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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 28.10.2014 18:58 
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Dracula untold – Gary Shore

(USA 2014)

27.10.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 2,35:1



Vlad, ein mächtiger adliger Krieger im Kampf gegen die immer weiter in Europa vorrückenden Türken, wollte nach seinen nun schon eine Weile zurückliegenden Schlachten sein Leben als Fürst seines Landes im beglückenden Kreis seiner Familie verbringen; als jedoch Repressalien der Türken drohen, die unter Vlads Volk Kindersoldaten zwangsverpflichten wollen, erinnert er sich an eine Begegnung mit einem Vampir in einer Höhle, die er vor einiger Zeit hatte, und die seine Weggefährten damals nicht überlebt haben. Er sucht ihn erneut auf, lässt sich zum Vampir auf Zeit machen und nutzt seine neu gewonnenen Superheldenkräfte, den Türken zu zeigen, wie ein Europäer sein Volk verteidigt und mäht als Ein-Mann-Armee (diesmal wirklich so zu sehen!) das gesamte bewaffnete und gepanzerte Türkenheer nieder. In den nächsten Tagen merkt er, dass er allergisch auf Silber reagiert und das Sonnenlicht ihn verbrennt;
als nun die Türken eine zweite Angriffswelle starten, seine Frau tödlich verwunden und sein Kind entführen, sieht Dracula rot: er trinkt das Blut seiner Frau, besiegelt damit sein Vampirdasein auf ewig, erschafft gleich noch eine kleine Vampirarmee aus anderen tödlich Verwundeten aus seinem Volk und entscheidet so die Schlacht für sich. Nach dem finalen Zweikampf auf Silbermünzen tötet er den Anführer der Türken mit dem Pfahl, den dieser ursprünglich ihm zugedacht hatte, reißt anschließend die Wolkendecke auf, sodass alle Vampire, inklusive er selbst, sich bis auf das Skelett auflösen und wird dann jedoch von einem Zigeuner wiederbelebt, der ihm sein Blut zu trinken gibt. In einer amerikanischen Großstadt der heutigen Zeit trifft er an einem Blumenstand Mina, die so aussieht wie seine verstorbene Frau und baggert sie an, was der alte Vampir, den wir bisher nur aus der Höhle kennen, beobachtet und mit „Mögen die Spiele beginnen“ kommentiert.


Schon der Kinotrailer ließ erahnen, dass der Draculamythos nun bei „Twilight“ angekommen ist, ein Trailer, der unmittelbar vor „Dracula untold“ zur eben betrachteten Vorstellung lief, bestätigt auf gewisse Weise diese Parallele: „Shades of Grey“, der pünktlich zum Valentinstag 2015 in Deutschland starten wird, wurde von E. L. James geschrieben, die vor etwa 10 Jahren unter dem Pseudonym „Snowqueen´s Icedragon“ selbstgeschriebene Twilight-Fortsetzungen in einem Internetforum veröffentlichte. Das Niveau von Twilight wird hier aber locker unterboten, wie schon aus obiger Inhaltsangabe hervorgehen dürfte.

Schon der von Draculas Sohn gesprochene Eröffnungstext führt den Zuschauer mit der gleichen unfassbaren Lächerlichkeit an den Stoff heran, wie Paul W. S. Andersons „Die drei Musketiere“: Während wir bei diesem hören „Nun liegt es an drei Musketieren, die Apokalypse zu verhindern“, lautet die Monologperle dort: „Sie nannten ihn FÜRST – ich nannte ihn VATER“ (Großschreibungen, um die Betonung sichtbar zu machen). Auch sonst kommen wir in „Dracula untold“ in den Genuss des unglaublichen lyrischen Talents der Drehbuchautoren Matt Sazama und Burk Sharpless, die uns wie der Regisseur hier ihr Kinodebüt vorsetzen und deren nächstes bereits verfilmtes Drehbuch „Gods of Egypt“ unter der Regie von Alex Proyas ist – dieser Film wird voraussichtlich 2016 starten. Perlen wie das zweimal vom alten Höhlenvampir zitierte „Mögen die Spiele beginnen“, das erste Mal, als er und Vlad sich zum zweiten Mal begegnen und letzterer zum Vampir gemacht zu werden begehrt, wie auch die Dialogführung in dieser gesamten Szenerie, jagen einem nahezu Tränen vor Lachen in die Augen, wenn es nur nicht so traurig wäre. So erinnert der alte Vampir den Aspiranten Vlad daran, dass er ja hunderte von Türken gepfählt hat. Vlad bejaht, darauf wird er angegriffen und gepackt und bedroht, weil er nicht nochmal lügen soll. Darauf sagt Vlad, es waren Tausende, woraufhin der Alte zufrieden ist. Warum er das gemacht habe, schließlich sei er doch einer von den Guten? - Weil man sich manchmal in ein Monster verwandelt und dann nur noch vor sich selbst fliehen will. – Warum er jetzt zum Monster gemacht werden will? – Um sein Volk zu beschützen! - - Soviel zur Logik, da hat einer also durchaus begriffen, wie traumatisierend monströse Taten sich auf die eigene Persönlichkeit auswirken, will aber trotzdem Monster werden und Monströses tun und meint anscheinend, als Monster keinen monströsen Charakter bei seinen monströsen Taten zu haben, sondern als Vlad, der Familienmensch mit den Superkräften sein Volk gegen die Türken verteidigen zu können.

Kommen wir zum Schauspiel von Vlad-Darsteller Luke Evans. Mir bisher nur bekannt als Aramis, natürlich in Andersons „Die drei Musketiere“, sonst aber auch in Perlen wie „Kampf der Titanen“ als Apollo, oder in „The Fast and the Furious 6“ zu bewundern, fällt von der Physis auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit zu David Boreanaz auf. Boreanaz spielte Angel in der Vampirserie „Buffy“ und ihrer Spin-Off-Serie Angel und verkörpert dort seine Rolle im Status eines männlichen Sexsymbols. Dies scheint die Produzenten von „Dracula untold“ so beeindruckt zu haben, dass sie 1. einen ihm ähnelnden Darsteller für Vlad besetzt haben, und ihn 2. auch genauso angezogen haben. So führt Vlad seinen Kampf als Ein-Mann-Armee gegen das Türkenheer im modischen schwarzen Wohlfühlmantel aus; da der Film in keiner Szene, auch nicht in dieser Szene, zu fesseln vermag, übersieht man diesen Anachronismus auch nicht. 3. wird Evans auch genauso ausgezogen wie Boreanaz, für das junge weibliche Publikum präsentiert er mehr als einmal seinen gut gebauten nackten Oberkörper, teils, ohne dass es Anlass gegeben hätte, und wenn doch, wie bei einer Liebesszene mit seiner züchtig verhüllten Frau, was aus dramaturgischen Gründen zur Straffung des Films durchaus hätte gekürzt werden können. Leider wissen die Drehbuchautoren und der Regisseur anscheinend nicht, dass die Spannungserzeugung in einem Film in der Regel über die Figurenidentifikation erfolgt – entweder aus mangelndem Talent von Luke Evans Seite, schlechter Schauspielführung in Verbindung mit schlechtem Filmschnitt (oder allem zusammen) ist kein Schauspiel, keine emotionale Tiefe, einfach gar nichts erkennbar. Man arbeitet lustlos das Drehbuch ab, und das Gefühl der Lustlosigkeit und der Langeweile ist das einzige, das sich auch auf den Zuschauer überträgt. – Die übrigen Schauspieler haben weiters so wenig Raum, um ihren Charakter anzulegen und zu spielen, dass Talent oder Untalent sowieso nicht auffällt. Eines muss man aber doch gesehen haben: Dominic Cooper als Türkenheerführer Mehmet, der mit Tom Cruise´ Top-Gun-Fönfrisur, aber leider ohne Ray Ban Sonnenbrille, sein Heer befehligt.

Und auch die Kameraarbeit von John Schwartzman, der mehrere Michael-Bay-Machwerke filmte, fügt sich perfekt ein in diesen Kosmos des Grauens. Was sehen wir, wenn Dracula in seinem langen, modischen Mantel die Heerschaaren der Türken niedermetzelt? – im Vordergrund in die Gegenrichtung rennende Türken, die das, was Dracula tut, verdecken, nicht nur jede Gewalt, sondern alles, was im Bild zu sehen sein sollte, verbergen. Nur mal zur Erinnerung: Man kann Schlachtenszenen auch aus der Entfernung zum Schlachtgeschehen zeigen, so dass die graphische Gewalt aufgrund der großen Distanz der Kamera zum Geschehen schlecht erkennbar ist, wie in „Alexander“ von Oliver Stone und vielen älteren Historienfilmen, wenn man unbedingt einen Film für 12-13jährige anfertigen will oder muss; so wie es aber in „Dracula untold“ – und nicht zum ersten Mal – präsentiert wird, ist geradezu eine Beleidigung für den Zuschauer. Da haben wir nun schon einen langweiligen, schlecht gespielten Film mit grottigen Drehbuchdialogen, und dann ist von den blutigen Kämpfen, die man erwarten könnte, etwa soviel zu erkennen, wie in der FSK-16-VHS-Fassung von Robocop – nämlich nichts. Man hätte alle Kämpfe tatsächlich auch rausschneiden können: Dracula rennt auf die Armee zu – Schnitt – alle liegen am Boden - - es wäre für den Zuschauer kein Genussverlust gewesen, kein Erkenntnisverlust, der Film wäre nur etwas kürzer gewesen. Nur wenig besser ist die zweite Schlachtszene inszeniert, hier führt Dracula als Gewitterwolke einen Trupp Vampire, die wie eine Gothic-Gang gekleidet sind und sich auch so bewegen, in die Schlacht.

Es ist nun schon 22 Jahre her, dass ein großer Kinofilm den Draculamythos bearbeitete – Francis Ford Coppola dichtete seinem Dracula eine romantische Ebene an und damit eine verletzliche Seite, was das Publikum unterschiedlich rezipierte. Seine bekundete Intention war es, ein weibliches Publikum für den Stoff zu erreichen, aus meiner Sicht hat er zusätzlich diese romantischen Erweiterungen auch vorgenommen, weil John Badhams Dracula von 1979 kaum noch etwas hinzuzufügen ist. Badhams Dracula ist relativ werkgetreu, legt Wert auf die spannungsgeladene Geschichte und ist bei faszinierenden Bildern auch unentwegt spannend. Coppola legt noch mehr Wert auf Bilder, und durch den bestechenden Musikeinsatz wie durch die überschäumenden Gefühle und der Charakterisierung Draculas als tragischen Helden überzeugt auch dieser Film. „Dracula untold“ hätte ebenfalls Neues hinzufügen können, die Geschichte Vlad, des Pfählers kann zu vielfältigen Ideen anregen. Daraus jedoch ein uninspiriertes, langweiliges, schlecht gespieltes und gefilmtes Machwerk mit absurd-komischen Dialogen zu schaffen, macht einfach nur wütend.

NB: Passend zum Gesamtbild ist der Film auch schrecklich synchronisiert, die deutsche Fassung strotzt nur so vor Grammatikfehlern.


Fazit:

Romantic-Dracula vs. Hipster-Türken – das wäre der bessere Titel! Wer „Dracula beißt jetzt in Oberbayern“ mochte, wird diesen Film trotzdem nicht mögen.

Wertung:

2 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 10.11.2014 19:53 
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Weltraumschiff I startet – Anton Kutter

(Deutschland 1940)

10.11.2014; Internet (Internet Archive) / 1,33:1



Der technische Direktor erklärt im Rahmen einer Pressekonferenz in der Luftschiffwerft Friedrichshafen die wissenschaftlichen Details und Voraussetzungen eines Raketenstarts, um eine bemannte Rakete zum Mond befördern zu können. Anschließend wird sie im Rahmen des Startvorgangs einer riesigen Menge jubelnder Zuschauer präsentiert und kurz vor dem Start noch Commodore Hardt über wichtige Fakten über den geplanten Flug interviewt. Nach der Beschleunigung über eine kilometerlange Rampe verlässt die Rakete die Erde, umrundet in einem gewagten Flugmanöver den Mond und kehrt unbeschadet zur Erde zurück, von wo aus man in den Sternwarten den Flug beobachtet hat.

Ein SF-Kurzfilm (24 Minuten), der von Anton Kutter aus 1939 für die beiden unvollendeten Filme „Weltraumschiff 18“ unter der Regie von Eduard von Borsody und „Zwischenfall im Weltraum“, Regie Robert A. Stemmle, gedrehtem Material zusammengestellt wurde. Kutter war in die Produktion dieser beiden Filme ebenfalls involviert, z. B. als Drehbuchautor. Beide Regisseure haben weder vorher, noch nachher SF gedreht, sind aber in den damals üblichen Filmbetrieb fest eigebunden gewesen und drehten somit eine Vielzahl von Liebes- und Krimikomödien, aber auch jeweils einen Film mit stark propagandistischem Einschlag: Borsody drehte „Wunschkonzert“, Stemmle „Jungens“, der heute zu den Vorbehaltsfilmen gezählt wird.

Indem auch „Weltraumschiff I“ subtil wirksame Progagandaelemente enthält, die jedoch nicht besonders störend auffallen und sich als eher harmlos erweisen, fügt sich der Film trotzdem klar in die gleichgeschaltete NS-Filmproduktionspolitik ein, eine von Goebbels gestaltete Politik, die sich Mitte der 1930er von offen propagandistischen Darstellungen abwandte und nur noch subtil und nebenbei eingeflochten werden wollte, nach Kriegsbeginn jedoch wieder offener und klarer in den Vordergrund drang. In diesem Film stellt sie sich im Besonderen mittels fortschrittlicher, überlegener Technologie, dem üblichen Gigantismus in Form riesenhafter Bauten (Werft, Luftschiff, Startrampe), Menschenmassen beim Raumschiffstart (vermutlich Archivaufnahmen von den Olympischen Spielen 1936) und der empörten Reaktion des US-Präsidenten, der die Annektion des Mondes durch Deutschland kritisiert, dar. Auch Rolf Wernicke, wichtigster Sportreporter des Dritten Reiches, jedoch auch im Rundfunk zu hören, sowie im Vorbehaltsfilm „Im Kampf gegen den Weltfeind“, fällt mit seiner an Goebbels erinnernder Stimme und Modulation auf, wenn er auch hier in der Rolle des Reporters den Start des Raumschiffs kommentiert.

Interessant an „Weltraumschiff I startet“ ist jedoch weniger die doch recht harmlose NS-Propaganda, sondern die Aufnahme und Weiterentwicklung des Raumfahrtthemas, das Jules Verne in den Romanen „Von der Erde zum Mond“ und „Reise um den Mond“ vorgab. Bereits bei der anfänglichen Fragerunde an den technischen Direktor der Flugwerft kommt die Frage auf, ob der Start des Raumschiffs mit einem Schuss erfolgen würde (wie bei Jules Verne), was verneint wird, da die Trägheitskräfte bei einem solchen Schuss die Raumfahrer zermalmen würden. So ist eine langsame und stetig schneller werdende Beschleunigung besser, da sie das Überleben der Besatzung garantiert. Wie bei Verne geht man in diesem Film aber davon aus, dass sich die Gravitationskräfte der Erde und des Mondes nur in einem winzigen Streckenabschnitt aufheben und das Raumschiff bei stoppender Fluchtgeschwindigkeit auf die Erde zurück oder auf den Mond fallen würde. Wie bei Verne landet man nicht auf dem Mond, sondern umrundet ihn im Orbit, wobei die Umrundung bei Verne nicht kontrolliert ist und die Gefahr droht, nie zurück auf die Erde gelangen zu können – indem in „Weltraumschiff I startet“ der Flug durch keinerlei widrige Umstände unterbrochen wird und keine Gefahren drohen, beeinträchtigt dies im Vergleich zu Verne natürlich die innere Spannung des Films, was jedoch bei einem Kurzfilm keine besonders schädlichen Auswirkungen in Form von quälender Langeweile hat. Hier fügt sich auch die verschenkte „Hauptrolle“ des Commodore ein, der nur einen etwa einminütigen Auftritt beim Start des Raumschiffs, wo er Reportern Auskunft über die anstehende Reise gibt, und einen kurzen Sprecherauftritt beim Landeanflug auf die Erde hat. Dadurch, dass man als Zuschauer die gesamte Reise nicht aus den Augen der Raumschiffbesatzung, sondern aus den Augen eines Reporters und der Weltöffentlichkeit erlebt, verliert der Film natürlich massiv an Spannung, gewinnt aber gleichzeitig dokumentarischen Charakter. Trotzdem hätte man sich mehr Raum und Spielzeit für deinen Charakterdarsteller wie Carl Wery gewünscht.

Der dokumentarische Charakter wird auch durch die überaus gelungenen und realistischen Kulissen und Effekte geschaffen, die Werft wirkt wirklich sehr groß, das Design des Raumschiffs ist glaubwürdig, das Set mit dem bei Nacht über der Rampe scheinendenden ist stimmungsvoll und die Kulisse der Mondoberfläche, die beim Wendemanöver des Raumschiffs kurz gezeigt wird, überzeugt ebenfalls in seiner heute an die wirkliche Mondoberfläche erinnernde Vorwegnahme. Dieses auch den US-Science-Fiction-Film prägende Design, besonders sei hier auf „Der jüngste Tag“ / „When Worlds Collide“ verwiesen, wo wir ein ähnliches, wenn auch etwas stromlinienförmigeres Raumschiff sehen und nahezu eine identische Rampe. Dies ist es auch, was den Film, der ein optischer Genuss ist, bemerkenswert macht.


Fazit:
Einziger SF-(Kurz-)Film mit Weltraumelementen aus der Zeit des Dritten Reiches mit wenig störenden Propagandaelementen und heute noch beeindruckenden Kulissen und Spezialeffekten.

Wertung:
7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.11.2014 19:14 
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Interstellar – Christopher Nolan

(USA 2014)

8.11.2014; 10.11.2014; Kino (Cinecitta Nürnberg) / 2,35:1



Inhalt:

Cooper, ein ehemaliger NASA-Astronaut, fristet gezwungenermaßen mit seiner Tochter Murphy und seinem Sohn Tom ein Dasein als Maisfarmer. Gezwungenermaßen, da aufgrund des Klimawandels – der Regen bleibt aus und es bauen sich immer wieder drohend Staubstürme am Himmel auf – die US-amerikanische Gesellschaft Farmer benötigt, die die wenigen robusten Pflanzen, die nicht vom Mehltau angegriffen werden, anbauen, und die das Verhungern der Bevölkerung noch lindern können. In der Vergangenheit hat die Regierung radikale Maßnahmen beschlossen, um den Hunger eindämmen zu können, wie z. B. Massenmorde an der Bevölkerung in Form von Luftangriffen, um die Hungersnöte zu bekämpfen, wie auch geschichtsrevisionistische Ansätze, indem in Schulbüchern die Mondlandung von 1969 geleugnet und als Propagandamaßnahme der US-Regierung betrachtet wird, die das Ziel hatte, die Sowjetunion in den wirtschaftlichen Ruin mit den hohen Ausgaben für deren Raumfahrtprogramm zu treiben. Die hohe Staubentwicklung, die täglich auch in Innenräumen der Wohnhäuser Schichten aus Sand und Staub bildet, führt in der Bevölkerung zu einem massiven Anstieg von Asthmaanfällen und anderen Krankheiten; die Menschen flüchten aus den Städten in der Hoffnung, dass es woanders oder in Zukunft besser wird, doch trotz der Regierungspropaganda, dass man jetzt zwar eine Generation von Verwaltern und Farmern sei, in Zukunft aber wieder Technik und Fortschritt im Mittelpunkt stehen könnte, da man auf einem guten Weg ist, ist das Gegenteil richtig und die Situation wird in den 3 Jahrzehnten, die der Film schildert, schlimmer, und jede Hoffnung geht verloren.

In dieser etwa 150 Jahre in der Zukunft liegenden Gesellschaft, die sich was Mode, Autos, Häuserbau etc. von der unsrigen überhaupt nicht unterscheidet, lebt nun Cooper in einem Farmhaus auf dem Land und sorgt sich um die Erziehung seiner beiden Kinder. Seine hochintelligente Tochter Murphy behauptet, in der Bibliothek gäbe es einen Geist, der mit ihr kommunizieren will. Immer wieder fallen Bücher ohne Ursache aus dem Regal, der stets präsente Staub nimmt manchmal Formen parallel verlaufender Linien an, und der Sekundenzeiger einer Armbanduhr bewegt sich in kurzen und langen rhythmischen Folgen, wie beim Morsecode. Gemeinsam stellen sie fest, dass ihnen möglicherwiese Koordinaten mitgeteilt werden, und suchen diesen Zielpunkt auf, der sich als geheime Basis der NASA herausstellt. Hier eröffnet ihnen Professor Brand, den Cooper bereits kennt, dass, um die Menschheit zu retten, der Plan gefasst wurde, Menschen auf einen anderen bewohnbaren Planeten zu evakuieren und anzusiedeln. Erreicht werden könnte dieser Planet mittels eines Wurmlochs, das in der Nähe des Planeten Saturn entdeckt wurde, und durch das bereits mehrere Astronauten geschickt wurden, um bewohnbare Planeten zu finden. Cooper wird nun angetragen, eine Mission in ein System dreier Planeten zu leiten, von wo aus die Astronauten Miller, Mann und Edmunds mitgeteilt hatten, dass es hier einen erdähnlichen Planeten mit Besiedelungspotential gäbe. Cooper nimmt diese Mission an und trennt sich möglicherweise für Jahrzehnte von seinen Kindern, da auf der anderen Seite des Wurmloches, wo das Schwarze Loch „Gargantua“ wirkt, die Zeit anders verläuft und 1 Jahr dort mehreren Jahren auf der Erde entsprechen kann. Als sie Abschied nehmen, teilt Murphy ihrem Vater mit, der Geist hätte ihr das Wort „bleib“ mitgeteilt und bittet ihren Vater eindringlich, aber vergeblich, nicht abzureisen.

Vier Astronauten reisen nun zum Saturn und durch das sich dort befindliche Wurmloch in eine andere Galaxie. Der erste der drei Planeten, den sie besuchen, ist ein Wasserplanet, der so nah an Gargantua ist, dass die Zeit dort so gerafft ist, dass eine Stunde 7 Jahre auf der Station entsprechen. Entsprechend beeilt man sich mit der Bergung des Materials und besonders des Flugschreibers, Miller scheint erst vor wenigen Stunden angekommen und verunglückt zu sein. Hinderlich wirken sich jedoch gigantische sich am Horizont aufbauende Wellen aus, die zuerst für Berge gehalten wurden, und sich immer mehr dem Schiff und den Astronauten um Cooper annähern. Als sie dem Planeten entkommen – Doyle ist jedoch tödlich verunglückt - und die Station erreichen, sind dort über 23 Jahre vergangen, der Astronaut Romily, der auf der Station verblieben war, ist entsprechend gealtert und hat seine Zeit teils erst im Kälteschlaf, später vor allem damit, über das Schwarze Loch zu lernen, verbracht.

Indessen erreichen Doyle Videobotschaften von Tom, seinem Sohn. Er sieht, wie aus dem Jungen ein Mann wird, wie er mitteilt, dass er sich verliebt, heiratet, selbst einen Sohn bekommt und er allerdings nach so langer Zeit nicht mehr glaubt, dass Cooper jemals wieder zurückkehrt. Die letzte Botschaft schließlich kommt von seiner Tochter, sie hat sich deswegen nie gemeldet, weil sie wütend war, dass Cooper sie im Stich gelassen hat. Jetzt aber ist sie genauso alt wie ihr Vater, als er sie verlassen hat (und so alt wie er jetzt noch ist), und da er ihr bei seiner Abreise versprochen hat, dass er zurückkommen würde, möglicherweise aber erst in vielen Jahren, wenn sie gegebenenfalls schon gleich alt wäre, wie er jetzt, und sie möglicherweise sogar gleich alt sein könnten, bittet sie ihn eindringlich, endlich zurückzukehren. Cooper betrachtet die Videobotschaften unter größter emotionaler Ergriffenheit und Weinen.

