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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Eugenie )
PostPosted: 03.09.2018 14:37 
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schön, dass es wieder weiter geht, roother...

roother wrote:
[b][size=150][align=center]#18: Vampyros Lesbos (1970)

Ob es eine konkrete Anlehnung an eine literarische Vorlage gibt, kann ich daher leider nicht sagen.



Die Frage nach dem literarischen Vorbild kann wohl abschließend nicht beantwortet werden; ich denke, es ist wiederum auch hier eine Variation Francos zu erkennen, die auf dem Dracula-Roman basiert, wobei Franco die Hauptprotagonisten, Dracula und Harker, in weibliche Figuren transformiert hat (quasi ein feminines up-date zu seinem vorausgegangenen, mehr klassischen DRACULA mit Christopher Lee); da VAMPYROS LESBOS sich ja hauptsächlich auf den "weiblichen Dracula" und dem "weiblichen Harker" konzentriert, könnte es allerdings sein, dass Franco an Stokers DRACULAS GAST gedacht haben könnte - die Kurzgeschichte gilt als Vorarbeit für den Romananfang von DRACULA, in dem Dracula seinen Gast empfängt, so dass wir hier - im Erzähl-Fokus - die Dracula-Harker-Konstellation hätte...

ich persönlich würde bei VAMPYROS LESBOS vor allem an DRACULA'S DAUGHTER denken: der 1936 gedrehte Film stellt schon einmal eine weibliche Vampirfigur ins Zentrum, die lesbische Untertöne zeigt (die Szene mit dem Modell), und die außerdem von einem ergebenen Diener begleitet wird, so dass wir hier einen zusätzlichen Verweis auf den "Morpho" hätten, der dann ja aus Francos eigener Filmmythologie stammt; bei LA COMTESSE NOIRE ist der Bezug zum erwähnten Universal-Film aus dem Jahr 1936 dann wirklich unverkennbar, so dass ich VAMPYROS LESBOS für ein "Konzept" halte, in dem DRACULA'S DAUGHTER umgeschrieben wird, und das schließlich dann hin zu LA COMTESSE NOIRE führt...

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Der weibliche Vampir und der ergebene Diener in VAMPYROS LESBOS

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einige Eindrücke aus DRACULA'S DAUGHTER...


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Vampyros Lesbos )
PostPosted: 07.09.2018 11:38 
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Mal wieder sehr informative Ausführungen von dir. Vielen Dabk für diese Bereicherung.

Der Vergleich mit Draculas Daugther macht wirklich Sinn. Muss ich mir mal ansehen

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Vampyros Lesbos )
PostPosted: 08.09.2018 12:42 
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#19: Sie tötete in Ekstase (1970)

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Die kleine Schwester von „Vampyros Lesbos“, denn quasi parallel zu diesem wurde „Sie tötete in Ekstase“ gedreht. Die Story um eine femme fatal, welche vier Ärzte, die an dem Selbstmord des Mannes schuld sind, einen nach dem anderen ermordet, ist nicht neu. Wir kennen dies bereits aus „Das Geheimnis des Doktor Z“. Dort rächte sich die Töchter an dem Tod des Vaters.

„Sie tötete in Ekstase“ hinterlässt ein äußerst zwiespältiges Bild. Die Story ist schnörkellos und gradlinig, doch leidet die Geschichte auch unter akkurater Charakterzeichnung. Die Opfer sind allesamt ziemlich einfältig für solch hochangesehene Akademiker. Ebenso passt es nicht ins Bild, dass die rachsüchtige Frau einfach so die unschuldige Ehefrau des Arztes tötet. Das ist besonders schade, da sonst die Figur der Soledad Miranda enorm ausdrucksstark und leidenschaftlich ist. Generell rettet sie durch ihre Ausnahmeperformance viele der eher problematischen Szenen.

Franco fängt hier in seiner zukünftigen Lieblingslocation enorm starke Bilder ein. Eindrucksvolle, harte Architektur trifft auf südliche Leichtigkeit. Zwar geht Franco weder surreal vor, noch legt er so viel Wert auf seine Bildästhetik, welche zuvor „Vampyros Lesbos“ zu einem solchen Erlebnis machte, aber allein Soledad in dieser einmaligen Kulisse, rechtfertigen die Sichtung.

Leider macht es sich Franco beim Visualisieren der Morde und beim toten Gatten sehr einfach. Statt die blutige Tat auch als solche darzustellen, sieht man meist nur einen Streifen roter Farbe wo eigentlich eine klaffende Schnittwunde hätte sein müssen. Ebenso wäre es schockierender gewesen, wenn der tagelang vor sich hin gammelnde Leichnam des Gatten auch als solcher dargestellt worden wäre.

Der Zwiespalt, dass der gesamten Film immer zwischen genial und grottenschlecht hin und her springt, zeigt sich auch in der Musik: Während die Szene, des leidenden Racheengels, der sich auf dem Stuhl zusammenkauert, durch wuchtige Orchester eine enorme emotionale Tiefe generiert, wirken die jazzigen Klänge teilweise völlig deplatziert.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
PostPosted: 07.10.2018 12:57 
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"Sie tötete in Extase" erfüllt so ziemlich jedes (Vor)urteil, das ich über Franco habe. Eine Story, die ich einfach nur als hirnrissig empfinde, weil sie nur rudimentär ausgearbeitet ist, präsentiert mit schlampig inszenierten Szenen. Ist der Ehemann nun tot oder hat er nur eine Depression und liegt dumm rum? Wenn man schon Kastrationsszenen auf die Leinwand bringt, sollte man bei Nekrophilie doch etwas eindeutiger sein. Und so einen Stuss wie die "Konferenzen" und ihr Gelaber findet man nicht alle Tage. Von der Story und ihrer Umsetzung hat das nicht mal Groschenheftniveau.

Und die Musik! Die ist gerade in den wichtigen Szenen völlig daneben.


Natürlich gibt es auch gelegentlich was Positives. Schöne Landschaftsbilder, eine schöne Soledad Miranda und ein völlig fehlplatzierter Horst Tappert, der so wirkt, als hätte er sich in den falschen Film verirrt. Man unterstellt ja gern, dass er es nur fürs Geld getan hat, damit sie ihm seine Starnberger Villa (oder was auch immer) nicht wegpfänden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer Franco-Produktion viel mehr als das Flugtickett und Kost und Logis rausgesprungen ist. Wenn es überhaupt mehr als drei Drehtage waren.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
PostPosted: 08.11.2018 11:26 
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Macht Roother eigentlich Franco Pause?


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
PostPosted: 27.11.2018 13:32 
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Ryan wrote:
Macht Roother eigentlich Franco Pause?


Hey Ryan,

ja ich habe mich dazu entschieden eine Pause zu machen. Nach 19 Franco-Filmen mehr oder weniger dicht hintereinander viel es mir extrem schwer "Der Teufel kam aus Akasawa" zu sehen. Hab ihn mittlerweile vier mal angefangen und immer wieder abgebrochen. Ich spürte einfach eine gewisse Übersättigung und könnte Francos Werk nicht angemessen bewerten.

So kam ich zu der Überzeugung erstmal anderen Filmen den Vorzug zu geben.

