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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: ICH WAR EIN HÄSSLICHES MÄDCHEN - Wolfgang Liebeneiner
PostPosted: 10.02.2019 14:28 
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"Ich war ein hässliches Mädchen" (Deutschland 1955)
mit: Sonja Ziemann, Dieter Borsche, Karlheinz Böhm, Marianne Wischmann, Erika Remberg, Olga Tschechowa, Tatjana Sais, Evelyn Künnecke, Alexa von Porembsky, Bruno Fritz, Fritz Rémond, Wolfgang Neuss, Maly Delschaft, Curt Lucas, Myriam Lynn, Ingrid Schwarz u.a. | Drehbuch: Johanna Sibelius, Eberhard Keindorff nach dem Roman von Annemarie Selinko | Regie: Wolfgang Liebeneiner

Anneliese soll nach den Wünschen ihrer Eltern eine Handelsschule besuchen, da sie im Gegensatz zu ihrer hübschen Schwester wohl nicht heiraten wird. Als das verhärmte Mädchen dem Bühnenstar Claudio Pauls begegnet, findet es in ihm einen Freund und Gönner. Er verhilft Anneliese zu einem aparten Aussehen und sieht in ihr den perfekten Kumpel, der ihm offen sagt, was er denkt. Doch Anneliese hat sich schon längst in den gefeierten Schauspieler verliebt, was dieser empört zurückweist. Da lernt die junge Frau den adeligen Bankierssohn Thomas kennen....

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Das Buch der österreichischen Autorin Annemarie Selinko (1914-1986) wurde im Jahr 1937 zum ersten Mal veröffentlicht und in zwölf Sprachen übersetzt. Im Februar 2019 wird es vom Milena Verlag wieder aufgelegt, wobei der Verlag den Roman in seiner Programmvorschau "ein köstliches Stück Unterhaltungsliteratur" nennt. Die Schriftstellerin, die sich im Zweiten Weltkrieg in Dänemark der Widerstandsbewegung anschloss, war eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen und so wundert es nicht, dass ihre Bücher auch für die große Leinwand verfilmt wurden. Mit "Ich war ein hässliches Mädchen" liegt ein Stoff vor, der die breiten Massen anspricht, weil er die Geschichte eines einfachen Mädchens erzählt, "das mit Geschick und Unternehmungslust alle Schwierigkeiten umschifft, um zuletzt - nein, nicht Prinzessin oder Millionärsgattin zu werden, sondern das "kleine Glück" zu erobern." (*) Sonja Ziemann ist die perfekte Verkörperung dieser jungen Frau, weil sie keine Plakatschönheit ist und sich weder durch kokettes, noch aufdringliches Verhalten äußert. Der nüchterne Realismus, den sie ihren biederen, aber auch ehrgeizigen Eltern entgegensetzt, zeichnet sie als glaubwürdig und sympathisch aus. Ihr bigottes und oberflächliches Umfeld ebnet den Weg zu Claudio Pauls, dem gelangweilten Schauspieler, den Dieter Borsche mit Verve verkörpert. Zu lange schon umgibt er sich mit Schmarotzern, die sich in seinem Ruhm sonnen und sich ihm ehrerbietig nähern, um Vorteile für sich herauszuholen. Die Begegnung mit dem unverdorbenen Mädchen, das ihm ehrlich seine Meinung sagt, ist wie eine Frischzellenkur für ihn, obwohl er Anneliese freilich nicht als ebenbürtige Freundin betrachtet. Das "Entlein", wie er sie spöttisch nennt, ist der Boden, auf den er nach seinen Höhenflügen wieder gern zurückkehrt. Er verhilft ihr zu einem ansprechenden Aussehen, betrachtet diese Wohltat jedoch nicht als Zugeständnis, sondern als Beweis dafür, aus eigener Kraft mit Selbstbewusstsein voranzukommen. So wie er sich als Selfmademan sieht, soll sich auch Anneliese mehr zutrauen und sich vom Rockzipfel ihrer Familie befreien.

Wo Dieter Borsche Ironie, Sarkasmus und einen diabolisch augenzwinkernden Charme verkörpert, zieht Karlheinz Böhm alle Register seiner blendenden Manieren und seines geschmeidigen Aussehens. Süß wie ein österreichischer Faschingskrapfen mundet er Anneliese zunächst, obwohl man als Zuschauer darauf hofft, sie möge nicht zu herzhaft hineinbeißen, weil diese Mehlspeise leider die Angewohnheit hat, ihren Inhalt unvorteilhaft auf der anderen Seite auszuströmen. Die klebrige Marmelade ergießt sich dann unangenehm über die frisch gestärkten Sommerkleider, während ein trockener Zwieback wie Borsche höchstens zwischen den Zähnen knirscht, sonst aber sehr bekömmlich ist. Der populäre Böhm wurde selbst von den Beleuchtern und Kameraleuten "der Gentleman vor den Jupiterlampen genannt, weil ihn nie die gute Laune verlässt." (*) Mit seinem Erscheinen wendet sich das Blatt und der Film erhält eine neue, heitere Note. Die Idylle ist freilich nicht ungetrübt, da auch Thomas seine dunkle Seite hat und Anneliese ihn gar nicht liebt. Die Spielarten der Freundschaft zwischen Mann und Frau erhalten in Wolfgang Liebeneiners Film große Aufmerksamkeit und zeigen sich in den unterschiedlichen Nuancen. Das Zusammenwirken der Akteure bleibt deshalb immer spannend und lässt Raum für Interpretationen. Durch die Wahl der Schauplätze passt sich das Tempo dem Grad der Freundschaft zwischen den Personen an und sorgt je nach Handlungsort für übermütige Freude, steife Nervosität oder aufgeregtes Warten. Trotz der bis zu einem gewissen Grad vorhersehbaren Handlung bleibt der Film fesselnd; einfach, weil man den Schauspielern gerne zusieht. Man fühlt sich prächtig unterhalten und erkennt die eine oder andere Spitze gegen das Verhältnis der Geschlechter und die Traditionen, die in den Fünfziger Jahren noch sehr präsent sind. Die Frage, wen "Entlein" bzw. "Muschka" erhören wird, belebt den konventionellen Stoff und verleiht ihm durch den Einsatz seines Hauptdarstellertrios Frische und Realismus. Dennoch wird das Publikum der Fünfziger Jahre nicht durch einen Vorstoß in puncto Frauenemanzipation erschreckt, findet die weibliche Figur doch ein Ende, wie es die meisten Kinobesucherinnen damals vermutlich erträumten.

(*)= Zitate aus dem Buch von Friederike Mat: "Unsere Filmlieblinge - Ein Bilderbuch", Verlag Bernhard Reiff 1956


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