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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Psycho IV - The Beginning (1990)
PostPosted: 03.02.2019 16:33 
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Anthony Perkins

PSYCHO IV - THE BEGINNING

● PSYCHO IV - THE BEGINNING (US|1990) [TV]
mit Olivia Hussey, CCH Pounder, Warren Frost, John Landis, Donna Mitchell, Ryan Finnegan und Henry Thomas
eine Produktion der Universal Television | Smart Money Productions
ein Film von Mick Garris


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»Der beste Freund ist die Mutter...«

Als die Radio-Moderatorin Fran Ambrose (CCH Pounder) gerade mit ihrer Show "Talk of the Town" zum Thema Matrizid auf Sendung ist, meldet sich ein Anrufer, der sich Ed nennt und live davon berichtet, dass er dem Zwang unterliegt, bald wieder morden zu müssen. Die detaillierte Berichterstattung des Anrufers über seine von ihm getötete Mutter (Olivia Hussey) legt dem in der Sendung anwesenden Psychiater Dr. Richmond (Warren Frost) die Vermutung nahe, dass es sich beidem anonymen Talk-Gast um den mittlerweile rehabilitierten Massenmörder Norman Bates (Anthony Perkins) handelt, den er vor etwa dreißig Jahren selbst begutachtete. Die Ankündigung Normans versetzt die Runde in helle Aufregung und man versucht herauszufinden, wie ein weiteres Unglück noch in letzter Minute verhindert werden kann...

"Psycho IV - The Beginning" wurde seinerzeit für das amerikanische Fernsehen produziert und ist erstmals nicht als direkte Fortsetzung der im Jahr 1960 gestarteten Chronologie des Grauens anzusehen. Das clevere Konzept dieses vier Jahre nach dem dritten Teil entstandenen Films bedient sich vor allem des Stilmittels von breit ausbuchstabierten Rückblenden, die Themenbereiche ansprechen, die zuvor höchstens angedeutet wurden, beziehungsweise der Fantasie des Zuschauers überlassen waren. Der Verlauf verlässt sich primär auf drei Eckpfeiler, bestehend aus den Schilderungen rund um die Vergangenheit, Normans privates Umfeld und der damit verbundenen Situation, außerdem der Radiosendung "Talk of the Town". Interessant bei dieser Variante der Erzählung ist, dass der vierte Teil es nur bedingt schafft, für das Verständnis gegenüber Norman Bates zu sorgen, welches die Vorgänger spielend kreieren konnten, da mehr auf diskretere Tragik gesetzt wurde. Des Weiteren kommt es unter Mick Garris Regie zu einer Reihe von Formfehlern, die sich nicht mit den Schilderungen aus den vorhergegangenen Teilen decken, was durch die sehr hohe Unterhaltsamkeit allerdings kompensiert werden kann. Die Hintergründe aus Normans Jugend stellen die spektakulärsten Inhalte von "The Beginning" dar, die aufgrund der intensiven Bebilderung sowie einiger introvertierter bis exaltierter Charaktere packen können. Eigenartigerweise wird die Spannungskurve immer wieder durch Perkins selbst unterbrochen, da sich erstmals eine gewisse Vorhersehbarkeit einschleicht, was jedoch nur auf die aktuellen Geschehnisse bezogen ist. Das Verwenden vieler Bindeglieder zur Vergangenheit beschert dem vierten Teil eine angemessene Strahlkraft, und für TV-Verhältnisse kann sich "Psycho IV" durchaus sehen lassen. In darstellerischer Hinsicht bekommt man sehr ansprechende Leistungen geboten, die sich vor allem in den Sequenzen der Rückblenden finden lassen. Hier zu erwähnen sind vor allem Olivia Hussey und Henry Thomas, die das vollkommen gestörte Mutter-Sohn-Verhältnis mit Hingabe, überaus irritierend und weitgehend glaubhaft über die Bühne bringen.

Für die Darstellung des jungen Norman Bates scheint Henry Thomas wie geschaffen zu sein, denn er wirkt wie ein machtloser Spielball der psychischen Instabilität und Stimmungslabilität seiner eigenen Mutter, die wiederum von Olivia Hussey unbequem, temperamentvoll und unberechenbar gezeichnet wird. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nimmt teilweise abenteuerliche Konturen an, trägt aber zum Verständnis und vielleicht auch ein Stück weit zur Existenzberechtigung dieses erneuten Flicks bei, der sich zwar problemlos selbst neu erfindet, aber nicht an die Dichte und Qualitäten der Vorgänger heranreicht, was vielleicht auch naturgemäß so sein muss. Erwähnenswert ist des Weiteren die sympathische Performance von CCH Pounder, die als verständnisvolle Zuhörerin fungiert und dem Zuschauer Informationen beschert. Zwar wirkt sie so, als sei sie schon seit Jahren nicht mehr aus ihrem Studio herausgekommen und dementsprechend in einem Tunnel der Überambitioniertheit gefangen zu sein, aber sie funktioniert als wichtiges Bindeglied innerhalb der verschiedenen Handlungsstränge. Anthony Perkins Mitwirkung kann zunächst einmal als Muss bezeichnet werden. Dem Empfinden nach geht sein Auftritt aber auch nicht über diese Grenze hinaus, da er anderen das Feld überlassen muss, und er zugunsten der Dramaturgie in ein einseitiges Set eingeschnürt ist, aus dem nur gegen Ende herauszubrechen ist, um schließlich seichten TV-Seelenbalsam zu kolportieren. Unterm Strich schafft es "Psycho IV" nicht lückenlos, den Zuschauer bedingungslos auf seine Seite zu ziehen, da einfach zu viele vorgefertigte Wertungen zu finden sind. Kein anderer Teil versuchte dem Zuschauer in derartiger Art und Weise das Denken abzunehmen, was einfach nicht spurlos am Interessenten vorbeigehen kann, da sich die gewohnt-mysteriöse Spannung und das Unergründliche nicht durchgehend intensiv aufbaut. Dennoch bleibt zu erwähnen, dass "Psycho IV - The Beginning" einen ordentlichen Achtungserfolg, oder eher einen Arbeitssieg verbuchen kann, denn die kurzweilige Geschichte weiß in ausreichender Manier zu überraschen und daher insgesamt gut zu unterhalten. Ein geplanter fünfter Teil hatte sich übrigens mit dem Tod von Hauptdarsteller Anthony Perkins im Jahr 1992 zerschlagen.


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 Post subject: Liebesgrüße aus Moskau (1963)
PostPosted: 06.02.2019 15:05 
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Sean Connery

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● FROM RUSSIA WITH LOVE / JAMES BOND 007 - LIEBESGRÜẞE AUS MOSKAU (GB|1963)
mit Daniela Bianchi, Pedro Armendáriz, Robert Shaw, Bernard Lee, Eunice Gayson, Walter Gotell, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn,
Francis de Wolff, George Pastell, Nadja Regin, Anthony Dawson, Vladek Sheybal, Martine Beswick, Hasan Ceylan und Lotte Lenya
eine Produktion der Eon Productions | im Verleih der United Artists
Ein Film von Terence Young


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»Russische Uhren gehen immer richtig!«

Die geheime Verbrecherorganisation "Phantom" will sich für den Tod ihres strategischen Partners "Dr. No" rächen und gleichzeitig soll der Sowjetunion eine neuartige Dechiffriermaschine entwendet werden, um sie wieder für ein Vielfaches des Preises an sie zurück zu verkaufen. Des Weiteren rekrutiert die Organisation Rosa Klebb (Lotte Lenya), die ehemalige Chefin des sowjetischen Geheimdienstes, um das Vorhaben voranzutreiben. Ihr unterstellt ist die Dechiffrier-Expertin Tatiana Romanova (Daniela Bianchi), der man vortäuscht, dass sie ihren Auftrag für ihr Mutterland erfülle. Tatiana soll eine Affäre mit James Bond (Sean Connery) eingehen, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Anvisiert ist nicht nur die Erfüllung des Plans der Verbrecherorganisation, sondern gleichzeitig die Beseitigung James Bonds...

"Liebesgrüße aus Moskau" ging im Jahr 1963 als zweiter Vertreter der Bond-Reihe an den Start und konnte international große Erfolge verbuchen. Mit einem Produktionsbudget von etwa 2 Millionen US-Dollar konnte der Film beinahe das vierzigfache seiner Kosten wieder einspielen und dokumentiert nicht zuletzt deswegen, dass die Zeit genau richtig für derartig aufwändige, aber ebenso leichtfüßige Geheimagenten-Thriller war. Die seinerzeit brandaktuelle Thematik rund um Spionage und Manipulation durch Geheimdienste wirkt auch heute noch sehr ansprechend und spannend umgesetzt, wenngleich sich Terence Youngs Beitrag mit ein paar Längen auseinanderzusetzen hat, die allerdings nicht gravierend ins Gewicht fallen, da Sequenzen abgehandelt werden, die einen sorgsam durchdachten Aufbau unterstreichen. Eine prominente Rolle nimmt die Verbrecherorganisation "Phantom" ein, die gleichzeitig auch die Schachfiguren in diesem tödlichen Spiel rekrutiert und stellt. Der Kopf des Ganzen bleibt dabei weitgehend ohne physisches Profil und es ist hauptsächlich seine fordernde Stimme zu hören, die in der englischen Sprachversion vom Österreicher Eric Pohlmann übernommen wurde und um einiges nachhaltiger wirkt, als in der deutschen. Nichtsdestotrotz scheint dieser Unbekannte gnädiger mit seiner Katze umzugehen, als mit Untergebenen, falls sie seine Befehle nicht, oder nur halbherzig ausführen. Die Geschichte rund um die gestohlene Lector erscheint auf den ersten sowie den zweiten Blick etwas unspektakulär zu sein, jedoch ergeben sich genau hieraus die Zusammenhänge und wichtigen Handlungsstränge. So kommt die Story ganz natürlich ins Rollen, sodass bei dieser Gelegenheit alle wichtigen Charaktere vorgestellt werden können.

Das halsbrecherische und mörderische Tauziehen um die bessere Position gestaltet sich hoch interessant, denn sowjetische Härte, britischer Esprit und exotische Würze finden sich zusammen. Hinzu kommen beeindruckende Schauplätze und nette Spielereien aus dem obligatorischen Bond-Repertoire, was der Geschichte, die sich dem Empfinden nach sehr nah an der Realität abspielt, erinnerungswürdige Konturen verleiht. Mit Sean Connery ist der Mann der ersten Stunde zu sehen, und bereits hier zeichnet sich ganz deutlich ab, dass er mit jedem seiner Auftritte wachsen konnte. James Bond ist erwartungsgemäß mit allen Wassern gewaschen. Typische Charakteristika wie die schnelle Kombinations- und Auffassungsgabe, eine übernatürliche Cleverness und eine gute Portion Kaltschnäuzigkeit eines echten Gentleman lassen den Zuschauer gebannt dabei zusehen, wie 007 einen Kontrahenten nach dem anderen ausschalten kann, selbst wenn es zu überaus bedrohlichen Phasen kommt, in denen andere längst umgekommen wären. An seiner Seite ist Daniela Bianchi zu sehen, die mit "Ließesgrüße aus Moskau" ihren internationalen Durchbruch feiern konnte. Interessant ist übrigens die Tatsache, dass es sich hierbei um ihre erste und einzige englischsprachige Rolle handelt. Die Italienerin bringt alles mit, was der Zuschauer mit einem klassischen Bondgirl assoziiert, obwohl sie mit Reserviertheit und merklicher Unterkühltheit zu agieren hat. Dennoch stimmt der Sex-Appeal, außerdem ist eine dynamische Leistung wahrzunehmen, die bestimmt in Erinnerung bleiben wird. Ebenso erwähnenswert sind Robert Shaw und Lotte Lenya, die brandgefährlichen Figuren der Gegenseite, die sich buchstäblich jenseits von Gut und Böse bewegen.

Insbesondere die Wahl-Amerikanerin und gebürtige Wienerin Lotte Lenya stellt quasi eine Art Prototyp der aggressivsten Sorte dar, für die Moral und Sentimentalität Fremdwörter zu sein scheinen. Als hochkarätig abgeworbene Geheimdienstfunktionärin der Sowjets, liefert sie als Rosa Klebb eine Performance, die in die James-Bond-Geschichtsbücher eingehen sollte; eine Darbietung, die an Boshaftigkeit und negativer Energie kaum zu überbieten ist. In der selben Liga spielt der Brite Robert Shaw, dessen eigene Überheblichkeit und Verachtung ihm in hoch intensiven Sequenzen zum Verhängnis werden wird. Exzellente Interpreten staffieren den Verlauf bemerkenswert gut aus, erhalten jedoch nicht den Raum, um der Titelfigur das Wasser abgraben zu können. "Liebesgrüße aus Moskau" verfügt insgesamt über einen klar definierten Aufbau, der oftmals wie eine chronologische Abhandlung wirkt. Zahlreiche Stolpersteine lassen zwar nie das Gefühl aufkommen, dass es für den Geheimdienst Ihrer Majestät unlösbar schwierig werden könnte, allerdings bewegen sich Gut und Böse über lange Zeit auf Augenhöhe, da viele positiv angelegte Personen das Zeitliche segnen müssen. Die Gefahr bekommt stets die passenden Gesichter, doch diese hängen nur wie Marionetten an den Fäden, die im Hinterhalt bedient werden. Das perfide Phantom bleibt spannungsfördernd im Hintergrund positioniert und demonstriert hin und wieder seine Macht und Verworfenheit, was sehr gut anzukommen weiß. Terence Young pflastert den Weg zum großen Finale mit vielen Leichen und empfindlich berührenden Schockmomenten, um am Ende der gelungenen Veranstaltung noch einmal giftig auftrumpfen zu können. Alles in allem handelt es sich bei Beitrag 002 um einen echten Klassiker der Reihe.


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 Post subject: Kennwort - Salamander (1981)
PostPosted: 07.02.2019 21:47 
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KENNWORT - SALAMANDER

● THE SALAMANDER / LA SALAMANDRA / MORRIS WEST'S THE SALAMANDER / KENNWORT - SALAMANDER (US|I|GB|1981)
mit Franco Nero, Martin Balsam, Sybil Danning, Anthony Quinn, Christopher Lee, Claudia Cardinale, John Steiner,
Anita Strindberg, Cheavon Little, Paul L. Smith, Renzo Palmer, Jacques Herlin, Fortunato Arena sowie Eli Wallach
eine Produktion der ITC | Opera Film Produzione | Orbi S.A. | im Ascot Filmverleih
ein Film von Peter Zinner


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»Ich verhelfe Ihnen zu einer präventiven Beerdigung.«

Der Tod von General Panteleone ist nur einer von mehreren prominenten Todesfällen der jüngsten Zeit, die Italien und deren Agenten in Unruhe versetzt, da mittlerweile ohne jeden Zweifel von einer Mordserie an hohen Politikern gesprochen werden kann. Am Tatort hinterlässt der mysteriöse Killer stets eine Karte mit der Zeichnung eines Salamanders. Oberst Dante Matucci (Franco Nero) soll Licht in die dunkle Angelegenheit bringen. Seine gefährlichen Ermittlungen ergeben, dass die Liquidierungsserie in direktem Zusammenhang mit der Planung eines faschistischen Staatsstreichs stehen, dem noch weitere hochrangige Personen zum Opfer fallen sollen. Im undurchsichtigen und ebenso lebensbedrohlichen Nebel von Intrigen, Mord und Verrat, versucht Dante Matucci den sogenannten Salamander zu entlarven, doch die Zeit rennt ihm davon...

Der austroamerikanische Filmeditor Peter Zinner inszenierte mit "Kennwort - Salamander" seinen einzigen Kinofilm, in dem er eine unglaubliche Vielzahl von international renommierten Stars zur Verfügung hatte. Die Geschichte um rivalisierende Geheimdienste und undichte Stellen innerhalb der jeweiligen Behörden klingt zunächst nicht besonders neu, allerdings werden einem in diesem 1981 entstandenen Beitrag keine aktuellen Balanceakte oder Relikte des Kalten Krieges aufgetischt, sondern eher mafiöse Strukturen unter der Schirmherrschaft von westlichen Geheimdiensten innerhalb Europas und insbesondere Italiens. Dem Empfinden nach mag die Beschreibung Poliziotteschi aufgrund der zeitlichen Einordnung nicht so recht zu der Geschichte passen, obwohl der Kern der Sache eigentlich doch getroffen wird. Regisseur Peter Zinner ist es insgesamt sehr anschaulich gelungen, eine packende Inszenierung auf Basis der Romanvorlage "The Salamander" des australischen Schriftstellers Morris West auszuarbeiten, und vielleicht kann gesagt werden, dass man es aufgrund des Ausgangsmaterials und des zur Verfügung stehenden Star-Aufgebots mit einer Art Selbstläufer zu tun hat. Die Geschichte beginnt rasant mit der Liquidierung eines ranghohen Offiziers, sodass den Beteiligten ein unsentimentaler Mord als plötzlicher, aber ehrenvoller Tod unter der Ausübung der Pflichten aufgetischt wird. Die potentiellen Kontrahenten werden wenig später bei seinem Begräbnis durch die Off-Stimme der Hauptperson des Szenarios vorgestellt.

Oberst Dante Matucci heftet sich somit an diesen undurchsichtigen Fall, doch er ahnt noch nicht, in welches Hornissennest er gestochen hat. Der Film widmet sich zunächst einer ausgiebigeren Vorstellung der Haupt-Charaktere, ohne dabei Zweifel entstehen zu lassen, dass sich mitunter die Crème de la Crème der Skrupellosigkeit versammelt hat und man dementsprechend auf aufwühlende Szenen gefasst sein darf. Die Geschichte hält sich recht lange mit graphischen Veranschaulichungen und Schockmomenten zurück, um zu gegebener Zeit jedoch beeindruckende Offensiven zu starten. Verschwörungstheorien nehmen Gestalt an, Freunde werden zu Feinden, die latente Gefahr eines faschistischen Staatsstreichs spitzt sich in erdrückender Weise zu, und Personen, die man gerade als Sympathieträger identifiziert hatte, springen über die Klinge. Abgesehen von den perfiden Raffinessen der Folter, der unsentimentalen Liquidation von Zeugen und Wissensträgern, sowie der Andeutung von absoluter Verworfenheit und Perversion gewisser Offiziere in diesem unliebsamen Schachspiel, ist es die Skizzierung der Tatsache, unter welcher Grundvoraussetzung gesamte Staaten durch und durch vergiftet werden können. Der Kampf erscheint beinahe aussichtslos, da ein Ungleichgewicht der Mächte präsentiert wird, was dem Empfinden nach kaum zu durchbrechen ist. Als Mann der Stunde ist Franco Nero in Bestform zu sehen, der sich gegen die drohende Gefahr auflehnt, und in dessen ungläubigen Augen sich Sadismus und Brutalität widerspiegeln.

Dabei müssen mehrere Etappen genommen werden, die im Rahmen der Dramaturgie und deren Bebilderung sehr eindringlich auf unterschiedlich intensiv ablaufenden Ebenen geschildert werden. Morde, die mit süffisantem Lächeln und sarkastischen Anmerkungen als Unfälle deklariert werden, Foltermethoden, die selbst dem Zuschauer den Verstand rauben könnten, und Geschöpfe aus Eis, unter deren unscheinbarer Hülle rostfreier Stahl zu sein scheint. Im immer rasanter werdenden Verlauf darf man sich auf sehr viel Rücksichtslosigkeit einstellen, die die temporären Erfolge von Oberst Matucci wie ein Tropfen auf den heißen Stein aussehen lassen. Eine Armee von Stars verhilft dem Verlauf neben der ohnehin sehr packenden Inszenierung zu einem besonderen Status. Ob Sybil Danning, Martin Balsam, Eli Wallach, Christopher Lee, Anthony Quinn oder beispielsweise Claudia Cardinale; jede einzelne Darbietung ist passgenau auf Überraschungen abgestimmt worden und die gerne gesehenen Darsteller bewegen sich mitunter sehr sicher auf unberechenbarem Terrain. Wenn sich die Reihen gelichtet haben, die Zusammenhänge auf dem Tisch liegen und sich die Schlinge um Oberst Matuccis Hals immer enger zuzieht, kommt der Zuschauer in den Genuss eines bedeutenden Showdowns in einer Art Amphitheater, der in dieser Form vielleicht nicht zu erwarten gewesen wäre. Der betriebene Aufwand in "Kennwort - Salamander" lohnt sich schließlich von Anfang bis Ende, und Peter Zinners Beitrag stellt sich insgesamt als faustdicke Überraschung heraus.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Lockvogel der Nacht (1959)
PostPosted: 11.02.2019 22:37 
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LOCKVOGEL DER NACHT

● LOCKVOGEL DER NACHT (D|1959)
mit Erika Remberg, Peter van Eyck, Peter Mosbacher, Maria Holst, Inge Egger, Eva Schreiber, Horst Naumann,
Alf Marholm, Erich Fiedler, Agnes Windeck, Gerd Frickhöffer, Erik Radolf sowie Kai Fischer und Helmut Schmid
eine Produktion der Cinelux Film | Alfa | im Verleih der Deutsche Cosmopol Film
ein Film von Wilm ten Haaf


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»Außerdem bist du kein Detektiv, sondern ein Zuhälter!«

Klaus Petzold (Peter Mosbacher) betreibt zusammen mit seinem Mitarbeiter Albert Zanecki (Alf Marholm) eine Agentur, deren Klientel ausschließlich aus scheidungswilligen Damen besteht. Falls es an Gründen bei den anvisierten Trennungen hapert, wird kurzerhand nachgeholfen. Mit ihren attraktiven Lockvögeln, Ingeborg (Erika Remberg) und Else (Kai Fischer), bringen sie die Männer der Abschussliste in kompromittierende Situationen, die zu Belastungszwecken von Petzold höchstpersönlich abfotografiert werden. Ingeborgs nächster Auftrag ist der Modehausbesitzer Amsel (Peter van Eyck), doch hier scheint die Masche nicht so reibungslos zu funktionieren wie üblich...

Film- und Fernsehregisseur Wilm ten Haaf gilt als einer der Pioniere des deutschen TV und drehte in seiner Laufbahn allerdings nur wenige Kinofilme. Sein 1959 entstandener Beitrag "Lockvogel der Nacht" wartet mit einer prominenten Besetzung und einer für die damalige Zeit handelsüblichen Skandal-Geschichte auf, die für heutige Verhältnisse sicherlich nur noch harmlos wirken will, aber gewiss nicht ohne Reiz ist. Die Story rund um die Agentur, die auf einseitig lukrative Scheidungen für sich selbst spezialisiert ist, wird mithilfe der richtigen Interpreten eingängig vorgestellt, bekommt vor allem durch Erika Remberg und Kai Fischer glaubhafte Konturen, da die Reize der Hochstaplerinnen gewinnbringend und anschaulich eingesetzt werden. Obwohl deftige Rosenkriege hier ausbleiben werden, stellt sich phasenweise doch eine gewisse Brisanz ein, vor allem wenn Inhalte der Planung aus dem Ruder laufen. Wilm ten Haaf behandelt hier ganz augenscheinlich ein Populärthema der damaligen Zeit, als männlich-weibliche Rollenverteilungen noch wesentlich klarer voneinander getrennt, vor allem aber rückständiger definiert waren. Die Rollen von Kai Fischer und insbesondere Erika Remberg wirken für heutige Begriffe wie gut konstruierte Klischees, repräsentieren für damalige Verhältnisse allerdings ein klassisches Ausbrechen aus Schablonen, da sich die Damen gegen jegliche gesellschaftliche Norm stellen und sich von ihren Auftraggebern zu dem degradieren lassen, was die Allgemeinheit über Frauen dieses Schlages zu erzählen hatte. Käufliche Animierdamen, denen noch mehr als das zugetraut wurde. Die in Anspruch nehmende Männerriege wird in diesem Zusammenhang naturgemäß ausgeklammert und von jedem Verdacht frei gesprochen, geraten sie doch in die Fänge hinterhältiger Verführerinnen, denen nur mit starren Paragraphen beizukommen ist. Der Verlauf der Geschichte ist somit sehr stark in eine gewisse Vorhersehbarkeit eingefasst worden, aber dennoch kommt es zu begrüßenswerten Intervallen.

Vor allem die Darsteller tun ihr Bestes, um für Glaubwürdigkeit, Feuer und spürbares Unbehagen zu sorgen. Erika Remberg und Peter Mosbacher werden als überzeugendes Duo integriert, die eine Masche entwickelt haben, die ihre anvisierten Opfer mit Leichtigkeit zu Fall bringen, beziehungsweise dies mit Leichtigkeit könnten. Vor allem die zu jener Zeit gut beschäftigte Österreicherin Erika Remberg zeigt eine dynamische Leistung, die trotz ihrer Anlegung Sympathie vermittelt und dabei tragische Konturen zu zeichnen versucht. Als eine Art Prototyp der halbseidenen Verführerin zeigt sie in aller Schnelle, warum sie die richtige Wahl für den attraktiven Lockvogel darstellt. Ihre weniger prominent in den Fokus gerückte Kollegin Kai Fischer tut ihr Übriges dazu. Peter van Eyck, der im Film noch vor dem Titel genannt wird, interpretiert hier lediglich die nominelle Hauptrolle, aber es ist immer wieder ein Vergnügen diesem überaus begabten Darsteller zuzusehen. Zusätzliche Darbietungen von Helmut Schmid, Alf Marholm oder Maria Holst sorgen für vertraute Eindrücke, und unterm Strich hatte Wilm ten Haaf eine sehr ansprechende Entourage zur Verfügung. Musikalisch begleitet von Peter Thomas, entstehen gut choreografierte Sequenzen, die im Rahmen des Zeitfensters keine großartigen Überholmanöver in Sachen Erotik und Provokation gestalten können, wenngleich es im Jahr 1959 stellenweise natürlich anrüchig oder sogar skandalös gewirkt haben dürfte, da schließlich eine Thematik behandelt wurde, die es zwar gegeben haben dürfte, aber über die keinesfalls gesprochen werden sollte. "Lockvogel der Nacht" bewegt sich insgesamt sehr sicher in einem gut ausbalancierten Unterhaltungsmodus, versprüht eine ausgiebige Portion biedere Erotik, und auch Krimi-Inhalte bekommen eine kleinere Bühne eingeräumt. Daher ist dieser Beitrag als weitgehend gelungen zu bezeichnen und stellt ein weiteres Beispiel dafür dar, dass das willige Werkzeug erneut ein deutlich härteres Schicksal ereilen muss, als es beim Handwerker der Fall ist.


