Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.10.2019 11:29 
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Pa_Nik wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Na ja, und dieser stark meditative Charakter hat mich irgendwann einfach nur noch gelangweilt ... :oops: Ich glaube, ich bin von den vielen Jahren mit Genrefilmen mittlerweile ziemlich versaut ...


Den zerstörerischen Auswirkungen von Schmutz und Schmier auf wahre Filmkunst ist entschieden entgegenzuwirken!

Ich würde es eher andersherum formulieren :mrgreen:

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.10.2019 11:42 
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Wir sind die Nacht (Dennis Gansel, 2010) 8/10

Lena ist eine Jugendliche in Berlin. Eine, die sich mit kleinen Diebstählen über Wasser hält und ansonsten ziellos durch das Leben driftet. Louise verliebt sich in Lena, weil sie das Potenzial der jungen Frau erkennt. Doch Louise ist über 200 Jahre alt und ein Vampir. Louise und ihre Freundinnen Charlotte (dazugestoßen in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts) und Nora (seit der ersten Love-Parade dabei) saufen und koksen und rauchen und vögeln ohne süchtig, fett oder schwanger zu werden. Sie genießen das unsterbliche Leben in vollen Zügen, und nach anfänglichen Problemchen kommt auch Lena irgendwann auf den Geschmack. Allerdings hat sich Lena kurz vor dem entscheidenden Biss in den jungen Polizisten Tom verliebt. Und Polizisten haben die Eigenart neugierig zu sein. Und sich zu fragen, wieso die gestern noch Kleinkriminelle heute einen Lamborghini fährt. Und woher die neuen Klamotten sind. Außerdem steht Tom zusätzlich noch vor der Frage, an was die drei russischen Zuhälter gestorben sind, wenn man auf dem Video doch so gar nichts sieht außer ebendiesen drei Typen. Und Feuer das scheinbar von selbst gelegt wird. Nun ja, und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem Tom eins und eins zusammenzählt …

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Eine Tour der Force durch die Dunkelheit. Ein blutiger Ritt durch die finstere Seite Berlins. Wir stehen in der Morgendämmerung auf dem Hotel Adlon und spüren wie die Sonne unsere Haut verbrennt. Wir führen russischen Zuhältern junge Mädchen zu, um sie (die Zuhälter) Feuer, Schmerzen und Tod spüren zu lassen. Wir tanzen durch die Nacht um ewig jung zu sein. Blut im Mund. Champagner auf der Haut. Den Tod auf der Zunge. Wir verbrennen unser Leben und können doch nicht untergehen. Wenn da nur nicht diese Einsamkeit wäre. Die Einsamkeit und die Erinnerungen …
Wer immer auf die Idee kam, eine 25-jährige Vampirin von ihrer 80-jährigen Tochter Abschied nehmen zu lassen … Und wer immer auf die Idee kam das SEK gegen Vampire antreten zu lassen … Emily Pankhurst verschmilzt mit Carmilla. Die Nacht verschmilzt mit dem Leben. Ein Film wie ein Blutrausch: Wild, hemmungslos, dem Tode geweiht ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.11.2019 13:19 
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Wendekreis der Angst
Alibi perfetto
Italien 1992
Regie: Aldo Lado
Michael Woods, Kay Sandvik, Annie Girardot, Carla Cassola, Gianna Paola Scaffidi, Philippe Leroy, Burt Young, Bobby Rhodes, Yves Collignon, Elisabetta Coraini, Francesco Acquaroli, Valerio Barberis


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Den beiden Drogencops Tony und Lisa gelingt ein Schlag gegen das Syndikat: Heroin im Wert von vielen Hunderttausend Dollar, ein toter Gangster und ein süchtiger Chinese gehen ihnen ins Netz. Der Obermotz des Syndikats, Manzini, der seinerseits unter erheblichem Druck steht die beschlagnahmte Ware wieder zu beschaffen, ist ob dieses Verlusts ziemlich genervt, und will sich rächen: Ein Profilkiller schießt Tony und seine Ex-Frau Elvie nieder: Sie ist tot, er an Leib und Seele schwer verletzt. Als Tony versucht Manzini zu fassen stellt er fest, dass Elvie vor ihrem Tod Fotos einer alten Villa gemacht hat. und auf einem dieser Fotos ein Mann zu sehen ist, der dort eigentlich nicht hingehört. Der Verdacht wächst, dass der Anschlag gar nicht ihm gegolten hat, sondern dass Elvie Dinge gesehen hat die sie nicht hätte sehen dürfen. Die Spur führt zu dem längst abgelegten Fall des sogenannten Vollmondmörders, der rothaarigen Frauen bei Vollmond die Köpfe abgeschnitten hat. Wurde damals vielleicht der Falsche verhaftet?

Softe Keyboards quälen die Gehörgänge, die schönen Männer haben breite Schultern und fühlen sich als rechtmäßige Nachfolger von Sonny Crockett, und wunderschöne Frauen in engen Kleidern und High Heels john-waynen mit sexy erhobenen Pistolen im Anschlag Türen: Willkommen in der wunderbaren Welt der schnell und günstig produzierten 90er-Krimis.

Soll heißen: Im Prinzip wirkt WENDEKREIS DER ANGST erstmal wie ein TV-Schnellschuss fürs amerikanische oder italienische Fernsehen, und die Klasse der früheren Arbeiten Aldo Lados (MÄDCHEN IN DEN KRALLEN TEUFLISCHER BESTIEN, THE CHILD – DIE STADT WIRD ZUM ALPTRAUM) ist auf den ersten Blick nicht wirklich zu bemerken.

Aber der Film hat so ein paar Eigenheiten, die ihn aus der Masse dann doch herausheben. Der alte Drehbuchhase Dardano Sacchetti (u.a. DER NEW YORK RIPPER, JÄGER DER APOKALYPSE) hat hier drei Handlungsstränge miteinander verwoben, die erstmal nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Da aber nie so richtig klar ist, mit welchem der Stränge wir es gerade zu tun haben, und wie diese Stränge miteinander verknüpft sind, entsteht das, was einen Film sehenswert macht: Spannung!
Da ist die Story um den Drogenboss Manzini, dessen Organisation gewaltig zusammengedampft wurde, der das beschlagnahmte Heroin wiederbeschaffen soll, und der auch noch den Auftrag hat Tony umzulegen. Dann ist da die mysteriöse Countess, die einen gewissen Hang zur Grausamkeit hat, die in der Klapse einsitzt, dort Wärter blutig drangsaliert, und der unter anderem eine alte Villa gehört. Und just in dieser Villa wird eine verweste Leiche gefunden und der Handlungsstrang mit dem Vollmondmörder wird eingeführt. Sowohl Tony wie auch der Zuschauer rätseln nun, ob der Mörder vielleicht wieder arbeitet (und unglücklicherweise haben viele Frauen in Tonys Umgebung rote Haare), ob der Mordanschlag Tony oder Elvie gegolten hat, und welche Rolle die Countess spielt. Vor allem ab dem Augenblick, in dem diese aus der Psychiatrie flüchten kann, dreht die Spannungsschraube merklich an …

Die Verknüddelung dieser einzelnen Handlungen ist für ein Billigprodukt dieser Zeit überraschend gelungen. Doch mit der Besetzung ist der Produktion dann sogar noch ein echtes Sahnehäubchen geglückt.
Da wäre einmal Burt Young als Manzini. Burt Young kennt man als Schwager von Rocky und als Paten aus vielen besseren und schlechteren Mafiafilmen. Der Mann hat einfach eine richtige miese Ausstrahlung, und mit seinen kalten und fischigen Augen stellt er den Prototypen des Killerschweins per se dar. Ich vermute mal schwer, dass Young in Italien auf Urlaub war, und mit einem Drehtag seine Urlaubskasse aufgebessert hat, anders kann ich mir seine Mitwirkung nicht erklären. Also liegt er barfuss(!) in seiner Luxuslimousine, lässt sich von seinem Hasen die Füße mit einem Hut bedecken und scheucht seine Handlanger durch die Gegend. Komplett aufwandsarm gespielt, und mit maximalem Effekt. Gigantisch!

Philippe Leroy gibt den Chef von Tony und Lisa, und glänzt mit einem Wutausbruch, wie ihn Film-Cop-Vorgesetzte in dieser Zeit regelmäßig hatten. Dabei wirkt er richtiggehend knuffig, und beim Überrumpeln der bösen Buben im Polizeihauptquartier(?) darf er endlich mal wieder seine Agilität beweisen. Auch hier gilt: Wenig Einsatz, maximaler Erfolg. Der Mann ist als Schauspieler ein alter Profi, und das merkt man einfach. Jede seiner Szenen ist Gold wert.

Kay Sandvik, die eigentlich Kay Rush heißt, sieht aus wie eine Mischung aus Björk, Michelle Yeoh und meiner Jugendliebe, und beherrscht den Bildschirm in jeder ihrer Szenen. Die wunderschöne Amerikanerin, die heute beim italienischen Radio als DJane arbeitet, CD-Kompilationen mit House-Musik veröffentlicht und Bücher schreibt, überzeugt mit vollem Körpereinsatz, ordentlicher schauspielerischer Leistung, und rockt den Film einfach ungemein. Schade dass ihre Filmographie so übersichtlich ist, aber wenn ich mir ihre Homepage so anschaue, dann wollte sie im Leben wahrscheinlich sicher mehr erreichen als nur im italienischen TV ihre Brüste zu präsentieren. Allein Kay Rush macht diesen Film sehenswert!!

Dann gibt es da noch einen Gerichtsmediziner, einen Schwarzen, der ausschaut wie aus der damaligen Cointreau-Werbung entlaufen (“You got Cointreau, I got the ice“). Annie Girardot, die ebenfalls mit wenig Einsatz maximale Wirkung erzeugt, und in einigen Szenen echte Angst erzeugen kann. Und zu guter Letzt kann Kameramann Luigi Kuveiller, der zu den Großen seiner Gattung gehört (ROSSO – DIE FARBE DES TODES, DAS VERFLUCHTE HAUS), einige Male sehr gelungene Bilder des Schreckens erzeugen, und auch die Actionszenen sind überzeugend inszeniert.

Jetzt fällt mir nichts mehr ein. WENDEKREIS DER ANGST ist entschieden besser als erwartet. Die typischen 90-er Zutaten wie schlechte Musik oder unüberzeugende Synchro kennt man zur Genüge, und da ist einfach zu vieles was diese kleinen Ekeligkeiten mehr als aufwiegen kann. Empfehlung für alle Freunde nicht übertriebener Krimikost. Und Aldo Lado hatte es dann ganz offensichtlich doch noch drauf …!

7/10

(Dunkle) Bilder gibts hier.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 06.11.2019 18:15 
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The Lookalike (Richard Gray, 2014) 5/10

Joe und Holt sind Brüder: Der erste dealt mit Koks, der zweite konsumiert das Zeugs. Lacey besucht Joe um was zu kaufen, dabei verliebt sie sich in Holt. Eigentlich allerdings hätte sie für die Cops Joe ans Messer liefern sollen. In dem Club, in dem Joe arbeitet, verliebt sich dieser währenddessen in die taube und einbeinige Mila. Im Hinterzimmer des Clubs stirbt, durch einen wirklich tragischen Unfall, die junge Sadie, die von den Clubbesitzern, den Gangstern Bobby und Frank, an den Fiesling Spinks vermittelt werden sollte, um für 300.000 Dollar eine Nacht lang die Beine breit zu machen. Bobby und Frank suchen eine Doppelgängerin, und stoßen dabei auf Lacey, die das Geld bräuchte um neu anzufangen. Holt könnte das Geld auch gut brauchen, steht er doch mit 100.000 bei dem Gangster Vincent in der Kreide. Joe könnte das Geld auch gut brauchen, der ist nämlich ganz frisch schuldenfrei, will mit dem Dealen aufhören, und eine eigene Kochshow auf die Beine stellen. Und Mila? Die ist ein paar Minuten vor ihrem Tod Sadie über den Weg gelaufen und stellt die falschen Fragen.

