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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 08.09.2016 08:17 
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ANGEKLAGT NACH § 218

● DER ARZT STELLT FEST... / ANGEKLAGT NACH § 218 (CH|D|1966)
mit Tadeusz Łomnicki, René Deltgen, Charles Regnier, Sabine Bethmann, Margot Trooger, Dieter Borsche,
Franz Matter, Fred Tanner, Margret Neuhaus, Ursula Heyer, Vera Jesse, Peter Kummer, Beate Tschudi, u.a.
eine Produktion der Praesens Film | CCC Filmkunst | Fono Film | im Nora Filmverleih
ein Film von Aleksander Ford


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»Wir begegnen dem Leid der Frauen Tag und Nacht, in allen seinen Schattierungen«

Dr. Maurer (Tadeusz Łomnicki) ist leitender Oberarzt an einer Züricher Klinik und seine Arbeit bringt es mit sich, dass er mitunter mehrere Schicksale kennenlernt, bei denen ihm als Arzt die Hände gebunden sind. Wenn Schwangerschaften zu unkalkulierbaren Risiken für die Mütter und komplette Familien werden, sind seine Mittel der Hilfestellung für ihn sehr begrenzt. Als eines Tages eine Patientin und bereits dreifache Mutter an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruches durch einen Kurpfuscher stirbt und er vor Gericht aussagen muss, beginnt eine schwere berufliche Krise, in der er seine gesamten Grundsätze in Frage stellt...

Der erste Blick auf den Titel dieser Produktion legt vielleicht zunächst den Gedanken an Kolportage oder Groschenroman-Niveau nahe, aber überraschenderweise bietet Aleksander Fords halb-dokumentarisches Medizin-Drama eine völlig andere Marschrichtung an, als erwartet. Zugunsten einer gewissen sterilen Abhandlung und einer deutlichen Portion Pragmatismus, sieht der Zuschauer einen Aufklärungsfilm, der die gerade damals heikle Thematik anhand einiger Einzelschicksale durchleuchtet und viele Möglichkeiten aufzeichnet. Der Grundtenor von "Angeklagt nach § 218" ist über die gesamte Spielzeit sehr kritisch, denn für die Patientinnen werden überaus logische, wenn nicht sogar drastische Schlussfolgerungen aus den ungenügenden Hilfsangeboten gezogen, die durch starre Moral und gesetzliche geregelte Korsetts aufrecht erhalten werden. Ungewöhnlich sind die vielen Veranschaulichungen im Rahmen von einkopierten Archivmaterial, wie etwa Geburten in der Frontale oder erste Hilfe im Kreißsaal, die zum Teil sehr unbehagliche Phasen entstehen lassen, wenn man beispielsweise dabei mitfiebern muss, ob die Ärzte das Leben eine Neugeborenen bei Komplikationen retten können. Sicherlich sieht ein Unterhaltungsfilm ganz anders aus, aber die Jahre haben es gezeigt, dass gerade in diesem Bereich recht wenige, wirklich ambitionierte Beiträge zu finden waren. Trotz einer beeindruckenden Darsteller-Riege erlebt man unter Ford eine deutliche Abkehr vom klassischen Star-Kino. Hierbei greift insbesondere die Besetzung der Hauptrolle durch den polnischen Schauspieler Tadeusz Łomnicki und der gleichzeitigen Entscheidung gegen einen bekannten Publikumsliebling, der bei solchen Gelegenheiten meistens als strahlender Held aufgebaut wurde. Łomnicki hingegen irritiert förmlich mit einer durch und durch sachlichen Attitüde, er erarbeitet sich seine Sympathien durch die tägliche Arbeit und seine beruflichen Erfolge.

