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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 06.10.2010 21:38 
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DER VAMPIR VON NOTRE DAME („I Vampiri“, Italien 1956) R: Riccardo Freda und Mario Bava

Eine unheimliche Serie von Morden erschüttert Paris – junge Damen werden in blutleerem Zustand in der Seine-Metropole aufgefunden. Dies veranlasst die Regenbogenpresse zu wilden Spekulationen: Treibt in Paris ein Vampir sein Unwesen? Der ehrgeizige junge Reporter Pierre (Dario Michaelis) heftet sich mit fanatischem Eifer an die Fersen des mysteriösen Mörders – ohne dass irgendjemand seinen Theorien Beachtung schenkt. Seine Spurensuche führt ihn ausgerechnet in das Schloss und medizinische Forschungsinstitut des undurchsichtigen Professors Julien Du Grand (Antoine Balpêtré), dessen Enkelin Giselle (Gianna Maria Canale) in leidenschaftlicher Zuneigung zu ihm entbrannt ist. Eine „Liebe“, für die Pierre mittlerweile nur mehr Verachtung empfindet, denn er hält Giselle für eine kaltherzige und berechnende Frau, die nur auf ihren Vorteil bedacht ist. Die Hausherrin des düsteren Gemäuers ist Giselles gräfliche Großmutter, die ihr Gesicht stets unter einem schwarzen Schleier versteckt. Was geschieht hinter den Mauern des Schlosses? Wozu dienen die sinistren Experimente, die der Professor in seinem unterirdischen Labor durchführt? Welches Geheimnis verbirgt sich in der Familiengruft und wohin führen die verschlungenen Geheimgänge hinter den Wänden? Und vor allem: Wird Pierre das nächste Opfer des Vampirs retten können?


Dank des löblichen Labels Anolis können Freunde des italienischen Kinos diesen wundervollen Gruselklassiker seit einiger Zeit endlich auf DVD genießen, obendrein in drei verschiedenen Fassungen (der deutschen Kinoauswertung, der US-Fassung und der italienischen Originalversion). Obwohl es sich bei I VAMPIRI um den ersten „echten“ Italo-Horrorfilm handelt – zumindest wenn man Eugenio Testas obskuren IL MOSTRO DI FRANKENSTEIN von 1920 außen vor lässt – kannten die meisten Filmfans dieses Kleinod bislang allenfalls vom Hörensagen.

Überraschend an I VAMPIRI ist vor allem seine Originalität, denn den Zuschauer erwartet hier alles andere als eine biedere Vampirgeschichte im landläufigen Sinne. Vielmehr verknüpft die Story auf kongeniale Weise Elemente des Gothic-Gruselkintopps mit der Mad Scientist-Thematik, rührt etwas düstere Schauerromantik und Sexualpathologie hinzu und rundet das Ganze mit großartig gestalteten Studiobauten und einer vorzüglichen Fotografie aus dem sicheren Händchen Mario Bavas ab. Die Kameraführung und vor allem die beeindruckende Ausleuchtung der Sets ist eine Augenweide und gehört zu Bavas besten Arbeiten als Director of Photography. Die stimmungsvollen Licht- und Schatten-Malereien erinnern mitunter an die expressionistischen Meisterwerke von Lang und Murnau.
Dem Liebhaber gepflegter filmischer Gruselunterhaltung wird hier ein reich bestücktes Tableau mit sämtlichen barocken Zutaten des Genres feilgeboten: düstere Gemäuer, spinnwebenverhangene Geheimgänge, Mausoleen mit totenkopfverzierten Sarkophagen, wehende Vorhänge, knorrig verwachsene Baumgerippe im Nebel. Die Bauten sind eine Wucht und strotzen von liebevollen Details. Zusätzlich werden die akustischen Sinne durch einen hochdramatischen und aufwühlenden Score von Roman Vlad verzückt, der leider aufgrund des altersbedingt schrebbligen Tons ein wenig versackt.

Auf tricktechnischer Ebene überrascht eine rundum gelungene Verwandlungsszene (bzw: Alterungsszene), die ganz ohne Stop Motion-Schnickschnack auskommt, sondern lediglich durch verschiedene Schichten von Schminke, geschickte Lichtsetzung und die zauberhaften Mittel der Schwarzweißfotografie erzielt wurde. Restlos überzeugend wird diese Illusion aber erst durch die schauspielerische Leistung der faszinierenden Gianna Maria Canale (die damalige Miss Italien und Ehefrau von Riccardo Freda!), die in diesem Film herausragend agiert. Dario Michaelis als Pierre hinterlässt zwar einen weniger bleibenden Eindruck, erledigt seinen Job als typischer 50er Jahre-Smartboy aber recht anständig. Der Polizeiinspektor wird von Carlo D´Angelo gegeben, der seinen letzten Filmauftritt als Gouverneur in LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG absolvierte. Mitreißend ist auch die Leistung von Paul Muller als Kalfaktor des Professors, dessen grausiges Schicksal dem Betrachter frostige Schauer über den Rücken jagt. In späteren Tagen gab Muller sich dann bei Jess Franco und Tinto Brass die Ehre, unter anderem mit EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON ZOMBIES und PAPRIKA – EIN LEBEN FÜR DIE LIEBE.

Es ist allgemein bekannt, dass Regisseur Riccardo Freda bei I VAMPIRI nach 10 Tagen Drehzeit das Handtuch warf, weil er mit dem straffen Zeitrahmen des Produktionsplans, der lediglich 12 Tage für die Dreharbeiten vorsah, nicht mithalten konnte oder wollte. Daraufhin übernahm Kameramann Bava die Regie und tütete den beachtlichen Rest des Films in nur zwei Tagen ein. Es wird wohl ewig Stoff für Mutmaßungen und Legenden bleiben, welches Material letztendlich von Bava und welches von Freda inszeniert wurde. Ein Bruch innerhalb der Narrative ist jedenfalls nicht festzustellen. Verehrer von Bava behaupten gern, in den gotischen Bildkompositionen erkenne man die unnachahmliche Handschrift des Meisters – damit lassen sie jedoch Freda Unrecht angedeihen. Das visuelle Genie und das intuitiv inszenatorische Feingefühl Bavas mag Freda zwar weitgehend abgehen, trotzdem zählt er zu den unbesungenen Meistern des italienischen Gruselkinos, der mit seinen späteren Werken DAS GESICHT IM DUNKEL, L'ORRIBILE SEGRETO DEL DR. HICHCOCK oder TRAGIC CEREMONY viel Gespür für eine einzigartig schaurige Atmosphäre bewies. Auch im Giallo-Genre konnte er mit seinem charmanten, aber äußerst ruppigen Beitrag DIE BESTIE MIT DEM FEURIGEN ATEM punkten, den man vielleicht nicht zu den Glanzstücken seiner Zunft zählen kann, der aber allein schon durch die Anwesenheit des großartigen Luigi Pistelli Freude bereitet.

Die DVD-Ausgabe von Anolis ist ein wahrgewordener Traum. Ein schön gestalteter Pappschuber beherbergt ein stabiles Digipack mit zwei Silberlingen, sowie einem Booklet mit Texten von Thomas Wagner (*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***) und Uwe Rink. Unter den Boni befindet sich eine Doku über Paul Muller, Trailer, eine Bildergalerie und ein gewohnt informativer und kurzweiliger Audiokommentar von Christian Kessler und Markus Stiglegger.


Schlusswort: Ein Schmuckstück, das in jeder italophilen Filmsammlung einen Ehrenplatz auf dem Kaminsims verdient hat. Die DVD von Anolis wird sicherlich bald restlos vergriffen sein. Wer dann leer ausgegangen ist, dem bimmelt traurig das Totenglöckchen, und er muss sich in der Familiengruft eigenhändig einsargen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 28.10.2010 17:08 
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DIE FAMILIE MIT DEM UMGEKEHRTEN DÜSENANTRIEB („Gyakufunsha Kazoku“, Japan 1984) R: Sogo Ishii

Die Sippe Kobayashi ist auf den ersten Blick eine völlig normale japanische Familie. Vater Katsuhiko (Katsuya Kobayashi) ist ein strebsamer Büroangestellter, Mutter Saeko (Mitsuko Baisho) eine gute Hausfrau. Der Sohnemann Masaki (Yoshiki Arizono) büffelt fleißig für seine Prüfungen, Töchterchen Erika (Youki Kudoh) träumt von einer Karriere als Sängerin oder Catcherin. Endlich hat die Familie sich den Traum vom schmucken Eigenheim erfüllt und ist nach langer Zeit des Sparens in ein gutbürgerliches Reihenhaus in einer ruhigen Vorstadtsiedlung gezogen. Dann häufen sich die Katastrophen: Termiten nagen an den Grundmauern des Hauses und der exzentrische Großvater Yasakune (Hitoshi Ueki) kommt auf Besuch – ohne Absichten, wieder abzureisen. Die Familie ist alles andere als glücklich über den ungebetenen Gast, aber vor die Tür setzen will oder kann man ihn auch nicht ohne weiteres. Und ihn in der Hundehütte einzuquartieren, wäre vielleicht doch etwas unmenschlich. Da hat das gebeutelte Sippenoberhaupt den rettenden Einfall: Katsuhiko will sein neues Eigenheim unterkellern, um dem Großvater ein eigenes Zimmer zu bauen. Flugs wird, zum maßlosen Entsetzen der übrigen Familienmitglieder, per Presslufthammer mitten im Wohnzimmer eine riesige Grube ausgehoben. Obendrein macht Katsuhiko sich ernsthafte Sorgen um seine Familie, bei der er schon seit geraumer Zeit erste Anzeichen von Geisteskrankheit festzustellen glaubt.
Nervenzusammenbrüche, Hysterie und Chaos greifen unaufhaltsam um sich…


Der Ausdruck „umgekehrter Düsenantrieb“ ist in Japan zu einem Synonym für plötzlich eintretenden Wahnsinn geworden, für eine unkontrolliert auftretende Neurose, wie sie in anonymen Massengesellschaften häufig vorkommt. Geprägt wurde er durch ein katastrophales Ereignis, als der Pilot einer vollbesetzten Passagiermaschine plötzlich die Triebwerke auf Schubumkehr schaltete und das Flugzeug dadurch zum Absturz brachte.
In Sogo Ishiis Kultfilm GYAKUFUNSHA KAZOKU, so der Originaltitel, ist das Wortspiel Programm. Ishii ist eine bissige Attacke auf die kleinste Zelle des Systems gelungen: die heilige Institution der Familie. Auf genüsslich-sadistische Weise demontiert er die scheinbar heile Welt, bis alles in einer völlig überspitzen, chaotischen und hysterischen Groteske eskaliert.