Aber mein projekt ist damit nicht gestorben, es kommen ja noch extrem viele sehenswerte Filme auf mich zu. Hoffe, dass ich es bald wieder anpacken kann

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
PostPosted: 02.03.2019 16:59 
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Ich hoffe, dass nach 3 Monaten noch Interesse an meinem kleinen Franco-Projekt besteht, denn ab heute geht es wieder weiter - und zwar mit:


#20: Der Teufel kam aus Akasava (1970)

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Der letzte Film mit Soledad Miranda vor ihrem tragischen Autounfall – und es ist leider ein zutiefst durchschnittlicher Film geworden.

Die Story um einen mysteriösen Stein, der Metall in Geld verwandeln kann, ist mit einer Vielzahl von undurchsichtigen Charakteren von allerlei Intrigen verwässert. Handlungsfäden werden aufgenommen und Minuten später völlig ergebnislos wieder fallen gelassen. Für einen Krimi herrscht viel zu wenig Spannung, von Atmosphäre kann hier leider keine Rede sein. Man merkt, dass an allen Ecken und Enden nicht nur die Zeit, sondern auch das Geld fehlte.

Natürlich rettet die charismatische und nicht minder bezaubernde Miranda den Film vor dem völligen Untergang. Ihre körperliche Präsenz und ihre laszive Erotik drücken dem Film deutlich seinen Stempel auf. Natürlich darf auch hier die francosche, obligatorische Burlesque-Szene in einem Tanzlokal nicht fehlen. Dank Soledad Miranda versprüht diese sonst eher trivial inszenierte Szene einen Hauch von Erotik, welche zu überzeugen weiß.

Kinematografisch nimmt sich Franco hier deutlich zurück im Vergleich zu Werken wie „Vampyros Lesbos“, aber in wenigen Szenen zeigt er seine Extravaganz. So beispielsweise in einer von den zahlreichen Dialogszenen, in denen ein weißes Blinklicht Mirandas Körper abwechseln beleuchtet und dann wieder in mysteriösen Halbschatten hüllt.

Übrig bleibt ein leider sehr durchschnittlicher Film, der ausschließlich wegen der charismatischen Präsenz von Soledad Miranda sehenswert ist.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Sie tötete in Ekstase )
PostPosted: 02.03.2019 21:45 
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roother wrote:
Ich hoffe, dass nach 3 Monaten noch Interesse an meinem kleinen Franco-Projekt besteht, denn ab heute geht es wieder weiter -.


Bitte unbedingt weitermachen!!!...

hinsichtlich Deiner Kritik zu "Akasava" hast Du sicherlich recht, aber ich als Fan von "Rattennest" (USA 1955) fand natürlich gut, dass der geheimnisvolle Stein eine schöne Anspielung an den nuklearen Kofferinhalt aus dem Aldrich-Noir (wohl) darstellt; gerade das explosive Ende in beiden Filmen verleitet mich zu dieser Annahme...

ansonsten machen manche Einstellungen in "Akasava" dennoch mir sehr viel Spaß - natürlich besonders die mit Soledad...


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Teufel kam aus Akasava)
PostPosted: 03.03.2019 09:06 
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Danke für die Rückmeldung, das motiviert sehr.

Ja, du hast schon Recht, dass Akasava seine Momente hat.

Ich fand z.B. auch den verseuchten Forrester (wie er da quasi willenlos durch die Gegend stampft) eine nette Anlehnung an an Francos orloffsche Kreationen.

Und natürlich jede Minute mit Soledad. Die Tanzeinlagen sind wirklich sehr erotisch inszeniert.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Teufel kam aus Akasava)
PostPosted: 03.03.2019 11:37 
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#21: X-312: Flug zur Hölle (1970)


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Wow, was für eine Überraschung. Erwartet habe ich eine lahm inszenierte Abenteuer-Variante von „Der Teufel kam aus Akasava“ mit viel Im-Dschungel-Herumgelaufe. Bekommen habe ich einen unterhaltsamen Abenteuer-Krimi, der mit einer ordentlichen Portion Erotik und kurzweilig inszenierten Action-Sequenzen super unterhalten kann.

Im Schatten des tragischen Todes von Soledad Miranda warf sich Franco wohl direkt wieder in die Arbeit. Hierbei kann die Tatsache, dass die Protagonisten vor dem streng reglementierten Chile in die Freiheit von Brasilien fliehen, sogar als inhaltliche Referenz auf Francos eigene Erfahrungen in Spanien verstanden werden.

Klar, in einem cineastischen Äquivalent eines klassischen Abenteuer-Groschenromans darf man keine vielschichtige Charakterzeichnung erwarten und auch die Existenz von Stereotypen nicht ankreiden, von daher gehen die Figuren wie der von Howard Vernon verkörperte Pedro völlig in Ordnung. Die Handlung ist gradlinig aufgebaut, verliert kaum den roten Faden und weiß sogar in der einen oder anderen Situation zu überraschen.

Die Debütantin in francoschen Universum, Esperanza Roy, ist eine Augenweide und weiß mit ihrer körperlichen Präsenz auf ganzer Linie zu überzeugen. Hier zeigt der grand maître der Erotik wieder wie sinnlich er den weiblichen Körper ins rechte Licht rücken kann.

Man merkt dem Film zwar in Szenen wie der völlig missglückten Inszenierung des Absturzes an, dass auch hier Geld und Zeit Mangelware waren, aber im Gegensatz zu „Der Teufel kam aus Akasava“ überzeugt die flotte Inszenierung und die schmierigen Charaktere den geneigten Zuschauer bestens.

Franco verzichtet hier auf musikalische Eskapaden und untermalt X312 eher traditionell mit populärer Musik.


Ein toll inszenierter Abenteuer-Krimi mit überzeugenden Kulissen und knisternder Erotik (auch ohne die obligatorischen, francosche Tanzeinlagen)

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: X312 - Flug zur Hölle)
PostPosted: 04.03.2019 11:27 
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#22: Der Todesrächer von Soho (1971)

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OK, ich gebe zu, dass ich mich bisher nie wirklich für Krimis begeistern konnte. Während ich ein großer Liebhaber klassischer Gialli bin, konnte mich das Poliziotteschi-Äquivalent nie besonders begeistern. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich bisher immer einen großen Bogen zum Edgar Wallace gemacht habe. So stand die Sichtung von „Der Todesrächer von Soho“ schon im Vorfeld unter keinem guten Stern.

Umso überraschter war ich dann, als ich festgestellt habe, dass die Handlung sogar recht flott inszeniert wurde. Eine Vielzahl an Charakteren werden eingeführt und kaum einer dieser Fäden läuft völlig ins Leere. Die Geschichte um einen Mörder, der seinen Opfern den Koffer packt ist skurril und spannend umgesetzt. Es gibt mehrere Twists und die Anzahl an unlogischen Verhaltensweisen hält sich in Grenzen.

Sehr positiv muss an dieser Stelle Francos Kinematografie erwähnt werden. Auf der visuellen Ebene wird hier einiges geboten: Weitwinkelaufnahmen, der Einsatz einer Fischaugen-Linse, Herausgezoomte, lange Korridore, sowie die ein oder andere wirksame Froschperspektive wissen zu gefallen. Besonders beeindruckt war ich von den Bordellszenen, in denen Franco ein atmosphärisches Spiel aus Licht, Schatten und Rauch inszeniert, welche durch das indirekte Licht einer Milchglasscheibe einen sehr diffusen Eindruck hinterlässt.

