Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.04.2019 18:01 
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Jimmy Stewart wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Jimmy Stewart wrote:
Noch schnell der Tippsi: heute um 22:00 läuft der fünfte Fall mit dem grummeligen Vice Questore Schiavone. Das ist ja leider die einzige Möglichkeit die Filme in HD zu sehen, da diese in der Mediathek nicht zu Verfügung stehen.

Leider fehlen mir die Teile 3 und 4. Entstehen da Löcher in den Nebenhandlungen? Oder kann man die Teile auch durcheinander sehen? Die Frage ist ernst gemeint, denn im im Zweifelsfall kann ich mir die gestrige Folge auch noch nachträglich aufnehmen.


Der dritte Teil "Sturz in den Tod" behandelt wie die ersten beiden Teile einen in sich abgeschlossenen Fall. Teil vier "Schnee am Dienstag" - das bisherige Highlight für mich - handelt von der Entführung einer Bauunternehmer-Tochter und mafiösen Verstrickungen. Daran knüpft der fünfte Teil "Gute Gesellschaft" an bzw. führt die Story fort. Zu Anfang gibts eine kurze Zusammenfassung, aber es ist natürlich schon von Vorteil "Schnee" gesehen zu haben, da auch mit diesem Teil die Geschichte nicht beendet scheint - und der richtig fiese Schluß Schiavone einen Tiefschlag verpasst, der ihn im nächsten Teil sicher zum "Mann ohne Gnade" werden läßt.

Es ist aber m. E. nicht so, dass man der Story von "Gesellschaft" ohne des Vorwissens aus "Schnee" nicht folgen kann. Du kommst da schon rein. ;)

Ich glaube, ich warte bis ich die Staffel mal bei einem Sonderangebot günstig bekomme. Vor allem wenn es der zweite Teil eines Zweiteilers ist, und dann auch noch mit Cliffhanger ...? Dann will ich hinterher auf jeden Fall mehr. Und schlecht ist die Serie beileibe nicht, nur den Neupreis ist sie mir halt nicht wert. Hah, gerade sehe ich, dass Medimops die erste Staffel für einen Zwanni anbietet. Das dürfte das sein, worauf ich gewartet habe ...

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Auch den letzten Monat ist ein wenig was durchs Raster gefallen, was ich gerne kurz anreissen möchte:

Elizabeth – Das goldene Königreich (Shekhar Kapur, 2007) 4/10
Wirkte wie ein müder Aufguss des ersten Teils. Teilweise eine ähnliche Handlung mit ähnlichen Personen, aber ohne den Witz und die Schärfe des ersten Teils zu erreichen. Vincent Cassel war obszön und lebendig, Jordi Mollà dagegen irgendwie knuffig und bemitleidenswert. David Craig hat Bosheit und Arglist ausgestrahlt, Rhys Ifans wirkte im Gegensatz oft etwas müde. Insgesamt war mir das alles zu abgekupfert und zu träge. Sorry ...

Blues Brothers (John Landis, 1980) 11/10
Puh, eine bessere Bewertung als LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG? Ich habe den Film seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gesehen, und hab mich diesmal genauso weggeschmissen wie damals im Kino. Wird in die jährliche Rotationsliste aufgenommen. Oder in die monatliche ... :mrgreen:

Lilian (la virgin pervertida) (Jess Franco, 1984) 7/10
Eine perfekte Synthese aus Poesie und Hardcore! Im Ernst, die wunderschöne und ruhige Gitarrenmusik von Daniel White untermalt düstere Bilder von Vergewaltigung und Drogensucht, und normalerweise würde ich so etwas strafend missachten. Aber nicht bei Jess Franco, der es hier tatsächlich schafft, Romantik und Grausamkeit kongenial miteinander zu verbinden. Die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das in die Fänge des bösen Wolfs gerät und korrumpiert wird ist dabei freilich nichts Neues, das hatten wir gerade bei Franco schon öfters. Aber bei ihm ist es die Umsetzung was zählt, und die funktioniert hier tadellos. Dass die HC-Inserts erst später entstanden sind ist ganz klar zu sehen, geschuldet ist dies dem Umstand, dass zwischen der Fertigstellung des Films und seiner geplanten Aufführung in Spanien eine Gesetzesänderung stattfand, welche die Aufführung von Softcore-Filmen nur noch in Hardcore-Kinos erlaubte. Also drehte Franco besagte HC-Szenen nach: Lina Romay bei den verschiedensten Leckerschmeckereien mit Männchen und Weibchen, behaarte Geschlechtsteile in Großaufnahme, … Die HC/SC-Szenen sind nicht ohne, vor allem die Aufführung im Club, in der José Lamas von Lina erst ausgepeitscht und dann fellatiert wird, um dann einem weiblichen SM-Dreier von Lina Romay und zwei weiteren Damen zusehen zu müssen. Leider finde ich persönlich die hier unterlegte Jazzmusik nicht ganz passend, aber diese Momente sind sehr stark und sexy, Musik hin oder her.
Den ganzen Film durchzieht eine intensive Mischung aus Melancholie, Grausamkeit und Erotik, die ich einfach unwiderstehlich finde. Erst gegen Ende, wenn sich das ganze in eine Art Ein Mann sieht rot-Story verwandelt, passt es nicht mehr ganz so perfekt zusammen. Aber die Befriedigung am Ende ist da, und sei es auch nur, weil Lina einige ganz grandiose Szenen hat. Mir gefällt’s richtig gut …

N. took the dice (Alain Robbe-Grillet, 1971) 4/10
Es hat sich als keine wirklich gute Idee herausgestellt: a) einen Film anzuschauen, der aus den Resten eines anderen Filmes entstanden ist und sich auch auf diesen ersten Film direkt bezieht, der b) ein Experiment in Narration und Gestaltung ist, und c) als Experiment mit einem Experiment gilt. Diesen Film als ersten eines unbekannten Regisseurs anzuschauen ist verwegen, ist mutig, ist … töricht. Als ich herausgefunden hatte, dass es EDEN UND DANACH gibt, der zuerst gesehen hätte werden müssen, und am Besten beide Filme in kurzem Abstand hintereinander weg um die Analogien zu entdecken, als ich das herausgefunden hatte war der Film bereits zur Hälfte um, und ich mochte nicht mehr abbrechen. Aber ich gehe mal schwer davon aus, dass N. TOOK THE DICE quasi als Standalone für den Anfang nicht so richtig taugt.
Was sehr getaugt hat sind die wunderschönen Bilder. Nostalgisch verklärte Bilder einer Welt, die schon vor vielen Jahren untergegangen ist. Und damit meine ich sowohl die abgefilmten Bilder der realen Welt, wie auch die filmisch-experimentellen Bilder der künstlichen Welt. Der Narration in der Narrartion in der Narration. Die zusammenläuft, sich gabelt, um wieder zueinander zu finden, und parallel zu verlaufen …
Interessant, selbst wenn man Kopfschmerzen und wenig geschlafen hat. Aber eben nicht der geeignete Einstiegspunkt …

Leg dich nicht mit Zohan an (Dennis Dugan, 2008) 4/10
Anstrengend. Aber eine gute und wahre Botschaft hatte der Film: Absolut jede Frau ist es wert geliebt zu werden.

_________________
Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.04.2019 20:57 
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ich glaube, ich warte bis ich die Staffel mal bei einem Sonderangebot günstig bekomme. Vor allem wenn es der zweite Teil eines Zweiteilers ist, und dann auch noch mit Cliffhanger ...? Dann will ich hinterher auf jeden Fall mehr. Und schlecht ist die Serie beileibe nicht, nur den Neupreis ist sie mir halt nicht wert. Hah, gerade sehe ich, dass Medimops die erste Staffel für einen Zwanni anbietet. Das dürfte das sein, worauf ich gewartet habe ...


Ein guter Plan! Die zweite Staffel ist bereits für den 31.05. auf DVD angekündigt - und scheint, der Laufzeit nach zu urteilen, nur vier Teile zu umfassen. Aber bitte nicht den Text dazu bei z. B. Saturn lesen, dort wird böse gespoilert.


Schmutziger_Maulwurf wrote:
Blues Brothers (John Landis, 1980) 11/10
Puh, eine bessere Bewertung als LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG? Ich habe den Film seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gesehen, und hab mich diesmal genauso weggeschmissen wie damals im Kino. Wird in die jährliche Rotationsliste aufgenommen. Oder in die monatliche ... :mrgreen:


Neben viel gut getimeter Action und toller Musik gibts auch sehr lustige, herbe herzerfrischende Sprüche in diesem Evergreen. Cab Calloway zu Band: "Kennt ihr 'Minni the Moocher'?", darauf der Keyboarder:" Ich kannte mel 'ne Nutte namens Minni Mensola!" :D


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 04.04.2019 23:00 
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Jimmy Stewart wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ich glaube, ich warte bis ich die Staffel mal bei einem Sonderangebot günstig bekomme. Vor allem wenn es der zweite Teil eines Zweiteilers ist, und dann auch noch mit Cliffhanger ...? Dann will ich hinterher auf jeden Fall mehr. Und schlecht ist die Serie beileibe nicht, nur den Neupreis ist sie mir halt nicht wert. Hah, gerade sehe ich, dass Medimops die erste Staffel für einen Zwanni anbietet. Das dürfte das sein, worauf ich gewartet habe ...


Ein guter Plan! Die zweite Staffel ist bereits für den 31.05. auf DVD angekündigt - und scheint, der Laufzeit nach zu urteilen, nur vier Teile zu umfassen. Aber bitte nicht den Text dazu bei z. B. Saturn lesen, dort wird böse gespoilert.


Schmutziger_Maulwurf wrote:
Blues Brothers (John Landis, 1980) 11/10
Puh, eine bessere Bewertung als LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG? Ich habe den Film seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gesehen, und hab mich diesmal genauso weggeschmissen wie damals im Kino. Wird in die jährliche Rotationsliste aufgenommen. Oder in die monatliche ... :mrgreen:


Neben viel gut getimeter Action und toller Musik gibts auch sehr lustige, herbe herzerfrischende Sprüche in diesem Evergreen. Cab Calloway zu Band: "Kennt ihr 'Minni the Moocher'?", darauf der Keyboarder:" Ich kannte mel 'ne Nutte namens Minni Mensola!"
:D


Und nicht zu vergessen: Ich hab den vor Urzeiten mal im Kino gesehen, und diese Szene führte zu spontanem Applaus des Publikums :burns:

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 14.04.2019 11:02 
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Nach mehreren Tagen ohne Internet :o hier mal der Schnelldurchlauf durch das Italo-Cinema-Festival:

Der Tod ritt Dienstags (Tonino Valerii, 1967) 7/10
Nach wie vor läuft der bei mir nicht in den Top Ten, aber im Kino kommt er auf jeden Fall noch mal so gut rüber wie sowieso. Ein starker Auftakt und ein gelungener Einstieg.

Nevada Joe (Ignacio F. Iquino, 1964) 6/10
Ich mag diese alten Euro-Western irgendwie. Die haben Charme. NEVADA JOE ist eigentlich nur eine erbärmliche Kopie eines US-Westerns aus den 40er-Jahren. In den 60ern waren die Amis schon erheblich weiter was die Darstellung von Gewalt oder dreckiger Realität angeht (habe ich inzwischen gelernt). Aber charmant ist er, mit schönen Locations und gern gesehenen Darstellern. Passt.

Gott vergibt – Django nie! (Giuseppe Colizzi, 1967) 8/10
Vier für ein Ave Maria (Giuseppe Colizzi, 1968) 6/10
Hügel der blutigen Stiefel (Giuseppe Colizzi, 1969) (2) 7/10
Die drei Colizzis am Stück. Hochinteressant, was sich da für Zusammenhänge ergeben, wenn man sowas hintereinander weg sieht. Zum Beispiel ist die Betonung des Spiels erst dann richtig auffällig: Ständig wird gepokert oder gewürfelt, und auch die Duelle sind wie Spiele aufgebaut. Dazu passen auch die Settings in Film 2 und 3 (Casino bzw. Zirkus). Auch die Ähnlichkeit in der Inszenierung, diese eigene Art Schauspieler zu setzen oder Kamerafahrten durchzuführen, kann man so erst richtig würdigen. Auch wenn die Filme an sich mich nicht vom Hocker gehauen haben war das auf jeden Fall ein Kinohöhepunkt. Schön, dass ich dabei sein durfte!

Stirb aufrecht, Gringo! (Alfonso Brescia, 1966) 5/10
Gott, wie knuffig. Der will doch nur spielen! Irgendwo zwischen den Begriffen lächerlich, lachhaft und liebenswürdig.

Ein Dollar zwischen den Zähnen (Luigi Vanzi, 1967) 7/10
Die Reduktion des Italo-Western. 2 Melodien, 2 Männer, eine Rache. Der Film ist reduziert auf die wesentlichen Merkmale des Westerns: Ein Mann kommt, ein Mann leidet, ein Mann bekommt seine Rache. Kein unnötiges Brimborium außenrum. Feinerle!

Von Angesicht zu Angesicht (Sergio Sollima, 1967) 10/10
Ich liebe diesen Film!! Die perfekte Synthese von Sozialkritik, Charakterstudie und knallhartem Italo-Western, gepaart mit gigantischer Musik und den besten Schauspielern der damaligen(?) Zeit. Und im Kino schlichtweg überwältigend ...

Der letzte Film vor dem Festival war übrigens Bohemian Rhapsody (Bryan Singer, 2018) 6/10
Hübsche, teilweise etwas weichgezeichnete Bilder, viele Klischees, für meinen Geschmack ein wenig arg viele CGI-Effekte, toll ausgewählte Schauspieler, eine wirre Chronologie und einige Löcher in der Geschichte der Band Queen, die ich gerne gefüllt gesehen hätte. Nun gut, es ging wohl, sagt meine Frau, auch nicht um Queen, sondern um Freddie Mercury. Aber der Film hat trotz allem ein schönes Flair. Eine ganz eigene und besondere Stimmung, und wenn die Schlussmusik aus ist, dann kommt ein großes Loch. Es ist ruhig, zu ruhig, und man möchte zum Platten(!)schrank gehen und Musik aus den 70ern auflegen. Und diese Stimmung ist schlicht schön.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 22.04.2019 12:52 
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Um wirklich vernünftige Kurzkommentare zu schreiben hat mir diesen Monat einfach die Zeit gefehlt. Also wird improvisiert:

Like a Dragon (Takashi Miike, 2007) 6/10
Ziemlich coole Story um einen Gangster der aus dem Knast kommt, und jetzt versucht die Mutter eines kleinen Kindes zu finden. Um seinen Bruder, der ein durchgeknalltes Arschloch ist und kein Problem damit hat, den Kopf eines seiner Leute als Polster zwischen Baseball und Schläger zu verwenden. Um einen Waffen- und Informationsverkäufer der in Schmerzen bezahlt werden möchte. Um 11 Millionen (oder waren es Milliarden?), die einer Yakuzafamilie gehören und spurlos verschwunden sind. Um 2 hirnlose Bankräuber, die in der heissesten Nacht des Jahres in Wollmasken eine leere Bank überfallen. Um ein junges Pärchen das Geld auftreiben will. Sie jedenfalls, er zieht da irgendwie willenlos mit, und auch die beiden kommen den durchgedrehten Yakuzas in die Quere. Wie ein Shortcut-Film, aber von Takashi Miike, und darum erheblich unterhaltsamer als die meisten anderen Filme dieses Genres. Und erheblich blutiger ...

