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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.12.2019 12:24 
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Die neun Pforten (Roman Polanski, 1999) 7/10

Dean Corso ist skrupellos, kalt, und geschäftstüchtig. Dean Corso ist Buchdetektiv, und er hat einen sehr guten Ruf als Beschaffer seltenster Bücher. Von dem Verleger und Sammler Boris Balkan bekommt er einen neuen Auftrag: Von einem bestimmten Buch aus dem 17.Jahrhundert existieren drei Exemplare, eines hat Balkan bei sich. Er möchte nun wissen, welches der drei Exemplare eventuell eine Fälschung ist, und gegebenenfalls die Originale alle in seiner Bibliothek sammeln. Also reist Corso nach Europa und besucht die Besitzer der anderen Exemplare. Doch er merkt sehr schnell, dass in seinem Kielwasser Tod und Zerstörung reisen, denn jeder der Sammler stirbt einen schrecklichen Tod. Und als Corso herausfindet, dass alle drei Bücher echt sind, sich aber stellenweise unterscheiden, da schaltet sich der Mitverfasser der Bücher persönlich ein: Der Teufel …

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Klar ist die Story etwas hanebüchen. Und leider ist das niedrige Budget oft recht deutlich zu sehen, nämlich wenn zum Beispiel die Sammlung der Baroness Kessler sichtlich zweidimensional ist und nur aus einer Tapete besteht. Das macht aber fast nichts, denn DIE NEUN PFORTEN hat zwei Vorzüge, die ihn von den Billigheimern deutlich herausheben: Er ist spannend, und er ist atmosphärisch. Wie Corso immer tiefer in das gewebte Netz eindringt, ohne dass ihm bewusst wird dass er eigentlich nur eine Schachfigur ist, das ist einfach klasse. Corso agiert nicht, er reagiert. Und auch wenn er denkt dass er selbstbewusst, unbeliebt und erfolgreich ist, in Wahrheit ist Corso nichts als ein Bauer auf einem Spielfeld. Halt ein Bauer mit einem mächtigen Protegé, aber auch so etwas soll es geben …
Die Nebenfiguren stehen dem wunderbar fein und schwach gezeichneten Corso in nichts nach: Der böse Boris Balkan, der vermutlich über Leichen geht. Lady Telfer, die im Leben zwei Dinge sucht: Sex und Reichtum. Und vielleicht auch noch jede Menge Macht. Das Wiedersehen mit einem altgewordenen Jack Taylor, der als Büchersammler Fargas immer noch so morbide-charmant wirkt wie in den 70er-Jahren. Maria Ducceschi als stahlharte "Niemand-kommt-an-mir-vorbei"-Sekretärin. Und so einige mehr.
Ich habe den Film mittlerweile dreimal gesehen, und entdecke immer wieder Neues und Unbekanntes. Und das ist etwas, was nicht jeder Film von sich behaupten kann. Gerade, wenn man vorher bereits weiß, welcher Charakter in Wirklichkeit wen oder was darstellt, bietet DIE NEUN PFORTEN so einiges anzusätzlichem Thrill. An kleinen Signalen, die einen Lächeln und Schaudern zugleich lassen. Entschieden sehenswert!

Und ja, ich stehe auf Lena Olin. In ihren allermeisten Filmen ist sie betörend sinnlich und hocherotisch. Und wenn sie dann auch noch tödlich ist ...

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.12.2019 14:01 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Klar ist die Story etwas hanebüchen.



die biblische Apokalypse so "naiv mittelalterlich" zu schildern, hatte mich wirklich damals im Kino mächtig überrascht; vielleicht wollte Polanski einen "gotischen" Horrorfilm drehen, der so völlig aus der Zeit gefallen scheint und eher zu Filmen wie CITY OF THE DEAD etc. passen würde...

ich hatte mir dann auch den Roman, der als Vorlage dient, geholt und musste feststellen, dass es ein klassischer Bildungsroman ist und somit die übernatürlichen Elemente gar nicht besitzt (und vielmehr ein Buch über Bücher wäre); Polanski hat also sehr bewusst die ganze Szenerie ins Absurde verzerrt (aber warum?)... - ach ja, Schloss Ferrières, wo der Film auch spielt, bewohnte auch die Familie Rothschild ;) ...


ein surrealistischer Ball im Château de Ferrières 1972...
youtu.be Video from : youtu.be


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.12.2019 00:26 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Die neun Pforten (Roman Polanski, 1999) 7/10

Ähm, irgendwie fehlt in deinem Review was, oder?
Ich meine, da schwärmst du von Lena Olin und hast dann nicht mal mehr einen Satz für Emmanuelle Seigner übrig?
Tztztz.... :o ;)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.12.2019 10:43 
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Howard Vernon wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Klar ist die Story etwas hanebüchen.



die biblische Apokalypse so "naiv mittelalterlich" zu schildern, hatte mich wirklich damals im Kino mächtig überrascht; vielleicht wollte Polanski einen "gotischen" Horrorfilm drehen, der so völlig aus der Zeit gefallen scheint und eher zu Filmen wie CITY OF THE DEAD etc. passen würde...

CITY OF THE DEAD kenne ich nicht, und das mit der Gotik sehe ich auch nicht. Wobei ich unter Gotisch Filme verstehe wie etwa DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT oder auch die Filme von James Whale. Also eine Tradition, die dem Grand Guignol entstammt und mit romantischen Motiven und Übertreibungen spielt. Wobei, unter dem Aspekt ...?

Mit fällt eher ROSEMARYS BABY ein. Die Verweise auf das Vorhandensein eines Teufels sind in DIE NEUN PFORTEN sehr deutlich und häufig eingestreut, womit Polanski eine ganz eigene und abgehobene (im Sinne von nicht-realistische) Szenerie schafft. Eine mittelalterliche Fabel, eingebettet in das Hier und Heute. ROSEMARIES BABY ist im Prinzip auch nicht anders aufgebaut, als dass der fantastisch basierte Horror genau dadurch erst richtig grauenhaft wird, dass er in der Realität angesiedelt wird. Und im Jahr 1999, also kurz bevor der Weltuntergang erst so richtig bevorstand (höhö), war das ein Sujet das durchaus zog. Arnold Schwarzenegger hat im gleichen Jahr die Muskel-versus-Magie-Mär END OF DAYS gedreht, die ebenfalls kurz vor der Zeitenwende den Teufel auf die Erde holte. An die teilweise apokalyptische Stimmung, die damals manchmal geherrscht hat, kann ich mich noch erinnern. Von daher hat Polanski eigentlich "nur" eine Zeitströmung aufgegriffen und geschickt in ein (zeitloses) Märchen verwandelt ...


Howard Vernon wrote:
ich hatte mir dann auch den Roman, der als Vorlage dient, geholt und musste feststellen, dass es ein klassischer Bildungsroman ist und somit die übernatürlichen Elemente gar nicht besitzt (und vielmehr ein Buch über Bücher wäre); Polanski hat also sehr bewusst die ganze Szenerie ins Absurde verzerrt (aber warum?)...

Danke für den Tipp!! Der Roman liegt schon seit Jahren ungelesen hier herum. Ein guter Grund sich den endlich mal zu Gemüte zu führen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.12.2019 10:59 
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Sbirro Di Ferro wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Die neun Pforten (Roman Polanski, 1999) 7/10

Ähm, irgendwie fehlt in deinem Review was, oder?
Ich meine, da schwärmst du von Lena Olin und hast dann nicht mal mehr einen Satz für Emmanuelle Seigner übrig?
Tztztz.... :o ;)

Nun ja, das Problem ist, das ich mit Emanuelle Seigner nicht wirklich viel anfangen kann. Zum einen ist sie tatsächlich so gar nicht mein Typ (in GIALLO habe ich mich zum Beispiel viel mehr auf Adrien Brody konzentriert, weil mich die Seigner einach nur genervt hat), zum anderen hat sie in NEUN PFORTEN ihren Charakter zwar hervorragend ausgefüllt, aber mir persönlich war sie einfach zu ... teilnahmslos. Was aber eben auch daran liegen kann, dass sie mir einfach nichts sagt. In Lena Olin bin ich seit DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS verliebt, und ich befürchte, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird ...

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.12.2019 19:46 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Arnold Schwarzenegger hat im gleichen Jahr die Muskel-versus-Magie-Mär END OF DAYS gedreht, die ebenfalls kurz vor der Zeitenwende den Teufel auf die Erde holte.




Mal nebenbei gefragt: ist END OF DAYS gut? An den hatte ich mich bislang noch nicht herangetraut... (ebenso an THE 6TH DAY)...

ERASER - der ja etwas früher gedreht wurde - fand ich hervorragend... kann man die Filme vergleichen (natürlich nicht vom Inhalt, sondern vom Stil)?...

ansonsten: die Buchvorlage für DIE NEUN PORTEN lohnt sich wirklich zulesen, und wenn ich mich richtig erinnere, dann steckt im Roman auch etwas "Noir"...


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 30.12.2019 20:49 
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Howard Vernon wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Arnold Schwarzenegger hat im gleichen Jahr die Muskel-versus-Magie-Mär END OF DAYS gedreht, die ebenfalls kurz vor der Zeitenwende den Teufel auf die Erde holte.




Mal nebenbei gefragt: ist END OF DAYS gut? An den hatte ich mich bislang noch nicht herangetraut... (ebenso an THE 6TH DAY)...

ERASER - der ja etwas früher gedreht wurde - fand ich hervorragend... kann man die Filme vergleichen (natürlich nicht vom Inhalt, sondern vom Stil)?...

ansonsten: die Buchvorlage für DIE NEUN PORTEN lohnt sich wirklich zulesen, und wenn ich mich richtig erinnere, dann steckt im Roman auch etwas "Noir"...

ERASER kenne ich leider nicht. Aber END OF DAYS ist einer meiner liebsten Arnies. Dreckig, düster, und volkommen over-the-top. Die vorherrschende Stimmung ist entschieden desolat und apokalyptisch. War auf jeden Fall eine gute Idee, den Film in New York spielen zu lassen.
Außerdem ist Gabriel Byrne als Teufel eine erstklassige Besetzung. Es gibt da eine Szene mit Byrne, einem (ich glaube) Skater und einem Truck - unter meinen 10 Lieblingsszenen ever ist die schon seit Jahren vertreten.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.12.2019 03:37 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
In Lena Olin bin ich seit DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS verliebt, und ich befürchte, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird...