In unserer westlichen Gesellschaft und Kultur lässt es sich weniger nachvollziehen, aber in Japan war Ishiis sarkastische Farce ein gewagter Frontalangriff auf die starren Wertevorstellungen des Systems. Bis heute gilt er als ein Wegbereiter für ähnlich gelagerte subversive Werke, wie etwa Takashi Miikes drastisch überspitzte Sozialfabel VISITOR Q oder Yukihiko Tsutsumis rabenschwarze Wohngemeinschafts-Sezierung 2LDK. Nebenbei verteilt Ishii nach allen Seiten zahlreiche garstige Seitenhiebe auf die Konsumgesellschaft und den entmenschten Kapitalismus. Der „Japanische Traum“ scheitert genau wie der amerikanische und mutiert zum amoklaufenden Nachtmahr.

DIE FAMILIE MIT DEM UMGEKEHRTEN DÜSENANTRIEB zerpflückt auf genüsslich-hysterische Weise die Neurosen einer Robotergemeinschaft, in dem der einzelne perfekt funktionieren muss und die Familie letztendlich immer ein Spiegel des Ganzen zu sein hat. Die anarchische Lust, mit der der Film dabei zu Werke geht und fortlaufend Tabus bricht, ist eine pure Freude. Kenner der japanischen Kultur werden ihren sadistischen Spaß daran haben, mitzuerleben, wie auch die letzte heilige Kuh geschlachtet und geschändet wird. Unter der steifen und formellen Fassade der immerfort lächelnden Japaner, so führt der Film uns vor, brodelt der taumelnde Irrsinn. Es bedarf lediglich einer Lappalie (in diesem Fall: Termiten und der Besuch des Großvaters), um zur Eskalation und zum Zusammenbruch zu führen. Und wenn es dann soweit ist, fallen sämtliche Schranken, die aufgestauten Emotionen kulminieren in wüsten Exzessen. Kollektiver Selbstmord, Inzest, Karaoke, Schulmädchenporno, Schlüpferkult, materielle und seelische Zerstörung (siehe auch: Atombombe), Bondage, Kriegsverbrechen – sämtliche japanischen Traumata werden durch den Fleischwolf gedreht. Am Ende steht die kathartische Reinigung in der Auflösung aller Schranken. Erlösung durch den Presslusthammer.

Auch und besonders auf filmischer und formaler Ebene kann man DIE FAMILIE MIT DEM UMGEKEHRTEN DÜSENANTRIEB als avantgardistisch bezeichnen. Ishii greift Techniken vorweg, wie sie später exzessiv von Takashi Miike oder Shun’ya Tsukamoto stilisiert wurden – man beachte die Schnitte, die Kameraperspektiven und –fahrten, den Einsatz von Verfremdungen. So wurde z.B. der heute inflationär verwendete Effekt von Vorwärtszoom und Rückwärtsfahrt um die Desorientierung und Zerrissenheit des Protagonisten zu symbolisieren, hier zum ersten Mal im japanischen Film eingesetzt.

Eine absolute Bank ist die Schauspielerriege, die sich in Höchstform präsentiert. Der Film steht und fällt mit den grandiosen Leistungen der fünf Hauptdarsteller. Katsuya Kobayashi (REVOLVER) als gebeuteltes Familienoberhaupt, dem alles zu entgleiten droht, spielt göttlich auf – schon allein seine unübertroffene Mimik ist zum brüllen. Wunderbar ist auch Mitsuko Baiasho (VENGEANCE IS MINE) als Mutter Saeko, eine der schönsten und facettenreichsten Schauspielerinnen Japans. Als grandiose Besetzung muss man auch Yoshiki Arizono (THE HAPPINESS OF THE KATAKURIS) als soziopathischen Sohnemann bezeichnen, oder die damals noch sehr junge Youki Kudoh (DIE GEISHA) als nervolabiles Töcherlein. Der totale Rocker ist natürlich Samuraifilm-Veteran Hitoshi Ueki (RAN) als hyperaktiver Großvater Yasakune – ein besetzungstechnischer Geniestreich.

Regisseur Sogo Ishii schrieb bereits mit seinem wüsten Punkfilm BURST CITY (japanische) Filmgeschichte, ein Werk, das hierzulande leider weitgehend unbeachtet blieb. Populärer ist ELECTRIC DRAGON 80.000 V, der in Deutschland gemeinsam mit TETSUO bei Rapid Eye Movies auf DVD erschienen ist, sowie sein modernes Samurai-Popepos GOJOE. Umso erfreulicher, dass DIE FAMILIE MIT DEM UMGEKEHRTEN DÜSENANTRIEB nach diversen TV-Ausstrahlungen endlich von Asian Film Network auf DVD herausgebracht wurde. Auf Video erschien er übrigens damals bei Atlas/VCL unter dem Titel DIE TOTAL VERRÜCKTE FAMILIE und einem Cover, das an ein Splatter/Slasher-Movie denken ließ.

Ein wundervoller, einzigartiger und völlig respektloser Anarcho-Streifen, der nicht nur jedem Japanophilen ans Herz zu legen ist. 9/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 10.12.2010 04:16 
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Da ich z.Zt. mit zig anderweitigen Schreib-Jobs betraut worden bin, habe ich keine Muße für lange Kommentare im Filmtagebuch. Hier aber zumindest mal ein paar Sätze zu den zuletzt gesichteten Filmen.

***

RED HILL (Australien, 2010) R: Patrick Hughes
Hervorragende Mischung aus Neo-Western à la NO COUNTRY FÜR OLD MEN und Slasherfilm, made in Australia. Sehr gute Darsteller, vorzügliche Fotografie, spannende Ausführung. Klare Empfehlung, nicht nur für Western-Freunde.

LEGENDS OF THE POISONOUS SEDUCTRESS 1: FEMALE DEMON OHYAKU (Japan, 1968) R: Yoshihiro Ishikawa
Der allererste “Pinky Violence”-Film: Folter, Lesbensex, Blutfontänen und Vergewaltigungen in schwarzweiß. Ein Wegbereiter, ein Klassiker – Pflichtstoff für Fans des Subgenres. Sehr schöne DVD von Synapse, Region 0.

LEGENDS OF THE POISONOUS SEDUCTRESS 2: QUICK-DRAW OKATSU
(Japan, 1969) R: Nobuo Nakagawa
Teil 2 mit den selben Darstellern, anderer Story, dieses Mal in Farbe. Noch gewalttätiger, noch schöner gefilmt – bluttriefende Rachestory, die LADY SNOWBLOOD alt aussehen lässt. Teil 3 steht noch aus, wird demnächst angeschaut.

RITUALS (USA, 1976) R: Peter Carter
Laut X-Rated Covertext: „Der seltenste und gesuchteste Horrorfilm der Welt!“ Eher ein (herausragendes) Survival-Terror-Drama mit erstklassigen Darstellern, einem sehr guten Drehbuch mit guter Charakterzeichnung, intensiven Schauspielerleistungen. Ein Wegbereiter des Backwood-Horrors mit Anklängen an DELIVERANCE, aber trotzdem sehr eigenständig. Die DVD vom großen X stammt von der angeblich letzten 35mm-Filmrolle und sieht aus, wie durch die Kimme gezogen. Eine qualitativ etwas bessere (und preiswertere!) Version gibt´s von KNM. A.k.a. THE CREEPER.

MARTYRIUM (Belgien/Frankreich, 2004) R: Fabrice du Welz
Und noch mal Backwood, diesmal aus Belgien/Frankreich: CALVAIRE, neu aufgelegt vom Label „Störkanal“ unter dem Titel MARTYRIUM. Sehr eigenwilliger, bildgewaltiger, suggestiver und verstörender Hinterwäldler-Horrorfilm mit Reminiszenzen an TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Keine leichte Kost, hat mir aber sehr gut gefallen. Die Bilder spuken einem noch tagelang durch den Kopf…

BLACK DYNAMITE (USA, 2009) R: Scott Sanders
Der Oberkracher! Michael Jai Whites (Hauptdarsteller & Co-Autor) und Scott Sanders (Drehbuch & Regie) Hommage an das Blaxploitation-Kino ist eine der witzigsten, rasantesten und originellsten Versuche schlechthin, den Spirit der Grindhouse-Ära einzufangen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so prächtig amüsiert – hier stimmt einfach alles! (Unbedingt im O-Ton anschauen!)