Der zweite Planet ist ein Eisplanet, der Astronaut Mann, der dort geborgen wird, gibt an, dass die Atmosphäre des Planeten wegen des hohen Ammoniakgehaltes zwar für Menschen giftig ist, in den tiefsten Schichten der Atmosphäre, also in den Tälern des sehr gebirgigen Planeten, nähme dieser jedoch ab. Tatsächlich aber hat Mann diese Daten manipuliert und gelogen, um eine zweite Mission anzulocken und gerettet zu werden, da er die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte. Romily stirbt, als er die Daten Manns auswerten will, durch eine Explosion, die möglicherweise von Mann so herbeigeführt worden ist. Mann versucht mit einem Schiff, auf die Station zu gelangen und von dort aus zurück zur Erde, verunglückt aber bei dem komplizierten Andockmanöver und beschädigt die Station schwer. Cooper gelangt mit der Astronautin Brand, die Tochter von Professor Brand, nach einem komplexen Flug- und Andockmanöver auf die Station.

Murphy sendet ihm wieder eine Botschaft. Sie hat vom sterbenden Professor Brand erfahren, dass dieser nur vorgegeben hat, dass Menschen umgesiedelt werden sollen, nur „Plan B“, das aussetzen von menschlichen Eizellen zur Neuzüchtung der Menschlichen Spezies, erschien ihm realisierbar. Die vier Astronauten wurden also absichtlich getäuscht.

Cooper verlässt nun Brand, die den letzten Planeten allein erforschen wird, und dringt in den Ereignishorizont von Gargantua ein. Gargantua erweist sich jedoch nicht als ein alles zerstörendes Schwarzes Loch, sondern als ein Tesserakt, der von zukünftigen Menschen, die sich über die dreidimensionale Existenzebene hin zu einer fünfdimensionalen entwickelt haben, konstruiert wurde. Im Tesserakt, das ihn im fünfdimensionalen Raum in die Bibliothek seiner Tochter führt, die in allen Zeitebenen gleichzeitig ihm sichtbar ist, versucht er mittels Gravitation, Kontakt mit Murphy aufzunehmen, indem er Bücher aus den Regalen wirft und den Sekundenzeiger einer aufs Regal gelegten Armbanduhr mittels Gravitation beeinflusst. Der Tesserakt verschwindet, nachdem Cooper Murphy seine Botschaften übermittelt hat, und Murphy nutzt die anschließenden Jahre, Fortschritte in der Physik zu erwirken, die es den Menschen später erlauben sollen, mit Hilfe von Gravitation große Entfernungen zu überwinden. Cooper wird Jahrzehnte später allein im Weltraum vor Saturn treibend gefunden und ist nun 124 Jahre alt. Seine Tochter ist nun im Greisenalter, sie ermuntert ihn, zu Brand zurückzukehren, um ihr ein Leben in Einsamkeit zu ersparen.



Analyse:

Christopher Nolan verfilmte mit „Interstellar“ zum fünften Mal ein Drehbuch, oder im Fall von „Memento“ eine Kurzgeschichte seines Bruders Jonathan Nolan. Die Filme Nolans, die abgesehen von den drei Batman-Teilen mit stets sehr komplizierten Erzählstrukturen aufwarteten und den Zuschauer allenfalls analytisch forderten, um den Film zu enträtseln, es dabei aber versäumten, ihn auch emotional zu packen oder ihm etwas zu bieten, was tatsächlich bedeutungsvoll wäre, wie psychologisch interessante Einsichten in Charaktere, oder Erkenntnisse philosophischer, religiöser, moralischer, historischer, politischer oder sonstiger Art – Lynch, Polanski, Stone, Eastwood und viele andere Regisseure des modernen US-Kinos können das! – ließen befürchten, dass mit „Interstellar“ Ähnliches präsentiert wird. Glücklicherweise besitzt „Interstellar“ solche Inhalte – und nicht nur angedeutet oder als Nebenbei, sondern zentral im Vordergrund stehend! Nolan macht so, indem er Filme nicht nur ausgeklügelt erzählt, sondern auch mit Bedeutung füllt, weiterhin jedoch keine Kompromisse mit dem Blockbuster- und Kommerzkino macht und jedwede Kinderei eines Michael-Bay- oder Marvel-Comic-Film vermeidet, aus meiner Sicht einen großen Fortschritt, und „Interstellar“ zum ersten großen Kunstwerk Nolans – mit ein paar Einwänden, die man finden kann und auf die man auch hinweisen muss, besonders aber im nachfolgend näher beschriebenen teils zu hohen Anspruch an das Publikum, oder in der teils zu sehr im Vordergrund und von ruhigen Momenten durch ihre Lautstärke ablenkenden Musik von Hans Zimmer, der seinen Score zu „Interstellar“ zu allem Übel auch noch von Philip Glass plagiiert hat, liegen.

Die Science Fiction und mit ihr der SF Film teilt sich in viele Subgenres auf. Während in den letzten Jahren, man könnte auch Jahrzehnte sagen, hochwertige SF meist nur im Rahmen von Anti-Utopien den Weg auf die Leinwand fand („Gattaca“, „Minority Report“), andere SF-Genrevarianten hoher Qualität sind selten („Vanilla Sky“, „A.I“ ), reines und vielleicht perfekt inszeniertes Unterhaltungskino („Star Trek: Into Darkness“, „Matrix“), anderen Genres wie der Fantasy oder dem Actionfilm zuzuordnen („Star Wars Episode III“, „Dredd“) oder mit anspruchsvollem Inhalt nur in sehr kleinen Produktionen umgesetzt („Man from Earth“, „Source Code“), blühte die klassische SF, die sich mit der Erforschung des Fremdartigen auseinandersetzt, mit „Contact“ und Solaris“ vor 15 Jahren kurz auf und erlebte erst letztes Jahr mit „Gravity“ ein ersehntes und gelungenes Comeback. „Interstellar“ liefert im Vergleich zu diesen drei Filmen mindestens ebenbürtige Qualität und wird in Zukunft für die SF ähnlich als Referenzfilm zu betrachten sein, wie „2001 – Odyssee im Weltraum“, ein Lieblingsfilm von Christopher Nolan, der wie andere Meilensteine der Science Fiction hier in Teilen weiterentwickelt wird.

Nicht nur vor Kubricks Meisterwerk verbeugt sich Nolan mit seinem neuen Film, indem er einzelne Szenen oder Handlungsabläufe an „2001 (1968)“ erinnern lässt, er nimmt auch Ideen aus „Der Wüstenplanet“ (1984), „Das Schwarze Loch“ (1980), „Der jüngste Tag (1951)“ und „Contact“ (1997), zu dessen Romanvorlage von Carl Sagan der gleiche Kip Thorne, der Professor für Theoretische Physik ist, den Autor beriet, wie aktuell zu „Interstellar“. Dabei gelingt es Nolan, Verweise auf andere Filme nicht als bloße für sich stehende Anspielungen aufzunehmen, sondern in einer für den Plot sinnvollen Einbindung den Stoff weiterzuentwickeln. Bevor ich dies jedoch darstellen kann, muss erst geklärt werden was „Stoff“ und „Plot“ des Filmes sind.

Über den ganzen Film hinweg zeigt Nolan Bilder, die anders als die in den meisten SF-Filmen, auch den guten und vor allem auch „2001“, zurückhaltend und schlicht sind. Dies beginnt schon bei der Situationsschilderung der durch die Klimakatastrophe untergehenden Erde, des massenhaften Hungers, sowie dem brutalen Vorgehen der US-Regierung gegen die Hungernden, um die Katastrophe einzudämmen: Kaum etwas wird gezeigt, der Zuschauer sieht Staubstürme, die sich aufbauen, Staub in den Häusern, hustende Menschen – der Rest aber wird nur verbal erzählt und nicht in Bildern, was mutig ist, da Film vor allem über Bilder funktioniert; - - was ein Problem ist, da die emotionale Ergriffenheit des Zuschauers bei verbalen Schilderungen von Katastrophenszenarien abgeschwächter erzeugt wird, als bei Bildern. Das so weitgehend fehlende Pathos erzeugt Nolan nun wieder auf anspruchsvoll-verbale Art. Als Cooper mit den drei Astronauten ins All aufbricht, spricht Professor Brand aus dem Off folgendes Gedicht, das im Laufe des Films noch mehrmals erwähnt wird oder auch nochmals vorgetragen wird:

Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Brenne. Rase. Wenn die Dämmerung lauert.
Dem sterbenden Licht trotze, wutentfacht!


Dabei handelt es sich um die erste Strophe des Gedichtes „Do not go gentle into that good night“ von Dylan Thomas (1914-1953), der mit diesen Versen, wie auch den im Gedicht folgenden und im Film nicht erwähnten, seinem sterbenden Vater Mut zuspricht – er soll das Leben bis zuletzt mit all der Kraft des Lebens auskosten! Nolan überträgt in „Interstellar“ das Sterben eines Menschen auf das Sterben eines ganzen Planeten und damit der Spezies „Mensch“ und fordert die Menschen auf, sich nicht mit ihrem Schicksal abzufinden, sondern weiterzukämpfen, Lösungen zu suchen, zu leben! Diese oben erwähnte „anspruchsvoll-verbale Art“ droht nun wieder, den Zuschauer zu überfordern, da von ihm tatsächlich verlangt wird, dieses Gedicht mit seinen feurigen Worten nicht einfach nur zu hören und zu genießen, wie es in vielen Filmen, die nur auf „Effekt“ abzielen, oft ausreichend ist, sondern zu interpretieren, und diese Interpretation im Laufe des Filmes noch mehrmals zu verdichten: Denn auch der Astronaut Mann kennt dieses Gedicht, auch ihm wurde es von Professor Brand vorgetragen, und als er die Daten um den Eisplaneten fälscht, um ein zweites Schiff von der Erde anzulocken, wie auch, als er Cooper mit tödlicher Gewalt angreift, um das Schiff in seine Gewalt zu bringen und zur Erde zurückzukehren, tut er das, weil er die jahrelange Einsamkeit nicht erträgt und brennend, rasend, wutentfacht ums Leben kämpft. Und noch mehr: Wenn Cooper die Videobotschaften seiner Kinder sieht, muss er ertragen, dass er in über 23 Jahren, ihnen nicht „Vater“ sein konnte. Ihm wird klar, dass das Leben mit den eigenen Kindern, die Liebe zu den eigenen Kindern, ihm am wichtigsten ist. Auch hier, nicht nur beim Betrachten der Botschaften, sondern auch in den folgenden Handlungsteilen brennt und rast Cooper, wenn auch nicht so verbrecherisch-unkontrolliert wie Mann, um zu seiner Familie zurückkehren zu können. Verstärkt wird dies noch durch die später eintreffende zweite Botschaft von seiner Tochter, wo sie erklärt, dass Plan A mit der Rettung der Menschheit durch Umsiedelung gar nicht existiert hat. Man hat Cooper also unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu gebracht, ein Himmelfahrtskommando anzunehmen und dafür sein Leben zusammen mit seiner Familie zu opfern. Auch dies vertieft ihm die Erkenntnis dessen was ihm eigentlich wichtig ist – was am wichtigsten ist: Liebe.

Das Gefühl der Liebe ist es auch, das der Film in Form der beiden Hauptfiguren Cooper und Brand diskutiert: Die beiden stellen sich die Frage, ob Liebe vielleicht eine messbare Kraft sein könnte, die bisher, da man noch nicht einen entsprechenden technischen Standard erreicht hat, noch nicht gemessen werden konnte. Liebe ist als größte existierende Kraft anzusehen, da sie einerseits über größte räumliche Distanzen wirkt, andererseits auch über zeitliche und über den Tod hinaus. Als im Finale des Films Cooper in das Schwarze Loch „Gargantua“ eintaucht, stellt er fest, dass es sich nicht so verhält, wie es Schwarzen Löchern nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eigen ist und ihn und sein Schiff aufgrund der bis ins Unendliche gesteigerten Gravitation vernichtet, sondern dass er sich in einem künstlich erbauten Tesserakt, einem fünfdimensionalen Raum, befindet, der es ermöglicht, auch auf die Vergangenheit mittels Gravitation Einfluss zu nehmen und findet sich dort im Bibliothekszimmer seiner Tochter in seinem Farmhaus wieder. Dieses Zimmer ist jedoch räumlich in allen Zeiten, in denen Cooper oder Murphy dieses Zimmer kennen, räumlich vervielfacht; und Cooper kann unter großen Kraftanstrengungen aus diesem Tesserakt heraus in den normalen Dreidimensionalen Raum eingreifen, indem er z. B. gegen Bücher drückt, die dann wie in der vorgestellten Inhaltsbeschreibung zum Film zu Boden fallen. Doch warum findet Cooper im Tesserakt die Bibliothek vor, und nicht einen anderen Ort, z. B. die NASA Zentrale, irgendeinen anderen Platz auf der Erde, oder einen völlig Neuen im Universum? - - Weil hier dargestellt werden soll, dass der fünfdimensionale Raum einen „Nutzer“ dorthin bringen kann, wohin das Gefühl der Liebe ihn brennend, rasend, wutentfacht am meisten treibt.

Diese Inhalte des Eindringens des Metaphysischen in den Physischen Raum ist nun nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern in Werken älterer SF – Literatur und Film – vorbereitet. Wir kennen aus „Der Wüstenplanet“ die Methode der Raumfahrergilde, interstellare Reisen zu unternehmen: Die Droge „Spice“, die das Bewusstsein des Konsumenten/Astronauten so verändert, dass er durch Gedankenkraft in der Lage ist, den Raum zu krümmen und Raumschiffe so an ferne Orte zu bewegen. Von dieser Prämisse aus ist es nicht weit zu dem Gedanken, dass auch Liebe als Kraft Reisen an bestimmte Orte ermöglichen kann – auch in der Philosophie des Idealismus, z. B. bei Adam Weishaupt „Über Materialismus und Idealismus“ (1786), wo die Frage aufgeworfen wird, inwiefern das Immaterielle (Gott, Liebe, etc.) in die Welt des Materiellen einwirken kann, und physikalische Kräfte und Zustände (Raum, Zeit, Kohäsion, Zahl, Unendlichkeit) selbst nur Teil-Erscheinungsformen des Immateriellen sind.

Auf unvergleichlich simplere, wenn auch meines Erachtens nicht misslungene Weise thematisiert auch die Disneyproduktion „Das Schwarze Loch“ die Frage und die Suche nach Gott (Immaterielle Welt). So landen die Raumfahrer der Palomino nach Durchquerung der Passage in einem Paradies gotischer Sakralbauten, während der Mad Scientist Max Reinhard mit seinem Kampfroboter Maximilian verschmilzt und hier in höllenähnlicher Umgebung wohl als „Das Böse“ an sich weiterexistiert. Im Gegensatz zu „Interstellar“ wird in „Das Schwarze Loch“ die Frage nicht beantwortet, warum sich die zerstörerischen Gravitationskräfte nicht auf die Menschen auswirken, die Frage spielt aber in der Filmlogik keine große Rolle, das durchaus möglich sein kann, dass die Besatzung der Palomino nicht in körperlicher Gestalt, sondern nur als geistige Existenz der Weg durch das Schwarze Loch gelungen ist. In Interstellar jedoch entpuppt sich das scheinbare Schwarze Loch „Gargantua“ jedoch als von Menschen der Zukunft konstruierter Tesserakt, und so stellt sich hier nicht die Frage, warum es sich nicht zerstörerisch auf Cooper und sein Schiff auswirkt.

Das Wurmloch und der Tesserakt werden zu anfangs als von Außerirdischen konstruiert erachtet, was ähnlich in „Contact“ oder „Star Trek: Deep Space Nine“ thematisiert wird, wo in ersterem Außerirdische Astronomen auf der Erde mit Informationen versorgen, wie man ein Wurmloch konstruiert, um Reisen in den interstellaren Raum zu unternehmen, in letzterer Serie das Wurmloch selbst Behausung von Außerirdischen Intelligenzen ist, für die Zeit keine Bedeutung hat und die sich ihrerseits einen dreidimensionalen Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren, nicht vorstellen können. Bei „Star Trek: Deep Space Nine“ wird bei der Ersterkundung des Wurmlochs das Shuttle der Serienprotagonisten aufgehalten, woraufhin der Erstkontakt stattfindet, bei „Interstellar“ gibt es beim Durchflug eine kurze Szene, wo Brand glaubt, die außerirdischen Konstrukteure würden „Hallo“ sagen. Die Veränderung zu diesen Vorgängern in „Interstellar“ ist natürlich, dass hier Menschen, von denen erst angenommen wird, dass sie sich zu einer höheren, fünfdimensionalen Existenzebene hochentwickelt haben, die Konstrukteure sind und später noch klarer wird, dass Murphy, Coopers Tochter mit Coopers Hilfe, bereits die Voraussetzungen errechnet, diese Portale zu schaffen. Auch der berühmte Lichtkorridor aus „2001“ kann als Wurmloch betrachtet werden, Arthur C. Clarke, der die Kurzgeschichte für den Film schrieb, am Drehbuch beteiligt war und während der mehrjährigen Produktionszeit den Stoff auch zu einem Roman verarbeitete, nennt ihn „Weltraumbahnhof“, durch den Bowman reist, sich transformiert und als Neu-/Wiedergeborener bereit ist, Verantwortung über die Erde zu übernehmen. Während es in „2001“ im Besonderen aber um Schönheit geht, dargestellt mit den realistischen, teils psychedelischen Bildern, und die zentralen Aussagen des Films – Menschen haben sich seit der Steinzeit nicht verändert; Man sollte sein Leben nicht von Technik abhängig machen; die Rettung kommt von „Oben/Außen“ (im Roman, noch deutlicher in 2010 in Roman und Film – gegenüber dem Thema „Schönheit“ zurücktreten, lässt Nolan mit seinen zurückhaltenden Bildern seine Aussagen in den Vordergrund treten: Es geht um Menschlichkeit. Und so schließt der Film auch damit, dass Cooper von Murphy zu Brand geschickt wird, um ihr ein Leben in unmenschlicher Einsamkeit zu ersparen.

Schließlich verbirgt sich auch im Namen des Schwarzen Lochs „Gargantua“ eine literarische Anspielung: Zwischen 1532 und 1564 schuf François Rabelais den mehrbändigen Roman „Gargantua und Pantagruel“, in dem Gargantua, ein Riese – er verweist mit der Größe des Schwarzen Lochs in „Interstellar“ darauf – die Abtei „Thelema“ bauen lässt, die ein gesellschaftliches Utopia vorstellt und in der jeder so leben kann, wie es ihm gefällt. Aus einem Gedicht im 54. Kapitel von Gargantua, das über dem Kloster Thelema angebracht ist:


„Nicht hier herein! Ihr Wuch´rer, Menschenschinder,
Ihr Hungerleider, die ihr geizt und spart;
Ihr Geier, Nebelfresser, Mammonskinder,
Blutsauger, Raben, die mit maulwurfsblinder
Begier das Geld ihr einscharrt und bewahrt,
Nur immer häuft und Freuden and´rer Art
Nicht kennt, bis ihr genug gehungerleidert
Und euch der Tod sein Halt! Entgegenschleudert.

Ihr aber, die ihr brav seid, gut und bieder,
Willkommen hier, willkommen! tretet ein!

Wie groß an Zahl, wie vornehm oder klein,
Ihr seid mir alle stets die Lieben, Werthen,
Seid Hausgenossen mir und Lustgefährten.

Der hohe Herr, der dieses Haus gegründet,
Er that´s, damit ihr Obdach darin findet.


Hier wie da ermöglicht also „Gargantua“ den Menschen, ein neues Leben zu führen und eine neue, bessere Gesellschaft zu gründen.



Fazit:

Hervorragend konstruierter reiner SF-Film, der bei 169 Minuten Spielzeit nur zwei etwa 10 Minuten lange klassische Spannungsmomente, in denen Thrill erzeugt wird, hat, über den Rest der Zeit aber mit seiner schnelle erzählten Geschichte mit Tiefgang fesselt, bisherige Themen des SF-Films nicht nur aufgreift, sondern sinnvoll weiterentwickelt und insgesamt als Film so überzeugend ist, dass kleine Schwächen marginal erscheinen und „Interstellar“ zum Besten Film seiner Art seit „2001“ macht.


Wertung:

10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.04.2015 16:17 
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Die Karriere der Francis B. / Lady Libertine – Gérard Kikoïne

(Frankreich / Großbritannien 1984)

20.04.2015; DVD (Donau-Film) / 1,33:1



Der Adelige Charles de Beaumont lernt in der Nähe seines Landsitzes den 15jährigen Frank kennen und beschließt, ihn bei sich aufzunehmen und für sich arbeiten zu lassen. Auf merkwürdige Weise fühlt er sich zu Frank hingezogen, bis er schließlich, als er ihn einer Nachlässigkeit wegen mit einem Stock auf den nackten Hintern züchtigt, erkennt, dass Frank ein Mädchen ist und Francis heißt. Viele Monate vergehen, in denen Charles teils seine Mätresse Maud „besucht“, teils geschäftlich unterwegs ist, und er schließlich Francis zu Maud schickt, die ihr den gewissen weiblichen Feinschliff verschaffen soll. Wieder vereint glüht ihre Liebe mehr denn je und die beiden beschließen, Europa zu bereisen, wo sich indessen der Amerikaner Brook für Fancis interessiert. Wieder zu Hause angekommen wird Charles Zeuge, wie ein Diener Brooks Francis nochmals für seinen Herren gewinnen will und wird rasend eifersüchtig, schlägt Francis mit dem Stock wie damals, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten, auf den Hintern, obwohl sie beteuert, keine Beziehung mit Brook zu wollen. Gleich darauf schämt sich Charles für sein brutales Vorgehen gegenüber einer zarten, liebevollen Frau und entschuldigt sich; Francis sagt ihm darauf jedoch, dass sie ihn nicht mehr liebt und ihn verlassen wird. Als Charles, um das zu verhindern, ihr von ganzem Herzen einen Heiratsantrag macht, willigt sie freudig ein.

„Die Karriere der Francis B.“ ist eine Harry Alan Towers- und Playboy-Produktion, wobei letzterer anscheinend mehr über den Fotographiestil des Films zu bestimmen hatte, als Towers, der Regisseur und der Kameramann zusammen, denn gerade in den erotischen Szenen sind die Körper ganz so ausgeleuchtet und fotographiert, wie man es aus Playboybildern der damaligen Zeit (also Anfang der 1980er) kennt: Vor oft dunklem Hintergrund, der eine edle Ausstattung noch erkennen lässt, werden im besonderen Jennifer Inch (Francis) und Sophie Favier (Maud) in etwas rötlich/bräunlicher Beleuchtung abgefilmt. Towers, der von 1968 bis 1970 neun meist hochwertigere Jess-Franco-Filme produzierte, produzierte ein Jahr vor „Francis B.“ bereits ebenfalls für Playboy „Fanny Hill“, der einen sehr ähnlichen Stil erkennen lässt.

Gedreht hat den Film Gérard Kikoïne, der Ende der 1970er bis Mitte der 1980er sehr viele erotische und pornographische Filme drehte („Exzesse in der Frauenklinik“; „Jailhouse Sex“). Gérard Loubeau, der Kameramann, arbeitete mehrmals mit Kikoïne zusammen („Der Herr von Dragonard Hill“; „Die Mädchen von St. Tropez“) und führte ebenfalls gelegentlich Regie („Ein Sommer auf dem Lande“; „Sechs Schwedinnen auf Ibiza“).

In Deutschland wurde „Die Karriere der Francis B.“ erstmals 1998 als TV-Premiere auf Pro7 gezeigt, während der Film etwa zur gleichen Zeit in Frankreich im Rahmen einer Wiederveröffentlichung in die Schlagzeilen kam, als Sophie Favier, die mittlerweile zu einer bekannten TV-Moderatorin avançiert war, wegen ihrer Nacktaufnahmen in dem Film das erneute Erscheinen verhindern wollte. Die Kanadierin Jennifer Inch hatte hier ihre erste Hauptrolle, aber sollte leider im Laufe ihrer Karriere nur noch zweimal größere Rollen bekommen: Im abermals von Playboy produzierten „Soft Touch“ und in „American Eiskrem II“.