Wenn das der ist, der ich glaube (Daniel Day-Lewis und Juliette Binoche haben eine Affäre in den Wirren des Prager Frühlings), habe ich den vor einer gefühlten Ewigkeit einmal auf arte gesehen.
Viel ist nicht hängengeblieben, außer dass ich ihn ziemlich langweilig fand.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.12.2019 08:08 
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Sbirro Di Ferro wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
In Lena Olin bin ich seit DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS verliebt, und ich befürchte, dass sich da auch nicht mehr viel ändern wird...

Wenn das der ist, der ich glaube (Daniel Day-Lewis und Juliette Binoche haben eine Affäre in den Wirren des Prager Frühlings), habe ich den vor einer gefühlten Ewigkeit einmal auf arte gesehen.
Viel ist nicht hängengeblieben, außer dass ich ihn ziemlich langweilig fand.

Wenn das wirklich Ewigkeiten her ist, gib ihn Dir ruhig noch mal. Dein Geschmack und Deine filmische Rezeption hat sich im Vergleich zu, sagen wir, vor 5 Jahren unglaublich weiterentwickelt. Ich könnte mir vorstellen, dass der Dir inzwischen besser gefällt. Vor allem nach den Rivettes: LEICHTIGKEIT hat eben tatsächlich sehr viel Leichtigkeit im Bauch. EIn Merkmal, dass stlistisch geschickt vom (lohnenswerten) Roman übernommen wurde. Ich befürchte aber, meine letzte Sichtung ist auch zu lange her, als dass ich genaueres sagen könnte. Da ist nur noch diese Erinnerung an die wunderbare Lena Olin und an die starken und beeindruckenden Szenen aus dem Prager Frühling, wo Daniel Day-Lewis mitten durch die Dokumentaraufnahmen läuft. Ich glaub ich muss den mal wieder sehen ... :scratch_one-s_head:

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.12.2019 08:11 
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Das Leichenhaus der lebenden Toten (Jorge Grau, 1974) 7/10

Heute ist nicht sein Tag: Eigentlich wollte der Kunsthändler George das Wochenende am Meer verbringen. Aber zuerst fährt diese Frau, Edna, sein Motorrad zusammen, und dann überredet sie ihn, sie zu ihrer Schwester aufs Land zu fahren. Dort entdeckt er ein Gerät, das Insekten und Schädlinge im Umkreis von über einer Meile vernichtet, indem es die Nervensysteme niederer Formen mit Radioaktivität angreift (oder so). Was George als Naturschützer schon mächtig aufregt. Als nächstes wird Edna von einem mysteriösen Mann angegriffen, und Ednas Schwager wird ermordet. Edna und George sind für den unausstehlichen Inspektor natürlich die Hauptverdächtigen, sind sie doch jung und langhaarig. Als dann zu allem Überdruss auch noch die Toten wiederauferstehen und die Lebenden töten, dreht vor allem der Inspektor richtig am Rad: Das kann nur das Werk drogenabhängiger Teufelsanbeter sein!!

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Zur der Zeit, zu der ich diesen Film gesehen habe, las ich gerade Herbert Gruhls Klassiker Ein Planet wird geplündert aus dem Jahr 1974, in dem sehr ernsthaft und glaubhaft postuliert wird, dass die Ressourcen unseres Planeten erschöpft sind. Ebenfalls aus dem Jahr 1974 ist DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN, in dem ebenfalls sehr ernsthaft dargestellt wird, dass das technisierte Töten von Insekten unsere Lebensgrundlagen auf den Kopf stellt. Ein Zufall? Sicher, aber der Zusammenhang ist bemerkenswert …
Fakt ist, dass sich der Film tatsächlich vollkommen humorlos Gedanken macht um den Zusammenhang zwischen einem Übermaß an Technik, vorsätzlicher Vernichtung der Natur, und den unkontrollierbaren Nebeneffekten. Und das in Form eines stimmungsvollen Genrefilms – Was ist das Kino im Jahr 2019 im Vergleich doch auf den Hund gekommen …
LEICHENHAUS ist atmosphärisch, ist stimmungsvoll, ist spannend, und hat eine Aussage. Zudem ist er wahrscheinlich recht preisgünstig produziert worden, was man ihm aber in keinster Weise anmerkt. Im Gegenteil, die Stimmung im Dorf erinnert schwer an Fulcis DIE SCHWARZE KATZE (ist es das gleiche Dorf? Oder nicht? Ich kann es nicht sagen …), die Szenen in der Gruft sind finster und sehr packend, und einige Metzeleien sind alles andere als harmlos.
Dazu die erstklassigen Darsteller: Ray Lovelock, dem ich bislang noch nie viel abgewinnen konnte, begeistert mich hier rückhaltlos. In einer selbstverständlich coolen und selbstbewussten Haltung schwebt er durch den Film als würde er sich einfach nur selbst darstellen. Der Bart und die langen Haare stehen ihm auch ausgesprochen gut. Aber der heimliche Hauptdarsteller ist natürlich Arthur Kennedy als stockreaktionärer Inspektor, der, wenn man ihn nur ließe, das ganze langhaarige Drogenpack und Satansanbetergeschmeiß eigenhändig erschießen würde. Ein Typ Mensch, der in der damaligen Zeit gar nicht so selten war, heute aber gottseidank wenn schon auch nicht ausgestorben, so doch zumindest seltener geworden ist. Widerlich, aber eine erstklassige Performance von Kennedy!

Spannendes und gruselig-metzeliges Horrorkino mit bitterer und erschreckend aktueller Aussage! Große Empfehlung!! Aber das muss ich hier wohl niemandem sagen ... ;)

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 01.01.2020 16:43 
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Ein Filmjahr ist vorbei. 243 Filme wurden es in 2019, was mich ehrlich gesagt sogar erstaunt, hatte ich doch familiär bedingt mit erheblich weniger gerechnet.

Die Höhepunkte, also 10/10-Filme sind schnell aufgelistet, wobei die ersten beiden Erstsichtungen waren:
  • Sorcerer (William Friedkin, 1977)
  • Mother! (Darren Aronofsky, 2017)
  • Prisoners (Denis Villeneuve, 2013)
  • Von Angesicht zu Angesicht (Sergio Sollima, 1967)
  • Blues Brothers (John Landis, 1980)

Die Flops sind noch viel schneller durch, es gab nämlich tatsächlich nur einen einzigen 1/10-Streifen:
  • A Thought of Ecstasy (RP Kahl, 2017)

Extrem beeindruckende Erstsichtungen, also mit 9/10 Pünktchen versehen, und teilweise sogar mit einer schweren Tendenz zur 10, gab es auch:
  • Address unknown (William Cameron Menzies, 1944)
  • Wild at Heart (David Lynch, 1990)
  • Strafpark (Peter Watkins, 1971)
  • Der Hauptmann (Robert Schwendtke, 2017)
  • Psycho Raman (Anurag Kashyap, 2016)
  • Die Halbstarken (Georg Tressler, 1956)
  • Sleepless Night - Nacht der Vergeltung (Frédéric Jardin, 2011)
  • '71 - Hinter feindlichen Linien (Yann Demange, 2014)
  • Karambolage (Marcel Bluwal, 1963)

Wenn ich das so zusammenstelle fällt mir auf, wie oft da Filme aus den letzten 10 Jahren aufgelistet werden. Ein Hinweis darauf, dass das moderne Kino dann wohl doch nicht so schlecht ist, wie man es immer macht. Man muss halt einfach ein wenig graben, aber das ist bei den alten Filmen ja auch nicht anders.

Dieses Jahr habe ich versucht, jeden gesehenen Film zu besprechen. Bis auf einen, SAAT DES TODES (Régis Wargnier, 2007) ist mir das auch gelungen. Dieser eine ist mir irgendwie durchgerutscht, und ich bringe den nach einem Dreivierteljahr auch nicht mehr zusammen. Aber gut war er allemal ;)
Beim Einstellen in das Forum bin ich aktuell bei den Okober-Sichtungen angelangt, da wird es also noch eine Zeitlang mit neuen Filmen weitergehen. Ich habe gelernt, dass es gar nicht schlecht ist, wenn ein Text reift, weswegen ich über einen gewissen Abstand zwischen Hier und Dort ganz froh bin. Ich kann aber sagen, dass da noch ein paar ziemlich feine Filme kommen werden. Oben wurden ja bereits ein paar genannt. Den Friedkin beispielsweise, ATEMLOS VOR ANGST, habe ich im Januar in der deutschen Fassung gesehen, und war sehr beeindruckt. 9/10 Holzbrücken. Im November gab es die US-Fassung, die mich dann restlos in den Sitz gepresst hat: 10/10 Kleenexrollen. Ein absolutes Meisterwerk! Besprechung folgt ...

Nächstes Jahr wird es etwas dünner werden: Ich habe mir ein Haus gekauft, was dann zwangsläufig zu einer temporären Verlagerung der Interessen führen muss. Weswegen ich dummerweise auch kaum zum Italowestern-Festival kommen kann, weil wir das Haus am 01.03. übernehmen werden, und dann die eigentliche Arbeit erst beginnt. Auch von daher ist mir das ganz recht, wenn ich noch ein Polster an Texten habe.
Ob ich das 2020 weiterführen kann, dass ich jeden Film bespreche? Ich befürchte nicht ... Tagsüber arbeiten, abends was im Haus machen, und wenn ich dann noch Lust habe einen Film zu sehen, dann komme ich garantiert nicht mehr zum Schreiben. Der Aufwand, vor allem wenn man auch noch Bilder machen möchte, ist doch einigermaßen. Es macht sehr viel Spaß, und ich mag das Schreiben auf keinen Fall aufgeben, aber wenn die Zeit weniger wird, dann kommt hinten auch eher mal Mist raus. Und das tät ich gern vermeiden :lol:

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auch 2020 hier den ein oder anderen wieder lesen könnte! Ich freue mich immer über Feedback! Und über Tipps zu Büchern und Anregungen zu bekannten oder unbekannten Filmen!!

