Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 21.02.2018 16:38 
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Angela, the Fireworks Woman – Wes Craven

(USA 1975)

7.1.2018. Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, 1,37:1)
Der Film wurde in einer italienischen Sprachfassung mit hinzugefügten, inhaltlich verfälschenden Szenen aus anderen Filmen und möglicherweise um Originalszenen geschnitten gezeigt. Englische Untertitel.



Inhalt:

Bereits seit ihrer Kindheit lieben sich die Geschwister Angela und Peter, und als sie „älter werden, merken sie, dass sie keine Kinder mehr sind“. Peter will Priester werden, was Angela in die Einsamkeit treibt und dazu, ihre Sexualität auszuleben. Dabei gerät sie unter anderem an ein Sadomasochistenpaar und wird Opfer einer Vergewaltigung durch einen Fischer.

Peter, inzwischen weit fortgeschritten in seiner Priesterausbildung, muss trotzdem immer wieder an Angela denken, die ihn manchmal besucht, um zu beichten. Er gibt sein Amt schließlich auf, beschließt, mit Angela zusammen zu leben und segelt mit ihr hinaus aufs Meer.


Review:

Zwischen „Last House on the Left“ (1972) und “Hügel der blutigen Augen” (1977) drehte Wes Craven das Pornoliebesdrama „Angela, the Fireworks Woman“, in dem er auch selbst mitspielt. Nicht seine einzige Arbeit, er soll zu dieser Zeit als Produktionsassistent an mehreren Pornos mitgewirkt haben.

Der Film ist einer der Golden-Age-Pornos, die mit einer richtigen Handlung punkten können, er schwächelt jedoch inszenatorisch: Horst Badörties, das Pseudonym eines unbekannten Kameramanns, dessen Karriere durch eine Beteiligung an Hardcorefilmen nicht gefährdet werden sollte, filmt zwar die Party- und Orgienszenen ausgesprochen rauschhaft und schön, den Sex aber gerade nicht. Nun mag man einwenden, dass Angela sich als Charakter in einer Krise befindet und emotional unter der Trennung von ihrem Bruder leidet, doch bis auf die begleitende Musik, die passend z. B. die S/M-Erziehungsszenen wie einen Horrorfilm untermalt, ist der Sex selbst sehr banal und öde von der Kamera eingefangen. Stattdessen reicht wiederum der Filmschnitt, der auf das Konto Cravens selbst geht, an die Schule Eisensteins (und Russ Meyers) heran: Wenn Peter, der Priester und Bruder Angelas, leidvoll an seine Schwester denkt, wird der Zuschauer Zeuge von kurzen Auspeitschungssegmenten, die in der Form der Montage erkennen lassen, dass dies auch der Gemütszustand Peters ist und zudem die katholische Praxis der Selbstgeißelung kunstpsychologisch aufarbeiten.

Das Titelgebende Feuerwerk, das es zu Beginn und gegen Ende des Filmes im Rahmen einer Party zu sehen gibt, in der die Silhouette eines Mannes mit Zylinder gegen das Licht gefilmt immer wieder markant auffällt (Craven?), steht in dem Film symbolisch für den Geist der Unabhängigkeit und der Begierde, das Meer, auf das sie mit ihrem Bruder zum Happy-End hinausfährt, für die erlangte Freiheit.

Der Film wurde auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Intelligentes Pornodrama, inszenatorisch Geschmackssache.


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.02.2018 18:08 
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Das Rasthaus der grausamen Puppen – Rolf Olsen

(Deutschland / Italien 1967)

7.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,66:1)



Inhalt:

Bob und Betty töten mit ihrem Fluchtauto nach einem Juwelendiebstahl einen Polizisten, indem sie ihn mit dem Wagen zerquetschen; während Bob fliehen kann, wird Betty eingebuchtet. Im Knast herrscht Superintendant Nipple mit eiserner Faust und Bettys Mitgefangene sind alles Lesben – „Mit mir nicht, ich bin normal“ meint sie, doch die Antwort „Schnauze, du Klosettbesen“ lässt Böses erahnen: Bald wird sie Zeugin, wie Nipple 3 Frauen an Duschen gekettet mit auf „heiß“ gestelltem Wasser foltert, doch in diesem Moment ergibt sich die Gelegenheit für Betty – „Soll ich dich auch mal unter die Brause stecken, du Luder? Oder heute Abend bei mir in meinem Büro?“ Als Nipple sie im Dominakostüm auspeitschen will, sticht Betty sie nieder und flieht mit ihren Zellengenossinnen am Nachtwächter vorbei, der nicht kontrolliert, sondern Eier legt.

In einem Bekleidungsgeschäft, in das sie einbrechen, besorgt sich jede der Geflüchteten „ne dufte Pelle“ und entführen einen Totengräber, um in dessen Leichenwagen zu fliehen. Bei einer Polizeikontrolle versucht der Entführte zwei Polizisten verständlich zu machen, dass er eine Geisel ist, doch um das zu verstehen sind Polizisten zu dumm: „Wenn´s im Köpfchen alle ist, wird man eben Polizist“. Nach überstandener Polizeikontrolle erschießen sie den Totengräber.

In einem schottischen Rasthaus treffen sie wie geplant Bob, der dort arbeitet und wollen gemeinsam fliehen; um das nötige Geld für die Flucht zu bekommen, wollen sie Marilyn Oland entführen und von ihrem Gatten Geld erpressen – doch da entdeckt Mrs. Twaddle beim Radfahren mit ihrem Hund den ermordeten Totengräber und weiß sofort: Es waren Mörder! „Mörder, Mörder“ rufend eilt sie mit ihrem Rad zum Rasthaus und erzählt Bob von dem schnöden Mord – dem Falschen! Eine zweite Leiche dort entdeckend, wird sie durchs Rasthaus gejagt und schließlich getötet.

Nachdem auch die Entführung Mrs. Olands scheiterte, taucht eine junge Mutter mit ihrer gelähmten Tochter Emily auf. Sie ist auf dem Weg in das nächste Krankenhaus und erzählt bereitwillig, dass sie 2000 Pfund für die Operation dabei hat, die Emily wieder auf die Beine helfen soll. Die verbliebenen Verbrecherinnen entführen Emily, geraten aber untereinander in Streit ob der Brutalität, die sich nun auch gegen ein Kind und ihre Eltern richtet – als der Vater im Kampf stirbt, wählt die Mutter den Freitod. Linda, die einzige überlebende Ausbrecherin, wandert wieder in den Knast, aber nicht für lange, da sie Emily geholfen hat.



Review:

„Das Rasthaus der grausamen Puppen“ ist ein Exploitationkrimi von Rolf Olsen („Heubodengeflüster“, „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, beide auch 1967) und überrascht mit einem stargespickten Cast, unter anderem Ellen Schwiers als Mrs. Nipple, Jane Tilden, Margot Trooger und Helga Anders.

Was den Film bemerkenswert macht, ist die ausgesprochen dichte Inszenierung, ständig gibt es Eyecandy, Action, Humor, Derbheiten, so dass es überhaupt nicht mehr auffällt, dass es dem Film aufgrund seiner Sprunghaftigkeit an einer Grundspannung mangelt. Es ist kein spannender Krimi, auch wenn er auf den ersten Blick wie ein Edgar-Wallace-Film aussieht, vielmehr ein Actionfilm, wie er aufregender und unterhaltsamer nicht sein kann. Während die Gewalt exzessiv wie ein Horrorfilm (der späten 60er) inszeniert ist, der Beginn 10 Minuten lang an das Women-in-Prison-Genre denken lässt, die Flucht im Leichenwagen an ein Roadmovie und die Situation im Rasthaus „The Hateful Eight“ (2015) alle Male in die Tasche steckt, bietet der Showdown nach dem Verlust Miss Marples noch ordentlich Dramatisches, bis der Film in den letzten Minuten so tut, als sei er ein Polizeifilm gewesen und das Verbrechen vom Yard endlich aufgeklärt worden. Dazu mit fetziger Musik und noch besserem Titelsong („Dirty Angels“ von Don Adams), sexy Frauen in einer „Pelle“ up to Date, die böse sind wie es in anderen Filmen dieser Zeit nur Männer oder Frauen in Russ-Meyer-Filmen sein durften und damit auch aus feministischer Sicht fortschrittlicher als die meisten heutigen Genrefilme.

Der Film wurde als Abschlussfilm auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in ungekürzter Fassung gezeigt und vom Publikum als einer der Höhepunkte und würdiger Abschluss des Festivals gefeiert.


Fazit:

„Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen!“
(Evangelischer Filmbeobachter)


Wertung:

10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 27.11.2018 17:10 
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Suspiria – Luca Guadagnino

(Italien / USA 2018)

15.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)
25.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)



Inhalt:

Susie Bannion aus den USA möchte in der „Markos“-Tanzschule in Berlin ihre Ballettkünste verbessern. Dort wird gerade das Stück „Volk“ eingeübt und dort angekommen, kann sie die Tanzlehrerinnen, insbesondere die perfektionistische Madame Blanc, schnell von ihren Fähigkeiten überzeugen und bekommt schnell die Hauptrolle, die sie beherrscht, da sie bereits eine Aufführung von „Volk“ gesehen hat.

Allerlei Merkwürdigkeiten, von denen Susie keine Ahnung hat, tragen sich unterdessen in der Tanzschule zu: Die ehemalige Tänzerin Patricia mit Sympathien für die RAF muss sich einem Psychiater anvertrauen, da sie meint, Hexen würden nachts in ihren Träumen zu ihr sprechen; von Bildern, auf denen Augen zu sehen sind, fühlt sie sich beobachtet. Olga, die vor Susie die Hauptrolle in „Volk“ kurzzeitig inne hat – sie ersetzt Patricia – bekommt einen hysterischen Anfall und kündigt ihre Rolle auf – als Susie kurze Zeit später „Volk“ einübt, werden ihre Tanzbewegungen von den Hexen der Tanzschule auf Olga durch Zauberei übertragen, so dass diese Bewegungen Olgas Körper zerstören.

Dr. Klemperer, dem sich die mittlerweile verschwundene Patricia anvertraut hat und der immer noch hofft, seine im 2. Weltkrieg von ihm getrennte Frau wiederzufinden, glaubt mittlerweile auch an die Existenz eines Hexenkultes in der Tanzschule und sieht sich auch die Neuaufführung von „Volk“ an, die allerdings wegen eines Unfalls einer Tänzerin abgebrochen werden muss. Als er sich abermals der Schule nähert, trifft er tatsächlich seine verschollene Frau, die sich jedoch kurze Zeit später in Nichts auflöst. In diesem Augenblick wird er von höhnisch kreischenden Hexen in die Tanzschule entführt, wo er Zeuge eines Rituals wird, die seine Vermutungen über zwei Parteiungen im Hexenkult bestätigen, denn neben den 3 Müttern Lachrymarum, Tenebrarum und Suspiriorum gibt es auch noch eine neue Mutter – Markos. Mutter Markos soll im Körper einer der Tanzschülerinnen im Laufe dieses Rituals wiedergeboren werden – doch Madame Blanc, die Zeremonienmeisterin dieses Rituals, spürt, dass etwas nicht stimmt und will abbrechen. Dafür ist es zu spät, als sich Susie als Mater Suspiriorum zu erkennen gibt, die Herrschaft übernimmt und den Tanzschülerinnen das gibt, was sie sich ersehnen („Ich will sterben“): Den Tod.

