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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Der Bulle von Tölz - Der Tod auf Tournee (Walter Bannert, 1997) 6/10

Resis Ziehtochter Hanna ist Schauspielerin geworden, und kommt in dieser Eigenschaft auf ein Gastspiel nach Bad Tölz. Mal ganz abgesehen davon, dass Hanna in Strapsen und so quasi nackt, also zumindest so fast, also so splitterfasernackt, also vor allen Leuten und so, also diese Aufführung wird ein Skandal, also mal abgesehen davon ist die Freude groß. Aber auch nur kurz, denn eine Schauspielerin wird auf der Bühne erschossen – Die Platzpatronen waren gegen echte Patronen ausgetauscht. Und Benno muss in der eigenen Familie ermitteln.

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Ein etwas müder Anfang, so als ob das Drehbuch zu Beginn noch nicht gewusst hätte wo die Reise hingehen soll. Dazu des öfteren improvisiert wirkende Dialoge und die Figur des Robert Rieber, die als Gegenspieler zu Benno Berghammer aufgebaut wird, nur um dann nach der Hälfte der Laufzeit spurlos aus der Handlung zu verschwinden ... Solche Dinge wirken irgendwie fahrig und lieblos, und lassen wie gesagt vor allem das erste Drittel etwas im TV-Einerlei verschwinden. Dagegen spielt dann die Perlinger Sissi an, die als Hanna ein paar ausgesprochen denkwürdige Auftritte hat. Ihr umwerfender Monolog über das Dasein einer jungen und gutaussehenden Schauspielerin und ihrer, durch das Aussehen begrenzten, Möglichkeiten stand so sicher nicht im Drehbuch ("Sissi, Du hast 3 Minuten für einen Monolog: Mach was draus!"), reißt aber die Folge ungemein nach vorne. Überhaupt ist es dieses mal weniger der Benno der sich mit der Resi kabbeln muss, als vielmehr die Ziehtochter die weltmännisch und großstädtisch daherkommt, und der Resi erklären muss dass sie keine Kinder will, und dem Benno erklären muss dass ihr Freund vorbestraft und ihr das scheißegal ist. Diese Szenen bringen frischen Wind in das kleine Bad Tölz, und lassen die Startschwierigkeiten dieser Folge ein wenig in den Kulissen verschwinden. Keine weltbewegende Folge, aber dank der Perlinger Sissi und dem Gastauftritt von Herbert Fux auf jeden Fall eine Folge mit Erinnerungswert.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 12.02.2020 18:08 
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Killer Cop
La polizia ha le mani legate
Italien 1975
Regie: Luciano Ercoli
Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D'Adda, Paolo Poiret, Valeria D'Obici, Giuliana Rivera, Franco Moraldi, Elio Jotta, Enzo Fisichella


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Kommissar Rolandi ist in einem Hotel gerade auf der Spur eines Drogendealers, als in der Hotelhalle eine Bombe explodiert. Ein Anschlag, ausgeführt von unbekannten Extremisten. Viele Tote, das Foyer gleicht einem Schlachtfeld, und Rolandi ist völlig geschockt von diesem Ereignis. Als er seinem Freund, dem degradierten Polizisten Balsamo davon erzählt, meint der, dass er den Täter schon gestellt hatte. Dieser richtete aber eine Pistole auf ihn, und Balsamo ist halt, wie der Name schon sagt, eher der Sanften einer und ließ den Mann laufen. Der Generalstaatsanwalt Di Federico, ein humorloser und knallharter Hund, übernimmt die Ermittlung, stutzt Balsamo zurecht und verbittet sich jede Einmischung seitens Rolandi. Als Balsamo erschossen wird, fängt Rolandi auf eigene Faust das Ermitteln an, was Di Federico wiederum fuchsteufelswild macht. Das geht soweit, dass Rolandi als einer der Hauptverdächtigen gilt. Und solange Di Federico diese Haltung nicht aufgibt, so lange sind der Polizei die Hände gebunden.