Nicht ganz sicher bin ich, was die statischen Schlieren auf den vielen Außenaufnahmen bewirken sollen. Wenn Franco damit beabsichtigt hat, den sonnigen Tag durch eine Art Nebel in ein Zwielicht zu rücken, ist ihm das meiner Meinung nach nicht wirklich gelungen.

Sehr schade fand ich die völlige Abstinenz jeglicher Erotik. Es gibt zwar eine kurze Tanzszene, diese ist aber kaum als erotisch oder lasziv zu bezeichnen. Hier fehlt eindeutig eine Grazie a la Soledad Miranda, denn während die männlichen Darsteller meist durch ihre Schmierigkeit zu überzeugen wissen, bleiben die Frauen in diesem Film allesamt blass, was sehr schade ist, denn eigentlich ist es Francos ganz große Stärke, seine Darstellerinnen perfekt in Szene zu setzen.

Übrig bleibt ein sehr zwiespältiger Eindruck eines zwar recht spannend und flott inszenierten Krimis, der visuell beeindruckend inszeniert ist, jedoch jegliche Form von Erotik vermissen lässt.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: X312 - Flug zur Hölle)
PostPosted: 04.03.2019 12:20 
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roother wrote:
#22: Der Todesrächer von Soho (1971)

Für mich ist "Der Todesrächer von Soho" ein Film des Vergleichs, zumal er bereits 1962 ziemlich bieder und unspektakulär von Werner Klingler inszeniert wurde. Jess Franco reichert die Vorlage zehn Jahre später mit frischem Blut an und die Geschichte wirkt unter seiner Regie wesentlich rasanter, ansprechender und vielleicht zeitgemäßer, wenngleich er sich für seine eigenen Verhältnisse sehr zurückgehalten hat. Du hast ja in diesem Zusammenhang die mangelnde Erotik angesprochen. Vielleicht würde man spontan sagen, dass derartige Inhalte für einen Kriminalfilm nicht besonders relevant sind, aber gerade in dieser Entstehungszeit wurden viele Filme ja gerne mit etwas Haut und Leidenschaft angereichert. "Der Teufel kam aus Akasava" ist hier so ein Beispiel. Auch wenn der Film im Franco-Orbit generell kaum eine Rolle spielt, finde ich schon, dass er gerade hier bewiesen hat, welchen Sinn für Ästhetik und Dynamik er hatte.



roother wrote:
bleiben die Frauen in diesem Film allesamt blass, was sehr schade ist, denn eigentlich ist es Francos ganz große Stärke, seine Darstellerinnen perfekt in Szene zu setzen.

Das wiederum sehe ich komplett anders, da er seine Hauptdarstellerinnen weitgehend bis deutlich konträr zu ihren sonstigen Aufgabengebieten positioniert. Im Bereich der Optik bekommt man sowohl bei Barbara Rütting als auch Elisa Montés Alternativen angeboten. Mit Rütting betreibt Franco ja beinahe eine Fetischisierung, oder wenn man so will eine Art Diametral-Erotik. Die Deutsche war in dieser beinahe heruntergekommenen und abschreckenden Verfassung selten bis nie zu sehen, auch die Anlegung der Rolle ist trotz häufig alternativ gefärbter Ansätze für sie vollkommen ungewöhnlich. Bei der Spanierin Elisa Montés hat Franco es geschafft, ihre Schokoladenseite in den Aufmerksamkeitsfokus zu bringen, denn ich finde, man hat sie selten wieder so schön und anmutig gesehen. Auch der Umfang der Rolle ist für ihre Verhältnisse relativ beachtlich. Zu erwähnen ist aber vor allem Francos Stamm-Schauspielerin Beni Cardoso, die hier in der Rolle der Linda, die Nichte von Lord Cronsdale, zu sehen ist. Hier gehen Zynismus, Brutalität und Perversität eine interessante Allianz ein, die die Story gut voran treibt. Sicherlich ist es im Endeffekt aber so, dass alle Damen des Films zu wenig Screentime hatten, wenngleich die drei eben genannten alles erdenkliche aus ihren Auftritten herausholen konnten. Ich finde, das hat Jess Franco hervorragend gemacht.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 04.03.2019 13:11 
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Vielen Dank, prisma, für deinen ausführlichen und wirklich interessanten Beitrag.

Bezüglich der Inszenierung seiner Darstellerinnen:

Wenn es um die Positionierung auf dem inhalktlichen Tableau geht, stimme ich voll und ganz zu, dass der weibliche Cast hier keineswegs überflüssig oder blass agiert.
Mein Einwand galt einzig und allein dem Visuellen (verbunden mit meiner Kritik der fehlenden Erotik). Ich meine, Franco hat hier mit Elisa Montés und Beni Cardoso zwei wunderschöne Darstellerinnen, welche meiner Meinung nach völlig unspektakular in Szene gesetzt werden. In Sumru, Akasava und X312 wurde Cardoso deutlich erotischer in Szene gesetzt. So zumindest empfinde ich es.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 04.03.2019 13:51 
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Ja, ich verstehe schon was du meinst. Gerade Beni Cardoso wurde von Franco mit Vorliebe wesentlich exponierter ins Bild gerückt. So stimmt es auf jeden Fall, dass sowohl sie, als auch Elisa Montés - sagen wir mal - um die Möglichkeit gebracht wurden, ihr übliches Potential preiszugeben. Ich denke aber, dass es im speziellen Fall von "Der Todesrächer von Soho" ganz einfach der Tatsache geschuldet ist, dass es sich um einen klassisch orientierten Krimi handeln sollte. Die cCc Filmkunst als treibende Kraft, und vermutlich Hauptfinancier, wird ja sicherlich daran interessiert gewesen sein, bekannte Namen für den deutschen Markt unterzubringen. So stelle ich mir beispielsweise auch die Verpflichtung von Barbara Rütting vor. Wenn ich mir sie so anschaue; ihr Rollen-Charakter und ihre Aufmachung erinnert mich doch stark an Beni Cardoso in "Dr. M schlägt zu".

Wer weiß, vielleicht hätte Cardoso diesen Part unter anderen Umständen ja eher übernommen, wenn Rütting nicht mit von der Partie gewesen wäre? Von der Screentime her wird man Barbara Rüttings üblichen Gewohnheiten nämlich kaum gerecht. Aber für meinen Geschmack hat Beni Cardoso hier einen ihrer stärksten Auftritte überhaupt. Ihre Szenen im Club, in denen man zunächst nur ihre Silhouette erkennt und die bissige Stimme hört, obendrein in dieser herrlich mysteriösen Ausleuchtung; das hat mir immer schon besonders gut gefallen. Ihre Aggressivität und Verdorbenheit macht einiges her, genau wie die Dominanz, ihren Untergebenen gegenüber. Deswegen finde ich eher, dass sie bei Jess Franco üblicherweise verschenkt wurde, im Gegensatz zu hier. Sie hat eine konturenreichere Aufgabe im Film übernommen. Aber es kommt natürlich immer darauf an, was man lieber sehen möchte. Deswegen kann ich es gut nachvollziehen, dass ihr Auftritt im Vergleich nicht so sehr punkten kann.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: X312 - Flug zur Hölle)
PostPosted: 04.03.2019 14:11 
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Interessante Diskussion auch hier.