Bis die Tage :bye2:

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.01.2020 01:39 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ob ich das 2020 weiterführen kann, dass ich jeden Film bespreche? Ich befürchte nicht ... Tagsüber arbeiten, abends was im Haus machen, und wenn ich dann noch Lust habe einen Film zu sehen, dann komme ich garantiert nicht mehr zum Schreiben. Der Aufwand, vor allem wenn man auch noch Bilder machen möchte, ist doch einigermaßen. Es macht sehr viel Spaß, und ich mag das Schreiben auf keinen Fall aufgeben, aber wenn die Zeit weniger wird, dann kommt hinten auch eher mal Mist raus. Und das tät ich gern vermeiden :lol:

Niemand zwingt dich dazu, über ausnahmslos jeden gesehenen Film zu schreiben (hoffentlich :) ).
Ich habe auch jahrelang geglaubt, ich müsste zu jedem gesehenen Film irgendetwas schreiben.
Was dabei herausgekommen ist, wissen wir ja... ;)
Oft genug war es verdammt schwer, überhaupt Worte zum jeweils Gesehenen zu finden, aus verschiedensten Gründen.
Aber seit ich hauptsächlich bei Moviepilot schreibe, habe ich mir das glücklicherweise auch abgewöhnen können und schreibe seitdem wirklich nur mehr zu den Filmen etwas, wo mir auch wirklich etwas einfällt, ohne dass ich erst ewig darüber nachdenken müsste, wie ich überhaupt anfangen könnte und am Ende hätte ich nach einer Stunde gerade einmal 10, 15 Sätze zusammen.
Ausnahmen gibt's natürlich, wenn ich mir z.B. einen speziellen Regisseur genauer anschaue, also quasi eine kleine Retrospektive daraus mache, weil mich eben jener Regisseur gerade interessiert und ich möglichst viel von ihm sehen will.
Dann möchte ich schon gerne zu allen gesehenen Filmen etwas schreiben, auch wenn es einmal nicht so einfach sein sollte.
Aber das ist, wie gesagt, nur mehr die Ausnahme; wenn man sich zur Regel macht, über alles zu schreiben, setzt man sich letztlich ja nur selbst unter Druck und das soll nicht sein.
Qualität vor Quantität!


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.01.2020 22:34 
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Sbirro Di Ferro wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ob ich das 2020 weiterführen kann, dass ich jeden Film bespreche? Ich befürchte nicht ... Tagsüber arbeiten, abends was im Haus machen, und wenn ich dann noch Lust habe einen Film zu sehen, dann komme ich garantiert nicht mehr zum Schreiben. Der Aufwand, vor allem wenn man auch noch Bilder machen möchte, ist doch einigermaßen. Es macht sehr viel Spaß, und ich mag das Schreiben auf keinen Fall aufgeben, aber wenn die Zeit weniger wird, dann kommt hinten auch eher mal Mist raus. Und das tät ich gern vermeiden :lol:

Niemand zwingt dich dazu, über ausnahmslos jeden gesehenen Film zu schreiben (hoffentlich :) ).
Ich habe auch jahrelang geglaubt, ich müsste zu jedem gesehenen Film irgendetwas schreiben.
Was dabei herausgekommen ist, wissen wir ja... ;)
Oft genug war es verdammt schwer, überhaupt Worte zum jeweils Gesehenen zu finden, aus verschiedensten Gründen.
Aber seit ich hauptsächlich bei Moviepilot schreibe, habe ich mir das glücklicherweise auch abgewöhnen können und schreibe seitdem wirklich nur mehr zu den Filmen etwas, wo mir auch wirklich etwas einfällt, ohne dass ich erst ewig darüber nachdenken müsste, wie ich überhaupt anfangen könnte und am Ende hätte ich nach einer Stunde gerade einmal 10, 15 Sätze zusammen.
Ausnahmen gibt's natürlich, wenn ich mir z.B. einen speziellen Regisseur genauer anschaue, also quasi eine kleine Retrospektive daraus mache, weil mich eben jener Regisseur gerade interessiert und ich möglichst viel von ihm sehen will.
Dann möchte ich schon gerne zu allen gesehenen Filmen etwas schreiben, auch wenn es einmal nicht so einfach sein sollte.
Aber das ist, wie gesagt, nur mehr die Ausnahme; wenn man sich zur Regel macht, über alles zu schreiben, setzt man sich letztlich ja nur selbst unter Druck und das soll nicht sein.
Qualität vor Quantität!

Nö, müssen muss ich freilich nicht. Aber ich will ;) Weil es mir Spaß macht, und weil ich auch merke, dass, wenn ich regelmäßig schreibe, ich einfach besser zu Potte komme mit den Texten. Und ehrlich gesagt habe ich daran dann eine Riesenfreude: Ein gelungener, selbst verfasster Text, das ist einfach ein tolles Gefühl. Wie ein schwierig zu besteigender Berg, den man heil hinter sich gebracht hat. Hat halt auch was mit Kreativität zu tun, finde ich.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.01.2020 07:39 
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Breakdown (Jonathan Mostow, 1997) 9/10

Jeff und Amy (Kurt Russell, Kathleen Quinlan) fahren mit ihrem nagelneuen SUV durch die Wüste von Arizona. Auf ihrem Kennzeichen steht dick und fett Massachusetts. Auf ihrem Kennzeichen steht, wie Earl es ausdrückt, dick und fett “Reiche Arschlöcher suchen Ärger“. Bei einer Panne bietet sich ein Trucker (J.T. Walsh) an, Amy bis zum nächsten Diner mitzunehmen, damit sie von dort den Pannendienst verständigen kann. Aber als Jeff dort später ankommt, hat niemand Amy gesehen. Er kann den Trucker wieder finden, aber dieser behauptet von nichts zu wissen, und Amy niemals gesehen, geschweige denn sie mitgenommen zu haben. Ein Alptraum …

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Es gibt zu Beginn eine Szene, in der Jeff und Amy auf einem Hügel in der Wüste stehen, hinter ihnen ihr kaputtes Auto, und einige Kurven weiter unten ein abgeranzter Pickup, mit dem sie kurz vorher einen Beinahe-Zusammenstoß hatten. Zuerst fährt der Pickup an der Panne einfach vorbei, dann hält er, dreht um, und bleibt auf der Straße stehen. Einfach so, in ihre Blickrichtung, wie ein böses Raubtier. Ab diesem Moment entsteht auf dem Bildschirm nackte Angst. Und ab diesem Moment, etwa 10 Minuten nach dem Start des Films, ist die Atmosphäre dermaßen dicht und spannungsgeladen, wie ich es selten erlebt habe. Erinnerungen an TWENTYNINE PALMS werden wach, wo der SUV in der Wüste auch nichts Gutes verheißt, allerdings ist BREAKDOWN erheblich actionorientierter und schneller. Was ja nicht unbedingt verkehrt sein muss …
Die Schauspieler sind auf jeden Fall sehr sehenswert (vor allem natürlich J.T. Walsh, der wie immer überzeugend kalt und böse rüberkommt, aber z.B. auch M.C. Gainey als Lemmy-Lookalike geht sehr unter die Haut), die Settings sind herrlich schmutzig, und die Spannung kann geradezu mit Händen gefasst werden und lässt, ab diesem erwähnten Moment, keine Sekunde nach. Ich bin mit der Erwartung herangegangen, einen 08/15-explodierende Autos-Verfolgungsjagden-hysterische Familienväter-Streifen zu sehen, und bin stattdessen von einem wahren Thriller-Highlight überrascht worden. Was mich auch erheblich für den Film eingenommen hat: Kein Schnitt-Stakkato, und der Schluss an der Stelle wo er hingehört, ohne nachträgliche Erklärungen oder Fortführungen. Allein schon deswegen: Unbedingt sehenswert! Läuft für mich schon seit Jahren als einer der spannendsten Filme überhaupt!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 06.01.2020 18:38 
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Lucky # Slevin (Paul McGuigan, 2006) 7/10

Slevin (Josh Hartnett) ist zur falschen Zeit am falschen Ort: In der Wohnung seines abgetauchten Freundes Nick läuft zuerst die sexy Nachbarin Lindsay (Lucy Liu) ein, die den Tagesablauf und die Hormone gehörig durcheinander wirbelt. Dann tauchen zwei Gorillas auf, die ihn zum Boss (Morgan Freeman) bringen: Er hat 96.000 Dollar Schulden beim Boss, kann die aber abzahlen, indem er den Sohn seines Widersachers, des Rabbis, tötet. Zurück in der Wohnung kommen wieder zwei Gorillas, die ihn zum Rabbi (Ben Kingsley) bringen: Er hat zwei Tage Zeit, um 33.000 Dollar Schulden zu zahlen. Dann ist da noch ein genervter Cop (Stanley Tucci), der Slevin so gar nicht unterbringen kann und auf Teufel komm raus wissen will wer das ist. Zu guter Letzt läuft auch Mr. Goodcat (Bruce Willis) durchs Bild: Ein Killer für die speziellen Spezialaufträge. Ein absoluter Profi, ein Mann der niemals versagt. Der sowohl beim Boss wie auch beim Rabbi ein und aus geht. Und der den Kopf von Slevin haben will …

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Ein Kansas City Shuffle, das ist, wenn alle nach rechts schauen, während man links geht. LUCKY # SLEVIN, das ist eine wirbelnde und schillernde Welle von Bildern und Eindrücken, eine flickernde Mischung aus Quentin Tarantino und Guy Ritchie, eine Story mit so vielen Wendungen und Twists, dass der Überblick schnell verloren gehen kann, wenn Regisseur und Zuschauer nicht aufpassen. Wie Wort und Bild auf-, über- und hintereinander gelegt werden, das ist unbeschreiblich. Die so oft beschworene Einheit von Wort und Bild wird hier ad absurdum geführt, woraus dann ein Feuerwerk an Eindrücken, eine schiere Explosion der Story durch eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen entsteht. Die (Auflösung der) Geschichte wird in einem spannenden Kaleidoskop aus Schnappschüssen, Einblendungen, Ton- und Bildfetzen präsentiert, und dabei bleibt faszinierenderweise kein einziger Faden lose. Jeder Subplot, jede Volte hat eine logische Erklärung und eine Einbettung in einen komplexen, beeindruckenden und rasanten Storyablauf. Beeindruckend ist dabei genau das richtige Wort!

Josh Hartnett ist jung, Morgan Freeman doppelbödig nett, Ben Kingsley genial-böse, Stanley Tucci ganz der genervte Großstadtbulle der zu viel gesehen hat, und Lucy Liu ist obermegasexy wie immer. Bruce Willis hat ein hässliches Toupet auf, aber wenn das der einzige Kritikpunkt ist … Auch die Nebenfiguren sind hinreißend inzeniert: Die beiden jüdischen Gangster, der schwule Sohn des Rabbis, die überwachenden Cops, … Einfach perfekt!

