Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.01.2014 16:04 
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36 - Tödliche Rivalen
36 Quai des Orfèvres
Frankreich 2004
Regie: Olivier Marchal
Daniel Auteuil, Gérard Depardieu, André Dussolier, Valeria Golino, Catherine Marchal, Roschdy Zem, Daniel Duval, Francis Renaud, Guy Lecluse


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Der Kommissar der Abteilung BRI, Léo Vrinks (Daniel Auteuil), sucht eine Bande brutaler Räuber, die in 10 Monaten 7 Geldtransporter überfallen hat. Sein Konkurrent bei der Ermittlung ist der BRT-Kommissar Denis Klein (Gérard Depardieu), dem er freundschaftlich verbunden ist. Als der Polizeichef Mancini (André Dussolier) seinen Posten an denjenigen auslobt der die Bande zuerst erwischt, wird aus der freundschaftlichen Rivalität eine erbitterte Feindschaft.

Mal wieder so ein Film, wo ich hinterher geplättet auf meinem Sofa sitze und mich frage, wo der D-Zug ist der gerade über mich drübergefahren ist. So simpel die Inhaltsangabe sich liest, so tief und abgründig ist der Film. Und wo Marchals MR-73 in jeder Hinsicht finster und böse und zynisch und gemein ist, da kommt 36 noch in relativ hellen Farben daher, mit netten und sympathischen Darstellern, und alles ist schön und gut, dann wird noch mal heiter gelacht und alles was nett und schön ist mit einem fiesen Grinsen in die Hölle gestoßen und langsam auf kleiner Flamme gekocht.

36 beginnt wie so viele Cop-Filme mit einem Besäufnis unter Kollegen. Man versteht sich, man kennt und mag sich, wir verschworene Gemeinschaft gegen den Rest der Welt. Am ersten Tatort kommen die ersten Risse zum Vorschein, auch noch nichts aufregend Neues, und bei der Verhaftung eines Verdächtigen dann der erste Schockeffekt, vergleichbar mit dem Schockeffekt aus DAS WAISENHAUS (wenn auch auf ganz anderer Ebene). Vrinks trifft sich mit einem Informanten um die Gangster endlich ausfindig zu machen, und was dann passiert ist ganz harter Tobak. Schlagartig taucht der Film ab in die Hölle - und bleibt dort. Die Feindschaft zwischen Vrinks und Klein beginnt psychopathische Züge anzunehmen, und dass wegen dieser Feindschaft sogar Kollegen draufgehen müssen wird halt in Kauf genommen. Und Vrinks, der zwar viel Scheiße erlebt und auch selber welche baut, fällt deswegen ganz ganz tief, bis ganz auf den Boden der Hölle. Wo dann auch noch mal auf ihn draufgetreten wird …

Ein so böses, schwarzes und gemeines Bild von Polizisten habe ich schon lange nicht mehr gesehen, abgesehen von MR-73. Und ich frage mich, was Olivier Marchal, der ja früher selber Polizist war, für Dämonen mit sich trägt. Einige davon scheint er uns zu zeigen. Aber das Hinschauen schmerzt …
Was zu ein paar Worten zum Film führt: Die Schauspieler sind wie zu erwarten grandios. Daniel Auteuil ist eine Klasse für sich, und Depardieu kann recht minimalistisch tatsächlich mithalten. Hier ist er noch nicht so aufgedunsen, sondern eher kräftig, was ihm eine enorme Physis verschafft. Die restlichen Darsteller sind ebenfalls vom Feinsten, herauszuheben ist vor allem Catherine Marchal als Polizistin zwischen allen Stühlen, sowie alle Darsteller der Bösen. Alain Figlarz zum Beispiel wäre für mich ein Grund respektvoll die Straßenseite zu wechseln ...
Die Farben sind trist und grau, passend zur Story, und die Musik ist manchmal etwas zu viel des Guten, passt aber meistens recht gut. Die Actionszenen sind hart, wobei aber nur eine einzige Szene wirklich blutig rüberkommt, positiv auffallend ist das Fehlen einer Wackelkamera. Tatsächlich ist der Zuschauer mittendrin, aber er behält immer den Überblick. Der Titel 36 bezieht sich im Übrigen auf die Adresse der Pariser Kripo am Quai des Orfèvres, und wenn Vrinks am Ende seiner Tochter in die Augen sieht, schaut mal genau hin was sie für Augen hat. Und staunt im Abspann wer das ist, da kommt ein neuer großer Star auf uns zu ...

Was uns alles in allem zeigt, dass in Frankreich immer noch verdammt gute Gangsterfilme gemacht werden, die sich hinter den Klassikern des Genres nicht zu verstecken brauchen. Im Gegenteil, in 20 Jahren werden diese Filme Klassiker sein, das kann ich versprechen. Und wer was übrig hat für Abgründe, menschliche und soziale, für den sollten die Filme von Marchal sowieso ein absolutes Muss sein. Wer zu Depressionen neigt sollte allerdings die Finger davon lassen, zu heftig und zu bitter sind die Eindrücke die hier hinterlassen werden.

9/10

Edit: Rechtschreibfehler

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.01.2014 19:46 
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City of Ghosts
City of ghosts
USA 2002
Regie: Matt Dillon
Matt Dillon, James Caan, Gérard Depardieu, Stellan Skarsgard, Natascha McElhone, Kem Sereyvuth, Rose Byrne, Shawn Andrews


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Dem jungen Versicherungsagenten Jimmy wird eines Morgens vom FBI mitgeteilt, dass sein Chef Marvin (James Caan) sich offensichtlich mit dem Vermögen der Versicherung abgesetzt hat, und es tauchen Fragen auf ob er, Jimmy, damit etwas zu tun haben könnte. Natürlich ist Jimmy sauber, und das FBI sieht das auch recht schnell ein, aber sofort nach den Verhören taucht Jimmy in Thailand und anschließend in Kambodscha unter, wo er Marvin sucht. Der wiederum plant mit einem kambodschanischen Ex-General (Chalee Sankhavesa) ein Kasino im Dschungel. Dumm auch, dass ihm ein paar unangenehme Typen von der russischen Mafia im Nacken hocken.

Anfang der Nuller-Jahre drängten eine Anzahl ambitionierter US-amerikanischer Schauspieler zunehmend ins Regiefach. Emilio Estevez debütierte 2002 mit BOBBY, Sean Penn, der in den 90ern bereits 2 sehr beachtenswerte Filme vorlegte, drehte das völlig unterbewertete DAS VERSPRECHEN, und Matt Dillon debütierte im Kino mit CITY OF GHOSTS. Offensichtlich eine gute Zeit, eine Zeit des Aufbruchs, schade nur, dass allein Sean Penn diesen Weg weiterging, während Emilio Estevez und Matt Dillon mit ihren Arbeiten Schiffbruch erlitten. An den Filmen selber kann es nicht gelegen haben, weil sowohl BOBBY als auch CITY OF GHOSTS sehr gutes Unterhaltungskino sind.

Ein Amerikaner kommt in eine asiatische Stadt, auf der Suche nach seinem betrügerischem Chef. Wirkt er zu Beginn noch klotzig und unnahbar wie Robert Stack in TOKIO STORY, typisch amerikanisch eben, fängt er nach einigen Lernprozessen zunehmend an sich der Umgebung anzupassen. Er beginnt nach kambodschanischer Uhrzeit zu funktionieren. Und er trifft tatsächlich seinen Chef wieder, der bei aller Geschäftsgier ebenfalls Geschmack an diesem Land gefunden hat. Auch Matt Dillon selber scheint es so gegangen zu sein, denn die nur bedingt energische Story (was überhaupt nicht negativ gemeint ist!!) wird immer wieder von wunderschönen und träumerischen Bildern aus Kambodscha unterbrochen. Nicht einmal nur Landschaftsaufnahmen, sondern auch Bilder von Menschen im Alltag, unterlegt von für westliche Ohren zurecht gemachter Meditationsmusik. Der Zuschauer treibt mit Jimmy durch Kambodscha und nimmt das Land durch seine Sinne auf. Dementsprechend ist auch die zarte Liebesgeschichte mit der Restauratorin Sophie (Natascha McElhone) nicht für die schnelle und moderne Zeit gedacht, stattdessen nehmen sich die frisch Verknallten noch richtig Zeit ihr Verhältnis zu beginnen. Und der Rave in dem alten kambodschanischen Tempel macht RICHTIG Lust …

Aber inmitten dieser wunderschönen und fast elegischen Bilder lauert auch immer wieder der Tod. Touristen die verschleppt werden, Straßen die nicht sicher sind, namenlose Mädchen die nur aus einem verkaufsfähigem Körper und einem puppenhaftem Lächeln bestehen, ein Mordanschlag auf Jimmy, und auch das ist Kambodscha, immerhin das Land mit der höchsten Minendichte weltweit und bitterer Armut. Trotzdem, es bleibt eine fast träumerische Atmosphäre, trotz der klaren Thrillerhandlung, und dies ist das ganz große Plus des Filmes: Die gelungene Verschmelzung von wunderschönen Bildern und Gangsterstory klappt ganz hervorragend und ist zu keiner Sekunde langweilig. Der Zuschauer ist immer bei Jimmy, hat niemals mehr Wissen als er, und dadurch bleibt die Grundspannung erhalten. Lauert hinter der nächsten Straßenecke ein Schurke und es gibt was aufs Maul? Oder tut sich ein weiteres Geheimnis auf, das die Geschichte noch mysteriöser macht? Oder gibt es dort etwas Schönes zu sehen? Es macht richtiggehend SPASS, Jimmy bei seinem Weg durch Pnom Penh zu begleiten.

Gérard Depardieu hat als hängengebliebener Kneipenwirt einige wunderschöne Momente, und kann seine Physis absolut ausspielen. Stellan Skarsgard ist in jedem Moment anzusehen dass er aus der Hitze und dem Dreck rauswill, und bereit ist dafür einiges zu tun. James Caan bleibt unter seinen Möglichkeiten, aber dafür ist Matt Dillon dermaßen umwerfend in seiner Rolle, zwischen starkem Max und schwachem und gefühlsbeladenem Mann, dass es fast wehtut. Der Mann ist wirklich gut, und er spielt mit einer Selbstverständlichkeit, die ich in den letzten Jahren bei nur sehr wenigen aktuellen Schauspielern gesehen habe.

In Kurzform ist CITY OF GHOSTS also ein ruhiger Thriller mit spitzenmäßigen Schauspielern, exotischen Locations, extrem unauffälligen Special Effects, und einer durchgehend schönen Grundstimmung. Und selbst wenn manche Szenen vielleicht keine Wohlfühlszenen sind, nach dem Film ist das Wohlgefühl definitiv da.

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 15.03.2014 10:39 
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Lake Mungo
Lake Mungo
Australien 2008
Regie: Joel Anderson


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Freitag Abend, eine lange Woche liegt hinter mir mit viel Arbeit, ich habe keine Lust auf einen anspruchsvollen Film oder gar zum Lesen, stattdessen zappe ich mich durch das Fernsehen. Auf irgendeinem Privatsender bleibe ich an einer Doku hängen über eine Familie die ihre Tochter bei einem tragischen Badeunfall verloren hat, und seither von Spukphänomenen verfolgt wird. Der Einsatz eines Mediums bringt nicht wirklich viel, ganz offensichtlich ist da etwas in dem Haus der Familie, was nicht von dieser Welt ist. Na ja, eine Doku auf einem Privatsender halt … X-Factor für Erwachsene …

Und wer weiß, dass ich keinen Fernsehanschluss habe, kann sich dann vielleicht vorstellen, wie diese „Dokumentation“ aufgemacht ist. Eine absolut perfekte Mischung aus Interviewschnipseln, „originalen“ Fernsehbildern, mal mehr mal weniger verwackelten Filmaufnahmen, unaufdringlich hinterlegter Musik, Found Footage, … Wird der Zuschauer unvorbereitet in diesen Film hineingeworfen wird er garantiert sicher sein dass dies echt ist, und mitnichten ein Film. Somit sehr ähnlich wie Woody Allens ZELIG spielt LAKE MUNGO sehr überzeugend mit den (Fern-) Sehgewohnheiten des modernen Menschen. Und macht auf dieser Ebene schon mal sehr viel Spaß. Die Schauspieler sind extrem überzeugend (wobei angeblich die deutsche Synchro den Eindruck schmälern soll, der Originalton ist unglaublich authentisch), die Mischung der Schnipsel noch viel mehr. Und die ruhige Erzählweise setzt dem Ganzen den Deckel auf. (Na gut, vielleicht doch kein Privatsender sondern 3SAT.)
Und nach etwa der Hälfte kippt die gesamte Handlung und entpuppt sich als etwas anderes, bloß nicht als durchschnittliches Spukhaus-Mockumentary. Die Erzählung bleibt ganz nah bei den Akteuren, die gemeinsam mit Nachbarn und Arbeitskollegen aus ihrem Leben erzählen. Der Twist wird aufgerollt, und aus der Spukhausgeschichte wird ein bitteres Familiendrama, das durchaus berühren kann und in hohem Maße zu Gedanken über das eigene Leben und die eigene Umgebung führt.

Und dann kommt der Schock …

Das ganze ist, wie erwähnt, dokumentartypisch sehr ruhig aufgebaut. Es gibt keine Schockelemente, keine lauten und aufdringlichen Geistererscheinungen, die mit Blitz und Donner in den Theaterkulissen auftauchen. Im Sinne des „Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss“ plätschert die Handlung vor sich hin, und man muss schon ein wenig aufpassen was da passiert und sich auf die Geschichte einlassen. Weil nur dann funktioniert sie auch. Ich habe einige Male heftigste Gänsehaut bekommen, und das abendliche Zähneputzen vor dem Spiegel hat definitiv KEINEN Spaß gemacht (was aber nicht nur an Alice lag, sondern vielmehr an der anderen Gestalt in ihrem Zimmer, der existierenden). Selbst jetzt, wenn ich das schreibe, bekomme ich bei dem Gedanken an ein oder zwei bestimmte Szenen Gänsehaut.
Warum es trotzdem nur 6 Punkte werden? Weil es einfach nicht wirklich mein Genre ist. LAKE MUNGO war ein Tipp von Meister Kessler, und seinen Tipps gebe ich immer Chancen, und der Film hat mich auch wirklich angesprochen. Wenn ich Liebhaber des Genres wäre hätte ich ihm ohne Weiteres auch 8 Punkte geben können – für die Machart, die Schauspieler, die Twists, die Gänsehaut. Also nicht von der mauen Bewertung irritieren lassen, es lohnt sich wirklich!

Und man sollte sich die Zeit nehmen, das letzte Foto des Abspanns noch mal im Film nachzuschlagen …

6/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.03.2014 10:55 
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Das Rasthaus der grausamen Puppen
Deutschland/Italien 1967
Regie: Rolf Olsen
Erik Schumann, Essy Persson, Helga Anders, Margot Trooger, Jane Tilden, Ellen Schwiers, Karin Field, Dominique Boschero, Gabriella Giorgelli


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Bob und Betty (Erik Schumann, Essy Persson) wollen einen Juwelier überfallen. Der Raub geht schief, ein Polizist stirbt dabei, Bob kann flüchten und Betty kommt in die Hölle des Frauengefängnisses von Glasgow. Zwischen sadistischen Wärterinnen und lesbischen Mitgefangenen wird Betty schnell zur harten und abgebrühten Knastmieze. Zusammen mit ihrer Lieblingsfeinding Jane (Karin Field) und ein paar anderen Mädchen kann Betty flüchten um zurückzukehren zu ihrem geliebten Bob. Der allerdings ist gar nicht erfreut über den Besuch, hat er sich doch eine sichere Existenz aufgebaut. Und während rund um die Gruppe munter gestorben wird, hecken die Mädchen einen neuen Plan aus: Die reiche Spinnerin Lady Oland (Margot Trooger) soll entführt werden.

Seit nicht ganz einem Jahr bin ich nun bei DP aktiv dabei, habe seither meine Liebe zum Film etwas intensiviert (sprich: Erheblich mehr Kohle für Filme rausgehauen als in den zusammengerechnet 5 Jahren davor), und bin dafür mit genau dem belohnt worden, weswegen ich Filme sehe: Es werden spannende und aufregende Geschichten erzählt, ich kann abtauchen in andere Welten (die auch gerne nebenan liegen dürfen), kann mich an gerne gesehenen Schauspielern erfreuen (und erst an den Schauspielerinnen :P ), kann träumen.
In diesem knappen Jahr habe ich mittlerweile 3 Genres für mich entdeckt, in denen ich mich pudelwohl fühle. Von denen ich zwar wusste dass sie existieren und ich auch den ein oder anderen Schritt schon mal gegangen war, aber mich erst jetzt eingenistet habe und heimisch fühle. Da ist einmal der Poliziotti, der mich seit einem halben Jahr ganz extrem begeistert, und ganz neu entdeckt habe ich zum anderen die Blaxploitation-Filme, von denen ich zurzeit auch nicht genug bekommen kann.
Seit ein paar Tagen ist das dritte "neue" Genre dazu gekommen, der deutsche Krimi. Über die seit jeher geliebten Edgar Wallace-Filme wusste ich, dass es auch andere Wallace-, Durbridge und wasauchimmer-Verfilmungen gab, aber nun bin ich einen Schritt weitergegangen - Weil ich derzeit keinen Wallacefilm mehr habe, gab es vorgestern DIE SCHWARZE KOBRA und gestern nun DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN. Und eine neue große Liebe begann ...

Der Film macht ja nun gar keine Gefangenen. Ab dem ersten Moment ist Action angesagt, der Überfall ist schon recht dynamisch in Szene gesetzt, und wenn dann die schmissige Titelmusik von Don Adams ertönt steppt der Bär wahrhaftig. Bei den sehr düster umgesetzten Szenen im Knast tauchen dann leider eine Menge Schnitte auf, was schade ist, weil die Verführungsszene der Frau Nippel (Ellen Schwiers) hätte ich gerne ausgiebiger gesehen.
Der Ausbruch bietet dann kurze Momente der Heiterkeit (Knastmieze beim Einkleiden im Kaufhaus: "Oh Mann, endlich wieder eine dufte Pelle"), und spätestens ab diesem Augenblick gibt es keinen Moment Ruhe mehr. Ständig passiert etwas, wird gestorben (für einen deutschen Film von 1967 erstaunlich häufig und skrupellos), wird geliebt, gut aussehende Frauen laufen in Unterwäsche durchs Bild und es wird gesoffen was nur geht. Stellt sich ein, vorzugsweise dämlich gezeichneter, Mann in den Weg, wird er kurzerhand umgenietet. Dumm nur, dass sich die gesamte Gruppe relativ amateurhaft anstellt, weswegen immer wieder ältere Leichen und neue Zeugen auftauchen, was zu einer Spirale der Gewalt führt. Dass das ganze kein wirklich gutes Ende nehmen kann ist schnell zu ahnen, aber der Weg dorthin ist ein Vergnügen allererster Kajüte. Die Schauspieler agieren auf hohem Niveau (wundervoll das Overacting von Jane Tilden, wenn sie vor ihrer ersten echten Leiche steht), die Sprüche sind erste Sahne („Wenn’s im Köpfchen alle ist, wird man eben Polizist“), und die Kulissen vermitteln mehr als nur einen Hauch von Ohnsorg-Theater oder ARD-Fernsehspiel. Das macht aber nichts, weil durch das irrsinnige Tempo des Filmes die Aufmerksamkeit des Zuschauers sowie auf den flotten Sprüchen, der Unterwäsche und den vielen gut gemachten Actionszenen liegt.

Noch ein paar Sprüche zum Reinschmecken:
„Wir sollten Dich rauswerfen wie eine verfaulte Banane“ – „Nun werd bloß nicht poetisch.“
„Einen Polizisten frisst man nicht, da bekommt man einen verdorbenen Magen.“
Betty, als sie Jane in den Armen ihres geliebten Bobs findet: „Du Puffmatratze“

Fazit: Pures Vergnügen!

8/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.03.2014 15:29 
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Nimm's leicht - Nimm Dynamit
Ne nous fâchons pas
Frankreich 1966
Regie: Georges Lautner
Lino Ventura, Michel Constantine, Mirelle Darc, Jean Lefebvre, Tommy Duggan, André Pousse, Mick Besson, Thierry Thibaud, Robert Dalban


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Eines Tages stehen vor der Tür des Geschäftsmannes Antoine Beretto (Lino Ventura) zwei finstere Gestalten, Freunde aus längst vergangenen Gangstertagen, und bitten ihn um Hilfe bei der Flucht aus Frankreich. Er hilft den beiden, was natürlich etwas Geld kostet. Im Gegenzug erfährt er, dass der kleine Gauner Michalon (Jean Lefebvre) ihnen noch 40.000 Franc schuldet, er könne sich das Geld bei ihm wiederholen.
Also fährt Beretto los, weiht seinen alten Kumpel Jeff (Michel Constantin) ein, und wie er bei Michalon im Zimmer steht – muss er einen Killer umlegen, der seinerseits Michalon umlegen wollte. Der Killer wiederum gehörte einer Gruppe Engländer unter der Führung des „Colonels“ (Tommy Duggan) an, der ein ganz großes Ding am Laufen hat, bei dessen Ausführung ihn Michalon stören könnte. Beretto wiederum ist ein sehr gutmütiger Mensch und mag Michalon nicht an den Colonel ausliefern, was diesen wiederum zu einer äußerst dynamitlastigen Verfolgungsjagd veranlasst.

