Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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The Air I Breathe – Die Macht des Schicksals (Jieho Lee, 2007) 5/10
Happiness (Forest Whittaker) ist unglücklich in seinem Leben und wettet deswegen auf Pferde. Er verliert haushoch, steht beim Gangster Fingers (Andy Garcia) tief in der Kreide und überfällt deswegen eine Bank. Einer von Fingers' Männern fürs Grobe ist Pleasure (Brendan Fraser), der in die Zukunft schauen kann. Als Fingers die aufstrebende Popsängerin Sorrow (Sarah Michelle Gellar) kauft, verlieben sich Sorrow und Pleasure ineinander. Keine gute Idee! Und schlussendlich ist da noch der Arzt Love (Kevin Bacon), der, um seine Liebe zu retten, eine extrem seltene Blutgruppe benötigt. Sorrow hat diese Blutgruppe ...
Mein Gott, wieso falle ich eigentlich immer auf diese Shortcuts-Filme rein? Wo unglaublich edle Menschen unglaublich unedle Dinge tun, und das vier-, fünf-, sechsmal hintereinander, und am Ende treffen sich dann alle Beteiligten und der Zuschauer schnappt nach Luft ob dieser unglaublich zufälligen Edelpathosscheisse. Der tatsächlich überragende und intensive L.A. CRASH kann sowieso niemals erreicht werden, und Einschlafgarantien im Stil von 360 oder AMORES PERROS sollten eigentlich Warnung genug sein, die Finger von so etwas zu lassen. OK, so langweilig wie die beiden genannten ist THE AIR I BREATHE nicht, aber so richtig aufregend eben auch nicht. Eigentlich soll das alles nach wirklichem und realen Leben aussehen, und dabei ist alles so dermaßen auf künstlich und gewollt getrimmt ... Kann man sich antun, muss man aber nicht.

Killer Elite (Gary McKendry, 2011) 7/10
Ebenfalls eine künstliche Welt, aber erheblich lebensechter und packender dargeboten: Der Profikiller Jason Statham steigt aus dem Geschäft aus. Um ihn zu einem letzten Job zu pressen, entführen die Bösen seinen Buddy Robert de Niro und setzen ihn auf 4 Ex-SAS-Männer an. Deren Anführer Clive Owen (mit einem Auge, Narben und Schnäuzer so richtig unangenehm wirkend) ist allerdings einer von den ganz harten und ausgekochten Jungs, und weiß sich sehr ernsthaft zur Wehr zu setzen. In Summe ein guter und harter Action-Kracher mit tollen Schauspielern, spannender Story, interessanten Charakteren, und genügend Wumms um anderthalb Stunden Spaß und Spannung zu garantieren. Passt!

Harlem, N.Y.C. – Der Preis der Macht (Bill Duke, 1997) 6/10
Eine schöne Idee, den erfundenen Charakter Bumpy Johnson im Jahr 1933 auf die echten Gangster Dutch Schultz und Lucky Luciano treffen zu lassen. Als Bumpy aus Sing Sing entlassen wird, beginnt Dutch Schultz gerade, sich das gewinnbringende Lotteriespiel in Harlem unter den Nagel zu reißen. Bumpy steht zu seinen alten Freunden und hilft ihnen gegen die weißen Mobster. Darauhin beginnt in den Straßen von Harlem der Krieg.
Flott erzählt, und vor allem ausgesprochen actionreich. Die ersten 20 Minuten oder so man muss etwas aufpassen, da werden die Handlungsstränge und Namen ein wenig arg schnell durch die Luft gewirbelt, aber danach ist die Handlung klar und die Luft bleigeschwängert. Vor allem Tim Roth als Dutch Schultz ist die Schau! Im Prinzip spielt er genauso wie in seinem Erstling MADE IN BRITAIN: Dreckig, unverschämt, arrogant, laut, knallhart - ein mieses und flegelhaftes Schwein wie es im Buche steht. Wenn er in HARLEM mehr Screentime hätte wäre es eine One-Man-Show geworden, aber so hat der wunderbare Larry Fishburne die Möglichkeit zu zeigen was ihn ihm steckt. 2 harte Männer treffen aufeinander, und keiner ist bereit auch nur ein Stückchen zurückzuweichen. Was eine höhere Wertung verhindert ist neben dem etwas aufdringlichen Pathos vor allem die Video-Optik: Der Film schaut aus wie ein Theaterstück, und vor allem die häufigen Außenaufnahmen sind deutlichst als Studio zu erkennen. Schade, mit einer wenig mehr Mühe hätte hier ein wirklich rasanter und starker Gangsterfilm daraus werden können. Die 2 Stunden Laufzeit merkt man jedenfalls in keiner Sekunde.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Das Mädchen aus der Cherry-Bar (Ronald Neame, 1966) 6/10
Ahmad Shabandar ist der reichste Mann der Welt. Oder der zweitreichste. Oder der dritt- oder vier- oder zwanzigstreichste. Das ist völlig egal, denn er hat etwas, was Harry Dean unbedingt haben will: Eine unermesslich wertvolle Büste einer chinesischen Kaiserin aus dem 2. Jahrhundert. Und weil Harry Dean ein Dieb ist, und nach seiner eigenen Meinung auch ein ziemlich gewitzter, hat er sich einen Plan überlegt, wie er mit Hilfe seines Freundes, des Kunsthändlers Emile, und der Nachtclub-Tänzerin Nicole, wie er mit diesen beiden die Maske in seinen Besitz bringen kann. Ein guter Plan, der leider nur zwei Schwachstellen hat: Zum einen ist er relativ komplex. Und zum anderen leider überhaupt nicht an der Wirklichkeit orientiert. Ganz im Gegensatz zu Nicole …