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Es gibt Polizeifilme, und es gibt Polizeifilme. Die einen sind unterhaltsame Actionvehikel mit jeder Menge Keilereien, Verfolgungsjagden und wilden Schnäuzern. Andere Polizeifilme sind dann eher Politthriller, welche in erster Linie die Hilflosigkeit der Polizei gegenüber korrupten Vorgesetzten, kraftlosen Gesetzen und einer aggressiven Presse an den Pranger stellen. Und dann gibt es noch ein paar ganz wenige Exemplare, die sich sehr sorgfältig zwischen alle Stühle setzen, sich jeglicher Kategorisierung verweigern, und genau deswegen so erstklassig sind. Sergio Martinos DIE KILLERMAFIA ist so ein Hybrid, aber der KILLER COP ist noch ein paar Ecken besser: Ein spannender Polizeifilm mit einer mühsamen Ermittlungsarbeit voller Hindernisse. Rolandi muss gegen alles und jeden ermitteln: Sein Vorgesetzter darf nicht wissen was er da tut, der Staatsanwalt verbietet es ihm glatterdings, und Rolandi selber scheißt auf alles und jeden – und ermittelt ganz einfach. Diese exponierte Stellung, prinzipiell ein klassischer Bestandteil eines Polizotteschis, wird von Claudio Cassinelli feinfühlig und mit viel Gespür für die Person und die Situation gespielt. Mit Mario Adorf oder Maurizio Merli, von Fernando Di Leo oder Umberto Lenzi inszeniert, wäre der Film komplett anders ausgefallen. Aber sowas von komplett anders …

Luciano Ercoli aber hatte einen eigenen Stil. Genauso wie in seinen Gialli (etwa dem erstklassigen DEATH WALKS AT MIDNIGHT) sind bei ihm neben der spannenden Kriminalarbeit auch fein herausgearbeitete Psychogramme von Menschen unter Druck zu bewundern: Nieves Navarro in DEATH WALKS ON HIGH HEELS etwa, oder Dagmar Lassander in FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT. Oder, um wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen, Claudio Casinelli in KILLER COP. Und neben dieser psychologischen Komponente und einer sehr spannenden Handlung liefert Ercoli, so ganz nebenher, auch noch punktgenau treffende Aussagen in punkto öffentliche Meinung versus schweigende Mehrheit: Ein Schwenk durch die Straßenbahn präsentiert allgemeine politische Ansichten in Form von zeitunglesenden Passanten und ihren Kommentaren. Die einen sind dafür dass sie dagegen sind, die anderen sind dagegen dass sie dafür sind, und eigentlich ist alles beim Alten. Aber diese sich allmählich aufladende Stimmung in dem Straßenbahnwaggon, der Austausch nicht von Meinungen sondern von Parolen, der gibt dem Film viel Spannung an einer Stelle, wo man sie überhaupt nicht erwartet hätte. Wenn die Szene noch länger gegangen wäre, dann hätte man wahrscheinlich irgendwann einem Lynchmord am nächsten, zufällig daherkommenden, Langhaarigen beiwohnen können.
Als Schmankerl dann aber auch immer wieder humorige Momente, welche die düstere und beklemmende Stimmung auflockern, ohne aber den Druck aus der Geschichte zu nehmen, eine unterschwellige Botschaft (wenn man nämlich irgendwann die Befürchtung hegen muss, dass Kommissar Rolandi das Schicksal des Anarchisten Giuseppe Pinelli teilen wird und aus dem Fenster im vierten Stock des Mailänder Polizeipräsidiums flüchten “muss“) sowie klandestine Hintermänner.

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Überhaupt, die Politik und die Männer im Hintergrund. Ercoli klagt nicht laut und vernehmlich an wie Damiano Damiani, er zeigt kein klar erkennbares Muster wie etwa Francesco Rosi, und er übt auch nicht aggressive Kritik wie zum Beispiel Elio Petri. Nein, Ercoli geht geschickter vor, indem er die Hintergründe des Bombenanschlags genauso im Unklaren lässt wie die eigentlichen Auftraggeber und ihre Motive. Als Zuschauer wissen wir zwar, dass es da einen Colonnello gibt der Befehle an die Bombenleger erteilt, aber wer das eigentlich ist erfahren wir nicht, und Rolandi noch viel weniger. Geheimdienst? Staatsschutz? Pff, wenn interessiert’s? Die Toten bestimmt nicht … Gerade dieses Diffuse, diese Unschärfe, zeichnet KILLER COP gegenüber dem erwähnten DIE KILLERMAFIA aus, wo zumindest einer der höheren Chargen deutlich benannt wird. Rolandi nimmt für uns die Stelle eines unbeteiligten Beobachters ein, der genauso wenig erfährt wie der durchschnittliche Zeitungsleser das tut, und tatsächlich ist Rolandi ja auch nur zufällig am Ort der Explosion. Und beginnt die Ermittlung ebenfalls nur aus persönlichen Bewegründen, nicht weil er von Berufs wegen müsste. Ercoli stellt diese Unschärfe zum einen dar, indem er immer wieder optische Spielereien platziert, welche die Bildränder verschwimmen lassen. Damit werden Personen verschleiert und in eine Halbwelt getaucht, zu der ein einfacher Kommissar keinen Zugang hat. Die Grenzen Rolandis sind, genauso wie unsere alltäglichen Grenzen, eng gesteckt, narrativ und bildlich gesprochen.

