Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
It is currently 08.08.2020 08:41

All times are UTC + 1 hour [ DST ]




Post new topic Reply to topic  [ 412 posts ] Go to page  Previous  1 ... 10, 11, 12, 13, 14
AuthorMessage
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.04.2020 08:25 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Wild at Heart - Die Geschichte von Sailor und Lula
Wild at heart
USA 1990
Regie: David Lynch
Nicolas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, J.E. Freeman, Crispin Glover, Diane Ladd, Calvin Lockhart, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Grace Zabriskie, Sherilyn Fenn, Marvin Kaplan


Image
OFDB


Zwischen dem Leben und dem Tod spielt die Geschichte von Sailor und Lula, und ihrer Liebe, die alle Widerstände besiegt, und die stärker ist als alles Böse auf der Welt. Ein Rock ‘n‘ Roll-Märchen zwischen Glenn Miller und Powermad, zwischen Them und Chris Isaak. Rocker treffen auf die gute Fee. Die böse Hexe des Ostens reitet den Highway nach Westen. Willem Dafoe zeigt, dass er keinen Kopf hat für großkalibrige Waffen. Die Frauen sind durch die Bank alle entweder rattenscharf, dauergeil, wunderschön, böse, oder alles auf einmal. Nicolas Cage tanzt wie ein kämpfender Jean-Claude van Damme und singt eine Elvis-Schnulze in einem Metal-Club. Juana Durango wird unglaublich geil wenn sie zuschaut wie ein Mann stirbt. Mr. Reindeer lässt dicke nackte Frauen für sich tanzen. Pruitt Vince Taylor und Freddy Jones schauen in sehr skurrilen Kurzauftritten vorbei, Isabella Rossellini und John Lurie ebenfalls. Diane Ladd agiert so hemmungslos und theatralisch über, dass man sich wie zwischen einem Stummfilm und einem Schauspiel in einem Theater wähnt, und das alles ist eingebettet in einen wilden, hungrigen, erotischen, düsteren, lustigen, spannenden, absurden, irrwitzigen, liebevollen, mörderischen, herzzerreißenden Road-Trip zwischen irgendwo an der Grenze zwischen Nord- und Süd-Carolina und Big Tuna, Texas.
Image Image Image


Drei Elemente beherrschen den Film. Da sind die Liebe und das Leben, symbolisiert durch Musik, Tanz und Sex. Die Liebe zum Leben selbst und die Neugierde auf Erlebnisse. Auf der anderen Seite der Tod, der immer und überall sein hässliches(?) Haupt erhebt. Selbst mitten in der Wüste kann es noch zu einem tödlichen Autounfall kommen, und die Dämonen, vor denen Sailor und Lula flüchten, können überall und jederzeit zuschlagen und Tod und Verderben bringen. (Und es sind Dämonen, denn fast scheint es als ob sie übernatürliche Kräfte hätten. Überlebensgroß sind sie auf jeden Fall alle: Die Voodoo-Priesterin Juana Durango, der Gangsterboss Marcelles Santos, die böse Hexe Marietta … Wie klein und unschuldig doch der arme Johnnie Farragut dagegen wirkt, der kein Killer ist, und fast wie ein Engel durch die Geschichte schwebt. Kein Wunder, dass er zwischen den Mächten des Bösen zerrieben wird.) Und zwischen dem Leben und dem Tod steht als verbindendes Element das Feuer. Das Element, welches Leben und Tod gleichzeitig spenden kann, und das auch symbolisch für beide Welten stehen kann. Das Feuer zieht sich durch den Film, und zwar sowohl physisch, als auch psychisch, vor allem in Form der alles verzehrenden und niemals versiegenden Liebe zwischen Sailor und Lula.

Eine Reise in die Tiefen des Herzens. Dorthin, wo das Feuer der Leidenschaft noch so richtig brennt. Und wo die Gier nach Leben und Abenteuer noch alles andere verschlingt. Mein Gott, wie gerne würde ich den Film noch mal mit 25 Jahren sehen. Da hätte er mein Leben wahrscheinlich noch so richtig beeinflussen können. Also, klare Ansage an alle Leser unter 30: Anschauen! Mitfiebern! LEBEN!!

Image Image


9/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.04.2020 07:36 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Tatort: Die Guten und die Bösen (Petra Katharina Wagner, 2019) 6/10

Polizeiarbeit bedeutet für mich, die Guten zu beschützen, und die Bösen zu bestrafen. Und zwar ohne Ausnahme.“ Der dies sagt ist Polizist. Derjenige Polizist, der den Vergewaltiger seiner Frau gefoltert und getötet, und sich anschließend seinen Kollegen ausgeliefert hat. Jetzt möchte er selber bestraft werden. Die Bösen müssen bestraft werden, auch wenn die Guten das vielleicht nicht so sehen, und verzweifelt versuchen, für ihren geschätzten Kollegen mindestens mildernde Umstände zu suchen. Obwohl der das gar nicht will …

Ein sehr philosophischer Tatort, der da gezeigt wurde. Einer, der hochinteressante Fragen aufwarf und Stoff für Diskussionsrunden liefern kann. Und der unzähligen Erklärbär-Kritikern im Internet die Möglichkeit gibt, eigene Gedanken zu Wort zu bringen. So wie ich es tue …

Tatsächlich ein sehr philosophischer Krimi. Die Denkmodelle „Wir sind die Guten, weil wir Verbrecher jagen“ und „Das sind die Bösen, weil sie Verbrechen begehen“ kollidieren hier auf das Gemeinste. Vielleicht hätte ich gerne sogar noch einen Politiker im Film gehabt, der seinen Wahlkampfschmonzes dazugibt, um die Skurrilität und Grenzwertigkeit von Moralvorstellungen endgültig zu persiflieren. Wieso Grenzwertigkeit von Moralvorstellungen? Ist es denn nicht so, dass jemand, der einen Mord begeht, per Definition böse ist? Doch, so ist es. In den allermeisten Fällen zumindest. Aber was ist, wenn der einzige Mensch, den man so liebt wie sich selbst, wenn dieser Einzige grausam behandelt, unter Umständen getötet wird, und der Täter davon kommt – Was ist dann? Die andere Wange hinhalten? Vergebung? Ich glaube, die allermeisten Menschen würden zur Blutwurst tendieren, ganz unabhängig davon, dass die moderne Medienwelt uns diese Möglichkeit sowieso als die einzig Wahre und Glücklichmachende vorgaukelt.

Aber macht das wirklich glücklich? Wirkt Peter Lohmeyer in DIE GUTEN UND DIE BÖSEN irgendwie befreiter? Glücklicher? Sein Leben wurde von einem Dritten in eine Hölle verwandelt, und jetzt, nach der Tat, entscheidet er sich selber für ein weiteres Leben in einer anderen Hölle. Der Polizist im Gefängnis als Strafe für eine Tat, die das System, an das er fest glaubte, nicht verhindern und nicht sühnen konnte. Und die Kollegen, die „wissen“ dass sie die Guten sind, die versuchen den Bösen davor zu bewahren, zu viel Strafe auf sich zu nehmen …

Denkgebäude, in denen man sich verlaufen kann. So wie der Coach, der die Orientierung in den seelenlosen und fremden Gängen verlor, und ganz furchtbar schnell zu einem wimmernden und weinenden Haufen Elend wurde, sobald die rettenden Leitplanken verloren gingen. Meines Erachtens die zentrale Szene der Folge, denn hier wird gezeigt wie schnell wir degenerieren, wenn die Richtlinien der Zivilisation wegfallen. Wenn die selbst gesetzten Wegweiser fehlen, an denen wir uns Tag für Tag entlangtasten um das Leben irgendwie in den Griff zu bekommen und zu funktionieren. Die labyrinthischen Gänge des Polizeipräsidiums als Analogie zu Begriffen wie Recht und Ordnung, oder Recht und Gerechtigkeit, zwischen denen man ebenfalls sehr schnell die „richtige“ Richtung verlieren kann. Wenn die eigenen Worte und der eigene Kompass wegfallen, zu was werden wir dann? Was würde der Leser dieser Zeilen empfinden, wenn ein zweibeiniges Tier den Liebsten oder die Liebste des Lesers grausam an Leib und Seele verstümmelt? Würde er denken „So, und morgen ist alles wieder gut“? Würde er wie der Coach dasitzen und weinen und verzweifeln, unfähig auch nur eine weitere Entscheidung im Leben zu treffen? Oder würde er zur Waffe greifen und sich letzten Endes auf die gleiche Stufe begeben wie das zweibeinige Tier? Vom Guten zum Bösen mutieren? Der Coach jedenfalls wurde durch einen Polizisten aus dem Irrgarten gerettet. Einer, der Gutes tut. Einer der Guten.
Image Image Image


Interessant auch der Umstand, dass die allermeisten Szenen innerhalb des Polizeipräsidiums spielen, inklusive einer sehr langen und starken Plansequenz durch 2 Stockwerke, also durch mehrere Ebenen einer komplexen Welt. Sicher waren die Kommissare Janneke und Brix oft an den Fenstern gestanden und haben über die Stadt geblickt, haben quasi den Durchblick gesucht, aber das Gebäude verlassen und sich dem Leben gestellt, das haben sie in dieser Tatort-Folge eher selten. Die Scheiben geben das Spiegelbild wieder, und das „wahre“ Leben bleibt außen vor. Die Komfortzone darf bloß nicht verlassen werden. Höchstens zum Umziehen, um eine schönere und edlere äußere Hülle zu zeigen.
Und die Wahrheit, beziehungsweise der Weg dorthin, wird an die Alten übergeben und im Keller versteckt, damit bloß niemand aufgeschreckt wird. Damit die allgemeine Zufriedenheit nicht gestört wird. Ansgar Matzerath, der Mörder des Mörders, wirkt bereits durch seine Größe und seine Präsenz wie ein Störfaktor. Wie etwas Böses, was von außen in das gemütliche Leben der Guten einbricht und alles durcheinanderbringt.
Und wenn am Ende die Aussagen darüber, was sich jeder unter dem Begriff Polizeiarbeit vorstellt, vom Band laufen, dann sind Gemeinsamkeit und Miteinander aufs wunderbarste wieder hergestellt. Nur Matzerath muss auch hier das irritierende Schlusswort haben. Und sorgt dafür, dass die Denkgebäude vielleicht doch ein klein wenig gegeneinander ins Wanken geraten. Das ein klein wenig Unbehagen verbreitet wird.

Ein sehr philosophischer Krimi. Einer, der so spannende Fragen stellt wie „Hast Du schon mal jemanden so sehr geliebt wie Dich selbst?“. Oder genauso gut: „Hast Du schon mal jemanden so sehr gehasst, dass Du ihn töten wolltest?“ Eine aufregende Reise in ein (Denk)-Gebäude mit vielen Gängen und wenigen Türen. Aber leider ein wenig zu kopflastig, der Bauch wurde nicht gekitzelt. Trotzdem, auch solche Tatorte muss es geben. Und das sind dann oft auch diejenigen, an die man sich unter Umständen lange erinnert.

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.05.2020 08:49 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Mister Dynamit - Morgen küsst euch der Tod
Deutschland/Italien/Spanien/Österreich 1967
Regie: Franz Josef Gottlieb
Lex Barker, Maria Perschy, Amedeo Nazzari, José Suárez, Ullrich Haupt, Wolfgang Preiss, Ralf Wolter, Siegfried Rauch, Dieter Eppler, Eddi Arent, Brad Harris, Gustavo Rojo


Image

OFDB
Italo-Cinema


Den Amerikanern wurde eine Atombombe gestohlen, und der BND-Agent Bob Urban, genannt Mister Dynamit, kann sie wieder beschaffen. Der Bösewicht, der die USA zu einer Rückkaufsumme von einer Milliarde Dollar zwingen möchte, ist der italienische Geschäftsmann Bardo Baretti, der einen Hang zur Bosheit, zu schönen Frauen und zur elektrischen Spielzeugeisenbahn hat. Außerdem trinkt er gerne eine Flasche Zitronenlikör auf Ex und wickelt sich danach in einen Teppich …
Sei es wie es ist: Baretti hat die Bombe, und er hat einen genialen Plan, wie die Bombe, falls die Amis nicht zahlen wollen, auf Washington fallen wird. Mister Dynamit soll nun also die Kohlen aus dem Feuer holen. Dabei kreuzt er den Weg der wunderschönen Lu Forrester, die mit einem amerikanischen General und mit Baretti schläft (und natürlich auch mit Mister Dynamit!). Er kreuzt den Weg des US-Agenten Cliff, mit dem er gemeinsam unter Einsatz einer Menge Blei einen Flugplatz auf einer Insel dem Erdboden gleich machen will, und er kreuzt die Wege von Baretts Handlangern, die Jagd auf ihn machen und ihn mit allen Mitteln versuchen zu töten. Aber Bob Urban hat "Dynamit in den Fäusten und Glutamin im Hirn" …

Image Image Image


Quote:
"Ich bin Menschenkenner. Ein Mann, der so aussieht, muss einfach Reichel heißen …"


Auch wenn ich während des Anschauens, vor allem in der sprunghaften ersten Hälfte, gelegentlich mit dem Schlaf zu kämpfen hatte: Der Gesamteindruck war hinterher ein ganz ein breites Grinsen! (Auch dank der stringenteren zweiten Hälfte.) MISTER DYNAMIT ist ein hemmungslos überzogener James Bond-Klon mit der Lizenz zum Ablachen. Die Killer sind böse, der Oberschurke ist verspielt, romantisch und abgründig gleichzeitig und hat selbst für den unwahrscheinlichen Fall des Scheiterns einen genialen Plan, die Landschaftsaufnahmen sind schön, die Frauen noch viel schöner, und vor dem Helden gehen sowieso alle in die Knie. Maria Perschy wirft sich ihm wortlos und mit laszivem Lächeln an den Hals, und die Schufte sind zwar permanent in der Überzahl, gehen den Helden aber garantiert immer nur einzeln an, damit er nicht das Nachsehen hat. Dazu ein paar wunderbare Perlen deutscher Synchronkost ("Neugier verursacht chronischen Tod!") und fertig ist das einzige Actionlustspiel der Filmgeschichte mit einem BND-Agenten in der Hauptrolle. Wer sagt da spannungsarm und leblos? Sicher nicht völlig verkehrt, aber 106 Filmminuten zum Hirn ausschalten und Spaß haben sind sicher keine ganz vergeudeten Filmminuten. Und unter dem Aspekt ist das Ganze durchaus lohnenswert, einen gewissen Hang zum Eurospy vorausgesetzt.

