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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: SLEEPAWAY CAMP
BeitragVerfasst: 14.10.2015 12:51 
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SLEEPAWAY CAMP - BLUTIGER SOMMER
USA 1983
Regie: Robert Hiltzik
Drehbuch: Robert Hiltzik
Darsteller: Felissa Rose als Angela, Jonathan Tiersten als Ricky, Christopher Collet als Paul


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Es ist Sommer und Dr. Martha Thomas (Desiree Gould) schiebt ihren Sohn Ricky und die Nichte Angela ab ins Sommercamp an einen See. Dass Vater und Bruder der Nichte vor knapp sechs Jahren von einem Motorboot getötet und stellenweise zerhäckselt wurden, ist Schnee von gestern. Klar kann so eine Wiederankunft am See traumatisch wirken, zumal Angela ja auch kaum spricht. Aber was soll schon schief gehen? Das Camp, das sie ausgesucht hat, scheint auch nett zu sein. Vielleicht hatte Tante Martha einen Flyer zur Hand, der die Teenageraufbewahrungsstätte bewirbt. Mit irgendwas muss das Wald- & See-Camp ja punkten. Am Leiter Mel (Mike Kellin) kann es eigentlich nicht liegen. Mit seinen Kniestrümpfen, der immerwährenden Zigarre im Mund und dem abgetragenen Polo wirkt der suspekte alternde Krauskopf wie jemand, der sein Geld nicht auf legale Weise verdient hat. Einer, dem "Pussy" im Kopf rumschwirrt, wenn er Mädchen sieht, die seine Enkelinnen sein könnten.

Auch die Kochbrigade ist nicht sonderlich vertrauenserweckend. Ja, sie werden Mel wenig Geld gekostet haben, das spricht für sie. Zumindest in Mels Augen. Aber grundsätzlich wirkt das wie eine Bande Kleinkrimineller, die lediglich Sozialdienst leisten muss. Lassen wir die Köche Köche sein, sie kommen ja nicht in den Werbeflyer und ernähren können sich die Kids auch von Schokoriegeln vom Kiosk.
Schauen wir in das Camp. Angela hat es nicht so leicht. Sie ist sehr introvertiert. Weder isst sie noch spricht sie. Wie Kinder, die aus sozialen Rahmen fallen, von anderen behandelt werden, muss nicht erklärt werden. Als oberste Mobbing-Täter kristallisieren sich zwei Zimmermitbewohnerinnen raus. Die eine ist krankhaft hochnäsig. Regnet es, tropft es in ihre Nasenlöcher. Ihren eigenen Namen trägt die narzisstische Nymphomanin Judy auf dem Pullover. Als wäre sie Puma. Sie wollen, das Angela spricht. Sie tun alles um sie zum reden zu bringen. Sie zerren an ihren Haaren und sie werfen sie ins Wasser. Aber alle körperliche Gewalt nutzt nichts. Sie spricht nicht.

Aber wir sind in den USA, es sind halbe Kinder. Es muss soziale Kontrollen geben. Vorgesetzte. Auf der einen Seite natürlich Vetter Ricky. Er ist sehr beschützerisch, er krakelt oft, wenn Angela mal wieder etwas abbekommt. Er ruft die Asozialen laut: COCKSUUUUCKER; COOOOCKSUCKEEEEEERR! Klar, auch in Rickys Zimmer ist jemand, der nicht so beliebt ist. Ein kleiner fetter Junge, der im Baseball versagt. Sie strecken ihm nackte Ärsche ins Gesicht und verarschen ihn so lang bis er das Messer zückt. Aber...irgendwie ist das etwas anderes. Auch Ricky bester Freund schützt Angela. Bei ihm liegen die Gründe anders. Die zarte Jungfrau ist ein bisschen verliebt in sie. Er küsst sie. Seine Lippen bewegen sich derart schnell auf die Wange und wieder zurück als wäre es eine Mutprobe und er müsste einen Frosch oder eine Achselhöhle küssen. Er ist süß und bar jeder Erfahrung. Mit anderen Worten er ist sterbenslangweilig. Wenden wir uns den anderen zu. Den Erwachsenen. Nicht die Köche, die sind schmuddelig und ein bisschen eklig. Essen wollte ich von denen Nichts müssen. Gehen wir zu den älteren Teenagern, die aufpassen auf die Kids. Sie sind alle Mitte 30. Sie haben teilweise haarige Bäuche wie Dackel. Das Eigenartige: Die haarigen Pansen sieht man, obwohl sie volle Kleidung tragen. Hose, Kniestrümpfe, Shirt.

Warum sieht man dann die Bäuche, wenn sie Oberbekleidung tragen, mögt ihr euch fragen. Meine gehen doch bis zum Hosenbund, da lugt höchstens der Unterbauch zwischen Gürtel und Shirtende hervor. Ja! Mag sein. Aber die jungen Männer sind kleine Fashion Whores. Sie tragen Hotpans und Tanktops, die kurz unter den Achsel aufhören zu existieren. Der Eindruck, dass sie zu alt gewordene Kinder sind wird durch diese Kleidung nur verstärkt. Sie sehen aus als wären sie über Nacht aus ihrer Kinderkleidung herausgewachsene, haarige und ungetüme Tollpatsche. Das einzige was von dieser Fetischistenhorde bedeckt sein muss, sind die Waden und Schienbeine. Die weißen Tennissocken zerren sie bis zu ihren Knien, wie es der Campmode entspricht. Der imposanteste von allen ist Ronnie (Paul deAngelo), der gern einfarbig trägt. Er mag doof sein aber er ist so herzensgut wie Paul. Ronnie hat riesige Muskeln, die er auch gern zeigt. Ich denke, dass er das Herzstück des Camps ist. Die gute Seele ohne die nichts läuft. Wenn das Morden beginnt ist er auch besorgt und traurig.
Nicht so der Zigarrenboss Mel. Tauchen die ersten Leichen auf, sorgt er sich um fehlende Einnahmen. Mel ist die fleischgewordene Inkompetenz. Er will Frauen vernaschen, die seine Enkeltöchter sein können und er prügelt die Scheiße aus Zwölfjährigen, die er des Mordes verdächtigt. Er taugt weder als Campboss noch als Detektiv.

Die Morde und der Mordende sind nachrangig in einem Slasher. Mord als Strafe ist schon übertrieben hart. Diejenigen, die sterben sind selbst nicht die beliebtesten, oft in pubertären Selbstfindungsphasen. Wie der eine Bub, der im Baseball versagt, der Pott raucht und Heavy Metal hört. Ihn zu ertränken, weil er ein stummes Mädchen mit "You`re fucked up" angeht, ist gemein. Da sollte der Mörder mehr Nachsicht walten lassen.
Es sind einige Punkte, die den Film sehr aufregend machen. Zum einen möchte ich nochmal die Mode herausheben. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so ungläubig auf Mode starrte und kicherte. Der Ausstatter des Filmes ist ein Genie. Dann die Sexualität. Lassen wir die Zwölfjährigen aussen vor, die unbeholfen ihren ersten Küssen entgegenwanken. Der Film ist ein Höhepunkt der Homosexualität. Streckenweise vermutete ich mich eher bei einem Kenneth Anger Film oder auf Fire Islands. Sogar Angelas Vater knutschte Hunter Thompson-Versatzstücke.

Netter Film.

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 Betreff des Beitrags: THE WANDERERS
BeitragVerfasst: 15.10.2015 16:04 
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Wanderers, The

USA, 1979,
Regie: Philip Kaufman
Drehbuch: Philip Kaufman
Kamera: Michael Chapman
Hrají: Ken Wahl, John Friedrich, Karen Allen, Toni Kalem, Alan Rosenberg, Tony Ganios, Linda Manz, Samm-Art Williams, Olympia Dukakis, Wayne Knight, Ken Foree, Michael Wright, Adam Kimmel, Val Avery, Sally Anne Golden, Erland van Lidth


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Es ist New York City. Aber keiner der Stadtteile für reiche Menschen, oder schöne Menschen. Es ist der Norden der Stadt, die Bronx. Wir befinden uns in der Regierungszeit John F. Kennedys und die Bronx ist ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen. Das Problem ist, dass die Gegend nicht von der CSU regiert wird, dass es keine gemeinsamen Normen, keine Integration oder Leitgesellschaften gibt. Jede Bevölkerungsgruppe bleibt für sich und separiert sich. Das beginnt schon in der Schule. 18 Italiener in der Klasse, 15 Schwarze. Ein Eskimo der wie ein Farbiger aussieht und ein Jude der als Italiener durchgehen könnte. Dazwischen ein Bulk namensgleicher Chinesen, die alle Karate können und wie Klone aussehen.

Das einzige was all diese Gruppen eint, ist die Wut aufeinander und das Schmalz in den Haaren. Aber sie sind alle halbmündige Schüler. Sie müssen auch darauf achten, was aus ihnen nach der Schule passiert. Zumindest den einen interessiert das. Turkey, den truthähnigen Italiener. Zu den Erwachsenen will er, zu den Glatzköpfen. Die Italianos sind Schüler, ihre Gang sind die Wanderers. Fesche Jacken tragen sie, ohne Frage. Aber die Erwachsenen Italiener tragen die Jacken nicht. Die einzige erwachsen wirkende Gang sind die Glatzköpfe. Gut, könnte man einwenden, sie sind als Erwachsene in einer Gang, weil sie den Absprung nicht geschafft haben. Der Verdacht erhärtet sich, wenn man in ihre Visagen starrt. Es sind völlige Verlierer. Nicht die Art Bukowski-Verlierer, mit Liebe zu Brahms. Nur Dosenbier, Fäkalien auf den Hemden und Glatzen. Der Boss nennt sich Terror und er ist in seiner Beleibtheit schon ein Fall für den Skurilitätenzirkus. Als Boss kann er eine Viertel Pizza auf Ex essen.
Da kann man schon ein wenig den Kopf schütteln, warum Turkey die etwas schmierigen Italiener verlassen möchte, wegen einer Bande "Pimmel mit Ohren". Mit den anderen Wanderers ist da mehr los. Etwa Joey. Sein Vater hat den größten Bizeps der ganzen Bronx. Sein Bizeps ist ungefähr so groß wie die Taille des hühnerbrüstigen Sohnes. Der Vater schämt sich deswegen. Aneinander geraten Vater und Sohn öfter. Auch, man soll es nicht glauben, wegen Kunst. Joey ist talentiert im Malen. Doch er mal das falsche. Findet sein Vater. "Vögel sind Kunst", weiß er. Aber was interessiert ein Bub, der die Italiener für eine Bande aufgedunsener Alkoholiker verlassen will? Was interessiert ein Jüngling im Körper eines Kindes? Wir sind in der italienischen Gang! Wo bleibt der Sex?
Da kommt Richy ins Spiel. Schön wie eine Tüte Wein bekommt er die Ladys rum. Er bumst. Auch die, die sein Kumpel Joey mag. Blöd nur, dass er die Tochter des lokalen Mafiosiquartetts schwängert. Dass ihm die Hodensackentleerung mehr kümmert als Freundschaft, lässt ihn zwangsläufig zum Cliquenausenseiter werden. In Flagranti wird er beim Seitensprung erwischt. Und obwohl er eine tolle Erklärung parat hat, fängt er sich eine:

Joey, warte ich erklär dir das. Der Gedanke an die hat mich einfach so geil gemacht, dass ich nicht anders konnte." "

Genug mit dem Sex. Es sind Gangs und es ist die Bronx. Ein Wettkampf muss her. Italiener sind involviert, also "muss auch Geld fließen". Ein Footballspiel steht an, zwischen den Italienern und den Farbigen. Winner takes it all. Selbstverständlich werden nach dem Spiel die Gegner erwachsen geworden sein. Sie werden flügge, einige verlassen die Gegend und suchen ihr Glück fernab der elterlichen Liebe. Andere schaffen es nicht, sei es, weil sie die lokale Mafiatochter schwängerten und nun im Hawaiihemd ins Geschäft der Vier Brüder, die zusammen 600 Kilo auf die Waage bringen einsteigen, sei es weil sie einfach vorher sterben.
Pluspunkte: Viel Rock`n`roll, viel Cock`n`roll, besoffene Dickwänste, die sich ausversehen bei den Marines eintragen und ne coole Bowlingbahn. Der schöne Perry und der Bodybuildingvater. Die Hawaiihemden.
Minuspunkte: Die Iren. Was für ein verschlagener Haufen, die haben nichts mit den kleinen rothaarigen Gnomen zu tun, die man so oft unter Brücken findet.

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 Betreff des Beitrags: EIN DRITTEL DER NACHT
BeitragVerfasst: 17.10.2015 17:38 
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Trzecia część nocy

Ein Drittel der Nacht
Polen 1971
Regie: Andrzej Żuławski
Drehbuch: Andrzej Żuławski
Kamera: Witold Sobocinski
Hudba: Andrzej Korzynski
Darsteller: Leszek Teleszynski, Małgorzata Braunek, Jan Nowicki, Hanna Stankówna, Alicja Jachiewicz, Jerzy Stuhr, Tadeusz Huk, Grażyna Barszczewska, Marek Walczewski, Anna Milewska


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Die übernatürliche Glückssträhne des jungen Witwenwaisen Michal endet schlagartig als einbeinige Ballsportkrüppel ihn in einer Treibjagd durch das tiefste Innere der städtischen Krankenhauskatakomben hetzen. Denn als er die Versehrten abschüttelt steckt er in einer Sackgasse, im Schummerlicht bettet eine herrenlose Pritsche. Er zieht das Leichentuch zurück und entdeckt sich selbst.
Bei jemandem, der sich selbst als Leichnam entdeckt, muss etwas gewaltig schief gegangen sein. Drehen wir die Zeit zurück und sprechen über den Ist-Zustand: Eine namenlose Macht tollwütiger Militärs hat Besitz ergriffen von Polen. Die Besatzer sind allmächtig und skrupellos. Sie können auf einem belebten Markt einfach jungen Männern in die Köpfe schießen und kein Gesetz kann sie in ihrer Mordlust zügeln. Die Zeiten sind so verkommen, dass es der sicherste Beruf ist, als Typhuskranker Läuse mit Blut zu füttern um damit Impfstoff für die Wehrmachtsbanden zu produzieren. Mit dieser Arbeit bekommst du sichere Papiere und Lebensmittelmarken.
Michal hat Glück. Er hat eine dieser begehrten Stellen ergattern können. Doch Licht und Schatten liegen nah beieinander. Am deutlichsten lässt sich das an seiner familiären Situation herausstellen, denn in seiner Vergangenheit stapeln sich die Leichen. Bevor er die Stelle antritt, musste er mit ansehen, wie eine Reitereinheit in ihrem kaltfarbenen Herrenhaus sowohl seine Mutter als auch seine Ehefrau Helena und den gemeinsamen Sohn Lukas tötet. Drei Generationen werden grundlos ausgelöscht. Michal flieht in die Stadt und stößt auf seinen alten Freund Oleg. Dieser arbeitet für die Partisanen und der Witwer hatte kaum Grund sich eine andere Tätigkeit zu suchen. Doch das Unglück heftet sich an den Geschundenen. Oleg wird bei der Kontaktaufnahme mit dem Vorgesetzten von der Gestapo erschossen, Michal kann angeschossen fliehen. Er spurtet durch den düsteren Schutt der einst prunkvollen Stadt. Er hetzt sich auf allen Vieren ein Treppenhaus hinauf, die Gestapo folgt ihm dicht. Kurz vor dem Ergreifen färbt das Unglück jedoch auf einen anderen ab. Ein Mann im Treppenhaus trägt den gleichen beigenen Mantel, wird verwechselt, angeschossen und verschleppt. Der Überlebende setzt die Flucht fort und landet in einer kleinen Wohnung, jene des Verwechselten und Verschleppten, er erblickt dessen Frauen in Wehen. Die Frau des Fremden ist seine eigene Frau, die jüngst getötete Helena. Dort steht er nun, mit der Frau und einem Neugeborenen.

Der Film kommt immer wieder auf das Johannesevangelium des NT zurück, das Apokalypse ist, und damit folgerichtig Äquivalent der Geschichte Polens. Zitiert wird dreimal mit längeren Texten. Zu Beginn ist es Ehefrau Helena die laut liest: Und der vierte Engel posaunte: und es ward geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, dass ihr dritter Teil verfinstert ward und der Tag den dritten Teil nicht schien und die Nacht desgleichen. Auch zu Ende wird Sie es lesen, während die Kamera auf vier Reiter blendet, die nichts anderes sein können als die Reiter der Apokalypse. Doch in der Mitte spricht Herr Rosenkrantz, ein alter Bekannter Michals. Es ist eine bizarre Stelle auf einem Friedhof, Herr Rosenkrantz trägt eine Strumpfmaske. Die Stelle ist zu bizarr und zu genau platziert um nichts zu bedeuten. Doch mir fehlt die interpretatorische Fähigkeit.

