schundigen DER MÖRDER-ALLIGATOR.)
Es dauert eine Weile, bis der Film richtig in die Gänge kommt, aber dann wird ein pausenloses Actionfeuerwerk abgefackelt. Besonders schmackhaft wird es, wenn Thunder eine Bazooka in die Finger fällt – ganz Dodge City ist ´ne Wolke! Dicke Lachtränen liefen mir über die Fratze, als der wehrhafte Indianer einen Bulldozzer in seine Gewalt bringt und mit dem Bagger über den Highway brettert, neben sich seinen Raketenwerfer, in voller Kriegsbemalung und Fransenweste – yippieeeeh! Der Blech- und Bauschaden ist dementsprechend gigantisch, die Bilder präsentieren sich spektakulär und versprühen ein hübsches B-Movie-Flair.

Die Handlung entfaltet sich angemessen stereotyp, das ländliche Amerika präsentiert sich als Brutstätte von Nazis und Hinterwäldlern der übelsten Sickergrube. Ganz artgerecht kommentiert dann auch eine gute Bürgerin die Misshandlung des Indianers mit den Worten: „Wird auch Zeit, dass Sie uns das Gesindel vom Hals schaffen!“ – Theres´s no place like home…
Die „Charaktere“ sind natürlich wandelnde Klischees mit allen Versatzstücken, die zu zünftigen Pappfiguren halt dazugehören: Marco di Gregorio „spielt“ den wortkargen Indianer mit der ihm eigenen Emotionslosigkeit, gegen die Steven Seagal wie ein Shakespeare-Mime daherkommt; allerdings kauft man ihm den Navajo bereitwilliger ab, als den Rockerchef, den er uns in THE RIFFS 1 & 2 unterjubeln wollte. Bo Svenson (EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE) liefert als reaktionärer Hillbilly-Sheriff eine routinierte Vorstellung ab, komplett mit Holzfällerhemd und Cowboy-Pumps; Heinz Klett, äh, Raimund Harmstorf (BLUTIGER FREITAG) gibt seinen schmierigen und rassistischen Deputy („Ich hätte da auch noch einen Schlauch für dich zum aufblasen, hähä“, sagt er feist grinsend zu Shyla, während sie den Luftdruck in seinem Reifen überprüft) mit Überzeugungskraft. In dieser herrlichen Rolle glänzt der legendäre Kartoffelquetscher natürlich wie die Fettglasur eines Krapfens. Antonio Sabato (THE RIFFS 2) ist auch noch mit an Bord – er spielt einen besonders ekelhaften Macho-Bauarbeiter, dem man vom ersten Moment den Marterpfahl gönnt. Valeria Ross fällt nicht weiter auf, erfreut aber das Auge mit weiblichem Liebreiz. Der Rest des Ensembles besteht aus Knallchargen, die im Staub am Wegesrand verenden.

Was blutwurstige Schauwerte angeht, gibt THUNDER sich ungewohnt zugeknöpft – der Film existiert zwar fluchwürdigerweise nur in einer gekürzten Fassung, aber laut verschiedener Quellen wurde bloß ein Gewaltschnitt vorgenommen (als Thunder von einem Bullen angeschossen wird). Das verwundert doch etwas: An einer Stelle des Films ist sogar die Rede davon, die „Rothaut“ habe drei Arbeiter skalpiert, man sieht jedoch kein Fitzelchen davon – leider, muss man sagen. Das ständige Hantieren mit gefährlichen Sprengstoffen und das permanente Auftreffen von Stahlmantelgeschossen auf menschliche Weichkörper böte eigentlich sattsam Anlass für zerplatzende Wänste und pittoreske Eingeweidefontänen – aber nichts dergleichen geschieht. Die Leiber verpuffen zu Rauch in der Wüstenluft oder fallen einfach tot um. Stuntmen waren wohl auch zu teuer, stattdessen fliegen preisgünstig gedrechselte Puppen durch die Gegend.
Schade, da wäre doch mehr drin gewesen – besonders, wenn man an die exzessiven Gedärm-Matschereien der 80er denkt.

Resümmé: THUNDER ist ein billiger RAMBO-Klon mit ordentlichem Unterhaltungswert, der den Betrachter dazu einlädt, das Hirn auszuknipsen und den niederen Instinkten freien Lauf zu lassen. So was braucht man(n) zwischendurch, das ist so essentiell wie Dosenbier, Fußballrandale und Doppeltpommescurrywurst. Prost und Hugh!

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 23.06.2010 10:17 
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DURST („Bakjwi”, Südkorea 2009) R: Park Chan-wook

Der junge und engagierte Priester Sang-hyun (Song Kang-ho) hegt Zweifel am Sinn seiner Aufgaben und stellt sich als freiwilliges Testobjekt bei der Bekämpfung des tödlichen Emmanuel-Virus zur Verfügung. Er infiziert sich mit der grässlichen Seuche und stirbt an den Folgen der Krankheit – nur um wenige Sekunden später auf wundersame Weise ins Leben zurückzukehren. Als einziger Überlebender der Seuche wird er künftig als „bandagierter Heiliger“ von unheilbar Kranken verehrt. Kurze Zeit darauf stellt er dramatische Veränderungen in seinem Verhalten fest: er entwickelt ein krankhaftes Interesse an Blut, verfügt über außergewöhnliche Körperkraft und beginnt unter direkter Sonneneinstrahlung zu dampfen. Obendrein scheint er plötzlich wundersame Heilkräfte zu besitzen. Zu den von ihm eher unfreiwillig Geheilten zählt auch sein krebskranker ehemaliger Schulkamerad Kang-woo (Shin Ha-kyun), zu dessen zwangsverheirateter Ehefrau Tae-ju (Kim Ok-bin) sich Sang-hyun hingezogen fühlt. Zwischen den beiden entbrennt eine leidenschaftliche und zuweilen blutige Liebesaffäre, die vor dem Rest der Familie geheim gehalten werden muss. Die Situation beginnt zu eskalieren, als das Liebespaar den störenden Kang-woo gemeinsam umbringt und Sang-hyun dem Drängen seiner Gespielin nachgibt, sie ebenfalls zum Vampir zu machen. Der ehemalige Priester merkt zu spät, dass er sich in einer Spirale befindet, die unausweichlich in den Abgrund führt…