Image Image Image


6/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 06.05.2020 17:04 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Das 7. Opfer
Das siebente Opfer
Deutschland 1964
Regie: Franz Josef Gottlieb
Hansjörg Felmy, Ann Smyrner, Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann, Helmuth Lohner, Walter Rilla, Harry Riebauer, Trude Herr, Alice Treff, Anneli Sauli, Friedrich G. Beckhaus


Image

OFDB


Das große Derby steht bevor, und auf Schloss Mant geht es drunter und drüber, soll doch der haushohe Favorit Satan das Rennen gewinnen. Doch da wird ein Jockey getötet, anschließend ein Trompeter der offensichtlich etwas über den Vorfall weiß, und danach geht es Schlag auf Schlag: Die Angehörigen der Familie Mant segnen nacheinander durch Gewalteinwirkung das Zeitliche. Nur der hochverschuldete und versnobte Gerald Mant und seine Schwester Avril Mant sind noch am Leben. Für ersteren interessiert sich auffallend der Gangster Ranova, der viel Energie daran setzt, dass Satan nicht als erster durch das Ziel geht. Und für Avril interessiert sich der mysteriöse Hausgast Mr. Brooks, seines Zeichens Tiermaler. Der mitsamt Diätassistentin angereist ist…

Image Image Image


Ich habe mehrfach gelesen, dass DAS 7. OPFER furchtbar langweilig sein soll, und habe mich auf öde anderthalb Stunden vorbereitet (also Handy und Lesebrille griffbereit gehalten). Aber Pustekuchen, der Film war gar nicht schlecht. Zwar ist die Inszenierung holprig, die Kulissen und damit die Ausstrahlung erinnern oft an Fernsehspiele der späten 60er Jahre, und die Story ist so einfach gehalten, dass allerspätestens nach der Hälfte der Laufzeit der Mörder bekannt ist (von der Rolle Hansjörg Felmys mal ganz zu schweigen, die von vornherein ausgesprochen durchsichtig angelegt ist). Aber dafür hat es auf der Habenseite einiges an gern gesehenen Schauspielern (die leider gelegentlich etwas blass bleiben), und ein ordentliches Tempo, das die müde und hakenschlagende Story geschickt in den Hintergrund drängt. Die Musik von Raimund Rosenberger (u.a. DER HENKER VON LONDON und DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE) ist zeittypisch und hübsch anzuhören, die Kamera schlägt einige wilde Kapriolen, und sollte doch mal irgendwann ein kurzer Hänger auftauchen, steht Peter Vogel bereit und haut einen Gassenhauer raus. Überhaupt musste ich einige Male heftig lachen, was zwar für einen ernsten Krimi eigentlich gar nicht geht, aber hier ist die Grundstimmung doch eher mit einem starken Augenzwinkern angelegt, was dem Gesamteindruck tatsächlich ausgesprochen gut tut.
DAS 7. OPFER ist halt eine Brauner-Produktion, und damit prinzipiell der Versuch, der starken Konkurrenz von der Rialto mit Einsatz von wenig Geld viel Kontra zu bieten. Was 1964 sicher nicht einfach war, wurden in dem Jahr in der “originalen“ Wallace-Reihe mit DER HEXER und DAS WIRTSHAUS VON DARTMOOR zwei der stärksten Beiträge der gesamten Reihe in die Kinos gebracht. Was entsprechend zur Folge hatte, dass der biedere DAS 7. OPFER nicht übermäßig erfolgreich war, und die Bryan Edgar Wallace-Reihe der CCC-Filmkunst danach eingestellt wurde. Klar, mit den genannten Produktionen kann er sich in keinster Weise messen, aber schlecht oder gar langweilig ist er deswegen noch lange nicht. Nur halt ein wenig braver …

Image Image Image


6/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.05.2020 06:42 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Address unknown
Address unknown
USA 1944
Regie: William Cameron Menzies
Paul Lukas, Carl Esmond, Peter van Eyck, Mady Christians, Morris Carnovsky, K.T. Stevens, Emory Parnell, Mary Young, Frank Faylen, Charles Halton, Erwin Kalser, Frank Reicher


Image

OFDB


Zu Beginn der dreißiger Jahre verabschiedet sich Martin Schulz in Amerika von seinem Freund Max Eisenstein. Die beiden haben in München und San Francisco einen Kunsthandel aufgezogen, und Schulz geht jetzt wieder zurück nach Deutschland. Max‘ Tochter Griselle, die eigentlich Schulz‘ Sohn Heinrich heiraten wollte, geht ebenfalls nach Europa: Sie will Schauspielerin werden, während Heinrich in Amerika bleibt und auf die Rückkehr seiner Angebeteten wartet.
Zurück im Deutschen Reich lernt Schulz den Baron von Fleischer kennen, über den er nach und nach Karriere in der aufstrebenden Partei macht. Er ist kein großes Licht im Apparat, aber einer der seine Pflicht tut. Einer von denen, die man sehr viele Jahre später dann “Mitläufer“ nennen wird. Noch steht er in regem Briefkontakt mit seinem Freund Eisenstein, bis der Baron ihm nahelegt, dies aus Gründen der Staatsräson zu unterlassen: Briefe von Juden können auch als Verrat ausgelegt werden.
Eines Abends hat Griselle, die ihren Nachnamen aus künstlerischen Gründen in Stone geändert hat, ihren großen Auftritt in einem Theater, doch der anwesende Zensor enttarnt sie als Jüdin, und der Mob will sich auf sie stürzen, das Monster zu verbrennen. Griselle kann entkommen und flüchtet zu Schulz, doch der verwehrt ihr den Schutz, weswegen sie von den uniformierten Häschern erschossen wird. Ab diesem Zeitpunkt wird Schulz‘ kleine Welt auf den Kopf gestellt: Seine Frau distanziert sich zunehmend von ihm, aber viel schlimmer sind die Briefe, die er aus San Francisco bekommt, und die ganz offensichtlich einen ihm unbekannten Code enthalten. Und von den Zensurbehörden geöffnet wurden!

Image Image Image


ADDRESS UNKOWN beginnt heiter-verspielt, als Mittelding aus einer Peinlichkeit in gebrochener amerikanischer Sprache und einem Lustspiel für die deutsche Gemeinde in den USA (allein die Aufzählung typisch deutscher Speisen wie Gänsefleisch und Königsberger Klopse erzeugt Hunger und Heimweh zugleich). Putzig, dass im prinzipiell englischsprachigen Dialog ein paar wenige deutsche Worte auftauchen – Von Immigranten schnell gesprochen, ist das etwas ganz Natürliches, was hier für viel Realismus sorgt, und im Kinosaal die Sympathie der aus dem deutschsprachigen Raum Kommenden sicher klar gemacht hat. Aber zurück in Deutschland ist das Ende der Heimeligkeit und der Gemütlichkeit schnell erreicht. Stattdessen wird eine unheimliche Spirale in das sichere Verderben in Gang gesetzt. Eine Erwähnung Adolf Hitlers in einem Münchener Lokal (laut dem damaligen Werbematerial eine exakte Nachbildung der von Hitler besuchten Kneipe), dadurch die Aufmerksamkeit eines Parteimitglieds, markige Worte die auf fruchtbaren Boden fallen: Wie vielen Menschen mag es damals ähnlich gegangen sein …? Und wie vielen Menschen im Publikum mag die Erinnerung an die eigene Verwandtschaft oder an den eigenen Freundeskreis gekommen sein, wo sich Menschen begonnen haben anders zu verhalten, fremd zu werden …?
Dank der außerordentlich gelungenen Kameraarbeit von Rudolph Maté (GILDA, DIE LADY VON SHANGHAI und unendlich vieles mehr) wird der Zuschauer in diesen Teufelskreis förmlich hineingesaugt, geht man den schrecklichen Weg von Schulz sehenden Auges mit, und kann doch nicht eingreifen. Die Charaktere stehen im Schatten, sie versuchen verzweifelt ins Licht zu kommen, aber die Silhouetten von Gitterstäben stehen dagegen. Bei der Flucht über das Land wirken sogar die Stämme der Birken wie Gitterstäbe, die Griselle festhalten wollen. Unendlich eindrucksvoll auch der Moment, wenn Griselle nach Hause kommt und Baron von Fleischer im Dunkel steht. Und dort auch für einige Dialogzeilen bleibt. Er geht nicht ins Licht und spricht seinen Text, wie es jeder vernünftige Schauspieler tun würde, sondern er bleibt für einige Zeit stehen – als Mahnmal des Schreckens, als gesichtslose Drohung aus dem Reich der Dunkelheit. Hochgradig beeindruckend!

Image


Auch der Tod von Griselle geht unter die Haut. Immerhin ist K.T. Stevens die junge, hübsche, blonde Heldin, und man erwartet eigentlich, dass sie nach einigen Querelen davon kommt. Zwar verletzt, aber heil zurück zu ihrem Heinrich. Von wegen: Schulz zieht die Tür vor ihren Augen zu, das letzte was wir von ihr sehen ist, wie Schatten über ihr Gesicht fallen, und Schulz hört hinter der Tür mit an, wie sie erschossen wird. Da braucht es keine dramatischen Bilder und keinen Todeskampf, da reichen das Bild des zerbrechenden Schulz und die Schüsse auf der Tonspur vollkommen aus, um den Zuschauer in fassungsloses Entsetzen zu stürzen. Und Schulz ebenfalls. Die Szene wird dann aber tatsächlich nochmals gesteigert, als Schulz‘ Frau die Treppe herunterkommt, erkennt was er getan hat, und er ihr während des Wütens der SA-Leute auf der anderen Seite der Türe den Mund zuhält, damit sie sich nicht verrät. Ihr Grauen über die Tat ihres Mannes ist deutlich zu spüren und ist tatsächlich einer der stärksten Momente, die ich in einem Thriller jemals gesehen habe. DVD Beaver vergleicht ADDRESS UNKOWN mit Hitchcock, und dem kann ich nur rückhaltlos zustimmen: Raymond Burr, der in DAS FENSTER ZUM HOF erkennt wer ihm auf der Spur ist, und James Stewart und den Zuschauer direkt anfunkelt und nur mit einem Blick puren, kalten Tod verspricht. Diese Art Schrecken meine ich ..

Die Schlinge um Schulz zieht sich erbarmungslos zusammen, die geheimnisvollen Briefe aus San Francisco stoßen ihn mitleidlos in das Verderben. In einen Abgrund, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Parteibüro, aus dem er in einer früheren Szene gemeinsam mit von Fleischer stolz und geadelt herausgekommen ist, verlässt er jetzt als gebrochener Mann mit hängenden Schultern und schlurfendem Schritt. Seine Frau kann für sich noch die Reißleine ziehen, aber Schulz merkt erst viel zu spät, dass der Baron nicht der Freund ist für den er ihn gehalten hat. Und die letzten Bilder des Films, die ohne Worte die tatsächliche Herkunft der Briefe erklären, sind dann auch noch mal ein Schlag in die Magengrube.

Wie mag sich ein Schauspieler fühlen, wenn er eine Rolle spielt, die seiner eigenen Vergangenheit diametral entgegensteht? Tomas Milian, dessen Vater vom Batista-Regime ermordet wurde, spielt in HAVANNA einen Folterschergen ebendieses Batista-Regimes. Was haben die Schauspieler 1944 empfunden, die zum Teil ihre Erfahrungen mit den Nazis gemacht hatten? Willy Eichberg, dessen englisches Pseudonym Carl Esmond ist, war gebürtiger Wiener, der irgendwann nicht mehr zurück in das dann bereits angeschlossene Österreich wollte. Mady Christians, die 1933 in die USA emigrierte. Die große Ilka Grüning, bei der unter anderem Inge Meysel, Lili Palmer und Brigitte Horney gelernt haben, und die 1938 Deutschland verlassen hat, hat hier eine winzige Nebenrolle als Großmama. Der Regisseur und Schauspieler Erwin Kalser, der 1933 in die Schweiz gegangen ist. Lutz Altschul, der hier als Louis V. Arco eine kleine Rolle hat, und ebenfalls 1933 fortgegangen ist. Sie alle lassen ihre eigenen Lebensläufe in ihre Figuren einfließen, was für den Zuschauer zu einem sehr intensiven Seherlebnis wird. Vor allem eben auch mit dem Wissen, dass die meisten der hier vor und hinter der Kamera versammelten Künstler aus Europa stammen. Paul Lukas, als Pál Lukács in Budapest geboren, ist neben Peter van Eyck einer der wenigen, die schon vor der Machtergreifung der Nazis in den USA gelebt und gearbeitet haben. Aber bei beiden ist deutlich zu spüren, dass eine „Was-wäre-wenn …“-Haltung gespielt und gelebt wird: Was wäre, wenn wir im Deutschen Reich geblieben wären? Paul Lukas erinnert mich in seiner Leutseligkeit oft an Siegfried Schürenberg: Jovial, vertrauensselig, bieder – Wie man sich einen Mitläufer eben so vorstellt. Einen, der zu spät erkennt, in welchem Spinnennetz er sich verfangen hat, und jetzt nicht mehr rauskommt. Einen, der aber doch klug genug ist zu erkennen, dass er unendliche Schuld auf sich geladen hat. Die Darstellung von Lukas geht in allen Szenen unter die Haut, ich hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl, einen Schauspieler bei seiner Arbeit zu betrachten …

Und neben den schauspielerischen Leistungen auch immer wieder die Kameraführung, die den Film vor dem möglichen Propagandavorwurf schützt und ihn aus der Masse heraushebt. Classic Film Freak schreibt, dass ADDRESS UNKOWN einige der feinsten Aufnahmen enthält, die jemals in Schwarzweiß gedreht wurden. Was ich uneingeschränkt unterschreibe. Allein die Inszenierung der Theateraufführung, bei der Griselle schlussendlich als Jüdin angeprangert wird, ist bei aller Plakativität ein großartiges Spiel aus Licht und Dunkelheit: Die Nonnen, die langsam und rhythmisch über die Bühne gleiten, während allmählich das Licht zuerst Griselle erfasst und dann über eine Marienstatue gleitet, bis es auf fast zärtliche Weise einen Dom aus Licht, eine Burg aus Glauben und Wärme erschafft – Eine Gänsehautszene, die dann von dem kleinen, geifernden Zensor auf eine geradezu widerliche und obszöne Weise zerstört wird.