Wenige Tage später sucht Mater Suspiriorum Dr. Klemperer auf und enthüllt ihm, was wirklich mit seiner Frau geschehen ist: Sie kam bei der Flucht aus Berlin um. Anschließend nimmt sie ihm aus mütterlicher Barmherzigkeit die Erinnerung an diese Offenbarung.



Review:

Mit Tilda Swinton arbeitete Regisseur Luca Guadagnino bereits häufig zusammen, mit seinem Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, seinem Cutter Walter Fasano und seinem Drehbuchautor David Kajganich vereinzelt („Call me by your Name“, 2017, bzw. „A Bigger Splash“, 2015). Mit diesem eingespielten Team verfilmte er Dario Argentos Meisterwerk „Suspiria“ (1977) neu und siedelte die Geschichte seines Films in die Gegenwart von Argentos Film an, in die Zeit des Deutschen Herbstes.

Das Drehbuch erscheint zunächst ambitioniert und vielschichtig: Konzentrierte sich Dario Argento noch auf den reinen Horror, den er mit surrealistischen Farbspielen auf die Leinwand zauberte und so einen Look schuf, der sich zwar in die Tradition Douglas Sirks und seinen unmittelbaren Vorläufer Mario Bava stellte, jedoch trotzdem in dieser Vollkommenheit und Konsequenz über fast den ganzen Film hinweg so noch nie da war und gewiss stilistisch einen Höhepunkt der Farbdramaturgie bildet, verwarfen Kajganich und Guadagnino selbige als Style-over-Substance-Camp und stellten die Story in den Vordergrund. Diese, durchaus komplex, bietet vielerlei Subtexte und Anspielungen, die das Original in dieser Deutlichkeit nicht besaß oder brauchte:


1. Mütterlichkeit

Während bei Dario Argento die Drei Mütter, von Thomas De Quincey, einem Dichter der Englischen Romantik entlehnt, die Personifikationen von Seufzen, Tränen und Finsternis sind, somit redende Namen tragen und den Tod bringen, ist zumindest Mater Suspiriorum in Guadagnonis Werk die Personifikation der Mütterlichkeit. Der Begriff ist hier ganzheitlich aufzufassen und nicht einseitig positiv, etwa im Sinne von „Fürsorglichkeit“, nach dem er auf den ersten Eindruck klingt. Eine Mutter, und das macht der Film mit einer Texttafel schon zu Beginn des Filmes deutlich, entscheidet als mächtigste Person im Leben eines Kindes über dessen Glück und Unglück. In der Philosophie wird die Mutter manchmal mit einem gottgleichen Wesen Verglichen, als das ein Kleinkind diese betrachten muss, und in Abgrenzung zum Begriff „Fürsorglichkeit“ muss zur Mutterrolle auch berücksichtigt werden, wie brutal die Kindererziehung im Vergleich zu unserer zivilisierten und überregulierten Zeit noch vor 50 Jahren teils gewesen ist.

Dies erklärt auf den Film bezogen nicht nur, dass Mater Suspiriorum, die ihren „Kindern“, den Tanzschülerinnen, am Ende den Tod bringt (Euthanatos), aber Klemperer gegenüber Barmherzigkeit übt, sondern auch die Rollen der Tanzlehrerinnen (bis auf Madame Blanc, der Zeremonienmeisterin), deren Launenhaftigkeit an Pubertierende erinnert. Die Mutter ist Kontrollinstanz über Kinder verschiedener Altersgruppen – in „Suspiria“ ins Mythologisch-Allegorische überhöht.



2. Gewalt und Terror

„Sie sind seit dem Krieg im Untergrund“ meint die entflohene Patricia zu Dr. Klemperer gleich zu Beginn des Films. Damit baut der Film eine Verbindung zur Zeit des Nationalsozialismus auf, der gewalttätigsten Epoche in der deutschen Geschichte. Ähnlich wie also nationalsozialistische Haupttäter sind die Hexen dieser Tanzschule also gezwungen, aus dem Verborgenen zu agieren. Spiegelt man die oben angesprochene Totalität der Mutterrolle in den Nationalsozialismus, erkennt man Parallelen zum Führerprinzip, das seinem „Volk“ Glück und Barmherzigkeit versprach, aber vielen den Tod brachte – wie Mater Suspiriorum am Ende den Tänzerinnen des Stückes „Volk“, von denen sie einigen den Tod bringt.

Eine weitere Parallele ist Terrorgewalt, in „Suspiria“ am Beispiel der RAF dargestellt. Die dem Hexenhaus entflohene Patricia hegt Sympathieen für die RAF und wird auch verdächtigt, an einem Bombenanschlag in Hörweite der Tanzschule beteiligt gewesen zu sein. Der Film deutet an, dass die dem Menschen innewohnende Gewalt, seit dem 2. Weltkrieg gezügelt (Hexen im „Untergrund“), Ventile im Terror sucht, der durch Hexen angeregt wird, in Entsprechung in ihrer Rolle als nationalsozialistische Haupttäter. Erst im Wiedererscheinen Mater Suspiriorums und damit des Führerprinzips deutet sich an, dass man in Zukunft solcher Ventile nicht mehr bedarf.



3. Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften

Bereits in den ersten Bildern eines Filmes sollen sich die wichtigsten Handlungselemente bis zum Ende des Films ableiten lassen, so die Drehbuchtheorie, die „Suspiria“ brav umsetzt. So sehen wir in Dr. Klemperers Praxis ein Buch über Freimaurerei mit Winkel und Zirkel und allsehendem Auge darin auf dem Buchdeckel – Patricia hat, nachdem sie das Buch bemerkt, Angst davor und dreht es um, wie auch Fotographien, auf denen Gesichter zu sehen sind, da sie wahnhaft befürchtet, beobachtet zu werden. So also, wie es Menschen gibt, die einen Verfolgungswahn vor den Machenschaften von Freimaurern und Illuminaten entwickeln – deren Psyche also von den Fantasien über real existierende Geheimgesellschaften zerstört wird – wird Patricias Geist von den Ängsten und Fantasien, die die real existierenden Hexen in ihren Träumen in ihr säen, zerstört. Zwar gibt es Parallelen auch zu anderen Geheimgesellschaften und okkultistischen Bewegungen, doch bleiben wir bei der Freimaurerei, die die vorgenannten Prinzipien in diesem Film erneut spiegelt: Regelmäßig nimmt man in der Freimaurerei an Ritualen teil, es gibt einen Logen- oder Stuhlmeister und einen Zeremonienmeister. So wie in die verborgenen Räume der Tanzschule verschafft man sich Eintritt in die Logenräume durch Klopfzeichen und so, wie in Klemperers Buch mit seinen Aufzeichnungen über den Hexenkult mit teils kabbalistischen geometrischen Anordnungen sind auch die Ritualgegenstände und Positionen der Brüder im Logenraum angeordnet. Unterstellt wird der Freimaurerei manchmal fälschlicherweise, es gäbe zwei unterschiedliche Gruppen (blaue und rote) die sich in Parteiungen zusammengeschlossen bekämpfen, so wie die Markos-Parteiung in „Suspiria“. Freimaurerei bildet aus Sicht der ausschließlich männlichen Freimaurer einen Gegenpart zum weiblichen Prinzip der Mütterlichkeit, das die Möglichkeit, Kinder zu gebären – zu erschaffen – einschließt, indem sie Brüder den Prozess der Erkenntnis wie eine Wiedergeburt erfahren lässt. Der Film spiegelt also seine Aussagen über Mütterlichkeit und Führerprinzip auch in das Wesen der Geheimgesellschaften so, wie er Tanzbewegungen in den Körper anderer, abtrünniger Mitglieder zu deren körperlicher Vernichtung spiegelt.


Kritik:

„Suspiria“ (2018) ist ein Film, der komplex auf philosophische, faschistische und psychologische Fragestellungen verweist und ein Paradebeispiel dafür, warum hohe Komplexität nicht gleich Kunst ist, Kunst ist Virtuosität. Sieht man sich Argentos gleichnamigen Film an, erkennt man Filmsprache und Virtuosität auf dem Gipfel der Kreativität und des filmisch Möglichen, bei Guadagninos Film ist alles Drehbuch. Wie ein verfilmtes Hörspiel mutet der Film an, der alles zu erklären versucht („Die RAF. Baader-Meinhof. Sie haben einen Geschäftsmann entführt. (...)“. Ob der Dialoglastigkeit gelingt es dem Film nie, auch nur das kleinste bisschen Spannung zu erzeugen, denn um in einem Film Spannung zu erzeugen braucht es filmischer Mittel, ein Konzept von Schnelligkeit und Langsamkeit in der Szenenfolge, Licht und Dunkelheit, eine ungewohnte Ausstattung, Täuschung und Erkenntnis – eben Virtuosität. Einen Film durch und durch grau erscheinen zu lassen (Berliner Plattenbauten, Asphalt, Dauerregen und Schneematsch) und eine historisch korrekte 70erjahreausstattung mag zwar stimmig sein und eine intensive Atmosphäre bei dem ein oder anderen Zuschauer bewirken, Spannung wird aber durch Suspense erzeugt, durch eine Bedrohung, bei der mindestens der Zuschauer, vielleicht auch der Protagonist weiß, was die Bedrohung ist. Über die Art der Bedrohung lässt der Film seine Zuschauer aber gänzlich im Unklaren und endet sogar mit einem Plottwist; dass dem Zuschauer sehr früh am Beispiel Olgas erklärt wird, mit welchen Sanktionen die Schülerinnen bei einer Kündigung oder Flucht zu rechnen haben, wirkt nutzlos, da es im weiteren Handlungsverlauf nie um eine Flucht geht.

