Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.08.2019 09:20 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Revenge (Coralie Fargeat, 2017) 8/10
Eigentlich möchte Jen nur ein nettes Fick-Wochenende mit dem gutgebauten Richard verbringen, in der Luxusvilla draußen in der Wüste. Aber zuerst kommen mit Stan und Dimitri Richards Geschäftspartner und nerven rum, und dann wird Jen von Stan vergewaltigt. Richard bietet Geld an damit sie den Mund hält, aber das lehnt Jen ab. Sie will, dass Stan sich entschuldigt. Woraufhin sie zur Lösung der Situation ganz einfach eine hohe Klippe hinabgestoßen wird, damit die Geschichte nicht publik wird. Als die drei Männer die Leiche aufräumen wollen erleben sie eine böse Überraschung: Jen ist nicht tot. Jen ist extrem schlecht gelaunt. Sie will Rache! Und in Jen steckt außer einem Stück Baum auch noch eine ganze Menge mehr als nur eine süße und dumme Fickmaus …

Das einzige, was man dem Film ernsthaft vorwerfen könnte ist, das er Babes-with-big-Guns-Phantasien befriedigt. Wenn Matilda Lutz, bekleidet mit Messer, Riesenwumme, Patronengurt und schwarzer Mini-Unterwäsche, durch die Wüste läuft, dann werden alle Waffenfetischisten zwischen El Paso und Daytona geil. Aber zum einen ist REVENGE von einer Frau gedreht, was diese Argumentation zumindest ein Stück weit entkräften kann. Und zum anderen muss man auch sagen, dass das, was Jen dort so treibt, die gleichen Waffenfetischisten ziemlich abtörnen dürfte. Der Film ist eine Symphonie in Blut-Dur, hat einige ausgesprochen herbe Schockeffekten (Glasscherbe!), und der Showdown ist sowohl filmisch wie auch inhaltlich entschieden härterer Stoff der herausragenden Sorte. Eine ausgesprochen gelungene Mischung aus gleichzeitiger Erfüllung und Destruktion männlicher Sexualfantasien, mit Bildern garniert die ich bei Michael Ballhaus oder Tonino delli Colli erwarten würde, und oft mit suggestiver Drone-Musik hinterlegt um die Wirkung noch zu steigern. Ein Feuerwerk an Bild und Splatter, eine Tour de Force der Penetration (ist schon jemandem aufgefallen, dass nicht nur Jen penetriert wird, sondern dass im Gegenzug auch Jen alle drei Männer penetriert?), ein nervenaufreibendes Blutgemälde, das so schnell und raffiniert gefilmt daherkommt, dass die vielen vielen Löcher und Logikfehler einfach ignoriert werden können. Und müssen. Denn der Schlachtzug fährt einfach immer weiter und weiter, und reißt den Zuschauer genauso mit sich wie die exquisiten Darsteller.
Die nämlich sind ganz große Klasse. Wenn Vincent Colombe als Stan wissen möchte, warum Jen ihn gestern angemacht hat und heute nichts mehr von ihm wissen will, dann steht die Gänsehaut förmlich im Raum. Seine Ausstrahlung wechselt ununterbrochen von unschuldiger Heiterkeit zu eiskalter Aggressivität, und der Zuschauer spürt wie sich hinter den lustig schauenden Augen eine Gewalteruption anbahnt die sich gewaschen hat. Jen spürt das ebenfalls und wird immer unruhiger, bekommt aber die Situation offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle. Stan gibt eindeutig den Ton an, und die Tonart heißt Du-wirst-gleich-gefickt.
Guillaume Bouchède als Dimitri steht dem in nichts nach. Eindrücklichst die Szene, wie er Kekse kauend in der Tür steht und ungläubig die Vergewaltigung beobachtet. Und kaut. Und kaut. Und kaut. Aber auch seine Stunde wird kommen, wenn er Jen im nächtlichen Fluss foltert. Was seine Augen und sein Gesichtsausdruck aussagen ist nichts anderes als gigantische Schauspielkunst.

Interessanterweise stehen die beiden Hauptdarsteller da ein wenig zurück. Knackarsch Kevin Janssens meistert das blutige Showdown komplett nackt (Wir erinnern uns: Der Film ist von einer Frau gedreht! Diese Umkehrung der üblichen männlich-sexualisierten Sichtweise einer blutbeschmierten Frau in Unterwäsche die um ihr Leben kämpft ist allein schon ziemlich genial.)) und lässt das Alphatier (und in ein paar kurzen Szenen auch das kleine Tierchen) verdammt realistisch raushängen. Eine starke Performance ohne große Entwicklungsmöglichkeiten, aber mitreißend. Und Matilda Lutz gibt das erwähnte Babe-with-Gun mit viel Überzeugung und Schmackes, aber vielleicht hat das Drehbuch da auch einfach nur ein paar Abstrusitäten zu viel bereit gelegt um endgültig zu überzeugen. Oder anders ausgedrückt: Wenn ich nach rund 24 Stunden mit Vergewaltigung, schwerster Verletzung, Flucht, Folterung, wieder Flucht, Peyote-Rausch und Operation am eigenen Leib, 24 Stunden ohne Nahrung oder Flüssigkeit aber mit extrem viel Schmerz und Anstrengung, wenn ich danach aufwache, aufstehe, mich bewaffne und topfit und ohne Anzeichen von Aua oder Weh in die Wüste marschiere, dann weiß ich zumindest, das ich offensichtlich endlich das richtige Frühstücksmüsli gefunden habe …

Aber über solchen Dingen muss man einfach drüber stehen und Spaß haben. Genauso wie an dem Bauchadler oder der 1-2-3-vorbei-vernarbten Rückenpartie. Das Gesamtbild zählt hier einfach mehr als irgendwelche Erbsenzählereien. Dass die arrivierte Kritik mit sowas vielleicht ihre Probleme hat kann ich mir schon denken (seltsamerweise weniger als erwartet). Aber für alle, die Freude daran haben wenn schwanzorientierte Männer ordentlich ihr (Stückchen) Fett weg kriegen, sowie für alle Freunde gepflegter Metzelei, möchte ich hier eine große und unbedingte Empfehlung aussprechen!

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8/10




Ja, "Revenge" finde ich auch empfehlenswert.

Wenn man den Film auch über die metaphorische Ebene betrachtet, fallen die scheinbaren Logiglücken und Unwahrscheinlichkeiten gar nicht mehr negativ auf, sondern machen durchaus Sinn. Mit am deutlichsten ist hier wahrscheinlich der "Bauchadler", der als Phönix verstanden werden will- so zumindest meine Deutung dieser weiblichen Wiedergeburtsgeschichte.

Ich bin durchaus gespannt, was von Coralie Fargeat noch kommt.


Was war denn bei "Elle" los?
Den fand ich ja sehr stark.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.08.2019 21:07 
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Pa_Nik wrote:
Was war denn bei "Elle" los?Den fand ich ja sehr stark.

Ich weiß nicht, mich hat der gar nicht angesprochen. Ich fand Michelle eben extrem unsympathisch, aber sowas von. Jack Nicholson in DAS BESTE KOMMT ZUM SCHLUSS oder Michael Douglas in THE GAME sind auch unsympathisch, können aber den Zuschauer trotzdem auf ihre Seite ziehen. Sie funktionieren als Identifikationsfiguren. Isabelle Huppert schafft das nicht. Sie bleibt eine stinkstiefelige Zicke, die einfach nur austeilt auf Teufel komm raus. Für mich ist sie als Identifikationsfigur komplett ausgefallen.

Die Handlung des Gesamtbildes war in Ordnung, aber nichts, weswegen ich mir nun einen ganzen Film mit 125 Minuten antun müsste. Es war, meine persönliche Sicht, nicht interessant genug um zu fesseln. Und vor allem zu lang um auf die Dauer Spannung zu erzeugen. Und wo zum Beispiel CACHÉ ein permanent unbehagliches Gefühl verursacht, und dadurch trotz fehlender Oberflächenreize an den Bildschirm fesselt, da bleibt bei ELLE halt einfach nichts. Keine Gefühle, keine Spannung, kein Thrill.

Sag es mir Pa_Nik. Ich mein das im Ernst - Was habe ich verpasst?

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.08.2019 22:09 
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In meinen Augen hat es Verhoeven gar nicht beabsichtigt, einen sympathischen Charakter zu installieren, oder "Gefühle, Spannung, Thrill" zu erzeugen- zumindest nicht auf herkömmliche Weise.

"Elle" und der von Trier-Zweiteiler "Nymphomaniac" sind für mich ähnliche Filme: Beide bilden eine Charakterstudie eines (völlig) unverständlichen Menschen ab, dessen Beweggründe, Handeln, Moral usw. schlicht nicht nachvollziehbar sind für uns eher "normal" tickende Menschen. Hier wie dort bleiben uns/ mir die Figuren völlig fremd. Das mag eine Identifikation im klassischen Sinne ausschließen, war zumindest für mich aber sehr interessant anzusehen.

Das verstörende und provokante (mehr noch bei von Trier, der wirklich nichts auslässt) der Figuren/ Geschichten sehe ich als Teil der Kunst, ungewöhnliche, andere Geschichten zu erzählen, vllt. auch uns sensationslüsternen Perverslingen den Spiegel vorzuhalten. Also mir. ;)

Darüber könnte man sich aber noch mal nach "Nymphomaniac" unterhalten, falls du den noch nicht kennst.

Verhoeven bleibt hier seiner Linie treu, gewagte, unbequeme Filme zu drehen- und das hier entschlackt, ohne Spektakel drumherum für die Massen.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 27.08.2019 18:34 
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Die Sichtung von NYMPHOMANIAC ist eine ganze Zeit her, und dummerweise lag zwischen dem ersten und dem zweiten Teil eine größere Pause. Ob es daran lag, dass ich mit dem zweiten Teil nicht ganz so viel anfangen konnte? Trotzdem, Joe empfand ich nicht als unsympathisch, in keinster Weise. Charlotte Gainsbourg hat einer von Grund auf nicht-sozialen Figur genau die Persönlichkeit gegeben, die sie dem Zuschauer nahe brachte.