Prisma wrote:
roother wrote:
#22: Der Todesrächer von Soho (1971)

Für mich ist "Der Todesrächer von Soho" ein Film des Vergleichs, zumal er bereits 1962 ziemlich bieder und unspektakulär von Werner Klingler inszeniert wurde. Jess Franco reichert die Vorlage zehn Jahre später mit frischem Blut an und die Geschichte wirkt unter seiner Regie wesentlich rasanter, ansprechender und vielleicht zeitgemäßer, wenngleich er sich für seine eigenen Verhältnisse sehr zurückgehalten hat. Du hast ja in diesem Zusammenhang die mangelnde Erotik angesprochen. Vielleicht würde man spontan sagen, dass derartige Inhalte für einen Kriminalfilm nicht besonders relevant sind, aber gerade in dieser Entstehungszeit wurden viele Filme ja gerne mit etwas Haut und Leidenschaft angereichert. "Der Teufel kam aus Akasava" ist hier so ein Beispiel. Auch wenn der Film im Franco-Orbit generell kaum eine Rolle spielt, finde ich schon, dass er gerade hier bewiesen hat, welchen Sinn für Ästhetik und Dynamik er hatte.


Guter Punkt. Der "Todesrächer" ist sicher kein Meisterwerk, aber den Vergleich zu Werner Klinglers unglaublich öder Originalverfilmung "Das Geheimnis der schwarzen Koffer" gewinnt er haushoch.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: X312 - Flug zur Hölle)
PostPosted: 04.03.2019 14:12 
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roother wrote:

Sehr positiv muss an dieser Stelle Francos Kinematografie erwähnt werden. Auf der visuellen Ebene wird hier einiges geboten: Weitwinkelaufnahmen, der Einsatz einer Fischaugen-Linse, Herausgezoomte, lange Korridore, sowie die ein oder andere wirksame Froschperspektive wissen zu gefallen. Besonders beeindruckt war ich von den Bordellszenen, in denen Franco ein atmosphärisches Spiel aus Licht, Schatten und Rauch inszeniert, welche durch das indirekte Licht einer Milchglasscheibe einen sehr diffusen Eindruck hinterlässt.



Ich finde es sehr wichtig, dass Du vor allem das Visuelle an dem Film hervorhebst (Franco war - meiner Meinung nach - vor allen Dingen ein Stilist, der sich zwar bei der ästhetischen Filmtradition bedient hatte, dieser aber auch immer wieder neue Perspektiven geben sollte - um auch Inhaltliches so zu transportieren)... Prisma schreibt ja richtigerweise, dass "Der Todesrächer" von Franco dann auch eine Auseinandersetzung mit einem älteren Film ist, der neuerlich (sicherlich zeitgemäßer) bearbeitet wird; wobei ich der Meinung bin, dass Franco mit seinen optischen Spielereien versucht, dem Film (simpler Plot mit Figurentypen) einen Comic-Book-Look zu geben; spätestens seit "Lucky M. füllt alle Särge" ist dies in seinem Werk zu bemerken, und in "Dr. M schlägt zu" hat Franco für mich den künstlerischen Gipfelpunkt erreicht - denn: wo in "Lucky" mit Hilfe von Comic-Buch-Sprechblasen die Anspielung auf das andere Bildmedium noch sehr direkt und eindeutig gewesen ist, setzt danach eine Entwicklung ein, die mehr und mehr eine "filmische" Version eines Comic-Buchs schafft (besonders die Weitwinkel-Aufnahmen und die zahlreichen Farbspielereien wären hier herauszustellen) - Franco schafft so in den Sequenzen und Szenen immer wieder Bildeindrücke, die "gerahmt" und "farblich abstrakt" erscheinen, um so auf das zweidimensionale Comic-Book anzuspielen...
wenn man meine Betrachtungsweise nachvollziehen kann, dann könnte man beim "Todesrächer" von einer bewusst gewählten Comic-Buchausgabe eines "Edgar Wallace"-Films sprechen; dies würde zu Francos Charakter ja bestens passen; diesbezüglich hatte er seine eigenen Filme immer gerne marginalisiert, als Pulp-Werke betrachtet, die keine Botschaften besitzen sollten und nur der Unterhaltung dienlich sind (natürlich sollte man eine solche Aussage nicht [ganz so] ernst nehmen)...

also: wie seht Ihr das: "Der Todesrächer" ein kleiner Pulp-Comic-Bruder der großen "Edgar Wallace"-Reihe?...

ach, was ich mich immer gefragt hatte: es gibt im "Todesrächer" eine Szene, in der eine Figur gefesselt wird, das Radio wird angedreht und dann wird diese Person gefoltert (ich habe die Szene jetzt nicht mehr genau im Gedächtnis) - mich hatte diese Episode immer sehr an eine Folterszene in "Reservoir Dogs" erinnert, wo Tarantino ja Ähnliches inszeniert hatte...


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 04.03.2019 14:41 
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Howard Vernon wrote:
also: wie seht Ihr das: "Der Todesrächer" ein kleiner Pulp-Comic-Bruder der großen "Edgar Wallace"-Reihe?...

Ein interessantes Gedankenspiel! In dieser Beziehung hat Jess Franco tatsächlich eine derartige Atmosphäre schaffen können, auch wenn ich mir hier vorher noch keine Gedanken gemacht hatte, oder es mir so nicht aufgefallen wäre, da ich den Film immer als Krimi betrachtet habe. Ich denke, dass man es im stilistischen und inszenatorischen Bereich durchaus unterschreiben könne, doch immerhin ist der Film nach Film-Vorlage entstanden, und diese hatte überhaupt nichts Comic-haftes. Falls doch, wäre es jedenfalls zum einschlafen gewesen. :lol:


Howard Vernon wrote:
es gibt im "Todesrächer" eine Szene, in der eine Figur gefesselt wird, das Radio wird angedreht und dann wird diese Person gefoltert

Das ist die Szene zwischen Barbara Rütting und Horst Tappert, als er sie fesselt und mit Parfum übergießt und dann seine Streichhölzer zückt...
Wie gesagt, für Barbara Rütting durchaus außergewöhnlich, das Ganze.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 04.03.2019 21:06 
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Prisma wrote:
In dieser Beziehung hat Jess Franco tatsächlich eine derartige Atmosphäre schaffen können, auch wenn ich mir hier vorher noch keine Gedanken gemacht hatte, oder es mir so nicht aufgefallen wäre, da ich den Film immer als Krimi betrachtet habe.


Die spezifisch individuelle Perspektive des Betrachters ist hierbei sicherlich wesentlich; ich selbst kenne den "Todesrächer" seit Anfang der 90er Jahre vom Toppic-VHS-Tape; die Edgar-Wallace-Reihe kenne ich seit Kindertagen aus dem Fernsehen und Jess Franco war mir bei der Erstsichtung eher als Name ein Begriff (von seinem Werk kannte ich bis dahin nur sehr wenig); heißt: der "Todesrächer" wurde von mir als deutscher Krimi aus der Wallace-Serie wahrgenommen und eingeordnet; und da ich immer schon die etwas überdrehten Farb-Wallace-Filme mochte (zum Beispiel den unkonventionellen "Der Gorilla von Soho"), kam dann auch "Der Todesrächer" bei mir auch damals schon nicht schlecht weg...

