Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
It is currently 28.05.2020 14:46

All times are UTC + 1 hour [ DST ]




Post new topic Reply to topic  [ 16 posts ] 
AuthorMessage
 Post subject: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 10.01.2019 00:40 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


Image


»Il y a une femme dans toutes les affaires«

Im filmischen Kontext steht der Name Edgar Wallace nicht nur für spannende Krimi-Unterhaltung, bei der es unmöglich sein soll, von ihr nicht gefesselt zu sein, sondern der treue Anhänger der erfolgreichen Serie bringt natürlich auch eine Vielzahl von Namen vor und hinter der Kamera mit dem immensen Erfolg der Reihe in Verbindung. Die Erfahrung zeigt, dass jeder einzelne Fan ganz bestimmte Vorlieben im Rahmen der Geschichten rund um Verbrechen und Mord hat. Ob zum Beispiel Romanvorlage, Regie, Inszenierungsstil oder Stab; die Möglichkeiten sind sehr vielfältig. Bei mir geben bekanntermaßen die Schauspieler_innen den Hauptton an, und wie der Name dieses Themas schon andeutet, soll es hier um eine Art persönliches Steckenpferd gehen.

In der gewählten deutschen Konversation will die Wendung »Cherchez la femme« so viel heißen wie: »Mach die Frau ausfindig!. Im übertragenen Sinn möchte damit gesagt sein, dass eine Frau hinter einem bestimmten Sachverhalt steckt. Thematisch gesehen mag dieses Augenmerk vielleicht nur bedingt oder sogar sporadisch zur erfolgreichen Edgar-Wallace-Reihe passen, schließlich werden die Filme insbesondere in der Schwarzweiß-Ära vornehmlich von den Herren der Schöpfung dominiert, ob auf der Seite der Guten oder der Bösen. Unter Betrachtung dieser anfänglichen Strategie, die ohne jeden Zweifel immer noch Spiegel der Gesellschaft war, lassen sich in den ersten Jahren weniger Stilbrüche finden. Dies ist nur sekundär auf die Täter- oder auch Opferrollen bezogen, sondern auf die allgemeine Geschlechterverteilung beim Cast. Eine Steigerung auf eine vermeintlich ausgewogene Frauenquote lässt sich im Schwarzweiß-Zeitraum der laufenden Serie nur vage erkennen; zu ausgeglicheneren Verteilungen sollte es erst insbesondere in der Farb-Ära kommen, was allerdings vor allem recht pragmatische Gründe hatte. Die klassische Opfer-Rolle hatte ein Stück weit ausgedient und im Rahmen einer aufgeklärteren Gesellschaft waren die Verantwortlichen auf der Suche nach neuen Schablonen, Einsatzgebieten und Anforderungen. Die oft nur hübsche Staffage wurde somit in vielen Fällen gegen Interpretinnen ausgetauscht, die auf Augenhöhe agieren sollten, wenngleich es Themen wie Mädchenhandel, Prostitution oder hermetisch abgeriegelte Mädchenheime waren, die ihre Prominenz deutlich steigern sollten. Interessanterweise findet sich in der gesamten Schwarzweiß-Phase der Reihe kein einziger Film, in dem über zehn Interpretinnen zu finden sind, lediglich Ákos von Ráthonyis "Das Geheimnis der gelben Narzissen" sticht mit einer Anzahl von neun Damen hervor.

Als Wallace im Jahr 1966 schließlich bunt wurde, änderten sich die Kräfteverhältnisse merklich bis deutlich. Im Rahmen aller 38 Produktionen von 1959 bis 1972, inklusive der Afrika-Verfilmungen, ist allerdings lediglich eine einzige Produktion zu finden, in der mehr Schauspielerinnen mit von der Partie sein sollten als Schauspieler. Hierbei handelt es sich um Alfred Vohrers "Der Gorilla von Soho", dem in diesem Zusammenhang die Thematik rund um ein Mädchenheim zugute kommt. "Cherchez la femme" soll insgesamt aber kein statistisches Sammelsurium werden; primär dürfte es um etliche Vorstellungen von Interpretinnen gehen, über die unter normalen Umständen kaum ein Wort verloren wird, weil die Rollen zu klein oder unbedeutend sind, oder sie schlicht und einfach im Glanz des weiblichen Stars einer jeweiligen Veranstaltung verblassen. Zusätzlich soll aber hin und wieder etwas Raum für die wichtigen Zubringer geschaffen werden, sprich diejenigen, die größere Nebenrollen bekleiden, um letztlich vereinzelt auf die ganz Großen des Wallace-Geschäfts einzugehen. Dem eigenen Empfinden nach erscheinen die Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Wallace-Reihe manchmal etwas ausgeschöpft zu sein, da bereits so gut wie alles gesehen, gesagt und durchdacht wurde. Bei Sichtungen jenseits der 30 mal pro Film scheint dieser Eindruck auch kein Wunder zu sein, aber die Begeisterung und die Neugierde hat in all den Jahren nicht abgenommen. So sind es Exkurse wie diese, die eine mehrere Jahrzehnte alte Serie und die gewonnenen Eindrücke immer wieder neu herausfordern, um vielleicht an die nötigen Impulse zu kommen, die das Ganze nach Möglichkeit etwas frisch und dynamisch halten. Genau wie seinerzeit bei "L'amour toujours bei Edgar Wallace" ist die anvisierte Richtung zwar im Vorfeld klar, Ergiebigkeit und Ausgang bleiben jedoch vollkommen ungewiss.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 12.01.2019 20:09 
Offline
User avatar

Joined: 12.2009
Posts: 331
Gender: Male
Ich bin sehr gespannt auf deine Ausführungen.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 14.01.2019 10:07 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male
franchise wrote:
Ich bin sehr gespannt auf deine Ausführungen.

Ich sehe dem Ganzen auch schon mit Spannung entgegen, denn für eine Reihe und deren Filme, die ich seit meiner Kindheit immer wieder sehr häufig geschaut habe, ist das wie so eine Art Frischzellenkur. Die letzten Tage haben ich mir die Besetzungslisten auch mal in den hinteren Reihen angeschaut und das Thema ist erwartungsgemäß ergiebig, wenngleich es tatsächlich zahlreiche Interpretinnen gibt, über die nur wenige bis gar keine Informationen zur Vita zu finden sind. Manchmal scheint es die einzige Gewissheit zu sein, dass es sie zumindest einmal gegeben hat, bis sich etliche Spuren vollkommen abrupt verlieren. Mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Der Spaß an der Sache ist für mich jedenfalls schon vorprogrammiert.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 31.01.2019 02:50 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

● DAWN BERET als KATYA in
DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN (D|GB|1961)



Für die Edgar-Wallace-Reihe inszenierte Gast-Regisseur Ákos von Ráthonyi mit "Das Geheimnis der gelben Narzissen" den insgesamt frauenstärksten Film der gesamten Schwarzweiß-Ära, was unter anderem der behandelten Thematik geschuldet ist. Der atmosphärische Schauplatz des Verbrechens efordert wichtige weibliche Zubringer und vor allem Projektionsflächen für Schockmomente und die graphische Darstellung von Mord. In diesem Zusammenhang stellt die britische Schauspielerin Dawn Beret nicht nur eines der interessantesten Beispiele, sondern auch eines der vielleicht am meisten Mitleid hervorrufenden Opfer dar, was nicht zuletzt an ihrer verzweifelten Körpersprache liegt, sondern auch der Art der Inszenierung angesichts ihres vorhersehbaren Endes. Über die mit auffälliger Schönheit ausgestattete Blondine sind leider nur wenige Fakten und Daten zu finden, denn ihre Spur verliert sich mit einem finalen Auftritt in einem britischen Spielfilm bereits im Produktionsjahr 1971. So stehen für die 1941 in der mittelgroßen Stadt Aldershot in der englischen Grafschaft Hampshire geborene Interpretin gut zwei Dutzend Partizipationen in Kino und Fernsehen zu Buche, von denen die etwa vierzig Auftritte in der als verschollen geltenden Serie "Compact" quantitativ am meisten hervorstechen. Eine schauspielerische Konstanz lässt sich nur Anfang bis Mitte der 60er Jahre erkennen, und unterm Strich zählt sie nicht nur zu den vielen verloren gegangenen Gesichtern der Wallace-Reihe, sondern auch der Filmwelt. Auch wenn man Dawn Beret eine außergewöhnliche Attraktivität attestieren möchte, stellt diese Tatsache alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal dar, da die Konkurrenz allein schon in dieser Produktion auffällig stark vorhanden ist. Dawn Beret stellt in dieser bereits siebten Wallace-Produktion der zwei Jahre zuvor gestarteten Reihe Mosaiksteinchen und Bindeglied, sowie dramaturgisches Kanonenfutter in einem dar. Als Katya kann sie in vielerlei Hinsicht deutliche Akzente setzen, obwohl ihre Rolle zeitlich sehr deutlich begrenzt ist, da die unerbittliche Mörderhand im Hintergrund lauert.