Dem koreanischen Ausnahmeregisseur Park Chan-wook (OLDBOY, I´M A CYBORG BUT THAT`S OK) ist mit DURST eine absolut eigenständige und ungewöhnliche Re-Vitalisierung des Vampirfilms gelungen, den man nach den seichten Verkitschungen durch die unsägliche TWILIGHT-Serie bereits in den letzten Zügen wähnte. Dabei beschreitet der Film ähnliche (und ähnlich gute!) Pfade wie der schwedische SO FINSTER DIE NACHT von Tomas Alfredson, obgleich hier an die Stelle des ausgegrenzten Jugendlichen die unterdrückte Ehefrau tritt. Park erzählt eine deliriöse und bildgewaltige Geschichte von obsessiver Liebe, Gewissensqualen, dem konsequenten Ausleben des freien Willens und den Triebkräften, die das Böse und Abseitige des Menschen an die Oberfläche spülen. Dabei setzt der Film weniger auf die verstörende Wucht eines OLDBOY, sondern entspinnt seine Story mit schleichender Sogkraft, die stets die perfekte Balance zwischen der Ernsthaftigkeit eines reinrassigen Genrefilms und der brutalen Komik einer Groteske hält. Das episodenhafte Drehbuch glänzt mit teilweise herrlich überdrehten und absurden Situationen, sorgt ständig für Überraschungen und geizt nicht mit Selbstironie. DURST ist anders, so absolut anders, dass man garantiert nicht weiß, was das Skript dem Zuschauer als nächstes vorsetzen wird. Ein solcher Film kann wohl nur aus Korea, allenfalls noch aus Japan kommen.

Dabei verzichtet die Narration auf überflüssiges Beiwerk oder gar Erklärungsmodelle – wer haarkleine Hintergrundinformationen und handfeste Logik verlangt, ist an der falschen Adresse. Park verweigert dem Zuschauer konsequent eine Begründung, wie und warum der Priester zum Blutsauger wird, lässt die Herkunft des Virus und die wundersame Heilung im Ungewissen, verzichtet auf Erläuterung der Fähigkeiten. Im Mittelpunkt der Handlung stehen durchgehend die Charaktere und ihre Entwicklung, die bizarre Liebesaffäre, die Wandlung der Figuren und deren Innenleben. In den Vordergrund der Erzählung wird das Leiden des Menschen gerückt, der zum Monster geworden ist und mit seiner Einsamkeit und seinen Hoffnungen ringt. Dass der Film dabei nie seinen absurden (und teilweise recht kranken) Humor verliert, ist ein weiterer Pluspunkt. Die dezent eingestreuten Ekel- und Blut-Schauwerte wirken in ihrer drastischen Unmittelbarkeit dabei umso schockierender – gegen Ende steigert der Film sich in ein Delirium des Blutes, aber die Sonne soll mich verbrutzeln, wenn ich an dieser Stelle noch mehr verrate…

Auf technischer und formaler Ebene wird schiere Brillanz geboten. Die Kameraaufnahmen sind virtuose Gemälde von suggestiver Kraft, ausgeführt mit farbintensiven Pinselstrichen und exquisit komponiert. In visueller Hinsicht erreicht DURST eine selten gesehene Meisterschaft – die wundervollen und intensiven Bilder brennen sich nachhaltig ins Gedächtnis.
Der häufige Einsatz von CGI-Technik wirkt sich dabei keinesfalls störend oder gar artifiziell aus, im Gegenteil, die Effekte dienen niemals dem Selbstzweck, sondern fügen sich geschmeidig in die Story ein. Auch die Musik ist fantastisch und verknüpft traditionelle asiatische Arrangements mit westlichen Themen.

Dass Song Kang-ho ein hervorragender und vor allem außergewöhnlicher Schauspieler ist, stellte er bereits hinlänglich in THE HOST und dem wunderbaren MEMORIES OF MURDER unter Beweis. Das Glanzlicht von DURST ist jedoch die faszinierende Kim Ok-bin (THE ACCIDENTAL GANGSTER AND THE MISTAKEN COURTESAN), deren Metamorphose von der unterdrückten Ehegattin wider Willen zur lasziven und blutrünstigen Vampirbraut sich mit derartiger Intensität und Überzeugungskraft vollzieht, dass sämtliche anderen Akteure dagegen verblassen. Wundervoll ist aber auch Hae-sook Kim (EYE FOR AN EYE) als Tae-jus trinkfreudige und despotische Schwiegermutter „Frau Ra“, sowie Shin Ha-kyun, der den hypochondrischen, verwöhnten Kang-woo gibt.

