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 Betreff des Beitrags: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 12.11.2018 16:41 
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THE OTHER SIDE OF THE WIND


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● DE L'AUTRE CÔTÉ DU VENT / THE OTHER SIDE OF THE WIND (F|IRN|US|1970-76) [2018]
mit John Huston, Oja Kodar, Peter Bogdanovich, Susan Strasberg, Robert Random, Edmond O'Brien, Mercedes McCambridge,
Norman Foster, Cameron Mitchell, Dennis Hopper, Paul Stewart, Gregory Sierra, Peter Jason, Geoffrey Land und Lilli Palmer
eine Produktion der Royal Road Entertainment | Les Films de l'Astrophore | SACI | Americas Film Conservancy
ein Film von Orson Welles

»Wenn die Kamera einen Schauspieler nicht mag, starrt sie nur...«

Die Regie-Legende Jake Hannaford (John Huston) plant sein großes Kino-Comeback und kehrt nach Hollywood zurück. Kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag will er sein neustes Werk einem ausgewählten Publikum vorstellen, das aus Bekannten aus der Filmbranche, Fans und Kritikern besteht, von denen nicht wenige bereits die Messer wetzen. Der überaus experimentelle Film trägt den Titel "The Other Side of the Wind". Die Vorführung soll während der Geburtstagsparty stattfinden, doch es kommt immer wieder zu technischen Problemen, sodass der Film mehrmals unterbrochen werden muss. Hannaford diskutiert in diesen unfreiwilligen Pausen mit seinen Freunden und Feinden, und fällt beim permanenten Alkoholkonsum durch zahlreiche Selbstinszenierungen auf. Am Ende floppt der Film bei einer Vielzahl der Gäste. Einerseits weiß jeder, dass Hannaford seine beste Zeit längst gesehen hat, doch andererseits ahnt niemand, das die Nacht noch in einer Tragödie gipfeln wird...

»Filme und Freundschaften sind geheimnisvoll.«

Es ist immer als etwas ganz Besonderes anzusehen, wenn ein Film, der über Jahrzehnte als verloren geglaubt war, doch noch ans Tageslicht gefördert wird. Orson Welles' "The Other side of the Wind" wurde zwar zwischen 1970 und 1976 mit langen Unterbrechungen abgedreht, jedoch nie vollendet. Als Welles' eigene Produktionsfirma im Jahr 1971 in finanzielle Schieflage geraten war, lag das Projekt zwei Jahre lang auf Eis, bis es schließlich weitergehen konnte. Dank der jahrelangen Aufarbeitung und letztlichen Vollendung kommt der ungeduldige Zuschauer durch den Vertrieb des Streaming-Dienstes Netflix nach über vierzig Jahren auf seine Kosten und man kann auf ein Ergebnis blicken, das erst einmal geordnet werden muss. Der überaus progressive Inszenierungsstil von Regisseur Orson Welles versucht gleich zu Beginn, sich gegen konventionelle und sogar progressive Sehgewohnheiten zu stellen, um diese streckenweise beliebig auszuhebeln. In abwechselnden Schwarzweiß- und Farbsequenzen sind bekannte Stars in einer Melange aus dokumentarisch gefärbter Satire und Film-in-Film-Experiment zu sehen, das dem Zuschauer mit verbalen Peitschenhieben, bizarren Bildern, irritierenden Farbgebungen und fahrlässigen Gedankensprüngen um die Sinne geworfen wird. Das Konzept bietet daher zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, doch beim einmaligen Ansehen schlägt man sich wahrscheinlich zunächst einmal auf die sichere Seite, nämlich die visuelle Ebene, die aufgrund ihrer komplexen Architektur absolut verblüfft. Die zugegebenermaßen originell erscheinende Schnitttechnik wirkt auffällig stakkatoartig, arbeitet sich dabei beinahe durch den kompletten Verlauf. In den Farbsequenzen strahlen kräftige, virtuose Bilder, die nicht nur einmal wundervollen Dekors gleichen. Orson Welles' inszenatorische Asymmetrie wirkt unterm Strich fordernd, provokant und teilweise richtiggehend anstrengend, doch die zunächst augenscheinliche Auster kann im Inneren eine wertvolle Perle preisgeben, vorausgesetzt man lässt sich ohne schablonenartige Erwartungen auf diesen vielschichtigen Film ein.