Kommen wir zu anderen Stellen. Die Geburt des Kindes der Doppelgängerin. Ist das Kind erst in die Welt gesetzt und der Blutschleim notdürftig abgewischt steht die Mutter prominent neben einem Kreuz. Die Analogie ist naheliegend. Doch die Geburt eines Kindes findet auch im Johannes statt. Dort begleitet die Geburt ein Drache, der der Teufel ist. Können wir daraus Rückschlüsse ziehen? Im Laufe des Filmes stürzt Michal viele Personen ins Unglück. Sie etwa hat ihren Mann seinetwegen verloren. Der eigene Vater meint, dass Michal wohin er auch komme, die Typhusläuse und damit das Unglück mitschleppe. Doch wir sind im Zweiten Weltkrieg und Michal ist Slawe, kein Deutscher. Ihm aus den Vorfällen einen Strick drehen zu wollen, wäre abscheulich. Er ist kein Teufel.
Gehen wir den nächsten Schritt zum Partisanenführer. Er ist blind. Blinde gelten oft als Seher, ihnen wird ein besonderer Blick auf die Wirklichkeit nachgesagt. Da sie die Fähigkeit haben, hinter die dünne Haut des Sichtbaren zu blicken. Hören wir uns an, was er zu sagen hat:
I feel more and more strongly that we are sinking into a world where all things have become alike. Action and passivness, cruelty and indifference.
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Doch ich höre auf damit, den Film zusammenzufassen. Was bleibt? Es ist ein Zulawskifilm. Dass es hysterisch und wild wird, ist naheliegend. Ich könnte den Text vollstopfen mit Adjektiven und Ist-Beschreibungen aus der Lyrik Alfred Lichtensteins. Zulawski verarbeitete Erlebnisse seines Vaters, der Teil dieser Typhusanstalt war. Das heißt, es gab sie. Ich habe Läuse, Polen, Zweiter Weltkrieg gegoogelt und stieß auf die Geschichte des Biologen Rudolf Weigls, der das Leben tausender Rettete indem er sie zu Kriegswichtigen erklärte. Aus den Därmen der Läuse wurde das Serum entwickelt. Auch eine andere Stelle verdient Erwähnung. Das töten von Menschen durch das in den Laderaum geleitete Abgas von LKWs. Der serbische Schriftsteller David Albahari schrieb den genialen Roman: Götz und Meyer der sich damit befasste. Die Verarbeitung der im Film dargestellten historischen Stoffe durch andere slawische Intelektuelle sind Legion. Die Nazideutschen treten nicht explizit auf, ihre Herkunft schwingt mit. Zulawski setzt auf die gleichen Mittel wie der tschechische Regisseur Zbynek Brynych in: Der fünfte Reiter ist Angst.
Warum Michal ausgerechnet seine just gestorbene Frau in Lemberg (vermutlich) wiederentdeckte, möchte ich so einfach wie möglich deuten: Sie ist es nicht. Er sprang dem Tod von der Schippe durch eine schwere Typhuserkrankung. Er sieht, wie seine Liebsten getötet werden und landet traumatisiert in einer Stadt. Er sieht im Film auch immer wieder seinen toten Sohn und es gibt Sequenzen, die eher in Sackgassen endende Traumvisionen seinerseits sind.

Und wegen der "Glückssträhne " zu Beginn. Da mag sicher jemand Einwände haben und an meinem Gesunden Menschenverstand zweifeln und rufen: "Du Zyniker! Er hat gesehen, wie sein eigener Sohn totgeschaufelt wurde!".Ja hat er. Aber wir sind in Polen, nicht in Entenhausen. Er ist der Katholik Michal, nicht Gustav Gans. Da gelten andere Parameter. Er hat Dinge überlebt, die kaum jemand überleben könnte. Er hat sich aus schlimmsten Situationen gewunden. Dass um ihn herum immer wieder Personen treten und die Bibel zitieren, legt den Verdacht nahe, dass auch er Christ ist und da ist der Schritt zur Vorstellung eines Nachlebens nicht weit hergeholt. Er ist eine Art Hiob. Nach dem Verlust der eigenen Familie sofort wieder Lebensgrund und-Mut zu finden und für andere Sorgen zu müssen ist sicher kein häufiges Vorkommnis.

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 Betreff des Beitrags: GOTTES REGENBOGEN
BeitragVerfasst: 24.10.2015 19:59 
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Gottes Regenbogen/ Boží duha
Tschechien 2007
Režie: Jiří Svoboda
Buch: Jaroslav Durych
Kamera: Ivo Popek
Musik: Jiří Chlumecký
Darsteller: Milan Kňažko, Markéta Hrubešová, Igor Bareš, Anna Cónová, Martin Stránský, František Řehák, Karel Zima, Jan Vondráček


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Falls es einen mitteleuropäischen Autoren gibt, der eine Schnittstelle zwischen dem umstrittenen national-konservativen Japaner Yukio Mishima und dem katholischen Skandal-Regisseur Pier P. Pasolini gibt, dann kann dies eigentlich nur der tschechische Schriftsteller Jaroslav Durych sein. Durych (*1986 in Königgrätz/Hradec Kralove). gilt als eine der kontroversesten Figuren der tschechischen Moderne. Der römisch-katholische Militärarzt war nationalistisch-rechtskonservativ wie Mishima. Er unterstützte in den 1930ern auch das Franco-Regime und schimpfte die Links-Intelektuelle Elite des Landes aufs bösartigste. Auf der anderen Seite war sein Katholizismus so fanatisch, dass er den Sieg der katholischen Habsburger 1620 über die Böhmen als Glückfalls bezeichnete und nicht als Schwarzen Tag wie jeder andere Tscheche. Er suchte die Konfrontation und fand die Isolation.
Der Katholik, Antimodernist und Antihumanist schrieb in seinen letzten Lebensjahren, verfemt und vergessen ein selbst für ihn äußerst kontroversen Roman, Gottes Regenbogen. Darin greift er aus katholischer Sicht die Vertreibung der Sudeten aus Tschechien auf.

Es ist der Stoff für einen tollen Film:
Ein alter Mann kommt kurz nach Kriegsende 1945 in ein nordböhmisches Dorf aus dem die Deutschen just vertrieben wurden. Die Betten sind noch warm, die Gegend ist entvölkert wie nach der Sintflut. Er nistet sich in einem alten Bauernhaus ein, in dem ebenfalls eine schwer traumatisierte, x-fach vergewaltigte junge Deutsche lebt. Die beiden gehen eine Gemeinschaft ein und beginnen, die flüssig gewordenen Leichen, die noch vor dem Kirchaltar vor sich hinmodern, eine ehrenvolle Bestattung zukommen zu lassen.

Der Roman gilt, im Nachhinein, als ein Meisterwerk des Katholizismus. Katholische Motive sind Legion, die beiden Pilger steigen aus einem Nebeldickicht aus Schuld und Vergebung, zwei Verlorene, Verschämte, die im Paradies einen Neuanfang wagen.
Das Problem ist der Regisseur, Svoboda dreht Massenware-TV-Filme, mit den immer gleichen Darstellern. Der Film wirkt wie eine späte Rache der Ersten Republik an Durych, so missraten ist er in seiner Grundaussage.
Dem Film geht sämtliche Morbidität ab, dafür gibt es drei Tschechoslowakische Soldaten, die wirken als wären sie als geschlechtskranke Punks gecastet worden. Sie tragen die Kappen schräg, suchen Streit und bringen Action in ein reuiges Zweiergespann, das keine Action will. Der Greis im Gegenzug begeht seine Pilgerreise mit einer Schusswaffe. Die zieht er auch oft und ausgiebig. Das große Problem ist der viele Kitsch. Es gibt mannigfaltige Fettlinsenflashbacks. Auch immer wieder die gleichen, die redundant wiederholt werden. Unangenehm wird es als die Vergewaltigung der jungen Sudetin immer wieder eingeblendet wird. Sie wirkt nicht als würde das Explizite irgendeinen künstlerischen Mehrwert bringen.

In Deutschland gedreht hätte die Rolle des alten Mannes gut Hannes Jaenicke spielen können. Zusammen mit Veronica Ferres als junge Frau. Die Rolle der Frau, ich möchte es gar nicht groß schmälern, sie hat ihre Sache gut gespielt, war zwiespältig. Es wurde unfreiwillig komisch als der alte Mann sie, die im wahren Leben Muttersprachlerin ist, für ihre guten Tschechischkenntnisse lobt und sie dann, im Spätsommer beginnt Oh Tajnnenbaum oh Tajnnenbaum wie schähn sind daine Blättr zu singen.
Gedreht wurde bei Cheb/Eger, Františkových lázní/Franzensbad und damit knapp hinter der deutschen Grenze in Westböhmen. Das ist einer der Pluspunkte, neben dem süßen Schäferhund, der immer wieder vorbeiknufft. Auch das böhmische Landhaus hat viel Charme. Ich habe das Gefühl, als hätte ich im gleichen schon meine Sommermonate verbracht. Es ist immer erfreulich, wenn Lieblingsautoren verfilmt werden. Bei Fans von Stephen King und Thomas Mann ist das sicher eine erfreulichere Situation als bei Lesern Durychs oder Ladislav Klimas. Eine tolle Option wäre der litauische Regisseur Sharunas Bartas gewesen.

" Ich fühlte einen seltsamen Kirchhof hinter meinem Rücken, mit verwüsteten und leeren Gräbern, ohne Särge und Tote als ob hier seit einem Stichtag nicht einmal zu sterben erlaubt worden wäre und die Sterbenden auf eine unbegreifliche Weise ihre Leiber direkt ins Jenseits hätten hinübertragen müssen."

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Zuletzt geändert von ultrastruktur am 25.11.2015 21:00, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: DER ALBANER
BeitragVerfasst: 28.10.2015 12:55 
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Der ALBANER / Shqiptari
Deutschland/Albanien 2011
Regie Johannes Naber
Darsteller: Nik Xhelilaj, Stipe Erceg, André Hennicke, Bruno Shllaku, Ivan Shvedoff, Young-Shin Kim,Eva Löbau

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Auf, Auf durch das Land der Skipetaren! Auf in die felsigen Berge, vorbei an den Ziegenherden, den geschotterten, kurvenreichen Straßen hinein zu einer der albanischen Sippen. Doch: Wo sind die Männer? Alle weg! Nur die Frauen da, Heu ernten. Immer rein mit dem Rechen, wenden und schuften. Es ist schon das 21. Jahrhundert und der männliche Teil des Klans verdingt sich als Industrieproletariat im wenig gelittenen Griechenland. Sorgen müssen sich die Frauen nicht machen, denn in Griechenland sind die Frauen alle fett, wissen die Albaner zu berichten. Mit der Industrie im eigenen Land klappte es nie so recht. Unter den Kommunisten erst mit Tito auf Kriegsfuß, dann mit den Russen, schlußendlich sogar mit Chinesen. Der kommunistische Führer Enver Hoxha tat nach dem Zweiten Weltkrieg alles, um das Land auf Kurs zu halten. Den albanischen Kurs. Ein Drittel Volkspack steckte in den Klauen des Geheimdienstes, frönte Arbeit in Minenschächten, nachdem die eigenen Kinder sie verrieten. Die anderen bauten Bunker, tausende Bunker oder windschiefe Straßen. Straßen, die selbst in den Tälern, wo sie gerade sein hätten können und müssen, kurvenreich waren, damit die feindlichen Invasoren-Flugzeuge dort nicht landeten.

Als es die frühen 1990er waren und das Land endlich befreit vom kommunistischen Joch, schnappten sich die Albaner die Fabriken, nahmen sie auseinander, nahmen mit, was sie schleppen konnten und waren....arbeitslos. Nun also Arbeitssklave in Griechenland. Die Familie um den Jüngling Arben knapst. Das Geld reicht kaum um über die Runden zu kommen. Nachdem sie nach zwei Monaten und rund 4000 Euro zurückkommen, zu fünft, schimpft der Rest. Nicht, dass die Arbeit leicht gewesen wäre, sie sehen aus als hätten sie sich im Schlamm gesuhlt. Sogar den Jüngsten nahmen sie mit, den klugen kleinen Bruder, Ilir, obwohl der mit seinem Bein kaum laufen kann und deswegen meist nur auf dem anderen hüpft.

Es ist alles ein Unglück. Glücklich ist hingegen Arben. Er ist verliebt in eine junge Frau aus dem Nachbarklan. Doch da häufen sich gleich die Probleme. Er schwängert sie. Er schwängert sie und will sie heiraten. Das will ihr Vater nicht, der will 10.000 Euro um seine Schulden bezahlen zu können. Das Geld würde ein Bauherr aus den USA zahlen, der sich Frauen aus der albanischen Hochlandperipherie sucht. Das ist nichts persönliches gegen Arben. Es geht ums Geld. Geld und Griechenland ist ein schlechter Plan.
Arben fasst einen anderen. Sein Name bedeutet Goldmacher. Dem will er alle Ehre machen. Während sein Bruder das Gymnasium besuchen darf, mit Stipendium, geht der werdende Vater illegal nach Deutschland um die 10.000 Euro für die Hochzeit aufzutreiben. Ohne Visum. Ohne Deutschkenntnisse. Er gibt sich knapp ein halbes Jahr Zeit, bis das Kind geboren wurde. Sechs Monate und 10.000 Euro, das würd ich auch gern verdienen. Entweder er ist ein verzweifelter Träumer oder er hat irgendetwas auf dem Kasten. Die Anfangszeit in Deutschland ist erstmal weniger gelungen. Beim schwulen Holger leben und für 3 Euro die Stunde Klosetts putzen. Hurra. Nun, damit führt er nur die Geschichte seines Landes fort, schon hundert Jahre zuvor beschwerten die Albaner sich gegenüber den Italienern, nichts mehr als "zweibeinige Nutztiere" zu sein.

Doch Arben ist klug. Schnell lernt er ein paar Brocken Deutsch. Im Grunde braucht er sie nicht. Diejenigen, mit denen er in Kontakt tritt, sind eher ebenfalls vom Balkan. Er wird sein Geld verdienen, er reist zurück in Anzug und mit Mercedes. Doch er ist zu spät, das Kind ist schon da, die Frau weg.


Der Film ist recht interessant. Es ist ein harter Kontrast, Deutschland wirkt eher steril, wir sehen viele Industriegegenden oder schlecht eingerichtete Schwulenwohnungen, ein kühles Blau dominiert das Land. Eingeklammert wird das von der archaischen Bergwelt Albaniens. Während er das Land im Frühling verlässt, durchaus hoffnungsvoll bei der Rückkehr eine Familie gründen zu können, kehrt er im verschneiten Winter zurück. Einerseits finanziell bestens ausgerüstet, andererseits ohne Familie. Vorallem der Anfangsteil des Films, der Prolog zu Deutschland, gefiel mir gut. Die Landschaftsaufnahmen sind wundervoll. Gut, es ist ein Spielfilm, zur Natur muss dann auch immer noch etwas Mensch ins Bild, aber das fiel mir wenig ins Gewicht. Nett fand ich die Nebengeschichte mit dem jüngeren Bruder Ilir. Vom humpelnden Dörfler wird er zum schulbesuchenden Städter, färbt sich die Haare wasserstoffblond, wird Albano-Rapper und landet irgendwann in der misslichen Lage, dass ihm fette Glatzköpfe die Eier abschneiden wollen. Da haben also beide Brüder unterschiedliche Lebenswege beschritten. Der eine schwängert die Erstbeste Nachbarin, der andere setzt auf Bildung und letztendlich setzen sich beide in die Nesseln.


