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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 26.11.2009 00:07 
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Seit beinahe einem halben Jahr lag er missachtet in der Ecke und setzte Staub und Spinnweben an. Warum bloß? Vielleicht, weil ich ihn für unspektakulär hielt? Weil das Cover nicht reißerisch genug war? Wie auch immer, gestern Nacht schlug endlich die Stunde für…

DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS (1974), Regie: Duccio Tessari

Luc Meranda spielt einen gewissen Peter Smith, der in London lebt und seit einem schweren Autounfall an Amnesie leidet. Sein Psychiater versucht sein verlorenes Gedächtnis zu mobilisieren, indem er ihn einem alten, scheinbar guten Kumpanen vorführt. Der gibt sich auch zunächst warmherzig, als die beiden aber unter sich sind, haut er dem armen Peterle direkt ein paar in die Schnauze, streckt ihm eine Pistole ins Gesicht und will wissen, wo „das Zeug“ ist. Immerhin erfährt er, daß sein wahrer Name Ted ist und er eine Frau namens Sara hat, die in Bella Italia wohnt. Der vorgebliche Kumpel wird jedoch von einer heimtückischen Gewehrkugel niedergestreckt, bevor er Details preisgeben kann. Durch ein vermeintliches Telegramm von Sara wird Ted nun in den schönen Küstenort Portofino gelockt, wo er zunächst sein Eheweib (gegeben von einer sehr lecker anzusehenden Senta Berger) neu kennen lernt. Aber in Italien wartet auch ein alter „Geschäftsfreund“ auf Ted und bald entspinnt sich ein bösartiges Katz-und-Maus-Spiel, bei dem es um Drogenschmuggel, Verrat, Mord und andere Ekligkeiten geht… und Ted steckt mitten drin.

Viel mehr sei nicht verraten, denn die halbe Miete bei Tessaris sehr feinem Thriller besteht darin, daß der Zuschauer genauso wenig weiß, wie der Protagonist Ted und an jeder Ecke neue Plottwists und Überraschungen lauern. Genau wie der Hauptdarsteller tappen wir während der fortlaufenden Handlung im Dunkeln, während sich ein beunruhigendes Puzzle Stück für blutiges Stück zusammenfügt und Ungutes erahnen lässt. Ständig wandelt sich das Bild, immer wieder verleiten neue Bruchstücke dazu, die Geschichte von einer anderen Perspektive zu betrachten. Und dabei fragt man sich die ganze Zeit: Hat Ted wirklich das Gedächtnis verloren? Oder zockt auch er ein abgekartetes Spiel?
Die Geschichte beginnt eher gemächlich und wird auch im weiteren Verlauf mit elegischer Ruhe erzählt, bis gegen Ende die Schraube mächtig angezogen wird. Tessari (und sein Drehbuchautor Ernesto Gastaldi, dem ein Gutteil der Lorbeeren zukommt) konzentriert sich völlig auf die tiefschürfende Charakterisierung seiner Protagonisten, wobei hier besonders die schauspielerische Glanzleistung von Senta Berger hervorzuheben ist.
Nicht unbeteiligt am Spannungsaufbau ist auch der fantastische Score von Gianni Ferria und der schöne Titelsong „Labyrinthus“ (Nomen est Omen!), gesungen von der in Italien damals populären Chanteuse Rosella.

Es fällt mir schwer, L´uomo senza memoria als reinrassigen Giallo zu bezeichnen, denn es fehlen nahezu alle archetypischen Versatzstücke, die das Genre kennzeichnen. Am ehesten ließe der Film sich als klassischer Thriller in bester Hitchcock-Tradition umschreiben – zumal einige Spannungssequenzen es durchaus mit dem gewichtigen Suspense-Meister aufnehmen können.

Duccio Tessari hat zwei weitere sehr gelungene Thriller bzw. Gialli gedreht, den formidablen BLUTSPUR IM PARK aka DAS MESSER, sowie DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL. Auch sein Polizieschi TÖDLICHER HASS mit Alain Delon ist sehr empfehlenswert und harrt nach wie vor einer Veröffentlichung auf DVD. Sein Spaß-Western ZWEI WILDE COMPANEROS leidet unter einer unsäglichen Brandt-Synchro und wurde von VPS als Ramsch-DVD mit minderer Qualität verwurstet.
Autor Ernesto Gastaldi war auch als Regisseur tätig und hat u.a. einen Bikerfilm namens ROCKER STERBEN NICHT SO LEICHT (Videotitel: DEATH COMPANY) fabriziert, dem man einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann.

Die DVD von Koch besticht wie gewohnt durch hervorragende Qualität. Perfekt wäre es für mich, wenn das Originalplakatmotiv noch irgendwo im Inneren der schönen Verpackung aufgetaucht wäre, aber man kann nicht alles haben.

Ach ja: Eine Kettensäge kommt auch vor, und obendrein wird sie von Senta geschwungen. Außerdem taucht meine Italofilm-Lieblingsdarstellerin Anita Strindberg in einer leider viel zu knappen Nebenrolle auf. Herz, was willst du mehr?

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 26.11.2009 00:08 
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Es ist nun fast zwanzig Jahre her, daß ich dieses Films in einer schrubbeligen holländischen VHS-Raubkopie mit falschem Bildformat ansichtig wurde. Erinnern konnte ich mich kaum noch, wusste nur noch vage, daß er mich seinerzeit schwer beeindruckte. Gestern traf nun endlich ein reich gepacktes Paket aus Amerikanien ein, in dem sich unter anderem die Blue Underground-DVD des Films befand. Die Rede ist von…

DON´T TORTURE A DUCKLING (Non si sevizia un paperino, 1972), Regie: Lucio Fulci

In einem süditalienischen Bergdorf wird ein kleiner Junge als vermisst gemeldet. Die Polizei wird alarmiert, kurz darauf kommt es zu einer Lösegelderpressung an die bettelarmen Eltern, bei der Geldübergabe wird der örtliche Dorftrottel geschnappt. Der Bub ist allerdings bereits tot und begraben, und da unser Dorfdepp sogar den Ort der Verscharrung kennt, scheint der Täter gefasst. Aber kurz darauf stirbt ein weiterer Junge. Eine ortsansässige „Hexe“ wird als nächstes verdächtigt und kurzerhand per Lynchjustiz von der aufgebrachten Dorfbevölkerung exekutiert. Der Fall scheint gelöst, bis weitere Leichen auftauchen…

Lucio, bist du`s wirklich? – Das war es, was mir als erstes durch den Kopf schoss. Man verstehe mich nicht falsch: GEISTERSTADT und SCHRECKENSINSEL gehören zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und ich verehre seinen Giallo UNA LUCERTOLA CON PELLE DI DONNA (dt: SCHIZOID), aber was Signore Flutschi hier mit DUCKLING abgeliefert hat, ist eine Klasse für sich.