Image Image


Dieser Zensor ist, auch wenn er nur zwei Auftritte hat, eine Symbolfigur für das gesamte Regime. Ein kleiner, widerlicher Mann, mit einem Mund aus dem nur Obszönitäten kommen (können), und der in seiner ganzen Anlage mit dem Wort hässlich beschreiben werden kann. Sein erster Auftritt im Theater erinnert gar an die komische Figur des Charly Chaplin – Der Tramp, der den Gang entlang schlendert und mit seinem Stöckchen spielt.
Image

Ein deutlicher Verweis auf DER GROSSE DIKTATOR, der sich Jahre vor dem Krieg lustig gemacht hat über das Grauen. Doch auch jetzt, so wie später beim Auftritt Griselles, wird der komische Eindruck durch eine Welle von Bosheit und Hass zerstört. Dabei fällt auf, dass der Zensor immer unten steht. Immer ist er der kleine Mann vor den hohen Herrschaften wie dem Regisseur oder der Schauspielerin. Und gleichzeitig ist er derjenige, der den Ton angibt, der Befehle absondert wie schleimiges Sekret, vor denen sich alle zu beugen haben. Selbst der Pöbel hört auf den kleinen widerlichen Mann – eine klare Beschreibung Hitlers, der den Mob fest in der Hand hat und schreckliche Befehle herausschleudert, die über Leben und Tod entscheiden. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass das Äußere des Zensors stark an die nationalsozialistischen Darstellungen der Juden im Dritten Reich erinnert, während sein Verhalten einer bürokratischen Version einer SA-Schutzstaffel entspricht. Eine Figur zum Angstmachen …

Aber eigentlich war ich ja bei der Kameraführung. Gegen Ende konzentriert sich die Geschichte komplett auf Schulz. Seine Ausweglosigkeit wird ihm immer bewusster, und fast obsessiv wartet er auf den Briefträger der ihm die codierten Briefe bringt, nur um danach in noch größere Agonie zu verfallen. Die Kamera verkleinert dabei Schulz‘ Welt zunehmend. Sein Bewegungsradius wird immer kleiner, enger und dunkler – Vom Grundstück zum Haus zum Zimmer, aus dem er am Ende nur noch durch einen kleinen Ausschnitt nach draußen sehen kann, um sein Verhängnis heranziehen zu sehen. Einen kleinen viereckigen Ausschnitt, der nicht von ungefähr an das Fenster einer Zellentür erinnert, denn nichts anderes ist sein Haus für ihn geworden als ein Gefängnis.

Image
Image

Wie Schulz Stück für Stück demontiert und ihm der Boden förmlich unter den Füßen weggezogen wird ist meisterhaft, und fast scheint es, als ob Maté Rache nehmen wollte an all den Opportunisten in Deutschland, die das Leben dort so düster und traurig gemacht haben. Doch auch das Schlussbild bringt keine Freude, ist kein Happyend. Wir erfahren wer die codierten Briefe geschrieben hat, und auch diese Person steht hinter Gittern und ist in ihrem persönlichen Unglück gefangen. Sie (die Person) hat einen anderen Menschen ins Verderben gestürzt, und wird mit dieser Schuld immer leben müssen.

In manche Szenen stehlen sich Unglück und Angst wie durch die Hintertür hinein. Wie sich schleichend das Misstrauen zwischen die Menschen zwängt, das wird zum Beispiel bei der Taufe nur durch die Blicke zwischen Schulz und seiner Frau gezeigt. Nette freundliche Worte an der Oberfläche, und diese bodenlosen Blicke voller Zweifel, Abneigung, Enttäuschung …
In anderen Szenen ist das Elend schier mit den Händen zu greifen: Nach ihrer Flucht aus dem Theater rettet sich Griselle durch eine Tür. Beim Schließen der Tür sehen wir ein großes aufgemaltes J – Griselle sucht Schutz bei Juden. Ausgerechnet. Wie sich die Tür schließt, das Licht dahinter verbirgt und die Dunkelheit über den Bildschirm resp. die Leinwand flutet, das lässt den Zuschauer in der Finsternis fast ertrinken. Kaum ist Griselle aus der Tür wieder heraus, kommt bereits ein SA-Trupp, sieht das J und klopft an die Tür. In diesen Zeiten gibt es keine Sicherheit, und schon gar nicht für die Verfemten.

Spannend, aber vielleicht wieder ein wenig plakativ, sind dann die Gegenüberstellungen der alten und düsteren Welt in Europa und der neuen, hellen und übersichtlichen Welt der USA: Schulz tigert in seinem schlossartigen und düster-labyrinthischen Haus wie in einem Karzer hin und her, ein Schnitt, und in einem hellen und freundlichen großen (!) Raum empfängt Eisenstein einen Brief seines früheren Freundes. Der Amerikaner, der mit Knautschgesicht und Bodenständigkeit die Nazi-Bürokraten in ihrem eigenen Büro in die Schranken weist, grenzt dagegen schon fast an Peinlichkeit, auch wenn er einige Zeit die Lacher des Publikums auf seiner Seite hat. Zumindest bis er das Büro Schulz‘ betritt, wo ihm das Lachen dann doch vergeht. “Kraut“ zischt er Schulz am Ende entgegen und geht ohne einen Blick zurück davon. Sehr bildhaft, aber aus heutiger Sicht eine, für das Kriegsjahr 1944, durchaus zu tolerierende Botschaft …

Image Image Image


Denn von genau solchen plakativen Bildern lebt ADDRESS UNKNOWN. Die oben beschriebene Tür mit dem J ist pures, manipulatives Kintopp. Aber die Botschaft ist klar, und mit diesen eindrücklichen Bildern hämmert sie sich auch problemlos in die Köpfe der Zuschauer: Wer solche Dinge tut ist böse böse böse. Er lebt in der Finsternis, er tut schreckliche Dinge – Er ist der Satan. Die oben angeführte Marienstatue bei der Theateraufführung wird bewusst als lichter Gegenpol zur Dunkelheit gezeigt, und das Gesicht Griselles, wenn sie die vorher verbotenen Zeilen singt, ist wie von einem inneren Licht erfüllt. Plakativ? Billig? Mag sein, aber verdammt wirkungsvoll und effektiv! Und von einem kinematografischen Gesichtspunkt ein absoluter Höhepunkt!! So wie der ganze Film …

Image


9/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 11.05.2020 11:02 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Poppea – Die Kaiserin der Gladiatoren (Guido Malatesta, 1969) 2/10

Der Aufstieg der kleinen Hure Poppea, der so übel mitgespielt wird, und die so erniedrigt wird. Von der Nutte über die Edelhure und die Schwiegertochter eines Senators bis zur Kaiserin von Rom. Jetzt kann sie sich endlich rächen! Vor allem am Konsul Claudio Valerio, der sie damals bei der Razzia im Puff so gedemütigt hat.

Image Image Image


Betont unlustiges Zeugs, das weder erotisch noch komisch noch irgendwas ist, sondern einfach nur langweilig. Schöne Kulissen, immerhin, und die deutsche Synchro haut ein paar vorsichtige Lacher in Form von Anachronismen und Zoten heraus. Gegen Ende hatte ich dann sogar mal irgendwann den Gedanken, ob das ganze im Original nicht sogar als Satire gedacht war …?
Doch Vorsicht: Gesehen wurde die Fernsehfassung, und die ist um immerhin 14 Minuten kürzer als die italienische Kinofassung, und immer noch 5 Minuten kürzer als das deutsche Video. Von daher wäre es vorstellbar, dass aufgrund sicherlich vorhandener Schauwerte die Bewertung bei einer vollständigeren Fassung sich tatsächlich nach oben bewegen könnte. Aber ob der Verfasser dieser Zeilen das jemals erleben wird ist ausgesprochen fraglich …

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 14.05.2020 06:19 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Les soirées d’un couple voyeur (Patrick Aubin, 1980) 3/10

Victor und Arianne genießen es, wenn sie sich beim Sex selbst beobachten können. Der Gedanke entsteht, dem Partner beim Sex mit einem anderen zuzuschauen, dabei zu filmen, und das Erlebte hinterher gemütlich im eigenen Wohnzimmer nochmal zu genießen. Also wird eine Kontaktanzeige geschaltet, und was man dabei nicht alles für Leute kennenlernt: Einen Kiffer namens Rocky, einen Transvestiten und seine Frau, …

Image Image Image


“Ehepaar sucht gleichgesinntes“, das war die Anzeige vor der mich meine Eltern immer gewarnt haben. Die ausgesprochen erotische Morgane und Alban Ceray machen hier genau dieses, und möchten, lange bevor das Internet solche Dinge einfacher machte, andere Menschen kennenlernen und mit ihnen vögeln. Die Idee, ein voyeuristisches Pärchen mit Einsatz vieler Spiegel abzufilmen ist klasse, und die ersten Szenen sind dadurch auch sehr spaßig. Leider wird diese Idee aber recht schnell fallengelassen zugunsten langweiliger Abfilmerei von langweiligem Sex. Zusätzlich hat Alban Ceray sichtliche Probleme mit seiner Männlichkeit (und damit folgend auch mit dem Spaß an seiner Rolle), und damit ist ziemlich schnell die Luft raus. Kein Witz, kein Esprit - Der Film rödelt vor sich hin und ist irgendwann und mittendrin einfach zu Ende. Die wilden Experimente der 70er waren vorbei, und der massenkompatible Markt der 80er war bereits zu ahnen. So bleiben Ideen wie der Dreier mit dem Transvestiten einfach ungenutzt und im grauen Einerlei stecken. Trotz Morgane und Brigitte Lahaie enttäuschend.

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 17.05.2020 07:25 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Run, Angel, Run!
Run, Angel, run!
USA 1969
Regie: Jack Starrett
William Smith, Valerie Starrett, Jeb Stuart Adams, Wally K. Berns, William Bonner, Eugene Cornelius, Lee de Broux, Earl Finn, Ann Fry, Paul Harper, Dan Kemp, Margaret Markov


Image

OFDB


Für 10.000 Dollar hat Angel seine Kumpels vom Motorradclub verraten – an eine Zeitschrift. So richtig mit Interview und Fotos und allem drum und dran. Das stößt den Brüdern natürlich böse auf und sie wollen ihm ans Leder. Zusammen mit seiner Freundin Laurie flüchtet Angel, bis er in Nordkalifornien zur Ruhe kommen kann. Auf ernsthaftes Drängen Lauries mieten sie sich ein Häuschen, und Angel nimmt eine Stelle als Farmarbeiter bei Dan an, der selber früher Motorrad gefahren ist. Und mal ganz abgesehen davon, dass Angel nach wie vor von Freiheit und Abenteuer träumt, abgesehen davon könnte alles in bester Ordnung sein. Die Rocker allerdings haben die Suche nicht aufgegeben, und auf einer Tanzveranstaltung lernen sie die Tochter von Dan kennen. Und lecken Blut, im wahrsten Sinne des Wortes …

Image Image Image


Eigentlich könnte RUN, ANGEL, RUN! richtig nett sein. So mit Rockern die einen früheren Bruder jagen, mit einer gewissen Anzahl halbnackter Mädchen, mit schweren Maschinen, und mit dem Geruch von Benzin und Freiheit in der Nase. Eigentlich. Uneigentlich ist Angel erstmal ein dämliches Schwein, das viel zu schade und vor allem zu dumm ist für die feine und opferbereite Laurie. Womit die Akzeptanz seitens des Zuschauers schon mal auf eine harte Probe gestellt wird. Die Rocker sind zwar auch keine reinen Kuschelmonster, haben aber mit ihrer unverblümten und raubeinigen Art beim Sympathiewettbewerb eher die Nase vorn. Dumm nur, dass die Typen als Bösewichter charakterisiert werden, was zumindest mir die Entscheidung, wem ich denn nun die Daumen drücken soll, ein wenig schwer gemacht hat.

Noch viel schwerer allerdings wiegt die Entscheidung des Regisseurs, mehr als die Hälfte der Laufzeit mit der Sozialisierung Angels zu füllen. Zuerst fällt der Schnäuzer (offensichtlich hat der Klebstoff nicht gehalten, der Lippenmopp hing eh ein paar mal schief durch die Gegend …), dann gibt es ehrliche und anständige Arbeit, und erst bei den Spießerklamotten, die Laurie ihm schenkt, ist dann der Ofen aus. Essen will er, etwas Ordentliches essen, und nicht so ein Scheiß wie das hier, und mit diesen männlichen Worten nimmt er das neue Kofferradio für Achtzehndollarfuffzig und schmeißt es an die Wand. „Soll ich das hier etwa essen?“
Aber ich schweife ab. Genauso, wie das Drehbuch abschweift und uns erzählt, wie aus einem Rocker ein mehr oder weniger vollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden kann: Durch ehrliche und anständige Arbeit (hatten wir das nicht schon mal?) auf einer Farm, durch kräftiges Essen und durch eine glückliche und heile Familie (nämlich die Familie von Dan, in der Angel vollauf integriert wird). Damit der Zuschauer nicht flieht oder die Grundhandlung vergisst, sieht man dann ab und zu wieder die Rocker durch die Gegend fahren, aber das Programm wird dann immer schnell wieder unterbrochen von ehrlichen und anständigen, hart arbeitenden Menschen …

Image Image


Was an ANGEL wirklich gefällt ist die Schnitttechnik, die aus dem Film mehr rausholt als eigentlich drin ist: Die Verfolgungsjagd am Bahnhof findet im Split Screen mit bis zu 4 Bildern gleichzeitig statt, und die dadurch entstehende Dynamik ist richtig … dynamisch halt. Szenenwechsel werden fast immer durch schnelle und kurze Schnitte auf die nächste Szene eingeleitet. Nutzt sich nicht ab, und macht als Spannungsmerkmal ordentlich was her. Selbst der Vorspann läuft als Split Screen. Aber mit zunehmender Laufzeit und abnehmender Freiheit Angels wird auch die Filmtechnik immer konservativer, was zwar perfekt zueinander passt, aber leider auch den Spaß etwas einschränkt.
Und trotz aller fortgeschrittener Filmtechnik gibt es dann halt auch Szenen, wo man ebenfalls ganz schnell fortschreiten möchte: Wie schafft man sich eine große Gruppe Rocker vom Hals, die hinter einem her fahren? Man erklärt einem(!) Motorrad-Cop, dass man sich belästigt fühlt, und prompt wird die Biker-Kavalkade von dem Chip sauber in Schach gehalten. Wahnsinn! Wenn das so einfach geht!! Und wer bitte schön kam auf die Idee, das Verhältnis zwischen Chrom, Benzin, Leder und Freiheit durch eine Schmuseballade von Tammy Wynette musikalisch zu untermalen …?

Bleibt als Fazit, dass ANGEL durchaus unterhält, aber der große Wurf ist das nicht. Zu viel Leerlauf, zu wenig Action, und zu viel Biedermeiertum, um ein zweites Mal im Player zu landen. Im Kino allerdings wäre der, bedingt durch die Split Screens, wahrscheinlich ein echtes Erlebnis.

Image


5/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 20.05.2020 08:54 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Wild Tales - Jeder dreht mal durch
Relatos salvajes
Argentinien / Spanien 2014
Regie: Damián Szifron
Ricardo Darín, Oscar Martínez, Leonardo Sbaraglia, Erica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg, Darío Grandinetti, María Onetto, Nancy Dupláa, Osmar Núñez, César Bordón, Diego Gentile


Image

OFDB


Sechs Episoden über den Einsatz von mehr oder weniger zielgerichteter Wut: Ein Mann, der sein Leben lang nur herumgeschubst und verachtet wurde, lotst alle Menschen, mit denen er jemals zu tun hatte, in ein Flugzeug, und lässt dieses abstürzen.
Eine Kellnerin trifft unversehens auf den Mann, der ihre Familie zerstört hat. Die Köchin rät zu Rattengift …
Ein Sprengmeister kann sich nicht damit abfinden, dass sein Auto im Parkverbot abgeschleppt wurde.
Ein reicher Mann, dessen Sohn eine schwangere Frau totgefahren hat, macht einen Deal mit dem Gärtner (als dem Sündenbock), dem Rechts- und dem Staatsanwalt. Bis alle Beteiligten zu viel verlangen, und der Mann ganz einfach die Lust verliert und seinem Sohn rät, doch bitte zu gestehen – ihn komme die Sache zu teuer.
Ein Autofahrer, der einen anderen Autofahrer übelst beschimpft und beleidigt hat, trifft in der Einöde auf ebendiesen anderen Automobilisten. Der schlimmstens auf Rache sinnt.
Und Romina findet während der Hochzeit heraus, dass ihr Mann sie nicht nur betrügt, sondern die Nebenbuhlerin auch noch zur Feier eingeladen hat …

Image Image Image


Eine sehr persönliche Kritik!