Dame König As Spion (Tomas Alfredson, 2011) 6/10
Im britischen Geheimdienst sitzt ein Maulwurf, und er sitzt verdammt weit oben. Der zum Ruhestand verdammte Ex-Agent Smiley soll den Maulwurf finden. Spröde und düstere Klassikerverfilmung, die von den großartigen Schauspielern lebt. Allerdings habe ich den Schluss zweimal verschlafen. Was ich nicht wirklich als Qualitätsmerkmal ansehen kann. Aber stimmungsvoll und stellenweise spannend ist der Film allemal. Und Gary Oldman geht sowieso immer ...

Das Reismädchen (Raffaello Matarazzo, 1956) 7/10
Große und kleine Dramen während der Reisernte in der Poebene. Weniger neo-realistisch als BITTERER REIS oder DAS MÄDCHEN VOM FLUSS ist das hier ein Matarazzo für Einsteiger: Nicht ganz so düster und problembeladen wie seine anderen Filme, dafür unterhaltsamer und an der ein oder anderen Stelle blitzt sogar mal so etwas wie Humor auf. Die Story um die junge und attraktive Arbeiterin, den vermeintlichen alten Bock der der Arbeiterin nachstellt (obwohl sie doch seine Tochter ist, was aber keiner wissen darf), den arschlochigen Sohn (der die Arbeiterin vögeln will) und den extrem-eifersüchtigen Liebhaber (der verliebt ist, aber seine Probleme hat mit dem alten Bock), die Story bietet auf jeden Fall genügend Konfliktpotenzial um alle Zuschauerschichten zufrieden zu stellen. Mit Elsa Martinelli, Folco Lulli, Michel Auclair und Rik Battaglia erstklassig besetzt, wunderschön fotografiert, und die Musik von A.F. Lavagnino treibt Tränen der Rührung in die Augen. Für Melodram-Einsteiger und Liebhaber des klassischen italienischen Kinos der 50er absout zu empfehlen.

Dark City (Alex Proyas, 1988) 7/10
Außerirdische stellen Experimente mit Menschen an: Jede Nacht werden Straßen und Gebäude verändert, werden Lebensläufe verändert, werden Gedächtnisse gelöscht. Aber einmal geht etwas schief, und Rufus Sewell jagt in der ewigen Nacht der Dark City die Aliens zum Teufel. Sehr düsterer, manchmal etwas verworrener, und mit guten Effekten versehener SF-Noir um eine Welt, die nie länger als 12 Stunden existiert, bevor sie neu aufgebaut wird. Muss man eigentlich im Kino sehen, da wirken die Bilder erst so richtig. Aber wenn man sich darauf einlässt auf jeden Fall eine spannende und tiefschwarze Düstererzählung. Passt.
Und im Übrigen: Bin ich eigentlich der einzige der findet, dass die Außerirdischen aussehen wie Pinhead aus HELLRAISER?

Nicht mein Tag (Peter Thorwarth, 2014) 7/10
Coole und nicht ganz helle Socke (Moritz Bleibtreu) überfällt Bank und nimmt frustierten Bankangestellten (Axel Stein) als Geisel. Man merkt, dass man eigentlich relativ gut zusammen passt und macht einen Deal mit der albanischen Mafia. Dumm nur: Bei Alkoholgenuss wird Axel Stein mega-aggressiv. Und der eigentlich gelungene Deal mit den Albanern wird mit einem Schnäpschen begossen. Und noch einem. Ups, mächtig böser Fehler ...
"Holland? Das ist wie Zuhause bleiben, nur mit wegfahren! Das ist wie Osten, nur Westen!" Mir hat es gefallen. Moritz Bleibtreu haut so richtig auf die Kacke und kann völlig aus sich rausgehen, Axel Stein überzeugt als Schwachstromrocker (O-Ton) mit Alkohol- und Frauproblem sogar noch in Unterhose und mit goldenen Cowboystiefeln, und Nele Kiper ist mindestens so sexy wie die junge Sigourney Weaver. Mindestens! Till Schweiger hat einen genialen Cameo ("Sag mal, red ich französisch, oder was?" "Nee, Du nuschelst."), und auch wenn der Film vielleicht 5 bis 10 Minuten zu lang sein mag, so unterhält er problemlos auf der kompletten Länge. Empfehlenswert :mrgreen:

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Payback - Zahltag (Brian Helgeland, 1999) 8/10
Eigentlich wollte ich den DC sehen, stattdessen wurde es zum zweiten Mal die Kinofassung. Macht aber nix, der Film ist trotzdem 'ne Wucht. An folgendem Text zur Erstsichtung hat sich aber auch rein gar nichts geändert:
Porter ist zurück in der Stadt. Und er will seinen Anteil, die 70.000, um die Val ihn betrogen hat. Val dachte Porter sei tot, alle dachten Porter sei tot. Aber er ist verdammt lebendig, und wenn Val, der sich mit dem Geld in das Syndikat eingekauft hat, nicht zahlt, dann zahlt halt der Chef des Syndikats. Und wenn der nicht zahlt dessen Chef. Und wer der auch nicht zahlt, dann eben dessen Chef …

Kinofassung: Und es gibt sie noch, die geilen, harten Gangsterfilme, bei denen ein Mann durch die Hölle geht, nur weil er einen Sturkopf und eine ausstehende Schuld hat. Die eine einzige wahre Liebe im Leben haben (neben der obligaten Dauerbeziehung zur 44er), und die schon aus Prinzip darauf bestehen dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Gegen alle Widerstände. Genüsslich werden Heldenklischees genauso ausgeschlachtet wie die Vorbilder aus den 40er- und 50er-Jahren zitiert, und die Settings sind so Noir wie es eine Hommage nur zulässt. Einzig der Blutgehalt ist den veränderten Sehgewohnheiten geschuldet und treibt die Freudentränen in die Augen des begeisterten Zuschauers. Und spätestens wenn man denkt man hat alles gesehen, dann kommt Lucy Liu als Comic-SM-Hure die auf die richtig harten Nummern steht. Wunderbar wendungsreich, hart, dunkel und fernab jeglicher Realität angesiedelt (Lucy? Oder der Film?) ist PAYBACK ein Beispiel für intelligentes Action-Kino ohne Megamuckis, Dauerexplosionen und pöse pöse Gangster-Rapper. Stattdessen regieren geradezu altmodisches gegenseitiges Austricksen, monochrome Hardboiled-Stimmung und generell einfach eine gesunde Härte.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.04.2019 16:58 
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Distant Lights – Unheimliche Begegnung mit dem Jenseits (Aurelio Chiesa, 1987) 5/10

Vor 4 Tagen ist Silvia gestorben, und ihr Mann Bernardo ist am Boden zerstört. Da kommt die Geschichte des Sohnes Giuliano, dass er heute mit der Mama gespielt hat, nicht wirklich gut an, und jeder denkt, dass Giuliano spinnt. Doch dann begegnet Bernardo zuerst einem quicklebendigen Stadtstreicher, den er erst kurz vorher im Leichenschauhaus gesehen hat, und eines Abends sieht er auch tatsächlich seine Frau wieder. Lebendig. Zusammen mit der Grundschullehrerin Renata möchte er das Geheimnis um Silvia lösen, aber bei einem Verkehrsunfall stirbt Silvia erneut. Und Renata, in die Bernardo sich mittlerweile ein wenig verliebt hat? Renata erleidet bei dem Unfall eine Hirnblutung, die aber wie durch ein Wunder folgenlos verschwindet. Ist Renata noch sie selbst, oder ist sie, wie Doktor Montanari es so nett ausdrückt, “eine dieser Wiederauferstandenen“, von denen es mittlerweile immer mehr gibt?

"Er ist tot." "Schon wieder?"


Bis zu den X-Files werden noch ein paar Jahre vergehen, und die werden dann im Bereich Mystery Thriller endgültig die Spielregeln festlegen. Und die Meßlatte wird dann verdammt hoch sein. Aber was kam vor den X-Files? Gab es irgendwo da draußen bereits eine Wahrheit zwischen den Außerirdischen und seriöser medizinisch-kriminalistischer Arbeit? DER MANN VON ATLANTIS vielleicht …

Die Handlung von DISTANT LIGHTS lässt sich im Prinzip wie folgt ausdrücken: Gutartige Außerirdische übernehmen die Körper frisch Verstorbener, um auf der Erde zu leben. UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART meets DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN. Die Stoßrichtung ist somit prinzipiell erstmal ähnlich definiert wie die X-Files: Nämlich als Mischung aus Science Fiction mit (sehr) leichtem Horroreinschlag, eingebettet in eine Umgebung mehr oder weniger realistischer Polizeiarbeit. OK, letzteres fehlt bei DISTANT LIGHTS weitgehend, aber was vor allem fehlt ist das Genie eines Chris Carter, sowie die Chemie zwischen Mulder und Scully, die uns alle damals so unnachgiebig vor den Fernseher zwang. Tomas Milian spielt Tomas Milian, Laura Morante als Renata hat schöne und tiefe Augen und eine fast somnambule Ausstrahlung, aber das Zusammenspiel zieht einfach nicht so richtig: Nachdem die beiden miteinander geschlafen haben (sie ist dabei nackt, er italienertypisch nicht) liegen sie nebeneinander im Bett: Sie im weißen Top, er in einem zugeknöpftem dunklen Hemd das ausschaut wie ein Sakko. Und so drollig der dabei entstehende Dialog ist ("Man kann es auch ausserhalb des Bettes tun." "Was, ehrlich?"), so unterkühlt bleibt die Beziehung. Der Funke springt weder zwischen den Darstellern noch zum Zuschauer über. Erst später, beim weihnachtlichen Einkaufsbummel, spürt man wie sehr Bernardo verliebt ist. Was aber auch daran liegen kann, dass er sich sonst sehr einsam fühlt, zusammen mit Sohn und Schwiegermama in einem Haus.

Es wirkt einfach alles recht distanziert, und ich meine auch wirklich alles. Der aus Cesena gebürtige Regisseur Aurelio Chiesa hat bei dem in Cesena gedrehten Film sicher die schönsten Drehorte gefunden, aber er kann sie nicht mit Leben füllen. Einzig dem Können von Tomas Milian und der Ausstrahlung von Laura Morante ist es zu verdanken, dass viele Szenen dann doch recht gut funktionieren. William Berger? Nun ja, in seiner Spätzeit ist er als Schauspieler doch eher ein wenig reduziert, auch wenn er hier immerhin deutlich spielfreudiger wirkt als in so manch anderem Werk (ich denke da gerade an DER GOLDENE TEMPEL DER AMAZONEN …). Ein kurzes Wiedersehen mit Susanna Martinková aus DIE KLETTE zeigt wie stark Menschen altern, Isabelle Illiers (MIRANDA) huscht mal eben kurz durchs Bild, und die in den Datenbanken genannte Loredana Romito habe ich gleich gar nicht gesehen. Dafür hat es zum Teil sehr schöne Drehorte (rund um die Festung), einige auch eher befremdende Plätze (das "Konzentrationslager"), und die Musik ist von Angelo Branduardi, erinnert mich oft an seinen Namensvetter Angelo Badalamente, und untermalt düster und melodramatisch-symphonisch passend das Geschehen.

Das klingt jetzt alles so langweilig und staubig, dabei ist der Film eigentlich gar nicht so schlecht wie er klingt. Eigentlich. Die Stimmung ist ruhig und manchmal fast zauberisch, und gerade das erste Drittel baut eine ganz feine fantastische Stimmung auf. Aber unterwegs musste ich feststellen, dass ich verdammt häufig auf die Uhr schaue, und das ist bei mir immer ein schlechtes Zeichen. Es zieht sich halt alles ein wenig, und obwohl die Story recht schnell in die Gänge kommt, und trotzdem die Figuren zügig und schlüssig vorgestellt werden – die rechte Freude mag einfach nicht aufkommen. Dass zum Beispiel die, ich nenne sie jetzt mal so, Neuankömmlinge gesammelt und in eine Art Konzentrationslager gesteckt werden, das ist spannend und düster. Da baut sich ein Erzählstrang auf, der Suspense und Kritik verbindet und eine tolle Thrillerhandlung etabliert. Etablieren könnte. Denn die Handlung rund um diesen Ort verpufft, zumindest ist das mein Empfinden, irgendwie im Nichts.

Was zwei Gründe haben dürfte. Zum einen ist da die Videosynchro, die wie so oft in der damaligen Zeit recht steril geworden ist, eine Menge Atmosphäre verschluckt, und den Film spürbar nach unten zieht. Wie der Film wohl im Originalton klingen mag? Aber mindestens genauso entscheidend sind die veränderten Sehgewohnheiten. Wie gesagt, Scully und Mulder haben einfach Maßstäbe gesetzt, und alles was davor kam, kann da im Normalfall nicht so recht mithalten. Was bedeuten soll, dass der neugierige Filmfan DISTANT LIGHTS mit sehr niedrigen Erwartungshaltungen ansteuern sollte, dann könnte sich die Sichtung auch eher lohnen.

Und wer sich jetzt denkt, dass dieser Text überhaupt nicht aussagefähig ist - der kann sich dann in etwa vorstellen wie es um den Film bestellt ist …

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PostPosted: 27.04.2019 14:47 
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Der Herr der Welt (Harry Piel, 1934) 7/10
Roboter am Arbeitsplatz, das ist die Idee des Industriellen Heller, und Bergbauingenieur Baumann hat gleich die passende Vision dazu: Seine Bergleute, die jetzt unter Tage schuften, sollen ersetzt werden durch Maschinen. Und kaum ist Baumann aus dem Urlaub zurück im heimischen Stollen, da geschieht schon ein schreckliches Unglück, bei dem viele Kumpels einen schrecklichen Tod sterben. Was Baumann natürlich erst so richtig anspornt.
Gleichzeitig kommt Heller nicht dazu, seine junge Ehe mit der schönen Vilma zu genießen. Vor der Geschäftsreise hatte er Professor Wolf eine Menge Geld gegeben, und der hat sich seit 12 Wochen in seinem Labor verbarrikadiert, hat Explosionen erzeugt und niemanden an sich herangelassen. Heller präsentiert er jetzt seine Arbeit: Einen Roboter! Eine gigantische Waffe, unbesiegbar, ideal um die Herrschaft über die Welt zu erlangen. Heller ist entsetzt, und bei der folgenden Auseinandersetzung stirbt er durch die Deltawellen des Roboters.
Als Baumann Vilma kennen und lieben lernt ist er seinem Ziel schon sehr nah: Alle Arbeiter werden durch Roboter ersetzt. Doch der Schock ist groß als Baumann erkennen muss, dass seine Freunde von früher nun arbeitslos geworden sind. Gemeinsam mit Vilma sucht er noch nach einem Ausweg, da grätscht Professor Wolf in das junge Glück: Er will Vilma zwingen, ihm die Heller-Werke zu überschreiben, damit er Roboterwaffen produzieren kann. Was Baumann natürlich nicht akzeptieren kann. Er will Wolf zur Rede stellen. Wolf und seinen tödlichen Roboter …

Klingt nach viel Inhalt, ist viel Inhalt. Und auch wenn nicht immer alles wirklich gut zusammenpasst, so hat mich der Film ziemlich gefesselt und ausgesprochen gut unterhalten. Hier ist so unglaublich viel drin: Vom arisch inszenierten Siegfried Schürenberg zu Dr. Mabuse, von geschickt plazierter Propaganda bis hin zu Sybille Schmitz ... Ich arbeite an einem Text über den Film, kann aber nicht versprechen ihn jemals fertig zu bekommen, so vielschichtig und interessant ist das Werk. Ich versuch's aber! Derweil gilt: Wer etwas übrig hat für frühe fantastische Filme und den hier jemals in die Finger bekommt: Anschauen!! Es lohnt!