HANZO, THE RAZOR: SWORD OF JUSTICE & THE SNARE (Japan, 1972/1973) R: Kenji Misumi & Yasuzo Masamura
Teil 1 und 2 der Hanzo-Saga im Doppelprogramm. Man muss es gesehen haben, sonst glaubt man es nicht: Hanzo ist nicht nur fix und gnadenlos mit dem Schwert, auch sein stattliches Gemächt kommt immer wieder zum Einsatz, um renitente weibliche Gefangene zu disziplinieren. Damit seine stolze Männlichkeit stets stramm und einatzfähig ist, wird jeden Morgen ein Spezial-Trainingsprogramm absolviert – das gigantische Glied wird auf einen Tisch gelegt und mit einem Stock--- ach nein, guckt euch das doch bitte selber an. Sowas kann wohl nur aus Japan kommen. Schön gefilmte Schwert-Action, Blut-Geysire und Sadismen en Masse inklusive.

TAXIDERMIA (Ungarn, 2006) R: György Pálfi
Artcore aus Ungarn. Wunderschön und ästhetisch gefilmte Unästhetik. Eine kleine Familiengeschichte über drei Generationen. Der Opa lässt im 2. Weltkrieg Feuersbrünste aus seinem Schwanz schießen, der Sohn wird Weltmeister im Wettessen, der Enkel ein soziopathischer Taxidermist. Dicke Frauen werden auf toten Schweinen gefickt, literweise Kotze, hektoliterweise Blut. Auch hier gilt: Only seeing is believing.

INFESTATION (USA, 2009) R: Kyle Rankin
Solide gemachte und sehr unterhaltsame Low Budget-Monsterkäfer-Horrorkomödie. Der Film legt bereits nach 5 Minuten voll los, die Charaktere offenbaren ihre Persönlichkeiten während der flotten Erzählung – ein guter Kniff, der funktioniert. Ein ordentliches Drehbuch, gute Darsteller, charmante Monster-Action. Von vielen Kritikern wurde der Streifen übelst verrissen, mir gefiel er gut.

FROZEN (USA, 2010) R: Adam Green
Dieser Hammer verdient einen längeren Kommentar, der morgen folgen wird.

HALLOWEEN II (USA 2009) R: Rob Zombie
Herausragend! Ich bin restlos begeistert! Eine wirklich angenehme Überraschung. Hat mir auf ganzer Linie gefallen. Rob Zombie hat es vollbracht, dem Halloween-Kosmos seinen ganz ureigenen "Redneck-Psycho-Sleaze-Carnival" Stempel aufzudrücken. Ich mochte den Rübezahl-Michael sehr! Bislang war THE DEVIL’S REJECTS mein liebster Zombie-Streifen, HALLOWEEN II stößt ihn lässig vom Thron.

Nebenbei:
Die vier Filme der ersten Box der EDGAR WALLACE COLLECTION.
Klarer Sieger ist der tolle FROSCH MIT DER MASKE, auch DER ROTE KREIS gefiel mir sehr gut, DIE BANDE DES SCHRECKENS wusste ebenfalls größtenteils zu gefallen. DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE fällt stark ab, gewinnt aber wiederum durch den grandiosen Gert Fröbe. Die Sichtung der Wallace-Filme ist ein ganz spezieller und exquisiter Genuss, vergleichbar mit einem guten alten Whisky und einer teuren Zigarre. Ich freue mich auf die kommenden Boxen und die vielen schönen Stunden, die mir noch ins Haus stehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 10.12.2010 13:21 
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Diabolik! hat geschrieben:
1. Da ich z.Zt. mit zig anderweitigen Schreib-Jobs betraut worden bin, habe ich keine Muße für lange Kommentare im Filmtagebuch.
2. RITUALS (USA, 1976) R: Peter Carter
Laut X-Rated Covertext: „Der seltenste und gesuchteste Horrorfilm der Welt!“ Eher ein (herausragendes) Survival-Terror-Drama mit erstklassigen Darstellern, einem sehr guten Drehbuch mit guter Charakterzeichnung, intensiven Schauspielerleistungen. Ein Wegbereiter des Backwood-Horrors mit Anklängen an DELIVERANCE, aber trotzdem sehr eigenständig. Die DVD vom großen X stammt von der angeblich letzten 35mm-Filmrolle und sieht aus, wie durch die Kimme gezogen. Eine qualitativ etwas bessere (und preiswertere!) Version gibt´s von KNM. A.k.a. THE CREEPER.
3. BLACK DYNAMITE (USA, 2009) R: Scott Sanders
4. HANZO, THE RAZOR: SWORD OF JUSTICE & THE SNARE (Japan, 1972/1973) R: Kenji Misumi & Yasuzo Masamura
5. Die vier Filme der ersten Box der EDGAR WALLACE COLLECTION.
Klarer Sieger ist der tolle FROSCH MIT DER MASKE, auch DER ROTE KREIS gefiel mir sehr gut, DIE BANDE DES SCHRECKENS wusste ebenfalls größtenteils zu gefallen. DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE fällt stark ab, gewinnt aber wiederum durch den grandiosen Gert Fröbe. Die Sichtung der Wallace-Filme ist ein ganz spezieller und exquisiter Genuss, vergleichbar mit einem guten alten Whisky und einer teuren Zigarre.
6. Ich freue mich auf die kommenden Boxen und die vielen schönen Stunden, die mir noch ins Haus stehen.


Moin!

1. Sehr unangenehm!

2. Wieso ist mir der Film bisher durch die Lappen gegangen? Die KNM Scheibe muss her!

3. Vor ein paar Tagen gab es die BD sehr günstig bei Amazon, leider habe ich nicht zugegriffen. Aber das Teil wandert auf jeden Fall in meine Sammlung, der Trailer macht richtig Laune.

4. Nargh... Nun habe ich die schicke Box von EUREKA! schon eine ganze Weile hier, kam aber leider noch nicht in den Genuss. Der Eisenpimmel muss in den Player!

5. Hm... Mich beschleicht wieder dieses seltsame Gefühl. Mir muss mein Zwilling bei der Geburt abhanden gekommen sein.

6. Box 2 setzt die Freude fort:

• Die toten Augen von London
• Das Geheimnis der gelben Narzissen
• Der Fälscher von London
• Die seltsame Gräfin

"Augen" ist ein herrlicher Klassiker, "Narzissen" und "Fälscher" sogar noch stärker! Die "Gräfin" eiert auf dem Niveau des "Bogenschützen", macht aber trotzdem Spass.

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BeitragVerfasst: 10.12.2010 16:11 
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Blap hat geschrieben:
1. Sehr unangenehm!


Für euch wahrscheinlich nicht... :mrgreen:

Blap hat geschrieben:
Die KNM Scheibe muss her!


Der wird dir gefallen, jede Wette!

Blap hat geschrieben:
5. Hm... Mich beschleicht wieder dieses seltsame Gefühl. Mir muss mein Zwilling bei der Geburt abhanden gekommen sein.


Hast du auch diese seltsame Narbe am Hinterkopf...?

Blap hat geschrieben:
6. Box 2 setzt die Freude fort:


Die "Toten Augen" wandern heute Abend in den Player, ich freue mich schon jetzt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 10.12.2010 16:13 
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FROZEN – EISKALTER ABGRUND (USA 2010) R: Adam Green

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DVD/Blu-ray von UFA

Joe (Shawn Ashmore) und Dan (Kevin Zegers) sind alte Kumpels, die seit der Grundschulzeit unzertrennlich sind. Jedes Jahr im Winter fahren sie zusammen zum Mount Holliston zum Skisport – so auch dieses Mal, nur hat Dan seine neue Freundin Parker (Emma Bell) mit im Handgepäck, worüber Joe wenig begeistert ist. Schließlich waren diese gemeinsamen Wintersport-Trips doch immer reine Männerdomänen, wo verweichlichte Weibsbilder nichts zu suchen haben und nur stören. Joe versucht seinen Unmut jedoch zurückzuhalten, immerhin ist Dan sein bester Freund und Parker recht schnuckelig.
Als bereits der Abend hereinbricht und der Liftbetrieb schließen will, überreden sie den Liftwart, sie noch auf eine letzte Abfahrt den Berg hoch zu schicken. Durch eine unglückliche Verkettung von Umständen wird jedoch auf halbem Weg der Strom abgestellt – der Lift bliebt stehen, die Lichter auf der Piste gehen aus. In großer Höhe, völliger Dunkelheit und eisiger Kälte sitzen die drei jungen Leute fest. Niemand sieht sie dort oben, keiner hört ihre Hilferufe. Die Mobiltelefone sind im Spind der Station eingeschlossen. Und der Skibetrieb wird erst in 1 Woche wieder aufgenommen. Ein verzweifelter Kampf ums Überleben nimmt seinen Lauf…


Diese Inhaltsangabe fasst lediglich die Ausgangssituation und die ersten 20 Minuten des Films zusammen – und mehr sollte man auch möglichst über FROZEN nicht wissen. Denn wer nun denkt: „Och, ein öder Survival-Film!“, der wird auf äußerst schmerzhafte Weise eines Besseren belehrt.
FROZEN definiert den Begriff von „Spannung“ neu. Erst als die End-Credits über den Bildschirm liefen, wurde mir bewusst, dass ich 70 Minuten lang mit komplett verkrampftem Körper im Sessel gekauert hatte. Zwei Fingernägel waren auch vollständig runtergeknabbert. Mehr als einmal konnte ich einfach nicht mehr hinschauen und wand mich auf den Polstermöbeln…
FROZEN gehört zu den intensivsten Filmerlebnissen, die ich in den letzten Jahren ertragen durfte. Die Ausweglosigkeit der Situation, die beißende Kälte (die man wirklich körperlich zu spüren meint), die Verzweifelung der Protagonisten, die ständig neuen Bedrohungen – dies alles erlebt der Zuschauer mit peinigender Unmittelbarkeit. Das geht an die Nieren und frisst an der Substanz. FROZEN ist ganz starker Tobak; der Filmgenuss wird zur Härteprobe.
Natürlich ist diese Ausgangssituation nichts Neues – ein ähnliches Setting gab es bereits beim Überlebens-Drama OPEN WATER. Allerdings fährt FROZEN eine umfangreichere Palette an menschlichen Urängsten auf und lässt sie gnadenlos auf den nichtsahnenden Betrachter einprasseln.