Ein charmant schräger, seltsamer und außergewöhnlicher Filmbeitrag aus Südkorea, der auf erfrischende und unkonventionelle Weise mit den Klischees des Vampir-Genres jongliert – und ein weiterer Meilenstein im fulminanten Oevre des Park Chan-wook.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 27.06.2010 21:04 
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DER TOLLWÜTIGE („La belva col mitra“, Italien 1977) R: Sergio Grieco

Der psychotische Schwerverbrecher Nanni Vitale (Helmut Berger) flüchtet mit drei Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis. Auf der Flucht werden Autos geklaut und Tankwarte sinnlos verprügelt. Aber Nanni geht es nicht nur um stumpfe Gewalt, er ist ein Mann mit einem Ziel: Er will Vergeltung, und zwar möglichst blutig. Auf seiner persönlichen Shitlist ganz oben steht der Bullenspitzel Barbaresci (Ezio Marano), der ihn damals in den Knast brachte, sowie der Richter Santini (Claudio Gora), der ihn verurteilte und der Kommissar (Richard Harrison), der ihn verhaftete – welcher zufälligerweise auch der Sohn des besagten Richters ist. Ein gnadenloser Rachefeldzug nimmt seinen Lauf, während Kommissar Santini verzweifelt nach dem Gangster fahndet…


Griecos LA BELVA COL MITRA (was wortgenau übersetzt soviel heißt wie: „Das Raubtier mit dem Maschinengewehr“) eilt ein legendenreicher Ruf voraus – soll es sich dabei doch um einen der schmierigsten und asozialsten Italo-Gangsterfilme bzw. Poliziotteschi aller Zeiten handeln. Eines vorweg: Man könnte sagen, das stimmt. Hartgesottene sollten sich den Film in einem Doppelprogramm mit Andrea Bianchis RACHE DES PATEN ansehen – danach hilft auch keine Desinfektions-Dusche mehr, Schutzimpfungen müssen ran!

Erstaunlicherweise funktioniert der Film prächtig, obwohl er alles andere als virtuos in Szene gesetzt wurde. Die Kamera hält über weite Strecken einfach nur uninspiriert drauf und lichtet das Geschehen wenig ansprechend ab. Der Schnitt ist unbeholfen, teilweise sogar katastrophal amateurhaft. Der dünne Plot passt auf einen Bierdeckel, und das Drehbuch ist eine nicht sonderlich spannende und dramaturgisch fehlerhafte Aneinanderreihung episodenhafter Einzelszenen – trotzdem (oder gerade deshalb) weiß das Endergebnis zu gefallen. Gerade der etwas semiprofessionelle Erzählstil unterstützt die ungemein dreckige, sleazige und rohe Grundstimmung der Geschichte. Und trotz des rudimentären Handlungsgerüsts erzielt der Film einige beachtliche Höhepunkte, die schmerzhaft nachhallen.

Vor allem aber ist DER TOLLWÜTIGE eine exzessive Ein-Mann-Show für Helmut Berger. Der hochtalentierte aber leider unterschätzte Österreicher, der sich damals nach den großen Erfolgen mit Visconti (DIE VERDAMMTEN, LUDWIG II.) auf dem Höhepunkt seiner Schmuddelfilm-Phase befand (die in Tinto Brass` SALON KITTY gipfelte) gibt in DER TOLLWÜTIGE auf derart hemmungslose und losgelöste Weise Knallgas, dass man ihm den skrupel- und mitleidslosen Psychopathen mit Kusshand abnimmt. Ich weiß nicht, ob der exzessive Konsum von Kokain bei der Entstehung des Films eine Rolle spielte, der Verdacht liegt jedoch nahe. Die schiere Zügellosigkeit der Figur des Nanni („Du weißt, ich töte gern!“) Vitale lässt alle anderen Darsteller etwas blass aussehen – obwohl vor allem Marisa Mell ihre Rolle hervorragend spielt. Berger tobt wie ein Berserker durch die Kulissen, verteilt Watschen und Tritte, schießt um sich, spuckt, faucht und zischt wie ein Sack voller Vipern.
Besonders ins Gedächtnis frisst sich die Szene, als Nanni und seine Kumpanen den Spitzel Barbaresci und dessen Freundin Giuliana (Marisa Mell) in einem verlassenen Steinbruch durch die Mangel drehen: Vitale vergewaltigt Giuliana brutal, während Barbesci im Hintergrund zusammengekloppt wird. Berger, von der lustlosen Nagelei angeödet, nimmt die Sache selber in die Hand und streift sich eiskalt den Schlagring über. Nachdem er Barbesci halbtot geprügelt hat, heißt er seine Spießgesellen flugs eine Grube ausheben, schleift den Unglücklichen hinein und lässt ihm eine „Sonderbehandlung“ zukommen, die den armen Schauspieler Ezio Marano in seine ganz persönliche GEISTERSTADT DER ZOMBIES schickt, sechs Jahre bevor deren Tore von Lucio Fucli aufgestoßen wurden… Krass!
Trotz allem gelingt es Grieco zwischendurch, Berger zu entdämonisieren und ihn als schwaches menschliches Wesen zu portraitieren, etwa wenn er sich von seiner Schwester Geld pumpt oder mit einem jüngeren Kriminellen, der ihn anhimmelt, auf fast schon homoerotische Weise umspringt. Auch diese Feinheiten gehen aber weniger auf das Konto des Skripts, als auf Bergers formidable Leistung.
Die Darstellung der Gewalt ist auf unangenehme Art ungeschminkt und abstoßend, inklusive einer geschmacksunsicheren Rasierklingenfolter der nackten, minderjährigen Tochter (Marina Giordana) von Richter Santini. Besonders beim Showdown, wo es endgültig ans Eingemachte geht, durchstößt der Film alle Grenzen – angemessen unterstützt durch visuelle Spielereien, wie dem Einsatz von wackeligen Handkameraaufnahmen und der etwas inflationären Verwendung von Zeitlupe.
Zugutehalten muss man dem Machwerk übrigens, dass es am Ende weniger reaktionär und vorhersehbar daherkommt, als etliche seiner artverwandten Genrenachbarn. Rache ist zwar immer Blutwurst, muss aber manchmal kalt serviert werden.
Alles in allem funktioniert DER TOLLWÜTIGE denn auch eher als Terrorfilm im Stil von LAST HOUSE ON THE LEFT oder Bavas WILD DOGS, denn als handelsüblicher Poliziottescho.