Aus dem Kanun:
Während der junge Mann eine Verlobung
aufkündigen kann, können die Eltern ihre Tochter zur Heirat
zwingen und den Mann durch die mitgegebene Patrone
ermächtigen, sie straffrei zu töten, falls sie fliehen sollte; wenn die
Eltern die ablehnende Haltung der Tochter billigen, darf sie ohne
Erlaubnis ihres bisherigen Verlobten keinen anderen heiraten,
solange dieser lebt, auch wenn er selbst heiratet

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 Betreff des Beitrags: MILOS FORMAN - DER SCHWARZE PETER
BeitragVerfasst: 29.10.2015 10:45 
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černý Petr/ SCHWARZER PETER
Tschechoslowakei, 1963
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Jaroslav Papoušek, Miloš Forman
Kamera: Jan Němeček
Musik: Jiří Šlitr
Darsteller: Ladislav Jakim, Pavla Martínková-Novotná, Jan Vostrčil, Vladimír Pucholt, Pavel Sedláček,Zdeněk Kulhánek, František Kosina

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Er ist der unumstrittene Boss. Er ist der Chef eines gut laufenden Karlíner Selbstbedienungskonsums. Er trägt sowohl Arztkittel als auch Verantwortung. Morgens ist er der erste. Kurz nach ihm kommen seine ihm untergebenen Verkäuferinnen. Ihre Ankunft ist getaktet, läuft wie nach Stechuhr. Es klopft, er schließt auf lässt hinein und schließt wieder zu. Womöglich sieht er schon die nächste ankommen, doch er schließt zu und wartet bis sie klopft. Dann schließt er auf.

Doch auch im Arztkittel gibt es Probleme. Die Kundschaft klaut als wären es Elstern und keine Sozialisten. Den Geheimdienst kann er damit nicht betrauen, dafür ist er nicht wichtig genug. Die Polizei hat auch andere sorgen. Es läuft auf einen Ladendetektiv heraus. Einen Berufseinsteiger, frisch aus der Schule, Peter. Er ist unrasiert und schaut verschlagen. Aber was soll`s. Mit Arztkittel wird das schon. Peter wird instruiert. Peter wird instruiert und versteht sehr gut. Er soll die Arme hinten verschränkt lassen, durch die Gänge schleichen und nach Banditen suchen, die den Zucker in die Handtasche, nicht in den Einkaufskorb schaufeln. Das packt er schon. Peter soll sich verhalten als wäre alles normal. Leider verhält er sich als wäre er der Dieb, der die Kundschaft bestiehlt. Sein Chef wird unglücklich. Er schaut hinter den verschlissenen Blümchengardinen seines Büros heraus auf das Wirken seines neuen Schützlings.Vielleicht hilft es ja, wenn er seine Alltagskleidung trägt. Er pfeift ihn herein, bestellt ihn zum Rapport und kleidet ihn um.

Peter wird seinen Arbeitstag damit beenden, dass er einen alten Mann durch die Gassen Karlíns verfolgt, weil er in ihm einen Dieb wittert. Er stellt sich blöd an, steht immer einen Schritt neben dem Greis und schaut in die Luft, wenn der Greis das unwürdige Spiel betrachtet. Ansprechen wird er ihn nicht, dafür fehlt der Mut. Zuhause läuft es für Peter nicht besser. Sein Vater ist so alt wie der Greis und sein neuer Vorgesetzter. Nachdem sein Chef ihm das Wesen des Ladendetektivs gründlich erläuterte ist es nun am Vater auf und ab zu schreiten und über Gott und die Welt zu dozieren. Er verheddert sich in Widersprüche aber das ficht niemanden an.

Er reckt den Zeigefinger und prangert die Ambitionslosigkeit des Sohnemannes an. Da ist kein Funken positiver Attitüde hinter dem langen ungewaschenen Haar, kein Blick in eine goldene Zukunft. Nur ein weißes Hemd, ein leerer Blick und die Hoffnung, die elterliche Wohnung bald zu verlassen.
Außerhalb läuft es halbwegs besser für Peter. Wenn es darum geht Frauenkörper durch Umkleidelöcher anzustarren, stellt er sich um ein vielfaches besser an. Paula heißt die auserwählte.

NuNu: "Those looking for a plot will be shot".

Das war Miloš Formans erster abendfüllender Spielfilm. Die Regieassistenz übernahm Ivan Passer, der dann während des Drehs aber einfach ein paar Tage in den weiten der Stadt verschwand. Geld für den Film war für den damals 32-jährigen Regisseur kaum aufzutreiben. Für die Massenszene des Films hatte er kein Geld für Komparsen, deshalb mietete er für vier Stunden eine Band und stellte ein Schild auf: "Freier Eintritt". Die Schauspieler sind größtenteils Amateure. Peters Vater sprach Forman an, weil er der Dirigent der lokalen Brass-Band war. Die Mutter gabelte er in der Straßenbahn auf. Peter schauspielerte der gänzlich unerfahrene Ladislav Jakim. Übernehmen sollte die Rolle ursprünglich Vladimir Pucholt. Der war dann mit 21 aber leider schon zu alt für die Rolle. Das war also keiner der US-College Filme, in dem die Studenten schon fast Halbglatze tragen weil sie mit 40 20 spielen. Pucholt, der wirklich ein schöner, begabter Schauspieler ist, übernahm dafür eine Nebenrolle, mit der er weite Strecken des Films das Geschehen an sich riss.
Insgesamt habe ich mich in dem Film sehr wohl gefühlt. Es ist die Arbeiterklasse, die portraitiert wird. Kaum Ambitionen aber tolle Musik und Badestrand. Kann man sehen. Aber am besten nicht von Facets sondern direkt die Tschechische

www.youtube.com Video From : www.youtube.com

Die beste Stelle des Films. KA ob es eine englische Version davon auch hier gibt. Es geht darum, dass sich čeda (Vladimír Pucholt) nicht gegrüßt gefühlt hat von Petr. Daher kommt er zu ihm und erklärt, wie man denn richtig Hallo (Ahoj) sage.

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 Betreff des Beitrags: MILOS FORMAN - LIEBE EINER BLONDINE
BeitragVerfasst: 30.10.2015 19:25 
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Lásky jedné plavovlásky/ LOVES OF A BLONDE/ LIEBE EINER BLONDINE
Tschechoslowakei, 1965
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Jaroslav Papoušek, Miloš Forman, Ivan Passer
Kamera: Miroslav Ondříček
Musik: Evžen Illín
Darsteller: Hana Brejchová, Vladimír Pucholt, Vladimír Menšík, Ivan Kheil, Jiří Hrubý, Milada Ježková,Josef Šebánek, Marie Salačová, Jarka Crkalová, Zdenka Lorencová, Táňa Zelinková, Jan Vostrčil,Josef Kolb, Antonín Blažejovský, Slavoj Banzet, Ota Heinitz, Otto Sattler, Antonín Keyř, Jindřich Heidelberg, Dana Valtová, Jana Nováková



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Sechzehn zu Eins. So lautet das Verhältnis von Frau zu Mann im mittelböhmischen Zruč nad Sázavou im Jahre 1964. Die lokale Schuhfabrik versorgt die Bevölkerung mit sicheren Jobs, doch es sind nicht die Männer, die Schuhe fabrizieren, es sind die Frauen. Dem Fabrikanten fällt es sowohl auf als auch miss. Da arbeiten die jungen Dinger acht Stunden am Tag an der Maschine, fabrizieren Schuh auf Schuh und wenn sie heimkommen ist da niemand der sie liebkost oder küsst. Der Schuhfabrikant war auch mal jung. Er weiß, was sie brauchen aber allein schafft er das nicht mit der Liebe.

Wo lungern die jungen Männer denn rum? Er überlegt und weiß es sofort. In der Armee. Er besucht einen Major und wirbt dafür, doch ein Bataillon bitte in den Ort zu fahren. Der Obersoldat überlegt. Das ist Anstiftung zum Sex! Aber ein bisschen Strafe muss auch sein. Zum einen ist er selbst so alt, dass er keine von den jungen Früchtchen mehr bekommt. Zum anderen ist es auch der Sozialismus und wieso sollte er als Chef es irgendjemandem leicht machen. Er schickt seine Reservisten in das Städtchen, nicht die Soldatenazubis. Die Arbeiterinnen sind aufgeregt. Die Blaskapelle spielt, sie kichern und erwarten die stechschrittigen Jünglinge. Aus steigen dickliche Männer mit Glatzen. Sie formieren sich und tun auf Alpha-Tier. " DURCH RAUCHENDE RUINEN UND FLÜSSE AUS BLUT MARSCHIERT DIE ARMEE. DIE HERZEN; GERECHTIGKEIT UND EWIGKEIT STEHEN AUF UNSERER SEITE. WIR MARSCHIEREN VORAN WIE EIN FURCHTBARER WALL DER RACHE:
Das schindet Eindruck. Leider nicht bei den Damen. Der Abend entwickelt sich zum Fiasko. Der Fabrikant besorgte eigens eine Jazz-Band aus Prag. Der Festsaal ist geschmückt. Auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Frauen. Sie sitzen in Grüppchen und niemand will so recht mit niemandem. Die Männer sind teils zu alt, zu unerfahren im Flirt und auch viel zu verheiratet um zu Techtelmechteln. Erstmal die Eheringe verstecken und den Speckkragen richten. Den Frauen sind die Männer oft schlicht zu alt.

Doch gehen wir weg vom Kollektiv und stürzen uns auf die Individuen. Drei ältere Männer, zwei davon Dick und mit Kompottschalen als Brillen sitzen da und suchen sich das jüngste und hübscheste Trio aus. Sie benehmen sich widerlich. Wollen die Frauen abfüllen, mit ihrer Idiotie bezirzen. Sie schicken ihnen eine Flasche Wein, die landet am Tisch der weniger hübschen Frauen. Die freuen sich, sind auch eher die Kragenweite. Doch dem Trio platzt selbiger. Sie fordern den Kellner auf, die Flasche wieder umzustellen, an den anderen Tisch. Die Situation wird so unangenehm wie möglich.
Eine der drei jungen Frauen ist Andula, sie landet am Tisch der tapsig-abstoßenden Frischfleischwolllüstlingen. Ihre Gesichtszüge entgleiten ihr vor Langeweile. Der Abend ist so schlimm wie die Anekdoten der Herren. Doch sie findet ihren Part, den jungen Prager Jazzpianisten Milda.

Er bekommt sie aufs Zimmer und vögelt sie. Nicht, dass sie das wollte. Sie wurde erst letztens enttäuscht von einem anderen, der nicht auftauchte. Sie hatte schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Aber der junge Mann will Sex und her hat Charme. Den ganzen Abend quatschten die Männer auf sie ein, nun beredet er sie. Am nächsten Morgen reist er ab. Andula scheint sich zu verlieben. Sie nimmt sein Angebot, ihn doch in Prag zu besuchen für bare Münze. Sie reist ihm hinterher und landet in der Wohnung der Eltern. Was als leichte Komödie begann, spinnt sich zu einem Fiasko. Ich selbst habe kein großes Gefühlsleben... Doch als Andula begann zu heulen, hätte ich fast mit eingestimmt.

Milos Forman trug die Idee mit dem Film schon seit den späten fünfziger Jahren mit sich herum. Nachts begegnete ihm in Prag eine Frau mit Rollkoffer, ebenfalls aus der industrialisierten Provinz, die einen jungen Mann besuchen wollte, der ihr leider jedoch eine Adresse gab, die schlicht nicht existierte. Daraus sponn er seinen Film. Er beginnt wirklich witzig, doch als Andula später immer weiter bezirzt wird und es nur um Sex geht, war das für mich kaum erträglich. Musste immer wieder pausieren um die Melancholie runterzuschlucken. Das Personal überschneidet sich streckenweise mit dem von Schwarzer Peter. Peters Vater steigt in diesem Film zum Major auf. Vladimir Pucholt bekam seine Hauptrolle als der Pianist Milda.
Die DVD war von Second Run. Laut DVD Beaver ist sie nicht so prickelnd. Ich find sie zufriedenstellend.


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 Betreff des Beitrags: MILOS FORMAN - ANUSCHKA, ES BRENNT MEIN SCHATZ
BeitragVerfasst: 02.11.2015 18:19 
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Hoří, má panenko/ The Fireman`s Ball/ Anuschka, es brennt mein Schatz
Tschechoslowakei, 1967
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Jaroslav Papoušek, Miloš Forman, Ivan Passer
Kamera: Miroslav Ondříček
Musik: Karel Mareš
Darsteller: Jan Vostrčil, Josef Šebánek, Ladislav Adam, Vratislav Čermák, František Debelka, Václav Novotný, František Paska, František Reinstein, Josef Řehořek, Josef Valnoha, J. Řeháček, Josef Kolb, Milada Ježková, František Svět, Jan Stöckl, Antonín Blažejovský, Josef Kutálek, Stanislav Holubec, Alena Květová, Olga Blechová-Matušková

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Feuerwehrmänner: Sie sind Männer, die Katzen von Bäumen retten, die Brände löschen und mannhaft dem Hochwasser trotzen . Sie sind Kämpfer, Brandbekämpfer, lebende Feuerlöscher und Stolz jeder Gemeinde. Eine dieser Brigaden begeht das jährliche Feuerwehrfest in der Gemeinde. Es ist eines der großen lokalen Ereignisse. Es gibt eine Tombola, es gibt Tanz und ihr 86-jähriger Ehrenvorsitzender wird entehrt.
Doch wo Feuer ist, sind Probleme. Der Ehrenvorsitzende etwa. Völlig verkrebst. Alle wissen es, nur der Greis nicht. Die Brandbekämpfer sind sich unschlüssig. Ihn nun ehren? Wäre es nicht besser gewesen zum 85.? Eine runde Zahl also. Leider verpasst im letzten Jahr. Nun wirkt es, als wäre es ein "Letzte Chance" Geschenk, kurz vor dem Exodus sozusagen. Die Männer trinken und rauchen und diskutieren am runden Tisch. Sie streiten. Aber was sind das für Männer? Was für einen Eindruck machen sie? Ich verkürze es und sage es gerade heraus. Dieses Dezett an Ungeheuerlichkeiten ist eine Schande für die Menschheit und ich würde mich schämen, einen dieser aufgeblasenen Taugenichts als meinen Vater zu wissen.

Was stimmt mit diesen Grobwürsten in Uniform nicht? Beginnen wir lieber erst einmal mit dem Aufbau des Festes um ihnen daraus anschließend den Strick zu drehen. Höhepunkt sind und sollen sein der Tanz, die Tombola und die Würdigung. Den alten Mann lassen sie außen vor. Niemand spricht mit ihm, sie schicken ihn wieder und wieder ins Abseits. Sie konstruieren ihre Idee eines gelungenen Abends, dafür braucht es Uniformen und Regeln. Das heißt keine Typen auf die Feier lassen, die wie Obdachlose aussehen und der Ehrengreis muss gefälligst fragen, wenn er von seinem ihm bestimmten Platz aufsteht und mal aufs Klosett muss. Er muss es ausdiskutieren. Doch sämtlicher Abendplan wird über den Haufen geschmissen.

Wegen Deutschland. Im aktuellen Nachrichtenmagazin Stern sehen sie eine Fotografie eines Schönheitswettbewerbes, 32 hübsche Frauen im Bikini. Geil. Das wär doch was! Paktiert und ausgeschwärmt. Sie huschen durch den Festsaal und suchen sich Frischfleisch. Gesichter wie Jungfrauen sollen sie haben, möglichst noch nicht volljährig, dünn wie Stengel, die Kinder der Gäste also, das soll es sein. Wenn Liebespartner dagegen opponieren, dass das Altfleisch das Jungfleisch mit in die Hinterzimmer schleift, werden diese einfach rausgeworfen. Die Kameraden bekommen ihre jungen Frauen. Sieben Unglückliche. Auf der Bühne spielt die Big Band die Beatles, die Uniformierten bitten die Frauen weg von dem Treiben, hinein in das so rauchige wie ungestörte Hinterzimmer. Überall leere Biergläser, überall Schwaden aus Rauch, es dunstet, das man kaum die rauchige Tapete erkennt. Die Schülerinnen müssen vor den Satyren tanzen. Doch dann kommt auch noch ein Hausbrand dazwischen und die Feier eskaliert...


Was für ein Film! Der letzte von Miloš Forman in der Tschechoslowakei. Der erste in Farbe, es war richtig Geld dahinter diesmal. Sowohl vor der Kamera als auch dahinter die gleiche eingespielte Mannschaft wie in den vorigen Filmen. Wer erst Major war, ist in diesem Film Feuerwehrmann. Forman übertraf sich selbst und wurde streng. Die Halle musste dreimal umgestrichen werden, bis der Braunton stimmte, keiner der Schauspieler durfte Blau tragen, da sie Wärme versprühen sollten, was mit Blau nicht möglich ist. Der Film, 1967 gedreht, wird westlicher. Ein Schönheitswettbewerb, der Stern und die Beatles. Während Forman im ersten Langfilm nur eine kurze Partyszene einfügte und es im zweiten immerhin ein Drittel ausmachte widmete er dem hektischen Massentreiben diesmal die komplette Spielzeit. Es gibt keine Hauptdarsteller, im Grunde sind es die zehn Feuerwehrmänner die immer wieder besoffen aus dem Gewimmel herausstechen.