Der Kritiker sagt: Eine wunderbare Parabel über den Zustand der Welt. Szifron hält dem Zuschauer den Spiegel vor und zeigt ihm sein alltägliches, kleinbürgerliches Verhalten. Er zeigt Cholerik genauso wie unterdrückte Gefühle, Ungerechtigkeit genauso wie Hass der ein Leben lang angestaut wurde. Und er zeigt, was aus diesen Gefühlen werden kann. WILD TALES ist rabenschwarzer Humor, der uns bei der Gurgel packt und ganz fest zudrückt, während wir doch eigentlich nur unbeschwert lachen möchten. Lachen über die Menschen auf dem Bildschirm, die sich so herrlich unvernünftig und kindisch verhalten – und denen wir doch so gleichen. Der Zuschauer schwankt immer wieder zwischen ungläubigem Staunen, erschrockenem Auflachen und einem bitterem Lächeln, und muss ob des angedeuteten Realismus doch immer wieder schlucken und sein eigenes Handeln hinterfragen.

Der Maulwurf sagt: Ja, ist ja alles schon und gut und richtig, was der Kritiker da so an klugen Sachen von sich gibt. Aber mein Hauptproblem mit WILD TALES ist in erster Linie, dass ich mich in den Figuren viel zu sehr wiedererkenne, um das wirklich komisch finden zu können. Die erste Episode mit dem Flugzeug ist herrlich skurril, und die zweite mit der Kellnerin erinnert ein wenig an frühe Filme von Jim Jarmusch. Aber spätestens mit dem Autofahrer sehe ich viel zu sehr mich selbst, um das wirklich lustig zu finden. Ja, die Episode ist herrlich übertrieben, brutal, abgedreht, brutal abgedreht, … Aber für mein persönliches Empfinden zu nah an der Realität …
Der Sprengmeister ist gekonnt inszeniert, wenngleich auch etwas vorhersehbar, und die Episode mit der Hochzeit ist ein absoluter Höhepunkt böser Gesellschaftskritik. Was Romita alles anstellt um ihrem Göttergatten das Fest und das Leben zu versauen, das ist richtig gut. Die Sache mit dem Vater und dem Sohn ist vielleicht etwas unterkühlt geraten, und auch nicht wirklich komisch. Im Gegenteil, könnten diese beiden Episoden jede für sich sogar als neunzigminütige Thriller funktionieren.

Image


Alle Episoden sind kameratechnisch auf allerhöchstem Niveau! Ich habe lange keinen modernen Film mehr gesehen, der so viel Sorgfalt in seine Bildkompositionen leg, und der so intensiv mit Farben und Ausschnitten spielt. Die Kellnerin steht in der Küche: Rechts, wo der böse Mann im Restaurant sitzt, ist es blau und kalt. Links, wo die hetzerische Köchin mit dem Rattengift steht, ist die Wand rot. Höllisch rot. Leidenschaftlich rot. Auch wunderschön zu beobachten ist, dass auf dem Tisch der Köchin eigentlich nur Mordinstrumente liegen: Ein Hammer, ein Messer, … Und liebe ich die Szene, wenn das Auto des Arbeiters aus einer Staubwolke heraus zu dem Audi des Anzugträgers fährt. Ja ja, der Teufel bläst eine Schwefelwolke vor sich her, genauso wie Clint Eastwood im Showdown von FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR.

Aber die unglaublich schöne Kamera, der gute Soundtrack und das vielmals einfallsreiche Drehbuch sind halt nicht alles. Wenn es mir beim Ansehen peinlich wird wegen meines eigenen (Fehl-) Verhaltens, dann hat der Regisseur sicher sehr vieles sehr richtig gemacht. Aber ich persönlich halte da etwas Abstand. Ich mag es nicht, eigene Wunden aufzureißen …

5/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 23.05.2020 06:36 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Königin der Nacht
Cérémonie d'amour
Frankreich 1987
Regie: Walerian Borowczyk
Marina Pierro, Mathieu Carrière, Josy Bernard, Isabelle Tinard, Jacques Couderc, Guy Bonnafoux, Claudine Berg, Lucette Gill, Jennifer Ford, Sabrina Belleval, Jean-Raphael Sessa, Claude Berg


Image

OFDB


Sie hatte ihn ja gewarnt! Sie hatte ihm, dem eleganten Verführer erklärt, dass er unter Umständen andere Dinge erfahren könnte als er eigentlich wollte. Sie, die Hure, die unnahbare Königin der Liebe, und er, der mächtige Verführer, der sich als Herrscher geriert, und dabei doch nur ein armes Würstchen ist. Einer, der Frauen nur in edler Kleidung erträgt, weil er sich ihnen anders nicht zu nähern wagt. Und wo Myriam sich ihm hingibt, ihm hingeben muss, weil er es von ihr verlangt, weil er sie bindet und schändet, da wird Sarah Cent zur Rächerin der Weiblichkeit. Zur Schänderin der idiotischen Männlichkeit. Zur wahren Königin der Nacht.

Image


Sarah Cent? Die hundert Männer hatte? Oder doch eher Sarasin – Die Sarazenin, die mit scharf geschmiedeten Klingen den Körper ihres Widersachers zerreißt? Oder am Ende vielleicht Sarah Scene – Sarah, die eine Szene spielt, die eine Schauspielerin ist und ihr Publikum manipuliert wie es ihr gefällt, um es am Ende nackt und geläutert in die Nacht hinaus zu stoßen?

So oder so ist SIE diejenige, die hier den Ton angibt. Welche die ach so herrliche Männlichkeit demontiert, in Stücke reißt, und am Ende, wenn er das bisschen Identität, das ihm noch geblieben ist, in den Fluss wirft, dann auch dieses letzte Restchen vernichtet und ihn in die Hölle führen lässt. SIE ist die Königin der Nacht, die Herrscherin über sein Schicksal, wo er doch denkt, dass er etwas zu sagen hat. Mit maskuliner Schönheit beginnt der Film, wenn Mathieu Carrière, nur mit einer Hose bekleidet, in seiner bildungsbürgerlichen Wohnung sich willfährige Frauen zuführen lässt. Und mit femininer Opferung beschließt der Film, wenn Mériem ihr Leben hingibt um die vergebliche und blutende Männlichkeit endgültig in den Untergrund zu schicken.

Was dazwischen passiert ist schwer zu beschreiben. Ein Wirbelwind aus Symbolen und scheuem Sex, aus deutlicher Pornographie und eindringlicher Poesie. Marina Pierro, so schön wie ein Kerzenschein in tiefster Nacht, ist nie wirklich nackt zu sehen. Ihre Scham, ihr Fuß, eine Brustwarze, das sind die anbetungswürdigen Attribute einer wahren Königin, und mehr darf der stumme Beobachter vor dem Bildschirm nicht wagen zu sehen. Hugo darf sie berühren, doch seine Strafe ist die Verbannung aus dem Paradies (des Lebens). Im Gegensatz zu den Bildern ist die Sprache des Films unverblümt und rau, grob unanständig und direkt. Die Bilder zeigen Hingabe und Verschmelzung, Liebe im weiblichen Sinn, doch das gesprochene Wort ist eindeutig und männlich, hart und brutal.

Letzten Endes wird Hugo von der Frau, dem Lebewesen welches er bevorzugt erniedrigt, nur vorgeführt. Die Szene in der Kirche nimmt den gesamten Schluss des Filmes voraus. Das Opfer Abrahams wird erwähnt, und die Frage des Sohnes, wo denn der Hammel sei. Sie spricht die Schlüsselzeile “Der Hammel bist Du“, und sie sagt es zu ihm. Auch das Bild des heiligen Josef, der nackt an die Häscher übergeben wird, findet sich zum Schluss des Filmes wieder. Sie hatte ihn ja gewarnt, aber er war sich seiner Überlegenheit sehr sicher. Zu sicher …

Image Image


Bilder und Text ergeben eine Einheit voller Poesie und Schmerz. Voll Liebe und Tod. Mein erster Borowczyk. Und auf keinen Fall mein letzter!

7/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.05.2020 11:37 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Mordanklage gegen einen Studenten
Imputazione di omicidio per uno studente
Italien 1972
Regie: Mauro Bolognini
Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Pino Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly, Mariano Rigillo, Carlo Valli, Sergio Enria, Gino Milli


Image

OFDB


Eine Demonstration von Studenten endet in einer schrecklichen Schlacht, und übrig bleiben zwei Tote: Ein erschlagener Polizist, und ein erschossener Student. Der Untersuchungsrichter Aldo Sola wird beauftragt, die beiden Schuldigen zu finden, aber seitens der Polizei ist eigentlich klar, dass die Sache mit dem toten Studenten ein Unfall, und damit nicht wirklich relevant ist. Tragisch, aber unwichtig. Wichtig ist nur derjenige Student, der grausam und vorsätzlich den Polizisten erschlagen hat. So zumindest sieht es Kommissar Cottone, für den Studenten allesamt nur rauschgiftsüchtige Verbrecher sind …
Ein Schuldiger ist auch gleich gefunden, der Architekturstudent Massimo Trotti, der sich mit der üblichen Mischung aus Trotz und Ressentiments gegen die da oben natürlich kaum in eine bessere Lage bringen kann. Dabei weiß zumindest der Zuschauer sehr früh, wer der denn der wahre Täter ist: Es ist Fabio Sola, der Sohn des Untersuchungsrichters, der sich auch gerne stellen möchte. Aber seine Freunde raten ihm ab: Solange eine Untersuchung gegen den unschuldigen Trotti läuft, solange kann die Propagandamaschine laufen! Richter Sola hat nun drei Probleme am Hals: Er versucht zwar die Unschuld Trottis aufzuzeigen, hat aber gegen die Indizien keine wirkliche Handhabe. Er versucht, die Polizei dazu zu bewegen, wenigstens eine Liste mit Waffeninhabern eines bestimmten Kalibers zu liefern, was diese aus Selbstschutz ins Leere laufen lassen. Und er versucht die Beziehung zu seinem Sohn zu behalten, der sich zunehmend von der Familie entfremdet.

Image Image Image


MORDANKLAGE… ist ein Film, der gemeinsam mit dem kurz vorher entstandenen METELLO aus dem Oeuvre von Mauro Bolognini seltsam herausragt. Bolognini hat in seiner langen Karriere viele Filme gedreht (laut der OFDB immerhin 46 Stück), und ist dabei quer durch die Genres galoppiert, wobei es inhaltlich meistens Literaturverfilmungen, Dramen und Komödien rund um die Liebe waren. MORDANKLAGE… ist prinzipiell ebenfalls ein Drama, hat dabei aber einen, in der Gesamtbetrachtung ein wenig fremd wirkenden, aktuellen Zeitbezug, der den Film in eine Richtung laufen lässt, die falsche Erwartungen weckt, und den Zuschauer am Ende fast nur enttäuschen kann. Aber warum? „Mordanklage gegen einen Studenten“, das klingt vielverheißend, wie eine Mischung aus Polizotto und Politkrimi, wie ein Crossover aus Umberto Lenzi und Damiano Damiani, vielleicht noch mit einem guten Schuss Giallo. Was passiert hier?

Wir starten mit einer Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten, und diese Schlacht ist hochgradig dynamisch und gefühlsecht gefilmt. Bilder von geprügelten Ordnungshütern und blutig zusammenbrechenden Demonstranten wecken zu allen Zeiten Emotionen, ob nun in die eine oder in die andere Richtung, und die Bilder der eingesperrten Jugendlichen wecken zumindest heute Erinnerungen an die Vorfälle bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Genua 2001. (Die Richtung der anschließenden Ermittlungen seltsamerweise ebenfalls.) Emotionen eben.
Anschließend lernen wir den Richter Sola kennen und stellen fest, dass er eine Sympathiefigur ist. Und dass er durchaus versucht, ausgewogen zu urteilen und in beide Richtungen zu ermitteln, so man ihn denn lässt. Wir lernen auch seinen Sohn Fabio und dessen Freunde kennen. Wir lernen, dass diese Gruppe keine Kommunisten sind sondern Studenten, und damit vermutlich für die Erneuerung des Staates und gegen die Repression kämpfen, wohl aber nicht unter speziellen politischen Vorzeichen (1). Wir besuchen Kellerclubs in denen Folkmusik gemacht wird, und schlussendlich lernen wir die großbürgerliche Familie von Fabio kennen, die er allein schon deswegen ablehnt, weil sie durch und durch bourgeois ist.

Nach dem actionlastigen Auftakt läuft der Film nun also in erheblichem ruhigerem Fahrwasser, die Spannung bezieht die Geschichte auf anderen Wegen. Denn die Ermittlungen des Richters laufen nicht so richtig rund, und man merkt deutlich wie alle Gruppierungen, die an den Untersuchungen beteiligt sind, ihre Fallstricke auswerfen und den persönlichen Vorteil über die Wahrheitsfindung stellen. Was Solas Arbeit nicht gerade einfach macht.
Aber dieser, ich möchte es mal Krimianteil nennen, rutscht nach und nach immer mehr in den Hintergrund, um Platz zu machen für ein Familiendrama: Fabio nabelt sich von seinen Eltern ab, und die können gar nichts dagegen tun. Zwar versucht Vater Sola, ein Verständnis für die Jugend der Welt zu bekommen. Er stellt sich sogar mit seinem Sohn hin und diskutiert mit ihm beim Flippern, aber letzten Endes kann auch er nicht aus seiner Haut, wie die meisten Väter in dieser Situation. Was der Sohn, wie die meisten Söhne in diesem Alter, nicht akzeptieren kann.

Was dann wiederum zur Klimax zumindest des politischen Teils führt: Der Sohn gesteht dem Vater den Polizistenmord, der in Wirklichkeit nichts anderes als eine Tat im Affekt war, übergibt ihm das Tatwerkzeug, einen Schlagring, und verspricht sich zu stellen, wenn der Mörder des Studenten gefasst wurde. Sola muss also seine Ermittlungen intensivieren, allerdings wird das der Polizei, die sowieso schon über alle Maßen mauert, überhaupt nicht schmecken. Gleichzeitig gerät Sola damit in einen Konflikt: Es wird immer dieser Geruch der familiären Einflussnahme an ihm haften bleiben. Eine Ahnung von Vetternwirtschaft weht heran, und die Polizei, die sich recht undifferenziert als neo-faschistische Schlagstock-Einheit präsentiert, würde Sola mit dem allergrößten Vergnügen in der Luft zerreißen.