Man muss „Suspiria“ (2018) auch nicht mit dem gleichnamigen Film von 1977 vergleichen, um ihn schlecht zu finden, man kann auch irgendeinen italienischen Horrorfilm oder irgendeinen Giallo heranziehen und nach kurzer Betrachtung feststellen, wie unterschiedlich der Charakter und künstlerische Wert ist: Bei Szenen des Entsetzens sind plötzlich Gesichter die ganze Leinwand erfüllend, wie man es in der Realität nie sehen kann, zu sehen und bieten nie gesehene Bilderwelten, Spannung, Romantik und jedes Gefühl wird in Musik mit Ohrwurmcharakter gekleidet, die Frauen sind schön und ebenso gekleidet (und die Männer soweit ich beurteilen kann auch), Farbigkeit wird mindestens im Design und der Mode betont, die Filme vermögen mit Humor oder unvermittelter Gewalt zu überraschen (nicht erst nur am Schluss mit einem Twist) und immer kann man auch bei den schlechteren Filmen sehen, dass sie von Menschen gemacht werden, die Filme lieben und zeigen wollen, was sie lieben (Ich spreche wohlgemerkt vom italienischen Film der Sechziger und Siebziger, nicht vom modernen Superheldenblockbusterkino, da wird das auch meist falsch gemacht). „Suspiria“ als handwerklich gänzlich uninspirierter Film ist der filmgewordene Inbegriff eines Professorenfilms, ein Beispiel intellektueller, drehbuchversessener Lieblosigkeit par excellence.


Fazit.

Gattungsspezifisch ist der Film sicherlich Kunst.

Wertung:

2 / 10



Anmerkung:

Das einzig Interessante und Witzige ist Mater Suspiriorums Vorname. Darüber darf nachgedacht werden.


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 19.12.2018 14:26 
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Die Leidenschaften der jungen Carol – Shaun Costello

(USA 1975)

18.12.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,33:1)



Inhalt:

Carol Scrooge führt ihre Pornofilmagentur Riva mit eiserner Faust: Selbst zu Heiligabend wird noch gedreht. Da sucht sie nachts der Geist Marleys auf, ein früherer Mitstreiter, und wedelt mit seinem Gemächt vor ihrem Schlafzimmerfenster, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Er macht Carol mit seinem jenseitigen Schicksal bekannt, wie auch mit einem verstorbenen Finanzhai, der mit Kreditkarten behängt dazu verdammt ist, dass überall auf der Welt seine Kreditkarten nicht angenommen werden. Sie begegnet später den Geistern der vergangenen, der heutigen und der zukünftigen Weihnacht: Der erste führ ihr vor, wie Carol in ihrer Kindheit erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hat (das wird natürlich deutlich erkennbar von Erwachsenen gespielt!), der zweite, wie ein Angestellter von ihr trotz seines geringen Gehalts sich mit seiner Frau vergnügen kann, und der dritte, dass Carol als billige Hinterzimmerhure enden wird, wenn sie sich nicht ändert. Am nächsten Tag begrüßt Carol freudestrahlend den Weihnachtsmorgen.


Review:

Lt. Eigenaussage Shaun Costellos („Water Power“, 1977) ist „The Passions of Carol“ das erste vollständige Drehbuch, das er schrieb, und auch wenn man kaum etwas falsch machen kann, wenn man Charles Dickens Weihnachtsgeschichte zumindest in seiner Struktur werkgetreu übernimmt, ist dieses Debüt rundum erfreulich: Handlung und Sex stehen sich in etwa gleichberechtigt gegenüber, der Dialog ist mal ernst, mal heiter, aber immer im Einklang mit der Handlung und Stimmung im Film; und als Sahnehäubchen kann Mary Stuart, die Carol Scrogge spielt, auch Gefühle jenseits der sexuellen Verzückung glaubhaft darstellen. Bemerkenswert ist auch die Mühe, die man sich mit der Ausstattung gemacht hat, denn wir sehen nicht nur ein paar weihnachtliche Dekoelemente, sondern besonders dann, wenn es um die Darstellung des Jenseits geht, schneeweiße und silbrige Kulissen, Nebel etc. Neben einigen (z. B. aus „The Opening of Misty Beethoven“, 1975) bekannten Pornofilmmusiktracks werden in dem Film auch mehrere traditionelle Weihnachtsmelodien gespielt, sodass dem Vergnügen, sich weihnachtlich in Stimmung zu bringen, nichts im Wege steht.


Fazit:

Gelungene, wenn auch freie, Literaturverfilmung.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 11.01.2019 17:38 
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Therese und Isabell – Radley Metzger

(D / USA / F / NL 1968)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Um ihre Erinnerungen aufzufrischen, besucht Therese nach 20 Jahren wieder ihr Mädcheninternat, das inzwischen verlassen ist. Vor ihren Augen entstehen die Bilder, wie sie ihre große Liebe Isabell kennenlernte, die vor den strengen Lehrerinnen und auch Mitschülerinnen geheim gehalten werden musste, bis Isabell schließlich verschwand und Therese sie nie wieder sah.


Review:

Radley Metzger drehte mit dem deutschen Kameramann Hans Jura ein Jahr zuvor bereits „Carmen Baby“; wie bei diesem zeichnete sich auch Jesse Vogel mitverantwortlich für das Drehbuch aus. Der zugrundeliegende Roman von Violette Leduc ist ein Opfer der französischen Zensurgeschichte: Als zweiteiliger Roman „Ravages“ 1954 um die erste Hälfte „Thérèse et Isabelle“ verboten, erschien diese 1966 gekürzt und erst 2000 mit dem Schlussteil vollständig. Der Film bezieht sich nur auf den „Thérèse-und-Isabelle“-Teil.

In wie gewohnt bei Radley Metzger perfekten Kamerabildern wird – diesmal in schwarz/weiß – gefühlvoll und ohne jede Exploitation eine lesbische Liebesgeschichte erzählt. Die eher zahmen Sex- und Nacktszenen sorgten jedoch dafür, dass der Film in einigen Ländern zensiert und skandalisiert wurde. Metzger und Jura gelang in „Therese und Isabell“ entgegen der Zensorenmeinung in einigen Szenen große, an den Surrealismus grenzende Kunst: Es wird viel mit Kontrasten gearbeitet – enge Internatsräume, erste Streicheleinheiten der beiden in einer Telefonzelle vs. viel freie Natur, Gärten und Biergärten; Sex zwischen den beiden findet einmal in einer Kirche statt, der Kontrast hier muss vermutlich nicht erklärt werden – und in einer Szene kommuniziert und interagiert die 20 Jahre ältere Gegenwarts-Therese mit der Isabell der Vergangenheit. - - Wo Licht ist, ist auch Schatten: Zu allen Liebesszenen in dem Film werden erotische Romanauszüge aus dem Off vorgelesen, da die starken Bilder für sich selbst sprechen – eine sehr lange in einer Einstellung gedrehte Szene zeigt ausschließlich Extreme-Close-ups – bringt das keinen Mehrwert und nervt nach einiger Zeit sogar.

Störend wirkt auch die manchmal allzuflapsige Synchronisation: „Er (ein Vogel) war ein Geschenk von Oswald Kolle. Er ist leider eingeschlafen. An Übersättigung“

Der Film wurde auf dem 18. Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Ein schöner, wenn auch vergleichsweise schwacher Film von Radley Metzger.


Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 14.01.2019 18:01 
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Die Totenschmecker – Ernst Ritter von Theumer

(D 1979)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Der Mehrgenerationenhaushalt eines Bauernhofs in den bayrischen Bergen fürchtet campierende Zigeuner, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft an einem See niedergelassen haben. Die jugendliche Anne, das Annerl, freundet sich mit Joschy, einem jungen Zigeuner an, doch als ihr geistig behinderter Bruder Franz versehentlich eine Zigeunerin tötet und seine Familie daraufhin, um keine Schwierigkeiten mit der Polizei zu bekommen, nach und nach fast den gesamten Zigeunerclan ermordet, ist es vorbei mit der Idylle.

Einziger Überlebender ist Joschy, der als mysteriöser Rächer den Spieß im Wortsinne umdreht und begleitet zum Spiel seiner Geige die Bauernfamilie umbringt. Franz, der vor den beiden letzten Vergeltungsmorden die Geige findet, die er schließlich am Tatort zurücklässt, wird als Täter von der Polizei verhaftet, die die Täterschaft der Zigeuner ausschließt.



Review:

Ernst Ritter von Theumer thematisiert die antiziganistischen Vorurteile der Landbevölkerung in einem Film, der als Alpenbackwoodhorrorfilm charakterisiert werden kann, ohne selbst diese Vorurteile zu vertreten, wie es dem Film manchmal vorgeworfen wird. Als Anne ein zigeunerfeindliches Lied singt, lernt sie gleich nach dem letzten Vers den geigespielenden Joschy kennen, mit dem sie sich anfreundet und in den sie sich schließlich auch verliebt. In dem Moment, in dem eine junge Zigeunerfrau Eier aus dem Stall stehlen will, scheint der Film kurz die Klischees, die er kritisiert, zu bestätigen, die beiden grausamen Morde an den beiden Zigeunerinnen, die gleich darauf von den Hofbewohnern begangen folgen, übertreffen das Vergehen deutlich.

Nun ist „Die Totenschmecker“ aber kein Sozialdrama, in dem Rassismus ausdiskutiert wird, sondern ein Backwoodfilm, der zwar nur mit wenig Spannung aufwarten kann, dafür aber mit großen, stimmungsvollen Bildern – und der mit Fortschreiten der Handlung immer mehr offen lässt was die Gewaltspirale antreibt. Zu Beginn, als die Gewalt ausbricht, Angst (vor den Zigeunern und der Polizei) und Rassismus, dann das Bedürfnis nach Sicherheit (alle anderen Zigeuner müssen auch getötet werden, damit das heimatlich-behagliche Leben nicht gefährdet wird), dann die Rache Joschys und schließlich von der Geige und ihrer Musik selbst! Denn nachdem Franz die Geige zufällig findet, erklingt trotzdem vor den letzten Morden das Geigenspiel – und kein Täter ist zu sehen, war es Franz, oder war es Joschy? So kehrt der Film an seinen Ursprung zurück und wird romantisch-naturphilosophisch: Der erste Mord an der Zigeunerin wird von dem in einem Stall lebenden geistig behinderten Franz (FRAnkensteins Monster, dem Aussehen nach) verübt, der sich selbst nicht bewussten Natur, die letzten Morde werden nicht mehr von Menschen sondern der musikalischen, transzendenten Natur verübt. Dazwischen sehen wir den Menschen, die zwar mit der Natur in Einklang leben, aber von der Zivilisation mit intolerant-christlichen und rassistischen Denkweisen vergiftet wurden. Und damit ist der Film auch heute noch aktuell!


Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Zum Nachdenken anregender, völlig unterschätzter Heimathorrorfilm mit Anleihen am Italowestern.