Vladimir Pucholt war dieses Mal leider nicht dabei, er wäre eh zu jung gewesen aber er emigrierte in diesem Jahr auch nach England. Dafür ist eine der Schauspielerinnen aus Vera Chytlilovas im Vorjahr entstandenen Tausendschönchen dabei, hier als kicherndes Model. Während sie als Zwilling das Patriarchat bekämpfte, wird sie diesmal von ihm untergebuttert. Die Männer spielen ihre Rollen fantastisch. Sie sind ausgehöhlt vom Regelwerk des Vereinslebens. Sie wollen sittlich sein, erwachsene Männer, denen man mit Respekt begegnet und sind doch nur dionysische Hunde. Niemand von ihnen will Verantwortung, wenn Fragen aufkommen, schaut sich der Bandenchef hoffnungslos um, ob denn einer seiner Kameraden einen Lösungsvorschlag hat. Niemand hat von Tuten und Blasen eine Ahnung, niemand weiß, wie mit dem spontanen Schönheitswettbewerb umzugehen, sie wollen doch nur die Ladys begaffen.
Der Humor erinnert an Larry David, so schmerzhaft ist er. Ein Humor, den die tschechoslowakische Feuerwehr nicht teilte. Sie beschwerten sich offiziell gegen diese Darstellung, sie sahen sich nicht als jene misogynen Raubtiere, die im Suff in einer wilden Treibjagd, in einer Jungfrauenhatz, die Frauen auf die Bühne zerren.
Ich habe den Film jedenfalls sehr genossen. Es ist eine böse Komödie. Während ich bei der Blondinenliebe fast mitheulte konnte ich diesmal wie eine Hyäne lachen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 05.11.2015 09:46 
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Keby som mal pušku/ Wenn ich ein Gewehr hätte/
Drama
Tschechoslowakei, 1971, 87 min
Režie: Štefan Uher
Drehbuch: Milan Ferko
Kamera: Stanislav Szomolányi
Musik. Ilja Zeljenka
Darsteller: Marián Bernát, Jozef Gráf, Daniel Lapúnik, Emília Došeková, Ľudovít Kroner, Hana Anna Grissová, Anton Šulík, Vilma Jamnická, Michal Monček, Brigita Hausnerová


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Falls ich ein Gewehr hätte, ja falls ich ein Gewehr hätte, dann würde ich Nazis töten. Dieser Allgemeinplatz gilt in der annektierten Slowakei in den 1940er Jahren. Dieser Allgemeinplatz gilt vor allem für den aufgeweckten Vlado. Er ist um die Zwölf Jahre alt und zu sagen, dass sein Leben in den Karstlandschaften der westslowakischen kleinen Karpaten Stoff für Träume anderer kleiner Jungen wäre, wäre eine Übertreibung. Sein Vater ist ein bettlägriger Krüppel. Seine Mutter schafft es nicht, die Familie zu versorgen. Sie leiden Hunger und die Mutter heult und heult.

Aber was geht das Vlado an? Er hat ein paar Kumpels. Gemeinsam mit Viktor lässt er die Dorfdeppin Bisamratten in den Büschen jagen. Die beiden Strolche haben es faustdick hinter den Ohren. Was macht man auch in einem Gebiet, das nichts zu bieten hat außer Armut und Karst und verdörrten Bäumen? Klar! Stroh in Brand setzen und den brennenden Ballen den Fluss hinunterjagen bis es der Nachbarin auf dem Brückeplumsklo die Schamhaare versengt.
Aber es ist Weltkrieg! Irgendetwas muss doch sogar dort passieren und es passiert. Die lokale Jüdin wird abtransportiert, Kumpel Viktor schließt sich den Partisanen an. Kumpel Viktor schneidet sich selbst die Vorhaut ab um eine Wette und damit ein Messer zu gewinnen-. Die kleine Schwester stirbt an Krankheit. Und der dicke Onkel lässt den Neffen sein Gewehr verstecken.

Vlado ist ein "Was Wäre Wenn" Kind. Was wäre wenn ich als Held sterben würde, was, wenn ich die Jüdin retten könnte usw. Der Film liest sich nicht leichtfüssig aber er ist es. Gedreht immerhin von Stefan Uher der mit Slnko v Sieti und Organ einige der Meisterwerke der tschechoslowakischen Neuen Welle schuf. Wir sind in der Slowakei, die Slowakei ist nicht anderes als Ruralität. Was sich in der Geschichte, die aus den Augen des Knaben erzählt wird, verbirgt, ist viel. Uher staucht zusammen und erzählt komplette Geschichten in einzelnen Sätzen als wäre er Isaak Babel. Etwa der fette Onkel. Waffen zu besitzen ist verboten. Er will zwar einerseits die Waffen behalten andererseits aber auch nicht als Partisan erschossen werden. Die naheliegende Lösung für ihn ist es, das Gewehr einfach den Neffen verstecken zu lassen. Soll der doch erschossen werden. Dann die Nachbarn, sie sind "Die Amerikaner", es ist unerwähnt aber naheliegend. Rückgekehrte Emigranten. Sie haben genügend verdient um sich eine Kuh leisten zu können, sie haben genug, dass der Mann von früh bis spät Zigarre schmauchen und saufen kann. Sie haben immer noch nicht viel, ihr Haus sieht genauso erbärmlich aus, wie das von Vlados Eltern. Aber sie sind die Amerikaner, kinderlos und unglücklich.

Die im Haus Vlados lebende Großmutter. Sie traut dem Katholizismus noch nicht so ganz, sie hängt noch altem Aberglauben nach und Verflucht Menschen. Nachkommenschaft ist auch nicht ihre Priorität. Als es darum geht, der sterbenden Enkelin Medizin zu besorgen verweigert sie ihr Erbe, das sei schließlich für ihren Sarg bestimmt. Der Film erinnert streckenweise an die [Kamera]Arbeiten Jurij Klimenkos, der Alexej Germans Schwer ein Gott zu sein verfilmte. Immer in Bewegung, vorbei an schlecht gezimmerten Dachstühlen und immer aufsteigendem Dampf und Dreck.
Ein sehenswerter Film. Viel Humor, ein paar Prisen Tod und fantastische Karpatenlandschaften. Geschaffen für das Kino. DVD gibt es in Frankreich oder bei den üblichen Slowakischen Filmhändlern.

Wieviel kostet es, Zigeunerbusen zu sehen? Ein Stück Brot!


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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 25.11.2015 12:41 
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GIVE US TOMORROW
GB 1978
Regie: Donovan Winter:
Kamera: Austin Parkinson:
Musik: John Fox
Produzent: Donovan Winter
Drehbuch: Donovan Winter:

Darsteller: Derren Nesbitt als Ron; Sylvia Syms als Wendy Hammond; Donna Evan als: Nicola Hammond; James Kerry als Martin Hammond, Matthew Haslett als Jamie Hammond und Alan Guy als The Boy



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Oktober 1978 in Kent, ein Jahr bevor der Teufel Margaret Thatcher ins Amt gewählt wird. Der ehemaligen Weltmacht geht es trotzdem schon dreckig, die Arbeitslosigkeit ist hoch und es regnet. Den Bankdirektoren Martin Hammond kümmert das nicht, zehn Minuten vor Neun verlässt er Haus und Familie und betritt als Vorletzter Angestellter die Bank. Sein Haus ist toll, eine Tiefkühltruhe gefüllt mit Fleisch, ein Schrank voll mit Schnaps, das Interieur dem Geschmack der 1970er angemessen. Er hat hart gearbeitet und das ist der Lohn.

Doch es gibt auch die andere Seite. Die andere Seite ist der dickliche Ron, er ist auch verheiratet, seine Frau kauft gern Zeug welches er nicht bezahlen kann. Sein Leben ist ein Unglück, nicht einmal kochen kann sie. Mit einigen Kumpels fasst er den Plan eine Bank auszurauben. Drei überfallen die Bank. Ron soll mit einem unbedarften Jüngling die Bankerfamilie in Schach halten, als Faustpfand, damit der Direktor auch kooperiert. Der Plan geht hervorragend auf. Alle haben Spaß. Ron nutzt die Gunst der Stunde und lässt sich sogar von der anderen Frau bekochen. Der Plan geht hervorragend auf für die Bankräuber, nicht für Ron und seinen Gehilfen. Die anderen wollten ihn anrufen, wenn alles glatt über die Bühne gegangen ist. Das machen sie nicht.

Ron sitzt im fremden Haus, die Hand auf dem Hörer, irgendwann kommt der Direktor und Vater zurück. Ron ist verdutzt. Der Überfall zu Ende und er weiß nichts davon? Blöde Situation. Vielleicht wurde er gelinkt. Da sitzt er nun also, samt der pubertierenden Tochter der Familie, dem vorlauten Sohnemann, der Ehefrau und dem Direktor.

Was tun? Nach dem Sexleben des Ehepaares fragen?
"We have a normal sex life; my wife never complained".

Gut, das ist schnell abgehandelt. Da sitzt Ron also nun, mit Schlaghosen und Nordkoreadiktatorenhemd und selbstgestrickter Räubermaske, die so bunt ist wie eine mexikanische Wrestlingmaske. Er ist der Boss des Duos, sein Begleiter ist minderjährig und Jungfrau, kein Haar auf der Brust. Durch seine Maske schaut er verschreckt. Ron wird wütend und lässt es an dem Ehepaar aus. Er prangert die Ungerechtigkeit Englands an. Dass der Knabe keine Arbeitsstelle bekäme, er wolle ja arbeiten, aber keine Chance. Der Bankdirektor bemängelt die fehlende Qualifikation, seine Frau stimmt ein. Die Erwachsenen streiten, dem Knaben ist das unangenehm, wie sie über ihn und seine Zukunftssorgen streiten. Da geht er lieber mit den Geiselkindern in die Küche Limonade trinken. Sind ja alle in einem Alter.

Die Zeit schreitet voran, die Nacht steht um das Haus. Genau wie die Polizei. Ron bekommt wieder Hunger und denkt wieder an Sex. Wieso nicht sein Komplize und die Tochter? Er findet die Idee toll. Die Eltern nicht. Doch der Mann mit dem Gewehr setzt sich durch: "She looks ready to me". Auch die Tochter ist scharf. Selbstverständlich ist sie scharf auf den Maskenmann. Vielleicht ist es das Stockholsyndrom, vielleicht ist sie einfach nur total versaut. Der Regisseur wird es wissen. Also ab in das Kinderzimmer, unter dem Star Wars Poster, neben den rosa Plüschbären:" OH IT FEELS SOOOO GOOD; IS IT ALWAYS LIKE THAT?"

Den Film habe ich genossen. Ein Geiseldrama, das soziale Ungerechtigkeiten anprangert und sich ausgiebig in Sexszenen suhlt. Das kitschigste Plakat, das ich seit dem Besuch einer Prager Lustgrotte gesehen habe, ein etwas doofer Teenager, der sich den Situationen fügt und anpasst. Der sowohl schulterzuckend am Überfall teilnimmt, weil er eh nichts besseres zu tun hatte und dann vom Dickerchen zum Sex abkommandiert wird.


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 Betreff des Beitrags: BUSENLILLIE
BeitragVerfasst: 25.11.2015 20:45 
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Kuky se vrací / Kooky
Tschechien, 2010, 93 min
Regie: Jan Svěrák
Drehbuch: Jan Svěrák
Kamera: Mark Bliss, Vladimír Smutný
Musik:Michal Novinski
Stimmen:
Ondřej Svěrák, Zdeněk Svěrák, Oldřich Kaiser, Kristýna Nováková-Fuitová, Filip Čapka, Jiří Macháček, Jiří Lábus, Petr Čtvrtníček, Pavel Liška, Ondřej Vetchý, Jiří Schmitzer, Václav Postránecký, Miroslav Táborský, Vasil Fridrich, Michal Slaný



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Ondra ist sechs Jahre alt und leidet an einer Stauballergie. Seine Mutter saugt gerne und will, dass er Klavier spielt. Zusammengefasst: Das ist nicht die Filmwelt in die wir eintauchen wollen. Wenden wir uns seinem kleinen rosa Plüschteddy aus China zu. Der landet im Müll, denn die Mutter ist so slawisch wie kaltherzig. Sie weiß, dass es sein Liebling ist und schaut ihm in die feuchten Augen als sie den Teddy in den Müllsack stopft.

Kuky heißt der Rosafarbene und er wacht auf dem Müllplatz auf. Alleingelassen und ungebildet. Sein Leben brachte er damit zu, sich kuscheln zu lassen und gemeinsam mit dem Kind und dem gelben Elefanten Bubble einzuschlafen. Weder weiß Kuky wo links ist noch wo rechts ist, vom Sonnenlauf hat er keinen Dunst und vor der Dunkelheit fürchtet er sich. Mit Obdachlosen hat er gemein, dass er nicht heimfindet. Doch im Gegensatz zu ihnen hat er eines. Kurzum es sind wirklich schlechte Voraussetzungen, dass er jemals wieder zurück zum Knaben finden und somit in einem Menschenbett schlafen wird.
Kaum im Wald stolpert er erst über den griesgrämigen Käptn und dann über eine lebendige Umwelt voller Eichhörnchen, Wildschweinen, fiesen Plastiksäcken und motorisierten Maulwürfen. Kuky lernt, dass man die Tiere nicht beim Sex stören sollte und das man für seine Freunde einstehen muss. Während er zu Beginn noch im selben Bett wie der Käptn schlafen will, weil er es nunmal gewohnt ist, nicht einsam zu schlafen aber ihm vom Käptn daraufhin wenig subtil Homosexualität vorgeworfen wird, wird Kuky später erwachsen und mannhaft. Kuky lässt sich von einem blinden Maulwurf chauffieren und flüchtet vor paranoiden Brandschatzern.
Der Film ist ein Teddy Coming-off, ein Road-Movie, der von Kinderraub, einem Diktatoren und Mord handelt.

Der Film ist sehr tschechisch, sie sind Meister der Puppenbildung. Es dauerte drei Jahre, bis der Film fertig gestellt war, die Vorbilder sind, leicht zu erkennen, Jiri Trnka, Jan Svankmajer und Jiri Barta. Haupteinfluss jedoch ist, und das ist ein Tipp für jeden im Forum, der Kinderbücher mag oder Kinder hat, František Skálka. Der Film ist, was die Tricktechnik angeht, mit den Besten ebenbürtig, die Natur, die lebensechten Puppen, die Kulissen, sind atemberaubend. Leider hapert es bei der Story etwas. Es ist unausgewogen, die Verfolgungsfahrten nehmen einen Großteil des Filmes ein und ich wäre froh gewesen ab und an verschnaufen zu können und in den Kulissen zu versinken. Der Regisseur Sverak hat eine komplette Welt geschaffen, einen ganzen Kosmos im Wald, kleine Pilze, Wasserbewohner usw. leider kommen sie kaum vor, im Gegensatz zum Filmschurken.
Ihr könnt euch die Screenshots anschauen, wem das gefällt sollte die 90 Minuten investieren.



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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 08.01.2016 11:13 
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Bridgend/ Dorf der verlorenen Jugend
DK/GB 2015
Regie: Jeppe Rønde
Drehbuch: Jeppe Rønde,Torben Bech,Steven Waddington, Elinor Crawley
Darsteller: Hannah Murray, Josh O'Connor, Adrian Rawlins


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Es ist in Wales. Es ist an der Küste. Es ist scheiße. Wir sind in Westend. Die Landschaft trägt Trauer, die Bewohner schließen sich ihr an. Ihr Gebirgsverständnis ist nahezu niederländisch. Hügelmulden nennen sie großmäulig Tal. Doch wen interessiert das? Kleine Stadt, Rummelplatz, Tankstelle und Schule. Pfarrer, Polizei und Wald. Alles da für ein sorgloses westeuropäisches Leben. Leider bringen sich die Teenager der Ortschaften in Scharen um. 25 werden es gewesen sein, bis die lokalen Polizeibehörden Amtshilfe bekommen aus dem englischen Bristol.
Die Amtshilfe stammt selbst aus dem Ort, es ist Dave. Sein Kommen überrascht. Er selbst ist Witwer, seine pubertierende Tochter Sara somit Halbwaise. Er nimmt seine pubertierende, Halbwaisentochter und zieht in eine Landschaft, die berühmt ist für ihre Teenagerselbstmorde. Das ist Wahnsinn.