Im letzter Zeit habe ich ein paar Filme von Ronald Neame gesehen, die alle irgendwie das gleiche Problem haben: Sie sind gut, sie sind ordentlich, sie sind nett … Und es hat immer dieses besondere Etwas gefehlt, das aus einem durchschnttlichen Film einen guten, beziehungsweise aus einem guten einen sehr guten Film macht. Bei DAS POSEIDON INFERNO waren die Figuren ausgesprochen stereotyp angelegt, und bei DIE AKTE ODESSA habe ich einfach die Schärfe und den Biss vermisst, der solch einem Thema angemessen wäre.
Bei GAMBIT läuft es in eine ähnliche Richtung. Shirley MacLaine spielt ihre übliche Rolle als gewitztes loses Mädchen mit der üblichen Klasse, Michael Caine bietet ein Mittelding aus seinen bisherigen Hauptrollen, dem Überflieger Alfie und dem coolen Harry Palmer, und Herbert Lom zeigt deutliche Spiellaune mit seinem Shanbandar, den alle Welt unterschätzt, und der doch selber auch den gleichen Fehler macht. Die drei Charaktere und die an Ideen und Twists nicht arme Handlung verbinden sich auch, und der Film macht auf jeden Fall gute Laune und unterhält hervorragend. Aber er glitzert und prickelt nicht, wie das zum Beispiel TOPKAPI tut, dessen Charaktere einfach etwas extrovertierter sind, und bei dem die Handlung dieses Mehr an Irrwitz und Abgedrehtheit bietet, dass TOPKAPI aus der Masse der Heists heraushebt. Wenn TOPKAPI ein leckeres mehrgängiges Menü ist, dann entspricht GAMBIT einem Zürcher Geschnetzeltem: Es sättigt, es schmeckt, es hat ein hohes Niveau – aber es ist und bleibt Hausmannskost. Die erstklassigen Ideen des Drehbuchs (wie zum Beispiel die ersten 20 Minuten, die quasi in einer anderen Realität spielen) sind wirklich gut, aber der Funken der Regie, der Begeisterung auslöst, der bleibt einfach aus.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Große Tricks und kleine Fische (Jonathan Teplitzky, 2003) 5/10
Nach 8 Jahren kommt Barry vorzeitig aus dem Knast, weil er auf seinen kleinen Bruder Joey aufpassen soll. Der Deal lautet: Baut Joey Mist, wandert Barry wieder ein. Dumm nur, dass Joey mit dem Gangster Chicka rumhängt, und Chicka ist maßgeblich dafür verantwortlich, das Barry überhaupt im Knast saß. Barry schafft es, beim schlank werdenden Gangster Dabba eine ehrliche Stelle zu bekommen, und gleichzeitig für seinen Bruder auch noch einen Job zu ergattern. Soweit so gut, aber in dem Moment, als der Steuerberater von Dabba auffliegt, schaltet sich das CIC ein, quasi eine Art Super-Cops, und die suchen das Geld, das vor zig Jahren bei einem Raubüberfall von Dabba erbeutet wurde. Und welches das ganze Konstrukt ins Wanken bringen kann. Der einzige, der die Verbindung zwischen dem Steuerberater und Dabba kennt ist der beste Freund Barrys: Johnny Spit, ein Junkie und hoffnungslos unterbelichteter Mini-Gangster, der jetzt von allen gejagt wird: Von der CIC, vom korrupten Cop DeViers, und von den Gangstern. Allen! Gangstern …

Wenn ich eines aus meiner Liebe zu britischen Gangsterfilmen gelernt habe, dann dies, dass es überall Gangster gibt. Wie ich jetzt weiß sogar an der australischen Sonnenküste von Queensland, dem Surfer’s Paradise. Hier sind sie halt braun gebrannt, tragen Goldkettchen und residieren auch mal auf einer Jacht, aber die Probleme sind immer noch die gleichen wie in Merry Old England: Früher geraubtes und gebunkertes Geld macht heute immer noch Ärger, die Frau von der Bewährungshilfe ist süß und nervt, und der korrupte Bulle ist ein dreckiges Schwein und leider ziemlich unantastbar. Das alte Verbrecherleben hinter sich lassen, also “ Getting square – Sauber werden“ ist da nicht so einfach, wenn einen die “Guten“ nicht lassen.