Wertung:

8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.01.2019 15:57 
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Die Liebesmuschel – Pete Walker

(GB 1970)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Die beiden befreundeten Jugendlichen Joe und Carol wollen ihr Glück in London versuchen, dazu fragt Carol ihren Vater um seine Erlaubnis: „Sag mir die Wahrheit: Bist du noch unschuldig?“ – „Nein“ – „Dann darfst du fahren.“ In London angekommen stellt sich schnell heraus, das das Jobangebot, von dem Joe Carol vorgeschwärmt hatte und das ihren gemeinsamen Lebensunterhalt sichern sollte, nur vorgeflunkert war, um Carol dazu zu bringen, ihn zu begleiten. Hinzu kommt, dass beide, besonders aber Carol, über ihre Verhältnisse leben und so bald aus der Not heraus Arbeit und Geld brauchen.

Schnell gelingt es der äußerst attraktiven Carol, mit nackter Haut Geld zu verdienen und lernt dabei auch die Schattenseiten dieses Gewerbes kennen; Joe fungiert dabei als ihr treuer Manager. Als sie es schließlich zu großem Erfolg gebracht haben, beschließen sie, wieder nach Hause aufs Land zurückzukehren.



Review:

Pete Walker drehte in den späten Sechzigern bis 1970 überwiegend Erotikfilme, danach überwiegend Horrorfilme („Frightmare“, 1974). „Die Liebesmuschel“ verfrachtet Motive des Erotikromanklassikers „Fanny Hill“ (1749) in die Gegenwart von 1970 und schildert dabei unterhaltsam die Licht- und Schattenseiten der sexuellen Revolution. Zwar haben die beiden Protagonisten nahezu alle Freiheiten, die 5 Jahre zuvor noch undenkbar waren, doch geraten sie dabei auch an zwielichtige, schmierige und gewalttätige Ausbeuter – besonders eine Szene, in der ein Pornofilm mit Carol gedreht wird, ist geradezu infernalischer Schmier. Leider sind aber solch gelungene Szenen in dem Film rar gesät; es überwiegt eine statische, lustlose Inszenierung, die sich geballt in dem geradezu peinlichen Happy-End manifestiert. Aufgrund von Janet Lynn, der Darstellerin der Carol, den Aufnahmen von London und der Mod-Mode aber einen Blick wert.

Von der deutschen Fassung kann nur abgeraten werden: Mit einer sinnentstellenden Kalauersynchronisation versehen und um Sexinserts angereichert, von der FSK aber wieder um Erotik gekürzt, macht sie eine restlos faire Beurteilung des Films unmöglich.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum mit mäßiger Begeisterung aufgenommen.


Fazit:

Interessanter Plot, meist aber äußerst fade Inszenierung.


Wertung:

4,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.01.2019 16:03 
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Der Pornojäger – Peter Heller

(D 1989)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 16mm, DF)



Review:

„Der Pornojäger“ ist der Beiname des seit den Siebziger Jahren bis zu seinem Tod 2011 gegen die Pornographie und für Christentum, Anstand und Heimat engagierten Martin Humer. Humer, der die vermutlich größte Pornosammlung Österreichs besaß – natürlich nur, um gegen die kommunistischen Verschwörer, die sie verbreiteten, vorzugehen – wehrte sich immer gegen den Vorwurf, ein Nazi zu sein, denn ein Nazi ist ja aus Sicht von Leuten wie Humer nur jemand, der sich selbst so bezeichnet, nicht aber der, der Naziparolen von sich gibt und einzelne Positionen wie rassische Reinheit gutheißt. Obwohl es aus seiner Sicht also heute ( zur Zeit dieses Dokumentarfilms 1989) mit der gesellschaftlichen Moral im Vergleich zu der Zeit vor 50 Jahren bergab gegangen ist, insbesondere weil die Pornographie grundsätzlich die Frauen in der Art schwächt, dass sie sogar bereit sind, ihr Erbgut mit Afrikanern zu vermischen, gab Humer mit seinem Kreuzzug nicht auf, den er oftmals so entschieden gegen Videotheken mit Pornofilmen im Verleih und Zeitschriftenhändler führte, dass die Polizei ihn wegen Hausfriedensbruchs und Wiederstands gegen die Staatsgewalt festnehmen musste und er sich auch entsprechend viele Verurteilungen einhandelte. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sich Humer auch nicht durch sachliche Argumente von Richtern, Staatsanwälten, und Sexualwissenschaftlern von seinem Heldenkampf abbringen ließ im Kampf gegen die kommunistische Pornographie und die Verderbtheit der rassischen Konfusion und Kritiker stets niederbrüllte, wenn er nicht weiter wusste.

Der Martin Humer entlarvende Dokumentarfilm wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und regte das Publikum zu interessanten Diskussionen an.


Fazit:

*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***


Wertung:

9 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.01.2019 16:42 
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Wild Girls in Excess – Henri Pachard

(USA 1991)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

„Ich bin Carlo Sanchez. Mein Vater ist im Ölgeschäft erfolgreich und ich bei schönen Frauen“. In einem heimlich betriebenen Luxusbordell wird das muntere Treiben nicht nur Carlos mit den schönen Frauen unangenehm unterbrochen, als die Polizei in Form einer Hausdurchsuchung mit anschließenden Verhaftungen gegen das Etablissement vorgeht.

Doch für die Freier und Frauen, die zumeist ineinander verliebt sind, geht alles gut aus, nachdem der scheinheilige Staatsanwalt, der dem Bordell die Polizei auf den Hals gehetzt hatte, um Beweismittel, die gegen ihn sprechen, zurück in seinen Besitz zu bekommen, auffliegt.



Review:

Henri Pachard drehte ca. 400 Pornofilme, die meisten davon in den Achtzigern und Neunzigern (darunter „The Devil in Miss Jones II“, 1982). „Ashley – Sattelfest in allen Betten“ ist der Titel, unter dem er gekürzt und mit mit einer Zweitkamera gedrehtem alternativen Softcorematerial 1999 auf RTL 2 lief, während „Wild Girls in Excess“ der originale deutsche Titel der deutsch synchronisierten 35mm-Kopie mit Hardcorematerial ist.

Aufgrund der Mode und der aus „Miami Spice“ (1986) entliehenen Filmmusik nahm ich bei Sichtung ein Produktionsjahr um 1988 an, aufgrund der Tatsache, dass mehrere Darsteller in dem Film ihre Karriere erst 1991 begannen, stimmt das in der imdb angegebenen Jahr jedoch. Der Film selbst bietet wie für diese Zeit bereits üblich überlange Sexszenen mit teils silikonbrüstigen Frauen, einem who-is-who der damaligen Pornosternchen. Der Sex wie auch die Handlung ist jedoch von einer überraschend entspannten und heiteren Stimmung geprägt und bietet sogar ein echt romantisches Happy-End, sodass der Film trotz aller Bedeutungslosigkeit angenehm anzusehen und keine Zeitverschwendung ist.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und bot ein so interessantes wie wichtiges Kontrastprogramm zum zuvor gezeigten Film „Der Pornojäger“ (1989).


Fazit:

„Bist du geil?“ – „Du kannst blöde Fragen stellen!“


Wertung:

5,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 16.01.2019 19:11 
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Ein Mädchen von 18 Jahren – Mario Mattoli

(IT 1955)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Maria ist eine neue Schülerin in einem italienischen Mädcheninternat, in dem alle Schülerinnen in ihren Physiklehrer verliebt sind. Und auch als Maria ihn erblickt, ist es um sie geschehen: „Sie sehen mich immer mit so elektromagnetischen Augen an. Mir wird dann immer ganz physikalisch“. Da in einem Internat aber Zucht und Ordnung herrschen muss, beschlagnahmen die Lehrerinnen auf Geheiß der Direktorin die Tagebücher der jungen Damen und werden fündig, denn es stehen so furchtbare Sachen darin wie „Ich werde dich zum Erglühen bringen“ – trotzdem: „In den Tagebüchern der jungen Mädchen entdeckt man immer die gleichen Phrasen. Mal heißt er Romeo, mal Elvis Presley“ ist das enttäuschte Fazit, und zudem konnte von Maria kein Tagebuch entdeckt werden. Aus diesem Grund werden sie und eine weitere Schülerin zur Direktorin bestellt, damit sie ihre Bücher aushändigen, doch Maria weigert sich, da sie keines führt.

Mittlerweile bemerkt auch der Physiklehrer, dass die Schülerinnen ihm mehr Interesse als dem Unterrichtsstoff entgegenbringen und beschließt: „Jetzt ist Strenge gefordert!“ Trotzdem verliebt auch er sich in Maria; über ihre Heiratswünsche freut sich auch Marias Papi, ein Unternehmer: „Ich hab einen Physiker und das Mädchen was fürs Herz“.



Kurzreview:

„Ein Mädchen von 18 Jahren“ ist Mario Mattolis Remake seines eigenen Films „Reifende Mädchen“ von 1941, der noch keine Komödie, sondern ein ernsthaftes Drama war. Mit Marco Scarpellis Kamera hervorragend bebildert und mit stets heiterem Grundton, den auch die Synchronisation trotz leichter Änderungen nicht entstellt, bietet der Film ein spritziges Vergnügen voller Wortwitz bis zur letzten Minute.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat das Publikum gut unterhalten.


Fazit:

Eine rundum unterhaltsame Komödie mit viel Fünfzigerjahreflair, die weitgehend auf Klamauk verzichtet.


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 23.01.2019 18:33 
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L´osceno desiderio – Giulio Petroni

(IT / ESP 1978)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, OmeU)



Inhalt:

Die frisch verheiratete Amanda bezieht mit ihrem Gatten Andrea dessen abgeschiedenen Landsitz. Dort treibt nicht nur ein Prostituiertenmörder sein Unwesen, sondern auch eine Sekte von Satansjüngern. Als Amanda schwanger wird, geraten die Prostituiertenmorde plötzlich zur Nebensache…


Review:

Giulio Petroni ist Regisseur einiger guter bis hervorragender Italowestern (besonders gelungen: „Von Mann zu Mann“, 1967), vertraute selbst seinem fertigen Produkt nicht und nahm für die Credits das Pseudonym Jeremy Scott an. Später distanzierte er sich von dem Film und behauptete, er habe ihn nicht gedreht und wisse auch kaum etwas über den Film. Petroni, der lt. Roberto Curti den Film sehr wohl hauptverantwortlich inszenierte, fand für die gediegenen Bilder den Kameramann Leopoldo Villaseñor, die dem Film Fluch und Segen sind. Segen, weil der Film professionell aussieht und je nach Bedarf lyrische oder epische Bilder gezaubert werden, Fluch, da der Film sich zu sehr auf seine stimmungsvollen Bilder verlässt. Das lässt sich an der vermutlich längsten Geburtstagstortenübergabe der Filmgeschichte und an Fünfminutensexszenenmeditationen in Zeitlupe festmachen.