Und damit sind wir wieder in Bridgend. Was stimmt nicht mit den Jünglingsscharen? Es fällt gleich auf, dass die Erwachsenenkinder das Rurale sehr archaisch ausleben. Sie grunzen, grölen und kabbeln sich. Sie bersten vor Energie, reißen sich die Kleider vom Leib und arschbomben so nackt wie laut in den lokalen Waldsee. Alkohol trinken sie in rauen Mengen, Bier aus Zweiliterplastekanistern. Feiern sie nicht nackt am See, gehen sie in den lokalen Pub und reißen sich dort die Kleider vom Leib um zur Musik vom Franzosen Mondkalb zu tanzen.
Schule, Alkohol und Tanz. Das nichts mit sich anzufangen wissen, das klingt nach typischer Jugend. Selbstverständlich ist die Einöde schön, doch welcher 17-jährige will schon wandern gehen?

Ihre Gemeinschaft wirkt auf den ersten Blick geschlossen. Sie tuscheln verschwörerisch, tummeln sich schwarzgekleidet durch enge Gassen. Sie eint ein kollektiver Hass auf ihre Eltern. Woher der kommt ist so unergründlich wie der Grund des dreckigen Sees. Ein grundloser Generationskonflikt. Das könnte auch Bielefeld sein. Doch kommen wir zur Polizistentochter Sara. Sie besitzt ein Pferd, schaut gern naiv, trägt ausladend weite Klamotten als wäre sie Städterin nach der Schwangerschaft. Mit ihrem Papa versteht sie sich gut als sie im Ort ankommen, sie sind sehr offen miteinander. Doch das ändert sich, umso länger sie dort bleiben.

Der Vater verbietet ihr den Umgang mit den anderen Kindern. Er zerrt einen jungen Mann in sein Polizistenauto und raunt ihn an: "Lass meine Tochter in Ruh`! Sie ist schwach." Die Erkenntnis kommt reichlich spät. Die Tochter ist schon mittendrin in der Gruppe. Das UmgangsVerbot ist somit ein schlechter Witz, zumal sie schon verliebt ist in den schmalbrüstigen Pfarrerssohn Jamie. Der wird ein wenig gemobbt von den anderen, sie demütigen ihn und reißen auf offener Straße ihre Hose bis zu den Knien herunter um ihm ihre Penise zu zeigen. Jamie zeigt seinen Penis dafür im privaten Sarah. Auf der schmuddeligen Entjungferungsmatratze am See.

Landschaft: Sehr ansprechend, es könnte ein Tourismusfilm sein. Der Film basiert, wie soll es anders sein, auf wahren Begebenheiten. Erklärungen gibt es keine. Klar, der Pfarrer wirkt etwas verschroben. Er raunt sein Kind an, gerade weil das seinen Talar bügelte. Aber deswegen bringen sich keine 80 Kinder um. Es ist sehr bedrückend, kaum lernen wir eines der Kinder kennen, bauen vielleicht eine kleine Beziehung auf zu ihm, da bringt es sich schon um. Ein paar Stellen sind ein wenig befremdlich. Etwa der mythische Symbolschäferhund, der immer wieder ins Dickicht rennt um Tote zu finden. Oder der Reporter, der immer wieder Leichenzüge fotografiert und angerempelt wird. Die Musik von Mondkalb passte gut zu den eher verstörenden, wenig lebensbejahenden Bildern. An einigen Stellen war die Musik, zumindest mir, etwas dominant. Aber ich habe auch keinen Geschmack.

Insgesamt ein ansprechender Film.

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 Betreff des Beitrags: DEINE MUTTER IST FETT!
BeitragVerfasst: 08.01.2016 22:22 
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Hranice stínu

Česko, 1996, 85 min
Regie: Martin Müller
Drehbuch: Martin Müller, Veronika Müllerová, Petr Michálek
Kamera: Veronika Müllerová
Musik: Vojtěch Havel, Irena Havlová
Darsteller: Nina Divíšková, Jan Kačer, Pavel Taussig, Petr Michálek, Blanka Ženožičková, Mikuláš Pánek


Eines Morgens überraschte mich eine große Stille, die kein Ende nahm. Ich stand an einem Fenster im ersten Stock, blickte hinaus und sehe: Die Erde ist tot! Was ist das? Im Monat Mai, und die Erde allem Anschein nach tot gleich in der ersten Blüte. Ich sage: gleich in der ersten Blüte, da ich sie zu dieser Stunde schon in fortgeschrittener Verwesung vorfinde. Jedes Gebilde, jede Gestalt, die noch existieren, nur ein Kostüm der Fäulnis. Die Wolken ragen zwischen Himmel und Erde auf wie riesige, verfaulte Fische, die mit der Pest über die Landschaft herrschen. (Jakub Deml, Burg des Todes)

Das sind die Gedanken Zavadils als er aus dem Fenster starrt auf ein Feld, das nicht mehr ihm gehört. Zavadil wurde 1844 geboren, war Leibeigener, sein Urgroßvater kämpfte noch im 7-Jährigen Krieg. Er selbst bekam drei Kinder. Sein großer stolz war der älteste. Der wurde Priester. Wurde Missionar, verließ die mährische Provinz und zog nach Afrika. Nach Afrika!Zavadil war fassungslos, dieser Bruch brach auch sein Herz. Ihm verblieben noch zwei. Davon eine Tochter. Aber was zur Hölle soll er mit einer Frau? Wankelmütig und schwach sind sie, vom Schicksal getrieben. Die heiratete auch noch einen Luftikus, dem es im Ersten Weltkrieg die Gedärme rausriß. Aber das bekam Zavadil schon gar nicht mehr mit, mit der Tochter brach er sofort als sie mit diesen Tunichtgut in ein Prager Kellerloch zog. Auch sein anderer Sohn war niemand aus Schrot und Korn. Er hat ihn noch gesehen als es ihm das Gesicht zerrißen hat, als aus dem verbliebenen Auge eine Träne floß während den Mund das schwarze Blut flutete.
Das war es für Zavadil. Seine Nachkommen waren alle tot. Er selbst inzwischen 90. Ein Methusalem und Hiob. Sein größtes Unglück ist es, Christ zu sein, sonst hätte er sich schon längst selbst getötet. Der Tod hat ihn vergessen, er blickt aus dem Fenster und wartet. Er hat gegen die verdammten Preußen gekämpft, watete im Kot heimwärts und der Tod holt ihn nicht nun ab.

Und da geht sie auf. Die Tür. Der elendige Dorfpfarrer kommt herein. Mit einem tranigen Typen mit verbittertem Gesicht. Der Muskellose stellt sich vor: "Ich bin Jan, ihr Enkel, Zavadil. Ich bin nun hier Lehrer. Wollen Sie mit mir reden?"
Innerlich brüllt der Großvater, doch sie reden. Er erfährt, wie elendig seine Tochter an der spanischen Grippe verreckte. Und Jan erzählt. Er kommt aus Prag, fand im Leben keine Erfüllung und versucht nun seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er lernt die Kinder im Dorf kennen, er lernt die Dorfschönheit kennen und freundet sich mit dem Pfarrer an. Zavadil findet Grund zu sterben und Jan reißt die Handlung an sich, er redet und wandert.

Nun, das ist der Film. Er basiert auf einem Roman Jan Ceps. Dieses katholischen literarischen Schlächters. Er führte das schöne nur in die Handlungen ein um ihm anschließend den Schädel zu spalten. Der Roman wurde 1933 geschrieben, auch sofort ins Deutsche übersetzt, der tschechische Titel Schattengrenze wurde verkitscht in ein "Ruf der Heimat". In den 1990er Jahren wurde es verfilmt. Und wenn ich vorher dachte, die anderen tschechischen katholischen Autoren hätte es schlimm erwischt, Durych etwa, dessen Filme aussahen als hätten bulgarische Autohändler religiöse Werbespots drehen wollen, muss ich mein Urteil revidieren. Gesehen haben ihn sehr wenige Menschen. Selbst auf der tschechischen Csfd sind es kaum 20 Urteile, die meisten nennen das Werk Abfall.
Und es ist gemein. Der Regisseur versuchte sich an der tschechischen Neuen Welle zu bedienen. Drehte nahezu farblos, verlangsamte die Kamera auf Dorfgeschwindigkeit setzte symbolträchtige Bilder vor die Linse doch es ist nichts. Hinter den bröckeligen Hausfassaden verbirgt sich nur leere. Es ist wie ein potemkinisches Dorf, der Regisseur erzählt nichts und wieder nichts. Ich war entsetzt. Die Kamera war prima, das Buch war prima, die Musik war prima, die Landschaft war prima. Aber der Film ist ein Paradebeispiel, dass ein guter Wille keinen guten Plot ersetzt.
Schade.


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 Betreff des Beitrags: PERINBABA - Juraj Jakubisko
BeitragVerfasst: 11.01.2016 12:58 
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Perinbaba / Frau Holle
Slowakei 1985
Regie: Juraj Jakubisko
Kamera: Dodo Šimončič
Musik: Petr Hapka
Darsteller: Giulietta Masina, Petra Vančíková, Tobias Hoesl, Pavol Mikulík, Soňa Valentová, Eva Horká, Valerie Kaplanová, Vlastimil Drbal, Karel Effa u.a.



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Frau Holle (Giulietta Masina, Ehefrau von Federico Fellini, Filme u.a. La Strada) ist der Schneeboss. Ihr Hauptquartier ist eine mit Tauben und Pfauen bevölkerte Tropfsteinhöhle, samt mit Fischnetzen behangener Grotte. Durch ihr Schneeteleskop sieht sie, wie die elendige Hippe Massenmord an einer Artistenfamilie begeht. Eine Lawine lässt sie auf die bunt bekleideten Gaukler los und löscht die Unglückseligen aus. Alle - bis auf ein Kind, Jakub. Das hat das Glück, fortan bei der großmütterlichen Holle zu leben. Er ist ein Lausbub, der es auf schimpfende Ägypter schneien lässt.
Mit der Schneekugel durchfortstet er aus seiner sicheren Höhle heraus die ganze Welt, in den slowakischen Tatra-Gebirgswäldern entdeckt er schließlich die liebliche Alžbetka. Sie umgibt sich ebenfalls mit Pfauen und spielt die Flöte, Jakub verliebt sich sofort und als ihm einige Jahre später der erste Schnurrbart wächst und er beginnt, auch körperlich lieben zu wollen, macht er sich auf, verlässt die sichere Märchenwelt und betritt die Erde.
Die Erde ist ein gefährliches Pflaster. Lug und Betrug wiegen sich auf mit Liebe und Glück. Jakub muss sich erst zurecht finden, er tollt mit seiner Liebsten umher, oberkörperfrei im Schnee. Selbstverständlich liebt auch sie ihn, er ist wirklich sehr schön und begehrenswert. Aber wie es so ist, die Hippe, die böse Stiefmutter und- Schwester versauen es und Jakub wird alsbald zum Tode am Strang verurteilt.

Juraj Jakubisko ist ein berüchtigter Regisseur, seine Filme sind wilde Phantasmagorien, er dreht als käme er vom Zirkus. Allenthalb werden Räder geschlagen, Feuer gespeit und Kunststückchen aufgeführt. In den Einstellungen, Jakubisko liebt Frosch-, Vogel und Fischaugenperspektiven, schaukeln sie hinten von links nach rechts, rollen sich vorn die Schauspieler und hüpfen auf der Seite. Einige Szenen wirken, als wäre eine Grundschulklasse unbeaufsichtigt. Jakubisko bewegt sich nah an der slowakischen Volkskultur, das bedeutet, es gibt eine Vielzahl bizarrer Kostümierungen, quadratische Männer mit stattlichen Schnurrbärten sehen aus wie Hofnarren, bei denen du nicht weißt ob sie eine Perücke oder eine Mütze tragen. Der junge Jakub trägt ein derartiges Fell, dass es scheint, man hätte seinen Kopf auf einen Ewok-Körper mit Schärpe montiert. Frau Holle schläft in einer Hängematte, die ein Spinnennetz sein könnte. All diese Fantastischen Elemente werden gemischt mit traditionellen folkloristischen Elementen, es ist ein wunderbares Vergnügen.

Wobei es anfangs schon Probleme gab. Als Guiletta Masina anreiste, waren die Schaubühnen noch nicht fertig, weil die Dekorateure einfach keine Nägel auftreiben konnten in der ganzen Slowakei. Sie haben dann einen Sack voll heimlich aus Österreich rangekarrt. Auch der Jakub-Darsteller Tobias Hoesl war verwundert über die Slowaken, um nicht zu sagen angeekelt, als er sie Cola mit Rotwein mischen sah. Angenehm war der Dreh wohl nicht, abgesehen von den eisigen Temperaturen von bis zu - 25 Grad, indem die Schauspielerinnen teilweise Szenen in Seen drehen mussten, und Jakubiskos Vorliebe für Luftszenen, in denen er die Schauspieler auf Ballons zehn Meter in der Luft bugsierte, war die Bezahlung erbärmlich. Von der Stiefmutter heißt es, sie hätte 3000 Kronen bekommen, das sind knapp 100 Euro. In Tschechen wurde der Film alsbald auf den Index gesetzt, die kommunistische Filmkritik erkannte und prangerte Aufstachelung zu Religiosität an, fand den Film gänzlich ungeeignet für Kinder, da Frau Holle: Herr Gott, gib uns Glück, sagte.
Die Landschaft macht Lust auf einen Besuch, ein Drehort war das Observatorium in Lomnicky štít, 2600 über dem Meeresspiegel.
Insgesamt ein typischer Film des Regisseurs, kein reiner Kinderfilm sondern auch eine wahnwitzige Gaudi für Erwachsene. Ein klasse Stück.

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Zuletzt geändert von ultrastruktur am 11.01.2016 13:30, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: PERINBABA - Juraj Jakubisko
BeitragVerfasst: 11.01.2016 13:30 
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ultrastruktur hat geschrieben:

Perinbaba / Frau Holle

Den Film mag ich ja auch besonders! Der ist zu meiner Kinderzeit im Fernsehen rauf und runter gelaufen. Im vorletzten Jahr hatte ich einige Folgen von "Derrick" und "Der Alte" gesehen und da spielte Tobias Hoesl in Gastrollen mit, ich konnte ihn aber nicht gleich zuordnen, obwohl mir das Gesicht so bekannt vorkam. Dann war ich ziemlich überrascht, dass er die Hauptrolle in diesem Film gespielt hatte und habe mir mal die DVD besorgt; da war ich eigentlich noch mehr überrascht, dass es die überhaupt gibt. Wie immer konnte ich mich noch genaustens an die Musik aus dem Film erinnern und ansonsten an ein paar Inhalte, die interessant für Kinderaugen waren.

Leider ist es bei mir so, dass alle Erinnerungen die sich über viele Jahre erhalten haben (die dann natürlich ein wenig verspielt aussehen und nur noch schemenhaft sind), bei der erneuten Ansicht komplett weg sind und durch aktuelle Seheindrücke ausgetauscht werden. Das ist dann wie gelöscht. Vielleicht sehe ich mir deswegen so selten Sachen an, die mich als Kind begeistert haben? Naja, so ist das eben. Dir danke ich für die Vorstellung dieses wirklich bemerkenswerten Films, den ich trotz allem für einen sehr schönen und mutigen Kinderfilm halte. Da sind zu meiner Zeit Dinger unter dieser Klassifikation gelaufen, die man dann eher Gaudi für Erwachsene nennen müsste. :lol:


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 Betreff des Beitrags: KRAKATIT! KRAAKATIT!
BeitragVerfasst: 28.04.2016 14:12 
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Krakatit
Drama / Sci-Fi
Československo, 1948, 106 min
Regie: Otakar Vávra
Vorlage: Karel Čapek (kniha)
Drehbuch: Otakar Vávra, Jaroslav Vávra
Kamera: Václav Hanuš
Musik: Jiří Srnka
Darsteller: Karel Höger, Florence Marly, František Smolík, Nataša Tanská, Miroslav Homola, Jaroslav Průcha, Jiří Plachý st., Eduard Linkers, Bedřich Vrbský, Karel Dostal, Vlasta Fabianová, Bohuš Hradil, František Vnouček, Vítězslav Boček, Jiřina Petrovická, Jaroslav Zrotal, Zvonimir Rogoz,Antonín Jirsa, Magda Kopřivová, Zdeněk Hodr, Ann Sort


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75 Jahre sind es her, daß dort, fern unterm Äquator, der Berg zerbarst ; Wasser und Winde um die Erde pendelten ; Schiffe mühsam durch Bimssteinfelder pflügten ; und der Schall bis zu den Antipoden reiste. Daß 50 Tausende starben, während die Magnetnadeln verzückt tanzten, und die Gestirne ergrünten – ein Tag, wohl wert, daß die Menschheit seiner gedenke : des 27. August 1883 ; und des donnernden Namens KRAKATAU ![Arno Schmidt - Krakatau]


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Krakatau. Höllischer Vukan Javas, dessen rote Glut tausende fraß. Und Krakatit, ein Explosionssprengstoff schlimmster Vorstellungskraft. Materiezersetzend. 20 Jahre vor der ersten Atombombe ausgedacht, aber nicht weniger gefährlich. Erschaffen wurde Krakatit vom "destruktiven" Chemiker Prokop. Der ist fassungslos ob seiner Entdeckung,die ihm die Hand verätzt. Nach dem verunfallen zieht er im Delirium los, durch die Straßen einer Stadt, die auch Hermann Kasacks Stadt hinter dem Strom sein könnte. Der betrügerische, vor dem Bankrott stehender Ex-Kommilitone Tomeš luchst ihm die Formel ab, größtenteils. Will reich werden. Doch das ist Prokop egal, denn er weiß nicht, was er dem Schwindler im Fiebertraum erzählte.