Inhaltlich kann der Film dank seiner überraschend feinfühligen Inszenierung überzeugen, denn seine Musik im Stil der romantischen Klassik (von Marc Hillmann), die oben erwähnte Kameraarbeit und das Schauspiel verleihen dem Film Tiefe und weitgehend Glaubwürdigkeit – weitgehend, da man Jennifer Inch den Jungen Frank zu keiner Sekunde abnimmt, zu weiblich wirkt sie trotz Pagenschnitt und Männerkleidung. Auch die hervorragende Ausstattung im viktorianischen Stil um die Jahrhundertwende ist so stimmungsvoll wie stimmig: Als „Frank“ zu Beginn des Films in Charles Bibliothek erotische Literatur entdeckt und heimlich liest, beinhaltet das Buch Illustrationen im Jugendstil, ein Stil, in dem genau zu dieser Zeit, seit etwa 1890, gemalt wurde. Was die Sadismen angeht, soll der Film gegenüber der anonym veröffentlichten Romanvorlage „Frank and I“ aus dem 19. Jahrhundert etwas geglättet sein, bietet aber dennoch genug, um in den 1980ern als Skandalfilm empfunden worden zu sein – und ist gleichzeitig aber harmlos genug, um 2012 eine FSK 16 bekommen zu haben (Die DVD ist wegen der Trailer KJ). Vom Zuschauer fordert der Film ein gewisses Verständnis für SM-erotische Liebesbeziehungen, denn fehlt dieses, wirkt das Ende des Films wohl mehr als lächerlich. Tatsächlich wird es jedoch so sein, dass Francis, als sie Charles nach dessen Hieben und seiner Entschuldigung verlässt, Charles förmlich dazu zwingt, ihr einen Heiratsantrag zu machen, so dass er sie gänzlich an sie bindet und sie sich einander noch weit bedingungsloser hingeben können.


Fazit:

Hervorragend fotographierte Romanverfilmung, die trotz einer gewissen liebesphilosophischen Tiefe und sehr erotischer Szenen aufgrund der zu oberflächlichen Charakterzeichnung kein großer Klassiker des Genres ist.

Wertung:
7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 18.05.2015 14:53 
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Teufelskerle auf heißen Feuerstühlen / On Any Sunday - Bruce Brown

(USA 1971)

30.04.2015; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,78:1


Der dokumentarische Film “Teufelskerle auf heißen Feuerstühlen” vermag es bereits seit 1971 in vielen Menschen die Liebe zum Motorradsport zu wecken und wird heute noch als einer der besten Filme über den Motorradsport eingeschätzt. Der Regisseur Bruce Brown, der zuvor bereits mehrere Dokumentarfilme über den Surfsport inszenierte und 1966 mit „Endless Summer“ hierzu den filmischen Höhepunkt über die Suche nach der perfekten Welle inszenierte, inszenierte „Teufelskerle“ mit Steve McQueen, der bekanntlich ebenfalls dem Motorradsport verfallen war und der den Film auch finanzierte. Später äußerte sich McQueen folgendermaßen über den Film: „I think Bruce Brown’s motorcycle film “On Any Sunday” is the best thing that has ever happened to motorcycling. The audience is taken on a visual ride in what I believe is finally the definitive film on motorcycling. Tome it is an unforgettable film, and I was very happy to be a part of it in some small way.”
Bruce Brown gelang es, das Image der Biker/Motorradfahrer als gesellschaftliche Außenseiter und Kleinkriminelle seinerzeit Lügen zu strafen. Hier werden die Fahrer und Sportler als arbeitende, in ein Sozialleben eingebundene Menschen gezeigt, die in ihrer Freizeit das Gefühl der Freiheit lieben und die Freude genießen, die ihnen das Motorradfahren gibt, während besonders in den nicht-dokumentarischen Biker- und Roadmovies damals wie heute aus dramatischen Gründen meist der Outlaw im Biker thematisiert wird und damit gleichzeitig eine Verschränkung mit dem Western-Genre stattfindet.
Man würde dem Film jedoch Unrecht zufügen, wenn man ihn nur als Dokumentation bezeichnete. Seine brillante Kameraarbeit – gefilmt wird teils aus Hubschraubern und von den Motorrädern selbst aus – erweckt im Zuschauer ein Verständnis dafür, wie gefährlich und dennoch faszinierend dieser Sport mit seinem Geschwindigkeitsrausch ist. Robert E. Collins´, der hier noch am Anfang seiner Karriere als Kameramann stand und später z. B. für die Serie „Miami Vice“ und „Michael Jackson´s Moonwalker“ arbeitete, gelingt es bereits auf kaum zu übertreffende Weise, seine Kamera, die für einen Sportfilm auf eine besonders dynamische Art und Weise mit rhythmischen Geschwindigkeits- und Richtungsänderungen arbeiten muss, einzusetzen. Zeitweise fühlt man sich an den Marathonlauf und das Kunstspringen der Schwimmer aus Leni Riefenstahls „Olympia“ erinnert, so sehr wird man als Zuschauer in einen Bilder- und Geschwindigkeitsrausch versetzt, der einen zeitweise die eigene Orientierungsfähigkeit verlieren lässt.
Aufgelockert wird der Film mit einem informativen wie humorvollen Kommentar, den im Original Bruce Brown selbst spricht, und der in der deutschen Fassung noch um einiges „dreckiger“, in der Art der Schulmädchenreporte, rüberkommt. Dazu gibt es einen wahrhaft groovy 60er/70er Soundtrack, der die Bilder perfekt untermalt und nie zu sehr in den Vordergrund tritt.

Fazit:
Die perfekte Möglichkeit, im Kinosaal die Freuden des Motorradfahrens kennenzulernen. Ein Dokumentarfilm, der Spaß macht.

Wertung:
8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.07.2015 17:31 
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Das unsterbliche Herz – Veit Harlan

(Deutschland 1939)

29.06.2015; VHS (Polyband) / 1,33:1



Martin Behaim, Geograph und Erfinder der Globus, gerät auf dem Schiff „Stadt Nürnberg“ vor der Westküste Afrikas in einen schweren Sturm. Das Schiff sinkt und Behaim kann sich und den Globus gerade noch retten. Zurück in Nürnberg wird er vor Gericht gestellt, da er für seine Forschungen, also die Kartographierung der Erde, Schiff und Besatzung mit seinem Leichtsinn geopfert hat. Behaim verteidigt sich damit, dass er nichts dafür konnte, da die Uhren auf dem stark schaukelnden Schiff versagten und auch die Sonnenuhren wegen der Sturmwolken nicht verwendbar waren. Spontan verteidigt ihn der Schlossermeister Peter Henlein, der vor Gericht als Schöffe fungiert, indem er darstellt, dass für Wissenschaft und Kultur manchmal Opfer gebracht werden müssen und dass es wichtiger ist, die Kultur voran zu bringen, als Krämerseelen wie den Schiffseigner zu schonen und ihm Ersatz zu leisten. Das nächste Mal solle Behaim sogar besser mit 3 Schiffen ausfahren, um seine Forschungen zu einem sicheren Gelingen zu bringen. Das Gericht folgt Henlein und urteilt unter der Auflage, dass Behaim dann seine Forschungen fortführen darf, wenn Henlein eine Uhr ohne Funktionsstörungen bei starkem Seegang erfindet.

Henlein, der mit der weit jüngeren Ev verheiratet ist, wurde kurz zuvor von seinem Lehrling Konrad versehentlich angeschossen, als dieser zur Rede gestellt wurde, warum er Ev als für das Nürnberger Rathaus bestimmte Venusstatue nackt dargestellt hatte. Die Kugel steckt in der Nähe des Herzens und Henlein verweigert die gefährliche Operation, da er befürchtet, dabei zu sterben und die Uhr nicht mehr erfinden zu können, die für die Schiffahrt und Forschung so wichtig sein würde. Doch nicht nur die Wunde und damit die Zeit arbeitet gegen ihn, sondern auch seine Frau, die um sein Leben fürchtet, und Henleins halbfertige Uhr zu Boden wirft, und die sich schließlich aus Verzweiflung an den Nürnberger Rat wendet, der Behaim und Henlein den Auftrag wieder entziehen soll. Da sie ihn dort auch als Lutheraner benennt, schlägt das Wohlwollen gegenüber Henlein um, sodass er in die Burg Nürnberg flüchten muss und sich dort versteckt, um seine Uhr fertig zu konstruieren. Um ihn dazu zu bewegen, sein Versteck zu verlassen, wird Ev von den städtischen Behörden einen Tag lang an den Schandpfahl gestellt; doch das Volk bewirft nicht nur Ev, sondern die Staatsbeamten gleich mit mit Eiern und Gemüse, da es diese Art Bestrafung als überholt und unverhältnismäßig ansieht. AM gleichen Tag vollendet der schwer angeschlagene Henlein sein Werk, sein Herz hört auf zu schlagen, wird jedoch als tickendes Räderwerk der ersten Taschenuhr unsterblich sein. Zuvor regelt er sein Erbe, keiner soll aus der Uhr Gewinn und Patente schlagen können, und gibt Ev, die nun offen ihre Liebe zu Henleins Lehrling zeigt, seinen Segen und freut sich für die beiden. Die Stadt rahabilitiert Henlein und inszeniert sein Begräbnis als großen Umzug des ganzen Nürnberger Stadtvolkes.

Veit Harlan, von Goebbels längst zum Staatsregisseur aufgebaut, drehte im Herbst 1938 „Das unsterbliche Herz“, der als Dankeschön für die unentgeltliche Beteiligung tausender Nürnberger in fränkischen Trachten in der Massenszene des Beerdigungsumzuges am Filmende am 31.01.1939 in Nürnberg, nicht wie gewöhnliche in Berlin, uraufgeführt wurde. Auch in den USA startete der Film im Oktober 1939, und erhielt trotz des mittlerweile erfolgten Kriegbeginns Kritikerbeifall. In der Rolle der Ev inszenierte Harlan erneut seine Geliebte Kristina Söderbaum, die er nach den Dreharbeiten und der Scheidung von Hilde Körber im Frühjahr 1939 heiratete. Mit Heinrich George als Peter Henlein und Paul Wegener als Dr. Schedel ist der Film auch in den anderen Hauptrollen prominent besetzt, Harlan drehte mit beiden Darstellern noch 2 weitere Filme. Er schrieb auch am Drehbuch mit, das auf einem Theaterstück („Das Nünbergisch Ei“) seines Vaters, Walter Harlan, beruht. Die Kamera führte Bruno Mondi, der sowohl vor als auch nach diesem Film mit Harlan zusammenarbeitete, und als Kameramann später z. B. im ersten DEFA-Farbfilm „Das kalte Herz“ und in allen 3 „Sissi“-Filmen sein Können zeigte. Den Schnitt besorgte Marianne Behr, die zuvor zweimal und nach „Das unsterbliche Herz“ noch einmal mit Harlan zusammenarbeitete. In den wichtigsten Funktionen vor und hinter der Kamera arbeitete also weitgehend ein bereits langjährig eingespieltes Team.

Über die Drehorte zu diesem Film liest man im Internet, z. B. bei Wikipedia oder bei Amazon viel Unsinn: Wikipedia behauptet, es wäre ein Filmfehler, dass die Außenaufnahmen nicht in Nürnberg, sondern in Hildesheim gedreht wurden, bei Amazon lesen wir in einer Nutzerrezension, er wäre ausschließlich in Hildesheim entstanden. Tatsächlich sind die Aufnahmen der Nürnberger Kaiserburg definitv in Nürnberg gedreht, ebenfalls die bereits erwähnten Massenszenen zum Beerdigungsumzug, sowie Stadtpanoramaansichten und Evs Fürbitte in der Nürnberger St. Lorenzkirche. Und selbstverständlich ist der Schiffsuntergang zu Beginn des Films nicht „ausschließlich in Hildesheim“ gedreht, sondern vor der Insel Rügen. Aus Hildesheim kommen möglicherweise die meisten Nahaufnahmen von verwinkelten Straßen und Fachwerkhäusern, Quellen aus „filmportal.de“ und „imdb.com“ nennen Hildesheim als Drehort überhaupt nicht. Um einen „Filmfehler“ handelt es sich so oder so nicht, bis heute werden Filme länderübergreifend nicht oder nicht nur an Originalschauplätzen gedreht, das hat teils ökonomische, teils ästhetische Gründe.

Ebenfalls liest man in der einzigen imdb-Rezension über den Film, er sei nicht propagandistisch, was ebenfalls völlig falsch ist. In der NS-Zeit entstanden zwei Arten von Propagandafilmen: 1933 und 1940-1945 entstanden aggressive, offensichtliche („Hitlerjunge Quex“, 1933, „Heimkehr“, 1941), in der Zeit dazwischen selten und subtilere Propagandafilme („Urlaub auf Ehrenwort“, 1937 und diverse Filme über „Große Deutsche“, zu denen auch der hier besprochene Film über Peter Henlein gehört). Die aggressiveren Filme sind dabei in der Regel noch deutlich unter der Aggressivität US-amerikanischer Filme aus der gleichen Zeit und dem beginnenden Kalten Krieg („Education for Death“, 1943; „Invasion gegen USA“, 1952). Von subtiler Propaganda versprach man sich – sicherlich sehr zutreffend – vom Publikum, dass es politische Meinungen der NS-Regierung leichter aufnimmt, während es bei Holzhammerpropaganda diese als solche erkannt, eine Reaktanz gebildet und die Propagandabotschaft eher abgelehnt hätte – das Gegenteil der Propagandaintention also!

Aus der Perspektive des Propagandafilms über „Große Deutsche“ (Andere Filme wären hier „Robert Koch, der Bekämpfer des Todes“, 1939; „Friedrich Schiller – Triumph eines Genies“, 1940; Filme über Bismarck und Friedrich II.) zeigt „Das unsterbliche Herz“ ein Erfindergenie (Peter Henlein) inmitten anderer Genies (Hartmann Schedel, Verfasser der Weltchronik, Martin Behaim, Konstrukteur eines ersten europäischen Globus um 1492, und Martin Luther, dessen Thesenanschlag in diesem Film gezeigt wird) in Nürnberg (bis auf Luther), die als Kulturhauptstadt und Stadt der Reichsparteitage ab Ende der Zwanziger Jahre eine große Strahl- und Anziehungskraft auf Volk und NS-Führung ausübte. Behaim und besonders Henlein werden als extrem opferbereit geschildert, das eigene Leben wie auch das Leben anderer für die „Gute Sache“, also den technischen Fortschritt und damit die Weiterentwicklung in geistiger, wirtschaftlicher und kultureller Sicht zu opfern, wird als sinnvoll und positiv dargestellt. „Das unsterbliche Herz“ ist also stark patriotisch ausgerichtet mit seiner dargestellten Opferbereitschaft für Gott und Vaterland, zudem antikapitalistisch (im Dritten Reich bevorzugte man den Begriff „Antiplutokratisch“ um sich von Kommunisten abzugrenzen), andere denkbare Propaganda fehlt jedoch, wie z. B. Blut-und-Boden-Ideologie, Antisemitismus oder Chauvinismus (wir sind besser als … ).

Das Frauenbild wirkt in dem Film sehr fortschrittlich und emanzipiert, gerade vor dem Hintergrund der Zeit- und Zensurumstände. Zwar ist Söderbaum in der Rolle der Ev wie so oft in ihren Filmen ebenfalls aufopfernd, ist jedoch auch als Verführerin in einer Nacktszene zu sehen („Ich bin eine Mänade“), was sehr ungewöhnlich für einen Film dieser Zeit ist, flirtet bereits zu Beginn des Films mit anderen Männern ihres Alters, die somit wesentlich jünger sind als ihr Ehemann Peter Henlein, ohne jedoch untreu zu werden. Erst als er sie als „Feindin aus Liebe“ von sich weist opfert sie sich zwar weiter für ihn auf, öffnet sich aber noch mehr für einen anderen Mann, den Lehrling Henleins. Söderbaum agiert hier wesentlich selbstbewusster und stärker als in ihren meisten anderen Filmen dieser Epoche, wo sie eher eine Allegorie der Fragilität des Körpers und Geistes ist. Dies zeigt auch wiederum die besagte Nacktszene: Ev erkundigt sich zuvor bei Schedel, wie sie ihren Mann wieder für sich einnehmen könne, und dieser erklärt ihr in sehr direkter Sprache, dass sie ihre körperlichen Reize einsetzen solle, wenn sie nackt wie eine Mänade vor ihm tanzte, könne er ihr nicht mehr widerstehen. In der darauffolgenden Szene tritt sie mit selbstbewusstem, verführerischen Blick und nur mit einem Pelzmantel bekleidet vor ihn, unterhält sich kurz und lässt, nun hinter Henlein stehend, den Mantel fallen umarmt ihn und versucht, ihn zu verführen. Als dieser jedoch feststellt, dass nicht nur Evs Arme, sondern dass sie völlig unbekleidet ist, beginnt er zu lachen und weist sie von sich. Dies ist das maximal Mögliche, was unter damaligen Zensurbedingungen ins Kino gebracht werden konnte; es war damals lediglich erlaubt, sich über Sex zu unterhalten, oder Nacktheit ohne jeden sexuellen Hintergrund zu zeigen. Diese Grenze überschreitet der Film, wenn auch nur geringfügig.

Schön ist an „Das unsterbliche Herz“, dass ihn ein sehr humanistischer und aufklärerischer Geist durchweht. So tut Henlein eben nicht etwa nur Dienst an seiner Vaterstadt, nein, er fühlt sich „in einem Himmel, den du noch gar nicht ahnst“, da er „an einen Geist (glaubt), der imstande ist, zu erklären, wie aus der Unordnung, die in meinem Körper ist, wieder Ordnung wird“. Gemeint ist die Unordnung, die die in der Nähe seines Herzens steckende Kugel verursacht, und der Ordnung bringende Geist ist die Medizin, genauer, die Wissenschaft an sich, der in dem Film die mittelalterliche Quacksalberei des Pfaffen Bratvogels gegenübergestellt wird. Die Verpflichtung gegenüber diesem „Geist“ und diesem „Himmel“ erklärt auch der Lehrling Konrad später Ev – und dem Zuschauer: Henlein hat andere Ansprüche gegenüber Himmel und Ewigkeit, als Ev und normale Menschen.

Auch der Aufbau des Films fügt sich in diese Psychologie des wissenschaftlichen Genies ein. Er spielt 1517, beginnt am 9. Mai und endet in den ersten Novembertagen des gleichen Jahres. Genau zur Filmmitte wird der Thesenanschlag Luthers am Portal der Schlosskirche Wittenbergs gezeigt, was die erste Hälfte des Films somit im Mittelalter spielen lässt, die zweite Hälfte in der Neuzeit. Die Neuzeit wird nun symbolisiert durch die Vielzahl wissenschaftlicher Genies, die ihrem eigenen „Himmel“ dienen und von deren Früchten Land und Volk profitieren, das Mittelalter durch den katholischen Klerus, besonders in Form Bratvogels, der, als er erfährt, dass Henlein Lutheraner ist, geradezu zu einer Hexenjagd bläst, sowie durch den reinen Egoismus in Form eines Profitstrebens, dargestellt durch Evs Vater, den Schiffseigner, die „Krämerseele“.

Auf eine noch drastischere Weise, als in dem Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944) zeigt „Das unsterbliche Herz“ Kritik am Denunziantentum. Als Ev vor dem Nürnberger Rat vorspricht, damit dieser ihrem Mann den Auftrag, die Uhr zu bauen, entzieht, nennt sie ihren Mann einen Lutheraner. Bratvogel, der mit dabei sitzt, hakt hier sofort ein, und verlangt „unmenschlich harte Mittel“, um Henlein deswegen vor Gericht zu zwingen. Der Rat folgt Bratvogel in seinem Bestreben und tatsächlich landet Ev einen Tag lang am Schandpfahl, um Henlein aus seinem Versteck zu locken. Doch an dieser Stelle zeigt der Film, dass das Volk hier fortschrittlicher und intelligenter ist, als der vom Klerus getriebene Nürnberger Rat, und eine neue Zeit, die Neuzeit, bereits ihren Geist entfaltet hat. Nur so ist es auch zu erklären, dass mit dieser Kritik am Denunziantentum der Film die goebbelsche Zensur passieren konnte, sah sich der Nationalsozialismus doch auch als eine „neue Zeit“ mit Fortschrittsgeist. Gezeigt werden in dem Film jedoch mit Bratvogels Agitation, seiner Hexenjagd, genau die „unmenschlich harten Mittel“ des NS-Regimes, welches hier letztlich als mittelalterlich in seinen Methoden kritisiert wird.

Der Film zeigt überzeugend, wie sehr Harlan ein hochgebildeter Künstler und hervorragender Handwerker ist, leider zeigt der Nachfolgefilm „Jud Süß“ (1940), dass es Harlan keineswegs um das Darstellen humanistischen Geistes im Film ging. Auch wenn Film und Drehbuch im Auftrag des Reichspropagandaministeriums entstanden und Goebbels selbst Ideen beisteuerte und möglicherweise sogar das Ende des Films selbst drehte, wollte Harlan diesen Film drehen. Vielleicht reifte Harlans Charakter später doch noch, denn 1957 drehte er mit „Das dritte Geschlecht“ einen Film, der sich gegen die staatliche bundesdeutsche Verfolgung Homosexueller einsetzt. Ironischerweise wurde Harlan nun von der FSK dazu gezwungen, Szenen neu zu drehen, umzusynchronisieren und zu schneiden, so dass sich die Aussage in sein Gegenteil verdrehte und ein Antischwulen-Tendenzfilm entstand. In Österreich jedoch gelangte der Film in seiner ursprünglichen Fassung zur Aufführung.

„Das unsterbliche Herz“ ist noch nicht auf DVD erschienen, Polyband hat den Film in zwei Auflagen veröffentlicht, dabei entspricht die erste Auflage der FSK-Prüfung vom 25.1.1984 mit einer Länge von 92 / 87:39 Minuten, die zweite Auflage entspricht der Prüfung vom 18.8.1950 mit einer Länge von 105 / 101:11 Minuten und ist damit gegenüber der Erstaufführungsfassung um 2 Minuten gekürzt. Dabei fehlt z. B. die Namensnennung des Regisseurs in den Anfangstiteltafeln, wohl um das Publikum, das Harlan damals die Regie an „Jud Süß“ sehr übelnahm, nicht zu vergraulen Die Erstaufführungsfassung wurde ab 16 freigegeben, 1942 erhielt der Film, nun um 1 Minute gekürzt, ein Jugendverbot, das sich vermutlich aus der Tatsache begründet, dass sich die Soldaten im Krieg darauf verlassen können sollten, dass ihre Ehefrau zu Hause treu auf sie wartet, und Ev in dem Film als zu flirtbereit und sexy dargestellt wird. Die FSK-freigegebenen Fassungen sind alle ab 16.

Fazit:

Gelungener Film, der es verdient, wiederentdeckt zu werden und auf DVD zu erscheinen. Kunstvoll im Aufbau und fortschrittlich in seiner Erzählweise portraitiert der Film die Denkweise eines Erfindergenies am Wendepunkt von Mittelalter zur Neuzeit.


