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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 09.01.2019 23:40 
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»Il y a une femme dans toutes les affaires«

Im filmischen Kontext steht der Name Edgar Wallace nicht nur für spannende Krimi-Unterhaltung, bei der es unmöglich sein soll, von ihr nicht gefesselt zu sein, sondern der treue Anhänger der erfolgreichen Serie bringt natürlich auch eine Vielzahl von Namen vor und hinter der Kamera mit dem immensen Erfolg der Reihe in Verbindung. Die Erfahrung zeigt, dass jeder einzelne Fan ganz bestimmte Vorlieben im Rahmen der Geschichten rund um Verbrechen und Mord hat. Ob zum Beispiel Romanvorlage, Regie, Inszenierungsstil oder Stab; die Möglichkeiten sind sehr vielfältig. Bei mir geben bekanntermaßen die Schauspieler_innen den Hauptton an, und wie der Name dieses Themas schon andeutet, soll es hier um eine Art persönliches Steckenpferd gehen.

In der gewählten deutschen Konversation will die Wendung »Cherchez la femme« so viel heißen wie: »Mach die Frau ausfindig!. Im übertragenen Sinn möchte damit gesagt sein, dass eine Frau hinter einem bestimmten Sachverhalt steckt. Thematisch gesehen mag dieses Augenmerk vielleicht nur bedingt oder sogar sporadisch zur erfolgreichen Edgar-Wallace-Reihe passen, schließlich werden die Filme insbesondere in der Schwarzweiß-Ära vornehmlich von den Herren der Schöpfung dominiert, ob auf der Seite der Guten oder der Bösen. Unter Betrachtung dieser anfänglichen Strategie, die ohne jeden Zweifel immer noch Spiegel der Gesellschaft war, lassen sich in den ersten Jahren weniger Stilbrüche finden. Dies ist nur sekundär auf die Täter- oder auch Opferrollen bezogen, sondern auf die allgemeine Geschlechterverteilung beim Cast. Eine Steigerung auf eine vermeintlich ausgewogene Frauenquote lässt sich im Schwarzweiß-Zeitraum der laufenden Serie nur vage erkennen; zu ausgeglicheneren Verteilungen sollte es erst insbesondere in der Farb-Ära kommen, was allerdings vor allem recht pragmatische Gründe hatte. Die klassische Opfer-Rolle hatte ein Stück weit ausgedient und im Rahmen einer aufgeklärteren Gesellschaft waren die Verantwortlichen auf der Suche nach neuen Schablonen, Einsatzgebieten und Anforderungen. Die oft nur hübsche Staffage wurde somit in vielen Fällen gegen Interpretinnen ausgetauscht, die auf Augenhöhe agieren sollten, wenngleich es Themen wie Mädchenhandel, Prostitution oder hermetisch abgeriegelte Mädchenheime waren, die ihre Prominenz deutlich steigern sollten. Interessanterweise findet sich in der gesamten Schwarzweiß-Phase der Reihe kein einziger Film, in dem über zehn Interpretinnen zu finden sind, lediglich Ákos von Ráthonyis "Das Geheimnis der gelben Narzissen" sticht mit einer Anzahl von neun Damen hervor.

Als Wallace im Jahr 1966 schließlich bunt wurde, änderten sich die Kräfteverhältnisse merklich bis deutlich. Im Rahmen aller 38 Produktionen von 1959 bis 1972, inklusive der Afrika-Verfilmungen, ist allerdings lediglich eine einzige Produktion zu finden, in der mehr Schauspielerinnen mit von der Partie sein sollten als Schauspieler. Hierbei handelt es sich um Alfred Vohrers "Der Gorilla von Soho", dem in diesem Zusammenhang die Thematik rund um ein Mädchenheim zugute kommt. "Cherchez la femme" soll insgesamt aber kein statistisches Sammelsurium werden; primär dürfte es um etliche Vorstellungen von Interpretinnen gehen, über die unter normalen Umständen kaum ein Wort verloren wird, weil die Rollen zu klein oder unbedeutend sind, oder sie schlicht und einfach im Glanz des weiblichen Stars einer jeweiligen Veranstaltung verblassen. Zusätzlich soll aber hin und wieder etwas Raum für die wichtigen Zubringer geschaffen werden, sprich diejenigen, die größere Nebenrollen bekleiden, um letztlich vereinzelt auf die ganz Großen des Wallace-Geschäfts einzugehen. Dem eigenen Empfinden nach erscheinen die Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Wallace-Reihe manchmal etwas ausgeschöpft zu sein, da bereits so gut wie alles gesehen, gesagt und durchdacht wurde. Bei Sichtungen jenseits der 30 mal pro Film scheint dieser Eindruck auch kein Wunder zu sein, aber die Begeisterung und die Neugierde hat in all den Jahren nicht abgenommen. So sind es Exkurse wie diese, die eine mehrere Jahrzehnte alte Serie und die gewonnenen Eindrücke immer wieder neu herausfordern, um vielleicht an die nötigen Impulse zu kommen, die das Ganze nach Möglichkeit etwas frisch und dynamisch halten. Genau wie seinerzeit bei "L'amour toujours bei Edgar Wallace" ist die anvisierte Richtung zwar im Vorfeld klar, Ergiebigkeit und Ausgang bleiben jedoch vollkommen ungewiss.


