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AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Die SS und der Maulwurf
BeitragVerfasst: 20.01.2015 11:53 
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Himizu
Japan 2011
Regisseur Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono
Darsteller: Shōta Sometani, Fumi Nikaidō, Tetsu Watanabe, Mitsuru Fukikoshi, Megumi Kagurazaka, Ken Mitsuishi , Denden, Yosuke Kubozuka
Laufzeit: 130 min


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Postapokalypse in Japan. Das ist das Japan nach Fukushima. Der 14-jährige Sumida (Shōta Sometani) lebt am Arbeitsplatz seiner Mutter, ein Bootsverleih an einem Tümpel, der ein Fluss sein soll. In ihrem Vorgarten leben Männer in einem Zelt. Das Leben des Teenagers ist auch in der Schule nicht das unbeschwerteste. Er hat eine in ihn fanatisch verliebte Mitschülerin. Sie steht auf, reckt die Faust in die Höhe und kreischt ihn toll. Sein Leben ist scheiße - er will Normalität und später ein normaler, geldverdienender Erwachsener werden. Doch die Dinge stehen schlecht: Seine Mutter (Makiko Watanabe) verlässt ihn, sein Vater will ihn tot, die Yakuza will Geld, das sein Vater ihnen schuldet.

Sion Sonos Filme habe ich bisher nie gesehen. Es ist schwer, einen akzeptablen Zugang dazu zu finden. Einerseits ist das Stück eine Art Coming-Off Drama eines Pubertierenden, Liebesabenteuer und Gesellschaftskritik. Dazu aber auch voll mit überzeichneten Gangstern, unmengen an Erstochenen, Amokläufen, SS-Nazis und Traumsequenzen, die nicht als solche Gekennzeichnet sind. Dazu ist der Film stellenweise, bzw. hauptsächlich, ziemlich eindeutig in seiner Botschaft. Er gibt die Richtung, was wir denken können, vor. Die Erwachsenengeneration der Eltern ist eine abstoßende - ihre Zukunft, die Kinder, wollen sie tot um selbst im Glück leben zu können. Das wird teils (zu) drastisch dargestellt, etwa durch einen Galgen, den die Eltern der Schulfreundin Chazawa für sie aufbauen. Die Normalität die Sumida will, ist kaum erreichbar. Sein Leben als sich alleinerziehender ist drastisch, den Vater (Ken Mitsuishi) wird er bald getötet haben.

Der Film beginnt mit dem Mädchen Chazawa als Erzählerin, es ist in dieser Sicht vermutlich eher ihr Film. Sie steht allein in einer Supertotalen und wirkt darin verloren, dann Aufnahmen vom zerstörten Fukushima. Die Sequenz schwenkt übergangslos in die Traumsequenz von Sumida, der sich erschossen haben wird. Sie zitiert ihn aus dem Off: "Ich wünschte ich wäre ein Maulwurf, ein Himizu". Maulwürfe sind Einzelgänger, auf ihre Umwelt reagieren sie teils aggressiv. Er jedoch möchte so leise leben wie einer. Er ist oft verschlammt zu sehen, im Dreck - das kommt einem Maulwurf Nahe. Es ist aber nicht der (typische) El Topo Maulwurf, dazu ist er zu sehr Teenager. Die größte Schnittstelle ist im Grunde die wie beide auf das soziale Umfeld reagieren. Da ähneln sich der Knabe und das Tier. Auch wenn dem Tier selbstverständlich die menschlichen (Irr)Gefühle abgehen, wie Schuld, Bestrafungswillen, Zukunftssorgen, Hass usw.
Seine Freundin, Chazawa (Nikaidou Fumi) zitiert im Film gern den französischen Dichter Francois Villon (Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund), ein Krimineller und vermutlich mordender Dichter, dessen Vater, im Gegensatz zu Himizus, früh starb.
Die erwähnte Ballade:

Zitat:
I know flies in milk.
Specks against white.
I know, I know it.
I know a man by his clothes.
Even I know that much.
I know fair weather from foul.
I know that.
I know the apple by the tree.
That I know.
I know who labor and who loafs.
I know all.
All save myself.
I know all things.
I know pink cheeks from wan.
I know death who devours all.
I know everything.
Everything but myself
.


Was für Figuren gibt es noch im Kosmos?
Den Lehrer: "Die Leute sollen lernen, nicht nach unten zu schauen. Jeder von euch ist besonders. Wiederholt alle: Ich bin eine Blume, ich bin etwas besonderes". Das vor 14-jährigen Knaben. Sumida antwortet brüllend sein Los: "Gewöhnlichkeit ist das beste". Sein Lebensweg sieht er klar: "Ich gehe auf keine weiterführende Schule. Ich möchte Boote verleihen. das macht mich weder glücklich noch unglücklich und das ist alles was ich möchte."
Den Vater: Der, der den Sohn tot will. Er prügelt den Sohn, die Zeltbewohner schauen zu und greifen nicht ein. Nicht Einmischen heißt ihre Devise, ihre Passivität ist unbestreitbar. Der Vater braucht Geld. "Die Dinge wären gut, wärst du nicht geboren". Er sagt es immer wieder, immer wieder im Suff, und kann sich danach nicht mehr daran erinnern. Er ist das täglich grüßende Murmeltier ohne Vergangenheit und ohne Gedächtnis. Jeden Tag fügt er dem Sohn den selben Schmerz zu.
Das Mädchen : ist Sumidas Gegenspieler. Enthusiastisch, sie preist ihn, lobt ihn vor der Klasse, bezirzt ihn. Während sie brüllt und schlägt, Arme in die Höhe reißt und pathetisch ruft schwenkt er nur ab, und mummelt: "Was auch immer". Er hat nur selten emotionale Ausbrüche. Das Mädchen ist Ordnungsliebend: Schon als er sich mit 14 allein erziehen muss sagt sie: "Ich gehe zur Polizei". Später wird sie es getan haben.


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In der Achse des Films wird Sumida zum Vatermörder. Die zweite Hälfte wird er der Verbrecher sein. Nach dem Mord gibt es eine rituelle Selbstreinigung im Fluss, die aber das Gegenteilige bewirkt. Er verkommt weiter zum verbrecherischen Element. Wie in Universal Soldier oder Phantom Kommando rußt er sein Gesicht und zieht mit einem Messer los. Er implodiert, von einem Maulwurf ist nicht mehr viel zu sehen.

Während seines eventuellen Amoklaufs sieht er sein Gegenstück, einen Gleichaltrigen mit Messer, der mordet. Ob es real ist, ist egal. Der Identitätslose will einen hübschen Knabensänger töten, der von einer Handvoll Mädchen angeschmachtet wird. So sein wie der Verrückte will er nicht, der Traum wird zur Selbsterkentnis "Tell me who I am" ruft der Verwirrte Beinahe-Mörder, das Villon-Gedicht rutscht in die Realität. Dieses Problem hat Sumida nicht. Er weiß wer er ist und was er will. "I was unlucky to be born to a cunt and a looser but I have pride". Ciorans "Vom Nachteil, geboren zu sein" greift bei ihm nicht. Er will leben. Geburt mag Bedingung des Leidens sein, doch er will das beste daraus machen. Er hat pubertäre Probleme, nach dem Mord kreischt er: "Oh Gott, wieso hast du mich das tun lassen". Die Eigenverantwortung streift er so schnell ab. Auf der Trümmerstätte der Welt will er seinen Beitrag zur Verbesserung leisten. Er spielt zeitweise mit dem Gedanken des Selbst-mordes. Dieser Wahlfreiheit als andauernder Wahlzwang des Lebens kann er sich nicht entziehen. Er wird den Selbstuntergang nicht wählen.


Habe nun den Film verraten. Er ist lang und er ist interessant. Nachdem ich ihn das erste Mal gesehen habe, war ich mir unschlüssig, was ich darüber denken soll. Einige Stellen sind einfach zu überdreht. Doch das Leben Sumidas ist ein interessantes. Sein andauernder Schwank zwischen Selbstmord und Lebenswillen, die Frage nach der eigenen Zukunft trotz bescheidenster Vorraussetzungen. Dazu auch dessen Freundin als Spiegelbild, hoch emotional, hilfreich und am Leben erfreut, obwohl ihre Eltern die angenehmsten nicht sind. Dahinter die Kulisse des zerstörten Fukushimas, das vielen ihre Existenz raubte. Das Unglück geschah wohl während der Dreharbeiten und wurde schnell mit eingebaut und fügt sich gut ein.

Lohnenswert.
Vor allem für das Haiku-Prügelspiel mit dem 5-7-5 Silbenmaß.

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 20.01.2015 14:02 
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Keine Frauenbrüste und/oder Pimmel diesmal? :mrgreen:
Ist übrigens eine gute Idee, anstatt Bodycount, einen Tittencount und Pimmelcount einzuführen.

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 Betreff des Beitrags: Doctor Penetration
BeitragVerfasst: 27.01.2015 08:27 
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Café Flesh
USA 1982
Regie: Rinse Dream (Stephen Sayadian)
Drehbuch: Jerry Stahl (Ben Stiller spielt ihn in Permanent Midnight); Stephen Sayadian
Musik: Mitchell Froom (Meet the Parents, Toy Story 3, 007 - Der Morgen stirbt nie, hier tobt er sich mit Synths aus)
Darsteller: Andy Nichols, Paul McGibboney, Michelle Bauer, Tantala Ray aus The Rocky Porno Video Show und Slammer Girls als "Mama"


Postapokalypse im Pornoland
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Wenn der Milchmann eine Ratte ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass Reid Fleming zu Werke geht. Wenn der Milchrattenmann die Fremdfrau in ihrem Wohnzimmer knattert und im Hintergrund drei erwachsene Babys sitzen und im Takt zu Synth-Musik Knochen schwingen, heißt das hingegen, dass Stephen Sayadian verwickelt ist.

Die Geschichte ist hinlänglich bekannt: Es können die schlimmsten Bums-Havarien passieren, wenn die Atombombe erstmal losging, das ist ein Fakt. Die Tschechen können ein Lied davon singen. Durch die A-Bombe, wuchsen den Damen Bärte und unfruchtbar wurden sie dazu, in Ich habe Einstein umgebracht, meine Herren. Bei Sayadian wirkte sich die Atombombe auch auf das Sexualverhalten aus. Doch anders, hier wurden sowohl Mann als auch Frau ungeil. Sex sind Schmerzen für 99 Prozent. Nur ein kümmerliches Prozent der Menschheit ist bumsbegabt. Dieses Prozent wird von Sexjägern gesucht, erkannt und in Sex-Cafes verfrachtet, wo sie der sexualorganverkümmerten aber keineswegs asexuellen Kundschaft den Sex vorturnen müssen und - da bin ich mir sicher - auch wollen.
Die Sex-Negativen verzehren sich nach den Künsten der Sex-Positiven, Bindeglied des Cafes ist der gliedlose Max Melodramatic ( Andy Nichols bekannt als Doctor Penetration und Night of the living babes). Er war wohl mal Comedian, jetzt ist er ein Arschloch, das sich teilweise in Babykleidung wirft und die Unfähigen gnadenlos auslacht.

Doch ein Moderator allein macht keinen Plot und die Schnacksler sprechen nicht. Wie sieht es mit den Zuschauern aus? Dort gibt es unter anderem das Pärchen um Nick (Paul McGibboney, sein einziger IMDB-Eintrag) und Lana (Michelle Bauer - Hollywood Chainsaw Hookers, Lust for Frankenstein). Beide Negativ. Nick sieht aus wie ein Urmensch, er glotzt penetrant und missmutig auf die Action, dabei schwitzt er in sein ekelfarbenes Achselshirt in Mengen, die andere längst vor Dehydrierung kollabieren ließen. Auf seinem Kopf ringelt sich das borstige Kraushaar, dass stark an das Schamhaar der Bühnendarstellerinnen erinnert. Nur sind die fahlen Haare auf seinem Haupt weniger zahlreich. Nick wird von Max verhöhnt und der Zuschauer, das bin ich, fragt sich, also ich mich, weswegen er sich bei all diesem Leid als Konzentration des Versagertums nicht das Leben nimmt. Lana ist ebenfalls Sexnegativ, ihr gefällt das zur Schau gestellte aber zunehmend. Das Problem für Nick, nicht jedoch für den Zuschauer, ist, dass Lana die Seite wechselt. Von dem Zuschauerrang steigt sie auf die Bühne, um mit dem ganzen Film über sehnlich erwarteten Sexgott Johnny Rico ( Kevin James, der 1990 ausgerechnet an Hodenkrebs starb, zuvor aber in knapp neun Jahren an 146 Erwachsenenfilmen teilnahm) anzubandeln. Rico ist der Superstar des Etablissements. Und er ist ein Jackpot. Dass Lana ihn bekommt ist toll für sie.

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Was gibt es zu dem Film zu sagen? Kennengelernt haben sich Regisseur Stephen Sayadian, Drehbuchschreiber Jerry Stahl (der nicht nur mal von Ben Stiller dargestellt wurde sondern auch das Drehbuch für Bad Boys II schrieb) und Produzent Frank Dehlia durch ihre gemeinsame Arbeit beim Hustler.
Gedreht wurde das Stück 1982 innerhalb von elf Tagen in Hollywood. Lief dann im NuArt-Theater in Westwood, LA, dass für seine Midnight-movies bekannt war und ist. Das Kino, in dem Filme wie Pink Flamingos, Rocky Horror Picture Show und Eraserhead aufgeführt wurden und wo er, und das als Porno, wohl laut Jacob Smith Kassenrekorde brechen sollte. Die Kulisse des Films ist...wie in einem Sayadian-Film. Erinnert ein wenig an Beetlejuice, mehr an deutschen Expressionismus, und ist alles in allem quietschbunt und pimmellastig. Der Zuschauerraum des Cafes ist der Bühne nicht nur räumlich entgegengesetzt. Während die Bühne die schönsten und abstraktesten Kulissen vereint, ist der Zuschauerraum so schmierig wie ein Sexzwerg. Es ist schäbig und Tageslicht kann man darin auch nicht erwarten, das wurde wohl ebenso geschluckt von der großen Bombe wie die Potenz. Das Schummerlicht dominiert.

Die Zuschauerrolle ist sicher auch das spannende an dem Stück, abgesehen von dem ansehnlichen Schwanz des Rattenmannes, der leider nur ein paar Stöße braucht, um nach ein paar Sekunden zu kommen. Der Zuschauer: Das sind sie im Cafe und das sind wir vor der Leinwand, beide in Passivität vereint, beide auf die Aktiven gaffend. Der Bühnenzuschauer und der Filmzuschauer sehen den gleichen Akt und sind beide ausgeschlossen. Die Analogie, dass wir die impotenten Schmieraffen sind, ist naheliegend. Die vierte Wand wird jedenfalls so nicht gebrochen. Moderatoren-Max spricht in die Kamera, also sowohl zu uns als auch zu ihnen, später werden einige finstere Gesellen ebenfalls in die Kamera starren und....Dinge tun.

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Wen gibt es sonst noch im Cafe?
Natürlich den Sex und die Darsteller. Die Sexakte sind mechanisch und artifiziell und wirken so aufregend, wie Alain Robbe-Grillet schreibt. Beim Sex sprechen sie allerdings nicht. Und die Männer sind, bis auf Johnny, nicht im Menschendress zu sehen, es sind namenlose x-beliebige Ficker. Der erste trägt sein Rattenfury, der zweite einen Bleistift auf den Kopf. Es ist auch- interessant, dass Pornografie hier so persifliert wird. Es sind jene Alltagssituationen, die wir auch aus anderen Pornos kennen, der Milchmann kommt, der Manager kommt auf die Sekretärin usw. usf. nur seltsam verzerrt. Als Beispiel der Milchmann: Die Hausfrau ist nicht alleine zu Hause, wie es im XXX üblich ist. Im Hintergrund rabauken ihre Kinder. Das ist für einen Porno sicher ungewöhnlich, auch wenn es heutzutage durch die privaten Pornoaufnahmen im Internet sicher teilweise der ein oder anderen White-Trash-Mutti auch schon mal passiert ist.
Der Plot selbst ist linear, es gibt da keine Schwenke. Höhepunkte gibt es, abgesehen von den offensichtlichen auch keine. Selbst als der Lebensversager Nick seine Frau verliert und damit wohl alles was er noch hat, abgesehen von Achselschweiß und Kraushaar, kommt es zu keinem Kampf oder derähnlichem. Er wird aus dem Cafe geworfen und das Leben geht weiter. Wenn auch ohne ihn.
Pluspunkt für den Film: Er enthält den vermutlich hässlichsten Zwerg der Welt. Ich habe dutzende Screenshots von ihm gemacht und verstreue sie nun an alle Freunde und Bekannte.

Hier Penise und Busen zu zählen, wäre müßig. Es ist ein HC.
Und ein ansehnlicher dazu.

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Zuletzt geändert von ultrastruktur am 12.05.2015 13:34, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: De NOORDERLINGEN
BeitragVerfasst: 19.02.2015 13:01 
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De Noorderlingen
Niederlande 1992
Regie: Alex van Warmerdam
Darsteller:
Jack Wouterse als Jacob, Annet Malherbe als Martha, Rudolf Lucieer als Anton, Loes Wouterson als Elisabeth, Leonard Lucieer als Thomas, Alex van Warmerdam als Plagge Veerle Dobbelaere als Agnes, Dary Some als Black Man, Theo van Gogh als Dicker Willie


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Ein Termin in einem Fotostudio im Jahre 1958: Eine Schauspielerfamilie, Muttervaterkind, soll in die Kamera schauen und hoffnungsvoll lächeln. Der Schauspielvater fragt nach: „Hoffnungsvoll worauf?” “„Auf die Zukunft!” lautet die Antwort. Wir sehen ihr Konterfei später im Stile des sozialistischen Realismus auf einer großen Plakatwand. 1958 entstehen hier 2000 Wohnungen, steht darauf. In der Unterzeile wird das aktuelle Jahr eingeblendet. Es ist 1960 und es stehen zwei Häuserzeilen in der Wüste, hinten dran ein Wald. Selbst ohne Nachzählen wird schnell klar, dass dieses Bauprojekt gescheitert ist.

Doch in den Häusern steckt menschliches Leben! Knapp 25 Figuren haben sich dort eingenistet, in dieser Einöde. Es sind gerade Hundstage, der Bausand um die verdorrte Siedlung wirkt wie Wüstenstaub. Es ist trocken und es ist lebensfeindlich. Die eingefügten Häuser sehen so unwirklich aus wie das Gebilde in einer Modelleisenbahn. Die sterile Kulisse ist hyperrealistisch. Die kühle Profanität des Alltags ist überspitzt und wirkt dadurch umso verstörender. Die Menschen in dieser breiigen Gleichförmigkeit sind jeder auf ihre Art zwar eigentlich völlig normal aber dadurch wiederum abgründig bizarr. Hauptdarsteller dieses Kabinetts ist Thomas. Pubertierender Sohn des lokalen Fleischers und einer calvinistischen Mutter, die sich als Auserwählte Gottes betrachtet. Thomas hat Fernweh. Er malt sein Gesicht schwarz, setzt sich eine Federschmuckkrone auf, wirft sich einen Leopardfellimitatumhang über und nennt sich fortan Lumumba. Benannt nach Patrice Lumumba, kongolesischer Politiker, der in dieser Zeit den demokratischen Aufbruch wagte und sich einen blutigen Kampf mit den belgischen Kolonialherren lieferte. Dessen Leben wird verknüpft mit dem Thomas'. In den Nachrichten wird sein Schicksal vom niederländischen Jüngling mitverfolgt.

Dann haben wir Plagge. Er ist der Postbote dieser Provinz. Die Post liest er selbstverständlich vor und somit erfährt er alles aus dem Ort. Dass der Förster unfruchtbar ist weiß er noch vor dem Förster selbst. Dass die Fleischerfrau unter der Geilheit ihres Mannes leidet ist ein Geheimnis von ihr und auch von ihm. Plagge passt nicht so in den Ort, wie der Lehrer ist er unverheiratet und lebt allein in einem der wenigen Häuser. Er hat etwas anarchisches, sein einziger Freund ist Thomas und sein Erzfeind der unfruchtbare Förster. Der unfruchtbare Förster Anton hat eine Frau, will aber keinen Sex. Er ist ein vieräugiger Faschist mit Jagdgewehr, dass ihn in seinen Augen zum potentiellen Gebietspolizisten macht. Er ist ständig verkrampft und verbissen. Spaß ist sein Hobby nicht. Ein Augenmerk liegt auch auf Mutter Martha und Vater Jacob. Jacob ist der fette, immergeile Metzger. Er leidet an seiner immer religiöser werdenden Frauen. Sie scheint dem Calvinismus anzuhängen. Sie sieht sich selbst als Auserwählte Gottes und beginnt, das Essen zu verweigern. Sie legt sich in das Schaufenster ihres Hauses und mit der Zeit kommen mehr und mehr Pilger zu ihrem Haus und knien vor der Glasfassade nieder. Sie selbst wird katatonisch und schließt mit ihrem Leben ab.



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Der Film wirkt wie eine Mischung aus Ulrich Seidls Werken und denen Wes Andersons. Wie ein lebendig gewordenes Bild des amerikanischen Malers des Realismus Edward Hopper. Der Film ist bis ins kleinste durchkomponiert, Spontanität kommt selten auf und die Figuren sind eher Abziehbilder von tatsächlichen Charakteren. Sie sind nicht eigenschaftslos, doch jeder von ihnen hat nur einige wenige davon, sie sind also kurz gesagt eindimensional. Dieser Mikrokosmos der Banalität wird hervorragend eingefangen durch dieses separierte Baugebiet, das ab und an in Vogelperspektive eingeblendet wird und dessen Abgeschiedenheit und Weltferne dadurch besonders zur Geltung kommt. Durch den nicht asphaltierten Boden hat dieser Witz eines Neubaugebiets den Ruch von etwas unfertigem, etwas im Übergang und Niedergang befindlichen. Jeder hat die gleiche rote Haustür in diesen Hauszeilen und von den Außenfassaden deutet sich keinerlei Individualität an. Das die Personen in diesem Mickerdorf keinerlei Geheimnisse haben können wird schnell klar.
Denn die Häuser haben große Fenster, und man kann von seinem Küchentisch aus auf den Küchentisch des Nachbarn auf der anderen Straßenseite blicken. Dieser eng abgesteckte artifizielle Raum hat also etwas von eine Theaterbühne, denn es sind die immer gleichen Orte auf denen sich das Leben abspielt und alles davon ist so nah beieinander, dass es mit dem bloßen Augen erkennbar wird. Das einzige was diese bleierne Ödnis aufbricht ist der einige Meter entfernt liegende Wald, der künstlich aufgezogen wurde und dessen Bäume in Reih und Glied wachsen. Der Baumbestand ist eng, also ist auf dem Boden keinerlei Flora (oder Fauna), es ist duster dort und er hat etwas märchenhaftes. Damit wird der Tannenwald zu etwas Magischem, er steht dem Rationalen des Dorfes entgegen und für übersinnliche Erfahrungen wird er dann auch bald genutzt. Aus einem kleinen Teich steigt Agnes, eine Art Fabelwesennymphe. Niemand weiß ob sie real ist oder nicht. Kontakt hat sie nur zu Thomas, den sie sexuell verführen will.


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Wovon handelt der Film?
Vom Scheitern: Das Wohnbauprojekt ist gescheitert, nur eine handvoll Menschen verirrten sich in die Kulisse. Der Eismann kommt zu jener Zeit als alle, und damit auch die Eiskremverliebten Kinder, in der Kirche sind. Der Förster ist unfähig zum Sex. Der Fleischer ist fähig hat aber niemanden zur Hand außer der eigenen. Fast jeder in diesem Film wird am Ende schlimmer dastehen als zu Beginn.

Vom religiösen Wahn und Kolonialismus: Die Frau fastet sich zu Tode und steht ganz im Zeichen des Calvinismus. Sie sieht sich als Auserwählte. Sie schwört nicht nur dem Sex ab, zum Leidwesen des Mannes sondern auch der Nahrung. Dass sie mit ihrem Verhalten eine Waise hinterlässt ist ihr egal, ihr Ziel ist übergeordnet. Sie hat einige Anzeichen von Schizophrenie, da ihr Schreinheiliger ihr Zuspricht und ihr das köstliche Leberwurstbrot versagt.
Zusätzlich gibt es zwei wirre christliche Missionare. Sie scheinen schnurstracks aus Afrika in diesen Ort gefahren zu sein, mit ihrem Geländekastenwagen. Im Käfig karren sie einen Schwarzen an, den sie dann im Ausstellungsraum vorführen werden. Er lebt hinter Gittern und die Schulkinder begaffen ihn ungläubig. Der Schwarze Mann ist Zeichen des Kolonialismus der Niederländer und auch der gescheiterten Integration. Er wird weniger als Mensch denn als Affe wahrgenommen. Sein Exotenschicksal wird sich mit dem des afrikabegeisterten Thomas verknüpfen.

Lohnt sich der Film?

Und wie! Es ist einer der besten, die ich in letzter Zeit gesehen habe, [neben Plagio]. Der Film ist Komödie. Trotz Totschlag, trotz mehrfach versuchter Vergewaltigung, trotz Hungertod und Menschenjagd. Der Alltagsrythmus wird stark ausgedrückt durch die Besuchszeiten beim Metzger. Es sind nur acht Frauen und alle kommen sie zur gleichen Zeit zum Laden am Ende der Straße, und stehen Schlange. Es wirkt wie die Arbeitsabläufe in einer Industriehalle, es ist das Leben nach Stechuhr. Alles ist ins Kleinste durchdacht, vom Bühnenaufbau, Bildkomposition hin zu Charakteren und Handlungsabläufen und trotzdem zündet dieser ganze kauzige Witz. Es gibt sowohl Slapstick, als auch melancholischen Humor und eine Unzahl bizarrer Ideen. Mein Liebling im Dorf ist eine Nebenfigur: Der dicke Willie, ein fetter Mopefahrer mit dem Geist eines Kindes. Der dicke Willie ist bzw. war der islamkritische Regisseur Theo van Gogh, der vor einigen Jahren auf offener Straße ermordet wurde. Es ist eine surreale, schwarze Komödie und ein Antiheimatfilm. Die Niederlande der sechziger Jahre wirken wie kein Ort, der erlebt werden will. Es ist die zeit vor der sexuellen Revolution. Die Sexualität im Film dominiert, doch ist sie stets zu etwas Heimlichem degradiert. Die meisten wollen sie erleben, aber im verborgenen. Eine Unmöglichkeit bei diesen verglasten Fassaden. Ein netter Gimmick ist auch der Wüstenstaub. Er kann die Vermutung aufkeimen lassen, sich zusammen mit dem Film gerade im fernen Afrika zu befinden, nicht in Europa. Erhärtet wird das, weil niemals andere Ortschaften zu sehen ist, dieses niederländische Dorf wirkt wie ein Siedlungsprojekt in einem exotischen Land.