Wertung:

9,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 10.09.2015 15:21 
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Der Kampf um das goldene Tor / Ilja Muromez – Aleksandr Ptuschko

(Russland, 1956)

05.09.2015; DVD (icestorm) / 2,35:1



Der Held Ilja Muromez wird mit dem Schwert des Helden Swjatogor ausgestattet um sich damit selbst als Held zu bewähren. Um dem russischen Hochadel in Kiew im Kampf gegen die Tataren beizustehen, macht er sich auf den Weg dorthin und entscheidet sich an einer Weggabelung, vor die Wahl gestellt, ein glückliches, reiches Leben führen zu können oder aber den Weg in den Tod zu nehmen, für letzteres. Hier nimmt er in trostloser Landschaft den Kampf gegen den Windteufel Lolowej auf, besiegt ihn und bringt ihn als Gefangenen mit an den Königshof in Kiew. Dort wird Ilja Muromez erst fürstlich empfangen, fällt jedoch bald aufgrund einer Intrige eines Nebenbuhlers in Ungnade und wird eingekerkert. Als die Tataren vor Kiew stehen, besinnt man sich auf den Helden und begnadigt ihn. Er führt das russische Volk in den Kampf gegen die Tataren, wobei er nicht nur seine körperliche Stärke einsetzt, sondern auch zu der ein oder anderen List greift, um die Kämpfe siegreich zu bestehen. Kalin Khan, der Führer der Tataren setzt jedoch seinen Helden gegen Ilja Muromez ein, die jedoch beide erkennen, dass sie Vater und Sohn sind und nun gemeinsam gegen den Khan kämpfen wollen. Dieser entfesselt einen riesigen dreiköpfigen Drachen, der direkt auf Kiew zufliegt und die Stadt in einer Feuersbrunst zu vernichten droht. Doch gegen die vereinten Kräfte Muromez´ und dessen Sohnes hat selbst ein Drache wenig Aussicht auf Sieg. Als die Kämpfe glücklich beendet sind gibt Ilja Muromez das Schwert Swjatogors weiter an seinen Sohn in der Überzeugung, dieser werde ein noch viel größerer Held als er.

Der Regisseur Aleksandr Ptuschko drehte vor und nach „Der Kampf um das goldene Tor“ mehrere Märchenfilme. Während dieser jedoch mehrere märchenhafte Elemente beinhaltet ist er durch und durch eine Sagenverfilmung. Er beruht auf mehreren Motiven im 12 Jahrhundert angesiedelter russischer Sagen um Ilja Muromez, des einzigen heidnischen Helden, der von der russisch-orthodoxen Kirche heilig gesprochen wurde.

Der Film ist eine der teuersten sowjetischen Filmproduktionen, was der Zuschauer anhand des hier gebotenen auch erkennen kann: De dreiköpfige Drache wirkt auch heute noch glaubhaft – mit kleinen Abstrichen, man erkennt ihn natürlich als Modell, genauso wie man „Smaug“ in „Der Hobbit“ als Animation erkennt – aber der Detailreichtum, seine Bewegungsabläufe und sein Flugverhalten wirken wesentlich glaubwürdiger als in vergleichbaren zeitgenössischen und späteren Produktionen, wie z. B. Harald Reinls „Die Nibelungen“ (1966) oder sogar Ray Harryhausens Kreaturen in „Kampf der Titanen“ (Desmond Davis, 1981). Zudem ist der Drache bis heute eine der größten Monsterattrappen der Filmgeschichte.

Die Kameramänner Fyodor Provorov (der für Ptuschko in mehreren anderen Filmen ebenfalls die Kamera führte) und Yuli Kun fingen das Geschehen in beeindruckenden Bildern ein, besonders sei hier die Eingangsszene erwähnt, in der Swjatogor auf einem Pferd im Hintergrund des Szenenbildes reitend Sängern, die sich im Vordergrund befinden, aber sehr viel kleiner sind als Swjatogor, sein Schwert überreicht, damit sie es Ilja Muromez aushändigen. Nachdem er ihnen das Schwert übergeben hat, versteinert er selbst zum Berg. Beeindruckend ebenfalls in der Reihe von Schlachten, die das letzte Drittel des Films dominieren, wenn Kalin Khan auf einen Hügel aus Menschen steigt, die sich freiwillig aufgetürmt haben, um dem Khan einen besseren Überblick über die Schlachten zu ermöglichen.

Etwas negativ fällt die russische Blut-und-Boden Propaganda auf, denn der Film nutzt viele Gelegenheiten, das Recht des russischen Volkes auf ihren heimatlichen Ackerboden, für den ihre Helden gekämpft haben und noch immer kämpfen, in pathetischen Reden in den Vordergrund zu stellen.

„Der Kampf um das goldene Tor“ kam 1956 in die sowjetischen Kinos, 3 Jahre später in die Kinos der DDR und 1960 in die westdeutschen- und US-Kinos. In neuer Synchronisation wurde er 1980 in der DDR und 1982 eine Woche nach dem Start von „Conan, der Barbar“ (John Milius, 1982) in Westdeutschland wiederaufgeführt und gelange bei Eurovideo in der Erstsynchronisation auf Video und bei icestorm in der Zweitsynchronisation auf DVD, jeweils in einer „Märchenklassiker“-Reihe, allerdings mit FSK 12 und wie man aus der obigen Inhaltsangabe schließen kann, als Genrebezeichnung falsch und auch nicht unbedingt für kleine Kinder geeignet.

Fazit:
Unterhaltsame Sagenverfilmung mit höchstbeeindruckenden Bildern und manchmal störend auffallender Staatspropaganda.

Wertung:
7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 27.10.2015 18:33 
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Die Muse – Christian Genzel

(Deutschland / Österreich 2011)

26.10.2015; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Katja findet sich in einer vergitterten Zelle im Keller des Autors Peter Fischer wieder, der sie entführt hat, um sie als Inspirationsquelle für sein neues „Werk“, einen Roman, zu benutzen. Fischer versucht ihr begreiflich zu machen, dass sie ein Opfer für die Kunst zu bringen habe und die Kunst, sein Kunstwerk, ihrem bisher sinnlosen Leben Sinn gibt. Katja indessen versucht durch Manipulationsversuche und Ablenkungsmanöver, ihre Freiheit wiederzuerlangen, jedoch vergeblich; und Fischer versucht ihren Freiheitswillen durch immer härtere Vergeltung zu brechen: Zu Beginn chloroformiert er sie meist, schreit sie an oder fesselt sie mit Plastikriemen an die Gitter ihres Gefängnisses, später spritzt er ihr Heroin, von dem er selbst abhängig ist und macht sie süchtig, nur um sie von ihrer Drogensucht wieder zu entwöhnen. Während Katja Wille nun gebrochen scheint – sie macht Fischer sogar darauf Aufmerksam, wenn er vergisst, die Tür ihres Gefängnisses wieder zu verschließen – wird er von seinem Dealer Dylan immer mehr unter Druck gesetzt, da Fischer ihm Geld schuldet. So steht auch Fischer immer mehr unter Druck, sein Werk zu vollenden, das er auf einer alten mechanischen Schreibmaschine auf einem Schreibtisch direkt vor Katjas Zelle schreibt.
Eine Unvorsichtigkeit Fischers nutzt Katja, um zu fliehen, doch muss sie sich ihrem Peiniger, der sie verfolgt, ein weiteres mal stellen: Nun fesselt sie ihn an die Gitterstäbe ihres früheren Gefängnisses und trotzt dessen feixender Siegesgewissheit, dass gerade unter diesen Umständen und eines etwaigen sich anschließenden Skandalprozesses sein Buch nur noch erfolgreicher sein würde. Katja macht ihm verständlich, dass es keine derartige „Öffentlichkeitsarbeit“ geben wird und sie niemandem erzählen wird, was es mit dem Buch auf sich hat. Sie wird es unter ihrem Namen veröffentlichen, während auf dem Türschild Fischers nur ein Hinweis „Ich bin verreist“ vorgefunden werden wird.


Christian Genzel, Regisseur einiger Kurzfilme und Betreiber des von mir geschätzten Blogs „wilsonsdachboden.com“ stellte seinen ersten Langfilm nach etwa 5jähriger Produktionszeit bereits Ende 2011 fertig, ist jedoch bis heute leider nicht richtig „angelaufen“, wenn man von einmaligen Aufführungen in kleinen Programmkinos absieht. Wer aber an dem Film Interesse hat, kann ihn sich immerhin seit einiger Zeit als Video-on-Demand ansehen oder downloaden. Der Film ist mit Fördergeldern unter anderem der Stadt Salzburg entstanden und hat 67 000 € gekostet, dank exzellenten Schauspiels und professioneller Kameraarbeit wirkt „Die Muse“ jedoch zu keiner Zeit wie ein Amateurfilm oder in einzelnen Aspekten amateurhaft und darüber hinaus so, als hätte ihm ein weit höheres Budget zur Verfügung gestanden. Zur Seite standen Genzel die Schauspieler Thomas Limpinsel (als Fischer), der seit 1992 für unzählige Fernseh- und Kinofilme spielt und in der Rolle der Katja Henriette Müller, die ebenfalls wie Limpinsel Film- und Theaterschauspielerin ist.

„Die Muse“ bricht zwar trotz kleiner Überraschungen nicht mit den Genrekonventionen des Psychothrillers, ist jedoch vergleichbaren Produktionen weit überlegen – dazu jedoch später mehr. Fischer als Psychopath auf der Suche nach Inspiration ist nicht nur genretypisch „richtig“ portraitiert, sondern auch unter medizinischen Gesichtspunkten gut angelegt: Sein Denken ist egozentrisch, auf sich, sein „Meisterwerk“ und seine Probleme (mit dem Dealer und seiner Geldnot) konzentriert. Einfühlungsvermögen in die Situation seines Entführungsopfers fehlt ihm gänzlich: „Ich will Sie doch nicht zwingen. Ich will, dass Sie freiwillig mitmachen“. Dass Katja versucht, zu fliehen, versteht er nicht und begreift es als persönlichen Angriff, den man gewaltsam abwehren muss. Diese Gewalt ist zudem in eher geringfügiger Stärke körperliche Gewalt, sondern vielmehr geistiger – oder genauer gesagt, ihr Geist, ihr Wille wird ihr genommen, wenn sie nicht pariert, erst, indem sie chloroformiert wird, dann, indem sie solange unter Drogen gesetzt wird, bis sie süchtig ist. Psychopathische Charaktere haben neben einem ausgeprägten Narzissmus, zu dem auch die erwähnte Egozentrik gehört, aber auch Eigenschaften wie ein stark elaborierter Sprachcode, wie ihn Fischer benutzt, in ihrer Persönlichkeit auch ausgeprägte hysterische Aspekte. So wechselt Fischer von seinem elaborierten Code dann in einen lauten, vulgären, gewalttätigen, wenn er sich angegriffen oder verraten fühlt, wenn Katja also nicht mitmacht oder einen Fluchtversuch unternimmt.

Den Film hätte man nun so aufbauen können, dass Katja und der Zuschauer erst gegen Ende den Grund der Gefangennahme erfahren, also der Funktion Katjas als Muse für einen Roman Fischers. Dies jedoch wird dem Zuschauer und auch der Protagonistin bereits in den ersten 20 Minuten des Films erzählt, sodass sich nun Befürchtungen regen könnten, der Film würde jetzt in über 60 weiteren Minuten Laufzeit Fluchtversuch an Fluchtversuch reihen oder sich in einen Torture-Porn-Film wandeln, was glücklicherweise nicht geschieht. Stattdessen werden wir Zeuge eines Psychoduells, in dem das Opfer immer mehr das Vertrauen des Psychopathen gewinnt, der ihr im Gegenzug immer mehr erklärt, was er von ihr erwartet: Die Akzeptanz, dass „wir alle Opfer bringen müssen für die Kunst“, andererseits aber auch immer mehr über sich preisgibt: Denn von Kritikern wird er nicht als erfolgreicher und meisterhafter Autor gefeiert, sondern als Trivialautor, der nur über seine Obsessionen schreibt, herabgewürdigt. Gleichzeitig findet er keinen Verleger, der seine Bücher veröffentlichen will, muss sie auf eigene Kosten drucken lassen, ist weitgehend mittellos und wurde bis von kurzem von seinem Bruder finanziell unterstützt. Diese Geldquelle ist nun zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt versiegt, muss er doch seinen Dealer bezahlen, der ihm keinen Zweifel daran lässt, dass er über Leichen gehen würde, um an sein Geld zu kommen. So an die Grenzen des persönlich Machbaren zu stoßen ist für Psychopathen natürlich besonders schlimm – und diese Schwäche nutzt Katja nun, um sein Vertrauen immer mehr zu gewinnen,
bis sie ihren finalen, erfolgreichen Fluchtversuch unternimmt. Hier zeigt sich auch das tatsächliche Ziel des Films, die Rückgewinnung von Katjas Würde und Selbstbewusstsein, indem sie Fischer den Erfolg als Autor eines vermeintlich guten Buches nicht lässt, und ihm auf die gleiche Weise die Freiheit nimmt, wie er zuvor ihr. Auch wenn sie sich in der Konsequenz ihrer Rache nur wenig menschlich verhält, ist ihre Handlungsweise unter dem womöglich monatelangen Martyrium ihrer Gefangenschaft mit all den traumatischen Erlebnissen psychologisch nachvollziehbar und dramaturgisch folgerichtig.


Mit „Die Muse“ vergleichbar ist ein 2003 erschienener Film von Paul Lynch „The Keeper: Life has Rules“ in dem ein psychopathischer Polizist (Dennis Hopper) eine Stripperin (Asia Argento) ebenfalls entführt und in dem Keller seines Anwesens einkerkert. Hier muss sich die Stripperin Punkte für positives Verhalten erwerben, so wie es die Mutter des Entführers zu dessen Kindheitszeiten auch immer vom ihm erwartet hat. So ergeht sich der Film erst in Küchenpsychologie, Hoppers Overacting, unpassenden Schwenks ins Komische und schließlich einem nicht weniger unpassenden Plottwist. Es ist nicht auszuschließen, dass Genzel dieser Film bekannt war, als er das Drehbuch für „Die Muse“ schrieb, dieses ist jedoch „The Keeper“ in Sachen Spannungsaufbau und Charakterisierung weit überlegen – vom Schauspiel ganz zu schweigen.


Fazit:
Empfehlenswerter Psychopathenfilm zwischen Drama und Thriller, der das Genre zwar nicht neu erfindet, aber vergleichbaren Produktionen durchaus überlegen ist.

Wertung:
7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 12.01.2016 19:13 
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Thriller – Ein unbarmherziger Film – Bo Arne Vibenius

(Schweden 1973)

7.1.2016; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1:85:1



Frigga wird als kleines Mädchen Opfer eines Kindesmissbrauchs und ist seitdem stumm. Als sie Jahre später den Bus verpasst, nimmt ein sympathischer junger Mann sie mit seinem Auto mit in die Stadt; dort stellt sich jedoch heraus, dass er sie zwangsprostituieren will und macht sie mit Heroin gefügig. Als sie sich ihrem ersten Kunden noch widersetzt und ihm das Gesicht zerkratzt, sticht der Zuhälter ihr ein Auge aus. Als er auch noch einen falschen Brief an ihre Eltern mit der Botschaft, dass sie sie nie wieder sehen will, schickt, und diese sich vor Gram umbringen, sinnt Frigga nach Rache. Von dem Geld, das ihr Zuhälter ihr in großen Mengen überlässt, lernt sie Schießen, Karate und Autofahren und nach und nach nimmt sie Rache an ihren Peinigern, tötet sie mit einem Gewehr und zuletzt ihren Entführer, indem sie ihn zwischen Steinen eingräbt, ihm einen Strick um den Hals bindet, den Strick an ein Pferd befestigt, vor das Pferd einen Eimer mit Wasser stellt und das Pferd schließlich, als es von dem Wasser trinkt, den Strick so stark anspannt, dass es den Zuhälter stranguliert.

Regisseur Bo Vibenius, der auch das Drehbuch schrieb, hat erste Erfahrungen bei Ingmar Bergman sammeln können und führte bei dessen Film „Die Stunde des Wolfs“ in einigen Szenen Regie. Auch Bergman führte übrigens 1960 mit „Die Jungfrauenquelle“ in einem „Rape-and-Revenge“ Film Regie; dieser wirkte sich jedoch in Erzählstruktur, Stil und Aussage nicht auf „Thriller“ aus. Die damals 22jährige Christina Lindberg, die in diesem Film kein Wort spricht, ist bekannt aus den Filmen „Verbotene Früchte der Erotik“ (erschienen bei Candybox auf DVD) und mehreren deutschen Sexfilmen wie „Schulmädchenreport Teil 4“ und „Teil 7“. Mit ihrer mädchenhaft-schlanken Figur und üppigen Brüsten, die sie in diversen Szenen auch in „Thriller“ zeigt und ihrem gleichzeitigen Auftreten mit Augenklappe und langem, schwarzen Ledermantel und Gewehr gelingt ihr eine geradezu ikonenhafte Darstellung eines Racheengels, die auch einige von Tarantinos Filmen beeinflusste, insbesondere „Kill Bill“. Dem griechischen Kameramann Andreas Bellis, der in den 80er Jahren auch bei mehreren Filmen von Nico Mastorakis mitarbeitete, gelingen einige beeindruckende in extremer Zeitlupe gefilmte Actionszenen, denen man das Zelebrieren der Gewalt vorwerfen könnte, aber gleichzeitig großen Kunstwillen offenbaren und den Nihilismus eines Lebens, das von Kindheit an von Gewalt geprägt war, betonen.

So wie der Film kameratechnisch meist brilliert und exzellent besetzt ist, so unterirdisch schlecht ist leider das Drehbuch. Denn während ähnlich interessant inszenierte Klassiker dieses Genres, besonders „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ von Aldo Lado (1975) und „Die Frau mit der 45er Magnum“ von Abel Ferrara (1981) es auch schaffen, neben einer stilistisch interessanten Inszenierung auch eine folgerichtige Geschichte zu erzählen, legt Vibenius hierauf anscheinend überhaupt keinen Wert. Denn auch ohne eine zeitgenössische Kritik des Filmdienstes bei Sichtung des Films zu kennen, bilden sich spätestens zur Filmmitte immer größere Fragezeichen: Warum lässt der Zuhälter Frigga soviel Freiraum, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Warum überlässt er ihr soviel Geld? Warum lernt sie Selbstverteidigung und Autofahren und wendet sich nicht an die Polizei? Warum ändert sie ihren Plan, nachdem sie in einem ersten (einfach durchgeführten) Angriff auch auf den Zuhälter geschossen hat, diesen jedoch verfehlt und besorgt sich sogar ein Pferd, nur um ihn in einem den Italowestern ähnelndem Höhepunkt in einer ultraaufwendigen Aktion zu strangulieren? - - Dies führt dazu, dass der Zuschauer mit den schrecklichen Erlebnissen dieses Mädchens nicht mehr mitleiden kann, und es drängt sich folgender Verdacht auf: Ein Regisseur möchte einen Film machen, weiß aber nicht, wie man eine sinnvolle Geschichte schreibt. Er leistet sich einen Kameramann mit Talent und eine hübsche Darstellerin und lässt drauf los filmen. Von der überraschend grimmigen Inszenierung, den kunstvollen Zeitlupen und der schonungslosen Gewalt erhofft er sich, dass die Zuschauer nicht bemerken, wie schlecht die Geschichte erzählt ist und wie kommerziell-kitschig letztlich die Ausrichtung des Films ist.

Der Film lief als inoffizieller Eröffnungsfilm auf dem 15. außerordentlichen Hofbauer-Kongress in Nürnberg auf 35mm in deutsch synchronisierter Fassung. Pornographische Szenen waren gekürzt, wobei dies aufgrund der Vermutung, dass diese Szenen lediglich Inserts sind, nicht weiter auffiel oder störte. Gewalt schien bis auf die Szene, in der das Auge ausgestochen wird (hier blendet das Bild bei Kontakt des Skalpells mit dem Auge ab), nicht zu fehlen. Wikipedia zitiert übrigens Christina Lindberg mit der Aussage, dass für diese Szene ein echter Leichnam beschafft wurde, dem das Auge ausgestochen wurde.
Insgesamt wurde der Film von den Kongressbesuchen sehr positiv aufgenommen, sicherlich positiver, als von mir. Trotzdem haben wohl aufgrund der mangelhaften Plotkonstruktion viele der Filme sehr respektvoll rezipierenden Kongressteilnehmer gelacht.


Fazit:

Schlecht konstruierter Rachefilm mit teils beeindruckender Kamera; die auf ihre Weise schönen Bilder führen jedoch aufgrund des offenkundigen Unvermögens – nicht Absicht! – eine Geschichte zu erzählen, nicht dazu, einen Kunstwillen löblich anzuerkennen, sondern nur zu Gewaltkitsch.


Wertung:

4 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 12.01.2016 19:49 
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Love in Action – Zieh mich aus, Herzchen – Armand Weston

(USA 1976)

7.1.2016; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Kurzrezension

Privatdetektiv wird von attraktiver Frau beauftragt, ihren Bruder zu finden. Auf der Suche nach ihm begegnen ihm viele Rätsel und vor allem Frauen.

Al Weston hat in den 70er Jahren mehrere Pornos gedreht und mit „The Nesting“ 1981 einen recht bekannten Horrorfilm inszeniert. „Love in Action“ gehört natürlich zur ersten Gruppe und was ihn auszeichnet ist, dass er eine echte Geschichte erzählt; neben den zahleichen „romantischen“ Höhepunkten gibt es am Ende es Films auch einen echten dramaturgischen. Der Film ist vergleichsweise professionell inszeniert, insbesondere fällt die Kamera auf, die stets schöne Bilder schafft. Kein Wunder, denn Kameramann João Fernandes ist auch für fast alle Chuck-Norris-Filme der 80er und 90er und Filme wie „Red Scorpion“ und „Freitag, der 13. Teil 4“ verantwortlich. Die Sexszenen sind jedoch teilweise zu ausufernd und etwas mehr Humor hätte dem Film auch gut getan. Inhaltlich ist der Film ein Remake, vielleicht eher Variante des Philip-Marlowe-Films „Die Dame im See“ (1947) von Robert Montgomery.

Der Film wurde auf dem 15. Auserordentlichen Hofbauer-Kongress nach dem inoffiziellen Eröffnungsfilm gezeigt. Von den Kongressteilnehmern wurde der Film weitgehend positiv aufgenommen, von verschiedenen Seiten wurden die zu sehr in die Länge gezogenen Sexszenen bemängelt.


Fazit:

Unterhaltsamer Detektiv-Porno-Noir, professionell inszeniert, aber mit Längen.

Wertung:

5,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.01.2016 14:31 
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Bevor der Strip stirbt – Günter Weiss-Thiele

(Deutschland 1966)

7.1.2016; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,66:1



Kurzrezension

Weiss-Thieles einzige Regiearbeit. Ein Kurzfilm von 14 Minuten, der in oft gereimten Versen die damalige Bundesrepublikanischen Stripetablissements vorstellt, Tänze, aber kaum nackte Haut bietet, dafür aber die Straßeninterviews der Report-Filme der 70er vorwegnimmt. Die Kommentare nehmen sich dabei nie ernst – wie auch bei der poetisch gereimten Sprache – und auch die unfreiwillige Komik mancher Statements der interviewten Passanten sorgt für Lachanfälle.

Der Film wurde auf dem 15. Außerordentlichen Hofbauer-Kongress als Vorfilm zum thematisch passenden „Tabus der Nackten“ von José Benazéraf gezeigt. Der Kongress war erheitert und befand den Film einhellig für gut.


Fazit:

Erheiternde Strip-Dokumentation.


Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.01.2016 16:34 
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Sex mal Sex – José Bénazéraf

(Frankreich / USA 1963)

7.1.2016; Kino (Kommkino Nürnberg) / 2,35:1



Ein Amerikaner in Paris will die Stadt der Liebe kennenlernen und die Frauen noch viel mehr. In so gut wie allen Alltagssituationen, die ihm widerfahren, geht die durch weibliche Reize ausgelöste erotische Phantasie mit ihm durch, stellt sich die Frauen in sexy Unterwäsche oder nackt vor, flirtet und genießt das Nachtleben in Bars und Striplokalen, wo es mit der ein oder anderen Frau auch zu mehr kommt.

José Bénazéraf begann 1963 seine Regiekarriere, die bereits 1964 mit „Cover Girls“ in einen Höhepunkt filmgewordener Schönheit gipfelte und 1967 auch zu Erwin C. Dietrich mit „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ führte, bis er in den 70er und 80er Jahren vor allem Pornos drehte. Bénazéraf gelingt es in seinen Filmen, wunderschöne Bilder zu erschaffen und damit eine intensive emotionale Nähe des Zuschauers zu den portraitierten Figuren aufzubauen. Sowohl „Sex mal Sex“ als auch den Nachfolgefilm „Cover Girls“ realisierte er mit dem Kameramann Alain Derobe („Jagdszenen aus Niederbayern“, 1969; „Erste Sehnsucht“, 1983; „Joy – Tempel der Lust“, 1993). In beiden Filmen gelingen ihnen Bilder großer Schönheit, denn das Scopeformat ist perfekt ausgenutzt, Distanz und Nähe wechseln sich im Aufbau perfekt ab und bieten stets Neues fürs Auge. Aufgrund der Zahl perfekter Einstellungen und Bilder wünscht man sich manchmal einen Fotobildband von den Filmen zu besitzen.