Fans, die eher die klassischen Wallace-Krimis mögen und Jess Franco nicht kennen (oder sein Werk ablehnen), werden wohl sicherlich den "Todesrächer" (1.) nach den Maßstäben der frühen (ernsteren) Wallace-Film-Phase einordnen und somit (2.) den Film eher übergehen (wäre meine These)...

bei mir ist es heute so, dass "Der Todesrächer" zuerst als Franco-Werk betrachtet wird und danach erst die Einordnung ins Wallace-Universum erfolgt; das ist natürlich ein Ansatz, der sich erst über die Jahre - durch die Beschäftigung mit Francos Werk - herausgebildet hat und damit retrospektiv nur gelingen kann; mir fallen dann die Franco-Motive und typischen Anspielungen auf und Handlung sowie Figurenentwicklung (die für einen Krimi wichtig wären) treten gänzlich in den Hintergrund; so ist es wohl möglich, dass nicht zuletzt bei den beiden Wallace-Filmen von Franco - der eben ein ganz besonderer Regisseur mit einem unglaublichen Stil-Willen gewesen war, solch unterschiedliche Bewertungen entstehen...

Prisma wrote:
Das ist die Szene zwischen Barbara Rütting und Horst Tappert, als er sie fesselt und mit Parfum übergießt und dann seine Streichhölzer zückt...
Wie gesagt, für Barbara Rütting durchaus außergewöhnlich, das Ganze.


Ganz genau diese Szene meinte ich - das Ganze ist wirklich sehr gut inszeniert...


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 04.03.2019 22:03 
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Howard Vernon wrote:
ich selbst kenne den "Todesrächer" seit Anfang der 90er Jahre vom Toppic-VHS-Tape; die Edgar-Wallace-Reihe kenne ich seit Kindertagen aus dem Fernsehen und Jess Franco war mir bei der Erstsichtung eher als Name ein Begriff (von seinem Werk kannte ich bis dahin nur sehr wenig)

Ganz genauso war es bei mir. Als ich mir die VHS damals gekauft hatte, war ich von der Inszenierung ein wenig irritiert, was nicht heißt, dass ich nicht gleichzeitig angetan war. Ganz bestimmt hat es am Vergleich zu den mir bekannten Wallace-Filmen und Krimis gelegen. Was die Einordnung des Films angeht, so zähle ich ihn heute ganz klassisch zur Bryan-Edgar-Wallace-Reihe, wobei es eigentlich nicht wichtig ist, ob man ihn zu dieser Sparte oder zum Franco-Gesamtwerk zählt. Im Grunde genommen befindet sich "Der Todesrächer von Soho" ja in einer Art Grauzone, denn er ist zu unkonventionell für die meisten Krimi-Anhänger und zu brav oder klassisch für Franco-Fans. Das sehe ich aber immer schon als die große Stärke an, denn man kann ja von beidem profitieren, falls man es einfach umdreht.

Leider ist es häufig so, dass sowohl "Akasava" als auch "Todesrächer" in Wallace-Fan-Kreisen keinen guten Stand haben, hin und wieder sogar ihre Existenzberechtigung infrage gestellt bekommen. Mich persönlich hat "Der Todesrächer von Soho" jedenfalls an Jess Franco herangeführt, denn es dürfte tatsächlich mein erster Film von ihm gewesen sein. In diesem Zusammenhang habe ich schon oft die gleiche Beobachtung machen können: Es ist in vielen Fällen beinahe egal, welcher Franco der Einstiegsfilm war. Jeder von ihnen besitzt das Potential, Interesse zu wecken und Faszination auszuüben. Wenn man dieses Ruf nicht hört, wird der Spanier vermutlich immer nur ein Regisseur vom Fließband bleiben, was ich sogar je nach Betrachtungsweise auch ein ganz kleines bisschen nachvollziehen kann.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 05.03.2019 08:59 
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Es überrascht mich schon etwas wie viele Positives man Akasava und Soho neben den von mir erwähnten Punkten noch abgewinnen kann.

Ich kenne eigentlich neben den beiden bis auf wenige Gialli keinen Wallace-Film, aber die beiden von Franco werden definitiv bald wieder im Player landen. Mit der nun korrigierten Erwartungshaltung könnte das ein ganz anderes Filmerlebnis werden.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 06.03.2019 10:43 
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"Der Teufel kam aus Akasava" und "Der Todesrächer von Soho" haben viele Stärken, und auch ich finde sie deswegen sehr sehenswert. Das basiert sicherlich auf meiner Wallace-Affinität, aber hatte bei mir nicht den Effekt, dass ich sie deshalb vergleichsweise schlechter finde, nur weil sonst meistens klassischer inszeniert wurde; die italienischen Co-Produktionen mal ausgenommen. Solche Farbtupfer, wie Jess Franco sie ins Rennen schicken konnte, haben den Reihen Edgar Wallace und Bryan Edgar Wallace im Rückblick gut getan, denn auch wenn sie damit so gut wie beendet waren, haben sich neue Wege und Ableger daraus entwickeln können. Zumindest unter Verwendung bestimmter Inhalte. Daher bin ich froh über jeden Film, der letztlich inszeniert wurde. Der Vorwurf, Franco habe gleich mehrere Reihen (wie auch etwa die Fu-Man-Chu-Reihe) totgeritten, ist oft zu hören. Bei der ausschließlichen Betrachtung über den alternativen Inszenierungsstil und der vollkommen unterschiedlichen Ansätze ist es vieleicht sogar auf den ersten Blick nachvollziehbar, aber es ist eigentlich nur eine Halbwahrheit. Die Zeiten hatten sich geändert und renommierte Regisseure, die all diese Formate bedienten, verpassten häufig den Anschluss. Jess Franco hingegen ist aufgrund seiner Vielseitigkeit quasi übrig geblieben und er war stets für neue Überraschungen und den Zuschnitt auf aktuelle Sehngewohnheiten gut, ohne dabei seinen grundeigenen Stil zu vergessen.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 09.03.2019 09:59 
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#23: Dr M. schlägt zu (1971)

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Es fühlt sich an als ob ich eben das Finale einer cineastischen Entdeckungsreise Francos gesehen habe. Im Grunde ist dieser Film das Ende einer Reise, die mit Vampyros Lesbos (vielleicht sogar mit Succubs) begann. Immer wieder experimentierte Franco in seinen Vorgängerfilmen mit visuellen Extravaganzen – nie aber in dieser Perfektion und in dieser Häufigkeit.
„Dr. M. schlägt zu“ ist daher in erster Linie ein visueller Film, nein ein visuelles Erlebnis. Franco dringt mit seinen extremen Zooms tief in den Nahbereich seiner Protagonisten ein, nichts bleibt hier ihm Verborgenen: ihre Verletzlichkeit, ihr Wahnsinn, ihre Passion. Leider bleiben durch diese Nahaufnahmen auch die Unzulänglichkeiten der Produktion nicht im Verborgenen (Andros schlechte Maske, unpassende Perücken oder eine Kanone, deren Lauf vorne verschlossen ist). Diese Nähe durchbricht Franco immer wieder durch das andere Extrem: massive Weitwinkel. Franco versteht sich meisterlich im Inszenieren von langen Korridoren, verwundenen Gängen oder dem Ausleuchten seiner Kulissen.