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 Post subject: Hinter diesen Mauern (1966)
PostPosted: 12.02.2019 18:28 
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HINTER DIESEN MAUERN

● HINTER DIESEN MAUERN (D|1966) [TV]
mit Fritz Wepper, Barbara Schneider, Karin Kernke, Ilse Steppat, Karl John, Robert Meyn, Hermann Lenschau und Max Eckard
eine Produktion des Zweiten Deutschen Fernsehens
ein Film von Karlheinz Bieber


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»In diesem Land begnadigt man keine überführten Mörder!«

Nach rund fünfzehn Jahren erfährt Paul Burgess (Fritz Wepper), dass sein totgeglaubter Vater doch noch am leben ist und eine Haftstrafe wegen Mordes verbüßt. Paul will nicht an die Schuld seines Vaters glauben und stellt Recherchen an, obwohl seine Mutter (Ilse Steppat) strikt dagegen ist. Unmittelbar nach der verwirrenden Nachricht begibt sich der junge Mann am den Schauplatz des Verbrechens und befragt Zeugen, die seinen Vater einst schwer belastet haben. Unterstützung bekommt Paul von Lena Anderson (Barbara Schneider), die er bei seinen Nachforschungen in der dort ansässigen Bibliothek kennenlernt, doch die beiden haben gegen große Widerstände zu kämpfen, da das Aufrollen dieses alten Falles offenbar nicht in jedermanns Interesse ist...

Zahlreiche Kriminalfilme und gleich gelagerte Serien konnten im deutschen Fernsehen insbesondere in den 60er Jahren für Aufsehen sorgen, sodass es Phasen gab, in denen das Programm von Geschichten über Raub, Verbrechen und Mord dominiert wurde. Eine Vielzahl dieser TV-Produktionen wartete nicht nur mit bekannten Drehbuchautoren und Regisseuren auf, sondern verfügten in den meisten Fällen über die gleiche A-Besetzung im Kreis der Schauspieler, die in ihrer Prominenz auch oft dem Kino zur Verfügung stand. Die Beliebtheit des Krimis ist schnell über Angebot und Nachfrage, aber auch über Qualität sowie Zielgruppen erklärt. Dieser im Jahr 1966 von Regisseur und Drehbuchautor Karlheinz Bieber inszenierte Beitrag verfügt über sehr gute Grundvoraussetzungen und bietet dem Zuschauer einen schnellen Einstieg an, sodass man sich mithilfe einfachster Mittel schnell orientiert fühlt. Erste Szenen mit Hauptdarsteller Fritz Wepper und seiner Filmmutter Ilse Steppat sorgen nicht nur aufgrund des brisanten Inhalts rund um einen vermeintlichen Halbwaisen für Tempo, denn immerhin erfährt er aus dem Nichts, dass sein Vater ein verurteilter Mörder sein soll, sondern auch Steppat selbst liefert ihre bekannteste Expertise in Sachen Darbietungsstil ab. Immer wenn sich diese Frau in die Enge getrieben fühlt, wählt sie den Angriff zur Selbstverteidigung, sogar wenn es sich um ihren eigenen Sohn handelt. Dennoch liefert sie erste wichtige Teile für dieses zunächst unübersichtliche Puzzle, sodass Paul Burgess sich gezwungen sieht, auf eigene Faust zu ermitteln. Vielleicht sieht es im ersten und auch im zweiten Moment so aus, als entstehe dieser Entschluss ausschließlich über eine Art Intuition, doch wenn es so gewesen sein soll, trügt sie ihn nicht. Es folgen zahlreiche Etappen der Recherche, die ebenso viele Personen aufs Tableau bringen, um diesen alten Fall zu klären. Aus vagen Ahnungen bildet sich schließlich schnell die Gewissheit, dass seinerzeit schlampig gearbeitet und hemmungslos vertuscht wurde.

Für den Zuschauer stellt die schnelle Gewissheit, dass es sich bei Pauls Vater um einen unschuldig Verurteilten handelt, kein Problem dar, welches die Kriminalgeschichte in irgend einer Weise aufweichen würde, denn schließlich ahnt man doch, dass am Ende der wahre Täter serviert werden dürfte. Also kann "Hinter diesen Mauern" mit einem kleinen Whodunit aufwarten, dessen Findung mit inszenatorischer Sorgfalt und darstellerischer Akribie ausgestattet sein wird. Fritz Wepper stellt sich in Windeseile als Glücksgriff für die Rolle des jungen Mannes mit plötzlichen Identitätsproblemen heraus.. Im Geschehen und beim Zusammentragen von Indizien stellt er sich gar nicht einmal so ungeschickt an und kann daher wichtige Erfolge verbuchen, die die Geschichte vorantreiben. Im Rahmen der Suche nach der Wahrheit wird nicht nur ein wenig Tiefe für das Szenario kreiert, sondern es kommt gleichzeitig zu einer Befriedigung des Gerechtigkeitsempfindens eines jeden Zuschauers. Hoch interessant ist die Tatsache, dass man an Originalschauplätzen in England gedreht hat, was der Szenerie einen authentischen Stempel verleiht. Außerdem veredeln Raimund Rosenbergers verheißngsvolle Klänge die Geschichte sehr intensiv und angemessen. Im erweiterten darstellerischen Bereich überrascht vor allem Gelegenheitsdarstellerin Barbara Schneider, deren heiteres und überaus aufrichtig wirkendes Wesen eine Wohltat im Dunstkreis gleichermaßen bieder dargestellter Frauenfiguren der 60er Jahre darstellt. Auch Karin Kernke weiß wie üblich in ihrem Rollen-Abonnement zu überzeugen und sie spielt erneut mit ihrer vielversprechendsten Waffe, nämlich ihrer unverkennbaren Stimme. Max Eckart, Karl John oder Robert Meyn arbeiten sich durch Tatkraft und minutiöse Einsätze hervor, sodass insgesamt von einer überzeugenden Zubringer-Arbeit gesprochen werden kann. "Hinter diesen Mauern" zählt zu den sehenswerten Vertretern der einschlägig bekannten Gattung der Fernseh-Krimis und überzeugt im Rahmen dosierter Spannung, förderlicher Wendungen und eines klar definierten Aufbaus.


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 Post subject: Der Richter und sein Henker (1975)
PostPosted: 14.02.2019 19:41 
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DER RICHTER UND SEIN HENKER

● DER RICHTER UND SEIN HENKER / ASSASSINO SUL PONTE (D|I|1975)
mit Jon Voight, Jacqueline Bisset, Robert Shaw, Helmut Qualtinger, Lil Dagover, Friedrich Dürrenmatt,
Gabriele Ferzetti, Donald Sutherland, Rita Calderoni, Norbert Schiller, Guido Cerniglia und Martin Ritt
nach der Novelle "Der Richter und sein Henker" von Friedrich Dürrenmatt
eine Produktion der MFG-Film | T.R.A.C. | im Verleih der Neue Constantin Film
ein Film von Maximilian Schell


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»Man kehrt immer dahin zurück, wo man hingehört!«

Der Schweizer Kommissar Hans Bärlach (Martin Ritt) steht nach jahrzehntelangen Dienstjahren vor dem Ende seiner Laufbahn, denn er ist mittlerweile nicht nur alt, sondern auch schwer erkrankt. So bleibt ihm nicht mehr viel Zeit, eine 30 Jahre alte Wette zum Abschluss zu bringen. Hierbei ging es darum, dass sein Gegenspieler, Richard Gastmann (Robert Shaw), einst behauptete, dass er ein Verbrechen begehen könne, ohne dass er dafür zur Verantwortung gezogen würde. Im Beisein von Bärlach stieß er eine gemeinsame Freundin namens Nadine (Rita Calderoni) von einer Brücke. Bei der Tat kam die junge Frau ums Leben, die Kommissar Bärlach nie vergessen konnte. Etliche Jahre später schickt er Gastmann dessen eigenen Henker, denn der Kriminelle soll für einen Mord angeklagt werden, den er dieses Mal jedoch nicht begangen hat...

Bereits im Jahr 1957 wurde ein Fernsehfilm unter der Regie von Franz Peter Wirth nach der gleichnamigen Romanvorlage "Der Richter und sein Henker" hergestellt, bis Dürrenmatt im Jahr 1975 wieder das Drehbuch für eine Adaption schreiben sollte, dieses Mal allerdings unter der Regie von Maximilian Schell. Da es sich um einen Spielfilm fürs Kino handelt, wurde nicht nur wegen der internationalen Besetzung gleich in Englisch gedreht, sondern man wollte augenscheinlich einen Zuschnitt für den Weltmarkt hinbekommen. Maximilian Schells sehr aufwändig inszenierter Psycho-Thriller brachte es nach seiner Entstehung zu einigen Auszeichnungen und fand naturgemäß eine breitere Beachtung als das beinahe zwanzig Jahre zuvor entstandene Fernsehspiel, das vergleichsweise sehr altbacken und starr wirkt. In diesem Zusammenhang findet man sehr schnell die Stärken dieses Beitrags, denn er wurde einer inszenatorischen Frischzellenkur unterzogen, sodass ein moderner Spielfilm mit Strahlkraft wahrzunehmen ist, der sich seiner Maxime jedoch vollkommen bewusst bleibt. Sicherlich liegt es vor allem daran, dass sich Friedrich Dürrenmatt (unter Mitwirkung von Regisseur Marimilian Schell) selbst für das Drehbuch verantwortlich zeigte. So lässt sich eine enge Anlehnung an die Novelle feststellen, in der sogar Passagen zu finden sind, die originalgetreu übernommen wurden. Der Verlauf beginnt mit einer sehr atmosphärischen Rückblende, die zum frühen Verständnis beitragen wird, falls man "Der Richter und sein Henker" nicht als literarische Version kennt. Ennio Morricones Musikstücke veredeln die ohnehin hervorragende Bildgestaltung, und die Interpreten aus zahlreichen Herkunftsländern sorgen für Intensität und Irritation, Abscheu und Sympathie. Alleine aufgrund der hochwertigen Entourage hinter und vor der Kamera kann sich der interessierte Zuschauer auf einen sehr spannenden und gut ausbalancierten Verlauf freuen, der es schafft, ohne allzu viele Barrieren und dramaturgische Klippen auszukommen.

Die große Stärke dieser Produktion ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass der Film sich auch ohne großartiges literarisches Interesse oder gar Vorkenntnisse spielend etablieren kann, da zeitgenössische Zutaten nicht fehlen. Maximilian Schell achtet darauf, eine clever durchdachte Publikumswirksamkeit zu kreieren, um - an normalen Sehgewohnheiten gemessen - nicht überqualifiziert zu wirken. Ein offensiver Fischzug nach mehreren möglichen Zielgruppen entsteht unterm Strich allerdings nicht. Die Thematik um Wettschulden, die normalerweise Ehrenschulden sind, nimmt unter der fachmännischen Bearbeitung des gebürtigen Österreichers teils groteske, wenn nicht sogar bizarre Formen an. Die Unterstützung durch ein ebenso aufmerksames wie variables Auge der Kamera lässt Momente der Formvollendung aufkommen, die in schnellen Wechseln wieder mit der bitteren Realität gekreuzt werden. Als reiner Kriminalreißer möchte sich diese Version von "Der Richter und sein Henker" erst gar nicht verstehen, denn viele andere Elemente kommen zum tragen, die ein wenig nach Thrill aussehen möchten. Auch an Doppelbödigkeit fehlt es dieser Veranstaltung nicht, wenngleich es hin und wieder Unstimmigkeiten im Rahmen der psychologischen Tiefe zu geben scheint, da diverse Inhalte offenlegen, dass sie lediglich schleppend choreografiert sind. Dennoch entwickelt das Tauziehen zwischen Kommissar Bärlach und seinem Kontrahenten Gastmann eine bemerkenswerte Eigendynamik, die von Schockmomenten bis trügerischer Idylle noch vieles mehr zu bieten hat. Die beiden Herren weisen äußerst unterschiedliche Werdegänge auf, obwohl man auf eine gemeinsame Vergangenheit zurückblickt. Bärlach machte Karriere bei der Berner Polizei, wo hingegen Gastmann kriminelle Wege eingeschlagen hat. Das Dilemma des Kommissars setzt sich daher aus mehreren Komponenten zusammen: eine derartig bedeutende Wette zu verlieren verletzt die Eitelkeit des Polizeimanns erheblich, außerdem höhlt die Gewissheit aus, ihm nicht mit Mitteln und Wegen gegenüber treten zu können, die das Gesetz vorschreibt.

Der amerikanische Regisseur Martin Ritt und der britische Schauspieler Robert Shaw brillieren in diesen sehr unterschiedlich angelegten Rollen, demonstrieren dabei ein Kräftemessen der unterschiedlichsten Mittel. Interessant hierbei ist der angewandte Seitenwechsel des Kommissars, da ihm die Hände durch die ihm zur Verfügung stehenden Mittel des Gesetzes gebunden sind. Sein gefährlichster Gegenspieler ist allerdings die Zeit, da er erkrankt ist und sein Vorhaben zu Ende bringen muss. Gute Voraussetzungen für Gastmann, der eigentlich nur abwarten müsste. Durch das Demonstrieren seiner vermeintlichen Überlegenheit wird er allerdings unvorsichtig, sodass seine eigene Überheblichkeit ihn zu Fall bringen wird; natürlich in Kombination mit der Cleverness des Kommissars. Als weitere Figur in diesem Fall sieht man Jon Voight als Kriminalbeamten Tschanz, der durch den mysteriösen Tod eines Kollegen in eine bessere Position rutscht, um gegen Gastmann zu ermitteln. Interessant bei diesem Schachspiel ist der permanente Wechsel vom Offizier zum Bauern, und Bärlach ist der Spielleiter. Weitere sehr intensiv gefärbte, beziehungsweise eigentümliche Interpretationen geben beispielsweise eine immer bezaubernde Jacqueline Bisset, Helmut Qualtinger, Rita Calderoni, Donald Sutherland oder Friedrich Dürrenmatt zum Besten, außerdem ist Stummfilm-Ikone Lil Dagover in einer ihrer letzten Rollen als Gastmanns Mutter zu sehen. Die Kraft der Bilder unterstützt die ohnehin starke Vorlage bemerkenswert gut und es kommt dementsprechend zu einem nicht nur eleganten Gesamtergebnis, sondern einer ernstzunehmenden Adaption eines literarischen Klassikers. Wenn alle Kräfte mobilisiert sind und man auf das unausweichliche Finale zusteuert, lockt der Genuss gleich mehrerer inszenatorischer Überraschungen, sodass unterm Strich zu sagen bleibt, dass Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt es in einer überaus harmonischen Allianz geschafft haben, Klassik, Publikumswirksamkeit und moderne Ansätze in Einklang zu bringen. Alles in allem ist "Der Richter und sein Henker" in vielerlei Hinsicht ein kleiner Geheimtipp geworden.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Goldfinger (1964)
PostPosted: 16.02.2019 21:31 
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Sean Connery
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● GOLDFINGER / JAMES BOND 007 - GOLDFINGER (GB|1964)
mit Gert Fröbe, Honor Blackman, Harold Sakata, Tania Mallet, Lois Maxwell, Bernard Lee, Martin Benson, Michael Mellinger,
Richard Vernon, Burt Kwouk, Desmond Llewelyn, Margaret Nolan, Cec Linder, Austin Willis, Peter Cranwell und Shirley Eaton
eine Produktion der Eon Productions | im Verleih der United Artists
Ein Film von Guy Hamilton


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»Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben!«

James Bond (Sean Connery) bekommt es mit einer äußerst schwierigen Mission zu tun, denn er wird auf den Milliardär Auric Goldfinger (Gert Fröbe) angesetzt, der im Verdacht steht, den internationalen Goldmarkt mit illegalem Schmuggel aus den Fugen bringen zu wollen. Nachdem Bond sich gleich zweimal den Spaß erlaubt hat, Goldfinger zu brüskieren, kommt es zu eindeutigen Demonstrationen in Sachen Skrupellosigkeit. Da Goldfinger plötzlich zu seinem Schweizer Firmensitz reist, nimmt 007 die Verfolgung auf. Schnell wird klar, dass es sich hierbei um keine Vergnügungsreise handelt, denn Bond steht auf der Abschussliste. Nur aufgrund eines Tricks kann 007 seine eigene Eliminierung verhindern und wird daraufhin von Goldfinger als Gast mit in die Vereinigten Staaten genommen, um Zeuge eines wahnwitzigen Verbrechens zu werden...

Der dritte Teil der James-Bond-Reihe wird häufig als Inbegriff der Abenteuer von 007 angesehen und genießt nicht zu Unrecht einen Klassiker-Status. Bereits nach dem US-Kinostart wurden zahlreiche Rekorde gebrochen, so wurde beispielsweise ein Dutzendfaches des Produktionsbudgets wieder eingespielt, was nicht nur für die Qualität dieses Bond-Abenteuers spricht, sondern auch für die Wirksamkeit der strategischen Vermarktung im Vorfeld. Natürlich ist der internationale Großerfolg unmittelbar mit der charismatischen Figur des Agenten in Zusammenhang zu bringen, denn Sean Connery konnte sich zuvor nicht nur für weitere Abenteuer empfehlen, sondern sich richtiggehend profilieren, und zwar im Sinne einer anerkannten Weltmarke, deren Sprache überall verständlich war und immer noch ist. Guy Hamiltons "Goldfinger" zählt zweifellos zu den bekanntesten Vertretern der langjährigen Reine und kann für Aufsehen im Rahmen der Bearbeitung sorgen. Wie üblich tragen unterschiedliche Schauplätze zu besonderen Flair, Dynamik und Tempo bei, sodass dieser rasante Streifen sich kaum Atempausen gönnen wird. Inszenatorisch bewegt sich die Produktion auf sehr hohem Niveau und es kommt zu vielen typischen Spielereien, die der Zuschauer seit Beginn an zu schätzen gelernt hatte. Denkt man an filmische Bond-Abenteuer, so fallen einem spontan gleich mehrere signifikante Szenen ein, die man mit der Reihe assoziiert. In "Goldfinger" ist in diesem Zusammenhang gleich eine ganze Reihe derartig epischer Szenen zu finden, die in die Annalen der Filmgeschichte eingegangen sind. Die Bond-Produktionsnotizen berichten, dass Gert Fröbe, der ohne Zweifel einer der Prototypen der Bösewichter darstellt, nicht die erste Wahl für die Figur des Auric Goldfinger gewesen sein soll. Daher ist es hier umso erfreulicher, den Deutschen in der Rolle des unberechenbaren Kontrahenten zu sehen.

Bevor James Bond auf den goldverliebten Milliardär angesetzt wird, schildert der bereits turbulente Einstieg eine andere Mission in einem lateinamerikanischen Land, um für unmittelbare Action und Spannung zu sorgen. Der eigentliche Fall wird dem Agenten in üblicher Manier auferlegt, um ihm bei dieser Gelegenheit alle hilfreichen Spielzeuge vorzuführen, die ihren nützlichen Einsatz finden sollen, falls Bond von aggressiven Angreifern belästigt wird. Derartige zum Teil abenteuerliche Gadgets konnten in nahezu jedem Teil der Reihe für ein gewisses Aufsehen sorgen, und hier fällt James Bonds schöner und überaus funktionstüchtiger Aston Martin DB5 ins Auge, dem angenehmerweise eine prominente Rolle zuteil wird. In der Titelrolle ist erneut Sean Connery zu sehen, der wieder einmal überaus agil und leichtfüßig wirkt. Connery stattet die Rolle des Agenten mit weltmännischer Nonchalance aus, und im internen Vergleich wirkt er dem Empfinden nach ine Spur bissiger als sonst, was allerdings an der besonders teuflischen Skrupellosigkeit seines Gegenspielers und dessen Helfershelfern liegen mag. Bei James Bond agierte man stets nach folgendem Credo: Der Zweck heiligt alle Mittel. Dementsprechend dürfen viele Köpfe rollen, sodass der Eindruck durchgehend präsent bleibt, es liege tödliche Gefahr in der Luft. In diesem Zusammenhang bleibt die Spannungskurve weitgehend konstant und es kommt kaum zu Abfällen. Gert Fröbe als "Goldfinger" erweist sich wie erwähnt als großer Coup dieser Produktion. Seine Liebe und Gier bezüglich des wertvollen Edelmetalls verleiht ihm beinahe manische Züge, die eine ausgiebige Portion Wahnsinn mit einschließt. Wenn der Geschäftsmann Gold wittert, würde es etwa genauso aussichtslos sein, Trüffel vor einem Schwein verstecken zu wollen, was die eigentliche Gefahr darstellt. Etliche Szenen charakterisieren den schwerfällig wirkenden Mann des Geldadels als ungeduldig, ungehobelt und im Zweifelsfall ebenso brutal.

Sein stummer Handlanger, und im wahrsten Sinne des Wortes ausführender Arm der Ungerechtigkeit, wird eindrucksvoll von Harold Sakata dargestellt, der sich noch als willenlose Maschine in den Vordergrund manövrieren wird. Bei der Damenwahl zeigt sich ein ebenso glückliches Händchen, wie bei den beteiligten Herren, denn mit Honor Blackman, Tania Mallet und Shirley Eaton sind im Rahmen aller Unterschiede oder Karriereverläufe wirkliche Kapazitäten zu sehen. Für Honor Blackmans Rolle und deren Anlegung muss man vielleicht ein Faible haben, damit sie im Vergleich zwischen Bond-Glanz-und -Gloria nicht das Nachsehen hat, doch rein darstellerisch kann die Britin innerhalb ihrer sehr resolut und beinahe burschikos angelegten Rolle punkten. Ihre Landsfrau Tania Mallet, die dem Vernehmen nach bereits für Daniela Bianchis Part in "Liebesgrüße aus Moskau" vorgesehen gewesen sein sollte, und hier in ihrem ersten und einzigen Kinofilm zu sehen ist, steht für eine tragische Note zur Verfügung, ebenso wie Shirley Eaton, die trotz ihrer nur kurzen Rolle, doch mithilfe einer der erinnerungswürdigsten Szenen der gesamten Reihe zum Inbegriff des Bond-Girls wurde. Der Film profitiert insgesamt sehr stark vom Katz-und Maus-Spiel der beiden Kontrahenten Auric Goldfinger und James Bond, das zunächst von einer Art harmloseren Beschnuppern geprägt ist, bis es zu eindeutigen Machtdemonstrationen kommen darf, in denen insbesondere Gert Fröbe auftrumpfen kann. Die eingeschlagene Richtung und sorgsame Ausarbeitung der Regie garantiert über weite Strecken ein hohes Tempo und fulminante Action, sodass sich vollste Zufriedenheit einstellen kann. Auch die brutale Würze steht diesem Verlauf wirklich sehr gut, da man sich als Zuschauer immer wieder fragen muss, ob ein Wahnsinniger nicht doch das Potential haben könnte, einen derart abstrusen Plan zu verwirklichen. Alles in allem ist "Goldfinger" zurecht über die Bond-Barrieren hinaus zu einem Kult-Klassiker avanciert, der stets zu unterhalten weiß.


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 Post subject: Der Fußgänger (1973)
PostPosted: 18.02.2019 22:02 
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DER FUẞGÄNGER

● DER FUẞGÄNGER (D|CH|ISR|1973)
mit Gustav Rudolf Sellner, Peter Hall, Alexander May, Elsa Wagner, Gila von Weitershausen, Ruth Hausmeister,
Dagmar Hirtz, Maximilian Schell, Angela Salloker, Norbert Schiller, Herbert Mensching, Christian Kohlund, u.a.
als Gäste: Peggy Ashcroft, Elisabeth Bergner, Françoise Rosay, Käthe Haack, Johanna Hofer und Lil Dagover
eine Produktion der Franz Seitz Film | Alfa Film | MFG Film | Zev Braun | im Constantin Filmverleih
ein Film von Maximilian Schell


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»Hast du jemals vom Tod geträumt?«

Für den Großindustriellen und das Landtagsmitglied Heinz Alfred Giese (Gustav Rudolf Sellner) soll sich nach einem selbstverschuldeten Autounfall alles ändern, denn sein Sohn Andreas (Maximilian Schell) kommt dabei ums Leben. Obwohl ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingestellt wird, durchleuchtet eine bekannte Boulevardzeitung in diesem Zusammenhang Gieses bisheriges Leben und stößt auf sensationelle Erkenntnisse, die sich in seiner Vergangenheit finden. Chefredakteur Rudolf Hartmann (Peter Hall) verwickelt den Industriellen in einen handfesten Skandal, da Recherchen ergeben haben, dass Giese im Zweiten Weltkrieg in Exekutionen gegen griechische Zivilisten verwickelt gewesen sein soll. Nach einem reißerischen Aufhänger auf der Titelseite, der über ein Massaker und Mord spekuliert, kommt es zu öffentlichen Anfeindungen und Tumulten in Gieses Firma...

Maximilian Schells Beitrag mit dem vollkommen unscheinbaren Titel "Der Fußgänger" wurde nach Erscheinen mit nationalen und internationalen Preisen überhäuft, unter anderem erhielt der Film 1974 den Golden Globe, als bester fremdsprachiger Film, außerdem war er bei der Oscar-Verleihung des gleichen Jahres ebenfalls in dieser Kategorie nominiert. In der Summe erhielt "Der Fußgänger" bemerkenswerte 49 Preise, was eindeutig für die Qualität dieses Dramas spricht. Maximilian Schell inszenierte neben der Schauspieltätigkeit, seinem Hauptgeschäft, nur wenige Spielfilme, doch seine Arbeiten fürs Kino stellen innerhalb der unterschiedlichen Bearbeitung von ernstzunehmenden Stoffen definitiv Klassen für sich dar. Im Vordergrund stehen künstlerische Ansätze, die zusammen mit Realität und Fiktion wie ein Blick durch ein Kaleidoskop wirken. Zusammenhänge ergeben sich innerhalb gerne verwendeter Trugbilder, Irrungen und Wirrungen eine plausible Einheit, die sich wie in diesem Verlauf spät, beziehungsweise in Etappen erschließt, wenngleich die Geschichte alles andere als eine Erfindung zu sein scheint. Schell betrachtet einen Einzelfall, der aber bestimmt keinen isolierten Fall darstellt. Eine beliebige Person, die zu dieser Zeit überall existent hätte sein können und es sicherlich auch gewesen ist, führt ein unbehelligtes Leben in äußerst gut situierten Verhältnissen. Ansehen und Integrität stehen außer Frage; die Verdienste für die Allgemeinheit ebenso. Plötzlich und unerwartet nimmt die latent vorhandene Angst des hier als für schuldig gesprochenen Protagonisten Gestalt an und bringt den Zuseher in offensiv herbeigeführte Konflikte, da die geschilderten Eindrücke nicht nur in Schwarz oder Weiß geschildert werden. Der Regisseur, der sich auch gleichzeitig für das Drehbuch verantwortlich zeigte, achtet akribisch auf Ausgewogenheit und wirft die Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft in eine unübersichtliche Waagschale.