Ich ahne aber den Zusammenhang den Du meinst. Die Frau, die sich nicht dem gängigen Rollenbild hingibt, sondern ihr Leben lebt, egal was die anderen sagen und über sie denken mögen. Sollen sie sich doch das Maul zerreissen. Beides Frauen, die über dem Urteil der anderen stehen und das tun und sagen wozu sie Lust haben. Was heute und zu allen Zeiten als provokant und als verstörend empfunden wird. Der Unterschied wäre höchstens, dass ich Joe als schwach empfunden habe, was eine Art Beschützerinstinkt hervorgerufen hat, während Michelle stark ist, ja sogar dominant. Joe lässt sich benutzen, Michelle benutzt. Ein Unterschied in der Persönlichkeit, im Verhalten, und damit auch in der Sympathie beim Zuschauer. Behaupte ich jetzt mal ...

NYMPHOMANIAC ist unbequem und entschlackt das Gehirn? Ja, da bin ich bei Dir. Aber bei ELLE habe ich das Unbequeme vermisst. Nein, nicht vermisst. Es war zu schwach um wirklich zu kratzen. Zu viel Familiendrama. Die Nachbarn empfand ich als interessanter, und da hätte ich mir mehr gewünscht: Wie die beiden es miteinander aushalten. Wie das Familienleben aussieht. Was Patrick fühlt, denkt, phantasiert ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.08.2019 14:17 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Die Sichtung von NYMPHOMANIAC ist eine ganze Zeit her, und dummerweise lag zwischen dem ersten und dem zweiten Teil eine größere Pause. Ob es daran lag, dass ich mit dem zweiten Teil nicht ganz so viel anfangen konnte? Trotzdem, Joe empfand ich nicht als unsympathisch, in keinster Weise. Charlotte Gainsbourg hat einer von Grund auf nicht-sozialen Figur genau die Persönlichkeit gegeben, die sie dem Zuschauer nahe brachte.

Ich ahne aber den Zusammenhang den Du meinst. Die Frau, die sich nicht dem gängigen Rollenbild hingibt, sondern ihr Leben lebt, egal was die anderen sagen und über sie denken mögen. Sollen sie sich doch das Maul zerreissen. Beides Frauen, die über dem Urteil der anderen stehen und das tun und sagen wozu sie Lust haben. Was heute und zu allen Zeiten als provokant und als verstörend empfunden wird. Der Unterschied wäre höchstens, dass ich Joe als schwach empfunden habe, was eine Art Beschützerinstinkt hervorgerufen hat, während Michelle stark ist, ja sogar dominant. Joe lässt sich benutzen, Michelle benutzt. Ein Unterschied in der Persönlichkeit, im Verhalten, und damit auch in der Sympathie beim Zuschauer. Behaupte ich jetzt mal ...

Ja, ein vllt. sonst eher (in Teilen) dem Mann unterstelltes Verhalten umgemünzt auf weibliche Charakter.

Joe lässt sich aber (auch) benutzen, weil sie es will, oder hast du das anders gesehen? Als schwach habe ich sie nicht empfunden.

Sympathie habe ich für beide Figuren nicht entwickelt (ich denke auch nicht, dass ein Aufbau von Sympathie in beiden Filmen vorgesehen ist) -allerdings auch keine Abwehrhaltung-, sondern eher eine neutrale Beobachterposition eingenommen.
Diese Neutralität der Filme in Bezug zu ihren Hauptpersonen, das reine Aufzeigen, und die Überlassung einer Wertung/ Einordnung auf Seiten des Zuschauers, fand ich in beiden Fällen als sehr gelungen.

Schmutziger_Maulwurf wrote:
NYMPHOMANIAC ist unbequem und entschlackt das Gehirn? Ja, da bin ich bei Dir. Aber bei ELLE habe ich das Unbequeme vermisst. Nein, nicht vermisst. Es war zu schwach um wirklich zu kratzen. Zu viel Familiendrama. Die Nachbarn empfand ich als interessanter, und da hätte ich mir mehr gewünscht: Wie die beiden es miteinander aushalten. Wie das Familienleben aussieht. Was Patrick fühlt, denkt, phantasiert ...

Ok, kann ich für mich nicht bestätigen.
Gerade die gewalttätige Sexualität ist für mich schwer zu ertragen und wirklich nicht nachvollziehbar. Das finde ich dann schon sehr unbequem.

Die Nachbarn, ja, das könnte Stoff für einen eigenständigen Film liefern. Das muss schon eine unfassbare Belastung sein- für beide fraglos.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.08.2019 10:20 
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Pa_Nik wrote:
Joe lässt sich aber (auch) benutzen, weil sie es will, oder hast du das anders gesehen? Als schwach habe ich sie nicht empfunden.

Schwach in dem Sinne, dass sie sich ihren Wünschen und Begierden hingibt. Im Gegensatz zu Michelle, die sich, wohl bedingt durch die Kindheitstraumata, verschliesst und gegenüber der Aussenwelt abschottet. Insofern ergibt der Subplot um den Vater Sinn, ob der dann so ausgewalzt hätte sein müssen steht auf einem anderen Blatt. Aber ich gebe Dir recht, Joe lässt sich benutzen, und zeigt Stärke, in dem sie ihr Leben so lebt wie sie es will. Die von mir empfundene Schwäche kommt dann wohl eher aus der Rahmenhandlung, aus der körperlich verletzten Joe.


Pa_Nik wrote:
Gerade die gewalttätige Sexualität ist für mich schwer zu ertragen und wirklich nicht nachvollziehbar. Das finde ich dann schon sehr unbequem.

Diese Schockmomente sind heftig, aber sie sind kurz. Durch das Alltagsverhalten Michelles, dadurch, dass sie diese Erlebnisse komplett abbügelt, verschwindet auch das Unbequeme und Unangenehme. In Takashi Ishiis FREEZE ME, um ein Gegenbeispiel zu nennen, bleibt diese permanente mögliche Bedrohung durch die Aussenwelt immer bestehen, was beim Zuschauer ebenfalls zu einem andauernden Unwohlsein führt. So skurril FREEZE ME oft ist, so kratzig ist er gleichzeitig. Wie ein Wollpullover auf der nackten Haut. Und dieses Gefühl habe ich bei ELLE eben nicht empfunden, da war mir viel zu viel Weichspüler dabei. Der zwar die Schockmomente dann umso knalliger hat wirken lassen, der aber gleichzeitig auch den Rest des Films im gleichförmigen Flow hat untergehen lassen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.08.2019 14:58 
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"Freeze me" habe ich gesehen, aber das ist so viele Jahre her, dass ich hier keinen Vergleich mehr ziehen kann. Die HK-DVD müsste noch irgendwo liegen. Davon gibt es sogar eine dt. DVD sehe ich gerade, interessant. Vielleicht wenn irgendwann die anderen Stapel abge"arbeitet" sind.


Schmutziger_Maulwurf wrote:
Schwach in dem Sinne, dass sie sich ihren Wünschen und Begierden hingibt. [...] Aber ich gebe Dir recht, Joe lässt sich benutzen, und zeigt Stärke, in dem sie ihr Leben so lebt wie sie es will. Die von mir empfundene Schwäche kommt dann wohl eher aus der Rahmenhandlung, aus der körperlich verletzten Joe.


Gut, dann habe wir dahingehend keine unterschiedliche Wahrnehmung gehabt.
Joe will es genau so, das ist der schwer zu begreifende Punkt- diese völlige Radikalität-, mit dem man sich als Zuschauer abfinden muss und dahingehend Akzeptanz entwickeln.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.08.2019 17:43 
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Westfront 1918 – Vier von der Infantrie (G.W. Pabst, 1930) 7/10
Vier deutsche Soldaten an der Front: Der Student hat sich gerade in die junge Yvette verliebt, und sie sich ihn in. Seinen Auftrag als Melder nutzt er dazu, ein paar Tage “Urlaub“ in der Etappe und am Busen der süßen Französin zu machen. Den Bayern wirft so schnell nichts um. Ein kerniger Süddeutscher, der alles mit dem nötigen Humor nimmt, und für den Kameradschaft das höchste Gut ist. Und wenn einer fragt ob er mitkommt auf ein Selbstmordkommando, dann ist er selbstverständlich dabei. Karl bekommt Urlaub, doch als er nach Hause kommt überrascht er seine Frau mit einem anderen Mann. Dass sie das nur tut, damit endlich mal was zu essen im Haus ist, dem Gedanken verweigert er sich. Wie ein Stein ist er, und erst als er wieder in den Schützengraben abrücken darf wird er wieder ein wenig so wie früher. Der Leutnant ist Offizier, und als Offizier hat die Aufgabe seinen Leuten, die er immer "Kinder" nennt, Befehle zu geben. Der letzte Befehl allerdings ist einer zu viel: Der Leutnant wird beim Anblick seines gefallenen Regiments den Verstand verlieren …

WESTFRONT 1918 macht es dem (heutigen) Zuschauer nicht leicht. Natürlich ist der Film in erster Linie ein Anti-Kriegsfilm, dazu muss man sich nur den Schluss anschauen:
Karl sieht beim Sterben als letztes das Gesicht seiner Frau die zu ihm sagt, dass sie nicht schuld sei. Er antwortet ihr “Wir sind alle schuld“ und stirbt. Der neben ihm liegende Franzose nimmt Karls Hand und deliriert vor sich hin: “Feinde – Nein – Kameraden“. Die “Ende“-Einblendung ist dann mit einem Frage- und einem Ausrufezeichen versehen.


Wenn da nicht die erste halbe Stunde wäre, wo Krieg noch oft als Abenteuer für Erwachsene gezeigt dargestellt wird, und wo im Fronttheater und beim Kartenspiel in der Unterkunft unverblümte Landserromantik gepflegt wird. Dem gegenüber stehen dann Szenen die fast monoton zu nennen sind: Angreifende Soldaten ziehen gefühlt minutenlang in der Totalen durchs Bild. Viele sterben, aber das Von-rechts-nach-links-gehen ist unaufhörlich. Es kann nicht aufgehalten oder beschleunigt werden, es ist einfach. Bereits Ernst Jünger zeigt uns, dass der Vormarsch des einen Tages der Rückzug des nächsten Tages ist, und eine Sinnhaftigkeit nicht zu suchen ist. Parallel dazu sehen wir Soldaten beim Sterben zu. Hier ist die Halbtotale das Mittel der Wahl: Der Kameramann hält auf den Schützengraben, und wir sehen Soldaten, wie sie Kämpfen und Sterben. Wenig Schnitte, wenig Dramatik. Sterben wie am Fließband. Mensch – Maschine – Material. Dazu "passend" die Begründung des Verbots im Jahr 1933, dass der Film "eine ganz einseitige und deshalb unwahre Darstellung vom Krieg" zeige. (1)

Etwas ambivalent auch das Bild von Karl in der Heimat, zumindest für heutige Sehgewohnheiten. Dass Karl zuhause nicht mehr zurecht kommt merkt man schnell, allerdings wird die Ursache lange Zeit im vermeintlichen Nebenbuhler gesehen. Erst beim Abschied sagt seine Frau, dass er die ganze Zeit wie ein Stein zu ihr war, während er gleichzeitig völlig unbekümmert vom Schützengraben und der Kameradschaft schwärmt. Erst in diesem späten Augenblick zeigt sich, dass Karl für ein "normales" Leben versaut ist. Würde er den Krieg überleben, wahrscheinlich würde er zum Stahlhelm gehen und in Schlesien und im Baltikum kämpfen. Für den Kameraden einzustehen und Gefahr und Tod zu teilen, das ist für ihn ein Ideal. Längst ist der Traum von der häuslichen Zweisamkeit ausgeträumt und unter dem Sperrfeuer der Artillerie unwiederbringlich begraben worden.