»Mr. Hannaford, ist das Kameraauge ein Spiegelbild oder ist die Wirklichkeit ein Spiegelbild des Kameraauges? Oder ist die Kamera ein Phallus?«
»Ich will einen Drink.«

Auf zahlreichen Abhandlungsebenen wirkt "The Other side of the Wind" vielleicht um einiges moderner als viele Beiträge, die nach diesem Beitrag herausgekommen sind - vom Zeitfenster der langen Entstehung ganz zu schweigen, und Welles' einmalige Handschrift ist trotz all der angewandten Tarnung deutlich zu sehen. Und genau hier entsteht entgegen aller Verschachtelungen, sowie Irrungen und Wirrungen, eine überdimensional große Faszination. Der Verlauf scheint ohne größere Strukturvorgaben dahinzulaufen; atemberaubend schnell und bei der Identifikation scheinbar ziellos. Da in der Story so gut wie nur eine Nacht progredient abgehandelt wird, ist es erstaunlich, wie sich lose wirkendes Füllmaterial zu einem roten Faden mobilisiert, den man als Zuschauer selbst aber nicht immer zu fassen bekommt. Von außen beobachtet man als innocent bystander, daher nur eine manchmal seltsam anmutende Clique mit all ihren Spleens, Launen und Unzulänglichkeiten, und all dies wirkt manchmal wie ein Blick auf einen Hamster, der pausenlos in einem Rad läuft. Die Abhandlung rund um eine alternde Hollywood-Legende kümmert sich nicht nur intensiv um Nicht-Aufklärung, sondern hofiert in beinahe unanständiger Manier die Oberflächlichkeit als Ganzes. Man begleitet fortan einen Star, den nur noch der alte Ruhm am leben hält. Selbstgefällig, überheblich, aber auch charmant, beantwortet er die Fragen der Journalisten. Nicht. Auf dem Weg zur Party des Jahres, die bei einer gewissen Zarah Valeska stattfindet, erwartet man das ultimative Happening. Permanent laufen Kameras, ständig werden Mikros und Aufnahmegeräte gezückt, die aufdringlichen und sensationsgierigen Fragen der Presse wirken genau wie die darauf folgenden Phrasen wie leeres Gequatsche. Aber man amüsiert sich. Interessant ist die Tatsache, dass die Regie gleich mehrere Expertisen der Inszenierungskunst im Film transparent darstellt,und als Zuschauer ertappt man sich nicht nur einmal dabei, dem Klatsch und Tratsch und den Worthülsen wie gebannt zuzuhören. Immer wieder folgen Sequenzen, in denen die Aufmerksamkeit rapide schwindet, da man es nur mit Fremden zu tun hat, deren Gespräche man obendrein oft nicht begreifen will, da Hintergrundinformationen gänzlich Fehlen, wie übrigens auch eine konsequente Vorstellung der Charaktere.

