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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 13:08 
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Da wir seit einigen Monaten häufiger Anfragen bekommen, ob mal ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden kann, haben wir uns seit längerer Zeit überlegt, etwas Neues auszuprobieren und euch einen Einblick in die Entstehung einer EDV Ausgabe zu ermöglichen. Damit sich der Blick hinter die Kulissen aber besonders lohnt, haben wir dafür einen echten Härtefall ausgewählt, der so gut wie alle Albträume einer Restauration in sich vereint.

In den nächsten Wochen und Monaten lassen wir euch Schritt für Schritt an der Produktion von JET GENERATION teilhaben, der nicht nur eine weitere Ankündigung innerhalb der Reihe darstellt, sondern vielmehr drastisch verdeutlicht, welche Hürden vereinzelt genommen werden müssen, bis ein fertiges Produkt veröffentlicht werden kann.

1967 entstand JET GENERATION unter der Regie von Eckhart Schmidt und als Hauptdarsteller fungierte Roger Fritz, der mit diesem Film auch zeitgleich zum zweiten Mal als Produzent in Erscheinung trat. Vollgeladen mit einer "swinging sixties"-Atmosphäre verfilmten Schmidt und Fritz das gemeinsam geschriebene Drehbuch und veröffentlichten den Film Anfang 1968 in Deutschland und wenig später auch international. Nach Ende in den Lichtspielhäusern geriet der Film in Vergessenheit und brachte es erst 1996 zu einer erneuten Auswertung im Fernsehen, knappe 30 Jahre später.

Teil 1: DIE AUSGRABUNG

Nach der Veröffentlichung von Roger Fritz' Meisterwerk MÄDCHEN: MIT GEWALT traten wir 2015 mit der Idee an Roger ran, auch JET GENERATION wieder zugänglich zu machen, nichtsahnend von dem, was zwischen 1996 und 2015 dem Film bzw. dem Material zugestoßen war.
Während MÄDCHEN: MIT GEWALT über Jahrzehnte hinweg in den Genuss einer sorgfältigen Lagerung kam und somit relativ "leicht" zu verwirklichen war, hatte JET GENERATION nicht ganz so viel Glück und verbrachte die Jahre in einem dunklen Keller, wo Anfang des neuen Jahrtausends das Schicksal erbarmungslos zuschlug und mit das Schlimmste eintraf, was Filmmaterial passieren kann: Ein Wasserrohrbruch mit anschließender Überflutung von genau jenem dunklen Kellerraum, in dem JET GENERATION verborgen war.
Nun ist Wasser per se zunächst nicht so extrem dramatisch, wenn sofort gehandelt wird und entsprechende Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden, doch dies war hier nicht der Fall, sondern der Rohrbruch wurde erst einige Tage später bemerkt und sämtliches Material stand in dieser Zeit im Wasser und wurde anschließend lediglich herausgehoben, aber nicht getrocknet. So vergingen viele Jahre, in denen sich das restliche H2O genüsslich austoben konnte und die Kolonisierung neuer Kellerkulturen vorangetrieben hatte.

Zu-, durch- und weggerostete Filmdosen, verrottete Aktkartons, von Schimmel besetztes Material etc. waren die Folge.

ImageImage

Im Herbst 2015 entschlossen wir uns dazu, es trotzdem zu versuchen bzw. wenigstens den Inhalt zu prüfen und zu entscheiden, ob sich der Versuch überhaupt lohnen würde, oder ob JET GENERATION zu den Filmen gehören wird, die durch tragische Umstände für immer verloren gehen.
Wir drangen in die Katakomben ein (man musste nur der Nase folgen, der Geruch von kaputtem Zelluloid führte auch ohne Licht ans Ziel) und bargen alles, was wir in die Finger bekamen. Zu unserer positiven Überraschung lag da unten viel mehr als zunächst angenommen, doch zu unserer traurigen Überraschung war auf den ersten Blick auch das "viel mehr" Opfer des Wassers geworden.