Wie gesagt, für heutige Sehgewohnheiten nicht ganz einfach. Die klare und niederschmetternde Anti-Kriegs-Aussage von IM WESTEN NICHTS NEUES, der ein halbes Jahr nach WESTFRONT Premiere hatte, fehlt hier zumindest zu Beginn. Stattdessen versuchte Pabst das damalige Publikum wahrscheinlich bei seiner Vorliebe für Kriegsfilme zu packen, und dann die Abenteuer-Aussage des Anfangs ins Gegenteil zu verkehren. Unter diesem Aspekt allerdings macht die erste halbe Stunde Sinn. Vor allem im Vergleich, wenn man aus heutiger Sicht die erste halbe Stunde von IM WESTEN NICHTS NEUES Revue passieren lässt, wo die Kriegsbegeisterung ganze Schulklassen erfasst und alle fröhlich jauchzend ins Feld ziehen: "Auf Wiedersehen in Paris" hieß es, und auch in WESTFRONT wird darauf Bezug genommen, dass man sich doch eigentlich in Paris treffen wollte …

Anders als so viele Filme werden hier aber auch die Zustände an der "Heimatfront" geschildert, was recht niederschmetternd wirkt. Was wird mit Karls Familie wohl geschehen? Während die Mutter stundenlang beim Metzger ansteht um dann letzten Endes vor dem Schild "Ausverkauft" zu stehen, prostituiert sich die Ehefrau für ein Stück Fleisch. Überleben ist alles, über die Würde kann man dann später wieder nachdenken. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral …
Was auch für die Französin Yvette gilt, die sich mit den deutschen Soldaten eingelassen hat. Wahrscheinlich notgedrungen, da die Unterkunft einfach requiriert wurde, und Yvette und ihr Vater froh sein konnten im Haus wohnen bleiben zu dürfen. Aber ob ihr die Liebschaft mit dem Studenten gut bekommen wird? Sich mit einem Besatzer einzulassen hat oft drakonische Strafen nach sich gezogen, gerade auch in Frankreich. Die letzten Szenen mit Yvette deuten darauf hin, dass ihr sehr klar ist, was mit ihr nach der Zerstörung ihres Hauses passieren wird. Im deutschen Militärtross, auf dem Rückzug …

Der Bayer und der Offizier haben etwas weniger Präsenz. Ersterer nervt etwas wegen seiner stereotypen Darstellung als bierdimpfeliger Bajuware. Aber immerhin begegnen wir ihm viele Jahre später in Dalton Trumbos JOHNNY ZIEHT IN DEN KRIEG wieder, wo er einen jämmerlichen Tod am Stacheldraht sterben wird. Bis dahin stellt er den Archetypen eines guten Soldaten dar: Gehorsam und Kameradschaft, das sind die Eigenschaften die ihm wichtig sind und die ihn auch auszeichnen. Das gilt für Waterloo genauso wie für Verdun oder für Idlib. Unsere Ehre heißt Treue …
Und der Offizier? Der seine Soldaten immer mit "Kinder" anredet, und ihnen offensichtlich nichts wirklich Schlimmes will? Auch wenn Befehl gleich Befehl ist, so unterscheidet sich dieser Offizier himmelweit von den bösartigen Schurken aus Stanley Kubricks WEGE ZUM RUHM. Was ich interessant finde, denn hier wurde originär ein Publikum angesprochen, dass den Krieg miterlebt hat, und die geschilderte Geschichte aus eigener Erfahrung gut gekannt hat. Wenn hier also die Offiziere nicht per se verteufelt werden, lässt das spannende Rückschlüsse auf die Erfahrungen der Drehbuchautoren Ladislaus Vajda und Peter Martin Lampel zu. Pabst selber war von 1914 bis 1918 in einem Lager in Brest interniert, hat also am Krieg als Soldat gar nicht teilgenommen. Aber wenn Vajda und Lampel über das Verhalten der Offiziere fantasiert hätten anstatt die Realität abzubilden, dann wären die überlieferten Besprechungen zu WESTFRONT anders ausgefallen. Als Beispiel mag Siegfried Kracauer herhalten, der im Krieg gekämpft hat und die Zustände an der Front gekannt haben muss, und dessen Filmkritik in der Aussage gipfelt: "Es ist, als seien mittelalterliche Marterbilder lebendig geworden". (1) Was darauf deutet, dass die Darstellung der Offiziere in Kubricks aus dramaturgischen Gründen richtig war, die historische Darstellung aber in WESTFRONT die korrektere zu sein scheint. Wobei ich der Fairness halber hinzufügen muss, dass Francesco Rosis BATAILLON DER VERLORENEN, der aus sicherer zeitlicher Distanz eine weitere Facette hinzufügen wird, noch ungesehen hier liegt.

Wie gesagt, alles etwas zwiespältig. Aber auf keinen Fall schlecht! Es braucht einfach ein wenig Zeit um den Film zu verdauen, um ihn auf heutige Sehgewohnheiten umzumünzen. Dann aber, wenn man sich darauf eingelassen hat, dann ist er wirklich gut. Und bitter. Sehr sehr bitter …

(1) Quelle: *** The link is only visible for members, go to login. ***

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 01.09.2019 11:03 
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Mord in Barcelona (Jacques Deray, 1978) 6/10
Nach 2 Monaten auf See kommt Roland Feriaud in Barcelona an. Ab ins Hotel, ein Stadtbummel, und morgen trifft die Ehefrau mit dem Zug ein und es wird eine Woche gemeinsam Urlaub in Barcelona gemacht. So der Plan. Doch im Hotel öffnet Feriaud die falsche Tür. Er sieht einen Toten, bekommt einen Schlag auf den Kopf, und wacht in einem sogenannten Erholungsinstitut auf. Der Arzt erklärt ihm ganz klar, dass diese Hirngespinste mit dem Toten bald wieder verschwinden werden. Allerdings wird Feriaud nach seiner Entlassung aus dem Institut bald kontaktiert und lernt schmerzhaft, dass es sich mitnichten um ein Hirngespinst handelt: Wenn er den Koffer des Toten besorgt, sieht er seine Frau lebendig wieder …

Im Prinzip eine klassische Hitchcock-Handlung: Ein Mann in einer (fremden) Stadt, verstrickt in eine Verschwörung die er nicht einschätzen kann. Die ihn wie auf einem Schachbrett hin und her bewegt und mittels Angst oder Belohnungsanreiz blindlings durch die Gegend manövriert. Verständnislosigkeit und Panik wechseln sich ab, und schon bald wird klar, dass der einzige Ausweg aus dem Labyrinth der Tod ist.
Diese Handlung kennt und schätzt man als Thrillerfreund, und insofern kann man hier wenig falsch machen. Die frühsommerliche Stadt ist atmosphärisch eingefangen und untermalt Feriauds Irrgarten perfekt, die Bösen sind klar zu erkennen und dabei doch undurchdringlich. Und weder der Zuschauer noch Feriaud wissen um die Zuverlässigkeit oder die Funktion der einzelnen Figuren auf dem Schachbrett. Nichts ist sicher zu fassen, jeder Fingerzeig löst sich auf wie Rauch und führt doch gleichzeitig zu weiteren wagen Vernutungen und Rauchwolken. Geschickt baut Jacques Deray ein Dickicht aus Fallen und falschen Hinweisen auf, in dem eine freie Bewegung überhaupt nicht mehr möglich ist. Und in dem der Hauptdarsteller mit der menscheneigenen Neugier ("Ich möchte wissen in was ich hier geraten bin.") zielstrebig dem eigenen Untergang entgegen eilt. Assoziationen zu Filmen wie AUGENZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG oder KILLER STELLEN SICH NICHT VOR werden wach, und die damit verbundene Ungewissheit, das Schweben zwischen den Halb- und Unwahrheiten, stellt sich sofort wieder ein.
Einzig der Schluss ist etwas sehr spröde geraten. Hier hat das Drehbuch leider versucht die geheimnisvolle Atmosphäre zu bewahren, weswegen zumindest ich mir etwas allein gelassen vorkam. Aber das schmälert den guten Gesamteindruck nur minimal, insgesamt ist MORD IN BARCELONA ein klassischer Normalo-ist-zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Thriller à la FRANTIC oder DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE. Hitchcock eben …

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PostPosted: 02.09.2019 06:56 
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Fräulein Smillas Gespür für Schnee (Bille August, 1997) 7/10
Im winterlichen Kopenhagen stürzt ein kleiner Eskimojunge vom Dach eines Wohnhauses. Die Polizei erkennt auf Selbstmord, aber der Nachbarin Smilla Jaspersen ist von vornherein klar, dass dies Mord gewesen sein muss. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn, einem Mechaniker, versucht sie das Rätsel zu lösen. Dabei rüttelt sie an den Pfeilern des Geldes und der Macht, und begreift erst viel zu spät, dass ihr kleines bisschen Leben in allerhöchster Gefahr ist. Und dass sie niemandem, aber wirklich absolut niemandem trauen darf. Denn immer kennt jeder jemanden der jemanden kennt, und plötzlich wissen Leute, die genau wissen wie ein Unfall oder ein Selbstmord auszusehen hat, wo man sich gerade befindet …