Das andere Element der Unschärfe ist die Sehschwäche Ludovisis, die Ercoli breit ausspielt und zum entscheidenden Element erklärt. Franco Ludovisi ist Rolandis “Gegenstück“ bei den Terroristen. Das extrem kurzsichtige Moppelchen, das eigentlich nur dazu da ist Befehle entgegenzunehmen und die Bombe zu platzieren, reibt sich auf seine Art genauso an der Gesellschaft wie Rolandi es tut. Der eine liest halt Moby Dick und übt den zivilen Ungehorsam, der andere meint, dass er mit politischem Extremismus etwas ändern kann. Doch als Ludovisi merkt was er da eigentlich tut, regt sich sein Gewissen. Kein kaltschnäuziger Anarchist, kein menschenverachtender Faschist ist Ludovisi, sondern nur ein fehlgeleiteter Mensch, der zu spät zur Besinnung kommt. Ein Befehlsempfänger, der seinen eigenen Willen viel zu spät entdeckt. Wie viele von denen mag es im aufgeheizten politischen Klima im Italien der 70er-Jahre gegeben habe? Und nicht nur dort … Die eben nicht fanatisierte Halbirre waren, sondern irgendwann mal eine Entscheidung getroffen haben, die sich nachträglich als falsch erwies, und die dann anschließend 20 Jahre im Gefängnis saßen …
Auf jeden Fall ist Ludovisi auf seine Weise in einer zunehmend kälter werdenden Gesellschaft genauso menschlich geblieben wie Rolandi. Beide handeln in erster nach ihrem Gewissen, nur die Wege unterscheiden sich.

Es ist einfach sehr viel drin in diesem nicht wirklich reinen Polizeifilm. Viel Politik, viel Krimi, viel Verbrechen, viel Verzweiflung. Viel Menschlichkeit. Und es ist interessanterweise nicht der erste Poliziotto mit Claudio Casinelli, bei dem ich nicht genau weiß was ich sagen soll. Der sich mir beim Versuch der Beschreibung entzieht und stattdessen eine ganz bestimmte Stimmung vorgibt. Eine Mischung aus Realismus, Härte und Verzweiflung. Liegt das an Cassinelli? Der hat mitunter so traurige Augen, und seine Rollenwahl in den70ern hat ja öfters solche Rollen wie hier gezeitigt: Der nach außen harte Cop, der nach innen so viel Gefühl hat, dass er an seinem Job fast zerbricht. Aber eben nur fast, denn wenn es sein muss kann er auch ordentlich auf den Putz hauen. Trotzdem, der wesentliche Unterschied zu, sagen wir, den Charakteren die Maurizio Merli so überlebensgroß dargestellt hat, ist der: Die Cassinelli-Figuren sind intelligent, sie sind leise - Sie sind irgendwie wie Freunde, die man gerne hätte.

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8/10

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Sicario (Denis Villeneuve, 2015) 6/10

Die FBI-Agentin Macer wird einem Sondereinsatz zugeteilt: Matt und Alejandro sollen mit den Männern einer speziellen Spezialeinheit an der mexikanischen Grenze arbeiten, und Macer soll dabei lernen und gegebenenfalls auch ein wenig schießen. Mehrere Dinge lernt sie dabei ganz schnell: Die “Männer“ sind übriggebliebene Irak-Veteranen mit Rocker-Habitus. Matt ist ausgesprochen selbstbewusst und zieht seinen Auftrag auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht durch. Alejandro ist ein trauriger Einzelkämpfer, den ein düsteres Geheimnis umgibt. Und der erste Einsatz geht … Nach Mexiko. Wo das FBI ja eigentlich gar nicht arbeiten darf. Dort lernt Macer auch Matts Auftrag kennen: Unruhe stiften, auf die Pauke hauen, und dafür sorgen, dass das Kartell Manuel Diaz nach Mexiko schickt. An den kann man sich dann heften um den Boss aufzustöbern und umzulegen. Bloß, wenn die CIA mitspielt, und das tut sie in Form von Matt, dann lautet die nächste Frage automatisch: Ist das der wahre Auftrag? Oder gibt es hinter der Wahrheit unter Umständen noch eine andere Wahrheit? Und welche Rolle spielt Alejandro, der auf eine fast unheimliche Art immer dann zur Stelle ist, wenn man gerade einen Killer benötigt …