Unter den Schauspielern strahlt neben dem bravourösen Berger vor allem die schöne Marisa Mell (GEFAHR: DIABOLIK!) in hellem Glanze – Bergers Landsmännin spielt die Giuliana, die zunächst gegen ihren Willen von Nanni missbraucht wird und hinterher in einem angeekelt-faszinierten Abhängigkeitsverhältnis zu ihm steht, mit überzeugender Zerrissenheit.
Richard Harrison (PROVINZ OHNE GESETZ) präsentiert sich hier als Maurizio Merli-Klon, nur komplett mit echtem Porno-Schnäuzer. Er legt eine solide aber wenig beeindruckende Vorstellung hin. In jüngeren Lebensjahren trat Harrison in etlichen Sandalenfilmen und Italowestern auf, später erlangte er als Darsteller in zahlreichen drittklassigen US-Ninja-Streifen einen zweifelhaften Ruf.
Nello Pazzafini, der mich immer ein wenig an Danny Trejo erinnert, spielt einen von Nannis prügelnden Knastbrüdern. Maria Pascucci absolviert einen Kurzauftritt als Nannis Schwester und steuert immerhin eine der denkwürdigsten Dialogzeilen des Films hinzu: „Er war schon als kleiner Junge nicht ganz richtig im Kopf. (…) Er war ein schreckliches Kind!“
Berger, Berger, noch einmal… Neben dem seligen Klaus Kinski gibt es wohl keinen Euro-Star, der eine derart komplexe, intensive und (vor allem für Talkshow-Master) unberechenbare Persönlichkeit aufweist. Immer gut für einen schnellen Skandal, fleischlichen Exzessen und harten Drogen nicht abgeneigt, bei öffentlichen Auftritten eine Mischung aus überdrehter Tunte und gefährlichem Soziopathen. Neben seiner unvergesslichen Darstellung in DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY, blieb er mir als mörderischer, unterkühlter Arzt in Jess Francos FACELESS in guter Erinnerung. Seine beeindruckende Performance in DER TOLLWÜTIGE gehört sicherlich zu den Höhepunkten seiner vielseitigen Karriere. Bei allen Diva-Allüren ist Berger trotzdem immer Mensch geblieben und wirkte u.a. in Schlingensiefs DIE 120 TAGE VON BOTTROP oder einem Videoclip der „Hamburger Schule“-Band BLUMFELD mit.

Dem Minimalismus des Gesamtbildes passt sich auch der vorzügliche Keyboard-Score von Umberto Smaila meisterlich an: Das eingängige und sehr simpel-effektive Titelthema fräst sich in die Gehörgänge und bleibt noch Stunden nach Filmgenuss im Gedächtnis haften. Ein gutes Beispiel dafür, dass weniger oft mehr ist.

Auch Quentin Tarantino hält große Stücke auf dieses obskure Kleinod, das Exploitation in seiner lupenreinsten Ausprägung bietet. Nicht nur lässt er Bridget Fonda und Robert de Niro in einer Szene von JACKIE BROWN den Film im Fernsehen anschauen („Ist das Rutger Hauer?“ „Nein, das ist Helmut Berger!“), der berüchtigten Rasiermesser-Szene im Finale setzte er auch in seinem Skript zu NATURAL BORN KILLERS ein Denkmal („I cut her fuckin´ tits off!“). Obendrein dankt er Berger in den Credits zu JACKIE BROWN.

Ein schmutziger kleiner Italo-Reißer und eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Perle des Schundkinos. Genrefans sollten allemal zugreifen, Einsteigern sei der Genuss dieser verkommenen Südfrucht nur mit Einschränkung zu empfehlen – die sollten vielleicht mit Lenzis BERSERKER und Bianchis DIE RACHE DES PATEN anfangen, bevor sie sich mit LA BELVA COL MITRA endgültig Herpes und Schanker einfangen…

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 27.06.2010 21:30 
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- Marisa Mell spielt gut, aber über ihr Äusseres kann man geteilter Meinung sein
- "Der Berserker" beserkt nachhaltiger. Helmi ist ja letztlich nur ein armes Würstchen, mit noch dünnerer Pelle als Frau Milian

:lol:

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BeitragVerfasst: 27.06.2010 21:39 
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Blap hat geschrieben:
- Marisa Mell spielt gut, aber über ihr Äusseres kann man geteilter Meinung sein


Ich finde sie recht anziehend, aber was sollte ich wohl sonst tun, so als Diabolik?

Blap hat geschrieben:
- "Der Berserker" beserkt nachhaltiger. Helmi ist ja letztlich nur ein armes Würstchen, mit noch dünnerer Pelle als Frau Milian


Da gebe ich dir völlig Recht und widerspreche mich auch gar nicht. Die Lobeshymne zum BERSERKER steht noch aus, und die wird mit Sicherheit noch enthusiastischer ausfallen als beim Helmut. Aber für Italo-Gangster-Einsteiger halte ich den BERSERKER einfach für geeigneter, weil er der schlichtweg bessere Film ist!