Bereits die Eröffnungssequenz mit Florinda Bolkan (in der Rolle der Hexe Marciara) sorgt für eine herrlich morbide Atmosphäre und stimmt den Zuschauer bestens ein auf die Dinge, die noch folgen werden. Zwar kann man den Film getrost als Giallo bezeichnen, im höheren Kontext stellt er aber eine schonungslose Demaskierung kleinbürgerlicher Gewaltstrukturen und Herdenmentalität dar. Versteckt im Mäntelchen des Thrillers serviert uns Onkel Lucio eine zynische Anklage gegen die Mechanismen einer reaktionären Dorfgemeinschaft, die um jeden Preis ihren Sündenbock verlangt.
In dieser Hinsicht sind Fulci einige unvergessliche und bauchschmerzenerregende Szenen gelungen, so z.B. diejenige, als Marciara, nachdem sie vom Mob fast zu Tode geprügelt wurde, sich eine Anhöhe heraufschleppt und an einer stark befahrenen Autostraße liegen bleibt. Urlauber mit lachenden Kindern auf dem Rücksitz fahren an der Sterbenden vorbei, ohne anzuhalten oder zu helfen, während sie im Straßengraben verendet. Man kümmert sich halt um die eigenen Angelegenheiten.
Die Schauspieler sind allesamt eine Wucht und liefern unter Fulcis Regie solide Leistungen. Barbara Bouchet, die eine zugereiste Millionärs-Tochter mit Drogenproblematik spielt, hat eine Nacktszene in der sie auf sexuell sehr explizite Weise einen kleinen Jungen zu verführen versucht – eine Szene, wie sie heutigentags wohl unvorstellbar wäre.
Barbara alias Bärbel Gutschner (in diesem Film rothaarig!) ist sowieso eine Augenweide, auch wenn sie mal nicht blankzieht. Tomas Milian als pfiffiger Reporter Andrea Martelli überzeugt wie gewohnt auf ganzer Linie und kommt mit seinem Schnauzbart und freigelegtem Brusthaar ziemlich sleazig rüber. Die gestandene Irene Papas war nie unheimlicher als hier; und Florinda Bolkan spielt eh alle anderen an die Wand.
Letztlich ist DUCKLING ein klassisch konstruierter Whodunnit, bei dem immer wieder neue Rote Heringe ausgelegt werden, was aber blendend funktioniert und an keiner Stelle aufgesetzt wirkt. Jeder könnte der Mörder sein, denn jeder hat auf seine Weise Dreck am Stecken und macht sich verdächtig.
Im Gegensatz zu gängigen Giallo-Klischees gibt es hier weder schwarze Handschuhe, noch blitzende Rasiermesser – die Buben werden erwürgt, erstickt oder ertränkt. Der Killer scheint im Dorf kein Unbekannter zu sein, denn die Opfer reagieren eher freudig, wenn der der Täter sich ihnen nähert (Fulci löst dies mit der subjektiven Kamera). Daher gerät vor allem die bei den Jungs aufgrund ihrer Freizügigkeit sehr beliebte Barbara Bouchet in den Hauptkreis der Verdächtigen.
In DUCKLING hält Gore-Großpapa Fulci sich im Gegensatz zu seinen späteren Splatterorgien noch relativ zurück, was nicht heißen soll, daß hier auf kleiner Flamme gekocht wird. Der extrem grausame Lynchmord an Hexe Marciara nimmt einige Brutalitäten aus GEISTERSTADT DER ZOMBIES vorweg, und das Finale geizt auch nicht mit Kunstblut und ausgewalzten Sadismen. Auch schon das Grundthema des Films (Kindermord) ist ja selbst für italienische Verhältnisse ein heißes Eisen, und Fulci lässt es sich darüber hinaus nicht nehmen, ein weiteres Tabuthema anzugehen, nämlich Kritik am Katholizismus. Das Hauptaugenmerk der Handlung liegt aber weniger auf den Morden, sondern auf den Ermittlungen und den ständig wechselnden Verdachtsmomenten, wodurch der Spannungsbogen kontinuierlich gehalten wird.
Woraus der Film aber wirklich lebt und atmet, ist seine kreuzmorbide Stimmung, wozu ein Gutteil die Location des abgelegenen Bergdorfs beiträgt. Ich habe leider noch nicht eruieren könne, wo genau DUCKLING gedreht wurde, aber ich tippe auf die Gegend um Monte Sant Angelo im Südosten Italiens. Dort scheint die Zeit stillzustehen, was durch die debil wirkende Dorfbevölkerung, die schwarzgekleideten alten Frauen und die weißgetünchten Häuser in den engen Gassen noch unterstrichen wird.
Hervorheben sollte ich noch den exquisiten Schnitt und die fantsastische Kamera, die von Sergio D'Offizi bedient wurde, den man durch seine visuelle Genialität in Ruggero Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST auf ewig in Erinnerung haben wird. Lobenswert ist auch der einfallsreiche Score von Riz Ortolani, der durch den geschickten Einsatz von klagenden (Hirten-) Freuengesängen zur morbiden Atmosphäre (man verzeihe mir den inflationären Gebrauch von „morbide“, aber er passt nun mal wie nix andres!) des Gesamtbildes beiträgt. Die Inszenierung ist absolut stimmig – und beweist für Fulci-Verhältnisse außergewöhnliches Feingefühl. Hier und da holpert das Drehbuch zwar ein wenig, und einige Zusammenhänge erscheinen am Ende wirr und nicht wirklich befriedigend aufgelöst – aber das wird durch den übrigen Augen- und Ohrenschmaus reichlich wettgemacht.

Die DVD von Blue Underground präsentiert sich im korrekten 2.35:1 Bildformat und überzeugt durch hervorragende Qualität. Außerdem ist sie für kleines Geld in den USA zu bestellen.
Absolute Kaufempfehlung!

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 20.12.2009 17:12 
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Gestern war ein Festtag. Besser als Weihnachten und Ostern am selben Datum. Denn: Nach zweimonatiger Wartezeit, Zollgebühren und erbostem Schriftverkehr, trudelte gestern endlich die langersehnte LUCIANO ERCOLI DEATH BOX von No Shame ins Haus.
Freude schöner Götterfunke! Gleich zwei Gialli, die ich noch nie zuvor gesehen habe!

Den Anfang macht LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI (“Death walks on High Heels”, 1971).
Die Pariser Nachtclub-Stripperin Nicole Rochard (Nieves Navarro) wird von der Polizei unter Druck gesetzt, da ihr Vater – ein berüchtigter Tresorknacker und Meisterdieb – ermordet wurde. In seinem Nachlass vermutet man eine Anzahl erbeuteter Diamanten, und die Polizei geht davon aus, daß der Mörder jenes Diebesgut suchte, was man nun in Nicoles Besitz wähnt. Diese gibt jedoch vor von nichts zu wissen. Wenig später wird sie von demselben Mörder (der auffallend blaue Augen hat) heimgesucht und bedroht. Ihr Freund Michel (Simón Andreu), der säuft wie ein Loch und sich obendrein von ihr aushalten lässt, glaubt ihr natürlich nicht. Gleichzeitig wird sie von dem Londoner Mediziner Dr. Robert Mathews (Frank Wolff) hofiert. Als sie im Badezimmerschrank ihres Freundes ein Paar blaue Kontaktlinsen findet, lässt sie sich kurzerhand auf Dr. Mathews Umwerbung ein und bittet ihn, sie nach England mitzunehmen. Aber der gnadenlose Verfolger gibt so leicht nicht auf, und bald kommt es zu weiteren Morden…