Neues vom Wixxer (Cyrill Boss & Philipp Stennert, 2007) 7/10
Chefinspektor Even Longer und Assistent Very Long müssen mit Entsetzen feststellen, dass der Wixxer mitnichten tot ist, sondern ein neuer Unhold sein Unwesen treibt. Die Ermittlungen führen zu Longers heimlicher Geliebten Victoria Dickham und zu einer Hochzeit in der königlichen Familie. Hat Hatler, der jetzt sein Geld als Psychiater verdient ("Landschaftsmalerei: Eine gute Methode um Größenwahn zu heilen!") seine Hand im Spiel? Was treibt Schwester Lucipha in ihrem Kloster? Und wie kann Chucky Norris die Irrenanstalt scheinbar unbermerkt verlassen?

Der erste Teil war entschieden schwächer, trotz der allerallerallerbesten Szene, die ich jemals in einem Film bewundern durfte (nämlich dem explodierenden BMX-Fahrrad). Im zweiten Teil ist nun die Gagdichte so extrem hoch, dass man auch bei manchem Rohrkrepierer eigentlich die ganze Zeit mindestens am Kichern ist. Tolle Gaststars von Joachim Fuchsberger bis Roberto Blanco, gute Musik (ich mag es vor allem, wenn das James Bond-Thema des öfteren auftaucht), eine starke Verfolgungsjagd per Treppenlift, und überhaupt ein riesiges Vergnügen mit hoher Lachgarantie und enormen Spaßfaktor.

Nathalie: Escape from hell (Alain Payet, 1978) 4/10
Partisanen überfallen einen deutschen Konvoi, doch 2 Offiziere können sich verletzt auf einen Bauernhof retten. Dort ist gerade die örtliche Ärztin Nathalie Baskova anwesend und rettet zumindest den einen der Offiziere, Leutnant Muller oder Miller oder so. Der andere wird von einem weiteren Partisanen erschossen, daraufhin wird Nathalie in einen Edelpuff für deutsche Offiziere an der polnischen Grenze deportiert. Dort aber hält Leutnant MullerMiller seine schützende Hand über sie, auf dass die Puffmutter Helga Horst mit ihrer Lederpeitsche sie nicht abrichtet, sondern sie weiterhin als Ärztin arbeiten kann. Aber über kurz oder lang ist Helgas Peitsche länger als MullerMillers Einfluss, und spätestens wenn Oberstoderwasuchimmer Gunther stirbt, muss auch Nathalie in den Folterkeller. Dort kann sie ihren wahren Auftrag endlich angehen: Für den britischen Geheimdienst eine Agentin entweder befreien oder töten ...

Düster, ernsthaft, und insgesamt wenig trashig, dafür aber mit enormen Längen, vor allem nach dem ersten Drittel. Man schlurcht ewig durch die Gänge des Schlosses, hält die immergleichen Dialoge, und kommt inhaltlich überhaupt nicht vom Fleck. Einzig wenn Jacqueline Laurent ins Bild kommt steppt der Bär. Die Frau hatte entschieden Ausstrahlung und Wirkung, sowohl im knappen Lederdress wie auch im schwarzen Abendkleid. Dagegen kommt die blass wirkende Patrizia Gori mit ihrer braven Rolle überhaupt nicht an, und dieser Fehlbesetzung mache ich auch zum Vorwurf, dass der Film sich über lange Teile so schleppt. Zu sehr für meinen Geschmack, da können auch die Leder-Helga und Jack Taylor nicht mehr viel retten. Ein wenig mehr Exploitation hätte dem Film sicher gut getan ...

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Ein Halleluja für Camposanto (Giuliano Carnimeo, 1971) 7/10
Zwei Greenhorns im Wilden Westen: John und George McIntire kommen direkt aus Irland auf die Ranch ihres Vaters, können nicht schießen, nicht prügeln, wollen Beleidigungen satisfaktieren – und geben schnurstracks dem Erpresser, der dem Vater Schutzgeld abknöpft, eins auf die Nase. Keine gute Idee, und als sie den Nachbarn Toland um Hilfe angehen wollen entgehen sie nur knapp dem Tod. Knapp, das bedeutet dass ein schwarzgekleideter und schweigsamer Fremder die Angreifer mal eben so abknallt. Der Fremde, der auf den netten Namen Camposanto hört, also “Friedhof“, soll die Jüngelchen und ihre beiden mexikanischen Freunde im Schießen unterrichten und ein wenig beschützen. Das haben die vier auch bitter nötig, denn im Ort treibt sich allerlei Gesindel herum, das mit dem Schießeisen verdammt schnell ist. Außer einem: Dem Grafen. Der sitzt lieber in der Ecke, beobachtet alles, zieht seine Schlüsse, und schießt dann erst …

Was hätte das für ein toller Western werden können, wenn Carnimeo sich mal irgendwann entschieden hätte in welche Richtung er denn möchte: Lieber eine klamaukige Sache im Stil der SARTANA-Filme, die in den Jahren davor recht erfolgreich waren? Oder doch lieber etwas ernsthaftes, mit dem finster dreinblickenden Gianni Garko und dem mega-coolen William Berger als sich bekriegende Kopfgeldjäger-Freunde? Eigentlich sind alle Zutaten da, um den letztgenannten Western stilvollendet hinzubekommen: Die Musik von Bruno Nicolai ist extrem schmissig und hat einen ungehörigen Ohrwurmfaktor, die Nebendarsteller sind lässig (Raimondo Penne, Ugo Fangareggi), ordentlich (Chris Chittell, John Fordyce) oder einfach nur ordentlich gefährlich und lässig (Nello Pazzafini als Kopfgeldjäger der hätte Barbier werden sollen in einem seiner einprägsamsten Kurzauftritte). Die Kamera von Stelvio Massi hat einige ganz wunderbare Momente, und die Settings sind die gleichen wie in RINGO – SUCH DIR EINEN PLATZ ZUM STERBEN – sehr schöne Ruinen in einer grünen Landschaft, so richtig geeignet zum pittoresken Sterben.

Insgesamt also, trotz des Fehlens von Frauen, ein wunderbarer und runder Film. Der aber unentschlossen hin- und herpendelt, und nicht weiß wo er hin mag. Die Saloonschlägerei empfand ich als störend, ausgesprochene Härten gibt es nur sehr wenige, und allgemein wird sehr unblutig gestorben. Also doch eher ein Western der leichten Muse, aber dafür passt die düstere Gestalt des Camposanto wiederum nicht so ganz. Ein Punkt mehr wäre locker drin gewesen bei einer klareren Ausrichtung, aber mal ganz ehrlich: Das ist Jammern auf hohem Niveau. Denn CAMPOSANTO macht so wie er ist einfach verdammt Laune …

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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ein Halleluja für Camposanto (Giuliano Carnimeo, 1971) 7/10
Was hätte das für ein toller Western werden können, wenn Carnimeo sich mal irgendwann entschieden hätte in welche Richtung er denn möchte: Lieber eine klamaukige Sache im Stil der SARTANA-Filme, die in den Jahren davor recht erfolgreich waren? Oder doch lieber etwas ernsthaftes, mit dem finster dreinblickenden Gianni Garko und dem mega-coolen William Berger als sich bekriegende Kopfgeldjäger-Freunde?

Das hat aber in dem Fall mit Carnimeo selbst nicht viel zu tun, denn hier hat er ja am Drehbuch nicht mitgearbeitet.
Das war eine Barboni-Soloarbeit, von daher finde ich den Stil auch nicht allzu überraschend.
Natürlich, das kann gefallen, aber auch nicht, nur, wie gesagt, diese in deinen Augen unausgewogene Mischung liegt diesmal nicht am Regisseur.


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PostPosted: 30.04.2019 18:25 
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Sbirro Di Ferro wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Ein Halleluja für Camposanto (Giuliano Carnimeo, 1971) 7/10
Was hätte das für ein toller Western werden können, wenn Carnimeo sich mal irgendwann entschieden hätte in welche Richtung er denn möchte: Lieber eine klamaukige Sache im Stil der SARTANA-Filme, die in den Jahren davor recht erfolgreich waren? Oder doch lieber etwas ernsthaftes, mit dem finster dreinblickenden Gianni Garko und dem mega-coolen William Berger als sich bekriegende Kopfgeldjäger-Freunde?

Das hat aber in dem Fall mit Carnimeo selbst nicht viel zu tun, denn hier hat er ja am Drehbuch nicht mitgearbeitet.
Das war eine Barboni-Soloarbeit, von daher finde ich den Stil auch nicht allzu überraschend.
Natürlich, das kann gefallen, aber auch nicht, nur, wie gesagt, diese in deinen Augen unausgewogene Mischung liegt diesmal nicht am Regisseur.

Da hast Du natürlich völlig recht, Sbirro, das hatte ich völlig übersehen. Was aber die Sache auch nicht wirklich besser macht, denn dass Carnimeo durchaus konnte wenn man ihn nur gelassen hätte, das kann man in RINGO - SUCH DIR EINEN PLATZ ZUM STERBEN sehr gut sehen. Und Barboni ist als Komödienspezialist ja auch über jeden Zweifel erhaben. Was wieder zur Frage des gesunden Mischungsverhältnisses führt. Ich weiss nicht, irgendwie, trotz wirklich guter Unterhaltung, war da einfach etwas was mich ein wenig gestört hat. Bei Petronis AMIGOS zum Beispiel finde ich die Mixtur erheblich homogener, passender. Da halten sich Melancholie und Witz die perfekte Waage (und mir ist sehr wohl klar, dass ich mit dieser Meinung anecke). Aber bei CAMPOSANTO scheinen mir die Szenen oft nicht ausbalanciert. Ein leicht komischer Unterton in einer ernsten Szene stört mich einfach etwas. Oder liegt das vielleicht daran, dass ich Gianni Garko mit Sartana und der dazugehörigen Brandt-Synchro assoziiere, und deswegen bei Camposanto immer auf die Schenkelklopfer warte? Bei SCHWEINEHUNDE BETEN NICHT passiert mir das doch nicht. Vielleicht stimmt ja was mit meinen Gefühlen nicht ...

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Gilda (Charles Vidor, 1946) 6/10
Buenos Aires, 1945: Der Kasinobesitzer Mundson rettet dem Glücksspieler Johnny eines Abends das Leben. Johnny steigt daraufhin bei Mundson ein und arbeitet sich mit Stil und Härte schnell nach oben, bis zu Mundsons rechter Hand. Nach einer Reise kommt Mundson plötzlich verheiratet wieder: Gilda. Rothaarig. Sexy. Selbstbewusst. Freiheitsliebend. Schnell zeigt sich, dass Johnny und Gilda sich früher bereits kannten, und ihre damalige Liebe, die zu der jetzigen grundlegenden Abneigung geführt hat, gefährdet das feine Spiel Mundsons, der das Kasino nur als Tarnung für sehr viel größere Pläne führt. Mundson will auf keinen von beiden verzichten, doch als deutsche Spione seine Pläne gefährden eskaliert die angespannte Situation: Mundson begeht Selbstmord, Johnny wird sein Nachfolger, und Gilda …? Heiratet …

Aha, das ist also ein Klassiker. Einer der ganz großen Noirs, der das Genre wenn schon nicht mitbegründet, so doch auf jeden Fall mit geprägt hat. Auch auf die Gefahr hin, dass ich viel Schelte bekomme und gute Freundschaften verliere: So doll war das jetzt nicht, was ich da gesehen habe. Klar, Rita Hayworths Handschuh-Striptease ist megasexy, und klar, Schwarz und Weiß sind hervorragend gesetzt, gerade zu farbig, und wunderschön anzuschauen. Aber kann das denn schon alles sein? Die Kulissen waren voluminös überhöht und gerade dadurch bemerkenswert in ihrer Künstlichkeit. Artifiziell Kulissen, in denen Charaktere sich bewegen, die genauso wie das Außenrum immer nur so tun als ob. Die nie das sind was sie zu sein vorgeben, und deren Handlungen und Beziehungen untereinander immer einen doppelten Boden haben und sich ins Gegenteil verkehren (können). Die künstlich sind.
Johnny und Mundson: Johnny verehrt Mundson und wäre gerne wie er, aber es ist auch klar, dass Mundson Johnny nur ausnutzt. Sieht Johnny das wirklich nicht?
Mundson und Gilda: Selten eine Beziehung gesehen die auf so tönernen Füßen steht, und bei denen die Beteiligten sich gleichzeitig sicher sind, dass dieses Kartenhaus bis in alle Ewigkeit hält. Wer bitte glaubt ernsthaft, dass eine nach einem Tag Bekanntschaft geschlossene Hochzeit etwas taugt?
Johnny und Gilda: “Ich hasste sie so sehr, dass sie mir keine Minute aus dem Kopf ging.“ Hassliebe at its very best.
Johnny und Onkel Pio: Auch so eine Art Hassliebe. Pio empfindet Johnny als bäuerisch und studiert dessen Werdegang, so wie er ein Insekt unter einem Mikroskop studieren würde.
Und da kommen wir dann zu den doppelten Böden der Charaktere: Onkel Pio rettet Johnny das Leben. Gilda gibt die promiskuitive Lebedame, die sie in Wirklichkeit gar nicht ist. Stattdessen tut sie so, als ob sie Johnny leidenschaftlich hasst (“Ich hasse dich so ungemein, dass ich sogar mich selbst zerstören würde, um dich kaputt zu machen.“), nur um ihn eigentlich zurückzugewinnen. Johnny wiederum eifert Mundson nach und wird auch tatsächlich wie sein großes Vorbild, und doch bittet er Gilda darum, dass sie ihn mitnimmt zurück nach Hause. Statt mondänem Nachtleben im Kasino in Buenos Aires, lieber braves Eheleben in Kleinstadt City?

Ich weiss nicht, mir sind da einfach zu viele Wendungen und Drehungen in den Personen und in ihren Handlungen, die aber nicht im Sinne eines Handlungstwists überraschend kommen, sondern künstlich und aufgesetzt wirken. Nur ausgerechnet Mundson ist genau das, was er zu sein vorgibt: Ein eiskalter Gangster, dessen einziges Ziel die Weltherrschaft ist. Die anderen Personen sehen alle aus wie Janusköpfe, die aus verschiedenen Blickwinkeln verschiedene Eigenschaften besitzen. Der ganze Film ist so ein Januskopf, sieht er doch manchmal aus wie ein Gangsterfilm, und ist doch “bloß“ ein gut fotografiertes Melodram mit einem tollen Ohrwurm und einer wirklich im Gedächtnis bleibenden Szene. Was mir persönlich einfach etwas zu wenig ist. Aber wahrscheinlich war es eh nur wieder mal die Sache mit der Erwartungshaltung, und eine irgendwann erfolgende Zweitsichtung liefert mehr Aufschluss …

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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Aha, das ist also ein Klassiker. Einer der ganz großen Noirs, der das Genre wenn schon nicht mitbegründet, so doch auf jeden Fall mit geprägt hat. Auch auf die Gefahr hin, dass ich viel Schelte bekomme und gute Freundschaften verliere: So doll war das jetzt nicht, was ich da gesehen habe. Klar, Rita Hayworths Handschuh-Striptease ist megasexy, und klar, Schwarz und Weiß sind hervorragend gesetzt, gerade zu farbig, und wunderschön anzuschauen. Aber kann das denn schon alles sein? Die Kulissen waren voluminös überhöht und gerade dadurch bemerkenswert in ihrer Künstlichkeit. Artifiziell Kulissen, in denen Charaktere sich bewegen, die genauso wie das Außenrum immer nur so tun als ob. Die nie das sind was sie zu sein vorgeben, und deren Handlungen und Beziehungen untereinander immer einen doppelten Boden haben und sich ins Gegenteil verkehren (können). Die künstlich sind.