Und sauber werden möchten eigentlich recht viele. Barry zum Beispiel, der beileibe kein Unsympath ist, aber zum Unglück für den Zuschauer leider recht langweilig. Ein Typ ohne Ecken und Kanten, immer etwas vorhersehbar. Sein Bruder hingegen ist eine kleine Nullnummer, Dabba ist lustig und mit seinem Abnehmfimmel recht Tarantino-esk angelegt, Chicka hat einen Hang zu den richtigen und furchteinflößenden englischen Gangstern, und der korrupte Cop ist bei aller Bosheit aus hunderten ähnlich gelagerter Filme bekannt. In Summe ist die erste Stunde des Films sehr mühsam und umständlich erzählt, und das Schielen zur Vorspultaste beginnt irgendwann, beängstigende Züge anzunehmen. Sehr schicke Bilder im Miami Vice-Stil und mit toller Kameraführung reichen auf die Dauer einfach nicht aus.
Aber da ist noch Johnny Spit, mit hinreißend-fettiger Vokuhila-Frisur gespielt von David Wenham (Faramir aus DER HERR DER RINGE), und nach etwas einer Stunde bekommt Johnny endlich die Aufmerksamkeit die ihm gebührt, und der bis dahin eher unübersichtliche und langweilige Film fängt von einer Sekunde auf die andere an zu funkeln und zu blinken. Allein die Gerichtsverhandlung, in der Johnny Spit als Zeuge geladen ist, und dessen einziges Problem ist, wer denn nun das Busticket zahlt (neben der noch zu klärenden Frage nach seinem Namen), reizt zu heftigen Lachkrämpfen.

Was bleibt? 60 Minuten mühsame und sonnenverwöhnte Langeweile, 40 Minuten grandiose David Wenham-One Man Show, eine Wohlfühlatmosphäre mit guten Schauspielern, sowie die Freude, Nick Caves “Into my arms“ in einer wunderschönen Szene fast komplett hören zu können. Wem das reicht, gut. Mir hat es nicht gereicht …

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Equilibrium – Killer of Emotions (Kurt Wimmer, 2002) 7/10
In der Zukunft, nach dem großen Krieg, leben die Menschen gut organisiert in grauen Städten in einer grauen Welt, beaufsichtigt vom sogenannten “Vater“. Emotionen sind untersagt, alle spritzen sich jeden Tag ein Mittel in den Hals um Gefühle zu unterdrücken, und wer Gefühle hat wird sofort und umgehend exekutiert. Um die Gefühlskälte zu überwachen wurde eine Art Polizei eingerichtet, die Tetha-Grammaton-Kleriker, die mit sehr weitreichenden Befugnissen ausgestattet sind und ein wenig aussehen wie Keanu Reeves am Ende des ersten MATRIX-Teils. Was passiert aber nun, wenn ein Kleriker seine tägliche Dosis nicht nimmt und Gefühle bekommt? Sich quasi selber jagen muss. Und dabei feststellt, dass es einen erstklassig organisierten Untergrund gibt, der für einen mitfühlenden Kleriker sehr viel Verwendung hat. Um zum Beispiel, den Vater zu töten …

Ich weiß, dass EQUILIBRIUM aus zig anderen Filmen zusammengeklaut ist. MATRIX, FAHRENHEIT 451, THX 1138 und so einige mehr. Ich weiß, dass die Handlung Logiklöcher und inhaltliche Fehler ohne Ende beinhaltet. Der User Moonshade hat ja auf der OFDB genügend aufgezählt: Dass Spiegel zwar verboten sind, Preston aber dick und fett einen im Badezimmer hängen hat. Dass alle Sinnesverbrecher sofort zu exekutieren sind, außer sie heißen Emily Watson, dann dürfen sie 5 Tage darauf warten und werden in einer fast pompösen Prozedur geradezu geopfert. Dass Emotionen zwar unterdrückt werden, aber Ehrgeiz und pathologischer Hass gegenüber Andersdenkenden offensichtlich nicht als Emotion gelten. Ich weiß, dass die Symbolik, die uns da um die Ohren gehauen wird, so mit Nazi-Architektur, deutschen Sinnsprüchen auf Steintafeln und Uniformen irgendwo zwischen SS und Robocop, dass das so aufdringlich und billig ist wie ein Vollbad in einem schlechten Rasierwasser (und auch genauso stinkt). Ich weiß, dass es idiotisch ist, dass der Untergrund gut beleuchtet und belüftet zwei Meter unter der Oberflächenwelt ein cooles Leben führt, und dass es noch viel idiotischer ist, dass die Führer des Untergrundes sich dem nächstbesten dahergelaufenen Kleriker anvertrauen, mal eben so, nur auf einen äußerst vagen Plan hin. Von gerissenen Geheimdienstspielchen, die verzwickt über mehrere Ebenen laufen, haben diese Einfaltspinsel offensichtlich noch nie etwas gehört.

Undsoweiter undsoweiter. Aber soll ich euch was sagen: Dieser Film ist spannend. Dieser Film hat verdammt geile Bilder. Dieser Film hat einige Kampfszenen, wie ich sie seit den frühen John Woo-Filmen nicht mehr gesehen habe. Dieser Film ist hochgradig stylisch. Und dieser Film hat mit Christian Bale einen Hauptdarsteller, ohne den das Ganze keine Sekunde funktionieren würde. Aber die allmähliche Metamorphose Bales ist eine schauspielerische Glanzleistung, die EQUILIBIRUM genau so viel Glaubwürdigkeit gibt, dass man sich entspannt zurücklehnen und berieseln lassen kann. Dass der Film keine Message hat, obwohl er so tut als ob? Drauf geschissen! Er ist spannend, er ist cool, er ist gut erzählt. Und das ist was zählt.