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 28.06.2010 00:06 
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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 29.06.2010 19:02 
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THE BLOB (USA 1988) R: Chuck Russel

In dem amerikanischen Provinzkaff Arborville geht ein Meteorit nieder, der in seinem Inneren eine zählflüssige Substanz beherbergt, welche bald entweicht und den Einwohnern das Leben zur Hölle macht. Als erstes muss der dorfeigene Penner dran glauben, dann macht der Schleimbatzen sich über weitere Opfer her, während er gen Städtchen walzt und beständig an Größe zunimmt. Rasch setzt sich ein ungleiches Team von Protagonisten zusammen, um dem fleischfressenden Wackelpudding die Stirn zu bieten: Das Football-As Taylor (Donovan Leitch), Cheerleaderin Meg (Shaunee Smith), Sheriff Herb Geller (Jeffrey DeMunn) und der Kleinstadt-Rowdy Flagg (Kevin Dillon), der zunächst als Hauptverdächtiger herhalten muss. Aber nicht nur der Killer-Glibber macht unseren helden das Leben schwer: Obendrein stellt sich ein Trupp von Regierungsbeamten mit Schutzanzügen, Helikoptern und Schnellfeuergewehren ein und stellt Arborville unter Quarantäne. Bald finden Flagg und Meg jedoch heraus, daß die Militärs etwas ganz anderes im Sinn haben, als das Städtchen und seine Bewohner zu beschützen…


Heutzutage sind Remakes klassischer oder altbewährter Konzepte ja schon zu einer grassierenden Seuche ausgeartet, von einer Unsitte kann man nicht mehr sprechen. Die Ideenlosigkeit der Filmfabriken in Lollywood macht vor nichts mehr halt, jeder halbwegs nach rollendem Rudel riechende Stoff wird ausgeschlachtet und verwurstet – meistenteils mit wenig befriedigenden Ergebnissen. Besonders auf bewährte Slasher-Filme haben die Neuverwerter es abgesehen, jüngere Beispiele sind TEXAS CHAINSAW MASSACRE, HALLOWEEN, MY BLOODY VALENTINE oder THE HILLS HAVE EYES. Man mag geteilter Meinung über diese Aufgüsse sein, meines Erachtens nach erreichen sie selten den Charme und die Stärke der Originale. Besonders „hervorgetan“ hat sich in dieser Hinsicht der „White Zombie“-Musiker Rob Zombie, der bereits recyclete Versionen von HALLOWEEN 1 & 2 unters Volk jubelte. Seit einiger Zeit kursiert zudem das Gerücht, Zombie sei verpflichtet worden, eine Neuverfilmung des 50er Jahre Trash-Klassikers THE BLOB für eine zeitgemäße Auswertung in Angriff zu nehmen. Das mutet doppelt seltsam und überflüssig an, denn von dem Original wurde bereits 1988 eine Technicolor-Version von Chuck Russel eingetütet.

Und dieser kleine, feine Streifen ist absolut klasse! Ich sah den Film erstmals im Jahr seiner Entstehung auf einem der zahllosen Festivals, die ich damals besuchte, wie andere Leute Fußballspiele. Die Stimmung im Kinosaal kochte, die Party rockte das Lichtspielhaus, die Fans tobten!
THE BLOB Anno ´88 ist ein durch und durch sehr angenehmer und flott erzählter Popcorn-Film, der mich in seinen knapp 90 Minuten Laufzeit blendend unterhalten konnte. Man registriert sofort mit Wohlgefallen, daß der Film in einer Ära entstanden ist, in der die Studios noch Wert auf solides Drehbuchhandwerk legten. Sorgfältig werden Charaktere eingeführt und ausgebaut, der Plot ist wasserdicht, die Spannungskurve geschickt angelegt. Gute alte Wertarbeit. Die Inszenierung hat ein vorbildliches Tempo und langweilt keine Sekunde.
Regisseur Chuck Russel (dem danach leider keine allzu großen Würfe mehr gelangen) verfasste das Skript gemeinsam mit Frank Darabont, der später für einige sehr gelungene Stephen King-Verfilmungen verantwortlich zeichnete, darunter DIE VERURTEILTEN, THE GREEN MILE und DER NEBEL. Bereits Darabonts erster Kurzfilm, den er als Student drehte, entstand nach einer Shortstory des Meisters: DIE FRAU IM ZIMMER, der in Deutschland unter dem Titel VERGIFTET auf der „Stephen King Nightmare Collection“ auf Video erhältlich war.

Die Darsteller bewegen sich auf gehobenem B-Film-Niveau und reißen allesamt keine Bäume aus, spielen ihre Figuren aber durchweg überzeugend. Kevin Dillon (PLATOON) hat die Rolle des Helden verpasst bekommen, die 30 Jahre zuvor von Steve McQueen bekleidet wurde – hier gibt er aber eher einen Anti-Helden, den rauchenden, saufenden und motorradfahrenden Dorfrocker. Anfangs möchte man ihm am liebsten noch die Vokuhila-Lockenfrisur glatt bügeln, aber mit der Zeit erspielt er sich die Sympathien des Zuschauers. Donovan Leitch als Football-Unsympath kennt der ein oder andere vielleicht noch aus TODESPARTY 2. Shaunee Smith kommt anfangs wie das typisch amerikanische, blonde Dummerchen daher, ihr Charakter vollzieht jedoch im Verlauf der Handlung eine überraschende Entwicklung. Jeffrey DeMunn ist bis heute ein vielbeschäftigter (Neben-)Darsteller, unter anderem war er in DER NEBEL und BURN AFTER READING zu sehen. Unter den zahlreichen, effektvoll zerfließenden Opfern des bakteriellen Klumpens befindet sich u.a. auch Baywatch-Badenixe Erika Eleniak.

Der eigentliche Star des Films ist aber die menschenverschlingende Gallertmasse BLOB, der von Special-Make Up-Legende Tony Gardner auf wundervolle Weise glibberiges Leben eingehaucht wurde. Die Trickeffekte sind herrlich altmodisch – reinkopierte Bilder, Stop-Motion und Blue Screen kommen zum Einsatz. Damals, als CGI noch im Strampelanzug steckte, galten sie gewiss als „State of the Art“, und auch heute vermögen sie es noch, das Herz des Connaisseurs zu erwärmen. Es wird auch angenehm beherzt im Gekröse-Eimer gewühlt und eine ordentliche Schlachtplatte aufgefahren – wo der Blob hinhaut, wächst kein Knochen mehr.
Als Gimmicks gibt es noch eine lustige Hommage an den Slasher-Film der 80er und einen fiesen Schlussgag, der die Vorfreude auf die kommende Apokalypse steigert.