Eine dieser Sexmeditationen hat es, aus unserer Gegenwart betrachtet, wirklich in sich: Laura Trotter, die in dem Film Rachel spielt, eine der Satansjünger, ist in „L´osceno desiderio“ genauso frisiert und geschminkt wie Ursula von der Leyen. Diesen Anblick in Zeitlupe konnte ich nicht ertragen und war bis zum Schluss des Films erblindet.

Der Film wurde in der spanischen erweiterten Fassung mit englischen Untertiteln auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Gerüchte, die auch in der imdb zu lesen sind, dass Jess Franco für den Score der spanischen Fassung (mit-)verantwortlich ist, sind lt. Curti falsch und widerlegt.


Fazit:

Langweiliges Rip-off von „Rosemary´s Baby“.


Wertung:

3 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 24.01.2019 19:14 
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Die wilden Engel von Hongkong – Kuei Chih-hung

(HK 1976)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, cut)



Inhalt:

Kuo Ching-Chung gerät auf einem Ausflug zusammen mit seiner Freundin und seiner Schwester ins Visier einer Motorradrockerbande, die schnell Kuos Schwester als erstes Todesopfer fordert, als die Bande Kuos Haus überfällt, die beiden Frauen vergewaltigen und sich seine Schwester wehrt. Auch die Freundin ist nicht mehr bei Sinnen, da sie einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, aber das heilt später ein zweiter Schlag auf die selbe Stelle – ein Hinkelstein hätte es vermutlich auch getan. Kuo jedenfalls jagt die Rockerbande und sein blutiger Rachefeldzug fordert Opfer um Opfer, bis diese wiederum die Oberhand gewinnen und dessen Haus belagern. Dort hat sich Kuo MacGyver mittlerweile ein Waffenarsenal aus Haushaltsgeräten gebastelt und kann sich effizient zur Wehr setzen.


Review:

Kuei Chih-hung ist besonders bekannt durch die überaus unterhaltsame Trashgranate „Karate, Küsse, blonde Katzen“ (1974), ein Film, bei dem Ernst Hofbauer die Koregie übernahm. In eine ähnliche Kerbe schlägt „Die wilden Engel von Hongkong“, der von der ersten Minute an das Tempo aufdreht und atemlos eine Gewaltspirale entfesselt. Das kann aufgrund mangelnder Glaubwürdigkeit und wegen fehlender Ruhephasen ermüdend wirken, im Kino aber als Fest des pausenlosen Motorengedröhns und eskalierter Action den Zuschauer überwältigen.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in der um Gewalt und Handlung gekürzten deutschen Kinofassung gezeigt und vom Publikum kontrovers, wenn auch überwiegend positiv, aufgenommen.


Fazit:

Comichaft überzeichnete Motorradrockergewalteskalation.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 25.01.2019 17:31 
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More than Feelings – Gerry Lively, Joe D´Amato

(USA / IT 1990)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, Beam einer digitalisierten VHS, DF)



Inhalt:

Nancy möchte professionell tanzen und nimmt Unterricht, dabei tritt sie in Konkurrenz zu Mayra, in die Kevin, Nancys Bruder, verliebt ist, und der die Tanzschule leitet. Dort lernt sie Rico kennen und verliebt sich in ihn, doch ihr Erfolg beim Tanzen schwebt in Gefahr: Nancy hatte früher mal einen Unfall, und wenn sie sich beim Tanzen besonders stark fordert, könnten die alten Verletzungen wieder aufbrechen.

Dies passiert jedoch nicht, und am Schluss gewinnt Kevins Tanzschule einen Wettbewerb und alle haben sich lieb.



Review:

Kameramann Gerry Lively drehte mit „More than Feelings“ sein Regiedebut. Da aber zu seinem späteren Werk, darunter „Dungeons and Dragons 2 + 3“ (2005 bzw. 2012) keine Ähnlichkeiten bestehen und der Film von der Fimirage, Joe D´Amatos Produktionsfirma, der offiziell in „More than Feelings“ als Executive Producer fungierte, finanziert wurde, darf man getrost aufgrund der überdeutlichen Gemeinsamkeiten dieses Films mit „Dirty Love“ (1988) und anderen Filmen D´Amatos der späten Achtziger und frühen Neunziger davon ausgehen, dass jener der echte Regisseur dieses Films ist (einige Seiten im Internet nennen ihn tatsächlich als Regisseur). Wie dem auch sei: D´Amato hat gleich noch Laura Gemser mitgebracht, die für die Kostüme zuständig war, und seine Cutterin Kathleen Stratton, die ab 1986 über 80 seiner Filme schnitt.

Die Bildsprache ist diesmal den damaligen Bruckheimer / Simpson – Produktionen entliehen, bei Motorradfahrten vor Sonnenuntergang imaginiert man zwangsweise „Take my breath away“ und „Show me heaven“. Für den Score und die Songs war jedoch die italienische Band Tiromancino zuständig, die erst 2 Jahre nach „More than Feelings“ mit einem Album debutierte. Deren Song „Hot Steps“ entwickelt aufgrund zahlloser Wiederholungen in dem Film zu einem Ohrwurm, den man allerdings gerne wieder los hätte.

Zugute halten kann man „More than Feelings“ dass er eine gewisse Liebenswürdigkeit besitzt. Das gilt sowohl für die Charaktere und wie sie miteinander umgehen, als auch für das Dreh- und Dialogbuch: Immer ist man beflissen „natürlich“ zu wirken; begrüßt Nancy Rico, erschrickt Rico ein bisschen und stößt sich deswegen an usw. Das sind Lückenfüller, die für gewöhnlich aus Drehbüchern gestrichen werden, hier sind sie aber teil des Konzepts, um Zeit zu schinden und die Menschen dabei sympathischer und auf einer Ebene mit dem Zielpublikum wirken zu lassen. - - Das alles ist wie „Dirty Love“ aber nichts anderes als eine Seifenoper im Kinofilmformat…

Der Film wurde auf dem 18 außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum als mittelprächtiges Vergnügen wahrgenommen.


Fazit:

„Manche kommen jetzt aus dem Bett, während andere sich gerade hinlegen – tja Leute, so ist das Leben!“


Wertung:

4 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 25.01.2019 18:37 
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Die lustigen Vier von der Tankstelle – Franz Antel

(D / Ö 1972)

4.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Der kleine Nicki ist enttäuscht, dass sein Vater arbeitsbedingt nicht mit ihm die Ferien verbringen kann und stattdessen die Gouvernante Frau Babinski auf ihn aufpasst. Die wird sogleich Opfer so manchen Streichs des erfinderischen Bengels, der schließlich seinem Joch entflieht und sich wichtigeren Dingen widmet: Eine Autobahnumgehung lässt die von 3 sympathischen Jungpächtern betriebene Südwesttankstelle versauern; Nicki und seine Schulfreunde sorgen nun dafür, dass der Autoverkehr mittels gestohlener Umleitungsschilder wieder in die alten Bahnen gelenkt wird. Doch dann ist da noch der Ministerialbeauftragte, der nicht sehr erbaut ist, dass er über die neue Umleitung nicht vorab informiert wurde…


Review:

Zur Entstehungszeit dieses Films drehte Franz Antel zwei Arten von Filmen: Komödien und Erotikkomödien. In beiden Bereichen hat er schlechte Filme gedreht und – sagen wir mal, nicht schlechte Filme. „Die lustigen Vier von der Tankstelle“ ist zwar kein Tiefpunkt im Schaffen Antels, aber sicherlich der ersten Gruppe zuzuordnen. Die Gags zünden nur selten, hier z. B.: Nicki: „Hallo Fräulein, nimmst du mich mit?“ – „Wo willst du denn hin?“ – „Geradeaus“ – „Da will ich auch hin“; der Film kann aber den „Paukerfilmen“, die 1972 bereits in den letzten Zügen lagen, nicht das Wasser reichen. Besetzt ist der Film äußerst prominent, Uschi Glas spielt die „schrecklich wache Schwester“, Hans-Jürgen Bäumler und Michael Schanze geben mit ihr zusammen das Tankstellentrio und Heintjenachfolger Nicki Doff als kleiner Nicki vervollkommnet das titelgebende Quartett. Letzterer darf auch öfter mal trällern und die Leidensfähigkeit des Publikums herausfordern,

…denn der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-kommandos von den beiden STUCateuren als stählerner Überraschungsfilm präsentiert. Abseits Nickis Tirilierens war dem Kommando wie dem überwiegenden Publikum der Film aber nicht stählern genug, da er noch annehmbar heiter war.


Fazit:

„Der Arzt sagt, ich habe einen kleinen Herzklappenfehler. Das heißt, mein Herz ist in Ordnung, aber ich kann meine Klappe nicht halten.“


Wertung:

4 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 29.01.2019 18:09 
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24 Stunden aus dem Leben einer Frau – Robert Land

(D 1931)

4.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Helga verliebt sich in Nizza in einen spielsüchtigen jungen Mann. Dieser erwidert ihre Liebe und gibt das Glücksspiel vorübergehend auf, um mit ihr eine gemeinsame Zukunft zu gründen, doch wird er bald rückfällig und ist in seiner Besessenheit kaum ansprechbar. Als Helga ihn verlässt und jetzt alleine die gemeinsamen Pfade um Nizza herum abwandert, hört sie seine Stimme und es besteht Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet.

Review:

Ein ernsthaftes Drama, das Robert Land, der sonst vor allem auf heitere Lustspiele und auch Heimatfilme abonniert war, 1931 drehte und in dem Henny Porten, die bereits in der Stummfilmzeit spielte, die Hauptrolle spielte – die Stummfilmerfahrung merkt man ihr an, da sie über eine sehr ausdrucksstarke Mimik verfügt. Der Film ist für Frankreichliebhaber (wie mich) sehr interessant, da das Nizza von 1931 und die nähere Umgebung gezeigt werden und sich so manche Gasse und so manches Küstenpanorama wiedererkennen lässt. Trotzdem schleppt sich der Film seinem Ende entgegen und ist als Spielerdrama wesentlich schwächer als z. B. „Höchster Einsatz in Laredo“ (1966). Von der Stefan-Zweig-Novelle von 1927, die dem Film zugrunde liegt, gibt es 5 Neuverfilmungen, zuletzt aus dem Jahr 2002.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat fast allen gut gefallen. Fast alle sind aber auch, meist über längere Zeit, während des Films eingeschlafen.


Fazit:

Trotz der kurzen Laufzeit langatmig, die schönen Nizza-Aufnahmen entschädigen etwas.


Wertung:

6 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 29.01.2019 18:35 
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Spiceworld – Bob Spiers

(GB 1997)

4.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Stets auf der Flucht vor aufdringlichen Papparazzi und böswilligen Profithaien in Gestalt von Produzenten wird die Zeit der Spice Girls von einem Auftritt bei „Top of the Pops“ bis zu einem Life-Konzert in der Royal Albert Hall gezeigt. Dabei kreuzen Aliens, eine Freundin, die ihr Kind zur Welt bringt und eine Bombe im Tourenbus ihren Weg.