Ein Crossover aus Krimi und Thriller, der fast völlig ohne Knalleffekte auskommt (und die wenigen, die er hat, sehr zielsicher einsetzt), der sich auf Dialoge und eine ungesunde und beunruhigende, eisige Stimmung verlässt, und mit dieser Mischung eine permanente Spannung auf hohem Niveau verursacht. Auch wenn einige Schauspieler gerne länger durchs Bild hätten rauschen können (Mario Adorf, Jürgen Vogel), so ist hier zwar das ein oder andere auszusetzen, aber nichts davon hat wirklich Bedeutung. Tolle Bilder, klasse Atmosphäre und erstklassige Schauspieler lassen die Logikprobleme, den computerspielartigen Ablauf, bei dem der Held (bzw. die Heldin) von Station zu Station jagt um Hinweise einzusammeln, und den eigenartigen Showdown schnell vergessen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.09.2019 21:16 
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Sauerkrautkoma (Ed Herzog, 2018) 6/10
Der Eberhofer Franz wird versetzt. Nach München. Eingefädelt hat dies der Bürgermeister, der froh ist wenn der Franz endlich keine Unruhe mehr stiften kann. Stattdessen wird der Sohn vom Simmerl Sicherheitsbeauftragter in Niederkaltenkirchen. Und die Susi macht mit einem alten Schulfreund rum, der aus als erfolgreicher Unternehmer aus Amerika zu Besuch zum Schulfest gekommen ist. Der Franz zieht also zum Rudi, in dessen supergemütliche 2 ½-Zimmerwohnung am Äußeren Ring, und während des Umzugs wird der Opel Admiral vom Papa gestohlen. Der Wagen taucht nach 2 Tagen wieder auf – mit einer Leiche im Kofferraum. Schnell wird herausgefunden, dass es sich um das Au Pair-Mädchen vom Bürgermeister handelt. Von Niederkaltenkirchen, nicht von München. Womit der Franz wieder daheim ermitteln darf. Beziehungsweise es einfach tut, auch wenn seine Vorgesetzte, die Frau Dingens, das eigentlich untersagt hat …

Vielleicht ist das Ganze dieses Mal einfach zu abgedreht, oder, auch wenn das jetzt paradox klingt, vielleicht gehen dem Team langsam ein wenig die Ideen aus. Denn irgendwie habe ich den Eindruck, dass dies der bislang schwächste Eberhofer/Birkenberger-Film ist. Einige Dialoge sind absolut kultverdächtig, und es ist schön, dass der Rudi dieses Mal ein wenig mehr Screentime hat. Aber dafür muss die Familie in den Hintergrund treten, die Freunde albern mehr rum als dass sie wirklich Freunde sind, der Kreisverkehr hat seinen ersten denkwürdigen Unfall … Doch wenn am Ende der Franz in Lederjacke und mit Seesack, wenn der an einer Bushaltestelle im niederbayerischen Nirgendwo auf die Susi trifft, die im Designerhochzeitskleid und mit verweinten Augen auf den Bus wartet (während die gesamte Familie in der Kirche auf das ach so glückliche Ehepaar Franz und Susi wartet), dann weht ein Hauch von Herbert Achternbusch durch den Bildschirm, und die bayerisch-anarchische Seele kann sich nach Jahren der filmischen Unterdrückung endlich einmal wieder frei entfalten.

Trotzdem, der ganz große Wurf ist das nicht. Im Gegensatz zu den Vorgängern wenig Krimi und viel Liebe, das ist nicht die Mischung die die Serie bislang ausgezeichnet hat. Das Gleichgewicht hat hier nicht so ganz gepasst. Warten wir also mal den LEBERKÄSJUNKIE ab …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Die Regeln der Gewalt (Scott Frank, 2007) 6/10
Chris wacht auf. Er duscht sich. Mit Seife. Er frühstückt. Er liest keine Zeitung. Chris geht in die Schule um Verhalten und Gedächtnis zu erlernen. Und abends arbeitet er als Hausmeister in einer Bank. Chris ist ein ganz normaler junger Mann, der nach einem schweren Unfall vor 4 Jahren Probleme hat. Er kann sich vieles nicht merken, und die ganz alltäglichen Dinge muss er in sein kleines Notizbuch schreiben. Das Öffnen einer Büchse Tomaten stellt ihn vor schier unüberwindbare Hindernisse. Was ihn natürlich hemmt und in eine Rolle drängt, die er als früherer Eishockey-Star auf dem College nie kannte. Alles ändert sich, als er Gary trifft. Gary ist cool. Gary hat Erfolg bei Frauen. Gary akzeptiert Chris wie er ist. Und Garys Freundin Luvlee steht total auf Chris. Gary will mit seinen Freunden die Bank überfallen, in der Chris arbeitet. Und Gary weiß verdammt genau, wie er Chris anpacken muss, damit der mitzieht. Luvlee ist da ein wesentlicher Teil des Plans …

Mir gefällt, wie Scott Frank sich die Zeit nimmt um die Charaktere einzuführen, die Geschichte von Grund auf aufzubauen, und einfach Wert legt auf klassisch-altmodisches Storytelling. Mir gefällt, wie die Schauspieler, vor allem der überragende Joseph Gordon-Levitt, mit ihren Rollen verwachsen und das Leben am Rand der Gesellschaft so natürlich darstellen, als würde es kein anderes geben. Mir gefällt, wie in der kalten und frostigen Atmosphäre einer winterlichen Kleinstadt ein tödliches Uhrwerk mit großer Präzision abläuft: Der Plan von Gary ist definitiv nicht schlecht, “nur“ den menschlichen Faktor lässt er dummerweise außen vor. Mir gefällt, wie Chris die Waffen von Gary gegen ihn selbst einsetzt und den Spieß umdreht. Und mir gefällt das eisige Showdown im besten Westernstil, das gern ein klein wenig ausgewalzter hätte sein können.
Normalerweise mag ich Filme mit Loosern in der Hauptrolle nicht. Aber Joseph Gordon-Levitt gibt der Rolle so dermaßen viel Leben, dass hier einfach alles anders ist als in so vielen anderen der kleinen US-Filme der letzten 20 Jahre. Ein ruhiges und sich geschickt steigerndes Krimi-Drama, das mit einer unglaublichen Logik zielsicher auf einen bleihaltigen Schluss hinsteuert. Leider muss ich aber Punkte abziehen für das seicht-biedere Ende (warum sind diese Filme eigentlich immer 3 Minuten zu lang geraten?) und für die Vorhersehbarkeit der meisten Szenen. Aber dank der Schauspieler und der schön erzählten Geschichte allemal sehenswert.

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Assassin’s Creed (Justin Kurzel, 2016) 3/10
Der zum Tode verurteilte Mörder Callum Lynch wird von einer geheimen Bruderschaft vom elektrischen Stuhl weg gerettet: Er soll ihnen helfen, den Apfel Edens wiederzufinden, der im Jahr 1492 verschwunden ist, und mit dem man ganz tolle Dinge machen kann. Callum findet sich also plötzlich sich als Angehöriger einer 500 Jahre alten Gruppe, den Assassinen, wieder, und soll mittels virtueller Zeitreise den Aufenthaltsort dieses Apfels ausfindig machen, um ihn gegen die feindliche Sekte der Templer verteidigen.

Seelenlos ist das Wort, das mir dazu einfällt. Die Handlung ist hilflos gegen die übermächtigen CGI-Effekte, die Schauspieler ebenfalls (bis auf Fassbender, der aber auch mitproduziert hat), und die CGI-Effekte selber sind teilweise eher doof und teilweise sehr gut und aufregend, aber sie beherrschen halt jeden Winkel des Films. Die Kämpfe sind blutarm in jeder Hinsicht, sowohl in Bezug auf verströmten Lebenssaft wie auch auf die Choreographie. Die Charaktere sind ziemlich wurscht, und wenn dann irgendwann die Partnerin des ollen Spaniers stirbt ist das sowohl der Hauptfigur wie auch dem Zuschauer recht egal, denn irgendeine emotionale Beziehung konnte keiner der Beteiligten bis dahin aufbauen. Blutarm eben. Seelenlos. Einzig die Bilder sind wirklich schön anzuschauen, und vor allem so einige Effekte rund um den Einsatz von (CGI-) Licht dürften auf der großen Leinwand wahre Magie verströmen. Aber da das Außenrum rund um die Bilder vollkommen nichtssagend und unerheblich ist, reißt die Optik es auch nicht mehr raus. Fazit: Kann man sich schenken …

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Bad Lieutenant (Abel Ferrara, 1992) 8/10
Eine Studie des Zerfalls, eine Orgie des Zerstörung. Der namenlose Lieutenant der New Yorker Polizei spiegelt seine Umgebung wieder. Er ist ein Teil dieser Umgebung, er reflektiert sie und sie ihn. Er nimmt Drogen, missbraucht Verdächtige, säuft wie ein Loch, und sein Arbeitsalltag besteht darin, Sportwetten mit geradezu selbstmörderisch-irrwitzigen Beträgen zu setzen. Seine Welt besteht aus Rattenlöchern und Gewalt, aus Drogenabhängigen (die ihm geraubten Stoff aus der Asservatenkammer abkaufen) und süßen jungen Mädchen, deren Auto er anhält, damit er sich vor ihren Augen einen runterholen kann. Zuhause ist er ein Fremder, und sein einziger Lebensinhalt scheint zu sein, sich selber so schnell und so intensiv wie möglich zu zerstören.
Als eine Nonne brutal vergewaltigt wird, und diese ihren Peinigern vergibt, passiert etwas in ihm. Anstatt auf dem alttestamentarischen Prinzip der Rache zu bestehen, der Lieutenant ist genauso wie der Regisseur Katholik, gibt es Liebe und Vergebung. Etwas, womit er nicht klarkommt. Was er nicht kennt. Liebe ist für ihn schließlich immer nur gleichbedeutend gewesen mit Ficken. Die Schuld, die er im Lauf seines Lebens auf sich geladen hat, und die dazugehörige Sühne, zeigen ihm einen Weg heraus aus dem Bauch der Hure, in dem er sich suhlt.