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Unerheblicher Kleinkriminellen-Film, der gutaussehende Menschen in angenehmen Situationen und schönem Ambiente ablichtet. Nichts was wirklich weh tut, keine Ecken und Kanten, alles soft und weich und angenehm. Hübsch anzuschauen, aber nichts was in Erinnerung bleiben wird. Unerheblich eben …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 09.11.2019 11:28 
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Die rote Lola
Stage fright
Großbritnien 1950
Regie: Alfred Hitchcock
Jane Wyman, Marlene Dietrich, Michael Wilding, Richard Todd, Alastair Sim, Sybil Thorndike, Kay Walsh, Miles Malleson, Hector MacGregor, Joyce Grenfell, André Morell, Patricia Hitchcock


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Ein Auto rast durch London. Darin sitzen Eve und Johnny, auf der Flucht vor der Polizei. Johnny hat seiner geliebten Charlotte Ingwood, einer mondänen Sängerin und Schauspielerin, geholfen, den Mord an ihrem Mann zu vertuschen. Und Eve, verliebt wie sie ist, hilft Johnny zu entkommen. Aber das einzige Beweisstück für Charlottes Untat, ein blutbeflecktes Kleid, landet im Feuer und verbrennt. Daraufhin lässt Eve sich auf das gefährliche Spiel ein, unter falschem Namen als Zofe bei Charlotte zu arbeiten und weitere Beweise zu finden. Dabei lernt sie Inspektor Smith kennen – und verliebt sich ganz furchtbar. Der allerdings hat keine Ahnung wer sie ist, und sollte das auch nicht unbedingt erfahren. Das Spiel wird gefährlicher, als die echte Zofe Eve erpresst. Und Johnny sich bei Eves Eltern versteckt, bei denen aber auch Smith vorbeischaut um mit Eve Tee zu trinken. Und Eve langsam erkennt, dass ihr ach so toller Johny vielleicht doch nicht so toll ist, sondern auch seine Schattenseiten hat …

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Der Hitchcock war schon ein Filou! Die Geschichte, dass er am Ende des Films gemerkt hat, dass mit dem Start des Films etwas nicht stimmt, die nehme ich ihm keine Sekunde ab. Bis zu STAGE FRIGHT (um mal den erheblich passenderen Titel ins Spiel zu bringen) waren ihm schon so einige hochkarätige Thriller gelungen, und mit seiner Traumsequenz in ICH KÄMPFE UM DICH oder seiner “Schnittorgie“ COCKTAIL FÜR EINE LEICHE hat er auch bewiesen, dass er es nicht scheut die Grenzen des Mediums zu erweitern. Und dann soll ausgerechnet er, der zu dem Zeitpunkt rund 25 Jahre im Geschäft war, den Überblick im Drehbuch verloren haben?
Ich glaube eher, dass Hitch von dem Misserfolg des Films überrascht war und eine Geschichte erfunden hat, um sich zu rechtfertigen. Vielleicht sogar vor sich selbst, wer weiß … Fakt ist, dass der Beginn-/Ende-Twist den Film aus der Masse sehr deutlich heraushebt, und den etwas bieder-komischen Humor mehr als aufwiegt. Wobei klar zu bemerken ist, in welche Richtung die filmische Reise gehen wird: Den Drive und die Stimmung seiner kommenden Filme aus den 50ern, den merkt man STAGE FRIGHT deutlich an, wenn auch noch nicht so ausgeprägt wie in seinem nächsten Werk, DER FREMDE IM ZUG. Der Film ist spannend, die Zeit vergeht wie nix, und es sind filmische Schmankerl enthalten die unglaublich Spaß machen (etwa wenn Johnny in Eves Haus geht, die Kamera ihm auf den Fersen folgt, und er eine nicht existierende Tür schließt – in die Kamera hinein). Auf der Gegenseite ist der Humor altmodisch-arglos, und die Figuren sind oft etwas behäbig. Spätestens das Showdown ist allerdings Thrillerkino vom Feinsten: Die Performance Richard Todds ist beängstigend und würde jedem Giallo gut zu Gesicht stehen.

Ein Film über das Theater, aufgemacht wie ein Theaterstück, und mit oft etwas theatralischen Figuren. Ein Film mit Schauspielern, die Schauspieler spielen und in Rollen schlüpfen. Die oft nicht das sind, für was man sie hält. Die eine Schau spielen, auf einer Bühne, welche die engen Grenzen der eigentlichen Bühne sprengt. Jeder hat hier irgendwann mal eine Rolle, tut so als ob er jemand anders wäre. Sogar der Bühnenvorhang hat eine gewichtige Rolle.
Und ein Film, der auf eine ganz bestimmte Art zwischen den Stühlen steht. Die 40er waren praktisch vorbei, die 50er hatten noch nicht begonnen, und Hitch entwickelte sich ab dem nächsten Film in eine ganz andere Richtung – Weg von Dramen à la SKLAVIN DES HERZENS oder Wortschlachten wie DER FALL PARADIN, hin zum modernen Thrillerkino, dessen Entwicklung dann bis heute gradlinig weiterverfolgt werden kann. STAGE FRIGHT ist auf jeden Fall sehenswert: Als Krimi, als Meilenstein in Hitchcocks Entwicklung, und als Vorläufer von Tarantinos RESERVOIR DOGS. Warum von dem? Selber herausfinden …

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7/10

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PostPosted: 11.11.2019 19:10 
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Projekt B (Jackie Chan, 1987) 7/10

Eben hat der junge Sergeant Dragon noch Schmugglern an der chinesischen Küste das Geschäft versaut, schon sieht er sich neuen Aufgaben gegenüber: Die Westseite von Hongkong braucht einen neuen Superintendet, nachdem der bisherige, Chun, sich als unkontrollierbar erwiesen hat. Dragon bekommt schnell heraus, mit wem er es hier wirklich zu tun hat: Praktisch alle Polizisten des Reviers sind korrupt, faul, und werden vom Grausamen Wolf kontrolliert, einem mächtigen Triadenboss. In seinem Revier treiben sich außerdem junge Revolutionäre herum, welche die Bevölkerung versuchen gegen das Mutterland aufzustacheln, und Dragon verliebt sich natürlich auch gleich in eine dieser “Aufwieglerinnen“. Dann kommen auch noch chinesische Geheimagenten hinzu, welche die Revolutionäre ausspionieren sollen. Chun will auch weiterhin seine eigenen Geschäfte durchziehen, die Piraten wollen Dragon auch noch ans Leder, und letzten Endes hat ganz Hongkong eigentlich nur ein Ziel: Dragon muss weg!

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Und genauso vollgestopft wie sich das liest, so schaut es auch aus. Jackie Chan hastet von Kampf zu Kampf, alle Handlungsstränge werden angerissen, am Besten gleichzeitig, mittendrin gibt es eine 20-minütige Sequenz, in der sich sämtliche Gegner (also Polizisten, Gangster, Agenten und Revolutionäre) in der Wohnung von Maggie verstecken müssen, ohne dass sie voneinander wissen dürfen, und die wahnsinnig komisch geworden ist, und was dabei das Beste ist: Das Ganze funktioniert einwandfrei! Durch die fehlenden Atempausen wird einem nie klar, wie idiotisch das ganze ist. Wie POLICE STORY auf Speed, irgendwie. Der Zuschauer ist andauernd am Staunen, am Lachen, am Erschrecktsein, oder gleich alles drei auf einmal. Jackie Chan singt den Titeltrack, führt Regie, macht die Stunts (hat sich hier aber angeblich ab und zu doublen lassen), spielt die Hauptrolle, und mich würde nicht wundern, wenn er auch noch Schnitt, Beleuchtung, Ton und Scriptgirl gewesen wäre. Der Mann muss am Set mindestens genauso auf Adrenalin gewesen sein wie die Handlung seines Films. Ein echtes Erlebnis!
Plus, PROJEKT B hat den schärfsten Stunt aller Zeiten: Jackie Chan stopft sich den Mund voll mit roten Chilis, um seine Gegner im Zweikampf anzuspucken, und damit kampfunfähig zu machen. Es hätten eigentlich unechte Chilis sein sollen, sind aber tatsächlich echte, was man in den Outtakes im Abspann auch sieht …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 13.11.2019 19:04 
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Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest
Brooklyn's finest
USA 2009
Regie: Antoine Fuqua
Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D'Onofrio, Brían F. O'Byrne, Will Patton, Michael K. Williams, Lili Taylor, Shannon Kane, Ellen Barkin, Wass Stevens


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Eddie hat noch sieben Tage bis zur Pensionierung, und die will er heil, mit etwas Whiskey und ohne große Polizeiarbeit durchstehen. Wieso zur Hölle bekommt er jetzt einen Rookie, den er anlernen muss? Und auch noch einen der gierig ist auf Hilfestellung und Freund und Helfer und so …
Clarence, genannt Tango, ist seit zwei Jahren undercover, und jetzt liegen die Nerven blank. Er will raus. Einen richtigen Schreibtisch, eine richtige Krawatte, einen richtigen Anzug, das will er. Das kann er haben – wenn er seinen besten Freund Cas, der ihm mal das Leben gerettet hat, an den bösartigen Agenten Smith ausliefert.
Sal hat drei Kinder, eine mit Zwillingen schwangere Frau, ein verschimmeltes Haus, und bedient sich bei Razzias aus dem herumliegenden Drogengeld, damit er seiner Familie ein besseres Zuhause bieten kann. Er könnte ein schönes Haus bekommen, aber die Frist bis zum Ende des Angebots ist kurz, und ausgerechnet jetzt findet er bei den Razzien kein Geld mehr.
Alle drei sind Cops in Brooklyn. Einer Gegend, die sowieso schon einem Kriegsgebiet ähnelt. Und weil letzte Nacht irgendein korrupter weißer Bulle einen schwarzen Studenten abgeknallt hat, ist die Stimmung im Viertel derzeit noch ungesünder für Uniformträger, gleich welcher Hautfarbe.

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Eddie, das ist Richard Gere. Der weise alte Mann des US-Kinos, immer dann wenn Morgan Freeman nicht zur Verfügung steht. Eddie erinnert mich oft an die Figuren aus den Romanen von Joseph Wambaugh: Die müden alten Cops, die durch die Straßen schlurfen und Recht und Unrecht auseinanderhalten müssen in einer Welt, in der in Begriffen wie richtiger oder falscher gedacht wird. Und auch wenn es oft etwas theatralisch wirkt, Richard Gere ist genau der richtige für den Job. Wie weiland Dirty Harry bekommt er gleich zwei neue Partner, und beide werden gleich am ersten Tag zerstört. Der eine psychisch und der andere physisch. Nur die Verzweiflung, die kann der Gere nicht so richtig rüberbringen, dafür ist seine Ausstrahlung ein wenig zu gentlemanlike.

Clarence, das ist Tango, das ist Don Cheadle, und auch hier haben wir wieder diese Theatralik, die den toughen Brooklyn-Dealer so merkwürdig hollywoodesk aussehen lässt. Die Sprache (der deutschen Synchro) gibt sich alle Mühe das auszugleichen, aber es bleibt dieser Touch von Kino, dieser Hauch von aufgesetzter Handlung. Trotzdem, Tangos Dilemma ist spürbar und es brennt. Weil Tango von Grund auf ein sympathischer Kerl ist brennt es auch dem Zuschauer ein Loch in die Seele, und die Abwärtsspirale Tangos lässt den Zuschauer taumeln, bis zum ausgesprochen bitteren und blutigen Ende. Ich musste oft an Tony Leung in INFERNAL AFFAIRS denken, und überhaupt scheint Fuqua in diesem Erzählstrang von Andrew Laus Cop-Klassiker inspiriert worden zu sein. Was ja nichts Schlechtes ist …!

Sal, das ist Ethan Hawke, und wie so oft ist Ethan Hawke derjenige, der einen guten zu einem starken Film macht. Zwar ist sein Handlungsstrang ein reines Drama, ohne allzu große Bezüge zur Polizeiwelt, diesem Drama aber gibt er klare und tiefe menschliche Züge. Seine Verzweiflung ist mit Händen greifbar, und je näher der Stichtag der Angebotsabgabe kommt, zusammen mit dem Geburtstag der Zwillinge, desto schmerzhafter wird Sals Existenz. Oder, wie er es im Beichtstuhl ausdrückt: “Ich will nicht dass Gott mir vergibt, ich will dass er meine Probleme löst.“ Seine Geschichte ist die schmerzhafteste, und damit auch diejenige, die dem Film qualitativ am Meisten gibt.