Prokop ist ein umherirrender. Er findet schwankend Platz auf der Kutsche eines Charons, der ihn zur Familie von Tomes bringt. Dort lebt er, die Nachtschatten der Stadt hinter sich lassend, im gleissenden Tageslicht der Natur. Umgeben vom strengen und fürsorglichen Landarzt und dessen schöner Tochter, die Narben anziehend findet. Über Tomes sprechen sie nicht. Der schuldet dem Landarztvater Geld und so endete auch die Beziehung. Er ist eine Persona non grata. Doch das macht Prokop nichts. Er arbeitet auf dem Feld, umgeben von Quendel, Königskerzen, Enzian und Wacholder. Die Narbenliebende liebt den Narbigen nicht nur wegen des Wundmals. Doch er ist Chemiker. Wozu heile Welt, wo der Enzian so blau blüht, wenn er mehr haben kann. Verruchte Adlige, geldgierige Kapitalisten, verschrobene Militärs und einen Marderpelztragenden Mann, dessen Habitus an einen Pinguin erinnert, der auf den Namen d`Haimon, sprich Dämon, hört?

Prokops leben wird eine wilde Achterbahn. Er gerät in eine Welt, die einem hardboiled Sartre entsprungen sein könnte. Eine formwandelnde Letten-Prinzessin urältesten Geschlechts liebt ihn, den die Militärs lieben. Die Geschichte eines Wissenschaftlers, der an der Eigenverantwortlichkeit hadert, wird zum Trivialroman. Kitschig wie bei Philip K. Dick. Und wie bei Dick, so fehlt auch hier die religiöse Komponente nicht. D`Haimon will ihn verführen und er geht so vor, dass wir uns auf einmal im Matthäus-Evangelium wähnen. "Dann wurde Jesus vom Geist hinaus in die Ödnis geführt, um vom Teufel versucht zu werden....Abermals nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg. Und er zeigt ihm alle Königtümer der Welt und ihre Herrlichkeit. Und er sprach zu ihm: Das alles gebe ich dir, wenn du dich vor mir niederwirfst und dich tief vor mir verneigst. (Matthäus 4, 1-11). Jesus verscheucht ihn, Prokop will ihn erwürgen.

Ich möchte ehrlich sein. Der Plot ist etwas überladen. Gewissensfragen mit Prinzessinenfragen zu vermischen, Welttod mit Heimatidylle wirkt alles in allem zerfahren und wenig kompakt. Er verbringt Wochen in einem Landhaus nur um dann durch Paläste zu stolpern und sich in Atombunkern gefangen zu wissen. Was mir aber hervorragend gefiel, war die abstrakte Studienkulisse. Sie war so eventuell nicht gewollt. Gedreht wurde 1947, das Geld wird streckenweise nur für Pappkulissen gereicht haben aber die Bilder, wie er verloren auf riesigen Asphaltflächen umherirrt, durch die kunstnebelige Totenwelt stolpert, ist furchteinflößend. Ebenso die Musik, die durchaus elektronische Anleihen hat. Der Plot beruhte auf dem gleichnamigen Roman Krakatit, der von dem tschechischen Schriftsteller Karel Capek 1924 geschrieben wurde, in seiner Science Fiction Phase, die auch R.U.R.und die Fabrik des Absoluten umfasste.



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 Betreff des Beitrags: FUCK THE CAT
BeitragVerfasst: 29.04.2016 11:15 
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Hordubalové

Regie: Martin Frič
Drehbuch: Karel Hašler, Karel Čapek
Kamera: Jaroslav Blažek
Musik: Miloš Smatek
Schnitt: Gina Hašler
Darsteller Jaroslav Vojta, Paľo Bielik, Suzanne Marwille, Mirko Eliáš, Eliška Kuchařová, Vlasta Součková, František Kovářík, Filip Dávidik, Gustav Hilmar, Vilém Pfeiffer, Alois Dvorský
Premiére: 21. ledna 1938, Tschechoslowakei, 95 min.

NACH EINEM WAHREN VERBRECHEN!
Fritz The Cat in den Karpaten!

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Juraj Hordubal. Ein Mann und Bauer in den tiefsten Tiefen der Slowakei. Ein Mann, dem es nichts ausmacht, wenn sechs Mann mit Holzlatten und Knüppeln auf seinen haarkränzigen Schädel dreschen. Juraj ist hart im nehmen und den Kopf braucht er auch für keine Doktorenarbeiten. In den frühen 1920er Jahren verlässt er Frau und dreijähriges Kind um in Amerika an Geld zu kommen. Acht Jahre wird er dort gelebt haben, während der Prohibition ausgerechnet. Er hat Arbeit erledigt, die nicht mal Neger* oder Pferde gemacht hätten. In höllenhitzigen Minen verdiente er sein Geld hart, Englisch lernte er keines und als irgendwann seine einzige tschechischsprachige Bekanntschaft in der GlutHölle verreckte, hatte er über Jahre niemanden zum Reden - als schwieg er.

Geld verdiente er genug, tausende an Dollars. Die wurden ihm leider gestohlen. Doch er kam mit immerhin 700 zurück. Fest an der Brust vergurtet. Juraj ist ein eigenbrötlerischer Träumer, er malt sich die tollsten Dinge aus, wie er seine geliebte Frau, Polana, empfängt, wie er mit dem Glockenschlag kommt, mit den Kühen kommt, in gleißendem Sonnenschein. Doch die Realität und Jurajs Gedanken sind zweierlei. Zerrupft steigt er aus dem Zug, unrasiert, stinkend. Als seine Frau ihn sieht, wird sie totenbleich und bleibt wortkarg wie er. Seine Tochter, inzwischen elf, ängstigt sich vor ihm. Sie lacht nur auf, als er ihr ein Bild von der Crumbschen Gruppensexkatze Fritz The Cat zeigt. Dann kommt der Knecht štěpan. Ein zigeunerischer* Ungar, geht Juraj grad mal bis zu den haarigen Schultern. Er hielt den Hof in Schuss. Besorgte Pferde, verkaufte das steinige hügelige Ackerland.

Er verkaufte das steinige Ackerland seines Herrn. Der ungarische Knecht. Der Pferdemensch trifft auf den Kuhmensch. Karpatische Hügel auf ungarische Puszta-Flachheit. Mundfaulheit auf Prahlhanserei. Sie sind Gegensatz wie Sonne und Mond.
Die einzige Gemeinsamkeit: Beide beschliefen die gleiche Frau. Hordubal darf nicht mehr, er ist fremd und gutmütig. Die Frau verwelkt auf dem Dachboden auf dem sie sich nach der Ankunft ihres totgeglaubten Gatten einquartiert. Das Gerede im Dorf, von wegen die Frau hurt herum, ist Hordubal gleich. Er will, dass es der Familie gut geht. Damit das Gerede aufhört, verscheuert er die Tochter an den 26-jährigen Knecht. So lebt denn nun der Schwiegersohn im Hause. Kein Gerede- Problem gelöst. Findet er. Gut, es sind die 1930er, nicht das Mittelalter. Aber in den Karpaten ticken die Uhren noch etwas hinterher.



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Gedreht wurde der Film 1937 von Martin Fric. Die Vorlage, und das Drehbuch, stammten von Karel Capek, einem der wohl berühmtesten tschechischen Schriftsteller, den das Münchner Abkommen tötete. Geschrieben wurde der Roman, Teil seiner noetischen Trilogie, 1932, beruhend auf einem wahren Kriminalfall aus dem Vorjahr. Der Roman ist ein fabelhaftes Meisterwerk. Capek hing dem Relativismus und Pragmatismus nach. Es geht ihm im groben um die Frage nach der Wahrheit. Wessen Sichtweise und Weltbild ist wahr, welche falsch.
So hier: Hordubal ist ein stummer Eigenbrötler. Er redet nicht, nur mit sich selbst in inneren Monologen. Die Kluft zwischen dem, was er sagen will (Komplimente, Spendierrunden für die Dorfmänner) und dem was dabei herauskommt (Grummeln und keine Spendierrunden), ist sehr witzig. Doch er wird ermordet. Nach 2/3 Handlung. Danach noch die Polizisten, die die Geschichte aus ihrer Warte sehen. Danach die Justiz, die die Fakten nochmals dreht. War der Mord aus Liebe oder Raffgier? Ist Polana schön, wie Juraj es denkt, oder eine abgehalfterte Schabracke, wie der Rest meint? Ist der Knecht so ein kleiner Gigolo vom Dorfe, ein frecher Parasit und fauler Schmarotzer wie ihn das Gericht zu erkennen glaubt oder so hart arbeitend wie ihn Hordubal und der Leser/Seher aus erster Hand kennenlernt?

Der Film folgt da anderen Spuren. Der innere Monolog ist gesprochen. Nur halt, wenn niemand dabei ist. Juraj beginnt im ersten Abschnitt zu sprechen, als das Zug-Abteil sich geleert hat. In den Film eingebaut wurde noch der schöne Schauspieler Palo Bielek als Hordubal-Bruder Michal. Er war ein Publikumsmagnet und fähig für Stunts. Das war auch der Grund für das Engagement. Das Buch gehört zu meinen Lieblingsromanen. Habe es vor zehn Jahren das erste Mal gelesen. Capek, der Hobbygärtner, geht auch viel auf die Flora ein, etwas das im Film zwangsläufig entfällt.

Verfilmt wurde es zweimal. Das erste Mal 1937 von dem herausragenden Regisseur Martin Fric und dann nochmal zu Zeiten der Normalisation in den 1970ern. Der zweite Versuch ist ein Stinker. Den ersten wollte ich seit Jahren sehen aber er war unauffindbar. Nun wurde er mal wieder ausgestrahlt und ich hatte die Möglichkeit eine VHS-artige Kopie zu sichten. Was dabei leider zu kurz kommt, bei der Qualität, sind die Landschaftsaufnahmen und die Stunts. Der Bruder Michal leistet sich Dinger wie Buster Keaton. Rutscht einen Felsabhang runter der eine gefühlte 85 Grad Neigung hat. Er springt einen 15 Meter hohen Baum runter und landet sicher.¨


Ein Film der ein gefúhltes Jahrzehnt auf der Wunschliste steht. Gesehen in einer dürftigen Qualität. Alles in allem nicht der beste Film aller Zeiten aber für mich, der Karpatengeschichten untreuer Ehefrauen abgöttisch liebt ein faszinierender Film zum schwelgen.

*Nicht meine Ausdrücke, das ist Film und Zeitjargon.

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 12.05.2016 09:21 
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Bílá nemoc/ Die weiße Krankheit / Skeleton on Horseback
Drama / Psychologický / Sci-Fi
Tschechoslowakei, 1937, 102 min
Regie: Hugo Haas
Drehbuch: Hugo Haas, Karel Čapek (divadelní hra)
Kamera: Otto Heller
Musik: Jan Branberger
Darsteller: Hugo Haas, Zdeněk Štěpánek, Karla Oličová, Bedřich Karen, Václav Vydra st., Ladislav Boháč, Jaroslav Průcha, Karel Dostal, Rudolf Deyl st., František Smolík, Helena Friedlová, Eva Svobodová, Vítězslav Boček, Otto Rubík, Vladimír Šmeral, Miroslav Svoboda, Marie Nademlejnská, Karel Jičínský, Eduard Blažek, Vilém Pruner, Frank Rose-R… (více)
Schnitt: Antonín Zelenka
Ton: Vilém Tareba



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Ein kleiner widerlicher Zwergenstaat provoziert den großen Nachbarn systematisch! Ihr Pech, dass die große Nation von einem Ares geleitet wird. Er will, auch für den Zusammenhalt der Nation, den totalen Krieg. Die Vernichtung der aufrührerischen Hauptstadt. Gott selbst hat es ihm befohlen! Blöd nur, dass Gott zwei Karten spielt. In die Welt gesetzt wird eine Krankheit, im Volksmund die Weiße Krankheit. Sie befällt lediglich Männer ab 50 Jahren. Eine Stelle auf der Brust, am Herzen, wird Marmorn. Weiß, Kalt, Steinhart. Schlechtes Omen für das Herz.


Wenn wir siegen reite ich an der Spitze der Soldaten, zwischen Trümmerhaufen. Das Fleisch wird längst von mir abgefallen sein. Ich werde nur noch Augen haben. Und noch immer reite ich an der Spitze, ein Gerippe auf weißem Pferd und die Menschen werden rufen:E s lebe seine Exzellenz, der Tod!


Doch kommen wir zum Film: Heilen kann die Krankheit nur einer. Doktor Galen (Der Regisseur Hugo Haas). Der ist in diesen kriegerischen Zeiten jedoch ein Pazifist durch und durch. Ein Grieche, aus Pergamon. Der Verweis auf den antiken Gladiatorenarzt und Philosophen Galenos aus der gleichen Stadt ist nicht von der Hand zu weisen. Die Reinkarnation der Antike arbeitet vollgetankt mit Humanismus in seiner Armenpraxis.
Mit seinem Pazifismus ist er in diesen kriegsgetränkten Zeiten, in diesem zum Kriege erzogenen Volke, zwangsläufig ein Querulant. Es geht ja auch anders. Etwa bei diesem Buchhalter. Von der Propaganda lässt der sich ganz anstecken. Kreischt am Küchentisch und beschimpft dieses niedere Nachbarvolk, schwadroniert von Lagern für Andersartige. Ein musischer Mensch ist er nicht, als seine Tochter Klavier spielt und ihn bei seinen Reden unterbricht, herrscht er sie an, doch gefälligst mit dem Geklimper aufzuhören. Durch die Weiße Krankheit steigt der Opportunist im nationalen Rüstungskonzern auch steil nach oben, wird Chefbuchhalter. Selbstverständlich hat auch er ein wenig Angst vor der Krankheit, immerhin ist er voll im fraglichen Alter. Da käme so ein Tod ganz schön ungelegen.

Eine Krankheit nimmt so wenig Rücksicht wie ein Diktator: Nach und nach werden auch die oberen von der Krankheit erfasst werden: Der Baron Krüger, der den Kriegswaffenkonzern leitet, der Diktator selbst, stecken sich an. So kommen sie auf Doktor Galen zurück. Heilen soll er sie, Befehl ist doch Befehl. Vernünftig soll er doch sein. Doch er will nicht, nur wenn sie auf den Frieden schwören, würde er es in Erwägung ziehen. Das wollen sie wiederum nicht. Eine verfahrene Lage.
Die Trennungslinien innerhalb der Nation verlaufen nun ganz anders. Lager wollten sie alle. Irgendetwas muss ja vom gesunden Volkskörper mit chirurgischer Präzision abgeschnitten werden. Während sie aber anfangs eher für minderwertige Volksgruppen gedacht waren, denken sich nun die Jüngeren, dass doch bitte die Älteren in die Lager sollten. So eine Krankheit stinkt ja auch.

Die allegorische Bedeutung ist nicht von der Hand zu weisen. Gedreht am Vorabend des Zweiten Weltkriegs von einem kleinen Zwergenstaat, der an das Deutsche Reich angrenzte. Was aufgegriffen wird ist durchaus ansprechend. Der Zuschauer wird auf vielen Ebenen befriedigt. Im Krieg ist es zwangsläufig so, dass die jungen Männer losziehen müssen und auch sterben dürfen. Hier nun gibt es im sicheren Heim eine wütende Krankheit die die Männer höheren Alters angreift, diejenigen, die über den Krieg entscheiden. Es erwischt auch die Elite. Ein diffuses Gefühl, von wegen beim Krieg sollten doch auch mal die da oben bluten, wird hier voll befriedigt.