Eines vorweg: Obwohl DWOHH etliche klassische Elemente des Giallo-Kinos enthält, handelt es sich vielmehr um eine geschickt konstruierte Kriminalgeschichte. Und zweitens: Das Drehbuch (von Ernesto Gastaldi) wartet mit dermaßen vielen Wendungen, Plot-Twists und unvorhersehbaren Entwicklungen auf, daß der Zuschauer sich schon arg konzentrieren muss, um bei der Sache zu bleiben. Wenn man sich jedoch auf die verzwickte Handlung einlässt, wird man mit einem hervorragenden Thriller belohnt.
Auf der Seite der Darsteller überzeugt vor allem die Navarro (aka Susan Scott), die hier, ihrer Rolle entsprechend, extrem viel nackte Haut zeigt. Überhaupt glänzt der Film mit etlichen hocherotischen Momenten. (In einer Szene sitzen Wolff und Navarro am Kaminfeuer und Nieves verspeist gegrillten Fisch, den sie sich lüstern in den Mund stopft, sich lasziv die fettigen Finger abschleckt und Wolff mit glutvollen Blicken verschlingt… Junge, Junge!) Frank Wolff überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie, vor allem wenn man die Entwicklung seines Charakters gegen Ende des Films bedenkt.
Eher ungewöhnlich für einen Giallo ist auch der Humor, der vor allem von den zwei englischen Ermittlern ausgeht und niemals dümmlich oder aufgesetzt wirkt. Meine Lieblingsszene diesbezüglich: Als Simón Andreu sturzbetrunken an einem Tatort auftaucht, wird er vom Chefinspektor erst mal fachgerecht ausgenüchtert. Zuerst wird ihm gewaltsam ein brühendheißer Kaffee mit Zitronensaft eingeflößt, dann gibt’s ein paar kräftige Watschen rechts und links und als nächstes wird er kotzen geschickt. Der Michel reihert beherzt aus einem Fenster und göbelt einen darunter stehenden Bobby von oben bis unten voll, der dies stoisch über sich ergehen lässt. Ich lag fast unter der Bank!
Ansonsten kommt die Inszenierung ziemlich gemächlich daher und ist eher blutarm. Nur eine Mordszene wird explizit ausgespielt, dafür ist sie aber auch äußerst sadistisch ausgefallen. Aufgrund des komplexen Drehbuchs kann man sich den Film aber durchaus ein zweites oder drittes Mal anschauen, ohne das Langeweile aufkommen wird. Die Auflösung am Ende strotzt nur so vor Überraschungen und man kommt aus dem Nach-Luft-Schnappen gar nicht mehr raus.
Das Ganze ist natürlich sehr stylisch gefilmt, und die Locations, Kulissen und Settings sind wunderbar ausgewählt. Auch das gesamte 70er Jahre-Flair, das man an Gialli so liebt, ist ein wahrer Sinnesschmaus. Das Sahnehäubchen auf der Torte stellt der fantastische Score von Stelvio Cipriani dar.



Weiter geht’s mit LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE (“Death walks at Midnight“, 1972) – was richtig übersetzt eigentlich heißen müsste: „Der Tod liebkost dich um Mitternacht“.

Das Mailänder Fotomodell Valentina (Navarro) läßt sich von ihrem Journalisten-Kumpel (erneut Simón Andreu) dazu überreden, ein Photoshooting unter Einfluss der neuen psychotropen Droge „HDS“ zu machen. Während sie auf Trip ist, beobachtet sie im gegenüberliegenden Gebäude einen Mord: Eine Frau wird von einem Mörder mit einem dornengespickten Eisenhandschuh brutal zu Tode geprügelt. Da sie jedoch unter Einfluss des Rauschmittels stand, glaubt ihr niemand, weder der Kumpel (der die Story ihres Trips skrupellos in einem Magazinartikel vermarktet), noch ihr Freund (ein abgehobener Künstler, gespielt von Pietro Martellanza) noch die Polizei (der Chefermittler wird, wie im vorherigen Film, von Carlo Gentili gegeben). Doch Valentina schwebt in akuter Lebensgefahr, denn der Mörder, aufgeschreckt durch den Artikel, beginnt sie zu verfolgen und zu bedrohen. Bald findet sich inmitten eines tödlichen Komplotts wieder, in das sämtliche Personen in ihrem Umfeld verstrickt zu sein scheinen. Wem kann Valentina noch trauen?

Die Geschichte von DWAM ist weit weniger komplex ausgefallen, als beim Vorgänger. Das Hauptaugenmerk liegt hier der Situation allgegenwärtiger Bedrohung, die sich im Laufe der Handlung mehr und mehr zuspitzt. Ungewöhnlich (für einen Giallo) ist auch die Tatsache, daß das Gesicht des Killers von Anbeginn bekannt ist, was das Vergnügen jedoch keinesfalls schmälert. Wir haben es hier nicht mit einen klassischen Whodunit zu tun, sondern eher mit einem Vertreter der Spezies „Was zur Hölle geht hier vor sich?“. Bald kristallisiert sich auch heraus, daß es nicht nur einen Mörder gibt, sondern… Aber das sei hier lieber nicht verraten.
Die Ausgangssituation, in der Navarro bedroht wird, ihr aber kein Mensch Glauben schenkt, ist schon mal sehr ergiebig. Und was danach alles passiert, ist (wieder mal) gespickt mit spannenden und unvorhersehbaren Wendungen. Kein Wunder, stammt das Drehbuch doch erneut vom hochtalentierten Ernesto Gastaldi.
Auffällig ist, daß Nieves Navarro hier deutlich braver agiert. Nackte Tatsachen gibt es bei DWAM kaum zu bestaunen, und auf erotische Szenen freut man sich umsonst. (Wahrscheinlich war ihr Ehemann und Regisseur Luciano Ercoli der Meinung, es zieme sich nicht, die eigene Gattin so unzüchtig zu präsentieren. Bo?!)
Einmal abgesehen von dem extrem blutrünstigen Mord zu Beginn, geizt der Film auch mit Gewaltdarstellungen, was dem Gesamtbild aber keinen Abbruch tut.
Die Darstellerriege setzt sich aus fast denselben Gesichtern wie bei DWOHH zusammen und ist durch die Bank hervorragend. Erwähnenswert ist besonders Luciano Rossi, der bereits im Vorgänger eine ziemlich kranke Gestalt spielte und hier einen stets psychopathisch kichernden bösen Buben mimt. Beim Finale des Films ist alles aus: Ich habe selten eine furiosere und derart perfekt inszenierte Action-Sequenz in einem Giallo gesehen! Molto bene!
Stylistisch gilt hier dasselbe wie beim vorigen Film. Atmosphärisch großartig, mit tollen Sets, Kulissen und Drehorten. Die Musik stammt dieses Mal von Gianni Ferrio, der einen schönen Titelsong komponiert hat, wo „Valentinaaaaa“ gehaucht wird.

Die DVD-Box ist natürlich eine Wolke: Wunderschön aufgemacht, bestehend aus drei Disks (zwei DVDs und eine Soundtrack-CD mit „Hits“ von Stelvio Cipriani – „The Sound of Love & Death“), einem 16-seitigen Booklet mit informativen Texten von Filmwissenschaftler und Buchautor Chis D. und zwei Postkarten mit Aushangsfotomotiven.