Mal sehen, was haben wir hier: Georges Lautner ist ein gewiefter Regisseur, der viele Gauner-/Gangsterkomödien abgeliefert hat, und entsprechend Routine und ein gutes Händchen besitzt. Lino Ventura und Michel Constantin sind mit DIE Gangsterdarsteller im französischen Kino der 60er Jahre. Jean Lefebvre ist ein hervorragender Schauspieler im Fach der kleinen Nervensägen, und Mirelle Darc ist purer, knallharter, feuchter Sex. Dazu kommen ein paar extrem skurille Ideen, die großes Kinovergnügen garantieren. Sollten … Außerdem spielt das ganze an der Côte d’Azur, die Musik ist schokoflockig und beschwingt, und die ganze Stimmung ist oft fast italienisch in ihrer Leichtigkeit.

Keine Ahnung warum das ganze nicht so recht zünden mag. Liegt es vielleicht an der Erwartungshaltung? Wenn ich Ventura und Constantine lese erwarte ich ein wenig Action, aber die fällt leider relativ mager aus, nachdem Beretto sich unbedingt bedeckt halten mag und mit der Antwort auf die Dynamitanschläge sehr lange wartet. Vielleicht liegt es auch an der Ausgangssituation. OK, Michalon ist 40.000 Franc wert, aber er ist auch eine extreme Nevensäge. Ähnlichkeiten zu DIE FILZLAUS von 1973 sind gegeben, und wer den kennt kann sich vorstellen wie sehr Lefebvre rumnervt. Ich an Berettos Stelle hätte Michalon ganz schnell zurückgegeben, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt kostet der Typ mehr als er einbringt. Sprich, die Motivation für die Handlung konnte ich nicht so ganz nachvollziehen.

Auf der Habenseite dann ganz klar die Bande des Colonels. Ein Haufen junger Männer, alle in Anzug, Krawatte und mit englischer Schulmütze auf den langen(!) Haaren, und es wird mehr als nur einmal deutlich schwul. Ich musste ein paar mal ganz schwer an TÖTE, DJANGO denken, genau solche Typen. Aber jetzt kommt der Hammer: Diese Typen stehen im Garten der Villa des Colonels mit Gitarre und Bass und machen Beatmusik. Und dazu wird ganz wild getanzt. Und das mehr als einmal – wenn die gesamte Bande ausrückt um Rabatz zu machen, stehen in der Säulenhalle ein Gitarrist und ein Bassist und machen Beat. Zum Schreien …

Und dann ist da noch das Auto auf der Brücke. Genial, so was habe ich noch nie gesehen: Eine sehr hohe Brücke, und vor und hinter dem Auto wird gesprengt, und übrig bleibt ein(!) Brückenpfeiler und obendrauf das Auto mit 4 Leuten. Nur genial das!!

Nur wie gesagt, irgendwie zündet die Mischung nicht so recht. Gute Samstagnachmittagunterhaltung ist es allemal, und es sind einige wirklich gute Ideen dabei, aber zu den Highlights des Genres zählt der Film sicher nicht. Schade, mit einer thematisch anderen Ausrichtung (sprich, mit einer Ausarbeitung des geplanten Heists) hätte das vielleicht besser funktioniert. Aber Spaß macht es allemal. Der Sommer steht vor der Tür, und da passt so ein Film richtig gut.

6/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 12.04.2014 18:04 
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Balduin, der Geldschrankknacker
Faites sauter la banque!
Frankreich 1964
Regie: Jean Girault
Louis de Funés, Yvonne Clech, Jean-Pierre Marielle, Anne Doat, Georges Wilson, Jean Valmont, Claude Piéplu, Georges Adet, Florence Blot


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Der Geschäftsinhaber Garnier (Louis de Funés) wird von dem relativ eigennützig Bankier Durand-Mareuil (Jean-Pierre Mareille) um sein gesamtes Vermögen gebracht. Daraufhin entschließt er sich, gemeinsam mit seiner Familie die Bank zu berauben. Für einen durchschnittlichen Spießbürger der 60er Jahre kein ganz leichtes Unterfangen, immerhin gilt es einen Plan zu entwickeln, einen Tunnel zu graben, die Mauer der Bank zu durchstoßen, und keine Spuren zu hinterlassen. Alles nicht so einfach …

„Der Angriff der Maulwürfe“, so heißt das Buch das die Tochter gerade liest, und „Hole Dir zurück was Dein ist“, so lautet die Predigt des Pfarrers. Alles klar, die französische Durchschnittsfamilie buddelt sich einen Tunnel unter Straße durch zur Bank. Natürlich geht alles schief was schief gehen kann (Wasserrohr, man kommt bei der Metro raus, neugierige Bengels aus der Verwandtschaft entdecken einen tollen Tunnel), Louis de Funés ist mal wieder in Hochform, wenn auch gottseidank nicht so überdreht wie in seinen späteren Filmen, und es ist sogar ausgiebig Zeit für ein paar herrliche Subplots: Wie der Bankangestellte Phillipe (Jean Valmont) der ältesten Tochter Isabelle (Anne Doat) den Hof macht, oder wie der Sohn (Michel Tureau) auf einer lang erwarteten Party zu müde ist zum Tanzen, das ist einfach hinreißend umgesetzt. Mein persönlicher Favorit ist die Kundin die den Laden zur Unzeit betritt: „Ich möchte meinem Mann eine Freude machen, was können Sie mir empfehlen?“ Antwort des genervten Garnier: „Nun, besorgen Sie sich ein gutaussehendes Callgirl und platzieren Sie es in seinem Bett.“
Fazit: Äußerst spritzig, ohne nervig zu sein, und allein die fetzige Musik von Paul Mariat ist es schon wert den Film zu sehen. Gucken müssen!!

8/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 18.05.2014 19:41 
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Die Ratte von Soho
Night and the city
Großbritannien 1950
Regie: Jules Dassin
Richard Widmark, Gene Tierney, Herbert Lom, Googie Withers, Hugh Marlowe, Francis L. Sullivan, Mike Mazurki, Charles Farrell, Ada Reeve


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Harry Fabian (Richard Widmark) ist im London des Jahres 1950 ein kleiner Gauner, der davon lebt Touristen in den Nachtclub von Nosseross (Francis L. Sullivan) zu schleppen. Immer ist er auf der Flucht vor jemandem dem er Geld schuldet, immer ist er am fantasieren neue Einnahmemöglichkeiten gefunden zu haben. Und jedes Mal geht es schief, schuldet er jemandem Geld, muss seine Freundin Mary (Gene Tierney) ihr Erspartes opfern um ihn da wieder rauszuhauen.
Durch einen Zufall freundet er sich mit dem Ringer Gregorius (Stanislaus Zbyszko) und dessen Schützling Nikolas (Ken Richmond) an. Sofort sieht er sich als großen Ringer-Promoter, der viel Geld damit verdient Wettkämpfe zu organisieren. Der Sohn Gregorius’, Kristo (Herbert Lom), ist allerdings ein harter Londoner Gangster, der nicht tatenlos zusehen will wie sein Vater sich zum Deppen macht und gleichzeitig seine eigenen Geschäfte untergraben werden. Aber Harry ist ja so stolz auf sein neues Geschäft. Und er braucht nur noch 200 Pfund …

Film Noir heißt das Genre, und Film Noir trifft es hier ganz genau. Kaum eine Szene die am Tag spielt, die Beziehungen zwischen allen Handelnden sind von Misstrauen gekennzeichnet, und das gegenseitige Ausnutzen zum jeweils eigenen Vorteil ist im Wesentlichen das einzig verbindende zwischen den Protagonisten. Und dazwischen Harry, fröhlich wie ein Vögelchen, immer optimistisch, immer gut gelaunt, immer einen Scherz auf den Lippen. Oder eine Lüge um seine Haut zu retten. Zu spät, viel zu spät merkt er, dass er mit diesen Geschichtchen seinen Ruf gnadenlos ruiniert hat.
Alle anderen handelnden Personen sind finster wie die Nacht. Der Nachtclubbesitzer Nosseross spielt mit den Menschen wie mit Marionetten, und wenn er sie nicht mehr braucht lässt er sie eiskalt fallen. Nosseross’ Frau Helen (Googie Withers) versucht ihren eigenen Weg zu gehen, unabhängig von ihrem Mann, und verlässt sich dabei auf Harry. Harry versucht ebenfalls seinen eigenen Weg zu gehen, nutzt Helen dabei aus, und verlässt sich wiederum auf Nosseross. Und der hat eben seinen ganz eigenen Plan.

Widmarks Rolle hat mich sehr stark an den 3 Jahre später entstandenen POLIZEI GREIFT EIN erinnert, aber eben erheblich düsterer und pessimistischer. Dort spielt er einen erfolglosen Taschendieb, der sich durch einen Zufall in Geschäften wieder findet die ihm eine Nummer zu groß sind. Hier ist er ein Schlepper, der Touristen in Nosseross’ Nachtclub abschleppen soll, und sich durch seine eigene Großmäuligkeit mit Gangstern anlegt, deren Gefährlichkeit er aber nicht abschätzen kann. Im Gegensatz zu dem später entstandenen Anti-Kommunisten-Film kommt hier aber noch eine gute Portion Tommy Udo hinzu, Widmarks erste Rolle als psychopathischer Gangster in DER TODESKUSS. Auch hier ist Widmark manisch, und wenn er ein Geschäft wittert steigert er sich hinein und versucht alles menschenmögliche um endlich einmal Glück zu haben. Seine körperliche Präsenz in DIE RATTE VON SOHO ist sehr stark, er schwitzt, er blutet, und überhaupt ist der Film auch insgesamt sehr körperbetont angelegt. Die Kamera ist oft sehr nah bei den Darstellern, rückt ihnen extrem nah auf die verschwitzte Kleidung. Die Räume sind oft eng und dunkel, die Dialoge finden auf engstem Raum statt. Und dann kommt der große Kampf in der Sporthalle, und der Kampf ist sehr hart und schwül in Szene gesetzt. Hier stoßen hasserfüllte Urgewalten aufeinander, und Dassin hat die Atmosphäre und die Emotionen perfekt eingefangen. Klinisch sauber ist hier nichts mehr. Liebe, Hass, Armut, Dreck, alles wird gezeigt, die Kamera hält immer drauf, und ich wage mal die Behauptung, dass ein US-amerikanischer Regisseur diesen Stoff ganz anders umgesetzt hätte. Sauberer eben …
Aber hier rieselt der Schmutz aus jedem Meter Zelluloid und zieht den Zuschauer tief in die trostlosen Gassen des East Ends und von Soho. Und auch wenn das jetzt alles ganz furchtbar prosaisch klingt, es soll einfach nur der Versuch sein diese herausragenden Bilder und die spannende Geschichte adäquat zu beschreiben.

Fazit: Ein harter und spannender Noir mit exzellenten amerikanischen Schauspielern, einem herausragendem französischen Regisseur und düsteren und schmutzigen Locations wie sie eigentlich erst gute 20 Jahre später in Mode gekommen sind. Höchst empfehlenswert!

8/10

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PostPosted: 06.06.2014 19:53 
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Das Fest des Ziegenbocks
La fiesta del chivo
Großbritannien/Spanien 2005
Regie: Luis Llosa
Tomas Milian, Isabella Rossellini, Miguel Acta, Ricardo Álamo, Sonia Alfonso, Eileen Atkins, Steven Bauer, Catherine Bliss, José Manuel Alvarez


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Von 1930 bis 1961 war Rafael Leónidas Trujillo Molina der Diktator der Dominikanischen Republik. Er herrschte durch Unterdrückung, mit Gewalt, mit einer mächtigen Polizei und einer starken Armee, und wer in Ungnade fiel (was sehr leicht und sehr schnell geschehen konnte) war bereits so gut wie tot. Trujillo regierte bis hinein in das Privatleben der Bevölkerung, arrangierte Hochzeiten oder verbot diese. DAS FEST DES ZIEGENBOCKS (aka DER TOD EINER BESTIE) schildert in Rückblenden die letzten Jahres des Diktators anhand mehrerer privater Geschichten. Die Kerngeschichte ist dabei diejenige der Tochter (Isabella Rossellini) des Staatssekretärs Agustín Cabral (Paul Freeman), der in Ungnade fällt und verzweifelt versucht wieder in Amt und Würden zu kommen. Darin eingeflochten sind die Schicksale eines Angehörigen der Leibwache (Juan Diego Botto), dem der Diktator (Tomas Milian) die Hochzeit verbietet, eines Generals (Steven Bauer) dem öffentlich Hörner aufgesetzt werden und noch einige mehr.

Trujillo war wie alle Dikatoren ein Schwein, und aus dem Spannungsfeld Schwein versus Unterdrückung versus private Freiheiten können spannende Geschichten entstehen, wie in vielen vielen Filmen über das Dritte Reich sehr gut zu sehen ist. Als Beispiel sei hier COMEDIAN HARMONISTS genannt, wo das unpolitische private Leben und das Einbrechen der Politik in dasselbe hervorragend miteinander verknüpft sind. Diese Verknüpfung, diese Aussage dass es kein unpolitisches Leben gibt, das findet in DAS FEST DES ZIEGENBOCKS auch statt, nur leider nicht so spannungsgeladen, nicht so zwingend erzählt wie es hätte sein können. In größeren Zeitabständen als Rückblende erzählt, plätschert der Film mit sehr schönen Bildern einer Tropenidylle dahin, gelegentlich wird jemand gedemütigt oder erschossen, dann folgen wieder schöne Bilder einer untergegangen Welt (ob diese Bilder wohl zufällig an das vorrevolutionäre Kuba erinnern sei jetzt mal dahingestellt). Es passiert auch relativ viel, aber es plätschert einfach weiter. Der Zuschauer kann keine richtigen Beziehungen zu den Personen aufbauen, und an dieser Stelle muss die Dramatik einfach versagen. Dass beispielsweise Trujillo dem General Vinas in aller Öffentlichkeit Hörner aufsetzt ist unschön, aber es berührt nicht. Genauso wenig wie das Schicksal des Bruders des Senatspräsidenten (David Zayas), woraufhin dieser vom „Chief“ (der historische Trujillo liess sich tatsächlich Jefe nennen) schwer enttäuscht ist und Rachegedanken hegt. So what?

Einzig Uranita (Stephanie Leonidas), die bildschöne Tochter des Staatssekretärs Cabral berührt ob ihrer Unschuld, und man ahnt sehr früh was ihr blüht (auch dank des Spoilers im Sprachmenü der 3L-DVD …). Aber auch hier wird keine wirkliche Beziehung aufgebaut, auch hier bleibt die Dramatik schwachbrüstig und dümpelt vor sich hin, die großen Gefühle bleiben einfach aus. Und wenn es zum Höhepunkt kommt, zu dem Fest des Ziegenbocks, dass zumindest einige der Hauptdarsteller schicksalhaft zusammenführt und ihr Leben nachhaltig verändert, dann wird das erzählt wie bei einem Unfall zweier Kleinwagen mit Blechschaden: undramatisch, uninspiriert, unspannend.
Vor allem den Punkt mit den großen Gefühlen habe ich in diesem als Drama ausgewiesenen Film doch sehr vermisst. Dass Tomas Milian seinem Diktator keine dämonischen Züge gibt, sondern diesen in weiten Strecken recht menschlich ausstattet, könnte ein unterschwelliges Gefühl der Bedrohung auslösen, aber auch hier mangelt es an transportierten Gefühlen. Um noch mal auf COMEDIAN HARMONISTS zurückzukommen: Wenn das Musikgeschäft zerstört und geplündert wird, dann kochen im Zuschauer die Emotionen hoch, wächst die Wut auf solche Unmenschen. Wenn in DAS FEST DES ZIEGENBOCKS hingegen der Bruder der Geliebten erschossen wird, dann ist das unschön für den Protagonisten, aber eben auch nicht mehr. Es berührt nicht. An den Schauspielern dürfte es nicht liegen, die machen ihre Sache eigentlich recht gut. Meiner Meinung nach ist der Regisseur hier einfach zu schwach, um aus einem mäßig inspirierten Drehbuch das Höchstmaß an Spannung und Dramatik herauszuholen.

Somit bleibt ein nicht uninteressanter Historienfilm über eine in Europa weitgehend unbekannte Epoche eines fernen Landes, der seine erzählerischen Möglichkeiten leider weitgehend verschenkt und sich hinter hübschen Bildern versteckt. Wahrscheinlich sollte man von einem Regisseur, der Filme wie ANACONDA oder SNIPER – DER SCHARFSCHÜTZE in seiner Vita stehen hat, wahrscheinlich sollte man von so jemanden nicht allzu viel erwarten. Aber das gleiche Thema, mit den gleichen Schauspielern, von einem Regisseur wie Steven Soderbergh oder Fernando Meirelles, das hätte den Zuschauer wahrscheinlich wesentlich mehr in den Sessel gedrückt.

5/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 07.06.2014 10:29 
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Sabata
Ehi amico … C’é Sabata, hai chiuso!
Italien 1970
Regie: Gianfranco Parolini
Lee van Cleef, William Berger, Franco Ressel, Linda Vera, Gianni Rizzo, Claudio Undari, Spartaco Conversi, Luciano Pigozzi, Ignazio Spalla


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Sabata (Lee van Cleef) liefert sich mit seinem alten Freund Banjo (William Berger) in einer kleinen Stadt einen undurchsichtigen und trickreichen Kampf um 100.000 Dollar. Abgeluchst werden soll das Geld dem schurkischen Großgrundbesitzer Stengel (Franco Ressel), der mit dem Geld zum einen Land aufkaufen will dass er dann teuer an die Eisenbahn verkauft, und zum anderen eine Armee Revolvermänner befehligt und bezahlt.

Ein putziger James Bond-Verschnitt als Italo-Western. Die Frage ist nicht ob Sabata seine Gegner tötet, sondern wo er die Waffe versteckt hat. Sabata ist seinen Gegnern immer einen Schritt voraus, kann Münzen in Schlitze von mechanischen Klavieren werfen, hat im Lauf seiner Derringer noch mal 3 zusätzliche Schüsse, und ist einfach der Supermann schlechthin. James Bond eben, wobei er den Part des Womanizers an William Berger abgibt, der sich mit einer hinreißenden Linda Veras im Bett tummelt und sonst nicht viel macht außer zu warten. Bis es ihm an den Kragen gehen soll, und dann hat auch Banjo eine Waffe geschickt versteckt.

Prinzipiell ist SABATA also als Vorgänger des Spencer/Hill’schen Klamauk-Westerns zu sehen. Noch ohne deftige Sprüche, ganz ohne Prügeleien, dafür seriöser und mit vielen Toten. Ernst zu nehmen ist das alles trotzdem nicht so recht, dafür sind Handlung und Charaktere zu comicartig, aber Spaß macht SABATA auf alle Fälle. Dafür sorgen schon die tollen Schauspieler, die schmissige Musik, sowie dass in der manchmal etwas wirren Handlung keine Sekunde Langeweile aufkommt. Und damit spielt dieser Bond-IW-Hybrid auf jeden Fall schon mal ein gutes Stück oberhalb des grauen IW-Durchschnitts und kann einen tristen Sonntagnachmittag locker versüßen.

7/10

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Bram Stoker's Dracula
Dracula
USA 1992
Regie: Francis Ford Coppola
Gary Oldman, Winona Ryder, Anthony Hopkins, Keanu Reeves, Sadie Frost, Tom Waits, Sadie Frost, Monica Bellucci, Cary Elwes, Richard E. Grant


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Graf Dracula (Gary Oldman) möchte zukünftig in England leben und kauft über den Maklerbeauftragten Jonathan Harker (Keanu Reeves) eine Ruine in London. Dort angekommen becirct er Harkers Frau Mina (Winona Ryder), die eine Wiedergeburt seiner vor 400 Jahren verstorbenen Gattin ist. Der Arzt Dr. van Helsing (Anthony Hopkins) möchte dem gar üblen Treiben Einhalt gebieten …

Opulent ist das Wort das hier am Besten passt. Opulent sind die Bilder, opulent ist die Ausstattung, opulent sind die Computertricks, und das Ergebnis all dieser Bemühungen ist – opulent … Im Ernst, DRACULA ist visuell definitiv ein Fest für die Sinne. Coppola arbeitet mit Tricks wie hintergründigen Schattenspielen die nicht zum Vordergrund passen und kleinen perspektivischen Veränderungen (man beachte die Szene wenn Harker sich rasiert, was da mit dem Hintergrund passiert), und erzeugt damit ein gigantisches Grand Guignol-Bild des viktorianischen Englands. Und wenn schon der Begriff Grand Guignol fällt, dann passen dazu auch die in weiten Teilen leicht künstlich wirkenden Kulissen und die theatralischen Szenerien. Schauerromantik, wie sie sich die damaligen Schriftsteller möglicherweise vorgestellt haben, und wie sie so in den US-amerikanischen Gruselfilmen der 20er und 30er Jahre zuletzt gesehen werden konnte (beispielsweise in den Filmen von Tod Browning und James Whale).

Und doch bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack. OK, es hat eine Menge Kitsch (der eigentlich nicht wirklich stört, weil der Roman halt nun mal auch viel mit Liebe zu tun hat), und manchmal drückt Coppola schon arg auf die Tränendrüse (etwa beim ersten Filmtod Winona Ryders). Aber es fällt halt auf, dass vor allem in der ersten Hälfte des Films die Bilder oft überlagert werden von anderen Filmbildern, von denen der Vorgängerfilme. Herzogs NOSFERATU drängt sich immer wieder auf, und in den Szenen am Borgopass kopiert Coppola unverholen DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT. Als nächstes fällt auf, dass Renfield in NACHTS WENN DRACULA ERWACHT erheblich überzeugender agiert (vom schauspielerischen her gesehen), und dass Keanu Reeves, den ich normalerweise recht gerne sehe, gegen Bruno Ganz einfach ganz furchtbar abstinkt. Selbst Fred Williams war überzeugender (oder richtiger: eindrücklicher), und Anthony Hopkins kann als kauziger Dämonenjäger mit Herbert Lom ohne weiteres konkurrieren. Einzig der Hauptdarsteller überzeugt auf ganzer Linie, was aber bei Gary Oldman auch nicht anders zu erwarten ist.