»Wenn das Publikum es nicht rafft, wozu dann ins Kino gehen?«

Aber trotzdem fasziniert dieses ungeordnet erscheinende Spektakel ungemein, obwohl nicht nur die Sonnenseiten beleuchtet werden, sondern auch Eindrücke wie Langeweile, Verwirrung, Abscheu und Resignation ganz offen in die Waagschale geworfen werden. Das absolute Happening dieses Beitrags ist und bleibt der Film, der in Intervallen gezeigt wird und in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Solch erlesene Eindrücke ohne teils direkt erkennbare Handlung waren vermutlich niemals so schön und intensiv; Bilder die man bestimmt nicht mehr vergisst. Hier zu erwähnen ist die bemerkenswerte Interaktion der atemberaubend schönen und amazonenhaft wirkenden Kroatin Oja Kodar mit Robert Random, die in ihren Film-in-Film-Sequenzen eine unheimlich intensive, sexuelle Hochspannung aufbauen werden. Generell ist zu sagen, dass "The Other side of the Wind" über einen exzellenten Cast verfügt, der so weit das Auge reicht Stars über Stars anbietet. Die einzelnen Darbietungen abzuhandeln, würde der geballten Macht, die im Kollektiv von den DarstellerInnen ausgeht, vermutlich nicht gerecht werden. Die Charakterisierungen zehren von einer Spontanität und Flexibilität, die kaum eine enge Bindung an vorgefertigte Dialoge erkennen lassen will. Zahlreiche Selbstinszenierungen, zur Schau getragene Eitelkeiten, dekadente Anwandlungen und direkte Harpunenschüsse bringen diese Hollywood-Clique nicht auseinander, zumal dieser Umgang sie fest zusammengeschweißt hat. Man braucht sich, um im Gerede zu bleiben oder einfach Konversation zu haben, die man sonst womöglich mit der Wand oder einem Glas Whisky abhalten würde. Diese teils bissigen und oft kaum relevant erscheinenden Gespräche zwischen den Hauptakteuren, in die vornehmlich ein exzellent auftrumpfender John Huston verwickelt ist, spielen sich bestimmt obligatorisch ab, doch hier jeweils in den langen Sequenzen, in denen der Vorführfilm aufgrund technischer Probleme zum Abbruch kommt. Eigentlich ist es so, dass der Zuschauer stets ungeduldig auf den von Jake Hannaford inszenierten Coup wartet, da es sich wegen der offensichtlichen Bildgewalt, bizarren Farbgebung, pornographisch angehauchten und verschachtelt wirkenden Handlung ohne Dialog, wie das tatsächliche Meisterwerk dieser Produktion anfühlt.

»Wir werden alle vom Wind beherrscht.«

Dieser heißt geistreicherweise "The Other side of the Wind", und schließlich kommt es einem so vor, als habe Orson Welles den Zuschauer in Parallelwelten entführt, von denen die eine paradiesisch wirkt, die andere jedoch unbehaglich. Unter diesen Voraussetzungen kommt die Regie immer wieder zur Realität zurück, die zugegebenermaßen oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist. Bei allen Lobliedern bleibt es natürlich nicht aus, dass Orson Welles hier und da auch ordentlich Wasser in den Wein geschüttet hat, denn er nimmt sozusagen keinerlei Rücksicht auf die entstehenden Verluste. Nicht jeder wird sich von "The Other side of the Wind" blenden lassen wollen, da es sich kaum um einen Film handelt, der seine Aufklärung in Form von Filetstücken servieren möchte. Die Geschichte leistet sich daher ganz unverblümt wie selbstverständlich den Luxus, ihre Geheimnisse nicht umsonst preiszugeben, um den interessierten oder faszinierten Zuseher förmlich dazu zu zwingen, ihnen erneut auf den Grund gehen zu wollen. Der Verlauf ist somit angelegt wie ein Labyrinth, in dem man von Szene zu Szene springt. Die Entschlüsselung des Gezeigten erweist sich oft als schwierig, da kaum Zeit zum Nachdenken, Überlegen oder Interpretieren eingeräumt wird. Das Charaktere-Karussell erweist sich zusätzlich als Welles'sches Roulette, da innerhalb dieser offenkundigen Hierarchieverhältnisse nie wirklich gesagt werden kann, wer etwas Wichtiges zu sagen hat, oder wer ein profitables Bindeglied zum Außenseiter Zuschauer herstellen kann. Insgesamt gesehen beweist dieser unterm Strich jedoch sehr faszinierende Beitrag eine enorme intrinsische Stärke, sodass man letztlich zu dem Schluss kommen mag, wenig Vergleichbares gesehen zu haben. Versehen mit Schauspielern, von denen nicht wenige ihr bekanntes Terrain für fordernde zwei Stunden verlassen haben, und einer Invasion an bestimmt schon dagewesenen Informationen und Einfällen, die allerdings vollkommen neuartig erscheinen, darf "The Other side of the Wind" mit gutem Recht einen ab sofort ewigen Platz im Olymp derjenigen Filme beanspruchen, die nicht nur anders sein wollten, sondern es tatsächlich geworden sind. Vielleicht kann nach Beendigung nicht genau beschreiben werden, wo man eigentlich war, aber sicherlich, dass es sich um ein Filmerlebnis der ganz besonderen Art gehandelt hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 12.11.2018 20:52 
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Danke Prisma für die sehr interessante Besprechung! Ist der erste etwas ausführlichere Text, den ich zum Film gelesen hab. Seltsamerweise scheint der Film ja relativ wenige Wellen zu schlagen. Ob's daran liegt, dass über Netflix-Sachen generell wenig berichtet wird, oder ob's am Film liegt...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 12.11.2018 22:55 
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samgardner hat geschrieben:
Seltsamerweise scheint der Film ja relativ wenige Wellen zu schlagen. Ob's daran liegt, dass über Netflix-Sachen generell wenig berichtet wird, oder ob's am Film liegt...