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Also prinzipiell ist SICARIO erstmal gut. Die Schauspieler geben ihr Bestes, die Musik (Jóhann Jóhannsson!) geht ernsthaft unter die Haut, die Bilder sind eine Wucht, die Handlung ist komplex genug um anspruchsvoll zu sein, und nicht zu komplex um das Interesse zu verlieren, und die Twists sind … Ok, wenn die CIA im Spiel ist sind echte Überraschungen rar, zumindest in Bezug auf abgrundtiefe Schlechtigkeit.

So weit die gute Nachricht. Die nicht so gute Nachricht: Der Film berührt nicht. Und ich weiß nicht so recht warum. Sind die Bilder vielleicht zu geleckt? Sind die “Guten“ zu unangreifbar und die Bösen zu gesichtslos? Emily Blunt spielt das harte Püppchen Macer mit Hang zur Schockstarre gut, aber ich habe ihre Rolle glaube ich einfach schon zu oft gesehen, um wirklich mitfiebern zu können. Nach dem Tod ihrer Kollegen macht sie nicht den Jason Statham, sondern glaubt weiterhin an das Gesetz, was zwar gut und wertvoll ist, aber die Figur zu etwas moralisch Einwandfreiem hochstilisiert. Etwas, wovon ein Weltverbesserer träumen mag, was aber die Anteilnahme des Zuschauers erschwert. Für die Identifikation ist mit Matt (Josh Brolin) der hemdsärmelige All American-Guy dabei und mit Alejandoro (Benicio Del Toro) der schwermütige Stille mit Hang zu Macer. Daniel Kaluuya spielt den Quotenneger, den Außenseiter, mit dem sich die Ausgestoßenen anfreunden können, und so hat jede mögliche Zuschauerregung ihre Bezugsfigur abbekommen. Chrakterisierungen vom Reißbrett, aber ohne wirkliche Tiefe.

SICARIO bietet so einiges an starken Szenen: Die Schießerei im Stau an der Grenze, der nächtliche Marsch durch die Wüste, der Kampf in der Wohnung, … Aber was verbindet diese Szenen? Ich meine nicht die Handlung, die ist stringent. Und ich meine auch nicht das durchgehende Action-Feuerwerk eines, sagen wir, TAKEN, das zwar fesselt, aber nicht anspricht. Nein, was ich vermisse ist einfach die gut(!) erzählte Geschichte. Zu dieser Kombination aus großartigen Bildern, stargespicktem Cast und wenig Inhalt fällt mir Ridley Scotts THE COUNSELOR ein, der exakt das gleiche Problem hat: Er ist leer. Er hat keinen Inhalt. Er bietet Schauwerte, ohne diese mit etwas zu füllen. Er erzählt umständlich und uninspiriert. Wenn Ridley Scott nicht bereits berühmt wäre, würde sich keine Sau für diesen Film interessieren. Und das ist bei Villeneuve genauso. Man steht nach dem Film auf und fragt sich, was man jetzt eigentlich gesehen hat. War da was? Genauso wie bei Büchern von Charlotte Roche …

Was im Fall von SICARIO doppelt schade ist, denn erst vor ein paar Wochen flimmerte PRISONERS über meinen Bildschirm, und da hat Villeneuve gezeigt dass er sehr wohl Inhalt auf die Leinwand zaubern kann. Dass er Figuren mit Tiefe und mit Charakterisierung durch eine erstklassig erzählte Story jagen kann, bei welcher der Zuschauer nicht merkt, dass sie 2 Stunden lang ist. SICARIO aber hatte eine sehr deutliche Dichte von Auf-die-Uhr-gucken-Momenten, und das ist bei mir niemals ein gutes Zeichen.