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Die Tochter des Diktators spielte die Tochter vom damaligen Staatspräsidenten Edvard Beneš (der mit den Dekreten). Regisseur Haas war unzufrieden mit ihrer Schauspielkunst, musste es aber ertragen, da sonst der Film nicht finanziert worden wäre. Zwei Tage nach der Premiere beschwerte sich die Deutsche Botschaft, von wegen der Film bringe Schaden. Sie erreichten aber nur, dass der Industrielle von Krüger in Krog umbenannt wurde. Die Stimmung während des Drehs, die Premiere war Ende Dezember 1937, war aufgeheizt. Es kam soweit, dass zu Ende der Filmvorführungen die Besucher im Kino sich von ihren Sitzen erhoben und die tschechische Nationalhymne anstimmten. Der Film basiert auf einem Theaterstück Karel Capeks, der genau ein Jahr später sterben wird. Theater bedeutet, dass hier einige herausragend gute Dialoge zu hören sind. Hugo Haas hatte es anschließend nicht mehr so leicht. Er war Halbjude und während sein Bruder Pavel, ein Komponist, im KZ Auschwitz starb, kam er in die USA. Dort drehte er auch Filme. Auf der Bio-Seite von IMDB schreiben sie am Rande, er wäre als ein foreign Ed Wood gesehen worden, was ganz schlimm klingt. Haas war begabt bis in die Haarspitzen, immerhin arbeitete er am Nationaltheater Prag. Nichts, wo man irgendwie reinrutscht.


"Most of Haas' work was in the film noir vein. Czech historian/journalist Pavel Taussigperceptively analyzed these films thusly: "Most of the characters he played later on were old men who were all alone and who nobody was interested in. These characters usually fell for a younger woman, but their love would invariably turn out to be nothing but a false illusion and they quickly ended up having to face the harsh reality of their situation. These scenarios pretty much tied in with Haas' own personal feelings about living abroad and the melancholy of his exile.""
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 Betreff des Beitrags: Jetzt wird es intim
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[b]Intimní osvětlení /Intimate Lightning[b]
Drama
Tschechoslowakei, 1965, 71 min
Regie: Ivan Passer
Drehbuch: Jaroslav Papoušek, Ivan Passer, Václav Šašek
Kamera: Miroslav Ondříček, Josef Střecha
Darsteller: Karel Blažek, Zdeněk Bezušek, Věra Křesadlová, Jan Vostrčil, Jaroslava Štědrá, Vlastimila Vlková, Karel Uhlík, Miroslav Cvrk, Dagmar Ředinová, Jiří Růžička st., Martin Štědrý



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Schulfreundbesuch aus Prag! Schnell ein paar Stachelbeeren anbieten. Die wachsen im Großstadtdschungel sicher nicht aus den Asphaltfugen. Da wird Petr sich freuen, wie in der Kindheit sind sie, da kann das Haar noch so licht sein auf dem Kopf. Da kann man noch so sehr Berufsmusiker sein mit einer ordentlichen Karriere. So eine Beere ist fast so gut wie ein Selbstgebrannter! Aber wo sind sie denn? Nicht einmal unter dem Blätterdickicht findet sich ein einzelnes verdammtes Ding. Wieso zur Hölle ist er dann nach der Schulzeit in der verdammten südböhmischen Provinz geblieben, mit drei plärrenden Bälgern, einer kräftigen Frau die Bier trinkt wie ein Mann, wenn es nicht mal eine Beere gibt?
Bambas Leben ist nicht so leicht. Und auch nicht so spannend. Während die im Haus lebende Mutter immerhin als Pubertierende vom Zirkus *entführt wurde und ihren eierlikörsaufenden Mann dort nach drei Tagen ehelichte, was ja heute witzig klinge aber damals eine schreckliche Situation war, hatte Bambas Leben keine Brüche. Schulfreund Petr zog es immerhin in die Hauptstadt, hat eine adrette Freundin, die Stepa (Vera Kresadlova, die auch mal Forman ehelichte).

Aber wir schweifen ab. Worum geht es in dem Film denn überhaupt? Wieso kam Petr? Es soll ein großes Konzert geben. Petr ist Cellist im Prager Orchester. Eine größere Nummer. Trotz Fischnetzunterhemd und kariertem Oberhemd. Üben wollen sie kurz und dann spielen. Aber wen interessiert denn so ein Konzert? Wichtig sind doch Babykatzen und das Abendbrot. Beides findet statt. Die schöne Hauptstädterin Stepa bekommt sogar den Flügel, das beste Stück des ganzen Federviehs. Den Flügel, den der Opa wollte. Und dann gibt sie ihn auch noch den Bälgern weiter. Opas Augen werden größer, die Eifersucht lässt sich kaum zügeln, es kommt zu Fleischstückverhandlungen und alles geht schief. Stepa wird sich fast totlachen. Soviel Humor hat es in dem Haus von Bamba lange nicht gegeben. Sieben verfluchte Jahre baute er an diesem Flickenteppich, jeden einzelnen Stein zahlte er die versoffenen Dörfler mit Schnaps. Hektoliter müssen da draufgegangen sein, bei diesem Bau! Bamba fischt. Das findet er abenteuerlich und aufregend, weil er nie weiß, wann ein Fisch anbeißt. Im Gegensatz zum Opa, da weiß er sogar, wann er aufs Klosett muss.

Der Film ist von Ivan Passer, der viel mit Milos Forman arbeitete. Und auch mit Jaroslav Papousek. Da ist die Fahrtrichtung des Filmes klar, irgendwo zwischen Formans Feuerwehrmannball und Papouseks Ecce Homo Homolka. Es sieht aus als gäbe es kein Drehbuch als wäre alles improvisiert. Es gibt ja nichtmal eine Handlung, nur atmosphärischen, realistischen Alltag. Doch das täuscht, alles ist haarklein vorgegeben. Passer hatte Angst, als er dem Produzenten das Drehbuch vorlegte, von wegen, es könne zu politisch sein. Aber so ein Sozialistenbürokrat hat Subversion ja nichtmal bei Jan nemec Slavnosti a Hostech erkannt. Langweilig fand er es, völlig unverständlich, wie man das verfilmen solle und könne. Das halte doch niemand bis zum Ende durch. Er gebärdete sich wie Hebbel gegenüber Stifter. Verboten wurde der Film dann doch bis zum Ende des blühenden Sozialismus.
Vielleicht lag es an der letzten Szene. Die Hausbewohner trinken Eierlikör. Der ist Fest wie ein hartgekochtes Ei, kommt nicht aus dem Becher. Sie stehen, Kopf im Nacken und warten. Sie warten auf das Bessere und nichts passiert.


Sehr angenehmer Film.


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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 19.05.2016 10:59 
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JAN HUS
Drama / Historisch
Tschechoslowakei, 1954, 115 min
Regie: Otakar Vávra
Vorlage: Alois Jirásek (Buch)
Drehbuch: Otakar Vávra
Kamera: Václav Hanuš
Musik : Jiří Srnka
Darsteller: Zdeněk Štěpánek, Karel Höger, Jan Pivec, Vlasta Matulová, Ladislav Pešek, Gustav Hilmar,Vítězslav Vejražka, Eduard Kohout, Bedřich Karen, František Smolík, Otomar Krejča st., Vladimír Řepa, Marie Tomášová, Josef Mixa, Eduard Cupák, Vladimír Hlavatý, Rudolf Deyl st., František Kreuzmann st., Vilém Besser, Marie Brožová,



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Böhmen im 15. Jahrhundert, Ausgang des Mittelalters und Beginn der Vorreformation. In Prag lebt und lehrt Jan Hus, ein sittenstrenger Geistlicher und Dekan der Universität, dem keiner derer, die die Ereignisse später zu Beschreiben versuchen, eine originäre Geisteskraft zuschreibt. Ein Mann, der vielmehr als Katalysator einer böhmischen Apokalypse gesehen wird, in deren Folge ein Kreuzfahrerheer von 150.000 Mann, besetzt aus Russen, Italienern, Engländern, Franzosen und anderen europäischen Ländern, in Böhmen einmarschiert um einem komplett der Häresie verfallenen Volke den gar auszumachen.
Der Regisseur Otakar Vavra schildert das Leben auch schon während Hus` Lebenszeit als wenig erbaulich. Reiche Deutsche und machthungrige Katholiken haben das Land im Würgegriff. Viele in Prag sind arbeitslos. Die, die arbeiten, verrecken beim Steineschleppen an Hunger. Die Geistlichen sind moralisch verwahrloste Blutsauger und werden auch als solche bezeichnet. Darbenden Familien nehmen sie dem Familienoberhaupt die Axt, und damit das Arbeitsgerät. Sollen die Kinder an Hunger leiden, der tonnengleiche Pfarrer hat das Vorrecht. Und das Schlachtschwein klemmt er sich auch gleich unter den Arm. Als Wucherzins sozusagen.

Das Volk reagiert verschnupft auf die Simonie. Bekommt mit, wie das außerhalb Böhmens läuft, von wegen es gibt ein knappes Dutzend an Päpsten und Gegenpäpsten. Weiß von den Engländern und dem Erzhäretiker John Wycliff, der die Katholische Kirche als Satansnest beschreibt. Auf eben diesen beruft sich Jan Hus, er macht sich dessen Gedanken zu eigen und schimpft von der Kanzel. Für Religion bleibt da keinen Platz. Hus schimpft auf die anderen Geistlichen, die der Völlerei und den Sünden erlegen sind. Die anderen Geistlichen schimpfen auf Hus und fordern mehr Geld. Die von Hus und dem Volk verfemten sind sauer, sehen sich im Recht Gottes, zusammen mit den gockelhaft verkleideten goldlockigen Deutschen petzen sie beim König Wenzel. Der ist sichtlich überfordert, lässt sich weder auf die Geldsüchtigen noch auf den Wahrheitssüchtigen ein. Die Sache soll in Konstanz entschieden werden. In Konstanz läuft es wie zwischen Elias und den Baalsjüngern. Nur, dass diesmal Gott nicht eingreift und das Blut in Strömen fließen lässt.

Ja, die rauchgeschwärzte Todesgeschichte Jan Husses. Es ist sicher kein Spoiler zu verraten, dass er auf dem Konzil in Konstanz verbrannt wurde und das die Böhmen diese Schandtat als Affront auffassten. Die Ereignisse wurden von tschechischen Geschichtsschreibern und Intelektuellen weidlich genutzt. Doch wie ging Otakar Vavra, der Regisseur, damit um? Immerhin hat er den Menschheit in den 1960er Jahren den Exploitationreißer Der HEXENHAMMER geschenkt, einen Mittelalterfilm der Superlative. Aber diese Hussitische Trilogie, es folgen Jan Zizka und ein totaler Kriegsfilm "Gegen Alle", entstand in den 1950er Jahren. Kurz nach Gottwalds Tod. Auch zu der Zeit gab es wieder Ketzerprozesse, diesmal Kommunistische. Die künstlerische Qualität....litt. Jan Hus ist weniger Geistlicher in dem Film. Klar, er betet, predigt von der Kanzel, aber er redet fast nie über Gott. Er ist ein Sozialreformer, ein Revolutionär. Figuren mit Tiefe sind in dem Film schwer auszumachen. Die Katholiken sind moralische Stinktiere, so plakativ wie ein Schurke in einem Disney-Film. Der einzige, der zwischen den Meinungen steht, ist der König, der, so will es der Beruf, abwägt.

Vavra bleibt ansonsten recht Nah am tatsächlichen Geschehen. Der Mord an einem Arbeiterklasse-Trio, der Weg aus Prag zum Konstanzer Konzil, das Exil u.a. wird genutzt. Der Regisseur verkitscht das aber auch noch. Der Mord an den Arbeitern, zweiter Höhepunkt des Films, liegt in der Spielfilmmitte. Die Hinrichtung erfolgt, es wird boshaft, am Tag der Hochzeit des einen. Insgesamt ist der Stoff aber recht bieder verarbeitet. Insbesondere für Vavra, der in der Zeit vor dem Kriege mit Kouzelny dům einen Film drehte, der David Lynch war, bevor dieser überhaupt geboren war; der später in Romanze am Flügelhorn Lyrik in Zelluloid fasste, ist es schade aber nachvollziehbar. Niemand will gerne schweren Kerker. Einige historische Begebenheiten etwa, als eine päpstliche Bulle nach Prag gelangte, sie von hoher Stelle einer Prostituierten um den Hals gehenkt wurde und diese durch Prag gockelte bevor die Bulle verbrannt wurde, ist legendär und hätte gut in den Film gepasst.,

Ausgelebt hingegen hat sich Vavra bei den Kostümen. Das Werk ist eine einzige Massenszene, immer sind da hundert Menschen im Bild und einer ist psychedelischer gekleidet als der andere, es ist eine Perversion des guten Geschmacks, jeder sieht aus als wäre er der Hofnarr des Königs. Insgesamt ist der Film in seiner Monumentalität überwältigend. Gedreht wurde über 93 Tage mit Tausenden an Statisten. Da wurden ganze Städte auf Kulissen gepinselt in denen sich die Heerscharen an Volk dann tummelten. Der Film macht schon viel Spaß, es ist ein Augenschmaus, aber auch sehr deutlich vom repressiven Zeitgeist durchdrungen.


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Was kann man zum Thema lesen?
Zur katholischen Seite sicher: Aeneas Silvius Piccolominis: Historia Bohemica. Geschrieben im 15. Jahrhundert von einem Papst, zu einer Zeit als Böhmen der schlimmste Flecken auf Erden war. Das Buch ist ein Ereignis.
Zur Kurzeinführung zu Jan Hus: Walter Nigg - Das Buch der Ketzer. Dort wird Hus Lebensweg auf zehn Seiten wiedergegeben. Dazu auch ein Kapitel über den Engländer John Wycliff. Nigg ist einer der herausragenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
Henry Charles Leas: Geschichte der Inquisition im Mittelalter Band 2. Die Kapitel zu Hus und den Böhmen. Das entstand im späten 19. Frühen 20. Jahrhundert und die Kapitel über Böhmen umfassen knapp 200 Seiten. Er formuliert ausschweifend, beruft sich auf Aeneas aber auch auf viele andere historische Quellen. Ich bin kein Historiker, sie hätten vielleicht weniger Spaß mit dem Buch, aber ich liebe es sehr.
Dann abschließend Melchior Vischers Jan Hus Biographie, in dem Doppelband aus dem Jahre 1940. Es gab eine stark verkürzte Version in den 50ern, in der die Sozialisten die gleichen Stellen rausstrichen wie die Nazis. Vischer war ein alter Dadaist, der dann...Historiker wurde. Das Buch ist elendig lang und völlig umwerfend.

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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 19.05.2016 17:18 
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Jan Žižka
Drama / Historie / Krieg
Tschechoslowakei, 1955, 102 min
Regie: Otakar Vávra
Vorlage: Alois Jirásek
Drehbuch: Otakar Vávra
Kamera: Václav Hanuš
Musik: Jiří Srnka
Darsteller: Zdeněk Štěpánek, František Horák, Karel Höger, Vlasta Matulová, Ladislav Pešek, Jan Pivec, Václav Voska, Vítězslav Vejražka, Gustav Hilmar, Miloš Kopecký, Gustav Opočenský,Vladimír Leraus, Marie Tomášová, Vilém Besser, Jaroslav Vojta, Marie Vášová, Vladimír Ráž, Otto Lackovič, František Kreuzmann st., Míla Pačová, Rudolf Hrušínsky



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Das Jahr 1419. Jan Hus ist Tod, seine Asche schon längst den Rhein hinabgeschwommen. Doch sein Geist lebt weiter unter den Hussiten. Jan Zizka, der gefürchtete Einäugige, der im ersten Teil des Films nur stumm Hus zuhören durfte. Der legendäre auf ewig unbesiegte Feldherr, nach dem ein ganzer Prager Stadtteil benannt wurde. Der Gottvater der hemmungslosen Gewalt, übernimmt das Ruder und die Massen im zweiten Teil von Otakar Vavras Hussitischer Trilogie, in der sogar die tschechoslowakische Armee in die Kampfszenen mit einbezogen wird.

Wie könnte man den zweiten Teil der Trilogie bezeichnen? Das Volk gegen den König? Die Kommunisten Gottes? Böhmen sorgt für den Welttod?
Das Volk gegen den König passt so sehr wie die anderen. Der König paktiert in den Augen der Hussitischen Volksbewegung immerhin mit dem Antichristen (Sein Bruder). Doch für wen soll König Vaclav ein Gegner sein? Vaclav war arbeitsscheu. So arbeitsscheu, dass er mal ins Gefängnis überstellt wurde. Er kümmerte sich mehr um Wein als ums Königreich, Nachts fraß und soff er am Tage schlief er. Da wird so ein Aufstand, ein Bürgerkrieg doch glatt zu viel Arbeit. Das dachte auch der König, er wollte den Hofnarren erstechen. Schluss mit lustig. Doch das ist der Arbeit zu viel, ein Schlaganfall raffte ihn alsbald dahin.