Stilecht mit Handschuhen und Mundschutz wurde das Material ans Tageslicht befördert und ohne weitere Sichtung in München in einen Kofferraum geladen und nach Berlin kutschiert, da ebenfalls ungesichtet erst in dicke Mülltüten und dann in Kartons verpackt, und von da ging es weiter nach Uelzen zu LSP Medien.
Wer sich an jenen Tagen an unsere Fersen heften wollte, der hatte leichtes Spiel, denn die Spur von zerbröseltem Zelluloid und rostigen Kreisen ehemals runder Filmdosen führte quer durchs Land und war deutlich wahrnehmbar.

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Bevor das Material bei LSP Medien in Uelzen eintraf, ging eine warnende Botschaft voraus, die zwingend auf Handschuhe und Mundschutz hinwies. Man befolgte den Rat und nahm das Material unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen entgegen.
Beim Öffnen der Kartons konnte nun auch die erste grobe Sichtung erfolgen, welche praktisch das ganze Ausmaß dieser Tragödie offenbarte.

Mehr dazu in Teil 2

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 14:30 
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Klasse, dass ihr uns so einen Einblick gewährt. Auf so etwas habe ich gehofft :super2:

Die Bilder von den gammligen Filmdosen lassen mir allerdings das Herz bluten. Umso wertvoller ist euer Einsatz beim Heben dieser Schätze!

Ich wusste gar nicht, dass LSP seinen Sitz (Uelzen) quasi um die Ecke von mir hat 8-)


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 15:01 
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Ein gar wunderbarer Einblick, vielen Dank dafür!
Wirklich traurig, dass solch kulturellen Artefakte irgendwo im Keller vor sich hin gammeln während man Millionen Euros für grottenschlechte Produktionen der öffentlich rechtlichen rausschmeißt oder sonst irgendeinen Mumpitz veranstaltet, so viel zur kulturellen Hochburg Deutschland.

Ich freue mich bereits auf den zweiten Teil.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 15:26 
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Erst einmal ein Danke schön für diese interessanten Informationen. Dies hört sich tragisch an und Ich drücke die Daumen, dass man hier noch was machen kann und es hoffentlich nicht vergebens ist zu hoffen.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 15:30 
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Ganz wunderbare Sache! Bin ebenfalls schon gespannt auf Teil 2 des Berichts...


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 15:30 
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Auch ich bedanke mich für diesen tollen Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen einer EDV-Produktion. Dies zeigt einmal mehr, mit wie viel Herzblut ihr immer wieder an die Sache rangeht, sei der Weg auch noch so steinig! Ich hoffe, dass diese grandiose Reihe noch lange fortgeführt wird und weitere Schätze aus dunklen (und hoffentlich trockenen) Kellerräumen gehoben werden.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 15:47 
Subkultur-Entertainment wrote:

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Bevor das Material bei LSP Medien in Uelzen eintraf, ging eine warnende Botschaft voraus, die zwingend auf Handschuhe und Mundschutz hinwies.


Na da sollte aber nur der Herr Kaiser ran! :mrgreen:


Übrigens megacooler Thread! Bin saugespannt auf Teil 2!
Wenn Ihr das schimmelige Ding rettet, seit Ihr echt der Hammer!

Handelt es sich hier um eine normale Filmkopie oder um die Negative? Da ich megamäßiger Laie bin, weiß ich nicht mal ob ein Filmnegativ in derartigen Dosen aufbewahrt wird.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 16:46 
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Toll welchen Aufwand ihr euch antut ;)

Sag mal wie steht es eigentlich mit "x+y". Wie die Story von dessen Bergung weiter ging würde ich auch gerne wissen ;)

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 17:50 
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reggie wrote:
Toll welchen Aufwand ihr euch antut ;)

Sag mal wie steht es eigentlich mit "x+y". Wie die Story von dessen Bergung weiter ging würde ich auch gerne wissen ;)