In Summe gibt das, und jetzt kommt die Überraschung, einen hochgradig spannenden Cop-Thriller, der seine inhaltlichen Schwächen durch eine überragende Inszenierung ausgleicht. Denn alle drei Geschichten werden parallel erzählt. Die Höhepunkte und Ruhephasen geschehen gleichzeitig, und die Wege der drei Cops überkreuzen sich erst ganz zum Schluss, wenn nichts mehr gesagt werden kann und alle Kugeln ihr Ziel gefunden haben. Gerade das Showdown ist spannend, blutig, intensiv und düster, wie überhaupt der ganze Film düster ist. Nicht düster wie SIEBEN, sondern düster wie ein nihilistisches Drama von Ingmar Bergman. Düster in den Beziehungen der Menschen untereinander, düster im sozialen Verhalten, düster in der Aussicht auf die Zukunft. Und immer wenn man denkt, dass einer der Protagonisten vielleicht mal Glück haben könnte, was man ihm dann auch absolut gönnen würde, kommt wieder irgendeine Scheiße um die Ecke …

Spannend, schwarz, sehr stark erzählt, auch wenn ein wenig mehr Street Credibility besser getan hätte (und damit meine ich nicht den inflationären Einsatz von megacoolen Gangsta-Rappern und nerviger Rap-Musik. Aber wer weiß, vielleicht sieht Brooklyn ja ganz genauso aus …). An TRAFFIC – MACHT DES KARTELLS musste ich sehr oft denken, und dass der mich auch nicht so richtig überzeugen konnte. Und an L.A. CRASH musste ich denken, vor allem in der Gestaltung der Erzählweise. Aber L.A. CRASH wirkt geerdeter, wirkt echter, als BROOKLYN’S FINEST. Trotzdem, eine klare Empfehlung für alle Freunde guter und trauriger Cop-Filme.

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7/10

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PostPosted: 15.11.2019 21:44 
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Detour (Edgar G. Ulmer, 1945) 8/10

Al erzählt wie es dazu kam, dass er jetzt unrasiert, dreckig, und auf der Flucht vor der Polizei in diesem Diner hockt. Dass er als Pianist in einer New Yorker Kneipe ein glückliches Leben hatte, gemeinsam mit der Sängerin der Band, Sue. Das Sue irgendwann nach Los Angeles gegangen ist, und er nach einiger Zeit hintergereist ist. Als Anhalter, quer durch Amerika. Er erzählt, wie er Charles Haskell kennenlernt, der ihn in seinem Auto mitnimmt. Von der Nacht erzählt er, in der Haskell durch einen Unfall ums Leben kommt, und dass er fortan mit Haskells Auto und Namen weiterreist. Eine Anhalterin aufgabelt. Und dass diese Frau weiß, dass er nicht Haskell ist, er aber in Haskells Auto sitzt, Haskell also folgerichtig tot sein muss. Und Al sein Mörder …

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Runde 80.000 Dollar Budget, 14 Tage Drehzeit, das Auto des Regisseurs als Hauptrequisit, und mehr oder weniger 4 Drehorte: Die Kneipe, das Hotelzimmer, das Auto, das Diner. Und was kommt als Ergebnis dabei raus? Nun, sicher kein Blockbuster, aber ein verdammt spannender und düsterer Noir, der an Dichte und Schatten so manchen seiner berühmten Kollegen locker hinter sich lässt. Ulmer gelingt das Kunststück, hier alle gängigen Stilmittel des Noir so stilsicher miteinander zu vereinen, als hätte er irgendwo eine Anleitung aus einem Baukasten gehabt: Die Schatten (sowohl im Hintergrund wie auch auf den Seelen der Personen). Das Spiel mit der falschen Identität. Der unschuldig Gejagte, der trotzdem er die Hauptfigur ist, nicht moralisch einwandfrei handelt. Die Femme Fatale, die alle, aber wirklich absolut alle Mitbewerberinnen in den Kategorien Bösartigkeit, Gemeinheit, Habgier und Sex auf die Plätze verweist. Und als Schmankerl die Frage, ob Al uns in seiner Erzählung nicht vielleicht belügt. Ob er uns wirklich immer die Wahrheit erzählt, ist doch die Häufung von unglückseligen und zufälligen Todesfällen in seiner Nähe bemerkenswert.
Ein Trip an das Ende der Nacht …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 16.11.2019 15:34 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ulmer gelingt das Kunststück, hier alle gängigen Stilmittel des Noir so stilsicher miteinander zu vereinen, als hätte er irgendwo eine Anleitung aus einem Baukasten gehabt[...]


Freut mich sehr, dass Dir der Ulmer-Film gefällt; wahrscheinlich hat die Filmwelt wirklich "Glück gehabt", dass Ulmer nach THE BLACK CAT (mit seiner BAUHAUS-GOTIK) auf die schwarze Liste (wegen einer "Frauensache") der großen Hollywood-Studios gesetzt wurde und er danach nur noch bei kleinen bis sehr kleinen Studios Filmaufträge bekommen konnte - denn das mangelnde Geld bei der Produktion hatte dann ja immer wieder ungemein viel Kreativität vom Regisseur verlangt - so auch bei DETOUR, wo Schattenwürfe und verdunkelte Sets das fehlende Budget ausgleichen mussten - was sodann aber den besonderen stilistischen Charme seiner Filme ausmacht - noch abstrakter wäre zum Beispiel auch "Beyond the Time Barrier", wo gut platzierte Objekte vor der Kamera und im Filmraum eine futuristische Architektur schaffen - oder beim "Noir": Ulmers MURDER IS MY BEAT - der zwar nicht so gelungen wie DETOUR wäre, doch auch hier schafft es Ulmer - quasi mit überhaupt kein Budget - einen spannenden Thriller zu zaubern...


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PostPosted: 17.11.2019 14:03 
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Howard Vernon wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ulmer gelingt das Kunststück, hier alle gängigen Stilmittel des Noir so stilsicher miteinander zu vereinen, als hätte er irgendwo eine Anleitung aus einem Baukasten gehabt[...]


Freut mich sehr, dass Dir der Ulmer-Film gefällt; wahrscheinlich hat die Filmwelt wirklich "Glück gehabt", dass Ulmer nach THE BLACK CAT (mit seiner BAUHAUS-GOTIK) auf die schwarze Liste (wegen einer "Frauensache") der großen Hollywood-Studios gesetzt wurde und er danach nur noch bei kleinen bis sehr kleinen Studios Filmaufträge bekommen konnte - denn das mangelnde Geld bei der Produktion hatte dann ja immer wieder ungemein viel Kreativität vom Regisseur verlangt - so auch bei DETOUR, wo Schattenwürfe und verdunkelte Sets das fehlende Budget ausgleichen mussten - was sodann aber den besonderen stilistischen Charme seiner Filme ausmacht - noch abstrakter wäre zum Beispiel auch "Beyond the Time Barrier", wo gut platzierte Objekte vor der Kamera und im Filmraum eine futuristische Architektur schaffen - oder beim "Noir": Ulmers MURDER IS MY BEAT - der zwar nicht so gelungen wie DETOUR wäre, doch auch hier schafft es Ulmer - quasi mit überhaupt kein Budget - einen spannenden Thriller zu zaubern...

Ein Grund, warum ich das mittlere Bild mitgenommen habe, Claudia Drake und das Schattenorchester. So einfach in der Umsetzung, und so spannend und überwältigend in der Wirkung ...

Wenn es nur immer so einfach wäre, die von Dir erwähnten Filme aufzutreiben ... :( Ich habe mir jetzt mal die erste Box des NOIR ARCHIVE bestellt. Bislang kenne ich halt den ein oder anderen Klassiker, und die Sekundärliteratur steht auch im Regal. Jetzt wird es Zeit, dass das Thema auch mal ein wenig unterfüttert wird.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 17.11.2019 16:27 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:

Wenn es nur immer so einfach wäre, die von Dir erwähnten Filme aufzutreiben ... :( Ich habe mir jetzt mal die erste Box des NOIR ARCHIVE bestellt. Bislang kenne ich halt den ein oder anderen Klassiker, und die Sekundärliteratur steht auch im Regal. Jetzt wird es Zeit, dass das Thema auch mal ein wenig unterfüttert wird.


Ja, bei Ulmer und vielen, vielen anderen B-Film-Regisseuren muss man weiterhin - und ich nehme an noch sehr lange Zeit - auf Veröffentlichungen aus dem Ausland zurückgreifen - THE BLACK CAT gibt es zum Beispiel immer noch recht günstig aus GB auf DVD ;)...

das "Noir Archive Volume 1" ist allerdings schon für Leute, die eher den Noir-Stil an sich mögen, als dass sie damit dann immer auch einen klassischen Noir-Thriller verbinden würden (der ganze Terminus ist filmhistorisch ja recht unbestimmt, da er den Filmen erst später "aufgesetzt" wurde) - “Escape in the Fog”, den ich in meinem "Tagebuch" kurz beschreibe, wäre zum Beispiel im Set enthalten, aber auch andere Themen (zum Beispiel Kriegstraumata etc.) werden dort im Noir-Stil gestaltet; alles sehr interessant...

ach: danke für den Tipp mit der Filmliteratur: habe mir das Buch gerade für ca. 3 Euro bestellt... super Empfehlung!!!...


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PostPosted: 17.11.2019 19:07 
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Howard Vernon wrote:
das "Noir Archive Volume 1" ist allerdings schon für Leute, die eher den Noir-Stil an sich mögen, als dass sie damit dann immer auch einen klassischen Noir-Thriller verbinden würden (der ganze Terminus ist filmhistorisch ja recht unbestimmt, da er den Filmen erst später "aufgesetzt" wurde) - “Escape in the Fog”, den ich in meinem "Tagebuch" kurz beschreibe, wäre zum Beispiel im Set enthalten, aber auch andere Themen (zum Beispiel Kriegstraumata etc.) werden dort im Noir-Stil gestaltet; alles sehr interessant...

DAS SCHWARZE BUCH zum Beispiel fand ich sowas von stark! Kein Noir-Thriller, aber genügend Thrill-Elemente um als Spannungsfilm mit historischem Background sich sehr nachhaltig einzubrennen. Ein Film, der definitiv nicht das letze Mal auf meinem Bildschirm zu Gast war. Genauso wie DER UNSICHTBARE GAST, der mit seinem leichten Horror-Setting tief unter die Haut ging. Es muss nicht immer Krimi sein ...
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Apropos Noirs ...

Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (Werner Herzog, 2009) 6/10

Terence McDonaugh ist der Bad Lieutenant: Er raucht Crack, er nimmt Koks, gegen seine mörderischen Rückenschmerzen (und für seine Sucht) bedient er sich praktisch komplett aus der Asservatenkammer (wenn er nicht gerade Nachtschwärmer anhält und ihnen ihren Stoff abnimmt, am Besten dabei noch einen Fick mit der überprüften Frau abstaubend), er hat Wettschulden und seine Freundin ist eine Edelhure. Als Mensch eher auf der Verliererspur, taugt er aber als Polizist was: McDonagh soll ein Massaker an einem illegalen Afrikaner und dessen Familie aufklären, und kommt schnell dahinter, dass der Gangsterboss Big Fate hinter der Bluttat steckt. Nachdem Big Fate aber mit jeder Menge unverschnittenem Koks zu tun hat, schlägt McDonagh ihm einen Deal vor: Geld und Stoff gegen Informationen über Razzien und Festnahmen.

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Eines vorweg: Dieser Film ist kein Remake! Er ist genauso wenig ein Remake von Abel Ferraras BAD LIEUTENANT, wie Luca Guadagninos SUSPIRIA ein Remake des Argento-Klassikers ist. Beide Male lehnt sich der neuere Film an den älteren an, übernimmt Charaktere oder Topoi, und schafft damit etwas ganz eigenes und anderes.