Was will man mehr? Der Abend war perfekt, ich bin rundum zufrieden, und wenn mich morgen ein Irrer mit einem Eisenhandschuh erschlägt, sterbe ich wenigstens glücklich.



P.S.: Wirklich wunschlos glücklich wäre ich aber erst dann, wenn eirgendein ordentliches Label mal Ercolis geilen Poliziottesco LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE ("Killer Cop") herausbringen würde. Aber man soll sich ja bescheiden mit dem, was man hat...

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PostPosted: 20.12.2009 18:35 
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Sehr schön, das du Box noch bekommen hast! Ich freu mich mit dir mit!
Die Nieves ist in beiden Filmen wirklich eine Augenweide! :schilder_hschild:

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
ein Inspektor der öffentlichen Moral; die öffentliche Moral moderner Nationen verträgt jedoch keinerlei Inspektion.
(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 20.12.2009 19:09 
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Sehr schöne Einschätzung der beiden Death-Walks-Teile. Sehe ich genauso, gehören nicht umsonst zu meinen absoluten Giallo-Favoriten. Selten hat Humor in einem Giallo so gut funktioniert und auch sonst wie du schon sagst rundum perfekt.

Gleiches trifft auch auf Ercolis FORBIDDEN PHOTOS... zu.

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 00:15 
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FACELESS („Les Prédateurs de la Nuit“, 1988)

Dr. Flamand (Helmut Berger) ist ein angesehener Schönheitschirurg, der in der Nähe von Paris eine Klinik unterhält und gemeinsam mit seiner Assistentin (und Gespielin) Nathalie (Brigitte Lahaie) betreibt. Durch das Säureattentat einer verbitterten Ex-Kundin wird das Gesicht seiner Schwester Ingrid (Christiane Jean) entstellt. Um Ingrids Gesicht wieder herzustellen, bittet Flamand den ehemaligen SS-Chirurgen Karl Moser (Anton Diffring) um Hilfe, der während des 2. Weltkriegs im KZ Dachau erfolgreich Gesichtstransplantationen durchgeführt hat. Zu diesem Zweck entführt Nathalie das Modell Barbara (Caroline Munro), die Tochter des reichen Amerikaners Terry Hallen (Telly Savalas). Der wiederum beauftragt den Privatdetektiv Sam Morgan (Christopher Mitchum), um seine Tochter zu suchen. Während er in Paris nach ihr sucht, muss Barbara in der Klinik um ihr Leben bangen...

Uiuiui… Dieser späte Franco-Streifen ist bislang immer haarscharf an mir vorbeigeschlittert. Hätte ich geahnt, welch ein Heuler mir dabei bisher entgangen ist, hätte ich wohl viel eher meine gierigen Griffel nach dem Film ausgestreckt.
Zunächst muß man anmerken, daß FACELESS für Franco-Verhältnisse erstaunlich professionell, ja geradezu glatt in Szene gesetzt wurde. Von einem rein technischen Standpunkt könnte man wohl sagen, daß es sich hierbei um seinen besten Film handelt. Offensichtlich stand ihm hierfür ein größeres Budget zur Verfügung, als üblich. Aber das Thema und die Umsetzung… unfassbar!

Der erste Klopper erwartet den Zuschauer, respektive –hörer, direkt beim Vorspann. Der Titelsong ist eine schauerliche 80er Jahre-Popschnulze, die sich gnadenlos durchs Trommelfell ins Hirn fräst und sich dort tagelang einnistet. Geträllert wird sie von einem gewissen Romano Musumarra, dem schlecht wurde, als er den fertigen Film sah und mit dem Machwerk nichts mehr zu schaffen haben wollte. Daß uns bei seiner Lala schlecht wird, ist dem wohl egal! Ich musste den ganzen Tag brutales Death Metal-Geboller hören, um diesen grauenhaften Ohrwurm abzutöten.
Während dieser akustischen Folter sieht man Helmut Berger und Brigitte Lahaie im Rolls Royce durchs weihnachtliche Paris chauffieren und dümmlich daherquasseln. Das wirkt schon mal exakt wie aus einem schlechten Porno entlehnt.
In diesem Stil geht’s auch munter weiter. Die zeitweise etwas öden Handlungsabschnitte werden in regelmäßigen Abständen mit kraftvollen Ergüssen aus dem Blutkübel garniert – gemetzelt wird recht ordentlich. In Punkto Sexploitation hält Franco sich hier aber eher zurück. Das Meiste wird angedeutet, es kommt aber nie zum Äußersten (auch wenn Berger einer leichten Dame zwischendurch mal forsch in den Schritt greift.)
Überhaupt, der Berger: In diesem Film wirkt er fast schon distinguiert und spielt eher zurückhaltend – für seine Verhältnisse. Brigitte Lahaie ließ mich schon immer völlig kalt – ich kann nicht begreifen, was manche an ihr finden. Sie ist zwar keine wirklich schlechte Schauspielerin, aber ich finde sie furchtbar fade. Den blonden Todesengel, den sie hier mimen soll, nimmt man ihr auch nicht wirklich ab. Freilich erledigt sie ihren Job ganz passabel und darf auch schon mal für die ein oder andere Geschmacklosigkeit sorgen.
Die heftige Splatterei wird durch klamaukigen Comic-Relief aufgelockert, bei der Francos latente Homophobie zum Tragen kommt. Privatdeketiv Christopher Mitchum soll wie ein waschechter Mickey Spillane rüberkommen, wirkt aber eher wie sein Vater Robert nach einer durchzechten Woche mit Dean Martin.
Das mit Abstand Gruseligste sind aber sämtliche Szenen, die in typischen 80er Jahre Discos spielen (wobei jedes Mal erneut der Titelsong läuft!) – und davon gibt’s im Film jede Menge! Meine Fresse, diese Frisuren, diese Klamotten! So sehr ich die 70er liebe, so sehr habe ich die 80er gehasst. Ich hätte meine Jugendzeit niemals überlebt, wenn es keinen Punk gegeben hätte.
Bei der Story handelt es sich natürlich um ein Remake von Francos eigenem GRITOS EN LA NOCHE („Der schreckliche Dr. Orloff“), der ja selbst schon ein Remake von Georges Franjus AUGEN OHNE GESICHT war. In beiden Filmen versuchen Ärzte das zerstörte Gesicht ihrer Töchter wieder herzustellen, indem sie junge Frauen entführen und durch eine Operation deren Gesichter entfernen, die sie dann ihren Töchtern anflicken. Während Franco einen eher handelsüblichen Horrorthriller inszenierte, vermochte Franju durch eine schon poetisch anmutende Herangehensweise zu bezaubern.
Unter den Darstellern überzeugt vor allem Anton Diffring der den fiesen Nazichirurgen spielt. Das Verstörendste daran ist, daß dieser Charakter völlig neutral (sogar würdevoll und überaus wohlerzogen) gezeichnet wird und nicht mal der Ansatz einer kritischen Betrachtung zu spüren ist. Dementsprechend nihilistisch gestaltet sich dann auch das Ende des Films, das einen echten Gnadenhammer darstellt. Un-fass-bar!
Was soll ich sagen? Perfekte Unterhaltung für Leute, die bereit sind, ihren guten Geschmack und ihre politische Korrektheit an der Kinokasse abzugeben. Also wie geschaffen für mich – und ganz gewiss auch für euch!