Eine Studie des Zerfalls. Eine Osmose des Untergangs. Mensch und Stadt verwesen im Gleichklang und zerstören dabei alles was sie berührt. Eine unglaubliche filmische Erfahrung der Stadt New York und eine Reise in tiefe menschliche Abgründe. Nicht nur wegen des Hauptdarstellers, sondern vor allem durch ihn, eine tiefe Erfahrung für den zuschauenden Mitreisenden vor dem Bildschirm. Spätestens wenn Harvey Keitel, nackt wie Gott ihn schuf, vor der Kamera steht, seine Arme als Kreuz ausbreitet und im Drogenrausch seinen Schmerz herausschreit, spätestens dann weiß man, was für eine intensive Erfahrung Film sein kann. Vor der Kamera, hinter der Kamera, und vor der Leinwand. Zutiefst bewegend und berührend.

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Recht und Leidenschaft
La moglie più bella
Italien 1970
Regie: Damiano Damiani
Ornella Muti, Alessio Orano, Tano Cimarosa, Pierluigi Aprà, Joe Sentieri, Enzo Andronico, Amerigo Tot, Fortunato Arena, Sandro Arlotta, Salvatore Baccaro, Gaetano Di Leo, Giuseppe Lauricella




Das Leben ist gut zu Vito Iuvara, jetzt wo Don Antonino und alle seine Leute im Gefängnis sitzen. Denn Don! Vito Iuvara ist von Don Antonino höchstpersönlich ausgesucht worden, sein Nachfolger zu werden. Alle Menschen grüßen ihn, alle Menschen senken den Kopf wenn sie mit ihm sprechen, und alle respektieren ihn. Er kann jede Frau haben, absolut jede, und er sucht sich Francesca Cimarosa aus. Ausgerechnet Francesca, die 15-jährige Tochter eines armen Bauern. Sie muss arm sein, weil sie ihn dann aus Dankbarkeit immer ehren wird. So sagt man, aber Francesca hat ihren eigenen Kopf. Sie möchte aus Liebe geheiratet werden, nicht weil jemand eine Entscheidung gefällt hat, und wenn sie nicht respektiert wird, dann kann sie den anderen auch nicht respektieren. Don Vito hat jetzt ein Problem, denn mit ihrem Stursinn macht Francesca aus ihm einen Idioten. Also entführt und vergewaltigt er sie, und anschließend ist die große Verlobungsfeier, denn nun sollte die Widerspenstige ja eigentlich gezähmt sein. Aber Pustekuchen, selbst jetzt brüskiert Francesca ihn - und geht am nächsten Tag zu den Carabinieri, Don Vito anzeigen …

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Damiano Damiani ist bekanntlich einer der Großmeister des Polit- und Mafiathrillers: Franco Nero zieht gegen das Verbrechen los und scheitert mal mehr oder weniger grandios. So ungefähr jedenfalls. RECHT UND LEIDENSCHAFT lässt sich mit diesen Filmen nicht vergleichen, der ist anders. Ganz anders. Ähnlich wie in DER TAG DER EULE zeigt Damiani hier auf, wie grundlegend die Mafia in der sizilianischen Gesellschaft verwurzelt ist, und wie die Strukturen der Gesellschaft ein selbstbestimmtes und freies Leben komplett unmöglich machen.

Francesca ist die Tochter armer Bauern, und weil das Auge des reichen und mächtigen Don Vito auf sie fällt, geht ihr ruhiges und friedlich-arbeitsreiches Leben gewaltig in die Binsen. Arbeiten, heiraten, Kinder kriegen, kochen, sterben, so war der Plan gedacht. Aber dank Don Vito darf sie fortan überhaupt nicht mehr das tun was sie möchte. Stattdessen wird sie entführt, vergewaltigt (und es ist bekannt, dass (nicht nur) in Italien auch heute noch mitunter die Opfer einer Vergewaltigung bestraft werden, im Gegensatz zu den Tätern), und muss sich dem arroganten Eroberer unterwerfen. Na ja, zumindest müsste sie das. Genauso wie sie eigentlich Angst haben müsste, um sich und um ihre Familie. Aber stattdessen wachsen ihr Stolz und ihre Sturheit mit jeder Tat Don Vitos, und mit allem was Vito macht, und je mehr Vito versucht ihren Stolz zu brechen, um so eigensinniger wird Francesca. Eigensinniger und selbstbewusster. Sie bricht mit ihrer Familie und einem Leben in Ehre, nur um nicht nachgeben zu müssen: "Jetzt bin ich ja keine Jungfrau mehr, da kann ich auch als Hure arbeiten" schreit sie ihrem schockierten Vater entgegen und geht. Verlässt die Familie …

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Die Familie. Die kleinen Momente sind es, die hier die Aussagen treffen, und die das Bindeglied zwischen Mafia und nächster Verwandtschaft, zwischen der Gesellschaft im Großen, und der Familie im Kleinen bilden. La Famigila, gleich in welchem Sinne:
Die Frau, die in den Ruinen des Örtchens Gibellina lebt, und die früher selber an einen Mafioso verheiratet wurde. Sie sagt dazu, dass sie glücklich war wenn er das Haus morgens verließ, und unglücklich wenn er abends wiederkam. Bis alle Gefühle irgendwann verschwanden …
Der Priester, der keine Schafe hütet sondern Schweine, und sich selber wie ein Schwein benimmt: "Die Frau hat zu leiden, nur der Mann darf dabei Freude verspüren!" Na, der kennt sich wohl bestens aus …
Francesca, die auf den sterbenden Colosimo zugeht, wenn alle anderen flüchten. Und damit zeigt, dass sie sehr wohl noch Gefühle hat. Weswegen sie in der wohl ergreifendsten Szene den Stall ihres Vaters anzündet und die Lebensgrundlage ihrer Familie vernichtet. So, wie die Grundlage ihres Lebens vernichtet wurde. Und wie sie im Gegenzug die sichere Karriere ihres Verehrers und Peinigers vernichtet. Ihn aus seiner Familie herausdrängt.
Aber auch der Moment, wenn die Familie Cimarosa das Polizeirevier verlässt und vor der Gemeinschaft der Stadtbewohner steht: Die Cimarosas haben es gewagt, das Schweigen zu brechen. Sie haben sich getraut einen der ihren zu verraten. Aus der Gemeinschaft werden sie in diesem Augenblick ausgestoßen, die Dorffamilie ist nicht mehr die ihre, der Heimweg ist ein bitterer Spießrutenlauf, und es wird nicht der letzte sein. aber die Familie Cimarosa ist in diesem Augenblick tatsächlich wieder vereint.

Doch kann Francesca bei der Polizei nicht viel ausrichten, da haben alle denkbaren Zeugen Angst und schweigen. Die Gemeinschaft, die Familie des Städtchens, die hält zusammen. Aber Francesca zieht die Anzeige gegen Vito nicht zurück, egal wie der sich verhält. Sie ist nicht die erste Sizilianerin, die stark und stolz gezeigt wird. Claudia Cardinale in DER EISERNE PRÄFEKT fällt mir ein, die auch ihren eigenen Kopf hat, und sich nichts sagen lässt.

Aber DER EISERNE PRÄFEKT lässt sich mit RECHT UND LEIDENSCHAFT (was für ein sperriger Titel) ebenfalls nicht vergleichen, wird dort doch der Kampf eines Einzelnen gegen die Mafia gezeigt. RECHT UND LEIDENSCHAFT hat eine andere Prämisse, nämlich den Kampf einer Einzelnen gegen eine Heirat die sie nicht will. Gegen eine Gesellschaft die sie ablehnt. Wir reden hier also nicht von einem klassischen Mafiafilm, sondern grundsätzlich von einem Sozialdrama mit kriminellem Hintergrund: Das kleine Mädchen, das sich freut wenn ihr Cousin aus Palermo zu Besuch kommt, weil es dann Eiscreme gibt, gegen den aufstrebenden Mafioso, der für Bett und Küche eine Dienstmagd benötigt, und dem rivalisierenden Cousin klar erklärt, dass er sein Leben riskiert wenn er noch einmal in den Ort kommt. Die junge Frau, die ihren ganz eigenen Kopf hat und gegen alle Widerstände durchsetzt, versus den arroganten Jungmafioso, der vor lauter Stolz seine sichere Karriere als Capo einer Familie versiebt.

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Gedreht wurde unter anderem in den Ruinen des Städtchens Gibellina, das im Januar 1968 von einem Erdbeben zerstört wurde. Die Bewohner haben noch 10 Jahre in provisorischen Unterkünften gelebt. Francescas Eltern gehören dazu. Arme Menschen, die alles verloren haben, die keine wirkliche Zukunft mehr haben, und die dankbar jeden Strohhalm ergreifen, um im Leben noch einmal etwas zu erreichen. Und sei es durch die Zwangsheirat der Tochter mit einem Mafioso.

Ein bitterer Film. Ein spannender Film. Vor allem aber auch ein traurig machender Film. Und ein sehenswerter Film!

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Gesehen wurde übrigens die NoShame-DVD, und mit der bin ich absolut zufrieden. Und den Text gibt es im Übrigen auch bei Italo-Cinema :mrgreen:

8/10

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Zeder – Denn Tote kehren wieder (Pupi Avati, 1983) 7/10
Der Nicht-wirklich-Schriftsteller Stefano entdeckt auf dem Farbband einer geschenkten Schreibmaschine den Text von zwei Briefen. Diese Texte elektrisieren ihn, geht es doch darum, dass jemand namens Paolo Zeder Gebiete gefunden haben will, sogenannte K-Gebiete, in denen die Zeit nicht existiert, und in denen Tote, die dort begraben werden, wieder zum Leben erweckt werden. Stefano findet heraus, dass es diese Gebiete tatsächlich gibt, und dass manche Menschen sich dort begraben lassen. Allerdings findet er nicht heraus, dass es Menschen gibt, die dieses Geheimnis nicht öffentlich werden lassen möchten. Das heißt, irgendwann findet er diese Tatsache sehr wohl heraus, aber da scheint es schon zu spät zu sein …

Diese unheilvolle und sinistre Atmosphäre, die sich wie ein Krebsgeschwür über das Leben Stefanos ausbreitet und alles Normale und Heitere erstickt. Dieses morbide Grundgefühl, das vor allem in der zweiten Hälfte so beherrschend ist. Dieses markerschütternde Lachen des wiedererweckten Toten. Dieses grauenhafte Gefühl beim Zuschauer, wenn sich die Schlinge um Stefano immer enger zusammenzieht, und einem klar wird dass niemandem getraut werden kann – Nur Stefano weiß das noch nicht. Und vor allem natürlich dieses Bauwerk. Diese unglaubliche Ferienkolonie, die ja bekanntlich tatsächlich so existiert, und die dank der unbeschreiblichen Bilder von Franco Delli Colli gleich nochmal so beeindruckend rüberkommt.
Auch wenn DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER im Wesentlichen die gleiche kranke Atmosphäre aufbaut, nur um ein Vielfaches stärker (Sprich: Bedrückender), so ist ZEDER immer noch ein verdammt guter (Sprich: Eindrücklicher) Horrorfilm, der durch sein ruhiges Tempo und die düster-böse Stimmung lange nachwirkt. Definitiv ein Film für die dunklen Stunden des Tages …

