Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
It is currently 20.08.2019 15:11

All times are UTC + 1 hour [ DST ]




Post new topic Reply to topic  [ 148 posts ] Go to page  Previous  1, 2, 3, 4, 5
AuthorMessage
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 21.02.2018 17:38 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Angela, the Fireworks Woman – Wes Craven

(USA 1975)

7.1.2018. Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, 1,37:1)
Der Film wurde in einer italienischen Sprachfassung mit hinzugefügten, inhaltlich verfälschenden Szenen aus anderen Filmen und möglicherweise um Originalszenen geschnitten gezeigt. Englische Untertitel.



Inhalt:

Bereits seit ihrer Kindheit lieben sich die Geschwister Angela und Peter, und als sie „älter werden, merken sie, dass sie keine Kinder mehr sind“. Peter will Priester werden, was Angela in die Einsamkeit treibt und dazu, ihre Sexualität auszuleben. Dabei gerät sie unter anderem an ein Sadomasochistenpaar und wird Opfer einer Vergewaltigung durch einen Fischer.

Peter, inzwischen weit fortgeschritten in seiner Priesterausbildung, muss trotzdem immer wieder an Angela denken, die ihn manchmal besucht, um zu beichten. Er gibt sein Amt schließlich auf, beschließt, mit Angela zusammen zu leben und segelt mit ihr hinaus aufs Meer.


Review:

Zwischen „Last House on the Left“ (1972) und “Hügel der blutigen Augen” (1977) drehte Wes Craven das Pornoliebesdrama „Angela, the Fireworks Woman“, in dem er auch selbst mitspielt. Nicht seine einzige Arbeit, er soll zu dieser Zeit als Produktionsassistent an mehreren Pornos mitgewirkt haben.

Der Film ist einer der Golden-Age-Pornos, die mit einer richtigen Handlung punkten können, er schwächelt jedoch inszenatorisch: Horst Badörties, das Pseudonym eines unbekannten Kameramanns, dessen Karriere durch eine Beteiligung an Hardcorefilmen nicht gefährdet werden sollte, filmt zwar die Party- und Orgienszenen ausgesprochen rauschhaft und schön, den Sex aber gerade nicht. Nun mag man einwenden, dass Angela sich als Charakter in einer Krise befindet und emotional unter der Trennung von ihrem Bruder leidet, doch bis auf die begleitende Musik, die passend z. B. die S/M-Erziehungsszenen wie einen Horrorfilm untermalt, ist der Sex selbst sehr banal und öde von der Kamera eingefangen. Stattdessen reicht wiederum der Filmschnitt, der auf das Konto Cravens selbst geht, an die Schule Eisensteins (und Russ Meyers) heran: Wenn Peter, der Priester und Bruder Angelas, leidvoll an seine Schwester denkt, wird der Zuschauer Zeuge von kurzen Auspeitschungssegmenten, die in der Form der Montage erkennen lassen, dass dies auch der Gemütszustand Peters ist und zudem die katholische Praxis der Selbstgeißelung kunstpsychologisch aufarbeiten.

Das Titelgebende Feuerwerk, das es zu Beginn und gegen Ende des Filmes im Rahmen einer Party zu sehen gibt, in der die Silhouette eines Mannes mit Zylinder gegen das Licht gefilmt immer wieder markant auffällt (Craven?), steht in dem Film symbolisch für den Geist der Unabhängigkeit und der Begierde, das Meer, auf das sie mit ihrem Bruder zum Happy-End hinausfährt, für die erlangte Freiheit.

Der Film wurde auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Intelligentes Pornodrama, inszenatorisch Geschmackssache.


Wertung:

7 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 22.02.2018 19:08 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Das Rasthaus der grausamen Puppen – Rolf Olsen

(Deutschland / Italien 1967)

7.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,66:1)



Inhalt:

Bob und Betty töten mit ihrem Fluchtauto nach einem Juwelendiebstahl einen Polizisten, indem sie ihn mit dem Wagen zerquetschen; während Bob fliehen kann, wird Betty eingebuchtet. Im Knast herrscht Superintendant Nipple mit eiserner Faust und Bettys Mitgefangene sind alles Lesben – „Mit mir nicht, ich bin normal“ meint sie, doch die Antwort „Schnauze, du Klosettbesen“ lässt Böses erahnen: Bald wird sie Zeugin, wie Nipple 3 Frauen an Duschen gekettet mit auf „heiß“ gestelltem Wasser foltert, doch in diesem Moment ergibt sich die Gelegenheit für Betty – „Soll ich dich auch mal unter die Brause stecken, du Luder? Oder heute Abend bei mir in meinem Büro?“ Als Nipple sie im Dominakostüm auspeitschen will, sticht Betty sie nieder und flieht mit ihren Zellengenossinnen am Nachtwächter vorbei, der nicht kontrolliert, sondern Eier legt.

In einem Bekleidungsgeschäft, in das sie einbrechen, besorgt sich jede der Geflüchteten „ne dufte Pelle“ und entführen einen Totengräber, um in dessen Leichenwagen zu fliehen. Bei einer Polizeikontrolle versucht der Entführte zwei Polizisten verständlich zu machen, dass er eine Geisel ist, doch um das zu verstehen sind Polizisten zu dumm: „Wenn´s im Köpfchen alle ist, wird man eben Polizist“. Nach überstandener Polizeikontrolle erschießen sie den Totengräber.

In einem schottischen Rasthaus treffen sie wie geplant Bob, der dort arbeitet und wollen gemeinsam fliehen; um das nötige Geld für die Flucht zu bekommen, wollen sie Marilyn Oland entführen und von ihrem Gatten Geld erpressen – doch da entdeckt Mrs. Twaddle beim Radfahren mit ihrem Hund den ermordeten Totengräber und weiß sofort: Es waren Mörder! „Mörder, Mörder“ rufend eilt sie mit ihrem Rad zum Rasthaus und erzählt Bob von dem schnöden Mord – dem Falschen! Eine zweite Leiche dort entdeckend, wird sie durchs Rasthaus gejagt und schließlich getötet.

Nachdem auch die Entführung Mrs. Olands scheiterte, taucht eine junge Mutter mit ihrer gelähmten Tochter Emily auf. Sie ist auf dem Weg in das nächste Krankenhaus und erzählt bereitwillig, dass sie 2000 Pfund für die Operation dabei hat, die Emily wieder auf die Beine helfen soll. Die verbliebenen Verbrecherinnen entführen Emily, geraten aber untereinander in Streit ob der Brutalität, die sich nun auch gegen ein Kind und ihre Eltern richtet – als der Vater im Kampf stirbt, wählt die Mutter den Freitod. Linda, die einzige überlebende Ausbrecherin, wandert wieder in den Knast, aber nicht für lange, da sie Emily geholfen hat.



Review:

„Das Rasthaus der grausamen Puppen“ ist ein Exploitationkrimi von Rolf Olsen („Heubodengeflüster“, „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, beide auch 1967) und überrascht mit einem stargespickten Cast, unter anderem Ellen Schwiers als Mrs. Nipple, Jane Tilden, Margot Trooger und Helga Anders.

Was den Film bemerkenswert macht, ist die ausgesprochen dichte Inszenierung, ständig gibt es Eyecandy, Action, Humor, Derbheiten, so dass es überhaupt nicht mehr auffällt, dass es dem Film aufgrund seiner Sprunghaftigkeit an einer Grundspannung mangelt. Es ist kein spannender Krimi, auch wenn er auf den ersten Blick wie ein Edgar-Wallace-Film aussieht, vielmehr ein Actionfilm, wie er aufregender und unterhaltsamer nicht sein kann. Während die Gewalt exzessiv wie ein Horrorfilm (der späten 60er) inszeniert ist, der Beginn 10 Minuten lang an das Women-in-Prison-Genre denken lässt, die Flucht im Leichenwagen an ein Roadmovie und die Situation im Rasthaus „The Hateful Eight“ (2015) alle Male in die Tasche steckt, bietet der Showdown nach dem Verlust Miss Marples noch ordentlich Dramatisches, bis der Film in den letzten Minuten so tut, als sei er ein Polizeifilm gewesen und das Verbrechen vom Yard endlich aufgeklärt worden. Dazu mit fetziger Musik und noch besserem Titelsong („Dirty Angels“ von Don Adams), sexy Frauen in einer „Pelle“ up to Date, die böse sind wie es in anderen Filmen dieser Zeit nur Männer oder Frauen in Russ-Meyer-Filmen sein durften und damit auch aus feministischer Sicht fortschrittlicher als die meisten heutigen Genrefilme.

Der Film wurde als Abschlussfilm auf dem 17. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in ungekürzter Fassung gezeigt und vom Publikum als einer der Höhepunkte und würdiger Abschluss des Festivals gefeiert.


Fazit:

„Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen!“
(Evangelischer Filmbeobachter)


Wertung:

10 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 27.11.2018 18:10 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Suspiria – Luca Guadagnino

(Italien / USA 2018)

15.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)
25.11.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)



Inhalt:

Susie Bannion aus den USA möchte in der „Markos“-Tanzschule in Berlin ihre Ballettkünste verbessern. Dort wird gerade das Stück „Volk“ eingeübt und dort angekommen, kann sie die Tanzlehrerinnen, insbesondere die perfektionistische Madame Blanc, schnell von ihren Fähigkeiten überzeugen und bekommt schnell die Hauptrolle, die sie beherrscht, da sie bereits eine Aufführung von „Volk“ gesehen hat.

Allerlei Merkwürdigkeiten, von denen Susie keine Ahnung hat, tragen sich unterdessen in der Tanzschule zu: Die ehemalige Tänzerin Patricia mit Sympathien für die RAF muss sich einem Psychiater anvertrauen, da sie meint, Hexen würden nachts in ihren Träumen zu ihr sprechen; von Bildern, auf denen Augen zu sehen sind, fühlt sie sich beobachtet. Olga, die vor Susie die Hauptrolle in „Volk“ kurzzeitig inne hat – sie ersetzt Patricia – bekommt einen hysterischen Anfall und kündigt ihre Rolle auf – als Susie kurze Zeit später „Volk“ einübt, werden ihre Tanzbewegungen von den Hexen der Tanzschule auf Olga durch Zauberei übertragen, so dass diese Bewegungen Olgas Körper zerstören.

Dr. Klemperer, dem sich die mittlerweile verschwundene Patricia anvertraut hat und der immer noch hofft, seine im 2. Weltkrieg von ihm getrennte Frau wiederzufinden, glaubt mittlerweile auch an die Existenz eines Hexenkultes in der Tanzschule und sieht sich auch die Neuaufführung von „Volk“ an, die allerdings wegen eines Unfalls einer Tänzerin abgebrochen werden muss. Als er sich abermals der Schule nähert, trifft er tatsächlich seine verschollene Frau, die sich jedoch kurze Zeit später in Nichts auflöst. In diesem Augenblick wird er von höhnisch kreischenden Hexen in die Tanzschule entführt, wo er Zeuge eines Rituals wird, die seine Vermutungen über zwei Parteiungen im Hexenkult bestätigen, denn neben den 3 Müttern Lachrymarum, Tenebrarum und Suspiriorum gibt es auch noch eine neue Mutter – Markos. Mutter Markos soll im Körper einer der Tanzschülerinnen im Laufe dieses Rituals wiedergeboren werden – doch Madame Blanc, die Zeremonienmeisterin dieses Rituals, spürt, dass etwas nicht stimmt und will abbrechen. Dafür ist es zu spät, als sich Susie als Mater Suspiriorum zu erkennen gibt, die Herrschaft übernimmt und den Tanzschülerinnen das gibt, was sie sich ersehnen („Ich will sterben“): Den Tod.

Wenige Tage später sucht Mater Suspiriorum Dr. Klemperer auf und enthüllt ihm, was wirklich mit seiner Frau geschehen ist: Sie kam bei der Flucht aus Berlin um. Anschließend nimmt sie ihm aus mütterlicher Barmherzigkeit die Erinnerung an diese Offenbarung.



Review:

Mit Tilda Swinton arbeitete Regisseur Luca Guadagnino bereits häufig zusammen, mit seinem Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, seinem Cutter Walter Fasano und seinem Drehbuchautor David Kajganich vereinzelt („Call me by your Name“, 2017, bzw. „A Bigger Splash“, 2015). Mit diesem eingespielten Team verfilmte er Dario Argentos Meisterwerk „Suspiria“ (1977) neu und siedelte die Geschichte seines Films in die Gegenwart von Argentos Film an, in die Zeit des Deutschen Herbstes.

Das Drehbuch erscheint zunächst ambitioniert und vielschichtig: Konzentrierte sich Dario Argento noch auf den reinen Horror, den er mit surrealistischen Farbspielen auf die Leinwand zauberte und so einen Look schuf, der sich zwar in die Tradition Douglas Sirks und seinen unmittelbaren Vorläufer Mario Bava stellte, jedoch trotzdem in dieser Vollkommenheit und Konsequenz über fast den ganzen Film hinweg so noch nie da war und gewiss stilistisch einen Höhepunkt der Farbdramaturgie bildet, verwarfen Kajganich und Guadagnino selbige als Style-over-Substance-Camp und stellten die Story in den Vordergrund. Diese, durchaus komplex, bietet vielerlei Subtexte und Anspielungen, die das Original in dieser Deutlichkeit nicht besaß oder brauchte:


1. Mütterlichkeit

Während bei Dario Argento die Drei Mütter, von Thomas De Quincey, einem Dichter der Englischen Romantik entlehnt, die Personifikationen von Seufzen, Tränen und Finsternis sind, somit redende Namen tragen und den Tod bringen, ist zumindest Mater Suspiriorum in Guadagnonis Werk die Personifikation der Mütterlichkeit. Der Begriff ist hier ganzheitlich aufzufassen und nicht einseitig positiv, etwa im Sinne von „Fürsorglichkeit“, nach dem er auf den ersten Eindruck klingt. Eine Mutter, und das macht der Film mit einer Texttafel schon zu Beginn des Filmes deutlich, entscheidet als mächtigste Person im Leben eines Kindes über dessen Glück und Unglück. In der Philosophie wird die Mutter manchmal mit einem gottgleichen Wesen Verglichen, als das ein Kleinkind diese betrachten muss, und in Abgrenzung zum Begriff „Fürsorglichkeit“ muss zur Mutterrolle auch berücksichtigt werden, wie brutal die Kindererziehung im Vergleich zu unserer zivilisierten und überregulierten Zeit noch vor 50 Jahren teils gewesen ist.

Dies erklärt auf den Film bezogen nicht nur, dass Mater Suspiriorum, die ihren „Kindern“, den Tanzschülerinnen, am Ende den Tod bringt (Euthanatos), aber Klemperer gegenüber Barmherzigkeit übt, sondern auch die Rollen der Tanzlehrerinnen (bis auf Madame Blanc, der Zeremonienmeisterin), deren Launenhaftigkeit an Pubertierende erinnert. Die Mutter ist Kontrollinstanz über Kinder verschiedener Altersgruppen – in „Suspiria“ ins Mythologisch-Allegorische überhöht.



2. Gewalt und Terror

„Sie sind seit dem Krieg im Untergrund“ meint die entflohene Patricia zu Dr. Klemperer gleich zu Beginn des Films. Damit baut der Film eine Verbindung zur Zeit des Nationalsozialismus auf, der gewalttätigsten Epoche in der deutschen Geschichte. Ähnlich wie also nationalsozialistische Haupttäter sind die Hexen dieser Tanzschule also gezwungen, aus dem Verborgenen zu agieren. Spiegelt man die oben angesprochene Totalität der Mutterrolle in den Nationalsozialismus, erkennt man Parallelen zum Führerprinzip, das seinem „Volk“ Glück und Barmherzigkeit versprach, aber vielen den Tod brachte – wie Mater Suspiriorum am Ende den Tänzerinnen des Stückes „Volk“, von denen sie einigen den Tod bringt.