Und somit haben wir wunderbare gotische Tableaus, in denen teilweise hanebüchene Aktionen von nicht immer inspirierten Schauspielern dargeboten werden. Erst im Showdown, ab der Ankunft in Varna, passt alles zusammen, wenngleich der Westerntouch hier wieder etwas störend wirkt. Vielleicht muss man den Film auch einfach im Kino auf der großen Leinwand sehen um von den Bildern erschlagen zu werden und die Schwächen nicht zu bemerken. Aber auf dem Fernseher, selbst einem großen Fernseher, drängen sich die störenden Elemente leider doch etwas in den Vordergrund.

Fazit: Wegen der vielen Kleinigkeiten die Coppola eingebaut hat, den Spielereien mit der Kamera, der wundervolle Szene in der Mina Seiten ihres Tagebuchs ins Wasser wirft (und somit Bram Stoker gar nicht die ganze Wahrheit erzählen kann), den opulenten (sic!) Tableaus, wegen all diesen schönen Dingen vergebe ich knappe 7 von 10 Blutfontänen. Und wegen des Traums, dass sich die nackte Monica Bellucci zwischen meinen gespreizten Beinen materialisiert … Schauspieler hätte man werden sollen …

7/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 22.06.2014 21:37 
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Michael Strogoff (aka Der Kurier des Zaren)
Michael Strogoff
Deutschland/Frankreich/Schweiz/Österreich 1975
Regie: Jean-Pierre Decourt
Raimund Harmstorf, Lorenza Guerrieri, Valerio Popesco, Vernon Dobtcheff, Pierre Vernier, Rada Rassimov


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In den 70er Jahren gab es im Fernsehen die wundervolle Einrichtung des sogenannten Adventsvierteilers. Heute würde man es als Mini-Serie bezeichnen, damals war es eine durchgehende Geschichte, verteilt auf 4 Folgen, und etwa zur Adventszeit gesendet. Erinnern kann ich mich an Jules Vernes 2 JAHRE FERIEN (eine Art HERR DER FLIEGEN-Vorgänger), an so etwas wie den LOCKRUF DES GOLDES (der mich damals ob seiner Bilder und der dargstellten Gewalt sehr beeindruckt hat), natürlich den SEEWOLF, der in Deutschland Harmstorf’ Ruf als Kartoffelquetscher begründet hat, sowie an DIE MERKWÜRDIGE LEBENSGESCHICHTE DES FRIEDRICH FREIHERRN VON DER TRENCK mit dem genialen Matthias Habich (von dem einige Bilder bis heute in Erinnerung geblieben sind). Und natürlich DER KURIER DES ZAREN. Damals, ich war etwa 9 Jahre alt, hat mich die schmissige Titelmusik schon mal extrem beeindruckt, dazu die wilde Landschaft, die tollen Abenteuer, das Leid und die Tragik der Hauptfigur …

Es hat noch mehr Adventsvierteiler gegeben haben, diese hier sind als persönliche Erinnerungen hängengeblieben, und somit ist die „Auswahl“ sehr subjektiv zu bewerten. So oder so verbergen sich hinter diesen jeweils rund 90-minütigen(!) Folgen große europäische Koproduktionen mit einigen Namen im Gepäck, bei denen der heutige Euro-Fan mit der Zunge schnalzt. Beim googlen sind mir bei den aufgeführten Serien Namen aufgefallen wie Werner Pochath, Nicoletta Machiavelli, Ferdy Mayne, Rada Rassimov, Arthur Brauss …

Fein, dass es mittlerweile bei den DVD-Labels Menschen meiner Generation gibt, die ihre frühen Fernsehabenteuer mit anderen Menschen ihres Alters teilen möchten, weswegen MICHAEL STROGOFF dieser Tage seinen Weg in meine Sammlung gefunden hat. Ich war im Vorfeld sehr gespannt, ob die Wucht und die Qualität nach fast 40 Jahren noch so wirken wie in meiner Kindheit, oder ob mir das alles vielleicht veraltet vorkommen mag.
Zugelegt habe ich mir die deutsche DVD von Concorde, bei der laut OFDB das Ende fehlt. Wahrscheinlich werden in dem recht umfangreichen Booklet noch einige Hintergrundinformationen auftauchen, die ich dann an nachgelagerter Stelle einpflegen werde. Da ich aber die Erfahrung machen musste, dass Booklets öfters spoilern, möchte ich mir die Spannung nicht nehmen, auch wenn die Richtung der Geschichte natürlich bekannt ist (zumal ich den Roman bereits mehrmals verschlungen habe).

Laut Wikipedia wurde DER KURIER DES ZAREN Ende Dezember 1976 erstmalig ausgestrahlt (was jetzt nicht wirklich Adventszeit wäre). Die Dreharbeiten fanden mit großem Material- und Menschenaufwand in Ungarn statt, ein Stuntman starb während der Dreharbeiten, und offensichtlich liess sich Raimund Harmstorf nie doublen, was wohl zu einigen Verletzungen führte.

Folge 1

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In Sibirien proben die Tataren den Aufstand, in dem sie die Telegraphenleitung nach Irkutsk kappen. Im fernen Moskau ist der Zar beunruhigt, ist doch sein unerfahrener Bruder der dortige Gouverneur. Also wird der Rittmeister Michael Strogoff losgeschickt den Gouverneur vor dem Aufstand zu warnen und ihm geheime Instruktionen zu überbringen. Gleichzeitig flieht der Tatarenführer Ogareff aus einem russischen Gefängnis und versucht gemeinsam mit seiner Freundin, der Zigeunerin Sangarre, ebenfalls nach Sibirien zu gelangen, um die Aufständischen anzuführen.
Strogoff reist also undercover mit dem Zug, wird aber von einer Militärpatrouille ob seiner Waffe verhaftet. Er kann fliehen und trifft in Perm auf Nadja Fedor, die in Sibirien ihren verbannten Vater besuchen will. Gemeinsam wird die Reise per Schiff und Kutsche fortgesetzt, parallel erzählt zu einerseits der Reise Ogareffs und Sangarres, andererseits zu der ebenfalls ostwärts führenden Reise zweier europäischer Journalisten, die über den Tatarenaufstand berichten. Ein furchtbarer Gewittersturm, wilde Hunde, ein Bär – dies sind so die Gefahren die überwunden werden müssen.

Wie gesagt, ich war sehr gespannt auf die Alterung eines Kindheitstraums. Der erste Eindruck war eine Musik, die so auch von Martin Böttcher hätte sein können. Vladimir Cosma war da eine Überraschung, klingt aber trotzdem toll. Erster Test also bestanden …

Die Bilder von rebellierenden Tataren kamen dann erstmal etwas grau und ungelenk daher. Der Eindruck „Fernsehproduktion“ machte sich öfters mal breit – zwar wollten die Bilder oft episch sein, aber es schien als ob Regie und Schnitt keine Epik zulassen wollten. In Verbindung mit der oft Winnetou-mäßigen Musik kam auch im weiteren Verlauf häufiger ein klein wenig Enttäuschung auf, dass die Bilder und die Abenteuerhandlung nicht mehr waren, dass der große Breitwand-Winnetou-Effekt offensichtlich auf Teufel komm raus vermieden werden sollte. Hinzu kommt, das die Kämpfe oft etwas ungelenk wirken, allzu große Brutalitäten für das Fernsehpublikum natürlich vermieden werden müssen, und die Synchronisation nicht immer zu den Lippenbewegungen passt. Wenigstens spricht Harmstorf sich selbst …
Strogoff wird als James Bond der Zarenzeit eingeführt (nämlich über eine Sequenz seines Trainingsprogramms – Reiten, schwimmen, schießen, köpfen, turnen), und wird von Zar M mit einem offensichtlichen MacGuffin losgeschickt Abenteuer zu erleben und das Reich zu retten. Er kann alles, weiß vieles, verführt die hübsche Nadja mehr oder weniger im Handumdrehen, kann kleine Halunken verhauen, aufdringliche Säufer auf ihre Plätze verweisen, und ist mit seinem breiten Spitzbubenlächeln einfach „The Man“. Es ist der Ausstrahlung und der Schauspielkunst Raimund Harmstorfs zu verdanken, dass diese Charakteristik nicht in die Hose geht sondern zu weiten Teilen tatsächlich gut funktioniert. Auch wenn er in diesem ersten Teil noch gewaltig Supermann-mäßig rüberkommt (später verwächst sich das dann etwas), man kann sich mit ihm als Held auf jeden Fall gut identifizieren, und das ist schließlich was zählt.

Die Kulissen sind zum großen Teil mit viel Liebe zum Detail gemacht. Die hölzernen Städte und Ensembles mit Scheunen und Holzhüttchen schauen aus wie in einem Freilichtmuseum, was aber in keinster Weise negativ gemeint ist. Und auch wenn es in der Stadt Perm ausschaut wie auf einem Mittelaltermarkt, dann stimmt das Flair ganz einfach, scheiß auf jegliche Authentizität. Durch den Einsatz großer Mengen von Komparsen zieht das Erlebnis den erwachsenen Zuschauer in diesen Momenten immer noch genauso in seinen Bann wie das Kind vor 40 Jahren. Im Gegenzug werden dann Nachtszenen oft durch starke Unterbelichtung erzeugt, was (heute) größtenteils einfach nur billig wirkt. Auch die Actionszenen im Sturm sind deutlich im Studio gedreht worden, da wirkt die Tricktechnik für eine Produktion dieser Größenordnung merkwürdig unterbudgetiert. Die Action wird oft durch die gelungene Schnitttechnik generiert, und wenn beispielsweise Strogoffs Kampf mit den wilden Hunden gar nicht zu sehen ist, sondern vielmehr im Kopf des Zuschauers stattfindet, dann ist das Gesamtergebnis trotz aller Maulerei absolut überzeugend.

Fazit nach dem ersten Teil: Trotz des etwas dürftigen Bildes der DVD ein toller Ausflug in die Kindheit. Wer ein Herz für europäische Abenteuerproduktionen aus den 70ern dürfte hier mit Sicherheit auch zufrieden sein. Und die Schlussmusik, die als Nadjas Theme auch auf Single erschienen ist, spricht mich heute auch ein gutes Stück mehr an als damals …


Folge 2

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Je weiter Strogoff und Nadja nach Osten kommen, desto schwieriger wird es die Reise zu organisieren. Es gibt kaum noch Pferde, Relaisstationen werden überfallen, und an der Fähre über einen Fluss ist dann endgültig Schluss: Tataren überfallen die Fähre, verwunden Strogoff schwer und entführen Nadja. Ein Fischer pflegt Strogoff gesund, und dann geht die Reise weiter in das gerade von den Tataren eingenommene Omsk, Strogoffs Heimatstadt. Prompt wird er von seiner Mutter erkannt, muss sie aber verleugnen. Ein Polizist, der die Szene beobachtet, verhaftet die Mutter, Strogoff selber kann aber mit Hilfe des örtlichen Widerstandes aus der schwer bewachten Stadt entkommen. Im Gefangenenlager freunden sich die Mutter und Nadja an, ohne zu ahnen, dass beide ihr Herz an den gleichen Mann gehängt haben.
Strogoff reitet weiter nach Osten, wird aber von den Tataren und einem mit ihnen kollaborierenden Nachbarsjungen verfolgt. In einem Dorf wird er von freundlichen Bäuerinnen durch einen Sumpf gelotst. Die Tataren bestrafen die Dörfler für diese Tat, indem sie die Frauen gefangen nehmen und das Dorf anzünden, derweil Strogoff im Sumpf um sein Leben kämpft. Bauern retten ihn und gemeinsam werden die Tataren dann getötet und die Frauen befreit. Nur der Kollaborateur kann unerkannt entkommen und bietet Strogoff seine Dienste beim Weiterkommen nach Osten an.

Und hier war auch der Effekt der damaligen Mehrteiler deutlich zu beobachten: Die Folge endet damit, dass Strogoff aus dem Bild reitet, von einem Trupp Tataren hart verfolgt. „Uuääh“ tönt es vor dem Fernseher, „dass darf doch nicht wahr sein, dass jetzt schon Ende ist!“. Die gleiche Reaktion wie vor 40 Jahren, nur dass man früher dann eine Woche warten musste …

Die Kämpfe werden weniger ungelenk, hier und da werden ein paar sehr vorsichtige Metzeleien eingestreut, und insgesamt wirkt alles etwas flüssiger als im ersten Teil. Auch die Spannungsschraube wird angezogen, und wo im ersten Teil noch die Charaktere eingeführt werden mussten darf hier jetzt geprügelt werden und Action stattfinden. Böse gesprochen hat mich der Handlungsablauf ein klein bisschen an ein Abenteuerspielbuch erinnert: Du kommst an eine Poststation. Es ist niemand zu sehen. Was tust Du? Gehst Du in die Scheune? Weiter bei 245. Reitest Du weiter? Weiter bei 19. Aber durch diese mehr oder weniger stringente Szenenabfolge ist garantiert dass immer etwas passiert, dass eine konstante Grundspannung eingehalten wird.
Der eine Höhepunkt ist hier auf jeden Fall das Kutschen-Wettrennen zwischen Strogoff und Ogareff, das sehr dynamisch in Szene gesetzt ist. Bei den Aufnahmen wurde wohl eine Handkamera eingesetzt, und selbst mit dem kleinen Letterboxed-Bild ist der Zuschauer mittendrin und wird ordentlich durchgeschüttelt. Der andere Höhepunkt ist dann natürlich die Verfolgungsjagd in den Sümpfen und die Fangopackung die Harmstorf hier verpasst bekommt. Hier gelingt es tatsächlich für kurze Zeit eine intensive Stimmung einzufangen, Zeitnot, Verfolgung, Lebensgefahr, hier blitzt alles durch und beschert dem Zuschauer einige sehr starke und geradezu quälende Momente.

Auf der anderen Seite dann der recht rudimentäre Kampf um Omsk, der mit ein paar Kanonen, wenigen toten Soldaten, einer sehr großzügigen Schnittfolge und vielen Worten stattfindet. Und was soll ich sagen, es funktioniert! Mit geringem logistischem Aufwand kann eine Schlacht „dargestellt“ werden, wobei die Szenen im von den Tataren besetzten Omsk dann wieder erheblich stärker sind und eine außerordentlich dichte und düstere Atmosphäre haben. Keiner traut dem anderen, überall korrupte Polizei die verhaftet wer ihr gerade nicht passt (wobei die Polizei hier generell nicht gut wegkommt – ob das bei Jules Verne auch schon so war oder dem Zeitgeist geschuldet ist kann ich nicht sagen, ich vermute aber letzteres. Und der Spannung dient es allemal). Und mittendrin der vom der Polizei gesuchte Michael Strogoff der einen Ausweg aus der Stadt sucht. Sternstunden der TV-Unterhaltung (Ernst gemeint)!

Schöne Landschaftsaufnahmen werden gezeigt, und Strogoff hat vor allem bei dem Abschnitt in den Sümpfen auch mal Probleme, was der Figur sehr zugute kommt. Gleichzeitig wird Ogareff, den ich als Kind immer als abgrundtief böse empfunden hatte, sehr menschlich, modern und weltoffen dargestellt. Nicht mehr der böse abtrünnige Offizier des ersten Teils, sondern eher ein Revolutionär mit republikanischen Anwandlungen, der auch kein Problem hat sich den Fragen der europäischen Journalisten zu stellen. Aus heutiger Sicht eine interessante Charakterisierung, und ich bin sehr gespannt wie die Figur sich weiterentwickeln wird. Am Ende des zweiten Teils ist Ogareff von den Hauptfiguren auf jeden Fall der vielschichtigste und am weitesten ausgearbeitete Charakter. Schade, dass der rumänische TV-Schauspieler Valerio Popesco sonst kaum zu sehen war. Rückblickend könnte ich ihn mir gut in dem ein oder anderen Giallo vorstellen.

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Valerio Popesco und Rada Rassimov - Duo Infernale

Fazit nach dem zweiten Teil: Während der erste Teil die Figuren eingeführt und die Grundzüge der Geschichte gelegt hat, kommen im zweiten Teil Spannung und Action zu ihrem Recht, und die Faszination der Kindheit kommt wieder. Und obwohl ich weiß welches Drama im dritten Teil auf mich wartet, bin ich doch sehr gespannt auf die Fortsetzung. Hier gilt einmal mehr, dass der Weg das Ziel ist …


Folge 3


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Michael Strogoff kann den Aufständischen durch einen Trick knapp entkommen, die Verfolger denken sogar dass er nun tot ist. Ogareff bedauert dies, wollte er sich doch mit dem Siegel des Zaren in Irkutsk als Kurier einschleichen und die Verteidigungsstrategie im Sinne der Angreifer mitbestimmen. Bei der folgenden Schlacht um die Stadt Koliman allerdings wird Strogoff nun doch endgültig gefangen genommen, allerdings nicht erkannt. Aufmerksame Beobachter im Lager stellen allerdings bei Nadja und Strogoffs Mutter seltsame Reaktionen beim Anblick eines Mitgefangenen fest. Die darauf folgende brutale Aktion Ograreffs entlarvt Strogoff nun endgültig und gibt ihn in die Hände seines Widersachers.
Ogareff trifft sich mit dem Heerführer der Tataren, Feoman, einem alten Freund und Gegner. Er schenkt ihm Strogoff und erläutert ihm seinen Plan. Feoman will zeigen dass er auch ohne den geistig überlegenen Ogareff handeln kann und blendet Strogoff. Am nächsten Tag greifen die russischen Truppen Feomans Lager an, und in dem Wirrwarr der Kämpfe können Strogoff und Nadja fliehen. Strogoff ist jetzt blind und wird von Nadja geführt. Können sie wirklich noch rechtzeitig bis nach Irkutsk kommen und den Gouverneur warnen?

Nun hat es bei mir doch einige Zeit zwischen den Folgen 2 und 3 gedauert, trotz des starken Cliffhangers am Ende der 2. Folge. Ob es nun an der langen Wartezeit lag, oder an den Mengen der in der Zwischenzeit gesehenen Filme, aber irgendwie mochte die Episode 3 nicht so recht zünden. Etwas verworren ist das Hin und Her der Hauptpersonen – Strogoff wird gefangen, kann flüchten, wird wieder gefangen, und dazwischen wird endlos geritten. Der Tod der Mutter wird gleich gar nicht mehr gezeigt, und überhaupt werden die Guten immer farbloser und uninteressanter. Erst gegen Ende, mit dem blinden Strogoff, kommen wieder etwas Spannung und interessantere Figurenzeichnungen ins Spiel, aber durch den in den vorherigen Episoden erarbeiteten Superhelden-Nimbus Strogoffs hält sich das Interesse doch ein wenig in Grenzen.
Die Tataren hingegen, also Ogareff und Feoman, sind schillernde und spannend aufgebaute Charaktäre, die sich bei jeder passenden oder nicht passenden Gelegenheit angiften, obwohl sie doch für den großen Sieg eigentlich zusammenarbeiten müssten. Ogareff zeigt einmal mehr seine Intelligenz und seinen in Russland erworbenen Stil, während Feoman den einfachen Barbaren mit Hang zum Sadismus gibt – Ein Paar wie Itchy und Scratchy, und genauso farbig und abwechslungsreich geschildert.

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Der Höhepunkt der Episode ist natürlich die Feier nach der gewonnen Schlacht gegen die Russen, wenn Säbeltänze stattfinden, alle mächtig Spaß haben, und als Highlight Michael Strogoff dann geblendet wird. Mit viel Liebe zum Detail inszeniert habe ich mich gefühlt wie auf einem Mittelaltermarkt, was absolut positiv gemeint ist. Auch der Kampf in der Telegrafenstation ist sehr gut gelungen, mit einem liebenswert-skurrilen Telegrafenwärter als Nebenfigur. Aber vor allem diese Episode ist viel zu schnell vorbei und wird dann von einem endlos erscheinenden Intermezzo in einem Gefangenenlager abgelöst, wo einfach nichts passiert. Als nächstes wird geritten und geritten und geritten, und dann wird Strogoff wieder eingefangen. Ist dem Drehbuchautoren da wirklich nichts anderes eingefallen als ausgerechnet bei Fidani-Filmen nach Füllmaterial zu suchen?

Auf der Habenseite also einige gut gemachte Einzelepisoden und starke Schurkenfiguren, im Soll dann die zunehmend uninteressant werdenden Helden und viel Leerlauf zwischen den einzelnen Stationen der Handlung. Bleibt zu hoffen, dass dies nur das Luftholen vor dem großen Showdown ist und kein Dauerzustand bleibt.

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Last edited by Schmutziger_Maulwurf on 08.02.2015 10:42, edited 1 time in total.

