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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: STIGMA - Lawrence Gordon Clark
PostPosted: 26.12.2017 13:36 
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Stigma
(Ghost Story for Christmas: Stigma)
Großbritannien 1977 - Directed by Lawrence Gordon Clark
Starring: Kate Binchy, Peter Bowles, Maxine Gordon, Jon Laurimore, Christopher Blake, John Judd...


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Peter (Peter Bowles) und Katherine (Kate Binchy) leben mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Verity (Maxine Gordon) seit kurzem auf dem Lande, in einer ruhigen, abgeschiedenen Gegend. Nicht nur das Cottage ist alt und wuchtig, auch die nähere Umgebung mit ihren aufrecht in einem Feld stehenden Menhiren legt Zeugnis von längst vergangenen Zeiten ab. Gleich neben dem Haus, im Garten, befindet sich ebenfalls einer dieser mysteriösen Menhire; allerdings ist dieser schon vor vielen Jahrzehnten umgestürzt und in die Erde gesackt. Zwei Arbeiter rücken mit einem Kleinbagger an, um den Störenfried zu entfernen, wobei es ihnen jedoch nur gelingt, den tonnenschweren Stein kurz anzuheben. Es ist offensichtlich, daß für diese Aufgabe ein größeres Gerät vonnöten ist. Während des kurzen Anhebens kommt für etwa zehn Sekunden ein heftiger Wind auf, dessen Ausgangspunkt unter dem Menhir zu liegen scheint und der Katherine, welche die Arbeiten gespannt beobachtet, genau ins Gesicht weht. Für einige Minuten ist Katherine seltsam verändert und apathisch. Sie wirkt, als wäre sie nur noch körperlich anwesend, ihr Geist jedoch weit, weit weg. Dann fängt sie sich wieder und beginnt mit der Zubereitung des Essens. Als sie das Gemüse fertig geschnitten hat, fällt ihr Blick erst auf ihre blutüberströmten Hände, dann auf den großen Blutfleck am Oberkörper, der die Kleidung durchtränkt hat. Entsetzt begibt sie sich ins Badezimmer, doch so sehr sie auch sucht, sie findet keine Wunden, die diese Mengen an Blut erklären könnten. Lediglich winzige Öffnungen in Form eines Zeichens, wie mit feinen Nadelstichen verursacht, befinden sich Brustbereich.

Die siebente "Ghost Story for Christmas", ausgestrahlt am 28. Dezember 1977, ist die erste Episode, die nicht auf einer literarischen Vorlage beruht und gleichzeitig die letzte, welche von Lawrence Gordon Clark, dem Regisseur aller bisherigen Folgen, inszeniert wurde. Und Clark verabschiedet sich nicht mit einem leisen "Servus", er geht mit einem Knall. Stigma ist aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt als die Vorgänger. Dies ist spätestens dann klar, als Katherine zu bluten beginnt. Denn ab diesem Zeitpunkt verläßt der Film die Komfortzone, und er zerrt den Zuschauer unbarmherzig mit. Die Szene, wo Katherine, einer Panik nahe, ins Badezimmer stürzt, sich entkleidet und ihren Körper verzweifelt nach Wunden absucht, ist ein ungemein kraftvolles, unangenehm aufwühlendes Set-Piece, das tief unter die Haut geht. In diesen Momenten (und in einigen weiteren, die noch folgen) erinnert Stigma stark an das zeitgenössische Körperhorrorkino eines David Cronenberg, der mit Filmen wie Shivers (Parasiten-Mörder), Rabid (Der Überfall der teuflischen Bestien) und The Brood (Die Brut) das Genre in den 1970er-Jahren mitprägte. Nicht in Bezug auf die von Cronenberg explizit ins Bild gerückten, bisweilen haarsträubend unappetitlichen Veränderungen des Körpers, sondern hinsichtlich der rohen, direkten, ungemütlichen Art und Weise, wie John Turners Kamera das irritierende Geschehen einfängt. Dadurch wird eine dermaßen intensive Wirkung erzielt, daß sogar der Körper des Betrachters (in meinem Fall z. B. in Form eines mulmigen Gefühls im Bauch) darauf reagiert. Stigma haut rein, wie man so schön sagt, und das nicht zu knapp.

Das von Clive Exton (Doomwatch) verfaßte Skript bricht in mehrerlei Hinsicht mit der Tradition der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe. Keine verschrobenen Akademiker, kein wohlig gruseliges Gothic-Horror-Ambiente, keine schaurig-schöne Gänsehaut-Stimmung weit und breit. Man könnte sagen, die Reihe ist (je nach Sichtweise: endlich oder leider) in den grimmigen Siebzigern angekommen. Selbst die im Herzen äußerst simple Geschichte ist in der (damaligen) Gegenwart angesiedelt; während einer prägnanten Stelle ertönen sogar die Rolling Stones mit Mother's Little Helper, was umso stärker auffällt, da ansonsten auf Musikuntermalung fast völlig verzichtet wird. Im Zentrum des Geschehens steht mit der sympathischen Katherine eine moderne Hausfrau und Mutter, der urplötzlich Schreckliches und Unerklärliches widerfährt. Kate Binchy setzt die Ohnmacht, die Angst, die Verzweiflung und das Unverständnis angesichts des Horrors, der über sie hereinbricht, sehr glaubwürdig um. Ihre intensive Performance ist einer der Schlüssel zum Erfolg des Filmes. Obwohl man zum Ende hin eine Art Erklärung für den Auslöser des "Blutfluchs" geboten bekommt, so bleibt das Grauen dennoch diffus, rätselhaft und irgendwie unvollständig. Überhaupt wirkt das Drehbuch wie ein Fragment zu etwas Größerem, wie z. B. das erste Drittel zu einem Neunzigminüter. Der etwas abrupte Schluß läßt jedenfalls einige Fragen offen, was die niederschmetternd-verstörende Wirkung von Stigma nur noch verstärkt. Nein, diese Geistergeschichte ist keine unheimliche Schauermär für einen angenehmen Gruselabend. Stigma ist ein echter Schocker.

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