CALL OF PORT – NEW ORLEANS, wie BAD LIEUTENANT ursprünglich eigentlich hätte heißen sollen, ist in erster Linie ein Film über einen drogenabhängigen und korrupten Cop. Punkt. Ein Noir in der Tradition von Filmen wie IM ZEICHEN DES BÖSEN oder PRINCE OF THE CITY – DIE HERREN DER STADT, und damit kommt man sehr schnell zu Nicolas Cage, der den Film in jeder Szene beherrscht. Cage schreit, Cage stöhnt, Cage jammert, Cage triumphiert … Dass er dabei ab und an ein ewig über das Ziel hinausschießt ist bei dem Mann ja nun nichts Neues. Da gibt es diesen Moment, wenn sich nach der Metzelei an ein paar Mafiosi McDonaughs 50.000$-Problem in Luft aufgelöst hat, und er und seine Kumpane auf die Leichen starren. “Schieß nochmal“ sagt McDonaugh, und erneut „Schieß nochmal. Seine Seele tanzt noch.“ Und tatsächlich tanzt etwas Derwischartiges zwischen den Toten und lässt sich erst durch ein paar weitere Schüsse aufhalten. Und Cage lacht und schneidet Grimassen und staunt Löcher in die Luft …

Eine Polizei-Groteske. Ein Cop-Drama, das so gar nicht dramatisch ist, sondern leicht und skurril dahinfließt. Eine märchenhafte Studie über einen Absturz ins gar nicht Bodenlose. Eine absolute Überraschung, in jeder Hinsicht. Nur der Schluss war mir als bekennendem Schwermut-Fan ein paar Ecken zu schokoflockig, aber das ist eine Sache der persönlichen Vorliebe …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 17.11.2019 21:13 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
DAS SCHWARZE BUCH zum Beispiel fand ich sowas von stark! Kein Noir-Thriller, aber genügend Thrill-Elemente um als Spannungsfilm mit historischem Background sich sehr nachhaltig einzubrennen.


DAS SCHWARZE BUCH ist super klasse, was vor allem den Stil betrifft, der mit seinen vielen tiefschwarzen Schattenzonen und den ungewöhnlichen Kameraperspektiven regelrecht eine Sogwirkung der Bedrohung erzeugt - das Thema um die Jakobiner-Herrschaft, wo alle Andersdenkenden gewaltsam verfolgt werden, scheint wohl eine frühe filmische Reflektion der beginnenden Kommunistenverfolgungen in den USA zu sein, könnte ich mir zumindest vorstellen... ansonsten bitte von Mann "Border Incident" anschauen - kam hin und wieder im deutschen TV; ist eher ein Semi-Noir, den ich ungemein spannend finde - wobei mir von Mann eigentlich die meisten Filme sehr zusagen...


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PostPosted: 19.11.2019 20:30 
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Howard Vernon wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
DAS SCHWARZE BUCH zum Beispiel fand ich sowas von stark! Kein Noir-Thriller, aber genügend Thrill-Elemente um als Spannungsfilm mit historischem Background sich sehr nachhaltig einzubrennen.


DAS SCHWARZE BUCH ist super klasse, was vor allem den Stil betrifft, der mit seinen vielen tiefschwarzen Schattenzonen und den ungewöhnlichen Kameraperspektiven regelrecht eine Sogwirkung der Bedrohung erzeugt - das Thema um die Jakobiner-Herrschaft, wo alle Andersdenkenden gewaltsam verfolgt werden, scheint wohl eine frühe filmische Reflektion der beginnenden Kommunistenverfolgungen in den USA zu sein, könnte ich mir zumindest vorstellen... ansonsten bitte von Mann "Border Incident" anschauen - kam hin und wieder im deutschen TV; ist eher ein Semi-Noir, den ich ungemein spannend finde - wobei mir von Mann eigentlich die meisten Filme sehr zusagen...

Ist notiert, genauso wie ESCAPE IN THE FOG. Bei dem ich angenehmerweise gemerkt habe, dass der ja bereits bestellt ist. Jetzt freue ich mich umso mehr auf meine ausstehenden Lieferungen. :D

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And now for something completely different ...

Unternehmen Petticoat (Blake Edwards, 1959) 7/10

September 1942 im Pazifik: Ein Marinestützpunkt auf den Philippinen wird von der japanischen Luftwaffe bombardiert, dabei wird das U-Boot Sea Tiger schwer beschädigt und mehr oder weniger versenkt. Aber Captain Sherman und seine Crew hängen an ihrem Boot und bringen es notdürftig wieder in Ordnung, damit ein geordneter Rückzug nach Cebu durchgeführt werden kann. Mit an Bord: Der neue Ideenoffizier Holden, der sich als außerordentliches Organisationstalent entpuppt, 5 Krankenschwestern, die sich als sehr gut gebaut entpuppen, und der Funker Hornsby, der sich als echtes Schwein entpuppt und am Tag nach seiner Schandtat im eigenen Saft schmoren wird. Und weil beim Anstreichen des Wracks die graue Farbe nicht mehr ausgereicht hat, wird das U-Boot eben – Rosa gestrichen …

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Im Internet habe ich viel gelesen über die sexuelle Aussage des Films. Über die latent homosexuelle Beziehung zwischen Captain Sherman und Lt. Holden, gerade auch in Bezug auf das rosarote U-Boot. Aber soll ich was sagen? Unfug! Das sind doch alles moderne Betrachtungsweisen. Im Jahre des Herren 1959 und im Lande des Herrn USA war Sexualität etwas so dermaßen verpöntes, dass die harmlosen Doris Day-Komödie ja bereits als anzüglich galten. Und UNTERNEHMEN PETTICOAT, in dem unaussprechliche Dinge wie Büstenhalter oder Schlüpfer nicht nur erwähnt, sondern sogar gezeigt werden, ist da das äußerste der Gefühle. Mehr hätte die strenge Zensur nicht zugelassen. Als die Besatzung in höchster Not Unterwäsche an die Oberfläche schießt, erfasst die Kamera einen einsamen BH, und im gleichen Augenblick ertönt laszive Saxophonmusik, um ja nur klarzustellen, dass solche Dinge in den erotischen Bereich des Lebens gehören. Interessant, dass MANCHE MÖGEN’S HEISS aus dem gleichen Jahr ist, und das Thema latente Homosexualität (beziehungsweise hier eher Transsexualität) in gleich zwei Filmen innert eines Jahres dargestellt werden soll. Und das in einer Zeit, in der das Thema Homosexualität in der Öffentlichkeit mit mehr Tabus belegt war als die Benachteiligung der Schwarzen? Ich sage nein! In UNTERNEHMEN PETTICOAT wird ganz einfach Komik dadurch erzeugt, dass Dinge zusammengefügt werden die nicht zusammengehören: Harte Unterwasserkämpfer und Frauen. Krieg und ein rosa U-Boot. So funktioniert Komik bis heute, und so wird es wahrscheinlich auch immer sein. Man muss nicht immer und überall eine moderne Sichtweise aufsetzen wo es gar nicht hingehört. Und schon gar nicht auf eine Komödie.
Denn auch wenn der Streifen insgesamt ein klein wenig gealtert ist, so ist er immer noch von Grund auf sehr sehr lustig. Cary Grant spult sein komödiantisches Standardrepertoire ab, herrlich verquere Situationskomik und der Funker Hornsby bringen Freude, und fertig ist ein fast zeitloser Komödienklassiker, bei dem der Zuschauer vor Lachen quer auf dem Sofa liegt.

Interessant ist übrigens auch, dass die alte deutsche Kinofassung um 22 Minuten gekürzt war, und sämtliche Kriegsszenen gefehlt haben. Na gut, Krieg ist schließlich auch etwas Unanständiges …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 20.11.2019 19:09 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Projekt B (Jackie Chan, 1987) 7/10



Deine Rezi hat mir direkt wieder Lust auf den Film gemacht. Und da ich den erschreckenderweise nicht in der Sammlung hatte, hab ich ihn mir gleich mal bestellt.

Ich hatte in meiner frühen Jugend mal so eine Phase, da hab ich mir alles reingezogen, wo Jackie Chan dabei war - PROJEKT B natürlich auch. Aber meine Erinnerungen sind doch schon ziemlich verblasst.

Wie auch immer, danke für die Erinnerung! :)

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.11.2019 13:50 
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Chet wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Projekt B (Jackie Chan, 1987) 7/10



Deine Rezi hat mir direkt wieder Lust auf den Film gemacht. Und da ich den erschreckenderweise nicht in der Sammlung hatte, hab ich ihn mir gleich mal bestellt.

Ich hatte in meiner frühen Jugend mal so eine Phase, da hab ich mir alles reingezogen, wo Jackie Chan dabei war - PROJEKT B natürlich auch. Aber meine Erinnerungen sind doch schon ziemlich verblasst.

Wie auch immer, danke für die Erinnerung! :)

Gern geschehen! Mit dieser Phase habe ich zurzeit zu tun: Ich muss nun nicht alles haben wo Jackie dabei ist, aber bei Polizei- und Actionfilmen ab den 80ern greife ich praktisch bedenkenlos zu. Man stelle sich vor, ich habe über 50 Jahre alt werden müssen um Jackie Chan zu entdecken ... :oops: :mrgreen:

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PostPosted: 21.11.2019 14:17 
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Ist doch schön!

Bei mir gab es da eher die rückwärtige Entwicklung: In jüngeren Jahren habe ich alles aufgesogen, was an Chan-Filmen im TV lief. Vor einigen Jahren habe ich mich noch mal rangewagt und feststellen müssen, dass es nicht mehr auf meiner Linie liegt, da oft einfach zu albern- selbst die ernsteren Sachen. Das fand ich dann schon irgendwie schade.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 22.11.2019 13:35 
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Ja, das mit dem albern ist so eine Sache. Ich bin ja selber nicht so der absolute Komödien-Freak, und wundere mich dann selber darüber, das ich zum Beispiel mit POLICE STORY 1 doch relativ viel anfangen konnte. In PROJECT B war es die Szene in Maggies Wohnung, die mich zu wahren Lachsalven animiert hat. Genauso wie die Sache mit den Telefonen in POLICE STORY 1 sehr stark an den klassischen Slapstick angelehnt, und offensichtlich spricht mich das an ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Prisoners (Denis Villeneuve, 2013) 10/10

Der Alptraum aller Eltern: Das Kind ist verschwunden! Die Ehepaare Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving, und stellen irgendwann fest, dass die jeweils jüngste Tochter fort ist. Und das Wohnmobil, welches in der Straße geparkt hatte, ebenfalls. Die alarmierte Polizei findet zwar das Wohnmobil, gefahren wird es aber von einem jungen Mann, Alex Jones, mit dem IQ eines 10-jährigen. Der kann der Täter nicht sein. Keller Dover allerdings ficht das nicht an. Die Angst um sein Kind bringt ihn dazu, Alex Jones zu entführen und tagelang zu foltern, denn eines weiß Keller mit Sicherheit: Alex Jones MUSS der Täter sein …
Detective Loki hat derweil mehrere schwierige Aufgaben: Die Kinder finden, Keller Dover unter Kontrolle halten, den verschwundenen Alex Jones wiederfinden, einen anderen Verdächtigen ausfindig machen … Nach 6 Tagen sind die Kinder noch immer nicht wieder da. Keller Dover verliert immer mehr die Kontrolle, und selbst Loki scheint in Depressionen zu versinken. Der Alptraum aller Eltern …

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Ich habe einfach nicht das Talent, einen Film mit dieser Kraft adäquat zu beschreiben. Was hier alles passiert, an psychischer und physischer Gewalt, an Verzweiflung, was hier an Entsetzen über den Zuschauer ausgeschüttet wird (und über den Protagonisten selbstredend auch), was für eine unglaublich bleierne Finsternis sich ausbreitet und jeden Funken Hoffnung und Lebensmut erstickt – Das lässt sich kaum beschreiben. Der Film ist fast zweieinhalb Stunden lang, und er ist keine einzige Sekunde langweilig. Selbst bei der Zweitsichtung dreht sich noch der Magen um und ruft nach Licht und nach Luft zum Atmen. Dabei wird doch eigentlich nur gezeigt was Menschen Menschen antun können. Erinnerungen an den deutschen Film DAS LETZTE SCHWEIGEN werden wach, der mit einer sehr ähnlichen Thematik ebenfalls ein Schlag unter die Gürtellinie ist. Aber PRISONERS legt noch mal eine Schippe drauf und begräbt alles Glück dieser Erde unter meterdicken Schichten von Schmerz, Wut und Angst. Die Schauspieler sind grandios, die spätherbstliche Schmuddelstimmung tut ein Übriges, und insgesamt ist der Film einfach … unbeschreiblich. Unbeschreiblich finster, unbeschreiblich bedrückend, unbeschreiblich spannend. Ein Meisterwerk des Terrors …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 25.11.2019 20:47 
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Jetzt und alles
Jetzt und alles
Deutschland 1981
Regie: Dieter Meier
Richy Müller, Jean-Pierre Kalfon, Joy Rider, Jesse Ballard, Horst D. Furcht, Claus Hensel, Willy Klein, Dieter Meier, David Murray, Ane Nesslinger, Ulrich Nitschke, Carlos Peron, Britta Pohland


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*** The link is only visible for members, go to login. ***


Marcel schlägt sich mal mehr und mal weniger erfolgreich als Spieler durchs Leben. Billard, Kicker, solche Dinge halt. Smirak kommt in die Stadt, um Bruno Gieske zu entführen. Lösegeld eine Million. Smirak gefällt die selbstbewusste Art Marcels, und da er sowieso einen Einheimischen benötigt, schlägt er ihm vor, das Geschäft gemeinsam durchzuziehen. Nach langem Zögern willigt Marcel ein, aber ein erfahrener Gangster ohne Orts- und Sprachkenntnisse und ein Amateur der nur für das Jetzt und Heute lebt, da ist das Konfliktpotenzial bereits vorgegeben.