Erste - oder besser gesagt - eindeutige Eindrücke verfestigen sich in Windeseile, weil ihre Nerven ganz offensichtlich blank liegen und sie außerdem den nächsten Schuss nötig hat. Vielleicht sieht die junge Dame insgesamt etwas zu frisch für eine Drogensüchtige aus, aber dennoch verfestigt sich die Gewissheit, dass sie auf dem besten Weg ist, eine tickende Zeitbombe zu werden, die als Geheimnisträgerin offensichtlich bereit wäre auszupacken. Somit richtet sich ihr gesamter Alltag nur noch nach dem bestmöglichen Deal, der ihr von der Versorgerseite nicht mehr pauschal garantiert wird. Dawn Beret gehört zu einer Vielzahl von Wallace-Interpretinnen, die eine merkwürdige Anteilnahme hervorrufen und tragisch wirkende Elemente bedienen. Ihre Erscheinung ist ebenso schön wie die im Titel angekündigten gelben Narzissen, doch als Drogenkuriere stehen sie ebenso für die Zerstörung. Daher schwebt ihr bevorstehendes Ende seit ihrem ersten Auftreten wie eine dunkle Gewissheit über dem Szenario. Katya ist in Beschaffungsnöten und wird von allen Seiten abgewiesen. Dem Empfinden nach hat sie in der Maschinerie des schneeweißen Geschäfts versagt und folglich ausgedient. Die Britin fällt in diesem Zusammenhang durch ihre zerbrechliche Aura auf, die von Nervosität und Kummer untermalt ist, und für "Das Geheimnis der gelben Narzissen" eine wichtige Facette verkörpert. Allianzen zu anderen Personen lassen sich kaum mehr erkennen, nur noch Nuancen ihrer eigentlichen Zugehörigkeit. Betrachtet man den kompletten Verlauf, ist es sehr gut möglich, dass Katya eine von Raymond Lynes abgelegten Spielzeugen sein könnte, die im Sinn der Sache nur eine kurze Halbwertzeit besitzen. Außerdem ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sie einst selbst Verteilerin des Narzissenpulvers gewesen ist, und am schlechten Ende selbst süchtig wurde, oder vielleicht einfach nur eine animierende Funktion im Cosmos Club inne hatte. Diese Möglichkeiten werden von der Regie kaum skizziert, regen daher aber gleichzeitig die Fantasie und Kombinationsgabe des Zuschauers an, falls man die Dame genauer unter die Lupe nimmt.

Alles in allem ist Dawn Beret bestimmt eine der auserlesenen Darstellerinnen, die innerhalb der Reihe für eine besonders in der Erinnerung haftende Szene stehen. In ihrem Fall trägt nicht nur der Originalschauplatz Piccadilly Circus zur Unvergessenheit bei, sondern der überaus atmosphärische und tragisch wirkende Showdown, der Ohnmachtsgefühle transportiert und Katya in bizarrer Manier und empfundenermaßen behütend in den Schoß der gelben Narzissen zurück legt; ein Auftritt, der sich nach Ansicht dieses Films für lange Zeit im Gedächtnis festsetzen wird. So mag die Tatsache, dass Dawn Beret in den Credits keine Erwähnung findet und eine typische Nebenrollenfunktion inne hat, - somit für die Handlung weitgehend irrelevant ist - nicht besonders greifen, denn man behält einen im doppelten Sinne einmaligen Gastauftritt in Erinnerung, der im Wallace-Orbit aufgrund der Inszenierung und Färbung so nicht alle Nase lang zu finden war. Außerdem wird sie von der Regie gegen das gängige Frauenbild dieses Zeitfensters gestellt, das in diesem konkreten Fall allerdings noch nicht oder nur verhalten zur Bewunderung anregt. Beret scheint als erste Kandidatin wie geschaffen für einen derartigen Exkurs zu sein, denn sie ist mit teilweise sehr wichtigen Sachverhalten der Handlung in Verbindung zu bringen, wenngleich diese im Rahmen ihrer Auftrittsdauer noch hauptsächlich im Dunkeln liegen. Ausfindig zu machen ist sie aufgrund ihrer strahlenden Schönheit sofort und bleibt daher in lebhafter Erinnerung. Als Teil eines Schachspiels, in dem sie allerdings keinen der Offiziere darstellt und nur von eben solchen nach Belieben hin- und hergerückt wird, ist sie es, die den Zerfall einer Organisation einläutet. Die unbequeme Wissensträgerin und obendrein potentiell undichte Stelle in einer unbarmherzigen Maschinerie aus Abhängigkeit und Funktionalisierung muss aus dem Visier der Kontrahenten verschwinden. Wie ein Magnet zieht sie das Unheil in mehrfachem Sinn an und bringt die Gesetzeshüter aufs Tableau, außerdem bietet sie sich dem Narzissenmörder in unausweichlicher Art und Weise als Opfer an. So ist mit Dawn Beret schließlich der erste Treffer für "Cherchez la femme" gefunden.


DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 20.04.2019 22:25 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

● PETRA SCHÜRMANN als CONCETTA DE ROSA in
DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS (D|I|1971)



In der End-Phase der Edgar-Wallace-Verfilmungen sollte es zu ziemlich ausgeglichenen Kräfteverhältnissen zwischen Damen und Herren kommen, wenngleich sich dieser Eindruck kaum auf eine dramaturgische Basis bringen lässt, da die hübschen Köpfe der Interpretinnen immerhin reihenweise rollen mussten. "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" thront nicht für Wenige als krönender Abschluss einer Reihe, deren Erfolg in seiner Beispiellosigkeit in die Filmgeschichtsbücher eingegangen ist. Man blickt hier auf einen Film, der unter der Gast-Regie des italienischen Routiniers Umberto Lenzi entstanden ist und der nicht gerade zimperlich mit seinen Frauenrollen umgeht. Im Rahmen der langjährigen Reihe bleibt das rücksichtslose Aussortieren der Figuren exemplarisch für das Genre und präsentiert sich dabei überaus unsentimental. Für die harten Schockmomente des Verlaufs müssen folglich die gebuchten Schauspielerinnen herhalten und es kommt zu einer sehr förderlichen Variabilität für den Spannungsaufbau und "Thrill", da sich der hier agierende Mörder mit keiner spezifischen Mordmethode anfreunden kann. In diesem Zusammenhang kommt Petra Schürmann ins Spiel, die bereits in Harald Philipps Reißer "Die Tote aus der Themse" zu sehen war. Im vorliegenden Fall ist die Rolle der Deutschen ungleich kleiner ausgefallen, denn es handelt sich um eine typische italienische Frauenrolle dieser Zeit, die abseits der Hauptrollen meistens wesentlich kürzer eingeplant war. Das deutsche Kinoplakat listet Petra Schürmann unmittelbar hinter den Stars des Films Antonio Sabato und Uschi Glas, und suggeriert somit einen weitaus zeitintensiveren Auftritt als den, der letztlich zu sehen ist. Er ist in drei kleine Intervalle aufgeteilt und beträgt höchstens zwei Minuten. Für die laufende Geschichte mag die Rolle der Concetta De Rosa vielleicht nicht besonders relevant erscheinen. Dennoch ist das Konstrukt nicht so unwichtig für den Film, wie auf ersten Blick vielleicht gedacht, da sich Schürmann im unmittelbaren Radius des Mörders befindet und die Tragik der Angelegenheit anfeuert.

Mit Petra Schürmann blickt man auf eine Filmografie, die lediglich rund zwanzig Auftritte in Film und Fernsehen umfasst, was bei einer Karriere-Dauer von fast vierzig Jahren nicht besonders viel erscheinen mag. Trotzdem kann der berufliche Weg der aus Mönchengladbach stammenden Hildegard Petra Elisabeth Schürmann als beispiellos im Rahmen deutscher Laufbahnen angesehen werden. Im Jahr 1956 ging ihr Name um die Welt, als sie in London zur bislang einzigen deutschen "Miss World" gekürt wurde, nachdem sie zuvor bei der Wahl zur "Miss Germany" lediglich den dritten Rang belegt hatte. Die Filmbranche wartet zu jeder Zeit auf derartig schöne Gesichter und macht sie sich dienstbar, wenngleich sich dies im Fall Petra Schürmann nur bedingt sagen lässt. Ihre tatsächliche Karriere machte die Deutsche als beliebte Ansagerin und Fernseh-Moderatorin, die beispielsweise allein für die ARD und das ZDF über 600 Sendungen präsentierte. Sie konnte deshalb auf eine außergewöhnliche Medien-Präsenz zurückblicken. In "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" kommt es wie erwähnt zu kurzen Eindrücken, denn die Lehrerin Concetta De Rosa verlässt das mit dem Arbeitstitel "Sieben Gesichter für eine Mörderin" versehene Szenario ebenso schnell, wie sie es betreten hat. Sie stellt neben einigen anderen eines der losen Gesichter und unschuldigen Opfer eines perfiden Spiels dar und ist trotz der Kürze ihres Auftritts ein wichtiges Puzzleteil für eine gut funktionierende und spannende Geschichte. Es bleibt dennoch nicht aus, dass sich auch Schürmann gewissen Stereotypen der Rolle der Frau im Allgemeinen zu beugen hat, denn schließlich begibt sich die ahnungslose Lehrerin in tödliche Gefahr, obwohl Rom seit einiger Zeit äußerst beunruhigt über das diffuse Agieren des Frauenmörders ist. Wieso geht die junge Frau trotz der eindringlichen Warnungen der Polizei ein tödliches Risiko ein? Wie man umgehend erfährt, fußt dieses Agieren auf der Tatsache der natürlichen Rehabilitation, denn Concetta verfügt über keine Verbindung zum Mörder und hat keine Schuld im Sinne der Anklage.