Eine weitere Parallele ist Terrorgewalt, in „Suspiria“ am Beispiel der RAF dargestellt. Die dem Hexenhaus entflohene Patricia hegt Sympathieen für die RAF und wird auch verdächtigt, an einem Bombenanschlag in Hörweite der Tanzschule beteiligt gewesen zu sein. Der Film deutet an, dass die dem Menschen innewohnende Gewalt, seit dem 2. Weltkrieg gezügelt (Hexen im „Untergrund“), Ventile im Terror sucht, der durch Hexen angeregt wird, in Entsprechung in ihrer Rolle als nationalsozialistische Haupttäter. Erst im Wiedererscheinen Mater Suspiriorums und damit des Führerprinzips deutet sich an, dass man in Zukunft solcher Ventile nicht mehr bedarf.



3. Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften

Bereits in den ersten Bildern eines Filmes sollen sich die wichtigsten Handlungselemente bis zum Ende des Films ableiten lassen, so die Drehbuchtheorie, die „Suspiria“ brav umsetzt. So sehen wir in Dr. Klemperers Praxis ein Buch über Freimaurerei mit Winkel und Zirkel und allsehendem Auge darin auf dem Buchdeckel – Patricia hat, nachdem sie das Buch bemerkt, Angst davor und dreht es um, wie auch Fotographien, auf denen Gesichter zu sehen sind, da sie wahnhaft befürchtet, beobachtet zu werden. So also, wie es Menschen gibt, die einen Verfolgungswahn vor den Machenschaften von Freimaurern und Illuminaten entwickeln – deren Psyche also von den Fantasien über real existierende Geheimgesellschaften zerstört wird – wird Patricias Geist von den Ängsten und Fantasien, die die real existierenden Hexen in ihren Träumen in ihr säen, zerstört. Zwar gibt es Parallelen auch zu anderen Geheimgesellschaften und okkultistischen Bewegungen, doch bleiben wir bei der Freimaurerei, die die vorgenannten Prinzipien in diesem Film erneut spiegelt: Regelmäßig nimmt man in der Freimaurerei an Ritualen teil, es gibt einen Logen- oder Stuhlmeister und einen Zeremonienmeister. So wie in die verborgenen Räume der Tanzschule verschafft man sich Eintritt in die Logenräume durch Klopfzeichen und so, wie in Klemperers Buch mit seinen Aufzeichnungen über den Hexenkult mit teils kabbalistischen geometrischen Anordnungen sind auch die Ritualgegenstände und Positionen der Brüder im Logenraum angeordnet. Unterstellt wird der Freimaurerei manchmal fälschlicherweise, es gäbe zwei unterschiedliche Gruppen (blaue und rote) die sich in Parteiungen zusammengeschlossen bekämpfen, so wie die Markos-Parteiung in „Suspiria“. Freimaurerei bildet aus Sicht der ausschließlich männlichen Freimaurer einen Gegenpart zum weiblichen Prinzip der Mütterlichkeit, das die Möglichkeit, Kinder zu gebären – zu erschaffen – einschließt, indem sie Brüder den Prozess der Erkenntnis wie eine Wiedergeburt erfahren lässt. Der Film spiegelt also seine Aussagen über Mütterlichkeit und Führerprinzip auch in das Wesen der Geheimgesellschaften so, wie er Tanzbewegungen in den Körper anderer, abtrünniger Mitglieder zu deren körperlicher Vernichtung spiegelt.


Kritik:

„Suspiria“ (2018) ist ein Film, der komplex auf philosophische, faschistische und psychologische Fragestellungen verweist und ein Paradebeispiel dafür, warum hohe Komplexität nicht gleich Kunst ist, Kunst ist Virtuosität. Sieht man sich Argentos gleichnamigen Film an, erkennt man Filmsprache und Virtuosität auf dem Gipfel der Kreativität und des filmisch Möglichen, bei Guadagninos Film ist alles Drehbuch. Wie ein verfilmtes Hörspiel mutet der Film an, der alles zu erklären versucht („Die RAF. Baader-Meinhof. Sie haben einen Geschäftsmann entführt. (...)“. Ob der Dialoglastigkeit gelingt es dem Film nie, auch nur das kleinste bisschen Spannung zu erzeugen, denn um in einem Film Spannung zu erzeugen braucht es filmischer Mittel, ein Konzept von Schnelligkeit und Langsamkeit in der Szenenfolge, Licht und Dunkelheit, eine ungewohnte Ausstattung, Täuschung und Erkenntnis – eben Virtuosität. Einen Film durch und durch grau erscheinen zu lassen (Berliner Plattenbauten, Asphalt, Dauerregen und Schneematsch) und eine historisch korrekte 70erjahreausstattung mag zwar stimmig sein und eine intensive Atmosphäre bei dem ein oder anderen Zuschauer bewirken, Spannung wird aber durch Suspense erzeugt, durch eine Bedrohung, bei der mindestens der Zuschauer, vielleicht auch der Protagonist weiß, was die Bedrohung ist. Über die Art der Bedrohung lässt der Film seine Zuschauer aber gänzlich im Unklaren und endet sogar mit einem Plottwist; dass dem Zuschauer sehr früh am Beispiel Olgas erklärt wird, mit welchen Sanktionen die Schülerinnen bei einer Kündigung oder Flucht zu rechnen haben, wirkt nutzlos, da es im weiteren Handlungsverlauf nie um eine Flucht geht.

Man muss „Suspiria“ (2018) auch nicht mit dem gleichnamigen Film von 1977 vergleichen, um ihn schlecht zu finden, man kann auch irgendeinen italienischen Horrorfilm oder irgendeinen Giallo heranziehen und nach kurzer Betrachtung feststellen, wie unterschiedlich der Charakter und künstlerische Wert ist: Bei Szenen des Entsetzens sind plötzlich Gesichter die ganze Leinwand erfüllend, wie man es in der Realität nie sehen kann, zu sehen und bieten nie gesehene Bilderwelten, Spannung, Romantik und jedes Gefühl wird in Musik mit Ohrwurmcharakter gekleidet, die Frauen sind schön und ebenso gekleidet (und die Männer soweit ich beurteilen kann auch), Farbigkeit wird mindestens im Design und der Mode betont, die Filme vermögen mit Humor oder unvermittelter Gewalt zu überraschen (nicht erst nur am Schluss mit einem Twist) und immer kann man auch bei den schlechteren Filmen sehen, dass sie von Menschen gemacht werden, die Filme lieben und zeigen wollen, was sie lieben (Ich spreche wohlgemerkt vom italienischen Film der Sechziger und Siebziger, nicht vom modernen Superheldenblockbusterkino, da wird das auch meist falsch gemacht). „Suspiria“ als handwerklich gänzlich uninspirierter Film ist der filmgewordene Inbegriff eines Professorenfilms, ein Beispiel intellektueller, drehbuchversessener Lieblosigkeit par excellence.


Fazit.

Gattungsspezifisch ist der Film sicherlich Kunst.

Wertung:

2 / 10



Anmerkung:

Das einzig Interessante und Witzige ist Mater Suspiriorums Vorname. Darüber darf nachgedacht werden.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 19.12.2018 15:26 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Die Leidenschaften der jungen Carol – Shaun Costello

(USA 1975)

18.12.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, 1,33:1)



Inhalt:

Carol Scrooge führt ihre Pornofilmagentur Riva mit eiserner Faust: Selbst zu Heiligabend wird noch gedreht. Da sucht sie nachts der Geist Marleys auf, ein früherer Mitstreiter, und wedelt mit seinem Gemächt vor ihrem Schlafzimmerfenster, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Er macht Carol mit seinem jenseitigen Schicksal bekannt, wie auch mit einem verstorbenen Finanzhai, der mit Kreditkarten behängt dazu verdammt ist, dass überall auf der Welt seine Kreditkarten nicht angenommen werden. Sie begegnet später den Geistern der vergangenen, der heutigen und der zukünftigen Weihnacht: Der erste führ ihr vor, wie Carol in ihrer Kindheit erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hat (das wird natürlich deutlich erkennbar von Erwachsenen gespielt!), der zweite, wie ein Angestellter von ihr trotz seines geringen Gehalts sich mit seiner Frau vergnügen kann, und der dritte, dass Carol als billige Hinterzimmerhure enden wird, wenn sie sich nicht ändert. Am nächsten Tag begrüßt Carol freudestrahlend den Weihnachtsmorgen.


Review:

Lt. Eigenaussage Shaun Costellos („Water Power“, 1977) ist „The Passions of Carol“ das erste vollständige Drehbuch, das er schrieb, und auch wenn man kaum etwas falsch machen kann, wenn man Charles Dickens Weihnachtsgeschichte zumindest in seiner Struktur werkgetreu übernimmt, ist dieses Debüt rundum erfreulich: Handlung und Sex stehen sich in etwa gleichberechtigt gegenüber, der Dialog ist mal ernst, mal heiter, aber immer im Einklang mit der Handlung und Stimmung im Film; und als Sahnehäubchen kann Mary Stuart, die Carol Scrogge spielt, auch Gefühle jenseits der sexuellen Verzückung glaubhaft darstellen. Bemerkenswert ist auch die Mühe, die man sich mit der Ausstattung gemacht hat, denn wir sehen nicht nur ein paar weihnachtliche Dekoelemente, sondern besonders dann, wenn es um die Darstellung des Jenseits geht, schneeweiße und silbrige Kulissen, Nebel etc. Neben einigen (z. B. aus „The Opening of Misty Beethoven“, 1975) bekannten Pornofilmmusiktracks werden in dem Film auch mehrere traditionelle Weihnachtsmelodien gespielt, sodass dem Vergnügen, sich weihnachtlich in Stimmung zu bringen, nichts im Wege steht.


Fazit:

Gelungene, wenn auch freie, Literaturverfilmung.


Wertung:

7,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 11.01.2019 18:38 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Therese und Isabell – Radley Metzger

(D / USA / F / NL 1968)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Um ihre Erinnerungen aufzufrischen, besucht Therese nach 20 Jahren wieder ihr Mädcheninternat, das inzwischen verlassen ist. Vor ihren Augen entstehen die Bilder, wie sie ihre große Liebe Isabell kennenlernte, die vor den strengen Lehrerinnen und auch Mitschülerinnen geheim gehalten werden musste, bis Isabell schließlich verschwand und Therese sie nie wieder sah.


Review:

Radley Metzger drehte mit dem deutschen Kameramann Hans Jura ein Jahr zuvor bereits „Carmen Baby“; wie bei diesem zeichnete sich auch Jesse Vogel mitverantwortlich für das Drehbuch aus. Der zugrundeliegende Roman von Violette Leduc ist ein Opfer der französischen Zensurgeschichte: Als zweiteiliger Roman „Ravages“ 1954 um die erste Hälfte „Thérèse et Isabelle“ verboten, erschien diese 1966 gekürzt und erst 2000 mit dem Schlussteil vollständig. Der Film bezieht sich nur auf den „Thérèse-und-Isabelle“-Teil.

In wie gewohnt bei Radley Metzger perfekten Kamerabildern wird – diesmal in schwarz/weiß – gefühlvoll und ohne jede Exploitation eine lesbische Liebesgeschichte erzählt. Die eher zahmen Sex- und Nacktszenen sorgten jedoch dafür, dass der Film in einigen Ländern zensiert und skandalisiert wurde. Metzger und Jura gelang in „Therese und Isabell“ entgegen der Zensorenmeinung in einigen Szenen große, an den Surrealismus grenzende Kunst: Es wird viel mit Kontrasten gearbeitet – enge Internatsräume, erste Streicheleinheiten der beiden in einer Telefonzelle vs. viel freie Natur, Gärten und Biergärten; Sex zwischen den beiden findet einmal in einer Kirche statt, der Kontrast hier muss vermutlich nicht erklärt werden – und in einer Szene kommuniziert und interagiert die 20 Jahre ältere Gegenwarts-Therese mit der Isabell der Vergangenheit. - - Wo Licht ist, ist auch Schatten: Zu allen Liebesszenen in dem Film werden erotische Romanauszüge aus dem Off vorgelesen, da die starken Bilder für sich selbst sprechen – eine sehr lange in einer Einstellung gedrehte Szene zeigt ausschließlich Extreme-Close-ups – bringt das keinen Mehrwert und nervt nach einiger Zeit sogar.

Störend wirkt auch die manchmal allzuflapsige Synchronisation: „Er (ein Vogel) war ein Geschenk von Oswald Kolle. Er ist leider eingeschlafen. An Übersättigung“

Der Film wurde auf dem 18. Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Ein schöner, wenn auch vergleichsweise schwacher Film von Radley Metzger.


Wertung:

6,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 14.01.2019 19:01 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Die Totenschmecker – Ernst Ritter von Theumer

(D 1979)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Der Mehrgenerationenhaushalt eines Bauernhofs in den bayrischen Bergen fürchtet campierende Zigeuner, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft an einem See niedergelassen haben. Die jugendliche Anne, das Annerl, freundet sich mit Joschy, einem jungen Zigeuner an, doch als ihr geistig behinderter Bruder Franz versehentlich eine Zigeunerin tötet und seine Familie daraufhin, um keine Schwierigkeiten mit der Polizei zu bekommen, nach und nach fast den gesamten Zigeunerclan ermordet, ist es vorbei mit der Idylle.

Einziger Überlebender ist Joschy, der als mysteriöser Rächer den Spieß im Wortsinne umdreht und begleitet zum Spiel seiner Geige die Bauernfamilie umbringt. Franz, der vor den beiden letzten Vergeltungsmorden die Geige findet, die er schließlich am Tatort zurücklässt, wird als Täter von der Polizei verhaftet, die die Täterschaft der Zigeuner ausschließt.



Review:

Ernst Ritter von Theumer thematisiert die antiziganistischen Vorurteile der Landbevölkerung in einem Film, der als Alpenbackwoodhorrorfilm charakterisiert werden kann, ohne selbst diese Vorurteile zu vertreten, wie es dem Film manchmal vorgeworfen wird. Als Anne ein zigeunerfeindliches Lied singt, lernt sie gleich nach dem letzten Vers den geigespielenden Joschy kennen, mit dem sie sich anfreundet und in den sie sich schließlich auch verliebt. In dem Moment, in dem eine junge Zigeunerfrau Eier aus dem Stall stehlen will, scheint der Film kurz die Klischees, die er kritisiert, zu bestätigen, die beiden grausamen Morde an den beiden Zigeunerinnen, die gleich darauf von den Hofbewohnern begangen folgen, übertreffen das Vergehen deutlich.

Nun ist „Die Totenschmecker“ aber kein Sozialdrama, in dem Rassismus ausdiskutiert wird, sondern ein Backwoodfilm, der zwar nur mit wenig Spannung aufwarten kann, dafür aber mit großen, stimmungsvollen Bildern – und der mit Fortschreiten der Handlung immer mehr offen lässt was die Gewaltspirale antreibt. Zu Beginn, als die Gewalt ausbricht, Angst (vor den Zigeunern und der Polizei) und Rassismus, dann das Bedürfnis nach Sicherheit (alle anderen Zigeuner müssen auch getötet werden, damit das heimatlich-behagliche Leben nicht gefährdet wird), dann die Rache Joschys und schließlich von der Geige und ihrer Musik selbst! Denn nachdem Franz die Geige zufällig findet, erklingt trotzdem vor den letzten Morden das Geigenspiel – und kein Täter ist zu sehen, war es Franz, oder war es Joschy? So kehrt der Film an seinen Ursprung zurück und wird romantisch-naturphilosophisch: Der erste Mord an der Zigeunerin wird von dem in einem Stall lebenden geistig behinderten Franz (FRAnkensteins Monster, dem Aussehen nach) verübt, der sich selbst nicht bewussten Natur, die letzten Morde werden nicht mehr von Menschen sondern der musikalischen, transzendenten Natur verübt. Dazwischen sehen wir den Menschen, die zwar mit der Natur in Einklang leben, aber von der Zivilisation mit intolerant-christlichen und rassistischen Denkweisen vergiftet wurden. Und damit ist der Film auch heute noch aktuell!


Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Zum Nachdenken anregender, völlig unterschätzter Heimathorrorfilm mit Anleihen am Italowestern.


Wertung:

8,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 16.01.2019 16:57 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Die Liebesmuschel – Pete Walker

(GB 1970)

2.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Die beiden befreundeten Jugendlichen Joe und Carol wollen ihr Glück in London versuchen, dazu fragt Carol ihren Vater um seine Erlaubnis: „Sag mir die Wahrheit: Bist du noch unschuldig?“ – „Nein“ – „Dann darfst du fahren.“ In London angekommen stellt sich schnell heraus, das das Jobangebot, von dem Joe Carol vorgeschwärmt hatte und das ihren gemeinsamen Lebensunterhalt sichern sollte, nur vorgeflunkert war, um Carol dazu zu bringen, ihn zu begleiten. Hinzu kommt, dass beide, besonders aber Carol, über ihre Verhältnisse leben und so bald aus der Not heraus Arbeit und Geld brauchen.

Schnell gelingt es der äußerst attraktiven Carol, mit nackter Haut Geld zu verdienen und lernt dabei auch die Schattenseiten dieses Gewerbes kennen; Joe fungiert dabei als ihr treuer Manager. Als sie es schließlich zu großem Erfolg gebracht haben, beschließen sie, wieder nach Hause aufs Land zurückzukehren.



Review:

Pete Walker drehte in den späten Sechzigern bis 1970 überwiegend Erotikfilme, danach überwiegend Horrorfilme („Frightmare“, 1974). „Die Liebesmuschel“ verfrachtet Motive des Erotikromanklassikers „Fanny Hill“ (1749) in die Gegenwart von 1970 und schildert dabei unterhaltsam die Licht- und Schattenseiten der sexuellen Revolution. Zwar haben die beiden Protagonisten nahezu alle Freiheiten, die 5 Jahre zuvor noch undenkbar waren, doch geraten sie dabei auch an zwielichtige, schmierige und gewalttätige Ausbeuter – besonders eine Szene, in der ein Pornofilm mit Carol gedreht wird, ist geradezu infernalischer Schmier. Leider sind aber solch gelungene Szenen in dem Film rar gesät; es überwiegt eine statische, lustlose Inszenierung, die sich geballt in dem geradezu peinlichen Happy-End manifestiert. Aufgrund von Janet Lynn, der Darstellerin der Carol, den Aufnahmen von London und der Mod-Mode aber einen Blick wert.

Von der deutschen Fassung kann nur abgeraten werden: Mit einer sinnentstellenden Kalauersynchronisation versehen und um Sexinserts angereichert, von der FSK aber wieder um Erotik gekürzt, macht sie eine restlos faire Beurteilung des Films unmöglich.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum mit mäßiger Begeisterung aufgenommen.


Fazit:

Interessanter Plot, meist aber äußerst fade Inszenierung.


Wertung:

4,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 16.01.2019 17:03 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Der Pornojäger – Peter Heller

(D 1989)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 16mm, DF)



Review:

„Der Pornojäger“ ist der Beiname des seit den Siebziger Jahren bis zu seinem Tod 2011 gegen die Pornographie und für Christentum, Anstand und Heimat engagierten Martin Humer. Humer, der die vermutlich größte Pornosammlung Österreichs besaß – natürlich nur, um gegen die kommunistischen Verschwörer, die sie verbreiteten, vorzugehen – wehrte sich immer gegen den Vorwurf, ein Nazi zu sein, denn ein Nazi ist ja aus Sicht von Leuten wie Humer nur jemand, der sich selbst so bezeichnet, nicht aber der, der Naziparolen von sich gibt und einzelne Positionen wie rassische Reinheit gutheißt. Obwohl es aus seiner Sicht also heute ( zur Zeit dieses Dokumentarfilms 1989) mit der gesellschaftlichen Moral im Vergleich zu der Zeit vor 50 Jahren bergab gegangen ist, insbesondere weil die Pornographie grundsätzlich die Frauen in der Art schwächt, dass sie sogar bereit sind, ihr Erbgut mit Afrikanern zu vermischen, gab Humer mit seinem Kreuzzug nicht auf, den er oftmals so entschieden gegen Videotheken mit Pornofilmen im Verleih und Zeitschriftenhändler führte, dass die Polizei ihn wegen Hausfriedensbruchs und Wiederstands gegen die Staatsgewalt festnehmen musste und er sich auch entsprechend viele Verurteilungen einhandelte. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sich Humer auch nicht durch sachliche Argumente von Richtern, Staatsanwälten, und Sexualwissenschaftlern von seinem Heldenkampf abbringen ließ im Kampf gegen die kommunistische Pornographie und die Verderbtheit der rassischen Konfusion und Kritiker stets niederbrüllte, wenn er nicht weiter wusste.

Der Martin Humer entlarvende Dokumentarfilm wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und regte das Publikum zu interessanten Diskussionen an.


Fazit:

*** The link is only visible for members, go to login. ***


Wertung:

9 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 16.01.2019 17:42 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Wild Girls in Excess – Henri Pachard

(USA 1991)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

„Ich bin Carlo Sanchez. Mein Vater ist im Ölgeschäft erfolgreich und ich bei schönen Frauen“. In einem heimlich betriebenen Luxusbordell wird das muntere Treiben nicht nur Carlos mit den schönen Frauen unangenehm unterbrochen, als die Polizei in Form einer Hausdurchsuchung mit anschließenden Verhaftungen gegen das Etablissement vorgeht.

Doch für die Freier und Frauen, die zumeist ineinander verliebt sind, geht alles gut aus, nachdem der scheinheilige Staatsanwalt, der dem Bordell die Polizei auf den Hals gehetzt hatte, um Beweismittel, die gegen ihn sprechen, zurück in seinen Besitz zu bekommen, auffliegt.



Review:

Henri Pachard drehte ca. 400 Pornofilme, die meisten davon in den Achtzigern und Neunzigern (darunter „The Devil in Miss Jones II“, 1982). „Ashley – Sattelfest in allen Betten“ ist der Titel, unter dem er gekürzt und mit mit einer Zweitkamera gedrehtem alternativen Softcorematerial 1999 auf RTL 2 lief, während „Wild Girls in Excess“ der originale deutsche Titel der deutsch synchronisierten 35mm-Kopie mit Hardcorematerial ist.

Aufgrund der Mode und der aus „Miami Spice“ (1986) entliehenen Filmmusik nahm ich bei Sichtung ein Produktionsjahr um 1988 an, aufgrund der Tatsache, dass mehrere Darsteller in dem Film ihre Karriere erst 1991 begannen, stimmt das in der imdb angegebenen Jahr jedoch. Der Film selbst bietet wie für diese Zeit bereits üblich überlange Sexszenen mit teils silikonbrüstigen Frauen, einem who-is-who der damaligen Pornosternchen. Der Sex wie auch die Handlung ist jedoch von einer überraschend entspannten und heiteren Stimmung geprägt und bietet sogar ein echt romantisches Happy-End, sodass der Film trotz aller Bedeutungslosigkeit angenehm anzusehen und keine Zeitverschwendung ist.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und bot ein so interessantes wie wichtiges Kontrastprogramm zum zuvor gezeigten Film „Der Pornojäger“ (1989).


Fazit:

„Bist du geil?“ – „Du kannst blöde Fragen stellen!“


Wertung:

5,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 16.01.2019 20:11 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Ein Mädchen von 18 Jahren – Mario Mattoli

(IT 1955)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Maria ist eine neue Schülerin in einem italienischen Mädcheninternat, in dem alle Schülerinnen in ihren Physiklehrer verliebt sind. Und auch als Maria ihn erblickt, ist es um sie geschehen: „Sie sehen mich immer mit so elektromagnetischen Augen an. Mir wird dann immer ganz physikalisch“. Da in einem Internat aber Zucht und Ordnung herrschen muss, beschlagnahmen die Lehrerinnen auf Geheiß der Direktorin die Tagebücher der jungen Damen und werden fündig, denn es stehen so furchtbare Sachen darin wie „Ich werde dich zum Erglühen bringen“ – trotzdem: „In den Tagebüchern der jungen Mädchen entdeckt man immer die gleichen Phrasen. Mal heißt er Romeo, mal Elvis Presley“ ist das enttäuschte Fazit, und zudem konnte von Maria kein Tagebuch entdeckt werden. Aus diesem Grund werden sie und eine weitere Schülerin zur Direktorin bestellt, damit sie ihre Bücher aushändigen, doch Maria weigert sich, da sie keines führt.

Mittlerweile bemerkt auch der Physiklehrer, dass die Schülerinnen ihm mehr Interesse als dem Unterrichtsstoff entgegenbringen und beschließt: „Jetzt ist Strenge gefordert!“ Trotzdem verliebt auch er sich in Maria; über ihre Heiratswünsche freut sich auch Marias Papi, ein Unternehmer: „Ich hab einen Physiker und das Mädchen was fürs Herz“.



Kurzreview:

„Ein Mädchen von 18 Jahren“ ist Mario Mattolis Remake seines eigenen Films „Reifende Mädchen“ von 1941, der noch keine Komödie, sondern ein ernsthaftes Drama war. Mit Marco Scarpellis Kamera hervorragend bebildert und mit stets heiterem Grundton, den auch die Synchronisation trotz leichter Änderungen nicht entstellt, bietet der Film ein spritziges Vergnügen voller Wortwitz bis zur letzten Minute.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat das Publikum gut unterhalten.


Fazit:

Eine rundum unterhaltsame Komödie mit viel Fünfzigerjahreflair, die weitgehend auf Klamauk verzichtet.


Wertung:

7 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 23.01.2019 19:33 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
L´osceno desiderio – Giulio Petroni

(IT / ESP 1978)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, OmeU)



Inhalt:

Die frisch verheiratete Amanda bezieht mit ihrem Gatten Andrea dessen abgeschiedenen Landsitz. Dort treibt nicht nur ein Prostituiertenmörder sein Unwesen, sondern auch eine Sekte von Satansjüngern. Als Amanda schwanger wird, geraten die Prostituiertenmorde plötzlich zur Nebensache…


Review:

Giulio Petroni ist Regisseur einiger guter bis hervorragender Italowestern (besonders gelungen: „Von Mann zu Mann“, 1967), vertraute selbst seinem fertigen Produkt nicht und nahm für die Credits das Pseudonym Jeremy Scott an. Später distanzierte er sich von dem Film und behauptete, er habe ihn nicht gedreht und wisse auch kaum etwas über den Film. Petroni, der lt. Roberto Curti den Film sehr wohl hauptverantwortlich inszenierte, fand für die gediegenen Bilder den Kameramann Leopoldo Villaseñor, die dem Film Fluch und Segen sind. Segen, weil der Film professionell aussieht und je nach Bedarf lyrische oder epische Bilder gezaubert werden, Fluch, da der Film sich zu sehr auf seine stimmungsvollen Bilder verlässt. Das lässt sich an der vermutlich längsten Geburtstagstortenübergabe der Filmgeschichte und an Fünfminutensexszenenmeditationen in Zeitlupe festmachen.

Eine dieser Sexmeditationen hat es, aus unserer Gegenwart betrachtet, wirklich in sich: Laura Trotter, die in dem Film Rachel spielt, eine der Satansjünger, ist in „L´osceno desiderio“ genauso frisiert und geschminkt wie Ursula von der Leyen. Diesen Anblick in Zeitlupe konnte ich nicht ertragen und war bis zum Schluss des Films erblindet.

Der Film wurde in der spanischen erweiterten Fassung mit englischen Untertiteln auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt. Gerüchte, die auch in der imdb zu lesen sind, dass Jess Franco für den Score der spanischen Fassung (mit-)verantwortlich ist, sind lt. Curti falsch und widerlegt.


Fazit:

Langweiliges Rip-off von „Rosemary´s Baby“.


Wertung:

3 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 24.01.2019 20:14 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Die wilden Engel von Hongkong – Kuei Chih-hung

(HK 1976)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, cut)



Inhalt:

Kuo Ching-Chung gerät auf einem Ausflug zusammen mit seiner Freundin und seiner Schwester ins Visier einer Motorradrockerbande, die schnell Kuos Schwester als erstes Todesopfer fordert, als die Bande Kuos Haus überfällt, die beiden Frauen vergewaltigen und sich seine Schwester wehrt. Auch die Freundin ist nicht mehr bei Sinnen, da sie einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, aber das heilt später ein zweiter Schlag auf die selbe Stelle – ein Hinkelstein hätte es vermutlich auch getan. Kuo jedenfalls jagt die Rockerbande und sein blutiger Rachefeldzug fordert Opfer um Opfer, bis diese wiederum die Oberhand gewinnen und dessen Haus belagern. Dort hat sich Kuo MacGyver mittlerweile ein Waffenarsenal aus Haushaltsgeräten gebastelt und kann sich effizient zur Wehr setzen.


Review:

Kuei Chih-hung ist besonders bekannt durch die überaus unterhaltsame Trashgranate „Karate, Küsse, blonde Katzen“ (1974), ein Film, bei dem Ernst Hofbauer die Koregie übernahm. In eine ähnliche Kerbe schlägt „Die wilden Engel von Hongkong“, der von der ersten Minute an das Tempo aufdreht und atemlos eine Gewaltspirale entfesselt. Das kann aufgrund mangelnder Glaubwürdigkeit und wegen fehlender Ruhephasen ermüdend wirken, im Kino aber als Fest des pausenlosen Motorengedröhns und eskalierter Action den Zuschauer überwältigen.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in der um Gewalt und Handlung gekürzten deutschen Kinofassung gezeigt und vom Publikum kontrovers, wenn auch überwiegend positiv, aufgenommen.


Fazit:

Comichaft überzeichnete Motorradrockergewalteskalation.


Wertung:

7,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 25.01.2019 18:31 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
More than Feelings – Gerry Lively, Joe D´Amato

(USA / IT 1990)

3.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, Beam einer digitalisierten VHS, DF)



Inhalt:

Nancy möchte professionell tanzen und nimmt Unterricht, dabei tritt sie in Konkurrenz zu Mayra, in die Kevin, Nancys Bruder, verliebt ist, und der die Tanzschule leitet. Dort lernt sie Rico kennen und verliebt sich in ihn, doch ihr Erfolg beim Tanzen schwebt in Gefahr: Nancy hatte früher mal einen Unfall, und wenn sie sich beim Tanzen besonders stark fordert, könnten die alten Verletzungen wieder aufbrechen.

Dies passiert jedoch nicht, und am Schluss gewinnt Kevins Tanzschule einen Wettbewerb und alle haben sich lieb.



Review:

Kameramann Gerry Lively drehte mit „More than Feelings“ sein Regiedebut. Da aber zu seinem späteren Werk, darunter „Dungeons and Dragons 2 + 3“ (2005 bzw. 2012) keine Ähnlichkeiten bestehen und der Film von der Fimirage, Joe D´Amatos Produktionsfirma, der offiziell in „More than Feelings“ als Executive Producer fungierte, finanziert wurde, darf man getrost aufgrund der überdeutlichen Gemeinsamkeiten dieses Films mit „Dirty Love“ (1988) und anderen Filmen D´Amatos der späten Achtziger und frühen Neunziger davon ausgehen, dass jener der echte Regisseur dieses Films ist (einige Seiten im Internet nennen ihn tatsächlich als Regisseur). Wie dem auch sei: D´Amato hat gleich noch Laura Gemser mitgebracht, die für die Kostüme zuständig war, und seine Cutterin Kathleen Stratton, die ab 1986 über 80 seiner Filme schnitt.