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Pistoleros (Giovanni Grimaldi, 1965) 7/10
Steve und Duke (DER Duke?) sind Kopfgeldjäger, und reiten gemeinsam gegen die Bösewichter dieser Welt. Doch Steve träumt vom Aufhören: Er möchte eine Farm kaufen und mit Dukes Tochter Susan eine Familie gründen. Was Duke bereits mehrfach zur Androhung eines sauberen Loches zwischen Steves Augen animiert hat. Nach dem Ausradieren einer mexikanischen Bande, bei dem Duke schwer verletzt wurde, sieht Steve seine Chance gekommen: Mit der Belohnung im Gepäck reitet er zu Susan, und gemeinsam geht es weiter gen Providence, einem unsympathischen und verlorenen Wüstennest, wo es vermeintlich Farmland ohne Ende gibt. Allerdings gehört dieses Farmland meistens den Geschäftsleuten Jackson und Burns, und die kaufen entweder selber extrem günstig auf, oder pusten den möglichen Interessenten gleich ganz weg. Aber kratzt das einen Ex-Kopfgeldjäger? Nun ja, wenn er seine Waffe vergraben hat, dann vielleicht schon. Und dann ist da ja auch noch Duke, der Steves Spur inzwischen aufgenommen hat. So von wegen sauberes Loch zwischen die Augen und so …

Ein wenig altmodischer Euro-Western, der langsam erzählt wird, und seine gelegentlichen Anflüge von Tempo immer wieder mit schönen Landschaftsaufnahmen ausbremst. Macht aber nichts, weil der Film einfach Charme hat. Die Figuren sind sympathisch und glaubwürdig (auch wenn sie so hölzern wie Stephen Forsythe oder so blass wie Anna Maria Polani sind), die Musik ist stimmig (auch wenn das eine vorhandene Thema irgendwann ein wenig überstrapaziert wird), die Gegend ist schön anzuschauen (kein aber), und trotz der Einwände passt hier einfach alles ganz gut zusammen. Vor allem Franco Lantieri als holzhändiger Burns hat mir extrem gut gefallen: Ein Schurke wie aus dem Lehrbuch, mit wölfischem Lachen und einem aufbrausenden Benehmen zum schaudernd–davonrennen-und-eine-Kugel-in.den-Rücken-bekommen. Sehr eindrucksvoll der Mann!
Insgesamt kein großartiger Mega-Western, aber angenehm zu schauen und nicht unspannend.

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Black Venus (Claude Mulot, 1983) 6/10
Die junge und schöne Venus kommt von der Insel Martinique in das Paris Honoré des Balzacs (von dem auch die literarische Vorlage stammt). Der Lebemann Jacques stellt sie dem erfolglosen Künstler Armand vor, der sich sogleich in Venus verliebt und eine Statue nach ihr modellieren möchte. Die beiden sind eigentlich recht glücklich, aber Armand ist hemmungslos eifersüchtig und bekämpft dies mit Alkohol. Was eine ziemliche Scheiß Mischung ist! Als sie es gar nicht mehr aushält verlässt Venus Armand, landet zuerst bei der Frauensammlerin Marie, und schließlich in einem Bordell. Jacques entdeckt sie dort und löst sie, gemeinsam mit ihrer Freundin Louise, aus. Man fährt zusammen nach Spanien und hat zu Dritt jede Menge Spaß. Allerdings hat Jacques die Statue in seinen Besitz genommen. Und Armand hängt ganz außerordentlich an der Statue, ist sie doch das einzige gewesen was er von Venus noch hatte. Was bedeutet, dass er nicht allzu amüsiert darüber ist, dass er jetzt weder die Statue noch Venus hat. Zwei Männer, eine Frau, eine Statue – Ein Drama beginnt …

Josephine Jacqueline Jones hat eine wunderbare und natürliche Ausstrahlung – Schade, dass ihre Filmographie so übersichtlich ist. Aber abgesehen von der Dame mit dem langen Namen haben wir hier einen eher unerheblichen Soft-Sexer mit wunderschönen Frauen, unsympathischen Männern, aufdringlicher Musik und einigen sehr schönen Bildern. Hübsch anzuschauen …

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Die Verurteilten (Frank Darabont, 1994) 6/10
Andy Dufresne kommt 1947 in das Gefängnis von Shawshank. Lebenslänglich. Weil er seine Frau und ihren Liebhaber erschossen haben soll. Unschuldig, wie alle hier. Andy war Vizedirektor einer Bank, was nicht unbedingt die besten Voraussetzungen sind, um in einem Gefängnis zu überleben. Aber Andy ist härter und klüger als man denkt, und nach ein paar Jahren organisiert er die Steuerklärungen der Aufseher genauso wie die Schwarzgeldgeschäfte des Direktors. Sein bester Freund ist Red, der ihm das Leben im Knast erklärt und alles (für ihn) organisiert: Einen Steinhammer und Schleifpapier zum Bearbeiten von Steinen für Schachfiguren, ein Poster von Rita Hayworth, ein Poster von Raquel Welch … Und dann ist Andy eines Tages plötzlich fort. Einfach so …

Die erste Stunde von DIE VERURTEILTEN zeigt, warum ich mein Leben lang Angst davor hatte, ins Gefängnis zu kommen. Gleich am ersten Tag wird einem Neuankömmling von den Wachen der Schädel eingeschlagen, und die "Schwestern" terrorisieren Andy bis zu einem verdammt blutigen und harten Ende. Aber ab diesem Zeitpunkt, also bis Andys vordringlichste Probleme im Knast beendet sind, ab diesem Moment verflacht der Film zunehmend. Die düstere und harte Atmosphäre weicht einem Freundschaftsdrama unter besonderen Vorzeichen, das zwar spannend erzählt ist, aber eben lange nicht mehr so zwingend und eindrücklich ist wie die erste Stunde. Ganz besonders seicht werden dann die letzten 20 Minuten, und der Schluss läuft ernsthaft unter der Rubrik Kitsch. Schade, denn eigentlich passt alles: Schauspieler, Kulissen, innere Dramatik … Alles da wo es hingehört, nur eben mit viel zu viel Schmalz und Sentiment angerichtet. Schade, die zugrunde liegende Geschichte von Stephen King war besser weil härter. Richtiger: Sie hat mir besser gefallen, weil sie härter und in sich stimmiger war.
Denn auf der anderen Seite sehe ich dann halt auch, dass meiner Frau der Film richtig gut gefallen hat. Der Mainstream wird also zielsicher bedient, Na ja, und damit wird natürlich auch das Geld verdient …
Trotzdem, THE GREEN MILE ist besser, weil nicht so gefühlsduselig. Richtiger: THE GREEN MILE ist auch gefühlsduselig, aber an den richtigen Stellen. Während DIE VERURTEILTEN einfach mindestens 20 Minuten zu lang ist …

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Der letzte Zug (Blake Edwards, 1962) 7/10
Als die Bankangestellte Kelly Sherwood abends in ihre Garage fährt, steht hinter ihr plötzlich ein Mann der ihr die Kehle zudrückt. Mit heiserer Stimme verlangt er von ihr, Geld aus der Bank zu rauben, andernfalls wird ihrer kleinen Schwester Toby ein Unglück geschehen. Sobald sie allein ist geht sie ans Telefon und ruft das FBI an, aber der Unbekannte hat das vorausgesehen und warnt sie, dass sie niemals unbeaufsichtigt sein wird. Dass sie immer unter Beobachtung steht. Und dass sie zu tun hat was er von ihr verlangt, andernfalls …
Kelly aber ist tougher als gedacht, und als das FBI in Form von Inspektor Ripley an sie herantritt erklärt sie sich zur Mitarbeit bereit. Ein Versteckspiel beginnt, dessen Preis 100.000 Dollar sind. Und das Leben ihrer Schwester …

Ein Giallo. Ich habe einen Giallo gesehen, der im Jahr 1962 in den USA entstanden ist! Gerade der Vorspann und die Eröffnungssequenz sind so unglaublich dicht, so spannungsgeladen, so unheimlich, dass man unweigerlich denkt einen Film von Luciano Ercoli zu sehen. Und Lucio Fulci dürfte die Inspiration für die Nachtclubszene in NACKT ÜBER LEICHEN direkt aus DER LETZTE ZUG bezogen haben, so frappierend ähnlich sind sich die Szenen. Sogar dass beide Filme in San Francisco spielen …

Leider verflacht DER LETZTE ZUG nach dem starken Beginn etwas. In dem Augenblick, in dem das FBI ins Spiel kommt, schaut vieles nach den Semi-Documentaries aus, die in den 50ern so beliebt waren, und in denen die Polizisten gut, aufrecht und ehrlich waren. Keine Tricksereien, keine Bestechung, keine Drogen, sondern nur und ausschließlich ein Leben im Dienste der Verbrechensbekämpfung. Was den Grundtenor leider etwas bieder macht und den Schwung rausnimmt. Schade, denn Blake Edwards und seinem Kameramann Philip Lathrop gelingen oft sehr starke Bilder mit harten Kontrasten, die ihre Herkunft aus dem Noir gar nicht verleugnen wollen. Wenn es in die Hintergassen und in die leerstehenden Lagerhäuser geht wird es sofort schwül und schmutzig, was der Stimmung sehr gut tut. Auch das klaustrophobisch-spannende Showdown zeugt von dem Willen, mehr als nur einen 08/15-Krmi von der Stange zu drehen.

Auf der anderen Seite ist dann da dieser Subplot um Lisa Soong und ihr behindertes Kind. Vordergründig eingebaut um die Frauen im Publikum anzusprechen, wird hier eine Seite des Bankräubers beleuchtet, die Stoff für ein hochinteressantes und spannendes Drama abgibt. Abgeben würde, denn leider wird dieser Subplot zu früh abgewürgt. Oder anders gefragt: Was wäre gewesen, wenn der FBI-Mann
Mitleid mit dem Jungen gehabt hätte, und dem Pärchen Soong/Lynch das Geld gegönnt hätte …?