Nur so lässt sich ihr Verhalten erklären, wobei sicherlich die Komponente der aufgeklärten Pragmatikerin hinzu kommt, die sich nicht in niedere Sphären der Gedankenwelt hineinversetzen kann und sich dementsprechend nicht von potentiellen Möglichkeiten einschüchtern lässt. Nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Zuschauern wird eine Art Bestürzung hervorgerufen, die stets auf der Seite der unschuldigen Leidtragenden sind. Vor allem das Setting Kirche und die perfide Art der Ermordung feuern diese Eindrücke empfindlich an, während die spannende Inszenierung ihr Übriges hinzutut. Der Schutz der Kirche hat versagt; die Obhut der Polizei ohnehin - und das in eklatanter Art und Weise. Im Tauziehen um die Wahrheitsfindung ist Petra Schürmann in diesem mörderischen Schachspiel weder an einer Rochade beteiligt, noch zählt sie zum Kreis der erkennbaren Offiziere. Vielmehr erlebt der möglicherweise entsetzte Zuschauer ein klassisches Bauernopfer, welches einen tragischen Nachhall mit sich bringt. Im Rahmen der behandelten Thematik hat schließlich nicht jede beteiligte Frau eine Schlüsselfunktion inne. Petra Schürmann ist als Teil eines Ganzen anzusehen; dementsprechend erscheint sie nicht so unwichtig, wie man zunächst ausmachen mag. Ihre Funktionalisierung trägt in der Architektur und der Gesamtheit jedoch dazu bei, sie als wichtiges Zahnrad in dieser Maschinerie zu identifizieren. Jedes Opfer bringt die Ermittler der Realität ein Stück weit näher, denn die Wallace-Gesetzmäßigkeiten verlangen nach Aufklärung. Gegenteiliges wurde schließlich nur einmalig einem Kaliber wie dem "Hexer" eingeräumt, wenn auch kein zweites Mal. Concetta De Rosa bleibt in dieser Inszenierung also ein Sinnbild für die Macht des lautlosen Todes und gleichzeitig eine Gefahr für den noch unbehelligt agierenden Killer, da ihr Leben wie jenes ihrer Leidensgenossinnen mit der unausweichlichen Wahrheitsfindung aufgewogen wird. In der Nebensache bleibt Petra Schürmann auch eines der unzähligen Filmgesichter, die in diesem Genre für die Zerstörung von Schönheit stehen, und für die vage Andeutung, einen Strick um den Hals des Mannes zu legen, welcher in letzter Instanz allerdings durch andere fester zugezogen wird.


DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 02.06.2019 21:05 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male
ImageImageImage

● HILDE SESSAK als SCHWESTER ELISABETH in
DER GORILLA VON SOHO (D|1968)



Formate wie die Edgar-Wallace-Reihe hatten nicht ohne gewisse Schablonen und etliche charakterliche Stereotypen auszukommen und in vielen Fällen wurden diese gewinnbringend in die jeweiligen Geschichten integriert, um das treue Publikum zu beunruhigen, schockieren oder gar zu amüsieren. So interpretierte Hilde Sessak zwischen 1964 bis 1968 eine nahezu identische Rolle in "Der Hexer", "Der Bucklige von Soho" und "Der Gorilla von Soho", jeweils unter der Leitung von Alfred Vohrer. Der wohl routinierteste Regisseur der Serie griff im Lauf der Jahre offensichtlich immer wieder gerne auf bestimmte Interpret_innen zurück, die in irgendeiner Art und Weise in sein Beuteschema fallen sollten, die ihm verlässlich schienen oder die in bestimmten Geschichten einfach eine optimale Funktion übernehmen konnten. Hilde Sessak gilt in diesem Zusammenhang als eine Art Prototyp der strengen bis unerbittlichen Aufseherin ohne Gewissen und konnte innerhalb ihrer jeweiligen Darbietungen überzeugen. Die Schauspielerin wurde 1915 unter dem bürgerlichen Namen Hilde Czeszack in Berlin geboren und übernahm bereits im Alter von 20 Jahren ihre ersten Filmrollen. Große Publikumserfolge stellten sich beispielsweise neben Heinz Rühmann in "Quax, der Bruchpilot" oder "Die Feuerzangenbowle" ein, wenngleich die oftmals derb wirkende Hilde Sessak stets eine Darstellerin der zweiten Reihe blieb und nach dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich in Nebenrollen besetzt wurde. In "Der Gorilla von Soho" ist sie als Schwester Elisabeth zu sehen, die rein gar nichts mit ihrer heiligen Namenspatronin gemeinsam hat - eher das Gegenteil ist der Fall. Die Story beinhaltet ein Mädchenheim als zentralen Umschlagplatz für Verbrechen und Mord, in dem Schwester Elisabeth hinter den Kulissen ihre persönliche Schreckensherrschaft über die Insassinnen aufbauen konnte oder möglicherweise auf Anordnung aufzubauen hatte.

Erneut bleibt die eigentliche Motivation dieses Aufseherinnen-Typus völlig im Unklaren und lässt bestenfalls nur Spekulationen über die tatsächlichen Hintergründe zu. Was treibt eine Frau wie sie an, was verspricht sie sich von ihrem Lakaientum? Zunächst ist zu erwähnen, dass der Film keinen Zweifel über ihre Funktion entstehen lässt. Der Zuschauer weiß ab dem ersten Aufeinandertreffen mit Schwester Elisabeth sehr genau, mit wem man es im Grunde zu tun hat, beziehungsweise welche Seite sie bedient. Hilde Sessak war zu jenem Zeitpunkt bereits seit etlichen Jahren auf diesen Typ Frau festgelegt. Für Variationen sorgte dabei ihre ganz persönliche Note im Rahmen der Interpretation, wenngleich ihr oft nicht viele Möglichkeiten zur Profilierung geboten wurden. In dieser Produktion fällt ihr Part in ungewöhnlicher Weise recht umfangreich aus, sodass sie sich ohne Probleme im Kreis der beunruhigenden Kontrahenten etablieren kann und in die "cherchez la femme"-Rubrik fällt. Nicht nur sinngemäß steckt also eine Frau hinter den Geschehnissen, doch die Frage ihres Antriebs bleibt offen im Raum stehen. Das Motiv der persönlichen Bereicherung erscheint auf den ersten Blick etwas zu simpel zu sein, denn das Augenmerk ruht auf dem Umgang mit den Heiminsassinnen. Ton und Handlungsweise erscheinen aggressiv, ihre Mittel der Wahl sind Einschüchterung, Nötigung und Manipulation, um die Schwächsten unter ihnen nach ihrem Willen dienstbar machen zu können. Ganz im Stil dieses Rollenrepertoires der markanten Schauspielerin schwingt der Eindruck mit, dass sie außerdem von einer erheblichen Portion Perversion und Sadismus angetrieben wird, was sich insbesondere im Umgang mit der taubstummen Dorothy Smith zeigt. Die Zeichnung des Zusammenspiels der wehrlosen jungen Frau mit Sessak als Herrin verliert sich in vagen Andeutungen, doch die Fantasie lässt auch durchaus eindeutige Schlüsse zu.

Schwester Elisabeth handelt im Auftrag, genießt allerdings das zweifelhafte Privileg, den kriminellen Alltag mit ihrer eigenen perfiden Note zu versehen. Natürlich ist die misanthropisch agierende Schwester Wissensträgerin und wichtiges Zahnrad in einem Netz aus mörderischen Intrigen und bleibt somit eine wichtige Schlüsselfigur für Ermittler und Zuschauer. In der Regel sind es allerdings genau solche Charaktere, die die naturgemäß ein schlimmes Ende erfahren, um dem Gerechtigkeitsempfinden Genüge zu tun und deshalb im doppelten Sinn als Kanonenfutter fungieren. Hilde Sessak gestaltet ihre Rolle nicht nur routiniert, sondern auch mit viel Einsatz. Bei den Ermittlungen liefert sie brav, aber nicht ohne Kalkül Erklärungen zu den nebulösen Sachverhalten, gibt sich betont hilfsbereit und unauffällig, bis man ihr wahres Gesicht zu sehen bekommt. In ihren Zuständigkeitsbereich fällt ein großer Waschkessel, in dem die unmittelbar zuvor ermordeten Millionäre aus Übersee für ihre letzte Reise präpariert werden. Die schwere körperliche Arbeit scheint der Dienerin eines im Hintergrund agierenden Chefs zwar zuzusetzen, doch sie wirkt offensichtlich von einer unsichtbaren Macht angetrieben. Im Grunde sieht man hier einen der ergiebigsten Stereotypen der Reihe, welcher zwar immer wieder mit unterschiedlichen Gesichtern und Facetten ausgestattet wurde, jedoch ebenso häufig in der gleichen Funktionsweise wahrzunehmen war: willige, beinahe roboterartige Helfershelfer, die zuverlässig und tödlich genau ihre Aufträge erledigen, um den Zuschauer zu beunruhigen. Hilde Sessaks Darbietung fällt genau in dieses Schema und steht vornehmlich für den reibungslosen Ablauf der Maschinerie, ist jedoch nicht an ihrem Fall beteiligt, da das konstruierte Schicksal andere Pläne mit dieser Dame aus rostfreiem Stahl hat. Nach "Der Gorilla von Soho" wurde es filmtechnisch übrigens sehr ruhig um die markante Interpretin, bis sie im Jahr 2003 in Berlin verstarb.


DER GORILLA VON SOHO


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 07.06.2019 10:44 
Offline

Joined: 10.2014
Posts: 211
Gender: None specified
Dieser Typ Schwester Rabiata war in der bundesrepublikanischen Gegenwart der Entstehungszeit durchaus noch präsent. In Krankenhäusern, Altersheimen und dergleichen. Sicherlich und glücklicherweise nicht so übertrieben und mörderisch :-), aber von all den Archetypen der Wallace-Filmen von der schutzlosen, schönen Waise bis zum schmierigen Erbschleicher dürften sie viele Zuschauer noch am ehesten in der Realität wiedererkannt haben. Bewusst oder unbewusst.