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Leben im toten Herzen der Städte. Zurück zur U-Bahn, zurück zum Beton. Wir sind die Türken von morgen. In den sehr frühen 80er-Jahren bestand die Bundesrepublik Deutschland vorwiegend aus Plastik, Neon und Beton, was der Hintergrund war für eine neue und radikale Jugendbewegung. Nicht mehr die sehnsüchtige Verklärtheit der Aussteiger, und schon gar nicht mehr der eskapistische Drogenrausch der (Spät-) Hippies. Stattdessen drei Akkorde auf der Gitarre, Bier aus der Flasche, und die Realität mitten inne Fresse. Punk und Wave haben in den frühen 80ern für frischen Wind gesorgt, und bevor der kommerzielle Ableger der Neuen Deutschen Welle sogar die Shitparade von Dieter Thomas Heck enterte, war das für kurze Zeit sogar mal eine richtige Jugendbewegung. Eine Rebellion, welche die grauen und zubetonierten Innenstädte nicht ändern wollte sondern sie zu ihrem Umfeld machte. Das Motto hieß: Nimm dir eine Gitarre und leg los. Tu was Du willst sei dein oberstes Gebot. Was zwar aus einer ganz anderen Ecke kam, aber trotzdem zutraf. No Future hieß die Devise der Zeit, und No Fun. Aus welchem dann wiederum die No Wave-Bewegung ihre Wurzeln zog: Eine kalte, dunkle und gefühllose Welt muss halt einfach in kalte, dunkle und elektronische Musik gegossen werden.

Oder auf den Punkt gebracht: Leben in der Großstadt hieß damals, sich treiben zu lassen, von einem Tag auf den anderen zu leben, und Musik zu machen.

Marcel Tiss ist die Hauptfigur in JETZT UND ALLES, und er repräsentiert diese Zeit, diese Haltung, diese Musik. Er singt in einer Wave-Band, aber "hauptberuflich" ist er Spieler. Was sich halt gerade ergibt. Er gewinnt, er verliert, und im Bett wartet Joy Rider auf ihn, ebenfalls eine Sängerin. Morgen? Pfff, scheiß drauf!

"Atemlos und radikal" steht auf dem Filmplakat, und "Der Film der aus der Szene kommt". 1981 wollte man den Film halt im Wave-Umfeld verorten, welches in diesen Jahren gerade im Spannungsfeld zwischen sterbendem Underground und beginnendem Kommerz lag. Leider macht JETZT UND ALLES den gleichen Fehler wie im Jahr davor ASPHALTNACHT, nämlich der Energie der “Szene“ nicht zu trauen, und sie mit den Resten einer untergegangenen Zeit zu vermischen. Wobei, so ganz stimmt das nicht. ASPHALTNACHT packt den Altrocker und den Punker in einen Zusammenhang, der zwar inszenatorisch stimmig ist, aber nicht realistisch. JETZT UND ALLES mixt die modernen Zeiten mit einem Krimi, was zumindest mal für mehr Realismus sorgt, und auch für mehr Spannung. Denn formal gesehen haben wir prinzipiell erstmal einen Noir. *
Ein Gangster kommt in die Großstadt, sucht sich einen einheimischen Gehilfen, dreht ein Ding, und übrig bleiben zwei Männer, eine Portion Misstrauen und ein Haufen Kohle. Das Problem ist einfach der Zeitbezug. Als klassischen Noir kann ich mir die Thematik gut vorstellen, da würde die Mischung bestimmt gut zünden. Aber der Früh-80er-Zeitgeist lässt zumindest die erste Hälfte oft ein wenig verkrampft rüberkommen, verläuft sich zu oft auf Nebengleise die es nicht braucht. Die Gesangsdarbietungen von Richy Müller und Joy Rider haben im Kontext der Handlung einfach nichts verloren, Punkt. Dabei bietet die Figur des Marcel Tiss eigentlich genügend Reibefläche um als Identifikationsfigur durch die Handlung zu führen. Er ist hyperaktiv, er ist ein Tagedieb, er ist sympathisch, er ist frech – Genau wie ein Held zu allen Zeiten sein sollte.

Der Krimi an sich ist auch in Ordnung. Die Entführung wird mit verschiedenen Pannen eigentlich gut durchgezogen, und die Szene mit den 4 Türken, die das Auto, in dem der Entführte sitzt, mitten auf der Avus reparieren, ist ein ziemlicher Brüller. Gerade die zweite Hälfte, wenn die Zeitgeist-Elemente zugunsten des Krimis zurückgenommen werden, ist spannend und großstädtisch-düster. Ein Neo(n)-Noir mit viel Druck. Wenn da eben diese Anbiederung an den Zeitgeist nicht wäre, die zu manch abstruser Szene führt: Wenn etwa Richy Müller und Dieter Meier, Regisseur des Films und unter anderem Mastermind der Band Yello, gemeinsam auf der Bühne stehen und singen, dann ist das … sagen wir mal eigen.

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Wie das Zusammenspiel zwischen Noir und Wave besser funktioniert kann man im gleichen Jahr bei KALT WIE EIS sehen. Der nämlich brachte die Themenkomplexe No Future und Großstadtkrimi ausgesprochen überzeugend zusammen. Hier passen Musik, Attitüde und Handlung einfach so gut zusammen wie zum Beispiel Neon und Babies. In diesem Zusammenhang muss aber auch Eckhard Schmidt erwähnt werden, der sich 1985 mit ALPHA CITY – ABGERECHNET WIRD NACHTS schätzungsweise direkt auf JETZT UND ALLES bezieht (der undurchsichtige Ausländer in der nächtlichen Großstadt, das Olympiastadion als Handlungsort, die Hauptfigur die aus dem Bauch heraus handelt und nicht mit dem Kopf entscheidet). Der Abgesang der coolen Wavezeit kann dann ebenfalls 1985 in LOFT live miterlebt werden, wenn aus dem selbstbestimmten Künstlerdasein Vergewaltigungsspiele werden. Tu was Du willst sei Dein oberstes Gebot …

Wobei natürlich der Unterschied zwischen Dieter Meier und Eckhard Schmidt nicht extra erklärt werden muss. Dieter Meier, so sehr ich den Mann als Künstler (sprich: Musiker) schätze, hatte mit JETZT UND ALLES halt seinen ersten Spielfilm gedreht, und dabei kann einfach noch nicht alles passen. Dem Vernehmen nach ist der Dreh wohl auch nicht ganz glücklich gelaufen. Und für ein Erstlingswerk, das unter widrigen Umständen gedreht wurde, kann sich das Ergebnis sehr wohl sehen lassen. Ein passabler Wave-Film, ein ordentlicher Krimi, und bei der Zusammenführung der beiden Komponenten knirscht es halt im Gebälk.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Dieter Meier zwar schon vor Jahren mit der Restauration begonnen, diese aber offensichtlich niemals beendet hat. Schade, denn sehenswert ist der Flick allemal.

* Dass die kompromisslose Wave-Haltung auch als Standalone-Film funktioniert, kann man bei Slava Tsukermans LIQUID SKY (1982) erfahren. Hier wird alles Alte über Bord geworfen und der neuen Zeit Tür und Tor geöffnet. Vielleicht nicht unbedingt massenkompatibel, dafür aber unendlich geil. Damals zumindest …

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6/10

Und bei italo-cinema.de kann man den Text selbstverständlich ebenfalls nachlesen. ;)

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PostPosted: 28.11.2019 20:54 
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Das Kartell (Phillip Noyce, 1994) 8/10

Präsident Bennett, der Schauspieler, genehmigt einen Einsatz einer kleinen Spezialeinheit gegen das Drogenkartell von Ernesto Escobedo in Kolumbien. Cutter von der NSA, der Undurchsichtige, spielt dabei sein eigenes Spiel. Zusammen mit Ritter, dem Bösen und stellvertretenden CIA-Direktor, der in der Sache ebenfalls seine dreckigen Finger drin hat. Jack Ryan, der Unbestechliche und stellvertretende CIA-Direktor, erkennt die Zusammenhänge, aber die Bösen sind besser und schneller: Sie heften Ryan die Verantwortung für all die Toten während des verdeckten Einsatzes an. Und Ryan? Der tut sich mit Clark dem Söldner zusammen, und kämpft als Bürohengst der er ist an vorderster Front gegen Felix Cortez, den Mörder und fiesen Schergen des Drogenbosses.

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Ein Gespräch am Mittagstisch. Ich: “Ich hätte mal wieder Lust auf DAS KARTELL. Mit Harrison Ford.“ Die 16-jährige Tochter: “Wer ist Harrison Ford?“ Kein Wunder dass die Welt vor die Hunde geht! Harrison Ford war mal einer, der in seinen Filmen die gute und einfache Seite der Welt dargestellt hat. Der das Prinzip des Indiana Jones verkörpert hat, eine Mischung aus Robin Hood und James Bond, und dabei nie vergessen hat, dass Moral und Gerechtigkeit uns zu Menschen machen. Harrison Ford, das war mal die zelluloidgewordene Erinnerung daran, das man auch mit hohen ethischen Ansprüchen durchs Leben kommt, insofern man ein schiefes Grinsen hat und diese hohen Ansprüche im richtigen Moment auch mal vergessen kann …

DAS KARTELL ist genauso ein Film. Jack Ryan ist ein gottverdammter Pfadfinder, der sich über den Sumpf und die Korruption der Geheimdienstwelt erhebt, der das sinnlose Opfern von Menschen verachtet, und dabei die Liebe zu seinem Land als leuchtenden Pfad sieht. Ein Mensch wie es ihn heutzutage(?) kaum noch geben dürfte, und der in zig Filmen wie SYRIANA oder Der MANN, DER NIEMALS LEBTE konterkariert wurde. Umso schöner ist es zu sehen, dass diese Haltung auch heute noch funktioniert. Klar ist DAS KARTELL pathetisch, patriotisch und platt, aber er ist auch spannend, in sich logisch und verdammt mitreißend inszeniert. Komplex genug um anspruchsvoll zu sein, und gleichzeitig einfach genug um zu fesseln. Immerhin ist die klar erkennbare Gefahr aus dem Originaltitel in Wirklichkeit meist nur latent verborgen vorhanden. Dazu kommen ein paar Szenen die wahrlich unter de Haut gehen: Eine Parallelmontage, die zwischen der Beerdigung des früheren stellvertretenden CIA-Direktors und dem Dahinschlachten der US-Soldaten im Dschungel jongliert, erzeugt pure Gänsehaut spätestens dann, wenn die Kampfgeräusche und der Klang der sterbenden Männer zum Hintergrund der Beerdigung und dem hohlen Gefasel des Präsidenten wird. Sehr beeindruckend das! Und einer der Höhepunkte ist ein schlichtes Duell am Computer, wenn der eine Mann versucht Dateien auszudrucken, die der andere Mann, 2 Büros weiter, gerade versucht zu löschen. Was rein an Spannung dem Golfspiel in GOLDFINGER in Nichts nachsteht.