Im Gegensatz zu „Cover Girls“ begeht Bénazéraf hier jedoch den Fehler, mit diversen längeren Stripsequenzen Langeweile zu erzeugen. Die Frauen sind natürlich schön anzusehen, aber es handelt sich um einen Tempofehler – der allerdings nur zu Beginn des Films wirklich stört, danach gewöhnt man sich an diese Erzählstruktur. Der Film ist am Besten als erotische Komödie mit Einblicken in Striplokale zu charakterisieren, die chauvinistische herablassende, aber durch seine Trotteligkeit wiederum sympathische Art des Amerikaners, den Schmierprofi Dick Randall verkörpert, sorgt für eine fröhliche Leichtigkeit beim Betrachten des Films.

Der Film wurde unter dem Alternativtitel „Tabus der Nackten“ auf dem 15. außerordentlichen Hofbauer-Kongress in Nürnberg aufgeführt. Über die Qualität des Films war der Kongress zwiegespalten, Vielen war der Film zu monoton.


Fazit:

Sympathisch-leichter Film mit schönen Frauen, der durch eigene spätere Filme Bénazérafs jedoch übertroffen wird.

Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 13.01.2016 19:55 
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Lambada – Set the Night on Fire – Joel Silberg

(USA 1990)

Februar 2014; VHS (Cannon VMP); 7.1.2016; Kino (Kommkino Nürnberg) / 1,85:1


Kevin Laird ist Highschoollehrer und hat außergewöhnliche Lehrmethoden, womit der die Sympathie seiner Schüler, die überwiegend aus der sozialen Unterschicht stammen, gewinnt: Er erklärt Mathematik einerseits im Rahmen eines rein verbalen Vortrags vor der Klasse mit euphorischem Tonfall, andererseits veranschaulicht er Winkelberechnungen beim Billardspielen. Als seine Schülerin Sandy ihn in einem Club Lambada tanzen sieht, verliebt sie sich in ihn, doch hat sie ihre Rechnung ohne Ramone gemacht, der von Eifersucht getrieben Blade – so nennt sich Kevin des Nachts – zum Messerkampf zwingt. Da er sich jedoch fair verhält und auch ihm Mathe beibringt, schließlich ist Ramone ja einer seiner Schüler, gewinnt er auch das Herz seines schwersten Falles. Doch der Direktor der Schule ist nicht mit den unorthodoxen Lehrmethoden Kevins einverstanden und droht ihn zu entlassen. Da kommen die Schüler auf eine Idee: Ein Matheduell mit der Eliteklasse einer Schule in Beverly Hills. Nun geht es Schlag auf Schlag, Frage folgt auf Frage, das Ergebnis ist knapp und zuletzt wird Ramone eine Mathefrage gestellt - - und es gewinnt…??

Shabba-Doo, der Ramone spielt, ist auch für die Choreographie der Tanzszenen verantwortlich, wie auch bei Breakin´ I und II, die ebenfalls Cannonproduktionen sind. Beim ersten Breakin´-Film führte Joel Silberg auch bereits Regie; im Gegensatz zu „Breakin´“ schaffte es „Lambada“ jedoch nicht, ein Tanzfilmklassiker zu werden (auch nicht im B-Filmbereich) – denn es gab einfach 1990 gar keine Lambadawelle, nur ein One-Hit-Wonder von Kaoma, ein Hit, der in diesem Film nichtmal gespielt wird.

Visuell ist der Film wenig ausgefeilt, auch die Tanzszenen sind simpel und langweilig inszeniert, es ist, als sähe man einer Tanzgruppe zu, die eben gern auch Lambada tanzt – was an sich sogar das Einzige ist, was an diesem Film realistisch wirkt, denn wieso sollten die vorgestellten Protagonisten denn Spitzentänzer sein? Problematisch ist, dass ein Tanzfilm mit dem Begriff „Lambada“ im Titel keine aufregenden Tanzszenen bietet – und darüber hinaus auch noch sehr wenige!

Soziale Probleme werden in dem Film zwar angesprochen, aber Silberg, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, weigert sich konsequent, etwaige Konflikte zu durchleuchten – alles wird mit geradezu kindlicher Naivität abgehakt. So bleibt ein Film mit schrecklichster Frühneunzigermode, mittelmäßiger Musik, schlechten Tanzszenen – doch gleichzeitig einer Drehbuchnaivität, die in einer großen Gruppe genossen zu Jubel und Heiterkeit führen kann.

Der Film wurde als Zusatzfilm am ersten Tag des 15. außerordentlichen Hofbauer-Kongresses gezeigt. Der Kongress war erheitert, stand dem Film aufgrund seiner Mängel jedoch teils nur verhalten positiv gegenüber.


Fazit:

Unfreiwillig komischer Tanzfilm mit wenig Tanzszenen, aber viel Mathe.

Wertung:

Erstsichtung allein: 1 / 10
Zweitsichtung in Gruppe: 5 / 10


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BeitragVerfasst: 14.01.2016 15:12 
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Die spanische Fliege – Carl Boese

(Deutschland 1955)

8.1.2016; Kino (35mm; Kommkino Nürnberg) / 1:37:1



Vier Herren der kleinen Gemeinde Daxburg zahlen seit 20 Jahren Unterhalt an die „Spanische Fliege“ eine Tänzerin, mit der sie 1934 geschlafen haben und bei deren letztem Auftritt wegen Verstoßes gegen die guten Sitten die Vorstellung abgebrochen wurde. Nun droht den Herren Ungemach, da sie allesamt als Firmeninhaber oder Stadträte hohes Ansehen genießen, dadurch aber erpressbar geworden sind. Hinzu kommen auch alltäglich Probleme, wie die fast erwachsene Tochter Heinrich Klinkes – einer der betroffenen Herren – über die sich Gerüchte bilden, sie hätte einen Freund würde sich von ihm sogar küssen lassen, und Kinder, die mit Mäusen so manchen Schabernack treiben. Der Trubel gipfelt in den Verwirrungen, die entstehen, als die spanische Fliege und ihr Sohn nach Daxburg kommen.

„Die spanische Fliege“ ist ein Schwank des Autorenduos „Bach und Arnold“, mit dem sie 1913 ihre Karriere begannen und das auch heute noch auf vielen Bühnen und in mehreren Dialektfassungen mit großem Erfolg aufgeführt wird. Verfilmt wurde es 1955 nicht zum ersten mal, es gibt auch aus den Jahren 1931 und 1966 Verfilmungen und eine kanadisch-britisch-spanische Koproduktion aus dem Jahr 1976. Carl Boese, der Regisseur der Adaption von 1955, hat sich in den 1920er und 30er Jahren einen Ruf als Vielfilmer romantischer Komödien und Schwänke erworben und drehte bereits in der Weimarer Republik diverse Filme, die zumindest vom Titel her Schmier vermuten lassen: „…es lockt ein Ruf aus sündiger Welt“ (1925) und „Nanette macht alles“ (1926). Bekannt ist er jedoch vor allem für seine Co-Regie bei „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) und die Rühmannkomödie „5 Millionen suchen einen Erben“ (1938). Den Film „Die spanische Fliege“ konnte er prominent besetzen: Joe Stöckel („Zwei Bayern im Urwald“, 1957) spielt Klinke, Kurt Großkurth („Die Jungfrauen von Bumshausen“, 1970), Elisabeth Flickenschildt („Die Bande des Schreckens“, 1960), Rudolf Platte (in den 30er bis 50er Jahren mitwirkender in unzähligen Komödien wie „Tante Wanda aus Uganda“, 1957) und Ruth Stephan, die als Studienrätin Dr. Pollhagen und spätere Knörzerine aus den Paukerfilmen mit Hansi Kraus bekannt ist, wirken ebenfalls in Hauptrollen mit.

Der Film ist in erster Linie ein Feuerwerk völlig schmerzhaft versandender Gags, die in ihrer absurden Naivität wiederum die Lachmuskeln zum bersten bringen können. Joe Stöckel bei der Imitation eines Bauchtanzes zu beobachten, da braucht man schon einiges an Leidensfähigkeit, dafür ist der Film aber auch der ultimative Cognac-Film, ich empfehle eine Flasche bereitzustellen und jedesmal mitzutrinken, wenn im Film jemandem Cognac angeboten wird. Für Cogancverächter ist der Film also nichts, ebenso wohl auch nichts für Sachsen, denn als sich herausstellt, der vierfachalimentierte Sohn der Spanischen Fliege sächselt, wird das sogleich kommentiert mit einem „Ist das daxburger Wertarbeit?“

Entlarvend wirkt der Film gegen Ende, als die spanische Fliege die vier Herren mit ihrer Anwesenheit überrascht. Aus der Tatsache, dass sie vor 20 Jahren mit ihr geschlafen haben – „Das musst du doch einsehen, Herzchen, 4 Männer kannst du doch nicht auf dir sitzen lassen“ – leiten sie sofort den Anspruch ab, sie festzuhalten (geradezu einzusperren), sie anzugrapschen und sich anzüglich zu äußern – während nach außen hin immer der biedere Schein gewahrt werden soll!

Der Film wurde auf dem 15. Außerordentlichen Hofbauer-Kongress als erster Film des zweiten Kongresstages gezeigt. Der Kongress war erheitert und befand den Film für gut bis sehr gut. Auf einem der letzten beiden Kongresse wurde bereits ein Trailer zu „Der kühne Schwimmer“ (1957) gezeigt, ein Film, der ebenfalls eine Bach-und-Arnold-Adaption ist.


Fazit:

Ein Juwel schmerzhafter Erheiterung.

Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 14.01.2016 17:34 
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Skandalöse Emanuelle – Die Lust am Zuschauen – Joe D´Amato

(Italien 1986)

1994 (Sat 1); Zweitsichtung 1995 (Sat 1); Drittsichtung 8.1.2016; Kino (35mm; Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Es war etwa 1994, als sich der kleine 13 oder 14 Jahre alte Pacific heimlich aufmachte, die Lust am Zuschauen zu entdecken. Einen Videorekorder hatten wir noch nicht – und Internet 1994 sowieso nicht. Der Weg dahin war gefährlich: Um in das elterliche Wohnzimmer zu gelangen, musste das Kinderzimmer, das neben dem Schlafzimmer der Eltern lag, lautlos verlassen werden, eine knarzende Treppe überwunden und schließlich der Fernseher sehr leise gestellt werden, da dieser sich wiederum direkt unter dem Schlafzimmer der Eltern befand. Gelohnt hat sich die Mühe für mich, denn ich war begeistert von der Schönheit Jenny Tamburis – und ich hatte Glück und wurde bei den seltenen Malen vorher und nachher, an denen ich diese Aktionen gewagt habe, nie erwischt. Als ich mir im Februar 1995 schließlich einen Videorekorder kaufte, war das Glück, das Sat 1 und RTL Freitag- und Samstagnacht verhießen, natürlich leichter und häufiger zu erlangen…

Christina – eine Emanuelle gibt es nur vom deutschen Verleih für den Titel verpasst – lebt mit ihrem Mann Diego in einem luxuriösen Anwesen im Italien der 1930er Jahre. Ihr Leben scheint eintönig zu sein, aber irgendwann bemerkt sie, dass ihr Mann sie gerne beobachtet, z. B. wenn sie ihre Toilette erledigt. Von dem wesentlich jüngeren Andrea, der ihr vorgestellt wird, lässt sich verführen und verliebt sich in ihn. Dieser jedoch führt sie unter einem Vorwand in ein Bordell, wo sie sich bereitwillig einem Kunden hingibt, Andrea jedoch eine Szene darüber macht, dass er so dreist war, sie so herabzuwürdigen. Was sie nicht weiß, ist, dass ihr Mann Andrea engagiert hat, Christine zu verführen, und bei deren Verkehr, wie auch den zukünftigen Sex Christinas mit den Kunden dort heimlich beobachtet. Denn Christina findet Gefallen in ihren Tätigkeiten in dem Bordell, das von Andrea und seiner Frau geführt wird. Doch ihre heimliche Affäre gerät irgendwann in eine Krise und sie entscheidet sich, bei ihrem Mann zu bleiben. Der stellt ihr am Ende des Films Italo, einen neuen jungen Mann vor…

Joe D´Amato hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Skandalöse Emanuelle“ bereits eine 15jährige Erfahrung im Erotikfilmbereich. Wie in anderen seiner Filme wie „Sklavin für einen Sommer“ (1984) gelingen ihm, der auch als Kameramann fungierte, herrliche Bilder sonnendurchfluteter Gartenlandschaften und erotischer Szenen mit Weichzeichnereinsatz. Die 30erjahreausstattung ist mit zeitgenössischen Fahrzeugen, Architektur und Frisuren gelungen, wobei man trotzdem immer einen Hauch der 80er verspürt, z. B. wenn in dem Bordellzimmer, in dem sich Christina mit ihren Kunden vergnügt, pastellrosa Kissen drapiert sind. Doch D´Amato bricht mit der Oberflächenschönheit auch ab und zu, besonders in der Szene, als Christina ihren ersten Sex in dem Bordellzimmer hat, einen Blowjob, und sie im Anschluss angeekelt den Mund verzieht und würgt. Dialogbuchschmier ist auch vorhanden, ein weiterer Kunde wendet sich erfreut an Christina: „Du bist ja noch richtig junges Mädchen. Ich merke sowas sofort, auch wenn es zwischen den Schenkeln anders aussieht.“ – Jenny Tamburi ist allerdings weit davon entfernt, noch ein junges Mädchen zu sein, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war sie schon 33 Jahre alt. Mit ihrer Schönheit und ihrer Frisur im Stil der späten 30er Jahre ist sie sehr gut besetzt; einem größeren Genrepublikum ist sie aus einer Nebenrolle in „Sieben Noten in Schwarz“ (1977) bekannt. Auch die Synchronisation ist sehr gelungen und wir hören für Lili Carati Evelyn Maron, die Standardsynchronsprecherin von Kim Basinger und für Marino Masé Rolf Schult, der als Sprecher von Robert Redford bekannt ist.

Massiv anzulasten ist dem Film, dass er sich nicht für die Figuren interessiert. Er erklärt nicht, warum Christina sich nach der ersten Empörung über Andrea, der sie prostituiert, wenig später doch bereitwillig mitmacht, er erklärt nicht, warum sie sich schließlich für ihren Mann entscheidet oder ihn überhaupt geheiratet hat. Und Erotik völlig ohne Psychologie und damit ohne Sympathie für die Charaktere funktioniert nur sehr eingeschränkt, nur über das Visuelle. Diese Bilder, die wie gesagt sehr kunstvoll komponiert und schön sind, langweilen allerdings aufgrund dieser kolportageartigen Aneinanderreihung.

Der Film wurde auf dem 15. außerordentlichen Hofbauerkongress als erster von drei Filmen Joe D´Amatos am zweiten Kongresstag gezeigt. Er wurde zwiespältig aufgenommen: Während die Musik und die Bilder Lob fanden, wurden das nicht immer stimmige Setting und die Darstellung von Jenny Tamburi als zu vulgär bemängelt.


Fazit:

Schön bebilderter Erotikfilm mit quälend langweiliger Handlung.

Wertung:

2,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 14.01.2016 19:12 
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Das Spukschloss im Salzkammergut – Hans Billian, Rolf Olsen

(Deutschland 1966)

8.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 1:85:1


Hannelore Auer erzählt uns in einer Rahmenhandlung, wie sich im schönen Salzkammergut auf Schloss Forchtenstein unter widrigen Umständen ein Pärchen das Jawort gegeben hat. Als sie ihre Geschichte beginnt, sehen wir in einer 2 Minuten langen Sequenz „ihn“ an und durch 60erjahrebauten joggen, er begründet dies dem Zuschauer mit einem „Laufen ist gesund“. „Sie“ will sich für ein wichtiges Theaterstück casten lassen und kommt im Wartesaal mit Ruth Stephan ins Gespräch: „Sind Sie auch Schauspielerin?“ – „Ne, ne Stehlampe.“ Kurz darauf stellt sie sich die Stehlampe vor: „Ich bin Isolde Tristan“.
Im Castingbüro fällt zuerst das Schild „Ausspucken verboten“ an einer Wand auf, doch nachdem beide die Rolle haben, „kommt noch der besonders spannende Teil“ – zumindest nach Meinung unserer Erzählerin. Denn angesichts der „naturbelassenen Bevölkerung“ im Salzkammergut heißt es nun „Lachen bis die Rachen krachen“, man muss nur Overacting ertragen können. Da die Schauspieler allesamt mittellos sind, suchen sie um eine Mitfahrgelegenheit, werden von einem Viehtransport mitgenommen, denn „besser fahren mit Geflügel, als zu Fuß gehn auf den Hügel.“

Doch nun beginnen die Schwierigkeiten: Der Theaterdirektor findet überraschenderweise heraus, dass der vermeintliche Schlossbesitzer nur Hausmeister ist und damit die Aufführung und Nutzung des Schlosses gar nicht gestattet ist; als sie es mit kommunaler Erlaubnis beziehen, entdeckt die Freundin des Hausmeisters dieses beim Spannen durch ein Schlüsselloch, ergreift Pfeil und Bogen, schießt, trifft seinen Hintern, er packt einen Schirm, springt aus dem Fenster, schwebt 10 Meter hinab und landet in einem Heuhaufen.

Unterbrochen von gar erbaulichen Liedern wie dem Bimmelbahnlied gelingt der bunten Truppe tatsächlich die Aufführung des Stückes „Nero und Cleopatra“, doch der Erfolg ist in Gefahr: Im Nachbardorf findet nämlich am gleichen Tag ein Schlagerkonzert u.a. mit Udo Jürgens statt; trotz der Bemühungen des Bürgermeisters, der die ganze Dorfbevölkerung eigentlich zum Besuch des Theaterstücks motiviert hatte, stürmt diese bei den ersten Schlagerklängen ins Nachbardorf, was die Schauspieler sehr betrübt, denn so gern hätten sie dem Hund eine Wurst gekauft.

Doch sie fassen einen Plan: Die Bühne, die teilweise auf dem Dorfsee installiert ist, wird angesägt und der Rauch eines in der Nähe entfachten Feuers den Zuschauern entgegengeweht. Als die Sänger nasse Füße bekommen, stellt so mancher im Publikum fest: „Ich komm mir vor wie in einer Schlagerklamotte“ und sehen sich doch „Nero und Cleopatra“ an.

Der Film wurde auf dem 15. außerordentlichen Hofbauerkongress gezeigt und wurde gefeiert. „Ich hab mich auch gleich zeugen lassen über“. Am dritten Kongresstag wurde der unmittelbar nach „Spuk im Salzkammergut“ von Hans Billian gedrehte „Hörig bis zur letzten Sünde“ (1970) gezeigt.


Fazit:

„Ein voller Magen kann alles vertragen“

Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 19.01.2016 13:58 
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Papaya – Die Liebesgöttin der Kannibalen – Joe D´Amato

(Italien 1978)

8.1.2016; Kino (35mm, leicht rotstichig, Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Kurzrenzension.

Vincent befindet sich im Rahmen eines Projektes, das den Bau eines Atomkraftwerkes auf einer Südseeinsel vorantreiben will, mit seiner Freundin Sara dort, und verbringt seine Zeit damit, durch verlassene Orte zu streifen, abends Cocktails zu trinken und mit seiner Freundin zu schlafen. Als er die Eingeborene Papaya kennenlernt, wird er in eine Mordserie und kannibalistische Voodoorituale hineingezogen. Am Ende sehen sie ein, dass Papaya, die sich als die für die Morde Verantwortliche entpuppt, aufgrund des mangelnden Respekts der zivilisierten westlichen Welt, der sich im geplanten Bau des Atomkraftwerkes zeigt, ein Recht hatte, ihre Kultur in Form der Morde zu beschützen.

„Papaya“ ist der erste einer bis 1981 andauernden Reihe von Filmen Joe D´Amatos, die eine Südseeinsel als romantischen Schauplatz haben. Dabei variiert er seine Geschichten teils mit Voodoo, Kannbalismus, Zombies („In der Gewalt der Zombies“, 1980) und einer „Die blaue Lagune“ (1980) ähnelnden Love-Story („Paradiso blu“, 1980).

In Papaya baut D´Amato zwar eine intensiv-schwüle Atmosphäre auf, die zum größten Teil die von ihm selbst geführte Kamera entstehen lässt, aufgrund der kaum vorhandenen Geschichte und einer fehlenden Grundspannung ist der Film lediglich für erotische Südseeträumereien in dunklen Jahreszeiten geeignet, keineswegs aber unheimliche oder gar spannende Unterhaltung. Die Botschaft einer überaus verlogenen Toleranz gegenüber den mordenden Insulanern, die der Film mitbringt, ist genauso ärgerlich, wie sein selten eingesetzter Humor nicht zündet: „Wie heißt du?“ – „Papaya.“ – „Was für ein komischer Name." – „Wie heißt du?“ – „Archibald.“ – „Was für ein komischer Name.“

Der Film wurde auf dem 15. Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauerkommandos als „Trister Überraschungsfilm“ gezeigt. Der Kongress zeigte sich von der schwülen Inseltristesse beglückt und befand den Film als gelungen.


Fazit:

Was für ein…

Wertung:

2 / 10 – bei entsprechender Insellaune gern auch 5 Punkte mehr.


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 19.01.2016 15:31 
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Monika und die Sechzehnjährigen – Charly Steinberger

(Deutschland 1975)

1.6.2015 (DVD); Zweitsichtung 8.1.2016; Kino (DVD-Beam, Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Die Internatsschülerinnen Monika, Bettina, Sylvie und Uschi bleiben, als die Sommerferien beginnen, mit Erlaubnis der Direktorin noch im Internat, um ihre Forschungen, ob die Atmung von Fröschen nur durch die Haut möglich ist, in Form von Experimenten abzuschließen. Als Hansi, der Sohn der Direktorin, nach langer Zeit zurückkehrt, entstehen erotische Verwicklungen und die Schülerinnen wetten, wer es als Erste schafft, mit Johannes zu schlafen. Die Schwierigkeit dabei ist die, dass Johannes Priester werden möchte und vielen der erotischen Reize widersteht – sich schließlich aber doch in Monika, das Schüchternste der Mädchen verliebt.

„Monika“ ist Charly Steinbergers einzige Regiearbeit, er kann aber über eine lange Reihe von Arbeiten als Kameramann zurückblicken. Zu ihnen gehören viele Tatorte, Simmel-Verfilmungen der 70er und 80er, „Die Weibchen“ (1970), „Einer von uns beiden“ (1974) sowie natürlich der hier besprochene Film. Dabei gelingen ihm herrliche Bilder von großer Schönheit, wenn er die Mädchen beispielsweise bei Waldspaziergängen, in hohen Gräsern oder in einem Boot auf dem Wasser filmt. Er zeigt dabei mehrere Bildebenen, die von der Kamera ständig wechselnd fokussiert werden und ein reizvolles Spiel der Schärfen und Unschärfen bieten. Der wundervolle Umgang mit dem natürlichen Sonnenlicht erhöht die Romantik der Filmhandlung und wird durch den Soundtrack der Progressive-Rock-Band „The New Tolls u. Giombini“ teils verstärkt, teils gebrochen, bekommt dadurch aber stets etwas Surreales – so lauschen wir zu Beginn einer Musik, die rockig ist, aber die Melodie aus dem klassischen Barock entlehnt, wenn wir nach der Anfangstitelsequenz die Froschexperimente sehen, sind Synthesizerklänge, die teils Froschquaken imitieren, zu hören.