Er war ein Problem weniger für den Führer der Aufständischen. Mit seinem wütenden Pulk stürmte er das Rathaus der Prager Neustadt und sorgte für den ersten Fenstersturz, für den die Stadt so berühmt ist. Aus dem Fenster warf er sieben Obristen, die auf dem Boden von bäuerlichen Lanzen empfangen und zerfleischt wurden. Papst Aenea wusste, dass Zizka vom Hussitengift infiziert war und sich raubgierig mit einer Schar Verbrechern umgab. Der Historiker Lea erkannt die Hussiten als "wild und undiszipliniert, grausam und von fanatischen Mut beseelt, wurden sie bald zum Schrecken für ganz Deutschland".

Jan Zizka und seine Hussiten stehen gegen sie alle. Die Feindschaft ist notorisch. Das Blut der Böhmen geriet nach den Schandtaten der Kirche in Wallung. Die chiliastischen Hoffnungen verbündeten sich mit den sozialen Bestrebungen der unteren Schichten (Nigg). Keine dürren Ideen sondern elementare Kräfte formten diese unfassbare Krieger Gottes. Sie erwarteten das kommende tausendjährige Reich Gottes und kämpften mit Schwert und Feuer gegen alle Feinde. Sie lebten den christlichen Kommunismus, es gab keinen Besitz, jeder teilte mit jedem. Den Hauptgegner fanden sie im zweiten Teil in Stanislaus, dem König Ungarns und dem Bruder Vaclavs. Er war aus einem anderen Holz geschnitzt als sein Bruder. Der Erzfeind der Böhmen, der rote Drache der Apokalypse, zerberstete 32 Stammesführer mit seiner Axt. Er ist unentschlossen. Soll er die ungläubigen Türken bekämpfen oder die häretischen fanatischen Hussiten?

Der Film machte mir mehr Spaß als der erste. Die Massenszenen werden noch größer und der Film ist insgesamt viel düsterer. Gedreht wurde oft Nachts, gegen Ende gibt es einen Kampf im Sumpfgebiet, berittene Kreuzzügler gegen gehende Bauern, in einer völligen Jenseitsatmossphäre, ohne Sonnenlicht, mit Nebel, ohne grellen Farben mit viel Blut kommt es zu einem der ersten großen Gemetzel der hussitischen Bewegung, bevor sie auf den Hügel Tabor gelangen, auf dem sie ganz Europa stand halten. Insgesamt hat der zweite Teil auch mehr religiöse Schlagseite, zumindest zu Beginn wird mehr theologisch argumentiert. Was verwunderlich ist, da dafür eigentlich der erste Teil hätte hinhalten müssen.
Aber: Daumen Hoch. Der Film wirkt sogar auf dem Heim-TV episch.



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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 20.05.2016 13:40 
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Proti všem AGAINST ALL
Drama / Historie / Krieg
Tschechoslowakei, 1958, 102 min
Regie: Otakar Vávra
Vorlage: Alois Jirásek
Drehbuch: Otakar Vávra
Kamera: Václav Hanuš
Musik: Jiří Srnka
Darsteller: Zdeněk Štěpánek, Gustav Hilmar, Vlasta Matulová, Bedřich Karen, Jan Pivec, Miroslav Doležal, Václav Voska, Jana Rybářová, Petr Haničinec, Stanislav Neumann, Jaroslav Vojta,Bohuš Záhorský, Marie Vášová, Otto Lackovič, Vladimír Ráž, Eva Jiroušková, Radovan Lukavský, Václav Špidla, Vítězslav Vejražka, Eduard Kohout, Miloš Nedbal


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Das Jahr 1420. Jan Hus ist nun schon eine Weile Tod, ebenso der König. Das Hussitentum wurde zu einer Massenbewegung mit ihrem Hauptsitz in Tabor. Der Sieg aus der Schlacht aus dem zweiten Teil in Sudoměř wurde gebührend gefeiert. Doch der Eroberer und nach den Statuten rechtmäßige König Böhmens Sigismund will die Bewegung von der Landkarte fegen. Die Lagen sind verzwickt. Auch innerhalb der hussitischen Bewegung, die Ultraquisten in Prag sind pro Anführer Zizka und gegen und pro. Auch innerhalb Tabors kommt es zu starken Spannungen. Religiöse Fanatiker sind sie alle. Aber einige gehen einige Schritte weiter und der Regisseur Vavra kann sein volles Potenzial abschöpfen: deliriöse Apokalyptiker die in totaler Ekstase kreischen und gurgeln und sich vor dem prassenden Feuer die Kleider vom Leib reißen. Es kommt auch innerhalb der Hussiten zu Lynchmorden und Steinigungen.

Doch Böhmen ist nicht nur innerhalb Tabors im Arsch. Auch die Deutschen sind wenig vergnügt ob der kommunistischen Fanatiker. Wie es vielleicht einige wissen, war in Böhmen in früheren Jahrhunderten der Bergbau stark verbreitet. Was also tun mit den Hussiten? Mit den Frauen und Kindern und Omas? Ab in die Gruben stoßen mit Lanzen. Sollen sie doch zum Teufel. Was will man aber auch mit Männern, die allesamt aussehen wie Catweazle und ihre eigenen Häuser anstecken um das Weltende herbeizuführen?
Jan Zizka wird in dem dritten Teil nur noch eine kleinere Rolle spielen. Vavra legt den Schwerpunkt auf die Spaltungen innerhalb der Kirchen und die ein oder andere Liebesgeschichte (Keine Happy-Ends, nirgends). Und es ist teilweise schwer zu folgen. Es zieht eine breite an Handlungsfiguren auf wie in einem Dostojewskij-Roman. Es prasseln dutzende an Figuren und Adligen auf dich ein. Erschwert wird es dadurch, dass einige der Darsteller aus den vorigen Teilen bekannt sind, dort aber andere Rollen spielten. Da die Handlungen größtenteils bei den Taboriten liegt und diese, es ist allen religiösen Fanatikern zueigen, wenig sympathisch sind, wird der Hochgenuss ein wenig geschmälert. Aber die schiere Epik der Kamera, diese Massen an Darstellern und Kulissen überwältigt aufs neue. Ich hätte nicht gedacht, dass es in Tschechien zu der Zeit überhaupt so viele Pferde gegeben hat, wie sie hier in einzelnen Einstellungen zu sehen sind.

Den ersten Teil der Trilogie halte ich für den schwächeren, da Hus in meinen Augen auch nur der Katalysator war von Gedanken, die so auch vor ihm existierten. Er ist gut eingebettet in diese vorreformatische Zeit. Blöderweise war aber auch ausgerechnet der Teil, in dem etwas Theologie fällig geworden wäre, nichts davon zu hören. Die späteren hingegen suhlen sich in theologischen Spitzfindigkeiten, wie das Abendmahl zu feiern sei usw. Der dritte Teil, der auf einem Roman des tschechischen Staatsliteraten Alois Jirasek basiert, hat hingegen ein mehr an dramatischen [historischen] Nebenhandlungen. Es fällt aber teils schwer zu folgen, wenn man die Geschichte nicht sattelfest intus hat und nicht sämtliche Wortführerpriester und Lokaladlige kennt. Die späteren beiden Trilogie-Teile sind auch die religiöseren. Es ist eigenartig, dass ausgerechnet der erste Teil durch Protest des Vatikans damals vom Venediger Filmfestival abgezogen wurde.
Da existierte sicher noch die wenig objektive Meinung Aeneas aus der Historica Bohemia:
Ein Mann aus dem Hause Stinkfisch holte Wycliffs Studien aus Oxford und gab sie einem Manne zwielichtiger Abstammung mit geborgten Familiennamen (Hus), der liebte fremde Meinungen. Ihm schlossen sich dann fast alle Kleriker, welche drückende Schulden hatten und bekannt waren wegen Verbrechen und Aufruhr, an, da sie glaubten durch die neue Bewegung ihrer Bestrafung zu ergehen.
Insgesamt eine durchaus sehenswerte Trilogie. Peter Hames sieht sie auf einer Wellenlänge mit den, mir unbekannten, Pandro Berman/Richard Thorpe Produktionen für MGM jener Zeit, etwa Ivanhoe und Die Abenteuer des Quentin Durward, die auf Romanen von Walter Scott basierten der, und da schließt sich dann ein Kreis, Alois Jirasek sehr ähnlich sein soll.


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 Betreff des Beitrags: Re: Jungfrauenhatz
BeitragVerfasst: 24.07.2016 09:53 
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ADELHEID
Drama / Psychologický / Válečný
Tschechoslowakei, 1969, 99 min
Regie: František Vláčil
Vorlage: Vladimír Körner (Roman)
Drehbuch: Vladimír Körner, František Vláčil
Kamera: František Uldrich
Musik: Zdeněk Liška
Darsteller: Petr Čepek, Emma Černá, Jan Vostrčil, Jana Krupičková, Pavel Landovský, Lubomír Tlalka,Miloš Willig, Karel Hábl, Zdeněk Mátl, Alžběta Frejková, Josef Němeček, Karel Bělohradský,Vlasta Petříková, Bohumil Vávra, Josef Somr



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1945. Der Krieg ist vorbei. Auch für Viktor. Der tat das prestigeträchtigste, was als Tschechischer Bürger möglich war. Er war bei der Royal Airforce (RAF), bei der Abteilung der Tschechischen Exilarmee. Gut, er hatte ein Magengeschwür, er war in Edinborough in Schottland stationiert, in einem Laden. Schreibtischarbeit. Aber Held bleibt Held. Familie hat er leider keine. Also wird er nach Kriegsende weiter abkommandiert, diesmal nach Mähren. Die Villa einer Nazigröße instand halten, die das Anwesen aus naheliegenden Gründen nicht mehr bewohnt.

Nach Jahren wieder in der Heimat. Wie gefällt ihm die Heimreise im Zug? Es muss schön sein, die Muttersprache wieder häufiger zu hören. Doch irgendwie scheint Viktor durch das Magengeschwür und die Familienlosigkeit von Melancholie befallen zu sein. Und das verträgt sich schlecht mit den Einwohnern, die während des Krieges blieben. Und während er da nun im Zug liegt und traurig an die Wand schaut, kriegen sich die Tschechischen Soldaten mit diesem passiven Trauerbündel in die Wolle. PASSKONTROLLE. PASSKONTROLLE. Es sind Versager in Fantasieuniform, das sieht Viktor, das sieht der Zuschauer. Nach dem Weltkrieg auch mal Soldat spielen wollen, jetzt wo die Deutschen weg sind. Pässe von Omas kontrollieren. Die Stimmung ist aber im allgemeinen eine Gereiztheit. Viktor wird von einer anderen Passagierin angespuckt, nachdem sie bemerkt, dass er vor den Soldaten nicht spurt.

Es ist unerträglich, gehen wir mit Viktor weiter ans Ziel. In Mähren angekommen wird er vom Neusoldaten Hejna instruiert. Hejna ist Jan Vostrcil, den jeder aus den frühen Milos Forman Filmen als Hauptdarsteller kennt. Ein dicker, gemütlicher alter Mann. Der passende Hauptmann. Er spielt auch Krieg. Neben Soldat ist er auch Feuerwehrmann. Zum Feuerwehreinsatz geht er mit dem Maschinengewehr. Doch lassen wir das Feuer Feuer sein und Hejna erstmal mit Viktor erzählen. Schwarzbach gibt es nicht mehr, das heißt jetzt černý Potok. Das ist naheliegend. Und Ordnung schafft Hejna. Hier sei es nicht wie in Texas, erklärt er, nicht wie dort in Sorrento. Vikot spielt den Klugscheißer und erklärt den Unterschied zwischen Texas und Italien. Aber wen interessiert das? Hejna sicher nicht.
Also, die Villa. Viktors neuer Job. Ein Prachthaus. Gehört mal einer jüdischen Familie. Dann dem Nazi. Der hielt Polnische Gefangene in Käfigen im Garten. Und nutzte die Bibliothek um hinter den Büchern Schnaps zu verstecken. Aber wen kümmert der Mann? Der wird eh gehängt in Olomouc. Bleiben wir im Haus, dessen jetztige Nutzer, Hejna und sein Komplize, der aussieht wie Ted Cruz, sind nicht viel besser. Wenn sie saufen, ballern sie im Heim auf Kunstwerke. Wer trifft das Gesicht von Eva, der ersten Frau?

Immerhin sind noch andere im Haus. Adelheid. Die erwachsene Tochter des deutschen Nazis. Ihre Mutter ist Tod, ihr Bruder in Russland gefallen, der Vater hingerichtet. Sie lebt als Arbeitssklavin umzingelt von ihr feindlich gesinnten in der Villa ihres Vaters. Die Menschen aus den Käfigen sind weg. Sie ist am Arsch. Und da kreuzt sich nun der Weg mit Viktor. Zusammen beleben sie das Haus. Jeder Klappentext und Internetkommentar lobt die verzärtelt sich anbahnende Liebe zwischen beiden. Aber die ist mit zu subtil, die erkenne ich nicht.
Was ich sehe, sind eine schwer traumatisierte und ein einsamer Mann mit Magengeschwür, der nicht weiß wohin. Sie sind gegensätzlichen Geschlechts und somit besteht die Grundsätzliche Möglichkeit von gegenseitigem Wohlwollen. Aber es ist 1945 und sie nicht Micky und Minni Maus. Sie ist schon attraktiv, hat eine spröde Männlichkeit und so wenig Emotionen wie Viktor. Der Arbeitsalltag zwischen beiden ist so langweilig, holen wir lieber nochmal den Hejna ins Haus, mit seinem Komplizen. Lassen wir sie tun, was alle Tschechen tun. Saufen. Das Ted Cruz Double liegt besoffen auf dem Boden, liegt da wie eine Provinznatter und begafft die einzige Frau im Raum. Er lässt seine hohe Bildung einfließen, es läuft ein Kaffeehauswalzer von Johann Strauss. Er liegt da also und sagt zu Adelheid: Ich kenne Walzer: PUFF PUFF PUFF. Sie ist nicht beeindruckt. Ihre Augen bleiben kalt.


Der Film ist gut. Auffällig ist die Musik, die Walzer laufen fast den ganzen Film hindurch, sie sind fröhlich, gesellschaftlich und damit das genaue Gegenteil von den Begebenheiten die wir sehen. Ohr und Auge nehmen ganz andere Filme wahr. Neben Adelheid sind die einzigen Deutschen die wir sehen alte Frauen in schwarzer Trauerkleidung mit Armbinden, die Frauen leben in Lagern und werden vertrieben. Es sind unterschiedliche Frauen und doch nur eine einzige kopftuchtragende schwarze Masse, die Tod symbolisiert. Die einzige tschechische Frau, die wir sehen ist blond, bringt Milch, ist jung und vital. Es gibt eine bemerkenswerte Szene. Viktor spricht mit dem Hejtmannvize. Der sagt, aus dem Kontext gerissen: Ich habe nichts getan. Viktor erwidert: Das ist ja noch viel schlimmer. Ein ziemlich mutiger Wink mit dem Zaunpfahl, für das Entstehungsjahr des Films.

Alles in allem gibt es einige tschechische Werke, die sich mit der Vertreibung der Deutschen beschäftigten. Das beste ist in meinen Augen die Novelle von Jaroslav Durych: Gottes Regenbogen. Deren Verfilmung so katastrophal ist. Und die, es fiel mir nun auf, viele Szenen aus diesem Film abgekupfert hat. Etwa den kompletten Anfang im Zug. Die Vertreibung war ja historisch gesehen eher ein...Schuß ins Knie. Ich habe die Zahlen gerade nicht im Kopf, aber es müsste von der Größendimension ungefähr so gewesen sein, dass, als das Habsburger Reich zerfiel, 2/3 der Industrie der K.U.K. in Böhmen lag. Das wirtschaftliche Herz war das Grenzgebiet zu Deutschland. Nach dem 2. WK, als die Deutschen dann weg waren, mussten die leeren Landstriche wieder besiedelt werden. Und...es kamen viele Sinti und Rom.
Die unfassbarste Antwort auf die Vertreibung kam hingegen von Deutscher Seite. Olga Barenyis Roman: Prager Totentanz. Ein Hasspamphlet mir vorher unbekannten Ausmaßes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es vorher eine Person gab, die die Tschechen und Kommunisten so sehr hasste wie sie. Das Buch wurde 2008 auch ins Tschechische übersetzt. Was sicher kein Meilenstein für die Völkerverständigung bleibt.



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