Zudem lassen sich für einen Film des Jahres 1994 ein paar erschreckend aktuelle Zeitbezüge finden: Die Fahrt des Konvois durch Falludscha, Verzeihung, Bogotá, genauso wie die Karikatur eines Präsidenten, die 1994 sicher mal lustig gedacht war, inzwischen aber von der Realität deutlich eingeholt wurde. Ein paar mehr Pfadfinder im Stil Jack Ryans wären heute sicher angebracht …

Fazit: Ein Märchen, sicher, aber ein aufregendes Märchen. Das man guten Gewissens alle paar Jahre aus dem Schrank ziehen kann, um sich an Zeiten zu erinnern, in denen ein schiefes Grinsen und hohe moralische Ansprüche genug waren um die Massen ins Kino zu ziehen …

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Pure (David Aaron Clark, 2009) 8/10

Eine Frau sitzt in einer U-Bahn. Sie hat Blutspuren am Mund, auf dem Schoß ein Kästchen. Sie öffnet es, und nimmt heraus – eine weiße Rose. Folgend erzählt sie uns (und dem Detective) ihre Geschichte. Die Geschichte von Sada und Kichi: Sada arbeitet als Telefonmädchen (für alles) in einem Dungeon, und lernt dort den sexy Kichi kennen. Der erste Fick dauert ungefähr 12 Stunden oder mehr, und danach ist sie ihm rettungslos verfallen. Als sie merkt, dass ihr die Beziehung aus den Händen gleitet, ergreift sie von Kichi und seinem geliebten Schwanz im wahrsten Sinne Besitz …

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Die Geschichte ist nicht neu, dass sie sich im Japan des Jahres Announdschnee tatsächlich zugetragen hat ist auch bekannt, und dass 1976 dieVerfilmung von Nagisa Ôshima für einen ordentlichen Skandal gesorgt hat ebenfalls. Was kann die Story also Neues erzählen? Außer dass sie dieses Mal als Hardcore angelegt ist, und schöne Menschen ausgesprochen ausgiebig beim Geschlechtsverkehr zeigt.
Nun, prinzipiell reden wir hier von einem HC-Streifen, das heißt es wird tatsächlich gerammelt bis zum gehtnichtmehr, und die sexuelle Unermüdlichkeit von Sada und Kichi findet sehr breiten Raum. Aber was ebenfalls sehr viel Raum hat ist das Drama hinter dem Sex. Soll heißen, dass die Geschichte zwar schon sehr locker beginnt, aber irgendwann umkippt und schleichend immer düsterer wird. Wenn Sada ihrer Ex-Kollegin Sayori Kishis Schwanz anbietet, dann ist das zwar in erster Linie ein Blowjob, aber so richtig Stimmung mag da nicht aufkommen. Die ganze Atmosphäre ist krank und verdorben, von Misstrauen und Abneigung erfüllt, und ständig hat man das Gefühl dass gleich etwas Schlimmes passieren muss - Entsprechend hat die Szene eine böse und gemeine Auflösung. Sada lässt sich dann für Geld noch von einem SM-Professor erziehen (Porno-Regisseur Jake Malone legt hier in einer leider zu lang geratenen Szene persönlich Hand an), und alles was danach passiert ist nicht mehr wirklich erotisch oder gar platt. Stattdessen sehen wir zu, wie der Wahnsinn nach Sada greift, und staunen, wie außerordentlich und gekonnt Asa Akira diesen Wahnsinn nach außen lässt. Wie er ihre Seele und ihre Liebe vergiftet, bis zum ausgesprochen blutigen Ende. Und was soll ich sagen: Die Bilder des frisch abgeschnittenen Penis in ihrer Hand sind ausgesprochen eindrucksvoll. Etwas, was ich in einem Porno niemals erwartet hätte, eher in einem Torture Porn (Hah, ein Wortspiel!) …

David Aaron Clark wagt es, ein Drama als Porno zu verfilmen, und er gewinnt auf ganzer Linie. Immer wieder unterbrochen von Interview-Szenen und Momenten aus dem Polizeiverhör, wird am Ende sogar die Grenze zum Mockumentary durchbrochen, wenn eine Fernsehkamera mit Senderlogo Pascal und Sayori verfolgt und ein unsichtbarer Journalist um ein Interview bettelt. Bis dahin haben wir Bilder, die vor Schönheit geradezu bersten, und ein paar sehr gute und natürliche Darsteller: Keni Styles hatte mir mit Hasenmaske in MALICE IN LALALAND schon so gut gefallen, der Mann ist tatsächlich grundlegend cool und sexy, und Asa Akira zieht als Schauspielerin (hört, hört) alle Register. Wenn am Ende des Films der Wahnsinn aus ihren Augen schimmert, dann zieht sich tatsächlich eine Gänsehaut über den Zuschauer. Natürlich gibt es auch jede Menge schweißtriefenden Sex, aber auch tiefe Abgründe an Stellen, wo sie überhaupt nicht erwartet werden. Jedenfalls nicht in einem „Sexfilmchen“. Was PURE auf jeden Fall macht: Er hallt nach, und er beschäftigt. Die Bilder habe ich nach Tagen noch nicht aus dem Kopf verloren, und die eigentümliche Stimmung, die der Film aufbaut, ebenfalls nicht. Ein sehr eindrücklicher Film - PUREs Kino …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 03.12.2019 23:26 
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La Strada – Das Lied der Straße
La Strada
Italien 1954
Regie: Frederico Fellini
Anthony Quinn, Giulietta Masina, Richard Basehart, Aldo Silvani, Marcella Rovere, Livia Venturini, Gustavo Giorgi, Yami Kamadeva, Mario Passante, Ana Primula


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Der große Zampano, das ist er, der Ketten mit der Kraft seiner Lungen sprengt. Und der große Zampano, das ist er, der in uralten Klamotten mit einem alten Motorrad über das Land fährt, von Ort zu Ort, um für ein paar lumpige Lire aufzutreten und seine Show mit der Kette abzuziehen. Für 10.000 Lire kauft er die einfältige Gelsomina, die dann mit dem Hut rumgehen darf, als Clown arbeitet, und ansonsten der Watschenmann (bzw. die Watschenfrau) ist, wenn Zampano mal wieder besoffen ist. Oder einfach nur schlechte Laune hat. Sie lernt den Seilartisten Il Matto kennen, der so ganz anders ist als Zampano: Il Matto ist lustig, einfühlsam, auf seine Art sogar ein wenig charmant. Er zeigt Gelsomina, dass jeder Mensch im Leben einen Platz hat, wo immer der auch sein mag, doch Gelsomina bleibt bei Zampano, auch wenn der sie schlecht behandelt. Aber Zampano hasst Il Matto, denn der führt ihn vor und verulkt ihn. Als er Il Matto bei einem Streit tötet, stirbt auch in Gelsomina etwas.

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Ganz nett, ja, großes Kino aus dem Kanon der Filmkritik, und toll dramatisch und erstklassig gespielt. Anschauen und Schwamm drüber … Aber je länger ich über den Film nachdenke, desto mehr Feinheiten entdecke ich, und umso besser gefällt mir LA STRADA. Wie Fellini mit einem einzigen Satz eine ganze Geschichte erzählen kann, das ist außerordentlich: “Der säuft hier doch jeden Abend“ heißt es über Zampano, und damit ist klar beschrieben, was er nach dem Verlust von Gelsomina seelisch erleiden musste. Wie nah ihm die Trennung tatsächlich gegangen ist. Was in den letzten Jahren mit ihm passiert ist, und wie er abgestürzt ist. Er, der raue und unzugängliche Streithammel, der nur für sich lebt und alles außer den Frauen voller Abscheu betrachtet. Und der doch Gelsomina freigibt, wenngleich auch in genau dem Augenblick, in dem sie ihn eigentlich bräuchte. So sensibel ist er dann doch wieder nicht, dass er für sie da wäre. Aber genau diese Erkenntnis trifft ihn am Ende des Films wie ein Keulenschlag, und da braucht es dann auch gar keine Worte mehr. Es hat auch keine Worte mehr, nur noch Schmerz …

Man fragt sich unweigerlich: Was mag Gelsomina nach der Trennung alles erlebt haben? Sie wird wohl mit dem Zirkus durch das Land gezogen sein, aber die Erinnerung an den erlebten Tod wird sie immer und immer wieder einholen. Was macht ein Clown, wenn er den Tod nicht verdrängen kann?

Man kann sich aber auch fragen: Was mag Zampano nach der Trennung alles erlebt haben? Der Absturz ist komplett, bei einer Prügelei kann sich der stärkste Mann der Welt nicht einmal mehr wehren. Wie nah mag ihm die Trennung gegangen sein, auch wenn er sich das niemals eingestehen würde. Und ob nicht der Totschlag auch an seinem Gewissen nagt? Er mag ein grobes Schwein sein, aber er ist kein geborener Mörder. Ich bin sicher, dass auch ihn diese Bilder verfolgen, genauso wie sie Gelsomina verfolgen.

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Düster, düster, diese Gedanken. Aber gleichzeitig dürfen wir dem Kunststück beiwohnen, einem Märchen zuzusehen, das mit beiden Beinen fest auf dem Boden des (rosa) Neorealismus steht, und den Kopf trotzdem in den Wolken hat und träumt. Wenn die Gebrüder Grimm ein ernstes Drama geschrieben hätten, dann hätte es so aussehen können. Das Elend und die Armut der einfachen Menschen, und zwischen den kärglichen Mahlzeiten und den heruntergekommen Schlafstätten immer wieder die Träume, die Illusionen, die Kunst. Die Liebe zum Leben und zum Anderssein. Giulietta Masina orientiert sich in ihrem Spiel sehr deutlich an Harpo Marx (wenngleich da auch viel Stan Laurel dabei ist), und genauso wie Harpo ist sie der Narr in der grausamen Welt, dem keine Bosheit und keine Arglist jemals etwas antun kann. Man kann ihn/sie verletzen, aber niemals auf Dauer wehtun. Das Lachen und die Liebe siegen immer. Und bei beiden siegen auch immer die Träume: Wenn Harpo auf seiner Harfe spielt hat er den gleichen verloren-glücklichen Blick wie Gelsomina, wenn sie ihre geliebte Trompete in der Hand hält. Und die Menschen außenrum sehen diesen Blick und fangen ebenfalls das Träumen an. Das Träumen von einem Leben, das nicht nur aus der ewigen Jagd nach Arbeit und einer warmen Mahlzeit besteht, sondern vielleicht auch mal den ein oder anderen etwas glücklicheren Moment bereitstellt.

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Fellini zeigt uns das Leben der einfachen und einfachsten Menschen in einem armen Land. Tagelöhner, Herumtreiber, Streuner, … Bemerkenswerterweise ist die einzige Szene, in der besser gestellte Menschen auftauchen, also zumindest mal keine Armen, eine Szene des Überflusses und des Abscheus. Die Teilnehmer der Hochzeit ignorieren die beiden Artisten völlig, stattdessen werfen sie Essen durch die Gegend als ob sie sich bei einem Gelage befinden würden, und benehmen sich generell wie die Teutonen vor Rom. Nur die einfachen Leute, die halten zusammen: Die Wirtschafterin gibt den beiden was zu essen und Kleidung, Zampano möglicherweise euch etwas mehr. Fellinis Sympathie liegt eindeutig bei den Arbeitern und Geknechteten, die sich nach Feierabend auf der Piazza treffen um einem Hochseilartisten zuzuschauen. Oder eben einem starken Mann der Ketten sprengen kann.

Über LA STRADA kann man sicher vieles schreiben, und wahrscheinlich weniges was nicht bereits geschrieben wurde. Es ist sicher auch möglich eine mehrseitige Analyse zu LA STRADA zu verfassen. Aber wenn ich das tun würde, dann müsste ich mich fragen ob ich den Film überhaupt gesehen habe, oder ob ich nicht nur auf eine klinische Art und Weise die Bilder an mir habe vorbeihasten sehen. Denn bei allem traurigen Realismus hat er eine ganz eigene Poesie, die sich mit wenigen einfachen Bildern entfaltet und den Zuschauer einfängt und entführt. Ihn zum Träumen und zum Davonfliegen bringt. LA STRADA zeigt seine Figuren nicht einfach, er macht den Zuschauer zum Komplizen dieser Schicksale. Er lässt ihn lachen und zittern, er lässt ihn weinen und wieder lachen. Wie ein Clown im Zirkus spielt Fellini auf der Klaviatur der Gefühle, und erzeugt damit etwas, was im Zeitalter des computerunterstützten Superheldeneinerlei selten geworden ist: Magie!