Das erwähnte Dilemma für den Zuschauer ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass mit Heinz Alfred Giese eine Person zu sehen ist, die vom Schicksal mit einen unerbittlichen Vergeltungsschlag konfrontiert ist, da Gleiches mit Gleichem abgegolten wird. Da die sensationslustige Boulevardzeitung die Vergangenheit des Großindustriellen aufs Tableau gebracht hat, die sich mit einem Massaker in einem griechischen Dorf befasst, bei dem auch Kinder exekutiert wurden, Giese außerdem seinen eigenen Sohn in einen tödlichen Autounfall verwickelt hat, tut man es der feinfühligen, aber schocklustigen Dramaturgie gleich und geht nicht so hart mit dem ohnehin gebrochenen, beinahe schwermütig wirkenden Mann ins Gericht, wie es wahrscheinlich sonst der Fall wäre. So zeigen sich beispielsweise Sequenzen, die Giese als liebevollen Großvater zeigen, der seinen eigenen Enkel allerdings selbst zum Halbwaisen gemacht hat. Außerdem irritiert die Ruhe und Nachdenklichkeit dieses Mannes enorm, sodass man als Zuschauer vor allem eine abwartende Haltung einnehmen muss, die deutlichen Positionierungen aus dem Weg zu gehen versucht. Diese Aufgabe übernimmt ohnehin die gierige Sensationspresse, für die der Zweck schließlich alle Mittel zu heiligen scheint, solange höhere Auflagen in Aussicht stehen. Der Tod - egal ob vergangen, aktuell, oder potentiell - wird hier in brutaler Art und Weise näher gebracht und mit prosaischen Bildern ausstaffiert, was wohl am meisten schockiert. So macht sich eine breite Trostlosigkeit breit, die sich trotz lichter Momente nicht zerschlagen lässt. »Je näher man kommt, desto weniger sieht man...« Dieser im Film verwendete Satz bleibt vor allem so präsent und vehement bestehen, weil er in vielerlei Hinsicht die Eindrücke des Zusehers widerspiegeln kann und möglicherweise wird, da diese unvorhersehbare Achterbahnfahrt aufgrund ihrer stakkatoartigen Bildeinspielungen strapaziert, da der Tod immer wieder neue Gesichter bekommt.

Letztlich sorgen zahlreiche erschreckende Phasen, aber auch etliche Chraraktere für derartige Eindrücke, außerdem kommt die Vergangenheit wie ein dunkler Schatten zurück, sodass "Der Fußgänger" von Pessimismus und bösen Vorahnungen dominiert wird. Im darstellerischen Bereich sind durch die Bank hervorragende Leistungen zu sehen und es ist in diesem Zusammenhang ganz offensichtlich, dass Maximilian Schell im Rahmen der Regie-Arbeit selbst einen halben Schauspieler mit dessen Erfahrungswerten mit einfließen ließ. Der Schauspieler, Dramaturg, Regisseur und Theaterleiter Gustav Rudolf Sellner besticht innerhalb seiner unbegreiflichen Ruhe und Lethargie, denn man erwartet gegenteilige Impressionen von diesem Mann, der eine schwere Schuld auf sich geladen hat. Diese scheint sich aufgrund der damaligen Ausnahmesituation zwar zu rechtfertigen, doch seine Gewissensbisse verjähren nicht. Die Verantwortung wäre sicherlich nur halb so schlimm, wenn man sie nicht plötzlich ans Tageslicht befördert hätte. Sowohl er als auch die Hyänen der Presse erfahren kaum sympathische Zeichnungen, wenngleich gerade Sellner es immer wieder schafft, ein eigenartiges Mitgefühl zu provozieren, das sich jedoch immer wieder weg dividiert, wenn entsprechende Rückblenden zu sehen sind. In einer ebenfalls interessanten Rolle ist Regisseur Maximilian Schell zu sehen, der wie ein nicht abzuschüttelndes Mahnmal wirkt. Generell bleibt zu sagen, dass man es in "Der Fußgänger" mit exzellenten bis denkwürdigen Interpretationen zu tun bekommt. Vor allem die angekündigten Gäste in Form einer illustren Runde von berühmten Alt-Stars sorgt für Furore, wenn wild in Deutsch, Englisch und Französisch umher gesprochen wird. Maximilian Schell beweist erneut, dass er seine Regie-Arbeiten mit wesentlich mehr als nur Routine ausstatten konnte, und unter seiner Bearbeitung scheint die Medaille sogar mehr als nur zwei Seiten zu haben; allerdings stolpert sein Film ein wenig über die Barrieren der Massentauglichkeit.


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 Post subject: Ein interessanter Typ (1996)
PostPosted: 19.02.2019 18:21 
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● FOLGE 152 | SOKO 5113 | EIN INTERESSANTER TYP (D|1996)
mit Wilfried Klaus, Hartmut Schreier, Michel Guillaume, Olivia Pascal, Heinz Baumann
Gäste: Mark Keller, Barbara Frey, Axel Scholtz, Alexander Duda, Götz Otto und Sabina Sesselmann
eine Produktion der Elan Film | im Auftrag des ZDF
Regie: Jobst Oetzmann




Der freiberufliche Journalist Kerst (Axel Scholtz) setzt sich von einem öffentlichen Fernsprecher aus mit Kriminaloberkommissar Schickl (Wilfried Klaus) in Verbindung. Gerade in dem Moment, als Kerst brisante Informationen weitergeben will, wird die Telefonzelle von einem Baustellenfahrzeug erfasst. Die Zeugenaussagen ergeben, dass es sich um keinen Unfall handeln kann. Die Spur führt schließlich in einen bekannten Großkonzern, für den Kerst zuletzt tätig war. In diesem Zusammenhang arbeitete er an einem Artikel, der sich mit der Vita der Konzernchefin, Ellen Meersen (Sabina Sesselmann), befasste. Kriminalkommissarin Berger (Olivia Pascal) und ihr Kollege Schickl suchen die Chefetage auf, doch Frau Meersen ist nicht zu sprechen, sodass sie mit ihrem persönlichen Referenten, dem zwielichtig wirkenden Hannes Hallberg (Mark Keller) vorlieb nehmen müssen...

»Ich hätte das mit Geld geregelt...« Unaufgeregt und beinahe teilnahmslos legt Ellen Meersen den bedauerlichen Todesfall mit diesem Satz zu den persönlichen Akten, und widmet sich lieber ihrem wesentlich jüngeren Mitarbeiter, der ihr auch nach Geschäftsschluss zur Verfügung zu stehen scheint. Da die Folge "Ein interessanter Typ" im Eiltempo zum Punkt gekommen war, kann das Mosaik ohne weitere Hintergrundinformationen von den Beamten der Sonderkommission zusammengefügt werden. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren und werden sehr anschaulich für den Zuschauer transparent gemacht. Bereits in der Chefetage des anvisierten Konzerns Meersen Enterprises wurden die möglichen Hintergründe im Rahmen von belastendem Material erwähnt, ohne zu direkten Aussagen zu kommen. Konkret wurde die kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag stehende Ellen Meersen allerdings nur in einem Bereich; nämlich, dass sie ganz offenkundig mit den Qualitäten ihres Liebhabers zufrieden ist. Die Person im Hintergrund ist in zweierlei Hinsicht hoch interessant. Zum einen ist es beachtenswert, dass man Sabina Sesselmann nach über 25 Jahren der Schauspiel-Abstinenz wieder einmal zu Gesicht bekommt, die sich als vielbeschäftigte Interpretin bereits Mitte der 60er Jahre zur Ruhe gesetzt hatte. Zum anderen will die nebulös angelegte Rolle gefallen, da eine kalte Frau skizziert wird, die unter dem Deckmantel des scheinbaren Desinteresses kaum greifbar erscheint. Für Sabina Sesselmann handelte es sich bei dieser Gast-Rolle bereits um ihren letzten Auftritt vor der Kamera, da die sympathische Schauspielerin bereits im Jahr 1998 verstarb.

Mark Keller, im edlen Anzug und Porsche, als ihr engster Mitarbeiter, regelt die pikante Situation nach seinen eigenen Regeln, sowohl im Büro, als auch im Schlafzimmer. Seiner Chefin steht er beruflich zwar loyal zur Seite, allerdings gilt diese Loyalität nicht für den privaten Bereich, denn bei der erstbesten Gelegenheit schmeißt er sich an die attraktive Kommissarin Lizzy Berger heran, um ihr in eindeutiger Manier den Hof zu machen. Sie nimmt die plumpen Avancen an schließlich an, um in kriminalistischer Hinsicht weiterzukommen, bis sie schließlich dem ersten Aufeinandertreffen mit Frau Meersen gegenübersteht, was jedoch schnell von der reichen Dame selbst beendet wird, da man sich immerhin noch unter ihrem eigenen Dach befindet. Ellen Meersen scheint die Zweigleisigkeit ihres Gigolos gewöhnt zu sein, und ihr ist es bis zu dem Zeitpunkt gleich, solange es sich nicht in ihrem Haus abspielt. Eine kurze Zurechtweisung klärt die Fronten und alles kann weitergehen wie bisher. Der Zuschauer blickt in dieser Episode etwas irritiert auf die fortlaufende Geschichte, die von privaten Angelegenheiten dominiert zu sein scheint. Fast könnte man den eigentlichen Kriminalfall und den heimtückischen Mord vergessen, wenn er ab einem gewissen Zeitpunkt nicht wieder indirekt aufs Tableau kommen würde. Insgesamt gesehen handelt es sich bei "Ein interessanter Typ" um eine eher durchschnittliche Folge ohne Längen, aber auch ohne Paukenschläge. Gerade in dieser Richtung wären ein paar inszenatorische Finessen des Regisseurs wünschenswert gewesen., denn am Ende klärt sich beinahe alles von selbst. Nichtsdestotrotz war es schön, Sabina Sesselmann noch einmal kurz gesehen zu haben, bevor der Vorhang endgültig gefallen ist.


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 Post subject: Ds Biest muss sterben (1969)
PostPosted: 21.02.2019 23:30 
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DAS BIEST MUSS STERBEN

● QUE LA BÊTE MEURE / UCCIDERÒ UN UOMO / DAS BIEST MUSS STERBEN (F|I|1969)
mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Anouk Ferjac, Marc Di Napoli, Louise Chevalier Guy Marly, u.a.
eine Produktion der Les Films de la Boétie | Rizzoli Film | im Materna Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»Der Gesang der Vögel kommt mir wie ein tristes Geleiere vor...«

Nach dem Tod seiner Frau lebt der Kinderbuchautor Charles Thénier (Michel Duchaussoy) zurückgezogen mit seinem 9-jährigen Sohn auf dem Land. Eines Tages ereilt den alleinerziehenden Vater ein schwerer Schicksalsschlag, denn sein Junge wird auf offener Straße von einem Auto überfahren und stirbt. Der Verursacher des Unfalls begeht Fahrerflucht und die ermittelnde Polizei legt den Fall schon bald als bedauerlichen Unfall zu den Akten. Fortan hat Charles mit starken Rachegefühlen zu kämpfen und begibt sich schließlich selbst auf die Suche nach dem Täter. In einem Tagebuch schreibt er seine Gedanken und Gefühle nieder, die sich zu immer mehr zu dem Plan formieren, den flüchtigen Unfallverursacher zur Rechenschaft zu ziehen. Charles baut jedoch nicht auf die Hilfe der Justiz, sondern sinnt auf Blutrache...

Wer sich ein wenig mit dem Schaffen Claude Chabrols auseinandergesetzt hat, weiß, dass die aufgezeigte Idylle in den meisten Fällen nur ein Trugbild darstellt. In "Das Biest muss sterben" kommt es gleich zu Beginn zu derartigen Eindrücken, die kurz ein unbeschwertes Leben skizzieren, bis es sich schon bald dem Ende zuneigt. Dieser schwere Schicksalsschlag, der im Allgemeinen wohl als einer der schlimmsten angesehen werden dürfte, beendet gleichzeitig das Dasein eines zurückgebliebenen Vaters, der sich fortan einem diffusen Hass, nicht zu überbietendem Pessimismus und destruktiven Eigen-Ermittlungen hingibt, die aber sowohl bei Scheitern als auch Erfolg nichts mehr ändern würden. Lediglich sein eigenes Leben wäre betroffen, welches er aber ohnehin als beendet sieht. Der verzweifelte Vater foltert sich mit Super 8-Filmen, folglich Szenen der Vergangenheit, die seinen Jungen in unschuldiger Unbeschwertheit zeigen, aber vor allem lebendig. Chabrol kreuzt einen Kriminalfall mit dramatischen Elementen, die in Windeseile überhand nehmen, zumal es auch zu entgegengesetzten Grundvoraussetzungen kommt. Die Ermittler der Polizei werden in die zweite Reihe gezwungen, da ihre Arbeit dem Vernehmen nach ergebnislos geblieben ist und im Grunde genommen als tragischer Unfall zu den Akten gelegt wird. Die vakante Rolle wird somit von einem von Hass erfüllten Vater übernommen, der trotz seiner ruhigen Maske für den Zuschauer vollkommen unberechenbar wirkt. Man kann ihn verstehen; man will es sogar, aber dennoch stellt sich keine bedingungslose Loyalität ein, da alles um ihn herum ausgeblendet wird. Der kalte Hass stellt unter Claude Chabrol ein ergiebiges, wenn auch vergiftetes Elixier für diesen Verlauf dar, der aufgrund seiner strikten Determination trostlos erscheint. Da man die immer wiederkehrenden Notizen von Charles Thénier vor Augen geführt bekommt und prägnante Sätze im Ohr behalten hat, scheint der Tod unausweichlich zu sein.

Obwohl sich bei Chabrol sehr häufig eine gelenkte Vorhersehbarkeit abzeichnet, die hier allerdings diffuse Konturen beibehält, sind es die unterschiedlichen Wege zum Ziel, die für Überraschungen sorgen. Der Täter, der gleichzeitig Opfer werden soll, ist schnell gefunden, doch wie Charles selbst erwähnte, soll die Hinrichtung langsam und qualvoll vonstatten gehen. Ausfindig macht er zu seiner eigenen Überraschung eine Frau, die er normalerweise anziehend finden würde, doch unter diesen speziellen Umständen abstoßend finden muss. Mit Hélène Lanson beginnt eine perfide Liaison dangereuse, die viele Informationen für den potentiellen Henker und irritierten Zuschauer zutage bringen wird. Naturgemäß ist es so, dass die besten oder in diesem Fall schlechtesten Vorsätze eben nur solche bleiben werden, wenn die Hemmschwelle zur Praxis unüberwindbar ist. Eigenartigerweise entstehen intime Momente, in denen sich Aggressivität und Sentimentalität abwechseln, dementsprechend einen vollkommen dynamischen Verlauf suggerieren. Die Kehrtwendungen entstehen blitzartig, und zwar, wenn die anvisierte Zielscheibe ausfindig gemacht ist. In diesem Zusammenhang wirft die Szenerie allen Beteiligten einen ordinären, cholerischen und grenzenlos egoistischen Herrn zum Fraß vor, der dem Empfinden nach tatsächlich das Schlimmste verdient hätte, wenn äußere Umstände nicht permanent für eine Verzögerung der eigentlichen Verwirklichung des Filmtitels sorgen würden. Die Frage, ob der tragische Protagonist der Geschichte letztlich auch den Mut haben wird, seine Rache umzusetzen, bleibt eine spannende Angelegenheit, zumal die anfängliche Vehemenz immer wieder durch ungewöhnlich deutliche Sentimentalitäten und Eigenkorrekturen aufgeweicht wird, die sich mit der breiten Hoffnung decken, dass es eben nicht zum Äußersten kommen möge, immerhin scheint es bereits genug zu sein, dass ein Leben beendet wurde.

Insgesamt bleibt es schließlich sehr spannend, ob Claude Chabrol im Sinne der Gerechtigkeit oder der Schockstarre weiter inszenieren wird. Zur Verfügung stehen diesem Beitrag, der auffällige Wechselspiele zwischen Lethargie und Optimismus eingeht, besonders stichhaltige Interpreten, unter denen vor allem Michel Duchaussoy hervorzustechen weiß. Obwohl man sich als Zuschauer naturgemäß sträubt, sein Vorhaben verstehen zu wollen, kommt man trotz natürlicher Abwehrmechanismen immer wieder zu dem schwachen Punkt, mit ihm zu sympathisieren. Im Grunde genommen setzt er der Polizei zunächst Hörner auf, die seinerzeit keine weitere Veranlassung gesehen hatte, den Unfalltod seines Sohnes Michel effektiv zu durchleuchten. Unter falschem Namen nistet sich der Schriftsteller von Kinderliteratur im Leben der anderen ein, um wie eine Spinne auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Doch wird die Falle genauso zuschnappen können wie anvisiert? Sein Gegenspieler und Auslöser dieser destruktiven Kettenreaktion hält naturgemäß dagegen, erfährt in diesem Zusammenhang eine hervorragende Zeichnung durch Jean Yanne, der sich in vielen Situationen selbst übertrifft, indem er auf Konventionen und Sentiments aller anderen pfeift. Caroline Cellier reiht sich sicher in dieses ungleiche Trio ein und fällt nicht zuletzt wegen ihrer auffälligen Attraktivität auf. "Das Biest muss sterben" verfolgt einen verkopften Verlauf und breitet seine nachdenklichen Tendenzen zu den richtigen Zeitpunkten aus. Ein netter Twist gegen Ende der Veranstaltung verleiht der Geschichte ihre zusätzliche Brisanz, die angesichts der behandelten Thematik äußerst zynisch wirkt. Claude Chabrols Marschroute, die Gedanken und Gefühle seiner Protagonisten auf einem Seziertisch zu zerlegen, geht erneut vollkommen auf, und der ruhige Verlauf - der geprägt ist von Leere und Kalkül – führt den Titel des Films immer wieder unterschwellig vor Augen, der sich nicht vor Kehrtwendungen scheut, außerdem interessante Manipulationen zulässt.


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 Post subject: Im Knast der perversen Mädchen (1978)
PostPosted: 04.03.2019 11:16 
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IM KNAST DER PERVERSEN MÄDCHEN

● LE EVASE - STORIE DI SESSO E DI VIOLENZE / IM KNAST DER PERVERSEN MÄDCHEN (I|1978)
mit Lilli Carati, Zora Kerova, Marina Daunia, Dirce Funari, Filippo De Gara, Ada Pometti, Franco Ferrer und Ines Pellegrini
eine Produktion der Cinema 13 Cooperativa
Ein Film von Giovanni Brusadori


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»Ihr seht aus wie billige Nutten!«

Einer Gruppe verurteilter Straftäterinnen rund um die Terroristin Monica Hadler (Lilli Carratti) gelingt es, aus dem Gefängnis zu fliehen. Fortan zeichnet sich ein regelrechter Rachefeldzug ab, der auf all diejenigen abzielt, die in den Prozessen gegen die Frauen entscheidende Rollen für deren Verurteilung gespielt haben. Auf der Flucht nehmen die Ausbrecherinnen einige Geiseln und wenig später stellt sich heraus, dass eine von ihnen die Tochter des damals verantwortlichen Richters ist. Dort angekommen, stellen sie ihre Gewaltbereitschaft und Perversion unter Beweis und die Situation eskaliert nach kürzester Zeit. Wird die Polizei den Wettlauf gegen die zu allem entschlossenen Frauen verlieren..?

Ein Ausbruch aus dem Knast ebnet den Weg für den Zuschauer, dem letzten Abschaum dabei zuzusehen, in welch turbulente und womöglich tatsächlich perverse Situationen sie noch gelangen werden. Für all diejenigen, die sich in Gefängnisfilmen wohlfühlen, kommt es schnell zu der willkommenen Gewissheit, dass man hier auf die richtigen Pferdchen gesetzt hat, schließlich gefallen sich die Damen in wenig zimperlichen Drohgebärden und glänzen nahezu mit dem ordinärsten Gossenton. Es ist zu vermuten, dass die vier Frauen diese sprachlichen Raffinessen bereits vor ihrem Urlaub auf Staatskosten drauf hatten, aber es ist ebenso anzunehmen, dass der Wortschatz dort bedeutend verfeinert, womöglich erweitert wurde. Beim geneigten Zuschauer sorgt diese Hau-drauf-Strategie des Regisseurs Giovanni Brusadori gleich von Anfang für ein großes Vergnügen und es ist wieder einmal mehr als klar, dass man derartige Filme vielleicht bedingungslos mögen muss, um sich auf höchstem, oder besser gesagt niedrigstem Niveau unterhalten zu fühlen. "Im Knast der perversen Mädchen" legt ein gutes Tempo vor und erfreut mit charakteristischen Zutaten. Dabei ist die Geschichte jedoch altbekannt, was aber nicht weiter tragisch ist, schließlich kommt es auf die reißerische Umsetzung an. Erste Rangeleien und den deutschen Titel untermalende Anspielungen sorgen für eine gute Aufmerksamkeit und es ist einem so, dass man genau weiß, wo diese Reise hingehen wird. Plötzlich vernimmt man politische Untertöne, gehüllt in eine handelsübliche Rache-Geschichte, und darüber hinaus offenbaren sich willkommene Pointen im Rahmen von Sarkasmus und Zynismus, die die trostlos wirkende Szenerie gekonnt auflockern, beziehungsweise erschüttern. Besetzungstechnisch bekommt man es in diesem Beitrag im wahrsten Sinne des Wortes mit den üblichen Verdächtigen zu tun, deren vornehmste Aufgabe es gewesen zu sein scheint, derartige oder ähnlich geartete Produktionen tatkräftig und unter vollstem Körpereinsatz zu unterstützen.

Die darstellerischen Leistungen erweisen sich als angemessen, und am prägnantesten sind selbstverständlich die Darbietungen der weiblichen Entflohenen, die durch gut einstudierte Choreografien in Wort und Tat für Aufsehen sorgen werden. Interessant ist, dass die Damen trotz ordinärer Anstriche teilweise kultiviert wirken, im nächsten Moment jedoch wieder gerne auf die Tube drücken , somit durch - für einen derartigen Film - angemessenes Verhalten auffallen. Besonders ins Auge fallen die beiden hübschen Interpretinnen Lilli Carati aus Italien und ihre tschechische Kollegin Zora Kerova, die auch in darstellerischer Hinsicht überzeugen können. Es dauert recht lange, bis es zu ersten Veranschaulichungen im Bereich exzessiver Gewalt, sexueller Nötigung und Mord und Totschlag kommt, was zugunsten eines sorgsamen Aufbaus in die zweite Reihe gereicht wird. Die dem Produktionsjahr überaus angepasst wirkende musikalische Untermalung versucht mit allen verfügbaren Mitteln, die zugegebenermaßen etwas schwächelnde Spannungskurve aufzupolieren, doch die größte Enttäuschung bei "Im Knast der perversen Mädchen" bleibt die Tatsache, dass es keine Szenen aus dem klassischen Gefängnisalltag gibt, was sich in ähnlichen oder gleichen Reißern immer als wichtige Zutat im Sinne eines gefügigen Verstärkers herauskristallisiert hat. Auch wenn die geflohenen Damen, für die Kavaliersdelikte offensichtlich ein Fremdwort darstellen, alles tun, Ebenbilder aus der Gosse so glaubhaft wie nur möglich darzustellen, fehlen in schwachen Momenten doch Personen aus dem Dunstkreis sadistischer Aufseher_innen, oder brutale Bandenaktivitäten, sowie das natürliche Vakuum des Gefängnisses an sich. Überdurchschnittlich gut weiß hingegen die deutsche Synchronisation mit ihren gepfefferten Wortspitzen zu gefallen, die diesen Verlauf quasi unermesslich aufwerten kann und ihn in einem empfunden besseren Licht dastehen lässt, als es eigentlich der Fall wäre. Unterm Strich bleibt mit Giovanni Brusadoris Arbeit jedoch ein dienstbarer und letztlich produktiver Vertreter des "WiP"-Genres, der vor allem kurzweilig und unterhaltsam geworden ist.


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 Post subject: Der Mieter (1967)
PostPosted: 12.03.2019 20:35 
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DER MIETER

● DER MIETER (A|1967) [TV]
mit Pinkas Braun, Eva Zilcher, Fritz Schmiedel, Linde Fulda, Joachim Bißmeier, Walter Simmerl, Karl Trefny, u.a.
eine Produktion des ORF
ein Film von Wolf Dietrich


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»Haben Sie nicht von diesem Mann gehört, der schlechte Frauen umbringt?«

In der Londoner Bevölkerung macht sich Nervosität und Angst breit, da ein brutaler Mörder sein Unwesen treibt. Die Polizei geht von einem Serientäter aus, da es dieser ausschließlich auf Prostituierte abgesehen hat und immer die gleiche Visitenkarte in Form einer eindeutigen Nachricht hinterlässt. Die Geschehnisse entwickeln sich zum viel diskutierten Stadtgespräch, so auch im Haus von Ellen Bunting (Eva Zilcher). Bis vor Kurzem befand sich die rechtschaffene Frau in finanziellen Schwierigkeiten, die allerdings schlagartig beendet waren, als sie die komplette obere Etage ihres Hauses an einen Herrn namens Mr. Quill (Pinkas Braun) vermieten konnte. Dieser lebt sehr zurückgezogen und tritt stets korrekt auf, bis zu dem Tag, an dem sich Mrs. Bunting ein schrecklicher Verdacht aufdrängt...

Der österreichische Regisseur Wolf Dietrich kann im Rahmen seiner vierzigjährigen Karriere auf viele Arbeiten für populäre Formate zurückblicken, und er trat so gut wie ausschließlich im TV-Bereich in Erscheinung. Sein Fernsehfilm "Der Mieter" handelt die Geschichte des "Jack the Ripper" ab, dem vielleicht bekanntesten Dirnenmörder der Filmgeschichte. In diesem Zusammenhang kamen zahlreiche Beiträge von unterschiedlicher Stilrichtung zustande, und dieser 1967 inszenierte Fernsehfilm transportiert eine sehr dichte und überaus klassische Atmosphäre. Der kammerspielartige Verlauf erinnert über weite Strecken sogar an ein Theaterstück, woran einige der Darsteller mit dementsprechender Erfahrung nicht unbeteiligt sind. Die Geschichte entfaltet sich im Rahmen eines progredienten und sehr sorgsamen Aufbaus wie ein wahr gewordener Alptraum, denn schließlich wurde der neue Untermieter lange Zeit als Retter in der Not angesehen, da er eine komplette Familie vor der Schande bewahren konnte. Für einen TV-Film nicht unüblich, beschränkt sich das Set auf sporadische Außenaufnahmen und wenige Räume, in denen die Kamera ihren konventionellen, aber zuverlässigen Dienst tut. Dominiert von langen Dialogstrecken, entfaltet sich der interessante Verlauf sehr schlüssig und vereinnahmend, um Stärken preiszugeben, die nicht nur atmosphärischer Natur sind, sondern ebenso im Kreis der Interpreten wiederzufinden sind. Vor allem die Würzburgerin und mit dem Titel Kammerschauspielerin ausgezeichnete Schauspielerin Eva Zilcher, die Jahrzehnte lang in Wien arbeitete, kann der bedrohlich wirkenden Geschichte ihre Kompetenz aufdrücken. Der unscheinbare Titel des Films spiegelt nicht im Entferntesten das wider, was letztlich auf einen zukommt, denn die depressive Atmosphäre wirkt in jeder Beziehung unbehaglich, streckenweise richtig trostlos und spitzt sich fortwährend in Form einer psychologischen Zange zu.