Das ist heute natürlich das große "Problem", dass mit dem Schlüsselbegriff "film noir" sich eben eine ganz bestimmte Art von Ästhetik (die dunklen Räume und Straßen mit ihren reflektierten Lichtkanten und den gitterartigen Schattenwürfen) wie auch eine konkrete Handlungsanlage (beispielsweise: der private Ermittler, der einen Kriminalfall lösen muss, wobei eine "tödliche" Frau sein Schicksal wird) verbinden; der Begriff - und somit das Genre - ist ja nicht zeitgemäß entstanden (die Regisseure wussten damals ja nicht, dass sie "Noirs" drehen würden), sondern der Terminus ist eine nicht-historische Konstruktion, die den Filmen "nachträglich" aufgesetzt wird (ähnlich wie bei den "Gialli", aber das wäre eine andere Diskussion); insofern kann man schon überrascht werden, dass sich etwa in den 50er Jahren die "Noirs" - beispielsweise von "Columba" - nur noch selten des typisch dunklen "Look"s der 40er Jahre bedienen, da die Filme (im Hinterkopf der Produzenten) schon für eine spätere TV-Ausstrahlung geplant waren und deshalb "heller" ausfallen sollten; oder die andere Verwirrung (wegen des Vorurteils "Noir"): es gibt "Noir"-Filme, die überhaupt keine Thriller wären, sich aber trotzdem dem "Noir"-Stil bedienen (sogar wesentlich intensiver, als die klassischen Thriller-"Noirs" selbst); schau Dir einmal THE OX-BOW INCIDENT oder THE DAY THE EARTH STOOD STILL an, die sind stilistisch gesehen extrem "Noir"isch nach dem heutigen Verständnis...

da ich ja grundsätzlich eher für ein "Kino" bin, das auch durch seine "Fehler" lebt, nicht literarisch wäre und somit vielmehr "Kinomomente" durch seine Gesten oder mit bestimmten Plot-transzendenten Augenblicken schafft, bin ich jetzt auch nicht der große Fan vom gut-produzierten und Star-besetzten Film GILDA; was die Qualität des Films aber wohl ausmacht und seinen "Noir"-Kult bestimmt, wäre dann wohl die sadomasochistische Handlungsebene, die sich in der Handlung durch eine (Zensur-bedinge) Symbolsprache ausdrückt; die Dreiecksposition zwischen Johnny, Ballin und Gilda ist dahingehend schon - für die Zeit - bemerkenswert eindeutig: alleine die mögliche Deutung für den Stock von Ballin, der augenscheinlich Gilda ja sexuell nicht befriedigen kann, ist hier interessant, während Johnny aus einer masochistischen Perspektive agiert - und eben nicht mit Gilda schläft (wohl auch nach deren Hochzeit); Gilda wiederum wäre sadistisch gegenüber Johnny, indem sie ihn ständig verführen will, während sie Ballin - auch wenn sie objektiv gesehen durch ihn unterdrückt wird - ihre Liebe entzieht; dieses Zusammenspiel der verschiedenen emotionalen Bestimmtheiten (rein symbolisch im Film implementiert) machen GILDA dann schon - nach meinem Empfinden - sehr sehenswert... so ist GILDA zwar ein "Noir"-Melodrama mit Freudscher Ebene - aber kein reiner Thriller, den man heute zumeist bei einem "Noir" erwartet...


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Natürlich hast Du recht, lieber Howard Vernon, wenn Du sagst, dass Noir normalerweise mit Krimi assoziiert wird. Ich mache da auch keine Ausnahme, erst BRIEFE AUS DEM JENSEITS und DAS SCHWARZE BUCH haben mir gezeigt, dass da, wie so oft, noch mehr geht, und dass der Begriff “Noir“ weiter gefasst werden muss als üblicherweise gedacht. Das Buch Film Noir von Paul Werner ist schon viele Jahre her, und wenn ich da so reinblättere ist das Teil dermaßen trocken, dass es wohl auch bei der einen Lesung von vor gefühlten 100 Jahren bleiben wird.

Nichtsdestrotrotz bin ich erstmal von einem Krimi ausgegangen, und war, Achtung Erwartungshaltung, eher irritiert. Oder enttäuscht, je nachdem. Anschließend habe ich den sehr guten Eintrag in der deutschen Wikipedia gelesen um herauszubekommen, was ich alles verpasst habe. Welchen Subkontext ich kennen muss, um den Film zu verstehen. Welcher Art die Beziehungen zwischen den Figuren sind, usw. Alles gut, und was Du schreibst sind ebenfalls spannende und richtige Details, aber trotzdem: Wenn ich mir das Verständnis eines Filmes im Nachhinein anlesen muss, dann bin entweder ich die falsche Zielgruppe, oder ich bin zu dumm, oder der Regisseur wollte zuviel. Das ist dann das, was ich immer mit Bauch und Kopf meine: Wenn ein Film den Kopf anspricht ist das hervorragend und gut und wichtig und wasweißichnoch. Ich liebe Woody Allens ZELIG über alles, und bei Werner Herzogs NOSFERATU weiß ich gar nicht wie oft ich den mittlerweile sah und darin versunken bin. Aber der Bauch ist mir ehrlich gesagt etwas wichtiger. Ich will von einem Film bei den Eiern gepackt werden, weswegen ich ZWEI GLORREICHE HALUNKEN alleweil bevorzuge. Und FOOTSOLDIER ebenfalls. Im günstigsten Fall halten sich diese Elemente die Waage, was dann so in etwa zu IRREVERSIBLE führt …

GILDA hat mich nicht bei den Eiern gepackt (das meine ich jetzt durchaus im doppeldeutigen Sinne). Zuviel Kopf, zu wenig Bauch, und der Striptease reißt es einfach nicht raus. Sorry, Film ist für mich halt in erster Linie Eskapismus, und nicht Philosophie …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Schmutziger_Maulwurf wrote:
GILDA hat mich nicht bei den Eiern gepackt (das meine ich jetzt durchaus im doppeldeutigen Sinne). Zuviel Kopf, zu wenig Bauch, und der Striptease reißt es einfach nicht raus. Sorry, Film ist für mich halt in erster Linie Eskapismus, und nicht Philosophie …


Volle Zustimmung - auch für mich muss ein Film erst einmal "unmittelbar" wirken, das Mittelbare (also das Reflektieren über den Film[inhalt]) wäre auch für mich, was "danach" erst kommt; allerdings ist ein Film ein Medium, das "laufende Bilder" zeigt und folglich einen Fluss von "Bildzeichen" anbietet, die dann durchaus interpretiert werden können (so käme dann die Philosophie, die Didaktik, die Moral, die moralische Überschreitung etc. hinzu); das "Problem" von GILDA, das Du beschreibst, ist möglicherweise eines, welches eben den historischen Kontrast zwischen der damaligen Aufführung und der heutigen Rezeption beschreibt; ich bin überzeugt, dass das damalige Publikum diese verschleierte Zeichencodierung mit den sexuellen Anspielungen (die Du Dir und ich mir im Hier und Heute erst anlesen musst) "unmittelbar" entschlüsseln konnte, da die Zensur - oder genauer der "Produktionskode" - deutlicheres Darstellen nicht zugelassen hat; es war somit quasi problemlos für die Regisseure gewesen, solch (eigentlich "verbotenen") Themen (der klassische Hollywoodfilm sollte Familien-tauglich sein) in den Filmen unterzubringen (im "Noir": solch ein Code-Wort für "Streetwalker" = Prostituierte, oder "Frauenhasser" = für Homosexueller - siehe beispielsweise Lorres Figur in "The Maltese Falcon"); insofern ist das Ausziehen der Handschuhe in GILDA natürlich ein Code für das komplette Nackt-Sein von Gilda auf der Bühne, was dann auch die übertriebenen Zuschauerreaktionen im Publikum erklärt, die beim Anblick der ausgezogenen Handschuhe ja regelrecht den Verstand verlieren; dem damaligen Zuschauer war dies sicherlich gänzlich klar, während der heutige Zuschauer - der täglich von Nackten im TV etc. umgeben ist - sich erst einmal über dieses merkwürdige Verhalten wundert; ich denke, dass gerade der "Noir" - und ich mag hier vor allem auch die reinen Thriller - ungemein von diesem zeitgenössischen "Filmcode" lebt, aber trotzdem dann auch weiterhin rein an der "Oberfläche" bis in die heutige Zeit hineinwirken kann...

PS: DAS SCHWARZE BUCH finde ich auch ganz hervorragend; der Film vermittelt eine unglaublich bedrückende Stimmung durch seine schattenreichen Bilder...


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PostPosted: 07.05.2019 21:31 
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Wer den Wind sät (Stanley Kramer, 1960) 8/10
Der Biologielehrer Bertram Cates wird während des Unterrichts verhaftet, weil er die Evolutionslehre nach Charles Darwin unterrichtet. Im bibeltreuen Tennessee in den 20er-Jahren ein absolutes Unding. Ein Gesetzesbruch! Eine Gotteslästerung!! Ihm wird der Prozess gemacht, und als Ankläger wird Matthew Harrison Brady gerufen, der berühmte Staatsanwalt, der die Bibel perfekt kennt und Gottes Wort persönlich empfängt. Doch auch die Verteidigung ist gut organisiert: Henry Drummond, der große atheistische Verteidiger, kommt extra aus Chikago angereist, um Cates vor dem Scheiterhaufen zu retten. Wer lacht da? Der Vater von Cates Freundin, Reverend Brown, verflucht Tochter und Schweigersohn in spe auf einer öffentlichen Veranstaltung, und das ist eine ernstzunehmende Sache. Wie überhaupt alles rund um diesen sogenannten “Affenprozess“, der 1925 in Tennessee tatsächlich stattgefunden hat, und wo rechtschaffene und gottesgläubige Bürger auch mal den Galgen für den Gotteslästerer Drummond fordern …

Schon die Titelmusik macht klar, aus welcher Richtung hier der Wind weht: Eine Soulsängerin singt “Bring me back to the old religion“, und die düstere Musik kontrapunktiert diese grundlegend positiv konnotierte Aussage mit bösen und finsteren Akkorden. Nix mit guter alter Zeit: Wer etwas anderes denkt als die Masse wird ausgestoßen aus der Gemeinschaft, wird verflucht, wird mit Lynchjustiz bedroht. Entsprechend geht es hier auch weniger darum, ob Charles Darwin nun Recht hatte oder nicht. Was eigentlich auf der Tagesordnung, zumindest der Verteidigung, steht ist die Frage nach dem freien Willen, nach dem Recht des freien Denkens. Denn natürlich darf jeder denken was er will, solange es gottgefällig ist und den anderen in den Kram passt. Gegen diese Sicht wehrt sich Henry Drummond vehement, und wirft seine ganze Erfahrung in die Waagschale des 35° heißen Gerichtssaals (morgen soll es noch heißer werden). Und die Konservativen, die Eiferer, die Selbstgerechten, die wehren sich mit Händen und Klauen: Wissenschaftler aus den Universitäten der Nordstaaten werden als Zeugen von vornherein abgelehnt, Cates’ Freundin Rachel vertraut sich Brady an und wird daraufhin im Zeugenstand nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen (was Cates dazu bringt, ihre Fürsprache durch Ausschluss aus der Verhandlung zu unterbinden), Darwins Bücher werden als Beweismittel nicht zugelassen. Weswegen der alte Fuchs Drummond dann Brady selbst in den Zeugenstand ruft, und ihm, dem profunden Bibelkenner, die Widersprüche innerhalb der Bibel um die Ohren haut dass es nur so qualmt. Eigentlich waren die beiden mal Freunde, damals, als Brady noch Präsident werden wollte. Und die Chemie zwischen ihnen stimmt auch heute durchaus noch, aber man hat sich auseinandergelebt, um jetzt in einem gigantischen Zweikampf zu kollidieren. Der Kampf endet irgendwann, aber es ist ein Pyrrhussieg auf Kosten eines Menschenlebens, und am Ende ist (bis auf den Zuschauer) irgendwie niemand so richtig zufrieden. Gottes Schöpfung und Darwins Beitrag werden auch weiterhin gezwungen sein, nebeneinander her zu existieren …

Großes Schauspielerkino, das bei über 2 Stunden Laufzeit, die fast ausschließlich aus Dialogen besteht, keine einzige Sekunde langweilt. Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt, erstklassig orchestriert (sowohl was die Musik, wie auch die Schauspielerführung angeht), fesselnd … Endlich mal wieder ein Film der einen wissen lässt, warum man Filme liebt!

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Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (J Blakeson, 2009) 7/10 mit ganz schwerem Hang zur 8/10
Der Plan von Danny und Victor ist einfach und deswegen auch genial: Alice Creed entführen, Geld verlangen, Geld bekommen, Geisel frei lassen, weg. Durchdachte Vorbereitungen und eine klare Befehlshierarchie sind dabei ausgesprochen hilfreich, und prinzipiell klappt auch alles wie es klappen soll. Aber ein paar Sandkörner tauchen dann doch im Getriebe auf:
Anders als Victor denkt, ist Alice Creed nicht zufällig ausgewählt worden, denn Danny kennt Alice. Und Alice kennt Danny. Die beiden haben ein Verhältnis. Victor und Danny haben auch ein Verhältnis.
Und 2 Millionen Pfund Lösegeld sind eine verdammte Menge Geld, zu der man ebenfalls ein gutes Verhältnis aufbauen kann. Notfalls müssen alte Verhältnisse eben geändert werden. So etwas kann auch verhältnismäßig schnell gehen ...

Drei Personen und, im Wesentlichen, ein Raum. Mehr braucht J Blakeson nicht um Hochspannung zu erzeugen. Die Grundvoraussetzung ist dabei sehr einfach: Ein abgeschlossener Raum in dem ein Bett steht. An dieses Bett ist mit Händen und Füssen eine Geisel gekettet, geknebelt und mit Kissenüberzug über dem Kopf. Die Frage lautet also: Wie zur Hölle kommt jetzt eine Patronenhülse in dieses Zimmer? Eine zweite Frage: Wie bekommt man diese Patronenhülse unauffällig wieder hinaus? Oder auch: Warum braucht Danny so ewig lange um die Türe zu öffnen? Wo ist das dritte Handy? Mit diesen Fragen zerrt der Regisseur an den Nerven der Zuschauer und der Darsteller, und das macht er verdammt gut! Was Gemma Arterton (EIN QUANTUM TROST) schauspielerisch abliefert ist eine gigantisch eindrucksvolle Tour de Force, aber Martin Compston (DRECKSAU) und Eddie Marsan (RED RIDING TRILOGY) stehen dem in Punkto Charisma und Attitüde in nichts nach. Drei erstklassige Schauspieler, die durch ein sauspannendes Skript jagen und nicht von Explosionen, Computereffekten oder unnötigen Liebesgeschichten abgelenkt werden, sondern sich voll auf die gradlinig erzählte Geschichte konzentrieren können. Und spätestens, wenn gegen Ende ein Hauch von SAW durch das Bild fegt und Fasungslosigkeit hinterlässt, empfiehlt sich SPURLOS für Liebhaber schmutziger, fieser Filme voller Überraschungen und überragender Leistungen.

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Tatort: Tod im U-Bahnschacht (Wolf Gremm, 1975) 7/10
Bei den Arbeiten an der Berliner U-Bahn kommt ein türkischer Arbeiter zu Tode. Weil der arme Kerl keine Papiere hat wird die Leiche mehr oder weniger unauffällig entsorgt, aber ein Betrunkener beobachtet das makabre Geschehen und meldet das der Polizei. Derweil muss der Chef der illegalen Arbeiter dafür sorgen, dass der Schwager des Toten sein Maul hält. Und die Frau des Toten ebenfalls. Letzteres ist einfach: Die Frau wird in den eigenen Puff gesteckt und gut. Aber der Schwager, ebenfalls ein Illegaler, findet das alles gar nicht zum Lachen und zückt sein Messer ...

