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 Betreff des Beitrags: PROFIS - Christian Weisenborn & Michael Wulfes
BeitragVerfasst: 31.12.2017 16:30 
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D 1979

Das deutsche Sommermärchen geht weiter! Nach Sönke Wortmanns hoch gelobter Filmreportage aus der Tiefe des (Umkleide)raumes, kommt nun die Mutter aller Fußball-Dokus: Profis, der ungeschminkteste Backstage-Report der Bundesliga-Geschichte, der die Ereignisse einer turbulenten Saison so unmittelbar wie noch nie aus der Sicht zweier Starspieler schildert. Paul Breitner und Uli Hoeneß heissen die beiden Hauptakteure, die es nach übereinstimmender Meinung heute für völlig undenkbar halten, was damals passierte: Dass ihnen nämlich die Regisseure Christian Weisenborn und Michael Wulfes eine komplette Saison lang zäher als jeder Manndecker auf den Leib rücken durften. Ähnlich wie Wortmann mussten die Filmemacher dabei nur versprechen, „unsichtbar“ zu bleiben. Doch als sich unter dem Quartett zunehmend Freundschaft ausbreitete, durften sie ihre Kameras weiterlaufen lassen, wo andere abschalten müssen. Mit dem Ergebnis, dass diese Produktion die bislang intimsten Einblicke in das Leben und Leiden zweier Profis, die Machenschaften des harten Fußball-Business’ und des ganzen Bundesligaalltags gewährt.

Ausgangspunkt ist die Saison 1978/79, in der der erfolgreichste Klub Deutschlands in überraschenden Schwierigkeiten steckte, die Paul Breitner so beschreibt: „Der FC Bayern hatte Schulden und Führungsprobleme und war platt. Er war tot.“ Schon beim ersten Training schworen sich Breitner und Hoeneß deshalb auf die einzige Chance ein, das sinkende Schiff noch zu retten: „Wir müssen Deutscher Meister werden!“
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse und liefen alles andere als günstig: Nach Krach mit Trainer Lorant landet Hoeneß auf der Reservebank und soll an den HSV verkauft werden, dessen Manager Günther Netzer aber auf einer Spiegelung seines schwer verletzten Knies besteht. Als Hoeneß dies verweigert, wird er zum Nürnberger Club weitergereicht, wo er sich auch an das Junggesellen-Leben wieder neu gewöhnen muss. Bei Bayern kracht es. Lorant wird gefeuert und als der damalige Präsident Neudecker den berüchtigten Max Merkel zum Trainer holen möchte, kommt es zur Rebellion. Neudecker tritt zurück, Gladbach wird 7:1 wegrasiert, danach geht eine Mannschaft zum ersten Mal seit Jahren gemeinsam einen saufen…

Doch es sind nicht nur die historischen Stationen eines denkwürdigen Neustarts, die Weisenborn und Wulfes hier aus erster Hand festhielten. Ihr – natürlich 90-minütiger – Film ist auch ein Zeugnis des Zeitkolorits und der Moden von damals und eröffnet manch skurrilen Blick hinter die Kulissen des Profi-Lebens. So erleben wir die beiden Stars, wie sie sich während eines Trainingslagers ein Doppelbett teilen. Wir begleiten Uli Hoeneß, wie er den Gewinnern eines Preisausschreibens sein Haus zeigt und ein Bauernfrühstück serviert. Und wir sind Zeuge als Breitner prophezeit, daß Hoeneß niemals Manager eines Bundesligavereins werde…
Das alles machte „Profis“ ebenso zum Kult wie sein großes Finale, in dem den Regisseuren die vermutlich gefühlsechteste aller Fußball-Livereportagen gelang: So hefteten sie Paul Breitner beim Spiel gegen den HSV ein Funkmikrofon (!) unters Trikot, das das Keuchen, Stöhnen, Schreien, Fluchen des Profis so authentisch wiedergab, wie es bislang noch nie gehört wurde. (diggler.de)


In einem sind sich Paul Breitner und Uli Hoeness einig: Eine Doku wie diese, in der zwei Spieler eine ganze Saison lang begleitet wurden, wäre heute so nicht mehr möglich. Zu sehr hat sich der Profifussball (die Umkleidekabine des 1. FC Nürnberg sieht nicht anders aus als in einer beliebigen Schulsporthalle) in ein großes Geschäft verwandelt, bei dem Geld alles und Identifikation mit dem Verein wenig ist.