Die Bildsprache ist diesmal den damaligen Bruckheimer / Simpson – Produktionen entliehen, bei Motorradfahrten vor Sonnenuntergang imaginiert man zwangsweise „Take my breath away“ und „Show me heaven“. Für den Score und die Songs war jedoch die italienische Band Tiromancino zuständig, die erst 2 Jahre nach „More than Feelings“ mit einem Album debutierte. Deren Song „Hot Steps“ entwickelt aufgrund zahlloser Wiederholungen in dem Film zu einem Ohrwurm, den man allerdings gerne wieder los hätte.

Zugute halten kann man „More than Feelings“ dass er eine gewisse Liebenswürdigkeit besitzt. Das gilt sowohl für die Charaktere und wie sie miteinander umgehen, als auch für das Dreh- und Dialogbuch: Immer ist man beflissen „natürlich“ zu wirken; begrüßt Nancy Rico, erschrickt Rico ein bisschen und stößt sich deswegen an usw. Das sind Lückenfüller, die für gewöhnlich aus Drehbüchern gestrichen werden, hier sind sie aber teil des Konzepts, um Zeit zu schinden und die Menschen dabei sympathischer und auf einer Ebene mit dem Zielpublikum wirken zu lassen. - - Das alles ist wie „Dirty Love“ aber nichts anderes als eine Seifenoper im Kinofilmformat…

Der Film wurde auf dem 18 außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und vom Publikum als mittelprächtiges Vergnügen wahrgenommen.


Fazit:

„Manche kommen jetzt aus dem Bett, während andere sich gerade hinlegen – tja Leute, so ist das Leben!“


Wertung:

4 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 25.01.2019 19:37 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Die lustigen Vier von der Tankstelle – Franz Antel

(D / Ö 1972)

4.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Der kleine Nicki ist enttäuscht, dass sein Vater arbeitsbedingt nicht mit ihm die Ferien verbringen kann und stattdessen die Gouvernante Frau Babinski auf ihn aufpasst. Die wird sogleich Opfer so manchen Streichs des erfinderischen Bengels, der schließlich seinem Joch entflieht und sich wichtigeren Dingen widmet: Eine Autobahnumgehung lässt die von 3 sympathischen Jungpächtern betriebene Südwesttankstelle versauern; Nicki und seine Schulfreunde sorgen nun dafür, dass der Autoverkehr mittels gestohlener Umleitungsschilder wieder in die alten Bahnen gelenkt wird. Doch dann ist da noch der Ministerialbeauftragte, der nicht sehr erbaut ist, dass er über die neue Umleitung nicht vorab informiert wurde…


Review:

Zur Entstehungszeit dieses Films drehte Franz Antel zwei Arten von Filmen: Komödien und Erotikkomödien. In beiden Bereichen hat er schlechte Filme gedreht und – sagen wir mal, nicht schlechte Filme. „Die lustigen Vier von der Tankstelle“ ist zwar kein Tiefpunkt im Schaffen Antels, aber sicherlich der ersten Gruppe zuzuordnen. Die Gags zünden nur selten, hier z. B.: Nicki: „Hallo Fräulein, nimmst du mich mit?“ – „Wo willst du denn hin?“ – „Geradeaus“ – „Da will ich auch hin“; der Film kann aber den „Paukerfilmen“, die 1972 bereits in den letzten Zügen lagen, nicht das Wasser reichen. Besetzt ist der Film äußerst prominent, Uschi Glas spielt die „schrecklich wache Schwester“, Hans-Jürgen Bäumler und Michael Schanze geben mit ihr zusammen das Tankstellentrio und Heintjenachfolger Nicki Doff als kleiner Nicki vervollkommnet das titelgebende Quartett. Letzterer darf auch öfter mal trällern und die Leidensfähigkeit des Publikums herausfordern,

…denn der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-kommandos von den beiden STUCateuren als stählerner Überraschungsfilm präsentiert. Abseits Nickis Tirilierens war dem Kommando wie dem überwiegenden Publikum der Film aber nicht stählern genug, da er noch annehmbar heiter war.


Fazit:

„Der Arzt sagt, ich habe einen kleinen Herzklappenfehler. Das heißt, mein Herz ist in Ordnung, aber ich kann meine Klappe nicht halten.“


Wertung:

4 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 29.01.2019 19:09 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
24 Stunden aus dem Leben einer Frau – Robert Land

(D 1931)

4.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Helga verliebt sich in Nizza in einen spielsüchtigen jungen Mann. Dieser erwidert ihre Liebe und gibt das Glücksspiel vorübergehend auf, um mit ihr eine gemeinsame Zukunft zu gründen, doch wird er bald rückfällig und ist in seiner Besessenheit kaum ansprechbar. Als Helga ihn verlässt und jetzt alleine die gemeinsamen Pfade um Nizza herum abwandert, hört sie seine Stimme und es besteht Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet.

Review:

Ein ernsthaftes Drama, das Robert Land, der sonst vor allem auf heitere Lustspiele und auch Heimatfilme abonniert war, 1931 drehte und in dem Henny Porten, die bereits in der Stummfilmzeit spielte, die Hauptrolle spielte – die Stummfilmerfahrung merkt man ihr an, da sie über eine sehr ausdrucksstarke Mimik verfügt. Der Film ist für Frankreichliebhaber (wie mich) sehr interessant, da das Nizza von 1931 und die nähere Umgebung gezeigt werden und sich so manche Gasse und so manches Küstenpanorama wiedererkennen lässt. Trotzdem schleppt sich der Film seinem Ende entgegen und ist als Spielerdrama wesentlich schwächer als z. B. „Höchster Einsatz in Laredo“ (1966). Von der Stefan-Zweig-Novelle von 1927, die dem Film zugrunde liegt, gibt es 5 Neuverfilmungen, zuletzt aus dem Jahr 2002.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat fast allen gut gefallen. Fast alle sind aber auch, meist über längere Zeit, während des Films eingeschlafen.


Fazit:

Trotz der kurzen Laufzeit langatmig, die schönen Nizza-Aufnahmen entschädigen etwas.


Wertung:

6 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 29.01.2019 19:35 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Spiceworld – Bob Spiers

(GB 1997)

4.1.2018, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Stets auf der Flucht vor aufdringlichen Papparazzi und böswilligen Profithaien in Gestalt von Produzenten wird die Zeit der Spice Girls von einem Auftritt bei „Top of the Pops“ bis zu einem Life-Konzert in der Royal Albert Hall gezeigt. Dabei kreuzen Aliens, eine Freundin, die ihr Kind zur Welt bringt und eine Bombe im Tourenbus ihren Weg.


Review:

In der Tradition britischer Musikfilmkomödien wie z. B. der Beatlesfilm „Yeah Yeah Yeah“ (1964) wird das Alltagsleben der ab 1996 überaus populären Spice Girls grotesk-humorvoll dargeboten. Mit über 20 Jahren Abstand ermöglicht der Film einen aufschlussreichen Blick in den schlechten Geschmack der Neunziger und übertrifft an camp sogar „Showgirls“ (1995) – ist jedoch weniger dicht erzählt und inszeniert, so dass er qualitativ hinter diesem zurückbleibt. Gespickt mit Gastauftritten unter anderem von Roger Moore, Elton John und Meat Loaf, sowie mit jeder Menge Spice-Girls-Songs, ist der Film gute Unterhaltung und bei weitem nicht so schlecht, wie er immer gemacht wird.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt; das Publikum war gespalten und bewertete den Film entweder schrecklich oder gut.


Fazit:

„Siehst du, egal wie erfolgreich du bist – zum Pinkeln musst du trotzdem manchmal ins Kalte!“


Wertung:

6,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 29.01.2019 20:10 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Sprechen – flüstern – stöhnen – Michi No Sex – Osamu Yamashita

(J 1966)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

In einem äußerst hellhörigen Haus werden die amourösen und auch traurigen, wutentbrannten Seiten von Liebesbeziehungen gezeigt.


Review:

Die Handlung des Films von Osamu Ymashita, der es in den 5 Jahren seiner Tätigkeit als Regisseur auf etwa 30 Filme brachte, ist rudimentär-expressiv und dreht sich um Liebe, Streit, Romantik und Leidenschaft. Dabei stellt der Film besonders die hörbare Erotik in den Mittelpunkt, ohne aber in Dirty Talk abzugleiten – vielmehr balanciert der Film zwischen auditivem Voyeurismus und Geräuschsbelästigung, derer sich so mancher Bewohner dieses Hauses zu erwehren sucht. Doch auch die Kameraarbeit ist von Anfang bis zum Ende durchdacht und künstlerisch interessant: verwendet wird ein ausgesprochen kontraststarkes Schwarz/weiß, Sex wird mitunter in Extreme-Close-ups gezeigt und eine davon, die als Höhepunkt des Films inszeniert ist, begeistert zu fetziger Musik, Lustschreien und Gesichtern und Nacktheit im Stakkatoschnitt.

Die Synchronisation ist manchmal etwas schnodderig („Manchmal denke ich, ich bin kein Mensch mehr“ – „Alles im Leben ist relativ“), verfälscht aber die Stimmung des Films kaum und ist somit erträglich.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Collagenhaft-expressiver Film aus der Frühzeit des erotischen Kinos.


Wertung:

7 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 30.01.2019 17:14 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Ich – Das Abenteuer, heute eine Frau zu sein – Roswitha vom Bruck

(D 1972)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm. DF)



Inhalt:

Monika ist sexuell frustriert, da ihr Mann Kai sie nicht befriedigt und er sehr konservative Werte vertritt, wenn es um Sexualität geht. Der Arzt ihres Vertrauens, Dr. Thomas Hoffmann, in den sie schon als Teenager verliebt war, fragt sie, auf dieses Problem angesprochen: „Wie oft, Monika? Wie oft!“ – woraufhin sie nach einem Cognac verlangt. Obwohl Dr. Hoffmann aus dem Verhör schlussfolgert, dass Monika noch nie einen Orgasmus hatte, weiß er: „Ich glaube, du kannst einen Mann sehr glücklich machen.“ Und er geht in die Vollen, während er ihr in den Schritt fasst: „Hast du dich denn noch nie selbst gestreichelt?“ Jetzt fragt sie sich, ob Dr. Hoffmann an ihr interessiert sei…

Sich später seine Berührungen vorstellend, hat sie ihren ersten Orgasmus: „Es ging siebenmal hintereinander.“ Doch ihr Mann ist nicht sehr erbaut, dass sie sich selbst befriedigt: „Was machst du, du onanierst? Warum hast du mich dann geheiratet? Das ist doch pervers! Monika, komm zu dir!“ – „Wenn man sich selbst liebt, kann man sich alles sagen.“ – „Aber nicht solche Schweinereien. Versprich mir, dass du es nie wieder tust!“ – „Ja ja.“ Kai hat nicht nur etwas gegen Selbstbefriedigung, sondern ist auch entrüstet, als Monika ihn bittet, in einer Boutique arbeiten zu dürfen: „Ich will nicht, dass meine Frau arbeitet!“ Also besucht sie ihn auf der Baustelle – er ist Architekt – wo alle Bauarbeiter ihr hinterherpfeifen, was ihm sehr unangenehm ist. Der Bauherr setzt sich sogleich für Monikas Wünsche zu arbeiten ein – natürlich nicht ganz uneigennützig, und langsam lernt Monika, „ihren Kitzler selbstbewusst in sich zu tragen.“ Dabei gerät sie jedoch meist an Männer, die sie nur „durchbumsen“ wollen, „damit sie einen klaren Kopf kriegt“, und die verächtlich meinen, dass es für Monika „wie ein Kompliment ist, wenn sich sein Ding aufrichtet.“ Sie resigniert immer mehr, als auch ein gemeinsamer Strandurlaub mit Kai eher platonisch abläuft und er beim gemeinsamen Sex im Bett – nur da gehört Sex hin – lieber ans Telefon geht, weil ja der Chef anrufen könnte. Als er merkt, dass Monika sexuelle Affären hat, wirf er sie hinaus und stößt sie die Treppe hinunter; Erlösung findet sie bei ihrem Teenagerschwarm Dr. Hoffmann, der sie freudig in die Arme nimmt.


Review:

Ob Roswitha vom Bruck wirklich Regie geführt hat, sei dahin gestellt, „Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein“ ist ihre einzige Regiearbeit (die imdb listet eine Kleinstrolle in „Und sowas nennt sich Leben“, 1961, außerdem ist sie anscheinend als Journalistin tätig). Die Handschrift des Films unterscheidet sich jedenfalls nicht sonderlich von der eines F. J. Gottlieb und auch in Anbetracht, dass der Film ein feministischer Propagandafilm ist, lässt nicht zwangsläufig auf eine Regisseurin schließen. Propagandafilm ist der Film deshalb, weil alles Böse und Schlechte einseitig von Männern ausgeht; neben bösartigen Männern gibt es allenfalls impotente (Kai) oder schmierige (Dr. Hoffmann). Bedient wird zudem ein männlicher Voyerismus, was auf ein Pseudonym eines männlichen Regisseurs hindeutet. Diese Einseitigkeiten trüben das Filmvergnügen stark, denn oberflächlich ist der Film ein selten gekanntes Schmiervergnügen voller unfassbarer Sprüche und – nicht nur aus heutiger Sicht – politischer Unkorrektheiten.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

„Wenn man sich als Frau nach Liebe sehnt, ist man schon halb im Bett eines anderen.“


Wertung:

6 / 10 (nach Abzug von 1,5 Punkten wegen feministischer, männerfeindlicher Propaganda)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 30.01.2019 18:11 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Neun Mädchen auf der Hölleninsel – Dinos Dimopoulus

(GR 1963)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF, cut, starkes „Essigsyndrom“)



Inhalt:

10 junge Frauen, alle etwa 20 Jahre alt, brechen aus einer Besserungsanstalt aus, ziehen sich nach erfolgreicher Flucht nachts auf einem Friedhof um und erreichen mit einem Boot eine verlassene Nachbarinsel in der Ägäis. Dort machen sie schnell Bekanntschaft mit einer Bande von Verbrechern, die nach einem Schatz suchen und die die Frauen zwingen, nach dem Schatz zu graben. Bald wissen sie: „lieber hinter Gittern weiterleben, als hier in Freiheit krepieren“ und versuchen mehrmals, dich immer erfolglos, zu fliehen. Schließlich gelingt es, die Polizei auf die Verbrecher aufmerksam zu machen und aus Elena, eine der Frauen, und dem Sohn des Rädelsführers, wird ein Paar.


Review:

Wenn das Erscheinungsdatum stimmt, ist „Neun Mädchen auf der Hölleninsel“ einer der ersten Roughies, denn im gleichen Jahr drehte Herschell Gordon Lewis „Scum of the Earth“, der als erster Vertreter dieses Genres gilt, und erst 1 Jahr später Russ Meyer „Lorna“ der ein erstes Highlight dieses Genres ist. Regisseur Dinos Dimopoulus drehte eine beachtliche Anzahl von Filmen, die es meist nicht nach Deutschland geschafft haben, weshalb er und seine Filme heute hier vergessen sind. In Griechenland jedoch war er sehr berühmt.

Als reiner Exploitationfilm kombiniert der Film ähnlich wie „Rasthaus der grausamen Puppen“ (1967) zu Beginn den erbarmungslosen Gefängnisalltag mit einer Flucht; die toughen Frauen geraten jedoch schnell an noch wesentlich fiesere Männer, die von einem Ex-Nazi geführt werden und sie wie in einem KZ schuften lassen, um einen Schatz zu finden. Das ist manchmal etwas naiv, aber durchweg spannend und kraftvoll inszeniert. Die sehr düsteren, schwarzweißen Bilder werden von der Schönheit des griechischen Inselsettings kaum relativiert, was den Film adäquat unangenehm wirken lässt.

Da der Film schon im August 1965 in Deutschland gezeigt wurde, ist er ein massives Opfer der FSK-Zensur geworden. Busenblitzer von wenigen Sekunden, manchmal auch weniger als eine Sekunde, wurden geschnitten und nur einmal übersehen, Der Nazibezug wegsynchronisiert. Die Kopie ist heute in sehr schlechtem Zustand.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

Unbequemer, kraftvoller Roughie, der bereits früh sämtliche Genreversatzstücke kombiniert.