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 12.01.2019 19:09 
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Ich bin sehr gespannt auf deine Ausführungen.


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 14.01.2019 09:07 
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franchise wrote:
Ich bin sehr gespannt auf deine Ausführungen.

Ich sehe dem Ganzen auch schon mit Spannung entgegen, denn für eine Reihe und deren Filme, die ich seit meiner Kindheit immer wieder sehr häufig geschaut habe, ist das wie so eine Art Frischzellenkur. Die letzten Tage haben ich mir die Besetzungslisten auch mal in den hinteren Reihen angeschaut und das Thema ist erwartungsgemäß ergiebig, wenngleich es tatsächlich zahlreiche Interpretinnen gibt, über die nur wenige bis gar keine Informationen zur Vita zu finden sind. Manchmal scheint es die einzige Gewissheit zu sein, dass es sie zumindest einmal gegeben hat, bis sich etliche Spuren vollkommen abrupt verlieren. Mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Der Spaß an der Sache ist für mich jedenfalls schon vorprogrammiert.


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 31.01.2019 01:50 
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● DAWN BERET als KATYA in
DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN (D|GB|1961)



Für die Edgar-Wallace-Reihe inszenierte Gast-Regisseur Ákos von Ráthonyi mit "Das Geheimnis der gelben Narzissen" den insgesamt frauenstärksten Film der gesamten Schwarzweiß-Ära, was unter anderem der behandelten Thematik geschuldet ist. Der atmosphärische Schauplatz des Verbrechens efordert wichtige weibliche Zubringer und vor allem Projektionsflächen für Schockmomente und die graphische Darstellung von Mord. In diesem Zusammenhang stellt die britische Schauspielerin Dawn Beret nicht nur eines der interessantesten Beispiele, sondern auch eines der vielleicht am meisten Mitleid hervorrufenden Opfer dar, was nicht zuletzt an ihrer verzweifelten Körpersprache liegt, sondern auch der Art der Inszenierung angesichts ihres vorhersehbaren Endes. Über die mit auffälliger Schönheit ausgestattete Blondine sind leider nur wenige Fakten und Daten zu finden, denn ihre Spur verliert sich mit einem finalen Auftritt in einem britischen Spielfilm bereits im Produktionsjahr 1971. So stehen für die 1941 in der mittelgroßen Stadt Aldershot in der englischen Grafschaft Hampshire geborene Interpretin gut zwei Dutzend Partizipationen in Kino und Fernsehen zu Buche, von denen die etwa vierzig Auftritte in der als verschollen geltenden Serie "Compact" quantitativ am meisten hervorstechen. Eine schauspielerische Konstanz lässt sich nur Anfang bis Mitte der 60er Jahre erkennen, und unterm Strich zählt sie nicht nur zu den vielen verloren gegangenen Gesichtern der Wallace-Reihe, sondern auch der Filmwelt. Auch wenn man Dawn Beret eine außergewöhnliche Attraktivität attestieren möchte, stellt diese Tatsache alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal dar, da die Konkurrenz allein schon in dieser Produktion auffällig stark vorhanden ist. Dawn Beret stellt in dieser bereits siebten Wallace-Produktion der zwei Jahre zuvor gestarteten Reihe Mosaiksteinchen und Bindeglied, sowie dramaturgisches Kanonenfutter in einem dar. Als Katya kann sie in vielerlei Hinsicht deutliche Akzente setzen, obwohl ihre Rolle zeitlich sehr deutlich begrenzt ist, da die unerbittliche Mörderhand im Hintergrund lauert.