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Sando Kid spricht das letzte Halleluja (Sergio Bergonzelli, 1971) 7/10
Im Bürgerkrieg war Sando Kid ein Sanitäter der Südstaatler, und als solcher traf er auf den bösen Captain Grayton, der ihn zwang eine Waffe auf ihn zu richten. Ein gar traumatisches Erlebnis, weswegen Kid vom Sanitäter zum Sanitöter mutiert und nach dem Krieg den Rangers beitritt. Was in diesem Fall eine vornehme Bezeichnung für Kopfgeldjäger ist: Seine Delinquenten werden prinzipiell nach dem Erschießen verhaftet.
Bei einem Urlaub im Heimatdorf Springfield trifft er wieder auf Grayson, der im Auftrag der Eisenbahn die örtlichen Farmer terrorisiert: Entweder die armen Kerle verkaufen ihr Land oder es gibt eine ordentliche Ladung Blei. Kid tarnt sich als Handelsreisender in Sachen Parfüm und versucht, Grayson und seinen Verbündeten Einhalt zu gebieten.

Schmucker kleiner Western aus einer der hinteren Reihen, der trotz sichtlich nicht vorhandemen Budget vieles richtig macht: Ordentliche Schauspieler, die offensichtlich richtig Lust haben sich ihre Gage zu verdienen. Eine Handlung, die sich von Set Piece zu Set Piece hangelt, und nicht gar zu viel Wert legt auf logische Abläufe sondern mehr auf Stimmung und Action. Eine flotte Musik die zügig ins Ohr geht und gute Laune macht. Ein bleilastiges Finale, das mit leichtem Witz daherkommt und gerade deswegen eine ausgewogene Mischung bietet.
An Peter Lee Lawrence und Aldo Sambrell gibt es wie immer nichts zu kritteln, aber die absolute Überraschung ist der Produzent Espartaco Santoni, der als Kopfgeldjäger Dollar die Coolness mit verdammt großen Löffeln in sich reingeschaufelt hat, und damit den Film sicher über die Ziellinie bringt. Ganz in Schwarz, große Ohrringe, eine Kette aus Zähnen, ein wölfisches Grinsen das nur beim Töten die Augen erreicht – So stelle ich mir die eisigen Bereiche der Hölle vor!
Insgesamt sicher kein ganz großer Wurf, aber auf jeden Fall für anderthalb ausgesprochen unterhaltsame Stunden gut. Passt!

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PostPosted: 29.06.2019 21:08 
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Die Halbstarken (Georg Tressler, 1956) 9/10
Freddy ist in seiner Clique der unangefochtene Boss. Mit Charisma und Härte, und vor allem mit nie versiegender Energie, regiert er die kleine Gruppe von Jugendlichen und fasziniert seine Freundin Sissy. Mit Y, wie in Romy. Schon vor längerer Zeit ist er von Zuhause abgehauen, jetzt trifft er zufällig seinen Bruder Jan wieder. Heute Nacht soll sowieso ein Ding steigen, und Jan braucht dringend Geld. Was liegt also näher, als dass Jan mitmacht bei der Sache. Aber vorher muss noch getanzt werden im Espresso, und die wankelmütigen Mitglieder der Gruppe, also vor allem Günther der Schlappschwanz, müssen noch auf Linie gebracht werden. Und ganz wichtig: Eine Waffe wird auch noch besorgt. Und siehe da, Jan kann perfekt schiessen …

Ein ziemlich perfekter Film. Eine genau ausgewogene Balance zwischen Drama, Krimi und aktuellem Zeitgeschehen. Die Schauspieler gehen vollkommen in ihren Rollen auf und geben die juvenilen Möchtegernkriminellen, als würden sie im Hauptleben nichts anderes tun. Vor allem Horst Bucholz hat mich sehr beeindruckt und mit seiner Lederhose öfters an Jim Morrison erinnert (ja ja, ich weiß, ein Anachronismus, aber vergleicht die beiden mal. Die Coolness, das Gehabe, die Großspurigkeit, die das ständig lauernde Sentiment überdecken soll ...). Karin Baals Metamorphose innerhalb ihrer Rolle hat mich eiskalt erwischt, die Musik ist fetzig, und vor allem die kleinen Szenen am Rande, welche das Zeitkolorit mitbringen. Die Menschen in ihrer Wirtschaftswunderwelt versus die Halbstarken, die mehr wollen von irgendwas, was sich erst noch herauskristalisieren muss ... Wie gesagt, ein ziemlich perfekter Film.

Gewalt über der Stadt (Carlo Ausino, 1977) 7/10
Die Frau eines Arztes wird im Park erstochen aufgefunden. Eine Gruppe Krimineller überfällt ein Kino und erschießt den Geschäftsinhaber. Ein französischer Drogenhändler wird in einer dunklen Seitenstraße erschossen. Ein flüchtiger Gangster wird in einer Scheune tot aufgefunden. Wo da der Zusammenhang ist? Der Zusammenhang ist Kommissar Moretti, der in den ersten drei Fällen ermittelt. Und im letzten Fall der Exekutor ist. Denn Kommissar Moretti geht des Nachts als Rächer durch die Stadt und richtet diejenigen hin, die sich der Justiz entziehen können. Glück für ihn ist, dass sein Chef nicht an die Existenz eines Rächers glaubt, und das Thema in der Questura deswegen gar nicht erwähnt werden darf. Das gibt dem Kommissar Freiräume, und die versucht er zu nutzen, um in der Unterwelt Turins wenigstens ein klein wenig für Ordnung zu sorgen.