Wertung:

7,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 30.01.2019 19:16 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Lisa! – Mario Schollenberger

(D 2018)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, DCP, DF)



Inhalt:

Lisa aus Tirol lebt in Berlin, wo sie mit Sonja, einer Drogendealerin befreundet ist und das Partyleben genießt. Sie lernt Tom kennen, der vor 3 Monaten den Entschluss gefasst hat, nicht mehr zu sprechen und schläft mit ihm; wenig später auch Christoph Heilig, der ihr einen Drink, angereichert mit KO-Tropfen, kredenzt. Bewusstlos wird sie von ihm in seine Wohnung gebracht und dort vergewaltigt, sie wacht jedoch vor ihm auf und kann fliehen.

Sie fasst einen Racheplan und nimmt Kontakt mit Christoph auf, um diesmal ihn mit Drogen gefügig zu machen, fesselt ihn, misshandelt ihn sexuell und verstaut ihn mehrere Monate im Kasten ihrer Schlafcouch. Schließlich nimmt sie ihn mit in den Wald, wo sie ihn lebendig begräbt und konzentriert sich wieder auf ihre Beziehung mit Tom, der inzwischen wieder spricht.



Review:

„Lisa!“ ist ein professionell wirkender Amateurfilm, der von Mario Schollenberger nahezu in Personalunion geschaffen wurde und nur wenige hundert Euro kostete. So sehr man die ästhetischen Bilder loben möchte und auch das Schauspiel von Nora Pandora (Lisa) und Charlie Umlaut (Heilig), die in einem Rape-and-Revenge-Film pornographische Sexzenen spielen, so sehr stört auch der Racheexzess (Betäubung mit Vergewaltigung im wehrlosen Zustand wird aufgewogen mit monatelanger Gefangennahme, mehrfacher Vergewaltigung und anschließendem Mord), sowie die Selbstjustizpropaganda, die letztlich politisch immer rechts steht – für beides verlangt der Film Verständnis, da er besonders die zweite Filmhälfte wie eine lockere Komödie inszeniert.


Der Film wurde auf dem 18 außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in Anwesenheit des Regisseurs mit anschließender Fragerunde gezeigt und spaltete das Publikum in zwei Lager.


Fazit:

Formal gelungener Amateurfilm mit massiven inhaltlichen Schwächen.


Wertung:

3 / 10 (4 Punkte Abzug für Rache- und Selbstjustizpropaganda)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 31.01.2019 17:13 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Waidmannsheil im Spitzenhöschen – Jürgen Enz

(D 1982)

5.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Evi enzagt ihres trauten Heims, flieht mit der Leiter und fährt per Anhalter, doch der freundliche Herr wird schnell zudringlich und entpuppt sich enzuite als „Landstraßenficker“. Schnell enzieht sie sich ihm und trifft den jungen Jägersmann Hubert, der sie, die inzwischen einen verstauchten Fuß hat, zum Schloss des netten Grafen von Sechshausen mitnimmt. Erst nach Sonnenuntergang erreichen sie die Enzeinte und in der behaglichen Jägersstube angelangt ist der Fuß wieder heil und die Evi geil. Deswegen gibt er ihr Schnaps: „Oh ist der aber scharf!“ – „Ja, das hat der Schnaps mit mir gemeinsam.“ Bald schwören sich beide enzückt die ewige Liebe.

Um Schloss „Sechshausen, manche sagen auch Sexhausen“, steht es nicht gut. Da enzinnt Evi den Plan, aus dem Jagdschloss eine Jagdschule zu machen und weiht sogleich den enzückten Grafen Reginald ein. Die Schüle floriert schnell und enzündet bei so manchem Schüler und den Schülerinnen das Feuer der Leidenschaft, denn „im Wald und auf der Heide ist es für mich eine Freude.“ Doch zu Evis Enzetzen taucht die gute Mutter auf und droht ihr junges Glück mit dem Jägersmann und als Sekretärin der Jagdschule zu enzweien. Schnell aber hat sie Verständnis und gesellt sich dem Enzemble und besonders Reginald zu.


Review:

„Ja, ja, mein lieber Richard“, „Waidmannsheil im Spitzenhöschen“ ist ein Trunstmeisterwerk des allseits beliebten Jürgen Enz, dessen komödiantische erste Hälfte etwas besser als die erotikbetonte zweite funktioniert. Wer Enz kennt, kann in dem Film alle liebgewonnenen Eigenschaften seines Spätwerks wiederentdecken: grausam-kitschige Inneneinrichtungen, stets liebevolles Besorgtsein um das Wohl des Anderen, ewiggleiche musische Szenenuntermalungen und Sex und Fummeleien in den ungeeignetsten Situationen – z. B. eine Minute nach Unterrichtsbeginn, wenn beim Vokabellernen etwa 4 Pärchen gleichzeitig sich Brüste, Schwanz und Muschi streicheln und dabei auf Bänken sitzen, wie sie in den Grundschulen der Siebzigerjahre ausgesehen haben. Ein entspannter Spaß zu später Stunde.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in der Softcorefassung gezeigt und wurde, vom Publikum sehnlichst erwartet, überwiegend begeistert aufgenommen.


Fazit:

„Dankmanns heil!“


Wertung:

8 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 31.01.2019 18:40 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Schwarzer Markt der Liebe – Ernst Hofbauer

(D 1966)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Harald und Rolf sind Kriminelle, die Mädchen, die sie via Zeitungsanzeige anlocken, verschleppen und in den Orient verkaufen. Genua und Berlin – hier besonders in Rolfs „Eden-Club“ – sind die Orte der Verbrechen, die ihre tragische Wendung nehmen, als Karin, die an eine Modelkarriere glaubt, die wahren Pläne der Beiden entdeckt.


Review:

Nach „Der Würger vom Tower“ (1966) folgte mit „Schwarzer Markt der Liebe“ der erste Film des Produzenten Erwin C. Dietrichs mit erotischem Thema – von einem Erotikfilm kann man noch nicht sprechen, eher von einem etwas aufreizendem Krimi. Hofbauer, der als Regisseur engagiert wurde, drehte vorher die z. B. in der Bravo exzessiv beworbene und von der FSK ebenso wie dieser Film ab 18 freigegebene Komödie „Die Liebesquelle“, die sein erster Ausflug in erotische Gefilde sein sollte. Beide Filme könnten heute aufgrund ihrer Harmlosigkeit ab 12 freigegeben werden.

Ästhetisch wirkt „Schwarzer Markt der Liebe“ wie der José-Bénazéraf-Film „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967), den Dietrich anschließend drehen ließ, was Rückschlüsse auf einen großen Einfluss des Produzenten zulässt (wie übrigens auch die Filme Jess Francos, die in der „Dietrich-Phase“ anders aussehen, als vorher und nachher). Trotzdem enthält der Film auch typische Erkennungszeichen seines Regisseurs: äußerst derbe Sprüche („und bitte nicht alt werden, wäre schade!“; „Rosanna, Schätzchen, was hast du denn da im Auge?“ – schlägt sie; „Apropos Eier, ich muss Nudeln kaufen“; etc.) und exzessive Partyszenen, hier im Eden-Club, die modisch und musikalisch Jeden, der sich für die Sechziger interessiert, begeistern können.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und wurde vom Publikum überwiegend positiv angenommen.


Fazit:

„Sie wissen ja, die Mädchen von heute haben ihren eigenen Geschmack, besonders bei Unterwäsche.“


Wertung:

7 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 31.01.2019 19:47 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Caribia – Arthur Maria Rabenalt

(D 1978)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

Auf einer einsamen Insel eines adligen Pädagogen Villeneuve wurden 3 männliche und 3 weibliche Kinder von schwarzen Bediensteten in sonst völlig von der Zivilisation isolierter Natur erzogen, die Jungen von einem Mann, die Mädchen von einer Frau. Villeneuve plant zu einem Fest seine Erziehungserfolge zu präsentieren, muss jedoch feststellen, dass die 6 Jugendlichen ihre rein theoretisch erworbenen Kenntnisse nicht in die Praxis umsetzen können; das gilt auch für ethisches Handeln. So kommt es zu Mord und Vergewaltigung, und auch Villeneuve muss sein Experiment tödlich bereuen.


Review:

„Caribia“ ist der letzte Film Arthur Maria Rabenalts, der seit 1934 Filme drehte, darunter auch Propagandafilme für das Dritte Reich. Nach 1945 wollte er nichts mehr davon wissen und nur unpolitische Filme gedreht haben – zu beherzigen ist hier natürlich, dass, auch wenn viele Regisseure gerne ihre Verantwortung Anderen zuschanzten, der NS-Staat auch einen Zwang ausübte, wenn es um das Drehen von Propagandafilmen ging. Politisch waren seine Filme nach 1945 nur noch selten: „Chemie und Liebe“ (1948) ist ein DEFA-Film und antikapitalistisch, „Morgen ist alles besser“ (1948) setzt sich mit den Nachkriegslebensverhältnissen auseinander – und sein letzter Film, „Caribia“ mit Erziehungspolitik.

Der Film fußt auf dem Theaterstück „La Dispute“ (1744) von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux, einer Komödie, die manchmal als Tragikomödie inszeniert wird. Darin geht es um den Geschlechterkrieg: Die drei jungen männlichen und drei jungen weiblichen „Versuchsobjekte“ werden getrennt vom anderen Geschlecht erzogen und kennen nur sich und ihren geschlechtsgleichen Erzieher. Nachdem sie in die Freiheit entlassen werden, finden sie nach einigen Fehlversuchen heraus, dass Männlein besser zu Weiblein passt. 2 Paare tauschen jedoch ihre Partner, verhalten sich also unmoralisch, während 1 Paar das Wohlwollen des Prinzen (die Villeneuve-Figur), erhält. Die anderen Paare werden vom Hof entfernt, in einigen Inszenierungen ertränkt.

Rabenalt hat diese Komödie aus der Zeit der Aufklärung uminterpretiert. Bezüge zu Rousseau konnte es 1744 noch nicht geben da der Zurück-zur-Natur-Philosoph erst etwa 5 Jahre später seine ersten Bücher schrieb, sie stammen alle von Drehbuchautor Rabenalt, der sich mit „Caribia“ mit seinem Scheitern des Experiments entschieden gegen die Forderungen der 68er-Bewegung mit ihren von Rousseau inspirierten Forderungen wandte. Der Film ist somit als extrem konservativ zu beurteilen – und das gilt auch für seine Ästhetik. Alle 6 Versuchsobjekte werden von Ballettänzern gespielt, die in der schönen Umgebung Haitis, wo der Film gedreht wurde, den ganzen Film über Ballett tanzen. Dabei sind sie nackt, die Nacktheit wird jedoch kaum erotisch inszeniert, sondern sind eher von Filmen wie „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) und den Tanzdarbietungen Leni Riefenstahls in „Olympia“ (1938) inspiriert. Inhaltlich wie stilistisch also konservativ und mit Vorsicht zu betrachten, als Ballettfilmkuriosum zu klassizistischer Musik von Hans Posegga („Der Seewolf“, 1971) in 4-Kanal-Stereoton ein Vergnügen.

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos gezeigt und hat das Publikum teils gelangweilt, teils begeistert.


Fazit:

Mit Vorsicht zu genießen.


Wertung:

5 / 10 (nach Abzug von 3 Punkten wegen konservativer Propaganda und heimlicher NS-Ästhetik)


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 01.02.2019 16:41 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Übermut im Salzkammergut – Hans Billian

(D 1963)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

„Birgit, des soll a Name sein?“ ist Mannequin und um ihrem Freund Rolf zu zeigen, dass sie auch anpacken kann, heuert sie ohne sein Wissen in Thomaskirchen auf dem Hof seiner Eltern als Magd an – eher zum Leidwesen der Eltern, denn anpacken kann sie doch nicht so gut. Rolf trifft wenig später auch ein und hat seine Affäre Doris im Gepäck – zu Birgits Leidwesen.

Nach Thomaskirchen verschlägt es auch Gus und Fred, die sich im offen ausgetragenen Generationenkonflikt in dem kleinen Städtchen auf die Seite der Jugend schlagen – und Fred im Besonderen auf die Birgits, als es zwischen den beiden funkt. Das andere Lager vertritt der konservative Bürgermeister, der der Dorfjugend, den „Untermenschen“, „dreckige, neumodische Schandveranstaltungen“ wie einen Schönheitswettbewerb oder die Gründung einer Musikkneipe in einer verlassenen Burg verbieten will. Auf einem sich dem Schönheitswettbewerb anschließenden Fest, auf dem allerlei Schlager gesungen werden, rücken auch bald Wachtmeister Eckzahn und Papa Ruppich mit Feuerwehrspritze an: „Tod dem Jatz!“ Doch auch wenn das Manche „nass, aber gerecht“ finden, wendet sich das Blättchen, als sich herausstellt, dass Eckzahn die Misswahl manipuliert hat. Als Entschädigung bekommt die Jugend ihre Musikkneipe und für Birgit heißt es auch nicht mehr „erst die Schweine, dann das Vergnügen“; sie bekommt ihren Rolf zurück.


Review:

Das Filmdebüt Hans Billians als Regisseur ist gleichzeitig sein bester Schlagerfilm – und die amüsanteste dieser Komödien, die ich kenne! So blitzt nicht nur ab und zu Monty-Python-Humor auf, wie die Cinema schrieb, Monty-Python-Humor durchzieht den ganzen Film – und das Jahre bevor es Monthy Python gab. Das beginnt bei vielen Schlagern selbst, deren Texte sich selbst zu veräppeln scheinen: „Auf der Alm beim Rendezvous, da schaun so gern die Kühe zu“; „Mein Schimmel wartet im Himmel auf mich“; „Immer dicker wird mein Papi“ – dieser im Hintergrund albern herumhopsend – geht weiter mit absurden Einfällen, dass ein Paar weiter beim Tanzen Pirouetten dreht, während es sich streitet, und hat einen ersten Höhepunkt bei einer infernalischen Schweinehatz. Die Handlung selbst war damals natürlich auch schon abgedroschen und sollte später noch in unzähligen Sexfilmen – auch von Billian selbst – wiederholt werden, ist hier aber so temporeich und unterhaltsam erzählt, dass es dem Film nicht schadet. Beste Unterhaltung!

Der Film wurde auf dem 18. außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos vor begeistertem Publikum gezeigt.


Fazit:

Gelungenes Filmdebut Hans Billians mit zündendem Anarchohumor.


Wertung:

8,5 / 10



Anhang:

*** The link is only visible for members, go to login. ***


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 01.02.2019 18:52 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Verbotene Lust im Sperrbezirk – Adrian Hoven, Wolfgang G. Kruse

(D 1983)

6.1.2019, Kino (Kommkino Nürnberg, 35mm, DF)



Inhalt:

4500 Mädchen treten in den 50 Peepshows deutschlandweit auf: „Genießen Sie es, oder sind sie auch einer dieser Moralapostel?“ Der Film schildert die abwechslungsreichen Erlebnisse einiger dieser Mädchen und lässt sie auch in Interviews zu Wort kommen. So gerät ein „blonder Bomber mit Zwillings-Flak“ ins Visier eines Fotographen, der es ehrlich mit ihr meint, nachdem er sie nach den Probeaufnahmen abgeschleppt hat, eine weitere Dame lässt sich nach einem Auftritt tags darauf von einem Besucher in einer Kneipe abschleppen („Nun, mein Vorbild ist Marquis de Sade. Er war der perverseste Lustmolch aller Zeiten und ich bin sein legitimer Nachfolger“), zwei weitere werden von einem anderen Besucher auf einer Yacht vernascht, nachdem sich „ein Hurrican direkt unter seinem Arsch zusammenbraut“ und 3 Aktricen heizen einem Spanner mit einem Lesbendreier ein, „bis ihm das Ding in der Hose explodiert“ – der gesellt sich irgendwann dazu: „Das darf nicht wahr sein, ich werd verrückt, in meinem Drehbuch steht genau das selbe. (…) Das wird ein knackiges Lustspiel“. Irgendwann kriecht er völlig erledigt aus dem Auto und robbt zu seinem: „Ich fühl mich wie ein Deckhengst nach der Kastration, ich kann ja nicht mal mehr wiehern. Kennt ihr die Nummer? Das ist Fury auf dem Weg zur Schlachtbank.“ Kurze Zeit später hat sich der Deckhengst erholt und macht sich an „Blacky“ ran, die begeistert meint: „Das gibt´s doch nicht, der Typ ist total versext.“ Auch ein Segelflugzeug und Wasserskifahrten sind Schauplätze erotischer Heiterkeiten, bis Rosi schließlich in einem abschließenden Interview meint: „Ich würd nie wieder zurück gehn in den Haushalt, wo man nur für andere Leute die Drecksarbeit macht. Jetzt bin ich in der Peepshow. Und diesen Entschluss bereu ich auch nicht. Zum ersten mal verdien i a richtigs Geld. Weil vorher, des war ja a Hungerlohn“.