Ich denke, dass beides der Fall sein könnte. Wäre hier nicht immer wieder über das Projekt berichtet worden, wäre das alles vermutlich auch zunächst an mir vorbeigegangen. Bei Netflix wirkt der Film schon ein bisschen exotisch irgendwie, und wenn ich mein eigenes Sehverhalten betrachte, schaue ich mir dort komplett andere Sachen an. Damit will ich eigentlich sagen, dass sich bestimmt die wenigsten wegen "The Other Side of the Wind" Netflix holen werden, und wer es bereits hat, wird sich den Film nicht unbedingt angucken. Ist sozusagen eine Klientelfrage. Möglich, dass es schlicht und einfach auch am Film liegt, dass man bislang noch wenig hört, denn die ganze Sache muss sich erst einmal setzen. Ich bin mir aber sicher, dass dieses Prachtstück über kurz oder lang seine Fans rekrutieren wird...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 12.11.2018 23:16 
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"Jake, what are we doing?"
"We are having a party!"


Oh my god, what have I just seen? - was habe ich da gerade gesehen, was war das?
Feststeht, es war/ist wohl ziemlich eindeutig der experimentellste, radikalste, exzentrischste, gewagteste Film von Orson Welles.
Huston verkörpert hier ja praktisch Welles und hält man sich das vor Augen, kann man diesen Film sicher auch als Einblick in sein damaliges Gefühlsleben hinsichtlich der Situation des Filmbusiness und seiner eigenen Stellung darin sehen.
Aber auch als philosophisch-reflexiven Rückblick auf die eigene Karriere mit ihren Höhen und Tiefen.
In einer höchst aufregenden Bildsprache in wechselnden Formaten und mit teils schnellen Wechseln zwischen Farbe und schwarzweiß und zurück (manchmal nur für eine einzige kurze Einstellung) erzählt er uns seine eigene Geschichte.
Auf spröde schwarzweiß-Bilder folgen knallige Farben und umgekehrt, nicht selten von einer Sekunde auf die andere.
Das kann mitunter anstrengend werden, für die Augen, fördert aber dafür umso mehr die Aufmerksamkeit.
Durch den Einsatz der Handkamera über weite Strecken intensiviert er das Erlebnis für den Zuschauer zusätzlich, weil er so ein Gefühl der unmittelbaren Zugehörigkeit zu den Figuren im Film vermittelt.
Hinzu kommen schnelle plötzliche Wechsel zwischen dem "normalen" Film und dem Film im Film, wobei die Film-im-Film-Segmente, teilweise auch noch von Hannafords Stimme auf dem Off (offenbar Regieanweisungen) begleitet werden.
Das sind dann auch wieder Dinge, die die emotionale Achterbahnfahrt, die man als Zuschauer während der zwei Stunden durchlebt, noch mehr beschleunigt.
Aber es gibt natürlich auch einiges, das für Entschleunigung sorgt.
Auf filmischer Ebene sind es vereinzelte schwelgerisch zelebrierende Panoramaeinstellungen, die oftmals dank entsprechender Ausleuchtung surreal scheinende Ausmaße annehmen.
Eine ungleich einschneidendere Wirkung erzielt dagegen Michel Legrand auf musikalischer Ebene mit lockeren Jazz- und Easy-Listening-Melodien sowie melancholisch-verträumten, gedämpften Trompetenklängen.
Und das passt zum Film wirklich wie die Faust aufs Auge, da kann ich nur mehr sagen: "Man, he nailed it!"
Bleibt noch die schauspielerische Ebene, da finden wir einige Leute, die wir wohl sowieso in einem Film nicht so schnell erwarten würden und andere, bei denen ich mir nach diesem Film denke, sie hätten mehr spielen sollen.
Vor allem gerade um John Huston ist es mir nach Sichtung dieses Films schade, er hat ja meist kleinere Rollen gespielt und kaum Hauptrollen.
THE OTHER SIDE OF THE WIND zeigt aber, dass er es in jedem Fall verdient hätte, öfter große Rollen zu bekommen.
Ich weiß nicht, inwieweit es an Welles' Schauspielerführung und der absolut überragenden Inszenierung liegt, aber Huston hat hier eine extrem faszinierende, einnehmende Präsenz, die, möchte ich sagen, gar Welles in seiner besten Zeit gleichkommt.