Der Film ist in Deutschland natürlich nie erschienen, und das wird er mit Sicherheit auch nie. Mir lag zur Sichtung die französische DVD von René Chautau vor, die unglaublicherweise ab 12 freigegeben ist.

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PostPosted: 21.12.2009 00:29 
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Diabolik! wrote:
Brigitte Lahaie ließ mich schon immer völlig kalt – ich kann nicht begreifen, was manche an ihr finden.

:shock: :shock: :o BLASPHEMIE !!! :o :shock: :shock:

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PostPosted: 21.12.2009 00:30 
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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 03:12 
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Blap wrote:
Die Frau hat ein Gesicht wie eine Futterrübe. Ich finde die Dame völlig unerotisch.


Da sind wir schon drei. :mrgreen:

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 20:53 
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Lobbykiller wrote:
Blap wrote:
Die Frau hat ein Gesicht wie eine Futterrübe. Ich finde die Dame völlig unerotisch.


Da sind wir schon drei. :mrgreen:


Mehr findest du auch nicht, schon gar nicht in Schwartau Süd.


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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 20:55 
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Diabolik! wrote:

Gestern war ein Festtag. Besser als Weihnachten und Ostern am selben Datum. Denn: Nach zweimonatiger Wartezeit, Zollgebühren und erbostem Schriftverkehr, trudelte gestern endlich die langersehnte LUCIANO ERCOLI DEATH BOX von No Shame ins Haus.
Freude schöner Götterfunke! Gleich zwei Gialli, die ich noch nie zuvor gesehen habe!

P.S.: Wirklich wunschlos glücklich wäre ich aber erst dann, wenn eirgendein ordentliches Label mal Ercolis geilen Poliziottesco LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE ("Killer Cop") herausbringen würde. Aber man soll sich ja bescheiden mit dem, was man hat...


Die NoShame-Box ist mir auch kürzlich ins Haus getrudelt, und das gar noch zu sehr zivilem Preis. Mal schauen, dass ich mich noch dieses Jahr der Susan widme... :lol:


PS: Der "Killer Cop" ist in der Tat hochgradigst sehenswert!


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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 21:20 
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ugo-piazza wrote:

Die NoShame-Box ist mir auch kürzlich ins Haus getrudelt, und das gar noch zu sehr zivilem Preis. Mal schauen, dass ich mich noch dieses Jahr der Susan widme... :lol:


...


Sag bloß du kennst die beiden Filme noch nicht? :o

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 23:26 
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Blap wrote:
Die Frau hat ein Gesicht wie eine Futterrübe. Ich finde die Dame völlig unerotisch.

Dann stehe ich auf Futterrüben.


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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 21.12.2009 23:40 
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Ich bin eh Vegetarier... da passts dann schon. :mrgreen:

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
ein Inspektor der öffentlichen Moral; die öffentliche Moral moderner Nationen verträgt jedoch keinerlei Inspektion.
(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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Ich pack auch drei, trotz meines Alters! :lol: 8-)

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
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(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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Bevor ihr mir mein Filmtagebuch vollspeichelt, mache ich lieber nen neuen Thread auf... ;)

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Blap wrote:
Die Frau hat ein Gesicht wie eine Futterrübe. Ich finde die Dame völlig unerotisch.


Nun, dafür hat sie 2 andere EXTREM schlagkräftige Argumente und damit kann sie bei mir jederzeit punkten... :lol:

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Hauptsache der Busch ist dran. :lol:

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andeh wrote:
Hauptsache der Busch ist dran. :lol:

Ich sehe, Du hast Geschmack.


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PostPosted: 24.12.2009 01:06 
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SYNDIKAT DES GRAUENS ("Luca il Contrabbandiere", 1980) R: Lucio Fulci

Ich mach mal keine großen Worte und spar mir auch die Inhaltsangabe - es wurde ja bereits an anderer Stelle in diesem Forum schon reichlich dazu geschrieben. Hier nur ein paar stakkatohafte Impressionen:

Soeben angeschaut und überschäumend vor Begeisterung. Ich hatte den Film zwar schonmal vor etlichen Jahren gesichtet, aber die Erinnerung war arg vernebelt, woran damals wohl auch diverse Substanzen nicht unschuldig waren.
Der selige Onkel Lucio hat hier einen richtig flotten Gangsterfilm runtergekurbelt (von einem Poliziottescho kann man eigentlich nicht wirklich sprechen), der mächtig Haus und Hafen rockt. Die Story ist simpel aber effektiv, und es wird reichlich auf die Tube gedrückt. Auch die schmissige Musik trägt zum positiven Gesamtbild bei. Und was das allseits beliebte Gewühl im Gekröse angeht, wird hier ja so einiges feilgeboten... heißa, alle Tapeten sind am Ende rotgefärbt! Auch mit politischen Unkorrektheiten wird nicht gegeizt, besonders gegen überpigmentierte MitbürgerInnen. Speziell Ajita Wilson, die hier eine leichte Dame mimt, muss sich in dieser Hinsicht so einiges anhören ("Wir sind doch hier nicht im Kral oder im Urwald, du Buschneger!"). Wilson war ja mal ein Mann, bevor sie das Ufer gewechselt hat, und die Synchro hat ihr dementsprechend eine whiskygeschwängerte Proletenstimme verpasst. Weia...
Fabio Testi brilliert in der Rolle des Luca. Er sieht in diesem Film ziemlich abgekämpft aus, was dem Charakter, den er hier verkörpert, sehr gut zu Gesicht steht. Auch der Rest des Ensembles weiß rundum zu gefallen, wenngleich alle anderen Darsteller eher zu Nebenrollen minimalisiert werden.
Besonders zugesagt hat mir das grandiose Finale, als die alten Männer der ehrenwerten Familie sich bewaffnen und Reintisch machen.
Schön temporeich gefilmt und montiert ist der Film auch. Fulci macht wieder mal großzügigen Gebrauch von der Gummilinse, was mir bei ihm immer gut gefällt - es gibt etliche andere Regisseure, die Möglichkeiten und Grenzen des Zooms nicht recht verstanden haben.
Ein klitzekleines Tränlein musste ich weinen, weil es auf der XT-DVD leider keine italienische Tonspur gibt. Der Film versprüht soviel kernigen Napoli-Lokalkolorit, da wünscht man sich den O-Ton herbei. (Leider gibts den aber auch auf keiner der anderen DVD-Veröffentlichungen.)

Ich vergeb ja nie Punkte, aber wenn ich´s tun würde, würde ich sagen: es gibt ne Menge Punkte!!