Erste - oder besser gesagt - eindeutige Eindrücke verfestigen sich in Windeseile, weil ihre Nerven ganz offensichtlich blank liegen und sie außerdem den nächsten Schuss nötig hat. Vielleicht sieht die junge Dame insgesamt etwas zu frisch für eine Drogensüchtige aus, aber dennoch verfestigt sich die Gewissheit, dass sie auf dem besten Weg ist, eine tickende Zeitbombe zu werden, die als Geheimnisträgerin offensichtlich bereit wäre auszupacken. Somit richtet sich ihr gesamter Alltag nur noch nach dem bestmöglichen Deal, der ihr von der Versorgerseite nicht mehr pauschal garantiert wird. Dawn Beret gehört zu einer Vielzahl von Wallace-Interpretinnen, die eine merkwürdige Anteilnahme hervorrufen und tragisch wirkende Elemente bedienen. Ihre Erscheinung ist ebenso schön wie die im Titel angekündigten gelben Narzissen, doch als Drogenkuriere stehen sie ebenso für die Zerstörung. Daher schwebt ihr bevorstehendes Ende seit ihrem ersten Auftreten wie eine dunkle Gewissheit über dem Szenario. Katya ist in Beschaffungsnöten und wird von allen Seiten abgewiesen. Dem Empfinden nach hat sie in der Maschinerie des schneeweißen Geschäfts versagt und folglich ausgedient. Die Britin fällt in diesem Zusammenhang durch ihre zerbrechliche Aura auf, die von Nervosität und Kummer untermalt ist, und für "Das Geheimnis der gelben Narzissen" eine wichtige Facette verkörpert. Allianzen zu anderen Personen lassen sich kaum mehr erkennen, nur noch Nuancen ihrer eigentlichen Zugehörigkeit. Betrachtet man den kompletten Verlauf, ist es sehr gut möglich, dass Katya eine von Raymond Lynes abgelegten Spielzeugen sein könnte, die im Sinn der Sache nur eine kurze Halbwertzeit besitzen. Außerdem ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sie einst selbst Verteilerin des Narzissenpulvers gewesen ist, und am schlechten Ende selbst süchtig wurde, oder vielleicht einfach nur eine animierende Funktion im Cosmos Club inne hatte. Diese Möglichkeiten werden von der Regie kaum skizziert, regen daher aber gleichzeitig die Fantasie und Kombinationsgabe des Zuschauers an, falls man die Dame genauer unter die Lupe nimmt.

Alles in allem ist Dawn Beret bestimmt eine der auserlesenen Darstellerinnen, die innerhalb der Reihe für eine besonders in der Erinnerung haftende Szene stehen. In ihrem Fall trägt nicht nur der Originalschauplatz Piccadilly Circus zur Unvergessenheit bei, sondern der überaus atmosphärische und tragisch wirkende Showdown, der Ohnmachtsgefühle transportiert und Katya in bizarrer Manier und empfundenermaßen behütend in den Schoß der gelben Narzissen zurück legt; ein Auftritt, der sich nach Ansicht dieses Films für lange Zeit im Gedächtnis festsetzen wird. So mag die Tatsache, dass Dawn Beret in den Credits keine Erwähnung findet und eine typische Nebenrollenfunktion inne hat, - somit für die Handlung weitgehend irrelevant ist - nicht besonders greifen, denn man behält einen im doppelten Sinne einmaligen Gastauftritt in Erinnerung, der im Wallace-Orbit aufgrund der Inszenierung und Färbung so nicht alle Nase lang zu finden war. Außerdem wird sie von der Regie gegen das gängige Frauenbild dieses Zeitfensters gestellt, das in diesem konkreten Fall allerdings noch nicht oder nur verhalten zur Bewunderung anregt. Beret scheint als erste Kandidatin wie geschaffen für einen derartigen Exkurs zu sein, denn sie ist mit teilweise sehr wichtigen Sachverhalten der Handlung in Verbindung zu bringen, wenngleich diese im Rahmen ihrer Auftrittsdauer noch hauptsächlich im Dunkeln liegen. Ausfindig zu machen ist sie aufgrund ihrer strahlenden Schönheit sofort und bleibt daher in lebhafter Erinnerung. Als Teil eines Schachspiels, in dem sie allerdings keinen der Offiziere darstellt und nur von eben solchen nach Belieben hin- und hergerückt wird, ist sie es, die den Zerfall einer Organisation einläutet. Die unbequeme Wissensträgerin und obendrein potentiell undichte Stelle in einer unbarmherzigen Maschinerie aus Abhängigkeit und Funktionalisierung muss aus dem Visier der Kontrahenten verschwinden. Wie ein Magnet zieht sie das Unheil in mehrfachem Sinn an und bringt die Gesetzeshüter aufs Tableau, außerdem bietet sie sich dem Narzissenmörder in unausweichlicher Art und Weise als Opfer an. So ist mit Dawn Beret schließlich der erste Treffer für "Cherchez la femme" gefunden.


DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 20.04.2019 21:25 
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● PETRA SCHÜRMANN als CONCETTA DE ROSA in
DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS (D|I|1971)



In der End-Phase der Edgar-Wallace-Verfilmungen sollte es zu ziemlich ausgeglichenen Kräfteverhältnissen zwischen Damen und Herren kommen, wenngleich sich dieser Eindruck kaum auf eine dramaturgische Basis bringen lässt, da die hübschen Köpfe der Interpretinnen immerhin reihenweise rollen mussten. "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" thront nicht für Wenige als krönender Abschluss einer Reihe, deren Erfolg in seiner Beispiellosigkeit in die Filmgeschichtsbücher eingegangen ist. Man blickt hier auf einen Film, der unter der Gast-Regie des italienischen Routiniers Umberto Lenzi entstanden ist und der nicht gerade zimperlich mit seinen Frauenrollen umgeht. Im Rahmen der langjährigen Reihe bleibt das rücksichtslose Aussortieren der Figuren exemplarisch für das Genre und präsentiert sich dabei überaus unsentimental. Für die harten Schockmomente des Verlaufs müssen folglich die gebuchten Schauspielerinnen herhalten und es kommt zu einer sehr förderlichen Variabilität für den Spannungsaufbau und "Thrill", da sich der hier agierende Mörder mit keiner spezifischen Mordmethode anfreunden kann. In diesem Zusammenhang kommt Petra Schürmann ins Spiel, die bereits in Harald Philipps Reißer "Die Tote aus der Themse" zu sehen war. Im vorliegenden Fall ist die Rolle der Deutschen ungleich kleiner ausgefallen, denn es handelt sich um eine typische italienische Frauenrolle dieser Zeit, die abseits der Hauptrollen meistens wesentlich kürzer eingeplant war. Das deutsche Kinoplakat listet Petra Schürmann unmittelbar hinter den Stars des Films Antonio Sabato und Uschi Glas, und suggeriert somit einen weitaus zeitintensiveren Auftritt als den, der letztlich zu sehen ist. Er ist in drei kleine Intervalle aufgeteilt und beträgt höchstens zwei Minuten. Für die laufende Geschichte mag die Rolle der Concetta De Rosa vielleicht nicht besonders relevant erscheinen. Dennoch ist das Konstrukt nicht so unwichtig für den Film, wie auf ersten Blick vielleicht gedacht, da sich Schürmann im unmittelbaren Radius des Mörders befindet und die Tragik der Angelegenheit anfeuert.