Betrachtet man den Film als Gesamtwerk und behält im Hinterkopf, dass Huston im Grunde Welles verkörpert, ist es vielleicht sogar gut, dass THE OTHER SIDE OF THE WIND nicht, wie eigentlich geplant, sein Comeback wurde, sondern sein filmisches Vermächtnis.
Denn man fühlt, dass der Film ein Ende markiert und wenn man Welles gesamte Regiekarriere revue passieren lässt, wird klar, dass dieser Film eindeutig ein richtiges finales filmisches crescendo ist, demzufolge ein da capo unnötig, ja sogar sinnlos, wäre, weil es nur noch ein Rückschritt werden hätte können, weil etwas noch größeres, etwas, das sich noch stärker gegen alle Konventionen sträubt, kaum noch möglich ist.

Selten sind mir zwei Stunden so kurz vorgekommen - irgendwann wird plötzlich auf den Abspann übergeblendet und ich frage mich: "Was, das war's schon, das waren zwei Stunden?"
Vielleicht spricht jetzt auch nur die Euphorie nach begeisternder Erstsichtung eines lang erwarteten Films aus mir und wirklich sicher kann ich das auch erst nach einer zweiten Sichtung sagen, aber THE OTHER SIDE OF THE WIND hat zweifellos das Potenzial, IM ZEICHEN DES BÖSEN vom Spitzenplatz zu verdrängen.
Das lange Warten hat sich auf jeden Fall vollends gelohnt - es war mir ein Genuss!

Punktewertung - zumindest momentan - unmöglich.


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 18.11.2018 18:45 
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Nächtens gleich noch einmal angeschaut.
Das ist wirklich ein Film, mit dem sich Welles noch einmal neu erfunden hat.
Ihm selbst war er ja laut mehrerer Beteiligter ebenso wichtig wie CITIZEN KANE und wenn man sich die zwei Filme noch einmal genauer anschaut und ihren jeweiligen Innovationsgeist bedenkt, so glaube ich, dass das nicht so falsch ist.
CITIZEN KANE hat damals zweifellos neue Standards gesetzt und THE OTHER SIDE OF THE WIND tut das in seiner Zeit, auf seine Art wohl ebenso.
Ein kompletter Neuanfang, der gleichzeitig aber schon wieder ein Ende war und diesmal leider das endgültige.
Aber gut, wenn man diesen Film sieht, dürfte schnell klar werden, dass es auch gut war so, denn damit wurde endgültig alles, was man mit Film nur machen kann, alles was man verarbeiten kann, gemacht und da noch einen draufzusetzen ist unmöglich, denn mehr geht einfach nicht mehr, mehr gibt's nicht mehr.
THE OTHER SIDE OF THE WIND ist für mich das, was man im Englischen "absolutely outstanding" nennt.
Es gibt wohl kaum jemanden, der die Möglichkeiten des Films derart ausreizt, wie es Welles hier getan hat - in drei verschiedenen Formaten, in Farbe und schwarzweiß und mit dieser Schnitttechnik.
Selbst F WIE FÄLSCHUNG wirkt dagegen nur wie eine zahme, fast unsichere, Fingerübung.
Überraschenderweise ist F WIE FÄLSCHUNG für mich einer der schwächsten Welles', während hingegen TOSOTW (obwohl rein stilistisch nicht unähnlich) ziemlich eindeutig mein neuer Favorit von Welles ist.