Ich habe meine Probleme mit den Wallace-Filmen, aber es ist schon deutlich, warum sie damals trotz oder gerade wegen der heftigen Klischeekiste so erfolgreich waren.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 10.06.2019 01:06 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male
Für meine Begriffe findet man in der Wallace-Reihe nur ganz wenige Beiträge, die dem Empfinden nach einen Transfer zur blanken Realität herstellen können. "Der Gorilla von Soho" fällt für mich aber nicht in diese Kategorie, also auch nicht Charaktere wie Schwester Elisabeth. Das kommt aber selbstverständlich auf jeden einzelnen Betrachter an. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wesentlich mehr Zuschauer solche Parallelen ziehen können, als umgekehrt. Gerade unter Alfred Vohrer wurden viele Personen ja mit übermäßig grotesken Anstrichen versehen und Hilde Sessak zählt gerade hier für mich dazu, wenngleich es sich auch ganz bestimmt um keine Märchenfigur gehandelt haben dürfte. Solche verschiedenen Eindrücke tragen vielleicht irgendwie ihren Teil zum Geheimnis des Erfolgs der Filme bei.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 02.03.2020 22:50 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

● KAI FISCHER als PIA PASANI in
ZIMMER 13 (D|F|1963/64)



Hin und wieder kam es zu Edgar-Wallace-Verfilmungen, die ihre Geschichten beinahe komplett in männliche Hände und die der weiblichen Hauptrolle legten. In diesen Fällen dokumentieren die Credits oft nur noch eine weitere ungleiche Konkurrentin oder ein paar Darstellerinnen in der zweiten oder eher dritten Reihe, die mit ihren Ausgleichsschritten für ein wenig Abwechslung sorgen sollten. In "Zimmer 13" wird neben Karin Dor nur noch Kai Fischer für die Entourage ausgewiesen, wobei man die feurige Interpretin nicht auf ein bloßes nur reduzieren sollte, schließlich war sie in Filmproduktionen gerne für besondere, wenn auch häufig nur kurze Auftritte gebucht, die viel mit Punktgenauigkeit und Spektakel zu tun hatten. Die Interpretin und Sängerin Kai Anne Inge Fischer wurde am 18. März 1934 in Halle an der Saale geboren und kam recht jung zu ersten kleineren Filmengagements, die ihr Image schnell und eindeutig bis zweideutig festlegten. In der Wallace-Reihe blieb ihr Auftritt als Pia Pasani leider ein einmaliges Gastspiel, wenngleich sie in Konkurrenz-Epigonen häufiger zu sehen war. Kai Fischers Platzierung im Szenario ist aus mehreren Gründen als ausschließlich strategisch zu bewerten, und sie kann vor allem als Pendant zu Karin Dor angesehen werden, das keinerlei Berührungspunkte zur Verfügung gestellt bekommt. Im Sinne des Themas sind jedoch beide Rollen äußerst interessant und passend zugleich, obwohl sie sich mit vollkommen unterschiedlichen Mitteln in diesen Radius manövrieren. Fischer bringt alle Grundvoraussetzungen mit, um eine der Frauen zu werden, die im Hintergrund agieren, konspirieren und aktiv dabei mithelfen, die Möglichkeit ihres Endes anzufeuern und selbst vorzuprogrammieren. Kai Fischers Rolle passt mehr oder weniger gut in den Dunstkreis des Titelthemas, wenngleich sie nicht hinter dem ausgiebig geschmiedeten Plan des Postraubs steckt, aber dennoch eine wichtige Funktion inne hat.

In so manchem Film wurde nur abschätzig von einem Ganovenliebchen gesprochen, was auch auf Pia Pasani zutreffen möchte. Der Verlauf deutet eine Verbindung zwischen ihr und dem Chef der Bande mehrmals an, obwohl es kaum zu eindeutigen Zweideutigkeiten kommt, sondern eher nur vertrauten Gesten. Die junge Dame, die sich einer gehobenen Funktion in der Halbwelt verschrieben hat, agiert nach Herzenslust im Hintergrund, steckt somit hinter allerlei Konfrontation und Missgunst, was ihr sichtliche Freude zu bereiten scheint. In erster Linie möchte sie ihre momentane Stellung nicht nur wahren, sondern sie signifikant verbessern, sodass sie zu den für einen Mann oft nicht zu begreifenden Waffen einer entschlossenen Frau greift. Sie sät Zwietracht, bewegt einige Schachfiguren so geschickt sie es kann und setzt auf Hahnenkämpfe, die Produkt ihrer eigens platzierten Gerüchte und Fallen sind. In der gewohnten Umgebung und hinter den schützenden Schultern ihrer männlichen Gaunerkollegen besteht eine vage Sicherheit von Angriffen aller Art, die sie jedoch immer wieder mutwillig provoziert und nicht nur anzieht wie ein Magnet, sondern auch den unausweichlichen Tod, da rote Linien offensichtlich ignoriert werden. Die Produktion verpackt Fischer sozusagen von vorne herein in Geschenkpapier, um sie im richtigen Moment auf einem Silbertablett servieren zu können. Der Zuschauer ahnt bereits nach wenigen Eindrücken, dass entweder der Frauenmörder oder etwa der von ihr bis aufs Blut gereizte Igle aus den eigenen Reihen zuschlagen dürfte. Warum sich die beiden hassen wie die Pest, wird von Regisseur Reinl zwar nicht erklärt, lässt aber Interpretationsspielräume offen. Möglicherweise sind sich beide in der Abwesenheit des Chefs zu nah gekommen, halten einen unerbittlichen Revierkampf im Highlow-Club ab, oder dienen der Dramaturgie einfach nur als willkommenes Kanonenfutter, was man sich bei Bedarf aussuchen kann.

Kai Fischers Rolle bleibt in "Zimmer 13" markant aber übersichtlich. Ihre Aktionen im Hintergrund werden nur für das Publikum transparent gemacht, um den Zündstoff riechen zu können, der für zusätzliche Spannung und Komplikationen sorgen soll. So werden Pias Aktivitäten zwar nicht ausgeschmückt, aber dennoch möchte man irgendwie ahnen, dass es sich bei ihr um einen kleinen Offizier in diesem Spiel handelt. Eingeweiht in alle Pläne und Aktionen, schleicht die Geheimnisträgerin geschmeidig umher wie eine neugierige Katze, die darauf lauert, das ein bedeutender Teil der Beute für sie abfällt. Doch sind auch sieben Leben vorhanden? Die Hauptaufgabe der Pasani scheint zu sein, Fraktionen gegeneinander auszuspielen, doch beim Erarbeiten von persönlichen Vorteilen wird sie im Wechselspiel auch übervorteilt, indem man sie nach Lust und Laune dort einspannt und ausspielt, wo es gerade passt. Kai Fischer spielt des Weiteren mit ihrer üblichen Spiellaune, die ein Konglomerat aus Provokation, Leichtfüßigkeit und erotischen Spitzen darstellt und wie so oft einen Gegenpol zu den meisten Kolleginnen darstellt. Obwohl sie meistens im Kollektiv zu sehen ist, bleibt sie Einzelgängerin, die alles daran zu setzen scheint, dass ihr niemand in die Karten schauen kann. So oder so lässt sich im Sinne des Themas schließlich sagen, dass eine Frau wie Pia sogar hinter gewissen Angelegenheiten oder Rätseln steckt, auch falls sie überhaupt nicht in deren Radius zu finden ist, oder sich kaum Zusammenhänge herleiten lassen. Kai Fischer kleidet das Szenario dieses 15. Rialto-Wallace schlussendlich profitabel aus und lässt der Fantasie ein paar Möglichkeiten offen, was ihrer zugegebenermaßen kurzen Rolle sehr gut steht. Die gerne gesehene Schauspielerin, die bis Mitte der 70er Jahre immer gut beschäftigt war, ist auch in heutigen Zeiten noch ein Begriff geblieben und es handelt sich um eine der letzten übrig gebliebenen weiblichen Wallace-Stars, um den es allerdings schon seit gut 30 Jahren sehr still geworden ist.


ZIMMER 13


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 04.04.2020 22:30 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

CLAUDIA BUTENUTH als BRENDA PILCHARD in
DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL (D|I|1972)



In Massimo Dallamanos deutschem Wallace-Beitrag und italienischem Giallo kam es zu einer der höchsten weiblichen Beteiligungen innerhalb der gesamten Wallace-Reihe, sodass der Eindruck einer seltenen Balance zumindest auf dem Papier entsteht. Betrachtet man Claudia Butenuths Rolle der Brenda Pilchard in "Das Geheimnis der grünen Stecknadel", so erscheint ihr Auftritt aus mehreren Gründen vollkommen logisch zu sein. Da sie auf dem heimischen Markt schon einige Sympathiepunkte in größeren Kino-Erfolgen sammeln konnte und in Italien bereits in einer Serie zu sehen war, wirkt diese Partizipation genau auf beide Produktionsländer abgestimmt. Abgesehen davon, dass sie in darstellerischer Hinsicht einen außerordentlich guten Eindruck hinterlässt, kommt auch insbesondere ihre geheimnisvolle Wirkung zum Tragen, die für den Verlauf, die Ermittlungen und schließlich die Auflösung dieses Falles von großer Bedeutung ist. Claudia Butenuth muss neben ihren jungen Kolleginnen Stärke demonstrieren, auch wenn die Situationen dünnes Eis hergeben. Dies untermauert ihre Führungsrolle innerhalb der Mädchen-Clique, und auch neben den beteiligten Routiniers zeigen sich keine Berührungsängste, sodass man insgesamt von einer der ausdrucksstärkeren Interpretationen im Wallace-Kosmos sprechen kann. In einer Zeit, in der die Rolle der Frau mehr und mehr revolutioniert wurde, waren es insbesondere Schauspielerinnen wie Butenuth, die ihre teils progressive Wirkung gewinnbringend in Filme integrieren konnten, eigenartigerweise sogar unter der teilweisen Verwendung von Klischees und Schablonen, jedoch mit vollkommen anderer Auffassung und einem besseren Timing. Brenda stellt von Beginn an ihre dominanten und vereinnahmenden Züge unter Beweis. Angesichts der Mordfälle schwingt allerdings auch eine nur zu erahnende, innere Angst mit, die jedoch bis zum prosaischen Ende lange nicht thematisiert wird. Schützenhilfe leisten Personen aus Verhören oder ihre engsten Vertrauten, welche die junge Dame zu charakterisieren beginnen, da sie selbst ihre eigene Konstruktion aufrecht zu erhalten versucht.