Interessant hierbei ist die angebotene Variante, bei der die Mordserie weitgehend im Off abläuft. Somit stellt die Regie den Galgen direkt unter Mrs. Buntings Dach auf, sodass sich eine eigentümliche Spannung entfalten kann, da der mysteriöse Unbekannte meistens zugegen ist, auch wenn man ihn nicht immer wahrnimmt. Gute Lösungen beim Ausfüllen der Geschichte zeigen sich im Rahmen der Charakterzeichnungen. Eva Zilchers distanziertes und betont konservatives Schauspiel, sowie ein vollkommen resigniert wirkender Umgang mit den anderen Personen, verleiht der laufende Geschichte ungeahnte Stärken. Ihr Dilemma besteht darin, dass sie die Augen vor der Realität verschließen muss, denn immerhin hat ihr Gast sie vor dem Armenhaus bewahrt. Es ist einem schließlich so, als wolle sie alles so wie gehabt weiterlaufen lassen, nur um nicht wieder einem sozialen Abstieg zum Opfer zu fallen. Doch es muss anders kommen. Die Szenen mit ihrem ungleichen Partner Pinkas Braun sind die stärksten der gesamten Produktion, und dem vorsichtigen gegenseitigen Abtasten folgt ein beeindruckender Schlagabtausch, den man in jedem anderen Film vielleicht Showdown nennen würde. Pinkas Braun spielt seine Stärken offensiv aus und schafft es, eine regelrechte Drohkulisse aufzubauen. Die restlichen Darsteller bringen sich sehr produktiv als Zubringer oder Stichwortgeber ein. Wolf Dietrich kann unterm Strich für sich beanspruchen, dass er mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln das Optimum aus dieser kraftvollen Produktion herausholen konnte, die in erster Linie von einer auffälligen psychologischen Spannung zehrt, ohne es dabei nötig zu haben, sich über reißerische Stilmittel wichtig zu tun. "Der Mieter" etabliert sich insgesamt mit Leichtigkeit im Kreis des düsteren Kriminalspiels, kann sich Fans und Anhängern aufgrund der beachtlichen Momente aber auch mühelos als schmackhafte Alternative zu herkömmlichen Krimis empfehlen. Gekrönt durch Darbietungen von Eva Zilcher und Pinkas Braun, kann dieses kriminalistisch gefärbte Kammerspiel mit Leichtigkeit überzeugen.


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 Post subject: Die Frau am Fenster (1976)
PostPosted: 14.03.2019 15:47 
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Romy Schneider

DIE FRAU AM FENSTER

● UNE FEMME À SA FENÊTRE / UNA DONNA ALLA FINESTRA / DIE FRAU AM FENSTER (F|I|D|1976)
mit Philippe Noiret, Victor Lanoux, Gastone Moschin, Delia Boccardo, Martine Brochard, Joachim Hansen, Paul Muller,
Carl Möhner, Neli Riga, Vasilis Kolovos, Camille Piton, Aldo Farina, Sandra Burguy, Jean Martin sowie Umberto Orsini
eine Produktion der Albina Productions | TC Productions | Rizzoli Film | Cinema 77 | im Verleih der United Artists
ein Film von Pierre Granier-Deferre


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»In allen guten Geschichten gibt es immer eine Person, die das Schicksal verkörpert.«

Margot (Romy Schneider), die Marquise de Santorini, führt als Diplomatengattin ein sorgenfreies Leben und darüber hinaus eine offene Ehe mit ihrem Mann Rico (Umberto Orsini). Als im Jahr 1936 in Griechenland ein Staatsstreich stattfindet, um eine Militärdiktatur zu etablieren, werden fortan alle Gewerkschafter und Kommunisten verfolgt. Zu dieser Gruppe zählt auch der Grieche Michel Boutros (Victor Lanoux), den die Marquise eines Abends von ihrem Fenster aus sieht, um ihm schließlich Unterschlupf zu gewähren. Margot verliebt sich in den Dissidenten, doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, da seine Verhaftung bevorsteht. Diese Warnung erhält sie von ihrem alten Freund, dem Bauunternehmer Raoul Malfosse (Philippe Noiret), der selbst starke Gefühle für die attraktive Frau entwickelt hat. Allen Gefahren zum Trotz, beschließen Michel und Margot gemeinsam durchzubrennen, doch alles kommt anders. Erst Jahrzehnte später wird sich der Nebel verziehen, der sich um das ungleiche Liebespaar gehüllt hatte...

Die Titelgebung zahlreicher Filme kann sich in kürzester Zeit als Wegweiser für die bevorstehenden Geschichten erweisen, doch in Pierre Granier-Deferres "Die Frau am Fenster" werden in dieser Beziehung zunächst keine deutlichen Aufschlüsse geboten. Wer diese Frau sein wird, ist bereits in den ersten Szenen ersichtlich, denn der Zuschauer bekommt Einblicke durch ein Panoramafenster geboten, welches zahlreiche wunderbare Eindrücke vermitteln wird. Der französische Regisseur und Drehbuchautor artikuliert sich wie so oft durch die Bilder einer Landschaft und sorgt damit für Orientierung. In diesem Fall sprechen die Aufnahmen in Delphi ihre ganz eigene Sprache und deuten eine leidenschaftlich-sinnliche Geschichte der Moderne an, in welcher immer wieder deutliche Bezüge zur griechischen Tragödie auftauchen, was gleichzeitig als düstere Prognose zu verstehen ist. Die idyllischen Bilder wollen hingegen für gegenteilige Eindrücke sorgen, bis es langsam zu einer prosaisch gefärbten Ausgeglichenheit kommt, wofür nicht nur Zeit und Ort verantwortlich sind, sondern auch die schnell integrierten Hauptcharaktere. Als Zuschauer lässt man sich gerne von Pierre Granier-Deferre an die Hand nehmen, auch wenn sich das unbestimmte Gefühl etabliert, dass es kein leichter Weg werden wird. Die zwar in zeitlicher und geografischer Hinsicht sehr präzise gehaltene Geschichte beginnt dennoch im Irgendwo und wird dabei als diffuses Puzzlespiel angeboten, das sich im Rahmen kompliziert angelegter Rückblenden lückenlos zusammenfügt. Erneut wird deutlich, dass Regeln, Normen und Werte im Rahmen kriegerischer Zeiten ausgehebelt werden; es herrschen andere Gesetze, denen man sich entweder beugt oder durch die man gebrochen wird. Dieser Aspekt stellt silhouettenhaft das Elixier dieser bemerkenswert formulierten Geschichte dar, die in den Konturen eines opulenten Ausstattungsfilms fesseln wird, oder zumindest das klassische Potential hierfür besitzt.

Um den bevorstehenden Zündstoff anzudeuten, treten immer wieder beiläufige Szenen gewaltsamer Zustände auf, und es wird bald zu dem Punkt führen, dass auch die ausweglose Leidenschaft einer Frau nicht ausreichen wird, um eine gesamte Armee oder wenigstens bestimmte Personen zur Kapitulation zu zwingen. Katastrophen können naturgemäß viele Gesichter oder Auslöser haben, im Großen und im Kleinen. In "Die Frau am Fenster" tut der Ausnahmezustand des blutigen Staatsstreichs, der viele unschuldige Opfer rekrutieren und fordern wird, das Übrige dazu. Während das Leid der Allgemeinheit eher skizzenhaft gezeigt wird, werden die Dekadenz und Ausgelassenheit der besseren Kreise betont, denen ein wesentlich größerer Fokus eingeräumt wird. Dies alles wirkt wie eine Art Parallelwelt zwischen den Realitäten, in welcher sich auch die Titelfigur behauptet und auf sicherem Terrain bewegt. Noch. Pierre Granier-Deferre bietet trotz eindeutiger Worte, Handlungsweisen und Gesinnungen hauptsächlich Unergründlichkeit an und bemüht nichts Geringeres als das Schicksal selbst, das diese poetische Geschichte vor malerischer Kulisse antreibt. Die erwähnten Rückblenden zeigen eindrucksvoll auf, wie die Liaison zwischen den Hauptfiguren Margot und Michel inmitten größter Gefahren und der oberen Zehntausend - die offensichtlich nicht viel mit Loyalität, Werten oder Idealismus zu tun haben - zustande kommen und ihren verheißungsvollen Verlauf nehmen konnte. Fortan nimmt die Sinnhaftigkeit eines unter Beobachtung und Kuratel stehen deutlichere Formen an, sodass trotz der sehr ruhigen Verlaufsform subtile Spannungsmomente entstehen können, die allerdings so gut wie nie eine Eruption erfahren dürfen. Im Grunde genommen behandelt die Geschichte Einzelschicksale im Kollektiv, wenngleich man ebenso ahnt, dass es sich keineswegs um isolierte Fälle handeln dürfte.

Szenen einer progressiven Ehe dominieren den späteren Verlauf, und es ist nicht immer leicht, zu verstehen, wieso "Die Frau am Fenster" einen bevorzugt komplizierten Weg gehen möchte. Begleitet von der melancholischen Musik von Carlo Rustichelli, entsteht eine trügerische Harmonie, die allerdings nur dazu gemacht scheint, in beliebigen Momenten der Ruhe in Stücke zu zerfallen. Auf den Stützen geschichtlicher Zusammenhänge, bereitet Pierre Granier-Deferre ein leidenschaftliches sowie eindeutiges Plädoyer für Hoffnung und Tugenden vor, wenngleich auf visueller Ebene Kontrastprogramme abzulaufen haben. Wie man diese Eindrücke, Prognosen und Katastrophen letztlich deuten möchte, überlässt der Regisseur dem Zuseher, aber zurück bleibt ein bedeutender Film mit unmissverständlicher Aussage, der in dieser Fasson wohl nur unter französischer Flagge konstruiert werden konnte. Beeindruckende Leistungen von Philippe Noiret, Victor Lanoux und Umberto Orsini veredeln diese Produktion in zusätzlicher Weise und es kommen formvollendete Phasen zustande, die außerdem dafür sorgen, dass es zu keinem auffälligen Ungleichgewicht im darstellerischen Bereich kommt, obwohl alles und jeder um Hauptdarstellerin Romy Schneider konstruiert ist. Die Wege von Zuneigung oder Liebe bleiben auch hier ein Stück weit unergründlich, obwohl der exemplarisch angelegte Verlauf dazu animiert, genau verstehen zu wollen. Obwohl es im Film kaum in Worte gefasst wir, bleiben Liebe und Leidenschaft unter Romy Schneider und Pierre Granier-Deferre nicht nur lose Worte, denn die Protagonistin hält wie beinahe immer, was sie verspricht. Ohne Theatralik und unangebrachte Untertöne mündet der Verlauf in ein Finale, das trotz einer Art determinierter Vorhersehbarkeit überraschende und bedrückende Wendungen anbietet, die weitsichtig aufgeschlüsselt wirken und einen Hauch von Geheimnis wahren, welches diesen Film stets umgeben hat.


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 Post subject: Kennst du das Land wo blaue Bohnen blühn? (1973)
PostPosted: 25.03.2019 21:01 
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KENNST DU DAS LAND WO
BLAUE BOHNEN BLÜHN?


● LO CHIAMOVANO TRESETTE... GIOCAVA SEMPRE COL MORTO / KENNST DU DAS LAND WO BLAUE BOHNEN BLÜH'N? (I|1973)
mit George Hilton, Cris Huerta, Umberto D'Orsi, Sal Borgese, Nello Pazzafini, Dante Cleri, Rosalba Neri und Ida Galli
eine Produktion der Lea Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Giuliano Carnimeo


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»Meine Herren, ein paar Zähne werden vermisst...«

Tresette (George Hilton) muss sich immer wieder mit seinem Erzfeind Veleno (Antonio Monselesan) herumärgern, und bleibt daher mit seinem Schießeisen gut in der Übung. Neben den üblichen Keilereien und Duellen mit seinen Kontrahenten stolpert er über ein äußerst lukratives Geschäft, das ihm gleichzeitig die Zusammenarbeit mit dem falschen Sheriff Bambi (Cris Huerta) einbringt. Die Männer sollen einen Goldtransport nach Dallas eskortieren, der sich aber zunehmend als gefährlich herausstellt, da zahlreiche Banditen ihre Fährte aufgenommen haben. Auch der zwielichtige Bankier Pearson (Umberto D'Orsi) hat seine eigenen Pläne mit dem Gold und will Tresette und seinen Kompagnon für seine Zwecke einspannen....

»Es ist viel einfacher, 'ne Frau zu finden, als 'nen Vorwand für eine deftigere Keilerei!« Der Vorspann dieser von Giuliano Carnimeo inszenierten Western-Komödie scheint genügend Vorwand für die besagten Keilereien darzustellen, und schnell fühlt man sich durch gut choreografierte Hau-drauf-Action und flotte Sprüche in einem Saloon über die Marschrichtung dieses Beitrags orientiert. Der Titel "Kennst du das Land, wo blaue Bohnen blühn?" kündigt somit nicht nur die humorvolle Note dieses im Jahr 1973 hergestellten Streifens an, sondern auch die Tatsache, dass man es mit vielen blauen Bohnen, also ordentlichem Kugelhagel, zu tun bekommen wird. Die musikalische Begleitung und die eindeutig komödiantisch gefärbten Dialoge kreieren eine Note, die betont unernst bleiben will und somit für den guten Ton dieser Produktion steht. Beiträge derartigen Kalibers polarisieren innerhalb der Fangemeinde ganz naturgemäß, schließlich gibt es dutzende Beispiele für das Scheitern solcher Auflockerungsversuche, denn oftmals wurde keine optimale Balance zwischen den Bereichen des Humors und einer interessanten Inszenierung gefunden. Giuliano Carnimeos Spielfilm zählt bestimmt zu den angenehmeren Vertretern dieser Zunft, doch auch er liefert kein Patentrezept für eine runde Angelegenheit. Zunächst lässt sich einmal feststellen, dass hier eine sehr tatkräftige Crew zur Verfügung steht, die sich dem Konzept des Films sehr effektiv anpasst oder wenigstens beugt. Viele kurzweilige Strecken und eine absurd verspielte, aber gleichzeitig eher dünne Geschichte, sind die gewinnbringenden Zutaten für das Funktionieren dieser Story, die mit vielen gelungenen Gags und einer schmackhaften Würze aufwarten kann. Natürlich bleibt es bei dieser geballten Ladung nicht aus, dass es in diesem Zusammenhang auch zu etlichen Fehlzündungen kommt, aber im Ganzen stellt sich kaum das Gefühl ein, dass in unerträglicher Art und Weise über das Ziel hinausgeschossen wird.

Der Grund, weshalb die Architektur des Klamauks im Westerngewand weitgehend funktioniert, ist nicht zuletzt auf die beiden gut aufgelegten Hauptdarsteller George Hilton und Cris Huerta zurückzuführen, die sich in ihren vielen gemeinsamen Szenen nichts schenken werden. Im Grunde genommen kann das turbulent angelegte Katz-und-Maus-Spiel so gut funktionieren, da die von ihnen dargestellten Charaktere Tresette und Sheriff Bambi wie Hund und Katze agieren; natürlich ausstaffiert mit viel Wortwitz und Albernheiten aus dem Reich der Klamotte. Bei George Hilton sieht es sogar so aus, als habe er einen gewissen Spaß an der Sache, sodass man ihm den Ausflug in komödiantische Gefilde recht gut abnehmen kann. Dasselbe gilt für seinen permanent gereizt wirkenden Partner Cris Huerta, der insbesondere mit den Fäusten zu sprechen weiß, weswegen es immer wieder zu rasanten Schlägereien kommt, die den Verlauf amüsant auflockern. Das ungleiche Duo ist sich insgesamt nicht zu schade für jegliche Art der Maskerade und insbesondere von George Hilton geht die größere Finesse aus, die dem Verlauf locker und leicht über die Ziellinie verhilft. Hinzu kommt, dass vor allem von Tresette eine im Western aller Couleur gerne verwendete Omnipotenz ausgeht, die den reichlich vorhandenen, verbrecherischen Abschaum in die Schranken weisen wird, wo es nur möglich ist. Im vorliegenden Fall läuft das Ganze über die Humor-Schiene und wird somit größter Bestandteil der zugegebenermaßen etwas substanzlosen Geschichte. Unter Regisseur Carnimeo geht es jedoch vielmehr um das Kreieren von Sympathien, die immer wieder aufs Neue spielend zu greifen wissen. Interpreten wie Umberto D'Orsi, Sal Borgese oder Nello Pazzafini fügen sich mitunter bis zur Selbstaufgabe in dieses Konzept ein, um die Gegenseite der Zuschauer-Gunst zu bedienen, außerdem bekommt man es mit einem interessanten Auftritt der Italienerin Ida Galli zu tun, der es wert ist, genauer unter die Lupe genommen zu werden.

Das gleiche gilt sicherlich auch für den im Italowestern erprobten Regisseur Giuliano Carnimeo, der mit "Kennst du das Land, wo blaue Bohnen blühn?" einen der Beiträge inszenierte, die auf der Klamauk-Skala ganz weit oben stehen. Naturgemäß ist es bei derartigen Experimenten so, dass sie nicht jedermanns Sache sind, und auch hier ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Film aufgrund seiner hohen Gag-Dichte einfach durchfällt. Dennoch muss man der Inszenierung lassen, dass sie sorgsam gestaltet wurde und den eigenen Anspruch hält, seine Unterhaltungsambitionen an den Mann zu bringen. Die eigene Erfahrung bestätigt, dass der Film bereits nach der zweiten Sichtung etwas verliert, da der interne Wiedererkennungswert einfach zu hoch ist. So stützt man sich schnell auf Inhalte, die das Genre unter anderem ausmachen, wie beispielsweise die musikalische Untermalung, atmosphärische Schauplätze und charakteristische Sets, außerdem auf die hier zur Verfügung stehende Crew vor, hinter und fernab der Kamera. Zahlreiche Inhalte wissen in ihrer Intensität zu strapazieren, wie beispielsweise einige Running Gags, die ihren Zenit schnell überschritten haben oder einfach zu dick aufgetragen wirken. Im rein handwerklichen Bereich ist der Film insgesamt sehr gelungen, vor allem die Dynamik der Kamera verhilft vielen Pointen zu noch deutlicheren Konturen. Für das Gelingen dieser Gangster-Geschichte mit heiterem Anstrich sorgt aber vor allem das Duo George Hilton und Cris Huerta, deren oft wenig subtil angelegter Humor sich immer wieder geschickt voneinander emanzipiert, um schlussendlich zu einer geballten Einheit zu werden. In "Kennst du das Land, wo blaue Bohnen blühn?" sprechen also weniger die rauchenden Colts, sondern die flotten Sprüche, die vielen Zuschauern zwar den letzten Nerv rauben, anderen die Zeit jedoch angenehm vertreiben dürften. »Humor ist, wenn man trotzdem lacht«, lautet die vielleicht versöhnliche Devise, die für Fans dieses Beitrags aber kaum gelten dürfte.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Frühstück mit dem Tod (1964)
PostPosted: 04.04.2019 19:05 
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FRÜHSTÜCK MIT DEM TOD

● FRÜHSTÜCK MIT DEM TOD (D|A|1964)
mit Sonja Ziemann, Wolfgang Preiss, Robert Graf, Ivan Desny, Loni von Friedl, Dominique Boschero, Marlene Rahn,
Stanislav Ledinek, Dieter Eppler, Ady Berber, Kurt Nachmann, Suzanne Roquette, Peter Fröhlich und Chris Howland
eine Produktion der Team Film | Wiener Stadthalle | im Nora Filmverleih
ein Film von Franz Antel


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»Sie lesen zu viel Kriminalromane!«

Der Staatsanwalt Ted Talbot (Wolfgang Preiss) sieht sich mit dem Ende seiner erfolgreichen Karriere konfrontiert. In einem spektakulären Prozess rund um den Angeklagten James Conley schließt sich das Gericht seiner Forderung nach der Todesstrafe an. Im Anschluss scheint sich jedoch herauszustellen, dass ein Unschuldiger hingerichtet wurde. Talbots Ehefrau Jane (Sonja Ziemann) übernahm die Verteidigung des Angeklagten, und reicht nach dem Prozess die Scheidung ein. Als Ted versucht, seinen Fehler bei Beth Conley (Dominique Boschero), der Witwe des Verurteilten, mit einem hohen Geldbetrag wieder gutzumachen, gerät er schließlich selbst unter Mordverdacht, da er nach seinem Besuch neben der ermordeten Frau aufwacht...

Neben der erfolgreich laufenden Edgar-Wallace-Reihe war die Liste der Epigonen seinerzeit sehr lang und ebenso abwechslungsreich, sodass es in bestimmten Produktionsjahren dazu kommen sollte, dass sich derartige Beiträge die Klinke in die Hand geben konnten. Bei "Frühstück mit dem Tod" handelt es sich um den ersten Krimi von Regisseur Franz Antel, der vornehmlich für seine Amüsierfilme bekannt geworden war. Die Präsentation des Stoffes, nach Day Keenes Roman "Gestehen Sie Herr Staatsanwalt", kann schnell als geglückt bezeichnet und spannend in Szene gesetzt identifiziert werden, außerdem bekommt der treue Anhänger des Genres einen überzeugenden Whodunit angeboten, der sich den verhaltenen Luxus von einigen Neuerungen und Variationen erlauben wird. Die Geschichte findet entgegen der breiten Masse in den Vereinigten Staaten statt, was dem Empfinden nach weder als willkommene Abwechslung noch als Notwendigkeit angesehen werden will, aber immerhin wurde die Vorlage eines US-Amerikaners verwendet. Der Verlauf spielt sich neben einem sich immer mehr herauskristallisierenden Komplotts unter den unparteilichen Augen von Justitia ab, deren ausführende Organe dazu ansetzen, sich gegenseitig in die Kreuzverhöre zu nehmen. In diesem Zusammenhang entfalten sich sehr interessante Phasen, die sich wider Erwarten außerhalb des Gerichtssaals abzuspielen scheinen. Innerhalb der Konkurrenz und der Struktur des Films findet sich ein weiterer entscheidender Unterschied, denn die hier agierende Entourage mutet hin und wieder ein wenig fremdartig an. Nicht etwa, weil bestimmte Damen und Herren nicht genügend krimierprobt gewesen wären, oder sie ihr Talent hinlänglich unter Beweis gestellt hätten, sondern alternativ gefärbte Eindrücke liegen hauptsächlich den differenziert wirkenden Anlegungen der Rollen zugrunde.

Hinzu kommt natürlich auch die in Einzelfällen recht eigen wirkende Besetzung der Hauptrollen mit Wolfgang Preiss und insbesondere Sonja Ziemann. Letztere wirkt in einem derartigen Umfeld eher wie ein seltener, wenn auch gerne gesehener Gast, der sich jedoch mühelos profilieren kann, während Wolfgang Preiss bereits weit über dieses Ziel hinaus war. Als Staatsanwalt Talbot erinnert er in seiner Verlorenheit und Bedrängnis vielleicht an seine Titelrolle in Jürgen Goslars "Das Mädchen und der Staatsanwalt" aus dem Jahr 1962, wenngleich es unter Franz Antel nicht zu signifikanten Paukenschlägen angesichts der thematisch angedeuteten Brisanz kommen will. So bewegt sich sein Film sicher und manchmal sogar eigenwillig im Fahrwasser handelsüblicher Kriminalware. Der große Schachzug der Produktion bleibt das in die Manege schicken von Sonja Ziemann und Wolfgang Preiss, die sich bekämpfen werden, obwohl sie auf der gleichen Seite des Gesetzes stehen. Der Knackpunkt wird das Vermischen von Beruflichem und Privatem sein, der die beiden Vertrauten gegeneinander ausspielt. Eine schnell servierte Trennung steht Jahren der Einigkeit aus dem Off gegenüber, doch in der Situation der großen Zwangslage zeichnet sich mehr als nur Solidarität ab, die die empfundene Kälte zwischen beiden Akteuren temporär aufzuheben scheint. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass einfach zu viel Porzellan zerschlagen wurde, als dass sich alles zum Guten wenden könnte. Diese spürbare, wenn auch diffuse Spannung kommt der Geschichte und der allgemeinen Interaktion sehr zugute, was sich auch auf viele der anderen Beteiligten zu übertragen scheint. Wenn einen das Glück und die Frau verlässt, darf die sorgsam geschmiedete Abwärtsspirale ihren Lauf nehmen, in welcher Freunde zu Feinden und Vertraute zu Gegnern werden.

In diesem Zusammenhang spielt Robert Graf eine undurchsichtige Rolle und überzeugt innerhalb seines klassischen Repertoires. Viele Wallace- und Epigonen-Stars, sowie unverbrauchte Gesichter, sorgen in "Frühstück mit dem Tod" für einen hohen Wiedererkennungswert, wie beispielsweise Stanislav Ledinek, Dieter Eppler, Ady Berber oder Ivan Desny. Für besondere Szenen sorgt die aparte Französin Dominique Boschero, als verführerisch anmutende und gleichermaßen erbitterte Kontrahentin im Nebel der Vertuschung. In darstellerischer Hinsicht bekommt man insgesamt wirklich Überzeugendes geboten, sodass die Zeit wie im Flug vorbei geht. Die Story an sich schwächelt hin und wieder an zu sehr bemüht wirkenden Konstruktionen, beziehungsweise einer Vorhersehbarkeit, die sich durch Antels exemplarisch angebotenes Ausschlussverfahren bedingt, was der Kurzweiligkeit allerdings zu keiner Zeit einen Abbruch tut. Viele bekannte und über die Jahre salonfähig gewordene Elemente machen auch diesen Kriminalfilm zu einer sehenswerten Angelegenheit, die sich vor der teils prominenten Konkurrenz nicht im Wesentlichen zu verstecken braucht. Alternative Angebote, die insbesondere in den Rollenverteilungen zu finden sind, und ein clever ausgearbeitetes Finale machen "Frühstück mit dem Tod" - der insgesamt etwas zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist - zu einem produktiven Vertreter des einschlägig bekannten Krimi-Genres, an dem Fans und Anhänger ihre Freude finden dürften. Franz Antels Regiearbeit erweist sich hier wider erwarten als sehr unaufdringlich und gut strukturiert, sodass zu sagen bleibt, dass dieses Experiment unter seiner Leitung spannende Konturen preisgibt. Das Rätselraten um den wahren Täter klärt sich interessanterweise darüber auf, dass beinahe jeder, der einen Platz am Frühstückstisch hatte, irgendwann auf der Speisekarte zu finden war.