Bei der Erstsichtung gab es noch 8 von 10 Handtüchern, dieses Mal war ich zugegegeben nicht so ganz in Stimmung. Deswegen diesmal nur 7 von 10 Wettscheinen, aber beim nächsten Mal werden es wieder mehr …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 08.01.2020 08:37 
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Tatort: Im Schmerz geboren (Florian Schwarz, 2014) 8/10

Richard Harloff kommt aus Bolivien zurück nach Wiesbaden. Zwischen seiner Abreise und dem Jetzt liegen 30 Jahre Tod, Schmerz, Drogenhandel, Kampf … Nun ist er wieder da, und der LKA-Ermittler Murot, damals Harloffs bester Freund und Kollege auf der Polizeischule, weiß nicht so recht wie damit umgehen: Mit den drei Toten am Bahnhof. Dem verschwundenen Gangsterboss Bosco, dessen drei Söhne die Toten am Bahnhof sind. Dass Harloff die Bande von Bosco offensichtlich übernommen hat. Und noch ein anderer Mann spurlos verschwindet: Franz Oswald, der vor 30 Jahren ursächlich dafür verantwortlich war, das Harloff sich nach Südamerika absetzen musste ...

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Ein Mann kommt zurück in eine Stadt um Rache zu nehmen. Der örtliche Sheriff und der Mann waren früher beste Freunde, etwa so wie in Jules und Jim, und liebten sogar dieselbe Frau, etwa so wie Jules und Jim. Aber etwas geschah, etwas zerbrach, und jetzt ist der Mann wieder da und tötet, und sein einstmals bester Freund muss ihn aufhalten.
Ein grundlegendes filmisches Sujet, in unzähligen Western und Krimis gesehen, und immer wieder gut. Aber als Tatort? Ja, gerade als Tatort! Was Ulrich Matthes hier abliefert ist Extraklasse. Matthes ist als Richard Harloff so spöttisch wie Harry Lime, so süffisant wie Hans Landa, so abgründig wie Tommy Judo, und so tödlich und rücksichtslos wie Loco. Dagegen Ulrich Tukur als kleiner deutscher Beamter: Eine graue Maus, die sich hinter einer Maske der Biederkeit und Zurückhaltung versteckt, als perfektes Gegenstück zum weltläufigen und selbstsicheren Harloff. Und der doch genügend Power im Leib hat, um mit der Maschinenpistole im Anschlag auf die Straße zu rennen und alle Angreifer einfach über den Haufen zu ballern. Wie es ein guter Sheriff halt auch mal machen muss.

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Und a propos Sheriff: Was für eine Inszenierung! Der örtliche Don als griechischer Chor, Shakespeare zitierend und mit wohlgesetzter Sprache im klassischen Duktus das große Drama um Tod, Leidenschaft und Verderben kommentierend. Die drei Söhne des Don als Gunmen, am Bahnhof und der glühenden Sonne wartend auf die Ankunft des Fremden, um ihn zu erschießen. Anstatt 08/15-Abblenden frieren die Bilder ein und werden zu Zeichnungen, stellen die wahren Grausamkeiten nur als Gemälde dar, als Abbild der Wirklichkeit. So wie auch die Geschichte von einem zum andern Gemälde reist, und der Shakespeare-Conferencier uns die Zusammenhänge zwischen den Bildern erläutert. Szenen wie Tableaus, im filmischen Stil erzählt: Murot besucht Harloffs Sohn David. Sie trinken Wein in der leeren Wohnung und verstehen sich blendend. Der Kommissar und der Mörder benehmen sich wie Vater und Sohn - Lange getrennt, endlich vereint, und von einer Überstimme sinnig kommentiert. Oder Murot und Harloff sitzen auf der Parkbank, und ein Off-Erzähler schildert uns humorig, was gerade in den Köpfen der Figuren vor sich geht. Momente, die das Korsett einer Fernsehinszenierung und das Format eines “Fernsehkrimis“ weit sprengen. Die nichts anderes wiedergeben als eine Shakespeare-Tragödie, mit all ihren schrecklichen Mordaten, Treueschwüren und Verrätereien, mit ihren deftigen, blutigen und komischen Szenen.

Lust am Spiel und am Experiment. Lust am Kino. Lust am Erzählen guter Geschichten. Das ist hier alles drin. Und ich glaube, wenn man sich diese Tatort-Folge öfters anschaut, findet man, wie in allen wirklich guten Geschichten, auch noch einiges mehr. Entweder hier, oder beim großen englischen Dichter …

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Jack Reacher (Christopher McQuarrie, 2012) 7/10

Ein Mann fährt in ein Parkhaus, steigt aus, zahlt die Parkuhr, nimmt sein Gewehr, erschießt 6 Menschen auf der anderen Seite des Flusses, und fährt wieder fort. Zwar wird er sehr schnell gefunden, aber das Geständnis unterschreibt er nicht. Er will dass Jack Reacher geholt wird. Jack Reacher hat keinen Führerschein, keine Sozialversicherung, keine Telefonnummer, keine Adresse. Jack Reacher ist der Archetypus des Einzelgängers, der nicht zu finden ist, wenn er nicht gefunden werden will. Und Jack Reacher ist der beste und härteste Ermittler den man sich vorstellen kann. Der einzige, der das Puzzle rund um einen Mann, der eine Parkuhr füttert bevor er einen Amoklauf beginnt, lösen kann. Und was will Jack Reacher? Der will diesen Mann, den er aus seiner Vergangenheit kennt, tot sehen …

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Es gibt auch einen zweiten Teil, JACK REACHER: KEIN WEG ZURÜCK, wo dem Helden Frau und Kind an die Seite gestellt werden. Wohl, damit sich der durchschnittliche Kinogänger besser identifizieren kann. Weswegen der zweite Teil ein ziemlicher Scheiß ist, der funktioniert nämlich nicht. Dieser erste Teil, der ist so wie der rudimentäre Titel es schon andeutet: Roh, nüchtern, gradlinig, und für einen Mainstream-Film sogar mit ein paar härteren Momenten. Auch wenn Tom Cruise hier erneut den Ethan Hunt gibt, der alles kann und alles drauf hat, so sind bei JACK REACHER doch einige Töne zu vernehmen die wirklich Laune machen. Jack Reacher ist wesentlich kompromissloser in seinen Mitteln – Er geht seinen Weg auf Teufel komm raus, was dem Film die ein oder andere angenehme Spitze gibt, und dem Film mehr als nur einen Hauch von Ernsthaftigkeit gibt. Damit meine ich, dass JACK REACHER definitiv weder die Gleichförmigkeit eines Liam Neeson-Action-Vehikels besitzt, noch die Unwahrscheinlichkeit eines MISSION IMPOSSIBLE. Sondern stattdessen in Wort und Bild öfters mal was auf die Nüsse gibt, und dabei einen gesunden Realismus nicht aus den Augen verliert.

Es ist schwierig zu formulieren, vor allem wenn man JOHN WICK (immer) noch nicht gesehen hat. An JACK REACHER gefällt mir einfach die Gradlinigkeit, die ohne Umwege genau auf das Unterhaltungszentrum zielt. Und der Umstand, dass die verschiedenen Twists auch bei der Zweitsichtung immer noch Spaß machen. Und Robert Duvall in einer putzigen Knuffelrolle als alter Marine. Ein Rundum-Sorglos-Paket für Action-Fans mit (nicht zu viel) Anspruch.

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Help Me I Am Dead – Die Geschichte der Anderen (Andreas Bethmann, 2013) 4/10

Die gelähmte Jennifer stellt fest, dass sie in der Umgebung eines alten und heruntergekommenen Hauses laufen kann! Aber nur ab dem Gartentor, dann ist sie wieder auf den Rollstuhl angewiesen. Natürlich möchte sie dem Geheimnis auf die Spur kommen und bleibt ein paar Tage im Haus. Zumindest ist das der Plan, doch sie merkt sehr schnell, dass sie nicht allein im Haus ist. Und dass das andere Wesen, welches offensichtlich auf dem Dachboden lebt, nicht von dieser Welt ist, das merkt sie auch recht schnell. Doch dieses Wesen scheint Jennifer wohl gesonnen zu sein. Als zwei Gangster in das Haus einbrechen um sich zu verstecken ändert sich das allerdings rapide.

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Das war jetzt also mein erster deutscher Indie-Film: Jennifer guckt. Jennifer rollert. Jennifer schläft. Jennifer isst. Jennifer spricht. Jennifer fickt. Jennifer schaut. Die erste Stunde passiert nicht viel anderes mehr, und wenn ich ehrlich sein darf: Ein klein wenig mehr hätte es gerne sein dürfen. Es ist schön, dass Bethmann sich viel Zeit für die Story nimmt, aber das ist dann doch ein wenig zu viel Zeit. Erst wenn die Gangster (Carsten Frank überdreht-komisch, abgeklärt und cool Antonio Mayans) ins Haus kommen und der Geist ein wenig handfester wird passiert überhaupt mal etwas. Eine romantische Geisterstory mit Gore-Effekten? A Lüneburger Heide Ghost Story? Die Szenen aus der Vergangenheit sind dicht und atmosphärisch eingefangen, die Angst von Peter und Karina in dem einsamen Haus ist deutlich zu spüren, aber alles was in der Gegenwart spielt ist irgendwie etwas, was man, wenn man böse sein möchte, auch mit dem Wort lahmarschig beschreiben könnte.
Ich mag aber nicht böse sein, deswegen schiebe ich einen Gutteil der Enttäuschung mal auf die grottige Synchro, die ein, sagen wir, VHS-Niveau locker unterbietet. Mit guten Sprechern dürfte HELP ME I AM DEAD sicher für erheblich mehr Freude sorgen. Aber so kann ich den Film, aufgrund eigener Erfahrung, am ehesten empfehlen wenn man Schlafprobleme hat ...