Ich auch. Ich befürchte allerdings, dass es zu "X + YY" nichts neues zu erzählen gibt. :(


Ansonsten @ SKE: :jc_you_rock:


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 18:16 
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Auch von meiner Seite aus ein ganz dickes Danke schön für diesen höchst interessanten Einblick, bei dem ich schon schwer gespannt bin, wie die spannende Geschichte weitergehen wird :dh:

Und hoffentlich öffnet dieser Einblick auch den notorischen "ich bezahle höchstens 15€ für eine BD" Nörglern endlich mal die Augen..... ;)


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 18:40 
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Ein hochinteressanter und spannender Thriller nimmt hier seinen Anfang. Ich finde es riesig dass ihr diese Sachen erzählt und bebildert, das ist für mich (und sicher für die allermeisten hier) absolutes Neuland, und für jeden Filmliebhaber eine aufregende Entdeckungsreise.

Danke dafür!!! :girldanke:

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 19:55 
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Drücke euch die Daumen, dass ihr es schafft, dieses Wunderwerk wieder in seiner alten Pracht erstrahlen zu lassen!

Roger Fritz und Eckhart Schmidt in trauter Zusammenarbeit an einem Film. Das ist natürlich ein epochales Ereignis, welches für die Nachwelt bewahrt gehört!
Fast so, als ob zu Stummfilmzeiten Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau miteinander gedreht hätten. Nur natürlich noch viel wichtiger!!!

:schilder_hschild: :a017_gif: :schilder_hschild:

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 20:33 
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Auch von mir ein dickes Danke für diesen Einblick.
Ich gestehe hiermit offiziell ein zu denjenigen zu gehören, die nach einem Blick hinter die Kulissen gefragt haben. :oops:
Finde die Idee mit der gesamten Öffentlichkeit aber nun sogar noch besser, da so jeder in den Genuss kommen kann.

Chapeau an SK und LSP, sich das anzutun. Ich nehme das Ding mit, auch wenn es am Ende nur auf VHS veröffentlicht wird. 8-)

Teil 2 kann kommen, Faszination pur.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 20:34 
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Solche Einblicke finde ich hochinterssant und bin daher schon saugespannt wie's weitergeht... wie bei ner guten Serie... Episode 1: mega-angefixed!!! 8-)

Besten Dank dafür und...

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 22:17 
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Kann mich da natürlich nur anschließen und bedanke mich ebenfalls für so viel Transparenz!
Alle Daumen sind gedrückt!


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 22:44 
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Ich werde das auch weiterverfolgen hier :D

Handschuhe und Mundschutz bei LSP Medien also. Spannend wie die besten Arztserien ...


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 22:45 
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Sehr spannender Thread.... das ist ja fast wie bei einer archäologischen Ausgrabung !!!

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Blu Ray und DVD Holzkistenverpackungen sind Sondermüll....
und echte Filmfans brauchen sowas nicht !!!


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 01.03.2016 22:52 
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Trash wrote:
Sehr spannender Thread.... das ist ja fast wie bei einer archäologischen Ausgrabung !!!


Filmmaterial ist eben das Wahre!!! :a75-1:

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 01:16 
wuthe57 wrote:
Handschuhe und Mundschutz bei LSP Medien also. Spannend wie die besten Arztserien ...


Nicht dass die was ins Forum einschleppen. :shock:


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 01:57 
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wuthe57 wrote:
Handschuhe und Mundschutz bei LSP Medien also. Spannend wie die besten Arztserien ...


