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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: Elektrische Schatten - Bekenntnisse eines Zelluloidsüchtigen
BeitragVerfasst: 03.02.2017 02:12 
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Die Sagen und mündlichen Überlieferungen beschreiben den Nachzehrer wie folgt: Im Gegensatz zum Vampir, der sein Grab verlassen müsse, liege oder sitze der Nachzehrer unter der Erde und sauge den Lebenden – meistens seinen Hinterbliebenen oder den Bewohnern seines Dorfes – die Lebenskraft ab. Bei dieser Vorstellung ist zu berücksichtigen, dass auch die meisten traditionellen Berichte über Vampirattacken gar nicht vom Blutsaugen sprechen, sondern eher diffus vom „Würgen“ oder „Schwächen“ des Opfers. Der Nachzehrer vollbringe sein unheilvolles Werk, indem er durch den offenen Mund sein Opfer „ruft“ oder durch das offene „böse“ Auge eine telepathische Verbindung mit ihm aufnehme.

Warum nenne ich, 30 Jahre, männlich, mich in einem Filmforum Nachtzehrer? Wahrscheinlich weil ich als bekennender Horror-Connoisseur (Horror in jeder Kunstform, nicht nur Film) schon immer eine besondere Interesse für das Unterbewusstsein als Refugium der primitiven, irrationalen, dunkeln und und gefährlichen Regungen des menschlichen Geistes hatte. Und der uralte deutsche Mythos vom Nachtzehrer, eine untote Kreatur, die in ihrem Grabe hockt und sein Opfer via Geisteskontrolle zu diesem hinlockt um ihm dann sein Blut auszusaugen verkörpert für mich besonders schön diesen altertümlichen, uralten Glauben an das Übersinnliche, den ich immer wieder gerne aufs neue in der Literatur oder im Film nachstöbere.

Auch wenn wir in einer modernen, total technisierten und durchrationalisierten Welt leben, gibt es trotzdem noch dieses Verlangen, diese Sehnsucht nach Magie, Mythos und (dunkler) Romantik. Zumindest für mich ist es immer wieder absoluter Seelenbalsam, wenn ich abtauchen kann in die Welt des Hammer-Horrorfilms mit seiner wohlig-schraurigen Gothik-Atmospähre, seinen alten Schlössern, wabernen Nebel, uralten Legenden von Vampiren und Wolfsmenschen, oder wenn mein Gehirn in der Konfronation mit der Alptraum-(Un)logik des italienischen Horrorfilms wohlig zu wabbernden Synthesizerklängen dahinschmelzen darf. Die sexuell angehauchte Extase die einen überkommt, wenn man zu treibenden Goblin Beats einen Unbekannten schwarze Handschuhe überstreifen und zur blitzenden Klinge greifen sieht, ja diese für mich oft fast schon rauschartigen Erfahrungen, die das Genrekino einem bieten kann, sind es die mich zu einem Sammler und Connoisseur seltener Filmperlen haben werden lassen.

Auch wenn der Horrorfilm in all seinen Facetten mein besonderes Steckenpferd ist, gehören für mich, als jemand der immer wieder Ostasien bereist hat und eine besondere Liebe zur chinesischen Kultur zu eigen ist, auch der Film Ostasiens, seien es Shaw Brother Filme, japanische Yakuza- und Chambarafilme oder moderne Koreanische Horror- und Thrillerfilme, zu meinen cineastischen Interessengebieten.

Ansonsten ist für mich, wie für viele hier auch der Eurokult Film, besonders aus Deutschland, Italien und Spanien eine Herzensangelegenheit. Besonders das abtauchen in den Filme der 70er Jahre mit ihrer unbekümmerten, oft naiven oder sogar grenzdebilen, aber absolut gemütlichen und liebenswerten Machart ist für mich immer wieder eine Droge um der stickigen Political Correctness und Coolness-armen Realität der Gegenwart zu entfliehen.

Jetzt aber genug der Einleitung, ich möchte, auch für mich selbst, in Zukunft hier kurze Notizen und Gedanken zu geschauten Filmen festhalten, ohne mich unter Druck zu setzen eine perfekt editiere Filmrezension produzieren zu müssen.

Den Anfang mache ich mit einem Film der ein Paradebeispiel ist für den oben angesprochenen Topos der modernen, rationalen Welt aus der alle Magie, die Hölle, Satan und Dämonen verbannt wurden - doch kratzt man nur etwas an der Oberfläche merkt man, dass die Kräfte des Wahnsinns, die von hitzigen Voodootrommeln getriebenen Kräfte der Irrationalis wie seit je her nur darauf warten in unser Leben zu dringen und alle Gewissheiten in Stücke zu reissen...

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Suddenly in the Dark (1981)

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Suddenly in the Dark (Gipeun bam gabjagi) ist ein relativ früher, (zu UNRECHT!) völlig unbekannter, koreanischer Horrorfilm.