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PostPosted: 17.01.2020 22:10 
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Femme Fatale
Femme fatale
Frankreich / USA 2002
Regie: Brian De Palma
Rebecca Romijn-Stamos, Antonio Banderas, Peter Coyote, Eriq Ebouaney, ,Edouard Montoute ,Rie Rasmussen, Thierry Frémont, Olivier Albou, Sandrine Bonnaire, Emilie Châtel, Chloé Crémont, Éva Darlan


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Auf einem Filmfestival in Frankreich stiehlt Laura mit ihren Komplizen Diamanten im Wert von 500 Millionen Dollar. Der Job läuft allerdings nicht ganz rund: Einer der beiden Männer wird schwer verwundet und verhaftet, und Laura setzt sich mit den Diamanten ab. Sie schafft es bis nach Amerika, wo sie glücklich, und mit einer neuen Identität versehen, heiratet. Dummerweise hat ihr Angetrauter einen gewissen Ehrgeiz und wird amerikanischer Botschafter in Frankreich. Woraufhin Laura, die jetzt Lily heißt, genau dahin zurückkehren muss, wo sie nie wieder hinwollte. Nie wieder hin durfte: Nach Paris. Und dann passiert der Super-Gau: Ein Paparazzo fotografiert Lily, und am nächsten Tag hängt in ganz Frankreich ihr Portrait an den Litfasssäulen. Wo sie jeder sehen kann. Auch die Komplizen von damals …

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Ebenen. Verschiedene Ebenen. Ebenen der Wahrnehmung, und Ebenen der Erzählung. FEMME FATALE beginnt mit einem Ausschnitt aus FRAU OHNE GEWISSEN. Wir sehen Barbara Stanwyck, eine der klassischen Femme Fatales der Filmgeschichte, und wir sehen ihren Partner Fred McMurray, wie er sie reizt und immer wieder behauptet, dass sie nichts richtig kann. Barbara Stanwyck im Fernseher wird allmählich von der modernen Femme Fatale vor dem Fernseher überlagert: Rebecca Romijn-Stamos als Laura, die vor einem zu erledigenden Job fernsieht, und von ihrem Partner Eriq Ebouaney gemaßregelt wird, dass sie wohl nichts ordentlich erledigen kann, weil noch so viel zu tun ist. Ebenen …

Der Job findet in einem Kino während eines Festivals statt. Wir sehen die Schauspielerin Sandrine Bonnaire als Sandrine Bannaire (behaupten jedenfalls die Untertitel), und wir sehen den Regisseur Régis Warnier (ebenfalls) als sich selbst. Beide sind Schauspieler, die Rollen spielen, die (zufällig) ihre eigenen Charaktere darstellen. Mittendrin Rie Rasmussen als Veronica, die sich mit Laura trifft um Sex auf der Damentoilette zu haben, während ein Komplize von Laura OCEANS ELEVEN-mäßig in die Technikzentrale einbricht um im richtigen Moment den Strom abzustellen. Dazu ertönt ein Bolero, der sich parallel zur Intensität des, zunehmend aus dem Ruder laufenden, Jobs steigert. Am Ende behält Laura als einzige die Nerven, streift die Hülle der schönen Verführerin ab und geht als eiskalter und cooler Dieb lässig von dannen. Andere Perücke. Andere Ebene. Anderes Leben?

Die Ebenen wechseln dann noch öfters: Durch eine Verwechslung wird Laura zu Lily, und da teilt sich nicht nur der Bildschirm, sondern in dem Augenblick splittet sich auch die Geschichte in zwei Erzählstränge. Im ersten Strang werden die Ebenen und Masken noch ziemlich häufig gewechselt. Allein was Lily anstellt um Nicolas und die Polizei auf eine falsche Fährt zu locken ist ohne Spoiler unmöglich zu erzählen. Die Story besteht aus Schichten, die bildlich und narrativ freigelegt werden wie die Häute einer Zwiebel. Der Sicherheitsmann Shiff beschattet Nicolas, der wiederum Lily beschattet. Ist Shiff wirklich das letzte Glied in der Kette? Seit spätestens TENEBRAE auch ein beliebtes Motiv ist die Person, die hinter der Person auftaucht. Schichten. Häute. Ebenen …
Später, wenn Lily ihren Mann, Alain Figlarz und Nicolas wie ein Jongleur gegeneinander ausspielt und immer darauf achtet, dass auch alle Bälle gleichzeitig in der Luft sind, dann schwirrt der Kopf, und die Spannung ist so heiß und abgeklärt wie die Sexszene zwischen Romijn und Banderas. Alles muss hinterfragt werden, jedes Detail kann wahr sein oder auch falsch, keine Aussage ist für bare Münze zu nehmen. Lily ist die einzige Person, die alles unter Kontrolle hat, auf jede mögliche Aktion immer die passende Reaktion parat hat, und niemals die Fassung verliert. Eine echte Femme Fatale, die mit Männern spielt wie mit Pappkameraden, und diese auch genauso bedenkenlos opfert. Es gibt da diesen Moment, wenn sich Nicolas und Alain Figlarz prügeln (was aber nur als Schattenbild gezeigt wird, wie etwas, was auf einer anderen Ebene stattfindet. Oder besser noch auf einer anderen Bühne.), während Lily im Vordergrund einen Heidenspaß an der Schlägerei hat und lacht und lacht und lacht. Sie weiß genau wie Männer ticken: Als Belohnung gibt es schnellen Sex, und Nicolas wird daraufhin alles tun was sie will. Wahrlich eine Frau ohne Gewissen …

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Und dann ist da noch der zweite Erzählstrang, der ohne Spoiler nur schwierig wiederzugeben ist. Sagen wir es so: Laura wird nicht zu Lily. Aber Lily wird zu Lily. Zur richtigen Lily. Lily wechselt die Spur und rettet Laura das Leben, während Laura zu einer anderen Laura wird. Ich weiß, das klingt jetzt kryptisch, aber wer den Film kennt muss zugeben, dass das nicht ganz falsch ist …

Die Ebene, mit der der Film begann, also quasi die Film-im-Film-Ebene, die zieht sich in Andeutungen immer wieder durch FEMME FATALE. Aufgefallen ist mir der Moment, wenn Eriq Ebouaney dem bestochenen Wachmann einen Zigarillo in den Mund steckt.
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Eine Szene, die wir schon in so vielen Western gesehen haben, und die so merkwürdig vertraut vorkommt. Genauso vertraut wie das Outfit von Lily im Hotelzimmer, das an Kim Novak in VERTIGO erinnert, oder an Michael Caine in DRESSED TO KILL.

Apropos DRESSED TO KILL: De Palma ist ja bekanntlich großer Fan von Alfred Hitchcock, und hat eben bei DRESSED TO KILL sogar Hitchs Leib- und Magenkomponisten Bernard Herman engagiert. Bei FEMME FATALE ist der japanische Avantgardemusiker Ryuichi Sakamoto dabei, und sein Score klingt verteufelt nach dem großen Bernard Herman. Was in keinster Weise negativ gemeint ist! Aber es ist bemerkenswert, wie sehr dieser klassisch klingende Soundteppich die Handlung in Hitchcocks Nähe rückt. Und die verschiedenen Zeiten und Welten nah zusammen kommen. Denn auch Hitchcocks bevorzugtes Motiv war ja, dass sich in einem Menschen verschiedene Persönlichkeiten verstecken und mehrere Schichten derselben Person darstellen können. So wie Lily und Laura …

Aber die Schichten können auch getrennt wird, und zwar durch die Sprache. Es ist auffällig, wie sehr sich die Zweisprachigkeit durch den Film zieht. Die Menschen sprechen meistens englisch (bzw. deutsch in der Synchro), aber es wird auch viel französisch gesprochen, und die Distanz ist dann immer deutlich vorhanden. In zwei Szenen gibt es ein Kauderwelsch aus deutsch und französisch, und genau in diesen beiden Szenen (Laura/Lily und Bruce im Flugzeug, Lily und der LKW-Fahrer) entsteht menschliche Nähe und Verständnis. Wenn die sprachliche Barriere durchbrochen wird, vergeht auch die menschliche Distanz- oder anders ausgedrückt: Laura/Lily spricht beide Sprachen und kann sich mühelos auf allen Ebenen bewegen. Sie ist die einzige, die durch die Schichten hindurchdringen kann. Was im zweiten Erzählstrang dann zu einer ganz bestimmten Veränderung führen wird.

Diese Veränderung wird eingeleitet durch eine subjektive Kamera in Lilys Elternhaus Bis dahin haben wir Laura/Lily gar nicht richtig wahrgenommen. Als Vamp in blonden Haaren beim Job, mit schwarzer Kurzhaarperücke und großer Sonnenbrille auf der Flucht, als subjektive Kamera beim Blick auf die Eltern – und erst in der Wohnung sehen wir Laura das erste Mal ohne die Faktoren welche sie verändern. Ohne die Dinge, die sie zu etwas anderem machen. Welche sie überhaupt erst zu einer Femme Fatale machen, die sie, während sie durch Lilys Elternhaus streift, gar nicht zu sein scheint. Hier wird eine Ebene gewechselt, die Geschichte bekommt eine andere Färbung, und hier beginnt die Teilung in die zwei Erzählstränge. Es beginnt aber auch die Veränderung von Laura: Laura wird nicht nur zu Lily, sondern Laura wird, während wir sie bewusst und unverändert wahrnehmen, auch zu Laura. Einer anderen Laura. Der Laura aus dem zweiten Erzählstrang …
Die Kamera, die sich den Gesichtern verweigert, ist noch ein paar Mal zu sehen. Veronica ist Rie Rasmussen, die während des Jobs offensiv und nur von vorne gezeigt wird. Nackt, sexuell aggressiv, provokant, extrovertiert.
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Wann immer sie aber später auftaucht, ist sie nur ein Schatten. Eine Gestalt, die ohne Gesicht und in Tarnkleidung über das Pflaster von Paris huscht, während ihre Stiefel den Sekundenzeiger einer ablaufenden Uhr hämmern. Rie Rasmussen spielt eine Schauspielerin die eine Rolle spielt. Die als Schauspielerin deutlich und doch nur als Abbild zu sehen ist, während die private Veronica anonym bleibt. Unerkannt. Unsichtbar. Das Foto, das Nicolas als erstes von den beiden Frauen macht, deckt beider Anonymität auf. Möglicherweise stellt Nicolas darum irgendwann fest, dass dieses Bild sein Leben verändert hat.
Die Ebenen überlagern sich, eine Metaebene ist erst gar nicht vorhanden. In Welten existieren Welten: In der Alternativweltliteratur gibt es die Sandwich-Theorie, die besagt, dass alle Welten und alle Zeiten gleichzeitig existieren, und dass man innerhalb einer Zeit von Welt zu Welt wechseln kann. Ob De Palma diese Theorie kennt? Dieses Vexierspiel aus Sein und Schein legt es nahe …