Oder wie bei Hooligankämpfen :D
Gibt im übrigen nur eine wahre Arztserie Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen 8-) :lol: :lol:


Bin jedenfalls gespannt wie es weiter geht.Hoffe ich liege da nicht falsch,vermute aber es endet gut und Jet Generation wird in Zukunft als EDV erscheinen.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 02:07 
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Dem Eingangsposting entnehme ich, dass der Film tatsächlich in der EDV erscheinen wird.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 02:39 
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Scheint wohl noch nicht ganz klar zu sein. Zumindest laut einem Facebook-Kommentar von Subkultur:


Subkultur wrote:
Du kannst den Prozess als "live" ansehen, denn auch wenn bereits intern der nächste Tagebucheintrag vorbereitet wird, wissen wir tatsächlich nicht ansatzweise, wohin die Reise gehen wird und ob wir es schaffen, den Film zu erhalten. Jeder hat nun die Möglichkeit, unseren Erfolg oder Misserfolg mitzuerleben.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 12:36 
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Schön, dass dieser Thread scheinbar einen Nerv getroffen hat.
Ohne lange Umschweife direkt zum zweiten Teil

Teil 2: SORTIEREN / KATALOGISIEREN / SICHTEN

„Die Kisten sind da! Die Kisten sind da!“ tönte es nach ihrer Ankunft am Bestimmungsort. Was aber grundsätzlich positiv zu klingen scheint, ist leider nur der Anfang einer Reise, deren Ziel derzeit noch unbekannt ist.

Da alles geborgene Material nach dem Wasserschaden dereinst einfach nur wild gestapelt wurde, war auch das Chaos in den Kisten perfekt. Ein riesiges Durcheinander bremste die Euphorie, noch bevor das wahre Elend sich auf den zweiten Blick zu erkennen gab.

Insgesamt 8 große, schwere und gebeutelte Kartons mussten zunächst ausgepackt und geordnet werden, was jedoch einem Puzzlespiel glich, denn es gab im Vorfeld keine genauen Informationen, was im dunklen Kellerverlies über Jahrzehnte hinweg eingemottet war. Von Negativen, Vorführkopien und anderen Materialien war die Rede, doch in Wahrheit war es mehr, bedeutend mehr, und NICHTS davon wurde vom Wasser verschont. Was wurde denn nun tatsächlich aus der feuchten Dunkelheit geborgen?

Generell ist eine Sortierung relativ problemlos möglich, da jede einzelne Büchse, jeder einzelne Karton und jede einzelne Kopie in der Regel sorgfältig und akkurat beschriftet ist, doch in diesem Fall tauchte bereits bei einer theoretisch einfachen Sache das erste große Problem auf. Nur ein Bruchteil des gesamten Materials konnte anhand des Etiketts identifiziert werden, der Rest war entweder ausgeblichen, weggegammelt, löste sich beim Transport ab und flatterte wahllos in den Kisten rum, oder war schlicht und ergreifend einfach nicht beschriftet.

Immerhin, die erste halbwegs brauchbare Büchse, die auftaucht, stammt vom Interpositiv. Ja, es ist tatsächlich die beste Büchse mit dem besten Zustand, auch wenn es nicht den Anschein hat:

Image

Wegen der extrem starken Verschmutzung wurde das Material vorerst an einem anderen Ort gebracht und dort vorsortiert.
Auch um einer "feindlichen Übernahme" seitens Essig, Schimmel oder sonstigen Verbrechern auf andere gelagerte Materialien vorzubeugen.

Zur "Begrüßung" direkt eine unbeschriftete und vollgestopfte Dose mit einer rotstichigen Positivkopie und ein Karton mit völlig verblichenen Etiketten:
ImageImage

Um einen Überblick zu erhalten, wurde jeder Kisteninhalt nebeneinander ausgebreitet:
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Die Materialien mit lesbarer Beschriftung bildeten die Basis für die weitere Zuordnung. Im nächsten Schritt fand die Orientierung an Kartonfarben/-nummern statt, mit dem Ziel, einzelne Komponenten ihrem möglichen Gegenstück zuzubringen.