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 Post subject: Sieger über den Schmerz (1972)
PostPosted: 09.04.2019 21:01 
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● DAS JAHRHUNDERT DER CHIRURGEN | FOLGE 01 | SIEGER ÜBER DEN SCHMERZ (D|1972)
mit Dieter Kirchlechner, Monika Schwarz, Wolfgang Völz, Hans Elwenspoek, Kurd Pieritz, Michael Degen, u.a.
eine Produktion der Elan Film | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolf Dietrich




Im Jahr 1844 sieht sich der Zahnarzt Dr. Horace Wells (Dieter Kirchlechner) am Scheideweg seiner bisherigen Tätigkeit. Eine Patientin, die panische Angst vor Schmerzen hat, soll einen neuartigen Zahnersatz erhalten, doch dieser Eingriff wäre nicht ohne erhebliche Beschwerden zu bewerkstelligen. Zufällig stößt er auf eine Zeitungsmeldung, die über die neue Erfindung eines Heiterkeits-, beziehungsweise Lachgases berichtet. Seine Frau (Monika Schwarz) und er glauben zunächst an Schwindel, doch die Neugierde des Arztes überwiegt. Bei der Vorstellung des Gases meldet er sich freiwillig als Versuchsobjekt und lässt es sich verabreichen. Da die Wirkung vielversprechend ist, möchte Wells seine Erkenntnisse an der Universität Boston vorstellen, doch es kommt zu einem fatalen Zwischenfall...

»Wenn ich nichts erfinde gegen den Schmerz, möchte ich am liebsten meinen Beruf aufgeben!« Frustriert berichtet der Zahnarzt Horace Wells seiner Gattin von den Bürden seiner täglichen Arbeit und dabei ist es mehr als offensichtlich, dass der ambitionierte Arzt schon länger auf der Suche nach sachdienlichen Alternativen und Möglichkeiten ist, um seinen Patienten den Gang zu ihm zu erleichtern. Wie lässt sich der Schmerz eindämmen, vielleicht sogar abstellen? Diese Frage dürfte ihm schon so manche schlaflose Nacht bereitet haben, doch es liegen keine Auswege auf dem Tisch. Eine simple Tageszeitung durchbricht seine tiefe Resignation merklich, doch schnell steht die Vermutung nach Kurpfuscherei im Raum. Zu Vorführungszwecken soll ein Experiment stattfinden, welches wie eine Zirkusvorstellung wirkt, für das er sich letztlich aber selbst zur Verfügung stellt. Überraschenderweise ist der Erfolg überwältigend, da die Zahnbehandlung ohne Schmerzen über die Bühne gehen konnte. Aus Zweifeln werden schnell greifbare Visionen, die ganz auf das Wohl der Allgemeinheit zugeschnitten sind. Dennoch kommt es zu Komplikationen, die in dieser Form nicht zu erwarten waren. Wolf Dietrichs Einstiegsfolge schildert die Irrungen und Wirrungen der medizinischen Entwicklung anhand eines Einzelfalls, der später noch eine globale Bedeutung erlangen sollte. Eingebettet in zeitgenössische Sets wirkt die erste Episode nicht nur lehrreich, sondern im Rahmen der straffen Inszenierung kurzweilig, streckenweise sogar spannend.

Aufgrund der Selbsterfahrung stellen sich die Weichen für weitere Maßnahmen, doch die medizinischen Kinderschuhe werden hier in Windeseile zu klein, sodass es zu einem Fiasko im Rahmen der Vorstellung an einer renommierten Universität vor allen Professoren und Studenten kommen muss. Beim Entfernen eines Zahns werden dem Probanden erhebliche Schmerzen zugefügt, da man sein Körpergewicht und seinen Lebenswandel als Alkoholiker nicht einkalkuliert hatte. Die Vision scheint somit vom Tisch zu sein; eine Reputation von jetzt auf gleich zerstört. Die erste Episode der neunzehn Folgen starken Serie wird für den Moment keine anerkannten Erfolge zutage bringen, sondern eine entscheidende Weichenstellung für die gesamte medizinische Entwicklung weltweit. Interessant ist die Schilderung, dass viele Neuerungen einfach ihren Zeitpunkt und ihre Lobbyisten brauchten, um nennenswerte Erfolge feiern zu können. Die Charaktere werden von mehr oder weniger bekannten Schauspielern dargestellt, die ihre Sache sichtlich ernst nehmen und für starke Momente innerhalb dieses stark komprimierten Zeitfensters sorgen können. Dieter Kirchlechner, Wolfgang Völz oder Kurd Pieritz liefern authentische Eindrücke, die der Thematik sehr zuträglich sind. Zwar wird man den "Sieger über den Schmerz" in dieser Folge noch nicht kennenlernen, aber zumindest ist dem Weichensteller dabei zuzusehen, wie er sich leidenschaftlich gegen bestehende Gesetze der Medizin auflehnt, um seiner Verpflichtung, jedem Patienten bestmöglich helfen zu können, nachzukommen, auch wenn der Widerstand und äußere Umstände einen Strich durch die Rechnung machen. Ein sehenswerter Einstieg.


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 Post subject: Im Nest der gelben Viper (1964)
PostPosted: 11.04.2019 19:19 
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IM NEST DER GELBEN VIPER

● IM NEST DER GELBEN VIPER - DAS FBI SCHLÄGT ZU / DIE SCHLANGENBANDE / F.B.I. OPERAZIONE VIPERA GIALLA (D|I|1964)
mit Hellmut Lange, Moira Orfei, Adeline Wagner, Peer Schmidt, Massimo Serato, Michael Kirner, Sam Garter, Allan Prior, Harold Lake, u.a.
eine Produktion der Imperial Filmproduktion | Labor Film | Centro Produzioni Cinematografiche Città di Milano | Castello Film | im Team Filmverleih
ein Film von Wolfgang Schleif und Alfredo Medori


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»Ich könnte Sie mir ganz gut als Schlangenbeschwörer vorstellen!«

Die Hafenmetropole Kapstadt ist in heller Aufregung, da sie fest in der Hand der Unterweltorganisation "Gelbe Viper" zu sein scheint, die nicht vor Raub und Mord zurückschreckt. Widersacher und Geheimnisträger werden rücksichtslos mit Schlangengift liquidiert, sodass Interpol und FBI sich zu Gegenmaßnahmen gezwungen sehen. Washington schickt seinen besten Agenten namens Claus van Dongen (Hellmut Lange), der in die Organisation eingeschleust werden soll, um die Drahtzieher auszuschalten. Plötzlich beginnt die "Gelbe Viper" ihre eigenen Reihen zu lichten, doch kurz vor seinem Tod hatte eines der Bandenmitglieder einen Brief verfasst, der alle Bandenmitglieder namentlich erwähnt. Doch wo ist der belastende Brief geblieben? Van Dongens Mission beginnt immer gefährlicher zu werden, da sein Inkognito endgültig aufzufliegen droht...

Giftige Reptilien wurden immer wieder gerne als namentliche Aufhänger für Filme unterschiedlichster Genres verwendet, da sie aufgrund ihrer allgemeinen Gefahreneinschätzung bereits im Vorfeld für für ein gewisses Unbehagen sorgen können. In diesem 1964 angefertigten Vertreter der Eurospy-Welle, der in der Bundesrepublik erst zwei Jahre später ausgewertet wurde, ist die Bothriechis schlegelii, auch Greifschwanz-Lanzenotter genannt, mit der zweifelhaften Titelrolle betraut worden. Unberuhigenderweise finden sich innerhalb dieser Gattung nicht nur gelbe, sondern auch braune, blaue oder grüne Exemplare, beziehungsweise Mischungen, die allesamt eines gemeinsam haben, nämlich ihre hochgiftigen Eigenschaften und Angriffslust. Die Verwendung als Äquivalent eines eiskalten und tödlichen Jägers kommt dem deutschen Titel sehr zugute und verteilt beinahe schon einige Vorschusslorbeeren, wenngleich sich erst noch herausstellen muss, ob sich dieser unter Regie-Doppelspitze entstandene Vertreter merklich von der üppig vorhandenen Konkurrent abzuheben weiß. Farbgebungen in den Verleihtiteln waren spätestens seit der Edgar-Wallace-Reihe salonfähig geworden, verbreiten dementsprechend einen angenehmen Wiedererkennungswert für den an mehreren Sparten interessierten Zuschauer, der hier ebenfalls mit ein paar bekannten Gesichtern des Kriminal- und Abenteuerfilms versorgt wird. Eine Schlange wird als Synonym für Verbrechen und eiskalten Mord verwendet. Dementsprechend entstehen einige recht atmosphärische Ermordungsszenen, wenngleich den Kinogängern barbarische Todeskämpfe vorenthalten bleiben. In Sachen Brutalität werden daher keine besonderen Register gezogen, was dieser Produktion aber gut zu Gesicht gestanden hätte, da sich hartnäckige Phasen einschleichen, die rein gar nichts von der eleganten und geschmeidigen Fortbewegungsweise einer Viper zu haben wollen.

Die Geschichte wartet mit den üblichen und gleichzeitig gewinnbringenden Zutaten des Genres auf, wobei der Einstieg bereits chaotische und nervöse Zustände in der gefährlichen Verbrecherorganisation andeutet. Die weitere Abhandlung beschäftigt sich somit eher mit einer Art Schadensbegrenzung innerhalb der kriminellen Reihen und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der angeblich beste Mann des FBI diesen Fall lösen und die Hintermänner ausschalten wird. Mit Hellmut Lange ist ein sehr solider und überzeugender Darsteller für die Hauptrolle engagiert worden, der darstellerisch alles tut, um für überzeugende Momente zu sorgen. Leider verläuft ein Großteil der Story viel zu reibungslos und es wirkt hin und wieder so, als fielen Claus van Dongen die Erkenntnisse nur so in den Schoß. Die tödlichen Gefahren sind in diesem Zusammenhang leider nicht konkret genug ausbuchstabiert, sodass "Im Nest der gelben Viper" zu häufig beginnt, vor sich hinzuplätschern. Imposante Kulissen und exotische Schauplätze werten den teils wenig dynamischen Verlauf ausgleichend auf und es ist auch nicht zu leugnen, dass streckenweise ein angemessenes Tempo aufkommt. Die Produktion hat mit einer empfunden schwachen Dramaturgie mit einem weiteren Hemmschuh zu kämpfen, nämlich der Auswahl der hier agierenden Interpreten. Neben Hellmut Lange entsteht eigentlich zu keinem Zeitpunkt irgend ein Eindruck von (darstellerischer) Augenhöhe, was letztlich dem Erzählfluss oder der Brisanz der Veranstaltung schadet. Für angenehme Akzente sorgt die aparte Italienerin Moira Orfei, die sich neben der Schauspielerei auch als Zirkusleiterin und Artistin einen Namen machen konnte. Orfei bedient sich der Mechanismen des Agentenfilms mit einer auffälligen Sicherheit, und insgesamt fabriziert sie einen hohen Wiedererkennungswert, gleichzeitig sogar einen verhaltenen Gegenentwurf bezüglich der gemeinen Femme fatale des Eurospy.

Interessant ist, dass die aparte Dame trotz ihrer einbetonierten Rolle einen Hauch von Geheimnis um sich herum kreieren und bestehen lassen kann, somit eine überdurchschnittliche Performance abliefert. Ihre deutsche Kollegin Adeline Wagner hat aufgrund der Anlegung ihres darzustellenden Charakters das Nachsehen, findet sie sich doch in einem hoffnungslosen Zuschnitt wieder, aus dem es trotz ihrer merklichen Spiellaune kein entrinnen mehr gibt. Massimo Serato und Gérard Landry hinterlassen gut abgestimmte Eindrücke, wobei Peer Schmidt hier leider ziemlich bedeutungslos zurückbleibt und den Verlauf mit keinen zusätzlichen Konturen ausstatten kann. Da die Ermittlungsarbeit des FBI-Mannes immer vehementer zu werden scheint und alle Anzeichen darauf stehen, dass das Schlangennest früher oder später ausgeräuchert wird, entstehen glücklicherweise noch einige Sequenzen, in denen Action und Zweikampf etwas größer geschrieben werden. Insgesamt steuert man definitiv etwas zu glatt auf das erwartete Finale hin, in dem es jedoch noch zu einigen Überraschungen aus der Vergangenheit kommen darf, wenngleich diese wie aus dem Nichts hergezaubert wirken. "Im Nest der gelben Viper" bleibt unterm Strich ein recht durchschnittlicher Vertreter seiner Gattung, der durch einige seiner Schauspieler aufgemöbelt wird. Außerdem können die herrlichen Schauplätze überzeugen, was bei gewissen Unzulänglichkeiten ja gerne wohlwollend Erwähnung finden sollte. Dennoch fehlt es der Story grundlegend an Drive, ausgefeilten Einfällen und Spritzigkeit, wenn nicht sogar Kaltschnäuzigkeit. So geht "Im Nest der gelben Viper" im breiten Angebot gleich gestrickter Beiträge etwas unter, da man als Zuschauer kaum umhin kommt, Vergleiche zur runder wirkenden Konkurrenz zu ziehen. Fans des Genres werden diesem Flick aber sicherlich etwas Gutes abgewinnen können, hält er sich doch immerhin an alle erdenklichen Gesetze des Genres.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Der Turm der verbotenen Liebe (1968)
PostPosted: 18.04.2019 09:43 
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DER TURM DER VERBOTENEN LIEBE

● DER TURM DER VERBOTENEN LIEBE / LE DOLCEZZE DEL PECCATO / LA TOUR DE NESLE (D|I|F|1968)
mit Teri Tordai, Jean Piat, Uschi Glas, Véronique Vendell, Marie-Ange Aniès, Karlheinz Fiege, Franz Rudnick, Jacques Herlin,
Jörg Pleva, Dada Gallotti, Balázs Kosztolányi, Armando Francioli, Georg Markus, Werner Fliege, Károly Mécs und Rudolf Forster
eine Wolf C. Hartwig Produktion der Rapid Film | Filmes Cinematografica | Films EGE | im Constantin Filmverleih
ein Film von Franz Antel


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»Hier hat der Teufel die Hand im Spiel!«

Königin Marguerite de Bourgogne (Teri Tordai) konnte ihre Machtposition in Paris bedeutend ausbauen, da sich ihr Gatte, König Ludwig X, seit einiger Zeit auf Feldzug befindet. Keinen Einfluss scheint sie allerdings auf eine beunruhigenden Mordserie zu haben, die sich in der Nähe eines Turmes abspielt und die die Bevölkerung sehr verunsichert. Oder vielleicht doch? Ein Überlebender namens Buridan (Jean Piat) berichtet von maskierten Frauen und glaubt eine von ihnen auf einem Empfang der Königin wieder zu erkennen: Marguerite selbst! Tatsächlich gibt sich Marguerite an diesem abgeschotteten Ort Ausschweifungen mit jungen Edelmännern hin, die diese heißen Nächte jedoch nicht überleben sollen. Für Buridan wird es erneut gefährlich, da er sein Wissen gewinnbringend einsetzen will...

Der österreichische Regisseur, Produzent und Autor Franz Antel zeigte sich in seiner langen Karriere für über 100 Spielfilme verantwortlich und war zur Entstehungszeit zu "Der Turm der verbotenen Liebe" längst als Initiator für freizügige Stoffe bekannt. Dieser Beitrag soll angeblich auf einer Novelle von Alexandre Dumas dem Älteren basieren, was nach den hier gebotenen Eindrücken jedoch eher wie eine überaus freie Interpretation aussehen will. Die Präsentation kleidet sich in das Gewand des landläufig bekannten Abenteuerfilms, wenngleich es unter Antels Bearbeitung erwartungsgemäß zu gewissen Variationen kommt. Die Geschichte ist somit eng an die seinerzeit gängigen bundesdeutschen Sehgewohnheiten angepasst, sodass der interessierte Zuschauer nicht nur einen aufwändigen Ausstattungsfilm zu sehen bekommt, sondern gleichzeitig einen mit Erotik und ungewöhnlich ausgiebiger Textilfreiheit angereicherte Geschichte, deren Verlauf eine Doppelstrategie im Rahmen des Aufgreifens geschichtlicher Zusammenhänge und dem genüsslichen Verbreiten zweideutiger Anspielungen fährt. Mit einem Produktionsbudget von über zwei Millionen D-Mark und einem Großverleih im Rücken, konnte qualitativen Ansprüchen Genüge getan werden. Ursprünglich war der Film mit unterschiedlichen Stabsangaben bereits für die Saison 1966/67 angekündigt worden. Unter anderem sollten beispielsweise Sylva Koscina, Horst Frank, Harald Leipnitz, Pascale Petit, Eddi Arent oder Karin Dor unter einem anderen Regisseur agieren, was trotz dieser interessant klingenden Alternativen nicht zustande kommen sollte. Als Zugpferd der Antel'schen Produktion fungiert schließlich "Frau Wirtin"-Star Teri Tordai, die in dieser Melange aus mehreren Genres nicht nur ihre hüllenlose Qualitäten, sondern auch mehrfach ihre Leinwand-Dominanz unter Beweis stellen wird.

Im Sinne der Zugkraft als Publikumsmagnet dürfte Uschi Glas ihrer ungarischen Kollegin in nichts nachgestanden haben, allerdings funktioniert ihre Rolle als Gegenentwurf leider nicht effektiv, da die Deutsche sich dem Konzept des Films gewissermaßen unmotiviert beugt. Als Musterbeispiel der Zugeknöpftheit stellt Glas' Darbietung schließlich kaum einen Mehrwert für diese Produktion dar, obwohl ihr im späten Verlauf noch eine Schlüsselfunktion zuteil wird. Im Vergleich mit Tordai hinkt sie daher im Wesentlichen hinterher. Nicht etwa, weil die Freizügigere der beiden gerade in diesem Zusammenhang mehr anzubieten hat, sondern weil sie sich in Sachen Spiellaune und Präsenz einfach mehr in den Fokus rücken kann. Uschi Glas gelingt dieser Ausbruch aus Pauker- und Schätzchen-Filmen daher nicht und es bleiben hartnäckige Eindrücke der Belanglosigkeit zurück. Andere Register kann ihr französischer Partner Jean Piat ziehen, der die Szenerie auf männlicher Seite sehr gut ausfüllen kann. Seine Agilität kann den Verlauf immer wieder in rasante Phasen manövrieren, was das markante Tempo merklich unterstreicht. Viele zeigefreudige Damen staffieren das Szenario immer wieder ansprechend aus, doch es geht keineswegs nur um eine erotisch gefärbte Abhandlung, sondern es sind tatsächlich auch ein paar ernste Untertöne wahrzunehmen, wenngleich diese zunächst nicht die prominenteste Rolle spielen. Im Kreise der Entourage ist vielleicht noch Alt-Star Rudolf Forster zu erwähnen, der zwar nur eine kleine, aber gleichzeitig seine letzte vollendete Rolle zum Besten gibt. Mit hoheitsvoller Aura und der immer noch auffälligen Präsenz seiner Person kann der geschätzte Darsteller seinen doch übersichtlich ausgefallenen Auftritt in bekannter Manier ausbuchstabieren. Rudolf Forster starb wenig später, noch während der Dreharbeiten zu Hans Schott-Schöbingers Spielfilm "Von Haut zu Haut".

Alle Wege und Umwege führen hier buchstäblich zu der vor Schönheit geradezu strahlenden Teri Tordai, die aber nicht alleine dafür verantwortlich sein sollte, sich diesen nicht uninteressanten Streifen anzuschauen. Sicherlich vermischt Franz Antel die Story ganz nach Art des Hauses mit allerlei zeitgenössischem Kolorit, was aber nicht gleichzeitig heißt, dass die Abhandlung auf der Strecke bleibt. Eher nimmt man erstaunt das Gegenteil wahr, denn es zeigen sich immer wieder dichte Phasen der Ernsthaftigkeit. Dass es sich unterm Strich aber um ein zweigleisig fahrendes Hybrid handelt, lässt sich nicht wegdiskutieren. Rasante Strecken sorgen für eine durchgehende Spannung, sodass der Verlauf sich nicht mit Durchhängern auseinandersetzen muss. Auch liebäugelt die Produktion immer wieder mit geschichtlichen Zusammenhängen, um vielleicht am bitteren Ende nicht in eine bestimmte Schublade verfrachtet zu werden. "Der Turm der verbotenen Liebe" lässt einen vielleicht etwas zu lange in der Schwebe, bis das persönliche Urteil gefällt wird, doch stehen und fallen derartige Produktionen stets mit der Dosierung und dem Angebot. Dieses wirkt hier in der Tat reichhaltig genug, um von Anfang bis Ende überzeugen zu können, und auch der immer um Ausgleich bemühte Verlauf bietet einiges zwischen Kurzweiligkeit und Drama an. Lediglich bei der Schauspielführung hätte es in einzelnen Fällen etwas geordneter zugehen dürfen. Der Weg zum dramatisch angelegten Finale wird zwischenzeitlich mit musikalischen Themen untermalt, die in deutschen Western und "Dr. Fu Man Chu"-Filmen zu finden waren, und am Ende stellt sich tatsächlich heraus, dass die Geschichte nicht nur mit überraschenden Wendungen und komplexen Verschachtelungen aufzuwarten versucht, sondern dass insgesamt ein hoher Aufwand betrieben wurde. Mit "Der Turm der verbotenen Liebe" blickt man sicherlich auf eine von Franz Antels besseren Verfilmungen. Ansprechend und unterhaltsam.


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 Post subject: Peter Strohm - Freunde Zahlen nie (1991)
PostPosted: 20.04.2019 01:36 
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● PETER STROHM | FOLGE 26 | FREUNDE ZAHLEN NIE [TEIL I] (D|1991)
mit Klaus Löwitsch, Jörg Pleva, Klaus Dittmann, Claudio Maniscalo, Mario Piras, Emilio De Marchi, u.a.
als Gäste: Pinkas Braun und Eva Renzi
eine Prduktion des NDR | ARD | ORF | SRG
Regie: Lutz Büscher



Ein freundschaftlicher Smalltalk zwischen Peter Strohm (Klaus Löwitsch) und einem italienischen Restaurantbesitzer wird plötzlich von zwei Männern überschattet, welche ihr monatliches Schutzgeld im Lokal abkassieren. Der Privatdetektiv nimmt den Männern die Beute jedoch umgehend wieder ab, was dem Auslösen einer Kettenreaktion gleichkommt. Peter Strohm ist an den Hintermännern interessiert und begibt sich zu einer alten Freundin namens Beate Petzold (Eva Renzi), die einen stadtbekannten Amüsierbetrieb leitet. Ihr Mann arbeitete einst als V-Mann für Strohm, kam jedoch unter mysteriösen Umständen zu Tode. Beate soll Strohm mit einigen ihrer Mitarbeiter aushelfen, die ihn beim Beschützen der Pizzeria unterstützen sollen. Doch Beate fährt eine Doppelstrategie, da sie auch Kontakte zu Francesco Durutti (Pinkas Braun) unterhält, einem bekannten Gesicht der Mafia. Will sich die attraktive Bar-Besitzerin in Eigenregie für den Tod ihres Mannes rächen, oder steht sie auf der Gehaltsliste der Kriminellen? Für Peter Strohm ergeben sich immer mehr Zusammenhänge, die schließlich das Mosaik einer Tragödie bilden...

Das idyllisch wirkende Panorama Hamburgs wird schnell von dunklen Alltagsgeschäften rund um Einschüchterung und Schutzgelderpressung überschattet, sodass Peter Strohm seinen neuesten Fall im netten italienischen Restaurant auf einem Silbertablett serviert bekommt. Der Inhaber und er sind so etwas wie alte Freunde, wodurch bereits allein die Hilfestellung des Privatdetektivs gewährleistet wird. Hinzu kommt natürlich die grassierende Ungerechtigkeit, die dem ehemaligen Polizisten Strohm ohnehin ein Dorn im Auge ist. Die Tatsache, dass er die Eintreiber des Schutzgeldes mit dem unmittelbaren Abnehmen der Summe mithilfe seines vorgehaltenen Colts empfindlich brüskiert, lässt den Zuschauer nichts Gutes erahnen, denn dieser Affront gegen Mafia-Strukturen wird erwartungsgemäß ein böses Nachspiel haben. Die Liste der alten und immer noch sehr hilfreichen Kontakte des privaten Ermittlers scheint dem Empfinden nach unendlich lang zu sein, sodass sich der direkte Weg in einen einschlägig bekannten Amüsierbetrieb namens "Désirée", deren Chefin für ihn keine Unbekannte ist, von alleine erklärt. Die schnelle Vorstellung der wichtigen Personen geschieht geradezu vorwarnend, denn die potentiellen Gefahren scheinen hier besonders greifbar zu sein. Bandenkriege, Drogen, Geldwäsche, Erpressung, Abhängigkeitsverhältnisse, isolierte Familienbande und Mord à la carte bilden in "Freunde zahlen nie" den Stoff, aus dem die lukrativen Geschäfte gemacht sind. Regisseur Lutz Büscher stattet diesen Einstieg in seinem turbulenten Zweiteiler mit einer besonders stichhaltigen und brisant anmutenden Atmosphäre aus. Viele Szenen finden beispielsweise in italienischer Sprache statt und lassen den Zuschauer trotz deutscher Untertitelung in gewisser Weise zum Außenstehenden werden, da man stets suggeriert bekommt, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft für Familienmitglieder handelt.

Fremde werden ihres Gebrauchs halber dennoch dienstbar gemacht, jedoch scheint die Distanz von der Gehaltsliste bis hin zur Abschussliste im Zweifelsfall nicht gerade sehr weit auseinanderzugehen, da nur ein einziges Credo zu existieren scheint: Wer nicht für "la famiglia" und deren Gebote ist, stellt sich automatisch gegen sie. In diesem Zusammenhang steht auch die offensichtliche Doppelstrategie der Beate Petzold alias Eva Renzi auf der Kippe, und es wird zur brisanten Frage, ob der Privatdetektiv die immer noch attraktive Dame als Goldfisch unter Haien trotz ihrer Zweigleisigkeit auch ihm gegenüber vor Schlimmerem bewahren kann. Der erste Teil von "Freunde zahlen nie" bietet schließlich sehr interessante Verstrickungen an, die mit fortlaufender Zeit eher als ausweglos angesehen werden, denn schließlich bekommt man an allen Ecken und Enden nur Widerstände angeboten, die in Gewaltspitzen gipfeln. Hinzu kommt ein nebulöses Netzwerk des Verbrechens, welches zu unterminieren einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt. Die Episode beginnt wie erwähnt mit kleineren Alltagsgeschäften; die Abgabe von ein paar hart erwirtschafteten Hundertern, um sich der schützenden Arme der unfreiwilligen Freunde sicher zu sein. Es kann betont werden, dass Klaus Löwitsch bereits seit Beginn der Serie in dieser leibgeschneiderten Rolle aufgeht, dabei nicht nur für die charakteristischen Momente der Serie sorgt, sondern auch für Action und Tempo. Sein Ermittlungsstil darf als wirksam beschrieben werden und zwar in einer Art und Weise, die wohl zu unwirsch für die Polizei gewesen ist. Natürlich weiß der treue Zuschauer, dass auch persönliche Motive, beziehungsweise solche privater Natur, für diesen entscheidenden Cut gesorgt hatten. Strohm vergisst nie, wer seine Freunde sind oder waren, aber er erinnert sich auch stets an seine Feinde und Widersacher. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Gast-Rollen von Pinkas Braun und Eva Renzi sehr erfreulich.