Diese Theorie hängt auch eng damit zusammen, dass Laura Dinge mehrmals erlebt. Zum Teil als Laura, teilweise aber auch als Lily. Dem Zuschauer geht es als Beobachter nicht anders – selbst das Showdown findet zweimal statt: Der Zuschauer erlebt das gleiche Spektakel auf zwei verschiedene Arten. Nicht wie bei Quentin Tarantino aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln (wie etwa in JACKIE BROWN), sondern identisch, doch mit feinen, aber entscheidenden Unterschieden. Trotzdem erscheint es dem Zuschauer wie ein Déjà vu. Und der Schriftzug Déjà vu taucht auch immer wieder regelmäßig auf: "Als Déjà-vu (frz. déjà vu = 'schon gesehen') bezeichnet man eine Erinnerungstäuschung, bei der eine Person glaubt, ein gegenwärtiges Ereignis früher schon einmal erlebt zu haben. Dabei hat die betroffene Person das sichere Gefühl, eine neue Situation bereits in der Vergangenheit in gleicher Weise schon einmal durchlebt zu haben." (Quelle: wikipedia.de). De Palma spielt mit diesem Gefühl, sowohl auf der Ebene der Hauptfigur wie auch auf der Ebene des Zuschauers. Schein und Sein vermengen sich, die Realitäten gehen ineinander über.

Könnte man das für einen Cineasten dann schon als paradiesischen Zustand betrachten? Das kann ich nicht sagen, aber das letzte geschriebene Wort des Films lautet: Le paradis. Ich glaube, mindestens ein Charakter des Films hat dann gerade seine Erfüllung gefunden. Und der Zuschauer, der bereit ist, sich auf diesen Metafilm einzulassen, möglicherweise ebenfalls …

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PostPosted: 20.01.2020 19:14 
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Quintana: Dead or Alive
Quintana
Italien 1969
Regie: Vincenzo Musolino
Toni Di Mitri, Femi Benussi, Spartaco Conversi, Celso Faria, Aldo Bufi Landi, Ignazio Spalla, Marisa Traversi


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italo-cinema.de


Der böse Großgrundbesitzer Don Juan unterdrückt die Landarbeiter der Gegend mit Hilfe der willfährigen Soldaten. Manuel stellt sich ihm entgegen, und wird daraufhin gefangen genommen. Morgen früh soll er erschossen werden. Aber da ist ja noch Quintana, der maskierte Rächer, von dem niemand weiß wer er ist. Quintana befreit Manuel und sorgt dafür, dass Don Juan ordentlich Gegenwind bekommt. Don Juan wiederum möchte Manuels Freundin Donna Virginia ehelichen, was Manuel nicht so toll findet. Und Quintana und seine Freunde ebenfalls nicht. Was bedeutet: Don Juan muss weg …

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Textbausteine der Inhaltsbeschreibung eines Westerns: Böser Großgrundbesitzer. Ausgebeutete Landarbeiter. Soldaten. Maskierter Rächer. Schöne Frau. Toter Freund. Rache.

Diese Wörter einmal ordentlich durchgeschüttelt ergeben einen x-beliebigen Zorro-Film bzw. –Verschnitt. Und QUINTANA ist nichts anderes als genau das: Ein Zorro-Verschnitt, bei dem sogar auf den üblichen humorigen Aspekt verzichtet wird, dass der verweichlichte und weibische Held hinter der Maske des kühnen Kämpfers und Streiters steckt. Stattdessen ist ausgerechnet der farbloseste und ausstrahlungsärmste Schauspieler südlich des Tibers in die Maske des Rächers gesteckt worden. Tony Dimitri mag als unauffälliger Nebendarsteller vielleicht was getaugt haben, aber als maskierter Coolman auf den Spuren von Clint Eastwood (man beachte den Poncho) ist er farblos und uninteressant.

Moment, wieso schreibt der Maulwurf da was von einem Tony Dimitri? In allen möglichen Quellen wird doch Osvaldo Ruggeri in der Hauptrolle angegeben. Nun, ich vertraue der italienischen Wikipedia und einem Bildvergleich bei Google, und stelle fest, dass tatsächlich gar nicht Osvaldo Ruggeri mit der Hauptrolle betraut ist, sondern eben der italienische Sänger und Schauspieler Antonio Costanzo Dimitri, bekannter(?) als Tony Di Mitri, Tony Dimitri oder George Stevenson. Tony hat in den 60er-Jahren versucht sich eine Karriere aufzubauen, aber so richtig gut gelaufen ist das glaube ich nicht. Nebenrollen in ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und DIE NORMANNEN machen sich in der Vita vielleicht toll, sind aber trotzdem nur Nebenrollen. ROSE ROSSE PER IL FÜHRER klingt drollig, war aber bestimmt auch nicht der Box Office-Knaller, und irgendwann landet man dann bei Alberto Cavallone (DAL NOSTRO INVIATO A COPENAGHEN) und Franco Lattanzi (ZAHL UND STIRB). Spätestens an der Stelle weiß man als Betroffener, dass das mit der Karriere irgendwie vorbei ist. Auch seine Singles mit so sprechenden Namen wie L’hanno ucciso a Roma (so in etwa Sie haben ihn in Rom getötet) und Hanno rapito il Presidente (was man mit Sie haben den Präsidenten entführt übersetzen kann), beide aus dem Jahr 1965, klingen zumindest von den Titeln eher … eigen. Und nur begrenzt massentauglich. Um das Thema abzuschließen möchte ich noch erwähnen, dass Tony sich dann in den 70ern wohl offensichtlich der Volksmusik zugewendet hat. Schön für ihn. Wobei: Ich sehe gerade, die B-Seite der erstgenannten Single heißt Carnevale di sangue … Mmh, ich glaube, ich gehe mal auf die Pirsch, das klingt dann doch interessant …

Aber ich schweife ab. So oder so hat der Mann einfach wenig Ausstrahlung. Er wirkt nicht. Er ist … langweilig. Der Antagonist hingegen, der schurkische Don Juan, wird von Schauspielveteran Aldo Bufi Landi gegeben, und der läuft Di Mitri locker den Rang ab. Auch wenn Landi sich Mühe gibt Di Mitri den Vortritt zu lassen, seine Ausstrahlung ist einfach um Längen fieser und schurkischer als Di Mitri jemals heroisch sein könnte.

Apropos Schauspieler, werfen wir doch noch einen wohlwollenden Blick auf Femi Benussi, die hier eine starke Ähnlichkeit mit einer Barbie-Puppe hat (und entsprechend wenig hergibt), sowie auf Marisa Traversi, die in der Nebenrolle als abgelegter Betthase Don Juans am deutlichsten aus dem ganzen Einerlei heraussticht. Spartaco Conversi trägt wie immer seinen Bart spazieren, Celso Faria ist unauffällig, und Ignazio Spalla gibt aufwandsarm aber immerhin knuffig seine 08/15-Rolle als lustiger Dicker. Eine Ensemblebesetzung die man von Edoardo Mulargia kennt, dort aber um einiges stärker rüberkommt. Und als Zusammenfassung bleibt irgendwie nur ein müdes Gähnen.

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Dieses Gähnen war auch schuld, dass ich den Film nur mit zwei Anläufen geschafft habe, denn auch die Inszenierung ist nicht wirklich prickelnd. Man mag Vincenzo Musolino zugute halten, dass er als Schauspieler erheblich mehr Einsätze hatte denn als Regisseur, das heißt aber noch lange nicht, dass er auch wirklich Talent zum Regisseur hatte.

Wobei Musolino an und für sich eine tragische Figur war. 1969 am Tag seines 40. Geburtstags gestorben, muss er als Schauspieler mit seinem guten Aussehen und seiner athletischen Statur einiges hergemacht haben. 1951 wurde Musolino gleich in seiner allerersten Filmrolle mit der Hauptrolle in Renatos Castellanis FÜR ZWEI GROSCHEN HOFFNUNG betraut, einem Klassiker des sogenannten rosa Neorealismus*, der 1952 den Großen Preis von Cannes gewann. (Als Fußnote sei angemerkt, dass Musolino dabei von Aldo Giuffrè synchronisiert wurde, dies aber wirklich nur nebenbei.) Danach kamen größere und kleinere Rollen unter Pietro Germi oder Umberto Lenzi, kleinere und größere Rollen an der Seite von Sophia Loren oder Jean-Paul Belmondo. Mit dem Aufkommen des Euro-Westerns begann Musolino als Produzent und Drehbuchautor zu arbeiten (DJANGO – KREUZE IM BLUTIGEN SAND, JETZT SPRECHEN DIE PISTOLEN, …), bis er sich dann 1968 mit DJANGO – DEN COLT AN DER KEHLE erstmals als Regisseur versuchte. Den kenne ich nun noch nicht, aber offensichtlich scheint er sich doch sehr im ausgetretenen Mittelfeld zu bewegen. Überraschungsarm ist das Wort, das ich zu COLT AN DER KEHLE öfters lese. Dann kam noch QUINTANA, und da würde mir dann gleich dasselbe oder ein ähnliches Wort zu einfallen: Ideenlos. Da funkelt nichts und da glänzt nichts. Einheitsbrei ohne besondere Highlights. Wenn es wenigstens lustig wäre, oder ironisch, oder besonders brutal, oder irgendwas. Aber da ist einfach nichts. Es wird sehr unblutig gestorben, für das Entstehungsjahr 1969 sogar ausgesprochen harmlos, und der Bierernst, der sich durch die gesamte Handlung zieht, sorgt eher für ein müdes Abwinken als ein teilnehmendes Zuschauen. Auch die häufig gekippte Kamera reißt mit ihrem Schrägblick da nichts mehr raus, und der anfangs interessante Effekt nutzt sich dann entsprechend schnell ab.