Busen? Ja! Aber immer die gleichen. Dafür einmal tot einmal lebendig.

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 Betreff des Beitrags: Als Hitler den Krieg überlebte
BeitragVerfasst: 24.02.2015 19:41 
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Ja, spravedlnost
Als Hitler den Krieg überlebte


Tschechoslowakei 1967

Regie: Zbyněk Brynych
Musik: Jiří Sternwald (Verantwortlich für die Musik im Weltklassiker (hrhr) Daleka Cesta, Transport z rajé)
Drehbuch: Miloš Macourek, der die genialen Drehbücher für die Gaga-Klassiker Vaclav Vorličeks und Oldřich Lipskýs schrieb, wie etwa Kdo chce zabijt, Jesii, Zabil jsem Einsteinova, panove, Happy End. Das Drehbuch für den Film entstand während der zwei Jahre, in denen er zwei der witzigsten Komödien der Welt (Mag übertrieben klingen, ist aber so) schrieb.
Kamera: Josef Vanis (Verantwortlich auch für die Kamera in Engel, die ihre Flügel verbrennen, Happy Day, Smrt Stoparek und Pan Tau)
Darsteller: Angelica Domröse (Polizeiruf, Kir Royal) als Inge Stahl; Jindřich Narenta (Transport z Raje,Ucho, Spalovac Mrtvol) als Nazi-Klaus, Fritz Dietz (Spielte in seiner Laufbahn zehn Mal den Adolf Hitler) als Adolf Hitler), Karel Höger (Krakatit) als Arzt Dr. Josef Heřman, Jiří Vršt'ala (Transport z Raje) als SS-Professor Rolf Harting

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Können sie sich die Gefühle von einem Menschen vorstellen, der in der Zeitung von seinem eigenen Tod liest?

Der 1927 in Karlovy Vary geborene Zbyněk Brynych war Teil einer vom Krieg geprägten Generation. Das bekundete er auch selbst in einem Interview im Jahr 1968. Brynych verarbeitete den Schrecken in gleich drei Filmen, die Barbora Hamalová in einem Essay zum Film miteinander in Verbindung bringt. Zum einen, ihr lest es in den Credits: Transport aus dem Paradies (Transport z rajé 1962) über das Leben im Konzentrationslager Theresienstadt und Der fünfte Reiter ist Angst (páty jezdec je Strach 1965), diesen legendären, expressionistischen Superfilm, der hier noch immer keinen Thread hat. Ja, spravedlnost (Ich, Gerechtigkeit) ist der letzte Film dieser losen Nazi-Trilogie und einer der letzten, den er vor seinen Komissar-Filmen drehte.
Auch hier finden Nazi-Verbrecher wieder ihre Opfer. Diesmal jedoch auf eher unerwarteter Seite. In dem "Was wäre, wenn..." Film hat Deutschland den Krieg verloren, die Nürnberger Prozesse haben stattgefunden doch Adolf Hitler hat den Krieg überlebt! Niemand weiß davon, denn eine kleine Gruppe an SS-Obersten um Rolf Harting halten ihn in einem Privatsanatorium in der Schweiz gefangen. In diesem absurden,eng abgegrenzten Raum lebt das Nazi-Regime fort, doch Hitler zählt als Gefangener. Professor Harting, ein "Mann, von dem noch nicht einmal eine einzige Fotografie existiert" und sein Gefolgsmann Fritz sehen den Diktator als ursächliche Kraft für das Scheitern des Tausendjährigen Reiches. Sie sind derart wütend auf den Schnauzbartträger, dass sie ihn bestrafen wollen und wieder und wieder in Situationen führen, in denen er denkt, es müsse nun sterben, nur um ihn in letzter Sekunde vermeintlich zu retten.
Hitler weiß von diesem bizarren Theaterstück nichts, er hält Harting, Fritz und die anderen für seine Freunde. Immer wieder kommen Schauspieler, geben sich als Alliierte aus und tragen Hitler zum Schaffott, und immer wieder überlebt Hitler das Schauspiel, weil andere SS-ler vorgeben, ihn zu befreien. Das dauernde "Faststerben" zehrt jedoch an seinen Nerven und er wird bald sterben. Also überlegen sich die Übeltäter, einen Arzt zu entführen, um Adolf wieder auf die Beine zu bringen. Sie brauchen jemanden, dem Hitler vertraut. Jemanden der aussieht wie ein alter Leibarzt von ihm, wie der Wollmann. Den Finden sie auch in Josef Heřman, Chirurg und Witwer aus einem Krankenhaus auf der Prager Kleinseite. Ein Eigenbrötler, der die klassische Musik liebt. Mit schwarzen Handschuhen tüncht ein Nazi sein Gesicht in Chloroform und alsbald wird er ins Sanatorium gebracht und seiner neuen Rolle angewiesen.

Heřman ist ein armes Schwein. Raus aus seiner Alltagswelt, rein in ein Gruselpanoptikum aus der blecherne Stimmen aus Lautsprecheranlagen tönen und in der die ganze Welt in Hakenkreuzen beflaggt zu sein scheint. Er lebt von neuem im Totalitarismus. Wer aussteigt aus dieser Rollenspielwelt, aus diesem Theaterstück, wird mit dem Tode bestraft. Und dann taucht da auch noch diese kurzhaarige Schönheit auf, die regelmäßig den Hitler bumst!
Das naheliegenste wäre ja die Vorstellung, in einem Traum zu sein, so absurd ist diese ganze neue Welt. Doch Arzt ist Arzt und der ist zum Helfen da. Als Heřman von seiner neuen Rolle erfährt, reagiert er bockig. Er will das nicht und er kann das nicht! Harting reagiert gelassen: "Wir haben diametral entgegengesetzte Vorstellungen von Gerechtigkeit"

Eine Niederlage birgt für Deutschland ausgezeichnete wirtschaftliche Aussichten

Der Film ist verschroben. Zuallererst, wie immer bei Brynychs Filmen: Die hervorragende Kameraarbeit, die Close-ups und eigentümlichen Verzerrungen. Die Kamera ist Ausdruck der steigenden Nervosität. Das draufhalten auf Poren und schwitzige dicke Männergesichter ist Legion. Dazu die skurrilen Einfälle. Hitler hält eine Rede vor seinen Untergebenen. Er redet sich in Rage und fuchtelt beim hysterischen Kreischen mit seinen Armen. Er schaut in einen leeren Raum, die Sitzreihen sind licht, vielleicht 5 Mann sitzen dort. Im Hintergrund, ihm gegenüber, überlebensgroße Porträtplakate deutscher Geistesgrößen: Schopenhauer, Nietzsche, Bismarck und Friedrich II. Aus seiner Sprache wird rausgezoomt, hinein in den Tonanlagenraum. Die dortigen Mitarbeiter drehen den Ton ab, wir sehen Hitler aus ihrer Position, wie er albern herumfuchtelt und als einziger nicht mitbekommt, dass sich jeder einen Spaß mit ihm erlaubt.



Dali jsme si velkou práci, abychom prostudovali všechny dostupné materiály o tomto „géniovi průměrnosti“, nelze ho totiž věčně představovat jako karikaturu. Pokusili jsme se vidět svět jeho očima, jeho pseudofilozofií, jeho průměrností. V drobnostech jsme se pokusili i zaznamenat něco z jeho lidské podoby. Je to spíše Hitler v županu, než pomník, na jaký jsme byli zvyklí. Při studiu materiálu nás zejména zaujala kniha, která se jmenuje Rozhovory u stolu, shrnuje mnohé Hitlerovy výroky, které o všem možném pronesl za pobytu v hlavním stanu.“

In den Anmerkungen zum Film, hier rauskopiert aus dem oben angegebenen Essay, erklärt Brynych, dass sie das "Genie der Mittelmäßigkeit nicht als bloße Karikatur darstellen wollten und sie demnach viele Quellen durchforsteten um ihn..privat erfahrbar zu machen. Sinnbildlich dafür sehen sie, also Brynych, Hitlers gestreiften Bademantel. Sie wollten die Welt aus seinen Augen sehen, samt seiner Pseudophilosphie und seiner Durchschnittlichkeit.

Er fährt fort:

"Podle našeho názoru neexistuje subjektivní spravedlnost, subjektivní může být jenom pomsta. Proto začínáme dokumentárním materiálem z norimberského procesu; proto se náš hlavní hrdina doktor Heřman neustále pokouší dostat viníka před mezinárodní tribunál. Nakonec se však podle svého nejlepšího přesvědčení stane sám vykonavatelem ortelu. Zastoupí spravedlnost a vzápětí končí jako oběť temných sil nenávisti a násilí. Konec filmu jsme úmyslně ladili do polohy závěru Čapkovy Bílé nemoci“.


...Unserer Meinung nach gibt es keine subjektive Gerechtigkeit. Subjektiv kann nur die Rache sein. Daher begannen wir mit dem Dokumentarmaterial aus den Nürnberger Prozessen. Daher will auch unser Filmheld Doktor Heřman Hitler vor ein internationales Gericht bringen. Schlussendlich jedoch wird er selbst der Vollstrecker seines Urteils. Er steht fúr die Gerechtigkeit, wird aber Opfer dunkler Mächte. Für das Finale orientierten wir uns am Ende des Stücks "Die weiße Krankheit" von Karel Čapek. In erwähnter "Weiße Krankheit" aus dem Jahr 1937 geht es ebenfalls um einen Arzt im Dunstkreis des Totalitarismus. Das Stück, das auch gleichnamig von Hugo Haas verfilmt wurde, ist im Windschatten der Bedrohung entstanden, der die erste Tschechoslowakische Republik zur damaligen Zeit gegenüber stand, dem Hitler-Deutschland. Die historischen Parallelen sind offensichtlich, auch wenn es in ein unbekanntes Land versetzt wurde. Und zusätzlich um ein phantastisches Element erweitert wurde. Denn durch eine geheimnisvolle Krankheit sterben viele Menschen über 45. Ein bizarres Selektionskriterium, das so bizarr ist wie jenes der Religionszugehörigkeit, Sexualität oder Abstammung. Jedenfalls entwickelt ein Doktor, Dr. Galén (Bezieht sich auf den griechischen Proto-Arzt Galenos) ein Gegenmittel. Behandelt damit aber nicht die Mächtigen sondern lediglich die Armen der Gesellschaft. Als der Diktatorische Regierungschef selbst erkrankt erbittert er ebenfalls ein Gegenmittel, soll aber als Bedingung den Krieg beenden. Galen steht also für den Humanismus und in diesem sieht Brynych dann seinen Helden Dr. Heřman.
Die Unterschiede jedoch sind teilweise eklatant. Nicht nur weil Heřman durch eine Mitleidsinjektion tötet. Barbora Hamalová arbeitet auch heraus, dass der Unterschied im bloßen zeitlichen Kontext liegt. Während Galen 1937 wirkte, vor dem Krieg, erlebte Heřman das Grauen des Krieges mit. Er weiß mehr über den Faschismus und dessen industrialisierten Mordverfahren. Was mir in den Sinn kam war Hannah Arendts Abhandlung: "Die Banalität des Bösen" über den Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem. Auch darin geht um die Durchschnittlichkeit und auch den Intelligenzmangel eines Mannes, der Verbrechen jenseits der Vorstellungskraft beging.
Insgesamt ein Film den man gesehen haben sollte, wenn man sich für Tschechisches Kino interessiert. Da hier eigentlich jeder Schauspieler eine Hausnummer ist. Dazu eine skurrile Idee. Aber allein den Bürstenhaarkopf Jiří Vršt'ala als grotesken Naziprofessor zu sehen, ist den Film wert.


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Auf dem Screenshot sind das nun zwei andere Personen auf der linken Seite, aber zuvor...in einer anderen Einstellung, waren das Friedrich II. und Bismarck, Ich schwör`s :mrgreen:

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 Betreff des Beitrags: Geschlechtsverkehr 2x
BeitragVerfasst: 26.02.2015 17:13 
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Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte
aka Zu böser Schlacht schleich ich heut nacht so bang


BRD 1972
Regie: Alexander Kluge

Darsteller: Alfred Edel als Willi Tobler, Helga Skalla als Dorle Tobler, Hark Bohm als Chef-Admiral der 6. Flotte, Kurt Jürgens als Konteradmiral von Carlowitz, Natalia Bowakow als Geheimagentin Paula Stilhi, Joachim Hirsch als Propagandabeauftragter der Rebellen, Hannelore Hoger als Polizeiinspektorin, Horst Sachtleben als Oberst von Schaake, Marquard Bohm als Vertreter der Minderheiten und Bernd Hoelz als Oberst Baade



[url=http://www.directupload.netBild[/url]
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Der Inhalt als Copy-Paste:

Im Jahr 2040, Bürgerkrieg. Willi Tobler, Kybernetik-Professor, verheiratet, 3 Kinder, gerät mit seiner Familie in einen Bombenangriff. Er kann sich und seine Familie mit knapper Not retten. Er zieht aus dem Elend die Konsequenz: trennt sich von seiner Familie, gibt den Lehrstuhl auf und wird 3. Pressesprecher im Flotten-Hauptquartier. Nur im Zentrum der Macht, nimmt er an - und er ist Intelligenzler -, gibt es Sicherheit. Toblers Aufgaben in seiner neuen Stellung: Imagepflege des Admirals, Frontberichterstattung, Teilnahme an Kabinettssitzungen. Tobler lässt sich bestechen und gibt Nachrichten an Private. Börsenmanöver sind die Folge. Tobler bewährt sich. Als Durchbruchspezialist an vorderster Front an verschiedenen Kesselschlachten macht er sich einen Namen, wird zum Hauptmann befördert, schließlich wieder eingestellt als Pressesprecher im Hauptquartier. Das Kriegsglück wendet sich. Das Gros von Toblers Flotte wird auf einem einsamen Gestirn eingekesselt und vernichtet. "Das alte Scheißhaus steht in Flammen..." Chefadmiral und Chef des Stabes sind verhaftet. Die neuen Herren wollen Willi Tobler als Pressesprecher nicht übernehmen. Tobler aber braucht den Einsatz, die Aktion, die erneute Bewährung. Widerstrebend nimmt ihn ein Freund, Ministerialrat Weitling, befehlswidrig mit auf eine Propagandatour für das neue Regime. Das neue Regime hält sich nicht lange. Bald sind die alten Kräfte wieder am Ruder. Tobler - als Mitläufer schwer belastet - steht im Polizeiverhör. Ihm winkt die Todesstrafe.





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Alfred Edel bei seinem Bewerbungsgespräch bei Admiral Hark Bohm:
www.youtube.com Video From : www.youtube.com




Der Film beginnt fast wie ein Dramenstück Jahnns. Edel führt sich selbst ein als Dr. Willi Lerchenberger vom Planeten Graf Grafenbeer. Diese Eingangssequenz hat etwas heimatliches und urdeutsches. Er ist ein gesetzter Bürger, er lacht mit seinen drei blonden Kindertöchtern, tätschelt sie, tätschelt auch die blonde Ehefrau. Ein anzugtragender Erfolgsmann ist er, im Aktenkoffer marschiert er im Garten umher, erklärt, dass er sein Vaterland selbstverständlich verteidigen würde. Der Verteidigungsfall kommt schneller als erwartet. Die Flucht erfolgt Hals über Kopf und nach wenigen Familienminuten ist er sie los, versteckte sie an einem sicheren Ort und benennt sich fortan um.

Das ist ein Kluge-Film. Das ist auf den ersten Blick ersichtlich. Aber -und das ist ebenso schnell klar- es ist mehr noch ein Alfred Edel Film. Er ist ja einer der mir allerliebsten und auch verehrtesten deutschen Schauspieler. Ein Mann der in seinem Beruf keinerlei Vergleiche zu scheuen braucht. Er schauspielert den Prototypen des aufgeblasenen, sich selbst maßlos überschätzenden, dauerpalavernden Inkompetenzling und Wendehals mit Verve. Wenn er seiner Familie erst einmal den Arschtritt gegeben hat um dritter Pressesprecher zu werden (Der Admiral wird sagen, "Tobler,ich habe nur auf sie gewartet") ward an sie den ganzen Film nicht mehr gedacht. Sie taucht ins Dunkel, er streift auch seinen alten Namen ab und tritt in ein völlig neues Leben. Dieser Willi Tobler der er jetzt ist, ist ein Psychopath. Er ist distanzlos, geht an die Menschen heran, schreit ihnen ins Gesicht, schmeichelt dabei sich selbst, preist sich an, überzeugt andere von sich und wird niemals Komplimente an andere vergeben. In der Hinsicht hat dieser Narziss etwas von Kanye West. Dieser begnadete Schauspieler wird keine einzige Silbe schlucken, er formuliert alles aus - auch wenn er sich ob seiner Erregung immer wieder verhaspelt. Im Film arbeitet sich der Kriegsgewinnler rauf....und auch gleich wieder runter.

Die Lage ist hoffnungslos. Sie hat jedoch einen Vorteil: Dass keiner, der unsere Planspiele nicht kennt, sie durchschauen zu vermag. Wäre es anders, wären wir bald nicht mehr auf unseren Posten

Dieser Film handelt vom Krieg. Die Bezüge zum zweiten Weltkrieg sind offensichtlich. Es spielt 100 Jahre danach um das Jahr 2040. Die zeitliche Entfernung ist marginal, doch die räumliche umso gigantischer. Hunderte von Trilliarden von Kilometern sind es. Die 6. Flotte bezieht sich dabei auf die 6. Armee der Wehrmacht. Die Eroberer die auch in Stalingrad kämpften. Die Farben blau und gelb der historischen Streitmacht gibt es auch im Film. Die Bezüge sind Legion und zu mühselig zum aufzählen, es sind die Jahreszahlen der Reichspogromnacht und wichtiger Entscheidungsschlachten übernommen. Die Übermachten kippen, werden eingekesselt und besiegt. Obwohl es Sci-Fi ist und wir in der Zukunft sind ist das künftige der Abfall. Die Kulissen pendeln zwischen Baugrubenabenteuer und Motorschrott, der als Weltraumschiff gilt. Es gibt keinerlei technische Innovationen oder Informationen. Die Soldaten in dem Film sind nicht vorhanden. Obwohl es nicht nur ein Sci-Fi Film ist sondern auch ein Kriegsfilm, mit wichtigen Entscheidungsschlachten, gibt es darin nichts militaristisches. Der Admiral ist ein langhaariger Hippie, falls es Uniformen gibt, stecken darin Lümmel.

Babyface Willie ist tot

Auch die Liebe im Film ist scheiße. Nicht nur wegen Dr. Willi Lerchenberger, der als Willi Tobler Frau und Kind versetzt. Auch der Admiral hat eine Geliebte, die jedoch gleich als Doppelspionin aufgeführt wird. Es ist eine nicht auf Wahrheit beruhende Beziehung und hinsichtlich des liebestollen (bzw. drögen) Admirals ein Debakel. Wenn es in einer Baugrube zum Akt kommt, stürmen Müllmannsoldaten heran und erdolchen jenen mit Penis. Der Krieg zerstört also alles Glück. Insgesamt wirkt der Film wie ein buntes Sammelsurium an Filmmöglichkeiten. Es gibt Weltraumsequenzen und Bildtafeln, Schwarz-Weißes und Buntes, betuliche Heimatatmosphäre mit Einblendungen von Pizzeria-ähnlichen Kitschkunstwerken sowie Einblendungen von Fotografien tatsächlicher Kriegsgeschehen. Die Screenshorts nebeneinandergestellt wirken nicht, als wären sie alle aus dem gleichen Film. Ein sehenswerter Film. Eventuell etwas abschreckend durch die Klugesche Machart, doch der Film sprüht vor Improvisationstalent und groteskem Witz. Alfred Edel derwischt durch das Set wie es wohl sonst nur Klaus Kinski konnte. Wenn er mit der Familie auf der Flucht ist, die Hände voller so offenstehender wie leerer Koffer und mit diesen beladenen Händen herumfuchtelt und auch noch die Kinder brüllend antreibt und seine Sätze immer wieder wiederholt, sind das wahre Glücksmomente für den Zuschauer.


Größte Überraschung:
Es gab 1972 elektrische Zahnbürsten
Geschlechtsverkehr: 2x


Den Film gibt es in zwei Versionen. Alexander Kluge schnitt ihn einige Zeit später nochmal komplett um. Was sagt Kabel1 dazu?
Eine vollständige Neufassung des Films "Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte" (1971). Kluge mischt das alte Material mit neuen Negativen, fügt Zwischentitel in inflationärer Zahl ein, schneidet um. Wieder geht es um den Opportunisten Willi Tobler, der einen intergalaktischen Krieg überlebt, dem jedoch die Todesstrafe droht, als das neue Regime, dem er sich andiente, nach kurzer Zeit stürzt. Ein weitgehend zusammenhangloser Science-Fiction-Film, der bestenfalls Irritation hinterläßt.

Was sagt Alexander Kluge dazu?
Es geht um einen der vielen "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang". Der Film "Der starke Ferdinand" und "Porträt einer Bewährung" behandeln das gleiche Thema von einer anderen Seite. Der (alte) Film wurde im Kino nicht veröffentlicht, sondern über das Fernsehen ausgestrahlt, wohl zu Erziehungszwecken, d.h. damit ein Autorenfilmer den Robustheitsstandpunkt eines breiten Fernsehpublikums hautnah erfährt, hat mich der zuständige Fernsehredakteur die Abendredaktion übernehmen lassen. Die Basis-Kritik (pro Minute 7-12 Anrufe) war kräftig. Unabhängig davon war der Film dramaturgisch unklar, überladen, eben die Charakteristiken eines Versuchs. Ich habe inzwischen Stanislaw Lem gelesen. Ich habe dann versucht, Form und Stoff mit literarischen Mitteln zu bearbeiten.

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 Betreff des Beitrags: Die Nacht steht um mein Haus
BeitragVerfasst: 03.03.2015 12:34 
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In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod
BRD 1974
Regie: Edgar Reitz, Alexander Kluge
Kamera: Edgar Reitz
Musik: Guiseppe Verdi, Richard Wagner
Darsteller: Dagmar Bödderich als Beischlafdiebin Inge Maier, Jutta Winkelmann als kommunistische Spionin Rita Müller-Eisert, Alfred Alfred als Bundestagsabgeordneter Alfred Bieringer, Norbert äh(?) als Max Endrich


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„Du brauchst andere Themen, Rita. Ich zum Beispiel habe gestern den Schlüsselloch-Report (1973) gesehen. Der zeigt das Schicksal von zwölf Frauen, wie sie praktisch so in die Anschaffungsbahn gekommen sind. Das war natürlich ganz interessant. In unserer Republik wird das praktisch abgelehnt. Und wir sind nicht in dieser Bran[s]che tätig. Aber wir wollen uns ja auch mal ein bisschen in diese Richtung informieren. Um dann auch darüber später berichten zu können.”



Es ist die Bundesrepublik. Es ist Hessen. Es ist Frankfurt am Main. Es ist das Jahr 1974. Das Leben ist eine Schlacht. Häuserkampf. Kommunistische Spione. Schlüsselloch-Report. Beischlafdiebe. Karneval. Schnurbärte. Hohe Politik und der unvermeidliche Geschlechtsverkehr. Der Film imitiert einen Dokumentarfilm. Es ist die „Sprechweise öffentlicher Ereignisse”, Männer und Frauen sprechen in die Kameras und erzählen von sich und ihren kleinlichen Nöten. Von ihren Erfolgen, von ungerechtfertigten Baustellen und Werkzeugdiebstählen durch Polizisten.

Doch der Film konzentriert sich auf einige wenige Personen. Eine davon ist Inge Maier, von Berufswegen Beischlafdiebin. Das was die Männer versprechen, erweist sich nachträglich immer als zu wenig. Für dieses Defizit nehme ich ihre Brieftaschen an mich. Das macht mich nicht glücklich, aber ich komme auf meine Kosten. Einer der Männer ist der Polizeipräsident einer mittleren Großstadt. Sie halten im Cabrio im Grünen. Sie gleitet mit der Hand in seinen Schlüpfer und zupft die Beamtenwurst. Er genießt und potenziert die Geilheit durch das Trinken des Gurkenwassers aus der Konserve. Er bietet ihr auch einen Schluck an. Mit der rechten Hand, die linke umschlingt ihre Schultern, reicht er das Glas wortlos hinüber. Er ist ja kein Unmensch, er teilt es so sehr wie er seine Leberwurststulle teilen wird. Sie lehnt ab und bestiehlt ihn abschließend. Selten wurde mehr Undank in einem Film eingefangen.
Den Rest des Filmes wird die frivole Banditin und sexuell aktive Obdachlose mit ihren Koffern durch die Stadt ziehen. In diesen Kofferszenen erinnert sie an Anita G. aus Kluges „Abschied von Gestern”. Anita schlitterte unschuldig in ihre Lebenssituation und schlug sich als kleinkriminelle Obdachlose durch eine Großstadt. Auch in Abschied von Gestern gab es einen Auftritt Alfred Edels als Mann der Macht, der ihr Leben zerstört. Auch hier tritt Edel auf als Bundestagsabgeordneter Alfred Bieringer. Ein Gockel und ein Hochgenuss. Doch in diesem Film ohne Verbindung zur Gesetzesbrecherin.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Doch um Edel geht es nicht, kommen wir wieder zum Plebs. Rita Müller ist eine DDR-Spionin. Ihr Mann ist aus dem Ausland und liest „Marx im Original”. Er wird wieder und wieder eingeblendet, vor dem Küchentisch kniend und laut zitierend. Er ist belehrend und wenig attraktiv. Doch nach einem Auftrag wird er nicht zurückkommen. Vielleicht ist er tot. Vielleicht ausgewandert. Rita ist auf sich gestellt. Sie muss ihren Vorgesetzten Rechenschaft ablegen und von Frankfurt berichten. Doch diese sind unzufrieden mit ihr. Einen 25-seitigen Essay gibt sie ab. Doch keine Fakten sind enthalten, es sind Gefühle. Sie forscht keine Staatsgeheimnisse aus, sondern betrachtet den Alltag und fotografiert Abrisshäuser. Die Chefmänner brüllen vor Wut.
„Klassenkampf sind Fakten, Gefühle zählen nicht, Fakten zählen” wird sie bei einem konspirativen Treffen im Auto angeherrscht. Sie, die Marx lesen, wollen es nicht so langatmig. Rita wird mit dem Rad flüchten, sie packt den gesammelten Marx in die Taschen und fährt los. Sie wird auf einer Astrophysikertagung landen und eifrig mitschreiben.