Review:

In der Tradition britischer Musikfilmkomödien wie z. B. der Beatlesfilm „Yeah Yeah Yeah“ (1964) wird das Alltagsleben der ab 1996 überaus populären Spice Girls grotesk-humorvoll dargeboten. Mit über 20 Jahren Abstand ermöglicht der Film einen aufschlussreichen Blick in den schlechten Geschmack der Neunziger und übertrifft an camp sogar „Showgirls“ (1995) – ist jedoch weniger dicht erzählt und inszeniert, so dass er qualitativ hinter diesem zurückbleibt. Gespickt mit Gastauftritten unter anderem von Roger Moore, Elton John und Meat Loaf, sowie mit jeder Menge Spice-Girls-Songs, ist der Film gute Unterhaltung und bei weitem nicht so schlecht, wie er immer gemacht wird.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt; das Publikum war gespalten und bewertete den Film entweder schrecklich oder gut.


Fazit:

„Siehst du, egal wie erfolgreich du bist – zum Pinkeln musst du trotzdem manchmal ins Kalte!“


Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 29.01.2019 19:10 
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Sprechen – flüstern – stöhnen – Michi No Sex – Osamu Yamashita

(J 1966)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

In einem äußerst hellhörigen Haus werden die amourösen und auch traurigen, wutentbrannten Seiten von Liebesbeziehungen gezeigt.


Review:

Die Handlung des Films von Osamu Ymashita, der es in den 5 Jahren seiner Tätigkeit als Regisseur auf etwa 30 Filme brachte, ist rudimentär-expressiv und dreht sich um Liebe, Streit, Romantik und Leidenschaft. Dabei stellt der Film besonders die hörbare Erotik in den Mittelpunkt, ohne aber in Dirty Talk abzugleiten – vielmehr balanciert der Film zwischen auditivem Voyeurismus und Geräuschsbelästigung, derer sich so mancher Bewohner dieses Hauses zu erwehren sucht. Doch auch die Kameraarbeit ist von Anfang bis zum Ende durchdacht und künstlerisch interessant: verwendet wird ein ausgesprochen kontraststarkes Schwarz/weiß, Sex wird mitunter in Extreme-Close-ups gezeigt und eine davon, die als Höhepunkt des Films inszeniert ist, begeistert zu fetziger Musik, Lustschreien und Gesichtern und Nacktheit im Stakkatoschnitt.

Die Synchronisation ist manchmal etwas schnodderig („Manchmal denke ich, ich bin kein Mensch mehr“ – „Alles im Leben ist relativ“), verfälscht aber die Stimmung des Films kaum und ist somit erträglich.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Collagenhaft-expressiver Film aus der Frühzeit des erotischen Kinos.


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 30.01.2019 16:14 
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Ich – Das Abenteuer, heute eine Frau zu sein – Roswitha vom Bruck

(D 1972)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm. DF)



Inhalt:

Monika ist sexuell frustriert, da ihr Mann Kai sie nicht befriedigt und er sehr konservative Werte vertritt, wenn es um Sexualität geht. Der Arzt ihres Vertrauens, Dr. Thomas Hoffmann, in den sie schon als Teenager verliebt war, fragt sie, auf dieses Problem angesprochen: „Wie oft, Monika? Wie oft!“ – woraufhin sie nach einem Cognac verlangt. Obwohl Dr. Hoffmann aus dem Verhör schlussfolgert, dass Monika noch nie einen Orgasmus hatte, weiß er: „Ich glaube, du kannst einen Mann sehr glücklich machen.“ Und er geht in die Vollen, während er ihr in den Schritt fasst: „Hast du dich denn noch nie selbst gestreichelt?“ Jetzt fragt sie sich, ob Dr. Hoffmann an ihr interessiert sei…

Sich später seine Berührungen vorstellend, hat sie ihren ersten Orgasmus: „Es ging siebenmal hintereinander.“ Doch ihr Mann ist nicht sehr erbaut, dass sie sich selbst befriedigt: „Was machst du, du onanierst? Warum hast du mich dann geheiratet? Das ist doch pervers! Monika, komm zu dir!“ – „Wenn man sich selbst liebt, kann man sich alles sagen.“ – „Aber nicht solche Schweinereien. Versprich mir, dass du es nie wieder tust!“ – „Ja ja.“ Kai hat nicht nur etwas gegen Selbstbefriedigung, sondern ist auch entrüstet, als Monika ihn bittet, in einer Boutique arbeiten zu dürfen: „Ich will nicht, dass meine Frau arbeitet!“ Also besucht sie ihn auf der Baustelle – er ist Architekt – wo alle Bauarbeiter ihr hinterherpfeifen, was ihm sehr unangenehm ist. Der Bauherr setzt sich sogleich für Monikas Wünsche zu arbeiten ein – natürlich nicht ganz uneigennützig, und langsam lernt Monika, „ihren Kitzler selbstbewusst in sich zu tragen.“ Dabei gerät sie jedoch meist an Männer, die sie nur „durchbumsen“ wollen, „damit sie einen klaren Kopf kriegt“, und die verächtlich meinen, dass es für Monika „wie ein Kompliment ist, wenn sich sein Ding aufrichtet.“ Sie resigniert immer mehr, als auch ein gemeinsamer Strandurlaub mit Kai eher platonisch abläuft und er beim gemeinsamen Sex im Bett – nur da gehört Sex hin – lieber ans Telefon geht, weil ja der Chef anrufen könnte. Als er merkt, dass Monika sexuelle Affären hat, wirf er sie hinaus und stößt sie die Treppe hinunter; Erlösung findet sie bei ihrem Teenagerschwarm Dr. Hoffmann, der sie freudig in die Arme nimmt.


Review:

Ob Roswitha vom Bruck wirklich Regie geführt hat, sei dahin gestellt, „Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein“ ist ihre einzige Regiearbeit (die imdb listet eine Kleinstrolle in „Und sowas nennt sich Leben“, 1961, außerdem ist sie anscheinend als Journalistin tätig). Die Handschrift des Films unterscheidet sich jedenfalls nicht sonderlich von der eines F. J. Gottlieb und auch in Anbetracht, dass der Film ein feministischer Propagandafilm ist, lässt nicht zwangsläufig auf eine Regisseurin schließen. Propagandafilm ist der Film deshalb, weil alles Böse und Schlechte einseitig von Männern ausgeht; neben bösartigen Männern gibt es allenfalls impotente (Kai) oder schmierige (Dr. Hoffmann). Bedient wird zudem ein männlicher Voyerismus, was auf ein Pseudonym eines männlichen Regisseurs hindeutet. Diese Einseitigkeiten trüben das Filmvergnügen stark, denn oberflächlich ist der Film ein selten gekanntes Schmiervergnügen voller unfassbarer Sprüche und – nicht nur aus heutiger Sicht – politischer Unkorrektheiten.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

„Wenn man sich als Frau nach Liebe sehnt, ist man schon halb im Bett eines anderen.“


Wertung:

6 / 10 (nach Abzug von 1,5 Punkten wegen feministischer, männerfeindlicher Propaganda)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 30.01.2019 17:11 
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Neun Mädchen auf der Hölleninsel – Dinos Dimopoulus

(GR 1963)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, cut, starkes „Essigsyndrom“)



Inhalt:

10 junge Frauen, alle etwa 20 Jahre alt, brechen aus einer Besserungsanstalt aus, ziehen sich nach erfolgreicher Flucht nachts auf einem Friedhof um und erreichen mit einem Boot eine verlassene Nachbarinsel in der Ägäis. Dort machen sie schnell Bekanntschaft mit einer Bande von Verbrechern, die nach einem Schatz suchen und die die Frauen zwingen, nach dem Schatz zu graben. Bald wissen sie: „lieber hinter Gittern weiterleben, als hier in Freiheit krepieren“ und versuchen mehrmals, dich immer erfolglos, zu fliehen. Schließlich gelingt es, die Polizei auf die Verbrecher aufmerksam zu machen und aus Elena, eine der Frauen, und dem Sohn des Rädelsführers, wird ein Paar.


Review:

Wenn das Erscheinungsdatum stimmt, ist „Neun Mädchen auf der Hölleninsel“ einer der ersten Roughies, denn im gleichen Jahr drehte Herschell Gordon Lewis „Scum of the Earth“, der als erster Vertreter dieses Genres gilt, und erst 1 Jahr später Russ Meyer „Lorna“ der ein erstes Highlight dieses Genres ist. Regisseur Dinos Dimopoulus drehte eine beachtliche Anzahl von Filmen, die es meist nicht nach Deutschland geschafft haben, weshalb er und seine Filme heute hier vergessen sind. In Griechenland jedoch war er sehr berühmt.

Als reiner Exploitationfilm kombiniert der Film ähnlich wie „Rasthaus der grausamen Puppen“ (1967) zu Beginn den erbarmungslosen Gefängnisalltag mit einer Flucht; die toughen Frauen geraten jedoch schnell an noch wesentlich fiesere Männer, die von einem Ex-Nazi geführt werden und sie wie in einem KZ schuften lassen, um einen Schatz zu finden. Das ist manchmal etwas naiv, aber durchweg spannend und kraftvoll inszeniert. Die sehr düsteren, schwarzweißen Bilder werden von der Schönheit des griechischen Inselsettings kaum relativiert, was den Film adäquat unangenehm wirken lässt.

Da der Film schon im August 1965 in Deutschland gezeigt wurde, ist er ein massives Opfer der FSK-Zensur geworden. Busenblitzer von wenigen Sekunden, manchmal auch weniger als eine Sekunde, wurden geschnitten und nur einmal übersehen, Der Nazibezug wegsynchronisiert. Die Kopie ist heute in sehr schlechtem Zustand.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Unbequemer, kraftvoller Roughie, der bereits früh sämtliche Genreversatzstücke kombiniert.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 30.01.2019 18:16 
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Lisa! – Mario Schollenberger

(D 2018)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)



Inhalt:

Lisa aus Tirol lebt in Berlin, wo sie mit Sonja, einer Drogendealerin befreundet ist und das Partyleben genießt. Sie lernt Tom kennen, der vor 3 Monaten den Entschluss gefasst hat, nicht mehr zu sprechen und schläft mit ihm; wenig später auch Christoph Heilig, der ihr einen Drink, angereichert mit KO-Tropfen, kredenzt. Bewusstlos wird sie von ihm in seine Wohnung gebracht und dort vergewaltigt, sie wacht jedoch vor ihm auf und kann fliehen.