Es sind drei Dinge die den Film perfekt machen: Als erstes wäre das grandiose Drehbuch zu nennen, das es nicht nur auf brillante Weise versteht, die Spannungsschraube immer erbarmungsloser und fester anzuziehen, sondern – scheinbar nebenbei – den Charakteren ungemeine Tiefe verleiht. Man leidet mit den Protagonisten, indem man sie innerhalb ihrer auswegslosen Lage immer besser kennen lernt und Sympathien für sie entwickelt. Dies macht die folgenden Ereignisse umso schmerzhafter. Aus der eigentlich recht simplen Prämisse holt die Geschichte restlos alles heraus, was möglich ist.
Als zweites muss man die überragenden Leistungen aller drei Hauptdarsteller erwähnen. Hierbei glänzt vor allem die 23jährige Emma Bell, vor deren Talent man in die Knie sinken möchte. Aber auch Shawn Ashmore und Kevin Zegers geben ihr letztes Hemd und liefern äußerst beeindruckende Arbeit ab.
Der dritte Punkt lässt sich etwas schwieriger in Worte fassen – ich will es „Authentizität“ nennen. Die Grundstimmung und Atmosphäre dieses schweißtreibenden – oder frösteln machenden – Kammerspiels ist zum Greifen dicht und wirkt in jeder Sekunde dermaßen echt, dass man sich als viertes Opfer im Sessellift wähnt. Man versucht zwischendurch seine Nerven zu beruhigen, indem man sich sagt: Nun ja, mit CGI und Green Screen ist ja heutzutage alles möglich…
Man erstarrt allerdings restlos vor Ehrfurcht, wenn man sich im Anschluss des Films das 50minütige (hervorragend gemacht und schwer unterhaltsame) Making-Of anschaut – denn dann wird klar, dass hier NICHTS im Studio gedreht wurde. Nix CGI, nix Green Screen. Hier ist alles fuckin’ true! Der gesamte Film wurde bei bis zu – 30° auf einem verdammten Berg in Utah gedreht! Die saßen dort wirklich in einem Sessellift in schwindelerregender Höhe, der Schnee, die Kälte und die Wölfe waren echt! (Wölfe? Das wollte ich doch gar nicht verraten…)

Obendrein geizt der Film auch nicht mit ein paar unangenehmen Härten, deren Anblick man kaum erträgt. Bei der schlimmsten Szene schwenkt die Kamrera jedoch fort - "gnädigerweise", denkt man zunächst. Dann hört man jedoch die nervenzerreißenden Geräusche und wird gezwungen, sich die leidenden Gesichter der zwei anderen Protagonisten anzusehen. Kopfkino der gemeinsten Sorte - Regisseur Adam Green versteht sein Handwerk.

Erwähnen muss man auch noch die absolut grandiose Filmmusik von Andy Garfield, die mit ihren apokalyptischen Bläsern und Streichern zur Zerrüttung des Nervenkostüms ein ordentliches Scherflein beiträgt.
Ansonsten gilt hier als Schlusswort nur der Befehl: Unbedingt anschauen! Am Besten, wenn draußen der Schneesturm tobt. Aber zieht euch bloß warm an…

Wer’s in Zahlen braucht: 9/10 sind hier völlig angebracht.

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Diabolik! hat geschrieben:
Hast du auch diese seltsame Narbe am Hinterkopf...?


Ja. ...und das ist kein verdammter Scherz.

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Blap hat geschrieben:
Ja. ...und das ist kein verdammter Scherz.


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BeitragVerfasst: 28.12.2010 17:02 
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THE WALKING DEAD (TV-Serie, USA 2010) R: Frank Darabont u.a.

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In den USA ist die Zombie-Apokalypse hereingebrochen. Die Toten wandeln und gieren nach dem Fleisch der Lebenden. Niemand weiß, wie es passierte und was der Auslöser war. Es kam über Nacht und veränderte das Antlitz der zivilisierten Welt. Die Konsumgesellschaft wurde in Chaos und Zerstörung gestürzt.
Der Zuschauer steigt in diese Geschichte ein, als alles bereits seit einige Wochen im Gange ist. Der Kleinstadtsheriff Rick Grimes (Andrew Lincoln) wird bei einem Schusswechsel verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert, wo er lange Zeit im Koma liegt. Als er erwacht, ist das Hospital menschenleer und verwüstet, überall türmen sich Leichenberge, Fliegenschwärme verdunkeln den Himmel. Verstört bahnt Rick sich den Weg durch eine Welt in Trümmern, nur um allzu schnell herauszufinden, daß nicht alle Toten liegen bleiben. Mühsam schleppt er sich zu seinem Haus, doch seine Frau und seinen kleinen Sohn trifft er dort nicht an – sind sie Opfer der „Walkers“ geworden oder leben sie noch? Nach kurzer Verzweiflung kehrt Ricks Hoffnung und Überlebenswille zurück. Er ist überzeugt davon, daß seine Familie noch lebt. Ganz auf sich allein gestellt macht er sich auf den Weg in die nächste Großstadt. Dort trifft er nicht nur auf Horden von Zombies, sondern auch auf weitere Überlebende…


Im Jahr 2003 schuf Robert Kirkman die – zunächst nur als sechsteilige Miniserie konzipierte – Horror-Graphic Novel „The Walking Dead“. Sieben Jahre, 78 Einzelausgaben und 13 Sammelbände später ist die Serie zu einem der populärsten und erfolgreichsten Comic-Bestseller der Neuzeit avanciert – es war also nur eine Frage der Zeit, bis ein gewiefter Produzent das Erfolgskonzept auf Leinwand oder Bildschirm übertragen würde.
In diesem Fall heißt der Produzent, Entwickler und Stamm-Regisseur Frank Darabont (gemeinsam mit Gale Anne Hurd), der sich als Stephen King-Spezialist mit Filmen wie THE GREEN MILE, DIE VERURTEILTEN oder DER NEBEL einen Namen machte. Bereits als Student schuf er mit THE WOMAN IN THE ROOM einen äußerst gelungenen Kurzfilm nach einer Shortstory von King. (In Deutschland auf der „Stephen King Nightmare Collection“ unter dem Titel VERGIFTET bei VCL erschienen.) Der Startschuss für die aufwändige TV-Produktion von Fox erfolgte 2009, die Erstausstrahlung in den USA fiel auf den 31. Oktober 2010, passender weise Halloween. Am 5. Dezember flackerte die letzte Folge der (nur sechs Episoden umfassenden) ersten Staffel über die amerikanischen Bildschirme, aber bereits nach den phänomenalen Einschaltquoten der ersten Folge war es beschlossene Sache, eine zweite Staffel mit 13 neuen Folgen zu produzieren.

Es ist schön, amerikanische Freunde zu haben, denn dadurch flatterte mir letzte Woche eine DVD mit der kompletten ersten Staffel von THE WALKING DEAD ins Haus. Bereits am frühen Nachmittag wurden die Fenster verdunkelt, die Türen verrammelt und das Telefon ausgestöpselt; sechs Stunden später, während derer ich zu essen, zu trinken und aufs Klo zu gehen vergaß, saß ich völlig fassungslos und wie weggeblasen im Sessel…

Um es kurz zu machen: THE WALKING DEAD ist mit großem Abstand das Beste, was das Genre des Zombiefilms jemals hervorgebracht hat. Punkt.
Natürlich erfindet die Serie das Rad nicht neu, sämtliche Situationen sind sattsam bekannt. Darabont und seine Mitstreiter erweisen sich sogar als äußerst zitierfreudig – der Anfang im Krankenhaus hat frappierende Ähnlichkeiten mit 28 DAYS LATER, und immer wieder werden bewährte Zombiefilm-Setpieces aufgetischt: die eingeschlossene Gruppe Überlebender im Einkaufszentrum, die Kanalisation, die Militärbasis, der mit Autowracks verstopfte Highway. Was TWD auszeichnet, ist die Herangehensweise an diese Klischeesituationen, die stets für frischen Wind sorgt. Vor allem ist es der ungeschönte, teilweise schmerzhafte Realismus, der die Verfilmung von anderen artverwandten Werken wohltuend abhebt. Der Schrecken der Bilder findet, wie so häufig in modernen Horrorgeschichten, seine Basis in der Wirklichkeit – Erinnerungen an aktuelle Katastrophen werden unsanft aus dem Unterbewusstsein gezerrt.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht immer der Mensch, vor allem die Hauptfigur Rick Grimes. Niemals verlässt die Inszenierung den Focus auf Grimes, die gesamte Handlung wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Kern der Geschichte ist weniger die Apokalypse, sondern die Wahrung der Menschlichkeit in einer Zeit des totalen Chaos, in der humane Werte zunehmend zu verfallen drohen. Die tatsächliche Gefahr, die wahre Bestie, das ist der Mensch – die Überwindung des inneren Monsters stellt die größte Herausforderung dar.