Eine schwierige Situation für Sola, doch ist dieser politische Krimi wie erwähnt nur die Rahmenhandlung, innerhalb derer das eigentliche Drama passiert: Das Drama, eine Familie auseinanderbrechen zu sehen. Miterleben zu müssen, wie Strukturen, die über Jahre hinweg funktioniert haben und eine sichere Heimat boten, plötzlich zerbrechen unter dem Einfluss unwägbarer Kräfte. MORDANKLAGE… ist in seiner hauptsächlichen Stoßrichtung somit nichts anderes als eine filmische Untersuchung über das schwierige Verhältnis von Eltern und Kindern in einer schwierigen Zeit.

Quote:
„Falsche Ideen machen mehr Angst als Drogen“. „Und wer sagt, welches die falschen Ideen sind?“


Der politische Teil von MORDANKLAGE… ist deutlich in den frühen 70er-Jahren zu verorten, und kann schnell einmal etwas unzeitgemäß wirken. Studenten, die mit dem Matrizenkopierer agitative Flugblätter vervielfältigen. Straßenkämpfe zwischen Linken und der Polizei. Angriffe rechter Schläger auf linke Studenten. Vieles, was in dieser Intensität vor allem in dieser Zeit stattgefunden hat und danach nicht mehr, wobei der letzte Part, die Überfälle rechter Schlägertrupps, im deutschsprachigen Raum in den 70ern eher die Ausnahme waren. Ein italienisches Phänomen, das wir spätestens in Carlo Lizzanis SAN BABILA, 20 UHR: EIN SINNLOSES VERBRECHEN aber als Alltag in den italienischen Großstädten kennengelernt haben. Aber auch wenn dieser Teil mittlerweile leider wieder aktueller geworden ist, so macht sich hier aus heutiger(!) Sicht doch ein gewisser Hang zur Nostalgie breit: Was waren wir damals nicht für tolle Hechte, in unserer autonom-revolutionären Zeit …

Der persönliche Teil des Films, das ist derjenige der innerhalb der Narration wirklich zählt. Der Konflikt zwischen dem Vater, der sich in wechselnden Zeiten eine Existenz aufgebaut hat, der eine Familie gegründet und Aufgaben übernommen hat, gegenüber dem Kind, welches das, was der Vater darstellt, grundlegend ablehnt und niederreißen möchte.

Quote:
„Was bis Du geworden?“ „Alles was Du nicht wolltest.“


Diesen Part dürften die meisten von uns kennen, und sich in Fabio vielleicht sogar wiedererkennen. Wobei nicht jeder einen Vater wie den Untersuchungsrichter Sola hat, der versucht Verständnis für die Rebellion aufzubringen und sich seine Gedanken zu den Ereignissen macht. Und der seinen Sohn so sehr liebt, dass er sogar versucht mit ihm gemeinsam zu flippern. Das dramatische Ende des Films mag vielleicht ein klein wenig übertrieben wirken, birgt aber einen Funken Hoffnung in der düsteren Stimmung eines Revolutionärs, der meint sich von seinen Eltern abwenden zu müssen: Vielleicht wird ja doch noch alles besser. Und vielleicht kommen die Generationen ja doch noch irgendwie und irgendwann zusammen. Giordano Lupo schreibt dazu: „Heute, wo politische Gründe Generationen nicht mehr trennen, weil niemand mehr an Politik glaubt, gibt es immer noch einen Abgrund, in dem Eltern und Kinder voneinander getrennt werden können. Manchmal fragen wir uns, was unser Sohn geworden ist, und wir antworten traurig: Genau das, was wir nicht wollten. Allein durch die Sichtung dieses Films ist der Zweifel entstanden, dass wir etwas falsch gemacht haben, und vielleicht sollten wir - wie Richter Sola - den Mut haben, anzuhalten und nachzudenken und zu versuchen, zu verstehen.“ (2)

Image


MORDANKLAGE… ist ein guter Film, und er ist auch heute noch ein wichtiger Film. Was MORDANKLAGE… aber definitiv nicht ist, ist ein Meisterwerk des politischen Thrillerkinos, denn dann hätte er, wie zum Beispiel Damianis ICH HABE ANGST, eine komplett andere Ausrichtung und eine andere Aussage. Ganz im Gegenteil schafft es Bolognini sogar, eine Ausgewogenheit zwischen den politischen Lagern darzustellen, und beide Seiten, sowohl die Polizei wie auch die Protestierenden, in ein gleichermaßen gutes Licht zu stellen. Jede der Gruppen hat ihre Daseinsberechtigung, und jede Gruppe hat ihre guten und ihre schlechten Beteiligten. Ein Umstand, wegen dem MORDANKLAGE… selbst in Italien keine größere Beachtung fand, da im Jahre 1972 die Extremisierung der Proteste sowie ihre gewalttätige Bekämpfung bereits in vollem Gange war. Ausgeglichenheit war nicht das Motto der Zeit.
Auch war Bolognini niemals ein politischer Filmemacher, und er ist es auch hier nicht, in dieser vermeintlichen Ausnahme zu seinem sonstigen Filmschaffen. MORDANKLAGE… ist ein sehr persönlicher Film, ein Familiendrama mit einem spannenden und politischen Aufhänger und außergewöhnlich aufspielenden Schauspielern. Gekonnt werden die beiden Pole einer (nicht nur damaligen) Jugend, nämlich Rebellion und Familie, Politik und soziales Umfeld, gegeneinander abwägt und geschickt miteinander verbunden, und dieses Spannungsfeld ist interessant und dramatisch, aber es ist, wie gesagt, eben kein reiner Polit-Thriller. Was dann allerdings auch schnell mal zu falschen Erwartungen und, daraus resultierend, zu Enttäuschungen führen kann. Vor allem, wenn man vor der deutschen Videokassette mit dem reißerischen Titel ITALIAN STREET-FIGHTERS steht, und sich in einem Actioner, irgendwo zwischen Joschka Fischer und Renato Curcio , wähnt …

(1) Da die Synchronisation der deutschen VHS bei der DEFA erstellt wurde, möchte ich mich für die inhaltliche Korrektheit dieser Aussagen nicht verbürgen! Möglicherweise ist das im Originalton auch genau andersherum …
(2) Quelle: *** The link is only visible for members, go to login. ***

6/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.05.2020 05:28 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
The One (James Wong, 2001) 6/10

Es gibt nicht nur unser Universum, sondern auch unzählige Paralleluniversen. 124 Stück, um genau zu sein. Und die Menschheit hat eine Methode entwickelt, um zwischen den Universen zu reisen (und diese Möglichkeit folgerichtig auch gleich zu verbieten). In jedem Universum existieren die gleichen Lebewesen, nur die Möglichkeiten sind unterschiedlich. Rote Haare-schwarze Haare, klug-dumm, solche Dinge halt. Gabriel Yulaw reist nun durch die Universen und tötet seine dortigen Ebenbilder, deren Kraft dann auf die verbliebenen Ebenbilder übergeht. Irgendwann wird er der Letzte sein, und damit gottgleich. Denn es kann ja bekanntlich nur einen geben …
Auf der Erde trifft Yulaw nun auf sein letztes Ebenbild, den Polizisten Gabe Law, der sich schon seit längerem wundert, warum er immer schneller und stärker wird, obwohl er doch gar nichts dafür tut. Gabe Law, unterstützt von zwei Hard-Boiled Cops von der Multiuniversen-Polizei, nimmt den Kampf gegen Yulaw auf.

Schön anzuschauende Ballerunterhaltung zum mehr oder weniger sinnvollen Zeitvertreib. Interessant ist es, wenn Jet Li mit zwei verschiedenen Kampfstilen gegen sich selber kämpft, aber mehr gibt es dazu einfach nicht zu sagen. Einfallsreich, rasant, unerheblich …

Image Image
Image Image

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.06.2020 18:51 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Mord im Orient Express
Murder on the Orient Express
Malta / USA 2017
Regie: Kenneth Branagh
Kenneth Branagh, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Josh Gad, Derek Jacobi, Leslie Odom Jr., Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Lucy Boynton, Sergei Polunin


Image

OFDB


Auf der Rückreise von Jerusalem nach London nutzt der große Meisterdetektiv Hercule Poirot ab Stambul den Orient-Express. Doch irgendwo im Bergland des Balkan bleibt der Zug im Schnee stecken und ein Mord geschieht: Ein amerikanischer Geschäftsmann, der Poirot am Vortag noch als Leibwächter engagieren wollte, wird in seinem Schlafwagenabteil erstochen aufgefunden. Bedingt durch die Position des Zuges auf einer Brücke, muss der Täter aber noch im Zug sein. Poirot beginnt zu ermitteln.

Image Image


Für einen älteren Menschen wie mich ist es sehr schwer, diesen Film, den ich jetzt mal ORIENT_2 nennen möchte, nicht mit Sidney Lumets Vorgänger von 1974, folgend ORIENT_1 genannt, zu vergleichen. ORIENT_1 punktet durch eine sehr dichte und traumhafte, um nicht zu sagen alptraumhafte, Atmosphäre, erstklassige Schauspieler, und eine große Nähe zum Originalroman von Agatha Christie. Vor allem die Rückblenden, die das dem Verbrechen zugrunde liegende Geschehen zeigen, sind extrem eindringlich geraten und haben mich schon immer zum Schaudern gebracht durch ihre Abgründigkeit und die hinter den Bildern lauernde Brutalität. Auch die Enge des Schauplatzes und die Unausweichlichkeit der Vorgänge werden hier ruhig und doch eindringlich als Spannungselemente verwendet.

Kann man ORIENT_2 nun vergleichen? Soll man das überhaupt? Eigentlich darf man es nicht, Kenneth Branagh hat einen Film erschaffen, der natürlich erstmal für sich als alleinstehendes Kunstwerk angesehen werden sollte. Aber auch Branagh muss klar gewesen sein, dass ORIENT_2 ein Remake von vielen ist, und damit ein Vergleich mit welchem der vier Vorgänger auch immer, zwangsläufig stattfinden wird. Dumm nur, dass ich die Version von 1974 wie erwähnt sehr bewundere, und mir im Vorfeld bereits klar war, dass das Remake nur abstinken kann. Wer also ORIENT_2 mag, der sollte hier vielleicht nicht mehr weiterlesen …

ORIENT_1 schwelgt durch den ausgiebigen Einsatz von Weichzeichner in einer geradezu somnambulen Stimmung. Der eingeschneite Zug, der von der Außenwelt vollständig abgeschnitten ist, symbolisiert einen ganzen Mikrokosmos, zur Gänze losgelöst von der Welt da draußen. ORIENT_2 begeht bereits einen Fehler, in dem diese Abgeschlossenheit aufgelöst, und die Klaustrophobie eines hermetisch abgeschotteten Ortes nicht eingesetzt wird. ORIENT_ 2 geht aber noch viel weiter, in dem er bereits in dieser anderen, der diesseitigen, Welt beginnt: Der Start ist eine Einführung in den Charakter Hercule Poirots, der an der Klagemauer in Jerusalem einen Kriminalfall löst. Filmisch sehr anschaulich und geschickt gelöst, zugegeben, aber mir persönlich viel zu sehr orientiert an Guy Ritchies SHERLOCK HOLMES-Verfilmung: Poirot sieht sowohl die Flucht wie auch den Fluchtweg des Täters voraus und stellt Fallen auf, die der Täter dann auf dem Fluchtweg auch prompt übersieht. Damit alle ihren Spaß haben und Poirot als Genie klassifiziert werden kann. Was er, dem literarischen Kontext folgend, auch immer war, aber nicht auf diese präkognitive Art, sondern aufgrund einer genauen Beobachtung und logischen Denkens.

Diese Vorgeschichte hat nun mit der Handlung des Films rein gar nichts zu tun und dient nur dazu, Eigenarten des belgischen Detektivs einzuführen, die in den Romanen so bislang noch nicht bekannt waren (und ich habe eine große Menge Poirot-Romane gelesen). Überhaupt gibt Kenneth Branagh dem Ermittler eine sehr literarische Note, und zwar fügt der große (und hervorragende) Shakespeare-Darsteller eine große Portion, eben, Shakespeare hinzu. Poirot hat einen Liebeskummer, er ist aufbrausend, er ist theatralisch … Alles Charakteristika, mit denen ich weder den Poirot aus den Romanen, noch den aus den Verfilmungen, etwa mit Peter Ustinov, jemals in Verbindung bringen würde. Heinrich V. als Detektiv, das Schlachtfeld von Agincourt auf verräterische Spuren untersuchend? Zu diesem, und nur zu diesem, Umstand passend sind die vollkommen überflüssigen und aufgesetzt-künstlich wirkenden Action-Szenen, die, mit gängiger Bombastmusik unterlegt, das dahindämmernde Publikum aufwecken und ihm vorgaukeln soll, dass hier gerade tatsächlich etwas Relevantes passiert.

Image


Denn in Wirklichkeit sollten in ORIENT-EXPRESS sowohl die Handlung wie auch die Action in Form von Gesprächen stattfinden: In den Verhören die geführt werden, und in den Dialogen zwischen dem Ermittler und den Verdächtigen. Unterlegt mit entsprechenden Rückblenden kann das ganze dann filmisch interessant aufbereitet werden, so dass der Zuschauer sich nicht dem seligen Schlaf hingeben kann, sondern gespannt lauschen muss, was die Charaktere zu sagen haben. Am Ende des Films, wie es bei Agatha Christie sehr häufig geschieht, werden alle Verdächtigen in einen Raum gebeten, und der Detektiv schildert den eigentlichen Vorgang des Verbrechens aus seiner Sicht, inklusive der Vorgeschichte, möglicher Motive und der schlussendlichen Entlarvung des Täters, so dass nach der letzten Seite (bzw. der Abblende) eigentlich alles klar sein sollte, und der Zuschauer vergleichen kann, ob er anhand der geschilderten Ereignisse die richtigen Rückschlüsse gezogen hat.

Nicht so hier! Hier werden die Motive im Lauf der Handlung als ausgesprochen unübersichtliches Puzzle vor dem Zuschauer ausgebreitet. Die Passstücke zwischen den Puzzleteilen sind kaum vorhanden, was dann leider dazu führt, dass man bei dem Verhör von Verdächtiger Nummer 4 die möglichen Verbindungen zu Verdächtiger Nummer 1 wieder vergessen hat. Durch das hohe Tempo des Films ist es praktisch nicht möglich, eigene Schlussfolgerungen anzustellen, weil während des eigenen Gedankengangs Informationen verpasst werden, die derweil auf dem Bildschirm hin- und herspringen. Was ich bei einem Krimi für einen eklatanten Fehler halte, denn eine Grundstrategie bei einem erfolgreichen Krimi ist es immer, den Rezipienten zum eigenen mitraten aufzufordern. Jeder Zuschauer betätigt sich beim Who-Dunnit gerne als Detektiv. Und gerade eine so komplexe Story wie ORIENT-EXPRESS braucht, damit sie beim Zuschauer verständlich ankommt, eine gewisse Zusammenfassung. Eine Zerstückelung der verschiedenen Informationsstränge zerstört die in sich geschlossene Geschichte und macht den Storyaufbau zunichte.