Insgesamt ein schöner, altmodischer Monsterfilm, den der wohlige Geist klassischer 50er Jahre-B-Filmchen durchweht und seine spannende, kurzweilige Darreichung mit ausgiebigen Blut- und Ekeleffekten würzt.

Eine Warnung jedoch am Rande: Die deutsche Synchro stammt aus der Grotte der vergessenen Leichen und ist kaum zu ertragen. Der Film MUSS im O-Ton genossen werden, zumal auch der zähe Hillbilly-Slang zur authentischen Stimmung beiträgt.
Die DVD gibt es günstig als HORROR-BOX von Columbia TriStar zusammen mit GHOSTS OF MARS und CANDYMAN´S FLUCH. Da macht man nix verkehrt!


Lieblingszitat:
„I feel like the one-legged man in an ass-kicking contest.“

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DIE GEWALT BIN ICH („Il cinico, l´infame, il violento“, Italien 1977) R: Umberto Lenzi

Der Ex-Polizist Tanzi (Maurizio Merli), hat den Dienst quittiert, seit er den gefürchteten Mailänder Gangsterboss „Der Chinese“ (Tomas Milian) eingelocht hat. Der ist jedoch frisch aus dem Gefängnis entflohen und schickt Tanzi als erste Amtshandlung einen gedungenen Killer auf den Hals. Tanzi wird angeschossen und sein angeblicher Tod fingiert.
Der „Chinese“ wähnt den Erzfeind unter der Erde und heckt ehrgeizige Expansionspläne aus. Er will sich mit dem italo-amerikanischen Unterwelt-Imperator Frank DiMaggio (John Saxon) zusammenschließen, um seinen Einfluss zu erweitern und seinen Geldbeutel zu füllen. DiMaggio sieht sich jedoch einige Stufen höher in der Verbrecher-Hackordnung und weiß nicht so recht, was der großspurige Schmierlapp von ihm will – gönnerhaft einigt man sich, dass der„Chinese“ DiMaggio an seinen Einnahmen prozentual beteiligt. Das ist freilich nicht ganz das, was dem Kleingangster vorschwebt, zumal er DiMaggio nicht über den Weg traut. Zwischen den beiden Platzhirschen braut sich ein Sturm zusammen, den Tanzi geschickt für seine Ziele ausnutzt. Er spielt die beiden Rivalen gegeneinander aus, bis alle drei in einem bleigesättigten Finale aufeinandertreffen…


Den italienischen Originaltitel dieses ausgezeichneten Polizei-Reißers von Maestro Umberto Lenzi darf man wahrscheinlich als Anlehnung an Leones meisterhaften IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO verstehen. Zwar erreicht DIE GEWALT BIN ICH nicht annähernd die Virtuosität dieses Meilensteins, trotzdem handelt es sich um einen rasanten, temporeich erzählten und hervorragend gespielten Italo-Actioner oberster Güteklasse. Es wird die gewohnt dunkelrote Palette an stilvoll inszenierten Schießereien, wahnwitzigen Autoverfolgungsjagden, fiesen Folterungen und krachenden Nasenstübern zusammengerührt und mit kraftvollen Pinselstrichen auf die Leinwand gemalt. Das Resultat ist einer der besten Filme dieser Gattung, die ich seit langem genießen durfte.
An großen und denkwürdigen Momenten wird nicht gespart. In einer sehr gelungenen Sequenz verquirlt Lenzi sein Katz und Maus-Drama sogar mit Motiven des „Heist & Caper“-Movies, komplett mit halsbrecherischen Einbrecher-Konstruktionen, Infrarot-Kameras, Laserschranken (unter denen man mit Spezialbrillen durchkriechen muss) und jenem mysteriösen Schaum, den man auf Sicherheitskästen sprüht, um die Elektronik des gesamten Gebäudekomplexes lahm zu legen. So was liebe ich ja, damit hat der Film sich restlos in den Olymp gepunktet! Als Merlis Komplize in dieser herrlichen Episode taucht übrigens der kauzige Gianfilippo Carcano (HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS) als Einbruchs-Spezialist „Der Professor“ auf – molto fantastico!