In diesem Sinne nehmen sich die exquisiten Drehbücher der sechs Episoden viel Zeit und Raum für die Beleuchtung der Charaktere und deren Vielschichtigkeiten. Hier ist niemand einfach nur gut oder böse, es gibt kein Schwarz oder Weiß. Es geht um echte Menschen und deren Probleme miteinander und mit sich selbst, um die Schwierigkeiten, sich in Konfliktsituationen zusammenzuraufen. „There's us and the dead. We survive this by pulling together, not apart.”, sagt Rick an einer Stelle sehr zutreffend. Die Scripts legen großen Wert auf wirklichkeitsnahe Dialoge. Die Protagonisten sondern keine coolen Oneliner ab, sie reden wie Menschen wirklich reden würden, wenn das Unaussprechliche geschehen würde.
Die wandelnden Toten (die übrigens zu den klassischen „Schlurfern“ zählen und weniger zu den neumodischen „Sprintern“) sind lediglich das bestimmende und wegweisende Element des allgegenwärtigen Terrors und geben die Rahmenbedingungen für das Handeln der Charaktere vor. Die Bedrohung ist letztendlich austauschbar: anstelle von Zombies könnten es auch Vampire, Triffids oder wilde Berggorillas sein.

Ein gewaltiger Pluspunkt besteht auch in Darabonts geschickter und behutsamer Inszenierung. Glücklicherweise verzichtet er völlig auf den modernen Schnickschnack, der in zeitgenössischen TV-Produktionen scheinbar unausweichlich geworden ist: hektische Schnitte, Mockumentary-Kamera oder pseudo-experimentelle Technik-Spielereien sucht man bei TWD vergebens. Die Regieführung ist gekonnt ruhig und besonnen, Darabont lässt sich viel Zeit bei seiner Inszenierung und bedient sich altehrwürdiger narrativer Stilmittel. Das ist Erzählkunst der alten Schule, die man in dieser Form nur noch selten zu sehen bekommt.
(Exkurs: Dem deutschen Pay TV-Sender Fox war diese Erzählweise wohl zu ruhig und man fürchtete, die Ego Shooter-Generation, die man als Zielpublikum anvisierte, könnte die Geduld verlieren und abschalten – daher kürzte man beinahe jede Einstellung und jede Szene wüst zusammen, wodurch ein Großteil der Atmosphäre flöten ging!)

Ein solch ambitioniertes Unterfangen steht und fällt natürlich mit den Darstellern, und in dieser Hinsicht ist Darabont ein Griff in die Goldgrube geglückt. Allen voran überzeugt natürlich Hauptdarsteller Andrew Lincoln als Kleinstadtsheriff Rick Grimes auf ganzer Linie. Lincolns Leistung ist umwerfend – er verkörpert sowohl seine große Verletztheit und Verwirrung, als auch Entschlossenheit, mimt den Helden wider Willen, ohne jemals seine Menschlichkeit einzubüßen. Er ist der Archetyp des „letzten guten Mannes“, der tut, was getan werden muss. Es ist dem Drehbuch und Lincolns Schauspielkunst hoch anzurechnen, daß er bei der Charakterisierung seiner Rolle niemals in stumpfen Pathos oder heroische Gesten abdriftet, sondern immer wieder auch falsche Entscheidungen trifft, mit deren Konsequenzen er leben muss. Seine Figur hat insofern Vorbildcharakter, da er den – in chaotischen Zeiten um so seltener anzutreffenden – rechtschaffenen Menschen verkörpert, der die humanen Werte aufrecht erhält.
Aber nicht nur Lincoln, auch sämtliche Nebenrollen wissen zu begeistern. Besonders beeindruckend ist Laurie Holden, die bereits in Darabonts DER NEBEL vorzügliche Arbeit ablieferte. Dasselbe gilt für den altgedienten Jeffrey DeMunn, der selber Anno 1987 als Sheriff gegen den BLOB antrat. Jon Bernthal bekleidet mit Ricks ehemals bestem Kumpel und Hilfssheriff Shane eine schön zwiespältige Rolle, die reichlich Konfliktpotential bereithält. Herausragend ist natürlich besonders auch die Leistung des großartigen Michael Rooker (HENRY – PORTRAIT OF A SERIAL KILLER) als soziopathischer Redneck Merle Dixon, sowie Norman Reedus (DER BLUTIGE PFAD GOTTES) als dessen Bruder Daryl, der ein wandelndes Pulverfass darstellt und trotzdem einen höchst differenzierten Charakter mimt. Aber es gibt auf der Seite der Schauspieler keinerlei Ausfälle zu verzeichnen, alle legen Höchstleistungen aufs Parkett – was sicherlich auch dem erstklassigen Drehbuch mit seinen fein nuancierten Charakteren und Darabonts messerscharfer Inszenierung zu verdanken ist.

Bei der Gewaltdarstellung gibt TWD sich äußerst ruppig. Zwar sind die Ausbrüche selten und kurz, dafür aber umso drastischer und schmerzhafter. Und an keiner Stelle dienen die gezeigten Brutalitäten einem vordergründigen Selbstzweck, stets fügen sie sich in unausweichlicher Konsequenz in die Handlung ein. Flüchtige Schauwerte um des reinen Schocks willen werden durchgehend vermieden.
Bereits in der brillanten Expositionssequenz wird ein etwa zehnjähriges Zombie-Mädel im weißen Nachthemd per extrem garstigen Kopfschuss in die ewigen Jagdwurstgründe befördert – der kontroverse Tabubruch des „Kindermords“ aus DAWN OF THE DEAD wird somit bereits am Filmanfang abgefrühstückt, um klarzustellen, wo der harsche Wind herweht. In dieser Hinsicht hat Special Makeup-Gott Greg Nicotero (der auch als Ko-Produzent agierte) vortreffliche Arbeit geleistet. Das gilt auch für die hervorragenden Zombie-Masken, die dank sparsam eingesetzter und sinnvoll ergänzender CGI-Effekte so wirklichkeitsnah wirken, wie in keinem anderen Untotenfilm zuvor. Ohne allzu viel spoilern zu wollen, will ich besonders auf die „kriechende Frau“ im Stadtpark in der Pilotfolge hinweisen – da stockte mir der Atem…
Die Gewalt in TWD geht an die Nieren, da sie einen bislang nie erreichten Grad an Realismus aufweist und sich an keiner Stelle in exzessiven Splatter-Orgien ergeht, die eventuell für auflockernden Comic-Relief sorgen könnten. Ein befreites Auflachen wird dem Zuschauer verwehrt, die Party-Chips bleiben quer im Halse stecken. Humor, das sollte vermerkt werden, blitzt in TWD sowieso höchst selten auf, und wenn doch, dann ist er schwärzester Sorte.
Die Vorstellung, daß diese Schlachtplatte im deutschen TV unzensiert laufen könnte, mutet geradezu grotesk an. (Und richtig, laut OFDb wurde bei der deutsche Erstausstrahlung auf Fox Pay TV auch massiv die Schere angesetzt, sowohl bei Handlungs- als auch bei Gewaltszenen.) Es bleibt abzuwarten, ob uns hierzulande zumindest eine ungeschnittene DVD- bzw. BD-Veröffentlichung serviert wird.

Ich kann es kaum erwarten, bis die zweite Staffel ausgestrahlt wird, was wohl frühestens im Herbst 2011 der Fall sein wird. Die Dreharbeiten sollen Anfang 2011 beginnen.

Fazit: Ein Meisterwerk. Sämtliche kommenden Ausflüge ins Reich der wandelnden Toten werden sich an diesem neuen Meilenstein messen lassen müssen. Mit Freuden ziehe ich unglaubliche 10 von 10 Punkten.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 28.12.2010 17:17 
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Hab mittlerweile durch einen netten Kollegen fünf folgen der Serie sehen können und ich kann dem Diabolik nur zustimmen! Echt endgeile Serie!!!!!

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 28.12.2010 17:20 
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Finde die Serie auch klasse, wirklich schade das die erste Staffel nur 6 Episoden besitzt. Aber die 2. Staffel mit 13 Episoden ist ja bereits in Planung :)


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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 05.08.2011 15:23 
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Jessas, der erste Eintrag seit acht Monaten! :o

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COLD EYES OF FEAR („Gli occhi freddi della paura“, Italien/Spanien 1971) R: Enzo G. Castellari

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Der junge Advokat Peter (Gianni Garko) reißt sich in einem Londoner Nachtclub die Lebedame Anna (Giovanna Ralli) auf und gedenkt mit ihr ein gepflegtes Schäferstündchen in der Villa seines Onkels, dem Richter Juez Flower (Fernando Rey) abzuhalten. Jedoch purzelt mitten in die schönste Fummelei die Leiche des Hausdieners hinein, dicht gefolgt von dem schmierigen Ganoven Quill (Julián Mateos), der mit bösartigen Absichten und schallgedämpfter Pistole ins Haus eingedrungen ist. Was will der Gauner? Geld und/oder Leben? Schon bald verkomplizieren sich die Verhältnisse, denn Quill bleibt nicht der einzige ungebetene Gast in dieser ereignisreichen Nacht…


Die Inhaltsangabe ist bewusst knapp gehalten, denn es ist für den Zuschauer einträglich, im Vorfeld nicht allzu viele Details des Handlungsverlaufs zu wissen. Denn im Dauerfeuer folgt eine Überraschung auf die nächste!
Bereits im ‚Prolog‘ spielt Castellari mit den Erwartungen des Rezipienten und verwendet hier einen Kniff, den auch Brian de Palma später bei einigen seiner Filme zur Verwirrung des Zuschauers benutzte (etwa bei BLOW OUT oder DER TOD KOMMT ZWEIMAL). Diese erste falsche Fährte, die in einem erheiternden Aha!-Effekt mündet, ist symptomatisch für den gesamten folgenden Verlauf des Plots, der gespickt ist mit Wendungen und Twists.