Für Privatdetektiv Strohm erfordert die tägliche Arbeit mit kriminellen Elementen schließlich naturgemäß eine Art Unempfindlichkeit sowie Kaltschnäuzigkeit, die sich in vielen Situationen als Lebensversicherung herausstellen soll; natürlich auch hier. Seine Gegenspieler agieren nicht vollkommen versteckt und im Dunkeln, aber sie machen kurzen Prozess und schreiten wenn es sein muss, brachial zur Tat. Die Drahtzieher sind gut abgeschirmt und führen ein unauffälliges Leben in ihren Villen und zeigen sich in der Öffentlichkeit als Wohltäter und Mäzene. Die Wässerchen haben in der Praxis andere zu trüben und die Maschinerie ist letztlich so gefährlich, da sie bis ins kleinste Detail organisiert ist. In diesem Sinn wird Pinkas Braun ein denkwürdiger Auftritt zuteil, man bekommt in darstellerischer Hinsicht sehr Authentisches geboten. Besondere Momente ergeben sich im Konfrontationsmodus, etwa wenn die Pizzeria durch zahlreiche Mitglieder der Bande aufgemischt wird, diese wiederum von Peter Strohm und Beate Petzolds ausgeliehenen Kumpanen, bis die Luft brennt und sich atmosphärisch eine Explosion abzeichnet. Währenddessen versucht jeder noch so kleine Fisch seine eigenen Angelegenheiten zu bereinigen, bis sich herauskristallisiert, dass sich im Rahmen der vorgeschobenen Loyalität jeder selbst der Nächste ist. "Freunde zahlen nie" haut bereits im ersten Teil ordentlich auf den Putz und die italienisch angehauchte Aura stellt sich als ein besonders gutes Aushängeschild dieser Episode heraus. Da die Weichen hier gegen Ende noch ziemlich eindeutig gestellt werden, darf man die Fortsetzung, ebenfalls entstanden unter Lutz Büschers Regie, mit Spannung erwarten, da es quasi in der Luft zu liegen scheint, dass es ans Eingemachte gehen wird, in der Hoffnung, dass sich die großen Hintermänner aus der Reserve locken lassen. Zusätzlich hallt das Ende dieser Folge in tragischen Schauern irgendwie nach, da aus Tomatensoße echtes Blut wird und es bis zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht die Richtigen getroffen hat.


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 Post subject: Ein Pechvogel namens Otley (1969)
PostPosted: 23.04.2019 22:01 
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EIN PECHVOGEL NAMENS OTLEY

● OTLEY / EIN PECHVOGEL NAMENS OTLEY (GB|1969)
mit Tom Courtenay, Romy Schneider, Alan Badel, Leonard Rossiter, James Bolam, Fiona Lewis, Freddie Jones,
James Cossins, James Maxwell, Ronlald Lacey, Damian Harris, Phyllida Law, Bernard Sharpe und James Villiers
eine Produktion der Bruce Cohn Curtis Films Ltd. | Open Road Films
ein Film von Dick Clement


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»I don't know anything!«

Der Überlebenskünstler und Freigeist Gerald Arthur Otley (Tom Courtenay) kommt wegen der Suche nach einer Bleibe für eine Nacht in große Schwierigkeiten, denn am nächsten Morgen wird er neben der Leiche seines Bekannten angetroffen und gerät unter Verdacht. Sein Freund war zudem kein unbeschriebenes Blatt, denn er verdiente sein Geld mit Indiskretionen, beziehungsweise dem Weiterleiten geheimer Staatsgeschäfte. Bevor sich Otley versieht, befindet er sich inmitten eines Mord- und Spionagefalls. Um sich rehabilitieren zu können, wird er von Scotland Yard zur Klärung des Falls eingespannt und bekommt die attraktive Agentin Imogen (Romy Schneider) zur Seite gestellt, die ihm zusätzlich gehörig den Kopf verdreht. Otley gerät immer tiefer in den Strudel des Verbrechens, bis er sich mit den Drahtziehern der mysteriösen Angelegenheit konfrontiert sieht...

Der Regisseur Dick Clement gilt als einer der erfolgreichsten Filmautoren Großbritanniens und konnte sich in seiner Karriere vor allem in diesem Bereich einen Namen machen. Die Spielleitung für Kinofilme übernahm der Engländer nur sehr sporadisch und erstmals 1968 in "Ein Pechvogel namens Otley", der sich als recht gelungene, wenn auch wenig beachtete Agentenparodie empfiehlt, dabei über typische Charakteristika und Stereotypen des Genres verfügt. Der deutsche Titel will bereits im Vorfeld eine Art Marschrichtung andeuten und im weiteren Verlauf stellt sich eindeutig heraus, dass viele Gegebenheiten genüsslich auf die Schippe genommen werden. Interessant hierbei ist die offensive Verwendung und Überspitzung eines sehr trockenen britischen Humors, der die Produktion nicht nur mit einer Art Seele ausstattet, sondern sie über weite Strecken geistreich dominiert. Die Titelfigur hangelt sich von einer suboptimalen Situation zur nächsten, ahnt jedoch noch nicht, dass ihm ein richtiger Schlamassel bevorsteht, der das Leben nicht nur noch anstrengender macht, sondern wesentlich bedrohlicher, da er unfreiwillig an die falschen Leute gerät. Als sympathischer Protagonist funktioniert Hauptdarsteller Tom Courtenay wirklich hervorragend und er bringt die gesamte Veranstaltung mit Leichtigkeit über die Ziellinie, zwischenzeitlich natürlich auch durch jede noch so turbulente oder konstruierte Situation. Gerald Otley wacht plötzlich in einer Art Alptraum auf, der sich allerdings nicht als solcher darstellt, da man es schließlich mit einer sehr ausgefeilten parodistischen Route zu tun bekommt, der trotz sehr guter Pointen im Endeffekt das gewisse Etwas zu fehlen scheint. Dies bleibt hier aber wohlgemerkt ein Luxusproblem. Dass sich dieser verhaltene Eindruck trotz der wirklich guten Ausarbeitung doch etablieren kann, liegt vielleicht ein bisschen daran, dass einigen Erwartungshaltungen nicht Genüge getan wird und man als Zuschauer im Gros zu reibungslos durch alle auftauchenden Turbulenzen geführt fühlt.

Dieser sporadische Eindruck soll das gut schmeckende Wässerchen aber keinesfalls trüben, denn der Verlauf spart nicht mit ausgiebiger Situationskomik und für das Format förderlichen Einfällen. Im Rahmen der Überzeichnung der Charaktere hält man sich deutlich an die Schablonen landläufig bekannter Agenten-Filme, sodass die Darsteller genügend Raum zur Verfügung gestellt bekommen, auf ihrer großen, nicht immer mit bitterem Ernst geebneten Bühne aufzutrumpfen. Dies gilt vor allem für Tom Courtenay, der sich insbesondere durch seine gut choreografierte Gestik und Mimik hervortun kann, sich in den richtigen Situationen auch für keinen Spaß oder temporeiche Einlagen zu schade ist. Der Ideenreichtum der Geschichte fällt genau wie die ausgezeichnete Bildgestaltung sehr positiv auf, die in Verbindung mit musikalischer Untermalung und schnellen Schauplatzwechseln zu einem runden Gesamtbild führen. Wenn schon einiges passiert ist und mehrere Weichen gestellt sind, taucht plötzlich eine gut aufgelegte und nicht immer durchschaubare Romy Schneider als Imogen im Geschehen auf, die nach zweijähriger Babypause ihr Comeback gab. Weitere bekannte Interpreten, wie etwa James Villiers oder Alan Badel, sorgen für punktgenaues Schauspiel und sind tatkräftig dabei behilflich, dieses interessante Tauziehen mit erinnerungswürdigen Nuancen auszustatten. Wenn das anschauliche und stark inszenierte Finale über die Bühne gegangen ist, sich weitgehend alle Verstrickungen aufgelöst haben und die Zeit für Unverbindlichkeiten gekommen ist, kann "Ein Pechvogel namens Otley" sicherlich zu den gelungeneren Agentenparodien gezählt werden, an der vielleicht ein wenig der Makel anhaften bleibt, sich insgesamt etwas zu unbeschwert präsentiert zu haben. Für Freunde der Darsteller oder potentielle Interessenten solcher Flicks kommen tatsächlich festähnliche Sequenzen auf, die als denkwürdige und amüsante Bruchstücke in der Erinnerung zurückbleiben werden. Dick Clement hat rückblickend vielleicht keinen großen Klassiker des Genres erschaffen, doch eine gelungene Abwechslung in schillernden Bildern allemal.


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 Post subject: Friedhof der Kuscheltiere 2 (1992)
PostPosted: 26.04.2019 20:04 
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FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE 2

● PET SEMATARY II / FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE 2 / FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE II (US|1992)
mit Edward Furlong, Anthony Edwards, Jason McGuire, Clancy Brown, Darlanne Fluegel, Jared Rushton, Lisa Waltz, u.a.
eine Produktion der Columbus Circle Films | im Verleih der UIP
ein Film von Mary Lambert


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»Der Tod ist besser!«

Der ohnehin verschlossene Teenager Jeff (Edward Furlong) muss mit ansehen, wie seine Mutter, die Schauspielerin Renee Hallow (Darlanne Fluegel), am Filmset ums Leben kommt. Sein Vater Chase (Anthony Edwards) ist der Ansicht, dass dem Jungen ein Ortswechsel gut tun würde. Daher ziehen die beiden in ihr Ferienhaus auf dem Land. Doch Jeff findet schwer Anschluss und wird in der Schule gemobbt, freundet sich allerdings mit Drew (Jason McGuire) an, der wiederum unter seinem Stiefvater Gus (Clancy Brown) zu leiden hat, da dieser mit eisernem Besen kehrt. Als Gus eines Nachts vor Wut Drews Hund erschießt, kommt der Junge auf eine folgenschwere Idee. Der Legende nach soll es in der Nähe nämlich einen verbotenen Ort geben, an dem Tote wieder zum Leben erweckt werden können...

Die US-amerikanischen Regisseurin Mary Lambert konnte im Jahr 1989 mit "Friedhof der Kuscheltiere" einen immensen, internationalen Kassenerfolg landen und es handelt sich bis heute um eine der kommerziell erfolgreichsten Verfilmungen nach Romanvorlagen von Stephen King. Da die Erfolgswelle seinerzeit sicherlich noch hoch genug war, um an bestehende Erfolge anknüpfen zu können, dauerte es nur wenige Jahre, bis eine Fortsetzung ins Rennen geschickt wurde. Erneut entstanden unter Lamberts Regie, blickt man auf einen Film, der in der allgemeinen Rezeption weniger positiv aufgenommen wird, was nicht zuletzt an der hohen Messlatte, aber auch an der hier zustande gekommenen Umsetzung liegen mag. Der zweite Teil setzt schließlich noch mehr auf eindeutige Effekte und weniger Doppelbödigkeit, kann aber beim genauen Betrachten seine zweifellos vorhandenen Stärken preisgeben. Ein großer Vorteil lässt sich aus der Empfindung herleiten, dass es sich um keine Fortsetzung der klassischsten Sorte handelt, denn der Film ist um eine eigene Identität bemüht und unternimmt nur sporadische Blicke in die Vergangenheit. Eigentlich hat man es bei derartigen Voraussetzungen angesichts des Settings rund um die teuflische Macht des Friedhofs eine Art Endlosschleife zur Verfügung stehen, woraus sich unzählige weitere Teile hätten produzieren lassen. Nach diesem Versuch war allerdings Schluss mit dem weiteren Aufgreifen der Grundthematik, was möglicherweise am verfehlten Erfolg liegen mag. Diese Geschichte beginnt tragisch, wenn nicht sogar theatralisch, denn menschliches Versagen fordert ein unschuldiges Opfer, dem noch eine perfide Schlüsselrolle zukommen wird. In diesem Zusammenhang und ebenso generell lässt sich sagen, dass Lambert auf sehr beunruhigende Effekte setzt, die hin und wieder die Grenzen des guten und schlechten Geschmacks zumindest auszuloten versuchen.

Doch Fans werden sich sagen, dass sie sie genau deswegen auf dieses Spektakel einlassen und zu schätzen wissen. "Friedhof der Kuscheltiere 2" versucht glücklicherweise nicht, sich vom Vorgänger zu emanzipieren oder gar distanzieren zu wollen, schlägt allerdings eigene Wege ein, wenngleich immer wieder Querverbindungen gezogen werden. Letztlich würde diese komplette Konstruktion auch ohne jegliches Vorwissen funktionieren, was den Verlauf mit einer spürbaren Kraft ausstattet. Hin und wieder gewinnt man den Eindruck, dass der Film ein Stück weit stumpf und seelenlos bleiben möchte, insbesondere wenn in sehr unappetitlicher Manier auf die Tube gedrückt wird. Die Brisanz des kompletten Verlaufs ergibt sich letztlich aus der Tatsache, dass eine klassische Abwärtsspirale gezeichnet wird, die unausweichlich in eine Katastrophe zu führen hat. Die Charaktere tragen einen Löwenanteil dazu bei, dass sich ein breiter Pessimismus einschleicht. Insbesondere Edward Furlong überzeugt innerhalb seiner auffälligen Lethargie und es ist zu erahnen, dass man sich mit diesem eigentlich berechenbaren jungen Burschen auf einiges gefasst machen darf. In diesem Zusammenhang werden einige Phasen geschildert, die anscheinend mit dem Holzhammer geschrieben wurden, insbesondere, wenn es Beteiligten an den Kragen gehen muss, die man doch gerade erst als Sympathieträger identifiziert hatte. Denkwürdige Momente liefern Darlanne Fluegel, deren Darbietung interessante Wechselspiele zwischen Zerbrechlichkeit und gespenstischer Aura anbietet, oder Clancy Brown, der einen in abstoßender Manier nicht nur das Fürchten, sondern auch den blanken Ekel lehren will. Wohldosierte Schockmomente, ein Hauch von Tragik und Widernatürlichkeit machen dieses Spektakel zu einer gelungenen Angelegenheit, das alle Gesetze des Horrorfilms beachtet, sich dabei resolut und stilsicher bis zum fulminanten Finale arbeitet. Immer wieder gerne gesehen!


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 Post subject: Herr Soldan hat keine Vergangenheit (1972)
PostPosted: 30.04.2019 23:37 
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HERR SOLDAN HAT KEINE VERGANGENHEIT

● HERR SOLDAN HAT KEINE VERGANGENHEIT (D|1972) [TV]
mit Siegfried Lowitz, Dieter Weiler, Heini Göbel, Hans Schellbach, Carola Erdin und Ruth Maria Kubitschek
eine Produktion des Südwestfunks
ein Fernsehfilm von Joachim Hess


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»Ich gehe kein Risiko mehr ein!«

Der dreizehnjährige Bernd Knauer (Dieter Weiler) ist nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt und aufgrund seines Handicaps ein Außenseiter. Zwar hat er in der Schule einen kleinen Freundeskreis, doch er verliert immer mehr den Anschluss. Eines Tages lernt er einen älteren Herrn namens Soldan (Siegfried Lowitz) kennen, in dem er einen väterlichen Freund findet. Doch es ist nicht viel bekannt über den Fremden, der ebenfalls wie ein Außenseiter wirkt. Nach einigen Recherchen in der Bibliothek findet Dieter heraus, dass Herr Soldan eine kriminelle Vergangenheit hat, da er in einen schweren Raub verwickelt und deswegen in Haft war. Plötzlich kommt der Junge auf die Idee, den Mann mit falscher Identität zu erpressen: entweder will er ihn hochgehen lassen, oder mit ihm gemeinsam ein neues, perfekt duchgeplantes Verbrechen begehen. Wie wird der in die Enge getriebene Soldan auf dieses Ultimatum reagieren..?

Der unausschöpflich erscheinende Fundus deutscher TV-Produktionen erweist sich immer wieder als eine ergiebige Fundgrube für besondere Geschichten. Auch dieses von Joachim Hess inszenierte Kriminal-Drama zeigt sich unter seiner unaufgeregten Leitung als außergewöhnliches Überraschungspaket, das bereits nach kürzester Dauer überzeugen kann. Die große Stärke des Verlaufs bleibt seine breit angelegte Unberechenbarkeit, obwohl sich dies nicht immer in den Hauptakteuren widerspiegeln will. Für den Zuschauer entsteht ein ungleich wirkendes Tauziehen, bei dem es bis zum bitteren Ende nicht ersichtlich ist, wer sich in den Abgrund ziehen lässt. Ein querschnittsgelähmter Jugendlicher wird trotz guter Anschlussmöglichkeiten immer mehr zum Alleingänger, da ihn seine stark eingeschränkten Bewegungskompetenzen immer weiter hinterher hinken lassen. Seine gleichaltrigen Schulkollegen bieten ihm dem Empfinden nach einen normalen und unkomplizierten Umgang an, doch es findet sich niemand, mit dem man über seine innere Gefühlswelt sprechen kann. Plötzlich ist dort ein väterlicher Freund, der durch die behutsame Inszenierung glücklicherweise über jeglichen Verdacht erhaben ist, irgend etwas anderes als aufrichtige Freundschaft von dem Jungen zu wollen. Der dreizehnjährige Bernd sorgt sogar für Transparenz bei seinen Eltern, die Herrn Soldan wenig später zu sich nach Hause einladen und diesen in mehrere gemeinschaftliche Aktivitäten integrieren. Alles scheint ganz normal oder in geraden Bahnen zu verlaufen, aber dennoch umgibt den wesentlich älteren Herrn eine geheimnisvolle Aura, die es zu durchbrechen gilt. Die Inszenierung lässt sich genügend Zeit, um subtile Phasen der Spannung entstehen zu lassen und für ausgiebige Vorstellungen der Personen zu sorgen.

Dies geschieht unter strenger Berücksichtigung einer klassischen Erzählstruktur, die sich den Luxus von zahlreichen Wendungen und Twists erlaubt, den Zuschauer außerdem wissentlich in die Schusslinie manövriert. Der Titel dieser TV-Produktion ist mit zynischer Doppeldeutigkeit ausgestattet und zielt nicht unbedingt die bevorstehende Brisanz ab, die einen mit den Hauptdarstellern Siegfried Lowitz und Dieter Weiler erwartet. Hierbei sind die darstellerischen Fähigkeiten als bemerkenswert zu bezeichnen, was sowohl auf den Routinier Lowitz als auch auf den Laien Weiler zutrifft. Das Schicksal hat bereits vor dieser Geschichte gewütet und die Weichen für den weiteren Lebensweg nicht gerade günstig gestellt. Wenn man so will schlägt es aber erneut mit voller Intensität zu, bringt die beiden Protagonisten zusammen und kettet sie förmlich aneinander. Ein stoisch agierender Siegfried Lowitz glänzt in seinem Umfeld nicht gerade durch die empathischsten Fähigkeiten, wirkt streckenweise mürrisch und zurückweisend, sodass es verwunderlich erscheint, dass er überhaupt einen so engen Draht zu dem Jugendlichen aufbauen konnte. Oder war es möglicherweise umgekehrt? Eine Begründung dafür ist sicherlich in gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu finden, da der Ältere den Anschluss verloren hat, der Jüngere an diesem festhalten will. Je besser man sich kennenlernt und mehr man sich für den Anderen interessiert, desto eher schwindet die geheimnisvolle Aura des Mannes, der sich Soldan nennt. In späten Phasen des Verlauft glaubt man daher, eine unsichtbare Schlinge zu sehen, die sich immer enger um seinen Hals legt und ihm dabei die Luft abzuschnüren droht. Mit der immer deutlicher werdenden Transparenz baut sich gleichzeitig eine Art Unberechenbarkeit auf, die den Jungen in eine deutlich auszumachende Gefahrenzone rückt.

Immerhin steht ab sofort eine unbehelligte Existenz auf dem Spiel, auch wenn man sich freundschaftlich verbunden fühlt. Vieles in diesem Verlauf will man kategorisch ausschließen, da es empfundenermaßen die Grenzen herkömmlicher Inszenierungen überschreiten würde, denn immerhin handelt es sich bei Bernd um eine im doppelten Sinn wehrlose Person. Hinzu kommt einer von Soldans alten Kontakten aus dem kriminellen Milieu, welcher sich als ungeduldiger Aggressor herausstellt, der nicht lange herumfackelt. Die immer deutlicher werdende Konfrontation läuft schließlich darauf hinaus, dass es keinen Ausweg mehr zu geben scheint und nur zu einem bestimmten Punkt zulaufen kann, doch Joachim Hess behält sich Überraschungen vor. Neben den bereits erwähnten Personen, die so gut wie die volle Distanz dieser TV-Produktion tragen, sind zusätzlich beliebte Darsteller in kleineren Rollen zu sehen, die ausstaffierend wirken. Ruth Maria Kubitschek oder Heini Göbel zeichnen das eigentlich behütende Umfeld des Jungen sehr schematisch, und bleiben aufgrund ihrer besonderen Präsenz in angenehmer Erinnerung. Interessant ist, dass der behandelte Kriminalfall offenbar Jahre zurückliegt, aber gleichzeitig als Ursprung für einen potentiellen dient, von dem es aber bis zum Ende nicht klar sein wird, ob er tatsächlich stattfindet. Als Zuschauer zieht man hier jedenfalls einige Möglichkeiten in Betracht, hält viele jedoch für absurd, was der allgemeinen Spannung sehr zuträglich ist. Regisseur Joachim Hesss zeichnete mit "Herr Soldan hat keine Vergangenheit" ein sehr interessantes Portrait, das unabhängig vom möglichen Ausgang sehr bitter nachhallt und für eine TV-Produktion insgesamt sehr ungewöhnliche Register zieht. Ausgeliehene Elemente aus Kriminalfilm, Drama und sogar Thriller stehen konträr zu der ruhigen Bearbeitung, die letztlich durch und durch überzeugend wirkt.


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 Post subject: Der Schatz der Azteken (1965)
PostPosted: 03.05.2019 12:00 
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● DER SCHATZ DER AZTEKEN / I VIOLENTI DI RIO BRAVO / LES MERCENAIRES DU RIO GRANDE (D|I|F|1965)
mit Lex Barker, Gérard Barray, Rik Battaglia, Michèle Girardon, Theresa Lorca, Alessandra Panaro, Fausto Tozzi, Gustavo Rojo,
Friedrich von Ledebur, Hans Nielsen, Jean-Roger Caussimon, Kelo Henderson, Djordje Nenadovic, Jeff Corey und Ralf Wolter
eine Produktion der cCc Filmkunst | Serena | Franco London Films | Avala Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Robert Siodmak


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»Wenn er am leben bleibt, wird er unser Geheimnis verraten!«

Der Geheimkurier Doktor Karl Sternau (Lex Barker) ist als Gesandter des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (Jeff Corey) zur Unterstützung der mexikanischen Regierung in das Krisengebiet gereist. Vor Ort soll der deutsche Arzt dem mexikanischen Präsidenten Benito Juárez (Fausto Tozzi) finanzielle Unterstützung im Befreiungskampf gegen die französische Fremdherrschaft zusichern, die gegen den Willen der Bevölkerung Erzherzog Maximilian von Österreich als Kaiser des Landes einsetzten. Das ambitionierte Vorhaben wollen einige Widersacher wie beispielsweise Marschall Bazaine (Jean-Roger Caussimon) und dessen Spionin Josefa (Michèle Girardon) vereiteln, außerdem konspiriert ihr Geliebter Alfonso (Gérard Barray), Sohn des Grafen Don Fernando de Rodriganda y Sevilla (Friedrich von Ledebur), im Hintergrund. Um Sternau aus dem Weg zu räumen, lässt er ihn vor ein französisches Kriegsgericht stellen, das ihn zum Tode verurteilt. Eines haben alle gemeinsam; sie suchen nach dem sagenumwobenen Schatz der Azteken...

Nachdem die Karl-May-Filmwelle 1962 mit dem Rialto-Film "Der Schatz im Silbersee" ins Rollen gekommen war, entschied sich Artur Brauner bereits 1964 dafür, ebenfalls Produktionen frei nach Motiven von Karl May durch seine cCc Filmkunst in die Kinos zu bringen. Der Debütfilm des Berliner Produzenten, "Old Shatterhand", wurde seinerzeit unter enormem Zeitdruck und widrigen Produktionsbedingungen in die Kinos gepeitscht und konnte nicht an die überwältigenden Erfolge der Rialto-Adaptionen anknüpfen. Es lässt sich jedoch sagen, dass Brauners Spürnase wie immer sehr wachsam war, er im Endeffekt jedoch nur als zweite Garnitur wahrgenommen wurde. 1965 wurden die Projekte "Der Schatz der Azteken" und "Die Pyramide des Sonnengottes" in Angriff genommen, die sich stilistisch und thematisch gesehen deutlich von den von Horst Wendlandt produzierten Filmen unterscheiden. In der Rückschau wurden Brauners Variationen von Publikum und Presse beinahe verhalten bis ablehnend aufgenommen, was wohl damit zu erklären ist, dass der Kinogänger die eher freien Interpretationen mit Märchencharakter zu schätzen wusste. Die Geschichten rund um den mexikanischen Bürgerkrieg sind enger an den Romanvorlagen des deutschen Schriftstellers orientiert, auch bieten sie eine bedrohlichere Atmosphäre an; doch der Stempel der Nachahmung blieb präsent. Für beide Teile wurde der international erfahrene Regisseur Robert Siodmak verpflichtet, der den Filmen zumindest zu einem deutlicheren europäischen Flair verhelfen konnte, was sich nicht zuletzt in der Besetzungsliste bestätigen wird. Das Konzept, weniger Sentimentalität und mehr Härte zu verwenden, geht bereits in "Der Schatz der Azteken auf" und findet in seinem Nachfolger seine Vollendung. Alles wirkt ein bisschen weniger theatralisch und verklärt, womit man sich vom Prinzip her erfolgreich gegen die Konkurrenz stellte.

