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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER LETZTE ZEUGE - Wolfgang Staudte
PostPosted: 04.10.2013 10:29 
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DER LETZTE ZEUGE (1960)

mit Ellen Schwiers und Martin Held
Jürgen Goslar, Adelheid Seeck, Werner Hinz, Siegfried Wischnewski, Lore Hartling, Harald Juhnke, Herbert Tiede und Hanns Lothar
eine Kurt Ulrich Filmproduktion | im Europa Filmverleih
ein Film von Wolfgang Staudte


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»Ich habe mein Kind nicht getötet!«


In ihrer Wohnung findet Ingrid Bernhardy (Ellen Schwiers) ihre wenige Monate alte Tochter Christiane tot auf. Das Kind wurde mit einem Gürtel erwürgt. Der Vater des Kindes ist der um einige Jahre ältere Großindustrielle Werner Rameil (Martin Held), der der Mitte zwanzigjährigen Frau immer wieder die Ehe versprochen hatte, sich aber noch nicht von seiner Frau Gerda (Adelheid Seeck) trennen konnte. Durch die Ermittlungen der Polizei landet Ingrid in einem Alptraum, denn schnell sieht sie sich aufgrund ihres Lebenswandels vorverurteilt und landet genau wie ihr ehemaliger Freund Dr. Heinz Stephan (Jürgen Goslar) in Untersuchungshaft. Beide gelten ab sofort als Hauptverdächtige in diesem Mordfall. In einem spektakulären Prozess übernimmt Rechtsanwalt Dr. Fox (Hanns Lothar) die Verteidigung der jungen Frau und versucht den Fall anhand ignorierter Indizien in andere Bahnen zu lenken. Wird er den wahren Mörder entlarven können..?

Für mich zählt Wolfgang Staudtes Beitrag zu den Klassikern des deutschen Gerichtsfilms, der es sich nicht nehmen lässt das Justiz-System und die damalige Gesellschaft kritisch zu betrachten, ohne jedoch lauthals Wertungen vorzunehmen. Der Aufbau des Films ist hervorragend und die Thematik wird schraubzwingenartig geschildert. Mit Kindsmord wählte man das wohl erschütterndste Verbrechen von allen aus, so dass sich der Zuschauer auch vollkommen ohne reißerische Elemente berührt, und unmissverständlich angesprochen fühlt und Aufklärung verlangt. Spannung und Tempo wirken im ersten Drittel stark gedrosselt, um dann allerdings ein regelrechtes Überholmanöver zu starten, "Der letzte Zeuge" erweist sich schließlich als ausgezeichneter Gerichtsfilm, der mit seinen hervorragenden Darstellern einen perfekten Verlauf garantiert. Staudte setzt auf wohldosierte, wenn auch harte Akzente. Außerdem bieten alle Charaktere bis in die Kleinstrollen klare Konturen an und im gesamten Verlauf kommen eigentlich nur wenige Hoffnungsschimmer zum Vorschein, was dem Film sehr gut steht, da er ohne falsche Untertöne auskommt und man es sich dem prosaischen Charakter entsprechend aufsparte, ein unangebrachtes Happy End anzubahnen, wie es in zeitgenössischen Produktionen schließlich so oft der Fall war.

Mit Ellen Schwiers sieht man einen Besetzungscoup, da man ihr aufgrund diverser Besetzungen von zweifelhaften Charakteren so einiges Zutrauen würde. Auch hier erscheint sie nicht über jeden Verdacht erhaben zu sein, da sie zunächst als sehr unsympathisch wirkende Frau in den Fokus gerückt wird. Auch die Justiz spricht bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne die »Fragwürdigkeit ihres Lebenswandels« an. Als Kontrast sieht man die stets überzeugende Adelheid Seeck zur Geliebten ihres Mannes, die alle Tugenden zu vereinen scheint und somit ebenfalls am Bild von Ingrid Bernhardy nagt. Ellen Schwiers spielt wie immer sehr eindrucksvoll, hier überrascht sie mit einem Rundumschlag im Spektrum der Emotionen. Martin Held reiht sich in das Karussell der kontrastreichen Darbietungen ein, er gibt den sachlichen und unempfindlichen Geschäftsmann sehr überzeugend, Jürgen Goslar wirkt im Kreise der Verdächtigen zwar sympathisch, aber man kann eher lange nicht genau einschätzen, wem man trauen kann und wem nicht, was sich insgesamt als große Stärke herausstellen wird. Hanns Lothar geht in seiner Rolle als Verteidiger förmlich auf, es ist erfrischend zu sehen, dass er sich auch manchmal gerne alternativer Methoden bedient, um einen deutlichen Schritt weiterzukommen. In ausgeprägten bis kleineren Nebenrollen sieht man etliche bekannte Gesichter des damaligen Film und TV, wie beispielsweise Albert Bessler, Siegfried Wischnewski, Blandine Ebinger oder Harald Juhnke.