Review:

Adrian Hoven ist allseits als Regisseur und Produzent bekannt; gedreht hat er u.a. „Hexen – Geschändet und zu Tode gequält“ (1973), produziert die sehr sehenswerten Jess-Franco-Filme „Necronomicon – Geträumte Sünden“, „Rote Lippen – Sadisterotica“ und „Küss mich, Monster“ (alle 1967). In „Verbotene Lust im Sperrbezirk“ zeigt er zwischen pseudodokumentarischen Szenen – eine Aktrice wird im tiefsten bayrisch von Margot Mahler synchronisiert – dass sich auch das Privatleben der Mädchen in der Peepshow nur um Erotik und Jet-Set dreht. Die Wahrheit sieht wohl anders aus, der Film selbst ist in seiner Melange aus rotzigen Sprüchen, konsequenter Discomusik der Achtziger und meist attraktiven Frauen launig.

„Verbotene Lust im Sperrbezirk“ stand bereits auf einem früheren Filmkongress des Hofbauer-Kommandos auf dem Programm und wurde auf dem 18. außerordentlichen Kongress als Abschlussfilm vom mittlerweile wesentlich größeren Publikum positiv aufgenommen.


Fazit:

„Das wichst en letzten Spießer von der Galerie!“


Wertung:

6,5 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 15.02.2019 16:57 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Ein Sommer voller Zärtlichkeit – Giorgio Stegani

(Italien 1971)




Inhalt:

Die 15jährige Lisa ist Teil einer Gruppe von Gymnasiasten, die sich aus Schaulust Hippies, die in der Nähe von Rom campieren, nähert. Sie verliebt sich in den mit einer Blume am Arm tätowierten Robert, der Gitarre spielt und muss wenig später erleben, wie die Polizei die Hippies in Gewahrsam nimmt. Lisa, die aus gutbürgerlichem Hause stammt, lässt aber den Kontakt zu Robert nicht abreißen und nach einem Streit mit ihrem Vater, der gegen diese Freundschaft ist beschließen sie, auszureisen. Mit einem Boot gelangen sie auf eine nahegelegene Insel, auf der sie einige Tage verbringen und sich immer mehr ineinander verlieben.

Doch werden sie von zwei Jägern gesehen, die die Polizei informieren, die daraufhin mit einer Hubschrauberstaffel und der Presse anrückt und den fliehenden Robert verhaftet, Lisa ihrem Vater übergibt. Als Lisa, zurück an einem Hafen nahe Rom, Robert sieht, wie er an Schaulustigen vorbei eskortiert wird, ruft sie ihm zu, der sich daraufhin losreißt, ins Meer springt und von einer Schiffschraube getötet wird.



Review:

Giorgio Stegani ist vor allem durch seine Italowestern bekannt („Adios Gringo“, 1965, „Shamango“, 1967 und „Die letzte Rechnung zahlst du selbst“, 1968). „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ drehte er mit dem Kameramann Sergio D´Offizi, der in „Venus im Pelz“ (1969) und „Don´t Torture a Duckling“ (1972) großartige Bilder schuf. Neben der dem Thema entsprechenden, an Plattencover der Sechziger und der TV-Werbung orientierten romantischen Bildsprache fallen auch die Flucht- und Verfolgungsszenen auf, die trotz Verwendung des Zoomobjektives und unruhiger „Wackelkamera“ stets fokussiert und klar erkennbar sind – im Gegensatz zu vielen Filmen des Gegenwartskinos.

Stegani hat Politikwissenschaft studiert und war auch als Drehbuchautor tätig, und so verwundert es nicht, dass „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ mehr ist als ein Vorgriff auf Randal Kleisers „Die blaue Lagune“ (1980). Immer wieder wird die romantische Erzählung unterbrochen und die Polizeiarbeit gezeigt, Polizisten im Gespräch mit dem Vater, oder mit Zeugen. Diese werden teils unfair behandelt, so wird ein Lastwagenfahrer, der die Beiden zum Strand gebracht hatte, nach seiner hilfreichen Aussage wegen unerlaubter Personenbeförderung mit 1000 Lire Bußgeld bedacht. Auch die Presse, von Lisas Vater hinzugezogen, agiert im Filmverlauf immer sensationsgieriger und voyeuristischer, was schließlich in der letzten Filmszene kulminiert, wenn Reporter die Geschichte um Lisa und Robert doch nicht ausführlich schildern wollen, da Roberts blutiger Tod in der Schiffschraube die Leser vergraulen könnte und man anschließend eine Diashow nackter Mädchen begutachtet, die meisten aber als zu aufgedonnert nuttig verwirft, weil man „Natürlichkeit“ will. Dieses Schlusswort offenbart die Intention des Films: Die Zivilisation, verkörpert durch das traditionelle Weltbild von Lisas Vater, die Polizei und die Presse, vernichtet die Natur und die Kultur, verkörpert durch die Liebe Lisas und Roberts, die Hippiekommune, Roberts künstlerischen Ambitionen (Tätowierung, Gitarrespiel) und die Abgeschiedenheit der Insel, die dem Liebespaar Zuflucht bietet. In der zivilisierten Welt kann „Natürlichkeit“ nur unter kontrollierten (unnatürlichen) Bedingungen als Sehnsuchtsort zugelassen werden, z. B., indem man sie kapitalistisch instrumentalisiert – auf der Suche nach dem perfekten, natürlichen Mädchen für die Seite 1, um die Auflagenzahl zu erhöhen.


Fazit:

Ein dicht inszeniertes, vielschichtiges romantisches Meisterwerk.


Wertung:

10 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 22.03.2019 19:13 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Das Buschgespenst – Vera Loebner

(DDR 1986)

Buch: 1991; Karl May, Otto Eicke, E. A. Schmid: Das Buschgespenst, Karl May Verlag Bamberg, o.J.
Buch: 1992: Karl May, Otto Eicke, E. A. Schmid: Das Buschgespenst, Karl May Verlag Bamberg, o.J.
Buch: 1992: Karl May, Otto Eicke, E. A. Schmid: Der Fremde aus Indien, Karl May Verlag Bamberg, o.J.
Buch: 1.1.2019 – 21.3.2019: Karl May: Der verlorene Sohn, Weltbild, 1999
Film: 21.3.2019; DVD (Studio Hamburg, DF, 1,33:1)



Inhalt der Buchvorlage:

Der Polizist Gustav Brandt wird des Mordes beschuldigt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt; während der Überführung ins Gefängnis wird er jedoch von 2 Schmieden befreit, die Zeuge des Mordes waren und wissen, das Brandt nicht der Täter ist. 20 Jahre später kehrt Brandt als Fürst von Belfour mit unermesslichem Reichtum aus Indien zurück, um sich an Franz von Helfenstein, dem wirklichen Täter, zu rächen. Der führt wie Brandt / Belfour ein Doppelleben und hat als „Hauptmann“ ein mafiaähnliches Regiment erschaffen. Belfour, der als „Fürst des Elends“ immer mehr versucht, die Ausbeutung der Ärmsten durch Helfenstein einzudämmen, wird der Gegner Helfensteins, ohne, dass dieser weiß, dass Belfour eine persönliche Rechnung mit ihm offen hat.

In einer benachbarten Gemeinde, nahe der Grenze im Erzgebirge, hat sich Helfenstein die Familie Seidelmann dienstbar gemacht. Diese kontrollieren die dortige Industrie: Die Weberei und das Bergwerk. Und sie entlohnen die Arbeiter so schlecht, dass diesen keine Wahl bleibt, als auf die Schmuggelangebote des „Waldkönigs“ einzugehen, um nicht zu verhungern. Es stellt sich schnell heraus, dass es mehrere Waldkönige gibt, an deren Spitze wiederum Helfenstein steht – und ihm direkt untergeben die Seidelmanns. Sohnemann Fritz stellt indessen der schönen Angelika eine Falle, indem er sie zu einem Faschingsball einlädt und ihr ein aufreizendes Kostüm zuschickt, um sie später auf dem Ball gefügig zu machen – als sein Plan versagt, will er sie vergewaltigen, ihr Freund Eduard kann mit Hilfe Belfours rechtzeitig das Schlimmste verhindern. Fritz beschuldigt Eduard, der Waldkönig zu sein, bei dem man bei der Festnahme Schmuggelware im Mantel eingenäht findet. Als Angelika klar wird, das Fritz Seidelmann hinter dieser Intrige steckt, schießt sie ihn nieder, der überlebt jedoch, da das Gewehr nur mit Schießpulver geladen war.

Die beiden Schmiede Wolf (senior und junior), die vor 20 Jahren Brandt zur Flucht verhalfen, befinden sich auch im Netz des Hauptmanns und treten als Waldkönige auf. Um den Hauptmann zu informieren, dass der Fürst des Elends ihnen die Schmuggelgeschäfte verdirbt, gelingt es ihnen, Helfenstein an den Ort des Geschehens zu bringen, der kann jedoch nur aus einem Versteck beobachten, wie der Fürst des Elends die Schmuggelbande festnehmen lässt und Fritz Seidelmann in einem Bergwerkstollen hinterherjagt. Dieser zündet eine Sprengladung, um Belfour zu töten, unterschätzt jedoch die Explosivkraft und wird selbst Opfer seines Anschlags. Belfour, nur leicht verletzt, kann ihn bergen, Seidelmann folgt jedoch kurze Zeit später seinem Vater nach und stirbt; das letzte was er wissen will ist, ob es den Hauptmann auch erwischt habe. Als Belfour verneint, verflucht er Helfenstein.

Belfour hebt in der Folgezeit einen Bordellring aus, dem der scheinheilige Geistliche August Seidelmann im Dienste des Hauptmanns minderjährige Mädchen aus armen Familien zuführt, ebenso eine Menschenhändlerbande im Zirkusmilieu und eine Falschmünzerbande unter jüdischer Führung und kann einen Apotheker, der sich als Giftmischer im Dienste Helfensteins befindet, seiner gerechten Strafe zuführen. Dieser Apotheker betäubte Helfensteins Frau, als diese ihrem Gatten gefährlich wurde, mit einem Gift; in einer Irrenanstalt sollte sie an dieser Vergiftung sterben. Belfour gelingt es, sie zu entführen und ein Gegenmittel zu erhalten. Helfenstein, vermutet indessen, dass Belfour der Fürst des Elends ist, seine Frau sich in seiner Residenz befindet und will sie sich zurückholen und Belfours unermesslichen Reichtum stehlen. Belfour kann ihn auf frischer Tat ertappen und ihn und die meisten seiner verbliebenen Helfershelfer festnehmen, Helfenstein gelingt jedoch wenig später die Flucht. In der Kleidung eines zurückgekehrten Deutsch-Amerikaners, den er von einer Klippe stürzt, sucht er Unterschlupf bei dessen Familie, als er sich nach und nach verdächtig macht, tritt Belfour und die Polizei auf den Plan und verhaftet Helfenstein erneut. Bei späteren Fluchtversuchen erleidet Helfenstein zunehmend Knochenbrüche, die weitere Fluchtversuche unmöglich machen und wird nach einem langen Gerichtsprozess zum Tode verurteilt. Robert von Helfenstein, den Franz von Helfenstein töten wollte und von den Schmieden Wolf bei einer armen Familie versteckt wurde, kann sein rechtmäßiges Erbe antreten und Gustav Brandt wird rehabilitiert und erhält vom König den neuen Adelstitel „Brandtenstein“.


Inhalt des Films:

Der fälschlich verdächtigte Gustav Brandt kehrt nach langer Zeit als „Fürst des Elends“ ins Erzgebirge zurück, um sich an den Fritz Seidelmann und dessen Mutter zu rächen. Fritz führt als „Buschgespenst“ eine Schmugglerbande und hat es auf die schöne Angelika abgesehen. Der schickt er ein aufreizendes Kostüm für einen Faschingsball, wo er sie sich mit Alkohol gefügig machen will. Ihr Freund Eduard kann mit Hilfe von Brandt das Schlimmste verhindern, Fritz rächt sich jedoch an Eduard, indem er ihm Schmuggelware in den Mantel näht und ihn bei den Grenzpolizisten anschwärzt. Als diese ihn verhaften erkennt Angelika Fritz´ Intrige und schießt auf ihn, Seidelmann überlebt jedoch, da das Gewehr nur mit Schießpulver geladen war. Als Brandt es gelingt, die Schmugglerbande durch eine List zu verhaften, flieht er in einen Bergwerksstollen und zündet eine Sprengladung, der er selbst zum Opfer fällt. Nachdem sich die tatsächlichen Verhältnisse geklärt haben, wird Angelika aus der Haft entlassen und Brandt rehabilitiert.


Review:

Der zwischen 1884 und 1886 in 101 Lieferungen erschienene, mehrere tausend Seiten umfassende Karl-May-Roman „Der verlorene Sohn“ ist die „Fernsehserie von Damals“. Für die Ausgabe im Karl May Verlag Bamberg wurden ob dieser Länge für „Der Fremde aus Indien“ nur der Anfang und Teile des Schlusses verwendet und der Inhalt stark bearbeitet; für „Das Buschgespenst“ verfuhr man genauso und beachtete nur Teile des Mittelteils. Gleichzeitig entfernte man für „Das Buschgespenst“ sämtliche Bezüge auf Helfenstein und änderte wie bei „Der Fremde aus Indien“ die meisten Namen der Protagonisten. Zudem kürzte man an Gewalt, aus heutiger Sicht zahmen Sex und drastische Schilderungen der Armut, um ein jugendliches Lesepublikum anzusprechen; im Gegenzug ergänzte 1935 Otto Eicke, der Bearbeiter des Riesenromans, um Antisemitismus – „Der Fremde aus Indien“ ist auch in den Ausgaben der BRD und der DDR in dieser Fassung bis zu einer Rückbearbeitung Mitte der 1990er zu lesen gewesen..

1986 drehte Vera Loebner den Zweiteiler „Das Buschgepenst“ für das Fernsehen der DDR. Dabei wurde weitgehend die Romanbearbeitung „Das Buschgespenst“ herangezogen, da Brandt aber auch unter dem Titel „Fürst des Elends“, ein Titel, der in der Eicke-Bearbeitung nie verwendet wird, auftritt, gibt es auch Bezüge zum ursprünglichen Roman Karl Mays. Die verschneiten Landschaften um die Faschingszeit im Erzgebirge werden vorlagengerecht übernommen und sorgen für eine angenehm winterliche Stimmung; positiv fallen auch die Schauspieler auf, allen voran Detlev Gieß als Fritz Seidelmann: Gieß ist ein Doppelgänger von Jeffrey Combs und hat eine wunderbar fiese Ausstrahlung! Einmal durchbricht der Film auch die Vierte Wand, wenn ein Bild Karl Mays in einer Gaststube hängt und ein Förster mit den Worten „Das hat er nicht verdient“ Staub vom Rahmen abwischt. Damit wird auf den Umgang des DDR-Kulturbetriebs mit Karl May angespielt.