Spannende Meisterschaftskämpfe sind in der Bundesliga zur Rarität geworden, seitdem man ja schon vor Saisonbeginn vom Titelbeginn der Bayern ausgehen muss. Es gab ja mal Zeiten, in denen dies anders war, doch just die Saison 78/79 kann wohl rückblickend als Ausgangspunkt des Bayern-Monopols gedeutet werden, auch wenn zum Saisonbeginn noch nichts darauf hindeutet.

Nachdem die Bayern in der vorigen Saison nur den 12. Platz erreicht hatten, wird mit Unterstützung eines neuen Sponsors Paul Breitner zurück an die Isar geholt, der als Ziel gleich die Meisterschaft benennt und sich bereits vor dem 1. Spieltag mit Trainer Gyula Lorant zofft, den Breitner für imkompetent hält.

Hoeneß ist nach Knieproblemen nur für die Ersatzbank vorgesehen und kommt lediglich zu Kurzeinsätzen in der Liga, während er und vor allem seine Frau erdulden müssen, dass aufgrund von Werbeverträgen Fans ein Frühstück im Hause Hoeneß gewinnen können, und glauben, deshalb gleich das gesamte Haus in Beschlag nehmen zu dürfen.

Ein Wechsel Hoeneß' zum HSV scheitert, weil die Hamburger auf einer nicht ungefährlichen Knieuntersuchung bestehen, die Uli verweigert, und so wird Uli nach Nürnberg ausgeliehen, wo er aber auch nicht Fuß fassen kann, und das Ende der Saison nicht mehr als aktiver Spieler erlebt.

Beim FC Bayern ist unterdessen die Stimmung und insbesondere das Verhältnis zwischen Trainer Lorant und den Spielern schlecht, die dem Trainer taktische Fehler vorwerfen. Auch soll Lorant die Spieler gegeneinander ausgespielt haben. Nach einem 1:7 in Düsseldorf macht Lorant die Spieler für das Desaster verantwortlich, soll aber seinerseits seine Spieltaktik der halben Mannschaft vorenthalten haben.

Lorant ist als Trainer nicht mehr zu halten, sein Assistent Pal Csernai übernimmt zunächst, Vereinspräsident Neudecker verkündet entgegen Absprachen gegenüber den Spielern die Verpflichtung von Max Merkel als neuem Trainer, die Mannschaft verweigert sich kollektiv, Neudecker tritt zurück, Csernai bleibt, die Bayern gewinnen 7:1 in Gladbach und kommen wieder in die Erfolgsspur bis zum großen Saisonfinale, einem Auswärtsspiel beim bereits als Meister feststehenden HSV (!), bei dem Breitner ein Mikrofon ins Trikot eingenäht wurde, wodurch zu toll gefilmten Spielszenen auch der O-Ton des Spielers festgehalten wurde.

An diesem letzten Spieltag sitzt Hoeneß bereits als Manager auf der Bayern-Bank, obwohl Breitner sich dies nicht vorstellen konnte (er hielt Hoeneß für unterfordert). Das Verhängnis nimmt seinen Lauf...

Als Zeitdokument natürlich unschlagbar, ist "Profis" auch eine gelungene Dokumentation geworden, die durch Interviews aus dem Jahr 2005 mit Breitner, Hoeneß und den beiden Filmemachern abgerundet wird. Während Breitner noch interessantes zum Besten gibt (dass der Spielmacher die halbe Woche beim Training fehlt, weil er lieber mit Kumpels auf der Alm kicken geht, wäre auch damals wohl bei keinem anderen Spieler denkbar gewesen), zeigt sich Hoeneß erheblich distanzierter. Wobei das Interview mit ihm angesichts des späteren Strafverfahrens und seiner Inhaftierung selbst schon wieder ein Zeitdokument darstellt.

Somit ein Muss für Interessierte, wobei die Bildqualität (zumindest in der gesehenen Erstauflage) verbesserungsbedürftig ist.


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