Das englische Tonnegativ konnte nur durch ein dickes rotes Kreuz auf grünem Untergrund zusammengefügt werden, da die Etiketten entweder ausgeblichen oder gar nicht beschriftet waren.
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War eine solche Zuordnung nicht möglich, wurden die jeweiligen Büchsen/Kartons geöffnet (sofern möglich, da einzelne Dosen zugerostet waren) und der Inhalt mittels Optik zugeordnet. Leicht wurde es mit den kleinen Röllchen, welche allgemein alternative Titel, Trailer (Bild- und Tonnegativ) oder evtl. Outtakes oder ähnliche Sachen enthalten. Aufgrund ihres Umfangs können sie im Vorfeld bereits als Bild- und Tonmaterial des eigentlichen Hauptfilms ausgeschlossen werden, was die Zuordnung erleichtert.


Titelmaterial (Hintergründe, Textings) ohne direkte Eindringung von Wasser. Glück?
Mitnichten, auch hier starke Verschmutzung und Schimmelbildung:

Image


Trailermaterial. Sichtbar sind die teilweise drastischen Schimmelbildungen:
ImageImageImageImage

Nach einigen mühseligen Schichten war die Vorarbeit erledigt und das gesamte Material konnte identifiziert werden. Um die vagen Aussagen zum Umfang des Materials in harte Fakten zu verwandeln, wurde alles säuberlich katalogisiert und archiviert, denn diese Arbeit möchte man nur einmal machen.

Unterm Strich wurde praktisch das gesamte Quellmaterial von JET GENERATION aus dem Keller geborgen.

- 35mm deu. Interpostiv (10 Rollen)
- 35mm eng. Tonnegativ (10 Rollen)
- 17,5mm Mag. Mischung (10 Rollen)
- 17,5mm Mag. Musik (10 Rollen)
- 17,5mm Mag. Geräusche (10 Rollen)
- 17,5mm Mag. Arbeitsfassung (ca. 10 Rollen)
- diverses 35mm Titelmaterial Haupfilm in Dosen (12 Rollen)
- diverses Trailermaterial in Karton/Dosen (Bild-Neg, Ton-Neg, Interpos, Titelmaterial usw.)
- 35mm Positiv Kopie (unvollständig, ein Akt ohne Kern, gequetscht)
- 35m Tonneg Jet Generation laut beschriftung "5b" (aber 600m satt 300m, daher vermutlich 5a/b))
- 35mm Karton mit unbekanntem Inhalt, da komplett verschimmelt

Was jetzt aber nach fetter Ausbeute ausschaut, ist in Wahrheit nichts mehr als reines Elend. Es ist unser erstes Projekt, bei dem regelrecht tonnenweise Material aufgetaucht ist und unter halbwegs normalen Umständen würden bei so einem Fund die Freudentränen kullern, doch es macht keine Freude, da nahezu 80% der Gesamtmenge rein optisch abgeschrieben werden muss.

Um nun die Spreu vom Weizen zu trennen, muss jede einzelne Büchse, jeder Karton, jeder Frame eine (optische) Kontrolle erfahren, ob und was davon überhaupt für weitere Schritte in Frage kommen könnte. Über dieser Phase schwebt allerdings ein bestialischer Essiggeruch. Es war also Eile geboten, denn wir sprechen hier von beißendem Geruch, von Kotzreiz und penetranten Kopfschmerzen. Und vor allem von einer Zelluloid-Leiche, die sich zwischen dem Material versteckt hat und damit droht, den gesamten Rest zu infizieren, sollte das noch nicht geschehen sein. Das Essigsyndrom ist ein Krebsgeschwür, ein fieser Virus, der droht sein Umfeld anzustecken und sich schleichend auf ihm nahestehendes Material zu übertragen.