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PostPosted: 02.08.2014 16:51 
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Piccadilly null Uhr zwölf
Deutschland 1963
Regie: Rudolf Zehetgruber
Helmut Wildt, Hanns Lothar, Ann Smyrner, Pinkas Braun, Klaus Kinski, Karl Lieffen, Ilja Richter, Marlene Warrlich, Camilla Spira, Rudolf Fernau, Albert Bessler


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Mike Hilton (Helmut Wildt) wird aus dem Gefängnis entlassen, diese Meldung verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Unterwelt, und eine Menge Leute werden nervös. Zum Beispiel der frühere Polizeiinspektor und jetzige Säufer Jack Bellamy (Hanns Lothar), der Hilton in den Knast gebracht hat, der Rechtsanwalt Sir Cunningham (Pinkas Braun), der Hilton vor Gericht nicht genügend verteidigt hat, oder der Gangsterboss Lee Costello (Karl Lieffen), welcher der eigentliche Drahtzieher jener Geschäfte war, für die Hilton 8 Jahre unschuldig gesessen hat. Und alle wissen dass Hilton nichts mehr zu verlieren hat …

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1963 war bei den Wallace-Verfilmungen ein gutes Jahr. DER ZINKER, DAS INDISCHE TUCH und DER SCHWARZE ABT zogen reichlich Publikum in die Kinos. Die Rialto-Konkurrenz schaute in die Röhre und hätte doch so gerne auch etwas vom Kuchen abgehabt. Und nachdem im Jahr zuvor DAS HALSTUCH im Fernsehen einen überwältigenden Erfolg hatte, warum nicht einen Durbridge-Krimi für das Kino adaptieren? So dachte man sich bei der Divina-Produktion und engagierte Rudolf Zehetgruber den Durbridge-Krimi „12 past 12“ in Filmsprache zu übersetzen. Dazu ein paar bekannte Stars: Helmut Wildt war damals gerade am Beginn seiner Karriere und machte optisch als harter Knochen auf jeden Fall einiges her, Ann Smyrner ist sehr schneckig und wirklich wunderhübsch anzusehen, und Karl Lieffen, Klaus Kinski und Pinkas Braun sind die großen Zugpferde für das Publikum.

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So weit, so gut. Aber irgendwie hat der gute Rudolf Zehetgruber das Ding ziemlich an die Wand gefahren. Hatte er kurz zuvor noch die Durbridge-Verfilmung DIE NYLONSCHLINGE mit Dietmar Schönherr inszeniert und den action- und temporeichen DIE SCHWARZE KOBRA mit Adrian Hoven und ebenfalls Ann Smyrner geschrieben und gedreht, so wirkt PICCADDILLY wie ein Film eines anderen, unerfahrenen Regisseurs. Die Story bietet eigentlich jede Menge Platz für Action, schöne und verruchte Frauen (der Ex-Inspektor Bellamy ist mit einer Hure liiert, die für den Gangster Costello arbeitet), zwielichtige Charaktere (dto.), aber was passiert im Film: Wenig … Es wird sehr viel geredet, und die Actionszenen sind selbst für das Jahr 1963 sehr zahm gedreht. Ein Beispiel: Bellamy will einen Schläger verhören. Er steht links vom Schläger der am Boden hockt. Er meint sinngemäß „Redest Du jetzt, oder soll ich Dir Dampf machen?“, geht auf die rechte Seite des Schlägers – und der gibt auf. Und das Beste: ein kurzer Schnitt zu Hilton, wieder zu dem Schläger – und der hat urplötzlich Verletzungen im Gesicht. Entweder ist meine TV-Aufzeichnung geschnitten, oder ich habe mehrere Minuten nicht mitbekommen (was ich ehrlich gesagt für unwahrscheinlich halte). Die vorhergehende Prügelei zwischen Hilton und den 2 Hackfressen ist dabei auch noch sehr harmlos und langsam gedreht worden, von Tempo und Spannung keine Spur. Da hat Fuchsberger zeitgleich in den Wallace-Filmen schon mehr hinlangen dürfen, und das war dann auch rasanter inszeniert.

Überhaupt das Tempo: Alles geht relativ langsam vonstatten. Cunningham bekommt Besuch und legt vorher noch Unterlagen in seinen Safe. Er geht also zu seinem Safe, legt die Unterlagen hinein, macht die Tür zu, verschließt die Tür, und DANN erst betritt der Besuch sein Büro. Und genau so langsam wie sich das liest, so fühlt es sich auch an. Sprich, das Timing passt einfach nicht, und das sollte einem Zehetgruber auch zu Beginn seiner Karriere aufgefallen sein.

Die Zweithandlung um den kanadischen Erben wirkt teilweise sehr aufgesetzt, und die Lösung dieser Zweithandlung ist bereits extrem früh abzusehen. Auch hier wurde eine Menge Potential verschenkt Spannung aufzubauen, falsche Fährten zu legen und das Publikum auf eine Achterbahnfahrt zu schicken. In den Wallace-Filmen sieht man ja wie so etwas vonstatten gehen kann.

Auf der Habenseite stehen dann vernünftige schauspielerische Leistungen: Hanns Lothar spielt recht zurückhaltend und macht den Säufer damit sehr glaubhaft. Seine gedämpfte Art, verbunden mit dem ein oder anderen Gefühlsausbruch, zeigt einen ansprechenden und glaubhaften Charakter. Karl Lieffen ist fies und böse und mordet am liebsten mit einer Stahlrute. Abgesehen von seiner geckenhaften Kleidung ebenfalls ein überzeugender Auftritt. Niemand, dem man allein im Dunklen begegnen möchte. Pinkas Braun ist genial wie immer, und was mit Klaus Kinski als Albino Whitey passiert, wie er das erste Mal Ann Smyrner zu Gesicht bekommt, das ist (kinskitypisch) genial.
Dass Albert Bessler und Dieter Eppler so gnadenlos verschenkt werden, das ist allerdings schade. Gerade Epplers Figur, die offensichtlich nicht ganz sauber zu sein scheint, hätte bestimmt noch mehr Potential gehabt, das von Eppler sicher hätte gut ausgefüllt werden können. Weil sonst passen die Nebenrollen recht gut: Rudolf Fernau als Inspektor Craddock ist solide, Stanislav Ledinek als Kneipenwirt Sammy macht wie immer Laune, und einzig Ilja Richter als jugendlicher Edgar Wallace (sic!) und Kurt Fips als Bobby nerven etwas – letzterer hatte einfach das Pech die Eddi Arendt-Rolle zu bekommen. Gerade hab ich gelesen, dass Kurt Fips den Elmer Fudd bei Bugs Bunny gesprochen hat. Gut dass ich das vor dem Film nicht wusste, sonst hätte ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass er sich umdreht und meint „Pssst, ich jage Gangster“.

Was zum letzten Punkt führt, den Texten. Der flapsige Humor, der einem hier um die Ohren gehauen wird, ist ebenfalls ein absoluter Pluspunkt.
„Ist das ihr Freund?“ „Nein, meine Hausbar“ (über den Säufer Bellamy, der immer eine Flasche Whisky in der Manteltasche hat)
„Ich weiß genau was ich will.“ „Das kann aber gefährlich werden. Solche Dinge enden meist in der Entbindungsstation.“ (bevor sie ihn endlich küssen kann)
„Ein Erbstück von Betty“ (über die Nichte der gestorbenen Pensionswirtin Betty)

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Als Fazit bleibt, dass die Wallace-Verfilmungen der Rialto Maßstäbe gesetzt haben in Bezug auf ansprechendes Unterhaltungskino, und dass andere Produktionen der Zeit diesen Maßstab nicht unbedingt erreicht haben. PICCADILLY NULL UHR ZWÖLF ist ein netter Krimi für Zwischendurch, mit einem recht spannend umgesetzten Einbruch, ordentlichen Schauspielern, guten Texten, und einer gehörigen Portion fehlendem Gespür für das Timing und die Figuren. Womit es leider nicht mehr als 5 von 10 Whiskyflaschen werden.

5/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 03.08.2014 11:01 
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Walhalla Rising
Valhalla rising
Dänemark/Großbritannien 2009
Regie: Nicolas Winding Refn
Mads Mikkelsen, Jamie Sives, Gary Lewis, Alexander Morton, Ewan Stewart, Andrew Flanagan, Gary McCormack, Gordon Brown, Callum Mitchell


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Irgendwann in einer barbarischen Zeit, irgendwo in einem rauem Land, sitzen Männer zusammen und schauen zum Zeitvertreib zu, wie ein stummer einäugiger Krieger (Mads Mikkelsen) in gnadenlosen Kämpfen andere Krieger zu Matsch zerschlägt. Zwischen den Kämpfen sitzt der Einäugige in einem Käfig, er wird wie ein Tier gehalten und wie ein Tier gefüttert. Außerhalb des Käfigs wird er an Stöcken auf Distanz gehalten, wie eine gefährliche Bestie. Wenn er den Käfig verlassen kann, dann nur um zu töten oder sich gelegentlich zu waschen.
Bei einem Bad in einem Teich findet er eine abgebrochene Pfeilspitze. Beim nächsten Transport in ein anderes Dorf, sein Besitzer hat ihn verkauft, kann sich der Einäugige befreien. Zusammen mit einem Jungen schließt er sich einer Gruppe christlicher Wikinger auf ihrem Weg nach Jerusalem an, das Heilige Land zu befreien. Ihre tagelange Fahrt durch dicken Nebel wirkt wie ein bewegungsloses Gleiten durch eine sargassische See, bis sie nach Tagen oder Wochen der Irrfahrt im gelobten Land ankommen. Doch das gelobte Land entpuppt sich als alles andere als gelobt, vielmehr ist es die Hölle, und es scheint als ob der Einäugige nach Hause zurückgekehrt ist.

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Ein roher, ein mythischer Film. Kein Film für den gängigen Sehgeschmack (wie so oft bei Refn), und kein Film zum „Mal-eben-schnell-konsumieren“. Zum einen setzen sich die Bilder fest – sowohl die krassen Bilder der harten Gewaltdarstellung, wie auch die überwältigenden Bilder der gigantisch schönen Landschaft Schottlands. Zum anderen ist die Handlung, wenn man sie so überhaupt nennen darf, sehr rudimentär. Da der Einäugige nicht spricht und sich somit auch nicht erklärt, sondern seine Handlungen von seinem jugendlichen Begleiter interpretiert werden, ist auch für den Zuschauer nicht immer alles vorgekaut. Wie man in einen Teich hineintaucht und die Oberfläche über sich zusammenschlagen lässt, so sollte man sich auch in WALHALLA RISING hineinfallen und treiben lassen und wachen Sinnes aufnehmen was einem entgegen treibt.

Und dann ergibt dieses grob strukturierte Handlungsgerüst auch einen Sinn. Aufgeteilt in die einzelnen Kapitel des Films, Zorn – Der stille Krieger – Männer Gottes – Das Heilige Land – Hölle – Das Opfer, wird der Einäugige sukzessive menschlicher in seiner Darstellung und seiner Handlungsweise. Wird uns der Kämpfer zu Beginn als Gott des Krieges und des Todes vorgestellt, für den Blut und Gewalt Alltag sind, so sehen wir im weiteren Verlauf seinen Weg zum Menschsein, zur eigenen Sterblichkeit, und wieder zurück zur Gottheit. Und wenn er diese Metamorphose durchlaufen hat, dann ist er kein quasi unsterblicher und mythischer Todesgott mehr, sondern vielmehr einer, der sein Leben für seinen Begleiter hingibt und sich somit als Gott der Liebe zeigt. Und damit erzählt Refn sehr wohl eine Geschichte nach dem klassischen Erzählmuster Beginn – Veränderung – Ende, nur vielleicht ein wenig versteckter als heute üblich.

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Natürlich polarisiert WALHALLA RISING das Publikum. Die einen langweilen sich gnadenlos und schreien nach mehr Action, die anderen goutieren die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und sind abgestoßen von der Gewalt. Ich vermute mal, dass die Gruppe derjenigen, die hier eine Einheit zwischen Tarkowksi und VIKINGS, zwischen Arthouse und Slasher wiederfinden, dass diese Gruppe recht klein ist. Und allein dafür, dass Refn den Mut hat solche sperrigen Filme zu drehen, allein dafür gehört er belohnt. Wie gesagt, in den Film eintauchen wie in einen Teich und ihn über sich zusammenschlagen. Alle Grenzen hinter sich lassen, in eine andere Welt tauchen, sich treiben lassen, und mit Eindrücken belohnt werden die das (moderne) Durchschnittskino schon lange nicht mehr bieten kann.

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9/10

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PostPosted: 30.08.2014 17:51 
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Die Knallschote (Deutscher Originaltitel Das Tollste vom Tollen)
Ah! Les belles bacchantes
Frankreich 1954
Regie: Jean Lubignac
Robert Dhéry, Francis Blanche, Colette Brosset, Louis de Funès, Raymond Bussières, Michel Serrault, Jacques Legras, Jacqueline Maillan, Gérard Calvi


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Während der Proben für eine neue Revue in einem Theater geht es drunter und drüber: Neue Künstler zeigen ihre Darbietungen, die Frau des Klempners strippt, Brosset Colette Einmeterneunundfünzig barfuss aber mit Absätzen viiiiiiel größer zeigt dass sie nicht so richtig toll tanzen kann, und mittendrin Inspektor Knopf von der Sitte (Louis de Funès), der die Show auf verbotene Schlüpfrigkeiten überwachen soll.

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Vorweg: Der Film ist Teil der Balduin-Collection von Kinowelt, und ist in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Verwertung einer Lizenz für einen Film, den als Standalone kein Mensch außerhalb Frankreichs kaufen würde. Mal ehrlich, eine französische Nummernrevue aus dem Jahr 1954 mit Louis de Funès und Michel Serrault in mehr oder weniger kleinen Nebenrollen, klingt das interessant? Nicht wirklich …

Umso größer die Überraschung, was sich hier für eine funkelnde Perle verbirgt. Sicher wirkt der Humor gelegentlich etwas verstaubt, aber die Schauspieler machen ihre Sache so gut, dass ich oft wirklich lachen musste. Die Musik groovt teilweise sehr (das Lied von der Kurtisane Leopoldá ist ein absoluter Ohrwurm) und auch die künstlerischen Darbietungen sind nicht ohne. So haben mir unter anderem das Metallballett und die Lilie wirklich hervorragend gefallen, und die Militärischen Träumereien, dargeboten von einem offensichtlich gut aufeinander eingestimmten Komikerteam, sind ziemlich lustig geraten.
Und dann sind da noch die Frauen. Etwa ein Drittel der Bühnendarbietungen bietet gutaussehende Frauen oben ohne an, ein weiteres Drittel nur äußerst knapp verhüllte Damen. Und es kann auch mal passieren, dass die Frau des Klempners eine Tür öffnet und vor einer komplett nackten anderen Frau steht. Woraufhin sie eine Tür weitergeht und einem fast nackten Mario David begegnet, dem sie sehr erfreut schöne Augen macht. Dann haben wir noch einen Catfight, in dessen kurzen und hartem Verlauf einiges an Klamotten verloren geht, und den netten Satz von Colette Brosset während des Balletttanzes: „Das ist kein Ballett, das ist Pornographie“, als der Tänzer sie umarmen und hochheben will. Ein paar ausgesprochen ansehnliche Hinterteile gibt es auch noch, und insgesamt bietet DIE KNALLSCHOTE fast genauso viel nacktes Fleisch wie ein durchschnittlicher Jess Franco-Erotiker, nur abwechslungsreicher dargebracht.

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Die Lösung dieses Rätsels heißt „Les Branquignols“. Diese Komikergruppe hat von den 40er bis in die 70er Jahre existiert und bestand unter anderem aus Robert Dhéry, Colette Brosset, Louis de Funès, Jean Lefebvre, Jean Carmet, Jacqueline Maillan, Michel Serrault, Micheline Dax und vielen anderen.
Die Gruppe begann wohl relativ früh, Mädchen systematisch zu entkleiden und nackt zu zeigen, was wohl auch in Frankreich damals als kühn empfunden wurde, gleichwohl auch Erfolg gebracht hat.

Wer Filme aus dem 50er Jahren mag, und mit dem Humor der damaligen Zeit etwas anfangen kann, der ist hier goldrichtig. Hinzu kommen einige Schauspieler, die damals am Anfang ihrer Karriere standen, und die in späteren Filmen quer durch alle Genres immer wieder gern gesehen werden. Neben Louis de Funes glänzen Jacques Legras als absagender Ansager, Robert Dhéry als Regisseur, Mario David als Bodybuilder, Jacqueline Maillan als Direktice des Theaters, Michel Serrault als Trompeter und wenn man sich ein wenig durch die OFDB klickt stellt man fest, dass das Team de Funes/Dhéry/Brosset noch mehr Filme gedreht hat. Und dass der Klempner Raymond Bussieres unter anderem sogar einige Western in seiner Filmografie hat.

Als Fazit bleiben „Die Dame hat irgendwie einen traurigen Hintern“ und locker 7,5 von 10 nackten Brüsten …

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7,5/10

... und hier gibt es noch einen Trailer, in dem auch das Lied von der Leopoldá kurz angestimmt wird:
www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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Dario Argento's Dracula
Dracula 3D
Frankreich/Italien/Spanien 2012
Regie: Dario Argento
Thomas Kretschmann, Asia Argento, Rutger Hauer, Marta Gastini, Unax Ugalde, Morgane Slemp, Miriam Giovanelli, Maira Cristina Heller


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Dario Argento habe ich vor einigen Monaten mit TENEBRAE kennengelernt und beschlossen sein Werk im Lauf der Zeit komplett zu sammeln. (Zwar habe ich vor ungefähr 20 Jahren mal INFERNO (glaube ich) gesehen, aber ausser einem Bilderrausch und viel Blut ist da nicht viel in Erinnerung geblieben.) Und da ich nunmal dem Giallo erheblich näher stehe als dem Horror, habe ich fast ausschliesslich a) Giallo-Argentos b) aus neuerer Zeit da stehen:

  • DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE - Passt. Ich liebe ihn nicht, aber er ist ordentlich und spannend und krankt (bei mir) eigentlich nur an Detective Lieutenant Stone ... :oops:
  • VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT - Ziemlich geniales Stückchen Kino. Seit diesem Film möchte ich mal nach Turin fahren
  • TENEBRAE - Wie erwähnt die Initialzündung und ein Meisterwerk in vielerlei Hinsicht
  • TWO EVIL EYES - Die kleine, schmutzige, gemeine Episode mit Harvey Keitel halte ich für äußerst gelungen, aus ganz genau diesen Gründen
  • TRAUMA - Asia reisst es raus. Die Effekte sind einigermaßen OmeinGott, aber die Story konnte mich ausgesprochen gut unterhalten und war der Beginn einer ernsthaften Liebesbeziehung zu Asia
  • DAS STENDHAL-SYNDROM - Bis jetzt(!) mein Lieblings-Argento. Hallo ist der Film böse und genial. Wie Argento hier mit den zeitlichen und geografischen Ebenen spielt, die Effekte des Stendhal-Syndroms umgesetzt werden, und natürlich der grauenhaft böse Thomas Kretschmann - Nur genial!!
  • SLEEPLESS - Wenn ich beim Schreiben schon aufstehen und nachschauen muss um was es da ging ... Nett, aber nicht mehr
  • THE CARD-PLAYER - Mal abgesehen von dem reichlich lächerlichen Schluss ebenfalls ganz nett

Was ich damit eigentlich sagen will ist, dass ich im Horror-Bereich keinerlei Möglichkeit habe DRACULA mit den älteren Meisterwerken zu vergleichen, gleichzeitig aber auch den neueren Filmen (also nach 1990) durchaus positiv gegenüber stehe. Mir ist klar, dass Argento immer an seinem Frühwerk gemessen werden wird. Das ist ungefähr so, wie wenn man Hitchcock vorwerfen würde in den 50er Jahren Farbe verwendet zu haben, wo doch die 39 Stufen in s/w sooooo genial waren. Aber ich glaube diesen Fehler nicht zu begehen. Ich versuche es zumindest ...

Nun also Dracula, die x-te Verfilmung eines x-mal durchgekauten Stoffes. Argento muss sich hier nicht nur an seinem eigenen Frühwerk messen lassen sondern auch zusätzlich noch an einigen Meisterwerken der Filmgeschichte: James Whale, Hammer, Werner Herzog, … Da hätte er schon einiges auffahren und ein erheblich besseres Budget haben müssen um hier mitzuhalten. Vielleicht hätte es aber auch einfach nur eine liebevollere Regie getan.
Gut, das Drehbuch war eigentlich in Ordnung. Die Grundzüge der Geschichte stehen sowieso fest, und die Idee, die gesamte Handlung in das Dorf zu verlegen, kamen dem Budget und der erzählerischen Linie durchaus entgegen. Architektonisch orientiert an alten italienischen Bauernhäusern (gedreht wurde u.a. im Piemont) wirkt das altertümliche und leicht verfallene sehr atmosphärisch und dicht. Zumindest würde ich diesen Satz so gerne schreiben, jedoch: die katastrophale Ausleuchtung und die Verwendung eines offensichtlich falschen Filmmaterials (ich bin da kein Experte) zeitigen eine Videospiel-Optik zum Davonrennen. Zu Beginn des Films habe ich längere Zeit mit den Einstellungen des Fernsehers gespielt (sogar die 3D-Optik habe ich ausprobiert), aber es half nichts: Der Film sieht immer aus wie ein 3D-Filmchen im Internet, eines von den billigen und belanglosen. Wäre Argento mit der Helligkeit runter, hätte mit den Schatten gespielt, hätte seine berühmten Kamerafahrten durch ein Dorf der Düsternis und des Bösen veranstaltet, das Ergebnis wäre erstklassig ausgefallen. Aber so war mir nie wirklich klar, ob der Hintergrund gerade unter minimalstem Einsatz von Zeit und Aufwand am Computer entstanden ist, oder einfach nur Scheiße ausgeleuchtet und gefilmt ist. Einige Szenen, etwa wenn die Mutter versucht aus dem Ort zu entkommen, wirken vom filmischen Standpunkt wie das Werk eines Filmstudenten, der gerade billiges Videomaterial günstig erstanden hat.
Die Optik hat Argento dabei durchaus noch drauf: Wenn van Helsing den Pfaffen in der Kirche einlädt auf seinen Kreuzzug mitzukommen, ist die Perspektive von schräg oben geschickt gewählt – Einmal aus der Sicht des Kruzifix, aber auch aus der (möglichen) Sicht eines Insekts das im Auftrag seines Meisters an der Wand hängt. Dracula im Verlies Renfields, die Kamerafahrt durch die Bibliothek – Ja, er kann es noch! Bitte mehr davon …!