Bereits der Einstieg deutet an, dass man sich im Zusammenhang mit gewissen Personen auf eine härtere Gangart gefasst machen darf, sodass sich schnell ein angemessenes Tempo zeigt, in dem es nicht versäumt wird, für vage Erklärungen über den geschichtlichen Zusammenhang zu sorgen. Auffällig ist insgesamt, dass die Bildgewalt dieses Beitrags vollkommen konträre Stimmungen und eine empfunden realistischere Atmosphäre als in den Alpha-May-Filmen fabrizieren kann, obwohl ebenfalls an Schauplätzen im ehemaligen Jugoslawien gedreht wurde. Die zwar schablonenartige Einteilung in Gut oder Böse kann ihre volle Überzeugungskraft aufbauen, da man es mit sehr unterschiedlichen Charakteren zu tun hat, die mehrdimensional zu agieren wissen. Lex Barker, als Doktor Sternau, diplomatischer Kurier des Fürsten Bismarck und geheimer Gesandter des amerikanischem Präsidenten, stellt sich entschieden gegen die ausreichend vorhandene Ungerechtigkeit und übernimmt die klassische Heldenfunktion sehr überzeugend. Seine großen Stärken zeigen sich im Rahmen seiner Sachlichkeit, die einfühlsame Momente jedoch nicht ausschließen. Recht und Ordnung in das von Bürgerkrieg, Anarchie und politischem Chaos gezeichnete Land kann er jedoch nicht alleine bringen, sodass der Verlauf selbstverständlich auf Verbündete setzt, die jedoch schon im ersten Teil stark minimiert werden. Seine Gegenspieler haben somit noch die eindrucksvolleren Gesichter. Allen voran ist sicherlich Gérard Barray als Graf Alfonso zu nennen, einen vermeintlichen Ehrenmann, der sich nur der guten Bräuche und Annehmlichkeiten der gehobenen Gesellschaft bedient, vom Grunde her aber ein moralisch verworfener Aristokrat ist, der mit Hilfe seiner Verbündeten auch noch den letzten Funken Skrupel ablegen wird. Zusammen mit seiner Geliebten Josefa, die von ihm verlangt, aus einer Hure wie ihr eine ehrbare Frau zu machen, agiert mit Raffinesse und spielt ihre Waffen gnadenlos aus, weil ihre Attraktivität und Intelligenz es zulassen.

Dies alles wirkt perfekt inszeniert und choreografiert von der außergewöhnlichen französischen Akteurin Michèle Girardon, mit der großartige Momente entstehen und man darf sich in voller Vorfreude ausmalen, was sie im zweiten Teil noch alles aushecken, beziehungsweise zerstören wird. Bekannte Mimen wie Fausto Tozzi, Friedrich von Ledebur, Hans Nielsen oder Gustavo Rojo runden das Geschehen sehr stilsicher ab; außerdem sorgen die reizenden Damen Theresa Lorca und Alessandra Panaro für sehr charmante Momente und dienen bereitwillig dem nötigen Spannungsaufbau, der mehr als einmal über sie gebahnt werden kann. Besondere Erwähnung sollen schließlich noch Rik Battaglia und Ralf Wolter finden, denn beide sorgen im Positiven wie im Negativen für bleibende Eindrücke. Während Ralf Wolter es dem Zuschauer nicht erspart, zu versuchen, die Szenerie in unangemessener Form mit handelsüblichem Humor aufzulockern, zeigt der Italiener Rik Battaglia alle Facetten, die ein Bösewicht vorweisen sollte, denn das Repertoire seiner Manieren umfasst alles von Rücksichtslosigkeit über Brutalität, bis hin zu Anzüglichkeit. "Der Schatz der Azteken" kann als Gesamtbild durchaus überzeugen und seine Stärken anhand von Vergleichen sogar deutlicher offenbaren. Zwar ist dieser erste Teil im Wesentlichen damit beschäftigt, Hintergründe zu schildern und Konstellationen zu ordnen, um letztlich den Weg für einen stärkeren zweiten Teil zu ebnen. Aus diesem Grund geht es hier zeitweise noch etwas zu beschaulich zu und viele Sequenzen wirken daher etwas in die Länge gezogen. Herausragend ist allerdings die musikalische Unterstützung des österreichischen Komponisten Erwin Halletz, der jede Situation perfekt abzustimmen weiß. Besonders das Titellied bekommt in Verbindung mit den beeindruckenden Bildern des Vorspanns eine nahezu epische Note und bleibt lange im Gedächtnis. Alles in allem ist Brauners Alternativangebot unter Robert Siodmak schließlich gelungen und kündigt eine starke Fortsetzung an.


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 Post subject: Die Pyramide des Sonnengottes (1965)
PostPosted: 04.05.2019 00:04 
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● DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES / I VIOLENTI DI RIO BRAVO / LES MERCENAIRES DU RIO GRANDE (D|I|F|1965)
mit Lex Barker, Michèle Girardon, Gérard Barray, Rik Battaglia, Theresa Lorca, Alessandra Panaro, Gustavo Rojo,
Jean-Roger Caussimon, Kelo Henderson, Antun Nalis, Hans Nielsen, Willy Egger, Jeff Corey und Ralf Wolter
eine Produktion der cCc Filmkunst | Serena | Franco London Films | Avala Film | im Gloria Filmverleih
ein Film von Robert Siodmak


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»Ich zahle nur in einer Währung!«

Der abtrünnige Hauptmann Verdoja (Rik Battaglia) und seine Bande überfallen die Hacienda von Don Pedro Arbellez (Hans Nielsen), um Doktor Sternau (Lex Barker) gefangenzunehmen. Die überlebenden Geiseln werden in "Die Pyramide des Sonnengottes" verschleppt, wo der sagenhafte Aztekenschatz verborgen liegen soll. Aber Dr. Sternau kann entkommen und die Suche gestaltet sich schwieriger als erwartet. In der Zwischenzeit bemüht sich Don Alfonso (Gérard Barray) um die Aztekenprinzessin Karja (Theresa Lorca), um ihr das Geheimnis zu entlocken, wo sich der Schatz verbirgt. Ein regelrechtes Goldfieber bricht aus, bei dem die Gefahr besteht, von seinen eigenen Komplizen betrogen zu werden...

Hilfreiche Erklärungen, imposante Bildstrecken und ein sich insgesamt zum Ende hin sammelnder Verlauf konnten den Vorgängerfilm als wegweisend für eine spannende Fortsetzung empfehlen. Wenn man so will, ist "Der Schatz der Azteken" als Horsd’œuvre zu bezeichnen und weist schmackhaft darauf hin, was dem interessierten Zuschauer noch bevorsteht. Robert Siodmaks Arbeit wurde seinerzeit lediglich in den deutschsprachigen Ländern und der Tschechoslowakei in zwei Teilen in die Kinos gebracht. Ansonsten bescherte man den Kinogängern eine zu einem Film komprimierte Schnittfassung. Als Nachfolger widersetzt sich "Die Pyramide des Sonnengottes" dem weit verbreiteten Mythos, dass Fortsetzungen in der Regel das Nachsehen haben, wobei die Eindrücke in diesem Fall aber gegenteilig sind. Vielleicht könnte man überspitzt sagen, dass Siodmak einen kompletten Film zugunsten einer stärkeren Fortsetzung verheizte, um schlussendlich die geballte Ladung präsentieren zu können. In der Tat ist das Angebot hier reichhaltiger; ein Eindruck, der sich bereits nach kurzer Spieldauer etablieren wird, was den ersten Teil jedoch nicht komplett abwerten soll. Vielmehr ergeben die gesammelten Impressionen ein Panorama der gehobeneren Klasse und es geht spannender, drastischer, vergleichsweise sogar dramatischer zu. Mit nahezu identischem Stab und der gleichen Besetzung etabliert sich logischerweise ein hoher Wiedererkennungswert und eine willkommene Abgrenzungstaktik zu Konkurrenzfilmen, da Lex Barker für Hauptrollenverhältnisse eher sporadisch zu sehen ist und die größere Bühne Kollegen wie Rik Battaglia, Theresa Lorca, Gérard Barray oder Michèle Girardon überlassen wird. Diese Tatsache wirkt wider Erwarten sogar erfrischend, da ein packendes Kräftemessen inszeniert werden kann, was zu mehr Spannung und weniger Vorhersehbarkeit führt. In der Saison 1965 konnte sich der Film übrigens in den Top Ten der erfolgreichsten deutschen Filme auf Platz 9 platzieren.

Bei den Charakteren bilden sich auffällige Fraktionen und Allianzen, die von ihrem Ursprung her jedoch hauptsächlich als unzuverlässig im Rahmen der Vertrauenswürdigkeit dargestellt werden; zumindest in den meisten Fällen. Durch die Gier und Niederträchtigkeit vieler der Beteiligten wird sich der Kreis schnell schließen, aber nicht ohne Opfer zu fordern, sowohl für die Gerechtigkeit als auch Ungerechtigkeit. Häufig fängt die Kamera in diesem Zusammenhang Eindrücke ein, die empfindlich berühren und teils wirklich schockieren können, doch der Sonnengott "Montezuma" wird sich blutrünstige Rache vorbehalten. So hofft man zumindest. Das Verlangen nach Gold und Macht hat schon in ganz anderen Filmen für zahlreiche Katastrophen gesorgt und kehrt die Marschrichtung aus "Der Schatz der Azteken" ein wenig um. Klassische Elemente des Abenteuerfilms verbannen die starren und schwerfälligen Elemente, die zuvor auffälliger zu erkennen waren. Mehr Action, Tempo, perfide Veranschaulichungen sowie rücksichtslose Vorgehensweisen der Gangster sorgen für einen ordentlichen Spannungsbogen. Von darstellerischer Seite sind in "Die Pyramide des Sonnengottes" insbesondere Rik Battaglia, Michèle Girardon und Theresa Lorca zu nennen, die den turbulenten Verlauf mehr als alle übrigen Interpreten prägen und sogar tragen können,um charakteristisch für das Tauziehen zwischen Gut und Böse zur Verfügung zu stehen. Battaglia übertrifft sich dabei in einer Art Paraderolle selbst und wirkt wie der Inbegriff der Verworfenheit. Hierbei wirkt es wie selbstverständlich, dass er die Verachtung des Zuschauers und den Hass etlicher Charaktere ganz zielstrebig auf sich zieht, doch einem Zeitgenossen wie ihm ist es gleich, da es sein Lebenselixier darstellt. Viele werden an ihm scheitern und noch einmal so viele wird er ins Jenseits befördern, doch man hofft auf das Gesetz des Films: nämlich, dass ihm ein möglichst qualvolles Ende bevorsteht.

Mademoiselle Girardon hingegen agiert aus dem Hinterhalt und setzt die Waffen einer Frau gewinnbringend ein. Insbesondere Konkurrenten nimmt sie dabei akribisch ins Visier und zur Verwirklichung ihrer Ziele macht sie sich zur Dirne, wenngleich zu vermuten ist, dass sie nie etwas anderes war. In diesem Kontext legt sie ihren Preis selbst fest: »Wer das Gold hat, hat auch die Frau!« Die damaligen Kritiken gingen hauptsächlich eindeutig, beziehungsweise hart mit Robert Siodmaks Werk ins Gericht und bei den wenigen positiv hervorgehobenen Aspekten wird vor allem Michèle Girardons Darbietung erwähnt. Ihre Präzisionsleistung wird zusätzlich von Eva Katharina Schulz perfektioniert, ihrer deutschen Synchronstimme. Theresa Lorca bedient die entgegengesetzte Seite sehr überzeugend und wird genau wie Girardon eine Art tragische Schlüsselfigur des Szenarios. Übrigens lernte die ehemalige spanische Flamencotänzerin Lorca bei den Dreharbeiten ihren späteren Ehemann Gérard Barray kennen, den sie noch im gleichen Jahr heiratete. "Die Pyramide des Sonnengottes" setzt insgesamt mehr auf Spektakel und Verstrickungen, kann daher einen ansprechenderen Unterhaltungswert bieten, was die hauseigene, aber auch externe Konkurrenz in die zweite Reihe verweisen kann. Als Motor fungiert das Großthema Goldfieber, ein Begriff, der eine vorprogrammierte Katastrophe in sich trägt. Zahlreiche Twists und ein hoher Bodycount kündigen ein packendes Finale an, das dem Vernehmen nach nur unter widrigen Umständen abgedreht werden konnte, wie viele andere Szenen übrigens auch. Die Frage, ob "Montezuma" der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen kann, wenn zahlreiche Sympathieträger längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen sind, wird sich schließlich eindrucksvoll herausstellen. Einige Ungereimtheiten sind unter der Regie von Siodmak offensichtlich und daher nicht zu leugnen, aber im Orbit der May-Verfilmungen kann dieser zweite Teil den Platzhirschen der Rialto insgesamt doch ernsthafte Schwierigkeiten bereiten.


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 Post subject: Die Katze von Kensington (1995)
PostPosted: 05.05.2019 17:56 
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DIE KATZE VON KENSINGTON

● EDGAR WALLACE - DIE KATZE VON KENSINGTON (D|1995) [TV]
mit Joachim Kemmer, Julia Bremermann, Leslie Phillips, Gisela Uhlen, Pinkas Braun, Karin Gregorek,
Arthur Brauss, Henry Hübchen, Horst Günter Marx, Christiane Reiff, Sven-Eric Bechtolf und Eddi Arent
eine Produktion der Rialto Film| im Auftrag von RTL
ein Fernsehfilm von Peter Keglevic


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»Menschen können sich doch nicht einfach in Luft auflösen...«

Eine mysteriöse Mordserie beunruhigt London. Innerhalb weniger Tage wurden einige Personen erschossen, und es steht außer Frage, dass es sich um den selben Täter handeln muss, da er stets eine Joker-Spielkarte bei den Opfern hinterlassen hat. Für Chefinspektor Higgins (Joachim Kemmer) und seine Assistentin Barbara Lane (Julia Bremermann) führt die Spur zunächst ins Leere. Augenzeugen wollen zu den Tatzeiten lediglich immer einen schwarzen Jaguar gesehen haben, außerdem lassen sich die Mordopfer nach einigen Ermittlungen doch in Zusammenhang bringen, da sie an einem Juwelenraub beteiligt waren. Higgins will den "Joker" mithilfe eines Lockvogels zur Strecke bringen, doch der Plan geht nicht auf und der Killer schlägt erneut zu. Derweil führen die weiteren Recherchen in eine Senioren-Residenz namens "Kensington Place", die von einer geheimnisvollen Dame namens Lady Smith (Gisela Uhlen) geführt wird. Wird Scotland Yard den "Joker" hier ausfindig machen können..?

Über dreißig Jahre nach der Einstellung der Edgar Wallace-Serie sollte im Hause Rialto Film die Entscheidung fallen, dass in Zusammenarbeit mit dem Privatsender RTL eine TV-Serie unter dem gleichen Banner produziert werden sollte, die frei auf Geschichten des britischen Kriminalschriftstellers basieren sollten. Seinerzeit als TV-Happening angepriesen, konnten die zurecht hohen Erwartungen jedoch nicht recht erfüllt werden, was wohlgemerkt nicht daran liegt, dass es sich nur um TV-Filme handelt. Eher griffen die Verantwortlichen ein wenig zu viel des Guten in die Erinnerungskiste. Die von 1995-98 produzierte Serie kam möglicherweise auch in einer Art Reanimationswelle zustande, denn immerhin liefen die Kinofilme der Ur-Serie im Fernsehen, außerdem wurden die Inhalte 1995 in "Otto - Die Serie" zu Sketchen verarbeitet. Es ist von Anfang an auffällig, dass beim Pilotfilm "Die Katze von Kensington" augenscheinlich ein großer Aufwand betrieben wurde. So sind etwa Aufnahmen an Originalschauplätzen zu sehen, auch etablierte Wallace-Stars wie Gisela Uhlen, Pinkas Braun und Eddi Arent geben sich noch einmal die Ehre. Es muss allerdings auch betont werden, dass diese (und nahezu jede weitere) Produktion ohne die unverkennbare Dichte und den hauseigenen Charme der Vorbilder auszukommen hat, sodass sich dieser Verlauf beinahe als eine Art Ersatzteil-Lager herausstellt. Methodik, Richtung und Effekte reichen somit von A bis "Zinker", was dem treuen Zuschauer folglich hinlänglich bekannt vorkommen dürfte. Diese Strategie ist unterm Strich noch nicht einmal der größte Hemmschuh dieses Fernsehfilms, denn immerhin können derartige Revivals auch überzeugend funktionieren und für Überraschungen sorgen. Vielmehr ist eine empfundene Zusammenhanglosigkeit in der Geschichte zu finden, die der Täterfindung schwer zusetzt; vom umständlich konstruierten und leider verschenkten Whodunit-Effekt ganz zu schweigen. Dabei fing alles doch so vielversprechend an.

Ein atmosphärisch in Szene gesetzter Mord bündelt die Aufmerksamkeit des Zuschauers und es entsteht durchaus Neugierde auf die weiteren Geschehnisse. Die Vorstellung der Personen geschieht eingängig und schnell, doch leider stellt sich bald heraus, dass einige Interpreten für eine Zirkusvorstellung herhalten müssen. Dies gilt nicht nur für Scotland-Yard-Chef Leslie Phillips, sondern vor allem für den Wallace-Veteranen Eddi Arent, der eine klamauklastige Darbietung abzuliefern hat. Diese humorigen Untertöne schießen weit über das Ziel und die roten Linien der bekannten Filme hinaus und verwässern die teils doch spannend ablaufende Geschichte in ungünstiger Art und Weise. Joachim Kemmer als Inspektor Higgins macht hingegen eine gute Figur, da er es schafft, die Balance zwischen Witz, Vehemenz und Charme zu halten. Gemeinsam mit seiner sachlich agierenden Kollegin Lane agiert ein ungleich wirkendes Duo, dem man durchaus Erfolgsaussichten zurechnet, auch in Sachen Zuschauergunst. Auch wenn der geheimnisvolle Killer im schwarzen Jaguar ein bisschen wie aus dem Nichts erscheint und sich die Zusammenhänge daher nur schleppend ordnen möchten, sind dennoch einige Komponenten zu finden, die für Zustimmung sorgen. Insbesondere die Szenen mit Gisela Uhlen und Pinkas Braun stellen ein Anknüpfen an die Maxime der damaligen Serie dar, und beide gefallen sich im Zeichnen undurchsichtiger Charaktere, die diese Geschichte auch dringend nötig hat. Warum der Täter agiert, wie er es schließlich tut, will nicht immer transparent erscheinen, doch insgesamt kann dieser Pilotfilm zufriedenstellend verlaufen, vorausgesetzt man bringt eine Wallace-Affinität mit und verzeiht ihm seine dramaturgischen Ungereimtheiten sowie Übertreibungen. Unterm Strich wechseln sich gelungene Sequenzen mit misslungenen ab, sodass sich das Gefühl eines Gleichgewichts einstellen kann, was im Klartext allerdings nur für durchschnittliche Krimi-Unterhaltung steht. "Die Katze von Kensington" bleibt schlussendlich hinter den hohen Erwartungen zurück.


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 Post subject: Das Karussell des Todes (1995)
PostPosted: 11.05.2019 11:46 
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DAS KARUSSELL DES TODES

● EDGAR WALLACE - DAS KARUSSELL DES TODES (D|1995) [TV]
mit Joachim Kemmer, Julia Bremermann, Michèle Marian, Leslie Phillips, Eddi Arent, Wilfried Hochholdinger,
Nikolas Lansky, Christiane Reiff, Bev Willis, Karl-Heinz Barthelmeus, Gundula Petrovska und Harald Leipnitz
eine Produktion der Rialto Film| im Auftrag von RTL
ein Fernsehfilm von Peter Keglevic


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»Ich mache mir doch meine Hände an diesem Pack nicht schmutzig!«

Nach dem Ableben des alten Lord Osborne fällt seiner wesentlich jüngeren Frau (Michèle Marian) ein beträchtliches Vermögen zu, doch ihr bequemes Leben droht ein jähes Ende zu nehmen, da sich in ihrem Landsitz mysteriöse Dinge abspielen. Als Lady Osbornes Gärtner eines Nachts bei einem Einbruch in ihrem Landsitz erschlagen wird, ist es mit der vermeintlichen Idylle vorbei, da Scotland Yard die Ermittlungen aufnimmt. Inspektor Higgins (Joachim Kemmer) und seine Assistentin Lane (Julia Bremermann) wollen vor Ort klären, was es mit dem Verbrechen auf sich hat. Bei dieser Gelegenheit rückt auch die sich immer seltsamer verhaltene Hausherrin in den Fokus, die etwas zu verbergen scheint. Schon bald kommt es zu weiteren Todesfällen...

Im Gegensatz zum Vorgängerfilm, der seine Geschichte noch in Spielfilmlänge präsentierte, kam es in "Das Karussell des Todes" zu einer stark komprimierten Fassung von nur 45 Minuten. Erneut entstanden unter der Leitung von Peter Keglevic, etabliert sich der Eindruck, das sich mehr auf das Wesentliche konzentriert wurde, wenngleich keine besonderen Ausrufezeichen platziert werden können. Trotz der geringeren Spielzeit schwächelt die Story wegen ihrer limitierten Möglichkeiten, denn sie bietet nicht die ganz großen Momente, um den interessierten Zuschauer beeindrucken zu können. Einige Morde und eine hin und wieder bemüht unheimlich anmutende Schloss-Atmosphäre weisen auf die Wurzeln der Serie hin, doch das Ganze wird leider immer wieder durch klamaukige Strecken in beinahe destruktiver Art und Weise aufgebrochen und folglich hoffnungslos verwässert. Mit zwei Wallace-Veteranen an Bord lassen sich schememhafte Verbindungen zu damals ziehen, doch insbesondere Eddi Arent will nicht überzeugen, da seine Figur des Flatter insgesamt wenig schmeichelhaft wirkt, vor allem nicht auf seine eigene Person bezogen. Erneut strapaziert der für die Reihe so verdiente Darsteller mit einer überaus aufdringlichen Darbietung, sodass man beinahe froh ist, ihn nur in wenigen Sequenzen sehen zu müssen. Ähnliches gilt übrigens für Scotland-Yard-Chef Leslie Phillips. Der anfängliche Mord in einem dekadent wirkenden Umfeld sorgt für eine gut anzuschauende Richtung, die sich im weiteren Verlauf jedoch leider zu verlieren scheint. Joachim Kemmer und Julia Bremermann tun ihr Möglichstes, um positiv entgegenzuwirken, und es kommt der Geschichte zugute, dass sie ihrer geebneten Linie treu bleiben, da sich eine Art neuer Wiedererkennungswert einstellen kann. Die Inhalte um Verbrechen und Mord setzen sich eher aus vagen und diffus wirkenden Konturen zusammen, die es selbst zu ordnen gilt, denn die Regie leistet in diesem Zusammenhang wenig Schützenhilfe.

Großes Plus dieser TV-Produktion ist und bleibt die Figur der mysteriös wirkenden Lady Osborne, die eine interessante Zeichnung von Michèle Marian erfährt. Die reiche Witwe mit äußerst hoheitsvollen und überheblichen Anwandlungen gefällt sich darin, Polizei und Zuschauer an der Nase herumführen zu wollen, wenngleich dieses Konzept aufgrund der wenig subtilen Hinweise in der Geschichte nicht komplett aufgehen will. So wirkt sie entgegen der Anlegung wie ein ungewollt offenes Buch, liefert aber dennoch die Szenen, die am meisten in Erinnerung bleiben werden. Es scheint diverse Personen zu geben, die unsichtbar im Hintergrund agieren, bis es am Ende zu mehreren Twists kommt, die diesem Karussell recht gut stehen wollen. Leider bleibt die Geschichte am Ende wirr, in Teilen vorhersehbar und im Finale unbefriedigend, da es zu keiner restlosen Aufklärung kommen wird und viele Fragen offen bleiben. Die Ausstattung und die technische Ausarbeitung von "Das Karussell des Todes" hinkt dem Pilotfilm kaum hinterher, doch schlussendlich wird bereits in diesem frühen Stadium der reanimierten Serie kaum mehr Neues angeboten. Für einen Hauch Wallace-Feeling kann vielleicht noch Harald Leipnitz sorgen, der sich in solider Weise an seine Anforderung herantastet, ohne jedoch eins mit ihr zu werden. Im Endeffekt ist es weniger die aufbereitete Strategie und schwache Dramaturgie, die diesen Fernsehfilm belasten, als der unliebsam vor die Füße geworfene Humor, der sich durch den Verlauf windet, als ob es nichts anderes mehr gäbe. Ein paar atmosphärische Ideen, wie mysteriöse Schlüssel, die zum vermeintlichen Glück führen sollen, plötzliches, irres Gelächter innerhalb eines unheimlichen Hauses, oder Karussell-Figuren, die nach und nach ihre Köpfe verlieren, wirken durchaus schmackhaft und hätten gerne eine prominentere Ausarbeitung erfahren dürfen. Insgesamt bleibt auch diese Bearbeitung hinter den Erwartungen zurück, deren gute Ansätze einer teils uncharmanten Ausarbeitung zum Opfer fallen.


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 Post subject: Das Mädchen mit den schwarzen Strümpfen (1956)
PostPosted: 14.05.2019 20:11 
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DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWARZEN STRÜMPFEN

● THE GIRL IN BLACK STOCKINGS / DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWARZEN STRÜMPFEN (US|1956)
mit Lex Barker, Anne Bancroft, Mamie Van Doren, Ron Randell, Marie Windsor, John Dehner, John Holland, u.a.
eine Bel-Air Produktion | im Verleih der United Artists
ein Film von Howard W. Koch


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»Wer oder was hat wirklichen Wert?«

Rechtsanwalt David Hewson (Lex Barker) ist in einem Motel abgestiegen. Während einer dort stattfindenden Party macht er eine schreckliche Entdeckung. Ein wenig außerhalb des Geländes findet er eine entsetzlich zugerichtete Frauenleiche, die vom Täter offensichtlich aufgeschlitzt und am ganzen Körper zerschnitten wurde. Sheriff Holmes (John Dehner) hat fortan alle Hände mit den Ermittlungen zu tun, doch er stößt bei nahezu allen beteiligten Personen auf hohe Widerstände. Hewson, der die Ermordete kannte, gerät ebenso wie die meisten Gäste und Angestellten des Motels unter Verdacht, und es dauert nicht sehr lange, bis der Schlitzer erneut zuschlägt. Was und vor allem wer steckt hinter den bestialischen Morden..?