Mit ihm wird man also keine melodramatischen Anwandlungen erleben, die das Anliegen der Produktion verwässern könnten und so erlebt man eine Performance fernab von Höflichkeit, Phrasen und vielleicht sogar Sympathie, die gerade durch diese unterschiedliche Anlegung begrüßenswerte Akzente setzt und somit im Gedächtnis bleibt. Die bekannten deutschen Stars im Geschehen sieht man lediglich in Etappen, in den meisten Fällen also in eher kurzen Auftritten. Allround-Talente wie René Deltgen, hier als praktischer Arzt, der unter Anderem Verhütungsmittel erklären wird, oder Charles Regnier als völlig emotionsloser Chef der Klinik, färben ihre Rollen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und wirken überaus glaubhaft. Dieter Borsche, Margot Trooger und Sabine Bethmann haben jeweils nur einen kurzen Auftritt, was der Wiedersehensfreude allerdings keinen Abbruch tut, weil sie sehr prägnant wirken. Des Weiteren ist vielleicht noch das Auftauchen von Synchronstimmen-Größe Ursula Heyer zu erwähnen. Die Besetzungsfragen sind in diesem 1966 erschienenen Spielfilm also recht gut gelöst worden und die Auftritte bekannter Namen wirken insgesamt gegen die bestehende Möglichkeit, dass die gesamte Angelegenheit zu kopflastig im Sinne von zu eintönig ausfällt. Im Großen und Ganzen wirkt die Inszenierung daher recht stimmig und schneidet gleich mehrere Themenkomplexe gleichzeitig an, die die anvisierte Brisanz unterstreichen, wenngleich das Fazit aufgrund mangelnder Lösungsansätze eher uneindeutig bleibt. Zuschauer, die auf handelsübliche Exposition oder reißerische Szenen spekulieren, werden in Aleksander Fords Beitrag sicherlich nicht das finden, was vielleicht zu erwarten gewesen wäre, aber der Film überzeugt insgesamt wegen seiner ernsthaften Ansatzpunkte, die tatsächlich mehr informativ als langatmig erscheinen, und wenn es nur zeitbezogen ist. "Angeklagt nach § 218" bietet somit alternative, wenn nicht sogar liberale Seheindrücke an, die durchaus einen gezielten Blick wert sind.


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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 10.09.2016 12:10 
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Prisma wrote:
Der erste Blick auf den Titel dieser Produktion legt vielleicht zunächst den Gedanken an Kolportage oder Groschenroman-Niveau nahe, aber überraschenderweise bietet Aleksander Fords halb-dokumentarisches Medizin-Drama eine völlig andere Marschrichtung an, als erwartet.


So ähnlich erging es mir bei dem Filmtitel übrigens auch, da ich ich zunächst von einer sensationsgeladenen Kolportage ausgegangen bin, bei der die Moralkeule zudem ordentlich geschwungen wird. Überraschenderweise entpuppte sich das Ganze schlussendlich als ein halbdokumentarischer Aufklärungsfilm, dessen Grundhaltung eher vom (sexuell-) aufklärerischen Gedanken geprägt ist und durchwegs kritische Untertöne mitschwingen lässt. Dennoch wird diese klare Linie immer mal wieder mit kleineren Moralpredigten durchbrochen.



In kurzen Episoden werden inszenatorisch zahlreiche Einzelschicksale geschildert und sowohl deren Ursachen, als auch die oftmals verheerenden Folgen dieser auch heute noch sehr komplizierten Thematik aufgezeigt. Darüberhinaus geht der Film auch sehr häufig auf die Gewissenskonflikte der Mediziner ein, die täglich mit dieser heiklen Thematik konfrontiert sind und dabei Entscheidungen treffen sollen, die sowohl den geltenden Gesetzen, der vorherrschenden Moralvorstellung, dem Bedarf der Hilfesuchenden, als auch dem grundsätzlichen Schutz zur Unversehrtheit des noch ungeborenen Kindes gerecht werden müssen.

Die Thematik des Schwangerschaftsabbruchs bestimmt dabei aber nur die erste Hälfte dieses halbseidenen Dokudramas, wohingegen sich die zweite Hälfte ausschließlich mit den Methoden der Schwangerschaftsverhütung, dem Wunder der Geburt und den damit verbundenen Risiken wie z.B. der Schwangerschaftsvergiftung beschäftigt. Dabei gibt es auch zahlreiche Inserts zu bewundern, die augenscheinlich aus irgendwelchen medizinischen Dokumentationen entliehen wurden (so auch eine leibhaftige Geburtsszene!) :shock: .


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Prisma wrote:
Im Großen und Ganzen wirkt die Inszenierung daher recht stimmig und schneidet gleich mehrere Themenkomplexe gleichzeitig an, die die anvisierte Brisanz unterstreichen, wenngleich das Fazit aufgrund mangelnder Lösungsansätze eher uneindeutig bleibt.