Die zur Entstehungszeit zwischen September und November 1971 bereits Mitte 20-jährige Akteurin absolvierte damals insgesamt dreizehn Drehtage für "Das Geheimnis der grünen Stecknadel", davon acht in Rom und fünf in London. Zwar schlossen sich in den folgenden Jahren immer wieder internationale Produktionen an, doch grundsätzlich blieb Claudia Butenuth dem deutschen Markt treu und war bis Mitte der 90er-Jahre kontinuierlich, wenngleich phasenweise nur noch sporadisch in Kinofilmen und TV-Produktionen zu sehen. Aber zurück zu Brenda, eine der renitenten Personen mit Schlüssel-Funktion in diesem gut aufgebauten Verlauf. Eine Reihe von Mädchenmorden erschüttert London; Beteiligte und Polizei stehen vor einem Rätsel. Diejenigen, die entscheidend zur Lösung beitragen könnten, schweigen. Angst, Verzweiflung und ein zunächst unbestimmtes Gefühl von Schuld machen sich breit. Über all dem scheint Brenda zu stehen, die schöne Blonde mit der konträr wirkenden, harten, beinahe unsentimentalen Ausstrahlung. Im Verlauf kommt »Brendas Kreis« zur Sprache, eine Clique von Mädchen dieser Schule, in der sie offensichtlich die Führungsposition inne hat. Als die Klasse vom ersten Mord unterrichtet wird und eine Schülerin verzweifelt in Tränen ausbricht, ist es eben diese Anführerin, die sofort vermeintliche Stärke demonstriert, weil sie dazu gezwungen ist, und ihre Freundin mit ihrer eigenen Kontrolle beruhigt. Unter normalen Umständen hätte vielleicht der Begriff des Tröstens fallen können, aber in dieser Situation entsteht eine ganz eigenartig falsche Atmosphäre, denn immerhin erteilt Brenda ihrer Kollegin beinahe Anweisungen, um sie so schnell wie möglich wieder ruhigstellen zu können. Von eigener Erschütterung oder Trauer ist bei ihr nicht gerade viel zu sehen, eher noch die sich aufbäumende Gewissheit über das Motiv des Mordes und eine offensichtlich berechtigte Angst, die aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wegen ihrer perfekt choreografierten Fassade durchdringen wird. Die Frage, in wieweit eine Frau hinter allem stecken könnte, entwickelt sich zu einem spannenden Leitmotiv.

Auch Brenda wird sich der Angst beugen, zumal sich ihr engstes Umfeld dezimiert. Die meiste Zeit des Verlaufs ist die attraktive Blondine damit beschäftigt, ihr Gesicht zu wahren. Um dies zu erreichen, kommt es zu vehementem Leugnen, diversen Lügen und der klassischen Behinderung der Ermittlungen. Sie selbst wird es auch sein, die verzweifelt daran arbeiten muss, dass die schwächsten Glieder in dieser fragilen Kette nicht brechen, oder dass niemand vor der Polizei umkippt. Gegen Ende hat der Zuschauer ein eindeutiges Psychogramm von Brenda zur Hand, das sie aufgrund vieler Details nicht gerade als Sympathieträgerin skizziert. Über allem thront die Macht eines Phantoms, welches die nicht lupenreinen Charaktere selbst wieder ins rechte Licht rücken wird, da es sich um eine Bestie handelt. Da Brenda als Anführerin der Gruppe ausgemacht wurde, scheint der Mörder sie sich auch bis zum Schluss aufsparen zu wollen, was den Zuschauer in permanente Alarmbereitschaft versetzt und man sich deshalb trotz der vielen negativen Eindrücke mit ihr solidarisieren kann. Brenda hingegen bleibt ihrem vertuschenden Kurs treu, auch wenn die panische Angst mittlerweile in ihren Bewegungen und Blicken abzulesen ist. Eine Rolle funktioniert nur so gut, wie es Darsteller und Drehbuch zulassen. Claudia Butenuth kann ganz pauschal als großer Glücksgriff angesehen werden, da sie ihre Fähigkeiten und ihre einerseits dominante, andererseits kühle Ausstrahlung vollends ausspielt. Im Grunde genommen hat man es mit einer knallhart kalkulierenden jungen Dame zu tun, die indirekt über die zahlreichen, sukzessiv auftauchenden Leichen geht, nur damit ihre Reputation nicht in Stücke zerfällt und der ausschweifende Lebenswandel das große Geheimnis ihrer eigenen Konstruktion bleibt. Normalerweise leben gerade Personen wie Brenda von der Angst der Anderen, daher ist es immer sehr interessant zu beobachten, wann es zu einer Umkehrreaktion kommt. Die im Jahr 1945 geborene und 2016 unbemerkt verstorbene Claudia Butenuth hallt hier in eigenartiger Weise nach und weckt das Interesse, sie in weiteren ihrer über 70 Kino- und TV-Auftritte kennenzulernen.


DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 21.04.2020 15:56 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

MARGARET LEE als GINA in
DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK (D|GB|1966)



Auch in dieser 25. Edgar-Wallace-Verfilmung der Nachkriegsgeschichte findet sich der Zuschauer in einem unübersichtlichen Umfeld wieder, das genügend Schlupfwinkel für kleine Ganoven und schwerkalibrige Verbrecher zu bieten hat. Das Ambiente Zirkus weist dabei ganz klassisch auf ein von den Herren der Schöpfung dominiertes Terrain hin, gleichgültig zu welcher Seite man blickt. Die Verteilung signifikanter Frauenrollen ist in "Das Rätsel des silbernen Dreieck" übersichtlicher ausgefallen, sodass man lediglich das Vergnügen mit den beiden britischen Schauspielerinnen Suzy Kendall als Natascha und Margaret Lee als Gina bekommt. Lee, die sich hier noch für ihren zweiten Wallace-Auftritt in "Das Gesicht im Dunkeln" empfehlen wird, übernimmt einen auffällig ambivalenten Part, der sich deutlich von dem ihrer Landsfrau Kendall abgrenzt. So sind so gut wie keine Berührungspunkte zwischen den beiden Blondinen festzustellen, denn solche pflegt Gina ausschließlich zu Männern, und dies in offensichtlich wahlloser Art und Weise. Regisseur John Llewellyn Moxey setzt in seiner Geschichte hauptsächlich auf starke männliche Charaktere in diesem mit auffällig wenigen Frauen ausgestatteten Film, denn immerhin wird wird von Anfang an kein Rätsel daraus geschmiedet, dass es sich beim Haupttäter und diversen Ganoven der Peripherie um Männer handeln muss. Diese sind zwar keineswegs auf feminine Blickwinkel oder Hilfestellung angewiesen, kalkulieren aber auch nicht die unterschwellige Gefahr ein, die von den zwei Damen auf unterschiedliche Weise ausgeht. Hierbei handelt es sich um keine Gefahren, die aktiv in die Waagschale geworfen werden, sondern um Launen des Schicksals, die insbesondere Gina in den Fokus rücken werden. Gina definiert sich über jeden Mann, der sie interessiert und den sie für sich gewinnen kann, sodass ihr in Windeseile ein bestimmter Ruf voraus eilt, der sie jedoch nicht zu kümmern scheint.

Margaret Lee wurde am 4. August 1943 im englischen Wolverhampton als Margaret Gwendolyn Box geboren und startete Anfang der 60er Jahre im europäischen Kino durch. Die fortan gut beschäftigte Schauspielerin wird gerne mit ihrem früh entstandenen Image gleichgesetzt, mit welchem sie auch hier zu kokettieren pflegt. Gina verhält sich betont leger und scheint dementsprechend leicht zu haben zu sein. Zu glauben, sie sei eine leichte Beute für jeden, stellt bei genauerer Betrachtung nur die halbe Wahrheit dar, denn Gina verliert schnell das Interesse an ihren Spielzeugen, was ihr eifersüchtiger Freund Mario nicht nur andeutet, sondern auch an eigenem Leib erfahren hat. In intimen Situationen sieht man die in einer Aura aus Leichtfertigkeit und Hochmut schimmernden Artistin mit einem anderen Mann, der jedoch unkenntlich bleibt, um den Ursprung für die Wichtigkeit von Margaret Lees Rolle und das tragische Ende von Gina zu ebnen, quasi ganz frei nach dem Motto und in Anlehnung an einen später entstandenen deutschen Krimi: »Ich schlafe mit meinem Mörder«. Plötzlich entwickelt sich aus einer unverbindlichen Affäre eine liaison dangereuse, denn Gina entdeckt per Zufall das Versteck von einem Satz auffälliger Wurfmesser, was ihr Schicksal besiegeln wird. Fortan muss sie als sozusagen unwissende Mitwisserin völlig begründet in Angst leben, den solche Personen leben bekanntlich gefährlich. Es folgt der erste Mordanschlag, doch noch kann niemand die Zusammenhänge ordnen. Im Sinne des Themas spielt Gina für die Dramaturgie des Verbrechens vielleicht keine Rolle, jedoch entwickelt sie sich zur großen Gefahr potentieller Art, die schnellstmöglich beseitigt werden muss. Ab diesem Zeitpunkt geht Margaret Lees Schlüsselfunktion in dieser ursprünglich in Farbe gedrehten Produktion voll auf, und hierbei wirkt die Gestaltung recht interessant, denn eigentlich müsste die Mörderhand zuschlagen, bevor sie überhaupt zur Schlüsselfigur werden kann.