Mal positioniert er die Kamera unter dem Protagonisten, mal inszeniert er einen roten Farbrausch, der gefühlt in der nächsten Sekunde durch ein diffuses Blau abgelöst wird. Visuell bewegt sich Franco hier auf dem Höhepunkt seines bisherigen Schaffens (einzig die Surrealität eines Succubus wird hier ausgespart, was jedoch der Thematik geschuldet ist).

Neben der visuellen Reminiszenz entdecken wir hier auch eine inhaltliche. So begegnet uns wieder einmal Prof. Orloff, ebenso wie ein gedankenkontrolliertes Monster (diesmal nicht Morpho, sondern Andros). Bekannte Jazz-Musik untermalt nicht nur die obligatorische Tanzeinlage.
Ewa Strömberg , Eva Garden und Beni Cardoso sind wunderschön in Szene gesetzt und können durch ihre Präsenz sehr überzeugen (auch wenn Eva etwas unterrepräsentiert wird)

So raffiniert die Kinematografie und die Beleuchtung sind, so undurchsichtig und teils sogar ärgerlich sinnlos sind die Drehbucheinfälle und Charakterzeichnungen. Ich möchte gar nicht viel Zeit mit dem Aufzählen der inhaltlichen Probleme verbringen, da ich das Gefühl habe, dass Franco durch seinen Mabus-Film in erster Linie ein visuelles Feuerwerk inszenieren wollte. Quasi das Pop-Art Äquivalent zum Fritz Lang-Film. Hier war für ihm der „Style“ deutlich wichtiger als die „Substance“. Aber klar, die völlig uninspirierte Arbeit der Polizisten, die neben dem absolut unpassenden Flirten mit einer Zeugin, nur den unnötigen Tod von Andros zu verantworten haben oder die vielen Anschlussfehler stören schon, aber der visuelle Rausch, den uns Franco hier präsentiert, machen diese Probleme schnell vergessen

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Dr. M. schlägt zu)
PostPosted: 09.03.2019 11:16 
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War diese eine Verhörszene in "Dr. M. schlägt zu", die Paul Verhoeven eigentlich gesehen haben muss, so stark ist die Parallele zu seiner berühmten Verhörszene in "Basic Instinct"?


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Dr. M. schlägt zu)
PostPosted: 09.03.2019 11:20 
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Genau daran habe ich auch gedacht. Ewa Strömberg gefällt mit in der Szene auch deutlich besser als Sharon Stone, auch wenn die erotische Spannung in Basic Instinct deutlich höher ist

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Dr. M. schlägt zu)
PostPosted: 10.03.2019 08:46 
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Ich finde auch, dass Ewa Strömberg hier optisch gesehen sehr intensiv ins Szene gesetzt ist und der Screenshot in der Mitte ist eine meiner liebsten Momentaufnahmen von ihr. Überhaupt lässt sich ja sagen, dass die Schwedin gerade unter Jess Franco ihre augenscheinlich stärksten Auftritte hatte und es ist schön, dass sie so häufig in umfangreicheren Rollen zum Einsatz kam. Das war ja bei ihrem Einstieg in die deutsche Filmlandschaft nicht so, denn es kam meistens zu Kleinst- und Kurzauftritten, die aber immerhin in der Spätphase der Wallace-Verfilmungen zu finden sind, oder beispielsweise in der Großproduktion "Kampf um Rom". Das Potential wurde also erkannt und Jess Franco kann von sich behaupten, dass er es auch gewinnbringend genutzt hat. Ewa Strömberg im Endeffekt häufig Verwendung als Gegenpart zu anderen Frauenfiguren seiner Filme. Beni Cardoso ist in "Dr. M schlägt zu" übrigens auch ganz stark, lediglich Eva Garden finde ich leider vollkommen nichtssagend.


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"Dr. M" sehe ich insgesamt ganz gerne, weil ich es auch losgelöst von der sechsteiligen "Mabuse"-Reihe tue, auf die ja hier im deutschen Titel eindeutig Bezug genommen wird und daher vollkommen falsche Erwartungen weckt. Ich denke der Film kam vielleicht im Zuge einer Remake- und Fortsetzungsvision zustande, denn immerhin wurde mit "Der Todesrächer von Soho" ja zuvor schon in diese Richtung gearbeitet. Dass der Film seinerzeit keinen deutschen Verleih fand, ist aufgrund der Verarbeitung doch wenig verwunderlich, obwohl Schauspieler-Auswahl und Synchronisation deutlich dafür sprechen, dass ein Kinostart anvisiert gewesen sein wird. Im Endeffekt kann man diesem unorthodoxen Vertreter, der es sich in aller Selbstverständlichkeit in einer Grauzone gemütlich gemacht hat, aber wirklich alles verzeihen, vorausgesetzt man betrachtet das Gesamtergebnis als eher mutig und unkonventionell, und weniger als ziellos. Aber das ist eine Entscheidung für jeden Einzelnen, der diesem Flick eine Chance gibt.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Dr. M. schlägt zu)
PostPosted: 11.03.2019 13:24 
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#24: Jungfrauen-Report (1972)

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Was für ein obskures Stück Celluloid hat Franco hier produziert. Als exotischer Ausreißer im francoschen Kanon der damaligen Zeitperiode kann man „Jungfrauen-Report“ auch bezeichnen.

Franco nimmt uns mit auf eine Reise quer durch die Menschheitsgeschichte. Ziel ist es die unterschiedlichen Aspekte rund um das Thema „Defloration“ zu ergründen. Dabei geht er inhaltlich ähnliche Wege wie das große Vorbild „Schulmädchenreport“. Ein Voice-Over führt uns durch unterschiedliche Epochen. Wir erleben ein antikes Ritual rund um einen Steinphallus, den Umgang mit dem Thema „Erstes Mal“ im Großbürgertum, die Inquisition und weitere pseudo-historische Überlieferungen aus fremden Kulturen bis hin zu klassisch-zeitgenössischen Episoden ganz im Stile eines Schulmädchenreports.

Inszenatorisch geht Franco in seinen Episoden hier jedoch eher unkonventionelle Wege. So werden Episoden wie die des altertümlichen Rituals in extrem überbelichteten Schwarz/Weiß-Aufnahmen präsentiert, während beispielsweise die Episode mit der großbürgerlichen Familie durch seine an Super-8-Aufnahmen erinnernde Geschwindigkeit und dem großartig aufspielenden Howard Vernon, eher an eine lustige Benny-Hill-Folge erinnert.

Ich bin mir nicht sicher, ob Franco von sich aus ein Äquivalent zu dem damals so populären Reportfilm drehen wollte oder ob Brauner hier federführend war, aber die Straßeninterviews passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zu Francos Stil. Vielleicht war der Film von Franco auch eher als Mondo-Variante angelegt und wurde dann von Brauner im Nachhinein zum Report-Film umgeschnitten und mit Nachdrehs versehen?