Mit Petra Schürmann blickt man auf eine Filmografie, die lediglich rund zwanzig Auftritte in Film und Fernsehen umfasst, was bei einer Karriere-Dauer von fast vierzig Jahren nicht besonders viel erscheinen mag. Trotzdem kann der berufliche Weg der aus Mönchengladbach stammenden Hildegard Petra Elisabeth Schürmann als beispiellos im Rahmen deutscher Laufbahnen angesehen werden. Im Jahr 1956 ging ihr Name um die Welt, als sie in London zur bislang einzigen deutschen "Miss World" gekürt wurde, nachdem sie zuvor bei der Wahl zur "Miss Germany" lediglich den dritten Rang belegt hatte. Die Filmbranche wartet zu jeder Zeit auf derartig schöne Gesichter und macht sie sich dienstbar, wenngleich sich dies im Fall Petra Schürmann nur bedingt sagen lässt. Ihre tatsächliche Karriere machte die Deutsche als beliebte Ansagerin und Fernseh-Moderatorin, die beispielsweise allein für die ARD und das ZDF über 600 Sendungen präsentierte. Sie konnte deshalb auf eine außergewöhnliche Medien-Präsenz zurückblicken. In "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" kommt es wie erwähnt zu kurzen Eindrücken, denn die Lehrerin Concetta De Rosa verlässt das mit dem Arbeitstitel "Sieben Gesichter für eine Mörderin" versehene Szenario ebenso schnell, wie sie es betreten hat. Sie stellt neben einigen anderen eines der losen Gesichter und unschuldigen Opfer eines perfiden Spiels dar und ist trotz der Kürze ihres Auftritts ein wichtiges Puzzleteil für eine gut funktionierende und spannende Geschichte. Es bleibt dennoch nicht aus, dass sich auch Schürmann gewissen Stereotypen der Rolle der Frau im Allgemeinen zu beugen hat, denn schließlich begibt sich die ahnungslose Lehrerin in tödliche Gefahr, obwohl Rom seit einiger Zeit äußerst beunruhigt über das diffuse Agieren des Frauenmörders ist. Wieso geht die junge Frau trotz der eindringlichen Warnungen der Polizei ein tödliches Risiko ein? Wie man umgehend erfährt, fußt dieses Agieren auf der Tatsache der natürlichen Rehabilitation, denn Concetta verfügt über keine Verbindung zum Mörder und hat keine Schuld im Sinne der Anklage.

Nur so lässt sich ihr Verhalten erklären, wobei sicherlich die Komponente der aufgeklärten Pragmatikerin hinzu kommt, die sich nicht in niedere Sphären der Gedankenwelt hineinversetzen kann und sich dementsprechend nicht von potentiellen Möglichkeiten einschüchtern lässt. Nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Zuschauern wird eine Art Bestürzung hervorgerufen, die stets auf der Seite der unschuldigen Leidtragenden sind. Vor allem das Setting Kirche und die perfide Art der Ermordung feuern diese Eindrücke empfindlich an, während die spannende Inszenierung ihr Übriges hinzutut. Der Schutz der Kirche hat versagt; die Obhut der Polizei ohnehin - und das in eklatanter Art und Weise. Im Tauziehen um die Wahrheitsfindung ist Petra Schürmann in diesem mörderischen Schachspiel weder an einer Rochade beteiligt, noch zählt sie zum Kreis der erkennbaren Offiziere. Vielmehr erlebt der möglicherweise entsetzte Zuschauer ein klassisches Bauernopfer, welches einen tragischen Nachhall mit sich bringt. Im Rahmen der behandelten Thematik hat schließlich nicht jede beteiligte Frau eine Schlüsselfunktion inne. Petra Schürmann ist als Teil eines Ganzen anzusehen; dementsprechend erscheint sie nicht so unwichtig, wie man zunächst ausmachen mag. Ihre Funktionalisierung trägt in der Architektur und der Gesamtheit jedoch dazu bei, sie als wichtiges Zahnrad in dieser Maschinerie zu identifizieren. Jedes Opfer bringt die Ermittler der Realität ein Stück weit näher, denn die Wallace-Gesetzmäßigkeiten verlangen nach Aufklärung. Gegenteiliges wurde schließlich nur einmalig einem Kaliber wie dem "Hexer" eingeräumt, wenn auch kein zweites Mal. Concetta De Rosa bleibt in dieser Inszenierung also ein Sinnbild für die Macht des lautlosen Todes und gleichzeitig eine Gefahr für den noch unbehelligt agierenden Killer, da ihr Leben wie jenes ihrer Leidensgenossinnen mit der unausweichlichen Wahrheitsfindung aufgewogen wird. In der Nebensache bleibt Petra Schürmann auch eines der unzähligen Filmgesichter, die in diesem Genre für die Zerstörung von Schönheit stehen, und für die vage Andeutung, einen Strick um den Hals des Mannes zu legen, welcher in letzter Instanz allerdings durch andere fester zugezogen wird.


DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS


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● HILDE SESSAK als SCHWESTER ELISABETH in
DER GORILLA VON SOHO (D|1968)



Formate wie die Edgar-Wallace-Reihe hatten nicht ohne gewisse Schablonen und etliche charakterliche Stereotypen auszukommen und in vielen Fällen wurden diese gewinnbringend in die jeweiligen Geschichten integriert, um das treue Publikum zu beunruhigen, schockieren oder gar zu amüsieren. So interpretierte Hilde Sessak zwischen 1964 bis 1968 eine nahezu identische Rolle in "Der Hexer", "Der Bucklige von Soho" und "Der Gorilla von Soho", jeweils unter der Leitung von Alfred Vohrer. Der wohl routinierteste Regisseur der Serie griff im Lauf der Jahre offensichtlich immer wieder gerne auf bestimmte Interpret_innen zurück, die in irgendeiner Art und Weise in sein Beuteschema fallen sollten, die ihm verlässlich schienen oder die in bestimmten Geschichten einfach eine optimale Funktion übernehmen konnten. Hilde Sessak gilt in diesem Zusammenhang als eine Art Prototyp der strengen bis unerbittlichen Aufseherin ohne Gewissen und konnte innerhalb ihrer jeweiligen Darbietungen überzeugen. Die Schauspielerin wurde 1915 unter dem bürgerlichen Namen Hilde Czeszack in Berlin geboren und übernahm bereits im Alter von 20 Jahren ihre ersten Filmrollen. Große Publikumserfolge stellten sich beispielsweise neben Heinz Rühmann in "Quax, der Bruchpilot" oder "Die Feuerzangenbowle" ein, wenngleich die oftmals derb wirkende Hilde Sessak stets eine Darstellerin der zweiten Reihe blieb und nach dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich in Nebenrollen besetzt wurde. In "Der Gorilla von Soho" ist sie als Schwester Elisabeth zu sehen, die rein gar nichts mit ihrer heiligen Namenspatronin gemeinsam hat - eher das Gegenteil ist der Fall. Die Story beinhaltet ein Mädchenheim als zentralen Umschlagplatz für Verbrechen und Mord, in dem Schwester Elisabeth hinter den Kulissen ihre persönliche Schreckensherrschaft über die Insassinnen aufbauen konnte oder möglicherweise auf Anordnung aufzubauen hatte.

Erneut bleibt die eigentliche Motivation dieses Aufseherinnen-Typus völlig im Unklaren und lässt bestenfalls nur Spekulationen über die tatsächlichen Hintergründe zu. Was treibt eine Frau wie sie an, was verspricht sie sich von ihrem Lakaientum? Zunächst ist zu erwähnen, dass der Film keinen Zweifel über ihre Funktion entstehen lässt. Der Zuschauer weiß ab dem ersten Aufeinandertreffen mit Schwester Elisabeth sehr genau, mit wem man es im Grunde zu tun hat, beziehungsweise welche Seite sie bedient. Hilde Sessak war zu jenem Zeitpunkt bereits seit etlichen Jahren auf diesen Typ Frau festgelegt. Für Variationen sorgte dabei ihre ganz persönliche Note im Rahmen der Interpretation, wenngleich ihr oft nicht viele Möglichkeiten zur Profilierung geboten wurden. In dieser Produktion fällt ihr Part in ungewöhnlicher Weise recht umfangreich aus, sodass sie sich ohne Probleme im Kreis der beunruhigenden Kontrahenten etablieren kann und in die "cherchez la femme"-Rubrik fällt. Nicht nur sinngemäß steckt also eine Frau hinter den Geschehnissen, doch die Frage ihres Antriebs bleibt offen im Raum stehen. Das Motiv der persönlichen Bereicherung erscheint auf den ersten Blick etwas zu simpel zu sein, denn das Augenmerk ruht auf dem Umgang mit den Heiminsassinnen. Ton und Handlungsweise erscheinen aggressiv, ihre Mittel der Wahl sind Einschüchterung, Nötigung und Manipulation, um die Schwächsten unter ihnen nach ihrem Willen dienstbar machen zu können. Ganz im Stil dieses Rollenrepertoires der markanten Schauspielerin schwingt der Eindruck mit, dass sie außerdem von einer erheblichen Portion Perversion und Sadismus angetrieben wird, was sich insbesondere im Umgang mit der taubstummen Dorothy Smith zeigt. Die Zeichnung des Zusammenspiels der wehrlosen jungen Frau mit Sessak als Herrin verliert sich in vagen Andeutungen, doch die Fantasie lässt auch durchaus eindeutige Schlüsse zu.