Der US-amerikanische Film könnte seit jeher mit sogenannten B-Movies aufwarten, unter denen nicht wenige zu finden sind, die dieser eher abschätzig gewerteten Beschreibung glücklicherweise keine Ehre machen sollten, denn immerhin lassen sich zahlreiche Vertreter finden, die qualitativ gesehen kleine oder große Ausrufezeichen setzen konnten. "Das Mädchen mit den schwarzen Strümpfen" zählt zu der Gattung der sicherlich nicht uninteressanten Beiträge, wenngleich unterm Strich kein nennenswerter Klassiker entstanden ist. Dafür gestaltet sich der Aufbau, der sich hauptsächlich über die Täter-Findung definieren will, phasenweise als zu behäbig, bequem und reibungslos. Die vorhandenen Kapazitäten wurden somit nicht vollends ausgeschöpft, da menschliche und charakterliche Abgründe zu sporadisch ins Visier genommen werden, was bei diesen Voraussetzungen mehr als schade ist. Dennoch greift die teils dichte Schwarzweiß-Atmosphäre, die im kleinen Radius des Motels nach und nach zum Vakuum wird, nach den Nerven des Zuschauers, denn immerhin bekommt man es mit einigen Personen zu tun, die sich bemüht widernatürlich verhalten und daher keinerlei Möglichkeit für Verständnis oder Sympathie anbieten. Der plakative Titel des Films beschreibt die Marschrichtung dieser Geschichte nicht im Geringsten, wird das titelgebende Mädchen samt Textilie doch nur einmal namentlich erwähnt, und so entstehen vielleicht sehr früh falsche Erwartungshaltungen. Die Kriminalgeschichte an sich wirkt realitätsnah und verwerflich genug, um für einige beunruhigende Momente zu sorgen, die jedoch kaum im Bilde festgehalten sind. Die Kamera beschäftigt sich nur kurz mit den immer wieder plötzlich auftauchenden Opfern, und es sind schließlich die ausladend erscheinenden Dialoge, die für unangenehme Details sorgen. Dadurch bekommt der Mörder sein bestialisches Profil, und es schwingt eine eigenartige Unberechenbarkeit mit, wobei die Dramaturgie bewusst falsche Fährten legt, um Story und Bearbeitung als so spannend wie möglich zu erhalten.

Nahezu alle Personen umgibt dieses unkalkulierbare Element, bei dem der Verlauf allerdings selbst zeigt, dass es sich nicht über die volle Distanz aufrecht erhalten lassen kann. Die Konturierungen der Personen hätten schärfer und noch verwirrender ausfallen dürfen, doch es bleibt zu betonen, dass man wirklich sehr angenehme Darbietungen zu sehen bekommt. Allen voran ist somit Lex Barker zu nennen, der seiner Person des Rechtsanwalts eine merkwürdige Aura verleiht. David Hewson ist zunächst einmal da; ob an den richtigen oder falschen Orten, und er glänzt nicht gerade durch Kooperationsbereitschaft, was nicht nur für die nervöse Polizei gilt, sondern auch für den interessierten Zuschauer. Es ist sehr interessant dem US-Amerikaner dabei zuzusehen, wie er mit Ruhe und Distanz spielt, was ihn nicht unbedingt greifbar macht. Gleiches gilt nicht nur für Anne Bancroft, Marie Windsor oder Ron Randell, sondern auch für nahezu alle Kollegen, die entweder zum Inventar des nobel wirkenden Motel-Komplexes gehören, oder permanent um dieses herumschleichen. Für ein bisschen Sex-Appeal sorgt überdies Model und Sängerin Mamie Van Doren, innerhalb einer eher unauffälligen darstellerischen Leistung. Ein großer Vorteil der Produktion ist und bleibt die besonders schöne gestalterische Note, die durch kontrastreiche und detailorientierte Einstellungen zur Geltung kommt, was gleichzeitig für einen edlen Charakter sorgt. Zum Ende hin zeigen sich ein paar nette Wendungen und ein Finale, das unter Umständen als überraschend aufgefasst werden kann. Insgesamt hätte dem Film anstelle von schwarzen Strümpfen eine schwarze Seele jedoch wesentlich besser gestanden. Zwar sind die Voraussetzungen gegeben, auch diesbezügliche Erklärungen werden ausreichend abgegeben, doch alles wirkt ein bisschen zu bemüht konstruiert und bleibt, wenn sich alle Eindrücke setzen konnten, zu nebulös. Alles in allem kann sich "Das Mädchen mit den schwarzen Strümpfen" unter Howard W. Kochs Regie aber durchaus sehen lassen, den der kurzweilige Charakter hilft tatkräftig über liegen gelassene Optionen (vor allem die Macht der Vergangenheit) hinweg.


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 Post subject: An einem Freitag um halb zwölf... (1961)
PostPosted: 20.05.2019 21:09 
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● AN EINEM FREITAG UM HALB ZWÖLF... / VENDREDI 13 HEURES / IL MONDO NELLA MIA TASCA (D|E|I|1961)
mit Nadja Tiller, Peter van Eyck, Jean Servais, Ian Bannen, Marisa Merlini, Memmo Carotenuto und Rod Steiger
eine Produktion der Corona Film | Criterion Films | Erredi Film | Panta Film | im Constantin Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von James Hadley Chase
Ein Film von Alvin Rakoff


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»Nicht übel für eine Frau...«

Frank Morgan (Rod Steiger) berichtet seinen Gangster-Kollegen Bleck (Peter van Eyck), Gypo (Jean Servais) und Kitson (Ian Bannen) von einem minutiös ausgearbeiteten Plan, in dem es darum geht, einen gepanzerten Geldtransporter zu überfallen. In der Summe wird es um rund eine Millionen US-Dollar gehen. Mit von der Partie soll zusätzlich Morgans attraktive Freundin Ginny (Nadja Tiller) sein. Nach anfänglicher Skepsis lassen sich die Männer von dem Plan überzeugen und man beginnt mit den Vorbereitungen. Noch ahnt keiner der Kriminellen, dass sich der Coup, der an einem Freitag um halb 12 stattfinden soll, als eine Verkettung von widrigen Umständen und Fehlkalkulationen herausstellen wird...

»Wollen wir uns eine Millionen Dollar verdienen?« Eine derartige Frage würde sicherlich jeden hellhörig werden lassen, so auch die vier Männer rund um den kleinen Spieltisch, deren Einsätze lediglich Peanuts sind. Der Einstieg in Alvin Rakoffs im Jahr 1961 entstandenen Kriminalfilm lässt ab der ersten Minute keinen Zweifel daran entstehen, wohin die Reise hier letztlich gehen wird, jedoch wirft ein Blick auf die beteiligten Personen erhebliche Zweifel über das Gelingen des anvisierten Coups auf, denn immerhin wird der Eindruck eines Schnellschusses oder einer Schnapsidee erweckt, wenngleich alles durchgeplant zu sein scheint. Schnell wird der Zuschauer eines Besseren belehrt, denn der Ideengeber behauptet zu wissen, wovon er spricht. Die Überraschung wird allerdings erst perfekt, als sich eine weitere, resolute Drahtzieherin des Plans vorstellt. Es ist mehr als interessant, dass die Geschichte eine Frau in einen derartigen Fokus rückt, denn der sicherlich gut durchdachte Plan wird aufgrund ihrer Attraktivität und ihres forschen Auftretens weniger kritisch hinterfragt, als es vielleicht unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. Dem Zuseher wird die Durchführung des Überfalls auf einen gepanzerten Geldtransporter schon vor der Tat vor Augen geführt, während einer der Männer ihn aus dem Off kommentiert. Verbrechen, die sich mit Raub befassen, stehen und fallen naturgemäß mit einer minutiös ausgearbeiteten Handhabe, und über diesen Zusammenhang wird die Grundspannung des Films stilsicher aufgebaut. Die vier Männer und ihre femme fatale zeigen schnell ihre wahren Gesichter und dass sie im Zweifelsfall nicht zimperlich agieren. Das Ganoven-Quintett besteht aus sehr unterschiedlichen Charakteren, die zusammen eine explosive Mischung ergeben, da Aggressivität, Impulsivität, Abgebrühtheit, Nervosität und Überheblichkeit fatale Allianzen eingehen werden. Ist das Vorhaben also im Vorfeld zum Scheitern verurteilt? Zu Beginn ist diese Frage kaum zu beantworten, da die Reibungslosigkeit das Regiment führt.

Vier Männer und eine Frau begeben sich in eine Zweckheirat, in der Loyalität keine Rolle zu spielen scheint, denn beinahe jeder scheint nur seine persönlichen Belange vor Augen zu haben. Man arrangiert sich, funktioniert zusammen und kennt sich, doch es sind zunächst nur wenige Verbindlichkeiten zu erkennen, was den kompletten Plan bereits im Vorfeld auf eine harte Probe stellt. Der gebürtige Kanadier Alvin Rakoff staffiert seinen klassischen Gangster-Film mit Hochglanz aus, und das in so gut wie jeder erdenklichen Beziehung. Imposante Bilder und beeindruckende Leistungen der Interpreten sorgen für formvollendete Momente, die von Anfang bis Ende stets neue Facetten zu bekommen scheinen. Überhaupt ist der Ideenreichtum in einem über die Jahre stark abgegrasten Genre sehr bemerkenswert, und es kann jetzt schon erwähnt werden, dass diese Drei-Länder-Kollaboration bestimmt einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätte, als es der Fall ist. Aufbau und Struktur der Ausarbeitung sorgen trotz eines phasenweise ruhigen Verlaufs für eine solide Spannung, bis sich die Geschichte innerhalb all ihrer Fehlkalkulationen empfindlich zuspitzen kann. In dieser Hinsicht nimmt die Schere zwischen Theorie und Praxis besonders raffinierte Formen an, sodass kaum eine Komponente des Vorhabens so funktionieren will, wie es im Vorfeld angedacht war. Bei der Schilderung sind es mitunter Sekunden, die die Variabilität und den Ideenreichtum der Gauner auf harte Proben stellen. Zahlreiche gedankliche und praktische Kehrtwendungen sorgen in Phasen, in denen der Coup über die Bühne gehen soll, für ein hochdosiertes Tempo. Da man die Lückenlosigkeit gleich zu Beginn in Einblendungen sehen konnte, stellt sich schnell heraus, dass die Phantasie der Beteiligten wohl zu abenteuerliche Blüten getrieben hatte. Die Hauptpersonen und gleichzeitig vollkommen unterschiedlichen Charaktere des Unternehmens Geldtransporter trumpfen hervorragend und dynamisch auf.

Vor allem Nadja Tiller spielt sich aus ihrem vom bundesdeutschen Film fabrizierten Klischee hinaus. Zwar beugt sich ihr Einsatz dem großen Schlagwort Femme fatale, doch es kommt zu zahlreichen Finessen, die nicht unbedingt vorherzusehen waren. Ihr hübscher Kopf liefert Ideen für das ganze Unterfangen, sodass ihr anfängliches Auftreten betont kaltschnäuzig und tough wirkt; immerhin hat sie sich in einer von gängigen Klischees gefangenen Herrenrunde zu behaupten. Einige von Tillers Szenen transportieren etwas Brachiales, was sich im Verlauf aber nur als Anstrich herausstellen wird, da über allem der große Wunsch nach einem sorgenfreien Leben steht. Außerdem nimmt man das unausgesprochene Verlangen nach Anerkennung wahr, was sich aber als Seifenblase herausstellen muss, da zu viele externe und sogar interne Widerstände herrschen. Eine ausgelassen und vollkommen ernsthaft aufspielende Nadja Tiller wirkt unter Rakoff wie eine gefährliche Waffe, die angesichts der vielen Störungen innerhalb des Plans jedoch so erscheint, als habe sie keine Munition zur Verfügung. Den unmittelbaren Kreis des Verbrechens bilden renommierte Schauspieler, mit deren Hilfe sich ganz natürliche Unterschiede und Handlungsspielräume aufbauen lassen. Peter van Eyck gibt sich in vielen Szenen etwa so, als sei er der Wolf, der Kreide gefressen hat; gehört folglich zu den vielen unsicheren Komponenten innerhalb der Gangster-Crew. Dem Empfinden nach gibt es für ihn nur einen Nächsten - und zwar sich selbst. Sicherlich ist er der Schönheit seiner Kollegin nicht abgeneigt, vielleicht sogar aufgesessen, und es kommt zu dem Anschein, dass ihre Kratzbürstigkeit seinen Jagdtrieb nur noch mehr anfeuert, doch unterm Strich kennt er keine Verbündeten oder gar Freunde. Über die Jahre war der Deutsche in unterschiedlichsten Einsatzgebieten zu bestaunen, sodass es sich auch hier als wahrer Glücksgriff herausstellt, ihn mit auf diesem sinkenden Schiff zu haben. Seine Kollegen aus Frankreich und den Vereinigten Staaten stehen dieser hochwertigen Leistung in nichts nach.

Großer Vorteil dieser Konstellation sind die breit ausgearbeiteten Differenzen: Aggressivität trifft auf Diplomatie oder Nervosität auf Nerven aus Stahl. Interessant ist die Tatsache, dass der ausgearbeitete Plan möglicherweise hätte viel besser funktionieren können, wenn sich nicht so viele innere Reibereien und verschiedene Herangehensweisen aufgetan hätten. Jean Servais und Rod Steiger interpretieren hierbei alte Hasen, denen die Erfahrung nicht nur Bestätigung gibt, sondern auch Sicherheit. Ganz anders sieht es bei dem wesentlich jüngeren Ian Bannen aus, der sich hin und wieder fast als Nervenbündel zeigt, weil er die meisten Wasserträger-Arbeiten auferlegt bekommt. Im Endeffekt fußt die hohe Glaubwürdigkeit auf all diesen charakterlichen Feinheiten und deren sorgsamer Ausarbeitung, damit sich die spannende Geschichte noch besser entfalten kann. In diesem Zusammenhang kann daher betont werden, dass Alvin Rakoffs Konzept vollkommen aufgeht und es wie eine Ironie des Schicksals wirkt, dass die größten Schwierigkeiten sich am leichtesten lösen lassen, man schlussendlich aber beinahe von einem neugierigen Kind zur Strecke gebracht wird. Die entstandene Hetzjagd nach dem Coup wartet mit vielen rasanten Szenen auf und es ist eine Freude, die herrliche Landschaft als unschuldigen Kriegsschauplatz zu sehen. Der Verlauf hat bei so viel potentieller Explosivität nicht ohne eine merklich tragische Komponente auszukommen, die dieser Story erstaunlich gut stehen will. Auch der sehr unscheinbar klingende und in seiner Aussage beinahe pragmatisch klingende Titel "An einem Freitag um halb zwölf..." weist von Anfang an darauf hin, dass man sich auf Überraschungen fernab des durchgezogenen Raubes gefasst machen darf. Im Dunstkreis der über die Jahre entstandenen Produktionen dieses Strickmusters ist Regisseur Alvin Rakoff ein Coup gelungen, der im Endeffekt wesentlich erfolgversprechender abläuft, als der, auf den die Geschichte letztlich hinaus will. So bleibt nach dieser rasanten Geschichte nur zu sagen, dass sich das Anschauen in jeder erdenklichen Hinsicht lohnt.


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 Post subject: Liebes Lager (1976)
PostPosted: 27.05.2019 11:55 
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LIEBES LAGER

● LIEBES LAGER - I CAMPI DELL' AMORE (I|1976)
mit Karl Koenig, Kieran Canter, Luciano Pigozzi, Red Ascott, Mario Novelli, Ronny Coster, Ilona Kerdmann, Lena Gause, u.a.
eine Produktion der Salaria Film
ein Film von Lorenzo Gicca Palli


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»Marsch!«

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges scheint es nur noch wenige hochrangige Offiziere zu geben, die an einen Endsieg glauben. So auch die Verantwortlichen eines Konzentrationslagers, in dem hauptsächlich die Ehefrauen und Freundinnen von politischen Widersachern und Verrätern untergebracht sind. Da der Einzug der Alliierten kurz bevorzustehen scheint, ist man händeringend nach zündenden Ideen am suchen, den Kopf doch noch aus der Schlinge ziehen zu können. Da für eine unbehelligte Flucht große Geldsummen und Pässe notwendig sind, beschließt man kurzerhand, das Lager in ein gut funktionierendes Bordell umzuwandeln...

Kaum ist der deutsche Marsch im Vorspann zu Lorenzo Gicca Pallis "Liebes Lager" ertönt, der diesen Vertreter des Sadiconazista-Genres übrigens wie viele andere Kollegen auch unter Pseudonym herunterspulte, suhlt sich die Kamera in Vollstreckungen aus einem trostlosen Frauenlager. Die Obrigkeit sieht zufrieden zu, wenn sie die eingepferchte Schar nach Belieben demütigen, misshandeln oder liquidieren kann, und früh fließen unzählige Tränen von erniedrigten und gepeinigten Insassinnen. Doch ist es tatsächlich so? Das Szenario ist dem Eindruck nach standesgemäß ausstaffiert worden, sodass sich in Verbindung mit den männlichen Darstellern ein schnelles Unbehagen breit macht. Betrachtet man den Titel der Produktion, der immerhin internationale Verwendung fand, ist es fraglich, ob es sich schlicht um einen Fehler bei der Schreibweise handelt, oder um einen zynischen Kniff in höflicher Anrede an ein Lager, in dem die Grausamkeiten auf einem perfiden Nährboden gedeihen. Die Vorstellung der männlichen und weiblichen Charaktere geschieht anfangs eher isoliert voneinander, um die zwei Seiten der Charaktereigenschaften zu beleuchten. Weitestgehend sind obligatorische Parolen zu vernehmen, die den schlechten Ton in einer solchen Produktion anzugeben versuchen, doch eigenartigerweise vermischt sich die scheinbar rabiate Stilrichtung mit nahezu heiteren, ja, komödiantischen Momenten, die die Geschichte unappetitlich aufweichen.

Möglicherweise eine Masche, um eine gute Portion der grundeigenen Perversion derartiger Flicks herauszukehren, was aber gründlich nach hinten losgeht, da sich die naturgemäß harte Thematik im Nirgendwo verliert. Bald folgen obligatorische Nuditäten und Untersuchungen, untermalt mit einer Musik, die sich eher in einem deutschen Softsex-Film wohlgefühlt hätte. Regisseur Lorenzo Gicca Palli verliert bereits im frühen Stadium der Geschichte die Balance zwischen Schock und Exposition, sodass das Gezeigte unausweichlich in eine irritierende Lächerlichkeit abdriftet. Somit bleibt abzuwarten, ob der Zuschauer im Endeffekt mit einem Totalschaden konfrontiert wird, oder ob der Film doch noch die Kurve kriegt. Diese Eindrücke werden angefeuert von der ermüdenden Musik von Alessandro Alessandroni, die der Grundstimmung richtiggehend peinliche Momente verleiht. Das Panorama von "Liebes Lager" bleibt überraschend zahm und in Intervallen dosiert, was kaum förderlich ist, denn in diesem Konzentrationslager lauert neben dem tonangebenden menschlichen Abschaum noch ein gefräßiges Ungeheuer namens Langeweile, das sich früh ungeniert präsentiert. Darstellerisch gesehen gibt es kaum erwähnenswerte Leistungen, ohnehin waren nur gerade einmal vier der hier beteiligten Interpreten in anderen Produktionen zu sehen, was viel aussagt. Außerdem ist die Dichte der beinahe ausschließlich eingedeutscht klingenden Namen übermäßig hoch.

In allen Genres sind unzählige Filme zu finden, deren Stärke sich vornehmlich über die Variation oder die Abgrenzung zu gleich gestrickten Beiträgen definiert. Lorenzo Gicca Pallis "Liebes Lager" bedient sich zwar genau dieser Strategie, doch die Idee geht leider kräftig nach hinten los, sodass unappetitliche Eindrücke den Verlauf dominieren, oder eher demolieren. Empfundene Anleihen der bundesdeutschen Sex-Klamotte geben diesem stumpfsinnigen Film schließlich den Rest, und es darf wohl betont werden, dass sich Interessenten des Genres hier schlecht unterhalten, um nicht zu sagen irritiert fühlen dürften. Einhergehend mit dem Gefühl, unangenehm berührt zu sein, windet sich der Verlauf von Etappe zu Etappe, in welchen man fliegende Wechsel zwischen verkapptem Humor, uneindeutiger Gewalt oder eindeutigem Entkleidungsdrang vernehmen kann. Das Script erlaubt sich darüber hinaus den legitimen Luxus, sich gegen jeden erdenklichen Sinn zu sträuben, wenngleich man sich vom Eindruck her oft an die härteren Vertreter dieses Genres erinnert fühlt. Die Regie rudert bei einem Schritt nach vorn jedoch wahlweise immer zwei Schritte zurück, was unterm Strich einen ermüdenden Eindruck hinterlässt. Die Darsteller zeigen sich hin und wieder ambitioniert, aber genauso oft wenig begabt, und die oft bei der Konkurrenz aufgekommene Überzeugungskraft, die unter Umständen sogar von Laiendarstellern ausgehen konnte, bleibt hier nahezu vollkommen aus. Ein insgesamt wenig schmackhafter Vertreter des Genres.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Wir hau'n den Hauswirt in die Pfanne (1971)
PostPosted: 10.06.2019 11:12 
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● WIR HAU'N DEN HAUSWIRT IN DIE PFANNE (D|1971)
mit Uschi Glas, Fritz Tillmann, Hannelore Schroth, Margot Trooger, Ralf Wolter, Anita Kupsch, Rudolf Schündler, Dirk Reichert,
Irina von Bentheim, Henry Vahl, Erich Kleiber, Loni Heuser, Brigitte Mira, Martin Jente, Ulrich Beiger sowie Christian Anders
eine Produktion der Terra Filmkunst | Allianz Film | im Constantin Filmverleih
Ein Film von Franz Josef Gottlieb


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»Das war ein Anschlag auf mein Leben!«

Als ein Mehrfamilienhaus den Besitzer wechselt, hat das meist friedliche Zusammenleben der Mieter ein jähes Ende, da der cholerisch veranlagte und neue Hauswirt Hugo Zwicknagel (Fritz Tillmann) mit eisernem Besen kehrt und sich von allem und allen belästigt fühlt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um spielende Kinder, musizierende Mieter oder Nachbarn handelt, die Widerworte geben oder ihr Recht einfordern. Er und seine Frau Mathilde (Hannelore Schroth) ziehen fortan an einem Strang, provozieren somit den ganzen Unmut des Hauses. So beginnen insbesondere Frank und Franzi (Dirk Reichert und Irina von Bentheim), die Kinder der dort zur Miete wohnenden Eheleute Kleinschmidt (Ralf Wolter und Margot Trooger), Pläne zu schmieden, wie man den Zwicknagels das Leben schwer machen kann. Als Familie Kleinschmidt das Mietverhältnis plötzlich fristlos gekündigt wird, werden schwerere Geschütze aufgefahren...

Die beginnenden 70er Jahre stellten den Startschuss für Franz Josef Gottliebs klamaukige Pfade dar, die in die über Jahre anhaltende und eher von Quantität geprägte Hochsaison derartig gestrickter Formate passen sollten. Diese Produktionen bedienen sich hauptsächlich der gleichen Marschrichtung und Geschichten, die sich eines unmissverständlichen Humors bedienen sollten. Außerdem sind diese Lustspiele meistens geprägt von guten Stabsangaben, wenngleich das Publikum immer wieder die selben Gesichter präsentiert bekommt. In "Wir Hau`n den Hauswirt in die Pfanne" darf auf eine tatkräftige Entourage geblickt werden, die sich in Einzelfällen durch begrüßenswerte Variationen von der Konkurrenz zu unterscheiden versucht. Die Geschichte dieses Vertreters hat dem Empfinden nach schon häufig Einzug in bundesdeutsche Lichtspielhäuser gefunden, sodass sich alleine schon von dramaturgischer und inszenatorischer Seite kaum Überraschungen einstellen werden. Wenn man bereit ist zu suchen, findet man diese teilweise innerhalb der Riege der Schauspieler, denn manche Gesichter überzeugen im Rahmen von Gastspielen. Die Story beginnt turbulent und stellt die Weichen für größere und kleinere Katastrophen sehr schnell, platziert den Zuschauer bei dieser Gelegenheit sehr bestimmend auf einer gewissen Seite. Gottlieb versucht mit diversen Klischees des bundesdeutschen Kleinbürgertums zu spielen, bedient sich aber gleichzeitig hemmungslos solcher, von denen es in dieser Sparte Film nur so wimmelte. Unterm Strich kann also von einer klassischen Verwechslungskomödie dieser Zeit gesprochen werden, die es im Vergleich sogar auf ein paar kleinere Erweiterungen bringt. Der neue Hauswirt samt Ehefrau übernimmt das Regiment in einem Mehrfamilienhaus, und plötzlich ist das gewohnte oder unbeschwerte Dasein gefährdet. Da die Gesetze derartiger Geschichten Positionierungen verlangen, solidarisiert man sich schnell mit der Gegenseite, die auf ihre eigene Weise Widerstand leistet.

Ein mit cholerischen Spitzen auffallender Fritz Tillmann liefert den nötigen Treibstoff für die auf Streitereien, Streiche und bemüht humorvolle Konfrontation angelegte Geschichte und erledigt diese Aufgabe mit Leichtigkeit. Der aus Frankfurt am Main gebürtige Darsteller wurde insbesondere in diesem Zeitfenster vor so manche Karre gespannt, die er resolut vor sich herzuziehen wusste. An seiner Seite brilliert Hannelore Schroth, die Torpedos in alle Richtungen abzufeuern weiß; im Zweifelsfall auch gegen ihren eigenen Mann. Ihre prägnante Stimme verhilft ihr in Situationen der Rage zu einer ganz besonderen Ausdrucksstärke. Als schließlich Uschi Glas als das Zugpferd der Produktion auftaucht, weiß man schnell, dass der Verlauf nicht ohne eine konstruierte Liebesgeschichte auskommen wird, für die Christian Anders als Mitglied der Gegenseite eingespannt wird. In diesem Zusammenhang dürfen zeitgemäße Schlager nicht fehlen, die von Anders und Olivia Molina zum Besten gegeben werden. Zu Uschi Glas bleibt zu sagen, dass sie genau wie etwa Ralf Wolter, Rudolf Schündler, Loni Heuser oder beispielsweise Henry Vahl eine Leistung zeigt, die in der gleichen Fasson schon unzählige Male abgerufen, beziehungsweise abgespult wurde, sodass es erfreulich ist, auch einige darstellerische Farbtupfer wie von Fritz Tillmann oder Hannelore Schroth wahrnehmen zu können. Auch Margot Trooger zeigt sich von einer zu diesem Zeitpunkt noch eher ungewöhnlichen Seite, doch große Damenrollen waren nicht mehr gefragt, sodass sie ins eher bürgerliche Fach wechselte. Troogers unermüdliche Leichtigkeit und Intuition wirkt zwar auch wie eingebettet in den Stil des Films, doch die Korsetts tragen hier definitiv andere. Regisseur Gottlieb bringt "Wir Hau`n den Hauswirt in die Pfanne" erwartungsgemäß solide über die Ziellinie, wenngleich sich am Ende die Gewissheit etabliert, nicht viel Neues erlebt zu haben. Humor ist jedoch, wenn man trotzdem lacht und das Fazit liefert am heiteren Ende Friedrich Schiller selbst: »Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.«


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