Die Mädchen wie auch Johannes sehen zwar nicht mehr aus wie Sechzehnjährige, sind aber passend naiv charakterisiert und – was selten im damaligen Erotik- oder Sexfilm vorkommt, auch ihre Zimmer sind passend jugendlich ausgestattet mit Postern, Schallplatten etc. Dabei sind die Freundinnen Monikas gerade was das Verführen von Johannes betrifft, mutiger und selbstbewusster und Monika zwar zurückhaltend, aber nach und nach wahrhaft verliebt; Johannes verhält sich im Gegenzug wie die Axt im Walde, weiß nicht, was er will und verletzt die Mädchen teils mit seinen derben Sprüchen: Sie: „Jetzt hab ich mir auch noch den Fuß verstaucht.“ Johannes: „Ok, dann trag ich dich – wenn du nur nicht soviel fressen würdest, Mädchen!“ - - - Oder am Ende, als Johannes und Monika ihre Liebe zueinander eigentlich schon klar ist bei einer überaus tristen Feier: „Was ist denn mit dir los, hat dich dein Lieblingsfrosch verlassen?“ (und zur hinzukommenden Monika, die sich für ihn aufgebrezelt hat) „Wie siehst du denn aus, willst du anschaffen gehen oder was?“ Auch wenn weder die Idee noch die Drehbuchkonstruktion große Kunst sind, ist die Charakterisierung gelungen, auch wenn es etwas unglaubwürdig erscheint, dass ein junger Mann den aggressiven Verführungskünsten dreier attraktiver Mädchen widersteht, nur um sich in ein besonders schüchternes Mädchen zu verlieben. Dank der schönen Bebilderung, des gutgelaunten Spiels der 4 Mädchen und der Prominenz Liselotte Pulvers als Direktorin und Klausjürgen Wussow als Priester unterscheidet sich „Monika und die Sechzehnjährigen“ vom übrigen zeitgenössischen deutschen Sexfilm massiv und orientiert sich eher an französischen Erotikkomödien – Monika spricht übrigens völlig grundlos mit französischem Akzent. Den Film kann man als Vorläufer der „Neuen Romantik“ ansehen, in deren Geist in der zweiten Hälfte der 70er Jahre bis Anfang der 80er Jahre international viele Filme produziert wurden und die sich bewusst von der mittlerweile in den meisten Ländern legalisierten Pornographie abkehrte. Keineswegs müssen Zuschauer „an der muffigen Erotik des dümmlichen Films, für den sich Lilo Pulver nicht zu schade war“ zweifeln, wie die TV Spielfilm 1996 in einem Verriss ihres „Flops des Tages“ kritisierte.

Der Film wurde als nächtlicher Überraschungsfilm auf dem 15. Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Der Kongress war teils begeistert, störte sich aber daran, dass bereits im zweiten Film in Folge Tiersnuff (hier mit Fröschen) zu sehen war. Viele waren um 4:30 Uhr auch schlicht zu müde, um den Film noch beurteilen zu können und sind zeitweise eingeschlafen.


Fazit:

Kunstvoll bebilderter, formal vielschichtiger Teeniefilm mit konventioneller Geschichte.

Wertung:

7,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 19.01.2016 18:03 
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The Revenant – Der Rückkehrer – Alejandro Gonzáles Iñárritu

(USA 2015)

9.1.2016; Kino (Digital; Cinecitta Nürnberg) / 2,35:1




Der Trapper Hugh Glass ist mit einer größeren Truppe Pelztierjäger unterwegs und gerät in einen Indianerangriff, den die meisten nicht überleben. Er macht im Wald junge Bären ausfindig, wird überraschend von der Bärenmutter angegriffen und dabei so schwer verletzt, dass er, als er gefunden wird, den Gnadenschuss bekommen soll. Dies kann sein Sohn, der Teil der Truppe ist, abwenden und Glass wird mit 3 Leuten zurückgelassen, darunter sein Sohn. Als dieser feststellt, das Fitzgerald, ein ehemaliger Soldat und einer der 3 Zurückgelassenen, Glass unter einem Vorwand töten will, versucht er dies zu verhindern und wird selbst getötet. Fitzgerald und Jim Bridger begraben Hugh Glass notdürftig, dieser kann jedoch, vor der Kälte geschützt von einem Bärenfell, seinem Grab entfliehen und schwört den beiden, die seinen Sohn umgebracht haben, Rache.

Er muss sich nun hunderte Kilometer durch die Wildnis schlagen, anfangs auch robbend, da er so schwer verletzt ist. Um Wasser trinken zu können, muss er erst seine zerfetzte Kehle mit Schießpulver verschließen. Seine Reise gestaltet sich als eine Odyssee durch die verschneiten Rocky Mountains, bis er schließlich in die Zivilisation zurückkehrt und dem Militär den Mord anzeigt. Zusammen mit Captain Henry macht er sich auf, Fitzgerald zu jagen, der jedoch Henry tötet und skalpiert. Glass heftet sich an seine Fersen und stellt ihn, der ihm zuruft, dass Rache seinen Sohn auch nicht zurückbringt. Daraufhin überlässt Glass Fitzgerald den Indianern, die zu Beginn den Überfall ausgeführt haben und die Fitzgerald töten, während sie Glass ziehen lassen, da dieser auf seinem Überlebenskampf nach seiner Verletzung durch die Bärin einer Indianerin beistand.


Iñárritu ist gegenwärtig noch im Gespräch mit seinem Film „Birdman“ (2015), doch „The Revenant“ unterscheidet sich von diesem wie auch allen anderen Werken des Regisseurs völlig, da sich der Film jeder sozial, psychologisch oder philosophisch hergeleiteten Aussage verweigert und seine meiste Zeit dafür investiert, einen Überlebenskampf in wirklichkeitsgetreuen, naturalistischen Bildern vor einer Naturkulisse zu zeigen, die so imposant und schön wie lebensfeindlich ist. Auch der Schluss des Films stimmt in diese Tendenz ein: Glass weiß wie der Zuschauer, dass seine Rache sinnlos ist und seinen Sohn nicht zurückbringt und überlässt Fitzgerald den Indianern, die ihn töten – doch auch dies bringt ihm keine Genugtuung oder gar Erlösung. Als Zuschauer werden wir nur Zeuge, wie ganz im Sinne einiger Filme John Boormans der Mensch gegen die Natur kämpft, Fitzgerald der in Form der Indianer personifizierten Natur zum Opfer fällt, während Glass´ Überlebenskampf nur deswegen glücklich endet, da dieser sich der Natur anpasst, z. B. indem er nicht davor zurückscheut, einem gestorbenen Pferd die Organe zu entnehmen und sich in dem Kadaver zu wärmen.


1971 gab es mit „Ein Mann in der Wildnis“ (Richard C. Sarafian) bereits eine Verfilmung der historisch verbürgten Ereignisse, die dort jedoch zeitgemäß als Selbstfindungstrip des Protagnonisten, der hier Zachary Bass heißt, inszeniert werden. In Rückblenden wird hier erklärt, dass Bass schon als Kind sehr unzugänglich war, für andere Menschen, auch für seine Frau, die ihm ein Kind geschenkt hat, keine Liebe empfinden konnte. Als Bass nun von dem Bären verwundet wird und sich durch die Wildnis schlägt, wird z. B. der Moment, in dem er Wasser findet und er nach langer Zeit zum ersten Mal wieder trinkt, wie eine Taufe inszeniert. Der Film endet damit, dass er von seinen Rachegelüsten absieht und zu Frau und Kind zurückkehren will, die nun eine zentrale Bedeutung in seinem Leben haben.


Fazit:

Bilder und Schauspiel machen „The Revenant“ zum fühlbaren Ereignis und zum intensivsten Kinoerlebnis seit langem.

Wertung:

10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 20.01.2016 15:53 
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Hörig bis zur letzten Sünde – Hans Billian, Lothar Gündisch

(Deutschland 1970)

9.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 1,66:1



Der Coup eines Dreiergespanns von Bankräubern geht schief und endet damit, dass der letzte Überlebende Bankräuber schwerverletzt die Beute verstecken kann. Ein korrupter Anwalt kommt dem Verbrechen auf die Spur und ist selbst dazu bereit, Helen, die Witwe des Bankfilialleiters, der die Bankräuber unterstützt hatte und Selbstmord beging, als die Polizei auf seine Spur kam, zu heiraten, um sich die Beute zu erschlafen. Dieser Winkelzug ist für ihn besonders heikel, da er eine Freundin (Patrizia) hat, die er mit einer weiteren Frau (Ricarda) betrügt. Trotzdem ist er sich seiner Sache so sicher, dass er Ricarda bei Patrizia einquartiert, als diese gerade auf Reisen ist, und die sich, als sie zurückkommt, von Ricarda davon überzeugen lässt, dass mit dem Anwalt gar nichts laufe, Patrizia nun aber gerne auch die Freuden lesbischer Liebe kennenlernen könne. Doch dann ist da noch Viktor, der schmierige Gangster und Freund von Ricarda, der auch sein Stück vom Kuchen möchte und befürchtet, dass Ricarda ihn hintergeht. Doch als Helen herausfindet, dass ihr Anwaltsehemann sie nur benutzen will, um die Beute, deren Versteck sie kennt, zu finden, vergiftet sie sich mit Schlaftabletten, kann im letzten Moment gerettet werden und sagt es ihrem Mann dann doch. Der wird im letzten Moment mit der Beute von der Polizei gestellt.

Nach „Das Spukschloss im Salzkammergut“ nahm Hans Billian sofort die Arbeiten an „Hörig bis zur letzten Sünde auf“, der aber erst drei Jahre später in die Kinos kam, wohl weil der Film zu viel Nacktheit bot, die in schwarz/weiß 1970 wiederum keineswegs mehr skandalös wirkte. Das Drehbuch, an dem Günter Hendel („Graf Porno und seine liebesdurstigen Töchter“, 1970; Regie, Drehbuch und Titelrolle) mitschrieb, darf man ob der völlig durchgedrehten überkonstruierten Handlung keinesfalls und zu keiner Sekunde ernst nehmen und sollte sich an den unzähligen köstlich-derben Sprüchen erfreuen. So haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der den Fall ermittelt und in nahezu regelmäßigen Abständen über den ganzen Film verteilt Polizistenfeindliche Kommentare absondert: (Zu Frau mit geöffneter Bluse: „Machen Sie ihren Laden wieder dicht, wir haben heute unseren fleischlosen Tag!", - - später zu einem Kollegen: „Sprechen Sie nicht wie ein Intellektueller, Sie sind Polizist!“ - - später, als sich der Bankangestellte erhängt: „15 Jahre Dienst sind ne lange Zeit, da hätte ich mir auch die Krawatte geknüpft!“ - - später, als eine Wasserleiche gefunden wird: „Liegen Sie erstmal 2 Monate im Wasser, dann sind Sie auch nicht mehr so schön!“

Auch das Kennenlerngespräch des Anwalts mit Ricarda, die ihn überhaupt erst auf den Banküberfall bringt, gestaltet sich köstlich: Zuerst wehrt er noch ab: „Ich glaube Sie verwechseln mich, ich bin kein Frauenarzt.“ – „Aber ein Frauenkenner“; wehrt weiter ab: (Ricarda) „Anscheinend habe ich meine Wirkung als Frau unterschätzt“ – (Anwalt, erschrocken) „Langsam, langsam“ - - Was dann so endet: (Ricarda) „Ich wusste gar nicht, dass Anwälte so frivol sein können“.

Einer geht noch: Als Ricarda Patrizia davon überzeugt dass ihr Anwaltsfreund sie nicht betrügt und er sie nur aufgrund einer Notlage bei ihr einquartiert hat, schenkt diese ihr sofort Glauben. Nun weiht sie sie in die Freuden lesbischer Liebe ein, und bald finden sie heraus, „dass du ein Sexteufel bist“. Trotzdem empfindet Ricarda Viktor (ausgerechnet Johannes Buzalski!), ihrem Freund gegenüber so: „Endlich, Viktor!. Du glaubst wohl, ich hätts überhaupt nicht mehr nötig! Ich komm mir schon vor, wie ein nicht genutzter Nachtschrank!“ – Doch auch Viktor wird in diesem dramatischen Spiel um Gier und Liebe bald abserviert.

Beim Betrachten des Films ist es wichtig zu beherzigen, wie clever das Drehbuch tatsächlich konstruiert ist und vor allem als erotische Komödie im Gangstermilieu funktioniert. Aus diesem Blickwinkel sollte man sich also nicht z. B. an dem Banküberfall zu Beginn des Films stören, der kamera- und schnitttechnisch vor Anschlussfehlern nur so strotzt und so wirkt, als hätte man den Darstellern einfach gesagt: „Macht mal“, mit 2 Kameras draufgehalten und das dann irgendwie zusammengeschnitten, wodurch kurze, aber entscheidende Handlungen dann fehlen und zu Irritationen – hier Belustigung führen.

Der Film wurde auf dem 15. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos als Auftakt des dritten Kongresstages gezeigt. Der Kongress frohlockte ob des spaßigen Reißers und befand den Film für sehenswert. Am ersten Kongresstag wurde mit „Das Spukschloss im Salzkammergut“ bereits der direkt zuvor entstandene Billian-Film gezeigt.


Fazit:

Eine Sex-and-Crime-Entdeckung, die zeigt, wie schlecht die Menschen sind!

Wertung:

7 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 20.01.2016 18:09 
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Die Girls vom Crazy Horse – Alain Bernardin

(Frankreich 1977)

9.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 1,85:1



Kurzrezension

Die Dokumentarfilmkomödie „Die Girls vom Crazy Horse“ gibt Einblicke in das 1951 gegründete Pariser Etablissement wie auch auf die tänzerischen Fähigkeiten der dort engagierten Damen. Wir erleben, wie ein Reporter Alain Bernardin, den Besitzer des „Crazy Horse“, der hier gleichzeitig als Regisseur fungierte, interviewt, die Tänzerinnen kennenlernt und die Shows verfolgt. Dabei nimmt Bernardin sich und den Film kaum ernst, was sich an einem überhastetem Tempo, besonders aber an seinen lässigen Kommentaren zeigt. Synchronisiert wird er in der deutschen Fassung von Michael Chevalier, der u.a. der Standardsprecher von Charles Bronson ist.

Insgesamt könnte der Film ganz interessant sein, wenn er als 30-Minuten-Dokumentation konzipiert gewesen wäre, aber 80 Minuten sind deutlich zu lang! Im Gedächtnis bleibt eine sehr bizarre Bauchrednerszene mit einer etwas – und natürlich absichtlich – ordinär mit einem Gesicht und großem Mund bemalten Hand, die sich gegenüber dem Bauchredner etwas störrisch verhält; die zahlreichen Striptänze sind dagegen schnell wieder vergessen.

Der Film wurde am dritten Tag des 15. außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Der Kongress war teils amüsiert, insgesamt wurde der Film aber als ein Tiefpunkt bewertet.


Fazit:

„Ihre Qualitäten sind so verborgen, dass sie keiner findet“ (Bernardin über eine Tänzerin). Ganz so schlimm ist es bei dem Film zum Glück nicht, aber man muss suchen.

Wertung:

4 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 20.01.2016 19:07 
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…und noch nicht sechzehn – Peter Baumgartner

(Deutschland 1968)

9.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 1,66:1



Kurzrezension

Die 15jährige Rosy gerät als obdachlose Waise in die kriminelle Halbwelt des großstädtischen Nachtklubmilieus, freundet sich mit Gästen und der Sängerin Helen an, wird aber teils auch ausgenutzt bis hin zur Prostitution. Am Ende gibt es eine tragische Wendung in ihrem Leben.

Peter Baumgartner ist in erster Linie Kameramann, seine einzige Regiearbeit neben einer ungenannten Ko-Regie bei „Ich – ein Groupie“ (1970) ist stilistisch sehr nahe an „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (José Bénazéraf, 1967), bei dem er wie bei „…und noch nicht sechzehn“ die Kamera führte. Diese zeigt sehr stimmungsvolle Straßenpanoramen, empfindungsvolle Gesichter in verrauchten Nachtklubs und starke, schwarz/weiß-Kontraste – und ist als Film des Produzenten Erwin C. Dietrich in dessen s/w-Phase der späten 60erjahre entstanden. Die Handlung ist sehr rudimentär entwickelt, Stadt, Gesang und Fühlen stehen im Vordergrund und vermögen es, den Zuschauer zu fesseln.

Helen Vita, die eine Nachtklubsängerin spielt, darf drei verruchte Lieder singen, darunter das den Filmtitel inspirierende „Sexy und noch nicht 16“ gleich zu Beginn des Films. Getextet hat es Walter Baumgartner, ihr Ehemann, Filmkomponist (auch dieses Films) und Onkel von Peter Baumgartner. So lasziv-sexy, wie Helen Vita singt, ist teils auch der Film geschrieben. Teils, denn es gibt auch die für die Entstehungszeit so typischen chauvinistischen Sprüche: „Ein Mann ist so alt wie er sich fühlt, eine Frau ist so alt, wie sie sich anfühlt“.

Der Film wurde als Nachholvorstellung auf dem 15. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt, nachdem die Vorstellung auf dem 1. auswärtigen Sondergipfel in Frankfurt im Herbst 2014 nicht geklappt hat. Der Kongress ließ sich von den stimmungsvollen Bildern gefangennehmen und war dem Film gegenüber positiv gestimmt. Entgegen der falsch angegebenen Lauflänge bei filmportal.de und der daraus resultierenden Vermutung im Aufrisstext zum Kongress dauert der Film nicht 90 Minuten und die pidax-DVD ist ungeschnitten!


Fazit:

Gefühlvoller Großstadtimpressionismus ohne Sentimentalitäten oder Kitsch.

Wertung:

6,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 20.01.2016 19:55 
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Blue Angel Café – Joe D´Amato

(Italien 1989)

9.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 1,33:1



Der verheiratete Raymond ist Gouverneurskandidat in einem amerikanischen Bundesstaat und verliebt sich in die Nachtklubsängerin Angie, die anfangs nur den Auftrag erfüllt, ihn vor der Presse zu kompromittieren, indem er mit ihr fremdgeht und dabei von der Presse ertappt wird. Doch auch sie verliebt sich in Raymond, dessen Schlafzimmer mit schönen Plüschhasen drapiert ist – eine verbotene Liebe! So ist sich auch Raymond seiner Gefühle noch nicht sicher und als er sich von Angie verabschiedet, die ihn bittet, noch mit ihr in ein Hotelzimmer zu kommen, sagt er ihr, dass es besser wäre, sich jetzt Lebewohl zu sagen und dass er ihr kein Geschenk hatte kaufen können, deswegen gibt er ihr wie einer Hure Geld. Doch auch er ist sich seiner Gefühle für die schöne Sängerin bald im Klaren, gesellt sich zu ihr beim Möwenfüttern an der Hafenpromenade, wo sie ihm auch etwas von dem für die Möwen gedachten Brot gibt, mit ihm anschließend einen 300-Meter-Lauf absolviert und schließlich wieder mit ihm schläft. Raymond lässt sich nun von seiner Frau scheiden und verliert seine politische Glaubwürdigkeit, weswegen er seine Partei verlassen muss und Alkoholiker wird. Er verarmt auch immer mehr, weil Angie so viele Pelzmäntel kauft, und als Angie ihn unterstützen will, indem sie wieder als Nachtklubsängerin arbeiten möchte, sagt ihr ihr alter Chef, dass er sie ersetzt hat und es jetzt viele Blue Angels gibt, für die er jetzt der Boss ist und die nicht dem erstbesten Anwalt hinterherlaufen. Raymond verbringt seine Zeit weiterhin damit, auf der Couch billigen Alk, der in braunen Papiertüten eingewickelt ist, zu trinken und Angie immer heftiger zu beschimpfen. Sie trennen sich und Raymond versöhnt sich wieder mit seiner Exfrau, zieht mit ihr in ein Haus mit Vorgarten am Stadtrand und wird eines Tages von Angie besucht, die wieder in ihrem alten Nachtklub arbeitet. Sie freuen sich, dass es beiden gut geht, aber ihre Liebe hätte keine Zukunft gehabt.

Joe D´Amato, der in den späten 80er Jahren vor allem Erotikfilme drehte, viele davon auch in amerikanischen Drehorten, wollte mit „Blue Angel Café“, anscheinend zeigen, dass er auch Soap-Operas ins Kino bringen kann. Tatsächlich ist die gesamte Dramaturgie des Films amerikanischen Seifenopern entlehnt, und das zeigt sich besonders in der sprunghaften Dramaturgie, dem Overacting der Darsteller besonders in Streitsituationen und daran, dass der Zuschauer häufig vor vollendete Tatsachen gestellt wird, ohne, dass erzählt würde, warum etwas passiert ist und welche psychologische Entwicklung die Protagonisten dabei durchleben. So ist es wie bei vielen von D´Amatos Erotikfilmen der gleichen Zeit, in denen ohne Psychologie die Erotik nicht knistern mag: Auch das Drama fesselt nicht, wenn man mit den portraitierten Menschen nicht warm werden kann.

Der Film wurde auf dem 15. Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Kongress aufgrund der stimmungsvollen und ehrlichen Inszenierungsweise positiv aufgenommen. Für mich allerdings nahm der Film den eigentlich erst auf diesen Film folgenden „Stählernen Überraschungsfilm“ vorweg.


Fazit:

Als Seifenoper im Filmformat vielleicht gelungen. Leider mag ich keine Seifenopern.

Wertung:

1 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 21.01.2016 15:17 
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Zwei Halunken im alten Rom – Alfonso Brescia

(Italien 1972)

9.1.2016; Kino (35mm, Kommkino Nürnberg) / 2,35:1



Die beiden Halunken Ottone und Savio strolchen durch das Italien zu Zeiten des Römischen Reiches und schlagen sich durchs Leben, indem sie die Zeche prellen, Prügeleien anstacheln und römische Soldaten ärgern. Schließlich kommen sie in Rom an, geraten sogleich ins Bordellviertel und lernen die kaiserliche Hure Poppaea kennen und lieben. Diese stellt schnell fest, dass Ottone viel besser als ihr Mann ist, der es als Schlappschwanz nur zum Frühlingsanfang schafft. Kaiser Nero darf jedoch nichts davon erfahren, dass seine holde Angetraute es nicht mit der Treue hält, dichtet aber sowieso lieber Oden, wenn er nicht vormittags im Aquädukt sein muss. Als Inspirationsquelle zu neuen dichterischen Ergüssen zündet er schließlich Rom an, während Ottone und Savio zur Zwangsarbeit verurteilt werden, dieser Scheißerfindung des Steineschleppens aber durch ein simples Ablenkungsmanöver bald ledig werden.

Der Film gilt laut ofdb als Fortsetzung von „Poppaea – Die Kaiserin der Gladiatoren“ (Guido Malatesta, 1969), hat aber mit diesem außer der Zeit, in der der Film spielt und einigen in beiden Filmen vorkommenden historischen Personen nichts zu tun. Alfonso Brescia legte ein Jahr später mit dem Gespann Don Backy (Ottone) und Peter Landers (Savio) noch den Film „Zwei Halunken `stürmen´ Troja“ nach, der in die gleiche Kerbe kalauernden Klamauks schlägt. Schon der Beginn des Films zeigt eine Minutenlange Fressszene in einer Taverne, schon nach 14 Minuten gibt’s eine Quarkschlacht mit römischen Soldaten, deren Zenturio sich abschließend beschwert: „Die Kelten haben mich mit Pfeilen beschossen, die Germanen mit Steinen meine Rüstung verbeult, aber mir Quark anzubieten blieb diesen Lümmeln vorbehalten.“ Immerhin sind die beiden weiblichen Hauptrollen Femi Benussi und Eva Czemerys sehr attraktiv und manchmal nackt; und einmal musste ich tatsächlich lachen: „Da gibt es eine Gruppe unter den Christen, die sind militanter. Die wollen eine Demokratie schaffen.“ – „Prima, dann waren es eben die Christdemokraten.“ - - Ok, der war auch nicht so toll, aber nach allen Ergüssen der Witzigkeit, die es vorher zu sehen und zu hören gibt, kommt einem dies wie der Olymp des Humors vor.

Der Film wurde als „stählerner Überraschungsfilm“ auf dem 15. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Der Stahl zermürbte den Kongress.