Als Unterhaltungsfilm passt SICARIO, weil er bei aller Kritik ein paar verdammt starke Momente zaubert. Und als Film mit Message taugt er nicht, da er uns nichts sagt was wir nicht schon wissen: Nord-Mexiko ist fest in der Hand der Drogenkartelle, und Frauen geben sich mitten im Job einem Mann hin, sind also schwach. Wir lernen, dass die CIA auch im Inland mitmischen darf. Und dies auch muss, weil sonst die Kartelle immer mehr Macht gewinnen. Wir erfahren, dass böse Drogenbosse liebe und gut erzogene Kinder haben. Und schlußendlich sehen wir, dass korrupte Cops nur in Mexiko existieren, niemals in den USA.

Ich muss aufhören, denn sonst schreib mich mir den Film schlechter als er eigentlich ist. Anders ausgedrückt: Vor ein paar Tagen gab es LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE, und dessen Klasse erreicht SICARIO in einzelnen Momenten durchaus, aber definitiv nicht in Summe. Keine vertane Lebenszeit, aber garantiert auch niemals eine Zweitsichtung …

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Die Kanonen von Navarone (J. Lee Thompson, 1961) 7/10

Die Ägäis, irgendwann im zweiten Weltkrieg. Eine griechische Insel, auf der 3000 britische Soldaten ihrem sicheren Tod entgegen sehen. Davor eine Meerenge, und diese Meerenge wird bewacht von zwei gigantischen, radargesteuerten Kanonen, die mit absoluter Sicherheit jedes Schiff versenken, das den Soldaten zu Hilfe kommen könnte. Major Mallory bekommt den Auftrag, mit einem Spezialkommando die Kanonen zu zerstören.

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Den Roman Die Kanonen von Navarone von Alistair McLean habe ich zweimal gelesen, so spannend ist der. Lange bevor bei McLean die alleskönnenden und dauertrinkenden Superhelden das Ruder übernahmen, sind hier Kriegsromantik und dreckiger Realismus perfekt miteinander vereint. Der Film, 2 Jahre nach dem Erscheinen des Buchs gedreht, hält sich ausgesprochen eng an die Vorlage. So eng, dass ich manchen meiner Vorstellungen beim Lesen plötzlich als Filmbild gegenüber saß. Diese Werktreue, eine gewisse Gigantomanie beim Drehen (67 Stunden Rohmaterial wurden aufgenommen, die Produktionskosten waren mit 6 Mio. Dollar dreimal so hoch wie ursprünglich angesetzt) und ein erstklassiger Cast, das ergibt in Summe hochspannende, dramatische und stringent erzählte Unterhaltung. Keine Blutbäder, keine ausgiebigen Brutalitäten (wenn der SS-Scharfführer Major Franklin foltert reicht es, dass er ihm den Pistolenknauf sanft auf das brandige Bein legt), kein Leerlauf, erstklassige Spezialeffekte, welche die gute Geschichte unterstützen, … Einfach ein guter Film. Nur Gregory Peck kommt mir persönlich ein wenig zu glatt rüber, da hätte ich lieber Richard Burton gesehen. Oder den ursprünglich vorgesehenen William Holden. Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau …

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PostPosted: 21.02.2020 13:42 
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Hatte ich den nicht schon mal? Wurscht, für gute Filme kann man immer Werbung machen :D

Agenten sterben einsam (Brian G. Hutton, 1968) 7/10

Im Jahr 1943 ist ein US-amerikanischer General, der alle Pläne der Invasion an der französischen Westküste kennt, in deutsche Hände gefallen. Ein Team britischer und US-amerikanischer Spezialisten soll ihn aus einer schwer bewachten Alpenfestung herausholen.

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Klar, Realismus geht anders, aber wer bei der filmischen Umsetzung eines Alistair McLean-Romans (bei dem der Meister selber das Drehbuch geschrieben hat) Realismus erwartet, der ist selber schuld. Die Deutschen sind böse und dumm, die Alliierten smart und unbesiegbar, die Alpen schwer verschneit, die Kugeln treffen nur Deutsche, und die Sprengladungen gehen immer dann hoch wenn es für das Team Eastwood/Burton gerade passt.
Aber der Spaßfaktor ist immens! Die Schauspieler, die Szenenbilder aus dem verschneiten Alpendorf (laut der DVD beiliegenden Doku in den Hochalpen gedreht, folgt man Wikipedia auf knapp 700 Meter Höhe inszeniert …), die sehr gelungenen Actionszenen und die ordentlichen Spezialeffekte – Zweieinhalb Stunden pures Vergnügen, insofern der Kopf ausgeschaltet wird. Für alle Fans altmodischer Kriegsunterhaltung ein Muss!