Durch die Mitarbeit von Edgar Reitz wirkt der Kluge-Film ungehemmter, offener und wilder. Hier sammelt sich auch mehr Witz, auch platterer, als bei dem Professor sonst üblich. Das, was sie vor die Kamera zerren, ist schwer verdaulich. Die Wirklichkeit der Siebziger ist eine Hölle. Das Regisseur-Duo schubst den armen Zuschauer in eine Karnevalsveranstaltung in einer Multifunktionshalle, dabei kommt es zu Büttenreden, so emotional gehalten wie die Jahrestagung der Sparkasse. Da zwingen sie den Filmgucker, Jungunternehmern beim sprechen in die Kamera mit grotesken Textenungeheuern zuzuschauen. Texte, die so auch in käuflichen Regionalzeitungen gedruckt werden könnten. Dazwischen Diskussionen aus einer Diskussionsfreudigen Zeit. Polizisten liefern sich Wortgefechte mit Aufständischen. Bauarbeiter mit Anwohnern. Arbeitnehmer mit Arbeitgebern. Es ist ein kaleidoskopisches Inferno. Doch im Gegensatz zu den abstoßenden Worten stehen die Stadtaufnahmen und die Kamera ist wirklich Klasse. Die alten Autos und schönen Häuserzeilen sind eine Wohltat. Werbebanden und sogar die Wolken sahen damals schöner aus. Insgesamt ist das alles so witzig wie tragisch. Bevor Rita zu ihrem schlüpfernen Vorgesetzten muss, geschlechtsverkehrt sie noch flugs einen Fremdmann.

Meinungen: Der Film lohnt sich. Vielleicht nicht für jeden. Aber für mich als zu-spät-geborener, der die Zeit, in der schnurbärtige Polizisten Gummiledermäntel trugen und vor langhaarigen Taugenichtsen den behördlichen Werkzeugdiebstahl rechtfertigten, ist das eine Wonne. Das Manko des Films ist, dass Alfred Edel so wenig Spielzeit bekam.


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„Ich bin seit 1. Januar 1974 junger Unternehmer. Ich bin nach Frankfurt gekommen: Früher habe ich als Schüler in einer Schule lesen und schreiben gelernt und bin nach Frankfurt gekommen um zu lernen, mich auch in der Öffentlichkeit zu artikulieren, denn als junger Unternehmer habe ich einfach auch die Verantwortung, mich gesellschaftspolitisch richtig verständlich zu machen. Ich bin nun erfolgreich. Mein Geheimnis: Fleiß, offen, sauber.”



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"Ich habe eine gewisse Übersicht, die Lage ist hochkompliziert."



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 Betreff des Beitrags: Future Sex in Queertopia
BeitragVerfasst: 06.03.2015 13:01 
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De Avonden/ Die Abende
Niederlande 1989
Regie: Rudolf van den Berg
Buch: Gerard
Darsteller: Thom Hoffman, Pierre Bokma, Viviane de Muynck

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Silvester 1947 in einer niederländischen Kleinstadt: Der 23-jährige Frits van Etgers lebt noch bei seinen Eltern. Er leidet darunter, dass sein Vater viel furzt und den Speiselöffel in die Zuckerdose steckt. Die nächsten 120 Filmminuten werden wir sehen, wie er, der Sohn, sein Arschloch im Spiegel betrachtet und wie er mit einäugigen Kinderfolteranwärtern in Kinderschwimmhallen herumhängt.

Das war es dann auch schon. Viel Plot steckt in diesem Film nicht. Das Problem mit Frits ist: Er ist eine Schwuchtel, er steht auf Pimmel. Das mag er seinen Eltern jedoch nicht gestehen, er versucht es, aber es klappt nicht. Das Leben, das er führt ist eine Katastrophe. Die literarische Vorlage dazu schrieb Gerard Reve 1947. Das Buch gilt als niederländisches Pendant zum Fänger im Roggen und mit als bestes je geschriebenes Buch aus dem Mikroland (Laut Umfrage). Zusätzlich galt es als unverfilmbar. Reve, ein Homosexueller der sich in den 50-60 Jahren outete, bekam den Rat von einem Psychiater das Buch zu schreiben, nach einem Selbstmordversuch. «Angst, Gefahr, Einsamkeit, die Häuser, Grotten und Höhlen, bewohnt von unberechenbaren Dämonen, das ist eigentlich meine Jugend.» Das waren die dem Buch und Film zugrunde liegenden Motive. Die Kritiker nannten das Werk menschenverachtend. Reve, der auch als niederländicher Jean Genet gilt, kam vom Kommunismus seiner Eltern hin zum römisch-katholischen Glauben, fickte in einem Buch aber auch mal einen Esel, der Gott symbolisierte. Das brachte ihm in den sechziger Jahren auch, wenig verwunderlich, Gotteslästerungsklagen ein. Rudolf van den Berg verfilmte das Buch, gewann damit auch zwei Goldene Calfs, den niederländischen Filmpreis, unter anderem für den besten Film und den besten Hauptdarsteller (Zu Recht: Thom Hoffman ist einer der großen Stars der dortigen Filmszene, spielte im selben Jahrzehnt unter anderem auch in Paul Verhoevens: De vierde man, ebenfalls nach einem Buch Gerard Reves).

Aber zurück zum Film: So wenig Plot es gibt, so viele Traumsequenzen gibt es. Frits ist ein Träumer und Realität und Traumsequenzen gehen nahtlos ineinander über. Er hat ein paar Zwänge: Er zählt gerne, Abends puhlt er mit seinem Zeigefinger im Bauchnabel und schnuppert das Resultat und er kritisiert seinen fast tauben Vater bei jeder Möglichkeit. Er hat eine Arbeitsstelle in irgendeinem Büro, in dem mit ihm nur eine brotessende Frau herumhängt. Die Eltern sind nicht so wichtig: Der Vater, wie gesagt, ein schwerhöriger Idiot. Die unglückliche Mutter nennt ihren Erwachsenen Sohn immer nur "Maus", was ihm so unangenehm ist, wie dem Zuschauer. Das Leben mit den Eltern ist so grässlich, dass er sich zwar nicht vorstellt auszuziehen, sich aber insgeheim wünscht, dass der Vater sich den Strick nimmt. Die Küchentischszenen des Trios sind so banal wie kleinbürgerlich wie unangenehm. Frits zieht sich an jedem Detail auf und kritisiert und schimpft. Das er da emotional ...unausgeglichen ist, liegt auf der Hand.

Unter all den anderen Personen die Wim, Pim, Jim usw. heißen (Was stimmt nicht mit den Flachländern?), greife ich mir erst Wim (Jobst Schnibbe) raus. Er wirkt wie ein Doppelgänger Frits`. Sie sehen sich auch sehr ähnlich. Er tritt mehrmals in Erscheinung, oft in den Traumsequenzen. Zu Beginn, kurz bevor Frits sich outen will ebenso wie in einer Sexszene, in der er an Frits Stelle eine Frau vögeln wird. Jedenfalls: Wim ist ebenfalls ein Homosexueller und er wird sich im Verlauf des Films das Leben genommen haben. Das ist Frits Alternative, die er aber nicht annehmen wird. Eine andere Figur ist der Einäugige Maurits Duivenis (Pierre Bokma). Auch er hat eine nicht der norm entsprechende Sexualität. Der immer unrasierte Kleinkriminelle gewinnt Lust durch die Vorstellung, Knaben zu foltern. Er hat eine eher ungute Ausstrahlung, die Frits zu der Aussage veranlasst: Mit dir bin ich mir nie sicher ob du mich in einer dunklen Gasse hinterrücks erstechen würdest. . Selbstverständlich haust der Bürgerschreck in einer Ganovenklause.

Die Struktur des Films ist recht klar. Beginn und Ende sind einerlei. Wir beginnen an Silvester, kurz vor dem Fast-Outing und springen dann einige Tage zurück nur um am Ende wieder an Silvester zu sein. Da Frits dann beginnen wird seine Erlebnisse aufzuschreiben, so wie es auch Gerard Reve tat, haben wir ein kleineres Happy-End. In der Mitte des Films tummeln sich zwei Szenen, in denen Frits sich in Sex mit Frauen träumt oder tatsächlich anpackt. Bei der ersten Frau ist er etwas unbeholfen. Er steht vor ihr, wirft sich auf die Knie und rammt seinen Kopf in ihren rosafarbenen, sich selbst schmierenden Fleischmund und gleichzeitig Geschlechtstrakt der Frau. Sie prügelt seinen Kopf, will es dann aber auch. Er ist ja ein schöner junger Mann. Doch dann kann er nicht. Sie schenkt ihm einen Stoffhasen, den er an sich nimmt und das Zimmer verlässt. Zum Stoffhasen gleich mehr. Erst die nächste Szene. Hier träumt er sich hin zu seiner Kollegin. Er öffnet ihre Brust, und aus der Warze fließt Milch. Warzenmilch=Mutter=ja. Denn er öffnet ihre Wollbluse, indem er einen roten Wollgarn aufspinnt. Den gleichen roten Garn, den er einige Filmminuten zuvor seiner Mutter hinterher rollte. Doch es kommt nicht zum Sex, denn Wim, der Doppelgänger, betritt den Raum und vögelt kraftvoll die großbrüstige Sekretärin. Frits kann immerhin seinen knackigen Po liebkosen. Aber was ist da zu Wim zu sagen? Er hat Sex mit einer Frau, wenn auch nur in Frits Traum, das spricht für Assimilation. Doch er tötet sich.

Der Stoffhase, den ihm die Frau schenkt ist ein Symbol seiner Homosexualität. Er wird ihn mit sich führen und er wird ihn auch anal mit einem Stift penetrieren. Der Hase nimmt eine zentrale Rolle in der zweiten Hälfte des Films ein. Er wird sterben und leben und Sex mit einem Porzellanhasen haben.
Verstörend wird es, als Frits vor seinem Zimmerspiegel steht und sich sein Arschloch in Nahaufnahme betrachtet. Er wurschtelt seinen Riemen zwischen die Beine, dass nur noch die Haare noch zu sehen ist. Er steht da als Mannfrau und fragt sich: Trichter oder Zylinder.

Der Film ist sehenswert. Es ist schade, dass er so in der Versenkung verschwunden ist, imdb listet nur ein einziges Review. Der Film ist durch die verschachtelten Traum & Realitätsebenen nah an einem düsteren surrealen Stück. Das kleinbürgerliche wird gut eingefangen, wobei es mir vorkommt als wollte der Regisseur das Leben des Autors Reves zu detailiert mit jenen Frits`verknüpfen. Wer Filme mit wenig Handlung mag, kann sich hier zwei ruhige Stunden gönnen.


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 Betreff des Beitrags: UNZUCHT AM OSTSEESTRAND
BeitragVerfasst: 13.03.2015 09:20 
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Via Appia
Deutschland 1989
Regie: Jochen Hick
Musik: Charly Schöppner
Kamera: Peter-Christian Neumann
Darsteller: Peter Senner, Guilherme de Padua, Yves Hansen, Margarita Schmidt

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Lufthansa-Stewart Frank liebt seinen Job. Er kann rund um die Welt fliegen und jeden Mann vögeln, der ihm vor die Uniform kommt. Mit einem Jüngling, den er an der Copacabana kennen lernte, hat er aber weniger Glück. Er wird zwar nicht grausam gefesselt und ermordet, wie wir es im Film in vielen Anekdoten hören werden, aber der Stricher klaut ihm nach getaner Arbeit die Kamera und schreibt an den Badezimmerspiegel: WELCOME TO THE AIDS-CLUB. Die Lufthansa schreibt ihn für immer krank und er macht sich mit einem Regisseur auf nach Brasilien, um den Jüngling für eine Doku zu suchen.

Das ist dann auch der Plot. Der Film ist sehr billig produziert. Ich denke, viel Geld ging für den Flug drauf. Der Film ist in zweierlei Hinsicht überraschend. Auf der einen die schiere Anzahl an mannigfaltigen Pimmeln in allen Positionen und Größen. Er hat auch einige Hardcoreelemente, was ein wenig überraschend ist, da er im Öffentlich-rechtlichen Spartensender: ZDF Theater lief. Auf der anderen Seite, herrscht hier eine Enz-artige Stimmung vor. Das ist eine richtige Sex-Endzeitatmosphäre und das nicht, weil HIV in den 80-ern schneller in den Tod führte als es das heute tut. Der Kameramann schafft es, das sogar die Copacabana aussieht als wäre sie trüber Ostseestrand zu tiefsten DDR-Zeiten. Der Sexmaniac und der passive Regisseur traumwandeln durch ein Rio de Janeiro des Alltags. Das ist ein grau-in-grauer Albtraum mit masturbierenden Versagern am Straßenrand [Meiner hatte immerhin Zähne].

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Dazu die Musik. Wer jemals in einer Karpatendisko war, kann es sich vorstellen. Übelster Technoschrammel, der Nichttauben die Tränen in die Augen treibt. Die Welt, die Regisseur Jochen Hick hier entwirft, kommt direkt aus der Hölle. Dazu ein Übermaß an Lichtschaltern, Klosettbürsten, Plastestühle und anderen Gegenständen, die eher nicht im Film zu sehen sein sollten. Das Schlimme jedoch sind die Geschmacklosigkeiten jener Zeit. Frank trägt einen überdimensionierten blauen Schal, mit dem er wirkt, als wäre er der Cthulu. Das Allerschlimmste jedoch, und ich schwöre, dass das keine Schwindelei ist: Er steckt seine fahlgraue Jacke, die jedem Postbeamten gut zu Gesicht stehen würde, wenn er am Wochenende ins Klubhaus zu seinen Kleintierzüchterkumpels geht, er steckt diese Scheißjacke in seine Jeans rein. Im Film wird ja deutlich, dass er ein krankhaftes Verlangen hat Dinge irgendwo reinzustecken, dass er aber nicht einmal davor halt macht und die Straßenjacke als Hemd missbraucht, geht zu weit.

Aber lasse ich das Interieur mal Beiseite und komme zu den Personen: Erstmal der Regisseur. Er ist Namenlos, was bezeichnend ist. Er trägt zwar einen Dress wie Werner Herzog in Fitzcarraldo aber Innenleben ist keine Gemeinsamkeit, die sie teilen. Was treibt den Mann dazu, Fördergelder zusammenzukratzen um mit einem Sexmaniac nach Brasilien zu fliegen um einen Stricher zu suchen? Es kommt nie so richtig heraus, was er eigentlich will. Er ist ja selbst unfähig Portugiesisch zu sprechen und lässt diese völlig ungebildeten Stricherknaben sich mit Englisch abmühen. Als ihm die Gelder dann gestrichen werden, bleibt er so apathisch wie immer. "Dann gibt`s halt keinen Film". Als ihn sein Hauptdarsteller mal beschimpfen wird, tritt seine ganze Weltsicht zu Tage: "Dein Drama ist, dass du gefickt hast. Es könnte banaler nicht sein". Er zeigt den Film über keinerlei Initiative, er lässt sich treiben und auch von Frank antreiben.
Frank ist auch eine spezielle Person. Auf seinem Hamburger Nachttisch sind nicht nur Fotografien von hunderten von Pimmeln, die er geknipst hat sondern auch drei kleine Lufthansaflugzeuge. Er ist wie ein Kind, dass seinen Traum lebt. Wobei es schon ersichtlich ist, dass er nur deswegen Stewart wurde um auf der ganzen Welt Schwulensaunas zu besuchen und an Fleischkolben zu nagen. Er liebt Sex. Kaum in Brasilien angekommen, gafft er jedem Hinterher und die Szenen, in denen Regisseur und der dahinsiechende Frank in schäbigen Schwulenetablissements sind, sind Legion. Es ist auch nur Frank, der seinen künstlerischen Ideen folgt. Diese bestehen zwar lediglich daraus, Unmengen an haarigen Latinos vor die vaselinebefettete Linse zu bekommen aber immerhin schafft er mehr als der Regisseur.

In Rio gabeln sie noch einen anderen, mitteljungen Stricher auf. Jose, das ist Guilherme de Padua. Er ist der einzige, neben Regisseur Jochen Hick, der nach dem Film in den Schlagzeilen blieb. Und das obwohl er, wie auch alle anderen Darsteller, nie wieder einen Film drehen sollte. Er hat ein paar Monate nach Drehende zusammen mit seiner Ehefrau ein brasilianisches Fernsehstarlet ermordet und wurde zu 19 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er ist wieder frei und ganz aktuell, zwei Wochen her, tritt er wieder in die Schlagzeilen, weil er seiner [inzwischen] Ex-Frau wie ein Wahnsinniger nachstellt und sie zurückhaben will. Und das auch mit weniger legalen Mitteln.

Gut, zum Schluss: Regisseur Jochen Hick. Er ist eigentlich Dokumentarfilmer (Ich kenn keinen, allein unter Heteros) und hat neben diesem nur einen weiteren Spielfilm gedreht, den ziemlich guten No one sleeps (2000). Auch darin reist ein junger Homo in die USA. Wieder geht es um Aids, dort jedoch will der Schwule ein Pentagon-Komplott aufdecken, denn sie waren es, so er, die HIV in die Welt setzten. Abschließend: So viel Sex in dem Film ist, so viel Schatten liegt über diesem Film. Ich habe mich teilweise schlecht gefühlt, wegen der grausigen Musik und diesen armen pimmelverrückten Seelen. Frank macht dabei die traurigste Figur. Das, was ihm den Tod brachte, das Hodenentleeren, verfolgt er noch immer mit Passion. Es wirkt, als wollte er nur einen Grund um einen letzten Sex-Urlaub machen. Bezahlt mit Fernsehfördermitteln. Das wiederum braucht Eier. :mrgreen:


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My Father is Coming - Ein Bayer in New York
Deutschland/ USA 1991
Regie: Monika Treut:
Darsteller: Alfred Edel, Fakir Mustafa, Annie Sprinkle, Michael Massee, Shelley Kästner

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Vicky hat vor einigen Jahren den Freistaat Bayern verlassen und ihr Glück in New York City gesucht. Die Schauspielkarriere kam noch nicht so richtig in Gang also muss sie ihre Zeit mit Schweinehälftenzerkleinern in einem Restaurant zubringen und sich dabei von einem kartoffelsackförmigen Hillbilly anschnauzen lassen. Sie lebt allein in einer Wohnung, die zwar fließend Wasser hat (Wovon einem Busen wachsen, wie der Zuschauer später erfährt), insgesamt aber genauso gut in einem Slum in Südostasien stehen könnte.
Als wäre das nicht alles unangenehm genug, fliegt auch noch ein Problem aus Bayern ein. Ihr Vater Hans (Alfred Edel). Dem erzählte sie, dass sie erfolgreich sei, verheiratet sogar. Hans betritt im Trachtenjanker das Moloch und muss sich mit rudimentären Englischkenntnissen zur Wohnung durchschlagen. Es treten ein paar Probleme auf, ein Transvestit (Michael Massee aus The Crow, Sieben, Lost Highway) verliebt sich in Tochter Vicky, die sich aber in eine Afroamerikanerin, wird also folglich lesbisch und vom Papa mit ihr im Bett erwischt. Dem Papa ist das aber egal, denn der ist hinter Porn-Actress- Annie Sprinkle (Das Orgy Girl aus "The Devil Inside her! und Oriental Techniques in Pain and Pleasure) her.

Das ist grob der Film. Selbstverständlich gibt es da noch eine Vielzahl an sexuellen Wirrungen und schmutzigen Buden, ein Film zwischen Schweinehack und Transvestitenbar. Das sexuelle Erwachen hat mich auch gar nicht so sehr interessiert, ich war scharf den Alfred Edel zu sehen. Regisseurin Monika Treut telefonierte vor Drehbeginn mit Schlingensief, ob Edel denn einfach zu handhaben sei. Er bejahte, stellte aber klar, dass Edel über keinerlei Orientierungssinn verfüge, was in einer Stadt wie NYC zu einigen Problemen führen könnte. Das kam dann auch so, also er hat sich dann verirrt und kam nicht zum Dreh. Es ist aber auch so, dass Edel große Lust hatte, NYC mal zu sehen aber über keine Englischkenntnisse verfügte. Er hatte eine ganz grässliche Aussprache und die Szenen mussten öfter wiederholt werden.
Das passt aber auch gut zu der Figur Hans, die ja unbestritten, wie in den anderen Filmen auch, einfach der Alfred Edel ist. Wie er da im Trachtenjanker mit bayerischer "Schlaraffenland"Plastiktüte seine Weißwürste durch den Zoll schmuggelt und am Münzfernsprechapparat nach Münzen kramt ist fantastisch. Er kramt, hat aber nur Scheine. Als ein Obdachloser mit Trinkbecher kommt um nach Geld zu fragen, wurstet Edel flink seine viel zu große Hand in den Pappbecher und greift sich wortlos ein paar Stücke. Der bestohlene ist eher perplex, weiß nicht, was er sagen soll. Doch Hans steckt ihm schnell einen Schein zu. Edel verkörpert mit seinem Süd-Dialekt auch herrlich das Kleinbürgerlich-provinzielle. Als er mit der Pornodarstellerin auf dem Bett sitzt gibt er großmännisch zu: "I know many important people in my town".Er ist völlig von der Überlegenheit des Deutschen überzeugt, schwärmt von den Weißwürsten, "Die Vicky ja immer so gern gegessen hat", und erklärt, dass es SO ETWAAS, ja hier kaum geben könne.

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Der Hans ist ein wenig verlegen, wegen seiner Tochter. Den Ehemann, dem sie ihm dann kurzfristig präsentiert ist stockschwul, und das merkt Hans auch sofort und schaut grimmig. Der Schwule hat sich ja auch Striche in die Haare rasiert. Und Vicky macht ihrem Vater dann Tee in der Mikrowelle, in ihrer Wohnung, in der auch ein Max Beckmann Wandteppich (?) zu hängen scheint. Hans ist darüber so fassungslos, dass er wortlos bleibt. Streckenweise habe ich mich wie Hans gefühlt. Er kam ohne Frau, sie wird auch nie erwähnt, er wird also ein Junggeselle sein. Er kommt aus der Provinz in diese Stadt, die, dort wo er langschreitet, völlig sexualisiert ist. Er kommt staunend an Sexshops vorbei und lugt ernst schauend hinein. Mir ging es anfangs in Prag auch so, in meinem 100 Meter Umkreis sind fünf Bordelle, ein Männer Swinger-Club und ein Glory-Hole-Shop. Er erwacht sexuell ein wenig, lässt sich sogar, der arme Zuschauer, nackt von Annie Sprinkle massieren und genießt die Verlockungen der Stadt.
Was mir gut gefiel, war der Auftritt von Fakir Mustafa. Ein Body-Künstler. Er steckt sich allerhand Fleischharken und so in den Körper, habe ein wenig über ihn nachgeschaut und stieß auf ein Interview mit ihm auf der Wolfgang Sterneck-Seite, die ich seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr besucht habe. Also das letzte Mal vor knapp elf Jahren, als ich mit meinem Bruder auf dem Heavy Metal Festival With Full Force war und auf der Knüppelnacht den ähnlich gearteten Crazy White Sean sah, der sich auch Pflöcke durch den Pimmel trieb. Sterneck jedenfalls, ich erinnere mich, denn ich habe ein Buch von ihm, beschäftigte sich tiefergehend mit Bands wie SPK, Zev, und Free-jazz. Das dürften, in der Pubertät, meine ersten Ausflüge in die Musik gewesen sein, die ich auch heute noch, da bin ich wenig wandlungsfähig, gerne höre.

Insgesamt passiert in dem Film nicht viel. Es ist wie ein Stadtbesuch, man lässt sich treiben und der Alltag ist der Höhepunkt. Der Film ist auch ziemlich Low-Budget. Das ganze Sexuelle mit dem Schwul, Lesbisch, Transvestiten-Zeug war etwas zu sehr im Vordergrund, ich hätte mich gefreut, wenn Edel-Hans angezogen geblieben wäre.
So aber eigentlich ein sehbares Stück Fernsehgeschichte.

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 Betreff des Beitrags: Killer Nerd
BeitragVerfasst: 20.03.2015 09:50 
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Killer Nerd
USA 1991
Regie: Mark Steven Bosco, Wayne Harold
Budget: 12.00[0] Dollar
(Troma)
Darsteller: Toby Radloff, Mimsel Dendak, Tony Zanoni, Chip Cipriano

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I hate myself. Don`t you think I don`t know who I am? I am a nerd.
Das sagt Harold Kunkle (Toby Radloff). Ein Typ, der sich in kaum eine soziale Gruppe pressen lassen würde. Er, bzw. Toby, ist ein Genuine Nerd. Und das in den frühen Neunzigern, als es sicher noch uncooler war, zu wissen wogegen die erste Green Lantern eine Schwäche hatte. Da ist nun also dieser etwas pummelige Typ mit diesem bizarren Kleidungsstil, den man eher Ausserirdischen bei ihrem Erstbesuch zutrauen würde. Dieser Mann mit dieser ulkigen Frisur und dieser Aussprache, die eher an einen proletarischen Huillet/Straub Film erinnert. Da ist er und niemand kann ihn wirklich leiden. Die Zeitungsfrau verprügelt ihn und die Mama päppelt ihn dann wieder auf.

Es ist ja nicht so, dass Harold keine Gefühle hätte. Seine Arbeitskollegin etwa, die mag er. Er ist selbstverständlich etwas tappsig und unbeholfen, aber er bekommt den Mut zusammen um sie zu fragen, ob sie denn mit ihm am Sonntag mit seiner Mutter Kirchenpicknicken wolle. Sie wollte nicht.
Harold will sich ändern, denn abgesehen von dem keinen-Sex-haben, schubsen ihn sogar vier Punks auf der Straße umher.
Aber wie kann man sich ändern?
In den frühen Neunzigern? Das war die Zeit als man aus einem Comic- oder Gruselheft nur einen Kupong (aka Coupon) ausschneiden musste und zur Post rennen. Man bekam dann für wenig Geld einen Geheimdienstausweis, eine Todeskarateausbildung, ein Mittel zum Unsichtbar oder Frauenheld werden, besseren Schnurrbartwuchs oder was auch immer. Auch Hardold probiert es, er bekommt einige VHS von: SLICK DICK AND THE SCHOOL OF COOL! Also: Neuer Haarschnitt (Can I help you? Yes, today is the first day of the rest of my life), Blumen für die Lady, homophobe Witze (Der Hauptdarsteller outete sich einige Jahre später selbst). Aber 20 Jahre soziale Isolation kann niemand durch eine VHS wett machen. Er geht im babyblauen Anzug in eine Goth-Bar und tanzt wie vielleicht sonst nur Mini-Me aus Austin Powers tanzen würde.