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Mir ist klar, dass auch ein Dario Argento heute Probleme hat Geld für seine Filme zu bekommen. Die letzten Filme waren alle keine so großen Erfolge mehr, der US-amerikanische Film-Moloch umklammert die gesamte Welt mit seinen Big-Budget-alles-muss-explodieren-Filmen, und die paar Hanswurste, denen beim Film Schnittstakkato und Action-Showdown zuwider sind, die bringen nicht genügend Geld in die Kasse. Umso erfreulicher ist es, dass überhaupt Geld zur Verfügung steht, und dass damit nicht die ganz großen Schauspieler ins Boot geholt werden können ist klar. Asia spielt bei ihrem Vater wahrscheinlich mit Verwandtenrabatt, und ist gigantisch gut wie immer. Eigentlich wird sie, je älter sie wird, immer besser, und selbst ihre relativ kurze Screentime ist (auch ohne die wundervolle Badeszene) Belohung pur. Thomas Kretschmann ist keiner der ganz großen Superstars, hat bereits mit Argento gedreht, und ist wahrscheinlich schlicht und ergreifend bezahlbar. Hinzu kommt, dass er im STENDHAL-SYNDROM das personifizierte Böse war, und ich vermute mal schwer, dass dies auch der Grund für Argentos Wahl war. Als Serienmörder und –vergewaltiger ist er böse, abgrundtief böse, aber als Dracula sehr gehemmt und irgendwie nicht wirklich böse. Als ob ihm die ganze Zeit klar ist mit welchen Schauspielern er zwangsläufig verglichen wird, und ihn diese Vorstellung demotiviert hat. Seine ersten Szenen haben mir noch gefallen (die Ankunft Harkers im Schloss, das Abendessen, die Besichtigung der Bibliothek), aber irgendwann, spätestens mit dem Massaker im Wirtshaus, hätte ich ein wenig mehr Präsenz erwartet. Die kleine Flamme, auf der Kretschmann da köchelt, zieht zumindest mich nicht in ihren Bann. Die anderen Schauspieler sind zum Teil sehr gut gewählt (die Dörfler sind starke Typen mit einprägsamen Charaktären, Rutger Hauer macht seine Sache durchaus gut, wenngleich auch etwas müde), zum Teil ordentlich (Marta Gastini schlägt sich als Mina sehr gut und hat nur das Problem, dass sie gegen die Präsenz Asia Argentos einfach keine Chance hat), zum Teil fragwürdig (in der OFDB lerne ich gerade, dass ich Unax Ugalde, den Darsteller des Jonathan Harker, in bereits 3 Filmen gesehen habe, ohne dass jegliche Erinnerung an ihn existiert. Entweder ich schaue zu viele Filme an, oder er schafft es nicht einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen …).

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... und wenn Du auf die Idee kommst hier aufzuräumen - Mein Sarg wird nicht benutzt

Und bei dem Thema Geld fallen mir dann auch irgendwann die Effekte auf. Sicher, in Italien sitzt nun mal nicht das große Effekt-KnowHow wie in Hollywood, aber warum müssen denn dann auf Teufel komm raus solche Effekte integriert werden, wenn sie dann so mäßig wirken? So viele gute Filme der letzten 20 Jahre zeigen, dass auch ohne CGIs gutes (Genre-) Kino gemacht werden kann, oder ist das der Einfluss Quentin Tarantinos, dass gewollt billig wirkende Effekte Kultstaus bekommen? Die Wirtshausszene zeigt doch ganz deutlich, dass a) Argento immer noch dynamische Szenen hinbekommt die b) hervorragende Effekte haben, auch ohne ganz offensichtliche CGIs. Somit störe ich mich nicht an der Gottesanbeterin an sich (nette Idee), sondern an deren Umsetzung. Oder alternativ wird auf den 3D-Hype verzichtet und das Geld lieber einem guten CGI-Studio gegeben. Aber so, Entschuldigung Signore Argento, so ist das nichts ganzes und nichts halbes, sondern wirkt wie der Versuch, neue Zuschauerschichten zu bekommen durch Einsatz moderner Technik, der aber scheitern muss weil man die Technik von vor 10 Jahren verwendet.

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Bleibt für mich die Frage übrig, was sich der Regisseur dabei gedacht haben mag, wie er diesen Film begonnen hat. Dachte er sich, dass er mit der bekannten und beliebten Geschichte um Dracula schnelles Geld verdienen kann? Dass er neue Akzente im Bereich Special Effects setzen kann und seine Namen somit bekannter macht? Ich meine, was ist die Intention eines Regisseurs (und Drehbuchautors), einen Film zu beginnen? Er möchte eine Geschichte erzählen, und er hat einen großen Teil des fertigen Films vor Augen und möchte diese Vision zum Leben erwecken. Ob ihm dies gelungen ist? Asia Argento sagt im Interview zu SCARLET DIVA, dass sie sehr sehr froh sei, dass sie ihre Vision dieses Films zu 75% umsetzen konnte, und dass sie bei 50% nicht glücklich gewesen wäre. Mich würde ganz ernsthaft interessieren, wie diese Rate bei Dario Argento und DRACULA ausfällt. Ist das Ergebnis wirklich das was er wollte? Oder ist die Summe der Kompromisse größer geworden als seine ursprüngliche Vorstellung?

Leider bleiben nur magere 5 von 10 Knoblauchzehen übrig, für mich als Zuschauer ist das Ergebnis nicht wirklich überzeugend. Zu wenig Stimmung und zu viele störende Computereffekte ergeben ein Bild, mit dem zumindest ich nichts anfangen kann. Aber, versprochen Signore Argento, beim nächsten Mal bin ich wieder dabei! Und wenn es wirklich der Sandmann wird, dann wünsche ich mir (trotz anderer Quellenlage) auf jeden Fall Neil Gaiman als Art Director …

5/10

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PostPosted: 09.09.2014 15:14 
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Das Geheinnis der weißen Nonne
Das Geheimnis der weißen Nonne / The Trygon factor
Deutschland/Großbritannien 1966
Regie: Cyril Frankel
Stewart Granger, Brigitte Horney, Sophie Hardy, Robert Morley, Cathleen Nesbitt, Susan Hampshire, Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Diane Clare


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In London werden Banken unter dem Einsatz von Panzerfäusten ausgeraubt. Superintendent Cooper-Smith (Stewart Granger) tritt auf der Stelle. Auf der Suche nach einem verschwundenen Kollegen kommt er in das Schloss Emberdale Hall mit einem angegliederten Nonnenkonvent. Sein Instinkt als Polizist sagt ihm dass hier etwas nicht stimmt, und dass sein verschwundener Kollege hier auf der Spur der Bankräuber war.

Oho, Edgar Wallace goes James Bond. Dachte ich im Vorfeld noch, dass mich hier angetrashtes Kino der unteren Preisklasse erwartet, haben mich die Spritzigkeit und die Spielfreude geradezu überrollt. Stewart Granger agiert wie der junge Sean Connery: er flirtet mit allem was bei drei nicht auf den Bäumen ist, trinkt zum Frühstück Cointreau und nach der Beerdigung Wodka-Martini, fährt einen Aston-Martin und wirft seinen Hut quer durchs Zimmer. Ausserdem trägt er einen recht vernünftig aussehenden Anzug und lässt seinen Charme hemmungslos sprühen. Im direkten Vergleich mit seinem Kollegen aus dem Geheimdienst macht er dabei eine ziemlich gute Figur. Die Verwendung eines Raketenwerfers beim Bankraub (sehr spannend und geradezu Heist-mäßig inszeniert) inklusive gelber Schutzrüstung hätte ich auch eher bei James Bond verortet anstatt beim normalerweise eher bieder inszeniertem Edgar Wallace. Eine Schlägerei im Keller ist reichlich hart und direkt inszeniert, und am Ende kommt überraschend sogar ein Hauch GOLDFINGER in die Handlung.

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Ein anderer Vergleich, der sich im Jahr 1966 ebenfalls fast automatisch aufdrängt: Wenn Polly im letzten Drittel in den Park eindringt und dabei dem seltsam kostümierten Luke in die Arme läuft, der mit ihr spielen und ihr Haar berühren möchte, dann wirkt das genauso abgehoben und bizarr wie bei SCHIRM, CHARME UND MELONE. Der Eindruck wird durch die bei Edgar Wallace-Verfilmungen einmalige Verwendung von Technicolor noch unterstützt – der Park, die schreiend bunten Farben, die recht skurrile Handlung, und man würde sich gar nicht wundern, wenn Polly ihren Verfolger mit ein paar gekonnten Handkantenschlägen ausser Gefecht setzen würde.

Dies ist aber beileibe nicht negativ gemeint, im Gegenteil. Diese Elemente bringen eine ungeheure Frische in den Film und hätten, wenn noch mehr Wallace-Streifen in Großbritannien gedreht worden wären, die Serie sicher noch lange am Leben halten können. Was auch in sehr hohem Maße für die britische Beteiligung spricht sind die Schauspieler: Robert Morley ist immer wunderbar anzusehen, Cathleen Nesbitt gibt die nett-dämonisch alte Schlossbesitzerin mit vollem Elan, Susan Hampshire, James Culliford und Allan Cuthbertson (um nur ein paar zu nennen) sind ganz einfach einmal andere Gesichter. Für das deutsche Publikum nervt Eddi Arent diesmal nicht sondern führt stattdessen seine Rollen aus den beiden vorhergegangenen Filmen weiter, und Siegfried Schürenberg darf sich nach den Kalauer-Exzessen des BUCKLIGEN VON SOHO wieder ein wenig zurücknehmen. Tja, und Brigitte Horney beherrscht das Bild sowieso sobald sie zu sehen ist. Was für eine Frau, was für eine Ausstrahlung …

Nein, hier weht definitiv ein frischer Wind durch den Film. Die dynamische und schnelle Inszenierung, die sich trotzdem genügend Zeit lässt die Geschichte zu erzählen, lässt dem Zuschauer wenig Zeit zur Erholung, ohne dass aber Hektik aufkommt. In Bezug auf Timing, Darsteller, Musik (nicht so aufdringlich wie beim BUCKLIGEN VON SOHO, und dabei sehr groovy) und Sets stimmt hier eigentlich fast alles. Sogar Erotik kommt auf wenn Sophie Hardy sich in der Badewanne räkelt (ganz kurz im Spiegel nackt zu sehen!), wenn Susan Hampshire mit Stewart Granger flirtet und ihm Avancen macht, oder wenn 4 Unterwäsche-Models Haferbrei essen und dabei Stewart Granger eindeutig anlächeln.
Ein völlig überraschendes Highlight der Serie. Schade dass es danach wieder zurück zur Hausmannskost ging. Schade dass Sophie Hardy so wenig Filme in ihrem Leben gedreht hat. Schade dass Technicolor innerhalb der Serie nur einmal verwendet wurde. Schade dass Stewart Granger nicht öfters ermitteln durfte. Schön, das solche Perlen heutzutage noch zugänglich sind und mit moderner Technik zumindest auf DVD konserviert werden können.

Ich vergebe 8 von 10 Zeitreisemaschinen, die mich bitte schnellstmöglichst zurück in das London des Jahres 1966 bringen …

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Edit: Rechtschreibfehler

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Der Teppich des Grauens
Der Teppich des Grauens / Il terror di notte / Terror en la noche
Deutschland/Italien/Spanien 1962
Regie: Dr. Harald Reinl
Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Eleonora Rossi Drago, Carl Lange, Werner Peters, Lorenzo Robledo, Antonio Casas, Roberto Rey, Gabriel Llopart, José María Caffarel, Marco Guglielmi, Fernando Sancho


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Eine Verbrecherbande ermordet ihre Opfer mit einer Zusammensetzung indischer Gifte, die ihre höchste Wirksamkeit auf Teppichen entwickelt. Der Secret Service-Mann Harry Raffold (Joachim Fuchsberger) soll den Fall aufklären, wobei ihn die schöne Ann Learner (Karin Dor) nicht nur beruflich an den Fall fesselt. (Womit sich die Handlung im Wesentlichen auch bereits erschöpft hat …)

Schöner kleiner Krimi im Fahrwasser der ersten großen Wallace-Verfilmungen. Sicher nicht so spannend, so farbenfroh (im übertragenen Sinne selbstverständlich) und so prickelnd wie die großen Vorbilder, aber für gute Unterhaltung ist allemal gesorgt. Joachim Fuchsberger und Karin Dor machen ihre Sache wie immer routiniert und gut, und die hervorragenden Nebenrollen wie Carl Lange und Werner Peters sind natürlich jenseits jeglicher Konkurrenz.

Was den TEPPICH DES GRAUENS gegenüber den Wallace-Filmen ein wenig heraushebt ist die internationale Produktion und eine entsprechende Besetzungsliste. So hat man bereits 3 Jahre vor EINE PISTOLE FÜR RINGO das Vergnügen Antonio Casas und Fernando Sancho in einer gemeinsamen Szene zu sehen (die auch zudem noch sehr spannend und düster rüberkommt). Auch Lorenzo Robledo und Marco Guglielmi machen ihre Sache sehr gut, von der wundervollen Eleonora Rossi Drago ganz zu schweigen. Die OFDB überrascht mich übrigens gerade damit, dass die Hausbedienstete in der Pension, Paolo Pitagora in der Rolle als Jane, die weibliche Hauptrolle in ALLEIN GEGEN DAS GESETZ hatte. Und ansonsten sind bei den Außenaufnahmen die Bilder aus Madrid eine dankbare Abwechslung zu den ewig gleichen Bildern aus Hamburg. Einzig der Score von Francesco de Masi (im Vorspann als Franz Demasi benannt) tut sich sehr schwer, ist er doch an die klassischen Musiken US-amerikanischer Film Noirs angelehnt, ohne aber deren Eingängigkeit zu haben.

Wenn man nicht zuviel erwartet, und die dümmliche Figur des Dieners(!) und Sidekicks Bob als zeittypischen Rassismus hinnimmt (insofern sich Rassismus überhaupt hinnehmen lässt – aber ein Film aus dem Jahr 1962 lässt sich halt im Jahr 2014 nicht mehr ändern, und dass die westliche Gesellschaft damals noch(!) rassistischer war als sie es heute ist, das ist auch nicht zu leugnen), wenn man also diese Punkte berücksichtigt kann man hier anderthalb Stunden Spaß und Unterhaltung haben. Und darum gibt es von mir lockere 7 von 10 Washing Balls ...

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Die Gentlemen bitten zur Kasse
Die Gentlemen bitten zur Kasse
Deutschland 1966
Regie: John Olden & Claus Peter Witt
Horst Tappert, Siegfried Lowitz, Hans Cossy, Günter Neutze, Karl-Heinz Hess, Hans Reiser, Rolf Nagel, Wolfgang Weiser, Harry Engel, Wolfram Schaerf


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Am 8. August 1963 überfällt eine Bande von Gangstern den Postzug Glasgow-London, und kassiert die grösste Beute aller Zeiten: Zweieinhalb Millionen Pfund, das sind nach heutigem Wert etwa 50 Millionen Euro! Die Polizei dreht am Rad, die braven Bürger denunzieren alles was bei 3 nicht auf den Bäumen ist, und doch werden nicht alle der Gauner gefasst.

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Dieser Fernseh-Dreiteiler aus dem Jahr 1966 schildert den Überfall. In Teil 1 werden die Charaktere eingeführt und der Plan entwickelt. Teil 2 zeigt den eigentlichen Überfall sowie die Stunden danach, in denen die Bande sich versteckt hielt. In Teil 3 schließlich werden die Ganoven gejagt, gefangen genommen, verurteilt, und teilweise von den auf freiem Fuß befindlichen Kollegen wieder befreit. Die Schilderung ist dabei, bei knapp 75 Minuten pro Teil, sehr ausführlich und detailliert, was durch die damals übliche Erzählweise an der ein oder anderen Stelle manchmal etwas langatmig werden kann. Hinzu kommt das heute nicht mehr übliche Stilmittel des Sprechers der die Handlung erklärt. Dies wirkt mitunter etwas altbacken, kann aber bei einer so komplexen Geschichte Handlungsstränge vereinfachen und erläutern. Wie so oft gilt, dass man sich als heutiger Zuschauer halt darauf einlassen muss.

Aber im Wesentlichen wird flüssig und spannend erzählt. Der Höhepunkt neben dem eigentlichen Überfall ist natürlich, wenn sich die Bande anschließend auf einer Farm versteckt hält. Eifersüchteleien und Rivalitäten brechen aus, es bilden sich 3 verschiedene Gruppierungen die einander überhaupt nicht grün sind, und diese spannungsgeladene Stimmung wird sehr anschaulich erzählt. Auch die dritte Folge, in der ein sehr zurückhaltender Siegfried Lowitz seinen Part als Köster gewissermaßen vorab austestet, ist sehr spannend. Warum die Gruppe letzten Endes auffliegt und wie der Prozess verläuft, das ist interessant und mitreissend inszeniert. Der größte Teil der Bande wandert in den Bau, und die Schlusstitel fahren hoch. Nur um gleich wieder runterzufahren und einer Befreiungssaktion seitens der freien Gauner den Weg zu ebnen. Gut gemacht! Dann sind die Gangster wieder draußen, die Schlusstitel fahren hoch – und fahren gleich wieder runter, weil noch eine Befreiungsaktion startet. Toll!!

Die Musik pendelt ein wenig zwischen deutscher Fernsehgemütlichkeit und grooviger Big Band, hat sich aber spätestens nach der zweiten Folge in die Gehirnwindungen eingefräst und kommt da auch so schnell nicht wieder raus. Aufgrund des gigantischen Erfolgs der Serie erschien wohl offensichtlich auch eine Single mit dem Posträuber-Blues! Die schauspielerischen Leistungen sind erstklassig und alle einzeln zu würdigen ist fast unmöglich. Allen voran Horst Tappert und Günther Neutze, bei denen es sehr viel Spaß macht zuzuschauen. Vor allem Günther Neutze kann mit einem Blick Zuschaueremotionen nach Belieben beeinflussen. Grit Böttcher und Kai Fischer als Gaunerliebchen, wobei erstere ja völlig gegen ihr Image besetzt wurde, waren beide eine sehr gute Wahl war. Und dazu viele viele Gesichter, die aus dem Fernsehen der 60er und 70er-Jahre bekannt sind: Karl-Heinz Hess, Hans Cossy (bekannt aus der RAUMPATROUILLE ORION) und ganz viel andere Gesichter dieser Zeit. Explizit erwähnen möchte ich Harry Engel, der wie eine Mischung aus Yves Montand und Ian Curtis aussah, und mir damit sehr gut gefallen hat.

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Die Wikipedia spoilert zwar die Handlung leider ein wenig, liefert aber auch einige sehr interessante Informationen in Bezug auf die Dreharbeiten und die Drehorte (wie zum Beispiel, dass die englischen Dreharbeiten mangels Drehgenehmigung meist mit versteckter Kamera ausgeführt wurden!).
Fazit: Ein wirklich spannender und interessanter Ausflug in die 60er Jahre, der trotz (oder wegen?) seiner etwas verstaubten Art locker 7 von 10 Postsäcken erhält. Empfehlenswert für alle Deutsch-Krimi-Fans.

Der Soundtrack:
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 27.09.2014 08:00 
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Silbersattel
Sella d’argento
Italien 1978
Regie: Lucio Fulci
Giuliano Gemma, Geoffrey Lewis, Donal O’Brien, Aldo Sambrell, Licina Lentini, Ettore Manni, Sven Valsecchi, Gianni de Luigi


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Roy Blood (Guilaino Gemma) hat seinen ersten Mann getötet, als er als 10-jähriger den Mörder seines Vaters erschossen und dessen silbernen Sattel an sich genommen hat. Jetzt ist er als harter Gunman wieder da und hat zwei Probleme am Hals: Einmal einen Leichenfledderer namens Snake (Geoffrey Lewis), der ihm folgt um an Leichen und somit an Geld zu kommen, und dann den 10-jährigen Thomas Barrett jr. (Sven Valsecchi), den Neffen seines Todfeindes Thomas Barrett (Ettore Manni). Roy muss sich um das Gör kümmern damit es weder von dem mexikanischen Banditen Garrincha (Aldo Sambrell) noch von dem schurkischen Verwalter der Barretts, Turner (Gianni de Luigi), umgelegt wird. Oder von einem genervten Zuschauer. Dabei helfen ihm die schnuckelige Tochter seines Todfeindes Margaret (Cinzia Monreale) und die Hure mit Herz Sheeba (Licina Lentini).

Roy hat aber auch noch ein paar weitere Probleme, nämlich einen Soundtrack der direkt aus der Hölle zu kommen scheint, und ein Drehbuch das ihn direkt dorthin führt. Ich habe länger überlegt, aber mir ist kein Western eingefallen der seine Geschichte so plattitüdenhaft und einfallslos erzählt. Wenn Roy am Ende des Films sich von dem Jungen verabschiedet und von der Ranch losreitet, schreit das Männchen im Zuschauer „Shane, komm zurück“. Und tatsächlich, das Gör plärrt allen Ernstes los – und reitet auf einem Minipony Roy hinterher und ab in den Sonnenuntergang. Selten etwas peinlicheres gesehen! Doch, da war was: Wenn Thomas jr. den harten Roy auf die Wange küsst, weil er nicht mehr Hosenscheisser genannt wird …

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Da schmelzen selbst härteste Gunman-Herzen ...