Licht und Schatten, harte Kontraste: Ein später Noir aus einer Zeit, in der die US-amerikanische Filmproduktion mit dem Rücken zur Wand stand und mühsam nach den richtigen Rezepten gesucht hat. Das perfekte Rezept ist es hier nicht, aber für Krimifans ist DER LETZTE ZUG auf jeden Fall eine unbedingte Empfehlung.

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Strafpark
Punishment Park
USA 1971
Regie: Peter Watkins
Jim Bohan, Paul Alelyanes, Carmen Argenziano, Stan Armsted, Harold Beaulieu, Patrick Boland, Kerry Cannon, Danny Conlon, Sandy Cox, Van Daniels, Bob Franklin, Fred Franklyn


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Die Wüste. Außentemperatur: 38 Grad. Eine Gruppe junger Leute schleppt sich durch die Ödnis. Kein Schatten, kein Wasser, kein Schutz. Irgendwo vor ihnen das Ziel: Eine Flagge der USA. Und irgendwo hinter ihnen die Jäger: Nationalgardisten, Reservisten und Polizisten, alle bewaffnet, und alle voller Abneigung gegen junge Leute, die nach ihrer Meinung nur den Staat zerstören wollen. Die jungen Leute sind von einem Tribunal schuldig gesprochen worden der Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten von Amerika. Und im Amerika von morgen, oder gestern, oder in 5 Jahren, in diesem Amerika gibt es die Wahl zwischen 20 Jahren Gefängnis oder 4 Tagen Strafpark. Und alle wählen den Strafpark: 53 Meilen Wüste in 3 Tagen, und wer die Flagge erreicht ist frei.
Dieses Mal begleiten ein paar europäische Fernsehleute die Gladiatorenspiele, und auch wenn sie anfangs noch die Jäger interviewen, sich mit dem Wild unterhalten, und parallel dazu einer Sitzung des Tribunals über die nächsten Delinquenten beiwohnen, so beginnen sie doch irgendwann, die Distanz zu den Ereignissen zu verlieren. Ist denn der Wegfall des fünften Verfassungszusatzes, der die Rechte eines Angeklagten sicherstellt und Teil der Menschrechte ist, ist denn der Wegfall dieser Rechte gegen die Tiere auf der Anklagebank wirklich gerechtfertigt? Sind das wirklich alles Terroristen, so wie die Medien es behaupten? Sind Pazifisten, die nicht willens sind jemanden anderen zu erschießen, sind das wirklich Verräter? Sind Sänger, die gegen die Regierung ansingen, unmoralisch? Sind Menschenrechtler wirklich verblödete und gefährliche Spinner? Viele in dieser aufwühlenden Bilderflut sagen es so …

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Eine bittere und zutiefst verstörende Collage von Interviews, Rechtfertigungen, Jagdszenen aus Kalifornien, und entfesselten Menschenjägern. Der Cast, bestehend aus Laiendarstellern und gewöhnlichen Menschen, die im Film(?) oft ihre persönliche Meinung zum Ausdruck brachten, besteht aus "heuchlerischen Schweinen und ist eine Ansammlung von faschistischen Neandertalern" (Judith Crist im New York Magazine). Die Mitwirkenden sind “elende, brutale und hirnlose Schweine“, und die Zuschauer, die sowas gut finden, ebenfalls (schrieb eine Zeitung aus Los Angeles). Der Film(?) lief 4 Tage in New York und 7 Tage in San Francisco, danach fand sich kein Verleiher mehr bereit ihn zu zeigen: "Dieser Film trägt die kommunistische Philosophie in sich. … Falls davon Kopien zirkulieren, dann haben die Russen sicher welche."

Ein Film(?) der Emotionen weckt. Je nach persönlicher Anschauung Wut, Verstörung, Zorn, Genugtuung, Freude, Hass … Einer der ersten, möglichweise sogar der erste Mockumentary der jemals gedreht wurde, und der selbst von der produzierenden BBC abgelehnt wurde, weil er "die Glaubwürdigkeit der Medien untergräbt". Heute, nach Gerd Heidemann und Claas Relotius, nach Fox News und Breitbart, wissen wir dass da noch viel mehr geht. Und wir kennen Mockumentaries. Aber STRAFPARK verstört immer noch: Das hohe Tempo, der schnelle Schnitt, die GLAUBWÜRDIGKEIT der Szenen, die direkte und unbegründete GEWALT, zielen direkt ins Herz und in den Magen des Zuschauers. Durch den direkten Stil wird der Zuschauer in die Handlung hineingezogen, er verliert seine Distanz und bezieht Stellung. Entweder auf der einen Seite oder auf der anderen. Aber unbeteiligt bleibt hier niemand.

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Die Screenshots habe ich über 4 Wochen nach der Sichtung des Films gemacht. Und beim Durchzappen kommen wieder die gleichen Gefühle hoch: Die Wut, die Angst …

9/10

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Alle Zitate sind dem hervorragendem Booklet der Kino Kontrovers-BD entnommen, das mit vielen spannenden und erschreckenden Informationen zu Regisseur und Film aufwartet.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 24.10.2019 09:43 
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Rosenkavalier (Leon Boden, 1997) 4/10

Zwei Frauen, die sexy beunterwäscht bei strömendem Regen ein Grab im Garten schaufeln. SINGAPORE SLING? Leider nicht, wenngleich Nikos Nikolaidis seine Inspiration durchaus aus diesen Szenen gezogen haben könnte. Nein, die beiden Damen sind Schwestern und gemeinsam in der Rachebranche unterwegs. Als Jugendlichen wurde ihnen grausames Leid angetan, und jetzt, als junge Frauen, schlagen sie zurück und verfolgen ihre damaligen Peiniger. Dass sie dabei ihrerseits von einem jungen Polizisten verfolgt werden stört sie in keinster Weise. Blutwurst heisst das Gebot der Stunde, und der Bund der Rosenkavaliere muss vernichtet werden.

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Leider nur ist die Erzählweise des Films nicht so straight wie das Vorgehen der beiden Schönen. Zu viele Umwege werden gegangen, zu viele Schlenker lenken davon ab, dass die eigentliche Story recht dünn ist, und Regisseur Leon Boden offensichtlich keine Lust hatte sich auf Blood and Guts zu konzentrieren, sondern eben eine richtige Geschichte erzählen wollte. Dann allerdings frage ich mich schon, was die Szenen in der Disco für einen Sinn haben sollen? Außer dem, Zeit zu schinden. Auch die Rolle der Maria wirkt in meinen Augen etwas deplaziert. Und der Subplot um den Detective wiehiesserdochgleich, Jürgen Thorwald halt, der bei Temperaturen über 40 Gard nach einem englischen Tee verlangt, und der sich bei seinem Ausstand nicht einmal wundert dass sein Partner? Sohn? nicht dabei ist, den habe ich gleich gar nicht mehr verstanden. Skurrile Charaktere sind halt nicht immer gleich skurrile Charaktere, sondern manchmal halt auch einfach nur schlecht ausgedacht. Und eine Geschichte bereichern sie auch nicht immer …
Dafür hat es das Showdown in sich, das ist wirklich gelungen, und wenn die Wahrheit über das eigentliche Rachemotiv gezeigt wird, dann sind eine Gänsehaut und ein heftiges Unwohlsein garantiert. Da braucht es auch keine Blutfontänen und keine nackten Brüste, da langt das Gezeigte völlig aus.

Trotzdem, übrig bleibt kein wirkliches Sättegefühl. Dafür sind zu viel halbe Sachen drin, und zu wenig was wirklich rockt. Esther Schweins ist wunderschön, Tyron Ricketts ist mindestens so cool wie Detective Tubbs aus MIAMI VICE, und Gabrielle Scharnitzky hat einen sehr denkwürdigen Auftritt hinter einer Tür. Aber so ganz reicht das halt nicht …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 25.10.2019 09:11 
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Drei Männer im Schnee (Kurt Hoffmann, 1955) 8/10

Unter dem Namen Schulze nimmt der Multimillionär Eduard Schlüter an einem Preisausschreiben seiner eigenen Firma teil, und gewinnt prompt den zweiten Platz: Einen Aufenthalt in einem Luxushotel in den winterlichen Alpen. In Second Hand-Klamotten und mit altem Koffer möchte er unerkannt Urlaub machen und die Menschen studieren. Allerdings warnt Tochter Hildegard telefonisch das Hotel, dass da ein spleeniger Millionär unter falschem Namen anreist. Woraufhin die Hotelleitung den Gewinner des ersten Platzes des Preisausschreibens, den arbeitslosen Werbegrafiker Dr. Hagedorn, der im gleichen Hotel seinen Gewinn urlaubt, über alle Maßen hofiert. Der dritte im Bunde ist Schlüters Butler Johann, ohne den sich Schlüter nicht zu reisen traut, der aber strikt inkognito zu bleiben hat. Die drei freunden sich sehr schnell an und sind unzertrennlich, trotz Frau Thea Casparius, die Schulze unbedingt aus dem Hotel ekeln will, damit sie freie Bahn beim vermeintlichen Millionär Hagedorn hat. Als Hildegard mit Hausdame im Anhang im Hotel auftaucht, natürlich ebenfalls inkognito, und sich in Hagedorn verliebt, wird die Situation etwas … unübersichtlich.