Fazit:

„Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen.“ – „Wieso denn?“ – „Quatsch nicht!“

Wertung:

3,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 21.01.2016 17:29 
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Der Meineidbauer – Leopold Hainisch

(Deutschland 1941)

10.1.2016; Kino (35mm, Ufer Palast Fürth); 1,33:1



Um im späten 19. Jahrhundert den Hof seines überraschend verstorbenen Bruders zu erben, begeht Matthias Ferner einen Meineid und schwört, dass er den Hof nach dem Willen des Verstorbenen hätte erben sollen, nicht aber dessen langjährige Magd Gabi Burger, mit der sein Bruder ein Verhältnis hatte und die er heiraten wollte. Das Gericht schenkt ihm Glauben und Gabi Burger muss von nun an mit ihren Kindern ein Leben in bitterer Armut fristen.

Jahre später ist Gabi Burger mittlerweile verstorben, aber Vroni und Jakob, ihre Kinder, sind erwachsen. Vroni verliebt sich in den heimkehrenden Franz Ferner, der der Sohn des Meineidbauern ist und um dessen Betrug weiß, da er als Kind kurz nach der Verhandlung damals ein Schriftstück gefunden hatte, das eindeutig den Willen von Ferners Bruder, den Hof Gabi Burger zu vererben, belegte. Matthias Ferner hat dieses Schriftstück um sich und seinen Sohn zu schützen verbrannt. Als Vroni erkennt, in wen sie sich verliebt hat, ist sie erst schockiert und glaubt an eine Intrige, geht dann in die Offensive und stellt Matthias Ferner zur Rede, indem sie blufft, sie habe ein weiteres Schriftstück ausfindig machen können und wolle sich jetzt das Recht auf dem Hof vor Gericht erstreiten.

Ferner sucht nun die Hütte in den Bergen auf, wo Vroni wohnt, um sich notfalls mit Gewalt des Schriftstücks zu bemächtigen, während sein Sohn Vroni davon zu überzeugen sucht, dass seine Liebe einerseits aufrichtig ist, andererseits sich das Problem, wem der Hof rechtmäßig gehört, sowieso erübrigt, wenn sie heiraten. Der zu Vroni eilende Franz verunglückt jedoch in den Bergen, jedoch nicht tödlich, wie sein Vater glaubt. Aus Verzweiflung will sich Matthias nun vor Gericht stellen, da er seine Tat bereut und um weiteres Unheil abzuwenden. Auf dem Weg dahin gerät er unter einen Steinschlag, aus den Steinen ragt nur noch seine Hand hervor, wie zum Schwur erhoben.

Ludwig Anzengrubers „Der Meineidbauer“ wurde bereits 1915 und 1926 verfilmt, sowie nach Leopold Hainischs Interpretation noch 1956 von Rudolf Jugert und 2012 von Joseph Vilsmaier. Während Jugerts Verfilmung mehr Wert auf die psychologische Seite und damit die Gewissenskonflikte legt, die den Bauern plagen und die Carl Wery höchst gekonnt darstellt, mutiert in Vilsmaiers mehr als dummer Version Mathias Ferner zu einem rachsüchtigen Psychopathen, dessen blödsinnige Nachstellungen ob des sentimentalen Kitsches, der den Film dominiert, nicht einmal Spannung erzeugen.

Leopold Hainischs selten gezeigter Film legt anders als die Nachfolgeverfilmungen Wert auf ein authentisches Bild der bäuerlich-archaischen Lebenswelt im 19. Jahrhundert und überhöht die Figuren wie auch die Natur symbolisch: So sieht man hier nicht immer nur Menschen um ihr Recht kämpfen, sondern Recht und Unrecht selbst kämpfen um die natürliche Ordnung. Diese setzt nun dem Meineidbauern immer mehr zu, indem sie dessen Sohn in einen Gebirgsfluss abstürzen lässt und den reuigen Ferner schließlich in einem Steinschlag umkommen lässt. Bereits die erste Szene des Films inszeniert ebenfalls einen Steinschlag, der in der Nachbetrachtung als Omen fungiert; ebenso als Omen wirkt ein auffliegender Rabenschwarm, nachdem Ferner seinen Meineid schwört. Auch die Menschen, die der Film zeigt, werden als Teil der Natur charakterisiert, was auch in einer zeitgenössischen Rezeption 1941 so gewirkt haben muss und beabsichtigt scheint. So werden wir Zeuge von Volksumzügen bei Feiern, hören die meisten Leute einen mehr oder weniger ausgeprägten allgäuerischen Dialekt sprechen – ihre Art zu sprechen ist äußerst kraftvoll, bäuerlich-derb und pathetisch – die zudem unter den ihnen zugewiesenen meist ärmlichen Bedingungen leben und nicht die Möglichkeiten haben, aus diesen starren Fesseln auszubrechen und ihr Schicksal akzeptieren. Um den Film besser verstehen zu können, muss man auch wissen, dass es damals in der ländlichen Bevölkerung kaum eine Möglichkeit gab, aus dem hineingeborenen Stand auszubrechen, bzw. sich durch Bildung oder Fleiß hochzuarbeiten und einen besseren gesellschaftlichen Status zu erlangen. Eine dieser seltenen Gelegenheiten wurde in „Der Meineidbauer“ nun Gabi Burger zuteil, die aber von der Titelfigur, dem Meineidbauern, dieser Chance beraubt wurde. Vroni, ihre Tochter, versucht nun, ihre, wie der Film nahelegt, naturgegebene und schicksalhafte Rolle in der Gesellschaft zurückzuerobern.

Auch die Charakterisierung der Figuren ist sehr fein und gleichzeitig klar angelegt: Matthias Ferner ist ein Machtmensch, der Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg für sich und seinen Sohn hat und dessen Motive somit nachvollziehbar sind. Vroni ist aufgrund dessen Taten verbittert und hat sich einen lebensklugen und gelassenen Blick auf die Welt angeeignet. Ein langjähriger Besucher der Familie Burger, der auch Gefühle für die verstorbene Gabi hegte, wie der Film nahelegt, wirkt als Gewissen, wenn z. B. Franz aus der Burgerschen Berghütte geworfen wird und er dies ermahnt: „Das war jetzt net recht.“ „Ihr sollts doch gscheiter sein!“ Franz Ferner, den O. W. Fischer wie ein junger Trenker spielt, ist fröhlich und ehrlich in seinen Empfindungen und wendet durch diese vielleicht auch als naiv wahrnehmbare Herangehensweise an Lebensprobleme die Geschichte zum Guten.

Auch die Kamera ist sehr gelungen, wobei für die Innen- und Außenaufnahmen verschiedene Kameramänner verpflichtet wurden. Georg Bruckbauer inszenierte seine Innenaufnahmen sehr stimmungsvoll und die Szene, in der Vroni Matthias Ferner zur Rede stellt, hat geradezu eine an den besten expressionistischen Stummfilm erinnernde Wucht. Bruckbauer ist seit der späten Stummfilmzeit tätig und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg in einigen Veit-Harlan-Filmen mit („Hanna Amon“, 1951; „Sterne über Colombo“, 1953; „Verrat an Deutschland“, 1955). Der für die Außenaufnahmen zuständige Igor Oberberg arbeitete als Kameramann bei einigen Propagandafilmen („U-Boote westwärts!“, 1941; „G.P.U.“ 1942) und hat 1970 die schöne herbstliche Stimmung in „Die Feuerzangenbowle“ von Käutner eingefangen, für den auch Bruckbauer tätig war. Beide schaffen es in „Der Meineidbauer, die archaische Wucht der Handlung wie der bäuerlichen Bergwelt in entsprechende Bilder zu fassen.

Der Film wurde im Rahmen des 15. außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos von den Hofbauerkommandeuren zur Sichtung empfohlen, da der Film thematisch HK-relevant ist, aber auch der Ufer Palast als Kino im Rahmen der letzten Kongresse immer einen Tag lang genutzt wurde. Eine kleine Abordnung von etwa 10-15 Kongressbesuchern fand sich am letzten Kongresstag ein, um den Film zu erleben und war durchaus angetan.


Fazit:

Kraftvolle Geschichte, imposant umgesetzt und eine Entdeckung unbedingt wert!

Wertung:

10 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 21.01.2016 19:32 
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Die Perle der Karibik – Manfred Stelzer

(Deutschland, 1981)

10.1.2016; Kino (35m, Kommkino Nürnberg) / 1,37:1



Diethard ist Vertreter, der Bücher an den Mann bringt, es aber nicht schafft, sich an die Frau zu bringen. Kontaktanzeigen bleiben fruchtlos, obwohl der sich doch als „Sonderangebot“ etikettiert hat, und beabsichtigt, deswegen das nächste Mal mehr zu lügen. Bei einem Verkaufsgespräch in einer Privatwohnung weckt die asiatische Ehefrau des Kunden seine Aufmerksamkeit: „Ihre Frau ist aber auch nicht aus Deutschland“ sagt er vorwurfsvoll interessiert. Der Mann erläutert ihm daraufhin, dass er sie über eine Partnervermittlungsagentur bekommen hat, er ist auch ganz zufrieden mit ihr, nur das ewig unergründliche Lächeln störe ihn.

Kurze Zeit später wird er bei Edel, dem Chef jener Partnervermittlungsagentur, vorstellig und äußert seine Vorstellungen exakt. Asiatin dürfe sie nicht sein, und schon gleich gar kein ewig unergründliches Lächeln haben, er kenne da jemanden, den sowas nervös macht. Edel kommt ins Grübeln, aber eine Exotin aus der Karibik hält er für passend. Und schon wird sie eingeflogen, Beanboat Banani, die Perle aus der Karibik, die mit großen Augen das deutsche Regenwetter und die Baugrundstücke, die wie Ruinen wirken, bewundert. Nur Stunden später (es ist die nächste Szene nach der Erstbegegnung!) ist Hochzeit, nur standesamtlich, versteht sich. Diethard zeigt Banani nun seine Wohnung, wo sie ihr zukünftiges Leben in trauter deutscher Spießbürgerlichkeit verbringen soll. Manchmal bemerkt er aber auch, dass Banani traurig ist: (Halb fürsorglich, halb drohend-vorwurfsvoll) „Hast du Heimweh? Das gibt sich aber wieder du!“ Allmählich bemerkt er aber, dass Banani kaum Fortschritte macht und wird ihr gegenüber deutlicher: „Ich will, dass das morgen bei dir absolut klappt!“. Auch das Nebeneinanderhersitzen zu deutscher Volksmusik stellt ihn nicht zufrieden, da Banani, einfach nicht weiß, wie sich eine deutsche Frau dabei zu benehmen hat – sie hält sich einfach nicht an die Spielregeln: „…dass die die Zahnpastatube so auflässt…“

Trotzdem nimmt er sie mit in die Oper, was Banani so begeistert, dass sich nach dem Besuch auf dem Heimweg singt. Diethard versucht es ihr auszureden: „Du musst jetzt still sein, du weckst ja die Leute auf!“ Zu Hause tanzt sie, er tanzt ungelenk mit und setzt sich wenige Sekunden nach seinen Tanzversuchen wieder: „Trink mer einen“, schlägt er vor, dann macht er die Musik, zu der sie tanzt, aus – und schläft mit ihr. Am nächsten Tag hat er Kratzer am Körper: „Das lernt die auch nie!“

Banani versucht, ihrem Mann eine Freude zu machen, dekoriert die Wohnung ein wenig im Stil ihrer karibischen Heimat und serviert ihm Essen, das sie in Form eines Gesichtes auf den Teller arrangiert. Diethard ist entsetzt: „Mit dem Geld, was machst du da eigentlich, kaufst Gestrüpp und kaufst Bananen. Und ich komm vor Hunger nicht in den Schlaf!“ Über das Essen: „Das kannst du alleine fressen!“ Nun versucht er ihr endgültig ihre Position zu verdeutlichen: „Wir sind hier nicht in Espe-Libro, wo man Palmen kaufen kann. Wir sind hier in Deutschland, und da werden Kartoffeln geschält!“

Doch Banani beschwert sich nun auch – dank eines Deutschlehrers, den Diethard ihr besorgt hat, mittlerweile auch in deutscher Sprache. Sie leidet darunter, immer allein zu sein und er zu viel arbeitet. Und Diethard spricht sich auch aus, er hat sich unter einer Ehe vor allem Erleichterung vorgestellt, aber durch Banani läuft sein Leben nicht mehr in geregelter Alltagsvorhersehbarkeit ab. So bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als sich von Banani zu trennen.

Manfred Stelzer drehte „Die Perle der Karibik“ fürs Fernsehen, allerdings wurde der Film auch im Kino ausgewertet. Mit „Superstau“ hat Stelzer 1991 einen weiteren Kinofilm gedreht, der sich die Stereotypen, die über die Deutschen verbreitet sind, vornimmt. Sonst ist er Regisseur zahlreicher Fernsehfilme, -reihen wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“, sowie Serien wie „Balko“.

Den Film als Film über Menschen, die nicht zusammenpassen zu begreifen, hieße, ihn misszuverstehen. Tatsächlich ist man näher an der Intention des Films, wenn man alles Menschliche in der Charakterisierung der Hauptpersonen weglässt und den Film als Dialog abstrakter Bedeutungsebenen begreift. Entsprechend ist der Film auch vom Schauspiel Diethard Wendlandts (Diethard) geprägt, der den Text, den er spricht, so spielt, als würde er ihn permanent ablesen – weitgehend emotionslos, bemüht, nur wenn er über neue „Untaten“ Bananis ungehalten ist, etwas wütend. Der Dialog, den beide nun über den Film hinweg führen, bringt dem Zuschauer die Tristesse des deutschen spießbürgerlichen Lebens nahe, der dumpfen Korrektheit und selbstzufriedenen Schlichtheit, die Diethard personifiziert und die selbst im Zusammenprall mit Schönheit und Lebensfreude (Banani) nur um den Erhalt ihres eingeübten Trotts kämpft.

Die Kamera von Jörg Jeshel vertieft den Eindruck dieser tristen Seite des deutschen Wesens noch, indem sie muffige Thekenlandschaften zeigt und ein Fest des stumpfen Starrens und Nebeneinandersitzens inszeniert. Ein Film, der auf den ersten Blick belustigt, bei einigem Nachdenken aber entsetzt als Groteske über das Selbstbildnis der Deutschen für verrauchte Wohnzimmer, wo Mann und Frau nebeneinander in den ihnen zugewiesenen Positionen das Fernsehbild betrachten.

Der Film wurde am letzten Tag des 15. außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Der Kongress war von dem Gehalt des Films überzeugt und hatte einen sehr positiven Eindruck.


Fazit:

Grotesk überhöhte Satire, die bei aller Komik gleichzeitig aufwühlt!

Wertung:

8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.01.2016 14:59 
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Die Spalte – Gustav Ehmck

(Deutschland 1971)

10.1.2016; Kino (35mm, 1,66:1, Kommkino Nürnberg)



In Rückblenden wird die Kindheit der „Spalte“ Sophie geschildert: Ihre Mutter hatte sie als Baby auf ein Eisenbahngleis gelegt, damit es von einem herannahenden Zug überfahren werde, danach kam das Mädchen ins Waisenhaus, das von katholischen Nonnen geleitet wurde. Mit etwa 11 Jahren bekommt sie erstmals eine Postkarte von ihrer Mutter, die ihr eine Nonne mit diesen Worten (sehr laut gesprochen und vor anderen Kindern) übergibt: „Hier, eine Postkarte von deiner Mutter aus dem Arbeitshaus. Du kannst sie behalten. Und die Fehler anstreichen. Warum weinst du denn jetzt? Es ist doch das erste Mal, dass dir deine Mutter schreibt!“

Mit fast 15 Jahren flieht sie und landet in den Fängen eines jungen Zuhälters, der sie als Hure auf den Strich schickt und sie in einer unfassbaren Szenerie im Keller eines griechischen Restaurants von Dutzenden von Männern beschlafen lässt – nicht ohne sich um ihr Wohlergehen zu sorgen, denn wenn einer zweimal will, aber nur für einmal zahlt, solle sie ihn rufen. Er nutzt dabei jede Gelegenheit, ihre körperliche und geistige Integrität zu brechen, vom „spaßigen“ bespritzen mit Wasser bis zum Halbtotprügeln mit anschließendem Eisessen bei vorgeblich guter Laune im Straßencafé.

Kurze Zeit später wechselt sie ihren Besitzer, der neue Zuhälter ist Grieche, der sie genauso übel behandelt. Als sie LKW-Fahrer anspricht, um von ihnen mitgenommen zu werden und zu fliehen, wird sie sofort aufgegriffen und verprügelt, ein Polizist vom Sittendezernat, der sie auf dem Straßenstrich aufgreift, indem er sich als vermeintlicher Kunde ausgibt, gibt er zu verstehen, dass er sie gehen lässt, wenn sie ihn tatsächlich wie einen Kunden behandelt, nur eben gratis. Er bricht Wort und überstellt sie danach trotzdem der Polizei; sie kommt wieder frei und beginnt nun ein Leben in einer Hippiekommune. Dort ist sie zwar zum ersten Mal glücklich, wird aber von betont laissez-faire erzogenen Kindern ständig an den Haaren gezogen. Nach einiger Zeit entdecken die Zuhälter ihren neuen Unterschlupf, gleichzeitig nimmt aber die Polizei die Kommune hoch. Ein Polizist gibt Sophie und dem Zuschauer zu verstehen, wie der Hase läuft: „Wir haben mit den Zuhältern weniger Schwierigkeiten als mit den Studenten.“ … „Im Übrigen könnten die Zuhälter sie nicht auf den Strich schicken, wenn Sie (Anmerkung: die Kommune) sie nicht aus den Heimen holten“…“Das können Sie mir glauben, da gibt es Spezialisten!“

Gustav Ehmck ist der Regisseur so unterschiedlicher Filme wie „Der Räuber Hotzenplotz“ (1974) und „Liebesschule blutjunger Mädchen“ (1973). In seinem Film „Heiß und kalt“ (1972) hatte Gerhild Berktold, die Darstellerin der „Spalte“, ihre einzige weitere Filmrolle. Als der Film gedreht wurde, war sie anders als die Rolle, die spielt, nicht 14, sondern etwa 26 Jahre alt.

„Die Spalte“ ist ein erschütternder Film, der in dokumentarisch anmutenden, realistischen Bildern ein hoffnungsloses Martyrium zeichnet, das Menschen in unserer Gesellschaft durchleiden müssen, wenn sie nicht zu einer etablierten Mittel- oder Oberschicht gehören. Die Bildgestaltung nimmt dem gezeigten Sex alle Erotik, indem er meist als „Betatschen“ inszeniert ist, setzt somit die Geschichte adäquat um und intensiviert die Wirkung des Films.

Der Film steht relativ unvergleichbar auf weiter Flur, es fehlt die Rache, um ihn dem Rape-and-Revenge-Genre zuzuordnen, auch Vergleiche zu „Mädchen mit Gewalt“ (1970) würden hinken, da dieser den Zuschauer zur Interpretation fordert, warum Alice den Missbrauch über sich ergehen lässt und psychologisches Einfühlungsgeschick verlangt; das „Nuttenploitaton“-Genre passt auch nicht ganz, da Sophies Schicksal nicht als das einer Hure, sondern als das eines Mädchens aus der sozialen Unterschicht ohne Chancen geschildert wird. „Die Spalte“ prangert mit sehr klaren Darstellungen und Aussagen gerade zum Schluss durch den Polizisten Missstände in der BRD mit deutlichen Schuldzuweisungen klar an und könnte insofern der einzige Propagandafilm in diesem Genre sein.

Der Film wurde auf dem 15. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Viele schraken vor dem Ausmaß der gezeigten physischen und psychischen Gewalt zurück, erkannten aber trotzdem die inhaltliche Qualität des Films an.


Fazit:

Unangenehm wie ein Schlag in die Magengrube und gerade deshalb sehr sehenswert!

Wertung:

8,5 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 22.01.2016 16:14 
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Mädchen beim Frauenarzt – Ernst Hofbauer

(Deutschland 1971)

10.1.2016; Kino (35mm, rotstichig, 1,66:1, Kommkino Nürnberg)



Einem nie vor die Kamera tretenden Frauenarzt erzählen junge Patientinnen Lieb und Leid.

Unmittelbar nach dem ersten Teil „Schulmädchen-Report“ (1970) drehte Ernst Hofbauer „Mädchen beim Frauenarzt“, der, obwohl keine Produktion Wolf C. Hartwigs, die von Hartwig konzipierte Dramaturgie beibehält. So sehen wir den üblichen Mix aus dramatischen und komödiantischen Episoden, die Vergewaltigungsepisode darf auch nicht fehlen und erst recht nicht die Letzte sein, denn genau das wäre ein Dramaturgieverstoß. Und die letzte Episode gestaltet sich wie gewöhnlich als die Versöhnlichste mit pädagogischem Anstrich. Straßeninterviews gibt es nicht, dafür aber nach Hofbauers Vorgängerfilm zum zweiten Mal die 16jährige Jutta Speidel, allerdings relativ zugeknöpft und den gleichaltrigen Sascha Hehn in seiner ersten Sexfilmrolle, der in den nächsten 2 Jahren noch 9 folgen sollten bis zu einem Erotikfilmecomeback 1979. In der Rolle der Assistentin des Arztes sehen wir Monika Dahlberg, das Fräulein Weidt aus 4 Lümmelfilmen mit Hansi Kraus.

Stilistisch teilweise sehr interessant sind in bunten Farben und Zeitlupe gefilmte Kissenschlachten, auf die der hippieske Titelvorspann mit seinen Farbspiralen bereits einstimmt. Auch interessant – allerdings eher aus historischer Sicht – ist ein ernstgemeinter Einblick in die damals bereits veralte Physiognomie, eine Pseudowissenschaft, die bestimmten Typen von Menschen (z. B. schlank mit Dreieckskopf) Charaktereigenschaften zuweist (z. B. der schlanke Menschen mit Dreieckskopf sind alle intellektuell und schüchtern).

Der Film wurde als Abschlussfilm des 15. Außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Es war der erste Film des Namenspatrons im Rahmen dieses Festivals. Der Kongress nahm den Film amüsiert und wohlwollend auf.


Fazit:

Trotz einiger gelungener Szenen und teils psychedelischem Anstrich nichts Außergewöhnliches im Vergleich zu anderen Filmen der Report-Reihen.

Wertung:

6 / 10


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 03.02.2016 16:10 
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Das war der Wilde Westen – Henry Hathaway, John Ford, George Marshall 1)

(USA 1962)

27.1.2016; BluRay (SmileBox 2) / Warner)



Programmansage im ZDF:

“Der amerikanischste aller Filme, der Nebenbuhler des Krimis, geballte Spannung, packendes Abenteuergeschehen mit den vertrauten Elementen: Der Westernstadt, dem Saloon, dem Sheriff, dem Banditen, dem Trapper, der Farmersfrau, den Indianern, den Soldaten, den Cowboys und den Tingeltangelmädchen. Der Treck nach dem Westen, der Kampf um das Land und der um Law-and-Order, um Recht und Ordnung. […] Und gleich drei weltbekannte Regisseure, die den Superfilm schufen: John Ford, Henry Hathaway und George Marshall. Sie inszenierten Rührendes und Herzergreifendes, wie es Hollywoods Art ist; und Spiel und Spannung, wie es sich für einen echten Western gehört. „Das war der Wilde Westen“ – heute im ZDF“.

Na dann sehen wir uns mal an, ob das ZDF in den 80er Jahren zu viel, zu wenig oder etwa sogar falsches versprochen hat.

Inhalt:

Der Film erzählt in 5 Episoden und auf zwei Akte aufgeteilt das Schicksal der Familie Prescott über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren hinweg.