8/10

Und selbstverständlich gibt es das zum Nachlesen auch auf italo-cinema.de.

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Baltic Storm – Der Untergang der Estonia (Reuben Leder, 2003) 7/10

September 1994: In der Ostsee sinkt während eines Sturms die Fähre Estonia, und reißt 852 Menschen in den Tod. Ein paar wenige überleben und werden in Schweden und Finnland an Land gebracht, unter ihnen der Anwalt Erik Westermark (Jürgen Prochnow), der bei der Katastrophe seinen Sohn verloren hat. An Land wartet die Presse auf die Überlebenden, unter anderem die Reporterin Julia (Greta Scacchi), die eigentlich auf einer ganz anderen Fährte war: Julia hatte herausgefunden, dass ein russischer Wissenschaftler mit der Fähre überlaufen wollte (ein unbeabsichtigtes Wortspiel!), und eine LKW-Ladung gestohlener Waffen, unter anderem aus dem B- und C-Bereich, dabei hatte. Erik und Julia raufen sich zusammen und können ermitteln, dass der estnische Geheimdienst bei der Aktion seine Finger tief im Spiel hat. Dass der russische Geheimdienst dies mit allen Mitteln verhindern wollte. Dass die CIA da ebenfalls mitmischt. Und dass der frühere KGB auch heute noch gut und effektiv ist, und Leute, die sich auf seine Fährte setzen, sehr schnell aufspürt und eliminiert …

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Über den Untergang der Estonia gibt es ja bekanntlich verschiedene Vermutungen, und dass die Regierungen Schwedens und Estlands sich zum einen standhaft geweigert haben den Fall offiziell wirklich aufklären zu wollen, und zum anderen das Wrack mit einem Berg aus Geröll und Schutt zugedeckt haben, lässt mögliche Verschwörungstheorien wild ins Kraut schießen. Die Drehbuchautoren von BALTIC STORM haben sich zugegeben eine sehr spannende Theorie ausgesucht, und da ich für meinen Teil sowieso bekennender Verschwörungstheoretiker bin, ist so ein Film natürlich ein gefundenes Fressen für mich. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die tatsächliche Untersuchung des Wracks durch die Journalistin Jutta Rabe im Film dargestellt wird (nämlich wenn Taucher das Wrack untersuchen wollen und von der schwedischen Küstenwache dabei behindert werden), und dass die Ergebnisse, die Rabe bei dieser Untersuchung erzielt hat, von anderen Stellen auf ganz aggressive Art negiert werden. Jutta Rabe hat auch am Drehbuch mitgeschrieben, und hat da somit ihre eigenen Erlebnisse einfließen lassen, was für zusätzliche Spannung sorgt.

Was haben wir hier also? Eine wilde Agentenstory, die erst mal alles andere als unwahrscheinlich klingt, wenn man die Ausschmückungen ein wenig außen vor lässt. Dann eine ordentlich aufgebaute Spannungsschraube, die zwar nie wirklich überdreht wird, aber für eine Produktion dieser Größenordnung absolut in Ordnung geht, was auch an den Schauspielern liegt, die bis in kleine Nebenrollen hinein erstklassig besetzt sind. Donald Sutherland zum Beispiel ist mit seiner stereotypen Standardrolle besetzt worden, aber genau dadurch entsteht eben diese Spannung: Wir warten doch alle nur darauf, dass er sich so benimmt wie als geheimnisvoller Informant in JFK oder als durchtriebener Mann hinter den Kulissen wie in THE ITALIAN JOB.
Auf der Gegenseite ist dann zwar eine Billigheimer-08/15-Musik zu finden, und eine Synchro wie aus den finstersten Zeiten der VHS- und Privat-TV-Synchros, was öfters mal die Stimmung etwas leiden lässt. Und dass der eigentliche Untergang nicht zu sehen ist? Geschenkt. Erstens ist dies kein Katastrophenfilm sondern ein solider Thriller, und zweitens findet der Schrecken im Kopf statt, was ihn, zusammen mit den Bildern der Opfer, intensiviert. Der Gesamteindruck ist halt einfach famos: Spannend, flott erzählt, und allerspätestens wenn Jürgen Prochnow vor dem Ausschuss die ganzen Unter-den-Tisch-Kehrer gnadenlos auflaufen lässt, spätestens dann ist der Film in trockenen Tüchern. Passt!

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Rufmord – Jenseits der Moral (Rod Lurie, 2000) 6/10

US-Präsident Evans muss das Amt des Vize-Präsidenten neu besetzen, und eigentlich(!) kommt dafür nur Gouverneur Hathaway in Frage. Der hat vor kurzem versucht, bei einem Autounfall einer jungen Frau das Leben zu retten, und wird jetzt als Held gefeiert, auch wenn er tatsächlich hilflos zuschauen musste wie die Frau starb. Aber wegen eben genau dieser Hilflosigkeit entscheidet Evans sich gegen Hathaway und für die demokratische Senatorin Laine Hanson. Man könnte nun annehmen, dass dies keine große Sache ist: Hanson wird vor einen Kongressausschuss geladen, wird bezüglich ihrer politischen Meinung ordentlich ins Kreuzverhör genommen, und anschließend bestätigt. Aber der Vorsitzende des Ausschusses, der republikanische Senator Runyon, hasst Evans – Er wäre selber gerne Präsident anstelle von Evans geworden, und jetzt ist die Stunde der Rache gekommen: Evans‘ Schützling Hanson wird dem Fleischwolf übergeben. Runyon findet eine wilde Sex-Story aus Collegezeiten, und anstatt Hanson mit Fragen zu ihrer liberalen Einstellung zu bedrängen, schüttet er einen Kübel Scheiße auf Basis eines angeblich wilden Pornolebens über ihr aus. Und als der Präsident trotzdem noch zu ihr hält, läuft er erst richtig zu Hochform auf, und aus Scheiße wird Gift.

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Ein Lehrstück darüber wie (nicht nur amerikanische) Politik gemacht wird. Oder anders ausgedrückt: Es gab da in Deutschland mal einen Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Thema NSU. Dessen Vorsitzender, Sebastian Edathy, begann recht früh, unangenehme Frage zu stellen und die Kompetenz der ermittelnden Behörden sehr ernsthaft und in aller Öffentlichkeit zu bezweifeln. Seine Fragen bezüglich des NSU waren erheblich klüger und durchdachter als die damalige gesamte Ermittlungsarbeit der Polizei und des Verfassungsschutzes. Welch Wunder, dass sein Name urplötzlich im Zusammenhang mit Kinderpornografie fiel, und dass er über sein Bundestags-Laptop angeblich pädophile Bilder im Internet bestellt haben soll. Edathy konnte seine Unschuld zwar beweisen, doch seine politische Karriere war zerstört, von seinem Leben mal ganz zu schweigen. Und das mit dem NSU-Auschuss war natürlich auch vorbei, harmlosere und willfährigere Leute konnten die Aufgabe übernehmen: *** The link is only visible for members, go to login. ***.

Rufmord also. Und auch wenn vor allem gegen Ende entsetzlich viel Pathos durchs Bild weht. Auch wenn Jeff Bridges den Präsidenten sehr hemdsärmelig als eine Art kultivierten Donald Trump mit Hang zum Käsebrot gibt. Und auch wenn Kenntnisse amerikanischer Politik und Verwaltung zum Verständnis des Films hilfreich sind. Trotz dieser Kritikpunkte ist der Film vor allem eines: Bitter, aber nicht moralinsauer. Gary Oldman gibt den hasszerfressenen Senator mit einem unglaublichen Hang zur Jauchegrube, und Joan Allen positioniert sich ihm gegenüber als Frau(!) die nicht bereit ist ihre Prinzipien zu verraten. Das Entsetzen darüber, wie wir "regiert" werden, bleibt einem öfters einmal quer im Halse stecken. Dass es solche Menschen wie Laine Hanson gibt kann mit ziemlicher Sicherheit belegt werden, aber solche Typen wie Runyon, die eine Abtreibung allen Ernstes mit dem Wort Holocaust belegen, sind wahrscheinlich eher die Regel als die Ausnahme. Von daher ist RUFMORD trotz seiner Schwachpunkte (wenig Dynamik, schwache Spannungskurve) durchaus sehenswert. Ein, mit gigantisch aufspielenden Darstellern garniertes, bitter-trauriges Stückchen Realität in Filmform.

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Todeskreis Libelle (Leon Klimovsky, 1973) 6/10

Ein Mörder geht um in Mailand, und er metzelt mit Vorliebe Drogenabhängige, Kriminelle und Nutten. Als Erkennungszeichen hinterlässt er bei den Opfern eine Libelle aus Plastik. Die Polizei in Gestalt von Inspektor Scaporella tappt im Dunkeln, doch irgendwann gibt es die erste Spur: Einen Knopf vom Mantel des Mörders. Silvana, die Frau von Scaporella, kennt einen Modeschöpfer, und der wiederum kann die Herkunft des Knopfes ausfindig machen. Fatalerweise verlegt sich der Fokus des Mörders dadurch auf den Bekanntenkreis des Inspektors …

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Die Bilder sind unaufregend, die Geschichte ist langweilig, und sie ist ziemlich einfallslos erzählt. Aber TODESKREIS LIBELLE hat vor allem zwei Höhepunkte, die den Film aus dem Sumpf des Unterdurchschnittlichen herausheben: Paul Naschy als knarziger Inspektor und Erika Blanc als Gattin, die beide den Film gehörig aus seinem Trott reißen. Paul schaut mürrisch, spielt mit seiner Zigarre, und versucht beschürzt zu kochen. Sie hingegen hat in jeder Szene etwas anders an, und dabei steigert sich ihre Erotik von Mal zu Mal, bis sie dann irgendwann nackt im Bett liegt. Die Hose platzt nicht nur beim Zuschauer sondern auch beim Paule, der sie, ihrer Reaktion nach, gehörig durchkitzelt. Sie muss jedenfalls schrecklich lachen …
So oder so rockt das Pärchen den Film, und vor allem ohne Erika mit ihrer sinnlichen Ausstrahlung wäre dem Reich der Langeweile Tür und Tor geöffnet. Als Soundkulisse hat es vor allem in der ersten Hälfte noch jede Menge treibenden Jazz, der zwar nicht immer passend eingesetzt wird, dafür aber auch die abstrusesten Szenen gnadenlos veredelt. Wenn die Nazirocker den Paule auf dem Schrottplatz überfallen, und dazu ein Soundtrack wie im aktuellsten Blaxploitation abgeht, dann staunt der Zuschauer nur noch ob dieser sinnfreien Zusammenstellung und ihrem überraschend homogenen Ergebnis. Überhaupt ist das alles sichtlich billig und einfach, aber was dann in der Summe herauskommt ist gar nicht so übel wie man meinen mag. Wenngleich beim Zuschauer ein Hang zum Seltsamen vorhanden sein sollte.

Fazit: Sicher alles andere als ein Highlight des Giallo-Genres, aber dafür nicht unvergnügliche anderthalb Stündchen zum Kichern und Staunen mit Paule und Erika. Und ein paar der etwas abgedrehteren Bärte der Filmgeschichte gibt es auch noch …

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Der New York Ripper (Lucio Fulci, 1982) 7/10

Ein Serienmörder geht um im schmutzigen und finsteren New York. Er zerschneidet junge Frauen und spricht mit der Stimme von Donald Duck. Inspektor Williams ist ratlos und tut sich mit dem Psychiater Davis zusammen, um ein Profil des Mörders zu erstellen. Aber so etwas dauert, und die blutigen Metzeleien passieren immer häufiger. Das Profil deutet auf einen jungen weißen Mann aus gutem Hause hin, doch das passt so gar nicht zu dem schmierigen Mickey, der bei der Polizei als Hauptverdächtiger läuft. Und woher sollte Mickey schließlich wissen, mit welcher Hure sich der Inspektor regelmäßig trifft? Wo diese wohnt? Und wie ihre Telefonnummer lautet?! Der Mörder weiß das nämlich ...