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PostPosted: 24.12.2009 06:12 
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Diabolik! wrote:
SYNDIKAT DES GRAUENS ("Luca il Contrabbandiere", 1980) R: Lucio Fulci

Ich mach mal keine großen Worte und spar mir auch die Inhaltsangabe - es wurde ja bereits an anderer Stelle in diesem Forum schon reichlich dazu geschrieben. Hier nur ein paar stakkatohafte Impressionen:

Soeben angeschaut und überschäumend vor Begeisterung. Ich hatte den Film zwar schonmal vor etlichen Jahren gesichtet, aber die Erinnerung war arg vernebelt, woran damals wohl auch diverse Substanzen nicht unschuldig waren.
Der selige Onkel Lucio hat hier einen richtig flotten Gangsterfilm runtergekurbelt (von einem Poliziottescho kann man eigentlich nicht wirklich sprechen), der mächtig Haus und Hafen rockt. Die Story ist simpel aber effektiv, und es wird reichlich auf die Tube gedrückt. Auch die schmissige Musik trägt zum positiven Gesamtbild bei. Und was das allseits beliebte Gewühl im Gekröse angeht, wird hier ja so einiges feilgeboten... heißa, alle Tapeten sind am Ende rotgefärbt! Auch mit politischen Unkorrektheiten wird nicht gegeizt, besonders gegen überpigmentierte MitbürgerInnen. Speziell Ajita Wilson, die hier eine leichte Dame mimt, muss sich in dieser Hinsicht so einiges anhören ("Wir sind doch hier nicht im Kral oder im Urwald, du Buschneger!"). Wilson war ja mal ein Mann, bevor sie das Ufer gewechselt hat, und die Synchro hat ihr dementsprechend eine whiskygeschwängerte Proletenstimme verpasst. Weia...
Fabio Testi brilliert in der Rolle des Luca. Er sieht in diesem Film ziemlich abgekämpft aus, was dem Charakter, den er hier verkörpert, sehr gut zu Gesicht steht. Auch der Rest des Ensembles weiß rundum zu gefallen, wenngleich alle anderen Darsteller eher zu Nebenrollen minimalisiert werden.
Besonders zugesagt hat mir das grandiose Finale, als die alten Männer der ehrenwerten Familie sich bewaffnen und Reintisch machen.
Schön temporeich gefilmt und montiert ist der Film auch. Fulci macht wieder mal großzügigen Gebrauch von der Gummilinse, was mir bei ihm immer gut gefällt - es gibt etliche andere Regisseure, die Möglichkeiten und Grenzen des Zooms nicht recht verstanden haben.
Ein klitzekleines Tränlein musste ich weinen, weil es auf der XT-DVD leider keine italienische Tonspur gibt. Der Film versprüht soviel kernigen Napoli-Lokalkolorit, da wünscht man sich den O-Ton herbei. (Leider gibts den aber auch auf keiner der anderen DVD-Veröffentlichungen.)

Ich vergeb ja nie Punkte, aber wenn ich´s tun würde, würde ich sagen: es gibt ne Menge Punkte!!


Gibts hiervon inzwichen eigentlich nen Soundtrack? Die Muse groovt ja ganz gut. Glaub auf dem Sampler ITALIA VIOLENTA VOL. 2 ist ein Stück druff?

Der Film selbst ist natürlich ein brutaler Klassiker und war seinerzeit die einzige Dr. Dressler-Kassette, die ich besaß.

8 von 6

:mrgreen:

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 24.12.2009 10:18 
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Echt wahr, die Wilson war mal ein Mann? Wusste ich gar nicht....

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PostPosted: 24.12.2009 13:59 
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Echt wahr, die Wilson war mal ein Mann?


Ajita wurde 1950 als George Wilson in der Bronx geboren. Sie trat zu Beginn der 70er Jahre in Transvestiten-Shows auf und wirkte nach einer Geschlechtsumwandlung verhäuft bei Untergrund (Sex-) Filmen mit. 1975 erhielt sie ein Angebot (von einem italienischen pornofilm-Produzenten) und verlegte ihren Wohnsitz nach Rom. Ihr erster Ferkelfilm made in Italy hieß GOLA PROFONDA NERA ("Black Deep Throat"). 1976 drehte sie auch ihren ersten Nicht-Porno, und zwar Cesare WILLKOMMEN IN DER HÖLLE Canevaris LA PRINCIPESSA NUDA ("Black Magic"). Es folgt eine schier unendliche Filmographie aus dem Exploitationsektor, u.a. mit Jess Franco.
Ajita starb bereits 1987 an einer Gehirnblutung nach einem Verkehrsunfall.

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PostPosted: 24.12.2009 15:00 
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DAS WAISENHAUS („El Orfanato“, 2007) R: Juan Antonio Bayona

Die 37jährige Laura (Belén Rueda) kauft zusammen mit ihrem Ehemann Carlos (Fernando Cayo) das leerstehende alte Waisenhaus, in dem sie einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hat. Künftig soll es behinderten Kindern als neue Heimat dienen. Der kleine Sohn des Paares, Simón (Roger Príncep), ahnt nicht, daß er selber adoptiert ist und außerdem an einer angeborenen lebensbedrohlichen Krankheit leidet.
Simón ist ein Junge mit lebhafter Phantasie, der sich aufgrund seiner Einsamkeit zwei imaginäre Spielkameraden erfunden hat, was seinen Zieheltern Sorge bereitet. Kurz darauf gesellen sich aber sechs weitere unsichtbare Freunde hinzu, die ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln. Mit deren scheinbarer Hilfe stößt Simón auf die Wahrheit seiner Herkunft und seiner Erkrankung, was zu einem Konflikt mit Laura und Carlos führt. Die Situation spitzt sich zu, als Laura ihn während der Eröffnungsfeier des Hauses im Affekt ohrfeigt und der Junge fortläuft. Seitdem ist Simón verschollen und die Eltern starten eine verzweifelte, sechs Monate andauernde Suchaktion. Zumindest Laura ist sich sicher, daß ihr Adoptivsohn noch lebt – und im Haus von seinen „Freunden“ festgehalten wird…

Ich rutsche immer noch auf den Knien herum in Anbetung dieses schier unglaublichen Films.
In Zeiten des exzessiven Splatter- und Folterfilms, dem kein Tabu mehr fremd ist und der gerade dadurch immer langweiliger und stumpfsinniger wird, verlässt der spanische Regie-Debütant Juan Antonio Bayona sich gänzlich auf die bewährten Zutaten des klassischen Grusel- und Spukhaus-Kinos. Von der ersten Einstellung an baut der Film eine Atmosphäre auf, die ihresgleichen sucht. Bereits die Bilder, die über den Vorspann gelegt sind (Kinderhände, die alte Tapeten von den Wänden reißen und darunterliegende blutrote neue Tapeten freilegen), lassen erahnen, daß in dem titelgebenden Haus etwas Altes und Hässliches im Gemäuer gärt. Der Film beginnt ruhig und verhalten, lässt sich Zeit für die sorgfältige Entwicklung der Charaktere, zieht jedoch im Verlauf der etwa 100minütigen Handlung die Schraube erbarmungslos an, bis man es kaum noch aushält. Der langsame Erzählstil wirkt keine Sekunde langweilig, wozu auch die hervorragende Kameraführung und Bildgestaltung beiträgt. Der Zuschauer wird förmlich eingesogen von den Ereignissen und folgt seiner Protagonistin immer tiefer in die aufklaffenden Abgründe – des Hauses und der eigenen Psyche.
Die im Zentrum der Geschichte stehende Laura wird von der wunderbaren Belén Rueda ganz fabelhaft dargestellt. Im Verlauf der Narration werden wir Zeuge ihres psychischen und physischen Verfalls, wobei man sich stets fragt (vor allem, wenn man die Seiten der „rationalen“ Filmfiguren, wie ihrem Mann und einer Polizeipsychologin, einnimmt), ob eventuell alle Ereignisse nur ein Produkt ihrer zerrütteten Psyche sind.
Zuviel will ich hier aber nicht mehr verraten und zerreden. Der Film wimmelt von Reminiszenzen an ähnliche Geschichten, vor allem THE SHINING, THE OTHERS, LANDHAUS DER TOTEN SEELEN, eine Prise POLTERGEIST und (immer wieder) PROFONDO ROSSO, aber nie wirkt irgendetwas plump geklaut. Das Drehbuch ist wie ein Lehrstück in Sachen perfekter Dramaturgie, die Musik unterstützt das Geschehen auf stimmungsvolle Weise.
Produziert wurde der Film von Guillermo del Toro, der (zu Recht!) vom Drehbuch so begeistert war, daß er sofort alle Hebel in Bewegung setzte, um den Film zu realisieren. Das Endprodukt wurde dann auch, zunächst in Spanien und schließlich in der restlichen Welt, mit Preisen überhäuft.
Anschauen ist Pflicht!