Zuvor wurde immer wieder ihr eindeutiger Lebenswandel thematisiert, den diejenigen, die sich am meisten wünschten Teil davon zu sein, am lautesten anprangern. Margaret Lee stattet ihre Rolle derweil mit allen ihr zur Verfügung stehenden Finessen der Weiblichkeit aus, sodass sich ein nicht übersehbarer Erotik-Faktor einstellt, der dem Szenario sogar gut stehen will. Verführung und Gefahr gehen unter Lee eine nicht nur hinlänglich bekannte, sondern bedeutende Allianz ein, da das eine ohne das andere nicht existieren kann und sich gegenseitig bedingt. Die Rolle der Gina kann im Verlauf als Blickfang und designiertes Kanonenfutter angesehen werden, falls man sie ausschließlich funktionell betrachtet. Zwischen den Zeilen wird jedoch eine eigensinnige Tragik befeuert, da sie als unschuldiges Opfer eines für sie vollkommen unbekannten oder sogar unbegreiflichen Spiels über die Klinge springen muss. Bei ihrer täglichen Arbeit schützte sie stets die Zielsicherheit ihres Partners, des Messerwerfers Mario, der seine Akkuratesse vor der Drehscheibe unter Beweis stellen konnte. Der Unbekannte, der seine Morde unter dem Zeichen des silbernen Dreiecks verübt, braucht nur einen Versuch, um seine Opfer zur Strecke zu bringen und sorgt für die eigentliche Ironie des Schicksals für Gina, da seine Präzision den üblichen Schutz einfach umkehrt. Letztlich hat man es mit einer sehr gut durchstrukturierten kleinen Rolle zu tun, die im Kreis der Leidtragenden des Mörders am meisten auffällt, da es sich bei Gina trotz all ihrer Halsstarrigkeit und Fehlentscheidungen um eine gut platzierte Sympathieträgerin handelt. Der Film entstand in einem Zeitfenster, in welchem Margaret Lee einen Film nach dem anderen drehte, sodass das Gros ihres Schaffens vielleicht etwas einheitlich wahrgenommen wird und auch dieser Auftritt keinen besonderen Stellenwert im Wallace-Universum genießt. Dennoch füllt sie ihren Part stilsicher aus, vor allem, weil sie den Killer bereits nach der Hälfte des Verlaufs an den Rand einer Niederlage bringen konnte.


DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 28.04.2020 23:11 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

PETRA VON DER LINDE als GWENDA MILTON in
DER HEXER (D|1964)



»Wo Arthur Milton auch immer sein mag - er wird kommen!« Derartig düstere Ankündigungen eilen der bevorstehenden Handlung in Alfred Vohrers Erfolgsfilm "Der Hexer" voraus und in diesem Zusammenhang ist es recht interessant, die Mini-Rolle der weitgehend unbekannten Schauspielerin Petra von der Linde unter die Lupe zu nehmen. Über die am 5. September 1942 in Berlin geborene Interpretin ist bis heute nur wenig bekannt, immerhin beendete sie ihre Karriere bereits im Jahr 1970 in Volker Vogelers TV-Film "Varna". In einer Zeitspanne von kaum zehn Jahren war Petra von der Linde hauptsächlich in fürs Fernsehen hergestellten Produktionen zu sehen, drehte dabei nur insgesamt drei Kinofilme. Diese wurden zwar mehr oder weniger vom Publikum beachtet, doch meist war der Umfang der Rollen ziemlich klein. In "Der Hexer" ist die als erste auftretende und in den Credits letztgenannte Schauspielerin nur wenige Sekunden zu sehen, bevor das Publikum auch schon ihrem schnellen Ende beiwohnen muss, was sich allerdings noch als wichtige Weichenstellung für den gesamten Film herausstellt. Es lässt sich vielleicht darüber streiten, ob ein kaum einminütiger Auftritt den Aufwand einer genaueren Betrachtung überhaupt rechtfertigt, doch für das hier behandelte Thema stellt sie eine der ganz klassischen Vertreterinnen dar, da ihr eine indirekte Relevanz von der Dramaturgie zuteil wird. Als Sekretärin des zwielichtigen Anwalts Maurice Messer ist in wenigen Szenen zu beobachten, dass sie eine Maschinerie in Gang setzt. Gwenda empfängt einen Anruf, stellt diesen zu ihrem Chef durch und installiert ein Abhörgerät am Apparat, um die offensichtlich brisanten Informationen auf ihrem Steno-Block zu notieren. In der Phase ihrer ungeteilten Konzentration schickt Regisseur Alfred Vohrer auch schon einen Killer los, um dem jungen Leben ein abruptes Ende zu setzen und Gwendas Körper mit den Finessen des technischen Aufwands in der geduldigen Themse verschwinden zu lassen.

Gwenda Milton kommt auch nach ihrer Ermordung und der eindrucksvoll im Bilde festgehaltenen Entsorgung immer wieder zur Sprache, übernimmt trotz physischer Abwesenheit dennoch die bedeutsame Funktion, die Handlung voranzutreiben, beziehungsweise diese zu beeinflussen. Fortan schwebt sie wie ein anklagender Schatten über der noch nebulösen Konstruktion, bis sich endlich herausstellt, wer sie in Wirklichkeit war: »Gwenda Milton war die Schwester des Hexers!« Ein großer Paukenschlag für eine derartig kleine Rolle, die gestandene Herren immerhin noch nervös werden und deswegen fehlerhaft vorgehen lassen wird. Betrachtet man, in welchem Stadium der Überwachung Gwenda bereits agierte, ist anzunehmen, dass die Beweislage gegen den bekannten Anwalt und dessen Machenschaften bereits schwerwiegend gewesen sein dürfte, wofür schlussendlich auch der Mord an der attraktiven Sekretärin spricht. Dass dabei schlafende Hunde geweckt werden, war im noch folgenden Ausmaß sicherlich keinem der Verbrecher bewusst, was beispielsweise an der Reaktion von Anwalt Messer zu sehen ist, da er buchstäblich erstarrt, als die Meldung über die Identität seiner Angestellten kommt. »Na erlauben Sie mal! Es ist für mich als Anwalt kein sehr angenehmer Gedanke, eine Sekretärin zu haben, die die Schwester eines Verbrechers ist.« Dies hört man ganz ungeniert von Verbrecher in Richtung eines Verbrechers, und ab sofort gewinnt die Funktion der Schwester des Hexers an indirekter Bedeutung. Sie stellt die Weichen für den Verlauf, wobei diese besser gesagt durch den Mord an ihr gestellt werden. Eine Frau steckt also wie häufig hinter allem, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Da das Mordopfer aber eine Kettenreaktion auslöst und Dominosteine zum fallen bringt, die ansonsten möglicherweise unberührt geblieben wären, ist Miss Milton ein sehr ergiebiges Projekt für das Hauptthema, nicht zuletzt weil auch einmal die kleinsten Kapazitäten zur Sprache kommen sollen.

Es ist anzunehmen, dass man das Rattennest namens Anwaltskanzlei Messer und Komplizen unter allen Umständen hätte hochgehen lassen, was sicherlich einen skandalösen, lauten Knall zur Folge gehabt hätte, denn immerhin geht es um Mädchenhandel unter dem Deckmantel der Nächstenliebe. Die Vertuschungsmaßnahme Mord verschafft den Verantwortlichen lediglich eine kurze Galgenfrist, um die Katastrophe am Ende noch gravierender werden zu lassen. Gwenda Miltons Bruder, der "Hexer", kommt zurück nach London, um seine Schwester zu rächen. Auch hier ist davon auszugehen, dass sie sehr eng mit ihm zusammen gearbeitet hat, doch diese Plot-Fragmente werden im bereits 17. Rialto-Film nicht weiter durchleuchtet. In Fragmenten will diese Rolle vielleicht an Margaret Lees Auftritt in Riccardo Fredas "Das Gesicht im Dunkeln" erinnern, da ihre Abstinenz durch eine vollkommen gegensätzliche Schein-Präsenz in einer interessanten Umkehrreaktion aufgehoben wird, doch spätestens am doch sehr trostlosen Begräbnis von Gwenda Milton wird dem Publikum klar, dass sie nicht wieder zurückkehren wird. Für Petra von der Linde handelte es sich bei "Der Hexer" um ihren erst zweiten Kinofilm nach 1963, dem 1969 noch "Klein Erna auf dem Jungfernstieg" folgen sollte, bis sich ihre Spur Anfang der 70er Jahre vollkommen verliert. Im Endeffekt zählt die Berlinerin somit zu den vielen Schauspielerinnen, die nur temporär und mehr oder weniger erfolgreich im Filmgeschäft waren, sich jedoch nicht etablieren konnten oder möglicherweise wollten, aus welchen Gründen auch immer. Trotz der äußerst kurzen Anwesenheitsdauer von etwa vierzig Sekunden bleibt die attraktive Petra von der Linde in wiederkehrender Erinnerung, da diese durch ihr eindrucksvoll inszeniertes Ableben sozusagen am Leben gehalten wird. Sicherlich musste sich die junge Darstellerin in aller Kürze nicht gerade verausgaben, doch gerade derartig unscheinbare oder vermeintlich unwichtige Rollen stellen beinahe ein stilles Plädoyer dafür dar, dass jedes noch so kleine Zahnrädchen in der Maschinerie Film wichtig ist.