Wenn ich den so mit den gängigen Gassenhauern à la DIE VIPER oder STADT IN PANK vergleiche, dann fällt mir sofort die düstere und grimmige Stimmung auf. Es ist Winter in Turin, und die Temperatur passt genau zu der Stimmung in der Stadt. Alle Menschen schauen finster und verbissen, die Kälte in der Stadt ist nicht nur klimatisch bedingt sondern auch und vor allem eine soziale Kälte. Genauso passt es, das sich der Film oft von Set Piece zu Set Piece hangelt, ohne dabei irgendwelche Zusammenhänge zu berücksichtigen. Aber gerade diese Sprunghaftigkeit macht den Film so eigen und besonders. Die dadurch entstehende Stimmung ist einfach ... anders. Schwer zu beschreiben, weswegen ich wahrscheinlich auch beim ursprünglich vorgesehenen Text einfach hängengeblieben bin. Ein Mann, der mit einer Knarre durch den Winter läuft und Menschen erschießt, das ist halt irgendwie ... anders. Ich werde es zu einer anderen Zeit noch mal versuchen, aber nach der ersten Sichtung ist GEWALT ÜBER DER STADT erstmal ein Film, der mich durch seine Stimmung und seine kalte Art sehr gefangen genommen hat. Fast möchte ich den Streifen vergleichen mit einem frühen Black Metal-Album: Räudig ...

Kriminaltango (Géza von Cziffra, 1960) 7/10
Peter Martens sieht keine andere Möglichkeit mehr, um seine Schulden zu zahlen: Er muss das von den Eltern geerbte Haus, inklusive Butler, verkaufen. Der Anwalt soll das übernehmen, er selber fährt zur Großtante. Der Butler überredet einen Freund, bis zum Verkauf mit der Tochter auf das Haus aufzupassen. Das bekommen allerdings drei Einbrecher mit, die sich im Haus einquartieren und ebenfalls so tun, als ob sie aufpassen sollen. Die Situation spitzt sich zu, als Peter Martens zurückkommt, und dabei über den Balkon einsteigt. Die Einbrecher denken Martens sei einer von ihnen, und dieser lässt sie auch in dem Glauben, dass er ein Super-Safeknacker mit dem großen Feingefühl ist. Zusammen tanzt man den Kriminaltango …

Allein die Musik reisst es schon raus: Sowohl der Kriminaltango, als auch das Panoptikum, sind beides Gassenhauer geworden, die bis heute swingen und mitziehen. Die Inszenierung der Lieder folgt im Wesentlichen einer Video-Optik, wie sie heute auch nicht anders gemacht wird. Man singt, man tanzt, man hat Spaß im Film im Film, und den Zuschauer freut es. Genauso wie es ihn freut, dass Peter Alexander einfach ein supersympathischer Tausendsassa war. Dass Vivi Bach ausgesprochen süß war. Dass die Schauspieler (unter anderem Fritz Muliar und Rolf Olsen) unglaublich viel Spaß hatten an ihren Rollen und das auch vermitteln können. Und dass an dem Film rundum einfach alles passt, und keine Sekunde Langeweile auftaucht.

Verräter wie wir (Susanna White, 2016) 7/10
Der Poetik-Professor Perry wird im Marokkourlaub von dem offensichtlich stinkreichen Russen Dima angesprochen. Man redet mit einander, man feiert miteinander, man spielt miteinander Tennis, und am Ende des Urlaubs bittet Dima Perry, einen USB-Stick zurück nach London mitunehmen. Dima entpuppt sich als hochrangiges Mitglied der russischen Mafia, der auf der Abschussliste steht, und mehr oder weniger in den Westen überlaufen möchte (so nannte man das früher zumindest mal). Perry tut Dima den Gefallen, übergibt den Stick dem MI6 - und wird damit in ein Mörderspiel gezogen, dass weder er als Unidozent, noch seine hübsche Frau Gayle als Anwältin, auch nur ansatzweise überblicken können. Auf der einen Seite der Mann vom Geheimdienst, der nicht autorisiert wurde überhaupt tätig zu werden. Und auf der anderen Seite die russischen Killer, die ihrem jeweiligen Chef äußerst loyal ergeben sind und nur ein Ziel kennen: Dima zu töten. Und dessen Familie. Und Perry und seine Frau ...