Vorher kommt der Zuschauer immerhin in den Genuss handwerklich gut gemachter Action, sehr schöner Bilder (der Regisseur heißt Fulci, und das sieht man den Film deutlich an – jedes Bild ein Tableau), und grundsolider schauspielerischer Leistungen. Cinzia Monreale schaut aus wie Olivia Pascal in angezogen, und das Dekollete von Licina Lentini würde mir als Alternative zur dürftigen Handlung für 90 Minuten völlig ausreichen.
Nochmal, mein Problem mit dem Film liegt weder an den Schauspielern, noch am Regisseur. Das gesamte (darstellerische) Ensemble ist in hohem Maße sehenswert (außer vielleicht Aldo Sambrell, der etwas müde wirkt). Stattdessen beschuldige ich den Drehbuchautoren Adriano Bolzoni, der immerhin an Filmen wie FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, JONNY MADOC oder EL MERCENARIO (um nur ein paar wenige zu nennen) beteiligt war, ganz einfach das ideenärmste Stückchen Schund abgeliefert zu haben das man sich vorstellen kann. Zusammen mit dem Soundtrack-from-hell, der ein richtig übles Country-James-Taylor-Geknödel darstellt und immer dann zu hören ist wenn Gemma im Bild ist, egal ob die „Musik“ gerade passt oder nicht, zusammen mit diesem Soundtrack bietet das Drehbuch Western-Unterhaltung auf Rosamunde Pilcher-Niveau. Auch die gelungenen Stunts von Giuliano Gemma und die Auslegeware von Licina Lentini rettet da nichts mehr. Auch eine Art ein Genre zu töten …

2/10

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Man beachte Licinia Lentini!!! Kann man sie überhaupt NICHT beachten?

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.10.2014 08:14 
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Das Frauenhaus
Das Frauenhaus
Schweiz 1977
Regie: Jess Franco
Dagmar Bürger, Eric Falk, Esther Moser, Martine Fléty, Pamela Stanford, Sarah Strasberg, Karine Martin, Olivier Mathot, Guy Delorne


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Blue Rita (Martine Fléty) ist Chefin eines exklusiven Pariser Nachtclubs. Hinter den Kulissen nehmen sie und ihre Frauen aber Männer gefangen, foltern diese, und erpressen so Geld und Informationen. Als der ungarische Boxer Lanosch (Eric Falk) entführt wird beginnen Probleme, weil plötzlich mehrere Geheimdienste in das Spiel involviert sind.

Das ist natürlich schon eine perfide Methode Männer zu foltern: Ihnen grüne Farbe auf den Körper schütten damit sie geil werden (O-Ton: „Du wirst schon noch ins Plaudern kommen, Bubi. Ich habe spezielle Mittel die Dich geilen Bock so scharf machen, dass Du denkst Dir platzen die Nüsse“), von den Wärterinnen noch ein wenig aufheizen lassen, und dann der sofortige Sexstop. Das hält kein Mann aus, früher oder später reden alle! Und da denken alle, Guantanamo sei barbarisch …
Aber auch eine Frau wird gefoltert: Sie wird auf eine Liege gefesselt, und einer der bis zum Wahnsinn aufgegeilten Gefangenen darf (ebenfalls gefesselt) sie durchvögeln bis er auf ihr stirbt. Und dann wird er dort einfach liegengelassen …

Mal ganz abgesehen von diesen fiesen Methoden der Frauen, auch sonst ist hier jede Menge Spaß und vor allem Style geboten. Die recht ansehlichen Damen sind praktisch permanent nackt und haben jede Menge Sex in äußerst schickem Interieur. Da gibt es zum Beispiel einen komplett weissen Raum mit einem durchsichtigem Plastikbett (und Betäubungsgaseinlass aus durchsichtigem Plastik an der Decke). Die Folterkammer besteht aus einem weißen Verlies mit einer Decke aus Gitterstäben (absenkbar, damit die Frauen den Mann besser aufgeilen können während der gefesselt ist). Außen steht die Steuereinheit des Verlieses, bestehend aus 3 bunten Lichtern die ab und zu blinken und einer Anzahl bunter Hebel, die von der Foltertante erotisch gestreichelt werden. Wie gesagt, stylisch …

Musik und Bild sind außerordentlich und psychedelisch. Verschiedenste Farben, ein sehr grooviger und gelungener Jazz-Soundtrack von Walter Baumgartner, manchmal etwa schräge Kameraeinstellungen (Was entschieden in Erinnerung bleiben wird ist Martine Fléty, die nackt bis auf die hohen Stiefel breitbeinig auf der Gitterdecke des Verlieses steht und aus der Sicht des Gefangenen gefilmt wird), sowie Eric Falk, der Karate zeigt, Sex hat und gefoltert wird. Schauspieler hätte man werden sollen, so abwechslungsreich ist mein Arbeitsalltag nicht …

Man muss sich das ganze einfach vorstellen wie ein wundervoller LSD-Trip mit bunten Farben und vielen nackten Frauen. Und genau der gleichen Logik, aber wer hier Logik sucht hat vergessen dass er a) in einem Jess Franco-Film und b) auf einem LSD-Trip ist.

Und so vergebe ich mit wohligem Schaudern 7 von 10 Farbtöpfe …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 05.10.2014 16:30 
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Passion
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Deutschland / Frankreich 2012
Regie: Brian De Palma
Noomi Rapace, Rachel MacAdams, Karoline Herfurth, Paul Anderson, Dominik Raacke, Rainer Bock, Benjamin Sadler, Michael Rotschopf


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Isabelle (Noomi Rapace) ist eine Kreative in der Berliner Niederlassung einer internationalen Werbeagentur. Ihre Chefin ist die eiskalte Christine (Rachel MacAdams). Eigentlich scheinen die beiden Frauen sehr gut zusammen zu arbeiten, aber eines Tages gibt Christine eine geniale Idee von Isabelle als ihre eigene aus – Isabelle erkennt was für ein Mensch Christine wirklich ist und rächt sich, indem sie Christines Liebhaber Dirk (Paul Anderson) ins Bett schleppt. Aber Christine ist noch nicht fertig und demütigt Isabelle vor versammelter Mannschaft. Daraufhin verfällt Isabelle zunehmend – sie nimmt Tabletten, ist immer häufiger geistig abwesend, und baut zunehmend ab. Bis Christine ermordet wird, und Isabelle von der Polizei verhaftet wird. Aber ist sie wirklich die Mörderin?

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Dieser Film, das Remake des französischen Films LIEBE UND INTRIGEN, macht es dem Zuschauer definitiv nicht einfach. Während der erste Teil unter der Überschrift „Zickenterror in der Werbebranche“ manchmal eher an Büro Büro-Folgen erinnert, ist der zweite Teil Thriller-Kino vom Allerfeinsten. Diese beiden Hälften zusammen zu bekommen, das fällt mir gerade nicht einfach.

Prinzipiell halte ich De Palma erstmal für völlig überschätzt. Wo viele seine Filme als Meisterwerke für die Ewigkeit preisen, frage ich mich meistens wo bitteschön Aufbau und Spannung waren. 2 seiner Filme konnten mich bisher erst überzeugen (BLOW OUT und REDACTED), aber ich gebe nicht auf und probiere es immer wieder. Heute war PASSION an der Reihe. Ich gebe zu, dass ich Noomi Rapace sehr gerne sehe, und mit Rachel MacAdams einmal schick Essen gehen, das ist einer der letzten großen Träume in meinem Leben. Somit haben mich die beiden Damen zu PASSION gebracht, und diese beiden haben mir auch die erste Hälfte in sehr hohem Maße versüßt. Der erwähnte Zickenterror, assistiert von Karoline Herfurth als Isabelles Assi Dani, läuft mit vollen Touren, und kann dank der drei Schauspielerinnen auch bestens genossen werden.

Doch dann kommt irgendwann, und zwar recht schlagartig, der Punkt, wo die Atmosphäre düster wird. Die Büros wirken plötzlich wie Verliese, die Beziehungen zwischen den Menschen, auch den an der Handlung nicht direkt Beteiligten, haben die Konsistenz von gefrorenem Schleim, und um alles und jeden scheint sich ein unsichtbarer Kokon zu legen. Und ab diesem Punkt läuft auch De Palma endlich zu Hochform auf. Die Bilder und Farben werden immer suggestiver, die Musik von Pino Donaggio untermalt ein Höllentheater wie einst der Score Bernard Hermanns, und die Handlung kann nicht mehr klar unterschieden werden zwischen Traum und Wirklichkeit. So träumt Isabelle an einer Stelle, dass sie ins Gefängnis gekommen ist und dort den blanken Horror erlebt. Schweissgebadet wacht sie auf – und erkennt, dass sie tatsächlich im Gefängnis ist. Oder das erste Verhör beim Staatsanwalt, das definitiv ein Alptraum ist – findet es wirklich statt? Als Zuschauer weiss ich nicht mehr, ob ich Zeuge eines Traums oder der Realität bin – De Palma zieht mir sehr konsequent den Boden unter den Füßen weg, und ich befinde mich im freien Fall zwischen den Bildern.

Diese Bilder. Die Ballettaufführung und der Mord werden als Splitscreen gezeigt. Wobei allein die Kamerafahrt der Mordsequenz zwischen Argento und Hitchcock anzusiedeln ist (und auch genauso spannend ist), aber zusammen mit dem Splitscreen der Tänzer ergibt sich ein ungeheures Spannungsfeld. Irre ich mich, oder sind die Bewegungen des betrunkenen Dirk im rechten Bild und diejenigen der Tänzer im linken Bild fast gleich? Wahnsinn … Der Mord selber ist in Giallo-Tradition dargestellt und macht jeden Italo-Kino-Fan glücklich, versprochen! Insgesamt neige ich dazu, die Bilder (teilweise auch die der ersten Hälfte) mit Lucio Fulci zu vergleichen – jedes Bild ein Tableau, das einen auffordert die Pausentaste zu drücken und zu Staunen. Die Wohnung sind exquisit eingerichtet, die Büros sehr schick, und der Production Designer hat auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet.

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Soweit ist das ja auch alles noch in Ordnung, und auch die Auflösung des Mordes stellt vor allem Giallo-Fans auf jeden Fall zufrieden. Aber dann dreht De Palma in den letzten Minuten noch mal die Schraube so richtig an, und in Ermanglung besserer Worte möchte ich Alexander Karpisek aus der Splatting Image zitieren: „Schließlich geht jemand durchs Treppenhaus, und die Bilder drehen durch. Was De Palma zusammen mit seinem Komponisten Pino Donaggio in den letzten Minuten zaubert, gehört zweifellos zum Besten, was dieses Team jemals zustande gebracht hat. Zwar kann der Kopf die richtigen Antworten noch nicht geben, aber der Mund steht offen. Endlich mal wieder.“
Dem kann nichts hinzugefügt werden, außer einer kleinen Änderung meinerseits: Die letzten Minuten gehören zum Besten was ich überhaupt jemals in diesem Genre gesehen habe!

Was bleibt? Eine erste Hälfte, wo ich kurz davor war vorwärts zu spulen, und eine zweite Hälfte, die ich gerne noch mal zurückspulen und erneut genießen möchte. Während ich diesen Text schreibe stelle ich fest, dass die beiden Hälften doch mehr Einheit ergeben als ich zu Beginn dachte. Und De Palma seinen dritten Volltreffer bei mir gelandet hat. Mit der sehr winzigen Einschränkung, dass PASSION seine Stärken vermutlich bei der Zweit- und Drittsichtung erst so richtig ausspielt. Wie so manch guter Giallo eben auch …

9 von 10 Seidenschals und eine klare Empfehlung für alle Fans des italienischen Thriller-Kinos

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 15.11.2014 19:20 
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Das Syndikat
La polizia ringrazia
Deutschland / Frankreich / Italien 1972
Regie: Steno
Enrico Maria Salerno, Mariangela Melato, Mario Adorf, Jürgen Drews, Franco Fabrizi, Cyril Cusack, Laura Belli


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Commissario Bertone (Enrico Maria Salerno) hat mehrere Probleme: Da ist einmal der Berufsverbrecher Bettarini (Franco Fabrizi), der von seinem Anwalt (Corrado Gaipa) immer wieder aus dem Gefängnis geholt wird und dem nie etwas zu beweisen ist. Dann ist da der Überfall auf einen Juwelier mit 2 Toten und mit Polizisten, die den Flüchtigen nicht mit ihren Waffen gegenübertreten wollen. Und zu guter Letzt auch noch die Presse, die einerseits immer schimpft dass die Polizei die wachsende Kriminalität nicht im Griff hat, gleichzeitig aber vehement den Standpunkt vertritt dass Kriminelle mit Samthandschuhen angefasst werden müssen weil sie ja so arme Kerle sind und von der Gesellschaft erst zu Kriminellen gemacht werden. Als der Täter des Raubüberfalls auf seiner Flucht auch noch eine Geisel nimmt schaltet sich eine Organisation namens “Anonyme Antikrinimelle“ ein, die Jagd auf überführte und nicht verurteilte Kriminelle macht und die (Lynch-) Justiz mal eben in die eigenen Hände nimmt.

Wow, was für ein düsteres Meisterwerk. Schon die ersten Minuten packt der Regisseur Steno den Zuschauer bei den Eiern, ohne aber mit großartigen Action-Szenen zu glänzen, sondern ausschließlich durch eine intelligente Handlung: Zuerst gibt der frühere Polizeipräsident Stolfi (Cyril Cusack) ein Fernsehinterview, in dem er sich in einer klugen Analogie zu Pinocchio über die derzeitige Verfahrensweise beim Umgang mit Kriminellen auslässt („Du bist kein Misstäter, Du musst im Gefängnis bleiben, während alle Missetäter entlassen werden dürfen.“). Als Nächstes sehen wir einem Polizeiauto zu wie es durch Rom fährt und Bettarini, der eines Raubüberfalls mit einem Toten angeklagt wurde, in das Kommissariat bringt. Sehr spannend inszeniert erfährt man alsdann, das Bettarini freigelassen wird.

„Der Richter hat doch alles gesagt als er ihn freigesprochen hat.“ „Aus Mangeln an Beweisen, nicht wahr?“ „Stimmt. Aber Freispruch ist Freispruch. Ich wünschte, alle Polizeibeamten wären so unschuldig wie mein Klient.“

Der Inspektor hat zu den Journalisten dazu aber auch noch was zu sagen: „Sie können schreiben, dass der tote Nachtwächter Vater von 4 Kindern war. Ich halte diesen Freispruch für ein Verbrechen.“ Dreht sich um und geht …

Jetzt folgen der Vorspann, und die Richtung der nächsten rund 90 Minuten ist klar: Während die Bösen sich mit Hilfe gewiefter Anwälte entweder in Freiheit aufhalten oder im Knast nichts anderes als Fortbildung betreiben, sind die Polizisten gerademal dazu gut den Verkehr zu regeln. Sehr eindrücklich ist die Szene, in der die wegen des Raubmordes gerade frisch Verhafteten, die frech sind und sich bei den Polizisten sehr rüpelhaft benehmen, von Bertone in hohem Bogen aus dem Kommissariat geschmissen werden und sich gegenüber einem wütenden Lynchmob aufgebrachter Bürger wiederfinden. Woraufhin ihnen nichts Besseres einfällt als den Schwanz einzuziehen und wieder brav zurückzukehren zu den Verhören.

Dergestalt weckt Steno natürlich Emotionen, er fordert den Zuschauer zum Nachdenken heraus, nur um ihm dann, wenn er nach der Todesstrafe und härteren Gesetzen schreit, eine Gruppe ehemaliger Polizisten zu präsentieren, die überführte und nicht verhaftete Verbrecher liquidiert. Hier bleibt vor allem die Erschießungsszene des Raubmörders an den Ufern des Tiber in Erinnerung, die wohl absichtlich Ähnlichkeiten zu Szenen mit faschistischen Erschießungskommandos hat. Aber auch der Tod des „Extremisten“, eines Arbeiters der angeblich (sic!) bei einem Streik einen Polizisten getötet haben soll, bleibt hängen. Die Straßen werden von Nutten und Päderasten gesäubert, und zumindest bei mir taucht die Frage auf, wo die Lynchjustiz dann ein Ende haben wird. Ist Kaugummiausspucken schon todeswürdig?

Steno gibt keine Antworten, das kann und will er nicht. Bertone meint irgendwann, dass er als Polizist strengere Gesetze gefordert hat, damit diese ihm bei seiner Tätigkeit als Polizist behilflich sind. Dies in guter Absicht, aber mittlerweile sei ihm klar, dass diese Gesetze nicht nur gegen die Kriminalität angewendet werden. Steno erschafft also nicht nur einfach einen liberalen Polizisten, sondern er argumentiert auch auf die einzig richtige Art gegen schärfere Gesetze. Einen Schritt, den ähnlich geortete Filme wie z.B. DIRTY HARRY 2 nicht machen. Diese Positionierung, wenn man sie so nennen mag, hebt den Film weit aus der Masse heraus, macht ihn diskutierfähig, macht ihn zum Politikum.

Allein durch diese Haltung bleibt er im Gedächtnis des Zuschauers und macht möglicherweise auch Platz für neue Gedanken. Aber so ganz nebenbei hat es in DAS SYNDIKAT auch noch herausragende Schauspieler, eine starke Musik von Stelvio Cipriani, die wahrscheinlich abgedrehteste Pressekonferenz die Rom jemals erlebt hat (in einem gecharterten Bus fahren der Kommissar und die Journalisten quer durch Rom, von Straßenstrich zu Straßenstrich), wenige aber gute Actionszenen, und eine durchgehend hoch gehaltene Grundspannung ohne Ausfälle. Die Unterhaltung wird also in keinster Weise vernachlässigt, als spannender Feierabendfilm funktioniert der Film immer noch hervorragend.

Ein klassischer Poliziotto ist DAS SYNDIKAT also beileibe nicht, eher ein politischer Polizeithriller, der so auch von Damiano Damiani hätte sein können. Hochintelligent, spannend, düster – mit einem Wort, ein Meisterwerk.

9/10

Die Filmmusik:
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Und der Trailer:
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PostPosted: 19.11.2014 23:03 
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Foltergarten der Sinnlichkeit 2
Baba Yaga
Frankreich / Italien 1973
Regie: Corrado Farina
Carroll Baker, George Eastman, Isabelle de Funès, Ely Galleani, Daniela Balzaretti, Mario M. Giorgetti, Sergio Masieri, Angela Covello


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Als die Fotografin Valentina (Isabelle de Funès) nachts von einer Party heimläuft wird sie beinahe von einem altertümlichen Auto überfahren. Am Steuer ist eine ältere Dame (Carroll Baker), die sich mit dem Namen Baba Yaga vorstellt und über Valentina ein merkwürdiges Detailwissen zu haben scheint Und von ihr eine Art Pfand, einen Strumpfhalter, einfordert. Valentina denkt sich nichts weiter dabei, aber am nächsten Tag, während einer Fotosession in ihrer Wohnung, steht plötzlich Baba Yaga vor der Tür und bringt das Pfand zurück. Im Lauf des Besuchs streicht sie mit den Händen über die bevorzugte Kamera Valentinas.
Als Valentina kurz darauf bei Filmaufnahmen ihres Lovers Arno (George Eastman) Fotos machen will, streikt plötzlich Arnos Filmkamera. Bei der nächsten Fotosession Valentinas wird ein Model ohnmächtig und bricht die Session ab. Und als Valentina einen demonstrierenden Hippie fotografiert bricht dieser unversehens tot zusammen.

Als nächstes besucht Valentina Baba Yaga in ihrer Wohnung, wo sie eine Puppe im SM-Outfit geschenkt bekommt. Diese Puppe hat eine sehr sinistre Aura und es scheint einen Zusammenhang mit dem merkwürdigen Verhalten ihrer Kamera zu geben. Und dann tauchen nach einem Stromausfall Bilder auf dem Film in der Kamera auf, die “andere“ Dinge zeigen …

Foltergarten der Sinnlichkeit. Boah, was für ein Titel. Ein Abend voller Schmodder und Schmier ist garantiert. Sowas ähnliches wie Arthaus im Frauenknast. Dr. Phibes meets Emmanuelle. Der geneigte Zuschauer versenkt sich vor dem Fernseher, seine Hand in der Hose – und wird gnadenlos frustiert von einem recht kunstvoll gestricktem Film, wie er nur im Italien der 70er Jahre gedreht werden konnte. Ab und zu huscht eine halbnackte Frau durchs Bild, der Horror findet eher auf einer übergeordneten Ebene statt (dazu später mehr), und gefoltert wird nur einmal ganz kurz (und sinnlich!). Der Schmierfreund ist bitter enttäuscht, drückt nach 20 Minuten auf <Eject> und wird diesen Film sicher nie wieder anschauen. Was ihm da nicht alles entgeht …

Guido Crepax (1993 – 2003) war ein italienischer Grafiker und Comiczeichner, der in den 70er Jahren bevorzugt im Genre der gezeichneten SM-Kunst unterwegs war. So wurde er u.a. stark beeinflusst von dem Bondage-Künstler John Willie. Sein Zeichenstil kann als eine Art Film in Nahaufnahmen und Zeitlupen gesehen werden. Wenn sich seine Protagonistin beispielsweise auszieht, so zeigen seine Panels einzelne Körperteile und Details, das Gesamtbild entsteht nur im Kopf des Lesers. Ein sehr grafischer Stil, der zusammen mit den leichten Linien seiner Zeichenkunst eine schwebende und sehr erotische Stimmung zaubert.
1965 schuf Crepax die Fotoreporterin Valentina, die ihre Abenteuer oft im SM- bzw. Bondageumfeld erlebt. Die Geschichten um Valentina sind meist sehr traumartig und spielen mit den Realitäten. Das 4. Valentina-Abenteuer aus dem Jahr 1971 heißt Baba Yaga, und da Crepax in Italien sehr populär war, lag es natürlich nahe eine Valentina-Geschichte auch einmal zu verfilmen.