DER HEXER


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 07.05.2020 22:00 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

KARIN KERNKE als ALICE in
DIE BANDE DES SCHRECKENS (D|1960)



Der in der Frühphase von Harald Reinl inszenierte Wallace-Beitrag "Die Bande des Schreckens" erreichte aufgrund seiner hohen Zuschauerzahlen ein wesentlich breiteres Publikum als viele nachfolgende Produktionen, die in der Endphase der Reihe aus unterschiedlichen Gründen rückläufig sein sollten. Da die verschiedenen Kriminalgeschichten im ersten und bis in das zweite Drittel der laufenden Reihe über weniger weibliche Charaktere verfügen, kann vielleicht davon gesprochen werden, dass die femininen Einflüsse etwas vernachlässigt wurden, daher im Vergleich nicht so prominent zur Geltung kommen. Im Vorspann von "Die Bande des Schreckens" lässt sich neben den Top-Akteurinnen Karin Dor und Elisabeth Flickenschildt noch eine sehr ambitioniert wirkende Karin Kernke in einer supporting role ausfindig machen, die zu dieser Zeit noch am Anfang ihrer farbenfrohen Karriere stand. Bislang mehr oder weniger bekannt aus sogenannten Skandalfilmen wie "Die Nackte und der Satan" oder "Die Sendung der Lysistrata", schaffte Karin Kernke das Kunststück, eine der sicherlich interessantesten Rollen formen zu dürfen, was sich hauptsächlich aus der Retrospektive betrachtet anmerken lässt. Es ist fraglich, ob die Rolle der Alice zur damaligen Zeit großen Anklang finden konnte, immerhin zeichnete sie weder ein gängiges Frauenbild des damaligen Zeitfensters, noch eine typische Wallace-Sympathieträgerin. Karin Kernke wurde am 19. Oktober 1938 in Stuttgart geboren, erhielt nach dem Abitur in den Jahren 1957 bis 1958 Schauspielunterricht bei einer renommierten Bühnenschauspielerin und kam anschließend nahtlos beim Film an. Obwohl sich ihre Karriere über den langen Zeitraum von über vierzig Jahren erstreckte, schaffte Kernke nie den ganz großen Durchbruch beim Film, konnte sich im Gegenzug jedoch mit diversen Haupt- und Titelrollen einen Namen als Theater-Schauspielerin machen, war außerdem sehr umfassend als Synchronsprecherin in bekannten Filmen und Serien beschäftigt.

Ihre Rolle der Alice ist in Reinls zweiter Wallace-Regiearbeit von vorne herein sehr mysteriös angelegt, sodass weniger der Eindruck einer der vielen bedrohten Schönheiten entsteht, als einer von persönlichen Motiven getriebenen Einzelgängerin. Es wird nur indirekt geklärt, wie die junge Frau in die Krallen der verbrecherischen Vereinigung "Galgenhand" kommen konnte, doch es ist anzunehmen, dass zynischerweise die Liebe verantwortlich war. Die Frau, die sich Alice Cravel nennt, ist ganz offensichtlich über alle kriminellen Machenschaften der Bande im Bilde, kennt höchstwahrscheinlich sogar den Drahtzieher des ganzen Hinrichtungskommandos, ist aber zum Schweigen und zur bedingungslosen Kooperation verurteilt. Dies ergibt sich zunächst auf vollkommen freiwilliger Basis, da sie sich wie erwähnt zu einem der Mitglieder der Verbrecher hingezogen fühlt, ändert sich jedoch im weiteren Verlauf, da sie unbarmherzig vor Augen gehalten bekommt, dass jedes Zahnrad der Maschinerie ohne mit der Wimper zu zucken austauschbar ist. Alice dürfte über alles informiert sein, auch wenn sie eher den Part einer Zubringerin inne hat, allerdings besitzt sie auch die Möglichkeiten, die "Bande des Schreckens" mit wenigen Kniffen hochgehen zu lassen, wenn sie denn wollte. Herauskristallisiert wird das gefährliche Spiel einer nach Strukturen suchenden Frau, die sich kaum im Klaren darüber zu sein scheint, dass sie sich so oder so auf der Verliererseite wieder finden dürfte, denn immerhin handelt sie nicht aus niederen Beweggründen, sondern aus aufrichtiger Zuneigung. Dass in der Folge Mord und Tod daraus resultiert, nimmt sie billigend in Kauf. Karin Kernke bietet eine beachtenswerte Variation des oft dargestellten Ganovenliebchens an, die in der Chronologie der Serie unterschätzt ist und blieb, sei es vom darstellerischen oder auch vom dramaturgischen Standpunkt aus betrachtet. Alice handelt nicht aus herkömmlichen oder gar rationalen Gründen; ihre Definition vom Glück kann von jedem schnellstens als Lügengeflecht entlarvt werden, nur nicht von ihr selbst.

Ist Alice schlussendlich nur ein Opfer von Manipulation und Agitation, oder ist sie ein Stück weit von kriminellem Potenzial und unsentimentaler Härte getrieben? Der Verlauf liefert diesbezüglich keine eindeutigen Antworten, oft noch nicht einmal vage Hinweise, denn sie hat in diesem brutalen Schachspiel keinen Offiziersposten inne. Die vielen Rochaden regelt der Tod, und im Angesicht ihres eigenen Endes findet fast eine gütliche Umkehrreaktion statt, denn Alice hatte zuvor die Möglichkeit, ihre positiven Seiten anzubieten, die vom Zuschauer auch anerkannt werden. Inwieweit die auf eine Kriminelle und Geliebte eines Verbrechers reduzierte Frau hinter gewissen Vorkommnissen steckt, bleibt unklar, da sie hauptsächlich Aufträge erfüllt, ohne sich meistens den Luxus eigenen Denkens bezüglich bevorstehender Konsequenzen zu erlauben. Die Geschichte nimmt eine langsame Läuterung vor, die spätestens Mitgefühl hervorruft, als ihre bestialische Liquidierung bevorsteht. Die Tragik der Geschichte besteht darin, dass Alice hoch verloren hat, ohne dabei im eigentlichen Sinn hoch gepokert zu haben, da sie dem Empfinden nach eine der wenigen Personen der negativ behafteten Seite geblieben ist, die nicht in erster Linie aus niedersten Beweggründen gehandelt hat. Was bleibt ist eine Frauenrolle, deren Funktion nicht komplett auf einem Silbertablett serviert wird, für die Geschichte allerdings an Wichtigkeit gewinnt, um nicht zuletzt davon zu erzählen, dass die Damen der Schöpfung oftmals doch mehr Hebel betätigen könn(t)en, als man ihnen vielleicht pauschal zugestehen möchte. In diesem Zusammenhang ist daher auf Karin Kernkes dichte Interpretation zu verweisen, die etliche Kostproben ihres breiten Repertoires anbietet, ohne sich allerdings aufdringlich hervorzutun. In Erinnerung bleibt zudem ihre kraftvolle und ausdrucksstarke Stimme, die vielen Situationen Dramatik und Emotion einhauchen kann. Am Ende trägt Alice tatsächlich einen Bruchteil dazu bei, dass teuflische Pläne vereitelt wurden und der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen werden konnte.


DIE BANDE DES SCHRECKENS


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 09.05.2020 20:29 
Offline

Joined: 11.2017
Posts: 281
Gender: Female
Das Geheimnis um Alice Cravel erhält neue Aspekte, wenn man sich jenes enigmatische Kino-Aushangfoto betrachtet, welches in der Fachliteratur publiziert wurde und eine Szene zeigt, die im fertigen Film nicht enthalten ist. Nichtsdestoweniger macht die dargestellte Handlung nicht den Eindruck, als wäre das Bild zu Werbezwecken entstanden, wie es manche gestellte Szene deutlich signalisiert. Karin Kernke wurde in ihrer Rolle hier äußerst emotional eingefangen, handelt es sich doch um einen Moment der höchsten Verzweiflung und Todesangst. Eine schwarze Limousine bringt sie gewaltsam fort, wogegen sich Alice offensichtlich wehrt. Die Scheibe des Seitenfensters ist zertrümmert und die Frau lehnt sich hinaus, um per Handzeichen auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Das Gesicht ist verzerrt, die Person, die mit ihr auf dem Rücksitz des Wagens sitzt, versucht, sie zurückzuhalten. Karin Kernke trägt ein helles Kostüm, mit dem sie in keiner Szene des Films zu sehen ist. Die Frage nach zusätzlichem Material stellt sich ganz unwillkürlich und auch nach den Gründen, warum dieses fallengelassen wurde. Wenn man sich den Verlauf ansieht, rätselt man, wo diese Sequenz angesiedelt gewesen sein könnte. Nach ihrer Enttarnung als "Verräterin und Geliebter eines Verräters"? Doch da wartete bereits der Aufzugschacht auf sie....


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 11.05.2020 16:37 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male
Percy Lister wrote:
wenn man sich jenes enigmatische Kino-Aushangfoto betrachtet, welches in der Fachliteratur publiziert wurde und eine Szene zeigt, die im fertigen Film nicht enthalten ist.