Es bringt nichts. Er scheitert. Das Arschloch von Mitarbeiter, das ihn beständig demütigt, knallt seine Fast-Freundin, die Metalheads ("The last time you had trim was when your mom cut your hair!”) dreschen ihn, einer davon in Crispin Glover Gedächtniskleidung. Es langt ihm und wer sich den Filmtitel nochmal vor Augen führt, kann sich vorstellen, was passiert. Der Beginn des Films gefiel mir sehr gut. Das hatte etwas von Comicpanels. Es war sehr statisch. Meist nur eine Einblendung von Radloff oder einer anderen Figur und dann Schnitt, nächste Einstellung. Das ändert sich im Verlauf etwas, wenn sich dieser erwachsene Charlie Brown die Tapes besorgt und langsam durchdreht.
Toby Radloff selbst ist, oder war, halbwegs bekannt. Er war eine der Figuren aus Harvey Pekars Cleveland-Universum bei American Splendor, was schon ziemlich cool ist. Er spielt auch lediglich sich selbst (Abgesehen von dem Massenmord). Wer einen wirklich seltsamen jungen Mann sehen will, ist hier richtig. Wer misogyne Arschlöcher sterben sehen will die auf HUNT FOR A CUNT sind, sollte sich das ansehen.
Wer Filme sehen will, die mehr kosten als ein Hotdog-Stand, sollte sich woanders umschauen.


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www.youtube.com Video From : www.youtube.com

Radloff in Aktion

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 Betreff des Beitrags: Nebel über dem Morast
BeitragVerfasst: 01.04.2015 08:07 
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Mlhy na blatech/ Nebel über dem Morast
Protektorat Böhmen und Mähren 1944
Regie: František čáp
Nach dem gleichnamigen Roman von Karel Klostermann (1909)
Die Produktionsgesellschaft ist Lucernafilm, die gehörte Milos Havel, dem Onkel des späteren Präsidenten und Bierfassrollers Vaclav Havel.
Darsteller: Zdenek Stepanek, Rudolf Hrusinsky,Marie Blazkova

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Ein junger Mann wuchtet eine Fackel in den Teich und erstarrt. Er hält in der linken Hand einen Speer und im Wasser stehend wartet er auf den rechten Augenblick. Er ist konzentriert und nichts um ihn herum rührt sich. Mit Verve schnellt er den Speer ins Wasser und durchbohrt damit einen Karpfen. Er freut sich - er freut sich nicht lang. Der lokale Großgrundbesitzerwachmann Martinak (William Pfeiffer) mit dem feschen Schnurrbart entdeckt die Fackel und stellt den Fischdieb entrüstet zur Rede. Es ist nicht so, dass Martinak keinerlei Verfehlungen an den Tag legen würde, er wird im Verlauf des Films zweimal versuchen, Frauen zu vergewaltigen aber das hier ist etwas anderes. Jemand versucht, einen der Millionen von Karpfen zu entwenden. Trotz dessen - einen großartigen Konflikt gibt es in dem Film nicht, selbst die Vergewaltigungsversuchszenen sind lapidar. Zweimal wird der Versuch abgebrochen, sich abgeklopft und gegangen. Der große Star des Films, die große Autorität, nach der sich alle richten müssen, ist die Natur.
Wir befinden uns, wenn wir die Landschaft und die Karpfenteiche betrachten wird es schnell klar, in Südböhmen. Da sind wir nun also im Morast, im Sumpfgebiet und an den Wasserläufen, inmitten eines kleinen Hofes und einer kleinen Siedlung. Die literarische Vorlage entstand 1909 also sind auch wir noch in der Vormoderne der Provinz, an der heutigen Österreichischen Grenze. Es ist eine entpolitisierte Zeit im Film. Das Bild ist sehr rural, sehr archaisch. Männer tragen ihre Trachten und folgen gemeinsam mit den Frauen ihren Traditionen. Wenn es blitzt und donnert, stoppt man den Alltag, versteckt sich im Haus und betet für die Wanderer.

Wer sind die Personen in dieser Siedlung? Hauptperson ist der erst 24-jährige Rudolf Hrusinsky (Der Leichenverbrenner, Svejk) als junger Pferdebauer Vojta, Frauenverführer und der Mime eines Rebellen. Er schläft im Kuhstall. Dann gibt es den etwas retardierten Familienvorsitzenden Potužák (Zdenek Stepanek), der immer etwas laut spricht und das dann auch nur in Befehlen. Dessen junge Tochter Apolenka (Jarmila Smejkalová), die Vojta sich dann selbstverständlich auch gleich schnappt. Viel Auswahl hat er ja nicht. Pferd, Tochter oder den anderen Stallburschen. Der andere junge Mann ist der eher schüchterne Knabe Vasek (Vladimir Salač) In ihren Trachten wirkt die ganze Bande etwas dümmlich, sie sitzen schlecht, wenn sie sie denn mal tragen. Es ist kein Vergleich zu den schönen aus Bosnien, den Karpaten oder Rumänien.
Wofür lohnt sich der Film? Um Sex am Waldesrand zu sehen? Um die Karpfenfangtechnik vor der Industrialisierung dort (Inzwischen bauen sie Fließbänder am Seeufer auf) zu erleben? Um diese typischen Gesichtsverzerrrungen zu sehen, als wäre es ein Louis De Fune Film? Wegen dem jungen Rudolf Hrusinsky der mehr nackt als angezogen durch den Film wandelt und dessen Schauspielerisches Talent sich schon offenbart?
Sicher. Der Hauptpunkt aber sind die Naturaufnahmen. Es hat etwas von einer Dokumentation. Für Tierliebhaber gibt es alles in Close-Ups: Brütende Vögel, Entenbabys, ruhende Rehe die in die Kamera schauen (Wie haben sie das angestellt?) und -und ich schwöre, dass das wahr ist- Ein Close-up von einem sich liebenden Schneckenpärchen!
Dieser Film ist eine Rückbesinnung auf alte Traditionen, worüber sollten Cap auch sonst erzählen? Verschiedene Zensurstellen der Nazis überwachten den Prozess und das fertige Stück musste zur Endabnahme, da blieb kein Platz für Aufrührerisches.

Demgegenüber was die Tschechen vor 1939 an filmischen Granaten abgeliefert haben, die Filme Frycs, Machatys Filme wie das Erotikon oder Extase, ist dieser Film selbstverständlich ein Stinker. Eher wie ein Hermann Löns Gedicht aber immerhin auch nicht so lächerlich wie ein Dr. Kurt Floericke. Der Film versucht eine nationale Identität (Der Tschechen, nicht der Deutschen) zu wahren. Es sind Tschechische Bräuche, tschechische Trachten und tschechische Dörfchen zu sehen. Da ist nicht ein Funken Germanisches oder...politisches. Und wo fängt man die böhmische (bzw. Mährisch-Schlesische) Seele besser ein als auf dem Lande? Dort ist der Urgrund, der Dung des Tschechentums. Das ist so nicht in den großen Städten wie Prag oder den Provinzmetropolen wie Brünn zu entdecken. Selbstverständlich gab es diese traditionellen Tendenzen schon in den Jahren vor der Besetzung, die Rückbesinnung auf das ländliche und einfache. Anders kann man sich die Vorliebe der tschechischen Intellektuellen für die Subkarpathen (1000 km östlich von Prag) in der Ersten Republik nicht erklären. Dazu das aufkommen der Wanderklubs in den zwanziger Jahren, die Sokol-Bewegung und so weiter und so fort. Das war ein starker Gegenpol zu dem Großstädtischen. Prag war zu jener Vor-Nazi-Zeit, das ist keine Schwindelei, eine der großen internationalen Metropolen und stand, was Kunst betrifft, Politik, den größten, Paris, New York, in nichts nach. Da gab es Futurismus und Zukunftshoffnung. Ja. Dann kam das Protektorat, die Zukunft verschwand und das ländlich-provinzielle blieb als Essenz des Kunstschaffens über. Das Ergebnis sehen wir hier.
Frantisek Cap war zum Zeitpunkt des Drehs knapp 30 Jahre alt und das war bereits sein achter Film während der Protektoratszeit. Er stoppte seine Karriere nicht einmal in den turbulenten Nachkriegsjahren,erst nach der kommunistischen Machtergreifung 1948, also im Jahre 1949 drehte er keinen Film mehr sondern verschwand im Exil. Cap war ebenfalls ein Homosexueller und man kann es dem Film schon anmerken. Die Szenen in denen die beiden schwitzigen Stallburschen oberkörperfrei herumstehen und den Blick in die Ferne schweifen lassen, sind Legion. Das mag dem damaligen Ideal entsprochen haben der Nazis aber es waren ja auch Slawen, keine Germanen. Sie in ein sexuelles Feld zu rücken war sicher keine Bedingung der Behörden.


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 Betreff des Beitrags: MIASTO 44
BeitragVerfasst: 03.04.2015 12:32 
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Miasto 44 / Město 44/ City 44
Polen 2014
Režie: Jan Komasa
Drehbuch: Jan Komasa
Kamera: Marian Prokop
Musik: Antoni Komasa-Łazarkiewicz
Darsteller:
Max Riemelt, Zofia Wichłacz, Tomasz Schuchardt, Michał Żurawski, Monika Kwiatkowska,Krzysztof Stelmaszyk, Bartosz Porczyk, Marcin Korcz, Józef Pawłowski, Anna Próchniak, Maurycy Popiel, Jaśmina Polak, Antoni Królikowski, Wojciech Solarz, Stanisław Penksyk, Tadeusz Chudecki

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1. August 1944 in Warschau. Die Polnische Heimatarmee AK startet den bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht, bis zum 3. Oktober wird rund eine viertel Million Menschen im Stadtgebiet ihr Leben gelassen haben. Die meisten von ihnen Zivilisten.
Wir begleiten in diesem Film Stefan Zawadski (Jozef Pawlowski). Ein Anfang 20 jähriger Mann, der mit seiner Mutter, der ehemaligen Schauspielerin und nun fahrig-angespannten Frau (Monika Kwiatkowska) und seinem jüngeren Bruder in einer Wohnung in der Innenstadt. Der Vater ist nicht mehr da und Stefan übernimmt die väterliche Rolle ein wenig, tanzt sogar mit der Mutter Tango, beugt sich über sie, unterlässt aber den erotischen Kuss. Zusammen mit seinem Freundeskreis schließt er sich dem Widerstand an um Warschau zu befreien. Der Mutter erzählt er das nicht, da sie, als er mal über Nacht wegblieb, das gesamte Mobiliar zerschlug.
Er stellt sich als hervorragender Schütze heraus. Leider nutzt es nur wenig, denn die Anzahl der Kugeln ist begrenzt und um Handfeuerwaffen wird gerungen. Sie sind jung und schön und kämpfen für eine gerechte Sache. Der Traum von der freien Stadt, das in Reih und Glied stehen, das gemeinsame Singen dreht sich jedoch bald in einen blutigen Albtraum, in dem Menschen hinfallen, weil sie auf herumliegenden Händen ausrutschen. Krieg ist kein Spaß, das stellt sich schnell heraus. Stefan wird sich kurzfristig in zwei Frauen verlieben und mit beiden Techtelmechteln. Doch als ihn eine Kugel trifft und in der Nähe seines Herzens ein großer schwarzer Grindkrater entsteht, er sieht, wie Bruder und Mutter von einem sich schnäuzenden Nazi erschossen werden, ist es mit seinem Innenleben vorbei. Luzid traumwandelt er durch die Stadt, die sich in ein immer größeres Trümmerfeld wandelt.
Das war es im groben. Was historisch genau passierte, weiß der Zuschauer weniger aus dem Film als aus anderen Quellen. Wobei es für Nicht-Polen sicher schwerer ist, über den Warschauer Aufstand etwas erfahren zu haben. Wenn man nicht grade einen Hang zum Ungerechten hat, wird sich sicher niemand gerne mit polnischer Geschichte beschäftigen. Die ist von vorne bis hinten furchtbar, all die Teilungen, Demütigungen, historischen Ungerechtigkeiten...


Dass in dem Film Anfangs alle jung und schön waren, die Mutter eingeschlossen, dass alles sauber war, gepflegt, mittelschichtlerisch, das ist nachvollziehbar. Dann wuchtet sich der spätere Verlauf umso mehr ins Gedächtnis. Das Problem für mich aber war, dass Stefan und seine Kameraden aussahen als würden sie bei Hollister arbeiten. Sie sind rundum unfassbar schön, mit Six-Packs und von vom Fitnessstudio definierten und gestählten Körpern. Ich habe zu der Zeit nicht gelebt, möchte aber leise anzweifeln, ob Sit-Ups damals zum täglich Brot gehörten. Die Dramaturgie des Films habe ich so recht nicht nachvollziehen können. Erst vereidigt er sich und im nächsten Moment steht er mit einer Waffe in einem Treppenhaus. Hinter ihm sind zwei Frauen, die nur da sind um sich gegenseitig zu umklammern. Klar, denke ich. Das ist eine Übung. Warum sonst, sollte eine Frau im Blümchenkleid eine andere an vorderster Linie so ängstlich und fürsorglich umarmen. Dann fällt ein Jüngling mit Kopfschuss zurück. Es stellt sich heraus, dass es keine Übung war.
Die Ästhetik des Films wandelt zwischen Romeo must Die, Haus der 1000 Leichen und MTV-Musikvideos. Da wird in Slow-Motion zu Dubstep geküsst während Pistolenkugeln in der Luft an ihnen vorbeikriechen. Die Handlung wird strukturiert durch Texteinblendungen, in denen erklärt wird, in welchem Stadtviertel man sich gerade befindet. Da das Hauptaugenmerk jedoch auf Stefan liegt, können wir den Film auch mit seinem jeweiligen Befindlichkeitsstatus ersehen. Als seine Familie stirbt und er sich eine Kugel einfängt, hört er auf, er zu sein. Es wirkt wie in Elem Klimovs ungleich gelungenerem Partisanenwerk Idi i smotri (1985), in dem der junge Florya ebenfalls durch den Krieg und die Geschehnisse völlig traumatisiert wird und agonisch durch getürmte Leichenberge schreitet, während der Zuschauer an seinem Tinnitus partizipiert.
Doch Miasto 44 ist weniger intensiv, zum einen, weil es schwer ist, eine Geschichte auszumachen und zum anderen weil es, wenn es anfängt Blut und Leichenteile zu regnen eher wie ein provokatives Rammsteinvideo wirkt. Es ist ein gemeiner Vergleich, da es ja nun historische Tatsachen sind usw., aber, wenn junge schöne Teenager in eine Hölle gesetzt werden und alle nacheinander sterben und sich zwischendurch auch kurz verlieben, wirkt das eher, als würden sie in einen neueren US-Teenie-Horrorslasher gesetzt werden. Nur, dass die fiesen hier Nazis sind und nicht Freddy Krüger und Jason.
Der Film des erst 30-jährigen Regisseurs Jan Komasa, der vor einigen Jahren diesen Teenager-Selbstmordfilm Suicide Room gedreht hat, war teuer. Das sieht man, für den Film haben sie wohl auch 5000 Tonnen Schutt genutzt. Die historischen Fakten sollen soweit stimmen auch wenn das eher Detailarbeit ist und ich wenig Fakten mitbekommen habe, da meist einfach nur apathisch in die Ferne geschaut oder geschossen wurde. Einige Stellen waren durchaus beeindruckend, etwa die Ego-Shooter Perspektive an einer Stelle als mit einem Maschinengewehr geschossen wird und das aussieht als wäre es aus Return to Castle Wolfenstein importiert.
Insgesamt hat mich der Film jedoch wenig begeistert.Klar, es gab einen Königspudel und schöne Menschen aber das reicht nicht ganz für einen guten Film.

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 08.04.2015 22:27 
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12:08 East of Bukarest
Rumänien 2006
Regie: Corneliu Porumboiu
Darsteller: Mircea Andreescu, Teodor Corban, Ion Sapdaru |


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Gab es eine Revolution am 22.12. 1989, dem Tag der Verurteilung des Diktatorenehepaars Ceausescu in einer namenlosen rumänischen Kleinstadt, oder nicht? Diese Frage möchte 16 Jahre später ein kleiner regionaler TV-Sender mit zwei Gästen klären. Moderator ist Virgil (Teodor Corban). Der eine Gast, Geschichtsprofessor Tiberiu Manescu (Ion Sapdaru) sagt ja. Doch einige Anrufer erklären seine Version für nichtig und drohen teils gar mit Klage. Ein ehemaliger Securitas Mitarbeiter, nur als Bürokraft selbstverständlich, besitzt nun drei Fabriken und wird den Moderator verklagen, sollte noch einmal sein Name, im Zusammenhang mit seiner Securitas-Vergangenheit, fallen. Dieser knickt ob der lokalen Wirtschaftsgröße ein und bittet den Professoren inständig, dessen Name nicht mehr zu nennen.
Der Moderator selbst ist kein ausgebildeter Journalist. Er war früher Schneider. Der Lehrer-Professor erregt sich über diese Begebenheiten, dann hätte er sich auch als Astronaut vorstellen können, in der Sendung. Der Professor ist ein Stadtbekannter Alkoholiker. Das war er schon damals. Es kommt bei einem der zahlreichen Anrufe heraus, dass er und dessen Kollegen doch nur auf den öffentlichen Plätzen standen und soffen. Eine Sicht, die der Professor inbrünstig anzweifelt. Er war ein Held damals, und so möchte er sich auch verstanden wissen.

Dem anderen Gast, Emanoil Piscoci (Mircea Andreescu) ist das Gespräch egal. Er ist ein 76 jähriger Witwer, der froh war über den Anruf und die Einladung. Er hat wenig zu tun als Single, um ihn wurde es im Leben einsam. Doch an der Show will er nicht so richtig teilnehmen, er ist wortkarg. Er bastelt lieber Papierschiffe, während der Lehrer sich um Kopf und Kragen redet und später selbst recht mundfaul wird, weil er beleidigt ist ob der Lügenvorwürfe.

Der Film ist zweigeteilt. zu Beginn sehen wir die drei, Lehrer, Moderator und Rentner im Alltag, der von Armut geprägt ist. Das Mobiliar ihrer Wohnungen ist alt und verbraucht. Die Szenen erinnern streckenweise an jene des kauzigen Schweden Roy Anderson. Der Plot ist so banal wie die Frage der Sendung, ob es eine Revolution gab oder nicht. Der Zuschauer fragt sich, ob das denn Geschichte sein solle, ob 16 Jahre zuvor der Dorflehrer mit den anderen Lehrern um Mittag auf dem Platz stand und soff oder ob er von dem Kassenwart der Securitate verdroschen wurde oder ob er überhaupt nicht dort war an dem fraglichen Tag. Denn im Grunde ist es auch egal. Die Geschichte wurde nicht in ihrem Städtchen geschrieben, sondern in Bukarest. Ihr Leben ist enthistorisiert. Die Antwort der Frage ist so banal wie der Ort der Handlung. Die Stadt ist namenlos und muss irgendwo zwischen der Hauptstadt Bukarest und der Schwarzmeerhafenstadt des Ovid, Konstanza liegen.

Im ersten Teil nehmen wir Teil an den Wohnblockschluchten einer niedergetrampelten Welt. Der Rentner soll im ersten Filmteil einen Weihnachtsmann spielen, beschwert sich aber über den roten Mantel, denn der sei so dreckig wie unnütz. Die bittende Mutter antwortet barsch, dass sie gerne einen besseren Mantel hätte, wenn sie denn das Geld dafür haben würde.
Milo Rau schrieb in seinem Werkbuch: "Die letzten Tage der Ceausescus", dass es zwei Rumänien gäbe. Eines, dass Anschluss an die moderne Welt halte und die Verbrechen des Diktators untersuche und ein anderes, in dem die Zeit aufgehoben sei, wo Fakten etwas für Idioten seien. Die Dialektik führte dahin, dass der Diktator in einer Umfrage in den neunziger Jahren gleichzeitig zum beliebtesten und zum unbeliebtesten Rumänen gewählt wurde. Diese fragwürdige Faktenuntreue wird in diesem Film offenbart.
Die Details des Films sind bemerkenswert aber hintergründig. So bastelt der Rentner ein Papierschiffchen während der Sendung. Auch bei dem im TV übertragenen Schauprozess, der in Minuten zum Todesurteil führte, bastelte der ehemalige Freund und späterer Verurteilter des Diktatorenpaars, General Stanculescu diese Papierschiffchen. Die im Film dargestellten Weihnachtsbäume und der Weihnachtsmantel sind, so können wir es bei Herta Müller nachlesen, grotesk. Das Diktatorenpaar verbot seinerzeit Weihnachten, feierte es aber selbst. Die Weihnachtsbäume hießen Winterbäume und wurden ab dem 3. Januar verkauft. Der Weihnachtsmann hieß Frostmann.

Der Film handelt von Wahrheiten. Diese ist nicht herauszufinden. Die Sympathie liegt bei dem alkoholkranken Professoren, dem jeder der Anrufenden der Lüge bezichtigt. Es sind alte Kommunisten, die zum Hörer greifen und Männer, die sowohl in der Diktaturzeit als auch in der späteren Marktwirtschaft erfolgreich waren. Auch Alltagsrassismus, einem Chinesen gegenüber, kommt zur Sprache. Jener Chinese stellt sich die Frage, weswegen die Rumänen sich untereinander immerzu derart selbst zerfleischen würden.
Der Film ist eine Komödie. Das kommt in meiner Besprechung nicht heraus. Ich habe oft gelacht (aha). Andererseits ist er auch eine Bestandsaufnahme Rumäniens vor zehn Jahren. Im Film passiert nichts, 50 Minuten lang sind nur drei Männer eingeblendet, die reden, doch es kommen viele kleine Wunden heraus. So auch der Rentner, der beiläufig erwähnt, dass er sich am Tag des Diktatorentodes mit seiner, inzwischen verstorbenen Frau, stritt. Es ist eine Dopplung, das Volk stritt sich mit dem Diktator, der starb. Er sich mit seiner Frau.

Eine hervorragende Komödie. Wer etwas über die Befindlichkeiten des Schwarzmeeranreinerstaates Rumänien erfahren will und das lieber mit einem Film tut und nicht mit doofen Nobelpreisträgerinnen ( Herta Müller) oder halbbekannten Theaterregisseuren (Milo Rau) kann zugreifen. Wer doch lieber liest: Europa erlesen: Bukarest, vom österreichischen Wieser-Verlag

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 10.04.2015 17:13 
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Sleepwalker
England 1984
Regie: Saxon Logan
Darsteller: Joanna David, Nickolas Grace, Heather Pager, Bill Douglas, Raymond Huntley, Michael Medwin, Fulton Mackay

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Marion und Alex Britain leben in Albion. Sie sind um die 40 oder sogar 50 und teilen sich ein spartanisches Haus in der nordenglischen Provinz. Der gleiche Nachname und die ständigen Streitereien lassen auf eine Ehe schließen, doch die Ausgangssituation ist trauriger. Die beiden sind Bruder und Schwester und sie teilen sich das gemeinsame Erb-Haus, niemand verließ die elterliche Stätte.
Die Schwester war krank, auf Kur lernte sie eine wohlhabende Londonerin kennen und lud diese gemeinsam mit ihrem Ehemann in ihre Wohnung ein, für ein gemeinsames Abendessen und den gesellschaftlichen Plausch. Es ist eine nahe liegende Idee, ihr berufliches Glück liegt schon eine Weile zurück. Früher war sie "Schriftstellerin" jetzt ist sie zynisch. Im Ort gibt es auch nicht viele andere Menschen, die wir kennen lernen dürfen. Ein älteres homosexuelles Paar, das ein Gasthaus betreibt und einen stark alkoholkranken Opa. Es kristallisiert sich jedoch bald heraus, das diese Frau, Marion Britain, eine dunkle Seite hat. Ihren Bruder, den Kleist-Übersetzer, nennt sie bei sich bietenden Gelegenheiten Bastard, was unter einem 40-50 jährigem Geschwisterpaar eher ungewöhnlich ist.

Die Freundin, Angela Paradise, freut sich jedenfalls auf das Treffen. Marion war ihr eine gute Freundin bei ihrem Kuraufenthalt, andere zum Reden hatte sie nicht. Der Mann war erfolgreich und in Indonesien, er hatte keinerlei Zeit für sie. Dafür muss er nun büßen und sie bei dem Ausflug in die Provinz begleiten.. Sie und ihr Mann fahren jedoch unter schwerem Gewitter und Regen in die nördliche Provinz. Die Adresse ist ihr nicht geläufig, sie kennt den Ortsnamen und weiß, dass vor dem Haus ein "Zu verkaufen" Schild steht. Den Mann, Richard, nervt die ungenaue Ortsangabe. Er greift ihr sogar ins Gesicht, zerrt es in seine Richtung und erklärt der körperlich unterlegenen Frau, was er von ihren Ortskenntnissen hält. Er verdient viel Geld als Video-Mann, er ist so erfolgreich wie das Geistespaar Britain finanziell armselig.
Der Abend wird ein Fiasko. Der Video-Mann vertritt die finanzielle Macht und die soziale Kälte. Er ist ein Haifisch, der AIDS-Witze reißt, Mikrowellen hochlebt und nur im Geld das Glück findet. Ihm gegenüber der Übersetzer, der Vertreter des alten England. Er lehnt sich gegen diesen Fatalismus auf und wird von den drei anderen heruntergeputzt. Am Ende des Films kommt in kobaltblauer Nacht das Hackebeil zum Einsatz.

Der Film hangelt sich nicht ausschließlich an Realitäten entlang - Es wird viel geträumt. Das Somnambulente als das Gegenteil der Sachlichkeit, die Luzidität wiegt Argumente und Gegenargumente der politischen Feinde beim Tischgespräch auf. Derer gibt es viele im Kampf des Engländers gegen das Paradies. Die Träume im Film sind nicht unschuldig. Es suppt das Blut. Das Unbewusste in dem Film ist maßlos verrottet, kommt es zu Traumsequenzen spritzt das Blut und zappeln im letzten Atemzug die Gebeine. Auch die Begierde ist im Film. Doch sie ist ungerecht verteilt. Während der Bruder Britain keine Frau anzieht (gut, eine ist auch seine Schwester), wollen die anderen beiden den Paradise. Die Britain-Schwester betatscht am späten Abend sein Knie und zeigt sich, vor den Augen seiner Frau wollüstig und hemmungslos. Sie ist zu diesem Zeitpunkt so besoffen wie ekelhaft wie geil. Doch er verneint es. Als er ins Bett wankt will die andere, seine Ehefrau, GV, küsst ihn. Doch er schnarcht sofort. Ihr Abend ist scheiße. Sie besucht das Freundespaar, gegen den Willen des Ehemannes. Die Freundin stellt sich als Idiotin heraus, ihr Bruder als streitsüchtiger Hammel. Niemand an diesem Abend wird eine Schokoladenseite offenbart haben.
Die Übersetzungsarbeit des Briten ist Heinrich von Kleists Kätchen von Heilbronn. Kleists Charakterisierungen der Traumsüchtigen sind oftmals die von Wahnsinnigen und Geisteskranken, der Vergleich zum Film ist nahe liegend. Am Ende wird die Traumwelt in die Realität eingegriffen haben. Die Welt der Möglichkeiten, des Geldverdienens und des schlechten Lebens wurde gekapert vom Undenkbaren. Die blutigen Träume während des Films offenbaren sich als düstere Prognose. Die Träumerin, die das Schlafwandlertum auf ihren Bruder schiebt, offenbart sich als die dunkle Kraft, die die Wirklichkeit ihren Gespinsten anpasst.