"Der letzte Zeuge" erweist sich also durchgehend als abwechslungsreich, denn man kann sich quasi aussuchen, welche Komponenten einem am besten gefallen. Ob es die gut geschilderte Polizei-Arbeit ist, oder die Versuche der beteiligten Personen, irgendwie diskret aus dieser Sache herauszukommen, ob es der spannende Alleingang von Dr. Fox mit seiner Assessorin ist, oder das Verfahren an sich in dem die Hauptverdächtige bloßgestellt wird. Man hat es einfach mit einem gut durchdachten und runden Ergebnis zu tun. Im Gerichtssaal bildet sich ein Vakuum, das durch die versteinerten Mienen in Großaufnahmen dokumentiert wird. Jedes Mittel scheint bei dieser einseitigen Beweisführung recht zu sein, es werden intime Fotos und erotische Fotoserien von Ingrid umher gereicht, immer wieder wird die vermeintliche Leichtlebigkeit mit dem Zeigefinger angestupst, das hohe Gericht jongliert mit Paragrafen , der Richter lässt die Säbel rasseln, wieder einmal sieht man seine Drohgebärden in Großaufnahme. Ja, das wirkt nicht nur sehr klassisch inszeniert, sondern für den Zuschauer mitreißend und auch spannend. Zurück bleibt eine hervorragende und glasklar aufgebaute Arbeit von Wolfgang Staudte, die den Zuschauer nicht unberührt lässt. Wieder einmal wurde somit die Frage aufgeworfen, ob Justitia es anstelle von verbundenen Augen einmal mit einer Lupe versuchen sollte. Ein sehr gelungener Film mit teilweise spektakulärem Verlauf der absolut sehenswert ist.


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 Post subject: DER LETZTE ZEUGE - Wolfgang Staudte
PostPosted: 18.10.2015 19:09 
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D 1960

D: Martin Held, Ellen Schwiers, Hanns Lothar, Harald Juhnke, Jürgen Goslar

Ingrid Bernhardy findet ihre vier Monate alte Tochter zu Hause ermordet auf. Verzweifelt ruft sie ihren Geliebten, den verheirateten Geschäftsmann und Vater ihres Kindes Werner Rameil, in Berlin an. Erfolglos versucht er, sie zu beruhigen. Daraufhin bittet Ingrid ihren ehemaligen Liebhaber Dr. Stephan um Hilfe. Als die Polizei am Tatort eintrifft, werden er und Ingrid des Kindsmordes verdächtigt. Die Indizien erscheinen eindeutig, hinter beiden schließt sich die Tür des Untersuchungsgefängnisses. Dr. Stephans Anwalt kann nach Wochen die Freilassung seines Mandanten erwirken, aber nicht verhindern, dass dessen Ansehen Schaden nimmt. Ingrid steht nun allein vor Gericht. Nur ihr Verteidiger Dr. Fox ist von ihrer Unschuld überzeugt, kämpft jedoch fast auf verlorenem Posten ... (Amazon)


Hm, zwiespältig ist der Eindruck, den "Der letzte Zeuge" hinterlässt. Keine Frage, Staudte hat redliche Absichten, Mißstände zu kritisieren, wie mediale Vorverurteilung, einseitige Ermittlungen durch die Polizei, Verteidiger, die als Komplizen der Angeklagten angesehen werden und denen vom Richter Einblick in die Untersuchungsakten verweigert wird. Auch wenn der Prozess etwas zu sehr auf einen Überraschungseffekt hin inszeniert wird, kann auch dieser Part überzeugen, zumal Hanns Lothar den Rechtsanwalt Fox grandios spielt.

Misslungen ist jedoch die Charakterisierung der beiden Hauptpersonen. Über Ingrid erfahren wir, dass sie als Übersetzerin arbeitete und sich das Studium mit freizügigen Fotos finanzierte. Sie hatte in der Vergangenheit Sex mit wechselnden Partnern und beim ersten Verhör weist sie die Polizei zurecht, dass ihr Privatleben ihre Sache sei. Eine außergewöhnliche Frau für das Jahr 1960 also. Und dann will man uns weismachen, sie würde sich in die Rolle der naiven Geliebten fügen, die jahrelang darauf wartet, dass der wesentlich ältere Geliebte sich endlich scheiden lässt? Dass all ihre Taffheit von grenzenlosen Naivität hinweggewischt wurde? BTW: Dass das Kind nicht beim Standesamt registriert ist, ist nicht nachvollziehbar, Ingrids Begründung dafür, toppt allerdings alles.


Auch bei Werner Rameil passt es nicht zusammen. Offenbar weiß die gesamte Stadt von seiner Beziehung zu Ingrid, auch bei der polizeilichen Vernehmung räumt er ohne Umschweife ein, der Vater des getöteten Kindes gewesen zu sein. Seine Frau freilich dürfe davon nichts erfahren. Wie naiv muss er seine Angetraute einschätzen? Dabei fällt er selbst aus allen Wolken, als er von seiner Frau erfährt, dass sie sehr wohl alles wisse.


So schmälern diese Punkte leider die Wirkung des Films, der viel besser hätte aussehen können.


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 Post subject: Re: DER LETZTE ZEUGE - Wolfgang Staudte
PostPosted: 18.10.2015 20:01 
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Für Der letzte Zeuge gibt es bereits einen Thread. Vielleicht kann die ja jemand zusammenfügen? ;)


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 Post subject: Re: DER LETZTE ZEUGE - Wolfgang Staudte
PostPosted: 18.10.2015 20:07 
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Prisma wrote:
Für Der letzte Zeuge gibt es bereits einen Thread. Vielleicht kann die ja jemand zusammenfügen? ;)


Danke für den Hinweis. Die Suchfunktion hat den wieder mal nicht gefunden. :roll: Wird die irgendwann mal gefixt?


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 Post subject: Re: DER LETZTE ZEUGE - Wolfgang Staudte
PostPosted: 18.10.2015 20:09 
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Ich hätte es vermutlich auch nicht gewusst, wenn ich den Thread damals nicht selbst eröffnet hätte. ;)


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