Sie fasst einen Racheplan und nimmt Kontakt mit Christoph auf, um diesmal ihn mit Drogen gefügig zu machen, fesselt ihn, misshandelt ihn sexuell und verstaut ihn mehrere Monate im Kasten ihrer Schlafcouch. Schließlich nimmt sie ihn mit in den Wald, wo sie ihn lebendig begräbt und konzentriert sich wieder auf ihre Beziehung mit Tom, der inzwischen wieder spricht.



Review:

„Lisa!“ ist ein professionell wirkender Amateurfilm, der von Mario Schollenberger nahezu in Personalunion geschaffen wurde und nur wenige hundert Euro kostete. So sehr man die ästhetischen Bilder loben möchte und auch das Schauspiel von Nora Pandora (Lisa) und Charlie Umlaut (Heilig), die in einem Rape-and-Revenge-Film pornographische Sexzenen spielen, so sehr stört auch der Racheexzess (Betäubung mit Vergewaltigung im wehrlosen Zustand wird aufgewogen mit monatelanger Gefangennahme, mehrfacher Vergewaltigung und anschließendem Mord), sowie die Selbstjustizpropaganda, die letztlich politisch immer rechts steht – für beides verlangt der Film Verständnis, da er besonders die zweite Filmhälfte wie eine lockere Komödie inszeniert.


Der Film wurde auf dem 18 außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in Anwesenheit des Regisseurs mit anschließender Fragerunde gezeigt und spaltete das Publikum in zwei Lager.


Fazit:

Formal gelungener Amateurfilm mit massiven inhaltlichen Schwächen.


Wertung:

3 / 10 (4 Punkte Abzug für Rache- und Selbstjustizpropaganda)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 31.01.2019 16:13 
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Waidmannsheil im Spitzenhöschen – Jürgen Enz

(D 1982)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Evi enzagt ihres trauten Heims, flieht mit der Leiter und fährt per Anhalter, doch der freundliche Herr wird schnell zudringlich und entpuppt sich enzuite als „Landstraßenficker“. Schnell enzieht sie sich ihm und trifft den jungen Jägersmann Hubert, der sie, die inzwischen einen verstauchten Fuß hat, zum Schloss des netten Grafen von Sechshausen mitnimmt. Erst nach Sonnenuntergang erreichen sie die Enzeinte und in der behaglichen Jägersstube angelangt ist der Fuß wieder heil und die Evi geil. Deswegen gibt er ihr Schnaps: „Oh ist der aber scharf!“ – „Ja, das hat der Schnaps mit mir gemeinsam.“ Bald schwören sich beide enzückt die ewige Liebe.

Um Schloss „Sechshausen, manche sagen auch Sexhausen“, steht es nicht gut. Da enzinnt Evi den Plan, aus dem Jagdschloss eine Jagdschule zu machen und weiht sogleich den enzückten Grafen Reginald ein. Die Schüle floriert schnell und enzündet bei so manchem Schüler und den Schülerinnen das Feuer der Leidenschaft, denn „im Wald und auf der Heide ist es für mich eine Freude.“ Doch zu Evis Enzetzen taucht die gute Mutter auf und droht ihr junges Glück mit dem Jägersmann und als Sekretärin der Jagdschule zu enzweien. Schnell aber hat sie Verständnis und gesellt sich dem Enzemble und besonders Reginald zu.


Review:

„Ja, ja, mein lieber Richard“, „Waidmannsheil im Spitzenhöschen“ ist ein Trunstmeisterwerk des allseits beliebten Jürgen Enz, dessen komödiantische erste Hälfte etwas besser als die erotikbetonte zweite funktioniert. Wer Enz kennt, kann in dem Film alle liebgewonnenen Eigenschaften seines Spätwerks wiederentdecken: grausam-kitschige Inneneinrichtungen, stets liebevolles Besorgtsein um das Wohl des Anderen, ewiggleiche musische Szenenuntermalungen und Sex und Fummeleien in den ungeeignetsten Situationen – z. B. eine Minute nach Unterrichtsbeginn, wenn beim Vokabellernen etwa 4 Pärchen gleichzeitig sich Brüste, Schwanz und Muschi streicheln und dabei auf Bänken sitzen, wie sie in den Grundschulen der Siebzigerjahre ausgesehen haben. Ein entspannter Spaß zu später Stunde.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in der Softcorefassung gezeigt und wurde, vom Publikum sehnlichst erwartet, überwiegend begeistert aufgenommen.


Fazit:

„Dankmanns heil!“


Wertung:

8 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 31.01.2019 17:40 
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Schwarzer Markt der Liebe – Ernst Hofbauer

(D 1966)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Harald und Rolf sind Kriminelle, die Mädchen, die sie via Zeitungsanzeige anlocken, verschleppen und in den Orient verkaufen. Genua und Berlin – hier besonders in Rolfs „Eden-Club“ – sind die Orte der Verbrechen, die ihre tragische Wendung nehmen, als Karin, die an eine Modelkarriere glaubt, die wahren Pläne der Beiden entdeckt.


Review:

Nach „Der Würger vom Tower“ (1966) folgte mit „Schwarzer Markt der Liebe“ der erste Film des Produzenten Erwin C. Dietrichs mit erotischem Thema – von einem Erotikfilm kann man noch nicht sprechen, eher von einem etwas aufreizendem Krimi. Hofbauer, der als Regisseur engagiert wurde, drehte vorher die z. B. in der Bravo exzessiv beworbene und von der FSK ebenso wie dieser Film ab 18 freigegebene Komödie „Die Liebesquelle“, die sein erster Ausflug in erotische Gefilde sein sollte. Beide Filme könnten heute aufgrund ihrer Harmlosigkeit ab 12 freigegeben werden.

Ästhetisch wirkt „Schwarzer Markt der Liebe“ wie der José-Bénazéraf-Film „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967), den Dietrich anschließend drehen ließ, was Rückschlüsse auf einen großen Einfluss des Produzenten zulässt (wie übrigens auch die Filme Jess Francos, die in der „Dietrich-Phase“ anders aussehen, als vorher und nachher). Trotzdem enthält der Film auch typische Erkennungszeichen seines Regisseurs: äußerst derbe Sprüche („und bitte nicht alt werden, wäre schade!“; „Rosanna, Schätzchen, was hast du denn da im Auge?“ – schlägt sie; „Apropos Eier, ich muss Nudeln kaufen“; etc.) und exzessive Partyszenen, hier im Eden-Club, die modisch und musikalisch Jeden, der sich für die Sechziger interessiert, begeistern können.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum überwiegend positiv angenommen.


Fazit:

„Sie wissen ja, die Mädchen von heute haben ihren eigenen Geschmack, besonders bei Unterwäsche.“


Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 31.01.2019 18:47 
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Caribia – Arthur Maria Rabenalt

(D 1978)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Auf einer einsamen Insel eines adligen Pädagogen Villeneuve wurden 3 männliche und 3 weibliche Kinder von schwarzen Bediensteten in sonst völlig von der Zivilisation isolierter Natur erzogen, die Jungen von einem Mann, die Mädchen von einer Frau. Villeneuve plant zu einem Fest seine Erziehungserfolge zu präsentieren, muss jedoch feststellen, dass die 6 Jugendlichen ihre rein theoretisch erworbenen Kenntnisse nicht in die Praxis umsetzen können; das gilt auch für ethisches Handeln. So kommt es zu Mord und Vergewaltigung, und auch Villeneuve muss sein Experiment tödlich bereuen.


Review:

„Caribia“ ist der letzte Film Arthur Maria Rabenalts, der seit 1934 Filme drehte, darunter auch Propagandafilme für das Dritte Reich. Nach 1945 wollte er nichts mehr davon wissen und nur unpolitische Filme gedreht haben – zu beherzigen ist hier natürlich, dass, auch wenn viele Regisseure gerne ihre Verantwortung Anderen zuschanzten, der NS-Staat auch einen Zwang ausübte, wenn es um das Drehen von Propagandafilmen ging. Politisch waren seine Filme nach 1945 nur noch selten: „Chemie und Liebe“ (1948) ist ein DEFA-Film und antikapitalistisch, „Morgen ist alles besser“ (1948) setzt sich mit den Nachkriegslebensverhältnissen auseinander – und sein letzter Film, „Caribia“ mit Erziehungspolitik.

Der Film fußt auf dem Theaterstück „La Dispute“ (1744) von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux, einer Komödie, die manchmal als Tragikomödie inszeniert wird. Darin geht es um den Geschlechterkrieg: Die drei jungen männlichen und drei jungen weiblichen „Versuchsobjekte“ werden getrennt vom anderen Geschlecht erzogen und kennen nur sich und ihren geschlechtsgleichen Erzieher. Nachdem sie in die Freiheit entlassen werden, finden sie nach einigen Fehlversuchen heraus, dass Männlein besser zu Weiblein passt. 2 Paare tauschen jedoch ihre Partner, verhalten sich also unmoralisch, während 1 Paar das Wohlwollen des Prinzen (die Villeneuve-Figur), erhält. Die anderen Paare werden vom Hof entfernt, in einigen Inszenierungen ertränkt.

Rabenalt hat diese Komödie aus der Zeit der Aufklärung uminterpretiert. Bezüge zu Rousseau konnte es 1744 noch nicht geben da der Zurück-zur-Natur-Philosoph erst etwa 5 Jahre später seine ersten Bücher schrieb, sie stammen alle von Drehbuchautor Rabenalt, der sich mit „Caribia“ mit seinem Scheitern des Experiments entschieden gegen die Forderungen der 68er-Bewegung mit ihren von Rousseau inspirierten Forderungen wandte. Der Film ist somit als extrem konservativ zu beurteilen – und das gilt auch für seine Ästhetik. Alle 6 Versuchsobjekte werden von Ballettänzern gespielt, die in der schönen Umgebung Haitis, wo der Film gedreht wurde, den ganzen Film über Ballett tanzen. Dabei sind sie nackt, die Nacktheit wird jedoch kaum erotisch inszeniert, sondern sind eher von Filmen wie „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) und den Tanzdarbietungen Leni Riefenstahls in „Olympia“ (1938) inspiriert. Inhaltlich wie stilistisch also konservativ und mit Vorsicht zu betrachten, als Ballettfilmkuriosum zu klassizistischer Musik von Hans Posegga („Der Seewolf“, 1971) in 4-Kanal-Stereoton ein Vergnügen.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat das Publikum teils gelangweilt, teils begeistert.


Fazit:

Mit Vorsicht zu genießen.


Wertung:

5 / 10 (nach Abzug von 3 Punkten wegen konservativer Propaganda und heimlicher NS-Ästhetik)


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 01.02.2019 15:41 
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Übermut im Salzkammergut – Hans Billian

(D 1963)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

„Birgit, des soll a Name sein?“ ist Mannequin und um ihrem Freund Rolf zu zeigen, dass sie auch anpacken kann, heuert sie ohne sein Wissen in Thomaskirchen auf dem Hof seiner Eltern als Magd an – eher zum Leidwesen der Eltern, denn anpacken kann sie doch nicht so gut. Rolf trifft wenig später auch ein und hat seine Affäre Doris im Gepäck – zu Birgits Leidwesen.