Was wie ein typischer Sleaze-Giallo beginnt, wandelt sich flugs zu einer ‚Home Invasion‘-Story mit Terrorkino-Elementen, die schließlich von einer komplexen Rachekrimi-Geschichte abgelöst wird, um im dichten Geflecht eines Psychothrillers zu kulminieren.
COLD EYES OF FEAR wird gemeinhin in die Schublade des Giallo einsortiert, was eine recht unglückliche Klassifizierung ist. Wer pittoreske Messermorde mit schwarzen Handschuhen erwartet, wird hier freilich auf ganzer Linie enttäuscht; vielmehr handelt es sich bei Castellaris erstem – und einzigem – Ausflug ins Thrillergenre um ein verschlungenes Krimi-Kammerspiel, bei dem die recht simple Grundstory (nämlich: Vergeltung) mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Stattdessen rückt die vielschichtige Beziehung der Charaktere zueinander in den Mittelpunkt und steigert sich zu einem handfesten Schuld-und-Sühne-Psychokrieg, der in einem Finale gipfelt, das es in sich hat.

In den Händen eines weniger routinierten und begabten Regisseurs hätte dieses Unterfangen mächtig in die Hose gehen können, doch das hervorragende Drehbuch und Castellaris straffe Inszenierung tragen maßgeblich zum guten Gelingen bei. Als außerordentlich effektiv erweist sich hierbei auch die teilweise exzentrische Visualisierung von Kameramann Antonio Ballesteros, der aus den beschränkten Bedingungen ein Maximum an Wirkung herauskitzelt. Das Erfolgsduo Ennio Morricone und Bruno Nicolai liefern dazu einen psychotropen Jazzscore ab, der mächtig an den Nerven schleift, aber gerade deshalb die Ereignisse angemessen untermalt. Für das Skript zeichnet Tito Carpi (in Zusammenarbeit mit Leo Anchóriz) verantwortlich, der die genretypischen Gesetze des Giallo hier gleich mehrfach auf den Kopf stellt und ad absurdum führt. Carpi war einer der Stammautoren von Castellari und verfasste auch die Bücher zu TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT und THE RIFFS II. Anchóriz verdingte sich hauptsächlich als Schauspieler und war u.a. in dem vorzüglichen Western UM SIE WAR DER HAUCH DES TODES zu sehen. 1976 arbeitete er erneut für Castellari und gab den Sheriff in der Wildwestkomödie ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF.

Kammerspiele stehen und fallen natürlich mit der Leistung der Schauspieler, aber auch daran gibt es nichts zu bemäkeln: Westernveteran Gianni Garko war selten so überzeugend wie hier – die Rolle des gebeutelten Anwalts, der so gern ein Rohr verlegt hätte und stattdessen in die Wolfsgrube springen muss, nimmt man ihm eher ab, als die des bärbeißigen Pistoleros. Giovanna Ralli erfreut das Auge und macht auch als Schauspielerin eine gute Figur – auch ihr (scheinbar durchschaubarer) Charakter erfährt einige interessante Wandlungen im Laufe des Films. Drei Jahre später gab sie sich ungleich zugeknöpfter als Staatsanwältin in Dallamanos DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER. Der Spanier Julián Mateos sieht aus wie ein soziopathischer Beatnik und spielt den hypernervösen, geldgierigen Quill mit Verve. Den Höhepunkt des Ensembles stellt aber der großartige Frank Wolff (u.a. SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD) dar, der die Rolle des von Rachsucht getriebenen Arthur Welt mit brodelndem Leben füllt. Es ist eine Wonne zu sehen, wie sein Charakter sich im Verlauf des Films verändert: Seine anfangs mit arroganter Überheblichkeit vorgetragene Siegesgewissheit wandelt sich zunehmend in Unsicherheit und endet schließlich in fieberhafter Raserei. Randnotiz: In einer Mini-Rolle sehen wir die deutsche Darstellerin Karin Schubert, deren Karriere dann später in den Pornos von Theresa Orlowski versumpfte.

Was soll ich sagen? - Ich mag diesen vielfach gescholtenen, kleinen Film sehr gern! Enzo Castellari, dem man einige der besten italienischen Genrefilme zu verdanken hat, beweist wieder einmal, dass er sein Handwerk versteht und imstande ist, auch unter schlichten Bedingungen gute Filme zu drehen.
Sofern man gewillt ist, sich auf diesen Low Budget-Psychokrimi einzulassen (der Film spielt größtenteils an einem Schauplatz und beschränkt sich auf fünf Darsteller), wird man mit spannenden und kurzweiligen 90 Minuten belohnt.
Man sollte halt nur keinen herkömmlichen Giallo erwarten.

Wer die verhasste Punktewertung unbedingt braucht: 7,5 von 10.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 05.08.2011 17:17 
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Die Sichtungen der letzten Tage und Wochen im Schnelldurchlauf:


CIRCUS DER VAMPIRE („Vampire Circus“, GB 1972) R: Robert Young
Wunderbarer Hammer-Spaß, der blendend unterhält. Besonders die schönen Zirkus-Szenen verströmen ein herrlich naives Flair. Mitunter wird auch recht beherzt auf die Blutpumpe gedrückt. Die neue BD von Koch Media ist eine klare Empfehlung!

LEBEN UND TOD EINER PORNOBANDE („Zivot i smrt porno bande“, Serbien 2009) R: Mladen Djordjevic
Nicht unbedingt ein schöner Film, aber ein guter und wichtiger. Kein Vergleich mit dem glattgeleckten, auf ganzer Linie versagenden A SERBIAN FILM. Markus Stiglegger bringt es auf den Punkt: „Ein nihilistisches Manifest.“

THE HIDDEN – DAS UNSAGBAR BÖSE („The Hidden“, USA 1987) R: Jack Sholder
Ein längst fälliges Wiedersehen mit einem meiner liebsten SciFi/Action-Streifen der 80er Jahre. Spannend, rasant, blutig, humorvoll, stramm inszeniert, hervorragende Darsteller – mehr verlange ich nicht. Hat seit der letzten Sichtung vor 12 Jahren nichts von seiner Kraft eingebüßt – im Gegenteil. Leider nur als Bootleg auf DVD – eine Schande!

GRUFT DER VAMPIRE („The Vampire Lovers“, GB 1970) R: Roy Ward Baker
NUR VAMPIRE KÜSSEN BLUTIG („Lust for a Vampire“, GB 1971) R: Jimmy Sangster
DRACULAS HEXENJAGD („Twins of Evil“, BD 1971) R: John Hough
Die Karnstein-Trilogie: 3 x ultimativer Kult aus der Hammerschmiede. Ich kann und will nicht sagen, welchen der Filme ich am besten finde – alle drei sind liebenswert und unverzichtbar. (GRUFT bekommt jedoch den ‚Rattenscharf-Bonus‘ aufgrund der Anwesenheit von Ingrid Pitt!)

TIME CRIMES („Los Cronocrimenes“, Spanien 2007) R: Nacho Vigalondo
Die Überraschung aus Spanien! Unglaublich guter und mörderisch spannender Low Budget-Thriller mit verschachteltem Drehbuch. Obendrein eine sehr schöne BD-Ausgabe von Koch. Geheimtip!

TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN („Death Line“, GB 1973) R: Gary Sherman
Grusel-Schnarcher aus Britannien, den auch die soliden Auftritte von Donald Pleasense (köstlich!) und Christopher Lee (marginal) nicht wirklich retten können. Die wenigen guten Momente werden durch das einschläfernde Tempo zunichte gemacht. Pluspunkt: Atmosphäre & Schauplätze.

SHADOW OF THE VAMPIRE (GB/Luxemburg/USA 2000) R: E. Elias Merhige
Bereits die zweite Sichtung dieses (leider recht unbekannten und unterbewerteten) obskuren Werks. Ein extravagantes Erlebnis, nicht nur aufgrund der schauspielerischen Leistungen von John Malkovich, Udo Kier und – vor allem! – Willem Dafoe als Graf Orlock. Gute BD von Splendid.

THE PROPOSITION – TÖDLICHES ANGEBOT („The Proposition“, Australien 2005) R: John Hillcoat
Ein Neo-Western-Kracher, der mich restlos geplättet hat. Besser geht’s kaum noch, Punkt. Aus der Feder von Nick Cave, der schon mit Hillcoat GHOSTS… OF THE CIVIL DEAD drehte (wo bleibt der als DVD oder BD-Auswertung??).

DOG SOLDIERS (GB 2009) R: Neil Marshall
Sehr unterhaltsamer und (angesichts des minimalen Produktions-Budgets) ordentlich gemachter Werwolf-Streifen vom späteren DESCENT-Regisseur. Hat mich keine Sekunde gelangweilt – über die billigen Creature-Effects kann man getrost hinwegsehen. Anständiges Tempo und gute Darsteller überzeugen.

CAT O‘ NINE TAILS („Il Gatto a nove code”, D/F/I 1971) R: Dario Argento
Man glaubt es kaum, aber dies war meine erste(!) Begegnung mit diesem Klassiker, seitdem ich ihn als Pimpf im italienischen TV sah – woran ich mich freilich kaum erinnern konnte. Der Film schneidet insgesamt zwar schlechter ab als L’UCELLO und QUATTRO MOSCHE, besticht aber trotzdem durch seine fesselnde Story und sehr gute Schauspielerleistungen. Ein Freudenfest, den letzten, noch unbekannten Argento-Film (neu-)zu entdecken… Die US-BD von Blue Underground ist eine runde Sache.

UNGEHEUER OHNE GESICHT („Fiend without a Face“, GB 1958) R: Arthur Crabtree
Mein Favorit aus der GALERIE DES GRAUENS, erneut angeschaut, dieses Mal mit dem unterhaltsamen und informativen Audiokommentar von Kessler & Strecker. Einfach toll! Anolis, ich will Plüschtiere von diesen niedlichen fliegenden Gehirnen!