Die Thatcher-Ära. Diese wird auf dem DVD-Werbetext und im Booklet angegeben als Ausgangspunkt des Disputs. Hinzu kommen auch Bezüge zum Imperfect Cinema, zum Giallo und zu Dario Argento. Ich selbst kenne mich mit Thatcher nicht aus, kenne latent die Fakten einer gemeinen Hexe. Als ein russischer Lover mit mir mal den Thatcher-Film schauen wollte und erklärte, dass sie ja eine wirklich warme, liebenswerte Frau gewesen sei, antwortete ich mit einem Brummen und einem Schluck aus einer Wodkaflasche um den Abend zu einem rühmlicheren Ende zu bringen.

Was bietet der Film?
Mord im blauen Dämmerlicht. Barockmusik. Gespritzte Kekse. Berstende Glühbirnen und ein Gewitter.
Ein schöner Film, mit 50 Minuten Lauflänge. Um ehrlich zu sein,lohnt sich der Film allein wegen des Namens des Regisseurs: Saxon Logan. Einer der schönsten Namen der Welt.

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 Betreff des Beitrags: THE DEAD LANDS
BeitragVerfasst: 11.04.2015 15:33 
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The Dead Lands
Neuseeland 2014
Regie: Toa Fraser
Darsteller: James Rolleston, Lawrence Makoare, Te Kohe Tuhaka, Xavier Horan


Ein pubertierender Maori verliert alles! Seine Familie wird geschlachtet, auf den Totenkopf eines Ahnen geschissen. Er überlebt das Martyrium und verbündet sich mit einem wahnsinnigen Massenmörderdämonen, um den Verbrechern ihre gerechte Strafe beizubringen!

Es ist das Neuseeland bevor es von westlichen Eroberern entdeckt wurde. Die Natur ist lieblich und wild, einzelne Stämme bevölkern die Insel und gehen sich so gut es geht aus dem weg. Häuptlingssohn Hongi (James Rolleston) ist 17 Jahre alt und eher zart beisaitet. Doch das friedliche Leben auf dem Dorf wird gestört durch eine Halbstarkenrotte aus einem Nachbarstamm. Nachts überfallen sie die Gemeinschaft und schlachten, was sich bewegt. Bevor sie den Häuptling köpfen erklären sie ihm, nachdem sie ihre Zungen rausgestreckt und Grimassen geschnitten haben, dass sie den Uterus seiner Frau mit Dreck (vermutlich ist ihr Samen gemeint) füllen werden. Der Sohnemann Hongi versteckt sich im Gebüsch und erlebt das beinahe Ausrotten seines Stammes aus nächster Nähe. Am nächsten Morgen betritt er das wimmernde Dorf. Der Gedanke ist naheliegend: Die Männer sind alle gemeuchelt worden, der Stamm muss fortbestehen, also muss der schöne Hongi anfangen mit der Reproduktion. Doch falsch gedacht! Die Frauen bezichtigen ihn der Feigheit und der Schande.
Hongis Sex muss warten, erst muss er die Banditen um Wirepa ( Te Kohe Tuhaka) rächen.

Doch wie soll er das machen? Er hat zwar ein paar Muskeln aber er hat noch nie jemanden getötet. Er zieht planlos in den Dschungel. Sein Glück ist das Unglück der Banditen. Sie wollen abkürzen weil sie ebenso mordsüchtig wie faul sind. Die Abkürzung geht durch das Dead Land. Das wird von einem Dämonen bevölkert, so die Sage, der alle tötet, die das Land betreten. Auch Hongi betritt das Land und bietet furchtlos dem Dämonen (Lawrence Makoare, spielte in 007-Stirb an einem anderen Tag, Herr der Ringe und Der Hobbit mit Rollennamen wie: Snake, Bolk, Ratu, Witchking) eine Zusammenarbeit an. Es stellt sich heraus, dass er vielleicht menschlich ist und geht murrend darauf ein. Er bringt ihm die Kunst des Tötens bei und das ungleiche Duo, das zur Hälfte aus einem Menschenfressenden Pilzesser und zur anderen Hälfte aus einem Jüngling, der Blumen liebt, besteht, begibt sich auf Menschenjagd. In fiesen Schlachten werden viele mutige Krieger zu Tode gepaddelt und ihr Blut getrunken.

Der Film hat mir gut gefallen. Eine Begründung liefere ich auch gerne: Ersteinmal das Negative: Der Soundtrack-Mann nutzt das Horn als wäre er Hans Zimmer. Ein Krieger sieht aus als würde er in einer Berliner-In-Bar arbeiten. Es gibt auch keine Busen zu sehen, obwohl wir vom weltbekannten Böhmen Bohumir Lindauer wissen, dass die Eingeborenen-Frauen gerne ihre Busen zeigten. Auch die Kriegskunst ist nicht weit entwickelt. Niemand erwartet von Wilden (hrhr) theoretische Abhandlungen wie vom preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. Doch der Hinweis des Killerdämonen: Mach sie wütend, mach dich über ihre Mutter lustig, ist, mit Verlaub, primitiv. Klar: Deine Mutter geht zu Frauentausch und verliert, ist witzig, macht aber doch niemanden wütend. Wenn mir das ein gesichtstätowierter Maori sagen würde, würde ich freundlich die Achseln zucken. Er kennt meine Mama ja vermutlich nicht mal. Klar ist sie nicht perfekt, aber seine ja sicher auch nicht. Aber diese Maori-Krieger müssen ja eine angeborene Feindseligkeit in sich tragen. Sie leben in wunderschönster Naturkulisse und das einzige woran sie denken, ist ihre Kacke zu lecken und Blut zu trinken. Da mag ich jetzt mit meinen westlichen Standards falsch gewickelt sein, aber ich finde das doof.
Positiv ist aber, das keine Liebesgeschichte involviert ist. Der Jüngling könnte sich vielleicht verlieben. Doch Der Dämonmenschenfresser schreitet ein, bevor es zu spät ist und ermordet die Frau.
Zu Frauen hat er eh ein merkwürdiges Verhältnis. Er lebt mit einigen Nixen (Nicht Nymphen) im Todes-Ort. Die Siedlung ist eher gruselig, aufgespießte Menschenköpfe allethalben. Mit einer Dame scheint er ein engeres Verhältnis zu haben. Er teilt ihr mit, dass er nur noch am Leben sei um sie leiden zu sehen. Er mag sie offensichtlich nicht sonderlich. Und das ist bemerkenswert. Sie teilen den Raum und sind aneinandergekettet. Es ist wie in der heimischen Provinz. Wenn du den Nachbar nicht leiden kannst und zusätzlich nichts zu tun hast, steigerst du dich in das Missfallen hinein und beginnst dein Leben auf sein Martyrium auszurichten. Wenn es schlimm läuft, landest du bei einer SAT1 Show über schlimme Nachbarn.

Aber ich komme zum Ende: Schöne Natur, ein wunderschöner Jüngling mit einem tollen Oberkörper, wundervolle Naturaufnahmen aus Neuseeland, keine Liebesgeschichte, Kämpfe professionell choreographiert wie ein Michael Jackson Video und das Paddel als Todeswaffe.

Klare Empfehlung.


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Der Kampf

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 Betreff des Beitrags: DER FÜNFTE REITER IST ANGST
BeitragVerfasst: 14.04.2015 12:25 
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...... a páty jezdec je Strach
Der Fünfte Reiter ist Angst

Tschechoslowakei 1964
Regie: Zbynek Brynych
Musik: Jiri Sternwald
Kamera: Jan Kalis
Darsteller: Miroslav Macháček, Olga Scheinpflugová, Jiří Adamíra, Zdenka Procházková, Josef Vinklář, Ilja Prachař, Jana Prachařová, Jiří Vršťala, Tomáš Hádl, Eva Svobodová

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Zirkusmusik. Zu ihrem Takt schlingert ein Mann mit dem Fahrrad eine gepflasterte Straße hinunter. Gegenschnitt auf ein die Szene beobachtendes lachendes Kind. Der Mann stürzt, rafft sich mit letzter Kraft auf und radelt weiter. Weit kommt er nicht, er stürzt wieder, direkt vor einer Tür zu einem Mehrfamilienhaus. Was passiert da in Wirklichkeit? Ist er besoffen? Ein Clown? Nein, das Kind hat die Situation falsch wahrgenommen. Der Mann ist ein angeschossener Widerstandskämpfer. Er schleppt sich ins Haus zu einem Gefährten, einem Schlachter. Dieser ist ob dieser Situation überfordert. Ins Krankenhaus kann er nicht mit ihm, die Kugel kann er ihm auch nicht selbst rauspuhlen. Als Schlachter hackt er ihm dabei sicher nur aus Versehen den Arm ab. Seine Frau reagiert ungehalten. Immerhin haben sie gemeinsam ein kleines Kind und die Gefahr potenziert sich mit diesem Systemganoven in der Wohnung. Der Schlachter besinnt sich eines Juden, der im obersten Stockwerk lebt. Der arbeitet inzwischen als Verwalter, doch früher war er Arzt. Verlernt haben wird er es schon nicht haben. Der Jude Dr. Braun trägt Bart, Brille und Hut. Er sieht aus, mit Verlaub, wie ein Kaftanjude. Seine Nasenspitze bohrt er wegen seiner Kurzsichtigkeit direkt in die Buchseiten. Ein altes jüdisches Phänomen, da sie oftmals knapp 18 Stunden am Tag bei schlechtem Licht in der Tora lasen und ihr Augenlicht so schnell jenem eines Maulwurfs ähnelte.
Der Jude, Dr. Braun, zetert. Er will mit der Sache nichts zu tun haben, aus der Zeit unbeschadet herauskommen. Doch er besinnt sich und hilft. Er geht sogar aus dem Hause und sucht Morphium für den Verletzten, eine Odyssee, die ihn in Nachtklubs und Irrenanstalten führt.

Der Film "Der fünfte Reiter ist Angst" (Bezugnehmend auf die vier Reiter der Apokalypse aus den Offenbarungen des Johannes im NT), zeigt das Leben in einer ungenannten tschechischen Stadt zu einer ungenannten Zeit. Es sind Details, die darauf schließen lassen, in Prag zu sein, so wird wiederholt der Letna-Tunnel eingeblendet, einmal flimmert das Nationalmuseum durch das Bild und auf einem der Umzugswagen ist eine Prager Adresse zu finden. Der Film wird von der Kritik selbstverständlich als Film während der Okkupationszeit wahrgenommen. Die Hinweise sind jedoch nicht[sehr] eindeutig, es fällt kein Wort Deutsch, es gibt keine [erkennbaren] Nazisymbole. Dass es eine Zeit der Angst ist, dass eine Diktatur herrscht , ist offensichtlich, doch es ist nicht klar, wann und wo und wer.
Der Film spielt hauptsächlich in einem Mehrfamilienhaus. Das gibt eine gute Möglichkeit, verschiedene Facetten der Bewohner wahrzunehmen. Sei es der angstsüchtige Denunziant und Hauswart Herr Fanta (Josef Vinklar), der immerzu schwitzt und von seiner Angst zerfressen wird. Er ist ein Vogel durch und durch, schickt seiner Mutter alle zwei Wochen per Post die dreckige Wäsche. Ein peinlicher Umstand, den er auch noch freimütig Fremden erzählt. Da ist die wahnsinnig gewordene Musiklehrerin (Olga Scheinpflugová, eine Grande Dame des tschechischen Geisteslebens - Ehefrau des antifaschistischen Schriftstellers Karel Capek; dessen Bruder Josef im KZ Auschwitz starb; in einer ihrer letzten Filmrollen). In ihrer mit Büchern und Dunkelheit vollgestopften Wohnung besinnt sie sich, in dem sie auf die Pianotasten drischt - auch um 11 Uhr Nachts. Der Jude im obersten Stockwerk, Dr. Braun, der versucht unauffällig zu leben, und der tschechische Arzt Dr. Vesely (Auf deutsch Froh), samt Frau, Kind und Haushälterin. Er hat Geld, Morphium, betrügt die Frau und lebt nicht schlecht.

Das was die Hausgemeinschaft eint, ist die ständige Angst. Immer wieder ringt markerschütternd laut das Telefon oder die Haustür. Immer wieder wird aufgeschreckt und sich gesammelt. Dieser Anruf, dieser Besuch kann immer etwas schlimmes bedeuten. Dieses Ringen ist grässlich, es wird oft wiederholt, bis sich entschlossen wird, abzuheben. Die Anspannung und Angst der Bewohner überträgt sich auf den Zuschauer. Es kann einen paranoid machen und macht es auch. Die ständige Überwachung und die ständige Ungewissheit belastet. Auf Plakaten in den Straßen wird zum Denunzieren aufgerufen. Das Denunzieren ist universell in Diktaturen, die Anspannung durch das Telefon kennen wir auch aus dem Neue-Welle Meisterwerk UCHO von Karel Kachyna. Das heißt, der Bezug zum Kommunismus liegt auf der Hand. In dieser Atmosphäre der Angst herrscht Wahnsinn wie in einem Andrej Zulawski-Film. Dr. Braun gerät auf der Suche nach dem Morphium in eine Irrenanstalt, in der sich die Insassen die Haare raufen. Immerzu wird die Anspannung entladen, auch im Wohnhaus, und es wird geschrien und aufgestampft.
Dr. Braun arbeitete früher als Arzt, nun als Buchhalter. Er katalogisiert die Gegenstände verschwundener Familien. Auf den Straßen sind immer wieder Umzugstransporter zu sehen. Eigentlich eine alltägliche Beobachtung, in einer Großstadt, doch im Wissen, dass das die Wagen sind, die die Wohnungen leeren von den Abtransportierten, macht es zu einem furchtbaren Symbol. Braun ist Jude und Durchlaufstation unzähliger Musikinstrumente und sogar Haustüren. Als er die Metamorphose durchläuft und vom angepassten Systemhelfer zum Widerstandsarzt wird, spricht er mit sich selbst. Diese Szene ist sehr eindrücklich. Als Jude lebt er in sozialer Isolation, er arbeitet, hält sich aber aus dem Alltag raus. Durch Straßen geht er nicht, er sputet. Keinen Moment länger als nötig will er sichtbar sein. Wir kennen diese Art leben aus Jiri Weils Roman: Leben mit dem Stern oder Ladislav Fuks: Herr Theodor Mundstock.

Dominik Graf schreibt in: "Schläft ein Lied in allen Dingen" einen schönen Text zum Film, der an einigen Stellen leider ungenau bzw. falsch ist. Aber gut, es ist auch keine Wissenschaftsarbeit. Abschreiben bzw. zitieren möchte ich: "Der fünfte Reiter ist Angst ist eine Art todernster [Jacques] Tati-Film". Es ist ein atmosphärischer Film, mit grotesken Einlagen, die Anspannung überträgt sich auf den Zuschauer. Es ist keine Charakterstudie, die Bewohner sind überzeichnet. Der Denunziant die Slapstickversion eines Opportunisten. Erwähnenswert für diesen Film ist ein kleiner Abschnitt aus einer Kritik Jan Žalmans zu dem von Brynych zuvor gedrehten Film: Transport aus dem Paradies (1962), dass sich so auch auf Der fünfte Reiter ist Angst anwenden lässt:"[...]das Drama komme bei Brynych nicht von innen, sondern sei - ähnlich wie in dem Horror genannten Genre - das Ergebnis eines äußeren Drucks, der die Vernunft, das Gefühl und den Willen der Menschen fasziniert und dessen These ein traumatischer Effekt ist. [...]ein Stil...des politischen Horror, in dem ein Zustand tödlicher Angst durch die Brutalität einer entmenschlichten Doktrin hervorgerufen wird. Solch eine Konzeption des Dramas bietet keinen Platz für eine Analyse der seelischen Prozesse."
Um noch einmal auf Jiri Weils Roman: Leben mit dem Stern hinzuweisen. Geschrieben wurde er erstmals 1949 (Zur selben Zeit, zu der Alfred Radoks filmisches Meisterwerk:Daleka Cesta erschien). Aufgelegt wurde das Buch neu 1964, zu der Zeit als "Der fünfte Reiter ist Angst" im Entstehen begriffen war. Es gibt Parallelen: Auch im Roman wurden die historischen Bezüge fast völlig ausgelöscht: Die Deutschen waren einfach "sie", Theresienstadt wurde zur Festungsstadt und das KZ wurde ein Zirkus (Zirkusmusik spielt im Film immer wieder eine Rolle). Auch Prag ist im Buch schwer herauszuerkennen, wie im Film. In beiden Filmen spielen sozial isolierte Juden die Hauptrolle.
Der Jude unterwirft sich in beiden Werken schlussendlich nicht mehr dem Leben anderer, er entlässt sich selbst aus der Unmündigkeit. Das Motiv des Zirkus ist Legion, was den Holocaust betrifft. Es ist in unzähligen künstlerischen Verarbeitungen, wie auch Avigdor Dagans Roman: "Die Hofnarren". Das Motiv ist der Geschichte geschuldet: Wegen der grässlichen Szenen am Radiomarkt (Von dort wurden die Prager Jude nach Theresienstadt abtransportiert, es ist auf dem Messegelände in Holesovice) bezeichneten die Abtransportierten das chaotische Wirren seinerzeit als großen "Zirkus".

Was sonst gibt es für historische Bezüge? Als Allegorie auf die kommunistische Überwachung kann man den Letna-Tunnel im Prager Stadtteil Holešovice lesen: Er wird öfter eingeblendet. Auf der Hügelspitze, über dem Tunnel befand sich, bis zwei Jahre vor Drehbeginn, das größte Josef Stalin-Denkmal. Es wurde demontiert, ein Wink, das jedes diktatorische Martyrium enden kann. Bemerkenswert ist, dass die Leerstelle des Denkmals in den frühen neunziger Jahren ein riesiges Metronom wurde, etwas, das im Film ebenfalls immer wieder eine Rolle spielt. Aus dem Fenster Dr. Brauns sehen wir einen einzelnen, rauchenden Schlot, ein latenter Hinweis auf die Schornsteine in den Konzentrationslagern.
Der Film ist der Mittelteil einer losen Holocaust-Trilogie Zbynek Brynychs. Der erste ist Transport aus dem Paradies, aus dem Jahr 1962, der dritte Als Hitler den Krieg überlebte aus dem Jahr 1967. Transport aus dem Paradies nutzt die historischen Fakten genau, der Bezug zur NS-Zeit ist eindeutig, im zweiten Film ist der Kontext nicht gegeben, das Verbrechen ist überzeitlich. Im dritten dann siedelt Brynych ganz in das Reich der Fantasie. Darsteller überschneiden sich in den Filmen, die Musik komponierte, wie auch bei Daleka Cesta, Jiri Sternwald.
Der Film ist ein Klassiker der Tschechischen Neuen Welle.Es ist schade, dass der Film nie richtig veröffentlicht wurde. Es gibt die Facets-DVD, die jedoch ...typisch Facets ist. Sie hat auch eine Einführung Andrew Hortons, die ich aber auch im dritten Anlauf nicht schaffte, durchzustehen, da Horton stammelnd und betonungslos Zeug stottert. Erwähnt wird der Film auch in einigen Publikationen zu dem tschechischen Film. Auf Deutsch etwa in Lutz Hauckes "Nouvelle Vague in Osteuropa", das aber schwer ernstzunehmen ist. Er nennt den Spielort [Prag] etwa ein "Ghetto", was ebenso falsch ist, wie Dominik Grafs Bemerkung, der Jude Dr. Braun wäre von einer [tschechisch sprechenden?]Gestapo erschossen worden.

Ein so düsterer wie expressiver Film. Das Sehen lohnt unbedingt.

Amos Vogel in Kino wider die Tabus:
Special note must be made of those courageous Czech films that preceded the Dubcek era, yet raised controversial questions or created embarrassing analogies. This expressionist, semi- surrealist drama of betrayal, cowardice, and heroism in a totalitarian state probes the varieties and limits of human behavior under extreme conditions in brilliantly conceived sequences of hypnotic power. Telling the story of a Jewish doctor, unexpectedly confronted with a frightful choice, it raises basic questions. The oppressors, ostensibly Nazis, wear no uniforms; the events, ostensibly occurring during the last war, in fact take place in a timeless and therefore universal reality, reinforcing the film’s oppressive topicality. The locate may be Prague; the theme is fear.

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 Betreff des Beitrags: DRIVE ANGRY
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Drive Angry
USA 2011
Regie: Patrick Lussier
Darsteller: Nicolas Cage, Amber Heard, William Fichtner, Charlotte Ross, Billy Burke, David Morse,Tom Atkins, Pruitt Taylor Vince, Katy Mixon, Todd Farmer, Jack McGee, Joe Chrest, Michael Papajohn, Brent Henry, Arianne Martin, Nick Gomez, Kenneth Wayne Bradley, Wanetah Walmsley

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Nicolas Cage ist Milton und er fährt wütend Automobil. Er trägt eine enge Jeans und eine enge Jeansjacke, dazu halblanges blondes Haar und einen Bart. Auch im Besitz eines Schießeisens ist der Mann, der niemals lacht. In was für eine Geschichte kann man ihn setzen, irgendwo im Süden der USA zwischen Louisiana und Texas? Eigentlich ist die Story zu Naheliegend um sie überhaupt erwähnen zu müssen: Der begnadete Geschlechtsverkehrmeister Milton kam direkt aus der Hölle um einen irren Satanistenkult zu stoppen, der sein Enkelkindbaby bei Vollmond töten will, nachdem der Master of Disaster und Satanistenboss schon Miltons, selbstverständlich über alles geliebte, Tochter, ermordete und ihren Oberschenkelknochen als Gehstock benutzt (Nein, er ist nicht kleinwüchsig, aber irgendwie wird das schon seine Richtigkeit haben).
Leichen pflastern Miltons Weg der Gerechtigkeit, der Pfad der Blutrache wird in schnittigen Sportwagen befahren. Sein Road Trip bewegt sich zwischen Gore und Busenschwank. Seine Weggefährtin wird Piper (Amber Heard). Sie ist aus der Unterschicht, kaum kennen wir sie drei Minuten kündigt sie schon ihren Job. Kaum kennen wir sie fünf Minuten, hat sie ihren Mann beim Fremdfick erwischt und sich anschließend von ihm verprügeln lassen. In ihrer Lumpenkleidung schließt sie sich Milton an und zehn Minuten nach ihrem Auftreten wird sie den ersten Polizisten erschossen haben, dem sie habhaft wird.Das pathologisch sexverrückte Pärchen fährt in das Herz Amerikas, wo Vans mit Flammenmotiven und Monstertrucks vor neonbeleuchteden Tittienachtbars stehen, wo Frauen Candy heißen, Bier trinken und Männer in Bars anquatschen um zu ficken.

Piper und Milton sind kein Paar. Milton fickt während Amber sich von ihrem Fang die Zehnägel lackieren lässt. Der aus der Hölle kam vögelt eine Kellnerin, während er Zigarre raucht, Whiskey aus der Flasche trinkt und (!!!) Menschen erschießt. MICH würde das überfordern aber ich bin auch aus Sachsen nicht aus der Hölle. Seinen Supergegner, den Chefsatanisten Jonah King (Billy Burke) lernen wir alsbald kennen. Er ist ein Wichser. In seiner Oberflächlichkeit und überlegenen Dümmlichkeit ist er dem deutschen Salafisten Pierre Vogel ähnlich. Er trägt Unterlippenbart, Gehstock und Lederhose. In Kenneth Angers Scorpio Rising hätte er so nicht gedurft. Als er Milton entdeckt flüchtet er, bzw. stellt ihm eine Falle. Er und seine Unterschichtssatanistencrew lassen den feuerflammenverzierten Transporter stehen und steigen- es sind die südlichen USA- in ein Campingmobil. Milton nennt den Satanisten Schwanzlos. Ich glaube ihm sofort. Die Sache ließe sich durchaus erhärten, immerhin steckt Jonah King seinen Revolver in seine Hose direkt über seinen Schwanz mit Mündung Richtung (fehlendes?) Stück. King verliert immer. Er ist ein mieser Schütze, aus nächster Nähe schießt er sein ganzes Magazin daneben, wenn er sich nicht gerade von Frauen verprügeln lässt.

Fucking Devil worshippers. They freak me the fuck out.

Dritter in der Partie ist der Buchhalter aus der Hölle (William Fichtner). Der Mann hat fraglos Stil und einen eigenen Willen. Er ist nicht wie Adolf Eichmann in Hannah Arendts Jerusalemreport. Der charismatische Schreibtischtäter im Außeneinsatz bricht die Regeln, wenn es sein muss. Er soll Milton wieder einfangen und in die Hölle verfrachten, doch er sympathisiert mit ihm, die Sache geht soweit, dass ich da sogar Verliebtheit reininterpretieren würde. Miltons Lausbubereien entschuldigt er mit einem kecken Lächeln.
Zu Ende hin wird der Film leider etwas unrealistisch. Dass Milton aus der Hölle mit dem Auto ausbricht, in der Hand den "Gottkiller", der vermutlich sogar Satan höchstselbst töten könnte - geschenkt. Dass er fickt, während er tötet und trinkt und raucht und dialogisiert - kann geübten Männern passieren. Dass ein Typ im Anzug mit einem Tanklaster in eine Polizeisperre rast, die Polizisten den Typen nach dem Feuerballabklingen entdecken, nachdem sie fast alle draufgegangen wären, er ihnen einfach mit einem FBI Ausweis vor der Nase wedelt und sie spuren wie Hündchen - kann Möglich sein, ich kenne mich nicht mit den Gepflogenheiten unter US-Strafverfolgern aus. Dass aber ein unterdurchschnittlich begabter Hillbilly im Seidenhemd, der im Wohnwagen durch die USA fährt und verdammten Wal-Mart Abschaum als Anhänger hat, die nackt mit ihren tätowierten Steißen um Mülltonnen tanzen, dass dieser Geisteszwerg fähig sein soll, die Hölle auf Erden zu beschwören, ist lachhaft. Der einzige Erfolg, den diese Dosenbier trinkenden Affen feiern könnten, wäre einen Furzwettbewerb zu gewinnen.

Der Film hat ordentlich Drive. Cage steht an einer brennenden Mülltonne und denkt, er wirft ungefragt mythische Götter in den Raum um Intellekt zu simulieren, er fliegt mit einem Chevrolet durch ein brennendes Pentagramm und es gibt eine Vielzahl an Busen. Das große Minus an dem Film ist Beginn und Ende. Der Film wird gerahmt in eine CGI-Höllenversion, die aussieht als wäre sie aus dem Musikvideo von einer miesen Fantasy-Metal-band aus dem Hause Nuclear Blasts. Nett ist der Soundtrack mit Peaches und Unkle.