Merli ist, wie gewohnt, eine zementierte Institution – der blonde Scheitel stramm nach rechts gekämmt, das unvermeidliche Suppensieb auf der Oberlippe. Seine drei gängigen mimischen Ausdrucksformen reizt er vollständig aus: Verbissenheit, Wut und wütende Verbissenheit. Ansonsten regiert das Prinzip: erst schießen, dann denken! Auch die obligate Abservierung geliebter Familienangehöriger wird praktiziert, zur Trauerbewältigung dienen in diesem Fall großkalibrige Handfeuerwaffen. In einer unsterblichen Szene schmeißt er einem bösen Buben sogar einen Trethocker an den Kopf und tritt ihm danach noch volle Lotte in die Zähne – wenn Deutschland Weltmeister würde, wäre meine Freude nur halb so groß.
Tomas Milian (der sich übrigens „Chinese“ nennt, weil er seine Gegner geduldig zermürbt, wie bei der chinesischen Wasserfolter) spielt hier etwas besonnener als in anderen Lenzi-Polizieschi (man denke nur an seine manische Performance in DER BERSERKER), was seiner Figur gut zu Gesicht steht. An anderen Stellen neigt er auch schon mal zu gelindem Overacting, was aber noch nie bei Milian gestört hat. Es ist mal wieder ein schieres Vergnügen, dem vielseitigen Mimen beim Ausüben seines Handwerks zuzusehen. Obendrein trägt er einen derart widerlich öligen Jürgen Drews-Scheitel, dass man vom bloßen Zuschauen duschen gehen möchte. Ganz zu schweigen von den Bademänteln…*schüttel*!
Auch John Saxon (ASPHALT-KANNIBALEN) agiert sehr überzeugend als bedrohlicher Unterweltbaron DiMaggio – in einer der besten Szenen des Films foltert er einen Verräter, indem er ihn aus nächster Nähe mit Golfbällen beschießt und ihn dann… ach nein, seht selber. Leser der Zeitschrift „Jagd & Hund“ werden an dieser Stelle wahrscheinlich frohlocken.
Gabriella Lepori (die schon in Lenzis DIE VIPER und CAMORRA mit an Bord war) spielt Merlis Schwesterherz Nadia, die während des gesamten Films „punch drunk“ durch die Locations taumelt. „Full Frontal Nudity“ gibt es leider nicht, dafür aber „Full Frontal in die Fresse“ – Gabriella bekommt während des Films ständig Backpfeifen und erträgt diesen Missstand mit bewundernswerter Würde. Jeder darf mal, natürlich macht da auch Watschenmann Merli keine Ausnahme – vollkommen unglaublich ist der folgende Dialog zwischen Tanzi und Nadia: „Wie geht´s dir?“ „Ich bin zufrieden.“ (Er gibt ihr einen schallenden Klatsch) „Und jetzt?“ „Besser. Du hast Recht gehabt.“
Nun ja, immerhin schüttet man ihr keine Säure in die Visage, diese Spezialtherapie hat man sich für Gabriella Giorgelli (DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS) aufgespart. In Nebenrollen sehen wir das gesamte Schreckenskabinett an Narbengesichtern und Gorillaschädeln, das man aus den einschlägigen Machwerken liebgewonnen hat. Claudio Undari spielt die rechte Hand des „Chinesen“, namens Dario – passender wäre wohl Handlanger oder Hampelmann, denn Dario ist ein rechter Prügelknabe, der viel einstecken muss und zur Kompensierung auch viel austeilt.
Als weitere Knochenbrecher geben Bruno Corazzari (TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT) und Riccardo Garrone ein Stelldichein. Marco Guglielmi (DER TERROR FÜHRT REGIE) taucht als DiMaggios schlüpfriger Anwalt Marchetti auf.

Das Skript ist aus der Feder der bewährten Drehbuch-Größen Ernesto Gastaldi und Dardano Sacchetti geflossen, die ihre Geschichte ein wenig vertrackt und umständlich angelegt haben, was nicht immer einleuchtend ist, aber auch keinen ernsthaften Grund zur Klage darstellt. Das Garn wird jedenfalls flott gesponnen und täuscht durch eine vorzügliche Charakterzeichnung über marginale Schwachstellen hinweg. Obendrein haben sie ihren Figuren einige wirklich köstliche Dialoge in den Mund gelegt – mein Favorit (siehe Zitat am Ende der Besprechung) hat es unverständlicherweise nicht in die deutsche Synchro geschafft und wurde herausgeschnitten. Warum auch immer. Ich habe mir an dieser Stelle fast in die Hose gemacht, zumal Milian seine unfassbaren Beleidigungen mit ätzender Nonchalance vorträgt, während sein armer Lakai Dario kurz vorm Bersten steht. Göttlich!

Auch er schmissige, keyboard- und schlagwerkdominierte Beat-Score von Franco Micalizzi schmiert das Vehikel ordentlich und untermalt die Geschehnisse auf stimmige Weise.

DIE GEWALT BIN ICH ist ein erquickliches und besonders gut geglücktes Exemplar der Gattung Italo-Polizeiklopper, der in keiner Sammlung fehlen sollte. Zum Heulen und Haare raufen ist lediglich mal wieder die Tatsache, dass von diesem Juwel keine deutsche DVD-Veröffentlichung erhältlich ist. Wer in den Hochgenuss der deutschen Synchro kommen möchte, muss auf das alte (aber leider gekürzte und durch falsches Bildformat verhunzte) VPS-Tape zurückgreifen, Puristen steht die italienische DVD von Federal Video zur Verfügung, die sich in qualitativer Perfektion darbietet – aber leider nur eine italienische Tonspur aufweist.


Lieblingszitat:
„Mein lieber Dario, wir haben nichts gemeinsam. Ich kann dir also nicht böse sein, dass du Scheiße bist. Es ist nicht deine Schuld… es ist die Schuld der Kuh, die dich aus ihrem Arschloch geworfen hat.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 02.07.2010 13:42 
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THE DEVIL`S BACKBONE (“El Espinazo del Diablo”, Mexiko/Spanien 2001) R: Guillermo del Toro

Ende der 30er Jahre während des spanischen Bürgerkriegs: Der zehnjährige Waisenjunge Carlos (Fernando Tielve) wird von Widerstandskämpfern in das winzige Dörfchen Santa Lucia, in dem ein Heim für Kinder von Kriegsopfern von der resoluten Linken Carmen (Marisa Paredes) und dem Arzt Professor Casares (Federico Luppi) betrieben wird. Hilfe erhalten sie von der liebevollen Magd Conchita (Irene Visedo) und deren Verlobten Jacinto (Eduardo Noriega), der ein heimliches Sex-Verhältnis mit Carmen unterhält und insgeheim scharf auf den Inhalt des Wandtresors ist. Mitten im Marktplatz steckt eine Fliegerbombe, die vor einiger Zeit auf das Dorf abgeworfen wurde, aber nicht detoniert ist, wie ein Vorbote schwärenden Unheils.
Zu Beginn hat Carlos es nicht leicht innerhalb der Hackordnung des Waisenhauses – er wird vom älteren Jaime (Íñigo Garcés) schikaniert und einer nächtlichen Mutprobe unterzogen. Dabei muss er erfahren, daß der Geist eines verstorbenen Jungen im Dorf umgeht. Die Botschaft der Spukgestalt ist unmissverständlich: „Viele von euch werden sterben…“ So sehr Carlos sich auch fürchtet, er ist dennoch fest entschlossen, hinter das Geheimnis zu kommen, das sich im Keller des Hauses verbirgt. Zeitgleich ziehen drohende Wolken am Horizont herauf, denn die Armee der Faschisten rückt jeden Tag näher…