Fast wie ein Genrefilm: Der Tod auf der Baustelle ist ziemlich blutig und lang ausgewalzt, und die Polizei ist inkompetent und hat echte Probleme, in welches Dezernat der Fall denn nun gehört (ist ja auch viel wichtiger als zu ermitteln). Überhaupt tut die Polizei hier nicht agieren, sondern fast ausschließlich reagieren. Das Heft in der Hand hat ein anderer, nämlich der Bauunternehmer und Menschenhändler Kaiser, der notfalls auch kein Problem damit hat über Leichen zu gehen. Ein kleiner Berliner Tatort-Kommissar ist da klar überfordert, da bräuchte es eher einen Kommissar Belli zum Trockenlegen dieses Sumpfes. Entsprechend ist das Ende der Folge nicht ohne und schon fast kinoreif. Sehenswert!

Der Bulle von Tölz: Tod am Altar (Walter Bannert, 1996) 7/10
Der beliebte Pfarrer Martin Petermeier bricht tot auf der Kanzel zusammen: Er wurde vergiftet. Benno Berghammer und Sabrina finden im Haus des Pfarrers Iris, eine ehemalige Fixerin, die von Petermeier aufgenommen wurde. Ihre kleine Tochter Mia wird aufgrund der Drogenprobleme ihrer Mutter von der katholischen Einrichtung „Lichtwerk“ großgezogen. Als Iris von drei Damen des „Lichtwerks“ mitgenommen wird, untersuchen die beiden Beamten diese angeblich katholische Einrichtung etwas genauer. Sabrina mischt sich unter die Gläubigen und trifft dort auf eine völlig verzweifelte Iris. Schnell wird klar: Bei dem „Lichtwerk“ handelt es sich nicht um eine kirchliche Institution, sondern um eine Sekte, geführt von der charismatischen Seherin Sophia. Benno erfährt, dass Pfarrer Petermeier ein Verhältnis mit der Frau des Schuldirektors, Kathy, hatte. Kathy ist obendrein von Petermeier schwanger … (Text: Sat1)

Ausnahmsweise mal eine fremde Inhaltsangabe, aber die passt einfach so perfekt. Eine sehr spassige Folge mit hohem Tempo, in der vor allem Benno seine Bibelfestigkeit unter Beweis stellen kann. Angenehm ist, dass Benno und seine Mutter sich nicht nur kabbeln, sondern auch endlich mal normal miteinander reden, und Resi sogar wichtige Informationen für Benno hat - und dieser auch tatsächlich zuhört! Witzig ist die Idee, dass der Bischof ein Kind hat ("Sie als höchste Nutte der Diözese kennen natürlich alle Griffe der Nächstenliebe. Und jetzt raus, Eminenz!"). Der Gastauftritt von Christian Tramitz als Pfarrer mit 2 Freundinnen gleichzeitig ist gut, im Gedächtnis bleibt aber vor allem Ellen Schwiers als Schwester Sophia, die durchgeistigte Seherin des Lichtwerks, die sehr wohl weltliche Interessen an den Tag legt. Wie gesagt: Spassig.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Mother! (Darren Aronofsky, 2017) 10/10
Das glückliche Paar: Er ist Schriftsteller und leidet unter eine Schreibblockade, sie wünscht sich ein Kind und dass er sie überhaupt einmal wieder berührt. Ihre innere Einsamkeit kompensiert sie mit der Renovierung des alten Hauses, in dem sie gemeinsam leben. Quasi mit dessen Erschaffung, denn das Haus ist schon arg heruntergekommen. Eines Tages kommt ein älterer Mann und bleibt als Logiergast, auch wenn das Frau gar nicht so recht passt. Dann kommt die Frau des Gastes, eine impertinente Trinkerin, und als nächstes die beiden Söhne der Neuankömmlinge, wobei der eine, nennen wir ihn mal Abel, den anderen, der vielleicht Kain heißen könnte, in einem Streit tötet. Eine unüberschaubare Gruppe von Trauergästen kommt zu Besuch, und übrig bleibt ein fast zerstörtes Haus. Dies, und ein Streit, der dazu führt, dass Frau ein Kind bekommen wird. Und Mann seine Schreibblockade überwindet.
9 Monate später, kurz bevor das Kind auf die Welt kommt, ist das Haus des Paares ein viktorianischer Traum, und der Roman von Mann ist fertig. Er wird veröffentlicht, und die gesamte Auflage ist am ersten Tag ausverkauft. Ein gigantischer Erfolg! Menschen kommen von weit her um Mann zu sehen. Um Ihn zu berühren. Um IHM zu huldigen.

Javier Bardem bringt es auf den Punkt: Was ist, wenn das Haus die ganze Welt ist, und wir besetzen das Haus und zerstören es, alles im Namen der Liebe eines anderen. Aronofsky zeigt in einem monströsen Alptraum die Menschheitsgeschichte in 120 Minuten. Sex, Hass, Angst, Liebe, Terror, Schrecken, Freude, und absolut alles dazwischen. Sterben und Geburt, Entstehen und Vergehen, und dies in einem zunehmend überbevölkerten Mikrokosmos. Und die Frau (ausgerechnet) muss sogar in die Hölle hinabsteigen und ihr Herz hergeben, um den Zyklus von Zerstörung und Erschaffung von Neuem zu beginnen.

Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Eindrücke zwischen Himmel und Hölle. Ein Sturm der Bilder. Unglaublich schöne Momente stehen neben grausamen Horrorszenarien. Der Verlust der Realität unter der Wahrung größtmöglichen Realismus. Fassungslosigkeit. Keine Worte. Die Unmöglichkeit etwas zu beschreiben, was sich tief in die Hirnrinde einbrennt.

Ich versuche es trotzdem, und ob ich mich dabei verlaufe kann ich einfach noch nicht sagen.

Auch, wenn gegen Ende die Ebene der reinen Realität wie wir sie kennen langsam verlassen wird, so wird doch letzten Endes nur eine andere Art der Realität gezeigt. Eine globalere und universellere Realität als nur das Leben von zwei Menschen(?) in einem Haus(?). Im Abspann sieht man, dass jede Sprechrolle eine Funktion hat: Der Zelot, die Ausruferin, die Heilerin, die Diebin, der Ordnungshüter, der Sklavenhändler, der Büssende, … Somit ist das filmische Vorgehen, welches zum Beispiel bei Filmen über Jugendliche so oft angewandt wird, dass nämlich jeder Typus Mensch in einer Rolle klassifiziert wird (sehr gut zum Beispiel bei Dennis Gansels DIE WELLE zu erkennen), hier in einem weitaus größeren Rahmen wiederzuerkennen. Nur dass Aronofsky nicht eine einzelne Gruppe von Menschen versucht zu beschreiben, sondern die gesamte Menschheit. Alles, was während des letzten Drittels passiert, wenn die Gläubigen in das Haus eindringen, kann mit dem Wort Leben belegt werden: Tanzen, lieben, kämpfen, feiern, sterben. Plus der Versuch, Besitztümer zu bekommen.

Ich glaube, ich habe mich doch verlaufen. Macht aber nichts, das passt sehr gut zum Film. Auf jeden Fall ist MOTHER! ein Film der Genregrenzen sprengt. Wer da in Begriffen wie Home Invasion oder Thriller oder Horror denkt, der denkt erheblich zu kurz. MOTHER! kann nicht in die Schranken schematischer Begriffe gesperrt werden, denn er sprengt jegliche Grenzen. Die Grenzen der Narration, der Vorstellungskraft, der empfangbaren Eindrücke. Definitiv nichts zum ein- oder zweimal schauen, dafür ist hier einfach zu viel enthalten.

Fazit: Ein sinnenbetäubender Rausch. Ein Pandämonium an Bildern, Eindrücken und Gedanken …

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PostPosted: 13.05.2019 20:56 
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Free Solo (Elizabeth Chai Vasarhelyi & Jimmy Chin, 2018) 8/10
Wir begleiten den Extremkletterer Alex Honnold bei seinen Vorbereitungen, El Capitan im Yosemite Valley Free Solo zu durchklettern: Eine knapp 1.000 Meter mehr oder weniger senkrechte Wand, durchzogen von Platten und gigantischen Risssystemen, Kletterrouten, die zu den schwierigsten der Welt gehören, und Alex Honnold will dort ohne Seil durch. Free Solo eben. Im Verlauf des Films lernen wir den Kletterer besser kennen, erfahren von seiner Freundin wie sehr Honnold auf das Klettern fixiert ist, lernen die Filmcrew kennen (selber alles erfahrene Kletterer), und nehmen an den Vorbereitungen teil. Und an der Durchsteigung der Wand selbstverständlich auch.

Ich: Leider alles sehr amerikanisch gehalten, mit weinender Freundin und der Mutter und den deprimierten Kumpels ... Einmal habe ich mich gefragt, ob ich in der Fortsetzung von DIE BRÜCKEN AM FLUSS bin.
Aber dann das letzte Drittel - die eigentliche Kletterei. Unglaubliche Bilder, sehr dynamisch gefilmt und extrem spannend umgesetzt. Ich habe stark gezittert, und das war sicher nicht nur das ungeheizte Kino. Gottseidank war ich der einzige in der Reihe: Einige Moves habe ich tatsächlich reflexartig mitgemacht. Honnold an der absoluten Grenze der Bewegungsfähigkeit, er MUSS um die Kante greifen, und meine Hand zuckt mit. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe auch wirklich schon viele Filme gesehen, aber ich habe noch absolut nie anschliessend von dem gesehenen Film geträumt! Heute Nacht bin ich wirklich geklettert - frei, und mit viel Angst im Kopf

Mein langjähriger Bergkamerad: Tolle Bilder. Wobei ich das Thema Freundin, Freunde, Mutter trotzdem interessant finde. Weil es den Konflikt zeigt zwischen Liebe und Freundschaft und der größten Liebe Berg und Klettern mit aller Konsequenz. Und dass das Klettern immer mehr Bedeutung hat wie ne Partnerschaft und dass die trotzdem zu ihm stehen. Aber eben wissen, dass jeden Tag der Anruf kommen kann, dass es ihn nicht mehr lebendig gibt.

Ich: Klar ist die Sache mit Familie und Freunden und Freundin und so relevant für das Verständnis der Person Alex Honnold. Aber es war mir oft zu kitschig umgesetzt. Wenn sie mit tränenerstickter Stimme von der letzten(!) Umarmung spricht, und dazu der Regen Tränen an die Scheibe plattert, dann ist das, Verzeihung, platt. Platt und rührselig. Auch die Sache mit dem Wohnungskauf hat zwar ein wenig den Menschen Honnold beleuchtet, war aber eigentlich überflüssig. Ich habe in meinem Leben 2 Klettererfilme gesehen: AM LIMIT und JÄGER DES AUGENBLICKS. Beide in erster Linie mit der Zielgruppe Kletterer, beide ohne falsche Romantik einfach nur packend erzählt. In JÄGER DES AUGENBLICKS gibt es diese Szene, wenn sie dann endlich die Routen eingerichtet haben, und sich in die Wand aufmachen. Dazu ganz laut Nothings else matters von Metallica - Ich sag Dir, diese Gänsehaut vergisst Du nie! Die Herangehensweise bei FREE SOLO ist halt eine andere, eine familientauglichere. Da sprechen dann gottseidank die Bilder für sich ...

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Mädchen Mädchen (Roger Fritz, 2017) 6/10
Nach 17 Monaten kommt Andrea aus dem Erziehungsheim raus, wo sie als Minderjährige wegen Beischlaf mit einem erwachsenen Mann eingefahren ist. Zwar möchte sie eigentlich zu ihren Eltern, landet aber dann doch irgendwie in einer Zementfabrik mit angeschlossenem Herrenhaus. Oder umgekehrt. Der Eigentümer ist der Mann wegen dem sie in der Anstalt war, Ernst, der auch genau deswegen im Moment im Gefängnis sitzt. Die Firma leitet derweil Junior, Ernsts Sohn. Andrea bleibt, und zwischen den beiden entspannt sich eine heftige Romanze, argwöhnisch beobachtet vom Hausmädchen Anna, und immer überschattet von der baldigen Rückkehr Ernsts. Als dieser aus dem Gefängnis entlassen wird ist schnell klar, dass hier einer zuviel ist.

MÄDCHEN MÄDCHEN ist mal wieder so ein Film, wo ich nicht so recht weiß was ich schreiben soll. In den Tagen nach der Sichtung habe ich viel über den Film gelesen, habe vieles gelernt über Roger Fritz, über seine Art Geschichten zu erzählen, und vor allem über die Feinheiten des Films, die mir beim Ansehen entgangen waren. Einige Dinge habe ich selber gesehen: Anna, die stolz vor der Tür steht mit diesem siegessicheren Das-sind-jetzt-ganz-allein-meine-Männer-Blick und den Eingang bewacht. Der wunderbare Tanz der Silhouetten an der Fabrikwand, der von dem drohenden Schatten im Hintergrund überdeckt wird. Das drollige Liebesspiel mit der auf- und zuknöpfbaren Bluse. Solche Dinge halt, und obwohl ich relativ häufig auf die Uhr geschaut habe (immer ein schlechtes Zeichen bei mir), trotzdem blieb der Film im Gedächtnis hängen und beschäftigte mich. Er beschäftigte, vor allem aber sog er mich im Nachhinein noch in sich hinein: Diese flirrende und gleichzeitig leichte Stimmung. Die hübsche Liebesgeschichte, die durch den, in verschiedensten Formen drohenden, Schatten des älteren Mannes immer wieder unterbrochen wird. Und vor allem die Bilder aus dem Oberbayern des Jahres 1966: Die Autos, die Mode, der Mief, die oberflächlichen Beatniks aus der großen Stadt, die Frustrationen in den Menschen …

Hier steckt entschieden mehr drin, als ein kleiner Maulwurf bei einer Sichtung erkennen kann. Mehr Text folgt bei der zweitendrittenvierten Sichtung. Bis dahin bleibt er bei “Ganz gut“ stehen, aber mit dem Wissen, dass da noch gewaltig Luft nach oben ist.

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Enter the Void (Gaspar Noé, 2009) 6/10 mit Hang zur 7/10
Oscar ist ein kleiner Dealer und Drogenabhängiger, irgendwo im großen Tokio. Seine Schwester Linda arbeitet als Go-Go-Tänzerin und hat ein Verhältnis mit ihrem Chef. Die beiden verbindet ein schicksalhaftes Band: Als Kinder haben sie bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ihre Eltern verloren. Sie schworen sich gegenseitig, sich niemals alleine zu lassen. Doch jetzt wird Oscar bei einer Razzia von der Polizei erschossen, sein Geist allerdings weigert sich die Erde zu verlassen und schwebt durch Tokio. Er besucht seinen Freund Alex, der Angst hat vor der Polizei und Wohnung und Halt verloren hat. Victor, der ihn verraten hat, mit dessen Mutter Oscar ein Verhältnis hatte, und dessen Familie an den Geschehnissen zerbricht. Seine Schwester, die ihren Job verliert und Gefahr läuft im Nachtleben von Tokio aufgerieben zu werden. Er sieht die Bilder seiner Kindheit, sieht die Ereignisse die zu seinem Tod führten, und irgendwann sucht er sich ein neues Leben aus. Ganz nah bei seiner geliebten Schwester.

Ein Drogenrausch aus Bildern und Tönen. Ein Trip aus Farben und Geräuschen. Eine Reise in die Welten der Toten und der Lebenden. An die Stelle, an der sich die beiden Welten treffen, so wie es im Tibetanischen Totenbuch beschrieben wird. Aber auch eine Reise durch einen urbanen Moloch, wie man ihn sich in Mitteleuropa kaum vorstellen kann. Ein Moloch der Menschen frisst und auspuckt wie unsereins Kernobst.