Man folgte dem Geruch und die erste Ernüchterung machte sich breit. Die Kartons der isolierten Geräusche und der isolierten Musik sind feucht, mit Schimmel überzogen.
Obwohl sie nicht direkt im Wasser standen, sind sie dennoch zum Opfer der hohen Luftfeuchtigkeit geworden:
ImageImageImageImage


Die nächste Geruchsbelästigung kam vom mittlerweile vollständig zusammengetragenen Interpositiv. Eigentlich eine optimale Grundlage für die Restauration eines Films, da es als Arbeitsergebnis (direkt vom Negtiv kopiert und lichtbestimmt) die intendierte Fassung der Filmemacher enthält, doch wozu sollte man auch Glück haben? Der Wasserschaden sorgte für ordentlichen Lochfraß und bereits der äusserliche Anblick der so sehr geschätzten Bildquelle ist ein Albtraum:
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Zerrostete Dosen und beschädigtes Material so weit das Auge blickt, doch zur großen Überraschung scheint der schlimmste Essiggeruch nicht vom Interpositiv zu kommen, denn bei der direkten Schnüffelprobe erwies es sich als 'zurückhaltend' (was man unter diesen Umständen hier fast schon als guten Zustand bezeichnen könnte). Trotzdem ist das Material bereits stark wellig und hat die Zeit nicht gut überstanden, zudem hat sich der Rost der sich auflösenden Dosen teilweise über dem Material verteilt. Hier ist besondere Vorsicht geboten, den wenn diese Metalstücke zwischen die Wicklungen fallen (die sich über die Jahre hinweg gelockert haben) besteht erhöhte Gefahr, das Material weiter zu beschädigen und zu zerkratzen.
ImageImage


Trotz der riesigen Menge Material war die Suche nach dem "Essig-Teufel" nicht unendlich und der wahre Übeltäter konnte recht zügig entlarvt werden. Die Rede ist vom Magnetton, der PERFEKTEN Quelle für die optimale Restauration einer Tonspur, praktisch die Mutter aller Tonsspuren und für Puristen definitiv immer die erste Wahl, denn nichts kann diese Qualität übertreffen. Das sollte man meinen, aber Übeltäter bleibt Übeltäter, und der Magnetton ist die Ursache für latenten Kotzreiz, Kopfschmerzen und panikauslösender Atemnot.


Bilder sagen mehr als tausend Worte:
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Zerfressen, zerstört und frustrierend, oder einfach nur ein großes "SCHEISSE". Die Mutter des Tons ist tot, jede Wiederbelebungsmaßnahme hoffnungslos ausgeschlossen. Das ist die Quelle des unfassbar beißenden Gestanks, vom eingedrungenen H2O vom Planeten gefegt. Anhand der völlig aufgelösten Dose im Hintergrund von Bild 2 kann man erahnen, wie sich ein derartiger Zersetzungsprozess auf die Atemwege auswirkt.

Nach der Beseitigung von insgesamt zwei vollen Schaufeln (!!!) Rost haben wir Status Quo, was abschließend bedeutet: JET GENERATION droht für immer zerstört zu sein. Um aber die Gewissheit zu bekommen, ob der Film irgendwie gerettet werden kann oder auch nicht, müssen wir nun mühevoll und mit einer Menge Handarbeit viele grobe Verschmutzungen, Schimmel und co. beseitigen, bevor es zu ersten Digitalisierungstests kommen kann.

Was die Ergebnisse bringen werden, veröffentlichen wir dann demnächst im dritten Teil unseres Reports.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 13:01 
@Subkultur

Nehmen wir an Ihr würdet das Material noch hinbekommen uum eine anständige Version des Films zu veröffentlichen. Dann ist alles fein digital gemastert und was passiert dann mit den Materialien? Werden die trotzdem noch aufgehoben? Eigentlich sollte man das Zeug nie wegschmeißen.


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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 14:05 
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italo wrote:
@Subkultur

Nehmen wir an Ihr würdet das Material noch hinbekommen uum eine anständige Version des Films zu veröffentlichen. Dann ist alles fein digital gemastert und was passiert dann mit den Materialien? Werden die trotzdem noch aufgehoben? Eigentlich sollte man das Zeug nie wegschmeißen.