Spannender Thriller, der an der gleichen Krankheit leidet wie so viele Agentenfilme der letzten Jahre: Er ist nicht so vielschichtig, wie das Spiel der Geheimdienste halt nun mal so oft ist. Zum Vergleich gebe ich immer gerne DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM an, der auf so vielen Ebenen gleichzeitig spielt, dass es dem Zuschauer genauso geht wie dem Hauptdarsteller: Er kann nie sicher sagen woran er ist, und welche Rolle welche Person denn nun wirklich spielt.
VERRÄTER WIE WIR bietet diese Vielfalt wie gesagt nicht, aber er ist spannend. Und vor allem ist er toll gefilmt! Anthony Dod Mantle (u.a. TRANCE und ANTICHRIST) filmt mit Spiegeln, durch Scheiben, durch Gegenstände. Er verfremdet das Bild, setzt die Schauspieler an den Rand des Bildes oder lässt sie in der Totalen auftreten. Die dunkle Halbwelt der Geheimdienste einerseits und der Mafia andererseits werden dadurch perfekt dargestellt, ebenso wie die aufgezeigte Einsamkeit der Figuren, die hier immens ist. Das Innenleben der Charakere wird wie unter einem Mikroskop präsentiert, einzig durch die Kameraführung. Dass die Motivation der Hauptfiguren, bei dem Spiel überhaupt mitzumachen, dadurch etwas leidet, lässt sich verschmerzen, denn wie gesagt ist der Film eben auch noch spannend erzählt. Bei der Schießerei vor der Alpenhütte zum Beispiel bleibt die Kamera komplett im Keller und zeigt Ewan McGregor, wie er bei jedem Schuss und jedem Geräusch von draußen immer nervöser und hilfloser wird. Dieses Gefühl überträgt sich schnurstracks auf den Zuschauer, man muss jetzt unbedingt raus und nachschauen was da los ist. Aber die Kamera bleibt unerbittlich im Keller und verstärkt diese Hilflosigkeit bis zum Höhepunkt. Bis dahin perfekt erzählt!!

Bei Ewan McGregor fällt mir natürlich der in seiner Anlage übrigens wesentlich vielschichtigere DER GHOSTWRITER ein, wo er eine sehr ähnliche Rolle spielt: der 08/15-Bürger, der in ein unübersichtliches Mordkomplott stolpert. DER GHOSTWRITER ist düsterer und komplexer als VERRÄTER WIE WIR, aber für den Filmfan ist letzterer eben durch die Bilder ein besonderer Leckerbissen. Leider fällt der Schluss von VERRÄTER etwas ab, und gerade im Vergleich mit den GHOSTWRITER merkt man halt doch die Erfahrung eines Roman Polanski, der seine Geschichten bis zum Ende erzählen kann, und nicht kurz vorher aufhört. Trotzdem spannendes Agentenkino, das ausgesprochen gut unterhält.

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Die Legende von Paul und Paula (Heiner Carow, 1973) 6/10
Paula denkt, dass der Hippie vom Karussell ein knorker Typ ist und lässt sich von ihm schwängern. Als sie von der Entbindung nach Hause kommt, ist ihr Traummann gerade mit einer anderen im Bett. Der knorke Typ fliegt raus, und Paula ist mit ihren zwei Kindern allein. Mal wieder.
Paul denkt, dass die süße Maus vom Schießstand eine total süße Maus ist, und heiratet sie. Doch in Wirklichkeit ist sie dumm und vulgär, ihre Eltern sind Proleten, und der gemeinsame Sohn ist unter den Fittichen der Schwiegereltern. Als Paul vom Militär zurückkommt, ist seine Traumfrau gerade mit einem anderen im Bett. Aber man ist ja verheiratet, also lässt man alles beim Alten. In Pauls Stellung wäre eine Scheidung auch nicht gut. Man muss ja an die Karriere denken. Und der Sohn wäre auch fort.
Erst nach 45 Filmminuten treffen sich Paul und Paula, und dann fliegen die Funken. Es kracht, es donnert, es rummst, und die beiden wissen dass sie füreinander geschaffen sind. Zumindest Paula weiß es, und sie versucht es mit allen Mitteln Paul beizubringen. Aber so sehr Paul auch verliebt ist, da ist ja noch sein Sohn. Und die Karriere! Paul hält sich immer mehr zurück, aber so gewinnt man das Herz einer Frau nicht. Paula verlässt Paul und möchte das Heiratsangebot des Reifenhändlers Saft annehmen, der sie schon immer geliebt hat. In dem Augenblick erkennt Paul seinen Fehler. Er schläft vor Paulas Tür, wenn Paula mit Saft in seine Datscha fährt sitzt er bereits in Safts Auto und kümmert sich um Paulas Kind, wenn Paula und Saft baden gehen ist Paul ebenfalls dabei. Wie ein Schatten begleitet er Paula bei allem. Ob das so funktionieren wird?