Es stimmt schon, dass dieses Foto, das offensichtlich für den Kino-Aushang bestimmt war, einige Fragen aufwirft, zumal es nicht wie andere gestellt sondern durchaus lebhaft wirkt. Trotzdem tendiere ich eher dazu, dass es zu den Aufnahmen gehören könnte, die für Werbezwecke entstanden sind, da eine solche Szene im Film nicht vorkommt. Die Autoszene würde ja die komplette Dramaturgie auf den Kopf stellen, wenn man an die tatsächlichen Handlungsstränge mit Alice denkt. Ich kann mich da natürlich auch irren, aber nichtsdestotrotz ist es für Wallace-Fans schon eine spannende Sache. Falls das Bild von für den Film entfernten Szenen erzählt, wäre es umso sensationeller und ich würde mich über zusätzliche Eindrücke von und mit Karin Kernke freuen. Aber da gibt es ja auch noch mehr Material, das viel eindeutiger für ein Vorhandensein spricht, wie etwa die Trailer zu "Die Tür mit den 7 Schlössern" oder "Der Hexer" dokumentieren, in denen Szenen zu sehen sind, die eindeutig gedreht wurden, aber in den fertigen Filmen fehlen. Leider fürchte ich, dass mit den Jahren so gut wie alles vernichtet wurde.


Top
 Profile  
 
 Post subject: Re: Cherchez la femme bei Edgar Wallace
PostPosted: 26.05.2020 21:21 
Offline
User avatar

Joined: 07.2013
Posts: 4205
Gender: Male


ImageImageImage

BIGGI FREYER als AMALIE in
DER BUCKLIGE VON SOHO (D|1966)



"Der Bucklige von Soho" wurde im September 1966 als erster Rialto-Wallace in Farbe in die bundesdeutschen Kinos gebracht und war gleichzeitig der letzte Vertreter der Serie, welcher weit über 2 Millionen Kinobesucher anlocken konnte, wenngleich man sich aufgrund des jetzt farbenfrohen Erlebnisses bestimmt mehr Zulauf erhofft hatte. Dennoch handelte es sich unterm Strich um ein gutes Geschäft, das sich dramaturgisch gesehen erneut mit den Themen einer gefährlichen Erbschaft und Mädchenhandel befasst. Dementsprechend versammelten sich überdurchschnittlich viele Damen in Alfred Vohrers turbulenter Geschichte, die neben arrivierten Wallace-Stars auch neue, unverbrauchte Gesichter zum Zuge kommen lässt. Eines von ihnen ist Biggi Freyer, die selbst bei Interessenten des deutschen Films nicht unbedingt ein Begriff sein dürfte, obwohl sie Ende der 60er Jahre die Möglichkeit erhielt, sich einem Multimillionen-Publikum in angesagten Aufklärungsfilmen unter den Bannern Oswalt Kolle und Theodoor Hendrik van de Velde, außerdem dem Großerfolg "Liebesnächte in der Taiga" zu empfehlen. Leider war die Filmkarriere der attraktiven Schauspielerin nach Hauptrollen in Prototypen der Sexwelle so gut wie beendet. So gibt Biggi Freyers Filmografie schlussendlich nur neun ausgewiesene Auftritte in Kinofilmen und in TV-Produktionen her, obwohl ihre Karriere recht vielversprechend begann. Als Amalie ist sie in einer der vielen Nebenrollen dieses 21. Wallace-Beitrags der Rialto-Film zu sehen und wird nicht in den Titelcredits genannt, obwohl einem dieser Auftritt der hoch pokernden Sekretärin des Rechtsanwalts Stone lebhaft in Erinnerung bleibt. Im Sinne des Themas kann schließlich von einer Rolle gesprochen werden, die alle Voraussetzungen für die Mittäterschaft der kriminellen Maschinerie erfüllt, obwohl Amalie nicht in der Liga der großen Drahtzieher spielt, jedoch alles dafür tut, um in den nebulösen Hierarchieverhältnissen aufzusteigen. Diese Rangordnung stellt sich nach einem Schicht-Prinzip dar, welches dem Zuschauer von ganz unten her transparent aufgerollt wird, bis man am Ende den großen Hintermann offenbart bekommt.

Amalie ist in den unteren Schichten des gut geplanten Vorhabens zu finden, das sich über Erpressung, Raub und Mord definiert. Ohne die aufmerksame oder vielmehr eiskalt kalkulierende Angestellte des Rechtsanwalts käme das anvisierte Verbrechen vielleicht erst gar nicht zustande, und genau deswegen wurde sie bei Sone platziert. Kennt man den späteren Verlauf, ist das Geheimnis um Amalies Herkunft schnell gelüftet, woraus sich auch ihr kriminelles Potenzial ergibt, das wohl ausgiebig vorhanden ist. Monika Peitsch alias Wanda Merville attestiert der tüchtig wirkenden Sekretärin eine ansehnliche Hülle, hinter der jedoch wesentlich mehr steckt, als man zu denken gewagt hätte. Als Spionin nimmt sie die Testamentseröffnung auf Tonband auf und spielt dieses ihren Auftraggebern zu, um an ihren wohlverdienten Anteil zu kommen. Eine weitere wichtige Aufgabe besteht darin, ihren zerstreuten Chef in Schach zu halten, was ihr auch mit dem kleinen Finger zu gelingen scheint. Da Amalie buchstäblich an der Quelle sitzt, dürfte sie über die wichtigsten Hintergründe informiert sein und es wäre jederzeit ein Leichtes für sie, gewisse Leute in massive Schwierigkeiten zu bringen, um möglicherweise ihren Preis hochzutreiben. Eine Zusammenarbeit mit Scotland Yard schließt sich kategorisch aus, da von dieser Seite kein lukrativer Vorteil winken würde, also arbeitet sie insgeheim an ihrem eigenen Marktwert, der temporär auch zu steigen scheint. Wiegen 10% des schwindelerregend hohen Erbes die Gefahr auf, in die sie sich selbst bringt, oder hätte die junge Frau womöglich doch die Chance gehabt, ihr doppeltes Spiel zu gewinnen? Blickt man auf die wenigen Szenen mit Amalie, so scheint es, als halte sie sich selbst einen Revolver an den Kopf, um damit ein gefährliches Roulette zu veranstalten. Erinnert man sich an die weitgehend unsentimentale Vorgehensweise des Verlaufs, etwa mit den beteiligten Damen, dürfte so gut wie niemand in Betracht ziehen, dass die sich verselbstständigende Mitwisserin auch nur den Hauch einer Chance erhalten wird, unbeschadet aus dieser Angelegenheit herauszukommen.

Biggi Freyers Leistung reiht sich mit Leichtigkeit und Überzeugungskraft in die Riege der klassischen Wallace-Darbietungen ein und sie braucht sich unter Alfred Vohrers Leitung vor keinem der größeren Stars zu verstecken. Gewiss ist die Möglichkeit der Emanzipation bereits im Vorfeld durch mangelnde Screentime begrenzt, allerdings kommen ihr die wechselseitigen Vorteile ihrer dynamischen Interpretation und der für sie zuträglichen dramaturgischen Komponente zugute. Was hätte Amalie im Endeffekt machen können, um ihr eigenes Schicksal in andere Bahnen zu lenken? Im Grunde genommen nichts, betrachtet man ihr zielstrebiges Vorgehen im Rahmen der persönlichen Bereicherung und dem allgemeinen Tenor der grassierenden Rücksichtslosigkeit, die offensichtlich Teil ihres Wesens ist. Hätte Amalie funktioniert, wie man es von ihr erwartet hätte, wäre sie am Ende ebenso wie alle anderen ausrangiert worden oder in irgend einem Bordell verschwunden, falls sie dort nicht schon vorher gewesen ist. In der Erbschaftssache Perkins hat sie die Karriereleiter erklommen, wenn auch nur ein kleines Stück weit, da bessere Leute überall ihre Stellungen haben. Am Ende wird sie sich trotz ihrer Anpassungsfähigkeit nicht von vielen Leidensgenossinnen unterscheiden, die nicht zur Kooperation bereit waren. Als Zuschauer nimmt man die tödliche Gefahr, in der sich Stones Sekretärin befindet, billigend in Kauf, zumal sie auch keine feminine Solidarität kennt, doch am bitteren und für sie offenbar brutalen Ende empfindet man Anflüge von Mitleid, da sie auf der Liste der schlimmsten Kriminellen nicht ganz oben gestanden hat. Über Biggi Freyer finden sich im Übrigen keine sogenannten harten Daten als Filmschauspielerin, jedoch sind unter dem Namen Biggi Freyer-Olschanowsky Informationen zu finden, da sie der Branche auch nach ihrer kurzen Filmkarriere treu blieb. So eröffnete sie beispielsweise mit ihrem Ehemann Hartmut Baum das Theater rechts der Isar und taucht hier und da immer wieder in diversen Stabsangaben am Theater auf. In ihren wenigen Rollen ist Freyer letztlich mehr als nur ein obligatorischer Hingucker geblieben und wenn man so will, stellte sie ihren eingebetteten Facettenreichtum aufschlussreich zur Schau.


DER BUCKLIGE VON SOHO


Top
 Profile  
 
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic Reply to topic  [ 16 posts ] 

All times are UTC + 1 hour [ DST ]


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
© phpBB® Forum Software | phpBB3 free Forum by UserBoard.org | All Rights Reserved.
» Contact & Abuse Support-Forum Gooof Webdesign free forum Dein Forumo Forum web tracker