Mit Eva Garden, Hans Hass, Howard Vernon und Britt Nicols tauchen auch wieder alte Weggefährten von Franco auf, was diesem sonst so eigenständig anmutenden Werk etwas Vertrautes im Franco-Universum gibt. Mit Christina von Blanc taucht auch einer Darstellerin auf, die in einem folgenden Film von Franco die Hauptrolle übernehmen sollte.

Gerade aufgrund seiner Besondersheit und dem leicht schmierigen Erotik-Faktor konnte mich der Jungfrauen-Report bestens unterhalten.

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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Dr. M. schlägt zu)
PostPosted: 11.03.2019 17:48 
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roother wrote:

Ich bin mir nicht sicher, ob Franco von sich aus ein Äquivalent zu dem damals so populären Reportfilm drehen wollte oder ob Brauner hier federführend war, aber die Straßeninterviews passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zu Francos Stil. Vielleicht war der Film von Franco auch eher als Mondo-Variante angelegt und wurde dann von Brauner im Nachhinein zum Report-Film umgeschnitten und mit Nachdrehs versehen?



Interessante Frage, die Du hier stellst. Da Franco in seiner Film-Philosophie eher keine Wirklichkeit mimetisch abbilden / spiegeln, sondern quasi eine "Gegen-Wirklichkeit" schaffen wollte (also das Eskapistische am Kino gemocht hatte), kann man tatsächlich überlegen, ob die Anfrage für den "Jungfrauen-Report" nicht vor allem vom Produzenten gekommen war, um so der "Report-Welle" finanziell nachzueifern; aber Franco wäre natürlich nicht Franco, wenn er nicht auch hier wieder "seine" Sicht der Dinge gegeben hätte: dabei fällt dann zunächst auf, dass die "dokumentarischen" Sequenzen in der geschichtlichen Vergangenheit (Steinzeit, Mittelalter) spielen und somit die angestrebt "Authentizität" der Dokumentation dadurch eh ad absurdum geführt worden ist; was jetzt die Gattung, beziehungsweise das Genre betrifft: hier liegen ja auch beim "Schulmädchen-Report" die Wurzeln beim Mondo-Film; sicherlich verdankt solch ein softer Sexfilm in Episoden seine Herkunft dann auch den frühen Porno-Loops / den "stag-films", welche dann in einer Rahmenhandlung (die Straßenbefragungen) zusammengehalten sind, doch vor allem mit "Mondo Cane" wurde der "Sex-Gehalt" des Genres dann zunehmend mehr zum Exotische verschoben, was meiner Meinung nach denn auch im "Jungfrauen-Report" dominiert; jedoch: nicht als topographische Reise wie in "Mondo Cane" (fremde Länder, die in der Gegenwart bereist werden), sondern als Zeitreise in die "Geschichte der Defloration" (!!!)... dass Francos Interesse wohl sicherlich mehr beim konkreten Mondo-Film - und weniger bei der deutschen Variation des "Schulmädchen-Reports" - lag, ist vielleicht auch darin zu sehen, dass er einige Jahre später "In 80 Betten um die Welt" drehen sollte, wo das exotische Element des Mondo-Genres dann noch mehr - neben dem Sex - herausgestellt wäre (bei dem Film ist allerdings auch nicht so richtig klar, ob Franco hier nur einen "Job" ausgefüllt hat)...

beim Mondo-Film "Ecco" spielt bereits das Plakat auf die exotischen Spektakel an, die dann von einer Stimme aus dem Off Gott-gleich unter westlich-zentriertem Blickwinkel (überlegen) kommentiert werden...
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...beim Franco-Film-Plakat wird - ganz in der Mondo-Tradition - ebenso dominant überlegen auf das Dargebotene "geblickt" - die Schlüssellochperspektive verrät allerdings, dass der Betrachter-Blick ein indiskreter ist - der (männliche) Voyeurismus wird damit angedeutet...
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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 11.03.2019 18:01 
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roother wrote:
#23: Dr M. schlägt zu (1971)

Es fühlt sich an als ob ich eben das Finale einer cineastischen Entdeckungsreise Francos gesehen habe. Im Grunde ist dieser Film das Ende einer Reise, die mit Vampyros Lesbos (vielleicht sogar mit Succubs) begann. Immer wieder experimentierte Franco in seinen Vorgängerfilmen mit visuellen Extravaganzen – nie aber in dieser Perfektion und in dieser Häufigkeit.
„Dr. M. schlägt zu“ ist daher in erster Linie ein visueller Film, nein ein visuelles Erlebnis. Franco dringt mit seinen extremen Zooms tief in den Nahbereich seiner Protagonisten ein, nichts bleibt hier ihm Verborgenen: ihre Verletzlichkeit, ihr Wahnsinn, ihre Passion. Leider bleiben durch diese Nahaufnahmen auch die Unzulänglichkeiten der Produktion nicht im Verborgenen (Andros schlechte Maske, unpassende Perücken oder eine Kanone, deren Lauf vorne verschlossen ist). Diese Nähe durchbricht Franco immer wieder durch das andere Extrem: massive Weitwinkel. Franco versteht sich meisterlich im Inszenieren von langen Korridoren, verwundenen Gängen oder dem Ausleuchten seiner Kulissen.

Mal positioniert er die Kamera unter dem Protagonisten, mal inszeniert er einen roten Farbrausch, der gefühlt in der nächsten Sekunde durch ein diffuses Blau abgelöst wird. Visuell bewegt sich Franco hier auf dem Höhepunkt seines bisherigen Schaffens (einzig die Surrealität eines Succubus wird hier ausgespart, was jedoch der Thematik geschuldet ist).

Neben der visuellen Reminiszenz entdecken wir hier auch eine inhaltliche. So begegnet uns wieder einmal Prof. Orloff, ebenso wie ein gedankenkontrolliertes Monster (diesmal nicht Morpho, sondern Andros). Bekannte Jazz-Musik untermalt nicht nur die obligatorische Tanzeinlage.
Ewa Strömberg , Eva Garden und Beni Cardoso sind wunderschön in Szene gesetzt und können durch ihre Präsenz sehr überzeugen (auch wenn Eva etwas unterrepräsentiert wird)

So raffiniert die Kinematografie und die Beleuchtung sind, so undurchsichtig und teils sogar ärgerlich sinnlos sind die Drehbucheinfälle und Charakterzeichnungen. Ich möchte gar nicht viel Zeit mit dem Aufzählen der inhaltlichen Probleme verbringen, da ich das Gefühl habe, dass Franco durch seinen Mabus-Film in erster Linie ein visuelles Feuerwerk inszenieren wollte. Quasi das Pop-Art Äquivalent zum Fritz Lang-Film. Hier war für ihm der „Style“ deutlich wichtiger als die „Substance“. Aber klar, die völlig uninspirierte Arbeit der Polizisten, die neben dem absolut unpassenden Flirten mit einer Zeugin, nur den unnötigen Tod von Andros zu verantworten haben oder die vielen Anschlussfehler stören schon, aber der visuelle Rausch, den uns Franco hier präsentiert, machen diese Probleme schnell vergessen


Schön, dass dir "Dr. M" so gut gefällt - ist auch einer meiner Favoriten. In den 1990ern lief der ein paar mal im ZDF und hat mich damals endgültig ins Franco-Fieber gestürzt.