Was zum (vorläufigen) Fazit führt: Dröge, zumindest für die Freunde der härteren Gangart. Wer ein Herz hat für die Euro-Western, die bis etwa 1966 vorwiegend in Spanien entstanden, der könnte hier ein ganzes Stück glücklicher werden. Man merkt recht deutlich, dass Musolino filmisch in der ersten Hälfte der 60er-Jahre sozialisiert wurde, zumindest als Darsteller. Bei seinen Drehbüchern wiederum fällt auf, dass er viel mit Edoardo Mulargia gewerkelt hat: Sowohl bei DJANGO – DEIN HENKER WARTET als auch bei DJANGO – KREUZE IM BLUTIGEN SAND arbeiteten Mulargia und Musolino Hand in Hand, letzterer dabei als Produzent, Drehbuchautor und Darsteller. Was dann den Kreis zum Ensemble schließt, aber nichts an der Tatsache ändert, dass zumindest bei QUINTANA das Flair der frühen 60er herrscht. Und was meines Erachtens auch erklärt, warum wir es hier mit einem Zorro-Verschnitt zu tun haben. Maskierte Rächer, die in den gleichen Klamotten rächen wie ihre zivilen Identitäten, und trotzdem von niemandem, nicht mal von ihren Mädels, erkannt werden, solche Stories waren 1969 doch weitgehend out. Wobei Ausnahmen wie immer die Regel bestätigen …

*"Der so genannte 'Neorealismo rosa' [..] ist gekennzeichnet von einer optimistischen Grundhaltung, von Regionalismus (Verwendung von Dialekten), der Darstellung des Alltagslebens der „einfachen Leute“, jedoch ohne die scharfe gesellschaftspolitische Komponente, die für den Neorealismus charakteristisch war." (Quelle: *** The link is only visible for members, go to login. ***)

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PostPosted: 23.01.2020 18:59 
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Grand Budapest Hotel (Wes Anderson, 2014) 8/10

M. Gustave liebt romantische Gedichte und alte Damen. Zero Mustafa malt sich einen Schnäuzer auf die Oberlippe und ist in der Ausbildung zum Lobby Boy. Madame D. liebt M. Gustave, weswegen er bei ihrem Tod durch viele Gefahren reist, um ihr am Sarg zu erklären, dass er es gut findet, dass sie die Farbe ihres Nagellacks vor dem Tod noch geändert hat. Agatha backt ganz kleine Gebäckstücke, die noch kleinere Ausbruchswerkzeuge enthalten und ins Gefängnis geschmuggelt werden. Dimitri ist ein böser Mensch, Mitglied der schwarzgekleideten ZZ. Sein Helfershelfer Jopling schaut aus wie ein hässliches Nilpferd und ist ein ganz ausgezeichneter Killer. M. Ivan ist, genauso wie M. Gustave, M. Martin, M. Robin und M. Georges (und sicher noch viele andere) Mitglied der Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel – Ein Bund der Concierges der großen Nobelhotels Europas, die sich untereinander in Notlagen helfen. Natürlich immer unter Wahrung größtmöglicher Contenance. Der Jüngling mit dem Apfel ist ein Gemälde, dessen Wert nicht zu ermessen ist. Man kann es verkaufen, natürlich weit unter Ladenpreis, und sich mit dem Geld an der maltesischen Riviera zur Ruhe setzen.

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Nein, ich bekomme den Film nicht zu fassen. Ich kann nicht einmal eine adäquate Inhaltsangabe schreiben. Was in GRAND BUDAPEST HOTEL alles drin steckt, da machen andere Regisseure 10 Filme draus: Wahnsinn. Ideenreichtum. Tempo. Kluge Dialoge. Gewalt. Irrwitz. Ein ganz klein wenig Sex (aber wirklich nur ein Spritzerchen). Große und gute Schauspieler in kleinen und kleinsten Rollen. Kulissen, so opulent wie eine 10-stöckige Hochzeitstorte (oder wie ein Gebäck von Mendl). Eine Kameraführung zum Hineintauchen und nie wieder in die Realität zurückkehren wollen. Farben die auch ein Timothy Leary nicht hätte erfinden können.
Nein, der Film lässt keine Inhaltsangabe zu. Der Text kann nicht mal in Andeutungen das wiedergeben, was in dem Hotel wirklich passiert. Was in dem Film wirklich passiert. Was M. Gustave tatsächlich für ein Mensch ist ("Die Welt von Gustave war schon tot, noch bevor dieser sie betrat."), was die Handlung(?) für Pirouetten dreht. Natürlich ist das alles wohlgeordnet und stilisiert. Alles ist an seinem Platz und harrt der Entdeckung durch akribische Filmsammler. Spontaneität? Gar Anarchie? Nicht im Grand Budapest Hotel. Aber es weht so viel Menschlichkeit durch den Film, so viel Humor und (Aber)-Witz, und gleichzeitig so viel Stil, dass diese ... ich möchte es mal Sterilität nennen, gar nicht recht ins Gewicht fällt.

Mangels eigener Ideen möchte ich Oliver Nöding zitieren, der GRAND BUDAPEST HOTEL in perfekte Worte kleidet: "Mit größtem Stilbewusstsein und Detailreichtum ausgestattetes Filmgemälde, gleichermaßen von milder Melancholie wie versöhnlicher Ironie geprägt, immer wieder Einflüsse aus Animations-, Puppen- oder auch Stummfilm aufgreifend[..]." Nöding schreibt dies über alle Filme von Wes Anderson, was ich, da dies mein erster Anderson war, so nicht bestätigen kann. Aber auf GRAND BUDAPEST HOTEL trifft es vollkommen zu. Eine Reise in ein (Film)-Land, wie ich es im 21. Jahrhundert zwischen Superhelden-Gedöns und Teenie-Komödien nicht mehr erwartet hätte. Traumhaft. Bei allem Realismus surreal. Menschlich und warm. Zutiefst bezaubernd …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 23.01.2020 19:18 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Eine Reise in ein (Film)-Land, wie ich es im 21. Jahrhundert zwischen Superhelden-Gedöns und Teenie-Komödien nicht mehr erwartet hätte. Traumhaft. Bei allem Realismus surreal. Menschlich und warm. Zutiefst bezaubernd

Obwohl mich der Großteil aktueller Filmproduktionen absolut nicht interessiert, begeisterte mich mein erster Besuch im eindrucksvollen GRAND BUDAPEST HOTEL auf Anhieb. Einfach nur brillant, das Ganze...

:ggg55:


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 24.01.2020 08:39 
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Richie Pistilli wrote:
Einfach nur brillant, das Ganze... :ggg55:

Leider hatte ich es verpeilt, mir von dem geliehenen Film Screenshots zu machen. Die Bilder sind aus der IMDB gezogen, und beim Durchschauen sind wieder so viele Erinnerungen an diesen Film hochgekommen. So viele Eindrücke wurden wieder wach, und die Auswahl der letztendlichen Bilder war alles andere als einfach. Wahrlich ein grandioser Film!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.01.2020 08:34 
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Zwei rechnen ab (John Sturges, 1957) 7/10

Wyatt Earp, seine Brüder Virgil und Moran sowie Doc Holliday im Kampf gegen die Clanton –Brüder. Morgens, bei Sonnenaufgang am O.K. Corral in Tombstone. Ein Ikone gewordenes Drama, ein packender Schlußfight, große Schauspieler, Musik mit Gänsehautfaktor, und Rhonda Fleming laszivt in die Kamera das es nur so knistert. Ich hätte mir zwar die Besetzung gerne andersherum gewünscht (also Burt Lancaster auf Doc Holliday), aber das wahrscheinlich auch nur, weil ich noch VERA CRUZ im Kopf habe, und Lancaster dort so unglaublich viel Leben versprüht hat. Das Leben, welches ich hier eher bei dem anarchisch lebenden Doc Holliday sehe, als beim bieder-stereotypen Wyatt Earp. Aber vor allem die zweite Hälfte, also alles was in Tombstone passiert, ist großes und starkes Westernkino. Toll!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.01.2020 21:54 
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Das Geheimnis der roten Quaste (Hubert Frank, 1963) 6/10

Der Journalist Richard Warren checkt in einem kleinen Hotel ein. Er soll sich mit einem geheimnisvollen M. Duval treffen, stattdessen findet er die Stripteasetänzerin Sylvia – Tot. Richard ist der einzige Verdächtige, und er hat kein Alibi, also flüchtet er in ein naheliegendes Schallplattengeschäft, das von der alleinstehenden Regina geführt wird. Auch wenn er ihr zuerst eine Pistole unter die Nase hält, so vertraut sie ihm doch schnell und schützt ihn vor der Polizei. Als Regina ihm helfen soll, M. Duval zu treffen, zeigt sich aber ganz plötzlich, dass Richard nicht die ganze Wahrheit über die Affäre gesagt hat. Und Regina noch viel weniger …

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Die ersten 40 Minuten dachte ich noch, dass die ROTE QUASTE ein eher unerheblicher Wallace-Klon ist, der sehr ernsthaft unter dem Mangel an entsprechend-typischen Zutaten leidet. Die Musik ist entweder deplaziert oder sehr eigen, Laya Raki tendiert zur absolut hemmungslosen Theatralik, und die aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte zwischen Richard und Regina lässt den Film in ausgeleierten Bahnen laufen, die man einfach schon viel zu oft gesehen hat.

Fehlanzeige! Wie man sich doch täuschen kann. Sobald Sylvia und M. Duval sich treffen wechseln Aussage und Richtung des Films vollständig. Es wird relativ spannend, und letzten Endes fragte ich mich ernsthaft, wer den Film wohl überleben mag, und wer nicht. Laya Raki lässt die Brüste kreisen und erzeugt einiges an wilder Erotik*,
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Demeter Bitenc wirkt sinister und schon geradezu diabolisch, und wenn Slavo Schweiger als Kommissar (mit der Stimme von Siegfried Schürenberg) sein Monokel ins Auge klemmt, dann weiß man definitiv, dass in diesem Film noch einiges anders laufen wird als ursprünglich gedacht.

Insgesamt nicht der große Wurf, aber eine interessante Fingerübung in Sachen Auf’s-Glatteis-führen und schön anzuschauen. Doch was hätte das unter einem besseren Regisseur für ein hervorragender Noir werden können ...