Schauspielerische Leistungen treffen auf technische Raffinessen, und eigentlich ist ENTER THE VOID ein Film zum Zurücklehnen, Chillen und zum sich Berauschen lassen. Wenn da nicht der klitzekleine Umstand wäre, dass der Film ganz einfach eine Stunde zu lang ist. Das Stilmittel des astralen Fluges über Tokio und durch Wände und Dächer hindurch läuft sich irgendwann tot, und gerade die letzte Stunde lässt auch narrativ eine offensichtliche Richtung vermissen. Wir wissen nicht was Oscar eigentlich noch sucht, und bis wir es erfahren (nämlich in der letzten Viertelstunde) vergeht einfach zu viel Zeit in der nichts passiert. Zeit, in welcher der Zuschauer Muße hat über das Nachzudenken, was er bisher gesehen hat. Was er morgen tun möchte. Was mit dem Job/der Verlobten/der Geliebten/oder allem gleichzeitig passieren soll. Zwar hat es immer wieder eingestreute Schockeffekte: Oscars Tod, vor allem aber der Unfall der Eltern, setzen deutliche Marken im Film und fesseln, wenn das eigene Bewusstsein mal wieder auf Reisen geht. Aber letzten Endes lässt sich der Zuschauer genauso treiben wie Oscar beim Rauchen des DMT. Man sieht bunte Fraktale und man kann sie zusammensetzen. Oder auch nicht. Oscar fliegt, und der Zuschauer fliegt mit ihm. Ob das reicht, das muss jeder für sich beurteilen. Mir persönlich war es etwas zu wenig, aber das bezieht sich wie gesagt nur auf die letzte Stunde.

ENTER THE VOID ist eine sinnliche Erfahrung, die via Film eher etwas Seltenes und Kostbares ist. Die ersten anderthalb Stunden haben mich gebannt und entspannt gleichzeitig. Aber Sitzfleisch und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Darstellungsformen müssen halt mitgebracht werden. Im Vorspann(?) werden irgendwann Coil und Throbbing Gristle erwähnt, und das sind eigentlich passende Vergleiche: Musik die weiter reicht als die nächsten 5 Minuten. Die aber auch grundlegend anders ist in ihrer Struktur. Betrete die Leere, und staune was sie alles enthält …

www.youtube.com Video from : www.youtube.com

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Der gläserne Schlüssel (Stuart Heisler, 1942) 8/10
Früher war Paul Madvig ein Gangster, jetzt aber möchte er ehrenwert werden. Er unterstützt den Gouverneurskandidaten Ralph Henry bei dessen Kandidatur, und wünscht sich im Gegenzug dafür die Hand der schönen Henry-Tochter Janet. Allerdings kommt er nicht wirklich aus dem Sumpf heraus: Als Henrys Sohn Taylor ermordet wird, sorgt der Mobster Nick Varna dafür, dass Madvig als Täter an den Pranger gestellt wird. Madvigs bester Freund und rechte Hand Ed Beaumont versucht Madvigs Unschuld zu beweisen. Sollte der jedenfalls auch wirklich unschuldig sein. Was nicht sicher ist, denn Madvig hält ein eisernes Stillschweigen über den wahren Mörder. Er schweigt sogar so lange, dass Beaumont irgendwann die Seiten wechselt, den Staatsanwalt mit Informationen beliefert - und mit Nick Varna zusammenarbeitet.

Ein Wohlfühlfilm! Die Schauspieler sind schon mal gut, und halten das für diese Zeit hohe Hollywood-Niveau durch die Bank mühelos. Die Handlung hat ein paar trickreiche Wendungen, ist aber angenehmerweise nicht zu kompliziert. Kein Chandler, der am Ende Leichen zurücklässt ohne Mörder. Die Musik ist perfekte Untermalung, und Kamera und Schnitt sind ebenfalls perfekt, wenngleich auch meist unauffällig. Was aber den Film aus der Masse heraushebt sind ganz klar die eisige Stimmung und vor allem die vorhandene Härte. Wenn Beaumont übelst zusammengeschlagen wird, sich mühsam aufrafft, und selbst einer der Gangster zusammenzuckt wenn dann die nächsten Schläge hageln, das erinnert stark an das italienische Genrekino ab den 60er-Jahren. Die ganze Tortur Beaumonts möchte ich direkt mit der Folter Clint Eastwoods in FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR vergleichen, nur dass die Flucht Alan Ladds dynamischer gefilmt ist. Aber ich bin sicher, dass die Geschichte eines einsamen Kämpfers, der aus verschiedensten Gründen eine Gangsterbande infiltriert, sowohl Akira Kurosawa wie auch Sergio Leone inspiriert hat.
Diese Härte lässt sich noch steigern, wenn Beaumont es arrangiert, dass der Schläger Jeff seinen eigenen Chef erwürgt während Beaumont ungerührt zuschaut, und sogar noch für Stimmung sorgt indem er das Licht ausmacht. Die allerdings deftigste Szene ist gegeben, wenn Beaumont mit der Frau des Verlegers Matthews rummacht (und, in der damaligen Codierung, ganz klar mit ihr schläft), während ihr Mann, gedemütigt und von niemandem mehr ernstgenommen, zuschauen muss. Harter Tobak, auch heute noch. Eine Szene, die Beaumont einiges an Sympathien des Zuschauers kostet …

Durch die Dynamik Alan Ladds kommen diese Szenen sehr direkt rüber und treffen den Zuschauer direkt ins Gekröse, was eben zu genanntem Wohlfühleffekt führt. Dadurch, dass hier keine einzige Figur moralisch wirklich intakt ist, und entweder jeder mehr oder weniger Dreck am Stecken hat, oder zu charakterlichen Obszönitäten neigt (die Entlarvung des wahren Mörders ist, moralisch gesehen, ein Schlag ins Gemächt), dadurch entsteht eine grundlegend verdorbene und harte Stimmung, die auch durch den vorhandenen Humor kaum gelockert wird.

Fazit: Große Empfehlung für alle Fans europäischer Genrefilme der 70er-Jahre! Denn mit denen kann DER GLÄSERNE SCHLÜSSEL locker mithalten.

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Das verborgene Gesicht (Andrés Baiz, 2011) 8/10
Was ich vor über fünf Jahren hier geschrieben habe passt immer noch perfekt. Der Nachteil der Zweitsichtung: Ich wusste um die Schockeffekte. Der Vorteil: Ich habe sehr viel früher das Gruseln bekommen, weil bei manchen Dingen genau wusste was dahinter steckt. Nach wie vor ein toller Film!!!

Le chien de Monsieur Michel (Jean-Jacques Beineix, 1977) 6/10
Monsieur Michel tut so als ob er einen Hund hat, damit er die Schlachtabfälle vom Metzger bekommt. Die Leute haben zuerst Mitleid mit dem Hund, aber irgendwann nevt das Gebelle: Der (nicht existierende) Hund muss weg.
Hübsche kleine Fingerübung eines später großen Regisseurs, die mich in Humor und Ausdruck des Öfteren an Josef Hader erinnert. Drollig etwa die Szene, wenn Monsieur hinter der Tür hockt und die Leute abzählt die vorbeigehen, und dann ab und zu bellt und jault. Nett :)

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PostPosted: 22.05.2019 21:00 
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Der Herr der Ringe
The lord of the rings
USA 1978
Regie: Ralph Bakshi


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Fünfmal habe ich den Herrn der Ringe in meinem Leben gelesen, das erste Mal Ende der 70er-Jahre, als meine Eltern mir das Buch zu Weihnachten geschenkt haben. Die Filme, die Peter Jackson dann in den Nuller-Jahren drehte, schienen die Eindrücke direkt aus meinem Kopf zu holen: Ab dem ersten Bild des ersten Films versank ich in einer Traumwelt, meiner persönlichen Traumwelt, tauchte einmal kurz auf um festzustellen, dass ich den Soundtrack besitzen muss, und tauchte wieder ab. Jackson schaffte das unerhörte Kunststück, die Bilder aus meinem Kopf direkt auf die Leinwand zu projizieren. Bilder, die heute, Ende der 10-er Jahre, längst zur aktuellen Popkultur gehören …

Völlig verdrängt wird dabei, dass es Ende der 70er- Jahre noch diesen schier unglaublichen Versuch gab, das gigantische Werk Tolkiens in einen Zeichentrickfilm zu pressen. An eine Realverfilmung war aus technischen Gründen damals noch lange nicht zu denken, und auch wenn Filme wie John Boormans EXCALIBUR schon mächtig was hermachten, so konnte das gut durchdachte Mittelerde zu der Zeit einfach noch nicht adäquat dargestellt werden.
Die Lösung hieß stattdessen Zeichentrick. Wobei, nicht ganz Zeichentrick – es gibt das sogenannte Rotoskopie-Verfahren: Hier werden die Szenen einmal mit echten Schauspielern gedreht, und dann als Zeichentrick über die Schauspieler-Szenen drüber gelegt. DER HERR DER RINGE wurde teilweise in diesem sehr aufwendigen Verfahren erarbeitet, was ihm gerade in diesen Szenen eine intensive und dynamische Düsternis verleiht.

Tolle Bilder also, aber kann dieses Tolkiensche “Frühwerk“ heute, also 2019, wirklich noch mit “großartigen Bildern“, also der gigantomanischen Bilderflut Peter Jacksons, mithalten? Oder ist diese quasi kleine Fassung, schlichtweg langweilig, wie meine Frau meint? Dem ich dann ein lächerlich entnehme …

Das ist nicht so einfach zu beantworten, und vor allem sehr individuell. Natürlich ist in Ralph Bakshis Version alles ein klein wenig einfacher gehalten, etwas unüberwältigender, etwas … altmodischer. Nicht die Szenen kämpfender oder rennender Orks, oder die Schlacht von Helms Klamm, diese Szenen wirken durch das erwähnte Rotoskopie-Verfahren wie aus einer anderen Welt. Diese Eindrücke sind ungemein düster und wirken in ihrer Stimmung oft brutal. Allerdings, und das muss klar gesagt werden, hier und da auch geradezu lachhaft: Die Kamera schwenkt langsam über eine absolut unbewegliche Masse von Orks, und das einzige was sich bewegt sind irgendwelche Faschingsvampirgebisse oder Speere, die hoch und runter rutschen. Was schnell mal zum Kichern oder, ja nach Temperament, zum Kopfschütteln führt.

Nein, die anderen Szenen sind es, die altmodisch wirken. Das Auenland, der Abend in der Schankstube in Bree, die Bilder von Bruchtal – da ist ganz deutlich zu erkennen, dass hier eben kein Mega-Konzern wie Disney dahinter steht, sondern “nur“ Bakshi Productions und Saul Zaentz, die zwar schon einiges an Geld in die Produktion gesteckt haben, aber die großen Animationskünstler saßen zu der Zeit halt einfach bei Disney. BERNHARD UND BIANCA war im Jahr zuvor einer der erfolgreichsten Filme des Jahres, und die Unterschiede zwischen den Gesichtern oder den Dekors sind halt einfach deutlich zu sehen. Was heute, im Zeitalter des hirn- und substanzlosen Blockbusters und den mittlerweile üblichen Sehgewohnheiten umso mehr auffällt. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Ralph Bakshi aus dem filmischen Underground kam, und mit Werken wie FRITZ THE CAT eine ganz andere Klientel bediente als die Mitbewerber aus dem Mainstream. Das galt damals, und das gilt heute.

Image Image Image


Man muss, vor allem als Fan älterer Filme, einfach etwas Nachsicht mitbringen, um den HERRN DER RINGE goutieren zu können. Trotzdem drängt sich der Vergleich mit den Jackson-Filmen ganz von selbst auf. Man sitzt da, schaut sich den Film an, und denkt immer wieder daran, wie Jackson diese oder jene Szene umgesetzt hat. Wie der Kampf an der Furt hier aussieht, und wie er dort wirkt. Wie der Nazgul im gezeichneten Auenland die Hobbits wittert, und wie er dies im Stadtpark von Wellington tut. Und spätestens an der Stelle fällt auch auf, wie viel eigene Ideen Peter Jackson in den Film eingebracht hat. In Bruchtal gibt es diesen ganz kurzen Moment, wenn Bilbo den Ring mal wieder sehen möchte, und Frodo sich der Bitte verweigert. Jeder, der den Jackson-Film gesehen hat, weiß welche Stelle ich meine: Aus Bilbo wird für den Bruchteil einer Sekunde ein dämonisches Wesen, ein Untier aus der tiefsten Hölle Mordors. Und bei Bakshi, der ja im Zeichentrick ganz andere Mittel zur Verfügung gehabt hätte? Nichts. Der Moment wird nicht genutzt, und obwohl im Buch eine entsprechende Andeutung gemacht wird, hat nur Jackson seine Phantasie hier spielen lassen und eine immens intensive Szene geschaffen, die in Erinnerung bleibt.

Es ist freilich nicht fair, die beiden Filme zu vergleichen, das ist mir schon klar. Bakshi hat versucht die Bände eins, zwei, drei (zu etwa zwei Dritteln) und vier (etwa die Hälfte) in zwei Stunden Film zu pressen, während Peter Jackson gleich mit dem ganz großen Atem dran gegangen ist und dreimal drei Stunden erschaffen hat. Selbstverständlich ist das nicht vergleichbar, aber dummerweise hat man den Jackson halt im Kopf - Der Vergleich kommt von selber, und der Bakshi schaut irgendwie … alt aus.