Ein Film, der restlos alles richtig macht. Schlicht und ergreifend: perfekt.

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PostPosted: 24.12.2009 16:38 
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Diabolik! wrote:
DAS WAISENHAUS („El Orfanato“, 2007) R: Juan Antonio Bayona


Nargh... Ich habe die Blu-ray schon seit einiger Zeit im Regal, es wird Zeit...

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PostPosted: 30.12.2009 23:53 
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So, die beiden "Death walks"-Gialli hab ich nun gestern auch endlich gesehen und war mit beiden wahrlich sehr zufrieden. Kein Grund für Gemecker... ;)


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PostPosted: 06.01.2010 02:46 
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STREET LAW ("Il Cittadino si ribella", 1974) R: Enzo G. Castellari

Carlo Antonelli ist ein unbescholtener und ehrlich arbeitender Bürger, der einen Überfall auf das Postamt miterleben muss, während er gerade sein Sauerverdientes einzahlt. Die Gangster schlagen ihn zusammen, nehmen ihn als Geisel und piesacken ihn aufs Übelste, bis sie das Fluchtauto verlassen und Carlo besinnungslos zurücklassen. Die Polizei kümmert dies alles herzlich wenig – nach ein paar Routineuntersuchungen wird der Fall geschlossen und die Kriminellen bleiben auf freiem Fuß. Carlo nimmt nun das Gesetz in die eigene Faust, womit er jedoch wenige Erfolge zeitigt und reichlich Federn lassen muss. Von dem Kleinganoven Tommy (Giancarlo Prete) erpresst er die nötigen Informationen und einen Kofferraum voller Schusswaffen. Doch plötzlich wendet sich das Blatt und der sich anbahnende Rachefeldzug verläuft ganz anders als erwartet…

Bereits während der Vorspann läuft, geht der Film dermaßen in die Vollen, daß die Blutwurst in der Pfanne qualmt: Diverse böse Buben malträtieren ihre Mitbürger mit diversen schmerzhaften Gemeinheiten – Überfall, Mord und Körperverletzung geben sich in rascher Abfolge die schmutzige Hand. Der folgende Angriff auf das Postamt gehört zum Brutalsten, was mir seit langem unter die Augen gekommen ist. Da können sich selbst Heinz Klett und seine wilde Bande noch ein saftiges Scheibchen von abschneiden! Und dann geht´s auch schon mit Vollgas per Verfolgungsjagd mit rauchendem Gummi durch die Straßen von Rom. Enzo Castellari stellt mal wieder eindrucksvoll unter Beweis, was er am besten kann: hervorragende Action inszenieren. Inklusive derber Faustkämpfe und gepflegter Sadismen, harter Schießereien mit reichlich Gesuppe und Peckinpahscher Zeitlupen-Stürze.
Das Drehbuch ist extrem effizient und straff gehalten; keine Szene ist überflüssig oder langatmig ausgewalzt. Die Story entwickelt sich zunächst als typische Rachegeschichte, vollführt dann jedoch eine sehr überraschende Wendung.
Die Darstellerriege überzeugt auf ganzer Linie. Nero bietet hier eine seiner besten Leistungen (neben dem von mir heißgeliebten AUTOSTOP SANGUE ROSSO), auch wenn er manchmal zum gelinden Overacting neigt, was seinem Charakter aber die nötige Hysterie verleiht. Auch Giancarlo Prete (u.a. bekannt aus DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL, METROPOLIS 2000 oder THE RIFFS 2) spielt den Kleinkriminellen Tommy großartig, der sich vom Saulus zum Paulus wandelt und für die Buddy-Komponente sorgt. Als Neros Gespielin sehen wir die schöne Barbara Bach, deren Rolle sich etwas mager gestaltet, aber keineswegs enttäuscht.

Das Gespann Nero/Castellari präsentiert sich bei STREET LAW, wie auch schon bei TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT und KEOMA, in absoluter Höchstform. Abgerundet wird dieser filmische Leckerbissen durch einen unter die Haut gehenden Score der Gebrüder De Angelis, die auch den tollen Titelsong komponiert haben.

Als Extras bietet die DVD von BLUE UNDERGROUND (wie immer in erstklassiger Qualität) einen Audiokommentar von Castellari, zwei Trailer, sowie ein sehr interessantes Interview mit dem Regisseur und Hauptdarsteller. (In dem Enzo berichtet, warum er als Rechtsextremist angeklagt wurde und Franco mit seiner körperlichen Belastbarkeit, sprich: seinem Masochismus, prahlt – immerhin hat er in STREET LAW sämtliche Stunts höchstpersönlich hingelegt.)

Kurzum: Ein perfekter Heimkinoabend, bei dem keine Wünsche offen blieben. Nun ja, eine italienische Tonspur wäre die Schlagsahne auf der Mascarponecrème gewesen, aber die enthält uns BU, wie leider meistens, vor.

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 Post subject: Re: Die diabolische Leinwand
PostPosted: 07.01.2010 20:29 
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DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN ("La Noche del terror ciego", 1971) R: Amando de Ossorio

Diesen spanischen Gruselfilmklassiker habe ich das letzte Mal mit 16 Lenzen im heimischen Bahnhofskino gesehen, die Erinnerung daran war also dementsprechend getrübt. Zeit für eine Auffrischung!