Während des Films hat mich das Hochgestochene schon sehr gestört. Die Dialoge stolzieren wie eitle Pfauen, und kein Mensch redet oder verhält sich so wie in der Realität. Aber irgendwann hat mich die Poesie dieses Films dann doch gepackt, und hinterher war da diese träumerische Stimmung, die alles wie aus einem rosaroten Blickwinkel gesehen hat. Diese unglaubliche und alles vergessen machende Liebe (hinreißend der Augenblick, wenn Paula in Unterwäsche vor ihrer Kundschaft steht, weil sie vor lauter Liebe vergessen hat ihre Schürze anzuziehen). Dieser Rausch aus Verlangen und unterdrückten oder gar vergessenen Gefühlen. Dieses Leben zwischen Ruinen, Baustellen und den Pfeilern einer schönen neuen Welt. Und mitten zwischen den alten Häusern und den Plattenbauten, mittendrin dann plötzlich der Blick in die Augen des anderen. Das Wissen, das man bisher ziemlich daneben gelangt hat. Und dass jetzt nichts mehr schief gehen kann. Eigentlich …

Ein ganz eigener Film, mit einer Bildsprache, die es so nur in der damaligen Zeit gab. Und die perfekt passt zu einer Geschichte, die mitten in der Realität angesiedelt ist, und diese doch niemals trifft. Und wenn, dann nur ganz zart. Wie eine Blume auf einem Flusskahn …

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Liebe, so schön wie Liebe
Liebe, so schön wie Liebe
Deutschland 1972
Regie: Klaus Lemke
Rolf Zacher, Sylvie Winter, Marquard Bohm, Isolde Nist, Bernd Redecker, Renate Zimmerman, Edda Köchl, Dietrich Kerky, Dennis O. Heinrich, Heinz Klopp, Erich F. Hirsch, Lis Bremer, Irene Klopp, Monique Marschall, Maxi Vedder


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Sylvie war mit Bernd zusammen, aber da kam ein Klavier dazwischen. Jetzt ist Bernd verheiratet, und Sylvie wohnt in einer WG, zusammen mit Isolde und Renate. Sie lernt Rolf kennen. Rolf ist ein Tagedieb. Ein Träumer. Ein Lügner und Betrüger. Aber bei aller Aufschneiderei liebt er Sylvie. Ein Wanderzirkus soll aufgemacht werden, zusammen mit den Freunden. Von Marquard werden Tiere organisiert, und auf einem alten Bauernhof beginnt man dann zu proben.

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Ein Film wie ein Gedicht von Ernst Jandl. Vorn und hinten passt nichts zusammen, die Geschichte beginnt irgendwann und endet irgendwann. Oder auch nicht. Vielleicht geht sie auch einfach immer weiter, so genau weiß man das nicht. Die Charaktere heißen wie die Darsteller, und umgekehrt. Die Dialoge sind improvisiert, und die Szenen oft ebenfalls. Die Bilder sind oft assoziativ, und die Musik untermal die assoziativen Bilder in ebendiesem Stil. Und über allem schwebt, wie ein Hauch in der Dämmerung, das rudimentäre Gerüst einer Geschichte.
Es weht Freiheit durch den Film, und das in jeder Beziehung. Die Freiheit, Filme so zu machen, wie sie die großen Erfolgsproduzenten ganz sicher niemals sehen wollen. Die Freiheit, Beziehungen zu beginnen, auch wenn man eigentlich denkt dass das nichts wird. Die Freiheit, einen Zirkus zu gründen, nur weil man es einfach will. Die Freiheit, dahin aufzubrechen, wohin man will. Die Freiheit anders zu sein.

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Sylvie sagt zu Rolf: “Einmal habe ich geträumt ich würde schlafen, und als ich aufwachte, habe ich gemerkt, dass ich wach war.“ Welchen Augenblick davon dieser kleine und wunderbare Film einfängt, dass muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Ich persönlich würde ihn als Traum sehen. Als Traum von einem Leben, das niemanden betraft der anders sein möchte. Und als Traum von einem Film, der jeden belohnt der sich traut anders zu sein.

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7/10, aber eigentlich nicht mit Werten auszudrücken. Unschätzbar ...

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.07.2019 19:00 
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Für das Protokoll möchte ich mal festhalten, dass sowohl PAUL UND PAULA wie auch Klaus Lemkes LIEBE... mir beide nicht mehr so recht aus dem Kopf gegangen sind. Soll heißen, dass sie mich einfach noch tagelang beschäftigt haben, und mich für einige Zeit in eine bestimmte Stimmung gebracht haben. Weswegen ich beide, selten genug dass so etwas passiert, höher bewerten möchte. DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA soll ein Gut bekommen, LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE ein Richtig gut. Quasi als Danke schön für die schönen Gedanken ... :)

Die beiden haben mich auch maßgeblich beeinflusst, endlich diesen hier anzuschauen:
Mord und Totschlag (Volker Schlöndorff, 1967) 6/10
Im Streit erschießt Marie ihren Ex Hans. Der liegt jetzt tot in ihrer Wohnung und muss weg. Auf dem Bahnhof, mit Trenchcoat und Sonnenbrille angetan, bietet Marie wildfremden Männern 500 Mark, wenn sie die Leiche wegschaffen. In einem Bums findet sie Günther, der würde schon wollen. Oder auch nicht. Aber dann doch wieder. In den Teppich rollen die beiden den ans noch ein, aber dann fällt Günther ein, dass Hans mitsamt Teppich einfach zu schwer ist. Also wird Fritz organisiert. Mit Fritz und ein wenig Schützenhilfe vom Hausmeister kann Hans endlich in das geliehene Auto gepackt werden, und ab geht es nach Norden. Zur Autobahnbaustelle, wo Abschied genommen wird. Danach noch in ein kleines Dorf, zur Tante von Fritz, frühstücken. Eigentlich könnte man ja gleich dableiben. Oder einfach weiterfahren. Aber Günther ist pflichtbewusst und will das Auto wieder zurückbringen.