Letzen Endes war ich eigentlich trotzdem recht angetan vom HERRN DER RINGE. Damals, wie ich ihn im Kino gesehen habe (und später dann auf VHS), war ich fasziniert. Begeistert davon, Mittelerde umgesetzt zu sehen. Den Balrog im Kampf mit Gandalf, die Reiter Rohans, und Gwaihir, den Herrn der Adler. So schön …!! Heute, mit Peter Jackson im Kopf, konnte mich Ralph Bakshi tatsächlich immer noch in eine andere Welt entführen, und das rechne ich ihm ganz hoch an. Aber leider sind mir die Unsauberkeiten (wie zum Beispiel die erwähnten Gebisse der Orks) stark aufgefallen, und so etwas kostet leider ein wenig Sympathiepunkte. Vor allem die erwähnten Rotoskopie-Szenen sind es, die in Erinnerung bleiben, und die den Film letzten Endes ausmachen: Die Schlacht von Rohan, die Schlacht an Helms Klamm (die auch nicht so unendlich ausgewalzt wurde wie bei Peter Jackson), die Orks im Gasthaus Zum tänzelnden Pony. Oder auch die durch Rohan rennenden Orks, mit den Hobbits im Schlepptau. Hier hat Bakshi oft mit zusätzlichen Verfremdungen gearbeitet, was zu einer alptraumhaften Atmosphäre führt. Der Kampf auf der Wetterspitze findet, sobald Frodo erstmal den Ring am Finger hat, komplett in einer Welt außerhalb der unsrigen statt. Es gibt keine realistischen Hintergründe mehr, sondern nur noch Farben und Geräusche. Sinneseindrücke. Etwas, was im Kino der 70er- Jahre noch gut funktioniert hat, was aber heute einfach nicht mehr geht (außer bei Gaspar Noé, aber der filmt eh in einer anderen Liga). Oder kann jemand eine Stelle zum Beispiel in den AVENGERS-Filme nennen, an denen während eines Kampfes der Hintergrund unrealistisch wird? Eben …

Image Image Image


Mir hat es gefallen, aber ich habe auch einen Hang zu alt(modisch)en Filmen. Und da Film für mich sehr viel mit Eskapismus zu tun hat, dürfte dies ein weiterer Aspekt sein, warum ich DER HERR DER RINGE in meinem Leben sicher noch einmal sehen werde. Aber eine generelle Empfehlung kann ich einfach nicht aussprechen, zu individuell scheinen mir hier der persönliche Geschmack und die Erinnerungen, die ich mit diesem Film verbinde. Aber trotzdem: Gerade für Filmfans eine interessante Erfahrung, dieser Vorher/Nachher-Vergleich …

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PostPosted: 24.05.2019 21:42 
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Stirb langsam (John McTiernan, 1988) 9/10
Entweder ich werde langsam älter, oder der Film beginnt langsam zu altern, oder meine Ansprüche steigen. Auf jeden Fall ist STIRB LANGSAM bei der x-ten Sichtung auf knappe 9 von 10 Unterhemden runtergerutscht. Manchmal war mir die Figurenzeichnung einfach gar zu platt, und der Kitsch gar zu kitschig. Aber wurscht, der Streifen ist immer noch einer der ganz großen und heißen Action-Kracher, und alle paar Jahre geht der immer wieder mal. Außerdem schaut Bruce Willis mit Haaren so süß aus ... :a013:

Durch die Hölle (Philip Brottet, 1972) 6/10
Yves hatte eine schwere Kindheit: Er wächst bei seiner Tante auf, in die er schwer verliebt ist. Zu seinem Leidwesen muss er sie mit anderen Männern teilen. Eimal mit ihrem Mann, und dann mit Marcel, ihrem Liebhaber, mit dem er sich prinzipiell zwar gut versteht, der aber immer richtig ärgerlich wird, wenn Yves der Tante beim Ausziehen zuschaut. Oder wenn die beiden Sex haben. Als der Ehemann Tante und Liebhaber beim Vögeln erwischt wird die Situation komplizierter, und schlussendlich tötet der Ehemann die (nackte) Tante, während Yves dabei durchs Schlüsselloch hilflos zuschauen muss. Sein Sexualtrieb und seine Psyche nehmen dadurch einen schlimmen Knacks, und als junger Mann gefällt er sich dann zunehmend in der Rolle des Voyeurs. Nächtelang lässt er sich durch die Bars am Montmarte treiben, wagt es aber selber nie ein Mädchen anzufassen. Oder gar angefasst zu werden. Im Laufe des Lebens verschlimmern sich seine Psychosen, und er wird immer einsamer und depressiver. Und manischer. Bis es zur Katastrophe kommt, und die unterdrückten Gefühle ausbrechen …

Wenn zu mir jemand sagen würde, dass ich einen Film drehen soll im Stil eines Bahnhofskinoreißers aus den ziemlich frühen 70er-Jahren, dann würde der wahrscheinlich genauso aussehen: Eine Frau schildert einem Psychiater das Leben ihres Freundes(?). Dazu sehen wir die passenden Bilder aus der Vergangenheit, hören mal mehr und mal weniger passende Musik, und der Psychiater gibt die passenden oder unpassenden Komentare ab. Geredet wird meistens im Off, dazu wird dann das jeweilige Gesprächsgegenüber eingeblendet. Zu Beginn wird das ganze noch als wahre Geschichte verkauft, es gibt eine erkleckliche Anzahl an Stripease-Darbietungen, welche bis auf eine Ausnahme eher unerotisch daherkommen (die eine Ausnahme ist eine tatsächlich attraktive Dame, die sich recht flott zu der Hey Joe-Version von Deep Purple bewegt), die Männer sind schrecklich anzusehen und benehmen sich auch so, und über allem schwebt der Aufklärungsgeist der frühen 70er. Trotzdem, oder gerade deswegen: HEISSE HÖLLE EROTIK, wie er 1974 im Kino hieß, hat ziemlichen Schmackes und zielt fast von Beginn an schnell und sicher auf die niederen Instinkte des fleißigen Bahnhofskinogängers bzw. Exploitationfans.
Ein paar Jahre später wäre daraus sicher ein vor Sex und Gewalt strotzender Reißer geworden, und ich glaube, das hätte mir auch besser gefallen. So wirkt das alles oft recht zahm, und man wünscht sich schon des Öfteren mal, dass Yves (bzw. Philip) seinen Phantasien mal ein wenig freien Lauf ließe. Im Endeffekt ist DURCH DIE HÖLLE dann eine ganz eine wilde Mischung aus Report, Mondo und psychologischem Pseudo-Drama, angereichert mit Zeitgeist und einigermaßen nackten und hübsch anzusehenden Frauen, dargereicht mit einigen sehr schönen Aufnahmen aus dem Frankreich der frühen 70er und einem oft wilden Schnitt. Mit einem Wort: Unterhaltsam.

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Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (Jean-Jacques Beinex, 1986) 9/10
Eigentlich möchte Zorg nur auf der faulen Haut liegen, Tequila Express trinken, und das Leben genießen. Aber er liebt Betty, und Betty liebt ihn, und Betty ist ein Vulkan von Frau. Ein Ein-Mann-Vietnam, eine wandelnde Explosion auf der Suche nach Liebe und Leben. Nachdem Betty Zorgs Strandhaus angezündet hat, landen die beiden in einem stillgelegten Hotel, wo sie mit Eddy und Lisa feiern, leben und lieben. Als Eddys Mutter stirbt übernehmen die beiden das geerbte Pianogeschäft, in einem Kaff irgendwo in der Auvergne. Sie fühlen sich wohl, aber die Schübe des Wahnsinns, die Betty regelmäßig überkommen, werden immer wilder und selbstzerstörerischer. Als Betty schwanger wird scheint sich alles zum Besten zu wenden, aber nur für kurz …

Es gibt Filme, und es gibt Filme. Manche Filme altern und sind 30 oder 40 Jahre nach ihrer Entstehung einfach nicht mehr so richtig zu genießen. DER MANN, DER NIEMALS AUFGIBT zum Beispiel, hatte mich im Kino in den 80ern dermaßen gerockt, und ist heute so seltsam uninspiriert anzuschauen. Wie ich BETTY BLUE damals, also 1986 oder 1987, im Kino gesehen habe, da hat er mich unglaublich berührt und für lange Zeit nicht mehr losgelassen. Jetzt, über 30 Jahre später, erfolgte die Zweitsichtung, und was soll ich sagen? Er hat mich wieder berührt, und lässt mich wieder nicht los. Die Geschichte vom ruhigen und geerdeten Zorg, und von der flippigen und immer an der Grenze zum Überschnappen treibenden Betty ist einfach zeitlos, genauso wie die schönen Bilder und die wunderbare Musik.
Lebe für den Moment, das ist die Aussage des Films. Nur das Jetzt existiert, wir haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. In dem Augenblick, in dem Bettys Zukunft zerstört wird, in dem Augenblick geht auch in ihr etwas kaputt. Nur das Hier und Jetzt ist wichtig. Was bisher war? Unwichtig! Breche alle Brücken hinter Dir ab und schau nach vorn. Verbrenn Dein Haus und nutze die Chance ein Klaviergeschäft zu eröffnen. Und das Leben zu leben. Das Leben und die Liebe. Nur das ist es was zählt.
Diese Einstellung, von der ich schon immer sehr weit weg war, und es auch immer sein werde, diese Einstellung fasziniert mich sehr, und Filme, in denen diese Einstellung gelebt wird, faszinieren mich noch mehr, da sie, anders als im wirklichen Leben, normalerweise nicht mit einem sozialen Abstieg einhergehen. BETTY BLUE ist genau so ein Fall: Obwohl die Darsteller mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, geht es ihnen nie schlecht, müssen sie nie auf der Straße übernachten (oder zumindest sieht man das nicht), kommen sie nicht mit sinnloser Gewalt Dritter in Berührung. Sie feiern, sie ficken, sie freuen sich am Leben mit allen Höhen und Tiefen. Und der Zuschauer feiert und freut sich mit ihnen. Trotz aller Traurigkeit im letzten Drittel ist das ein Film, wie er positiver nicht sein kann. Positiv, gefühlvoll, lustig, traurig, schmerzvoll, sexy, liebevoll, bitter, … Ein Film, der in seiner Intensität und Schönheit sprachlos macht.

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PostPosted: 27.05.2019 17:24 
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Das Geheimnis der schwarzen Witwe (Franz Josef Gottlieb, 1963) 7/10
Ein Mörder geht um in London. Der Tod kommt in Form einer vergifteten schwarzen Witwe aus Gummi, und er trifft nach und nach alle, die vor 12 Jahren mit einer Expedition nach Mexiko zu tun hatten, auf welcher der Leiter der Expedition, Professor Avery, unter mysteriösen Umständen den Tod fand. Der Sensationsreporter, Alkoholfreund und Damenverehrer Welby möchte den Fall gerne lösen, und findet ganz unverhofft die Tochter Averys, Clarisse, im Hause eines der Expeditionsmitglieder. So sehr er auch versucht weiterzukommen, ständig stößt er auf einen geheimnisvollen Gentleman, der ihm regelmäßig aus der Klemme hilft. Und immer wieder auch auf Clarisse, die nicht nur als Opfer der Mordserie in Frage kommt, sondern auch als Täterin. Denn die Schwarze Witwe muss nicht unbedingt ein Mann sein …

Warum sind die Straßen so einsam und leer?
Warum gehen die Menschen so ängstlich umher?
Es gibt eine Frau die im Dunkel der Stadt
Einen Pakt mit dem Tode geschlossen hat


Ich glaube, ich habe noch nie einen Film mit O.W. Fischer gesehen. Gar zu viele Herz-Schmerz-Filme sind in seiner Filmografie vorhanden, als dass ich mich jemals mit ihm näher hätte beschäftigen wollen. Und PETER VOSS, DER MILLIONENDIEB habe ich mit dem hinreißenden Victor de Kowa in der Verfilmung von 1946 gesehen, da gab es bisher auch keine Veranlassung zum Weiterstöbern.

Bis heute. Denn das hier ist O.W. Fischers Film! Er rockt von Anfang bis Ende den Film, dass einem der Atem stockt. Er trinkt. Er flirtet. Er sucht nach Worten. Er versprüht seinen ganzen Charme, und der Zuschauer liegt ihm zu Füßen. Er trinkt. Er prügelt sich. Nonchalant geht er mit den Vorwürfen seines Chefs um. Er lacht, er schimpft, er staunt, und er trinkt wieder. O.W. Fischer tänzelt durch den Film wie ein verliebter und wortgewaltiger Fred Astaire, und wie Astaire auch mal an der Wand oder auf Einrichtungsgegenständen getanzt hat, genauso leichtfüßig bewegt sich Fischer durch, auf und mit der Handlung. Ich hatte in fast allen seinen Szenen den Eindruck, dass er improvisiert hat, und dass er das Spiel vor laufender Kamera einfach so gestaltete wie es ihm gerade passte. Hat er sicher nicht, aber der Eindruck entsteht, und mit diesem Eindruck das Gefühl, dass er wie ein Grashüpfer von Drehbuchseite zu Drehbuchseite fliegt und den Film im Alleingang mal eben so nebenher mitnimmt. Bewundernswert! Hinreißend! Gottgleich …

Ja ja, andere Schauspieler spielen auch mit. Doris Kirchner ist mir aufgefallen und hat einige ganz starke Momente, Klaus Kinski ist Klaus Kinski und kommt hier ebenfalls eindrucksvoll und sogar ansatzweise charmant(!) rüber, und Eddi Arent hat ein paar denkwürdige Dialoge mit O.W. Fischer. Fernando Sancho kann in einer frühen Rolle entdeckt werden, und das Lied der Sängerin Belina ist hochgradig gänsehautverdächtig. Aber sonst?
Es gibt einige ganz feine Momente, wenn die Kamera außer Rand und Band gerät und gerne durch Gegenstände hindurchschaut, was immer einen geheimnisvollen Rahmen um die Figuren spinnt. Auch gibt es da eine Sequenz mit Karin Dor, die auf ihren Stöckelschuhen durch das nächtliche London stackt, und außenrum hat es Schatten und Geräusche und jede Menge Gänsehaut. Ein starker Noir-Moment, und von solchen Momenten lebt der Film, denn einerseits konnte ein Wallace-Epigone im Jahr 1963 nur bedingt visuelle Spielereien einsetzen, und zum anderen war Franz Josef Gottlieb zwar ein fließiger und solider Filmregisseur, aber er war auch beileibe kein Erneuerer. Kein Alfred Vohrer und schon gar kein Rolf Olsen, sondern ein Handwerker mit einem Händchen für publikumswirksame Filme. Was bitte nicht negativ zu verstehen ist! Auch die muss es geben. Aber dadurch wirkt halt die ein oder andere Szene doch manchmal etwas … bieder. Oder zumindest könnte es das, wenn da nicht O.W. Fischer wäre, der wie ein Wirbelwind durch das Drehbuch fegt und allen angestaubten Mief einfach beiseite bläst …

Die Musik gehört nicht zu Martin Böttchers besten Arbeiten, nur das bereits erwähnte Titelstück kann sich neben Evergreens wie Elisabeth Flickenschildts Besonders in der Nacht (aus DAS GASTHAUS AN DER THEMSE) locker behaupten:

Es gibt eine Frau, die im Dunkel der Stadt
Gedanken von Hass und Verderben hat.
Sie tötet im Schatten und meidet das Licht
Und niemand kennt ihr Gesicht

Und niemand weiß wie das geschah
Weil keiner mehr lebt der sie einmal sah
Die schwarze Witwe, wer ist diese Frau?
Sie findet ihr Opfer und trifft sehr genau


Und während Belina dies singt gibt es auf dem Bildschirm bzw. der Leinwand einen wahrhaft magischen Moment: Die Kamera zeigt die Augen von Karin Dor, die Augen von O.W. Fischer, die Augen von Belinda. Sie streift durch den Nachtclub und zeigt Blitzlichter der Gäste, doch immer wieder kommt sie zurück zu den Hauptdarstellern und konzentriert sich auf sie. In Großaufnahme. In absoluter Konzentration. Noch näher. Noch geheimnisvoller …

Und für einen kurzen Moment sprengt Gottlieb das Korsett des deutschen Nachkriegskrimis und driftet in filmische Sphären, die eigentlich Regisseuren wie Sergio Leone vorbehalten waren. Magisch!

Die 7-kleine-Negerlein-Geschichte ist dann auch noch da, aber die Innovation hält sich doch einigermaßen in Grenzen. Punktabzug gibt es von meiner Seite dafür, dass gegen Ende irgendwie die Linie verloren geht und die Story sich etwas verläuft. Aber mei, man kann nicht alles haben, und spannend ist das Ganze ja schlussendlich doch erzählt. Spannend, und vor allem: Leichtfüßig. Als Alternative zu den regulären Wallace-Filmen ist die SCHWARZE WITWE damit absolut zu empfehlen!