Wem nach Blutfontänen und knochenberstenden Sensationen dürstet, der sollte seine Finger von THE DEVILS´S BACKBONE lassen, denn solcherlei Schauwerte sucht man vergeblich. Hier werden eher die Freunde von ruhigem und wohligem Grusel angesprochen. Der Film bietet intelligentes und feinfühliges Spannungskino, das sich zwar hinter einer Schauergeschichte tarnt, aber vielmehr ein zutiefst humanistisches Drama verbirgt. Im Mittelpunkt stehen immer die Charaktere und deren Innerstes, die Handlung kreist dicht um die Figuren, deren Nöte, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen. Das ungemein eng gewobene Skript darf man in dieser Hinsicht ruhigen Gewissens als kleines Meisterwerk bezeichnen. In wunderbar minimalistischen, teilweise wortkargen und dennoch sehr aussagekräftigen Szenen und Einstellungen erzählt der Film von den Dingen, die seine Figuren bewegt. Dabei wird nie zuviel erklärt oder zerredet, die meisterlich komponierten Bilder sprechen für sich – in dieser Disziplin präsentiert der Film sich durch und durch europäisch, man könnte sagen: mediterran. Die Geschichte zieht den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann und entfaltet schleichend ihre subtile Kraft. Das Auftauchen des Geistes vollzieht sich daher auch weniger in Begleitung rustikaler Schocks (bis auf wenige Ausnahmen), sondern mit einer schaurigen Selbstverständlichkeit. Mehrmals musste ich während der Sichtung an die wunderbaren Romane des magischen Realisten Gabriel Garcia Márquez denken.

Die Atmosphäre ist zum Greifen dicht, und trotz flimmernder Hitze und strahlendem Sonnenschein verbreitet die Geschichte eine gänsehauterzeugende Düsternis. Allein schon die außergewöhnliche und extrem stimmungsvolle Kulisse sorgt für die entsprechende Gefühlslage: der klaustrophobische, ringförmig angelegte Marktflecken, der wie aus einem Gothic-Italowestern entliehen scheint, das unheimliche Waisenhaus, die verrostete Bombe in der Mitte des Platzes, von der niemand weiß, ob sie wirklich entschärft wurde. Ganz zu schweigen von der wirklich gruseligen Zisterne im Keller…

Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zu del Toros späterem (Meister?) Werk PANS LABYRINTH – beide Geschichten haben Kinder als Protagonisten, beide handeln in der Zeit des ausgehenden spanischen Bürgerkriegs; der Konflikt zwischen Linken und den faschistischen Franco-Truppen wird thematisiert; übersinnliche Ereignisse gehen Hand in Hand mit einem Coming od Age-Drama.
Die (Spuk-)Geschichte funktioniert daher auch als perfekte Analogie zur tatsächlichen historischen Ebene, die Ereignisse im kleinsten subjektivsten Bereich des Unbewussten finden ihren Entsprechung in höchster Dimension als Politparabel. Daher wundert es auch nicht, daß die Protagonisten den „wahren Horror“ erst am Ende des Films erleben, wenn sie in die Realität entlassen werden.

Die Darsteller agieren in Höchstform und wirken so lebensecht und substanziell, das man zeitweise vergisst, es mit Schauspielern zu tun zu haben. Besonders zu loben ist natürlich die überragende Leistung des kleinen Fernando Tielve als Carlos, obwohl sämtliche Kinderdarsteller überzeugend aufspielen. Besonders gefallen hat mir Marisa Paredes als beinamputierte Leiterin des Waisenhauses, die nur beim lieblosen Gerammel mit dem Faktotum Jacinto flüchtigen Trost findet, sowie Federico Luppi als ihr heimlicher und verschmähter Verehrer. Eduardo Noriega spielt für meinen Geschmack etwas zu klischeehaft, hier wäre weniger mehr gewesen – was dem Film aber keinesfalls schadet. Denn trotzdem wird die Figur nie zur Eindimensionalität verdammt, vielmehr gibt sie dem Schauspieler Gelegenheit, die inneren Wunden und tiefe Verletztheit seines Charakters zu offenbaren.

Wie bereits mehrfach angedeutet sind Kameraführung und Bildgestaltung ein Augenschmaus, die traurige Musik von Javier Navarrete sorgt für schaurig-schöne Hörmomente und untermalt exzellent die Grundstimmung der Geschichte.

Fazit: Ein wunderschöner und unverzichtbarer Beitrag zum Subgenre des Spukfilms, der höchst eigenständige Klänge anschlägt und sich weit jenseits der ausgelatschten Pfade von Japan-Geisterfilmen und Lollywood-Mummenschanz bewegt.


Die deutsche DVD von Kinowelt präsentiert den Film in Deutsch (Dolby Digital 5.1) und Spanisch (Dolby Digital 5.1), das Bildformat ist 1:1.85 (16:9 anamorph). Als Extras gibt es den Trailer, Behind The Scenes, ein Making Of, Storyboards sowie ein Interview mit dem Regisseur Guillermo del Toro. Perfekt!

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