Die erste Geschichte „Der Fluss“ beschreibt in den 1830ern die Landnahme durch Pioniere, die Prescotts, und wie sich Eve Prescott in den Trapper Linus Rawlings verliebt, der aber in die Fänge von Flusspiraten gerät und nur durch Glück einen Mordversuch überlebt. Er kann die Prescotts, die kurz darauf ebenfalls den Piraten ausgeliefert sind, in letzter Sekunde beistehen, als sie jedoch später auf dem Ohio River 3) einen falschen Flussarm nehmen und in Stromschnellen geraten, sterben die Eltern von Eve und Lilith Prescott. Eve Prescott möchte den Ort nicht verlassen, an dem ihre Eltern begraben liegen und zusammen mit Linus, der sich nun endgültig für sie entscheidet, nimmt sie zur Frau.

In der zweiten Geschichte „Der Planwagen“, die die letzte des ersten Aktes ist, hat Lilith ihre Schwester verlassen, um in St. Louis, eine Stadt, die damals stark von Handel und Goldrausch profitierte, ihr Glück zu finden. Sie arbeitet als Tänzerin in einem Saloon, schließt sich jedoch bald einem Treck an, der in Kalifornien goldschürfen will. Sie geraten auf dem Weg dahin in einen Überfall der Arapaho-Indianer; die Überlebenden stellen bald darauf fest, dass die Goldmine bereits wertlos ist. Lilith nimmt später einen Heiratsantrag des Spielers Cleve Van Valen an, den sie schon seit ihrer Zeit in St. Louis kennt, und zieht mit ihm nach San Francisco.

Der zweite Akt beginnt mit einer Bürgerkriegsepisode: Zeb Rawlings, der Sohn von Eve und Llinus, schließt sich der Unionsarmee in dem Moment an, als andernorts sein Vater gerade schwerverwundet in einer behelfsmäßig zum Feldlazarett umfunktionierten Kneipe stirbt. Nach der Schlacht von Shiloh, nach der „der Süden nicht mehr lachte“, begegnet ihm ein konföderierter Deserteur, der ihn davon überzeugt, ebenfalls zu desertieren, „den Krieg sollen die kämpfen, die ihn wollen“. Doch nach wenigen Metern belauschen sie ein Gespräch von Offizieren, die sich wenig später als General Grant und General Sherman herausstellen. Als der Südstaatler auf sie schießen will, ersticht Zeb ihn mit einem Bajonett. Nach dem Krieg kehrt er zurück zu der Farm seiner Eltern, wo er erfährt, dass beide Eltern gestorben sind. Seine Mutter hatte keinen Lebenswillen mehr, als sie vom Tod ihres Mannes erfahren hat.

Die vierte Geschichte „Die Eisenbahn“ zeigt, wie nach dem Krieg zwischen Norden und Süden nun Osten und Westen verbunden werden: erst mit dem Ponyexpress, dann durch Telegraphen, deren Masten von den Indianern skeptisch belauscht werden, und schließlich mit der Eisenbahn. Zeb Rawlings ist mittlerweile Lieutenant, der sich für den Frieden der Weisen mit den Indianern einsetzt. Seine Arbeit wird zerstört, als der rücksichtslose Eisenbahnchef Mike King ohne Erlaubnis Siouxgebiet bebaut und die Sioux eine Büffelherde auf das provisorische Lager der Arbeiter hetzen.

Die letzte Geschichte „Die Desperados“ zeigt, wie Gesetzlose die in den 1880ern noch immer „wilde“ ländliche Gegend Amerikas für sich ausnutzen: So bekriegen sich Farmer und Viehbesitzer gegenseitig und reißen sich den Besitz des anderen unter den Nagel, indem sie ihn einfach in den Rücken schießen. Die Geschichte beginnt damit, dass Lilith den Besitz ihres verstorbenen Mannes, der Eisenbahnchef geworden ist, versteigern lässt, und Zeb bittet, zu ihr zu reisen, damit er ihr hilft, eine Ranch in Arkansas zu übernehmen. Er gerät in einen Eisenbahnüberfall, erreicht jedoch bald seine Tante und zieht mit ihr nach Arkansas.

Besprechung:

Anfang der 50er Jahre gingen in den USA die Kinobesuche und somit die Einspielergebnisse von Filmen stark zurück, und so, wie heute der 3D-Trend, den es auch schon 3mal zuvor in der Kinogeschichte gegeben hat, das Publikum vom Internetstream zurück vor die Leinwand bringen soll, erhoffte man sich 1952 von einem besonderen Kinoerlebnis das Gleiche: Cinerama 4). Cinerama ist ein besonderes Kamera- und Projektionssystem; der Das Bild wird mit 3 Kameras gleichzeitig aufgenommen, findet sich dann auf 3 Negativen und wird mit 3 Projektoren auf die Leinwand geworfen. Die Leinwand ist dabei um 146° gekrümmt, also genauso wie das Auge, durch ihre Länge von bis zu 30m und Höhe von 11m entstand so ein erstaunlich realistisches Bild für die Zuschauer. Dabei schuf Cinerama auch noch einen 7-Kanal-Stereo-Sound mit im Kino anwesenden Tontechniker, der den Klang an Witterungs- und Kleidungsverhältnisse des Publikums anpasste.

Nachdem 10 Jahre lang ausschließlich Natur- und Kulturfilme produziert wurden, entschied sich Cinerama, 2 Spielfilme drehen zu lassen: „Die Wunderwelt der Gebrüder Grimm“ (1962) von George Pal und Henry Levin und „Das war der Wilde Westen“. Die Filme liefen 2-3 Jahre lang in den 200 Cineramakinos weltweit, allerdings wurden aus kommerziellen Gründen auch 35mm-Kopien erstellt, die in normalen Kinos gezeigt werden konnten. Aufgrund der hohen Fixkosten für das Betreiben der Kinos wurden ab Mitte der 60er Jahre keine Filme mehr in Cinerama gedreht, jedoch wurden einige Camera-65-Filme 5) künstlich in 3 Bilder geteilt und in Cineramakinos ausgewertet. Auch einige Szenen von „Das war der Wilde Westen“ wurden im Camera-65-Format aufgenommen und nachträglich für die Wiedergabe in 3 Teile geteilt.

Drei Regisseure und vier Chefkameramänner wurden von Cinerama und MGM beauftragt den Film zu drehen. Dabei erleichterte seine episodenhafte Struktur die Aufteilung an die Regisseure: George Marshall drehte „Die Eisenbahn“, John Ford „Der Bürgerkrieg“, Henry Hathaway „Der Fluss“, „Der Planwagen“, „Die Desperados“ und war Regisseur bei den Nachdrehs zu „Die Eisenbahn“. Hathaway hat damit nicht nur an Länge und Anzahl der Episoden den größten Teil des Films gedreht, er war auch für die aufwendigsten Actionszenen verantwortlich. So dauerten die Dreharbeiten für die Szene in „Der Fluss“, in der das Floß der Prescotts in die Stromschnellen gerät, 7 Tage, während der 4½-minütige Indianerüberfall in „Der Planwagen“ 6 Wochen lang gedreht wurde. Insgesamt dauerten die Dreharbeiten über 5 Monate, was besonders bei 3 parallel arbeitenden Teams besonders lang ist. Trotz des extrem hohen Budgets von 15.000.000 Dollar – das man zu jeder Sekunde des Films auch sieht! – und den schwierigen Aufführungsbedingungen konnte der Film seine Kosten einspielen.

Obwohl alle drei Regisseure Westernerfahrung hatten (Ford drehte zuletzt „Der Mann, der Liberty Valence erschoß“ (1962); Hathaway drehte „Das Land der 1000 Abenteuer“ (1960) und „Garten des Bösen“ (1954); Marshall „In Colorado ist Teufel los (1958) und „Das Fort der mutigen Frauen (1957)), erkennt man eine etwaige Handschrift selten. Natürlich wurde John Ford aufgrund seiner Erfahrung mit Bürgerkriegs- und Militärwestern für die 17minütige Bürgerkriegsepisode herangezogen, allerdings mussten sie das Filmgeschehen so sehr an die besonderen Cineramakamerabedingungen anpassen, dass sie nicht wie gewohnt arbeiten konnten, worüber sich wiederum John Ford beschwerte. Denn Cinerama erlaubte keine Close-Ups, die Schauspieler mussten stets mindestens 45cm vor der Kamera agieren, sonst wäre das Gesicht nur noch von z. B. der mittleren Kamera erfasst worden und es hätte kein zusammenhängendes Bild mehr für die Leinwand gegeben. Die Kameras waren zudem besonders groß, sodass die Schauspieler oft nicht den Schauspieler sehen konnten, mit dem zusammen sie spielten, wodurch es im Kino, und noch mehr bei den 35mm- 2,7:1 Bildformatpräsentationen zu Irritationen beim Zuschauer kommt, da die Darsteller offensichtlich keinen Blickkontakt zueinander haben und somit wirken, als würden sie einen Theatermonolog halten – glücklicherweise fällt dies aber nur bei wenigen Szenen auf.

Der Film wurde von 4 Chefkameramännern fotographiert, die und wurde für den Oscar nominiert: William H. Daniels erhielt zuvor schon 3 Nominierungen, zuletzt für „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1959), Milton R. Krasner gewann zuvor für „Drei Münzen im Brunnen einen Oscar und bringt es auf insgesamt 6 Nominierungen, Charles Lang gewann 1934 für „In einem anderen Land“ den Oscar und bringt es auf 17 Nominierungen, z. B. für „Manche mögen´s heiß (1960); und Joseph LaShelle gewann ihn 1945 für „Laura“ und wurde 8mal nominiert. In „Das war der Wilde Westen“ arbeitete er mit John Ford für dessen Episode zusammen. Doch auch hier gibt es aufgrund der vielen „Köche“ nicht 4 unterschiedliche Stile, die Episoden wie auch der Kamerastil unterscheiden sich kaum in ihrer Inszenierung. So schön und meisterhaft der Film auch fotographiert ist, so merkt man doch manchmal, dass man mit „Das war der Wilde Westen“ einen „ersten“ Film in einem neuen Aufnahmeverfahren drehte. Cinerama ist besonders dafür geeignet, neben Panoramabildern Bewegungen mit der Kamera vor und zurück zu zeigen – dann entwickelt sich geradezu ein visueller Sog, in dessen Genuss der Zuschauer im Laufe des Films sehr oft kommt. Ungeeignet ist es aber für Bewegungen zur Seite und Schwenks, sowie beim filmen von Objekten, die sich über das ganze Bild von links nach rechts erstrecken, wie z. B. das Floß während der Stromschnellenszene. Diese Experimente oder Fehler – je nach Betrachtungsweise – kommen jedoch selten vor, und meist wird der Cineramalook mit langsamen, sogartigen Kamerabewegungen, Konzentration auf die Aktion in der Bildmitte und das Zeigen von interessanten Nebensächlichkeiten an den Außenseiten befolgt.

Wie an Regisseuren und Kameramännern bekommt das Publikum auch vor der Kamera das Beste zu sehen, was Hollywood damals zu bieten hatte: Carroll Baker und Debbie Reynolds spielen Eve und Lilith Prescott, Karl Malden ihren Vater, James Stewart spielt Eves Mann Linus und George Peppard ihren Sohn, Gregory Peck spielt Liliths Mann Cleve und in kleineren Rollen sehen wir John Wayne, Eli Wallach, Henry Fonda und Richard Widmark, der von Heinz Drache synchronisiert wird. Und in der Rolle als Flusspirat schaut ungenannt Lee Van Cleef vorbei.

Aufgrund der hohen Produktionskosten und den genauen Erwartungen der Cinerama Productions Corp. darf man wie bereits angedeutet nicht erwarten, dass die durchaus renommierten Regisseure in diesem Film als Auteur in Erscheinung treten. Zwei Faktoren führen jedoch dazu, dass der Film stilistisch einheitlich und rund erscheint: Nur ein Drehbuchautor hat den Film geschrieben, James R. Webb, Autor von „Vera Cruz“ (1954), „Weites Land“ (1958) und „Ein Köder für die Bestie“ (1962); und nur ein Komponist 6) wurde mit der Musik für den Film betraut, Alfred Newman 7), der mit 43 Oscar Nominierungen der nach Walt Disney und John Williams der meistoscarnominierte Mensch ist und mit 9 gewonnenen Oscars den Rekord für Filmkomponisten hält. Obwohl er für „Das war der Wilde Westen“ nur nominiert wurde, gilt seine Komposition heute als seine Beste und wurde in die AFI´s 100 Years of Filmscores auf Platz 25 aufgenommen. Sehr hörenswert sind auch seine Arbeiten für „Das Gewand“ (1953) und „Die größte Geschichte aller Zeiten“ (1965). Für die vielen Traditionals 8) in „Das war der Wilde Westen“ nützte ihm auch seine Erfahrung als Musicalkomponist (1953 und 1954 Oscars für „With a Song in my Heart“ und „Madame macht Geschichte(n)“). Der Film legt auf die Musik fast soviel Wert wie auf die Bilder, was allein schon an dem oft für Monumentalfilme üblichen Prinzip sichtbar ist, eine Overtüre, eine Pause und einen Schluss, in dem vor einem Einzelbild nur Musik gespielt wird, zu plazieren. Auch die Themen der Filmhandlung werden in dieser Form angekündigt, so hören wir am Ende der Pausenmusik „When Johnny comes Marching Home“, gefolgt von der „Battle Hymn oft he Republic“ („Glory, Glory, Hallelujah“). In der sich direkt an die Pause anschließenden Bürgerkriegsepisode hören wir nun mehrmals „When Johnny comes Marching Home“, ein Lied, das die erzählte Geschichte stark vertieft. Denn das Lied ist den Text betreffend ein Antikriegslied, das die Sehnsucht der zurückbleibenden Familie nach ihrem Angehörigen, der als Soldat im Krieg kämpft und vielleicht schon gefallen ist, ausdrückt, aber zur Melodie einer Marschmusik gesungen wird. So ergänzt die Musik die psychologische innere Handlung Eves, deren Mann zu Beginn dieser Geschichte im Bürgerkrieg fällt, deren Sohn in den Krieg zieht und dort feststellt, dass er nicht mit dieser Grausamkeit des Krieges gerechnet hat, und schließlich, als er nach Hause zurückkehrt, feststellen muss, dass seine Mutter vor Gram ebenfalls gestorben ist. „When Johnny comes Marching Home“ wurde im gleichen Jahr, in dem „Das war der Wilde Westen“ in den USA startete, auch für „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ ähnlich intelligent verwendet. Hier ist jede Szene mit dem Kampfbomber, der schließlich die Bombe über die Sowjetunion abwirft, mit diesem Lied unterlegt und vertieft hier die groteske Handlung, denn weil im Pentagon die Generäle noch in Strategien denken, die aus dem Bürgerkrieg stammen, wird im zeitgemäßen Atomkrieg „Johnny“ ganz bestimmt nicht mehr heimmarschieren können. Alfred Newman jedoch liegen mit seinem Score zu diesem Western groteske oder satirische Ansätze völlig fern und vertieft die Emotionen hier so stark, dass die Kriterien für ein Melodram erfüllt sind. Auch ohne den Film zu kennen, dürfte der Score ein Hörerlebnis sein, und mit der oben beschriebenen Klangtechnik in den Cineramakinos dürfte es die Kinobesucher vor Wucht von den Sitzen gefegt haben.

Wenn wir gerade mit „Dr. Seltsam“ bei Kubrick waren, schließe ich noch einen Bogen von dessen typischen visuellen Stilmitteln zu „Das war der Wilde Westen“: Denn so wie Kubrick die Objekte und Schauspieler sehr zentral in die Bildmitte arrangiert und aufgrund dieses Arrangements und der für seine Filme typischen großen Tiefenschärfe für manche Zuschauer kalt-distanziert oder gar künstlich wirkt, tatsächlich jedoch aufgrund dieser Distanziertheit den Zuschauer nur noch mehr mit emotionaler Intensität trifft (gutes Schauspiel ist dadurch natürlich desto wichtiger!), so finden wir hier - durch die wenig Flexibilität erlaubende neuartige Aufnahmetechnik in Cinerama – beinahe den gleichen Stil vor. Dieser Stil ist es, der diesen Westen außergewöhnlich macht, selbst im 1,85:1 Format 9), in dem das ZDF den Film in den 80ern ausstrahlte. Der Ansagetext von damals wird dem Film natürlich in keinster Weise gerecht mit seiner Trivialisierung und dem Verweis auf „vertraute Elemente“, die gerade nahelegen, dass es dem Film an Außergewöhnlichem fehlt. Schließlich ist „Das war der Wilde Westen“ bis heute wohl der epischste Film seines Genres.


Fazit:

Monumentales Westernepos fürs Heimkino, da eine Sichtung in einem Cineramakino bei 3 verbleibenden Kinos weltweit (eines in England, zwei in den USA) kaum möglich sein wird. Aufgrund der visuellen Intensität ist „Heimkino“ wörtlich zu nehmen und die Blu mit ihrem „Smilebox“-Format Pflicht.

Wertung:

9,5 / 10

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1) Imdb und ofdb nennen Richard Thorpe als vierten Regisseur. Er war jedoch nur Second-Unit-Regisseur.
2) Spezielles Bildformat, das für das Heimkino das Cinerama-Leinwanderlebnis nachbildet.
3) Oft fälschlicherweise „Erie-Canal“. Teile dieser Episode spielen am und auf dem Ohio-Erie-Canal, der jedoch nicht identisch ist mit dem heutigen Erie-Canal. Die besagte Szene spielt jedoch am Ohio River.
4) Ein Jahr später, 1953, folgte CinemaScope, ein Breitbildformat, das den Normalformatsehgewohnheiten ebenfalls ein völlig neues visuelles Erlebnis entgegensetzte und von Anfang an für Spielfilme genutzt wurde.
5) Z. B. Ultra Panavision 70 (40 Wagen westwärts, Die größte Geschichte aller Zeiten) und Panavision Super 70 (2001 – Odyssee im Weltraum)
6) Ken Darby, der als zweiter Komponist geführt wird, arbeitete eng mit Newman zusammen und arbeitete nicht parallel.
7) Er ist das Namensvorbild für Alfred E. Neuman aus dem Mad-Magazin.
8) Amerikanische Volkslieder
9) Das tatsächliche Breibildformat auf BluRay und DVD liegt bei 2,89:1!


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 Betreff des Beitrags: Re: ...und immer lockt der Film
BeitragVerfasst: 15.03.2016 17:50 
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Brian – Höllenfahrt eines Besessenen – William Hale

(USA 1983)

Ende 1999, VHS (Media Entertainment/VCL/Virgin); Zweitsichtung 14.3.2016 (dito) / 1,33:1



In Newport, Rhode Island ergreift ein Dämon immer häufiger den Besitz des Körpers des etwa 10jährigen Brian Frazier. Er spricht mit anderer Stimme, nennt sich selbst „Das Biest“, nutzt hebräisch klingende Namen und bedroht und attackiert seine Familie. Das Hinzuziehen von Exorzisten, Dämonologen und Priestern hilft nicht, doch als Kenny, der Freund von Brians älterer Schwester, den erneut von dem Dämon besetzten Brian angreift und ihn herausfordert, bedroht dieser ihn mit dem Tod, woraufhin Kenny tatsächlich am nächsten Tag aus 20m Höhe bei der Arbeit von einem Baumstürzt; er überlebt jedoch. Nach einigen Tagen benimmt sich nun jedoch auch Kenny merkwürdig und scheint ebenfalls ab und zu vom „Biest“ besessen zu sein. In einem Streit, in den die Familie Frazier während einer Feier mit dem stark alkoholisierten Gastgeber verwickelt ist, tötet Kenny diesen, kann sich jedoch nach der Tat nicht an den Mord erinnern. Vor Gericht plädieren er und sein Anwalt auf Nichtschuldig, natürlich schenken die Geschworenen und der Richter der Argumentation hinsichtlich der angeblichen Besessenheit Kennys während der Tatzeit keinen Glauben. Verurteilt wird er dennoch nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags zu einer Gefängnisstrafe von 20 Jahren, bei guter Führung mindestens 10 Jahren. Die Familie der Fraziers indessen scheint mit der Präsenz des Dämons weiterhin leben zu müssen.

In den diversen Filmbewertungsplattformen hat „Brian“ mittelmäßige bis katastrophal-schlechte Nutzerbewertungen erhalten, die zumindest in Deutschland wohl darauf zurückzuführen sind, dass der Film bislang nur in Form einer VHS erhältlich war, die mit Covergestaltung und rückseitiger Inhaltsausführung völlig falsche Erwartungen weckt, die den Film in eine an Gewalt härtere und an die damaligen Charles-Band-Produktionen erinnernde Richtung weißt. Tatsächlich haben wir es jedoch mit einer Produktion für die NBC, also fürs US-Fernsehen, zu tun, die TV-Film- und Serienregisseur William Hale („S.O.S. Titanic“, 1979, „Auf der Flucht“, „Time Tunnel“ und „Invasion von der Wega“) routiniert inszenierte. Zur Seite stand ihm Kameramann John Lindley, der mit „Brian“ eine seiner ersten Arbeiten ablieferte, bald danach vom Fernsehen ins Kino wechselte und für Joe Ruben die meisten von dessen Psychothrillern filmte („Stepfather“, 1987, „Der Feind in meinem Bett“, 1991 und „Das zweite Gesicht“, 1993), jedoch bis heute in jedem Genre zu Hause ist. Ästhetisch nimmt „Brian“ „Das zweite Gesicht“ etwas vorweg, zumindest erinnert letzterer mit seiner morbiden und herbstlichen Atmosphäre etwas an „Brian“. Um die Darstellung von Gewalt, die die Zensoren des damaligen US-Fernsehens unmöglich gebilligt hätten, zu umgehen, verfielen Hale und Lindley auf die äußerst interessante Idee, mit Hilfe von extremen Ober- und Unterperspektiven, sowie Extreme-Close-Ups verbunden mit harten Schnitten den Horror dem Fernsehpublikum spürbar zu machen. Obwohl dieses an den Expressionismus der Stummfilmzeit erinnernde Stilmittel nicht das Ungewöhnlichste ist, besonders nicht in den 70ern, in deren Inszenierungstradition dieser Film noch durch und durch steht, werden sie hier mit dem genau richtigen Timing und Eleganz verwendet, so dass sich „Brian“ doch von der Durchschnittskost unterscheidet, die mit ihren ungewöhnlichen Optiken nur vorgibt, interessant zu sein und die den Zuschauer mitunter mit ihrer Aufdringlichkeit stören, da sie von der Handlung zu sehr ablenken.

Der Film basiert auf einem „wahren Fall“, der sich allerdings nicht in Rhode Island, sondern in Connecticut zugetragen hat und als „The Devil made me do it Case“ in die Rechtsgeschichte einging. 1981 hat hier Arne Cheyenne Johnson unter ähnlichen Umständen, wie im Film geschildert, einen Mann umgebracht, nachdem ein Dämon von dem 11jährigen David Glatzel Besitz ergriffen haben soll. In den okkultistischen Teil des Falles waren auch Ed und Lorraine Warren involviert, nach deren Erfolglosigkeit mehrere katholische Exorzisten. Nach der Verurteilung Johnsons schrieb Lorraine Warren als Koautorin das Buch „The Devil in Connecticut“; auf den Berichten der Warrens und Fällen, in die die Warrens verwickelt waren, fußen auch die Filme „The Amityville Horror“, 1979; „Das Haus der lebenden Toten“, 1991; „Das Haus der Dämonen“, 2009; „Conjuring“, 2013 und „Annabelle“, 2014. Trotz des behaupteten „realen“ Horrors ist es aus dramaturgischer Sicht natürlich fragwürdig, einen Horrorfilm mit einer völlig weltlichen Gerichtsverhandlung enden zu lassen – Schrifttafeln vor Beginn des Abspanns hätten den Zuschauer den gleichen Informationsgehalt vermittelt und mit dem dann finalen Mord, den Kenny begeht einen echten Höhepunkt geboten. „Brian“ ist für Genrefans sicherlich dennoch einen Blick wert – wie auch eine Erstveröffentlichung auf einem digitalen Medium überfällig.


Fazit:

TV-Horrorfilm mit Bezügen auf einen realen Fall, aufgrund der Kameraarbeit leicht über dem Durchschnitt und aufgrund der Verwicklung des Warren-Ehepaares in den zugrundeliegenden Fall für das Conjuringpublikum vielleicht interessant.


Wertung:

6,5 / 10


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