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 Betreff des Beitrags: PIEMULE
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Piemule
Tschechoslowakei 1984
Regie: Jana Sevcikova


Bevor ihr weiterlest: Es ist eine Dokumentation über eine ärmliche Tschechenethnie in Rumänien.
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Die Tschechin Jana Ševcíková war 26 Jahre alt als sie mit ihrem Rucksack in den rumänischen Banat reiste zum wandern. Das war Mitte der 1980er Jahre, als in Rumänien noch Nicolae Ceaușescu mit seiner Frau das Land regierte und in der Tschechoslowakei der slowakische Normalisierer Gustav Husak. Da sie an der FAMU Dokumentarfilm studierte, machte sie ihre Abschlussarbeit gleich im Banat. Über zwei Jahre besuchte sie fünf kleine tschechische Ortschaften im westlichsten Teil Rumäniens, etwa Eibenthal oder Šumice. Ab den 1820er Jahren wanderten knapp 8000 Böhmen aus. In den 1980ern waren es noch geschätzt 4000, römisch-katholische tschechischsprachige Bauern. Wie kann man sich das Leben einer so kleinen Sprachinsel vorstellen? Zu Mischehen mit anderen Eingeborenen Serben und Rumänen kam es kaum, da diese der Orthodoxie anhängen. Das heisst der Genpool der immergleichen Familien vermengte sich über Generationen.

Diese Dokumentation ist in der Peripherie der Weltgeschichte angesiedelt. Die Vorfahren, die damals vom Habsburgerreich transferiert wurden, mit Steuervergünstigungen und Kriegsdienstbefreiung gelockt, wurden betrogen. In das Gebiet, in das sie gesendet wurden gab es nur undurchdringliche Wälder, bei denen kein Sonnenlicht den Erdboden erreicht, Himmel und steinige Böden im Permafrost. Der Alltag ist Monotonie. Er war es für ihre Ahnen, er ist es für sie. Was sie auch tun, es kostet Mühe. Ihre Ahnen wurden betrogen und in die Ödnis geschickt und auch sie, 180 Jahre später, konnten sich nicht aus dieser Alltagshölle befreien. Wir erleben ihre Gottesdienste und schon den Kindern wird nur eines eingebläut: Die Ursünde Adam und Evas. Es geht niemals um die schönen Geschichten in der Bibel, es geht um das Fiasko, das Böse und das Todbringende.
Wenn der Pfarrer abweicht von seinen Bibelmahnungen erzählt er nicht in Allegorien, er spricht Alltagsmahnungen aus: Die Predigten des Pfarrers sind auf das einfache Leben abgeschnitten. Er mahnt, dass die Männer doch bitte etwas von den 500 Litern Brandy (!) die sie ihm Jahr trinken, dass sie davon etwas an die Frauen abgeben sollen. Erzählt dann, es wäre doch hart, dass der besoffene Mann der Frau den Pansen mit der Klinge aufschlitze, Salz in die Wunde streue und sage: Wenn du mich liebst, bleib ruhig. Oder der Mann, der sieben Mal auf die Frau einsticht. Und der Pfarrer weiß, was das bedeutet. Er formuliert den Gedanken aus, vor den jungen Frauen, die ihm mit großen Augen zuhören, er stellt klar: "Ich sage euch, solche Ehen sind die Hölle. Ich weiß, ihr habt noch niemanden. Aber falls ihr jemanden kennen lernt, wer weiß, was passiert?". Das ist die einzige Kultur, den diese junge Frauen mitbekommen. Die Angst vor dem Mann wird internalisiert.

Gott gab dir eine Seele, einen Körper. Aber er kann dich zerquetschen wie eine Fliege

Dass der Bevölkerung historisches Unrecht getan wurde, dass sie ebenso erbärmlich leben wie ihre Ahnen, kommt in jeder Szene durch. Während im Hintergrund der unvermeidliche schwarze Schäferhund bellt und bellt erzählt ein Mann mit dem Gesicht eines toten Hasen, der drei Tage im strömenden Regen verweste: "Einmal las ich ein Buch über Böhmen und ich wurde wütend, ich knallte das Buch an die Wand: Wieso kann ich nicht dort sein?" Die Bücher die sie lesen, stammen von Josef Capek und Alois Jirasek. Wie das Leben dort ist, erfuhr mal eine Reporterin in den 2000er Jahren: "Wie wir hier leben? Das Wichtigste ist, genügend Brennholz für den Winter zu haben. Der ist hier nämlich recht lang und hart. Im November beginnt er und dauert bis April. Nur auf dem Feld. Und auf unserem hier wächst kaum etwas. Und das Wenige, das hier wächst, fressen die Wildschweine

Der verhärmte Tschechische Rest hält die böhmische Traditionen hoch. Gleichzeitig ehren sie aber auch ihren Meister, den rumänischen Diktatoren Ceaușescu. Das Leben, auf das sie sich beziehen gibt es nicht mehr. Tschechien entwickelte sich weiter, es ist inzwischen atheistisch. Doch hier nutzen sie noch das Arbeitsgerät von Beginn des 19. Jahrhunderts, ziehen mit ihren mangelhaften Pflügen durch den grausigen, steilen Ackerboden. Die Landschaften sind wieder und wieder in tiefsten Nebel gehüllt. Ein anderer erzählt: "Sie nennen uns Piemule. Wir hassen das Wort." Dass rumänische Wort für Böhmen ist wohl Pems, daraus wird es abgeleitet sein. Das verhasste Wort nimmt die Mittzwanziger Regisseurin dann auch gleich als Titel für ihren Film.

Alles ist so traurig.

Die Tschechen waren nie als sonderlich ausreisefreudiges Volk bekannt. Diese Doku zeigt, was passiert, wenn sie es außerhalb versuchen. Klar, Bohumir Lindauer lebte in Neuseeland. Konstantin Biebl im Dschungel. Dann hört es aber auch bald auf. Sinnbildlich eine Publikation über tschechische Weltreisende. Das Buch hat knapp 200 Seiten und darin sind so gut wie alle...100 Personen aufgezählt. Tschechische Legionäre hielten mal die sibirische Eisenbahn besetzt. Da hört es dann aber auch auf mit Tschechen in der Welt. Sie hatten nie eine Kolonie, wenn man die Transkarpaten außen vor lässt....Einige leben noch in der Ukraine, werden aber gerade rückgesiedelt. Wenn wir in das Nachschlagewerk: "Die unbekannten Nachbarn: Minderheiten in Osteuropa" schauen, fällt auf, dass die Tschechen in den meisten Staaten nicht einmal marginalste Minderheiten stellen. Bei einer Volkszählung in Polen 2001 kamen immerhin 386 Tschechen zusammen. Eine große Minderheit stellen sie in Rumänien. Knapp 4000, damit immerhin doppelt so viele wie Chinesen. Einige Hundert kamen nach dem zweiten Weltkrieg zurück in die Sudetengebiete und wurden rückgesiedelt. Das lag darin, dass die Häuser der vertriebenen Sudeten gerade leer standen und mit Menschen gefüllt werden mussten. Teilweise waren die Wände noch in Blut getränkt, glücklich wurden die wenigsten. Aufwärts ging es mit ihnen dort nicht, die Landstriche zählen nun zu den ärmsten in Mitteleuropa.

Die Doku wurde in Schwarz-weiß, blassenden- und Sepafarben gedreht. Wir folgen Prozessionen, hören Interviewpassagen und sehen Feldarbeiten. Der Einblick in den Alltag ist vielfältig und gruselig. Eine Frau sagt, dass sie den Tod nicht fürchte. Ich verstehe warum, es kann nicht schlimmer kommen.

[DVD von Facets]

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 Betreff des Beitrags: DIE EINÜBUNG DER TODESFREUDE
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Starověrci
Old Believers

Tschechien 2001
Regie: Jana Ševcíková
Kamera: Jaromir Kacer


Der Sprecher klärt den Zuschauer gleich zu Beginn auf:
Im 17. Jahrhundert gab es ein Schisma in Russland. Patriarch Nikon reformierte einige Dogmen und Rituale um die griechische und russische Orthodoxe Kirche einander Näher zu bringen. Einige stellten sich dagegen, und mussten leiden, sie sind bekannt als Old Believers. Einige verbrannten sich, andere flohen ins Exil in alle Welt. Eine Gruppe zog es ins Danube-Delta im heutigen Rumänien. Das ist an der Küste zwischen dem ukrainischen Odessa und Konstanza am schwarzen Meer gelegen.

Dass so ein Schisma nicht ohne Tränen, Streit und Folter abläuft ist hinlänglich bekannt. Man erinnere sich an die Abspaltung der Altkatholiken von den Katholiken in den 1870er Jahren in Süddeutschland oder, aktueller, ein orthodoxes Schisma in Tschechien aus dem Jahr 2013. Doch die in dieser Doku zu Bestaunenden hatten Glück. Es zog sie in eine wunderschöne Gegend. Der Kameramann Kačer offenbart uns Sumpflandschaften, Waldflächen und Tieraufnahmen die in ihrem harmonischen wildzarten Zauber an die sakrale Musik Arvo Pärts erinnert.
Die Männer und Frauen, die dort leben, haben sich ein altertümliches Russisch bewahrt. Es ist ein Leben in der Polarität zwischen Gut und Böse. Die Leute glauben an Gott und fürchten den Teufel. Sie wissen sich von Schutzengeln beschützt und Menschen ohne Kreuz am Leib sind für sie keine Menschen. Sie sind im Besitz alter Weisheiten und langer Bärte: Spucke dreimal nach Westen auf Satan. Es sind Frauen mit Knollnasen, die FM Einheit neidisch machen würden, die Alkohol erst dem Teufel zuschreiben um dann anschließend doch ausnahmsweise einen Schluck aus der Flasche zu nehmen.
Die Regisseurin Ševcíková drehte diesen Film über fünf Jahre und geht, der Titel lässt es erahnen, hauptsächlich auf das religiöse Leben ein. Es mag seltsam klingen, wenn Menschen an der Schwelle zum Millenium die Mondlandung für ein Gerücht erklären, dass es keine Menschen auf dem Mond geben könne, da dort ja auch niemand imstande sei zu leben. Dass sie über das Böse der Marsianer sprechen und den Kindern beigebracht wird, dass Adam und Eva vor 7503 Jahren lebten. Der Lehrer ist jung, er sieht aus als wäre er um die 30, wird also 18 sein und er hat Hände wie meine eigene Großmutter mit Venenschläuchen an den schorfigen Händen wie sie auch Sylvester Stallones Unterarme zieren.
Was bleibt sind beeindruckende Naturaufnahmen von überblendeten Pelikanschwärmen, alten Babuschkas, die im Moor zehn Meter hohe Schilfbündel schultern, barackenhaften Kirchen und Bäume in gebückter Haltung, die aussehen als wären sie so alt wie Adam und Eva selbst. Dazu Fischer auf kleinen Holzbooten,die ihr Handwerk verrichten wie zu Zeiten des Patriarchen Nikon. Die S/W Bilder sind unterlegt mit sakrale Musik, die erst an das minimalistische Arvo Pärts erinnert und dann in die überschwängliche Chormusik der Orthodoxie übergeht. Es ist ein hartes aber glückliches Leben inmitten eines Paradieses.

Wenn jemand stirbt kommt der erste Satan, gibt ihm einen Tritt und fragt: Gehört der zu mir?

Die Doku ist wunderschön und ergreifend. Dieses archaische Leben, dass den Regeln von vor Jahrhunderten folgt, ist beeindruckend. Die Menschen ruhen in sich selbst und sind sich der Richtigkeit ihres Lebens bewusst. Sie sind ärmliche Russen, die nicht zweifeln, in Rumänien. Leider ist die Facets-DVD selbst für Facets-Verhältnisse nicht so gut. Dass das Bild grobkörnig und ...unscharf ist: Geschenkt. Den Vogel schießen sie aber mit dem Bonus ab: Eine Fragerunde mit der Regisseurin und Werner Herzog. Die Aufnahme bekamen sie von einem Studenten, der eine jener Kameras benutzte, die Familienväter nutzen, wenn sie lustige Missgeschicke ihrer Frau filmen und bei Upps der Pannenshow einsenden. Werner Herzogs Kopf verschwand hinter einem Zahlenlauf, der Ton war nicht zu verstehen, Untertitel gab es keine. Im Gegensatz zu den Filmen wo sie hardcoded sind.

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 Betreff des Beitrags: DUFFER
BeitragVerfasst: 19.04.2015 20:15 
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Duffer
England 1971
Regie: Joseph Despins, William Dumaresq
Writer: William Dumaresq
Stars: Kit Gleave, Erna May, William Dumaresq

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You may dig a hole in me and lay your body into me, and I shall cover you over and you can die.
Duffer ist um die 18, ein schmächtiger Knabe mit einem gehäkelten Topflappen als Mütze und zerrissenen Schuhen, dafür jedoch ohne Eltern. Die Mutter starb irgendwann. Den Vater hat er nie kennengelernt. Aber das macht nichts. Die Sonne scheint und er kennt eine ältere Prostituierte mit Busen wie Götterspeise, die ihn an die Mama erinnert und mit der er dann folgerichtig auch Sex hat. Sex hat er auch mit einem psychopathisch-schizophrenen Gewalttäterkünstler, der ihn erst verdrischt und dann fickt. Duffer hat also zwar keine biologischen Eltern mehr aber zwei Personen als Elternersatz mit denen er techtelmechteln kann. Vater und Mutter und Glied.
Ein Duffer ist laut Wörterbuch informell/Slang für "a dull or incompetent person" oder "something worthless".
Dieser Duffer ist arbeitslos und sicher ohne viel Schulbildung, dafür liest er Stefan Zweig und kann seine Situation recht gut reflektieren. Aber was für eine Situation ist das? Einerseits ist da die Prostituierte: Your Gracie (Ausgesprochen wie Crazy), betritt er ihre Wohnung ist alles weiß, sie hat einen weißen Kater, isst schwarze Schokolade. Nichts verändert sich bei ihr. Es ist als würde er in den Mutterleib zurückkehren, wenn es denn darin Katzen und leichte Pop-Musik gäbe. Der Mann Louis-Jack ist das Gegenteil. Er ist ein radikaler Psychopath. Die Wohnung immer in Bewegung, und er dem Prügeln nicht abgeneigt. Er ist das fleischgewordene Throbbing Gristle. Er sieht sich als Künstler und er liebt es, den zarten Duffer zu prügeln und zu würgen. Dann lässt er Regenwürmer aus seinem Mundstumpf krauchen und rotzt sie auf den nackten Jünglingsleib und filmt das auch noch. Daraus macht er einen Film und erniedrigt Duffer noch dazu, dass Resultat anzuschauen. Der mag den Film nicht, mag nicht mal Regenwürmer. Aber er will auch kein Fass aufmachen also nickt er zustimmend zu dieser grotesken "Wurm trifft Willi" Geschichte. So ein Wurm hat auch schon mehr symbolische Aussagekraft als eine Kuh etwa. Er ist nahezu blind, kleine Mädchen finden ihn eklig und wenn du stirbst kommen er oder seine Artgenossen in deinen Körper und helfen zersetzen. Es sind wehrlose Tiere, harmlos auch, wenig Ansprüche an den Lebensraum. Das passt auch auf Duffer.

She had breasts like jelly. She reminded me on my mother who is dead now and although I never had sex with my mother.

Duffers Leben wird grausam. Louis-Jack fickt ihn. Er ist überzeugt davon, ihn geschwängert zu haben, füttert ihn mit Aprikosen, da er weiß, dass das gut sei für Kinder. Duffer spielt mit, ist vielleicht wirklich schwanger. Er stiehlt ein Kind auf der Straße und kann nicht sagen ob es ein lebendes ist oder eine Puppe. Es ist unerklärlich. Doch die Puppe oder das Lebewesen verendet unter den rauen Armen des wenig liebenden Louis. Louis der immerzu: Manimal, Womanimal grunzt und schreit und seine misogynen Psychosen immer schwerer in den Griff bekommt. Als alles scheitert rennt Louis zu der lieblichen Prostituierten, mit seinen ungewaschenen Frodofüßen, die meinem Freund einen Schrei des Entsetzens und Ekels ausstoßen ließen.

Der Film wurde an Wochenenden gedreht, hat knapp 2500 Pfund gekostet. Ton nahmen die Regisseure nicht auf. Louis-Jack hat nachträglich den Ton eingesprochen. Ein wilder Bewusstseinsstrom in dem er polyphon die Stimmen der Drei Protagonisten von sich gibt. Und es ist bizarr. Duffer wird nett gesprochen, ein netter junger Erwachsener. Gut, Obdachlos, aber lieb. Die Frau: Ein Engel: Doch er, der Mann, das Manimal,es grunzt und quäkt Nerven zerreißend: Wie Scott Walker. Wie Suicides Frankie Teardrop. Die Klänge erinnern an eine Frühe Form von Throbbing Gristle. Es ist unangenehm und lebensfeindlich. Sieht man den Film, wird die Industrial Band Throbbing Gristle kein Singuläres Ereignis mehr. Es scheint dort auf der Insel einen Ursud gegeben zu haben, in dem Horrorwerk entstand, dass furchteinflößender ist als David Lynchs später entstandener Eraserhead. In seinem Wahnsinn vielleicht nahe an dem ebenfalls 1970 entstandenem Sozialistischen Patientenkollektiv aus Heidelberg. Alle im Film sind arbeitslos, gut, Crazy arbeitet als göttergleiche Prostituierte doch ob dass die klassische Mittelschichtsbürgerarbeit ist?

Duffer wird viel an einer Brücke rumhängen, wenn er Abstand braucht von diesem Gespann, dass sich nicht kennt. Die Brücke und der Fluß sind ein gutes Sinnbild für seine Unentscheidbarkeit: Ist er Mann oder Frau? Schwul oder Hetero? Ist das überhaupt wichtig? Dass er nicht schwanger werden kann, ist ihm egal. Nachdem er penetriert wurde, geht er zur Frau um seine Manhood wiederzuerlangen. Er wartet auf sie, passiv und lieblich, trägt eines ihrer Kleider und ist gebettet wie in einem Kokon.

I didn`t like him beating me, but he liked it so much, so how could I deny it?

Das Erzählen ist ein Nacherzählen, er, der Sprecher, weiß, was passiert sein wird. Das finale Ereignis ist ein schlimmes. Das steht schnell fest. Duffer passt eigentlich nicht in diese Welt. Er ist ein Schlacks, hat kaum gelernt mit seinen riesigen Beinen ordentlich zu laufen. Er weiß was er zu verlieren hat: Nichts, nur dieses eine, unbedeutende Leben.Auch Louis erklärt ihm dass: Bellt ihm immer wieder ins Gesicht und spuckt ihn dabei vermutlich auch an: NICHTS! NICHTS! NICHTS! NICHTS! NICHTS!. Er kennt keine Mäßigung und wiederholt auch dann noch als er längst hätte aufgehört haben sollen.

Since Louis Jack wanted me to be a dog, the least I could do was obey his every whim

Als Pluspunkt auch die Musik: Inklusive Hammond.Orgeln. Dazu vieles das unerklärlich ist: Wieso prügeln sich auf den Straßen immer wieder Passanten? Wer ist der geheimnisvolle Mann, der aussieht wie Stefan Zweig und mit nur einem Handschuh an Bücher liest?
There was that monkey on a stick with that had and when I piled into her, she`d start it. The idea was that the monkey should get to the bottom before I was finished.


Ein fantastischer Film und ich bin BFI sehr dankbar, den Film ausgegraben und veröffentlicht zu haben.Er ist beunruhigend und bizarr. Um ehrlich zu sein, habe ich in diesem Film einen neuen Lieblingsfilm gesehen und er ist nun auf einer Stufe mit Plagio.
Auch wenn ich sonst keine Noten und Wertungen verteilen möchte:
10/10

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Zuletzt geändert von ultrastruktur am 12.05.2015 13:32, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 22.04.2015 09:31 
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Auch Zwerge haben klein angefangen
Deutschland 1970
Režie:
Werner Herzog
Scénář:
Werner Herzog
Kamera: Thomas Mauch
Darsteller
Helmut Döring, Gisela Hertwig, Paul Glauer, Hertel Minkner, Gertrud Piccini, Marianne Saar,Brigitte Saar, Gerd Gickel, Erna Gschwendtner, Gerhard Maerz, Alfredo Piccini, Erna Smollarz,Lajos Zsarnoczay, Pepi Hermine


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Wir befinden uns auf der spanischen Insel Lanzarote. Dort gibt es eine Besserungsanstalt für Kleinwüchsige. Der Kleinwuchs geht so weit, dass sogar die Angestellten dort, der Boss, kleinwüchsig sind. Doch auch das feit nicht davor ein vermutlich banditenhaftes Regime zu führen. Die Insassen, einige Zwerge, ein paar Schweine, zwei Blinde und ein paar Hühner sind dermaßen unzufrieden, dass sie rebellieren. Klar, es ist nur zwei Jahre nach 1968, sie werden es gesehen haben, dass und wie es funktioniert. Der Boss ist alsbald von der Außenwelt abgeschnitten und umgeben von einem ganzen Rudel wildgewordener Zwerge. Es ist so offensichtlich, dass ich es gar nicht mehr zu erwähnen bräuchte. Er gerät in Panik. Er gerät in Panik und nimmt einen der Chaoten als Geisel, fesselt ihn an einen Stuhl in seinem Büro während draußen die Hölle losbricht. Der Zwergenaufstand führt dazu, dass Bäume gefällt, Autos in Schluchten gestürzt, Feuer gelegt, Blinde drangsaliert und Affen gekreuzigt werden. Selbst die Hühner drehen durch und beginnen mit Kannibalismus.

Das erste was sichtbar ist in diesem Film ist die gewaltige Naturkulisse Lanzarotes. Eine Vulkaninsel, viel schroffes Gestein, leidliche Vegetation und kaum Farben (Film ist Schwarz-weiß, vielleicht vertue ich mich da auch), es wirkt eher wie auf einem Mond. Der Regisseur Werner Herzog, damals knapp 28 Jahre alt, drehte kurz zuvor, auch dort, Fata Morgana, und drehte gleich diesen Film hinterher, nutzte einige Requisiten und Musikstücke. Doch das ursächliche Musikstück ist nervenzerfetzend. Herzog ließ ein altes Volkslied von einer Elfjährigen singen. In einer Höhle."To make it strange". Und obwohl in dieser Albtraumversion der Peanuts viele wirklich seltsame Quäkerstimmen zu hören sind, schießt sie den Vogel ab. Nie klang Kindheit verabscheuungswürdiger.
Herzog schrieb das Drehbuch in Vier-Fünf Tagen also wird auch nicht so viel symbolkraft und hintersinniges drinstecken, dass ich mich abmühen MUSS. Er selbst sieht den Film eher in der Tradition von Hieronymus Bosch und Goya. Ein dunkler, bedrückender Film, findet er, gesteht aber auch, dass ihm ab und zu der Bauch weh tat vor lachen.. Normale Menschen, erwachsene Menschen, gefangen in einer Welt in der alle Bezugsgrößen völlig eskalierten. Alle Gebrauchsgegenstände wucherten überproportional. Weniges ist ohne einen beherzten Sprung erreichbar. Da wartet die Frau im Bett, ruft einen Kerl zu sich. Er probiert hineinzusteigen und es klappt nicht. Er probiert es von allen Seiten, links, rechts, mit Magazinen als Steighilfe, am Bettgestell hochkraxeln. Es klappt und klappt nicht. Herzogs Kameramann hält starr drauf, minutenlang. Es spielt keine Musik und das ist auch eine der Größen des Films: Einfach die Kamera irgendwo stehen lassen und Szenen beobachten, ohne Sprache, ohne Musik. Und es sind Erwachsene, also gibt es in dieser aus dem Tritt geratenen Welt auch Sexualität. Einerseits hinter der Kamera: Eine der Frauen verliebte sich in einen Mitarbeiter, reichte ihm aber nur bis zum Knie. Es mag lustig klingen, ist aber tragisch. Niemand verliebt sich gerne chancenlos. Doch auch vor der Kamera sind die Triebe zügellos. Herzog kramt spanische Bumsmagazine aus den 30er aus und reicht sie einem. Nur die Kinderfüßlein lugen unter dem Magazin hervor während er quietscht: Tolle Titten. "They enjoyed the porno stuff" merkt Herzog im Gespräch mit Crispin Glover trocken an.

Ein eher seltsamer Film, alles sichtbare in diesem Film widerspricht meinem Alltag und sei es diese vulkanhafte, trostlose Insel. Natürlich sind die Aufständigen freundliche Wesen, wir sehen sie, wie sie sich tote Käfer anschauen, wie sie miteinander schäkern, doch sie haben diese düstere Seite, die aus ihnen ausbricht. Kaum fallen die Regeln weg macht sich bemerkbar, weswegen sie in eine Besserungsanstalt mussten. Während sie dem einen, dem kleinsten, aufs Motorrad helfen und sich gegenseitig stützen, drangsalieren sie die beiden Blinden und kreuzigen deren Haustieraffen. Sie sind ohne Mitleid. Mitleid muss man selbstverständlich mit dem Anstaltsleiter haben. Er hat eine Lohnarbeit, macht seinen Job und auf einmal ist er gefangen, abgeschottet von der Zivilisation und eine Meute völlig Überdrehter wirft ihm lebende Hühner durch die geschlossenen Fenster. Da half es auch nichts mehr, dass er versucht, sich unter dem Schreibtisch zu verstecken.


Prima Film.

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 Betreff des Beitrags: BUSEN!
BeitragVerfasst: 29.04.2015 16:19 
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The Celestial Wives of the Meadow Mari (orig. небесные жены луговых мари)
Russland 2012
Regie: Aleksei Fedorchenko
Buch: Denis Osokin
Kamera: Shandor Berkeshi
Schnitt: Roman Vazhenin
Musik: Andrei Karasyov
Mit: J. Aug, Y. Esipovich, V. Domrachev, D. Ekamasova, O. Dobrina, Y. Troyanova, O. Degtyarova, A. Ivashkevich, Y. Sexte

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23 verschiedene rothaarige Frauen finno-ugrischer Abstammung zeigen schamlos ihr Sexleben an der Wolga vor Kasan. Bei der schieren Masse an Busenmenschen ist es nicht verwunderlich, dass es keinen Plot gibt, sondern nur einzelne Situationen, gedreht über die langsam dahin rollenden Jahreszeiten. Sind wir erst dabei, wie maskierte Männer eine Frau im Pulverschnee tunken, ist es gleich darauf warm genug, dass die nackte Tante die Schönheit aus der ebenfalls nackten, pubertierenden Nichte mit einem Handtuch rausrubbelt. Ist es an einem Tag so kalt, dass man kaum die Erde ausheben kann um einen frisch verheirateten Rotschopf zu beerdigen, ist es am nächsten Tag warm genug, dass sich die eine bei Sonnenschein das Schamhaar schnippelt. Ist es an einem Tag so sonnig, dass der fette Onkel beim an der Scheune einschlafen die Nichte beim Sex hört, ist es am anderen so regnerisch, dass eine Frau der, mit ihr an einer Leine zum Spaziergang geführten Ziege, einen Teppich zum Schutz vor dem Platzregen überwirft.