Und genau das ist es, was hier passiert. Während der Mordnacht darf Poirot sogar komisch sein (was dem gesamten Ambiente und der eiskalten Stimmung zutiefst widerspricht, denn die Grundhaltung auch von ORIENT_2 ist bierernst - bis ausgerechnet auf die Szenen während des Mordes), er darf einen Zweikampf auf einer verschneiten Brücke ausfechten (also außerhalb des Zuges, was der Christie’schen Grundidee einer abgeschlossenen Welt entgegensteht), er bekommt sogar eine Pistolenkugel in den Arm geschossen, und er zieht seine Schlussfolgerungen über verschiedene Stationen des Films verteilt, Was, ich erwähnte es bereits, die Zusammenhänge des Hintergrundes nur schwer nachvollziehbar macht.

Image


Im Vergleich mit der Version von 1974 (und mit dem Roman noch viel mehr) ist ORIENT_2 also eigentlich unbrauchbar. Vielleicht mag der Film als Parodie durchgehen, dafür ist er aber nicht komisch genug.
Kann ORIENT_2 denn als eigenständiger Krimi funktionieren? Ich behaupte nein. Gerade aus genau dem Grund, dass das Motiv für den Mord nur schwer verständlich transportiert wird. Dass die Funktionen der einzelnen Charaktere nicht wirklich klar werden. Und dass die Atmosphäre des Films in sich nicht stimmig ist. Der Zuschauer kann mit dem Detektiv einfach nicht Schritt halten, er kann die Gedankengänge des Ermittlers nicht nachvollziehen, und spätestens wenn Poirot auf das Bild seiner Angebeteten starrt und “Ich finde den Schlüssel nicht“ oder so etwas ähnliches vor sich hinmurmelt, dann fragt sich der krimierfahrene Zuschauer schon, wo jetzt da eigentlich die Aufklärungsarbeit sein soll. Das Mitraten entfällt zugunsten des Bestaunens eines ordentlich aufspielenden Casts und der nett gemachten CGI-Hintergründe. Was aber meines Erachtens nicht der Sinn eines Krimis sein sollte …

Nun ist dies alles aber der Blickwinkel eines alten Mannes in den fünfziger Jahren, der den Roman kennt und liebt, und der eben auch andere Verfilmungen kennt (OK, eine zumindest). Die 16-jährige Tochter hat da einen ganz anderen Blickwinkel, die bestaunt nämlich genau das, was der alte Mann teilweise ablehnt: Die tollen Effekte. Die Atmosphäre beim Teaser zu Beginn. Die Lokomotive in den verschneiten Bergen. Kenneth Branagh kam sehr gut an, und allenthalben wurden die Schauspieler und das vorherrschende Flair gelobt.

Image


Manchmal kann Filmeschauen schwierig sein – Nämlich dann, wenn man zu viel gesehen hat, und sich die Vergleiche auch dann aufdrängen, wenn man eigentlich gar nicht vergleichen mag. Und die Begeisterung der Tochter zeigt, dass zumindest der Geschmack der Moderne offensichtlich getroffen wurde. Insofern ist der ganze vorhergehende Text überflüssig, denn wenn junge Leute auf diese Art für (mehr oder weniger) klassische Stoffe begeistert werden können, dann ist auf jeden Fall irgendetwas richtig gemacht worden. Und der alte Mann sollte sich in seine Ecke zurückziehen und schmollen. Oder seinen Horizont erweitern …

3/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.06.2020 06:52 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Das Fenster zum Hof
Rear window
USA 1954
Regie: Alfred Hitchcock
James Stewart, Grace Kelly, Raymond Burr, Wendell Corey, Thelma Ritter, Judith Evelyn, Ross Bagdasarian, Georgine Darcy, Sara Berner, Frank Cady, Alfred Hitchcock, Jesslyn Fax


Image

OFDB


Wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht liegen die Fenster der Wohnungen dort, und hinter ihnen findet das Leben statt: Dort ist die einsame Frau, die Kontaktanzeigen aufgibt und Scharaden mit imaginären Männern aufführt. Da wurde gerade geheiratet, und das Liebespaar findet gar nicht mehr aus dem Bett. Hier werden Kinder erzogen. Drüben hat das kinderlose Ehepaar einen Hund als Ersatz, den es hegt und pflegt. Ein Musiker versucht zu Ruhm und Ehre zu kommen. Und genau gegenüber scheint ein Mann seine Ehefrau ermordet zu haben. Ein nicht ungefährliches Wissen für den Fotografen am Fenster …

Image Image Image


Was? 65 Jahre ist DAS FENSTER ZUM HOF jetzt alt? Nicht zu glauben. Der Film erscheint mir so frisch und flott wie gerade erst abgedreht. Die Spannung ist immens, die Schauspieler sind eine Wucht, und die Inszenierung steckt vieles von dem, was in den 65 Jahren danach gedreht wurde, in die Tasche. Selbst bei der x-ten Sichtung ist DAS FENSTER ZUM HOF immer noch ein herausragender Film. Über den bereits sehr viel Kluges geschrieben wurde. Weswegen ich hier nur ein paar unzusammenhängende Gedanken zum Besten gebe. Dinge die mir einfallen, während ich den Beobachter beobachte …

James Stewart spielt L.B. Jeffries, einen Fotografen, der nach einem Umfall mit einem gebrochenen Bein an den Rollstuhl gefesselt ist, und der in diesem entsetzlichen heißen Sommer (das Thermometer zeigt über 35° an) seiner Leidenschaft für Beobachtungen freien Raum gibt. Böswillig könnte man das natürlich auch Voyeurismus nennen. Man beachte, wie Jeffries und Stella sich ablenken lassen von dem Drama der einsamen Frau, wo doch eigentlich die höchst gefährdete Lisa beobachtet werden sollte … Auf jeden Fall schaut Jeffries in die Fenster der anderen Leute, und was er da sieht untermauert seinen Widerwillen gegen die Ehe mit der wunderschönen Lisa. Als rasender Reporter reist Jeffries normalerweise nur mit einem Koffer in der Hand durch die ganze Welt, immer auf der Suche nach einer geeigneten Story, und Lisa, die eine gutgehende Modeagentur leitet, traut er diesen Lebensstil nicht zu. Also schaut er dem Dauersex der Neuvermählten zu (bildlich gesprochen natürlich), er sieht die Kindererziehung des älteren Ehepaars – und er sieht gegenüber das tödliche Ende einer Ehe. Alles keine wirklichen Argumente für das Heiraten …

Image


Grace Kelly ist schön. Wunderschön. Engelsgleich. In ihrer ersten Szene beugt sich sie in einer Nahaufnahme zur Kamera und scheint dem Zuschauer einen Kuss geben zu wollen. Man(n) hält unweigerlich den Atem an – so viel Anmut und Liebreiz ist kaum zu fassen. Interessant, dass Grace Kelly im Rest des Films kaum Nahaufnahmen hat, sondern meistens in der Halbtotalen agiert. Als ob Hitchcock diesen ersten, göttinnengleichen, Eindruck nicht mindern wollte.

Image


Wer aber eine Nahaufnahme hat ist Raymond Burr als Lars Thorwald, der voller Mordlust direkt auf James Stewart bzw. den Zuschauer los-, und dabei direkt in die Kamera hineingeht. Das Gegenstück zu Grace Kelly, die direkte Umkehrung der Liebe und der Zärtlichkeit welche sie ausstrahlt, ist der Bildschirm dieses Mal voll mit Hass, Gewalt, und Tod. Der Höhepunkt des Films ist allerdings, wenn Lisa mit dem Ehering wedelt, und damit aussagt: “Ich werde Dich kriegen, ich liebe Dich“, während im gleichen Moment direkt neben ihr stehend Thorwald Finsternis dräut und Jeffries anschaut: “Ich werde Dich kriegen, ich töte Dich.“ Ein wahrlich schockierender Augenblick, auch 65 Jahre nach der Entstehung des Films.

Image


Eigentlich könnte so ziemlich jedes dieser Fenster einen eigenen Film bekommen. Könnte jede Geschichte, die hier nur angerissen wird, 90 Minuten mal besser und mal schlechter füllen. Das Musical: Die Karriere eines aufstrebenden Musikers. Das Drama: Die Einsamkeit einer ältlichen Frau. Die Screwball-Comedy: Die Probleme einer jungen Ehe, welche anscheinend nur aus Sex besteht. Die familientaugliche Komödie: Erziehungsprobleme einer kinderreichen Familie in einer viel zu kleinen und viel zu heißen Mietwohnung.

Doch die wahre Kunst Hitchcocks besteht darin, all diese kleinen Geschichten mit nur ganz wenigen Pinselstrichen zu skizzieren, sie gerade mal sichtbar zu machen, und dann in den Hintergrund dieses außergewöhnlichen und spannenden Films zu stecken, um diesem damit einen realistischen Background zu geben. Damit der Vordergrund umso packender wirkt.

Ein Film, der niemals altern wird, da bin ich mir sicher. Vordergründig ein hochspannender Thriller, und dabei so vollgepackt mit Ideen, Verweisen und Subplots, dass man ein halbes Leben mit der Dechiffrierung verbringen kann, ohne dass auch nur ein Quäntchen der Spannung verloren geht. Definitiv einer von Hitchcocks besten Filmen!

9/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 07.06.2020 08:42 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Devil’s nightmare (Jean Brismée, 1971) 7/10

Eine Gruppe Touristen verschlägt es durch widrige Umstände auf das Schloss des Barons von Romberg. Eigentlich könnte es dort recht nett sein: Der Butler Hans ist britisch-obskur, der Gastgeber zuvorkommend, das Essen gut, und die weitläufigen Gänge des Schlosses bieten, genauso wie das Laboratorium im Keller, jede Menge Möglichkeiten, die Gier der jeweiligen Personen ausgiebig zu befriedigen, gleich ob es die Gier nach Sex oder die Gier nach Gold ist. Allerdings ist da noch ein Gast, Lisa Müller, die nicht mit den anderen kam. Lisa Müller ist sehr aufreizend gekleidet, erscheint etwa dem jungen Seminaristen als Trugbild in seinem Zimmer, und wirkt allgemein eher wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Die Atmosphäre ist angespannt. Ein unterschwelliges Grauen zieht durch die alten Gemäuer. Ein Sukkubus soll angeblich sein Unwesen treiben. Menschen sterben …

Image Image Image


Wenn nur die Exposition nicht so elendig lang wäre. Fast eine Stunde braucht DEVIL’S NIGHTMARE um auf Touren zu kommen. Bis dahin ist die Stimmung frostig-entspannt, und die einzelnen Charaker werden gründlich vorgestellt.* Doch ab dem Zeitpunkt, ab dem der Sukkubus durch die Gänge geht, beherrscht ein wunderbares gotisches Grauen das Bild. Ein erotisch gekleideter Dämon der in alten, kerzenbeleuchteten Räumen Menschen grausam zu Tode bringt – Über Sinn oder Unsinn solcher Bilder kann man vielleicht streiten, aber ein wohliger, schwarzromantischer Schauer zieht spätestens dann durch das Gedärm des Zuschauers, wenn die junge Blonde, die aussieht wie Eva, von einer Schlange getötet wird, und die garstige Dunkelhaarige in einer Eisernen Jungfrau verschwindet.
Die Rahmenhandlung mit dem Sukkubus und dem Fluch der von Rombergs? Geschenkt! Dies ist einzig und allein Erika Blancs Film, und alle anderen sind nur Fischfutter. Erika im kleinen Schwarzen, das allein ist schon Grund genug sich den Film anzuschauen. Pelle Felsch beschreibt sie in diesem Zusammenhang als “Die Dame ist wahrhaftig die personifizierte Sünde“, und mehr gibt es dazu einfach nicht zu sagen. Ein wahrlich teuflicher Augenschmaus vor dem Herrn in einer Geschichte, die gerne etwas mehr Schmackes hätte vertragen können, aber insgesamt für ausgesprochen angenehme anderthalb Stunden sorgen kann.

*Und sie sind es auch wert: Der Mann, der hinter allen Frauen hinterher ist wie (Achtung Spoiler) der Teufel hinter den Seelen. Seine Frau, die es nach nichts als Gold gelüstet. Der Busfahrer, dessen einziger Lebensinhalt ist, sich mith Essen und Wein vollzustopfen. Die beiden jungen Mädchen, von denen die eine Männer sammelt, und die andere am liebsten faul ist. Der garstige alte Mann, der in seinem Hochmut an allem und jedem etwas rumzumeckern hat und tief fallen wird. Jeder hat so seinen persönlichen Dachschaden, und jeder darf auf eine sehr individuelle Art sterben. Interessanterweise hängen die Todesarten mit den Todsünden zusammen, begangen von den jeweiligen Charakteren …

Image Image Image

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 11.06.2020 17:44 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Interview mit einem Vampir – Aus der Chronik der Vampire (Neil Jordan, 1994) 8/10

San Francisco in der Gegenwart: Der Vampir Louis erzählt einem Journalisten, wie er 1791 zu dem wurde was er jetzt ist, und seitdem versucht, sich seine Unschuld zu bewahren. Auch wenn ihm irgendwann klar ist, dass er töten muss um zu überleben, so leidet er sehr daran, den Tod zu verbreiten. Im Grunde seines Herzens ist er Mensch geblieben, und so sucht er verzweifelt einen Ausweg aus diesem Dilemma, den ihm weder die Liebe zu der kindlichen Claudia geben kann, noch die Begegnung mit den Vampiren in den Katakomben von Paris.

Mein Gott, ist das lange her, dass ich den zuletzt gesehen habe. Und er ist praktisch überhaupt nicht gealtert. Noch immer sind die theatralisch-altertümlichen Dialoge und die romantisch-verderbten Bilder eine Symphonie des Todes. Ein Reigen aus Schmerz und Leid, eine blutige Komposition über Einsamkeit, Schuld und Verzweiflung. Mit Bildern, die aus den tiefsten Fantasien der Gothic-Szene zu kommen scheinen, und die vom Vollmond schwarzromantisch beschienen werden.

Image Image Image


Blutig hingestreckte Frauen mit ausgiebigen Dekolletés, die dekorativ vor alten Gräbern liegen. Die Opferung menschlicher Frauen vor dem Hintergrund apokalyptischer Schauspiele. Die Lust am Tod, schwülstig gefeiert zuerst vor der dekadenten Kulisse des alten New Orleans, später in den Pariser Katakomben des beginnenden Fin de Siècle. Jede Einstellung atmet gleichermaßen Lust auf Leben und Tod. Zeigt den Wunsch, dem ewigen Leid und der unendlichen Einsamkeit durch das Eintauchen in den Exzess zu entkommen. Und am Ende fährt der Ford Mustang zur Musik von Sympathy for the devil in Richtung Sonnenaufgang. Ikonisch. Beeindruckend. Überwältigend …
Und im Übrigen schaut Brad Pitt mit langen Haaren dem Meister der Mörderballade, Nick Cave, unglaublich ähnlich. Zufall?

