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 Betreff des Beitrags: BESUCH AUS DER ZONE - Rainer Wolffhardt
BeitragVerfasst: 06.01.2019 12:37 
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"Besuch aus der Zone" (Deutschland 1958)
mit: Siegfried Lowitz, Werner Peters, Olga von Togni, Paula Denk, Hans Dieter Zeidler, Lieselotte Walter, Uwe Friedrichsen, Herbert Hübner, Walter Richter, Max Mairich, Willy Semmelrogge, Mila Kopp, Wolfgang Wendt, Ludwig Anschütz, Otto Stern, Ingrid Fernolt u.a. | Drehbuch: Helmut Pigge und Rainer Wolffhardt | Regie: Rainer Wolffhardt

Während sein Geschäftspartner Hermann Kleinschmidt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den Westen geflohen ist, betreibt Walter Reichert weiterhin die Produktion einer Kunstfaser, die weltweit exportiert wird. Nachdem die Brötscher Werke, die Firma für welche Kleinschmidt nun seit Jahren arbeitet, einen Großauftrag storniert hat, reist Reichert mit seiner Familie in den Westen, um das Gespräch mit dem Unternehmenschef zu suchen. Kleinschmidt ist der Besuch seines Freundes sehr unangenehm, hat er doch mit seinem Wissen dazu beigetragen, dass die Brötscher Werke die Kunstfaser mittlerweile selbst herstellen können und deshalb auf die Lieferungen aus dem Osten nicht mehr angewiesen sind. Für Reichert würde der Verlust seines wichtigsten Kunden eine Katastrophe bedeuten, da er befürchten muss, dass sein Betrieb von der DDR enteignet wird....

Bild Bild Bild


Der Süddeutsche Rundfunk inszenierte den Fernsehfilm nach einem Hörspiel von Dieter Meichsner und löste nach der Ausstrahlung sogar eine Bundestags-Debatte aus. Das Bild, das Regisseur Rainer Wolffhardt von den beiden Unternehmern aus der BRD und der DDR zeichnet, entsprach offenbar nicht den Vorstellungen des Parlaments. Dabei bemüht sich die Produktion um ein Gleichgewicht der Kräfte und zeigt Zweifel und Hoffnungen auf beiden Seiten auf und legt Argumente vor, die sowohl Verständnis für Reichert, als auch für Kleinschmidt aufbringen. Das subtile, eindringliche Spiel der Darsteller zeigt sehr viel Empathie für die von ihnen verkörperten Figuren und profitiert von der charakteristischen Ausstrahlung von Siegfried Lowitz und Werner Peters. Der Zuschauer bekommt bereits vor ihrem ersten Treffen vermittelt, dass die Basis ihrer Freundschaft durch die getrennten beruflichen Wege, die dem einen mehr Erfolg brachten als dem anderen, erschüttert ist. Die politische Situation dient Kleinschmidt dabei keineswegs als Rechtfertigung, erleichtert ihm seine Lage allerdings nicht. Unter anderen Voraussetzungen hätte er seine Karten auf den Tisch legen und auf Augenhöhe reden können. Jetzt fühlt er sich seinem alten Freund jedoch geografisch im Vorteil, empfindet Mitleid und Schuldgefühle, weil ihm gelungen ist, was Reichert noch nicht zu denken wagte: die Abkehr von seiner alten Heimat. Das schlechte Gewissen wird mit Ausflüchten übertüncht, die eigene mühsame Vergangenheit gegen die aktuelle Lage des anderen aufgerechnet. Die hohen Anforderungen, die der Wohlstand mit sich bringt, die Abhängigkeit von den Launen des Marktes, der denjenigen bestraft, der zu spät kommt bzw. nicht mit der Zeit Schritt halten kann. Eventuell aufkeimender Neid bei den Besuchern aus dem Osten wird durch Rechtfertigungen erstickt, die jedes prosperierende Unternehmen als Beschwichtigung gegen Forderungen nach Erfolgsbeteiligung ins Feld führt. Die Brutalität des freien Marktes mit seinen Risiken wird gegen die Planwirtschaft und Regulierung des sozialistischen Systems ausgespielt, wobei eine Seite die andere beneidet oder wenigstens für weniger belastet hält. Die beiden Familien belauern sich gegenseitig und bestärken sich untereinander in ihren Entscheidungen, die niemals gegen, sondern immer für eine Sache waren - auch wenn dadurch eine Situation geschaffen wurde, die früher oder später zur Benachteiligung des anderen Geschäftspartners führen musste. Das Pulverfass schickt sich nun an, nach Jahren der Entspannung mit einem lauten Knall in die Luft zu fliegen, was mehr zerstören würde als nur die Freundschaft zwischen den Kleinschmidts und den Reicherts.