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Wenn ich mir Filme wie TESTAMENT IN BLEI oder DIE FRAU MIT DER 45ER MAGNUM anschaue, dann weiß ich genau wie gut es mir hier und heute geht. New York muss damals ein unglaublich verkommenes und gewalttätiges Dreckloch gewesen sein. Viele der Filme aus den 70ern und frühen 80ern die in New York spielen, sind schmutzig, finster, und haben eine grundlegende Tendenz zur Zerstörung der mitspielenden Charaktere. Was aber auch einen Gutteil der (heutigen) Faszination ausmacht. Fulcis berüchtigter NEW YORK RIPPER, der in Deutschland lange Zeit mindestens indiziert war, ist da ein herausragendes Beispiel. Er punktet mit Schmutz, Finsternis und Gewalt ohne Rücksicht auf Verluste. Alles ist hier irgendwie schmutzig. Nicht nur die Stadt, sondern auch die Menschen selber sind schmutzig. Ob Jane Forrester Lodge, die schmutzigen Sex mit asozialen Typen erleben will. Ob ihr Ehemann, der sich die Orgien seiner Frau hinterher auf Band anhört (und dem dabei bestimmt einer abgeht). Ob Mickey Scellenda, für den Frauen nichts sind als Objekte, die benutzt und nach Gebrauch weggeworfen werden können. Sogar der Psychiater wird als schmutzig dargestellt, wenn er heimlich Männermagazine kauft und die Exemplare in irgendwelche Tageszeitungen einwickelt, um sich nicht zu kompromittieren. Die Verkommenheit der Stadt durchdringt die Menschen und erzeugt dann in der Konsequenz Kreaturen wie den Mörder mit der Donald Duck-Stimme. Es wäre interessant zu wissen, ob Lucio Fulci New York genauso so empfunden hat wie er es darstellt: Als Quelle von Schmerz, Hass und Tod …
Wie das Lexikon des internationalen Films es so hübsch ausdrückt: "Ebenso wirrer wie widerlicher Krimi, der in ekelerregender Deutlichkeit Gewalt und Sex miteinander kombiniert." Jo, genau so ist es, und genau deswegen lieben wir alle diesen Film so sehr. Weil er in (ekel)erregender Deutlichkeit Sex und Gewalt miteinander kombiniert …

Mehr muss man dazu nicht sagen. Für alle, denen zu Film mehr als BRAVEHEART einfällt, ein absolutes Muss. Selten war New York widerlicher. Selten war New York verkommener. Und selten war New York verboten-lockender als bei NEW YORK RIPPER. Mmh, außer vielleicht bei Abel Ferrara. Aber darüber ließe sich streiten …

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Die Vergessenen (Joseph Ruben, 2004) 8/10

14 Monate ist es her, dass der der 9-jährige Sam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, und seit 14 Monaten trauert seine Mutter Telly um ihn. Sie geht regelmäßig zu einem Psychoanalytiker, sie versucht ein halbwegs normales Leben zu leben - und sie steht jeden Tag mindestens eine Stunde in Sams Zimmer und schaut sich die alten Fotoalben und die Videokassette mit den Erinnerungen an. Eines Tages allerdings scheint ihr Mann Jim ein Foto der glücklichen Familie ausgetauscht zu haben: Anstatt allen dreien sind nur noch sind nur noch sie und Jim zu sehen. Kurz darauf sind die Fotoalben leer und das Video ist gelöscht. Und alle erklären Telly, dass es niemals einen Sam gegeben hat …
Einen Nervenzusammenbruch später wendet sie sich an Ash, dessen Tochter Doreen bei demselben Unglück ums Leben kam, und der seitdem ein saufendes Wrack ist. Erstaunlicherweise kann Ash sich nicht erinnern jemals eine Tochter gehabt zu haben. Telly schafft es, die Erinnerung an Doreen zu wecken, doch ab genau diesem Augenblick beginnt ein Albtraum: Ash und Telly werden von der NSA gejagt, und dann kann sich nicht einmal mehr Jim an Telly erinnern …

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Wenn man bereit ist, eine vollkommen abstruse Story mit Löchern in der Größe der Area 51 zu akzeptieren, dann wirkt DIE VERGESSENEN erstmal wie eine groß budgetierte Folge AKTE X. Und dann macht er auch gehörig Spaß, denn rein prinzipiell passt hier eigentlich alles: Die Schauspieler sind erstklassig, die monochromen Bilder zaubern eine bedrohliche und ausgesprochen unangenehm-frostige Atmosphäre, und die starke Musik verstärkt mit perkussiven Geräuschen diese Stimmung und löst in einigen Momenten echte Gänsehautschauer aus. Telly und Ash werden von einem fleischgewordenen Albtraum gejagt und haben praktisch keine Möglichkeit für eine Ruhepause. Im Lauf des Films wird dann entsprechend der Druck immer größer, die Mittel der Wahl werden immer unerfreulicher, und die Spannung wächst stetig an.
Das einzige was man dem Film vorwerfen könnte ist, dass Nicholas Lea als Krycek erheblich mysteriöser und unheilvoller rüberkommt als Linus Roache. Aber wenn dies das Einzige ist …? DIE VERGESSENEN ist hochspannende SF-Unterhaltung auf den Spuren der X-Files mit einer hinreißend schönen Julianne Moore und einigen sehr starken Eindrücken. Nicht vergessen anzuschauen!

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Das siebte Foto
Deutschland 2002
Regie: Jörg Lühdorff
Oliver Korittke, Lucie Zednícková, Miroslav Táborský, Anne Cathrin Buhtz, Sebastian Münster, Jürgen Schornagel, Jirí Stepnicka, Milena Steinmasslová, Václav Knop, Hana Símová, Tomas Kolomaznik


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Zufällig kommt der Kinderbuchautor Lenny in den Besitz einer alten Kamera. Er lässt den Film entwickeln und findet Bilder von Panzern in einer Stadt. Wahrscheinlich Prag 1968. Und er findet Bilder einer schönen Frau. Kurz darauf wird bei ihm eingebrochen, die Bilder werden gestohlen, und sein Vater ermordet. Jetzt will Lenny mit der ganzen Kraft, die so ein Kinderbuchautor hat, das Geheimnis lüften. Er fährt nach Prag, und kann tatsächlich die Tochter der Frau auf dem Bild ermitteln, Helena. Gemeinsam kann man allmählich die Schleier der Vergangenheit lüften, aber Lenny und Helena merken nicht, dass mit dem Heben der Schleier auch die Dämonen der Vergangenheit zurückkehren. Helenas Mutter wurde im August 1968 einen Tag nach dem Einmarsch der Russen in Prag ermordet, und der Mörder möchte auch heute nicht, dass diese Tat bekannt wird …

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Leider merkt man dem Film seine Fernsehproduktion deutlich an, denn auch wenn der Drehort Prag mit stimmungsvollen Bildern punkten kann, so hat es doch gar recht viele Klischees. Ein paar zu viele, um den Film in eine bessere Liga zu hieven: Alle für die Handlung relevanten Tschechen sprechen deutsch, die nicht so relevanten und die Bösen natürlich nur tschechisch. Die Polizisten sind düster und sozialistisch-unfreundlich, die Beamten korrupt, und die Bevölkerung hält gegen die da oben selbstverständlich zusammen und kennt sich auch in der Kunst der Gebärdensprache perfekt aus. Hauptsache die bösen Apparatschiks können ausgetrickst werden. Und auch wenn Lenny in seiner Einfalt und Naivität fast rührend ist, aber manchmal tut seine Unschuld schon fast weh. Wie er da in das Ungemach der Vergangenheit stolpert, da fragt man sich manchmal schon, ob das noch realistisch sein soll. Oliver Korittke gibt dem Kinderbuchautor, der vor allem in seiner Fantasie lebt, zugegeben ein sehr glaubwürdiges Gesicht, und auch Lucie Zednícková steht dem in ihrer Darstellung einer aufkommenden Panik in Nichts nach. Die Story harzt halt an ein paar Ecken schon ziemlich (was aber eher an den erwähnten Klischees liegt als am Skript), doch andererseits machen die Hauptdarsteller und die Stadt Prag das durchaus wett.

Womit wir zu den guten Seiten des SIEBTEN FOTOS kommen: Der Film ist spannend! Ganz allmählich nur, aber dafür unerbittlich, zieht sich das Netz zusammen, und auch wenn der Zuschauer lange vor Lenny ahnt was da läuft, und der ein oder andere Twist recht früh zu spüren ist, so ist die Inszenierung atmosphärisch und eben … spannend. Spätestens wenn Lenny die Wahrheit findet, und sich in dem Augenblick nicht nur die zeitlichen Ebenen (1968 / 2002) vermischen, sondern Lenny scheinbar auch in das siebte Foto einsteigt um die Details der Aufnahme zu erkennen, spätestens dann, das meine ich jetzt ganz ernst, hält der Zuschauer gebannt den Atem an. Das kann dann auch von dem unrealistischen Laber-Ende nicht mehr kaputt gemacht werden: Lennys Weg zur Wahrheit ist mit viel Gefühl für Suspense inszeniert. Etwas mehr Feinarbeit am Drehbuch, und der Film hätte das Zeug zu etwas Großem gehabt.

6/10

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PostPosted: 25.12.2019 13:54 
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Location: Das finstere Tal
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Schöne Weihnachten allen DP-Usern! Ich wünsche euch erholsame Feiertage und jede Menge toller Filme!
Und natürlich die Zeit, diese auch zu schauen ...
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Schwarzer Markt der Liebe (Ernst Hofbauer, 1966) 7/10

Heute würde es in einer E-Mail wahrscheinlich „Hier Klicken um überprüfen ob haben gewonnen sie“ heißen. Früher war der Stil eleganter, da war der Text in einer Zeitungsannonce wie folgt: "Für eine Tournee durch den Nahen Osten sucht die Direktion noch junge Mädchen mit Neigung zum Tanzen." Und natürlich fallen genügend junge Dinger drauf rein, auf den Mädchenhändlerring mit Sitz in Genua und Berlin. Gefügig gemacht werden sie mit dem Teufelszeug Haschisch, unter wildem Drogeneinfluss kommt es zum Sex, und danach sind sie alle willig. Wer kann dem schurkischen Duo Rolf und Harald Einhalt gebieten? Die beiden lassen sich von nichts und niemandem aufhalten um ihre teuflischen Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen. Italienische Gangster? Werden überfahren. Unwillige Mädchen? Werden im Drogenrausch von "Der Gräfin" ins Bett gezwungen. Doch die Zeit drängt: Bis Samstag müssen 15 neue Mädchen gefunden und aufs Schiff nach Beirut gebracht werden, sonst machen die Bosse im Hintergrund Ärger.

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Ausgesprochen sympathischer Früh-Exploiter, der gleich einige heftige Szenen im Gepäck hat: Gemeinsames und ausgiebiges Rudelduschen junger Mädchen, überfahrene Gangster, und natürlich die deutliche Warnung vor der Teufelsdroge Haschisch. Wer das einmal anfasst, so die Aussage, der ist sogleich reif für den Puff in Beirut. Oder noch Schlimmeres.
Rolf Eden und Claus Tinney rocken den Film und geben bei ihren Aktionen gehörig Gas. So lernt man beispielsweise, wie man sich einer als zu anhänglich erwiesener Italienerin entledigt ("Wenn Sie wissen wollen wie eine Frau aussieht die ihren Mann verlässt, gehen sie schnell zu ihrer Frau."), und man lernt exotische Geheimnisse kennen ("Sie müssen schon viel herumgekommen sein, wenn sie sofort wissen wie man afrikanische Zigaretten raucht."). Flotte Sprüche, einiges an attraktiven Nuditäten, Tilly Lauenstein als lesbische Gräfin mit Unterwäschegeschäft, und irgendwie bleibt die ganze Zeit ein schiefes Grinsen im Gesicht hängen ob dieser Zurschaustellung unmöglicher Irrwitzitäten. Wie gesagt: Ausgesprochen sympathischer Exploiter. Nicht so rasant oder aggressiv wie etwa DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN, aber schon auf dem allerbesten Weg dorthin …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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