Ihr merkt: Das Wetter ist bestimmend. Der Grund ist einfach: Wir folgen dem Leben einer paganen finno-ugrischen Bevölkerungsgruppe, den Maris. Sie siedeln an der Wolga, und das schon eine so lange Zeit, dass es bis vor einigen Jahrzehnten die Theorie gab, die Wolgaler wären NACH Finnland eingewandert. Sie haben ihre eigene Sprache (Ein Mischmasch aus Finnisch und Türkisch) und ihre eigene uralte Religion, die dort schon vor Islam und Christentum bestand.
Der Spielfilm ist eher ethnographisch. Er fängt Leben und Sitte ein. Aber nicht so spröde wie bei einer Doku in einem Völkerkundemuseum oder so moralgesäuert wie bei einem internationalem Wettbewerbsfilm (Der er sicher war) sondern bumsfreudig und vital wie ein Jess-Franco-Werk. Die literarische Vorlage stammt von Denis Osokin. Der konnte in einem Suhrkamp Sammelband (Das schönste Proletariat der Welt) mal eine Geschichte unterbringen. Seinen Stil beschreibt er als primitivistisch. Er liegt, soweit ich das beurteilen kann, zwischen Lonely Christopher (u.a. Mechanics of homosexual intercourse, Mark Haddons Hundebuch und Brautigan. Also: Bizarr-simple Grammatik. Er kommt, wie auch der Regisseur, aus jener Region und dem gezeigten Kulturkreis.


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Das Leben der "letzten Paganen Europas" (Russia Today), ist, zumindest im Film, noch voll auf das Mythische ausgerichtet. Die Natur lebt. Also lebt auch der Baum und kann angesprochen werden. Selbst der Wind kann es zu einem Liebhaber bringen, was tragisch ist, da es genug Eingeborenenknaben gibt, die keine Frau abbekommen. Was tut so ein Wind? Blasen! Und geblasen wird vieles: Neben dem Wind auch Penisse und Musikinstrumente. Der Wind ist ein Mythus, zumindest bei den Finnen. Warum auch hier, in der Steppe: Keine Ahnung. Die alten Bräuche im Film leben. Selbst das in den Schnee werfen hat seine Bedeutung, wie der Schotte James George Frazer weiß: Bei den Wotyaks (ein anderer Finnischer Volksstamm, aber in Ost- nicht Westrussland), werfen als maskierte Männer die jungen Frauen in den Schnee und schreien "Mögen die Geister der Krankheit dich verlassen!. Es ist die Austreibung des Teufels. Auch wenn die Frau im Film bockt und sich auf dem Klosett einsperrt: Sie meinten es gut!
Männer haben im Film nicht viel zu lachen, beziehungsweise nichts zu sagen: Die Frauen haben eine gesunde Libido, herrschen ihre Männer an: Zeig mir deinen Penis! Oder wie Darnton es in "Denkende Wollust" erklärt: Sie (Die Frau) gelangt mit dem Verlust ihrer Jungfernschaft zur intelektuellen Reife, denn das Öffnen der Vulva entspricht, wie sie beobachtet, dem Öffnen des Geistes. Der Mann, ich lasse die Büchsenwitze, öffnet also mit dem ersten Akt die Büchse der Pandora. Die Frau wird Selbstbestimmt. Und so zügellos Sexualitäten ausgelebt werden, so zügellos werden auch Leben beendet durch Morde und Selbstmorde. Es ist ja auch nicht das leichteste Leben: In den dortigen Wäldern leben noch Ovdas. Baumlange Frauen mit schwarzen Haarborstbüscheln am ganzen Körpern, mit Schlauchbusen so groß, dass sie sie sich über die Schultern werfen können. und was ist? Auch sie packt die Lust! Einer Ovda laufen wir über den Weg: Sie bittet eine Frau, doch bitte eine Verabredung mit deren Mann zu arrangieren. Selbstverständlich lehnt die Frau ab. Der Gedanke, dass der Mann erst im Büschelbaum puhlt und dann wieder in der Frau, ist abstoßend. Prompt wird die Arme verhext und in ihrer Vagina lebt alsdann der Trielen-Vogel. Das heißt, wenn der Mann die Frau betatscht, beschwert sich das Vieh rigoros! Viele Möglichkeiten bleiben nicht. Der Mann begattet den Baum, die Frau erhängt sich folgerichtig an einem.

Es ist ein fantastischer Film. Sehr vital, er oszilliert zwischen Schwermut und erotischem Leichtsinn. Da tanzen sich Frauen in Trance, die mit literweiße spermagleichem Glibberzeug überschüttet wurden. Da sind ulkige Kameraaufnahmen wie bei Wes Anderson und leiddurchdrungene Sumpfauen. Und zum Schluss: Ein Riesenrad. Die Häuser sind farbenfroh. Wenn sich der Schnee meterhoch türmt sieht man trotzdem bunt: blaue Haustüren und rote Dächer. Die Häuser sind wundervoll eingerichtet, auch wenn es ab und an schwer fällt zwischen einer Ikone, einem Verwandtenbild und einem Banditensteckbrief zu unterscheiden. Wir sind 600 Km östlich von Moskau, bei Kasan, also im Niemandsland. Der Film ist herzlich, wenn der Großvater eine Münze wirft und der Enkelin kundtut, dass sie unter ihr ihr Glück finden werde und die Münze einem pickelnarbigen, knallroten Teenager auf dem Kopf fällt, der gerade im Wald kackt und die Enttäuschte dem perplexen Liebesabstinenten ein: Du zerstörst mein Leben entgegenbrüllt.

Fedorchenko ist ein begnadeter Regisseur. Nicht nur findet er Anklang im Feuilleton (Die Zeit murkste bei einem seiner anderen Filme ein: "zauberhafte Kino-Elegie" hervor) sondern er arbeitete u.a. auch schon an einem Episodenfilm mit Harmony Korine (Fourth Dimension).



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 Betreff des Beitrags: ZWEIMAL WELTUNTERGANG
BeitragVerfasst: 30.04.2015 13:56 
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SÜHNE/Nach dem Gesetz Po Zakonu
Abenteuerdrama. UdSSR, 1926
Regie Lev Kuleshov
Drehbuch Lev Kuleshov, Viktor Shklovsky
Nach der Erzählung "The Unexpected" von Jack London
Produktion Goskino
Musik Jan Bus
Kamera Konstantin Kuznetsov
Darsteller Aleksandra Khokhlova, Sergei Komarov, Vladimir Fogel, Porfiri Podobed
Länge 78 Min.

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Goldfieber am Yukon! Dass das Klima subarktisch ist und mehr Eis und Schnee das Feld bedecken, als das menschliche Gemüt vertragen kann, ist geschenkt. Glücksritter aus aller Welt strömen in den Permafrost der Klondike, Beweg- und Hintergründe sind mannigfaltig. Doch die meisten wollen einfach Geld verdienen wie Dagobert Duck, der dort zeitgleich an anderer Stelle sein Unwesen treibt. Doch dem Enterich begegnen wir nicht. Dafür dem irischen Flötisten Michael Dennin samt Schäferhund. Er ist vaterlos, die Mutter wehklagte, dass er ja nur am Strick enden würde. Er will es ihr beweisen, er will es sich beweisen, in Alaska gibt es ja auch nur keine Kartoffeln. Dann ist da der Vorstandsvorsitzende (Der Hütte?) Hans Nelson. Die Engländerin Edith, dessen Ehefrau. Als sie eingeblendet wird sehen wir nur ihre kniehohen Schnürschuhe und ihre Bibel. Das Kreuz ist auf dem Kopf, das Kreuz auf dem Kopf ist das Zeichen des Antichristen. Der Antichrist ist die falsche Fährte, sie offenbart sich als eine liebevolle Lady, die nur selten höhnt. Dass sie Haare hat wie ein finnischer Waldtroll, ist geschenkt. Es flort umher wie eine Trauerweide im Sturm. Insgesamt sind es vier Männer und eine Frau auf Goldsuche.
Der Ire ist von unterstem Rang, knapp über dem des Hundes. Er kocht, serviert das Essen, wäscht und handlangert. Er wird es gewesen sein, der das Gold findet. Er ist stolz auf sich, wie niemand auf ihn stolz ist. Sie lassen ihn weiterschuften, während sie schürfen und verdienen. Sie essen in der Blockhütte während er mit der Flinte im Schneetreiben umherirrt. Sie lachen über ihn, bezichtigen ihn hinterrücks des Neids. Er ermordet zwei der Männer mit dem Gewehr. Da bleibt ihnen das Lachen im Halse stecken, denn sie sterben. Das Ehepaar überlebt und überwältigt. Überwältigt auch von der Situation. Es ist Winter, sie sind vom Eis eingeschlossen, es gibt keine Geräusche und keine Tiere. Wenn es lautet, ist es das knirschende Eis. An Goldschürfen ist nicht mehr zu denken. Sie sind wetterbedingt in der Hütte eingesperrt, sie sind isoliert wie sonst nur die Juden in Birobidschan. Das Paar und der gefesselte Mörder sind auf engstem Raum. Die Hütte steht bald unter Wasser, bedingt durch das schmelzende Eis zum Frühling, das Leben wird monoton. Nacht folgt auf Nacht, wie Tag auf Tag folgt. Als der Frühling naht, knospen die Bäume.
Doch die Situation mit dem Gefesselten nagt an allen. Es kommt zu leisen Annäherungen zwischen dem Verbrecher und der Frau. Er schenkt ihr etwas zum Geburtstag, das Warten auf ernannte Richter kann noch Wochen dauern. Sie tun es selbst, sie wollen über ihn richten. Es kommt zum Prozess. Der Prozess muss sein, immerhin ist der Ire Weißer und untersteht dem Gesetz der Queen Victoria. Ihr Porträt wird aufgehangen, der Mann ist Richter, seine Frau ist Geschworene und Zeugin. Das Urteil ist eindeutig. Dennin wird am Strang enden, wie es seine Mutter prophezeite. Es ist unfassbar, wie sich Alltagssitten bei den beiden Nicht-Verbrechern internalisiert haben. Sie sind im Nichts, in einer toten Zone und das in der verlorenen Zeit. Und trotzdem handeln sie nach dem Gesetz, hängen zur Gerichtssimulation eigens ein Bild der Königin auf, beschwören Bibel und Gesetz. Es sieht Irrsinnig aus.

"Der am günstigst produzierte Film Russlands", erklärt die Slawistin Barbara Wurm im Booklet. Ein Film so minimalistisch wie die Musik La Monte Youngs. Drei Personen, eine Holzhütte und die dahinfließende Zeit. Kaum Dialoge, dafür umso mehr expressives Schauspiel und umso weniger Handlung. Es sieht aus, als würde dem Zuschauer das Negativ des Films serviert: weiße Flecken auf pechschwarzen Schatten. Während wir draußen in Totalen die mehr Tot- als Gold hervorbringende Landschaft sehen, sehen wir im Inneren der Hütte alles im Detail, die unfassbaren Zähne von Edith, den abgebrannten Geburtstagskuchen, den liebevollen Hund. Wurm nennt das Ergebnis "formalistischer Actionfilm, psychodramatischer Western und experimentelle Bigotterie-Studie". Glanzpunkt des Films ist die Ehefrau des Regisseurs, die Edith spielt. Bernard von Bretano schrieb: "Die Chochlova ist nicht schön. Beim ersten Anblick erschrickt man. Aber schon wünscht man sich, tief berührt, sie wiederzusehen." Das geldgebende Komitee wollte wohl gleich eine ganz andere Frau, wie sie ihnen zu hässlich war. Also drehten sie den Film ohne Geld aber mit Frau.
Die DVD ist prima. Ordentlich restauriert, ein 16 seitiges Booklet (zweisprachig, also acht Seiten) und dazu ein, nur durch Stummschalten deaktivierbarer moderner Soundtrack des Musikers Franz Reiseckers, der ääääh Ambientnoise [Ich hoffe, er liest das hier niemals] ist. Orientierte sich an Ennio Morricone, da der Film ihn an einen "Italowestern" erinnerte, nutzt den Glockenschlag als Motiv.

Gedreht wurde der Film 1926. Gekostet hat er kaum etwas, auch weil der Regisseur im Jahr zuvor mit einem Sc-Fi-Melodrama ein finanzielles Fiasko erlitt. Spannend wird es auch beim Drehbuch, das von keinem geringerem stammt als vom russischen Formalisten Viktor Šklovskij. Der kam just 1923 aus dem Berliner Exil zurück, er wurde zuvor im Sowjetstaat gesucht wegen Sabotage und Rebellion. Da er zurück in Russland alsbald heiratete und seine Frau ein Kind gebar, musste er Geld verdienen. Sie lebten eher ärmlich, die Fenster undicht, die Wände feucht und ein Ofen der nur rußte aber nicht heizte. Das Kino galt aus Rückzugsort für missliebig gewordene Kulturschaffende. Es war noch nicht etabliert genug um voll unter Kontrolle zu stehen. Also landete er dort und arbeitete anschließend 30 Jahre beim Film. Immerhin roch es in den Montageräumen ja auch so schön nach Bonbons, da die Filme mit Birnenessenz geklebt wurden. Glück hatten die Schauspieler wegen seiner Teilnahme. Er wollte Schauspieler wie Menschen behandeln, kritisierte, dass sie wie Ware behandelt würden, dass man einfühlsam sein müsse. Demgegenüber steht die Aussage eines anderen Filmschaffenden jener Zeit, der Schauspieler wie Pferde behandeln wollte, ihre Zähne kontrollieren. Dafür verdienten die Schauspieler in diesem Film, zumindest die beiden erschossenen, kein Geld. Aber immerhin durften sie mit der Liebe des Drehbuchschreibers rechnen.


Aufregende Aufnahmen, kaum Handlung, fantastischer Soundtrack. Mehr möchte ich gar nicht. Gelungenes Stück.

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 Betreff des Beitrags: Verschwörer der Lüste
BeitragVerfasst: 05.05.2015 12:44 
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Spiklenci slasti / Conspirators of Pleasure/ Verschwörer der Lüste
Tschechien/ GB/ Schweiz 1996
Regie: Jan Švankmajer
Drehbuch: Jan Švankmajer
Kamera: Miloslav Špála
Darsteller: Petr Meissel, Gabriela Wilhelmová, Barbora Hrzánová, Jiří Lábus, Pavel Nový, František Polata, Anna Wetlinská, papež Jan Pavel II.

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Wir sind im Prag der mittleren Neunziger Jahre, bevor es für westliche Touristen aufgehübscht wurde. Vielleicht ist es auch gar nicht Prag, denn wir sehen im Grunde nur Grau-in-Grau Hausfassaden, die überall stehen könnten. In dieser zementfarbenen Alltagswelt begegnen wir sechs Personen mit ausgeprägten Sexualfantasien. Da ist der Mann mit dem lichten Haar, der sich hinten einen kleinen Rattenschwanz wachsen lässt. Sein Verhalten ist anfangs noch völlig alltäglich, wie das eines Truckers. Der alleinstehende Enddreißiger sitzt am Esstisch und gafft sich durch ein Pornomagazin mit drallmöpsigen Frauen, die wirklich sehr erregend in die Kamera starren. Es ist erst sechs Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs und er entdeckte amerikanische Muskelhelden und exotisch-japanischen Kampfsport für sich. An den Wänden lungern die Porträts von Arnold Schwarzenegger und JCVD. Es gibt ein großes Plakat mit der japanischen Karate-Variante: Kata Kanu Dai. Sogar ein Filmplakat von Roger Cormans Crime Zone hat er an die Wand gereißzweckt. Ein Film aus dem Jahr 1989 mit David Carradine in der Hauptrolle. Der Film, der sich in der Tradition von Death Race 2000 sieht, spielt in einer postnuklearen Zukunft, in der die Leidenschaft staatlich kontrolliert wird. Eine "ravage world gone mad". Und einem jungen Paar deren "Passion will push them over the edge". Passion hat auch unser Rattenschwanz. Aber die maskuline Muskelwelt ist nichts für den schmächtigen Böhmen. Er verhält sich, dass es Vätern die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen würde. Zum masturbieren geht er in den Wandschrank. Postboten und Pornoheftverkäufern sagt er weder Hallo noch Tschüß und wenn es ums Hühnerschlachten geht, muss er zu seiner gouvernantenhaften Nachbarin gehen, die mit einem schnellen Schnitz die Kehle des Gockels aufschlitzt und das Blut auf den Boden spritzen lässt.

Bleiben wir bei dem Nachbarn. Er ist wie ein Teenager, er hat diese Action-Film-Poster und er fantasiert sich in diese Welten hinein. Er erstellt sich ein Kostüm, aus schwarzem Regenschirm gestaltet er seine Batmanflügel. Aus einem Lehmkopf, Pornoheften und Hahnenfedern bastelt er sich einen riesigen HahenkammKopf. Als übermenschlicher Würgegockel beginnt er eine Puppe in einer Baugrube zu malträtieren. Obwohl sie als Puppe wehrlos ist, fesselt er das Miststück. Sicher ist sicher. Er bewirft sie mit Gestein und lässt mit Blut befüllte Blutwasserbomben auf ihrem Kopf explodieren. Da das ein Film über seltsame Masturbationsfantasien ist, ist es naheliegend, dass er mit dem Mord seine Triebe befriedigt.
Dass es Menschen gibt, die so einem verhuschten, hutzeligen SadistenMann etwas Mumm in die Knochen prügeln wollen, ist ein naheliegender Gedanke. Und da kommt seine Nachbarin ins Spiel. Sie sieht ihn tagtäglich. Auch sie bastelt sich eine Puppe aus Stroh, die sieht aus wie er. Sie bugsiert den Cretin in eine dunkle Höhle, verkleidet sich wie eine beleibte Catwoman und beginnt den Hutzel auszupeitschen bis seine Strohhaut aufplatzt. Er ist auch nicht gefesselt. Doch was soll die Puppenversion des Rattenschwanzes schon bewerkstelligen? Ängstlich schauen, und auf Knien versuchen wegzurennen. Sie ertränkt das Schwein, das zeitgleich an anderer Stelle ebenfalls mordet. Doch die Mordfantasten sind sich ähnlicher als es die Frau wahrhaben will. Auch sie verschwindet zum Höhepunkt in einem Schrank.
Dies sind zwei der sechs Personen. Es gibt noch eine Briefträgerin, die ihr Triebleben in Form eines Brotes in ihrer Arbeitstasche transportiert, eine TV-Sprecherin, die sich vor laufender Kameras von lutschenden Karpfen zum Orgasmus bringen lässt und einen Mann, der sich mit nagelbeschlagenen Nudelhölzern um den Verstand rollert.

Was ist zu dem Film zu sagen? Auffallend sind zweierlei: Zum einen die Scham: Niemand redet mit niemandem, wenn Menschen sich beobachtet fühlen, huschen sie sich schnell verschämt weg. Ihre autoerotischen Fantasien wollen sie allein sich selbst vorbehalten, sie leben es im Verborgenen aus.Am weitesten geht der Gockelwürger, der sich ein Bumsheft kauft. Es ist bemerkenswert, sie sind Lustgetrieben wie Teenager im Frühling. Ihr Leben dreht sich nur darum. Dass dem einen das Auto gestohlen wird, wird ihm nicht einmal auffallen. Ihre Lust kanalisiert sich in unfassbarer Fantasie und hoher Bastelbereitschaft. Sie stellen Dinge an, die sogar Jiri Kolar neidisch machen würden. Das andere ist die Wortlosigkeit. der Film spielt in Tschechien und könnte auch in Liliputistan spielen. Es fällt kein Wort. Bedanken wird sich der Regisseur am Ende nicht nur beim Playboy und Penthouse sondern auch bei seinen Ideengebern Bohuslav Brouk, Leopold Sacher-Masoch, Sigmund Freud, Luis Bunuel und Max Ernst, womit die surreal-traumwandlerische Richtung vorgegeben ist. Svankmajer wäre nicht Svankmajer, und jetzt treibe ich die Redundanz auf den Höhepunkt: Der er nun mal ist, wenn es nicht auch Stop-Motion Verfahren gäbe. Leitmotivisch tritt auch in diesem Film wieder die Nahrung auf. Es ist die Giuseppe Arcimboldorisierung des Suppenhuhns.
An Plot schichtet sich hier ähnlich viel auf wie in einem Pornofilm. Ein paar Darsteller zu denen es schwer fällt, eine Beziehung aufzubauen. Es gibt einiges an Vorbereitungszeit, an Basteleien und der Höhepunkt ist, wie es meist ist, recht kurz.
Ein seltsamer Film. Aber er bereitet Freude.

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 Betreff des Beitrags: STERNZEICHEN JUNGFRAU
BeitragVerfasst: 12.05.2015 09:41 
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Souhvězdí panny
STERNZEICHEN JUNGFRAU
Tschechoslowakei, 1965, 83 min.
Idee: Milan Uhde
Regie: Zbyněk Brynych
Drehbuch: Milan Uhde, Zbyněk Brynych
Kamera: Jan Kališ
Musik: Jiří Sternwald
Darsteller:
Jaroslava Obermaierová … Jana, Josef Čáp … Standa, Vladimír Pucholt … Veleba, Jiří Wimmer … Rejman, Rudolf Jelínek … poručík Toneiser, Ivan Vyskočil … Vyskočil, Jiří Adamíra … npor. Březina, Ilja Prachař … kpt. Pazourek, Jan Libíček … Augustin

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Die Tschechoslowakei 1965. Die junge Jana (Jaroslava Obermaierova) liebt Stanislav (Josef Jap). Der arbeitet immerhin mit Flugzeugen. Das Problem ist nur, dass er gerade seine zwei Jahre Militärdienst ableisten muss. Das heißt, er muss zwei Jahre lang schlecht sitzende Uniformen tragen und in einem Landheimartigen Gelände mit lauter Gleichaltrigen Ernsthaftigkeit vorspielen, stramm stehen und sich auf den Feind vorbereiten. Zwei Jahre in einer totalen Organisation mit Männern wäre kein Problem für mich. Aber Stanislav hat nun mal dieses Mädchen. Doch die Buben (unter anderen Vladimir Pucholt), haben eine Idee: Sie schmuggeln Jana mit einem Krankenwagen aufs Gelände und das Liebespaar kann sich dann auf der Krankenstation treffen. Der Arzt Lt. Brezina (Jiri Adamira) hat nichts dagegen, er drückt beide Augen zu.
Das Problem ist selbstverständlich das Verbergen. Eine Frau fällt ja auf, auf so einem Gelände. Und der Vorgesetzte Lt. Toneiser ist ein Bilderbucharsch. Er steht ständig unter Strom und striezt die Kadetten. Er wird von seiner eigenen Wichtigkeit erdrückt. Es wird nicht explizit ausgesprochen, aber ich glaube, er ist so unangenehm, weil er ein so schlechter Billardspieler ist. Brynych deutet es mit ein paar Close-ups an. Lt. Toneiser hält das Queue als hätte er bizarre Dinge damit vor. Er hält es, als wäre er ein heterosexueller Mann, der verpflichtet wurde, fremden Männern beim Pinkeln den Penis zu halten. Es ist der Pinzettengriff. Natürlich versagt er da an den Bällen...Kugeln. Zurück zum Film. Wenn er das Mädchen entdecken würde, brennt der Himmel. Sozialistische Armee war selbst in diesen lockeren Zeiten kein Vergnügen. Für so ein Vergehen gab es Jahre an schwerem Kerker.

Aber es gibt ein Happy End. Zumindest Kurzzeitig. Das Pärchen findet und liebkost sich. Doch dann geschieht das Unglück. Alarmstufe 2. Das heißt, die Piloten müssen sich ankleiden und durch das Land fliegen, die Chefs müssen telefonieren und die jungen Soldaten müssen immer wieder von A nach B rennen. Das schlimmste dabei ist die Sirene. Die Tschechen haben ja eh diesen perversen, masochistischen Hang zu "Die Russen kommen, VERSTECKT EUCH"-Sirenen. Jeden ersten Mittwoch im Monat (oder so), Punkt 12 Uhr sirent im ganzen Land der Fliegeralarm über Minuten. Zum Funktionstest, wie es heißt. Und es ist markerschütternd laut. Bei den ersten Malen dachte ich noch, ich müsse vielleicht bald sterben. Jedenfalls dieser schmerzerregend laute Alarm ist nun auch im Film und es heult und heult. Die Liebesnacht bricht ab.
Ja, das reicht an Inhalt. Der Film von Zbynek Brynych ist ein Kind seiner Zeit, der Lockerung der sozialistischen Strenge. Zum einen ist es ein Miltärfilm, dessen Ziel es ist, ein junges Liebespaar zum Sex zu bringen. Da gibt es keine Helden sondern Menschen. Dann ist es bei der Fliegereinheit. Das Verhältnis zwischen Fliegern und Politikerkaste war eher...gespannt. Während des Zweiten Weltkriegs flogen viele tschechoslowakische Piloten für die britische RAF. Einige machten den Fehler nach Kriegsende zurückzukehren und fielen in die Zeit der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse. Und westlich orientierte Piloten waren echt Scheiße für die Gottwaldisten. Das heißt, es wurden viele Jahre schwerer Kerker ausgesprochen.

Die Liebesszene ist Dreh- und Angelpunkt des Films. Sie liegt zentral in der Mitte und geht über Minuten und sie war sehr explizit. So explizit, das der Film für einen kleineren Skandal sorgte. Die Frau, Jana Obermaierova, war schon damals ein Star. Es war eine ihrer ersten Rollen [Im Forum gibt es noch ältere kleine Texte zu ein paar anderen Ihrer Filme: Per Anhalter in den Tod, Hexenjagd, Happy End und der Scherz] und sie ist noch immer Aktiv und wunder- wunderschön. Der andere Pluspunkt ist der hyänenartige Pocholt, der in diesen Jahren auch zwei Filme mit Milos Forman drehte, unter anderem den, entschuldigt den Superlativ: Megaklassiker Liebe einer Blondine und Der Schwarze Peter. Sternzeichen Jungfrau ist S/W, spielt fast nur in der Krankenstation der Kaserne und versprüht trotzdem Leichtigkeit. Was auch an dem immer wieder eingesetzten Popsong:Schody do nebe (Stairways to haven :D) von Karel Kopecky liegt. Die Kamera macht es dem Zuschauer nicht leicht. Zum einen wackelt es öfter zum anderen wird statt einem Schnitt einfach geschwenkt. Also da stehen zwei Personen in fünf bis zehn Metern Abstand voneinander und unterhalten sich. Die Kamera schwenkt zu einem und blitzt dann hurtig zur anderen. Das heißt sie reden und an uns vorbei strömt auf einmal das Mobiliar des Raumes. Ja, der Plot ist nicht so dicht. Auf der einen Seite die Liebe, auf der anderen das Kasernenleben und der Alarm. Dass diese Kaserne kein Hort heldenhafter und mannhafter Geschichten ist, wird schnell klar. Der Arzt ist ein begnadeter Trinker. Vielleicht war es ja Zufall, aber die Kamera blendet ihn immer nur mit Bierpullen ein. Oder Schnapsgläsern.