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In den Titoli werden Bilder aus dem Comic verwendet

Wer nun Bilder der gezeichneten Valentina sieht wird staunen, wie nah Isabelle de Funès am gezeichneten Original ist. Ihrer etwas eingeschränkten Schauspielkunst steht somit die fast originalgetreue Umsetzung der Figur entgegen, die Prioritäten des Produzenten sind also klar zu erkennen. Da Mme de Funès, die tatsächlich die Nichte von Louis de Funès und die Tochter des Regisseurs Francois Gir ist, ihre Sache so schlecht nicht macht, ist das schauspielerische Limit wohl auch eher nebensächlich.
Was jedoch gar nicht nebensächlich ist, ist die Stimmung die den Film durchzieht. Da wäre einmal die intellektuelle Szene der Großstadt Mailand, die trendige Bücher liest (Marx, Melville), sich deutsche expressionistische Stummfilme anschaut und den Pop-Art der Zeit mittels erotischer Werbeaufnahmen und Partys voll auslebt. Dann wäre da die italienische Realität dieser Jahre, bestehend aus tristen Arbeitervierteln einerseits und dem Aufbegehren linker studentischer Gruppierungen andererseits. Immer wieder tauchen kurze politische oder soziale Diskussionen auf, versuchen die Hauptfiguren ihre linken Positionen verzweifelt zu behaupten. (Nur Arno ist so realistisch einzusehen dass er eine Hure ist, die ihre Filmkunst an den Meistbietenden verkauft.) Mehrfach habe ich mir überlegt, dass hier die Studenten, die in Elio Petris DIE ARBEITEKLASSE KOMMT INS PARADIES noch wütend protestieren, sich hier in das bourgeoise Leben der Happenings, abgedrehten Partys und theoretischen Diskussionen zurückgezogen haben.
Und als dritte Ebene ist da die ich nenne es mal Parallelwelt der Baba Yaga. Ein altes Haus, mitten in Mailand, in dem die Wirklichkeit nicht zu existieren scheint. Baba Yaga selber sitzt in einem Stuhl und schiebt auf einem Oujia-Brett Steine herum, woraufhin anderswo Menschen sterben. Zumindest scheint es so. Außerdem hat sie ein Loch im Fußboden, das keinen Grund hat. Baba Yaga liebt junge Mädchen und zieht diese in ihren Bann, um mit ihnen sadoerotische Spiele zu spielen. Ist Baba Yaga eine Hexe? Oder nur eine bemerkenswerte ältere Frau? Und was hat es mit dieser Puppe mit den Ledergürteln auf sich? Warum scheint die Kamera Valentinas plötzlich die Zeit einzufrieren? Und woher weiß Baba Yaga soviel über Valentina?

Diese Fragen und die daraus resultierende unangenehme Stimmung durchziehen den Film und schaffen unterschwellig eine ganz eigenartige Gefühlslage, wie ein Kratzen, das langsam an die Oberfläche kommt. Die Verwirrung wird immer größer, immer unangenehmer, und so bildet sich allmählich ein Horror heraus, der nicht eindeutig zuzuweisen ist, sondern einfach immer da ist und alles beherrscht. Wie gesagt, ein Schockelement oder das klassische Gruselmonster gibt es hier nicht. Das Böse kommt auf leisen Sohlen, wenn ich das so mal ausdrücken darf. Und in der Verbindung dieses Grusels mit der leichten, immer wieder auftauchenden, Erotik und mit der etwas flippigen Lebensgestaltung der Figuren entsteht ein einzigartiges Flair – ebendieses Flair des italienischen Kinos der 70er Jahre. Wer Filme wie THE FRIGHTENED WOMAN oder vielleicht auch UN BIANCO VESTITO PER MARIALÉ mag, der ist hier auch gut aufgehoben. Gut, die ganz große Klasse wie der erstgenannte hat BABA YAGA sicher nicht, aber die Richtung sollte klar sein. Und die (Alp-)Traumsequenzen, in denen Valentina von deutschen Wehrmachtsoldaten abgeführt wird, oder in deutscher Uniform des ersten Weltkrieges ihr Model erschiesst, habe ich dabei noch gar nicht erwähnt.

Die Schnitttechnik ist stark an den Comic angelehnt. Wenn Valentina und Arno miteinander ins Bett gehen wird nicht hemmungsloser Sex gezeigt, sondern das Bild springt in der Zeit vor und zurück, zeigt mal Filmbilder und mal Stills die aussehen wie aus dem Comic, aber mit Filmmaterial. Die Ebenen zwischen den Kunstformen verschwimmen, genauso wie zwischen den Zeiten und den Realitäten, was weiter für eine andere, märchenhafte Atmosphäre sorgt. Dazu kommen ein grooviger Score von Piero Umiliani und unglaubliche liebevoll eingerichtete Settings zum Nicht-Sattsehen. Plus Ely Galleani auf dem Vordach im Regen (dieses Bild möchte ich nie mehr vergessen!).
Und wer sich an dem Schluss stört sollte daran denken, dass die Vorlage ein Comic ist, und Comics funktionieren manchmal nach anderen Gesetzen als Filme. Guido Crepax hat wohl als Comiczeichner Guido einen Cameo, was bedeutet, dass er an der Entstehung des Filmes sichtlich Interesse hatte, und bestimmt die ein oder andere Idee beigesteuert hat. Dass der Schluss auf Crepax’ Mist gewachsen ist kann ich mir ohne weiteres vorstellen.

Eine klare Empfehlung also für alle, die dieses spezielle Flair suchen, diese leichte und gleichzeitig düstere Mischung aus Pop-Art, Erotik, und Grusel. Und bloß nicht von diesem idiotischen deutschen Titel irritieren lassen!

Hier kommen Comic und Film zusammen:
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Deutscher Wikipedia-Eintrag zu Guido Crepax



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Wenn Du Dir den Film nicht anschaust komme ich und brate Dir eins über ...

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In my Skin
Dans ma peau
Frankreich 2002
Regie: Marina de Van
Marina de Van, Laurent Lucas, Léa Drucker, Thibault de Montalembert, Bernard Alane, Dominique Reymond, Marc Rioufol, François Lamotte, Adrien de Van, Thomas de Van


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Setting: Esther (Marina de Van) arbeitet in einer Werbeagentur und bereitet sich auf eine Karriere als internationale Projektleiterin vor. Ihr Freund Vincent (Laurent Lucas) soll eine Imagekampagne für eine große Bank durchführen. Die beiden entscheiden sich in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen.

Problem: Bei einer Party verletzt sich Esther am Bein, relativ schwer sogar. Trotzdem verspürt sie keinen Schmerz und geht erst spät zum Arzt. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich Esther. Sie spielt oft an der Wunde herum, und fügt sich sogar mit einem Messer am Oberschenkel weitere Wunden zu. Ihr linker Unterarm scheint ein Eigenleben zu führen. Bei einem Geschäftsessen muss der linke Unterarm vom rechten daran gehindert werden den Dr. Seltsam zu machen. Irgendwann liegt dann der Unterarm ohne Verbindung zum Oberarm auf dem Tisch, was aber niemanden wirklich stört. Esther „schraubt“ den Unterarm wieder an und malträtiert ihn mit den Fingernägeln und dem Messer.

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Es gibt solche Filme und solche. Manche Filme machen Freude, andere geilen auf, Filme können ängstigen, wiederum andere geben Denkanstöße oder sogar Impulse sein Leben zu ändern. Und dann gibt es noch Filme die nicht schön sind, die das Wohlgefühl des Menschen angehen, und ihn unruhig auf dem Sofa hin- und herrutschen lassen. So ein Film ist IN MY SKIN.

Das Auf-dem-Sofa-hinundherrutschen, das begann bei mir etwa 10 Minuten nach Beginn des Filmes. Zuerst ist es nur die merkwürdige Atmosphäre – warum geht Esther nicht zum Arzt? Warum bemerkt sie die Verletzungen überhaupt erst, nachdem sie ihre eigenen Blutspuren im Bad gesehen hat? Offensichtlich ist ihr Schmerzempfinden ausgeschaltet, aber bereits in diesem frühen Stadium scheint Esther von ihrem Blut, ihrer Haut, ihrem Fleisch fasziniert zu sein.
Eine Faszination, der sie zunehmend alles andere unterordnet. Ich möchte nicht zuviel verraten, aber die Szenen, in denen Esther sich zusammenkauert und ihr eigenes Bein anfängt aufzuessen (während das Bein noch am Körper ist wohlgemerkt), diese Szenen gehen ganz schön unter die Haut … Großaufnahme auf das blutverschmierte Gesicht Esthers, keine Musik, nur das schmatzende Geräusch des Essens, und die zunehmende Gier nach mehr in ihren Augen.

Durch den weitgehenden Verzicht auf Musik sowie die Fokussierung auf die Gesichter der HautHauptdarsteller inszeniert die Regisseurin ein unglaublich dichtes Kammerspiel. Sie macht deutlich wie sehr Esther in ihrer eigenen Welt versinkt. Am deutlichsten wird dies beim Geschäftsessen, wenn der Chef und die Kunden vollkommen idiotischen Smalltalk blubbern („Rom hat ja kulturell überhaupt nichts zu bieten“), während Esther mit ihrem Arm und der Lust auf ihr eigenes Fleisch kämpft und versucht, diesen Kampf unbemerkt zu halten. Aber auch wenn Esther und Vincent am Bankautomaten stehen – Vincent faselt nur von der besichtigten Wohnung und den baulichen Veränderungen, während Esther ihre eigene Haut im Portemonnaie findet und daraufhin einfach wegdriftet. Vincent hat dafür überhaupt kein Verständnis, er scheint sowieso eher auf ihr Geld und ihr Rennomée als neue Projektleiterin aus zu sein, und so bekommt er überhaupt nicht mit, dass Esther längst in einer Parallelwelt lebt, in der niemand außer ihr Zugang hat.

Überhaupt die Parallelwelt. Die Darstellung der inneren Welt eines Protagonisten wird filmisch selten so überzeugend dargestellt wie in IN MY SKIN. Längere Zeit zeigt die Kamera einen Splitscreen, und auf beiden Hälften erscheinen nur Details einer selbst-kannibalistischen Aktion. Die Aufspaltung einer Person, die sich in ihrer eigenen Welt verliert. Auch der Vorspann bekommt im Nachhinein somit Sinn – er zeigt Objekte einmal natürlich und einmal als eine Art Negativ. 2 verschiedene Welten, die miteinander verwandt sind, und sich doch so unterschiedlich anfühlen. Irgendwann im Film zeigt eine Szene ein paar Hochhäuser und eine Lücke zwischen diesen Häusern, allerdings nicht in der Bildmitte. Und es ist klar zu erkennen, dass Esther ihre Mitte längst verloren hat und auf dem Weg an den Rand ist. Und doch scheine ich bei der Szene im Hotelzimmer bei Esther eine Befriedigung zu spüren. Das Gefühl, das sie an einer Stelle angekommen ist wo sich sie wohl fühlt und mit sich im Reinen ist. Wo sie die oberflächliche Welt, in der ihr Äußeres lebt, einfach aufessen kann und bei sich selbst ankommt.

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David Cronenberg’s SPIDER ist mir während des Schauens öfters eingefallen, auch hier wird die Innenwelt eines Menschen durch filmische Mittel gezeigt. Aber auch der „Körperhorror“ eines Shinya Tsukamoto (HAZE, TETSUO) ist nicht weit entfernt, genauso wenig wie IREREVERSIBLE. Wer mit den genannten Filmen etwas anfangen kann sollte auch hier unbedingt zuschlagen. Und genauso wie dort ist auch bei IN MY SKIN die Stimmung düster und krank, also nicht für jeden Zuschauer unbedingt zu empfehlen. Aber wer nun bluttriefende Schockmomente erwartet der sei gewarnt: Marina de Van spielt mit der Erwartungshaltung des voyeuristischen Zuschauers, und da sie die ursprüngliche Wunde am Bein kaum einmal richtig zeigt, entstehen Bilder im Kopf, die erheblich unangenehmer sind als die Bilder die auf dem Screen gezeigt werden können.

Eine Wertung in Zahlen entfällt. Gestern war ich vor allem von dem verklausulierten Schluss noch etwas enttäuscht, heute, während ich über den Film nachdenke, fällt mir auf wie geschickt die Szenen konstruiert sind, wie exzellent der Lauf der Handlung gearbeitet ist, und wie sich die Bilder in meine Gehirnwindungen gedübelt haben.

Auf der DVD von I-ON ist auch noch de Vans Kurzfilm ALIAS enthalten. Sicher nicht der Brüller vor dem Herrn, und doch sind hier alle Elemente aus IN MY SKIN ebenfalls enthalten. Der Splitscreen, sehr genial dargestellt durch eine Wand, die einen Flur und ein Zimmer voneinander trennt. Das dumme Geschwätz anderer Menschen, die das Seelenleben ihrer Mitmenschen vollkommen ignorieren (und die Mitmenschen oft noch gleich dazu). Die etwas düstere und irgendwie kranke Atmosphäre. Und wenn am Ende von ALIAS ein Personentausch stattgefunden hat der von niemandem bemerkt wird, weil das Kleid der Person ja immer noch das Gleiche ist, dann ist die Analogie zu dem Geschäftsessen in IN MY SKIN da, und die Faszination dieser Filme wird wieder ein wenig größer.

Großes Kino für sehr dunkle Stunden. Für mich definitiv einer der intensivsten der letzten Monate.

Auf Youtube gibt es verschiedene Trailer. Der m.E. intensivste und dem Film am Nahesten (trotz Schnittstakkato) ist der hier:
www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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Für mich der intensivste Moment des Films: Esther spielt mit dem Messer zärtlich in ihrem Gesicht und weint dabei.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 20.12.2014 23:17 
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Dem Satan ins Gesicht gespuckt
Le feu aux poudres / X 3, operazione dinamite
Frankreich / Italien 1957
Regie: Henri Decoin
Raymond Pellegrin, Peter van Eyck, Françoise Fabian, Charles Vanel, Lila Rocco, Darío Moreno, Michel Jourdan, Jacqueline Maillan, Lino Ventura


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Der Waffenschmuggler Pedro Vassewitch (Peter van Eyck) bekommt unerwarteten Besuch: Ein Bote seines Kollegen Albatrasse (Charles Vanel) bittet ihn um schnelle Hilfe bei einem Job in der übernächsten Nacht. Was Vassewitch nicht einmal ahnt ist, dass dieser Bote, Ludovic (Raymond Pellegrin), ein Undervcover-Polizist ist, der den gesamten Schmugglerring auffliegen lassen will. Ein gefährliches Unterfangen, und Vassewitch macht sehr schnell klar dass er bei Problemen nicht lange fackelt. Schon beim Kennenlernen gibt es erstmal Dresche für Ludovic, weil dieser Vassewitchs schöner Frau Lola (Françoise Fabian) zu nahe kommt (oder sie ihm). Und dann funktioniert der ganze Plan natürlich nur wenn Albatrasse in sicherem Gewahrsam sitzt. Der aber kann entkommen …

Und Peter van Eyck gibt hier ab der ersten Szene Vollgas. Er prügelt sich auf dem Dorfplatz, nennt seine Frau eine Schlampe, fährt wie ein Verrückter, und zeigt mit seiner ganzen Art und seiner Präsenz dass er das Dorf gekauft hat und dass er sich alles nimmt was er will. Er trägt Stiefelhosen ohne Stiefel, und auch das zeigt dass er böse ist, weil Stiefelhosen trugen nur wenige Jahre vorher in Frankreich nur die deutschen Besatzer. Ein Filmschurke also wie er nicht stilvoller sein kann. Als Gegenpol Françoise Fabian, eine französische Femme Fatale wie sie im Buche steht: Bildschön, melancholische Augen, Zigarette im Mundwinkel. Kein Wunder dass vor ihre alle Männer in die Knie gehen. Entsprechend gehen alle Leute im Dorf wenn sie kommt, denn sie ist anders. Raymond Pellegrin hat es neben diesem Paar mit seiner ruhigen Art verständlicherweise sehr schwer zu punkten. Auch brenzlige Situationen kann er relativ problemlos lösen, was seine Figur nicht interessanter macht. Und da er zusätzlich auch noch fatalerweise an Klausjürgen Wussow erinnert, fällt er zumindest für den (heutigen) deutschen Zuschauer als Identifikationsfigur weitgehend aus.

Zweite große Hauptrolle: Die Settings. Ein kleines südfranzösisches Dorf in dem jeder jeden kennt, und die Kundin genau weiß dass sie den Apotheker in der Bar findet. Pittoreske Häfen mit Bars und Bistros. Ein Geschäft für Seemannsbedarf, das eher an eine gemütliche Höhle erinnert. Und ganz ganz groß: Ein Lokal, in dem eifrig gespachtelt wird, und als 2 Flics reinkommen die Wirtin die Gitarre ergreift und der Schmuggler dazu singt. Ein Ambiente zum Wohlfühlen und zum nostalgischen Sehnen. Die Bullen verhören zwar, prügeln aber noch nicht. Die Gangster drohen, prügeln sich aber höchstens ein wenig (außer van Eyck, aber der spielt hier ja sowieso den Satan). Die Frauen sind lasziv, aber nicht unanständig. Nun ja, der Film ist von 1957 und kann das selbstverständlich auch nicht verleugnen. Aber die dieser Art erzeugte Stimmung sorgt für einen ungeheuren Wohlfühlfaktor.

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Der ist auch wichtig, denn die Geschichte selber spult sich etwas gleichförmig ab. Die Höhepunkte sind eher unauffällig inszeniert, und zumindest vom heutigen Standpunkt aus hätten Momente wie die Schlägerei mit Zaffredi oder Albatrasse’ Flucht wesentlich dynamischer ausfallen können. Dafür bietet der Schluss ein paar sehr stimmungsvolle Momente und eine inszenatorische (Fast-) Überraschung. Trotzdem: Mein persönlicher Maßstab ist immer der Zeitpunkt, bei dem ich zuerst auf die Uhr schaue wie viel Zeit seit Filmbeginn vergangen ist. Es gibt Filme da schaue ich nach 5 Minuten das erste Mal. Hier waren es 80 Minuten! Für einen 95-Minuten-Film eine gute Leistung, die mir klar sagt, dass ich hervorragend unterhalten wurde.

Auch Nachdenkliches kommt zum Zuge: Peter van Eyck sinniert über den Waffenhandel: „Diese Lumpen die sich Menschen nennen sind doch verrückt nach Krieg. Die finden immer neue Motive um Blut zu vergießen, einmal für ihr Vaterland und gegen das Vaterland der anderen. Dann für das Vaterland der anderen gegen ihres. Heute schlagen sie sich für eine Idee zum Krüppel, morgen für das Gegenteil. Sie putschen heut die Reichen auf gegen die Armen, morgen die Armen gegen die Reichen. Heut streiten sie für den Herrgott und die Religion um morgen drauf zu spucken. Aber immer tun sie’s mit schönen Sprüchen und Idealen. Ja Junge, sie sind nie verlegen um ein edles Motiv um sich abzuschlachten und zu massakrieren. Und Du sagt unser Beruf hat keine Zukunft …“
Und auch Albatrasse erklärt beim Verhör, dass er eigentlich nur ein ganz kleines Licht ist, und die großen Waffenhändler nicht belangt werden, und es ist klar dass er damit die französische Regierung meint.
Für einen französischen Film des Jahres 1957 auf jeden Fall eine deutliche Stellungnahme, die immer noch aktuell ist. LORD OF WAR mag moderner sein in der Gestaltung, aber die Aussage ist die gleiche.

Somit also keine vergessene Perle des französischen Krimis, sondern solide Unterhaltung mit hervorragenden Darstellern, ordentlicher Musik, und einigen sehr guten Momenten, vor allem rund um die Frauen. Die Spannung wird nicht aus der Abfolge von Actionsequenzen erzeugt sondern entsteht aus der Konstellation der Protagonisten, aus den Beziehungen und Spannungen untereinander. Es ist klar, dass Ludovic irgendwann auffliegen wird, das ist genreimmanent. Aber die Frage ist wann, und bei welcher Gelegenheit. Derart wird hier Spannung erzeugt, und das ist nicht der schlechteste Weg.

7 von 10 Achtneununddreißiger Patronen ist das allemal wert.