Könnte mir hierbei auch gut vorstellen, dass ein klar formulierter Lösungsansatz massivst gegen die damals vorherrschenden Moralvorstellungen verstoßen hätte, wodurch dann wiederum die Gefahr eines Aufführungsverbotes resultierte hätte, denn die Augen der strengen Sittenwächter waren wohl allgegenwärtig gewesen :D :unknown:

Dennoch empfand ich den vorrangig propagierten Lösungsansatz recht praktikabel, da dieser in erster Linie aufklärerisch in Richtung einer sicheren Schwangerschaftsverhütung hinwirkt und dabei der damals in breiten Teilen noch unaufgeklärten Nation die Vielfalt und entsprechenden Anwendungstechniken der Antikonzeptiva näher zu bringen versuchte. Denn wenn man überlegt, dass die erste Hormonpille in Deutschland gerade erst 1961 auf den Markt gebracht wurde, aber in den ersten Jahren ausschließlich zur „Behebung von Menstruationsstörungen" und auch nur verheirateten Ehefrauen verordnet wurde und der erste Sexualatlas erst 1969 in staatlichen Schulen eingeführt wurde, dann könnte ich mir schon gut vorstellen, dass die aufklärerische Tendenz des Films im Jahre 1966 eine gewisse Wirkung erzielen konnte. Außerdem gehört er meines Erachtens zu den recht frühen Vertretern deutscher Aufklärungsfilme, da die eigentliche Welle doch erst ein Jahr später so richtig ins Rollen kam... oder irre ich mich da? :jc_hmmm: :unknown:


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Last edited by Richie Pistilli on 12.09.2016 20:14, edited 1 time in total.

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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 11.09.2016 09:56 
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Richie Pistilli wrote:
Könnte mir hierbei auch gut vorstellen, dass ein klar formulierter Lösungsansatz massivst gegen die damals vorherrschenden Moralvorstellungen verstoßen hätte

Da hast du sicherlich recht. Mir persönlich geht es oft so, dass ich mich da eher schwer hineinversetzen kann, wenn damalige Inhalte für heutige Begriffe so überholt wirken.
Eine mutige Gangart kann man dem Film ja ohnehin nicht absprechen, da macht es nicht besonders viel aus, wenn es nicht in letzter Konsequenz geschehen ist.
Von den paar Aufklärungsfilmen dieser Zeit war "Angeklagt nach § 218" jedenfalls der bislang interessanteste, den ich gesehen habe.
Darüber hinaus auch der mit Abstand am besten besetzte. Unter anderen Umständen hätte man die vielen bekannten Namen dort vielleicht erst gar nicht gesehen.


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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 12.09.2016 06:30 
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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 12.09.2016 19:44 
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Muss doch noch einmal nachhaken....

Prisma wrote:
Da hast du sicherlich recht. Mir persönlich geht es oft so, dass ich mich da eher schwer hineinversetzen kann, wenn damalige Inhalte für heutige Begriffe so überholt wirken.


Bin soeben rein zufällig über die Ausgabe der "neue Revue" vom 23. Juli 1967 gestolpert, deren Schlagzeile meine vorausgegangene Vermutung hinsichtlich der noch sehr geringen Verbreitung der Pille im Jahre 1966 unterstreicht:

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Sittenwächtergerecht mit zensiertem Frontcover :P Quelle


Aber ansonsten geht es mir auch nicht viel anders als Dir, was die Nachvollziehbarkeit der damaligen Sitten und Gebräuche aus heutiger Sicht angeht :unknown: ;)





Prisma wrote:
Von den paar Aufklärungsfilmen dieser Zeit war "Angeklagt nach § 218" jedenfalls der bislang interessanteste, den ich gesehen habe.


Dem kann ich nur beipflichten :l_coffee:


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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 30.04.2019 21:24 
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Semidokumentarisches Drama oder Aufklärungsfilm, egal in welche Schublade man diesen sehr gut besetzten Film (der ein nicht nur seinerzeit heikles Thema transportiert) stecken mag, er ist auf jeden Fall sehenswert. Ich bin jedenfalls angenehm überrascht.

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 Post subject: Re: ANGEKLAGT NACH § 218 - Aleksander Ford
PostPosted: 01.05.2019 11:49 
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Ich habe vor ein paar Monaten an einem geheimen Ort von einem noch geheimeren Club einen noch wesentlich geheimeren Film aus Dänemark (Produktionsdatum: ca. Mitte der 1960er) schauen dürfen, der sich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetzt. Auch der hat mir gut gefallen.

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