Die Idee und das Drehbuch stammen von Milan Uhde (*1936). Er feierte im Jahr zuvor als Dramatiker große Erfolge mit seinem Stück: Kral-Vavra. War dann nach 1990 unter Vaclav Havel Kulturminister und später sogar [habilitierter] Parlamentspräsident. Also alleroberste Liga. In den sechziger Jahren machte er sich auch einen Namen als Lyriker und Autor von Grotesken im Stile Alfred Jarys, die zu den härtesten Texten gegen den Sozialismus in den 1960er Jahren gehörten (was etwas zu heißen hat). Weswegen er dann in den beiden Folgejahrzehnten seine neuen Stücke in seiner Privatwohnung aufführen lassen musste.

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 Betreff des Beitrags: ICH BIN 20!
BeitragVerfasst: 12.05.2015 12:39 
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Mne dvacet let`
Ich bin Zwanzig Jahre alt

Režie:
Marlen Chucijev
Kamera: Margarita Pilikhina

Darsteller:
Marjana Vertinskaja, Andrej Tarkovskij, Andrej Končalovskij, Oleg Vidov, Rodion Nachapětov, Nikolaj Gubenko, Bulat Okudžava, Stanislav Ljubšin, Světlana Starikova


Das Kino ist eine kleine dreckige Maschine, die das Augenlicht ruiniert - und mehr nicht. [Proletkino 1923]
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Sergej hat es geschafft. Die Militärzeit ist vorüber und er kommt zurück nach Moskau, in die Wohnung in der auch noch Mutter und Schwester leben. Sogar seine zwei Kumpels leben noch in den Wohnblocks nebenan. Er muss nur auf den Balkon gehen und winken, schon sehen und treffen sie ihn. Doch die Zeiten haben sich geändert. Sein einer Freund Slava hat geheiratet und sogar ein Kind. Die Frau nimmt ihm bei der Wiedersehensfeier das Wodkaglas aus der Hand. Aus der Hand nahm sie ihm auch das eigene Leben. Doch immerhin ist Slava Arbeiter. Er bedient die Abrissbirne bei Wohnhausabrissen. Wenigstens hier hat er die Zügel in der Hand. Nikolaj, der andere Kumpel aus Jugendtagen, hingegen ist ein umtriebiger Kauz. In den folgenden drei Stunden folgen wir Sergej durch sein sich rapide änderndes Leben. Eine Arbeit findet er gleich im lokalen Kraftwerk. Da schließt sich ein Kreis, denn auch sein Vater arbeitete schon dort. Dort sehen wir ihn allerdings nicht oft. Sein Fokus und auch unserer liegt in seiner Freizeit. Fleißig ist er ja. Denn Abends studiert er.

Doch genug von der Arbeit, er ist 20! Steht ja schon im Titel - er will Frauen! Eine findet er in der Straßenbahn. Sie ist die einzige, die einen Regenmantel trägt. Die anderen tragen keine Regenmäntel weil es nicht regnet. Er will sie ansprechen, doch er traut sich nicht, er irrt ihr durch halb Moskau hinterher - nur um sie dann an ihrem Hauseingang immer noch nicht anzusprechen. Es folgen die Jahreszeiten, ohne sie. Moskau versinkt in weißem, unschuldigen Schnee, Moskau wird von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht und - Moskau erblüht. Auf der 9. Mai Parade sieht er sie wieder und spricht sie an. Endlich! Es stellt sich schnell heraus, dass sie zwar hübsch ist aber auch nicht sonderlich ausgeglichen. Auf den Partys, die sie schmeißt, hängen Vögel wie Andrej Tarkovskij rum.

Es ist schwer, den Film in Form zu bringen. Immerhin geht er drei Stunden lang und es wird geredet und geredet. Wie bei Seinfeld. Über Gott und die Welt. Nur nicht so witzig wie bei Seinfeld. Die Themen sind tragisch geraten. Sergej kommt mit der sich ändernden Welt nicht so zu Recht, er weiß nicht wohin und hadert mit einem ziellosen Leben. Seine Kumpels ändern sich, so wie er sich ändert. Einen Vater kann er nicht fragen, denn der starb, wie die meisten russischen Väter, im Zweiten Weltkrieg. Die einzigen Erinnerungen an die Väter sind ihre Soldatenportraits, die in jeder Wohnung hängen. Immerhin Anya, seine Liebschaft hat noch einen. Doch der Film ist trotzdem unfassbar leichtfüßig. Wunderschöne Musik allenthalben. Und Moskau stellt sich als die schönste Stadt der Welt heraus. Denken wir nur an eine andere Stadt zu dieser Zeit. Eine Kapitalistische etwa, eine vom Klassenfeind. Führen wir uns die dreckverseuchten Straßen der Bronx aus dem gleichen Jahr vor Augen, aus dem Film: The Wanderers von Philip Kaufman. Was für ein Unterschied! Immerhin fragten die Lederjackenassis dort nicht nach dem Sinn des Lebens. Das tut Sergej hier. Er weiß nicht, worauf das alles hinausläuft. Sein Vater hatte es da besser. Er hatte ein Ziel. Gegen Nazis kämpfen und mit Anfang 20 sterben.

Doch zurück nach Moskau: Die Musik fließt auf den Straßen wie der Wodka in die Kehlen. Menschen tanzen einfach auf den Plätzen. Sogar männliche Jünglinge probieren miteinander den Standardtanz auf den Straßen. Mädchen schauen zu, die liebevoll ihre Katzen streicheln. Überall wird gefeiert und getanzt. Auch die 9. Mai Parade ist so schön und friedlich. Überall Friedenszeichen. Kein Vergleich zu der Kriegsparade, die Putin vor ein paar Tagen zum gleichen Anlass abzog. Wäre der Film in Farbe, der Himmel wäre Regenbogenfarben.
Doch wer pfeifende Männer nicht leiden kann, erlebt in diesem Film sein persönliches Waterloo. Der Regisseur Marlen Chuciev stammt gebürtig aus dem wunderschönen Odessa. 1959 begann er bereits mit den Vorarbeiten für den Film über die Moskauer Jugend. Er entstammt dem Zeitgeist. Zu jener Zeit wurde die Erzählebene entdramatisiert. Es gab keine Intrigen mehr, gezeigt wurde, wie Oksana Bulgakova [Geschichte des sowjetischen und russischen Films] schreibt, "der anonyme Zustand der Realität, der aus den großen Erzählungen der Geschichte herausfiel". Also, viele verschiedene Episoden, aber kein großes Ganzes. Gefolgt wird einem Protagonisten in seinen Lebenssituationen.

Der damalige Regierungschef Nikita Chruschtschow war, trotz allem Tauwetters, von dem Film nicht sonderlich angetan. Übel stieß ihm vor allem eine Szene mit der Tarkovskij-Party auf: " Sie sind so gezeigt, als ob sie nicht wüssten, wie sie leben und was sie anstreben sollten. Und das in einer Zeit des Aufbau des Kommunismus! Es sind moralisch degenerierte, bereits in der Jugend altgewordene Menschen, die keine hohen Ziele und keine Berufung kennen. Den Filmemachern mangelt es an Mut und Zorn, um solche Ausgeburten mit Verachtung zu bestrafen".
Damit hätte er auch für den katholischen Filmdienst arbeiten können. Der Film wurde dann um eine Stunde gekürzt und neu herausgebracht. Doch wirklichen Erfolg konnte er nicht feiern. Der Westen hat das Subversive nicht herausdeuten können, , verstand nicht, warum Chruschtschow so beleidigt ist, da ja immerhin auch alle einer geregelten Arbeit nachgingen, im Allgemeinen höflich waren und all das. Kein Vergleich zu den Knaben aus den westlichen neuen Wellen, die teilweise in die Kriminalität stürzten, um mit den Vätergenerationen zu brechen.


Ein schöner Film. Also die Kameraarbeit treibt Tränen der Freude in die Augen. Aber er ist auch unsagbar lang. Ein hervorragender Film fürs Kino, dort kann man nicht flüchten und muss konzentriert bleiben. [/align]


Bester Halbsatz aus Birgit Beumers: A history of russian cinema: ..."And Slava, who is married with a child"[/align]

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 Betreff des Beitrags: DIE GEBURT DES FEGEFEUERS
BeitragVerfasst: 12.05.2015 19:59 
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Inferno in diretta
CUT AND RUN

Italien 1985
Regie: Ruggero Deodato
Musik: Claudio Simonetti
Darsteller: Lisa Blount, Leonard Mann, Willie Aames, Richard Lynch, Richard Bright, Michael Berryman, Eriq La Salle, Gabriele Tinti, Valentina Forte, John Steiner, Karen Black, Barbara Magnolfi

Wunderschöne Dschungelflusslandschaften in Untersicht. Wir schwimmen zu einem idyllisch gelegenen Bambumscamp mit Bastdächern, die halb im Wasser stehen. Es ist eine Art Steinzeitvenedig. Umso näher wir kommen, desto mehr Details werden sichtbar. Das Camp ist in hektischer Betriebsamkeit. Schnitt. Der, mit dessen Augen wir uns dem Camp näherten springt aus dem Wasser und reißt einen Mann in die Fluten. Die Person aus dem Wasser, deren Augen wir uns liehen, sieht wild aus. Er ist völlig kahl und hat eine bizarre Schädelform. Er ist Quecho (Michael Berryman aus The Hills have Eyes, Einer flog übers Kuckucksnest). Er tötet das Opfer. Kein Zweifel. Was für eine Bestie - und niemand im Camp bemerkt das! Es stellt sich heraus, dass die Personen dort Drogen produzieren. Es sind also Banditen. Ist Quecho also vielleicht einer der Guten? Der den Dschungel von Drogen reinhalten will? Immerhin arbeiten mit ihm auch eine Vielzahl von eingeborenen Indios.
Doch diese Sichtweise ist so falsch wie irre. Die Indios und Quecho sind Ungeheuer. In drei Minuten sterben zirka zwanzig Mann, getötet mit Giftpfeilen und Hackebeilen. Die beiden, die vorläufig überleben, sind zwei Frauen. Ihre Beine werden gespreizt, durch ihre Knie werden Pfähle gerammt und wild lachende Barbaren machen sich an die Vergewaltigung. Währenddessen werden die nun herrenlosen Drogen eingesackt vom eintreffenden Boss. Er reist im Wasserflugzeug an, wie Quack der Bruchpilot. Endlich wieder ein Schnitt. Die Credits beginnen und wir sind am Flughafen der Großstadt Miami. Hierher kann Quecho hoffentlich nicht kommen. Also beginnen wir einer anderen Spur zu folgen. Wir sehen die Geschichte der Reporterin Fran Hudson (Lisa Hudson) und ihrer Liebschaft, dem Kameramann Mark Ludman (Leonard Man).

FUCK HER! FUCK HER TILL SHE SCREAMS!

Sie ist an einer heißen Story dran, irgendwas mit Drogen. Doch die Pusher, deren Verhaftung sie beobachten will, enden als Hackfleisch in einem infernalischen Blutbad. Die Reportage fällt also ins Wasser. Ihre Kontaktperson ist ein schwarzer Lude mit Lila Filhut (Eriq LaSalle), er betreibt einen Nachtklub. Er scheint arm zu sein, denn 200 Dollar kann er gut gebrauchen. Ihr offenbart sich durch ihn eine Riesenstory. Involviert ist ein Geheimdienstmassakerkommandant, der seinen eigenen Tod wohl nur vortäuschte, das Jonestown-Massaker und Blutbäder in vielen Großtstädten der USA. Alle Wege führen in den Dschungel Venezuelas, sie will ein Interview mit dem geheimnisvollen Geheimdienstler Brian Horne (Richard Lynch). Ihr Boss, der TV-Sender-Besitzer Bob Allo (Richard Bright) segnet das sofort ab. Immerhin scheint sein vor Jahren verschwundener Sohn Tommy Allo (Willie Ames) auch dort zu sein. Seit Jahren gab es kein Lebenszeichen, er ist Feuer und Flamme, das Reporterduo soll am besten schon Gestern aufbrechen. Er schickt sie runter, mit Live-Schalte, er will zeitnah dem Geschehen folgen. Alles, was er über den Fernsehbildern folgen wird, sind blutige Massaker und Gedärme....

Der wiedergefundene Sohn offenbart sich als Windei. Er trägt im Drogendschungel ein Micky-Maus Longsleeve. Und das als erwachsener Mann. Doch die Reporterin ist erfolgreich. Sie entdeckt sowohl dieses bibbernde Häufchen Elend als auch den hartgesottenen Geheimdienstler Brian Hawn. Der ist fassungslos, dass sie dorthin reiste um ihn zu interviewen. Allen ist klar, dass sie sterben muss. Publicity ist das letzte, was er will. Unlogisch nennt er das Vorgehen der Reporterin, als sie gefesselt vor ihm an einem Baum hängt. Immerhin hat er seinen Tod vorgetäuscht gerade weil er Unerkannt seinen dubiosen Geschäften nachgehen will.

Ursprünglich sollte den Film Wes Craven drehen, noch im Jahre 1980 standen die Idee und das Script im Raum. An Bord hätte er ja dann immerhin auch Michael Berryman aus seinem Klassiker: The Hills have Eyes gehabt. Doch Craven und die Produzenten konnten sich nicht einigen. Der Film "Marimba" kam nicht in die Drehphase. Deodato übernahm fünf Jahre später. Sein letzter Film war Atlantis Inferno. Ein Schundinferno. Mit Cut and Run legte er wieder ein wirklich sehenswertes Stück vor. Gedreht in den undurchsichtigen Gefilden Venezuelas, kombiniert mit wirklich harten Gore-Einlagen gelang es ihm, den etwas kruden Plot gut auszugleichen. Höhepunkt des Action-Films ist selbstverständlich Michael Berryman als stummer Todeskrieger. Sogar Deodato schrieb sich in dem Film ein und ist in einem kleinen Ausschnitt im Jonestown-Massaker-TV-Filmchen zu sehen.


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 Betreff des Beitrags: THE BODY BENEATH - ANDY MILLIGAN
BeitragVerfasst: 13.05.2015 10:44 
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The Body Beneath
GB 1970
Regie: Andy Milligan
Darsteller: Gavin Reed, Jacqueline Skarvellis, Berwick Kaler, Susan Heard, Judit Heard, Richmond Ross, Colin Gordon


SEXUALLY RAMPANT GHOULS, DEPRAVED SOULS ... AND BLOOD-RED ROSES!

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Die Adern des Bösen in London weiten sich und beginnen stärker und stärker zu pochen. Reverend Alexander Algernon Ford ist ein mieser kleiner Vampir. Hochgebildet vermutlich. Zitiert Oscar Wild. Aber trotzdem ein Kerl, der Schwangere prügelt und Buckligen Nägel durch die Hände treiben lässt. Er ist Klanchef einer Inzestvampirgesellschaft, auf der Suche nach frischem Blut. Er will abhauen, nach Amerika, weg von diesem erbärmlichen Polizeistaat. Doch noch ist er hier, in London, in seinem viktorianischen Anwesen. Er sucht eine Seitenlinie seiner Familienbande und findet sie. Es ist die hübsche Susan Ford. Sie wird durch eine Minutenlange Sexszene mit ihrem Freund eingeführt. Der Beischläferer in dieser orangenen Hölle ist Maler und er schwängerte sie. Also: Heirat! Die Schwangere fährt vor zum Reverend, ohne den Lover. Um die Formalien zu klären. Leider ist der Reverend der Vampir, der das Baby will und sie als Geisel hält. Susans Lover wird misstrauisch, weil sie nicht zurückkehrt. Er reist hinterher und wird prompt gefesselt und in einem Zimmer entsorgt.
Ein Kampf um Leben und Tod entspinnt sich! Während er sich versucht wie eine Robbe aus den Seilen zu winden, sticht der Reverend seiner ihn verratenden Mitwisserin mit Stricknadeln die Augen aus. Er ist kaltblütig! Die Lage ist ernst! Doch die Flucht könnte klappen. Während er sich befreit zieht die schwangere Susan den Buckligen Gehilfen des Reverends auf ihre Seite. Spoon heißt er und er mag sie. Leider ist er aber schüchtern. Er schaut ihr nicht in die Augen als er ihr erzählt, dass seine Stiefmutter ihn hasste. Dass der Stiefbruder ihn vor den Bus stieß, er sich vier Mal den Rücken dabei brach und seine Familie den nun Buckligen deswegen verstieß. Der Reverend nahm ihn auf. Doch nun ist die Zeit der Abnabelung gekommen. Er will den Reverend verraten, für Sie! Leider fliegt er sofort auf. Ein wenig zurückgeblieben ist er ja schon. Der Lover findet seine Liebschaft trotzdem wieder. Sie wollen fliehen. Sie müssen fliehen. Es ist dringlich. Doch...sie...sie...sehen sich und sie beginnen zu ficken. Was stimmt mit denen nicht, es geht um Leben und Tod!
Was für Nymphomanen! Sexmaniacs! Kaninchen!
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Doch es stellt sich heraus, das die beiden Zeit haben. Im Inneren des Anwesen kommt es zu einem psychedelischen Walpurgisnachtdelirium. Die Hexen und Wesen der Nacht versammeln sich um den Reverend. Er ist einer der Art Schurken, der sich gerne selbst reden hört. Einer, der all seine Schritte ausführlich erklärt. Und das in dieser orgiastischen Feier, die Stephen Thrower sogar an Kenneth Angers Inauguration of the Pleasure dome erinnert. Die Flucht ist hinten angestellt. Eine der Orgiastenfeierteilnehmerinnen widerspricht dem Reverend. Über Minuten entspinnt sich eine Art politischer Diskussion mit Für- und Widerargumenten, während um sie herum vermutlich kopuliert wird.

[..."working for him was like a bloody concentration camp"]

Ein Fest von einem Film ist das. Es wird viel erzählt. Doch die Kostüme sind unfassbar. Der Reverend als Prediger. Dazu Drei ...Hexen. Jimmy McDonough schrieb zu den Drei farbenfrohen Vampirnixen: "Best of all are a trio of mute, green-faced harpies swathed in neon-dresses who creepy-crawl in and out of shots like creatures from a Murnau film accidently shot in comic.book color". Der Reverend ist eine tuntige Version von Kevin Spacey. Sie sehen sich ähnlich, doch der eine spricht wie Jorge Gonzales. Milligan hatte ein Händchen für das Gebäude. Ein wunderbares Anwesen. Im Hempstead Heath Estate hatten die Rolling Stones in den späten Sechzigern ein Fotoshooting und Liz Taylor drehte dort auch mit Mia Farrow wenige Monate vor Milligan den Film: The Secret Ceremony. In unmittelbarer Nähe passierte vor Drehbeginn auch ein Mord: Diesen übernahm er als eine kleinere Kreuzigungsszene für den Film. 1968 nagelten drei Männer den religiösen Fanatiker Joseph de Havilland an ein Holzkreuz. Beim Gerichtsprozess kam heraus, dass das Opfer das so wollte. Jedenfalls ließ auch Milligan Berwick Kaler, den den Buckligen Spoon spielt, Nägel durch die Hände treiben. [Guy nailed to a tree, bled to death all night. In leather S&M. Bled to Death!] Meine Lieblingsdarstellerin war die, deren Augen mit Stricknadeln entfernt wurden: Sie umgibt eine Aura dumpfer Gleichmütigkeit. Dass ihr Vorgesetzter ein satanischer Vampir ist, nimmt sie mit ihrem breiten Mund mit den hängenden Mundwinkeln sachlich zur Kenntnis. Dass BFI den Film zusammen mit Nightbirds veröffentlichte ist eine tolle Sache. Leider war das Material nicht mehr so gut. Stellenweise erinnert der Film an einen Experimentalfilm von Stan Brakhage. Bemerkenswert ist der Soundtrack.Der Film ist in beiden Versionen abspielbar, mit und ohne Musik und der Unterschied ist eklatant. Ich habe irgendwann gewechselt, weil diese treibende Glücklichkeitsmusik kaum zu den Bildern passte. Als es nur noch diese minutenlangen Dialoge gab ohne Hintergrundgeräusche, wurde der Film richtiggehend düster, monoton und dramatisch.

Im August 1968 verschlug es Andy Milligan für 18 Monate nach London, in der Zeit drehte er fünf Filme: Nightbirds, Body Beneath, Bloodthirsty Butchers, The rats are coming! The werevolves are here! und The Man with twho heads. Berwick Kaler, der hier den retardierten Buckligen spielt, bekam seine Rolle in jedem der Filme. Das er es zum Schauspieler bei Milligan brachte, war eher Zufall. Seine ursprüngliche Besetzung für Nightbirds verließ am ersten Tag das Set, weil er mit Milligans ...eher rüdem Umgangston nicht zurechtkam. Da Milligan aber drehen musste, fuhr er zurück ins West End und schnappte sich den erstbesten. Das war der 19 Jährige Berwick Kaler, der gerade Tickets im Kino verkaufte.


Jedenfalls: Ein anschaubarer Film. Ich habe richtiggehend mitgefiebert, ob das Pärchen es aus den Klauen des Bösen schafft. Leider stand der Teil der Story dann später etwas hintena.

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 Betreff des Beitrags: Banjo-Joe orgelt die Viola!
BeitragVerfasst: 15.05.2015 21:18 
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Organ Die Orgel
Tschechoslowakei 1964
Réžia: Štefan Uher. Scenár: Alfonz Bednár. Kamera: Stanislav Szomolányi. Hudba: Ján Zimmer.Hrajú: Albert Augustíny, Kamil Marek, Ján Bartko, Alexander Březina

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Pater Felix ist Tod. Der Name brachte ihm kein Glück. Trampelte auf eine Mine. Überlebt hat nur die Henne in seinem Bastkörbchen. Doch was dem einen den Tod bringt, hilft dem anderen, ihm von der Schippe zu springen. Wir sind im Polnisch-Slowakischen Grenzgebiet während des Zweiten Weltkriegs. Ein namenloser junger Pole findet den Kadaver und hüllt sich in die Mönchskutte des Leichnams. Auch die Henne nimmt er mit sich. Da er sich schon der irdischen Besitztümer des Berufschristen aneignet, geht er auch gleich einen Schritt weiter und nimmt auch Namen und Identität des Pechvogels an. Er findet Einlass in einem nahegelegen Kloster. Die anderen Mönche sind skeptisch. Sie erkennen doch Pater Felix, wenn sie ihn sehen. Immerhin lebte er Jahrzehnte mit ihnen im Kloster. Doch es ist Krieg, sie können sich denken, dass da kein Mord im Spiel war. Dass der einzige Mord es wäre, den jungen Polen den Behörden auszuliefern. Also lebt nun ein verjüngter Felix unter ihnen. Und was für ein Glück die Gemeinschaft hat! Orgelspielen kann er! Wie ein Geschenk Gottes erscheint er. Er hat filigrane Finger, lang wie Spinnenbeine. Was für eine Gurke war da nur ihr voriger Organist! Finger wie Spreewaldgurken. Dieses taktlose Rindvieh Vendelín Bachńák spielte, wie er aussah! Scheiße! Traf nie die richtigen Töne.

Doch es ist nicht so, dass diese Ereignisse Vendelín kalt lassen würden. Er liebte die Orgel. Er spielte sie geschlagene 18 Jahre lang. Immerhin steckt in seinem Namen ja auch Bach! Wie bei seinem berühmten Vorbild! Es sind ja eh viele einschneidende Erlebnisse für ihn momentan. Seine Tochter Nele heiratet die lokale Kollaborateur-Nazigröße. Ein Mann, fast so alt wie der Schwiegervater, dessen Kopfhaut die letzten Kraushaare von seinem Kopf verschlang. Natürlich bekommt der Papa mit, dass seine Tochter Tag ein Tag aus heult, weil sie diesen fetten Krapfen heiraten muss. Dass die Tochter die Nähe zum adretten Polen sucht. Doch Vendelin will für sein natürliches Recht, die Orgel zu spielen, kämpfen! Am Ende türmen sich die Leichen. Sogar ein kleiner Babyhund wird Schädeldecken zum Platzen bringen! So schön die Musik des Polen ist, so viel Unglück bricht seinetwegen über die Kleinstadt hinein.

Wie ist der Film? Es sind viele Besonderheiten zu benennen. Das Offensichtliche zuerst: Es gibt keinen Alkoholismus! Es wird kaum gesoffen. Dann: Es ist ein Kirchenfilm in einem sozialistischen Land. Eher...Ungewöhnlich. Der Stand der Kirche in den späten 40ern bis in die frühen 60er im Ostblock ist bekannt. Dass Nazikritik gleich Regimekritik gleich Kommunismuskritik ist, ist wohlbekannt. Die Geschichte holte die Römisch-Katholische Kirche ein. So sehr sie von den Nazis gestützt wurde, so unterdrückt wurde sie vom folgenden Regime. Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann arbeiteten schon für Sun in the Net zusammen, keine zwei Jahre zuvor. Dieser markerschütternd leichtfüßige Neue Welle Film. Dass auf diese Meisterfeier des modernen Lebens ein barocker Kirchenfilm folgte, ist zumindest ulkig. Gespielt wird die Musik Johann Sebastian Bachs. Gespielt wird sie von Jan Zimmer. Die Musik im Zusammenspiel mit den Innenaufnahmen der Kirchen und des Klosters ist bemerkenswert und wunderschön. Die Komposition Musik-Bild ist wichtiger als der Plot selbst. Das Sakrale steht hier als Gegenpunkt zum primitiven Kitsch-Profanismus der lokalen Nazigangster. Deren Heuchlerei ist zum Kotzen mies. Während sie während der Messe vom kommenden Erlöser singen und sich Frieden herbeisehnen, tuen sie ansonsten alles um das Leben zum schlechteren zu wenden.

Dass der Film eine allgemeine Diktatorenschelte war, war wurscht. Bis in die Zeit der Normalisierung hinein. Zum Ärgernis wurde er dann in den frühen 70ern und endete bis in die späten 80er im Schrank. Falls den Film sich jemand wegen meiner Zusammenfassung anschauen möchte (was ich bezweifle) und sich dann noch die zugehörigen Kirchen anschauen mag (was ja nun schon nahezu ausgeschlossen ist): Die gotische Kirche ist im ostslowakischen Levoča, die ebenfalls slowakische Zborov-Burg und das Kloster in Jasov waren ebenfalls die Drehorte.

Moorschneehúhner gibt es im Film nicht. Dafúr einen dicken Mann der Orgel spielt. Ist ja auch was. Die DVD gibt es mit zwei anderen Filmen des Regisseurs Stefan Uher bei allen slowakischen DVD-Bůrsen eures Vertrauens (gorila.sk, martinus.sk atd.)


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