Schwester Elisabeth handelt im Auftrag, genießt allerdings das zweifelhafte Privileg, den kriminellen Alltag mit ihrer eigenen perfiden Note zu versehen. Natürlich ist die misanthropisch agierende Schwester Wissensträgerin und wichtiges Zahnrad in einem Netz aus mörderischen Intrigen und bleibt somit eine wichtige Schlüsselfigur für Ermittler und Zuschauer. In der Regel sind es allerdings genau solche Charaktere, die die naturgemäß ein schlimmes Ende erfahren, um dem Gerechtigkeitsempfinden Genüge zu tun und deshalb im doppelten Sinn als Kanonenfutter fungieren. Hilde Sessak gestaltet ihre Rolle nicht nur routiniert, sondern auch mit viel Einsatz. Bei den Ermittlungen liefert sie brav, aber nicht ohne Kalkül Erklärungen zu den nebulösen Sachverhalten, gibt sich betont hilfsbereit und unauffällig, bis man ihr wahres Gesicht zu sehen bekommt. In ihren Zuständigkeitsbereich fällt ein großer Waschkessel, in dem die unmittelbar zuvor ermordeten Millionäre aus Übersee für ihre letzte Reise präpariert werden. Die schwere körperliche Arbeit scheint der Dienerin eines im Hintergrund agierenden Chefs zwar zuzusetzen, doch sie wirkt offensichtlich von einer unsichtbaren Macht angetrieben. Im Grunde sieht man hier einen der ergiebigsten Stereotypen der Reihe, welcher zwar immer wieder mit unterschiedlichen Gesichtern und Facetten ausgestattet wurde, jedoch ebenso häufig in der gleichen Funktionsweise wahrzunehmen war: willige, beinahe roboterartige Helfershelfer, die zuverlässig und tödlich genau ihre Aufträge erledigen, um den Zuschauer zu beunruhigen. Hilde Sessaks Darbietung fällt genau in dieses Schema und steht vornehmlich für den reibungslosen Ablauf der Maschinerie, ist jedoch nicht an ihrem Fall beteiligt, da das konstruierte Schicksal andere Pläne mit dieser Dame aus rostfreiem Stahl hat. Nach "Der Gorilla von Soho" wurde es filmtechnisch übrigens sehr ruhig um die markante Interpretin, bis sie im Jahr 2003 in Berlin verstarb.


DER GORILLA VON SOHO


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 07.06.2019 09:44 
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Dieser Typ Schwester Rabiata war in der bundesrepublikanischen Gegenwart der Entstehungszeit durchaus noch präsent. In Krankenhäusern, Altersheimen und dergleichen. Sicherlich und glücklicherweise nicht so übertrieben und mörderisch :-), aber von all den Archetypen der Wallace-Filmen von der schutzlosen, schönen Waise bis zum schmierigen Erbschleicher dürften sie viele Zuschauer noch am ehesten in der Realität wiedererkannt haben. Bewusst oder unbewusst.

Ich habe meine Probleme mit den Wallace-Filmen, aber es ist schon deutlich, warum sie damals trotz oder gerade wegen der heftigen Klischeekiste so erfolgreich waren.


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 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 10.06.2019 00:06 
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Für meine Begriffe findet man in der Wallace-Reihe nur ganz wenige Beiträge, die dem Empfinden nach einen Transfer zur blanken Realität herstellen können. "Der Gorilla von Soho" fällt für mich aber nicht in diese Kategorie, also auch nicht Charaktere wie Schwester Elisabeth. Das kommt aber selbstverständlich auf jeden einzelnen Betrachter an. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wesentlich mehr Zuschauer solche Parallelen ziehen können, als umgekehrt. Gerade unter Alfred Vohrer wurden viele Personen ja mit übermäßig grotesken Anstrichen versehen und Hilde Sessak zählt gerade hier für mich dazu, wenngleich es sich auch ganz bestimmt um keine Märchenfigur gehandelt haben dürfte. Solche verschiedenen Eindrücke tragen vielleicht irgendwie ihren Teil zum Geheimnis des Erfolgs der Filme bei.


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