Das natürliche Spiel aller Akteure führt zur Identifikation mit dem Sachverhalt, der eine Anteilnahme aufgrund kontroverser Standpunkte und Meinungen geradezu herausfordert. Das große Plus der Produktion stellen die populären Mimen Peters und Lowitz dar. Werner Peters agiert behutsam und nachdenklich, beherrscht er doch die leisen Töne ebenso wie er sich auf schmierige und dampfplaudernde Ganoven versteht. Die Überraschung und das Unbehagen stehen ihm ins Gesicht geschrieben, während er seine Worte sorgfältig wählt, um Zeit zu gewinnen. Siegfried Lowitz bemüht sich um die Wahrung seiner Fassung, was ihm angesichts der Ungewissheit seiner Zukunft schwer fällt. Wie immer in Momenten großer innerer Anspannung wird sein Gesicht leer und fungiert als Projektionsfläche der Emotionen, die sich direkt auf den Zuschauer übertragen. Der saloppe Ton seiner Dialoge, die Spitzfindigkeit seiner Feststellungen und das feine Lächeln, das diese siegesgewiss begleitet, schwinden mit einem Mal aus seinen Zügen und spiegeln blanke Angst und Ernüchterung wider. Die Damen flankieren die Herren als Begleitschutz und Ratgeberinnen, sie drücken aus, was auch ihre Männer bewegt und nehmen manchen Gedanken vorweg. Olga von Togni als Berta Kleinschmidt scheint zu glauben, sich permanent rechtfertigen zu müssen, sei es für die Abwesenheit ihres Mannes bei der Ankunft der Gäste oder für die Einrichtung ihrer Wohnung, sogar für die eigene Berufstätigkeit, die mit den hohen Lebenskosten im Westen zusammenhänge. Trotz ihrer geregelten finanziellen Verhältnisse, die auf Fleiß und Arbeit beruhen, meint die Dame des Hauses, ihre hausfraulichen Fähigkeiten betonen zu müssen und sich nach der Meinung der Bewohner ihrer ehemaligen Heimatstadt zu erkundigen. Das schlechte Gewissen zeigt sich in der Rückversicherung über das Ansehen, das man genießt oder eben nicht. Weitaus weniger empfindlich ist Hans Dieter Zeidler, dessen Sorge nur dem eigenen Betrieb gilt. Er gibt sich geschäftig und bei Bedarf gesellig und glaubt genau zu wissen, auf welchen Knopf er bei den jeweiligen Personen drücken muss. Er ist das Abbild des wohlgenährten Bürgers, der die Jahre der Durststrecke hinter sich gelassen hat und dies in selbstbewusstem Stolz und Selbstzufriedenheit ausdrückt. Am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala rangieren Walter Richter und Willy Semmelrogge, deren Existenz durch die Ungewissheit bedroht ist, die Parteifunktionären wie Max Mairich in die Hände spielt. Unter dieser Prämisse erhält die Entscheidung Reicherts weitaus mehr Gewicht und stellt nicht nur ihn vor eine existenzielle Frage. Der Kreis schließt sich, ohne eine Lösung des Ausgangsproblems gebracht zu haben und entlässt den Zuschauer mit einem Gefühl der Ausweglosigkeit und Resignation.

Das Drama profitiert vom empathischen Spiel seiner Darsteller, deren Verdienst es ist, Verständnis für beide Parteien aufzubringen, wobei sich Lowitz, Peters, Denk und von Togni besonders hervorheben. Der Fernsehfilm greift ein heikles Thema sehr behutsam auf und setzt es auf unterhaltsame Weise um, ohne belehrend oder beschönigend zu wirken. Interessant!


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