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Der Todesrächer von Soho)
PostPosted: 14.03.2019 16:09 
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Prisma wrote:
"Der Teufel kam aus Akasava" und "Der Todesrächer von Soho" haben viele Stärken, und auch ich finde sie deswegen sehr sehenswert. Das basiert sicherlich auf meiner Wallace-Affinität, aber hatte bei mir nicht den Effekt, dass ich sie deshalb vergleichsweise schlechter finde, nur weil sonst meistens klassischer inszeniert wurde; die italienischen Co-Produktionen mal ausgenommen. Solche Farbtupfer, wie Jess Franco sie ins Rennen schicken konnte, haben den Reihen Edgar Wallace und Bryan Edgar Wallace im Rückblick gut getan, denn auch wenn sie damit so gut wie beendet waren, haben sich neue Wege und Ableger daraus entwickeln können. Zumindest unter Verwendung bestimmter Inhalte. Daher bin ich froh über jeden Film, der letztlich inszeniert wurde. Der Vorwurf, Franco habe gleich mehrere Reihen (wie auch etwa die Fu-Man-Chu-Reihe) totgeritten, ist oft zu hören. Bei der ausschließlichen Betrachtung über den alternativen Inszenierungsstil und der vollkommen unterschiedlichen Ansätze ist es vieleicht sogar auf den ersten Blick nachvollziehbar, aber es ist eigentlich nur eine Halbwahrheit. Die Zeiten hatten sich geändert und renommierte Regisseure, die all diese Formate bedienten, verpassten häufig den Anschluss. Jess Franco hingegen ist aufgrund seiner Vielseitigkeit quasi übrig geblieben und er war stets für neue Überraschungen und den Zuschnitt auf aktuelle Sehngewohnheiten gut, ohne dabei seinen grundeigenen Stil zu vergessen.


Wie es der Zufall will, lese ich gerade von Antonio Lázaro-Reboll / Ian Olney (Hg.): THE FILMS OF JESS FRANCO, dies ist eine Anthologie von 2018 mit unterschiedlichen Aufsätzen, die einen filmwissenschaftlichen Blick auf das Werk und die Person Francos werfen; dabei wird eine große Spannweite von Ansätzen und Methoden vorgenommen (von der Auteur-Theorie - über Francos hybrides Genre-Verständnis - seinen "Star"-Kult - bis hin zur Rezeptions-Analyse seines Kinos etc.)...

dort gibt es dann auch einen Aufsatz von Nicholas G. Schlegel mit dem Titel: "Hallo hier spricht Jess Franco: How Franco Recoded the Krimi" (S. 88-109), wo es neben einer (kurz gefassten) Genre-Analyse der deutschen Krimis dann ebenso zu einer Einordnung der Franco-Versionen kommt, die im Fazit so ausfällt:

"In fact, far from killing off the genre, Franco took it in bold and interesting new directions by imprinting THE DEVIL CAME FROM AKASAVA and DER TODESRÄCHER VON SOHO with his own directorial style and sensibility. Just as filmmaker Stanley Kubrick used Stephen King's novel THE SHINING to realize his own vision of horror, Franco effectively utilized the KRIMI as a template for self-expression. Remaining committed to his muse while still fulfilling the requirements of the genre, he provided the KRIMI cycle with a memorable coda." (Ebd., S. 107f.)

Prismas Analyse wird hier also klar gefolgt - und es ist wohl die erste filmwissenschaftliche Arbeit, die ich kenne, wo innerhalb der deutschen Wallace-Krimis Francos Fassungen so positiv eingeordnet werden...

als Anmerkung sei noch gesagt, dass Schlegel zur Zeit an einem Filmbuch schreibt, das den vielversprechenden Titel hat: MONSTER OF LONDON CITY: EDGAR WALLACE, NEW GERMAN CINEMA, AND THE KRIMI PHENOMENON...


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 Post subject: Re: Das JESS FRANCO Projekt (Neu: Jungfrauen-Report)
PostPosted: 16.03.2019 09:41 
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#25: Robinson und seine wilden Sklavinnen (1972)

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Auf den ersten Blick haben wir es hier mit einer durchschnittlich frivolen Sex-Komödie zu tun, welche durch ihre typischen Charaktere an italienische Genre-Filme der 70er und 80er Jahre erinnert: Wir haben den unterdrückten kleinen Mann, die frigide Ehefrau, die kratzbürstige Schwiegermutter und das unbekannte Objekt der Begierde.

Doch Franco wäre nicht Franco, wenn er selbst aus solch trivial anmutenden Grundkonstellationen nicht etwas Besonders erschaffen könnte. Das gelingt ihm durch die eine oder andere surreal anmutenden Szene, wie beispielsweise die Alptraum-Sequenz, welche neben Robinsons Schwiegermutter auch den Einsatz einer merkwürdigen Affenmaske beinhaltet.
Francos Stammschauspieler Howard Vernon schafft es selbst in seiner sehr undankbaren Rolle als Stammeshäuptling eines Urvolks zu brillieren.

Robinson flüchtet aus der in seinen Augen unbefriedigenden Lebenssituation in seine Tagträume von einem paradisischen Leben auf einer zivilisationsfernen Insel – quasi als Neuinterpretation des klassischen Robinson Crusoe Motives. Angekommen auf dieser Insel erlebt er nun seinen Traum, inklusive erotischen Abenteuern mit lüsternen, unbekleideten Schönheiten, die sehnsüchtig auf den befriedigungsbringenden Robinson gewartet haben. Doch statt seinen Traum in vollen Zügen zu genießen, zeigt sich schnell die Kehrseite dieses Paradises.
Die Aussage, dass man sein Leben lieber in die Hand nehmen und versuchen soll seine Träume dort zu verwirklichen, anstatt sich in idealisierte Wunschsituation zu flüchten, gefällt mir. Franco zeigt uns, dass wir durch diese Flucht uns selbst die Möglichkeit nehmen im Hier und Jetzt zu leben, nur um später vielleicht feststellen zu müssen, dass das Ideal, welches uns das Perfekte suggerierte vielleicht sogar mehr Probleme in sich trägt als die Situation, vor der man versuchte zu entkommen.
Kann es ein, dass Franco hier die traumatisierende Erfahrung des Todes von Soledad Miranda vor einem Jahr zu verarbeiten versuchte? Immerhin „rettet“ Robinson das Objekt seiner Begierde vor einer Karriere als Schauspielerin.

Natürlich steht bei „Robinson und seine wilden Sklavinnen“ das erotische Spiel des Hautdarstellers mit dem bezaubernden Trio aus Ingeborg Steinbach, Anne Libert und Andrea Rau im Mittelpunkt - und dieses weiß auch zu gefallen. Besonders die wunderschöne Andrea Rau versprüht durch ihre beeindruckende Präsenz eine Erotik, welche alleine schon die Sichtung wert ist.

Franco liefert hier zwar eine klassische Sex-Komödie, die aber eingefärbt durch die francosche Eigenheit zu weit mehr geworden ist, als ein unterhaltsames Lustspiel.

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