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Kein Klamauk und kein Schlagerlustspiel, sondern eine richtige, lustige Komödie, deren geschliffenen Dialoge man deutlich anmerkt, dass Erich Kästner Vorlage und Drehbuch verfasst hat. Paul Dahlke hat sichtlich einen Heidenspaß an der Verwechslungsgeschichte um den hofierten Arbeitslosen und den geschassten Multimillionär. Dem nämlich werden von der Hotelleitung Drecksarbeiten auferlegt, damit er endlich verschwindet: Die Eisbahn fegen, die Dekoration für den Kostümball aufhängen, Besorgungen für die Hotelgäste erledigen … Und Schlüter/Schulze hat eine Riesenfreude an diesen Aufgaben, so bekommt man ihn bestimmt nicht aus dem Hotel heraus. Und die Casparius wird dabei immer grantiger und immer gemeiner.
Wie gesagt, Paul Dahlke platzt fast vor Spielfreude, und reißt den gesamten Cast auf die Art mit: Den etwas spießig-zurückhaltenden Claus Biederstaedt genauso wie den steifen Günther Lüders, und wenn dann noch die naseweise Nicole Heesters dazu kommt, dann bleibt kein Auge mehr trocken. Köstliche Unterhaltung für Nostalgiker und alle die gerne lachen. Und für die anderen erst recht ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 27.10.2019 08:15 
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The Assassin (Hou Hsiao-Hsien, 2015) 3/10

Nie Yin Niang kehrt nach vielen Jahren an den Hof des Gouverneurs zurück. Ihr Auftrag ist klar benannt und auch kein Geheimnis: Sie soll den Gouverneur töten. Doch in der Provinz gibt es Probleme: Es bestehen Schwierigkeiten mit dem Kaiser, auf die Militärkommandanten des Gouverneurs finden Anschläge statt, und die Nachbarprovinz übt den Ernstfall. Alles Dinge, welche die Attentäterin von ihrem eigentlichen Auftrag abhalten. Schließlich ist der Mann ihr Cousin, und außerdem ist sie ziemlich verliebt in ihn …

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Bildgewaltig, das ist der Film sicherlich. Aber er ist auch gewaltig langweilig! Langgezogene Einstellungen voller Symbolgehalt, die im Raum stehen und uninteressante Fragen aufwerfen die niemals geklärt werden. Eine Spannungskurve die erst etwa 30 Minuten vor Schluss ein wenig anzieht, wenn nämlich der Subplot um den Militärkommandanten ein wenig in Fahrt gerät, und wenn eine Kurtisane von giftigen Dämpfen angegriffen wird. Dann reitet man und man kämpft, dann wird gestorben, und überhaupt passiert dann mal etwas.
Aber insgesamt braucht der geneigte Zuschauer sehr geduldiges Sitzfleisch. Ich behaupte jetzt mal, dass Hou Hsiao-Hsin vielleicht tolle Standbilder ablichten kann, ihm das Talent des Storytelling aber zumindest in diesem Film irgendwie abhanden gekommen ist. Collagenartig aneinander geschnittene Momentaufnahmen in großartigen Tableaus ergeben in Summe nicht automatisch einen guten Film, sondern eher collagenartig aneinander geschnittene Momentaufnahmen in tollen Tableaus, denen oftmals der Zusammenhang fehlt. Und mehr ist da leider nicht vorhanden …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.10.2019 09:32 
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Die üblichen Verdächtigen (Bryan Singer, 1995) 9/10

Bei einer Explosion auf einem Schiff bleiben 27 Leichen übrig. Der einzige Überlebende, ein kleiner verkrüppelter Gauner namens Kint, erzählt einem Zollbeamten, wie es zu der Explosion kam. Wieso der Ex-Bulle und Ex-Gangster und Ex-Liebhaber der Staatsanwältin, Keaton, dabei ums Leben kam. Und wieso er selber ohne einen einzigen Kratzer hier im Büro sitzt, Kaffee trinkt, und diese Geschichte vom Stapel lässt. Er erzählt, wieso fünf Kriminelle aus New York sich auf Geschäfte in Los Angeles einlassen. Welche Rolle der mysteriöse Anwalt Kobayashi spielt. Und er erzählt von Keyzer Soze, dem türkischen Gangster, der von ungarischen Mafiosi bedroht wurde, und der lieber seine eigene Familie tötete, als sich schmachvoll zu ergeben. Und der ein gigantisches Imperium aus Drogen und tödlichem Schweigen aufgebaut hat.

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Beim ersten Ansehen ist die Story der Hammer. Wie aus der relativ einfachen Gangster/Cop-Story durch die verschachtelte Erzählweise und die stückchenweise Enthüllungen der Hintergründe ein raffiniertes Krimidrama wird, das ist sowieso schon großes Kino, und der Schlusstwist sorgt dann nochmal für eine zusätzliche Starre der heruntergefallenen Kinnlade.
Bei der Zweitsichtung allerdings, und mit dem Wissen was da eigentlich passiert, kommt noch mal eine Ebene hinzu: Kevin Spacey pflegt ab und zu ein feines Lächeln ein, oder den Hauch einer Gefühlsregung. Kaum zu erahnen, aber es ist da. Und wenn man die Story eben bereits kennt, dann haben dieses Lächeln oder diese Andeutung einer Emotion den Effekt eines Tornados. Der Film macht bei der Wiederholung tatsächlich noch mehr Spaß als bei der Erstsichtung! Und das ist in Anbetracht des Twists das größte Kompliment, das man dieser Art Film jemals machen kann. Wenn auch nur ein wenig Hang zu Gangsterfilmen und Krimis da ist, unbedingt ansehen. Und staunen. Aber ich glaube, hier sollte den jeder kennen, oder?

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.10.2019 10:31 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
The Assassin (Hou Hsiao-Hsien, 2015) 3/10


Ganz so abstrafen würde ich den Film nicht, dazu ist er wirklich zu schön anzusehen mit seinen vibrierend eingefangenen, traumschönen Landschaften und hat eine prägnante Natur-Geräusch-Kulisse vorzuweisen. Beides empfinde ich als sehr angenehm. Aber, ja, auch mir war der Film bisweilen zu entschleunigt und bedeutungsschwer inszeniert, ohne dass ich einen wirklichen Mehrwert gesehen hätte. Vielleicht muss ich aber diese Verweigerungshaltung dem Genre gegenüber bei einer nächsten Sichtung genauer betrachten.

"The Assassin", ein meditativer Natur-Film?!


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.10.2019 17:33 
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Pa_Nik wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
The Assassin (Hou Hsiao-Hsien, 2015) 3/10


Ganz so abstrafen würde ich den Film nicht, dazu ist er wirklich zu schön anzusehen mit seinen vibrierend eingefangenen, traumschönen Landschaften und hat eine prägnante Natur-Geräusch-Kulisse vorzuweisen. Beides empfinde ich als sehr angenehm. Aber, ja, auch mir war der Film bisweilen zu entschleunigt und bedeutungsschwer inszeniert, ohne dass ich einen wirklichen Mehrwert gesehen hätte. Vielleicht muss ich aber diese Verweigerungshaltung dem Genre gegenüber bei einer nächsten Sichtung genauer betrachten.

"The Assassin", ein meditativer Natur-Film?!

Oh ja, die "Geräusch"kulisse ist mir auch aufgefallen. So viel Natur kenne ich aus der realen Welt kaum noch, und ich habe vor allem die fast ununterbrochen singenden Vögel sehr genossen. Und ja, die Bilder sind traumhaft schön, das ist mir beim Zusammensuchen der Screenshots im Internet wieder aufgefallen.
Auf der anderen Seite gab es da Szenen, deren Sinn sich mir partout nicht erschließen wollte. Einmal hat sich die Familie versammelt, alle haben sich auf's Sofa gesetzt, in die Kamera gestarrt, und auf die Erfindung des Fernsehens gewartet. So schien es zumindest. Der Jüngste hat dann irgendwann die Lust verloren zu warten und hat weitergespielt. Die Kamera verharrte noch ein wenig auf den harrenden Menschen, und aus. Der Sinn der Szene? Ich weiss es nicht ... Zeit totschlagen?
Na ja, und dieser stark meditative Charakter hat mich irgendwann einfach nur noch gelangweilt ... :oops: Ich glaube, ich bin von den vielen Jahren mit Genrefilmen mittlerweile ziemlich versaut ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.10.2019 18:11 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN

(...) Bei der Zweitsichtung allerdings, und mit dem Wissen was da eigentlich passiert, kommt noch mal eine Ebene hinzu: Kevin Spacey pflegt ab und zu ein feines Lächeln ein, oder den Hauch einer Gefühlsregung. Kaum zu erahnen, aber es ist da. Und wenn man die Story eben bereits kennt, dann haben dieses Lächeln oder diese Andeutung einer Emotion den Effekt eines Tornados. Der Film macht bei der Wiederholung tatsächlich noch mehr Spaß als bei der Erstsichtung! Und das ist in Anbetracht des Twists das größte Kompliment, das man dieser Art Film jemals machen kann.

Ich habe diesen außerordentlichen Film bis dato tatsächlich nur ein einziges Mal gesehen, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als der Film damals vor meiner Nase gerade frisch ins Videothekenregal eingeräumt wurde :)

Dank Deines Beitrags werde ich mit den ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN dann doch mal demnächst in die zweite Runde gehen. Apropos Kevin Spacey: Beim Durchlesen Deiner Zeilen kam mir unweigerlich der herausragende Film EIN GANZ GEWÖHNLICHER DIEB in den Sinn, den ich mir auch unbedingt mal wieder ansehen müsste - und zwar im Doppelpack mit der ebenfalls beeindruckenden Originalverfilmung DER MEISTERDIEB VON DUBLIN (DER GENERAL), die lediglich zwei Jahre zuvor veröffentlicht wurde.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.10.2019 23:17 
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Und ich war ehrlich der Meinung, alle außer mir haben DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN mindstens wenn nicht noch öfter in ihrem Leben gesehen. Freut mich aufrichtig, wenn ich mit meinem Geschreibsel hier Anregungen geben kann :)

Richie Pistilli wrote:
Beim Durchlesen Deiner Zeilen kam mir unweigerlich der herausragende Film EIN GANZ GEWÖHNLICHER DIEB in den Sinn, den ich mir auch unbedingt mal wieder ansehen müsste - und zwar im Doppelpack mit der ebenfalls beeindruckenden Originalverfilmung DER MEISTERDIEB VON DUBLIN (DER GENERAL), die lediglich zwei Jahre zuvor veröffentlicht wurde.

DER GENERAL habe ich bei meinem Leihanbieter leider nicht gefunden, aber EIN GANZ GEWÖHNLICHER DIEB ist gleich auf meine Leihliste gewandert. Vielen Dank für den Tipp! Mit u.a. Christoph Waltz und Herbert Knaup! Und Second Unit Regisseur ist David Brandon ... :o

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Last edited by Schmutziger_Maulwurf on 30.10.2019 11:29, edited 2 times in total.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.10.2019 11:08 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Na ja, und dieser stark meditative Charakter hat mich irgendwann einfach nur noch gelangweilt ... :oops: Ich glaube, ich bin von den vielen Jahren mit Genrefilmen mittlerweile ziemlich versaut ...


Den zerstörerischen Auswirkungen von Schmutz und Schmier auf wahre Filmkunst ist entschieden entgegenzuwirken!


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