Kein reines Road Movie, kein Aussteigermärchen, und schon gar keine flippige Fantasie. Dafür war die Zeit noch nicht reif, und Volker Schlöndorff ist auch kein Regisseur für flippige Fantasien. Ich hatte eher den Eindruck, als würde er sich an Godards AUSSENSEITERBANDE orientieren, nur weniger cineastisch orientiert. Die beiden gelangweilten jungen Männer, die gutaussehende Frau, die schwebende Hin-und-her-Beziehung zwischen den Dreien, die verbotene Tat die zusammenschweißt und gleichzeitig auch Zwietracht nährt ...
Leider stand mir nach Carows DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA und Lemkes LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE der Sinn eher nach Märchen. Nach Romantik und mehr oder weniger realitätsfernen Idealzuständen von Beziehung. Von daher konnte ich mit MORD UND TOTSCHLAG nicht so viel anfangen wie erwartet. Zu nüchtern erzählt war mir die Geschichte, und vor allem zu schnörkellos. Vielleicht hatte es auch einfach zu viel Realität. Dass Marie und Günther den lieben langen Tag lang durch München driften, auf der Suche nach was zu trinken, der Nacht und der verlorenen Zeit, das hätte wegen mir auch gerne so weitergehen können. Dieser Teil war ein wenig wie eine ernsthafte Version von ZUR SACHE SCHÄTZCHEN und eigentlich viel interessanter als das letzte Drittel. Die kleinen Nebenfiguren waren es, die mich hier ziemlich begeistert haben: Der Hausmeister ("Sie können hier nicht stehenbleiben! Hier ist Halteverbot!" Jeder kennt diese Typen ...), der Mann auf dem Bürgersteig, der von Günther fast umgefahren wird und eine Schimpftirade loslässt, Willy Harlander als Bauer, der stolz ist auf sein Geflügel-KZ. Menschen aus dem alltäglichen Leben, genau beobachtet und fein gezeichnet. DAS ist der eigentliche Film, nicht der eher hölzerne Hans Peter Hallwachs oder der eiskalt wirkende Manfred Fischbeck. Die Figuren zwischen den Hauptcharakteren und die kleinen Nebengeschichten (ganz stark ist ja die Tante, von der hätte ich gerne mehr gesehen), die machen den Film aus. Dies, und die erotische und sehr natürlich wirkende Anita Pallenberg natürlich.

Fazit: Na ja, war doch gar nicht so schlecht, wenn ich drüber nachdenke. Ein Film zum Sackenlassen und zum Reifen. Und zum mehrmals Sehen …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 10.07.2019 18:34 
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Der unsichtbare Gast (Oriol Paulo, 2016) 7/10
Drei Stunden hat der Selfmade-Millionär Adrián Doria Zeit, der Anwältin Victoria Goodman zu erklären, was in dem Hotelzimmer geschah. Dem Hotelzimmer, dessen Tür von innen verschlossen war. Dessen Fenster verriegelt waren. Und in dem er und seine ermordete Geliebte gefunden wurden. Die Geschichte, die er erzählt, ist erstmal nichts anderes als das, was er der Polizei auch gesagt hat: Von dem großen Unbekannten, der ihn niedergeschlagen hat und dann spurlos verschwunden ist. Aber die Anwältin ist gut, sie ist verdammt gut, und sie holt aus dem smarten Yuppie die Vorgeschichte heraus, die dann schon ein wenig anders klingt. Die Geschichte erzählt von einer Liebschaft neben der Ehe. Von einem Stelldichein am Land. Von der Rückfahrt durch einen Wald. Und von einem Unfall, bei dem ein Toter zurückblieb.

Und diese Geschichte ist eine Geschichte von Bosheit und Liebe, von Rachsucht und von Traurigkeit. Vor allem aber, und das ist die Hauptsache, ist es nicht die einzige erzählte Geschichte. Richtiger: Es ist die einzige, aber ob die Version, die Doria erzählt, die einzig glücklich machende ist, das sei mal dahingestellt. Doria und Goodman sitzen am Küchentisch und reden, und sie versucht seinen Arsch zu retten, in dem sie darauf drängt, dass er mit der Wahrheit rausrückt. Es folgt eine Reihe von Rückblenden, und wer sich ein klein wenig mit Filmen auskennt weiß, dass Rückblenden manchmal auch sehr … subjektiv gefärbt sein können. Und aus einer anderen Sicht vielleicht auch ganz anders ablaufen können.
Die Rückblenden beginnen sich zu verschachteln, sie beginnen sich in verschiedenen Versionen zu überlagern und gegenseitig aufzuheben. Und während auf diese Weise der Druck immer mehr steigt wird irgendwann klar, dass niemand in diesem Spiel, aber auch wirklich absolut niemand, der ist, der er zu sein vorgibt.

Auch wenn man den Film aufgrund der twistreichen Auflösung wahrscheinlich kein zweites Mal sehen kann, so ist er doch auf jeden Fall eines: Sauspannend!! Ausgefeiltes Thrillerkino ohne Baller- oder Blutorgien, sondern mit psychologischer Kriegsführung und teilweise sehr starken Bildern. Große Empfehlung!!

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