UM SIE WAR DER HAUCH DES TODES („Los Desesperados“, Italien/Spanien 1969) R: Julio Buchs
Absolut herausragender Spaghettiwestern mit George Hilton und einem grandiosen Ernest Borgnine, der nach einer deutschen Veröffentlichung schreit! Die US-DVD von VCI ist allenfalls suboptimal – aber besser als nix.

DAS BLUT DER ROTEN PYTHON („Tian Long Ba Bu“, HK 1977) R: Pao Hsueh-Li
Ein Film, für den es keine Beschreibungen gibt, Worte versagen kläglich angesichts des Irrsinns der sich hier entfaltet. Lief bereits mit großem Erfolg im Filmclub Bali, musste aber dringend erneut von mir in privater Runde geschaut werden – der Film wächst mit jedem Mal und das Gehirn schrumpft äquivalent dazu! Man kann nur verwundert mutmaßen, welche Drogen sich die Macher dieser unfassbaren Trash-Bombe wohl eingefahren haben – das Feuerwerk an geballtem Wahnwitz und skurrilen Einfällen, das hier abgefackelt wird, sucht seinesgleichen.
Dilemma: Die DVD von REM hat ein exquisites Bild, aber leider keine deutsche Synchro an Bord – und die ist unverzichtbar!

PARASITEN-MÖRDER („Shivers“, Kanada 1975) R: David Cronenberg
Cronenbergs Erstlingswerk hat über die Jahre doch arg gelitten… der Reiz des Schundigen ist etwas verloren gegangen, der Dilettantismus tritt doch überdeutlich hervor. Das soll nicht heißen, dass der Film nicht seine großen Momente hätte: spätestens im letzten Drittel wird Gas gegeben, dass es nur so qualmt. Nostalgiebonus inklusive. Gehört daher in jede gute Sammlung.

THE HOLY MOUNTAIN („Montana Sacra“, Mexiko/USA 1973) R: Alejandro Jodorowsky
Ein Bilderrausch, ein Trip… Kompletter Wahnsinn? Oder ein magisch-alchimistischer-kabbalistischer Einweihungsweg? "I am to film what LSD does to the mind." (A.J.) Eine gute Einstimmung für die kommende Begegnung mit MONDO CANDIDO. Die US-DVD von Anchor Bay hat ein bestechendes Bild.

DARKNESS (Spanien/USA 2002) R: Jaume Balagueró
Sehr guter, fesselnder Geister-Okkultismus-Thriller des Regisseurs von THE NAMELESS. Geht zuweilen ordentlich an die Nerven. Anna Paquin (Sukie Stackhouse aus TRUE BLOOD) in einer frühen Teeny-Rolle.

ICH, DR. FU MAN CHU („The Face of Fu Manchu“, D/GB 1965) R: Don Sharp
Die erste Etappe der Fu Man Chu-Box. Ein großes Vergnügen mit hohem Nostalgie-Wert – ich habe allerdings die englischsprachige Original-Fassung vorgezogen, da ich sie für atmosphärischer halte. Ich freue mich auf die weiteren Teile der Reihe!

COLD EYES OF FEAR („Gli occhi freddi della paura“, Italien/Spanien 1971) R: Enzo G. Castellari
Siehe oben!

MONDO CANDIDO (Italien 1975) R: Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi
Einfach unglaublich… Mir fehlen teilweise die Worte. Ein Film, der sich nicht leicht einordnen und ebenso wenig leicht verdauen lässt. Am ehesten vergleichbar mit den surrealistischen Filmen von Luis Buñuel und Alejandro Jodorowsky – siehe HOLY MOUNTAIN. Ein rauschhaftes Erlebnis, das unmittelbar ins Unterbewusstsein trifft. Wird heute Abend erneut angeschaut, dieses Mal mit Audiokommentar.
Absolut tolle und üppig ausgestattete DVD-Edition von Camera Obcsura. Ein dickes Lob!

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 Betreff des Beitrags: Re: Die diabolische Leinwand
BeitragVerfasst: 17.08.2011 21:43 
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NEUN GÄSTE FÜR DEN TOD („Nove ospiti per un delitto“, Italien 1977) R: Ferdinando Baldi

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Schweinkram mit der Schwägerin

Der reiche Patriarch Ubaldo (Arthur Kennedy) fährt mit seinen drei Söhnen und dessen Ehefrauen auf eine einsame Mittelmeerinsel, um dort im trauten Familienkreis ein paar beschauliche Urlaubstage zu verbringen. Mit der Harmonie im Sippengefüge ist es jedoch nicht weit her: Die Brüder hassen sich untereinander und spannen sich mit Vorliebe gegenseitig die Gattinnen aus, die ihrerseits aus Säuferinnen, Huren und nervlichen Wracks bestehen. Das lustige Ehebrechen wird jedoch jäh unterbrochen, als der erste Tote auftaucht. Scheinbar treibt ein mysteriöser Mörder auf dem Eiland sein Unwesen. Als die Leichen sich häufen und die Nerven der Familienmitglieder zunehmend blankgelegt werden, kommen stückweise auch die grausamen und schmutzigen Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht…


Zunächst war die Überraschung groß, die spätere Freude umso größer: Bei dem in Deutschland nahezu unbekannten NOVE OSPITI PER UN DELITTO von Ferdinando Baldi (dessen Western BLINDMAN ich bislang für seinen besten Film hielt) handelt es sich um einen ganz ausgezeichneten Giallo. Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht allzu viel von dem Film erwartet – allenfalls einen handfesten Sleaze-Giallo mit viel nackter Haut, der angenehm zu unterhalten weiß. All dies trifft auf NOVE OSPITI auch rundum zu, zumindest in den ersten 20 Minuten. Dann entwickelt sich die Story jedoch zu einem mörderisch spannenden und mitunter recht blutigen Thriller, der sämtliche Register zieht.

Bereits der Prolog hat es faustdick hinter den Ohren und ist meisterlich gemacht: In stark weichgezeichneten Bildern sieht man ein weißgekleidetes Liebespaar am romantischen Sandstrand, das von einer Handvoll Männern mit Schrotgewehren überrascht wird. Wir werden unfreiwillig Zeuge eines kaltblütigen Lynchmords: Der junge Liebhaber versucht zu fliehen, wird jedoch von mehreren Schüssen brutal niedergestreckt. Danach zerrt man ihn in ein flüchtig ausgehobenes Grab und verscharrt den Schwerverletzten bei lebendigem Leibe. Die gesamte Szene läuft in völliger Stille und ohne Musik ab – die einzigen Begleitgeräusche sind die Brandung, der Wind und die donnernden Schüsse…Puh, starker Tobak!

Im ersten Drittel des Films werden zunächst einmal die Charaktere eingeführt und ihre komplexen Beziehungen zueinander seziert – recht schnell merkt der Zuschauer, dass der Familiensegen Schieflage hat. Dem alternden Sippenoberhaupt Ubaldo entgleitet der Einfluss auf seine Söhne zusehends, zumal er kränkelt. Seine dreißig Jahre jüngere Gemahlin/Gespielin Giulia (Caroline Laurence) kümmert sich zwar – scheinbar! – rührend um ihn, wird jedoch von den anderen misstrauisch beäugt. Die junge Schlampe hat es doch nur auf das Vermögen des Alten abgesehen, so die familieninterne Meinung. Vor allem die drei Söhne befürchten, dass ihr Vater sie aufgrund ihres mannigfaltigen Versagens als Stammhalter enterbt haben könnte. Dies nicht ganz ohne Grund: Lorenzo (John Richardson) ist ein Schlappschwanz, der nicht raucht und trinkt und lieber angeln geht, als seine heißblütige Gattin Greta (Rita Silva) zu befriedigen, die keine Gelegenheit auslässt, ihn vor den Augen aller zu demütigen. Sie wälzt sich lieber mit ihrem Schwager Walter (Venantino Venantini) zwischen den Laken, oder besser gesagt, lässt es sich am hellichten Tag auf der Terrasse besorgen, während Lorenzo und Walters Frau Patrizia (Loretta Persichetti) zusehen müssen. Die anzufassen verspürt Walter keine Lust mehr, was man ihm nicht gänzlich verübeln kann – Patrizia ist nämlich etwas wunderlich. Sie behauptet, „Stimmen“ zu hören, die sie vor übersinnlichen Gefahren warnen und legt den ganzen Tag Tarotkarten, wenn sie nicht gerade literweise J&B-Whisky in sich hinein kippt. Saufen, Kette rauchen und mit Schrotflinten hantieren, das ist auch die Spezialität des zweitältesten der Brüder, Michele (Massimo Foschi), denn er ist ein ganzer Mann. Seine Ehefrau Carla lässt ihn zwar kalt, dafür geraten seine Säfte aber bei Giulia in Wallung – einen Umstand, den er selbst vor seinem Vater nur mühsam verbergen kann. Des Nachts ferkeln die beiden dann auch ausgiebig miteinander, und zwar mitten im ehelichen Schlafzimmer, wo Carla nebenan liegt und alles mit anhören muss. Sittenverfall und Unzucht feiern also fröhliche Urständ auf dem Inselparadies. Die Verkommenheit seiner Protagonisten dokumentiert Baldi, indem er dem Zuschauer sattsam nackte Haut präsentiert. Da wird gerödelt und geknattert, dass es nur so eine Art hat. Jeder mit jedem, übereinander, untereinander. Und wer zu kurz kommt, befriedigt sich selbst (angenehmerweise handelt es sich dabei um die attraktive Loretta Persichetti) mit Stöckelschuhen und im durchsichtigen Strandkleid unter der Dusche. Es wird also mit Lust auf die Sleazetube gedrückt, zur großen Wonne des Betrachters – denn die Damen sind allesamt ansehnlich. Alle, bis auf vielleicht Tante Elisabetta (Dana Ghia), Ubaldos Schwester, eine alternde Jungfer, die bereits ein paar Schrauben locker hat. Ständig faselt sie von einem Fluch, von bösen Träumen und von einem gewissen „Charlie“, der wiederkommen werde um grausame Rache zu nehmen…