Danach wird es sicher wieder irgendwo eingelagert. Liegt aber nicht in unserer Entscheidungsgewalt.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 15:04 
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Oh Boy. Hab in 38 Jahren ne Menge Zelluloidleichen gesehen, und ist hiermit die neue Nummer 1.

In welcher Form existiert der Film denn noch? Monsieur Schmidt haut pro Monat (gefühlt) eine
neue Hollywood Doku raus und hat sein eigenes Spielfilmdebüt nie abgetastet?

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 15:10 
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Subkultur-Entertainment wrote:
Danach wird es sicher wieder irgendwo eingelagert. Liegt aber nicht in unserer Entscheidungsgewalt.



Wenn zum Einlagern noch was übrig bleibt. :shock:
Auf den Bildern sieht es fast schon aus, als ob das Material regelrecht zerfällt, sobald man es in die Finger nimmt. :o :(

Jedenfalls spannend, das alles mitzuverfolgen!

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 15:52 
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mike siegel wrote:
In welcher Form existiert der Film denn noch? Monsieur Schmidt haut pro Monat (gefühlt) eine
neue Hollywood Doku raus und hat sein eigenes Spielfilmdebüt nie abgetastet?


Von dem Film kursieren noch Vorführkopien, die aber auch gelitten haben. Alle mit Rotstich, der schon fast ins Pinke driftet und teils herbe Jumpcuts, die eine ordentliche Menge Material weggefräst haben. Also ebenso unbrauchbar für eine Restauration.

Da der Film aber 1996 im Fernsehen lief, haben wir eine kleine Hoffnung, dass vielleicht noch eine Sendekopie existiert. Auch Mitte der 90er gab es vereinzelt noch 35mm Sendekopien und sollte eine existieren, dann gäbe es vielleicht eine Überraschung. Das damalige Sendeband scheint noch zu existieren, wir bemühen uns gerade darum. Aber wir reden hier bestenfalls von einem mindestens 20 Jahren alten Master in SD. Die Qualität dürfte daher recht mau sein und entspräche keineswegs unseren Ansprüchen. Die Quelle für das damalige Sendeband könnte spannend sein, die muss aber erst gefunden werden, sofern sie überhaupt noch exisitiert.

Nach fast 50 Jahren ist die Suche nach Material mit der berühmten Stecknadel zu vergleichen. Damals gab es kein Internet, keine wirklichen Datenbanken, sondern die Details stehen auf alten Karteikarten und in den Produktionsunterlagen. Die müssen alle akribisch durchforstet werden, um diese lange Kette zu rekonstruieren. Eckhart Schmidt war der Regisseur, hatte also mit Digitalisierung und Vertrieb des Films bisher nicht wirklich viel zu tun. Produziert hat den Film Roger Fritz und Roger ist der wichtige Schlüssel zur Materialkette.

Von Eckhart Schmidt haben wir allerdings erfahren, dass noch alternatives Drehmaterial existieren könnte. Sollte es lokalisiert werden, gibt es auch da eine Chance, vielleicht noch Material der Endfassung zu finden. Aber auch hier: Alles nur mühsam durch Sichtung von alten Unterlagen machbar, um den möglichen Weg der Materialien nachvollziehen zu können.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 15:56 
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Setzer wrote:
Auf den Bildern sieht es fast schon aus, als ob das Material regelrecht zerfällt, sobald man es in die Finger nimmt. :o :(


Das sieht nicht nur so aus, Teile des Materials zerfallen tatsächlich schon bei der leichtesten Berührung.

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 Post subject: Re: JET GENERATION (oder wie eine EDV entsteht)
PostPosted: 02.03.2016 16:10 
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Sehr erschreckende und sehr traurige Informationen sind dies. Ich hoffe trotzdem, dass man da noch was machen kann. Auch wenn die Ausgangslage im warsten Sinne des Wortes sehr bescheiden ist.


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