Bin mal gespannt, was Stanton dazu sagt...


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BeitragVerfasst: 18.11.2018 19:44 
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Sbirro Di Ferro hat geschrieben:
Ein kompletter Neuanfang, der gleichzeitig aber schon wieder ein Ende war und diesmal leider das endgültige.
Aber gut, wenn man diesen Film sieht, dürfte schnell klar werden, dass es auch gut war so, denn damit wurde endgültig alles, was man mit Film nur machen kann, alles was man verarbeiten kann, gemacht und da noch einen draufzusetzen ist unmöglich, denn mehr geht einfach nicht mehr, mehr gibt's nicht mehr.
THE OTHER SIDE OF THE WIND ist für mich das, was man im Englischen "absolutely outstanding" nennt.


Dir ist klar, dass Du jetzt die Messlatte meiner Erwartungshaltung an den Film ziemlich hoch gesetzt hast... ich kenne leider nur die paar Ausschnitte, die im Doku-Film "Orson Welles: The One-Man Band" eingestreut sind - die haben mich allerdings schon extrem neugierig damals gemacht... da ich kein Netflix nutze, wird die Wartezeit hoffentlich nicht zu lange sein, bis ich dann auch endlich einmal in den Genuss des Films kommen werde... aber auch so: ich erhoffe mir einen großartigen Film... liege ich falsch, wenn ich mir das Endergebnis als eine Mischung aus psychedelischem New-Hollywood-Kino und europäischem art-house-Film der 60er Jahre vorstelle? - um einmal eine Einschätzung zu haben...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 18.11.2018 19:55 
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Howard Vernon hat geschrieben:
liege ich falsch, wenn ich mir das Endergebnis als eine Mischung aus psychedelischem New-Hollywood-Kino und europäischem art-house-Film der 60er Jahre vorstelle?

Ja, das kann man sicherlich so sagen, allerdings kommt da noch wesentlich mehr hinzu. Viele Inhalte wirken tatsächlich absolut neuartig und unberechenbar, was sehr imponierend ist. Ich denke, dass diese Vorgehensweise auch keine kurze Halbwertzeit besitzt. Das wird einem auch beim nächsten Anschauen virtuos und weitsichtig vorkommen, der Zeit vielleicht meilenweit voraus. Für heutige Standards kommt einem das Ganze auch keineswegs veraltet vor, immerhin sind ja über 40 Jahre seit der Herstellung vergangen.


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BeitragVerfasst: 18.11.2018 20:09 
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Prisma hat geschrieben:
Viele Inhalte wirken tatsächlich absolut neuartig und unberechenbar, was sehr imponierend ist. Ich denke, dass diese Vorgehensweise auch keine kurze Halbwertzeit besitzt. Das wird einem auch beim nächsten Anschauen virtuos und weitsichtig vorkommen, der Zeit vielleicht meilenweit voraus. Für heutige Standards kommt einem das Ganze auch keineswegs veraltet vor, immerhin sind ja über 40 Jahre seit der Herstellung vergangen.[/align]


ich muss sagen, dass ich mich ganz besonders auf die Kameraarbeit von Gary Graver freue - wäre der Film damals offiziell gestartet und wohlwollend von Kritik und Publikum aufgenommen worden, dann wäre vielleicht auch die Karriere von Graver auf andere Art verlaufen... bei Felinis selbstreferenziellen "Achteinhalb" gibt es ja nur auf der Erzähl-Ebene diese starken Brüche zwischen Filmgegenwart, introspektiver Schau und Traum, was Welles offenbar noch stark stilistisch durchformt hat; bin gespannt...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 18.11.2018 20:20 
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Howard Vernon hat geschrieben:
wäre der Film damals offiziell gestartet und wohlwollend von Kritik und Publikum aufgenommen worden