*Überhaupt ist der Film voll mit unterschwelligem Sex. Immerhin liegen Dietmar Schönherr und Vivi Bach sichtlich nackt gemeinsam im Bett. Im Jahr 1963!!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 31.01.2020 18:45 
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Cube
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Kanada 1997
Regie: Vincenzo Natali
Nicole de Boer, Nicky Guadagni, David Hewlett, Andrew Miller, Julian Richings, Wayne Robson, Maurice Dean Wint


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Ein Würfel. Ein gigantischer Würfel. 125 Meter Außenmaß, und innendrin lauter einzelne Räume in Würfelform. Manche Räume sind Durchgänge, andere Räume enthalten Fallen. Und mittendrin in diesem undurchdringlichen Labyrinth eine Gruppe Menschen: Eine Mathematikerin, ein Polizist, ein Ingenieur, eine Psychologin, ein Autist, und ein Ausbruchskünstler. Es wird versucht aus dem Gebilde heraus zu kommen, wobei zwei große Probleme im Weg stehen: Klar, die Fallen sind das eine. Aber das viel größere Hindernis ist die menschliche Psyche. Die Eitelkeiten, der Stolz. Und die Vorurteile …

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7 Jahre vor SAW eine reduzierte Version des Themas. Ohne kriminalistische Rahmenhandlung, sondern rein beschränkt auf die Frage: Wie weit würdest Du gehen, um Dein Leben zu retten? Also eher SAW 2: Eine Gruppe von Menschen, die versucht durch einen tödliches Irrgarten einen Ausweg zu finden. Dabei brechen Wunden auf, psychisch wie auch physisch, was die Sache nicht einfacher macht.
Der Unterschied zu SAW 2, so wie ich ihn in Erinnerung habe, ist, dass hier nicht die Fallen und der Tod im Vordergrund stehen, sondern die Beziehungen der sich gegenseitig Gewalt antuenden Menschen untereinander. Spätestens in dem Augenblick, in dem klar wird, dass einer aus der Gruppe an dem Würfel sogar mitgebaut hat, entstehen Feindschaften, die nur durch extreme Gewalt gelöst werden können. Aber diese Gewalt ist nicht selbstzweckhaft angelegt, sondern sie entsteht aus der jeweiligen Situation, und ist wesentlicher Bestandteil der menschlichen Psyche. Und genau dieses wird gezeigt: In einem unglaublich dichten und klaustrophobischen Thriller ohne unnütz erklärenden Hintergrund können sich der Aggressionsdrang und der Wille zur Macht genauso frei entfalten wie die Hilfe und Mitgefühl, sowie die Möglichkeiten des menschlichen Geistes. Ein anstrengender und erschütternder Ritt durch das Panoptikum der Seele. Eine Tour de Force durch das Leben. Wahnsinn!

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9/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 03.02.2020 07:11 
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Assault – Anschlag bei Nacht (John Carpenter, 1976) 8/10

Sechs Mitglieder der Gang Street Thunder werden von der Polizei erschossen. Die Gang schwört Rache bis zum Tod. Sie bewaffnen sich und bereiten sich vor auf eine Orgie des Todes. Nach einem Warm-Up landet die Gang vor dem Polizeirevier in Anderson, einem Ghetto in LA. Eigentlich ist das Polizeirevier leer weil gerade umgezogen wird. Ein diensthabender Offizier ist dort, der den Umzug überwachen soll, zwei weibliche Schreibkräfte, ein Officer – und ein Bus voller Strafgefangener, von denen einer in die Todeszelle transportiert werden soll. Bewaffnung drinnen: Eine Pistole, zwei Gewehre, ein paar Schuss Munition. Bewaffnung draußen: Fertig für den Weltkrieg …

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Ein Kammerspiel des Todes. Eine psychologische Abhandlung über Menschen, deren Ziele diametral zueinander stehen, und die dabei aufeinander angewiesen sind um zu überleben. Wie Alamo, aber ohne Heldenpathos. Wie die Schlacht um Midway, aber auf eine direkte Art tödlicher. Die Gang wird wie eine Gruppe Zombies dargestellt: Gesichtslose, schemenhafte Wesen, die durch die Nacht huschen und Tod und Verderben bringen. Tötest Du einen, wachsen an seiner Stelle zwei andere nach. In der Polizeistation hingegen werden die Verteidiger immer weniger. Kein Telefon, kein Funk, kein Strom, dafür eine hysterische Schreibkraft, ein katatonischer Mann, und zwei gefährliche Schwerverbrecher. Minimaler Aufwand, minimales Budget, und ein maximaler Output an Spannung und Testosteron.

Auch wenn der Film etwas gealtert ist (und bei der Erstsichtung auf der ganz großen Leinwand noch am meisten gerockt hat: Damals hatte ich echtes Herzklopfen beim Verlassen des Kinos), so steht er durch die Beschränkung auf das Wesentliche und durch die Betonung der düsteren und gewaltgeladenen Atmosphäre immer noch weit über den meisten modernen Filmen, die mit Einsatz vieler Mittel nur ihre Ideenlosigkeit demonstrieren.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 03.02.2020 14:46 
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"Cube" habe ich nach etlichen Jahren vor ein paar Wochen noch mal gesehen und habe ihn stärker empfunden als ich ihn in Erinnerung hatte. Der ist wirklich sehr gut. Spannend und bitter.

"Assault on Precinct 13" ist einer meiner Allzeit-Klassiker und Lieblings-Carpenter. Obwohl er viele gute Filme gedreht hat, habe ich ihn nie besser erlebt als hier.

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youtu.be Video from : youtu.be


Gänsehaut!


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PostPosted: 04.02.2020 20:49 
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Pa_Nik wrote:
"Cube" [..] Spannend und bitter.

Perfekt auf den Punkt gebracht!


Pa_Nik wrote:
youtu.be Video from : youtu.be

Gänsehaut!

Vielen Dank! Das hat mir den Abend gestern wesentlich verschönert!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 06.02.2020 18:50 
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Atemlos vor Angst
Sorcerer
Mexiko/ USA 1977
Regie: William Friedkin
Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Ramon Bieri, Peter Capell, Karl John, Friedrich von Ledebur, Chico Martínez, Joe Spinell, Rosario Almontes, Richard Holley


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Scanlon ist ein irischstämmiger Mobster, der Geld von den falschen Leuten geraubt hat, und die jetzt seinen Kopf wollen. Manzon ist ein Investmentbanker, der das Geld seiner Kunden veruntreut hat, und dem nach dem Selbstmord seines Schwagers nur noch der Weg ins Gefängnis offen steht. Nilo ist ein bezahlter Killer, der nach einem Job untertauchen muss. Und Kassem ist ein arabischer Terrorist, der nach einem geglückten Sprengstoffanschlag in Israel ebenfalls alle Brücken hinter sich abbrechen sollte, so er am Leben bleiben möchte. Die vier Männer treffen in irgendeinem namenlosen Dreckskaff in Südamerika aufeinander. Schmutz. Armut. Leben am Existenzminimum. Immer die örtliche Polizei im Rücken, die sich das Wissen um den falschen Pass ordentlich bezahlen lässt. Da kommt die Chance: Es werden LKW-Fahrer gesucht, die Kisten mit Nitroglyzerin zu einer brennenden Ölquelle fahren. 218 Meilen quer durch den Dschungel. Die Belohnung für einen erfolgreichen Job ist hoch: Eine neue Identität. Dafür kann man auch was riskieren …

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LOHN DER ANGST habe ich vor unendlich vielen Jahren mal gesehen, und der teilte sich deutlich in 2 unterschiedliche Teile auf: Einen langatmigen Teil, der das Leben in dem Kaff beschrieb, und einen spannenden Teil im Dschungel. Friedkin macht diesen Fehler nicht. Bei Friedkin werden wir zuerst mal mit der Vorgeschichte der Protagonisten versehen, und rutschen dadurch gemeinsam mit ihnen in die Scheiße. Durch das Wissen um die jeweilige persönliche Situation leiden wir mit, wissen wir um die Ausweglosigkeit und die innere Verzweiflung. Das Dorf mag die Hölle sein, aber da draußen wartet nur und ausschließlich der Tod (beziehungsweise das Gefängnis). Die Erzählung hat keinen Bruch mehr wie bei Clouzot, sie fließt dahin und reißt den Zuschauer mit. Der Dreck, das Elend, alles wird hautnah und ohne Distanz geschildert. Wenn die Soldaten, welche die toten Arbeiter von der Bohrstelle zurückbringen, wenn diese Soldaten gelyncht werden, dann ist der Zuschauer (dank Handkamera) mittendrin und erlebt den Tod hautnah. Friedkin schafft das Kunststück, die trennende Leinwand zu überwinden und den Zuschauer in den Film zu ziehen. Und nicht mehr loszulassen. Die Kameraführung lässt uns die Angst und den Schmerz fühlen: Wenn die Holzbalken der Brücke unter den Reifen zerbröseln. Wenn das Hanfseil der Brücke beginnt sich aufzulösen. Oder auch nur, wenn die Polizei ein Drittel des Wochenlohns einfordert, als Gegenleistung für das Schweigen über den falschen Ausweis.

SORCERER ist intensiv. Angst- und schweißerfülltes Männerkino mit großem erzählerischem Anspruch. Ich würde den Film gerne mal im Kino sehen. Wenn der LKW auf der schwankenden Brücke direkt über die Kamera fährt, oder wenn Scanlon zu Tode erschöpft inmitten einer alptraumhaften Steinlandschaft steht und Visionen seines Lebens ihn überfluten, dann sind diese Bilder auf dem Bildschirm bereits hypnotisch. Im Kino ist die Intensität des Films wahrscheinlich kaum auszuhalten.

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Wenn irgend möglich unbedingt die US-amerikanische Version anschauen! Die deutsche Schnittfasssung, um fast 30 Minuten gekürzt, zerstört durch eine Ummontierung der Vorgeschichte den Erzählfluss, und zieht durch die eingebauten Rückblenden gerade das Ende der Odyssee unnötig in die Länge. Außerdem fehlt hier der Schluss der Rahmenhandlung um Scanlon, die nochmal den zusätzlichen Tritt in die Weichteile des Zuschauers gibt. Die US-Fassung ist erzählerisch geradezu perfekt. Es gibt keine einzige Sekunde Langeweile, keine Einstellung ist unnötig, und alles zielt nur auf den einen Punkt: Dem Zuschauer die volle Breitseite Elend um die Ohren zu hauen. LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG ist nach wie vor einer der erdrückendsten Filme die ich jemals gesehen habe. Aber gemeinsam mit NACKT UND ZERFLEISCHT kommt SORCERER gleich danach. Grandios!!

10/10

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