Schade ist an dem Film, dass sich atmosphärisch dichte und spannende Szenen auch mit sehr langatmigen abwechseln und dass die extreme Armut der Bevölkerung nur sehr zahm und wenig eindrücklich gezeigt wird; stattdessen verfällt man immer wieder in eine sozialistische Rhetorik, z. B. wenn Seidelmann erklärt, dass für ihn der Wert eines Menschenlebens nur dem Wert seiner Arbeitskraft als Wirtschaftsfaktor entspricht. Starke Bilder des Elends und ein Erhöhen der Spannungsschraube wären also förderlich gewesen, „Das Buschgespenst“ ist letztlich immerhin eine weitgehend dicht inszenierte Abenteuergeschichte und hervorragendes Schauspielerkino – auch wenns ein Fernsehfilm ist.


Fazit:

Sehenswerte Abenteuerverfilmung von Karl Mays großem antikapitalistischen Roman, der eine etwas andere Seite dieses Autors zeigt.


Wertung:

7 / 10


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: ...und immer lockt der Film
PostPosted: 12.04.2019 16:56 
Offline

Joined: 03.2014
Posts: 367
Location: Mittelfranken
Gender: Male
Emmanuelle – Just Jaeckin

(Frankreich 1974)

Buch: 24.3.2019 – 31.3.2019: Louis-Jacques Rollet-Andriane: Emmanuelle oder Die Schule der Lust, Rowohlt, Hamburg 1971.
Film: 1.4.2019, DVD (Kinowelt, OmdU, 1,78:1 – falsches Bildformat)



Inhalt des Buches:

Auf dem Weg von London zu ihrem Mann Jean nach Bangkok hat die 19jährige Emmanuelle, die nur französisch spricht und seit einem Jahr verheiratet ist, Sex mit zwei Männern, der letzte Akt wird von 2 Kindern im Alter von „höchstens zwölf oder dreizehn Jahren“ mit „nichts als gebannter Neugier“ beobachtet. In Bangkok verbringt sie viel Zeit in einem Club, in dem es einen Swimmingpool gibt und wo sie die 13jährige Marie-Anne kennenlernt; Marie-Anne besucht Emmanuelle tags darauf und die beiden masturbieren zusammen, während sie sich über Sex unterhalten. Emmanuelle offenbart, dass sie von Jean entjungfert wurde, als sie 16 war, und dass sie, als er vor einem halben Jahr nach Siam versetzt wurde, ihr Mathematikstudium abbrach, um ihm nachfolgen zu können. Dass sie auf dem Flug Sex hatte, ist ihr peinlich zuzugeben und als Marie-Anne sich verabschiedet, verabreden sie sich, jede für sich allein um Mitternacht zu erneut zu masturbieren. Am selben Abend hat sie mit Jean Sex und offenbart ihm danach, dass sie sich noch selbst finden muss und sie sich wie eine „törichte Jungfrau“ fühle, „voller Vorurteile“. Um sich weiterzuentwickeln, gesteht sie Jean, möchte sie mit Marie-Anne schlafen, „das gehört dazu“, und als die Uhr Mitternacht läutet, „berühren ihre Finger die Klitoris“. Am nächsten Tag trifft sie im Club Ariane, eine Gräfin, die ihr erklärt, was man in Bangkok alles machen kann: Es gibt Kinos, Nachtlokale, „Amüsierbetrieb“, „man kann reiten, Golf, Tennis oder Squash spielen, auf dem Fluß Wasserski laufen oder auf den Kanälen romantisch dahinschaukeln“, die Pagoden besichtigen und das 150 km entfernte Meer besuchen. Im Laufe des Gesprächs gibt Ariane zu erkennen, dass sie sexuell an Emmanuelle interessiert ist, auf Emmanuelles Einwand, Arianes Mann könne Einwände haben, antwortet sie: „Ein guter Ehemann weiß zu schätzen, wenn seine Frau zufrieden ist.“ Sie besuchen einen Massagesalon und werden in getrennten Räumen massiert, Emmanuelle kommt unter den Händen der „jungen, schmächtigen Asiatin“ zum Orgasmus, den Ariane hört.

In den nächsten vier Tagen erhält Emmanuelle jeden Nachmittag Besuch von Marie-Anne, der sie gesteht, täglich bis zu 15mal zu masturbieren. Ihr wird bewusst, „dass ihr Geist und ihr Körper mehr Lustgewinn daraus zogen, einer andern den Anblick der Unzucht darzubieten, als wenn sie selbst Zuschauerin gewesen wäre.“ Schließlich wird Emmanuelle von Marie-Annes Mutter eingeladen, wo Marie-Anne ihrer Freundin heimlich erzählt, dass sie einen Mann für sie habe, ein „Italiener und sehr schön“, der wie sie selbst und Ariane im „Zeichen des Löwen geboren“ ist und 38 Jahre alt ist, allerdings sei nächstes Jahr Emmanuelle zu alt für ihn. Emmanuelle hat bei dem Beisammensein jedoch mehr Interesse für die 22jährige Bee, die eigentlich „einen dieser verrückten, skurrilen englischen Namen“ hat und von Marie-Anne „Bi“ genannt wird; beide sind beste Freundinnen. Einstweilen hat Emmanuelle mit Ariane Sex, verdreht Christopher, einem Freund ihres Mannes, den Kopf und verführt Bee unter der Dusche.

Bei einem Empfang in der Botschaft, wo auch Marie-Anne und Ariane eingeladen sind, lernt Emmanuelle den erwähnten Italiener, den homosexuellen Kunstsammler Mario, kennen, der ihr sogleich erklärt, dass Kunst als für die Ewigkeit geschaffen nicht Kunst, sondern nur das Gefühl des Künstlers, während er sein Werk erschafft, Kunst und von Bedeutung ist. Mario lädt Emmanuelle zu sich nach Hause ein, wo sich bald noch Quentin, ein Freund Marios hinzugesellt, den er ebenfalls auf dem Botschaftsempfang kennengerlernt hatte. Als Mario Quentin ermuntert, Emmanuelle zu verführen, empfiehlt er gleichzeitig Emmanuelle, sich „ein Spiel daraus zu machen, sich zunächst nur im Detail hinzugeben.“ Emmanuelle ist jedoch zu Mario gekommen, um sich im „Genuß der Sinne“ zu üben, Mario erklärt ihr jedoch, dass Erotik in Emmanuelles Sinne nur das Befolgen eines gesellschaftlichen Leitfadens sei, nach dem man sich kanonisch amüsieren dürfe und die sich immer im Bereich der Vernunft bewege. Stattdessen sei die Schönheit und der Wille zur Schönheit die eigentliche Triebkraft des Menschen: Losgelöst von dem, was die Natur beabsichtigt (z. B. keine fleischliche Vereinigung von Frauen, zulassen der fleischlichen Vereinigung von Männern, unnatürlicher Liebesakt zu fünft) ist es jeweils schön, wenn es Menschen gelingt, über den natürlichen Plan zu triumphieren. „Erotik ist die Leidenschaft des Mutes. (…) Wo Natur ist, da ist keine Erotik.“ Erotik ist für Mario „das Gute“, während „das Böse“, die „Anti-Poesie“, „der Konformismus, die Achtung vor den Tabus, der Haß auf die Phantasie, die Ablehnung des Neuen, der Masochismus, die Böswilligkeit, der Neid, der Geiz, die Heuchelei, die Lüge, die Grausamkeit, die Schande“ ist. Erotik und Kunst seien das Gegenteil von Natur, da sie das Ergebnis von „Anstrengungen des Menschen sind, sich der Natur zu widersetzen.“ Damit widersetze man sich auch Gott als Schöpfer der Natur, und damit sei Liebe immer widernatürlich, Anti-Natur, „das Scheitern der Pläne Gottes“. Er offenbart Emmanuelle das „Neue Gesetz“: „Es ist schön und gut, die Kunst der Liebe zu beherrschen und sich ihr frei hinzugeben; daß die Jungfernschaft keine Tugend, freies Zusammenleben kein Verbrechen und die Ehe kein Gefängnis ist; daß es auf die Kunst des Genießens ankommt und daß es noch nicht genügt, sich nie zu verweigern, sondern daß man sich unablässig feilbieten, sich hingeben, seinen Leib mit einer immer größeren Anzahl Leiber vereinen und die Stunden, die man nicht in den Armen anderer verbringt, als verloren ansehen muß.“ Er stellt Emmanuelle eine Utopie vor, die das indische Volk der Muria in ihrem Erziehungssystem bereits verwirklicht hatte: Menschen von Kindheit an in Kunst der körperlichen Liebe einzuführen und sich „zwischen zwei Umarmungen“ mit Kunst zu beschäftigen. Diese Praxis endete nicht in einem „Sittenverfall oder einer moralischen Blindheit (…) sondern in Regel und (…) Ethik: dauerhafte Bindungen waren untersagt, Eifersucht sollte nicht entstehen. Nicht Diebstahl und Mord sind die schlimmsten Verbrechen, sondern Eifersucht, die Muria „kennen nicht das Mißtrauen und die Verzweiflung unserer Zivilisation. Sie leben auf der Seite des Glücks.“ Zur Liebe wird man nicht geboren, man lernt sie. Bis es zu dieser Utopie wieder kommt, müssen die alten Moralvorstellungen zertrümmert werden, indem man sich über die vorhandenen Sitten hinwegsetzt. Dies geschieht am Besten bei Befolgung Marios zweiten Gesetzes, der Asymmetrie: „Jeder Augenblick, den man mit anderem Verbringt als mit der Kunst, in einer immer größeren Anzahl von Armen zu genießen, ist verlorene Zeit.“ Dies führt gleichzeitig dazu, dass es Erotik ohne Exhibitionismus nicht (mehr) gibt. Erotisch sei nicht das „Happy-End“, sondern die Erektion und der Wille zur Wiederholung. Daraus leitet Mario das dritte Gesetz der Zahl ab: Die Beschränkung auf zwei muss aufgehoben werden, Sieg einer Frau muss sein, „zehntausend Leiber in sich empfangen“ zu haben, „Lust am Exzess“. Er wendet sich gegen den Drang, Liebespositionen ausprobieren zu müssen, wichtiger ist das Entstehen von Erotik durch Situationen.

Nun befragt er Emmanuelle über ihr Liebesleben und erfährt von ihrer lesbischen Neigung. Dass Jean stets tiefausgeschnittene Kleidung für seine Frau aussucht, deutet Mario, dass er möchte, dass Emmanuelle sich anderen Männern hingibt, also „Zahl“ herstellt. Er stärkt sie in ihrer Annahme, dass Jean ihr deswegen erlaubt ihn zu „betrügen“, weil er weiß, dass er damit Emmanuelle glücklich macht, da er sie gelehrt hat zu erkennen, was schön ist. Mit Quentin und Emmanuelle begibt er sich auf eine Fahrt durchs nächtliche Bangkok, bis sie in einem heruntergekommenen Haus landen, wo sie Opium rauchen. Mario bittet die Eigentümerin, ihnen 12-15jährige Knaben zu besorgen, was diese verweigert. Während Quentin zurückbleiben will, streifen die Beiden weiter durch Bangkok, bis sie einen Tempel erreichen, wo sie einen gewaltigen Baum voller Phalli entdecken: Opfergaben für sexuelle Potenz und Fruchtbarkeit. Vier Männer gesellen sich zu ihnen und Emmanuelle berührt einen der Phalli und befriedigt Mario mit der Hand. Nach dessen Orgasmus winkt Mario einen der Jungen, näherzukommen und Emmanuelle befriedigt ihn auf Marios Wunsch hin, ohne von ihm oder den anderen angerührt werden zu wollen, oral, empfindet dabei aber Furcht und Abscheu, „dennoch hatte Emmanuelle nicht nur im Geist, sondern auch körperlich Einverständnis gezeigt“. Der Junge kommt in ihrer Vagina zum Orgasmus, Emmanuelle erst, als Mario ihre Klitoris berührt. In einem Sam-lo, einem Dreirad, treten sie ihren Heimweg an, befriedigen sich erneut und lenken die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich. Mario philosophiert weiter, dass es eine internationale Freimaurerei der Schönheit gäbe und „manche Dinge nur Leuten gestattet sind, die schön sind.“ Nun lenken sie auch die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Autos auf sich und schließlich in Marios Domizil angelangt, lädt er den Sam-lo-Fahrer ein, dringt von hinten in ihn ein, während dieser in Emmanuelle eindringt. Emmanuelle verspricht, das sei der erste Mann von vielen (dass sie im Flugzeug bereits mit zwei Männern schlief, hatte sich Mario verheimlicht) und schreit „über das schwarze Wasser, ohne daß jemand hätte sagen können, wem dieser Schrei galt: „Ich liebe! Ich liebe! Ich liebe!““


Inhalt des Films:

Die frisch verheiratete Emmanuelle reist ihrem Ehemann Jean nach Bangkok nach, wo bei einer Stadtrundfahrt plötzlich Unmengen an Kindern auftauchen, die die verängstigte Emmanuelle bedrängen und ihr Blumen verkaufen wollen. Nachdem Jean Emmanuelle in ihr neues, gemeinsames Domizil gebracht und ihr die Dienerschaft vorgestellt hat, schlafen sie miteinander und werden vom Dienstpersonal dabei beobachtet, auf das der Funke überspringt und daraufhin wilden Sex hat.

Tags darauf lernt sie in einem Club, in dem es einen Swimmingpool gibt, andere Frauen kennen und wird von diesen für verhältnismäßig brav gehalten, eine von ihnen, Ariane, erklärt ihr, dass man in Bangkok nur vor der Langeweile Angst zu haben braucht und das Gegenmittel gegen die Langeweile Liebe sei. Am Nachmittag erhält die schlafende Emmanuelle Besuch von Marie-Ange, die sie streichelt und sie damit aufweckt. Marie-Ange wohnt bei ihren Eltern, ist sehr direkt und liebt es, Lollis zu lutschen, um damit ältere Männer heiß zu machen, auch Emmanuelles Mann, der 32 ist. Auf der Terrasse masturbiert Marie-Ange zu einem Bild Paul Newmans: „ich mache es, seit ich 12 bin“ und Emmanuelle, die sich anfangs unwohl fühlt, streichelt sich auch und berichtet von ihrem Erlebnis im Flugzeug, das sie auf der Reise nach Bangkok hatte und wo sie Sex mit zwei Männern hatte, der Zweite war anfangs Zuschauer.