Dieser Punkt ist mir nach der Erstansicht auch durch den Kopf gegangen, allerdings weniger auf die weiteren Karrieren von Beteiligten bezogen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Film wahrscheinlich kein Erfolg geworden wäre, denn er bietet in erster Linie keinerlei Zuschnitt auf herkömmliche Sehgewohnheiten. Wäre vermutlich ziemlich schwer geworden - gerade in den USA, da Welles mit Kritik, Bloßstellung und Spiegelakrobatik ja nicht gerade sparsam umgeht. Aber ich kann mich da auch vollkommen irren; immerhin bietet der Beitrag hauptsächlich auch das, wonach viele Zuschauer immer auf der Suche waren/sind: Außergewöhnliches, Neuartiges und Denkwürdiges.


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BeitragVerfasst: 19.11.2018 11:46 
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Sbirro Di Ferro hat geschrieben:

Bin mal gespannt, was Stanton dazu sagt...


Da bin ich allerdings auch gespannt ...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 19.11.2018 18:02 
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Stanton hat geschrieben:
Sbirro Di Ferro hat geschrieben:

Bin mal gespannt, was Stanton dazu sagt...


Da bin ich allerdings auch gespannt ...

Eines kann ich dir auf jeden Fall schon sagen (da du ja jemand bist, der die "Botschaft" des Films immer in Bildern haben will und nicht in Worten):
Davon kannst du dich hier gleich verabschieden, hier liegt (natürlich neben dem Visuellen) auch sehr viel in den Worten, es gilt auch darauf zu achten, wie was gesagt wird.
Speziell was Huston betrifft, der das meiste "sprechblasenartig" und mit süffisantem Unterton vorträgt, was, wie ich es interpretiere, Welles' Art der Abrechnung mit Hollywood ist.
Sozusagen seine Art, Hollywood den Stinkefinger zu zeigen.

Auf visueller Ebene darf man aber natürlich auch einiges erwarten, denn was er hier macht, sieht man so in keinem früheren Welles.
Die verschiedenen Formate, Farbe und schwarzweiß, der sehr eigenartige Schnitt, der dem Ganzen etwas collagenhaft-dokumentarisches gibt...
Aber ab und zu finden wir auch Reminiszenzen an frühere Zeiten, wenn bspw. die Spiegelkabinett-Szene aus DIE LADY VON SHANGHAI variiert wird.
Für mich jedenfalls ein äußerst aufregender Film, bei dem man nachher weiß, dass man etwas Besonderes gesehen hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 19.11.2018 20:15 
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Sbirro Di Ferro hat geschrieben:
Stanton hat geschrieben:
Sbirro Di Ferro hat geschrieben:

Bin mal gespannt, was Stanton dazu sagt...


Da bin ich allerdings auch gespannt ...

Eines kann ich dir auf jeden Fall schon sagen (da du ja jemand bist, der die "Botschaft" des Films immer in Bildern haben will und nicht in Worten):



Eigentlich will ich überhaupt keine Botschaft ...

... aber es ist schon meist unterhaltsamer wenn ein Film seine Geschichte in Bildern erzählt, und wenn viel geredet wird, dann, ja genau, dann war es mir schon immer eher wichtig wie geredet wird, und weniger was geredet wird. Also anscheinend alles im Null Problemo Bereich ...


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 Betreff des Beitrags: Re: THE OTHER SIDE OF THE WIND - Orson Welles
BeitragVerfasst: 23.11.2018 21:05 
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Etwas verspätet (ich war die letzten Tage ohne Netz): Danke auch für deine Eindrücke, Sbirro Di Ferro. Liest sich sehr gut. Meine Erwartungen an den Film sind ohnehin schon sehr hoch. :mrgreen:


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