Auf einer tieferen Ebene greift der Film hier natürlich ein beliebtes und weit verbreitetes Motiv des Giallo auf: Die schonungslose Bloßstellung der reichen, dekadenten Oberschicht als moralisch verkommene Subjekte, die ihr gesamtes Handeln lediglich der egoistischen Befriedigung der eigenen Triebe und Gelüste unterordnen und dabei bereit sind, über Leichen zu gehen. Unter der idyllischen Fassade der heiligen Institution „Familie“ (besonders im erzkatholischen Italien!) gärt die Fäulnis, und die Geldgier der Aasgeier wird nur noch von ihrer Geilheit überboten.
Hier ist wirklich jeder des anderen Wolf, man belauert und misstraut sich gegenseitig, erniedrigt sich, wo es nur geht und denkt nur an den eigenen Vorteil. Freilich gibt dies Anlass für reichlich Zündstoff, als sich die ersten Morde ereignen und das Ferienparadies zum Haifischbecken wird.
Die Morde, die in ihrem Einfallsreichtum und der praktizierten Brutalität mitunter schon in Slasher-Gefilde eintauchen, werden stilgerecht mit schwarzen Handschuhen und unter Einsatz der subjektiven Kamera durchgeführt – hierbei erweist Baldi sich als Traditionalist. Sehr reizvoll, weil außergewöhnlich, ist das Setting: die idyllische Mittelmeerinsel mit ihren weißen Postkartenstränden, dem tiefblauen Meer und den pittoresken Sandsteinfelsen steht im krassen Kontrast zur inneren Verderbtheit ihrer Besucher und den finsteren Geheimnissen, die im Verlauf des Films ans Licht gefördert werden. Paradise lost: Aus der Urlaubstraum!

Eine solche Geschichte funktioniert natürlich nur mit einem erstklassigen Ensemble, und hierin liegt die wahre Stärke von NOVE OSPITI. Besonders die Besetzung der männlichen Rollen kann man als Glücksgriff bezeichnen, denn hier geben sich einige gestandene Charakterdarsteller ein Stelldichein. Hollywood-Veteran Arthur Kennedy verdingte sich in zahllosen amerikanischen Filmproduktionen, bevor er sein markantes Konterfei in etlichen italienischen Genrebeiträgen verewigte – am bekanntesten dürften seine Auftritte als Priester in Alberto de Martinos SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN und sein unsterblicher Kommentar als grantiger Inspektor in DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN sein. („Ihr seid alle gleich, ihr ungewaschenen, verkommenen Langhaarigen, angezogen wie Schwule, Drogen, Sex – fähig zu jeder Schweinerei!“)
Großartig ist auch Massimo Foschi als Michele, dem seine überschäumende Männlichkeit zum Verhängnis wird. Man kennt ihn vor allem aus Umberto Lenzis MONDO CANNIBALE 2. Über Valentino Valentini muss man in Gegenwart von Italo-Filmfreunden eigentlich kein Wort mehr verlieren: Der markante Darsteller hat in unzähligen Produktionen der 70er und 80er Jahre mitgewirkt, wovon die Fulci-Kracher SYNDIKAT DES GRAUENS und EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL die bekanntesten sein dürften. Auch bei Baldis nachfolgender Sleaze-Granate HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS war er wieder mit an Bord. Den Höhepunkt des männlichen Casts stellt jedoch John Richardson dar, dessen Charakter Lorenzo sich vom bebrillten Weichei zum fast schon psychopathischen Egoisten mit fein gezeichneten Nuancen entwickelt. Richardson ist ebenfalls ein Stamm-Mime im Italokino, der sich seine Meriten bereits bei Mario Bavas DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT verdiente. Später sah man ihn u.a. in DJANGO – DIE BIBEL IST KEIN KARTENSPIEL, FRANKENSTEIN `80 oder LABYRINTH DES SCHRECKENS. Zum Giallo kehrte er 1981 mit Riccardo Fredas Spätwerk MURDER OBSESSION zurück.
Aber auch die weibliche Besetzungsliste weiß zu gefallen, nicht nur aufgrund ihrer körperlichen Vorzüge. Die aparte Sofia Dionisio (die hier als Flavia Fabiani agiert) sammelte bereits Giallo-Erfahrungen mit Tonino Valeriis MIO CARO ASSASSINO und fuhr bei Deodatos EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN mit. Bei ASSASSINO spielte auch Dana Ghia, die außerdem bei BLUTSPUR IM PARK mitwirkte und die Mutter von Nicoletta Elmi in IL MEDAGLIONE INSANGUINATO gab. Sie legt in NOVE OSPITI eine besonders beeindruckende Performance hin, die ihren langsamen Abstieg in den Wahnsinn mit manischem Glucksen und Kichern illustriert. Die hübsche blonde Französin Caroline Laurence absolviert ihren erst zweiten Filmauftritt, weiß als eiskaltes Luder Giulia aber durchweg zu überzeugen. Später war sie bei einigen EMANELLE-Vehikeln mit an Bord, an der Seite von Sylvia Kristel. Abgerundet wird der sündige Schlampenstadl von Loretta Persichetti, die bereits bei Tinto Brass‘ SALON KITTY Erfahrungen mit sich-nackig-machen sammelte und in NOVE OSPITI als esoterisch verwirrte Alkoholikerin Patrizia brilliert.

Aber erfreulicherweise kann der Film auch auf formaler und technischer Ebene punkten. Hervorragend ist vor allem die Bildgestaltung von Sergio Rubini, der ein sicheres Händchen für die Stilmittel des Giallo beweist, sowohl Kamera als auch Ausleuchtung betreffend. Im Laufe der Handlung beginnt die Bildführung, die anfänglich noch von visueller Harmonie und Blick für’s Weite geprägt ist, zunehmend klaustrophobischer und beengender zu werden.
Eine erwähnenswerte Leistung ist auch das enorm dicht gestrickte und handwerklich solide Script von Fabio Pittorru, der neben etlichen anderen Genreproduktionen auch für die tollen Emilio Miraglia-Gialli LA DAMA ROSSA UCCIDE SETTE VOLTE und LA NOTTE CHE EVELYN USCI DALLA TOMBA verantwortlich zeichnet. Zwar bedient er sich für die „Zehn kleine Negerlein“-Story recht freimütig bei Agatha Christies Geschichte AND THEN THERE WERE NONE und dem Mario Bava-Vorbild 5 BAMBOLE PER UNA LUNA D’AGOSTO, aber das gilt für zahllose Gialli bzw. Slasher und stört keinen großen Geist. Für die feingeschliffene Zeichnung von Charakteren hat er jedenfalls ein sauberes Auge und legt seinen Figuren einige hübsch bösartige Dialoge in den Mund.
Der minimalistische Ohrwurm-Score von Carlo Savina (der vor allem im Western tätig war und die Musik zu FÜNF BLUTIGE STRICKE und SATAN DER RACHE komponierte) glänzt über weite Strecken mit Abwesenheit und räumt der Meeresbrandung und dem entnervenden Windgeheul viel Platz ein, wenn er aber mal einsetzt, ist es stets sehr effektiv.

Woher der Film seinen deutschen Titel NEUN GÄSTE FÜR DEN TOD bezieht, ist nicht ersichtlich (zumal es korrekterweise „Neun Gäste für ein Verbrechen“ heißen müsste), da er in Deutschland weder als Kino- noch als VHS-Auswertung vorliegt. Der Filmfan ist gezwungen, auf die italienische DVD von Surf Video/Cecchi Gori zurückzugreifen, die lediglich O-Ton ohne Untertitel aufweist, dafür aber mit guter Bildqualität glänzt. Obschon Baldis Kleinod nicht an die Giganten des Genres heranreicht – zu den Argentos und Martinos fehlt ein kleines Stück – darf man NOVE OSPITI dennoch getrost zur Speerspitze italienischer Thriller-Unterhaltung zählen. Hier liegt endlich mal ein – sträflich vernachlässigter! – Film vor, für den es sich lohnen würde, eine deutsche Synchronisation herzustellen und zu veröffentlichen.
Eine flehentliche Bitte sei hiermit an die betreffenden Labels ausgesprochen!

Um endlich zum Fazit zu kommen: NOVE OSPITI PER UN DELETTO ist ein zum Teil herrlich sleaziger, zum Teil enorm zynischer und blutrünstiger Schuld-und-Sühne-Giallo der Sonderklasse, den kein Genrefreund sich entgehen lassen sollte.

In Zahlen: 8 von 10.

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 Betreff des Beitrags: Night Train Murderes
BeitragVerfasst: 17.02.2016 16:50 
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Zu Night Train Murders:

Ich habe (und sehe) den Film immer als eine Art "Last House"; er verwendet alle Stilmittel des Vorbilds, von der "Wegnahme" von Kleidungsstücken der Opfer, über das Einnisten bei den Eltern eines der Opfer, das Wiederekennen der Kleidungsstücke bis hin zur Verstrickung beider Elternteile in das Finale.

Klar setzt er gerade im Zug mit der Figur von Macha Merril andere Akzente aber die "Grundauslegung" bleibt doch.

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