Mit Jean spricht sie über Liebe und Eifersucht, und Jean zerstreut ihre Befürchtungen: „Du bist nicht mein Eigentum. Du bist nicht meine Schönheit, du bist DIE Schönheit.“ Emmanuelle strebt jedoch nach mehr: „Ich denke, dass es in der Liebe noch Wichtigeres geben muss. Leuchtender als nur Technik.“ Und sie beschwert sich, dass man in Gesellschaft nicht offen über Sex sprechen kann. Später spielt sie mit Ariane Tennis und lässt sich von ihr verführen; Marie-Ange stellt Emmanuelle Abends auf einer Party Mario vor, dessen erste Worte an sie gerichtet Emmanuelle ob ihrer Direktheit verärgern: „Sie haben einen wunderbaren Körper.“ Später erzählt sie Marie-Ange, dass es sie stört, dass Mario sich selbst zu gerne reden hört und zu viele Phrasen drischt – und sie möchte lieber Bee kennenlernen, die als Archäologin nicht zur Upper-Class gehört und deswegen ausgeschlossen wird. Sie verabredet sich mit ihr und gibt dieser Verabredung auch dann noch den Vorzug, als sie einen Brief von Mario empfängt, der sich Abends mit ihr treffen will. Emmanuelle sieht in ihr eine Frau, die die Langeweile nicht zur Kunst stilisieren will wie die anderen Frauen. Gemeinsam reiten sie in den Sonnenuntergang, genießen eine romantische Zeit an einem Wasserfall und essen zusammen mit Stäbchen, wo sich Emmanuelle etwas ungeschickt anstellt und haben schließlich Sex. Sie spürt jetzt, dass es mehr als Sex und „die unaufhörliche Suche nach Genuss“, wie ihr Mann sagt, gibt: „Ein Wasserfall ist nur schon, wenn jemand dabei ist, den man liebt.“

Jetzt regt sich in Jean die Eifersucht, da seine Frau den Abend nicht mit ihm verbringen will, ein Freund erklärt ihm, er wolle anscheinend gar nicht, dass seine Frau frei ist, sondern nur frei über sie verfügen. Er besucht ein Bordell, wo er sich den Tanz einer Asiatin ansieht, die mit ihrer Vagina Zigarette rauchen kann. Als ein Bekannter ordinär Emmanuelles Brüste lobt, schubst er ihn wütend weg und wird daraufhin von ihm niedergeschlagen. Er besucht, noch immer rasend vor Eifersucht, Ariane, die ihm entgegenhält, dass diese Eifersucht mittlerweile schon anderen aufgefallen ist und belächelt wird. Sie empfiehlt ihm stattdessen, Emmanuelle von Mario erziehen zu lassen – „Ariane, sie sind eine Schlampe!“ – „Also dann, worauf warten Sie noch?“ Er nimmt sie so hart, dass Ariane später sagt: „Er hat mich fast vergewaltigt. Fast.“

Jean ist von seiner Eifersucht jedenfalls gereinigt und verspricht Emmanuelle zu helfen, da sie traurig ist, dass Bee abreisen musste. Und Ariane empfiehlt ihr nachdrücklich, Mario aufzusuchen: „Alte Männer sind Schatztruhen der Erotik.“ Als sie ihn schließlich trifft, stellt er ihr sein „Gesetz“ vor: „Liebe ohne Grenzen ist herrlich. Jungfräulichkeit ist keine Tugend. Zweisamkeit hat keine Grenzen. Man muss seine Grenzen erweitern, bis es keine mehr gibt. (…) Man muss seine Angst abschaffen. Angst vor Gedanken, glücklich zu sein. Alle Ängste kreieren eine falsche Tugend, Konformität, Lebensverweigerung. In Wirklichkeit: Lügen“ Sie streifen durch Bangkok und Mario lenkt die Aufmerksamkeit eines Passanten auf Emmanuelle: „Siehst du diese Beine? Nimm sie, ich schenke sie dir.“ – Er berührt sie daraufhin. Mario erreicht mit seiner Gefährtin das Ziel seiner Wanderung: Ein Opiumhaus, wo sie zusammen rauchen, damit Emmanuelle die Grenze ins Land des Erotismus überschreiten kann. Erotismus ist für Mario kein „Kult der Sinnesfreuden“, sondern „eine Übung der Sinne, eine Seelenbewegung. Es ist eine Kunstform, eine Schule, um Sex und alle Akte zu humanisieren. Es ist Ablehnung von Scheingründen. Es ist Offenheit zu sich selbst. (…) Es ist ein Versuch, mit dem alltäglichen Leben zu brechen. Es ist der Sieg der Träume über die Natur. Liebe machen zählt nicht, sondern wie man sie macht.“ Dabei sind nicht die „32 Stellungen“ wichtig und sich vom asiatischen Gedanken von der Bedeutung von Technik zu lösen, auch wenn der Körper wichtig ist: „Man muss sich befreien. Zerstöre alle bestehenden Werte. Fülle deinen Kopf mit Sensationen, die dir niemand gegeben hat.“ Emmanuelle wird daraufhin von 2 Männern vergewaltigt, während Mario rauchend zusieht. Er erklärt ihr später, dass er Sammler ist, und Situationen sammelt: „Echte Liebe kämpft immer gegen die Natur. Echte Liebe ist Erektion, nicht Orgasmus. Das Paar als solches sollte illegal sein. Immer eine dritte Person erzwingen.“

Sie besuchen schließlich ein traditionelles Musikhaus, wo auch Thaiboxen stattfindet. Mario lobt Emmanuelle als Preis für den Sieger aus und diese lässt sich vom späteren Sieger nehmen und fühlt sich befreit. Mario führt sie nach Hause: „Tageslicht ist nichts für uns“ und beschließt, auf eine spätere Emmanuelle zu warten, eine, die es noch nicht gibt. Emmanuelle nimmt auf einem Rattansessel platz und schminkt sich, während ihre Stimme und die Marios verschmelzen: „Ehepaare sollten illegal sein. Immer eine dritte Person erzwingen.“


Review:

Louis-Jacques Rollet-Andriane veröffentlichte den Roman „Emmanuelle oder Die Schule der Lust“ 1959 unter Pseudonym; jahrelang nahmen Leser und Kritik an, dass seine Frau Marayat Rollet-Andriane die Autorin der Emmanuelle-Romane sei. In der Konsequenz ist amüsant, dass Vorwürfe, „Emmanuelle“ sei frauenfeindlich, stets mit der weiblichen Verfasserschaft entkräftet wurde. Möglicherweise ist Marayat Rollet-Andriane Co-Autorin der teils autobiographisch gefärbten Romane, die neben explizitem Sex, Tabubrüchen und Provokationen auch tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelte philosophische Gedanken beinhalten. Der Erstling wurde in Frankreich 1970 neu aufgelegt, nachdem vorher nur Undergroundexemplare heimlich verkauft wurden; die guten Verkaufszahlen und der glückliche Zufall, dass die Verfilmungsrechte kurzzeitig verfügbar waren sorgten dafür, dass Just Jaeckin „Emmanuelle“ 1973 verfilmen konnte. Die meisten Szenen des Films wurden in Thailand gedreht und von oberster Stelle protegiert, trotzdem bekam die Filmcrew Probleme mit den Behörden, da an einem öffentlich zugänglichen Wasserfall eine erotische Szene gedreht wurde. In Frankreich löste der vollendete Film eine Zensurdebatte aus und wurde verboten, nach einem Regierungswechsel mit liberaleren Ansichten wurde er ungeschnitten in den Kinos gezeigt und 1975 ab 16 freigegeben. Trotzdem wandelte sich der Zeitgeist schnell, und 1976 wurde eine sehr hohe Sondersteuer auf mit einem „X“ klassifizierte Filme erhoben und verboten, dass sie in den gleichen Kinos wie Großproduktionen laufen, was dafür sorgte, dass kaum noch internationale Erotik-, Sex-, und auch Horrorfilmer der härteren Gangart importiert wurden und die Fortsetzung von „Emmanuelle“ erst 2 Jahre nach dem internationalen Start in Frankreich gezeigt werden konnte. In Deutschland löste der Film den Zorn der Staatsanwaltschaften einiger Städte in Schleswig-Holstein auf sich, die dem Film Pornographie vorwarfen, obwohl im selben Jahr Pornographie erlaubt worden war. Wie das Buch landete der Film auf dem Index für jugendgefährdende Schriften, aus dem er erst 2008 gestrichen wurde, obwohl er bis dahin schon mehrmals im deutschen Fernsehen ungekürzt gezeigt wurde (einige Quellen nennen eine Kürzung der Vergewaltigungsszene in der Opiumbar).

„Emmanuelle“ ist das Regiedebut Just Jaeckins, der sich in den nächsten Jahren noch häufiger dem Erotikgenre widmen sollte und seinem Ruf als großer Stilist treu blieb. Die Kamera, die mit ihrer geringen Tiefenschärfe eine „typisch französische“ Optik schafft, stammt von Richard Suzuki, unter dessen wenigen Arbeiten sich auch „Leidenschaftliche Blümchen“ findet. Pierre Bachelet, der den äußerst erfolgreich verkauften Soundtrack komponierte, wirkte in „Emmanuelle V“ (1987), „Digital Love“ (1993, dem siebten Teil), und der TV-Reihe mit Marcela Walerstein und Sylvia Kristel als gealterte Emmanuelle mit (1993), sowie in den Jaeckin-Filmen „Die Geschichte der O.“ (1975) und „Gwendoline“ (1984). Die Niederländerin Sylvia Kristel startete erst ein Jahr vor den Dreharbeiten von „Emmanuelle“ ihre Karriere und war 21 Jahre alt; Christine Boisson, die Darstellerin der Marie-Ange, 17 und sollte bereits ein Jahr später in „Das Spiel mit dem Feuer erneut mit Kristel gemeinsam vor der Kamera stehen.. Ursprünglich wollte man einen anderen Frauentyp, doch ihre frische und unprätentiöse Ausstrahlung, sowie ihr schauspielerisches Talent überzeugten die Produzenten – die jedoch nicht gänzlich von dem weichgezeichneten, edlen Stil Jaeckins und dem Drehbuch, das viel Zeit für philosophische Gespräche und relativ harmlos vorgesehene Sexszenen beinhaltete. So setzten sie durch, dass z. B. die Szene, in der in einem Striplokal oder Bordell ein asiatisches Mädchen mit ihrer Vagina eine Zigarette raucht, gedreht wurde (Regisseur für diese Szene war der Kameramann, da sich Jaeckin weigerte, die Intention des Films zu verraten), und auch die Szene, in der Emmanuelle in der Opiumbar vergewaltigt wird – also einen insgesamt exploitativeren Charakter. Trotzdem wurde der Film ein Erfolg beim weiblichen Publikum, wurde in Paris 8 Jahre lang gespielt und von den USA wegen der Beliebtheit bei Frauen importiert.

Der Roman bedient sich einer sehr direkten, allerdings poetischen und nie derben Sprache, wenn er Sex schildert, bereits das erste Kapitel mit den beiden Flugzeugbegegnungen macht keine Zugeständnisse an den Leser, den man in einem anderen, ähnlichen Roman langsam in einen Strudel der Leidenschaft gefangen genommen hätte. Den sechs Kapiteln vorangestellt sind stets einige Zitate berühmter Poeten und Philosophen; unter ersteren befinden sich Goethe und Pierre Louys´ „Les Chansons de Bilitis“, unter letzteren Ovid („Liebeskunst“) und Friedrich Nietzsche. Sein Zitat „Rate ich euch, eure Sinne zu töten? Ich rate euch zur Unschuld der Sinne“ („Also sprach Zarathustra I, Von der Keuschheit“, 1884) gibt das Programm des Romans vor, der immer im Sinne Nietzsches bleibt: Umwertung der Werte, Weiterentwicklung des Individuums zum werteschaffenden Menschen (Übermenschen) die Verschränkung von Kunst, Wissenschaft und Genuss, sowie Angriffe auf die christliche Moral. Ovid, im alten Rom ebenfalls ein Tabubrecher – er wurde verbannt, da er in der „Liebeskunst“ die Ehegesetze Kaiser Augustus´ unterminierte, also zur Polygamie („Zahl“) aufrief – wird zitiert: „Viele gibt´s der Arten der Lust; die leichteste und die bequemste, wenn halb rücklings gelehnt rechts auf der Seite sie liegt.“ Was im Verlauf des Romans schließlich den Sinn ergibt, dass der Autor zu erkennen gibt, nicht Stellungen und Liebestechniken, aus dem Kamasutra etwa, seien in der Erotik interessant, sondern das exhibitionistische Element. Und dazu braucht es keine sportlichen Techniken und schmerzhaften Verrenkungen…

Eine Einbettung in die Kunstgeschichte muss ein Film auf andere Weise leisten als mit Hilfe von Zitaten, die er höchstens sparsam einsetzen kann, oder platonischen Dialogen, die im fünften Kapitel zwischen Mario und Emmanuelle ausgiebig stattfinden. Letztere wurden reduziert auf die Kerninhalte: Polygamie leben, selbstbewusst exhibitionistischen Neigungen nachgeben, Auftrag zur Überwindung bürgerlicher Moralvorstellungen und Entlarvung jener Moralvorstellungen als Lügengebilde, die aus einem Angstempfinden geschaffen wurden. Der Film „Emmanuelle“ schafft eine eigene erotische Ästhetik, um sich selbst in die Reihe der im Buch zitierten Poeten zu stellen und die hier noch weit von Postkartenkitsch und Bangkoktourismuswerbung späterer, ähnlich gearteter Filme und Fortsetzungen entfernt ist, da die exotische Schönheit des Landes vom Filmzuschauer genauso emotional wie von der Protagonistin wahrgenommen wird Stimmungen erzeugt (Angst vor der Kinderhorde zu Beginn, Langeweile am Pool, Hitze…) und den Zuschauer sich mit Emmanuelle identifizieren lässt. Eine wichtige Voraussetzung, um ihn auf Emmanuelles Odyssee mitzunehmen und ihn für seine finalen philosophischen Inhalte zu begeistern, auch wenn sie im Film etwas sentenzenhaft erscheinen und nur verschränkt mit der literarischen Vorlage wirkliche Sprengkraft haben – und die haben sie heute wie in den Fünfzigern, als das Buch erschien und den Siebzigern, als der Film erschien, denn obwohl ein Großteil der westlichen Welt ihre Zeit, die sie im Internet verbringt, überwiegend auf Pornoseiten verbringt, sorgt die aufgebrachte Prüderie für Aufschreie in Serie, wenn etwa eine Fahrradhelmwerbung zu freizügig und nicht nach ihrem Geschmack ist und verbietet Grid Girls im Motorsport, weil diese Tradition nicht mehr den gesellschaftlichen Normen entspräche.

Erfreulich ist zudem die Komplexität, die der Film entfaltet, indem er nicht nur auf das Buch in begrenztem Zusammenhang interpretiert werden kann, sondern auch der Titelsong und die Filmplakate inhaltlich etwas beisteuern: In Bachelets Song wird eine Emmanuelle beschrieben, deren Körper sich mit ihrem Herzen noch nicht im Einklang befindet. Um Einklang zu finden, muss sie auf eine lange Reise gehen und wird auf ihrem Weg die Liebe erleben. Das erste für „Emmanuelle“ geschaffene Filmplakat zeigt eine listig lächelnde grüne Schlange, die sich aus den Schalen eines Apfels fortsetzt. Der auf der unteren Hälfte bereits geschälte Apfel hat die Farbe und Form eines menschlichen Hinterns. Das Plakat weist hier klug auf die tabubrechende Sprengkraft der Erkenntnisse, die der Film verbreitet, hin, verhält sich dem Christentum gegenüber provokativ, indem es seine wichtigsten Bilder übernimmt und ironisiert und weist vielleicht sogar erneut auf Nietzsche hin, für den die Schlange „das klügste Tier“ ist, schließlich lächelt die Schlange sehr weise. Das zweite Filmplakat, das heute das bekanntere ist, zeigt Emmanuelle auf dem Rattansessel (dem luftigen Korbsessel), auf dem sie auch in der letzten Szene des Films platznimmt, während ihre und Marios Stimme verschmelzen. Dieses Bild – Emmanuelle schminkt sich im Film, während sie im Sessel sitzt – markiert das Ende dieser besungenen Reise: Emmanuelle hat zu sich selbst und die Liebe gefunden und ist eins mit ihrem Meister, der Erotik selbst.


Fazit:

Ästhetisch und inhaltlich überzeugender Erotikfilm, dem man irrtümlicherweise oft Oberflächlichkeit vorwirft und den man neuerdings für verstaubt hält.


Wertung:

9 / 10


Top
 Profile  
 
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic Reply to topic  [ 148 posts ] Go to page  Previous  1, 2, 3, 4, 5

All times are UTC + 1 hour [ DST ]


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
© phpBB® Forum Software | phpBB3 free Forum by UserBoard.org | All Rights Reserved.
» Contact & Abuse Support-Forum Gooof Webdesign free forum Dein Forumo Forum web tracker