Der Entomologen Yu-jin lebt mit Frau und Kind im Grünen in einem europäisch eingerichteten Landhaus. Als er von einer Forschungsreise zurückkommt bei der er ein besonders seltenes Schmetterlingsexemplar entdeckt hat, lässt er seine Frau sofort ein paar Kollegen anrufen, da er es nicht erwarten kann diesen bei einer abendlichen Dia-Schau seine Entdeckung zu präsentieren. Seine 30 jährige Frau ist nicht so begeistert davon, sie hatte sich für den Abend eher ein wenig traute Zweisamkeit gewünscht, doch daraus wird nichts. Die Forscherkollegen versammeln sich am Abend um bei Snacks und Getränken Schmetterlingsdias zu begutachten und zu diskutieren, auch die Ehefrau begutachtet aus einem gewissen Abstand die filigranen Funde ihres Mannes. Doch plötzlich verzieht sich ihr Gesicht vor Schrecken, denn zwischen den Schmetterlings-Dias taucht plötzlich das Bild einer kleinen Holzstatue auf, die eine ganz in weiß gekleidete Frau mit zornigem Blick darstellt. Yu-jin hat keine Erklärung für das Bild, er will es definitiv nicht geschossen haben und so schließt er darauf, dass es sich um einen einfachen Fall von vertauschten Bildern im Fotolabor handeln muss. Wie sich noch herausstellen soll ist dieses Bild ein böses Omen für das was noch kommen soll...

Wenig später kommt Yu-jin von einer weiteren Forschungsreise zurück, bei der es ihn in ländlichere Regionen verschlagen hat. Zur Überraschung seiner Frau sitzt eine hübsche junge Frau neben ihm auf dem Beifahrersitz. Ihr Ehemann erklärt ihr ganz nüchtern, dass die 19 jährige Mi-ok ihm aufgefallen ist, da sie einsam durch die Straßen wanderte, es stellte sich dann heraus, dass sie ihre Eltern bei einem Feuer verloren hat und auf sich allein gestellt ist. Deswegen habe er sie mit zu sich nach Hause genommen, damit sie ab jetzt mit ihnen zusammen wohnen kann. Außerdem biete es sich ja sowieso an, da es doch heutzutage so schwer sei ein Hausmädchen zu finden. Mi-ok solle doch in Zukunft als Hausmädchen seiner Frau zur Hand gehen. Diese ist auf einmal recht angetan von der Idee und bittet Mi-ok, die ein mysteriöses Bündel an ihren üppigen Busen drückt, ins Haus. Ihr wird ein Zimmer zugewiesen und frische Kleidung gereicht, dann wird sie eingeladen doch erst mal ein Bad zu nehmen. Während Mi-ok ihren knackigen, jugendlichen Körper schon aus der Kleidung geschält hat, betritt die Ehefrau Seon-hee das Bad und ist Mi-Ok beim Baden behilflich. Dabei mustert sie ihren schönen Körper genau und fragt sich - wahrscheinlich, genau wie der Zuschauer - ob ihr Gatte nicht doch gewisse Hintergedanken hatte, als er Mi-Ok mit nach Hause genommen hatte.


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Dieser widmet sich aber die meiste Zeit im Obergeschoss seinen Schmetterlingsstudien an einem Schreibtisch der bestückt ist mit vier Glasbehältern, die jeweils eine der vier Grundfarben enthalten - eine kleine Reminiszenz an alte Hammerstudio Filme mit den Laboren verrückter Wissenschaftler. Eines Tages macht Seon-hee die verstörende Entdeckung, dass sich in dem Bündel, welches Mi-Ok immer mit sich herumschleppt die Holzfigur aus dem Dia befindet! Es stellt sich heraus, dass Mi-Oks Mutter, eine Schamanin kurz bevor sie im Feuer starb, dass ihr Haus verzerrt hat, Mi-Ok beschwor diese Figur immer bei sich zu tragen, da diese sie beschützen würde, egal was passiert. Seon-hee traut dem Braten nicht, lässt Mi-Ok aber ihre Holzfigur, welche eine neue Heimat in einem kleinen verglasten Holzkisten in der Ecke von Mi-Oks Zimmer findet.