Image Image Image

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 13.06.2020 06:34 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Orlacs Hände
Orlac's Hände
Deutschland 1924
Regie: Robert Wiene
Conrad Veidt, Alexandra Sorina, Fritz Kortner, Carmen Cartellieri, Fritz Strassny, Paul Askonas


Image

OFDB


Bei einem Unfall verliert der Konzertpianist Paul Orlac seine Hände, doch der Chirurg Dr. Serral kann dem gebrochenen Mann helfen: Er transplantiert Orlac die Hände des hingerichteten Mörders Vasseur. Orlac kann die Virtuosität seines Klavierspiels nicht mehr erreichen, stattdessen hat er Alpträume und hasst seine Hände. Als Orlacs Vater ermordet wird, finden sich die Fingerabdrücke Vasseurs auf der Tatwaffe – und Orlac muss erfahren, das Vasseur noch lebt. Ohne Hände …

Ein faszinierendes Sujet: Ein Pianist, der die Hände eines Mörders anoperiert bekommt, und fortan die Psychose entwickelt, kraft seiner Hände ein Mörder zu sein. Gänzlich in den Wahnsinn führt dieser Gedanke spätestens dann, wenn uns der guillotinierte und wiederauferstandene Mörder begegnet: Ein Experiment, genauso wie bei den Händen, und die Narbe am Hals ist klar und deutlich zu sehen. Orlac, der dem Mann mit den künstlichen Händen begegnet, steht in diesem Augenblick kurz vor dem Durchdrehen, und dem Zuschauer geht es im ersten Augenblick nicht anders. Sitzen sich in diesem düsteren Kellerloch doch zwei vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe, ja sogar Welten gegenüber: Hier der feinsinnige und liebende Künstler, dort der brutale und verbrecherische Gangster (mein erster Eindruck von Fritz Kortners Vasseur war, dass er aussieht wie Al Capone). Hier das traumatisierte Opfer das sich als Täter wähnt, dort der erpresserische Täter der sich als Opfer geriert. Und außenrum, so wie der Seele der beiden Personen, nur Schwärze …

Image Image Image


Überhaupt, diese Schwärze. Eine Welt voller Düsternis und Schatten, voller Enge und Ausweglosigkeit. Um die Verzweiflung seiner Figuren zu zeigen, wählt Robert Wiene zwei Mittel: Zum einen arbeitet er mit kompletten Räumen als Kulisse, das heißt die Wände und die Decken sind vollständig zu sehen und erzeugen damit ein Gefühl der Enge. Eine Klaustrophobie, die den eingesperrten und eingezwängten Geist Orlacs auf das Treffendste charakterisiert. Diese Räume sind aber oft fast völlig leer. Wiene platziert nun seine Personen meistens nicht in der Mitte sondern am Bildrand. Der Effekt ist umwerfend: Die Leere der Charaktere, ihre innere Zerrissenheit und das Chaos ihres Gefühlslebens werden deutlich spürbar, werden durch die Bildkomposition erfahrbar - Wir begleiten Orlac hautnah auf seinem Weg in den Wahnsinn.

Image Image Image


Wobei, was heißt hier Wahnsinn? Bereits sehr früh ist klar, dass Orlac unter etwas leidet, was man heute eine Psychose nennen würde: Der gefeierte Klavierspieler kann sich mit seinen fremden Händen nicht abfinden (was ich mir zugegegeben auch fast unmöglich vorstelle), worunter sein Klavierspiel leidet. Er kann nicht mehr arbeiten, und die Familie rutscht allmählich ab ins Elend. Heutzutage würde dem Mann von Beginn an eine psychologische Betreuung zur Seite gestellt werden (und in der folgenden filmischen Darstellung würde der Psychiater dann Orlac einreden, das dies die Hände eines Mörders usw.), aber so etwas gab es in der damaligen Zeit halt noch nicht. So wie nach dem ersten Weltkrieg die Überlebenden mit ihren Ängsten, Traumata und Schmerzen alleine gelassen wurde, so wird auch Orlac alleine gelassen, und die geliebte Frau kann ihm, dem sensiblen Feingeist, einfach nicht den Halt geben den er benötigen würde. Somit ist ORLAC’S HÄNDE nicht nur ein spätexpressionistischer Horrorfilm, sondern auch als Drama zu verstehen: Was passiert mit einem Mann, der einen schrecklichen körperlichen Verlust erleidet, und in dieser Situation alleine gelassen wird? En Schicksal, das damals sehr viele Menschen erlitten, viele der Zuschauer persönlich nachfühlen konnten …

Nichtsdestotrotz ist der Film natürlich in erster Linie immer noch ein Horrorfilm mit starkem Krimieinschlag. Oder umgekehrt. Es geht um den Mord an Orlacs Vater, und um eine Erpressung, denn immerhin sind am Messer die Fingerabdrücke von Orlac. Verzeihung: Die Fingerabdrücke von Vasseur, dessen Hände Orlac hat. Was aber nur sehr wenige Menschen wissen. Dieser Horror/Krimi-Crossover ist so finster wie die Nacht, und er ist ausgesprochen eindringlich. OK, die Schauspieler agieren so theatralisch wie nur irgend möglich, aber das war der Stil der Zeit, auch wenn es heute ein mitunter schwer fällt dieses Overacting ernst zu nehmen. Aber die neo-klassische Musik, die kargen und düsteren Kulissen, diese desolate und trostlose Atmosphäre, das alles hat eine ganz enorme Sogwirkung mit Endstation Verzweiflung. Sehr sehenswert!

7/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Last edited by Schmutziger_Maulwurf on 23.06.2020 21:52, edited 2 times in total.

Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 23.06.2020 21:50 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Alice, sweet Alice (Alfred Sole, 1976) 6/10

Alice ist 12 Jahre alt, unbeliebt, verkannt, und wird von Mutter Catherine, Tante Annie und Schwester Karen einfach nur wie Dreck behandelt. Vom fetten Hausvermieter wird Alice begrapscht, und irgendwie glaubt ihr keiner, dass sie eigentlich auch ganz nett sein könnte. Doch, einer glaubt es: Ihr Vater. Aber der ist längst mit einer anderen Frau verheiratet und lebt sonstwo … Klingt erstmal nach einem ganz normalen Teenager-Dasein während der Pubertät: Alle nörgeln an einem rum, keinem kann man es recht machen, und egal ob man links rum oder rechts rum geht, es ist immer verkehrt. Alice ist, mit Verlaub, der Arsch vom Dienst. Bei ihrer Kommunion wird Karen grausam ermordet und alle fragen sich wo Alice während der Tat war. Als dann auch noch nach einem Streit ein Angriff mit einem Messer auf die verhasste Tante Annie geschieht, und Annie sicher ist dass nur eine die Täterin gewesen sein kann, wird Alice in die Kinderpsychiatrie gesteckt. Der Mann am Lügendetektor will sie überführen, der Polizist will sie einsperren, die Tante will sie im Gefängnis sehen, und alle hacken auf Alice rum. Nur einer nicht: Der Vater! Der kommt extra aus Sonstwohausen und verspricht, erst wieder abzureisen, wenn er den Täter gefunden hat. Er hat die Nichte Angie im Verdacht, das kleine dicke Kind der Tante, die seit dem Mord verschwunden ist, und als Angie eines Tages anruft und um Hilfe fleht, springt der gute Mann sofort in sein Auto und will sie retten. Mächtig böser Fehler …

Image


Wenn das kein US-amerikanischer, sondern ein italienischer Film wäre, dann wäre die Klassifizierung leicht. Dann nämlich wäre klar, dass es sich bei ALICE um einen Giallo handelt: Die gestörten und unsympathischen Charaktere. Die deutliche Kritik an der Kirche und an den sozialen Verhältnissen. Der Whodunnit-Plot, der zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt aufgelöst wird und mit einem Perspektivwechsel in der Geschichte einhergeht. Die schwachen Cops, die entweder rumäffen oder gleich völlig falsche Entscheidungen treffen … Fehlen eigentlich nur Nuditäten und eine eingängige Musik, dann wäre der Euro-Genrekracher aus der zweiten Reihe fertig.

So aber wird mir ALICE, SWEET ALICE vor allem als der Film in Erinnerung bleiben, in dem ganz viele garstige und unausstehliche Frauen zu sehen sind, und alle entsetzlich viel durch die Gegend schreien. Vor allem die garstigen und unausstehlichen Frauen. Ganz ehrlich, nachdem Karen tot ist konnte ich erstmal etwas durchschnaufen. Was für ein widerliches Gör!
Dann diese schreckliche Tante. Auch hier eine Wohltat, als die Frau im Krankenhaus, und damit weitgehend aus der Geschichte verschwindet. ALICE, SWEET ALICE ist prinzipiell kein schlechter Film, aber bei den Charakteren sind solche Arschgeigen dabei, dass einem der Film durchaus verleidet werden kann.

Positiv dagegen der Umstand, dass nach 70 Minuten die Perspektive auf den Mörder wechselt! Die Demaskierung erfolgt sehr unvermittelt, und anschließend bleiben wir auch beim Mörder. Ein erstklassiger erzählerischer Trick, den Alberto De Martino ein paar Jahre später in DAS HAUS DER VERFLUCHTEN kopierte, und einen ähnlich starken Effekt erzielte. Wir lernen die Motive und die Vorgeschichte des Mörders zumindest ansatzweise kennen, während die andern Personen allmählich in den Hintergrund treten. Zusammen mit der miefig-bürgerlichen Atmosphäre (der Film spielt in einer kleinen amerikanischen Stadt im Jahr 1961) und den erstklassigen Schauspielern (Paula E. Sheppard als Alice ist eine Wucht! Genauso wie Mildred Clinton als Mrs. Tedoni, die Haushälterin des Priesters) wird die Zeit überhaupt nicht lang, und der Film zieht mehr in seinen Bann, als man es eigentlich wahr haben wollte.

Image Image Image


Vielleicht ist ALICE, SWEET ALICE ja auch gar kein Slasher, und schon gar kein Horrorfilm, auch wenn er im ersten Drittel Ansätze eines solchen hat. Vielleicht ist der Film viel mehr ein Drama, das mit großem Ernst aus einer Zeit erzählt, in der noch vieles von der Kirche geregelt wurde. Vor allem Dinge wie Erziehung und zwischenmenschliche Beziehungen unterlagen damals in der Regel der Obhut des örtlichen Pfaffen, der seinen Job auch durchaus ernstnahm. So ernst, dass der fette pädophile Hausbesitzer überhaupt nicht auffällt. Dass ein (geistig) eingesperrtes und freiheitsliebend-pubertierendes Kind in die Psychiatrie kommt. Und dass das, was dann folgerichtig aus der Familie der Kirche und der Glaubensgemeinschaft selber sprießt, dass dies dann nur noch krank ist, dass wiederum verwundert dann auch nicht mehr. Der Regisseur Alfred Sole wurde in Paterson, New Jersey, geboren, und in Paterson wurde auch ALICE, SWEET ALICE gedreht. Und nun stelle ich mal die Frage in den Raum, ob da nicht unter Umständen autobiographische Züge zu erkennen sind? Ob da nicht vielleicht jemand versucht hat, sich seine Dämonen von der Seele zu arbeiten? Unter diesem möglichen Gesichtspunkt nämlich ergeben so einige Charaktere und ihre Schicksale Sinn …

ALICE, SWEET ALICE hätte ich gerne von jemandem wie Lucio Fulci gedreht gesehen. Mit eindringlichen Bildern, mit dieser Leichtigkeit, welche die italienischen Filmemacher vor allem in den 60ern und 70ern so gut hinbekommen haben, und die so gekonnt von heftigen Gewalteruptionen konterkariert wird. Dazu eine gute Portion Kritik an den herrschenden Umständen, und ein Terrorklassiker mehr hätte das Licht des Projektors erblickt. ALICE, SWEET ALICE ist aber nicht von Lucio Fulci sondern von Alfred Sole, und also, als Drama mit leichtem Terror-Einschlag, durchaus sehenswert. Zumindest dieses. Wenn da nur dieses Gekreische und Gezicke nicht wäre …

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.06.2020 17:19 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Der Foltergarten des Dr. Diabolo (Freddie Francis, 1967) 6/10

In einem Gruselkabinett auf einem Jahrmarkt dürfen zahlende Besucher einen Blick in die Abgründe ihrer Seelen werfen und lernen. Ein habgieriger Erbe muss lernen, dass der reiche Erbonkel seinen Reichtum nicht allein durch harte Arbeit erwirtschaftet hat. Eine ehrgeizige Schauspielerin muss lernen, was es kostet, zu den zehn berühmtesten Schauspielern der Welt zu gehören. Eine Journalistin lernt, dass Musikinstrumente mehr als nur die Zeit ihrer Besitzer in Beschlag nehmen. Und ein Sammler von Edgar Allan Poe-Memorabilia muss lernen, dass man es mit dem Sammelwahn auch übertreiben kann.

Image Image Image


Sehr schöne Gruselepisoden aus der Amicus-Schmiede. Eine vernünftige Mischung aus herkömmlichem gotischem Grusel und modernen Abstrusitäten. Ein Blick in die Seelen der Menschen und ihrer Besitzer. Unmodernes Gruselkino wie es gerne sein darf. Nichts für moderne Crash-Boom-Bang-Afficionados, sondern etwas für Zuschauer, denen ironisch erzählte Geschichten mit bösem Ende wichtiger sind als die dafür verwendeten, oft nicht so aufregenden, Spezialeffekte.

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.07.2020 22:15 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
The weekend murders (Michele Lupo, 1972) 7/10

Nach dem Tod des alten Sir Henry kommt die Familie auf dem Stammschloss zusammen, das Erbe anzutreten. Es geht um Grundbesitz und jede Menge Geld. Doch weit gefehlt: Der Polizist des nahegelegenen Dorfes, Sergeant Aloisius Thorpe, bekommt 200 Pflanzen, und die Nichte Barbara den gesamten Rest – Alle anderen Erben gehen leer aus! Allerdings gäbe es da noch die Möglichkeit, dass, wenn der Haupterbe ausfällt, beispielsweise durch plötzlichen Tod, das Vermögen auf die anderen Erben aufgeteilt wird. Eine unheimliche Mordserie beginnt auf Schloss Carter.

Image Image Image

Dieser Film ist von Grund auf britisch. Er ist so dermaßen britisch, dass diese Besprechung zu lesen ist mit der Stimme und Betonung von Chris Howland, damit es klingt etwa wie Vetter Teefax in ASTERIX BEI DEN BRITEN.

Denn prinzipiell THE WEEKEND MURDERS ist ein Film, der scheint so urenglisch wie ein Butler auf einem ländlichen Herrensitz. Oder schwarzer Humor. Oder Agatha Christie. Und gerade die letztere ist gewesen eindeutig Pate für diesen Film, denn neben einigen sehr aristokratischen Morden hier haben wir ein herrschaftliches Anwesen, eine große Familie die sich kann leidenschaftlich lieben und hassen, einen sehr würdevollen Butler, und vor allem wir haben eine stattliche Menge sehr britischen Humors. Abgesehen vom letzten Zutaten also, die vorkamen bei Agatha Christie durchaus des Öfteren, und die heute gelten als Charakteristika typisch britischer Krimis von traditioneller Machart.