Nach Thomaskirchen verschlägt es auch Gus und Fred, die sich im offen ausgetragenen Generationenkonflikt in dem kleinen Städtchen auf die Seite der Jugend schlagen – und Fred im Besonderen auf die Birgits, als es zwischen den beiden funkt. Das andere Lager vertritt der konservative Bürgermeister, der der Dorfjugend, den „Untermenschen“, „dreckige, neumodische Schandveranstaltungen“ wie einen Schönheitswettbewerb oder die Gründung einer Musikkneipe in einer verlassenen Burg verbieten will. Auf einem sich dem Schönheitswettbewerb anschließenden Fest, auf dem allerlei Schlager gesungen werden, rücken auch bald Wachtmeister Eckzahn und Papa Ruppich mit Feuerwehrspritze an: „Tod dem Jatz!“ Doch auch wenn das Manche „nass, aber gerecht“ finden, wendet sich das Blättchen, als sich herausstellt, dass Eckzahn die Misswahl manipuliert hat. Als Entschädigung bekommt die Jugend ihre Musikkneipe und für Birgit heißt es auch nicht mehr „erst die Schweine, dann das Vergnügen“; sie bekommt ihren Rolf zurück.


Review:

Das Filmdebüt Hans Billians als Regisseur ist gleichzeitig sein bester Schlagerfilm – und die amüsanteste dieser Komödien, die ich kenne! So blitzt nicht nur ab und zu Monty-Python-Humor auf, wie die Cinema schrieb, Monty-Python-Humor durchzieht den ganzen Film – und das Jahre bevor es Monthy Python gab. Das beginnt bei vielen Schlagern selbst, deren Texte sich selbst zu veräppeln scheinen: „Auf der Alm beim Rendezvous, da schaun so gern die Kühe zu“; „Mein Schimmel wartet im Himmel auf mich“; „Immer dicker wird mein Papi“ – dieser im Hintergrund albern herumhopsend – geht weiter mit absurden Einfällen, dass ein Paar weiter beim Tanzen Pirouetten dreht, während es sich streitet, und hat einen ersten Höhepunkt bei einer infernalischen Schweinehatz. Die Handlung selbst war damals natürlich auch schon abgedroschen und sollte später noch in unzähligen Sexfilmen – auch von Billian selbst – wiederholt werden, ist hier aber so temporeich und unterhaltsam erzählt, dass es dem Film nicht schadet. Beste Unterhaltung!

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos vor begeistertem Publikum gezeigt.


Fazit:

Gelungenes Filmdebut Hans Billians mit zündendem Anarchohumor.


Wertung:

8,5 / 10



Anhang:

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BeitragVerfasst: 01.02.2019 17:52 
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Verbotene Lust im Sperrbezirk – Adrian Hoven, Wolfgang G. Kruse

(D 1983)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

4500 Mädchen treten in den 50 Peepshows deutschlandweit auf: „Genießen Sie es, oder sind sie auch einer dieser Moralapostel?“ Der Film schildert die abwechslungsreichen Erlebnisse einiger dieser Mädchen und lässt sie auch in Interviews zu Wort kommen. So gerät ein „blonder Bomber mit Zwillings-Flak“ ins Visier eines Fotographen, der es ehrlich mit ihr meint, nachdem er sie nach den Probeaufnahmen abgeschleppt hat, eine weitere Dame lässt sich nach einem Auftritt tags darauf von einem Besucher in einer Kneipe abschleppen („Nun, mein Vorbild ist Marquis de Sade. Er war der perverseste Lustmolch aller Zeiten und ich bin sein legitimer Nachfolger“), zwei weitere werden von einem anderen Besucher auf einer Yacht vernascht, nachdem sich „ein Hurrican direkt unter seinem Arsch zusammenbraut“ und 3 Aktricen heizen einem Spanner mit einem Lesbendreier ein, „bis ihm das Ding in der Hose explodiert“ – der gesellt sich irgendwann dazu: „Das darf nicht wahr sein, ich werd verrückt, in meinem Drehbuch steht genau das selbe. (…) Das wird ein knackiges Lustspiel“. Irgendwann kriecht er völlig erledigt aus dem Auto und robbt zu seinem: „Ich fühl mich wie ein Deckhengst nach der Kastration, ich kann ja nicht mal mehr wiehern. Kennt ihr die Nummer? Das ist Fury auf dem Weg zur Schlachtbank.“ Kurze Zeit später hat sich der Deckhengst erholt und macht sich an „Blacky“ ran, die begeistert meint: „Das gibt´s doch nicht, der Typ ist total versext.“ Auch ein Segelflugzeug und Wasserskifahrten sind Schauplätze erotischer Heiterkeiten, bis Rosi schließlich in einem abschließenden Interview meint: „Ich würd nie wieder zurück gehn in den Haushalt, wo man nur für andere Leute die Drecksarbeit macht. Jetzt bin ich in der Peepshow. Und diesen Entschluss bereu ich auch nicht. Zum ersten mal verdien i a richtigs Geld. Weil vorher, des war ja a Hungerlohn“.


Review:

Adrian Hoven ist allseits als Regisseur und Produzent bekannt; gedreht hat er u.a. „Hexen – Geschändet und zu Tode gequält“ (1973), produziert die sehr sehenswerten Jess-Franco-Filme „Necronomicon – Geträumte Sünden“, „Rote Lippen – Sadisterotica“ und „Küss mich, Monster“ (alle 1967). In „Verbotene Lust im Sperrbezirk“ zeigt er zwischen pseudodokumentarischen Szenen – eine Aktrice wird im tiefsten bayrisch von Margot Mahler synchronisiert – dass sich auch das Privatleben der Mädchen in der Peepshow nur um Erotik und Jet-Set dreht. Die Wahrheit sieht wohl anders aus, der Film selbst ist in seiner Melange aus rotzigen Sprüchen, konsequenter Discomusik der Achtziger und meist attraktiven Frauen launig.

„Verbotene Lust im Sperrbezirk“ stand bereits auf einem früheren Filmkongress des Hofbauer-Kommandos auf dem Programm und wurde auf dem 18. außerordentlichen Kongress als Abschlussfilm vom mittlerweile wesentlich größeren Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

„Das wichst en letzten Spießer von der Galerie!“


Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 15.02.2019 15:57 
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Ein Sommer voller Zärtlichkeit – Giorgio Stegani

(Italien 1971)




Inhalt:

Die 15jährige Lisa ist Teil einer Gruppe von Gymnasiasten, die sich aus Schaulust Hippies, die in der Nähe von Rom campieren, nähert. Sie verliebt sich in den mit einer Blume am Arm tätowierten Robert, der Gitarre spielt und muss wenig später erleben, wie die Polizei die Hippies in Gewahrsam nimmt. Lisa, die aus gutbürgerlichem Hause stammt, lässt aber den Kontakt zu Robert nicht abreißen und nach einem Streit mit ihrem Vater, der gegen diese Freundschaft ist beschließen sie, auszureisen. Mit einem Boot gelangen sie auf eine nahegelegene Insel, auf der sie einige Tage verbringen und sich immer mehr ineinander verlieben.

Doch werden sie von zwei Jägern gesehen, die die Polizei informieren, die daraufhin mit einer Hubschrauberstaffel und der Presse anrückt und den fliehenden Robert verhaftet, Lisa ihrem Vater übergibt. Als Lisa, zurück an einem Hafen nahe Rom, Robert sieht, wie er an Schaulustigen vorbei eskortiert wird, ruft sie ihm zu, der sich daraufhin losreißt, ins Meer springt und von einer Schiffschraube getötet wird.



Review:

Giorgio Stegani ist vor allem durch seine Italowestern bekannt („Adios Gringo“, 1965, „Shamango“, 1967 und „Die letzte Rechnung zahlst du selbst“, 1968). „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ drehte er mit dem Kameramann Sergio D´Offizi, der in „Venus im Pelz“ (1969) und „Don´t Torture a Duckling“ (1972) großartige Bilder schuf. Neben der dem Thema entsprechenden, an Plattencover der Sechziger und der TV-Werbung orientierten romantischen Bildsprache fallen auch die Flucht- und Verfolgungsszenen auf, die trotz Verwendung des Zoomobjektives und unruhiger „Wackelkamera“ stets fokussiert und klar erkennbar sind – im Gegensatz zu vielen Filmen des Gegenwartskinos.

Stegani hat Politikwissenschaft studiert und war auch als Drehbuchautor tätig, und so verwundert es nicht, dass „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ mehr ist als ein Vorgriff auf Randal Kleisers „Die blaue Lagune“ (1980). Immer wieder wird die romantische Erzählung unterbrochen und die Polizeiarbeit gezeigt, Polizisten im Gespräch mit dem Vater, oder mit Zeugen. Diese werden teils unfair behandelt, so wird ein Lastwagenfahrer, der die Beiden zum Strand gebracht hatte, nach seiner hilfreichen Aussage wegen unerlaubter Personenbeförderung mit 1000 Lire Bußgeld bedacht. Auch die Presse, von Lisas Vater hinzugezogen, agiert im Filmverlauf immer sensationsgieriger und voyeuristischer, was schließlich in der letzten Filmszene kulminiert, wenn Reporter die Geschichte um Lisa und Robert doch nicht ausführlich schildern wollen, da Roberts blutiger Tod in der Schiffschraube die Leser vergraulen könnte und man anschließend eine Diashow nackter Mädchen begutachtet, die meisten aber als zu aufgedonnert nuttig verwirft, weil man „Natürlichkeit“ will. Dieses Schlusswort offenbart die Intention des Films: Die Zivilisation, verkörpert durch das traditionelle Weltbild von Lisas Vater, die Polizei und die Presse, vernichtet die Natur und die Kultur, verkörpert durch die Liebe Lisas und Roberts, die Hippiekommune, Roberts künstlerischen Ambitionen (Tätowierung, Gitarrespiel) und die Abgeschiedenheit der Insel, die dem Liebespaar Zuflucht bietet. In der zivilisierten Welt kann „Natürlichkeit“ nur unter kontrollierten (unnatürlichen) Bedingungen als Sehnsuchtsort zugelassen werden, z. B., indem man sie kapitalistisch instrumentalisiert – auf der Suche nach dem perfekten, natürlichen Mädchen für die Seite 1, um die Auflagenzahl zu erhöhen.


Fazit:

Ein dicht inszeniertes, vielschichtiges romantisches Meisterwerk.


Wertung:

10 / 10


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