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PostPosted: 01.06.2019 12:55 
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Shining Sex (Jess Franco, 1977) 7/10
Nach ihrem Auftritt wird die Tänzerin Cynthia von einem Paar gebeten, mitzukommen in die Wohnung. Dort gibt es zwar den erwarteten Sex, aber etwas anders als gedacht: Die Frau, Alpha, ist eine Außerirdische, die das Wesen der Menschen erforschen möchte, und mit ihren Kräften den Mann Andros unter Kontrolle hält. Allerdings wissen ein paar wenige Menschen um die Existenz von Alpha, und diese sollen nun getötet werden. Das auserwählte Werkzeug dazu heisst: Cynthia …

Beim Anschauen musste ich öfters an GEMIDOS DE PLACER denken. Diese Mischung aus flirrender Erotik und unterschwellig böser Atmosphäre, die haben beide Filme gemeinsam. Im Ernst, ich habe selten dermaßen erotisch aufgeladene Szenen gesehen, die durch den Einsatz von Musik und Geräusch in ihr absolutes Gegenteil verkehrt wurden. Die konterkariert und zu etwas Bösem transformiert wurden, ohne dabei aber die Erotik zu verlieren! Lina Romay ist eine Sex-Göttin vor dem Herrn, und wenn die Kamera sie wieder und wieder liebkost kocht der Bildschirm. Vor allem wenn Lina gegen Ende mit Goldstaub bedeckt ist, glitzert und blinkt, und aussieht wie die leibhaftige Sünde. Die Musik von Daniel J. White gefällt sich dazu oft in leichten Disharmonien, was eben diesen erwähnten Effekt auslöst: Der Zuschauer möchte den Anblick von Lina genießen, die Musik flößt ihm aber ein Unbehagen ein. Oder der Wind weht im Hintergrund wie in einem Western. Ihr wisst schon, dieses Heulen und Fauchen des Wüstenwindes, welches die Tumbleweeds durch die Ödnis weht. Dieses Geräusch als einziger Hintergrund zu einer eindringlich dargebotenen Sexszene ist … in hohem Maße befremdlich. In MEINE NÄCHTE MIT MAUDE gibt es eine ähnliche Szene, wenn eine schöne Frau mehrere Männer gleichzeitig befriedigt, während auf der Tonspur dissonante Geräusche zu hören sind, fast wie Industrial klingend. Eine geradezu transgressive Erfahrung …

Und damit ist der Film eigentlich auch schon beschrieben: Lina hat Sex mit Evelyne Scott, Lina hat Sex mit Monica Swinn, Lina hat Sex mit Ramon Ardid, Lina hat Sex mit Olivier Mathot. Lina wird als Göttin der Nacht gefilmt: So freizügig wie in ROLLS ROYCE BABY, so erotisch wie in DAS BILDNIS DER DORIANA GRAY, und so unheilvoll wie in ENTFESSELTE BEGIERDE. Eine fleischgewordenene Männerphantasie, die nach Verführung schreit, nach Hingabe bis zum Tod. Auch wenn mann sich das so, wie in diesem Film, wahrscheinlich nicht vorgestellt hat. Die Kamera ist immer nah bei Lina, und der Zuschauer kann sich einfach fallen lassen. Hineinsinken lassen in diese süßlich-vergiftete Stimmung aus Sex und Gedankenkontrolle. Aus Hingebung und unfreiwilliger Unterwerfung. Ein Zauber umgibt den Film wie ein dunkler Mantel, und auch wenn es einige Einstellungen gibt die deutlich zu lang geworden sind, so beherrscht doch insgesamt eine erotisch-morbide Atmosphäre die Szenerie. Dies, und die wunderschöne und begehrenswerte Lina.

Traum-Haft …

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The Big Sky – Der weite Himmel (Howard Hawks, 1952) 8/10
Im Jahr 1832 ziehen die Abenteurer Jim Deakins und Boone Caudill gemeinsam mit dem Trapper Zeb Calloway den Missouri hinauf. Zusamen mit einer Gruppe französischer Pelzhändler will man Handel treiben mit den Schwarzfussindianern, deren Gebiet 2000 Meilen flussaufwärts liegt. Um mit den Indianern ins Gespräch zu kommen ist die Häuptlingstochter Teal Eye mit an Bord, auf deren guten Einfluss man hofft. Andere haben da allerdings auch noch ein Wörtchen mitzureden: Die Schurken von der Handelskompanie, die nicht ausgebootet werden möchten. Die Crow-Indianer, die auf dem Kriegspfad sind. Und natürlich die Natur, die im Jahre 1832 den Begriff Wildnis noch vollumfänglich erfüllt. Und überhaupt: Eine Frau an Bord …

"Was für ein Land. Fast könnte man meinen, Gott habe vergessen, Menschen hineinzusetzen."
"Nun, die Mücken hat er zumindest hineingesetzt … Warum Gott wohl Mücken erschaffen hat?"
"Und die Mücken fragen: 'Gott, warum hast Du Menschen mit Händen und Kühe mit Schwänzen erschaffen?'"


Eigentlich ist dieses Pathos der alten Western gar nicht meines, aber hier habe ich mich seltsamerweise sehr angesprochen gefühlt, da wurde eine Saite in mir berührt. Die großartigen Naturaufnahmen, die einfachen und sympathischen Charaktere, die Handlung, nämlich einfach mal eben so sich in ein Boot zu setzen und 2000 Meilen flußaufwärts zu fahren, ohne an morgen oder gar übermorgen zu denken – Alles Dinge die den Romantiker und den Naturliebhaber in mir angesprochen haben. Dazu die wunderbaren Schauspieler: Kirk Douglas als charmantes Rauhbein und Arthur Hunnicutt als knorziger Allwettertrapper sind bei aller Stereotypie einfach zum Knuddeln und Liebhaben. Dazu Dewey Martin, der in seiner Ruppigkeit oft wie ein ganz junger Charles Bronson wirkt, und all die Typen von der Schiffsbesatzung, bei denen ebenfalls gilt, dass sie zwar ganz archetypisch angelegt sind, aber interessanterweise sehr lebensecht wirken. Ein wunderbares Stückchen Film, und selbst die Indianer sind gar nicht so böse wie so oft in den alten US-Schinken. Zum Schwelgen schön …

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PostPosted: 07.06.2019 19:03 
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Der Transport
Der Transport
Deutschland 1961
Regie: Jürgen Roland & Herbert Viktor
Hannes Messemer, Armin Dahlen, Karl-Otto Alberty, August Angst, Leo Bieber, Hans Brose, Frank Dietrich, Edgar Engelmann, Joachim Fränzel, Kunibert Gensichen, Heinrich Gies, Hans-Joachim Gliscinksi, Wolfgang Völz, Benno Hoffmann, Peter Herzog, Inge Langen, Horst Naumann, Kurd Pieritz, Eva Katharina Schulz


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Deutschland im März 1945: Ein Gruppe Strafgefangener soll mit dem Zug von einem Gefängnis in Bayern an die Front in der Eifel gebracht werden. Ziel ist ein Strafbataillon, man ist Menschenmaterial zum Verheizen als Schlachtvieh. Und überhaupt, was heißt schon Strafgefangene? Bankraub, Abtreibung, verbotener Handel mit Fischkonserven, ein falscher Witz im Offizierskasino, unerlaubtes Entfernen von der Truppe um die kranke Mutter zu besuchen, ein Rotfrontkämpfer …
Als Begleitoffizier trifft es Leutnant Bleck. Ausgerechnet Bleck, der fast blind ist, der noch nie einen Schuss gehört geschweige denn abgegeben hat, der den ganzen Krieg über irgendwo in der Verwaltung saß. Sein Begleitpersonal besteht aus einem kriegsmüden Feldwebel und zwei Krüppeln. Klar natürlich, dass die Gefangenen auf baldmöglichsten Ausbruch sinnen, und klar auch, dass dies schnell und effizient geschehen soll: Einer fälscht noch im Viehwaggon Soldbücher, Bleck und seine Leute werden getötet, und ab durch die Mitte. Aber so einfach wie dieser Plan geht sich die Wirklichkeit nicht aus, denn der menschliche Faktor macht den Männern einen Strich durch die Rechnung: Bleck kümmert sich um Zigaretten und Schokolade, er kümmert sich um vernünftige Nahrung, und er bindet die Gefangenen in die Arbeit ein, sich quasi selber zu bewachen. Nach und nach schwindet bei einigen die harte Haltung, doch dann muss der Zug an einem Arbeitslager halten, und von einem Major kommt der Befehl, meuternde Fremdarbeiter zu erschießen. Bleck muss seine Gefangenen, die ganz offiziell den Status vollwertiger Soldaten haben, mit Gewehren und Munition ausstatten, die “Aufständischen“ zu erschießen.

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1960 brachte Wolfgang Staudte KIRMES in die gesamtdeutschen Kinos, (warum gesamtdeutsch kann man hier nachlesen). Die Aussage, dass unsere Jungs in Feldgrau vielleicht doch nicht so ganz die moralisch einwandfreien Superhelden waren kam damals gar nicht gut an, und ließ den Film extrem schnell im Giftschrank verschwinden. Wer danach noch etwas drehen wollte was in Nazideutschland und/oder im Krieg spielt, musste sich unter diesem Eindruck besser an der gängigen Meinung orientieren, dass deutsche Soldaten keine schlechten Menschen waren, und nur böse Befehle ausgeführt haben.

Was prinzipiell erstmal dazu führt, dass DER TRANSPORT ebendiese Meinung kolportiert: Zwar mögen die Landser im Leben mal daneben gegriffen haben, aber wenn es hart auf hart kommt sind sie prima Kerle und man kann sich auf sie verlassen. Aber da gibt es diesen Moment im Film, wenn Leutnant Bleck unter Bezugnahme auf den “Befehl“ eine harte Stellung gegenüber den Gefangenen vertritt, und sein Feldwebel ganz unschuldig fragt, ob denn dieser Bezug später einmal als Entschuldigung gelten wird. Ein Satz, der sogar noch einmal wiederholt wird, und jedes Mal zu einem Moment beklemmender Stille führt. Und der zeigt, dass hier dann doch ein klein wenig weiter gedacht wird.

Denn beklemmende Momente gibt es hier mehrere. Sehr intensiv ist die Stelle, wenn die Fremdarbeiter erschossen werden sollen. Warum? Weil sie Fremdarbeiter sind, und weil sie sich gegen die unmenschlichen Bedingungen auflehnen. Also muss Bleck seine Gefangenen bewaffnen und mit Munition ausstatten. Aber die Männer weigern sich Zivilisten zu erschießen. Einer erklärt auch warum – weil er genau deswegen im Gefängnis saß: Wegen Befehlsverweigerung, weil er nicht auf Zivilisten schießen wollte. Und alle geladenen Waffen zeigen in diesem Augenblick auf Bleck …

Die Auflösung dieser spannenden Szene zeigt dann den tiefsitzenden Humanismus Blecks, aber gleichzeitig wird der Moment durch den Tod einer Zivilistin konterkariert. Eine Fremdarbeiterin, die von der angerückten Feldgendarmerie kaltblütig erschossen wird. Die Zeiten der Geschichtsklitterung à la ROMMEL RUFT KAIRO gehen dann doch so ganz langsam ihrem wohlverdienten Ende entgegen.
Leider war dies wohl nicht ganz im Sinne der Produzenten, wohl auch unter dem Eindruck der Vorjahrespleite des erwähnten KIRMES, weswegen DER TRANSPORT eine besondere Entstehungsgeschichte hat: Begonnen zu drehen hat den Film nämlich der Dokumentarfilmer Herbert Viktor, der, wenn ich mir die Namen seiner Filme in der IMDB anschaue, wahrscheinlich bei den damals gezeigten Vorfilmen in den Kinos ganz gut vertreten war. Entsprechend seines Status eben als Dokumentarfilmer traue ich mich sogar ein wenig zu mutmaßen, welche Teile des Films von ihm sein könnten: Sicher alles was zu Beginn im Gefängnis spielt, der Versuch eines Privatlebens des Leutnant Bleck, und möglicherweise die Szenen am Arbeitslager. Oft eher langsam erzähltes und düsteres, stark an der Realität angelehntes Kino. Herbert Viktor wurde dann ausgetauscht gegen Jürgen Roland, der zu dieser Zeit bereits einen guten Ruf als Spannungsregisseur hatte. Und der machte dann, hier kann ich allerdings nur vermuten, jeglichen kritischen Untertönen den Gar aus und ließ die Action aus dem Kasten.

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Das Finale ist zum Beispiel ein echter Roland. Die Verfolgungsjagd Feldjäger gegen Lokomotive ist dynamisch gefilmt, sehr schnell, und sauspannend. Was, wenn ich mal ganz ehrlich sein soll, den Film dann auch in trockene Tücher rettet, denn trotz einiger dichter und intensiver Szenen ist der Verlauf der Handlung manchmal etwas langatmig, nicht immer ganz gradlinig, und man fragt sich schon öfters einmal, ob der Weg denn wohl wirklich irgendwohin führen mag.

Natürlich ist es schön, dass mit der von der Gestapo verfolgten Helga Burghardt auch ein mögliches Love Interest ins Spiel kommt, und gleichzeitig wird damit mühelos die Grundlage für den Showdown gelegt. Aber irgendwie sind das Schlenker, die das Drehbuch eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Außer, und da komme ich wieder auf den Beginn zurück, wenn man zeigen möchte, dass in den rauhen Eroberern auch ganz normale Männer stecken können.

Doch die gelegentlichen Irrwege und Längen in der Mitte sind schlussendlich zu verzeihen, denn entscheidend ist bekanntlich das was hinten rauskommt, und das ist nichts Schlechtes, was vor allem den Darstellern anzulasten ist. Allein Wolfgang Völz als grob-hemdsärmeliger Rotfrontmann ist die Schau, und der Film läuft seinem, ab dem Ende der 60er-Jahre gehegtem Kumpel-Image, sogar gehörig zuwider. Leo Bieber (DER DRITTE MANN) als Major Krugstein fungiert als vermittelndes Element zwischen den aufbrausenden Häftlingen und den Offizieren. Benno Hoffmann schließlich als Ketten-Charlie, nach eigener Aussage Bankfachmann, hemdsärmelig und authentisch, bringt eine Menge Leben und Farbe ins Spiel, und zeigt den trüben Soldaten auch mal wo der Weg langführen kann wenn man nicht so betriebsblind ist wie der durchschnittliche Wehrmachtsangestellte. Eigentlich ist jeder einzelne der Sträflinge und Offiziere bemerkenswert: Helmo Kindermann als Kameradenschwein, der von allen nur getreten wird, Armin Dahlen als Bewacher, der darauf wartet dass der Krieg vorbei geht, …

Überragend vor allem natürlich Hannes Messemer als Leutnant Bleck, der als kleines Licht im Leben eine Aufgabe bekommt die ihn schier überfordert, doch an der er wächst und seinen Idealismus zeigen kann. Messemer war im Krieg selber als Befehlsverweigerer im Gefängnis und wurde nach einem halben Jahr Haft nach Stalingrad geschickt. Somit ist der Schauspieler geradezu prädestiniert für diese Rolle, und er gibt ihr meines Erachtens genau das richtige Quentchen Stille und das richtige Quentchen Energie, um überzeugend zu wirken. Ein kleiner Mann im großen Krieg, der versucht seine Menschlichkeit zu bewahren und trotzdem seine unmenschlichen Aufgaben zu erfüllen.

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Der Spiegel schrieb 1961 dazu: Dieses Charakterwachstum wird freilich penetrant vorgeführt, und die Handlung leidet überdies darunter, daß die Filmautoren, als hätten sie der Tragfähigkeit ihrer Geschichte mißtraut, dem Kinobesucher auch noch Liebe, Vergewaltigung, Landserhumor, Abenteuer und Heldentod servieren. Zumindest letzterem mag ich nicht so richtig widersprechen, der Hybrid aus Drama und Action ist in seiner Darbietung etwas gewöhnungsbedürftig, und dass ein kulturbeflissener und intellektuell weit über dem Normalvolk stehender Filmkritiker [/ironie] immer das Drama gegenüber der Unterhaltung bevorzugen wird ist auch klar. Ich für meinen Teil bin ausgesprochen gut unterhalten worden: Einiges zum Nachdenken, einiges zum Mitfiebern, großartige Schauspieler … Kein schillernder Stern am bundesdeutschen Nachkriegsfilmhimmel, aber ein interessanter und spannender Film.

7/10

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