Aber ernsthaft, eigentlich die Story um das große Aufräumen unter den Nicht-Erben ist nebensächlich. Die einzelnen Charaktere sind unterscheidbar durchaus, aber viel zu wenig differenziert um wirklich zu wecken Interesse. Dafür zuständig nämlich, und das ist es was ausmacht WEEKEND MURDERS, ist das unglaubliche und großartige Team Gastone Moschin und Lance Percival spielen Sergeant Thorpe und Superintendent Grey. Wie kriminalistische Laurel & Hardy, wie Jane Marple und Mr. Stringer, die beiden versuchen, den Fall zu lösen mit- und gegeneinander. Dabei der Superintendent natürlich ist im Vorteil, ist er doch von Scotland Yard! Was bedeutet er ist klug. Er ist erfahren. Und unglaublich hochnäsig … Hingegen Thorpe zwar noch nie ist in einem Auto mitgefahren das hat Polizeifunk, dafür er aber hat den Riecher eines Sherlock Holmes, wenn es darum geht aufzudecken ungeahnte Zusammenhänge. Allerdings er auch hat den Blick eines leicht alkoholisierten Dackels, weswegen er schwerstens unterschätzt wird von allen Anwesenden. Und wer kennt Gastone Moschin als harten Gangster (MILANO KALIBER 9) in erster Linie kann staunen, was für ein hochgradig komisches Talent dieser Mann hatte.

Unbedingte Empfehlung für alle Liebhaber von Großbritannien, Krimis und Gastone Moschin!

Image

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 13.07.2020 06:42 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
Body Snatch - Schatten der Vergangenheit
Corps à corps
Frankreich 2003
Regie: François Hanss
Emmanuelle Seigner, Philippe Torreton, Clément Brilland, Vittoria Scognamiglio, Yolande Moreau, Marc Duret, Maurice Lamy, Lucien Jérôme, Christian Pereira, Eloïse Beaune, Tony Gaultier


Image

OFDB


Laura, die erfolgreiche Stripperin in der Kaschemme am Hafen, hört auf. Setzt sich zur Ruhe. Wird bürgerlich. Sie nimmt das Angebot eines vermögenden Kunden an, ihn zu heiraten. Recht hat sie! Aber auf der Heimfahrt von ihrem letzten Auftritt hat sie einen schweren Autounfall und liegt lange im Koma. Als sie wieder aufwacht ist ihr Mann da. Marco hegt und pflegt sie, umsorgt sie, und kümmert sich um seine von den Toten auferstandene, geliebte Perle. 6 Jahre später haben die beiden einen wunderbaren Sohn, Jeannot. Aber Jeannot ist ein klein wenig … sagen wir mal weiblicher als die anderen Jungs in seinem Alter, und als Laura dem nachgeht stellt sie fest, dass ihr Mann über sein Leben nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Und über ihre eigene Vergangenheit wohl auch nicht – Da gibt es gewisse Unterschiede zwischen ihrer Erinnerung und seiner Erzählung, gerade in Bezug auf den Unfall und das lange Koma. Offensichtlich hatte Marco wohl schon einmal eine Frau und ein kleines Kind. Die durch einen Autounfall ins Koma gefallen sind. Und danach spurlos verschwanden …

Image Image Image


Mal wieder so ein faszinierender Fall von grassierender Interneteritis: Viele schlechte Kritiken im Internet, so von wegen langsam und langatmig und nichts los. Frank Trebbin vergibt zwei Sterne und langweilt sich etwas. Alle konzentrieren sich auf die Möpse von Emmanuelle Seigner, und keiner schaut sich den Film an. Zumindest scheint es so, denn: Das Teil ist tatsächlich gut! Eine ordentlich (= gründlich) aufgebaute Geschichte, die zunehmend zu einem Alptraum wird, und in einen zugegeben nicht ganz perfekten, aber dafür stimmigen Showdown mündet. Dazu erstklassige Schauspieler, eine schleichend vergiftete Atmosphäre, und einige echte Höhepunkte: Die Szene auf der Polizeistation, wenn Laura sich auszieht damit man ihrer Geschichte Glauben schenkt ist ganz ganz heftig, und folgerichtig lodert im Hintergrund dieses Abgrunds sogar das Höllenfeuer persönlich.

Mag sein, dass man da noch mehr hätte rausholen können. Mag auch sein, dass AUGEN OHNE GESICHT ein unerreichbarer Klassiker ist, der so stilbildend war, dass man dieses Thema nie wieder erzählen darf [/ironie]. Tatsache ist, dass CORPS À CORPS (und dieser Originaltitel passt auf die Handlung wie Gänse auf Haut) ein gut erzählter, spannender, feiner Thriller ist, der höchstens unter der beliebten Krankheit leidet, 5 Minuten zu lang zu sein. Wer die Story von Alfred Hitchcocks VERDACHT mag, der wird hier nicht völlig verkehrt liegen. Und wer mit Almodóvars DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE etwas anfangen konnte, der darf hier ohne Bedenken zugreifen. Mehr Spoiler gibt es jetzt aber nicht.

Image


7/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.07.2020 22:44 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 2000
Location: Das finstere Tal
Gender: Male
The bloodsucker leads the dance
La sanguisuga conduce la danza
Italien 1975
Regie: Alfredo Rizzo
Femi Benussi, Giacomo Rossi Stuart, Krista Nell, Patrizia Webley, Luciano Pigozzi, Mario De Rosa, Barbara Marzano, Caterina Chiani, Lidia Olizzi, Susette Nadalutti, Pier Paola Succi, Leo Valeriano


Image

OFDB

Italo-Cinema


Lord Marnac lädt eine Gruppe Schauspieler auf sein, auf einer Insel gelegenes, Schloss ein. Die eine Schauspielerin, Evelyn, sieht seiner verschwundenen Frau ausgesprochen ähnlich, und da er von der Sohle bis zum Scheitel ein Gentleman ist, dürfen alle ihre Freundinnen sowie das Faktotum der Truppe ebenfalls mit. Zuerst vergnügt man sich, sehr zum Missfallen des reaktionären Personals, ein wenig, Mädels mit Jungens, Mädels mit Mädels, doch eines Morgens wird plötzlich der Kopf der nymphomanen Cora gefunden. Und dies war beileibe nicht der letzte Mord. Hat der Fluch der Marnacs wieder zugeschlagen, der immer die Frauen der männlichen Nachkommen als Opfer fordert? Ist der unheimliche Hausdiener Gregory vielleicht genau das Monster, für den ihn alle halten? Oder lebt am Ende der Butler Jeffrey seine puritanischen Rachegefühle aus? Fakt ist: Ein Mörder geht um, Frauen verlieren ihre Köpfe, und die Insel ist durch einen Sturm von der Außenwelt abgeschnitten …

Image Image Image


Fakt ist auch, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie ich diesen Film einordnen soll. Ein Softcore-Streifen ohne Erotik? Ein Krimi ohne Spannung? Ein Grusler ohne Grusel? Was zur Frage führt: Was hat dieser Film denn überhaupt?

BLOODSUCKER schafft es, nicht nur an jeglicher Erwartungshaltung fröhlich vorbeizuschrammen, sondern er weigert sich auch noch, diese dadurch entstandene Leere mit irgendwas zu füllen. Theoretisch könnte man, so wie Roberto Curti, den Film als Giallo ansehen. Allerdings finden alle Morde im Off statt, und die Eleganz eines italienischen Krimis selbst der Mitt-70er geht ihm vollkommen ab. Spannend ist in dem Zusammenhang, dass der Kommissar erstens auftaucht wie das Teufelchen aus der Kiste, zweitens Fragen stellt die nahe legen, dass er sich schon mindestens wochenlang mit dem mysteriösen Fall beschäftigt hat, und drittens so genau weiß wie er den Mörder entlarven kann, als ob er das Drehbuch gelesen hätte. Diese ganze Agatha Christie-artige Schlussentlarvung wirkt allerdings ziemlich deplatziert. Zu dem Rest Film irgendwie nicht ganz zugehörig …? Der weitaus größere Teil von BLOODSUCKER ist halt in erster Linie Ringelpiez mit Anfassen auf und um eine Burg herum, jede Menge Gespräche, und die paar herumliegenden Leichen sorgen zwar für stiere Blicke, fallen aber nicht wirklich ins Gewicht. Doch urplötzlich steht der Kommissar da, stellt Fragen und sucht einen Mörder? Der Fairness halber muss ich zugegeben, dass trotz des überschaubaren Casts eine gewisse Grundüberraschung bei der Mörderwahl durchaus gegeben ist, auch wenn das ganze in Bezug auf die Glaubwürdigkeit ein wenig an Cluedo erinnert: Wer ist der Mörder des Tages?

Man könnte das Teil auch als Gruselfilm ansehen. In dem Fall allerdings fehlen die meisten klassischen Gruselzutaten, und die Kombination aus Gewitter, Schloss und toter Frau reicht noch nicht so ganz. Fußspuren? Christlich-eifernder Butler? Nee, langt immer noch nicht. Ein armer Teufel, der durch den Regen schlurchen muss, und der als Unhold zu dienen hat alleine deswegen, weil ihn alle so bezeichnen? Könnte helfen, aber da hätte es durchaus etwas mehr Anstrengung in Bezug auf Stimmung und Narration gebraucht. Nein, Grusler ist das beim besten Willen keiner!

Aber vielleicht geht BLOODSUCKER als Erotikstreifen durch? Patrizia Webley, Femi Benussi, Krista Nell – Da kommt doch einiges an Kompetenz in Bezug auf die Darstellung nackter Tatsachen zusammen. Patrizia Webley, die mit diesem Film ihre Karriere so ziemlich begann, ist noch nicht so zeigefreudig wie später in Krachern wie MALABIMBA – KOMM UND MACH’S MIT MIR oder PLAY MOTEL. Jenseits der kurzen Oben ohne-Szenen gibt es nur noch die HC-Inserts der französischen Version, und das war’s. MALABIMBA geht da zum Beispiel erheblich deftiger zur Sache. Femi Benussi ist fast den gesamten Film über hochgeschlossen gekleidet, bis auf eine kurze Vergewaltigungsszene mit Luciano Pigozzi (Schauspielerinnen haben es wahrlich nicht immer leicht), und Krista Nell, die mit diesem Film ihre Karriere beendete und kurz nach den Dreharbeiten an Leukämie starb, steuert die Erotik in erster Linie über den Ausschnitt ihres Kleides und ihre tolle Ausstrahlung. Beides zugegeben verdammt sexy!

Image


Trotzdem, dreimal der Versuch den Film einzuordnen, dreimal daneben gegriffen. Vielleicht könnte man sich auf Erotik-Krimi einigen? Nun ja, jenseits von BASIC INSTINCT gibt es eine ungeheure Menge Filme, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen. BLOODSUCKER gehört definitiv nicht dazu. Was ja nicht weiter tragisch wäre, wenn BLOODSUCKER denn wenigstens aufregend wäre. Oder, wie der Titel suggeriert, etwas mit Vampiren zu tun hätte. “Der Blutsauger führt den Tanz an“, was hätte ein Sergio Bergonzelli aus diesem Titel alles herausholen können … Aber auch hier Fehlanzeige: Die Handlung ist eine klassische Krimihandlung ohne besondere Fisimatenten, und die Inszenierung ist ausgesprochen langweilig. Alfredo Rizzo mag ich als Schauspieler sehr gerne - Er gab irgendwie immer so den Knuffel vom Dienst, wie zum Beispiel den Manager der Bauchtanztruppe in DAS UNGEHEUER AUF SCHLOSS BANTRY, und wirkte in diesen Rollen sehr sympathisch. Aber als Regisseur scheint er nicht die Wucht gewesen zu sein. Vier Filme listet die OFDB von ihm, CARNALITÀ von 1974 habe ich mir mal organisiert, und werde zu gegebener Zeit Bericht erstatten.

A propos UNGEHEUER AUF SCHLOSS BANTRY: Welch hübscher Vergleich, geht es doch in beiden Filmen darum, dass eine Gruppe von (leichtlebigen) Künstlerinnen auf einem Schloss einkehrt und dort ihrer Nemesis begegnet. Renato Polsellis DIE GELIEBTE DES VAMPIRS geht auch so in diese Richtung. Aber während die beiden alten Schwarzweiß-Schinken mit Stimmung und Atmosphäre punkten, mit richtigen Charakteren und einer spannenden und abwechslungsreichen Handlung, ist bei BLOODSUCKER, man ahnt es wahrscheinlich bereits, nichts. Gedreht wurde unter anderem auf Schloss Balsorano, aber aus dieser tollen Location wurde sehr wenig herausgeholt. Die Szenen sind oft viel zu hell ausgeleuchtet, die Settings nicht aufeinander abgestimmt, die im Hintergrund trällernde Musik weist alles, was jemals in den 80ern in Pornos lief, auf die Ränge, und erzeugt insgesamt eine nüchtern-lustlose Stimmung, ähnlich wie in Bruno Gaburros DAS GASTHAUS ZUR WOLLUST. Wenn ich da an den bereits genannten MALABIMBA denke, oder an SEXORGIEN IM SATANSSCHLOSS, da geht mir doch das Herz in der Hose auf. Hier hingegen … Nun ja, die Worte spröde oder blutarm dürften es recht gut reffen.

Image Image Image


Ein Wort noch zu den vorhandenen Fassungen: Bei der Erstveröffentlichung 1975 in Italien wurden die freizügigen Szenen beanstandet, insbesondere die Lesbelei zwischen Caterina Chiani und Lidia Olizzi, sowie die Liebesszene zwischen Evelyn und Lord Marnac. Ob die Szenen daraufhin entfernt wurden entzieht sich meiner Kenntnis, in der französischen Erstaufführung 1977 waren sie aber auf jeden Fall dabei. Zusätzlich wurden dort noch HC-Inserts dazugepackt, die so aussehen, wie HC-Inserts der damaligen Zeit halt so aussahen: Haarig, großformatig, weitenteils unerotisch. Ein wenig mehr Mühe als bei so manch anderem Flick war wohl sichtlich dabei, aber nicht wirklich viel. Die Laufzeit dieser Inserts beträgt so ungefähr 8 bis 9 Minuten, was dann zu einer in Fan-Kreisen kursierenden “Integralfassung“ von 94 Minuten führt. Die offiziell erhältliche DVD hat 89 Minuten inklusive einer Einführung, dürfte also die Version ohne HC-Anteil sein.

4/10

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Top
 Profile  
 
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic Reply to topic  [ 412 posts ] Go to page  Previous  1 ... 10, 11, 12, 13, 14

All times are UTC + 1 hour [ DST ]


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
cron
© phpBB® Forum Software | phpBB3 free Forum by UserBoard.org | All Rights Reserved.
» Contact & Abuse Support-Forum Gooof Webdesign free forum Dein Forumo Forum web tracker