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Die rote Schlinge (Don Siegel, 1949) 6/10

Duke Halliday wird von Captain Vincent Blake verfolgt, weil er 300.000 Dollar gestohlen haben soll. Als Halliday in Vera Cruz vom Schiff gehen will wird er von Blake gestellt, kann aber mit dessen Brieftasche als Beute entkommen. Halliday hat eine Aufgabe: Er will seine Unschuld beweisen. In Wirklichkeit nämlich hat Jim Fiske das Geld geraubt, und Halliday war der Überfallene. Halliday lernt Joan Graham kennen, Fiskes Verlobte, der er (also Fiske) noch 2.000 Dollar schuldet. Er (also Halliday) gibt sich nun als Captain Blake aus und jagt hinter Fiske her, selber wiederum verfolgt vom echten Blake. Und die mexikanische Polizei in Form von Inspector Ortega schaut genüsslich zu, wie diese gottverdammten irren Gringos sich gegenseitig den Gar aus machen wollen. Denn Ortega ist klug. Er ist wie eine Katze, die warten kann, bis ihn die Maus zu einer anderen Maus führt. Zu der Maus, die hinter Fiske steckt.

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Weite, offene und sonnendurchglühte Landschaften. Mexikanische Rhythmen im Hintergrund, die leicht und beschwingt zu Dialogen aufspielen, die ich so ohne weiteres in jedem Tracy/Hepburn-Film verorten würde. Situationen die hochgradig abgedreht sind, und die mit unglaublichem Witz aufgelöst und in die nächste irrwitzige Situation überführt werden. Und immer wieder Robert Mitchum und Jane Greer, die hier so ganz anders als im Noir-Klassiker GOLDENES GIFT auftreten, nämlich erheblich lockerer und lustiger. Gelöst, und ständig kluge und sehr komische Kommentare auf den Lippen. Ein Noir? Nicht wirklich, höchstens für die kurze Zeit im Haus des Antiquitätenhändlers Seton, wenn die Schatten näher rücken und mit einem Mal der Tod im Zimmer steht. Aber abgesehen von einigen wenigen Spielereien mit der Kamera (etwa Hallidays Auftritt im Polizeipräsidium) eher ein Crossover zwischen Krimi und Screwball-Comedy. Eine Krimikomödie aus dem Jahre 1949 mit Dialogen, die auch heute noch zum Lachen bringen, und die teilweise ganz schön sexy sind.
Nicht ganz mein Geschmack, ich bin halt einfach kein Komödienmensch. Dafür aber absolut gelungen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

Das gleiche könnte ich in Bezug auf "Die rote Schlinge" schreiben. :)

Fiesta Noir trifft es sehr gut, wie ich finde. Ich liebe ihn.


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Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

10 von 10-Filme, das ist die Liga von ALIEN, von ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und von MILANO KALIBER 9. Das sind die Filme, wo ich über die komplette Laufzeit mit offener Kinnlade dasitze (Achtung Kopfkino ... :mrgreen: ). Der letzte 10-er war ATEMLOS VOR ANGST in der US-Fassung, und bei dem ging es mir genau so.

AGENTEN STERBEN EINSAM ist genial, aber in der Liga spielt er nicht mit.

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ephedrino wrote:
Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

Das gleiche könnte ich in Bezug auf "Die rote Schlinge" schreiben. :)

Fiesta Noir trifft es sehr gut, wie ich finde. Ich liebe ihn.

Fiesta Noir - ein schöner Ausdruck!! Trifft es wirklich hervorragend!

Aber bei Komödien bin ich sehr sehr eigen. Louis de Funès, Laurel & Hardy, Marx Brothers - und dann kommt lange lange Zeit nichts mehr. Höchstens noch EINS, ZWEI, DREI von Billy Wilder und ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN. Na ja, und dann halt noch die Sache mit der Erwartungshaltung: Nach GOLDENES GIFT, und mit dem tollen Cover der Koch-DVD, hatte ich was düsteres und spannendes erwartet, und da wurde ich ein wenig ... ich nenne es mal "enttäuscht".
Aber DIE ROTE SCHLINGE wird bei einer Zweitsichtung definitiv noch wachsen. Ein klasse Film, nur zur falschen Zeit geschaut ... :oops:

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"Atemlos vor Angst" habe ich noch vor mir. Ich hab mir die Blu-ray aus England geordert. Bin schon richtig gespannt drauf :D

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