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In den nächsten Tagen beginnen aus der Eifersucht genährte Visionen Seon-Hee zu plagen. Sie sieht ihren Mann, wie er sich an den nackten Körper der vor Lust stöhnenden Mi-Ok presst oder wie diese in der Küche auf seinem Schoss sitzt - doch stellen sich diese sich häufenden Visionen mal als Traum, mal als Tagtraum heraus. Nachdem Mi-Ok auf dem Balkon arbeitend auch noch einen Blumentopf anstößt, der daraufhin herunter stürzt und Seon-Hee fast erschlägt und ein anderes mal vergessen hat den Gasherd auszustellen festigt sich in Seon-Hee die Überzeugung, dass Mi-Ok ihren Mann verführen und sie töten will! Ein beklemmendes Gefühl von Paranoia ergreift langsam aber Besitz von ihr. Jeder Versuch ihrem Mann klar zu machen, dass sie sich in der Anwesenheit von Mi-Ok unwohl, sich gar bedroht fühlt sorgt nur dafür, dass dieser in ihrer immer mehr eine pathologische Paranoia erkennt die psychatrischer Betreuung bedarf. Die immer freundlich lächelnde Mi-Ok, welche ihre Holzfigur immer bei sich trägt lässt sich eigentlich nichts anmerken. Allerdings ertappt die Kamera sie immer wieder beim lauschen und beobachten der Hausdame und oft läuft ein mysteriöses Lächeln über ihre Lippen, welches auf Hintergedanken und Intrige schließen lässt, doch es gibt keine konkreten Beweise dafür, dass sie feindselige Gedanken gegen Seon-Hee oder ihre Familie hegt - nichtsdestotrotz, mit dem geheimnisvollen Hausmädchen vom Land ist plötzlich etwas in das Leben unserer Mittelschichtsfamilie eingedrungen, welches das familiäre Idyll zu zerreisen droht.

Am Ende mit ihren Kräften und überzeugt von Mi-Oks subversiven Intention lockt sie diese in eine Falle als sie sie streng dazu abbeordert das Dachbodenfenster zu putzen. Dazu muss das Hausmädchen sich in einem waghalsigen Balanceakt auf ein wackliges Holztischchen stellen und auch das holzgerahmte Fenster hängt nur noch wackelig in seiner Halterung. Es kommt was kommen muss - mit einem lauten Schrei stürzt das Mädchen aus dem Fenster und bricht sich im Garten den Hals. Das Ehepaar läuft hinaus und sieht noch grade wie auf mysteriöse Weise die weiße Figur aus dem Fenster heraus neben Mi-Ok fällt. Ein Komissar erklärt das Mädchen für Tod, wundert sich aber nicht weiter, da "in letzter Zeit viele Leute zu Tode gestürzt sind". Seon-Hee nimmt sich derweilen der Truppe an, sie will für ihre Familie kämpfen und will den Fluch, dem sie dem Mädchen und seiner Puppe zuspricht brechen. Deswegen läuft sich ins Grüne und schleudert die Puppe einen Abhang herunter. Am nächsten Tag kommt ihre Tochter ins Wohnzimmer gestürmt: "Guck mal was ich gefunden habe!" .... Als nächstes wird die schamanische Figur mit Stein beschwert im See versenkt. In der Hoffnung, dass der Spuk nun ein Ende hat wendet Seon-Hee sich ab, nicht ahnend, dass der Horror nun erst beginnt...


Suddenly in the Dark ist ein Film der mich wirklich begeistert hat. Es war ein absoluter Zufallsfund und hat sich als ausgesprochen solide inszinierter K-Horrorfilm herausgestellt, der auf angenehm subtile Weise eine beklemmende Atmospähre aufbaut und dabei geschickt mit psychologischen Themen wie Paranoia und Eifersucht arbeitet. Unterfüttert mit dem noch immer in der modernen, hochtechnisierten koreanischen Gesellschaft präsenten Glauben an Schamanismus und die Kraft der Geisterwelt, welche sich in Form der jungen Mi-Ok einen Weg gebahnt hat in die scheinbar sichere Welt der heilen Mittelschichtsfamilie mit ihrem großen, mit westlichen Möbeln ausstaffiertem Haus scheint sich langsam aber sicher eine dunkle Kraft im Leben von Seon-Hee auszubreiten. Oder ist es letztendlich doch nur die Eifersucht auf die deutlich jüngere Frau mit ihrem erotischen Körper, die Seon-Hee langsam in den Wahnsinn treibt? Es ist einer dieser Filme der den Zuschauer rätseln lässt ob das gesehene der subjektiven, von Paranoia und Angst verzerrten Wahrnehmung des Protagonisten entspringt oder ob der Übernatürliche, das Böse der wirkliche Agens ist, welcher Verantwortung trägt für das Geschehen.
Der Film verzichtet fast völlig auf Jumpscares, Splatter oder andere Obszönitäten und ist sehr ruhig insziniert. Ich musste an Filme wie Gaslighting und The Innocents denken. Auch die Anklänge von Erotik fand ich sehr angenehm und für einen so frühen Film aus dem doch sehr prüden Korea recht erstaunlich.

Insgesamt für mich eine echte Filmperle und ein filmhistorisch äußerst wertvolles Juwel aus der, sagen wir mal Mittelphase des ostasiatischen Horrorfilms. Der Film hätte eine viel größere Bekanntheit verdient und ist für mich schon jetzt nicht mehr wegzudenken aus meinem Kanon der besten Horrorfilme.

9/10

Aber macht euch selbst einen Eindruck:

[BBvideo]http://vimeo.com/178201309[/BBvideo]


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