Bereits beim Vorspann, unterlegt mit Aufnahmen zerfallener Burgruinen, glaubte ich, meinen Ohren nicht zu trauen: Das Titelstück des Scores ist absolut genial – kreuzunheimliche Mönchs-Chöre, unterweltliches Knarren, Ächzen, Quietschen und Kreischen. Das klingt ja fast nach einer der Foltercombos meiner holden Industrial-Jugendzeit – könnte auch von Coil oder Psychic TV stammen. Es wundert mich, daß noch niemand (?) diese Musik gesamplet hat, um einen Düster-Song daraus zu basteln…

Was dann folgt, ist erst einmal hart zu goutieren, da stinklangweilig und mit nahezu unerträglichen Dialogen gespickt. Zwei alte Schulfreundinnen treffen sich zufällig am Swimmingpool eines Ferienhotels und tauschen Belanglosigkeiten aus. Die Dunkelhaarige (Ginny) hat einen Gigolo mit Schmalztolle (Roger) im Gepäck, der umgehend geil auf die Blonde (Bella) wird und sie zu einem gemeinsamen Campingtrip einlädt – eher zum Missfallen seiner Schnitte. Per Zug (der ungefähr das Tempo von 2 km/h drauf hat) begibt man sich in die Pampa – gedreht wurde übrigens in Portugal. Dort kommt es bereits zu Eifersüchteleien zwischen den Damen und in einer Rückblende erfährt man von der gemeinsamen lesbischen Vergangenheit im Mädchenpensionat. Hier outet De Ossorio sich als Kunstfilmer, indem er den Rauch aus dem Lokomotivschornstein in den Flashback einbaut. [Anmerkung: Kessler hat diesen Kniff offensichtlich nicht kapiert, was ich sehr amüsant fand. Zitat aus seiner Rezension in Splatting Image Nr.34 „(…)"Hast du vergessen, was in der Schule zwischen uns war?" fragt Bella sinnierend, eine schöne Rückblende hervorkitzelnd, in der die beiden vor zwei religiösen Bildern zärtliche Stunden verleben, während irgendein Schöngeist Rauch vor die Kamera bläst! Ich habe das erst für eine schmierige Scheibe gehalten, aber das ist wohl eher Rauch. Toll.“] – Wohl anderweitig zuviel Rauch inhaliert, was?

Weiter im Text: Ginny hat die Faxen vom Geturtel ihrer Mitreisenden dicke und springt spontan vom Bummelzug ab. Dumm nur, daß sich das verfluchte Dorf Berzano ganz in der Nähe befindet, samt der verfallenen Abtei, die wir schon aus dem Vorspann kennen. In einer sehr lang ausgewalzten Sequenz eiert sie etwas ziellos durch das Gemäuer und sieht sich um, ohne Aufregendes zu entdecken. Man muss als Zuschauer schon durchaus Geduld mit De Ossorios Inszenierung aufbringen. Irgendwann richtet sie sich dann in einer lauschigen Katakombe häuslich ein, entzündet aus drei Strohhalmen ein Feuer, das die ganze Nacht prasselnd brennt, zieht sich artig ein Nachtgewand an (!) und schlüpft in den Schlafsack. Irgendwie niedlich.
Kurz darauf ertönt der Totenchor der Knochenmänner und aus den Grüften im Innenhof quillt Rauch (Rauch spielt in diesem Film eine wichtige Rolle). Schwarze Gummihände schieben Grabplatten zur Seite und eine untote Horde zerlumpter Mönchsritter erhebt sich augenlos aus dem Erdreich. Zu Fuß sind sie recht langsam, zumal sie sich nur in Zeitlupe bewegen, daher schwingen sie sich auf ihre Gäule, die mit Lumpendecken behangen sind. Bald merkt Ginny, daß es in der Abtei nicht mit rechten Dingen zugeht, und die Knochenköppe riechen Mädchenfleisch. Nun folgt meine Lieblingsszene: In aller Seelenruhe zieht Ginny ihr Nachtgewand aus und kleidet sich wieder an – und das tut sie, während die untote Brut schon an der Türe kratzt! Diese Szene erfüllt KEINERLEI Sinn! Da die Voyeure unter uns auch wenig nacktes Fleisch zu sehen bekommt, hat sie nicht einmal (s)exploitative Beweggründe.

Wie auch immer: Die reitenden und schlurfenden Leichen rücken Ginny auf den Pelz und diese flüchtet kreischend durchs Gemäuer, was erst mal eine ganze Weile in Anspruch nimmt (da die Fleddermönche sich seeeeehr langsam bewegen, ist die Bedrohungssituation nicht immer ganz nachvollziehbar). Irgendwann hat Ginny sich dann festgerannt bzw. geritten und wird totgebissen.
Der nächste Höhepunkt folgt, als Bella und Roger ihre Freundin im Leichenschauhaus identifizieren müssen. Die Deckenlampe schwingt wild durch die Gegend, als wäre im Obduktionssaal hoher Seegang und sorgt dadurch für pittoresken Schattenwurf. Der Leichenbeschauer wird von Simón Arriaga gespielt und ist ein leicht perverser Schelm: sadistisch grinsend präsentiert er den beiden, einfach so aus Jux und Dollerei, zunächst einmal eine zermatschte Omma, bevor er Ginnys Laken lüftet. Da war alles aus bei mir! Der Grinsekasper hat auch einen Kanarienvogel namens Karlchen und einen Frosch, den er zum Scherze quält – so was bleibt nicht ungesühnt, denn Ginny erhebt sich von der Bahre und beißt ihm das Lebenslicht ab.
Ein schrulliger Professor (Paco Sanz) wird besucht, der Sinistres über die Tempelritter vom Stapel lässt. Hier sehen wir eine hübsche Rückblende (die in der DF übrigens an den Anfang gesetzt und übelst geschnitten wurde), wo die Templer eine halbnackte Maid an ein Marterwerkzeug binden, mit Schwertern piesacken und ihr den Saft aus den Knochen schlürfen.
Bella und Roger suchen nun einen Haufen degenerierter Schmuggler auf und überreden sie irgendwie (ich kann mich nicht erinnern: War da eventuell Geld im Spiel?), ihnen bei der Suche nach Ginny zu helfen. Gemeinsam geht’s zurück zur Abtei, wo alsbald eine Nacht des Terrors hereinbricht…

Im Verlauf dieser Nacht wird gar lustig gemordet und vergewaltigt, daß es eine Art hat. Für die damaligen Verhältnisse geizt der Film nicht mit Blutwurst – Arme werden abgehackt, Köpfe fliegen durch die Kapelle. Die Effekte sind zwar nicht besonders überzeugend, wärmen demjenigen, der im Herzen ein Kind geblieben ist, aber angenehm die Brust. Logik sucht man vergeblich, aber wen stört das schon.
Es ist beinahe rührend mitanzusehen, wie De Ossorio sämtliche Chancen, echtes Spannungskino zu fabrizieren, herzhaft vergeigt. Immer wenn das Drehbuch (falls es ein solches im herkömmlichen Sinne überhaupt gab) Gelegenheit dazu böte, schießt die Regie alles in den Wind. Das Finale macht dafür wieder einiges wett: Am Schluss der ganzen Fete wird Klarschiff gemacht, Armageddon naht, Ende, aus, Zappenduster…
Aber was soll´s – der Film macht trotzdem einen Riesenspaß, und meine ewigwährende Zuneigung ist ihm sicher. Überhaupt sollten sich alle Menschen lieb haben und viel mehr spanische Gruselfilme aus den 70ern anschauen, ob mit oder ohne Naschy, denn diese Filme tragen das Herz am rechten Fleck!

Das nächste Forentreffen veranstalten wir in Berzano!

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