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Gesehen wurde die Langfassung auf der DVD von Big Ben Movies. Die Untertitelung der fehlenden Szenen ist sehr gut, das Bild ist in Ordnung und macht auch aufgezoomt noch was her, der Ton gibt keinerlei Grund zu Beanstandung. Als Extra gibt es den deutschen Trailer, und der wiederum ist genial: „Ein Waffenschmuggel von riesigem Ausmaß ist aufgedeckt worden! Internationale Verwicklungen sind zu befürchten! Wahrscheinlicher Bandenchef: Pedro Vassewitch, ein Meter vierundachtzig groß, weißblond. Starke Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Peter van Eyck. Als seine Frau wurde festgestellt: Françoise Fabian, genannt Lola. Dunkler Zigeunertyp. Sehr schöne Frau. Richtiger gesagt: Gefährlich schöne Frau. Ferner Jeff, Pedros Geschäftspartner. Zynisch, aber doch sympathisch. Besonderes Kennzeichen: Singt wie der populäre Schlagersänger Dario Moreno. Und Jeffs zwielichtige Frau Brigitte, deren Pass jedoch auf den Namen Lila Rocco lautet. Die Bande arbeitet im Auftrag eines gewissen Albatrasse, der behauptet sein Gedächtnis verloren zu haben. Allem Anschein nach verbirgt sich dahinter der Schauspieler Charles Vanel.“

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Auch Lino Ventura hat eine kleine Rolle und darf Charles Vanel verhören

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PostPosted: 22.12.2014 15:15 
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Der Gute und die Bösen
Le bon et les méchants
Frankreich 1976
Regie: Claude Lelouch
Marlène Jobert, Jacques Dutronc, Bruno Cremer, Jacques Villeret, Brigitte Fossey, Jean-Pierre Kalfon, Marie Déa, Valérie Lagrange, Philippe Léotard, Serge Reggiani


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Dutronc und Jobert sind vor dem 2. Weltkrieg so eine Art Bonnie und Clyde, die von Cremer gejagt werden. Dann kommen die Deutschen und alles wird anders. Plötzlich "kämpft" man gemeinsam auf einer Seite - und zwar auf der Seite der Deutschen. Der eine um Polizist zu bleiben, die anderen zum sich zu bereichern. Aber wie das im Krieg so ist, da müssen öfters mal die Seiten gewechselt werden, und das Ergebnis ist nicht immer das Gewünschte.

Was als leichter Film mit komödienhaftem Unterton beginnt wird ganz allmählich zum düsteren Drama. Zuerst ist es drollig, wenn die Nazis verurteilte Gangster benutzen um Wertgegenstände von Juden zu konfiszieren, und ein Teil ebendieser Gangster sich dann den für Berlin gedachten Teil der Beute zurückraubt. Aber die daraus entstehenden Konsequenzen sind gar nicht mehr drollig, und der Film schafft es sehr gut diesen Unterton zu verschärfen und die Stimmung damit wesentlich zu beeinflussen. Die Figurenzeichnung ist außergewöhnlich exakt und verzichtet auf jegliche Schablonen. So wird der kollaborierende Kommissar als Mensch in allen seinen Facetten gezeigt, und es ist nicht möglich aufgrund des über ihn erhaltenden Wissens ihn als bösen Menschen zu klassifizieren. So kam es, dass ich vor allem gegen Ende des Krieges ein paar Mal heftig schlucken musste. Der Film ist komplett in Sepiatönen gehalten was eine sehr schöne Stimmung erzeugt, und der einzige wirkliche Kritikpunkt ist der etwas holprige Erzählfluss. Aktuelles Geschehen und Rückblenden können nicht immer auf Anhieb unterschieden werden, aber wenn man sich daran gewöhnt hat (und die Rückblenden seltener werden, nach etwa 15 Minuten) ist das spannendes und gefühlsbeladenes Erzählkino. Lohnenswert.

7/10

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PostPosted: 02.01.2015 18:20 
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Foltergarten der Sinnlichkeit
Emanuelle e Françoise le sorelline
Italien 1975
Regie: Joe d’Amato
George Eastman, Rosemarie Lindt, Annie Carol Edel, Patrizia Gori, Massimo Vanni, Maria Rosaria Riuzzi, Giorgio Fieri, Eolo Capritti


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Carlo (George Eastman) ist ein triebgesteuertes Arschloch, dessen Leben darin besteht Frauen zu benutzen und Geld auf Pferderennbahnen zu verlieren. Als er wegen einer anderen die naive Françoise (Annie Carol Edel) aus der Wohnung wirft, schmeisst diese sich daraufhin vor einen Zug. Françoise’ Schwester Emanuelle (Rosemarie Lindt) schwört Rache. Und die Rache ist eine sehr weibliche Rache die nicht einfach nur aus Blutwurst besteht, denn Emanuelle will Carlo demütigen und erniedrigen.

Und wieder einmal ein Film, der mich sprach- und fassungslos zurücklässt. Was wurden im Italien der 70-er Jahre mit einfachsten Mitteln nicht für aufregende Filme gedreht. Filme, die Geschichten erzählen, diese in der Gegenwart ansiedeln, und mit glaubhaften Schauspielern überzeugend umsetzen. Filme, die den Film im Kopf des Zuschauers anstoßen und die Geschichte dort weiterspinnen. Filme die beschäftigen, die zum Diskutieren auffordern. Und, das Wichtigste überhaupt, Filme die dabei auch noch unterhalten. Kein kopflastiges Arthouse, sondern Sex, Drogenrausch, Unterwerfung, Boshaftigkeit und Gewalt. Und trotzdem ist FOLTERGARTEN DER SINNLICHKEIT (mein Gott, was für ein schwachsinniger Titel*) auch kein Exploiter der nur aus diesen Zutaten besteht. Diese spezielle Mischung aus Kopf- und Bauchkino, die ist wohl irgendwann in den letzten 30 Kinojahren verloren gegangen.

Ein Grund mehr solche Filme zu loben und zu bewerben. Was haben wir? George Eastman ist ein Ekel wie es im Buche steht. Er darf seinen Prachtkörper öfters in die Kamera halten und ansonsten ist er einfach ein absolutes Oberarschloch. Wer so mit Frauen umgeht hat nichts anderes verdient. Rosemarie Lindt als Sexy Beast, das den Schorsch gehörig scharf macht – während der gefesselt ist und seine Geilheit nicht ausleben darf. Die Annie ist schnuckelig und liebreizend und die anderen Schauspieler, die ihre Sache durchaus gut machen, sind auch vorhanden. Aber die Umsetzung dieser Geschichte, vor der verblasst so einiges. Was sich die gute Emanuelle alles einfallen lässt für ihre Rache, das ist schon nicht von schlechten Eltern. Und hierfür lässt sich das Drehbuch Zeit. Zeit um tatsächlich alle wesentlichen Figuren einzuführen, vorzustellen, und ihnen Tiefe zu geben, und damit die Rache zu plausibilisieren. Zusätzlich kommen noch Rückblenden ins Spiel, welche die Person Françoise charakterisieren, und somit auch der Figur Carlos weitere Tiefe geben. Nein, Buch und Erzählweise sind perfekt so wie sie sind.
Und gerade wenn man denkt, dass d’Amato den einen Erzählfaden vergessen hat, genau dann holt er ihn (den Faden) wieder raus und bläst zu einem bösen Showdown. Ende gut alles gut? Oh nein, da kommt noch ein Ende, und das ist dann so richtig gemein.

8 von 10 Sicherheitsnadeln für einen Film, der wirklich alles bietet was das Herz begehrt: Sex, Dramatik, Anspruch, Drogenrausch. Bitte mehr davon!

*Wobei der Titel der Video-Auswertung, DIE LADY MIT DER PUSSY CAT, den vorhandenen in Bezug auf Idiotie noch toppt …

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PostPosted: 02.01.2015 19:07 
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Jess Franco’s Perversion
Flores de perversión
Deutschland / Spanien 2003
Regie: Jess Franco
Fata Morgana, Carmen Montes, Eva Neumann, Lina Romay, Exequiel Cohen, Rachel Sheppard, Martin Gardfield


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2 junge Mädchen (Fata Morgana, Carmen Montes) stellen sich in einem Bordell vor in dem Männer gequält werden. Ein Mann, der mit der Lieblingshure der Puffmutter stiften gehen wollte, wird totgepeitscht. Die Lieblingshure darf vorerst bleiben. Vorerst … Anschließend wird ein anderer Mann erst so richtig scharf gemacht und dann kastriert.

So in etwa geht die „Handlung“. Laut Eintrag in der OFDB ist PERVERSION unter anderem auch ein Experimentalfilm, und so ein bisschen geht es auch in die Richtung. Nackte Frauen tanzen in buntem Licht minutenlang (gefühlt stundenlang …) zu Bluesmusik, befingern sich selbst ein wenig, und gut. Die Liebesszene zwischen Lina Romay und ihrer Gespielin ist recht witzig gemacht, und die anschließende Auspeitschung ist mal wieder ein Beweis, mit wie einfachen Mitteln Jess Franco doch ansprechende Bilder filmen konnte. Zwischendurch tanzen immer wieder mal die Mädels vom Anfang.
Die zentrale Szene ist dann die Rasur der Lieblingshure. Etwa 15 Minuten ohne Schnitt wird rasiert, die Damen geilen sich immer mehr auf, und zum Schluss kommt Lina, die das Ergebnis dann hautnah begutachtet und abschmeckt. Eine sehr schöne und fast erotische Szene, die allerdings gerne auch etwas kürzer hätte ausfallen können.

Jess Franco war ein bekennender Voyeur, und PERVERSION ist der Film eines Voyeurs. Die rudimentäre Handlung kann man sich auch wegdenken, es geht ausschließlich um das Zeigen nackter Frauen in mehr oder weniger erotischen Posen, ohne irgendwelchen HC-Schmuddelkram auf der einen oder Michael Ninn-Style auf der anderen Seite. Hier werden echte Frauen gezeigt, mit echten Titten und ohne großes Brimborium. Wenn man Bluesmusik mag sind auch die Tänzerinnen, die über den ganzen Film verteilt immer wieder auftauchen, sehr angenehm. Ich persönlich kann mit Blues nichts anfangen, was irgendwann zu einer gewissen Genervtheit führt. Aber Jess Franco hat Filme halt nun mal nicht für das große Publikum gemacht, und vermutlich hat er in den letzten Jahren sowieso nur noch seine Phantasien verfilmt. (Wieso nur in den letzten Jahren?) Aber was soll’s, die spezielle Art der Franco’schen Erotik hat einfach was. Wobei ich zugebe, dass ich mir den Film frühestens in 10 Jahre wieder anschauen werde. So richtig fesselnd, von der ersten bis zur letzten Sekunde, war er dann zugegebenermaßen doch nicht.

Fazit: Für sehr fortgeschrittene Franco-Jünger in Ordnung, wer sich mit Francos Universum bekannt machen möchte (oder Blues hasst) sollte vorerst die Finger davon lassen. Es ist schon recht eigen was hier gezeigt wird.

5/10

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PostPosted: 09.01.2015 13:47 
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Der Mann ohne Gesicht
Nuits rouges
Frankreich / Italien 1974
Regie: Georges Franju
Gayle Hunnicutt, Jacques Champreux, Ugo Pagliai, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Patrick Préjean, Raymond Bussières, Clément Harari, Henry Lincoln


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Maxime de Borrego (Roberto Bruni) hat geheimes Wissen über den Schatz des Templerordens. Darum wird er vom Mann ohne Gesicht (Jacques Champreux) ermordet. Da Borrego aber sein Wissen vor seinem Tod nicht preisgibt, wendet sich der Mann ohne Gesicht an den Neffen de Borregos, Paul (Ugo Pagliai). Der wiederum engagiert den Privatdetektiv Séraphim (Patrick Préjean), und zusammen mit der Freundin (Josephine Chaplin) und dem Kommissar Sorbier (Gert Fröbe, in der deutschen Version Kommissar Dumont) geht es auf muntere Verbrecherjagd.

So ein Beschrieb klingt ja eigentlich erstmal ganz nett. Da kann was draus gemacht werden. Der Regisseur hat immerhin 14 Jahre vorher den Klassiker AUGEN OHNE GESICHT gedreht, und mit Gert Fröbe an Bord kann kaum noch etwas schief gehen, oder? Falsch gedacht …

Zu klassischer Klaviermusik steigt die Handlung zwar mysteriös mit einem verräterischen Butler und einer geheimnisvollen alten Frau ein, bleibt dann aber erstmal anhaltend verworren und vor allem langatmig. Die Szenen dauern teilweise viel zu lang und die statische Kamera, die sich beim Abfilmen von Gesichtern gefällt, sorgt da nicht wirklich für Stimmung. Ein paar Mal kommt eine Stimmung wie in einem der schlechteren Filme von Jess Franco auf, nur ohne Sex. Die Dialoge klingen wie in einem Lehrfilm für die französische Sprache – genauso langsam, genauso hölzern, genauso gestelzt. Die Schauspieler … Nun ja, Schwamm drüber. Gayle Hunnicutt und Josephine Chaplin sind zumindest schön anzuschauen, aber selbst Gert Fröbe wirkt etwas demotiviert.
Der einzige wahre Höhepunkt ist die Szene auf dem Dach. Zu einer Musik, die wie von Stelvio Cipriani erträumt klingt, huscht und tänzelt Gayle Hunnicutt Catwoman-artig über die Pariser Dächer, schaut in Fenster, seilt sich ab, mordet, kann entkommen, und flüchtet vor der Polizei wie ein flüchtiger feuchter Traum. Allein diese Sequenz ist den Film wert, und auch der „Angriff“ der Killer im Auktionshaus ist recht stimmungsvoll geraten, der Rest aber ist ein hölzerner und uninspirierter Fantomas-Abklatsch.

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Catwoman goes Mary Poppins

So weit die französische Fassung. Die deutsche Fassung startet erstmal mit einer Verfolgungsjagd via Auto und Hubschrauber, einigen stimmungsfördernden Dialogen („Schade dass sie nicht bei uns hier oben sind, Chef. Wir wurden gerade beschossen.“), und insgesamt geht, unterlegt von einem recht trashigen Off-Kommentar, erstmal die Luzie ab. Der Vorspann ist eine Umkehrung von Smoke on the water, und könnte tatsächlich so von Deep Purple eingespielt worden sein. Nach 10 Minuten Party kommen wir dann an die Stelle an der die französische Version beginnt. Da aber die deutsche Version insgesamt ein paar Minuten kürzer ist als die diese, kommt der kühle Rechner zu dem logischen Schluss, dass in der deutschen Version so einiges fehlt. Und richtig, die einzelnen Szenen sind mitnichten zu lang und zu hölzern, stattdessen ist das alles recht flott und dynamisch geschnitten und mit einigen putzigen Synchronkalauern hinterlegt. Insgesamt kommt wenig bis gar keine Langeweile auf.
Ganz im Gegenteil, es ist sogar noch Zeit einen Handlungsstrang um 2 Killer einzufügen (und diesen sogar ordentlich zu beenden). Dafür wurde leider die traumhafte Sequenz auf dem Dach gekürzt, und auch der gewerkschaftsfeindliche Monolog des Doktors über seine Zombie-Killer musste leider ausfallen. Aber man kann halt nicht alles haben. Überhaupt, diese Zombie-Killer. In der deutschen Version handelt es sich um den „Vampir, der den Leuten das Gehirn aussaugt“. In Wirklichkeit steckt da ein Wissenschaftler dahinter (der in der deutschen Version einen russischen Dialekt hat), der durch finstere Experimente illegale portugiesische Einwanderer zu willenlosen Killern machen kann (so ein Haderlump). Dass diese Killer das Tempo und den Einfallsreichtum der reitenden/schwimmenden/poppenden Leichen aus den spanischen Horrorfilmen haben macht gar nichts, da die Opfer, sobald sie die Zombies sehen, die aus ebendiesen Filmen bekannte Krankheit der Zeitluperitis bekommen und sich Schritt für Schritt mit sicherem Gespür an die nächste Mauer stellen, entsetzt schauen und warten bis sie getötet werden.

Gert Fröbe spricht sich hier selber, die psychedelische Rockmusik sorgt für einige wirklich starke und intensive Momente, und wenn am Ende der Mann ohne Gesicht zu den Klängen von Water on the smoke durch die Gänge geht strahlt das Herz des Trash-Freundes. Man vergleiche nur die Sequenz auf dem Dach des Zuges, wie (auch wenn ich mich wiederhole) uninspiriert die französische Fassung hier wirkt, und wie schwungvoll die deutsche.
Auch ist das Ende in der französischen Version komplett anders, hier wurde entsprechend auch ein Jahr später eine mehrteilige Fernsehserie gedreht. Fantomas und seine Epigonen haben in Frankreich einfach eine gewisse Tradition und sind auch heute noch beliebt, während in Deutschland diese Helden bis auf Ausnahmen eher unbekannt geblieben sind.

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Fantomas hat mir schon wieder meinen Teddybären geklaut

Was bei beiden Versionen gleich ist sind die trashigen Settings und die skurrilen kleinen Momente. Das Hauptquartier des Mannes ohne Gesicht erinnert ein wenig an meine letzte Wohnung im Winter, weil alle Angestellten mit Sturmmützen rumlaufen. In der französischen Version benötigt der Chef sogar einen Sturmmützenträger der ihm den Fernseher einschaltet. Die Verstecke der Mikrofone in der Wohnung der Freundin sind außerordentlich einfallsreich gewählt, und eine meiner Lieblingsszenen ist, wenn Paul den Kommissar das erste Mal aufsucht und ihm erklärt dass er gerade aus dem Ausland kommt, sich am Flughafen eine Zeitung gekauft hat und über die Meldung entsetzt war (womit er den Mord an seinem Onkel meint). Mit diesen Worten gibt er dem Kommissar die Zeitung – und der fängt auch prompt an in der Zeitung zu lesen …

Ich vermute mal, dass Franju eine kühl-elegante Fantomas-Version vorschwebte, in der Tradition des klassischen französischen Gangsterfilms, ohne die Klamaukelemente eines Louis de Funès. Dafür sprechen die pittoresken Kulissen wie z.B. das Geschäft der Mdm Ermance und die kalte und moderne Einrichtung des Hauptquartiers. Für die deutsche Version ist im Vorspann Manfred R. Köhler als Bearbeiter angegeben, und der hat die Kunst der etwas trashigen Unterhaltung halt einfach beherrscht.

Wie schön, dass der Medienvertrieb Lauenstein diese beiden Versionen auf eine DVD gepackt hat. Ich hatte beim Anschauen recht häufig das Gefühl 2 völlig verschiedene Filme zu sehen. Dass die Deppen bei Lauenstein für die deutsche Version allerdings 2 Rollen verwechselt haben (es müssten die zweite und die dritte sein, den deutlich erkennbaren Markierungen auf dem Film nach zu urteilen), das ist nicht entschuldbar. Auch die Kapitelanwahl ist nicht eigens anwählbar, dafür muss immer zuerst der Film gestartet werden. Da zeigt sich, wie manchen Labels ihr eigenes Produkt, mit dem sie immerhin Geld verdienen möchten, doch am Arsch vorbei geht. Und man beginnt die Arbeit von Labels wie FilmArt oder Camera Obscura und so einigen anderen wieder ein wenig mehr zu schätzen.

Fazit:
Die französische Fassung bekommt eher schundige 3 von 10 Wachssiegel, enthält aber die wunderschöne Dachsequenz in der gesamten Länge.
Die deutsche Fassung bekommt ordentliche 6 von 10 Giftpfeile weil sie einfach für Stimmung sorgt und flott ist.
Die DVD bekommt einen von zehn Zombies weil diese Veröffentlichung einfach nur Scheisse ist.

Tipp zum Anschauen also: Zuerst die französische Fassung für das Grundverständnis der Story an sich, dann die deutsche Fassung für die Stimmung.

Abschließend noch eine Hausaufgabe für die Spezialisten: Die kurze Musiksequenz bei der Befreiung von Catwoman, ich behaupte mal dass die aus FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR kommt. Andere Vorschläge?

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Angriff der Zeitlupenkiller

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Hier leider relativ schlecht zu sehen, das Templer-SEK mit Go-Masken im Hintergrund

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Das Schreckenslabor des Doktor Brinkmann

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Das stylische Hauptquartier des Mannes ohne Gesicht

...und einen Trailer hab ich auch noch gefunden.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 18.01.2015 19:53 
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Joined: 07.2013
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Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Der Ruf der blonden Göttin (a.k.a. Voodoo Passion)
Der Ruf der blonden Göttin
Schweiz 1977
Regie: Jess Franco
Ada Tauler, Jack Taylor, Karine Gambier, Vicki Adams, Vítor Mendes, Ly Frey, Aida Gouveia, Sandra Daenliker, Norbert Langer


Guten Morgen ihr Schnuffelmäuschen!

Willkommen bei Jess Franco-Reisen! Kommen Sie mit uns auf eines der schönsten tropischen Inselparadiese, nach Haiti. Genießen Sie die wundervolle und farbenprächtige Natur der Karibik, und gehen Sie Seite an Seite mit der nackten Vicki Adams durch den Urwald. Fahren Sie mit Jack Taylor durch die pittoresken Straßen der Stadt. Dinieren Sie gepflegt mit Ada Tauler in herrschaftlicher Atmosphäre, während anschließend Karine Gambier zu Ihrer vollsten Verfügung steht.

Sehen Sie: Nackte und gut gebaute Negerinnen, die zu schwungvoller Jazzmusik von Walter Baumgartner tanzen und Hähne opfern
Sehen Sie: Eingeölte Körper, die sich bebend vor Wollust räkeln
Sehen Sie: Vicki Adams, die nackt im Urwald tanzt
Sehen Sie: Die Einrichtung, die in FRAUEN OHNE UNSCHULD so trist wirkt, wird hier wirklich ansprechend verwendet und stilvoll eingesetzt
Sehen Sie: Gutaussehende Milfs, die im Neglige durch den Urwald laufen
Sehen Sie: Die Jess-Franco-Version der SCHWARZEN SCHWESTERN, wenn zu endlosem Getrommel endlos nackt getanzt wird

Genießen Sie anderthalb Stunden reines Urlaubsflair in aparter und sexuell aufgeladener Atmosphäre. Unsere Reiseleiterin wird sich freuen auch Sie an Bord eines von sieben unserer zehn Traumschiffe begrüßen zu dürfen.

Image

Ehrlich, ich fand den Film toll!!! Urlaubsflair, Sex, nackte gutaussehende Frauen - Was zur Hölle soll ein Film denn noch bieten damit er gefällt? Handlung? Pfff, wird doch völlig überbewertet ...

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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