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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: ATEMLOS VOR ANGST - William Friedkin
PostPosted: 06.02.2020 18:49 
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Atemlos vor Angst
Sorcerer
Mexiko/ USA 1977
Regie: William Friedkin
Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Ramon Bieri, Peter Capell, Karl John, Friedrich von Ledebur, Chico Martínez, Joe Spinell, Rosario Almontes, Richard Holley


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Scanlon ist ein irischstämmiger Mobster, der Geld von den falschen Leuten geraubt hat, und die jetzt seinen Kopf wollen. Manzon ist ein Investmentbanker, der das Geld seiner Kunden veruntreut hat, und dem nach dem Selbstmord seines Schwagers nur noch der Weg ins Gefängnis offen steht. Nilo ist ein bezahlter Killer, der nach einem Job untertauchen muss. Und Kassem ist ein arabischer Terrorist, der nach einem geglückten Sprengstoffanschlag in Israel ebenfalls alle Brücken hinter sich abbrechen sollte, so er am Leben bleiben möchte. Die vier Männer treffen in irgendeinem namenlosen Dreckskaff in Südamerika aufeinander. Schmutz. Armut. Leben am Existenzminimum. Immer die örtliche Polizei im Rücken, die sich das Wissen um den falschen Pass ordentlich bezahlen lässt. Da kommt die Chance: Es werden LKW-Fahrer gesucht, die Kisten mit Nitroglyzerin zu einer brennenden Ölquelle fahren. 218 Meilen quer durch den Dschungel. Die Belohnung für einen erfolgreichen Job ist hoch: Eine neue Identität. Dafür kann man auch was riskieren …

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LOHN DER ANGST habe ich vor unendlich vielen Jahren mal gesehen, und der teilte sich deutlich in 2 unterschiedliche Teile auf: Einen langatmigen Teil, der das Leben in dem Kaff beschrieb, und einen spannenden Teil im Dschungel. Friedkin macht diesen Fehler nicht. Bei Friedkin werden wir zuerst mal mit der Vorgeschichte der Protagonisten versehen, und rutschen dadurch gemeinsam mit ihnen in die Scheiße. Durch das Wissen um die jeweilige persönliche Situation leiden wir mit, wissen wir um die Ausweglosigkeit und die innere Verzweiflung. Das Dorf mag die Hölle sein, aber da draußen wartet nur und ausschließlich der Tod (beziehungsweise das Gefängnis). Die Erzählung hat keinen Bruch mehr wie bei Clouzot, sie fließt dahin und reißt den Zuschauer mit. Der Dreck, das Elend, alles wird hautnah und ohne Distanz geschildert. Wenn die Soldaten, welche die toten Arbeiter von der Bohrstelle zurückbringen, wenn diese Soldaten gelyncht werden, dann ist der Zuschauer (dank Handkamera) mittendrin und erlebt den Tod hautnah. Friedkin schafft das Kunststück, die trennende Leinwand zu überwinden und den Zuschauer in den Film zu ziehen. Und nicht mehr loszulassen. Die Kameraführung lässt uns die Angst und den Schmerz fühlen: Wenn die Holzbalken der Brücke unter den Reifen zerbröseln. Wenn das Hanfseil der Brücke beginnt sich aufzulösen. Oder auch nur, wenn die Polizei ein Drittel des Wochenlohns einfordert, als Gegenleistung für das Schweigen über den falschen Ausweis.

SORCERER ist intensiv. Angst- und schweißerfülltes Männerkino mit großem erzählerischem Anspruch. Ich würde den Film gerne mal im Kino sehen. Wenn der LKW auf der schwankenden Brücke direkt über die Kamera fährt, oder wenn Scanlon zu Tode erschöpft inmitten einer alptraumhaften Steinlandschaft steht und Visionen seines Lebens ihn überfluten, dann sind diese Bilder auf dem Bildschirm bereits hypnotisch. Im Kino ist die Intensität des Films wahrscheinlich kaum auszuhalten.

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Wenn irgend möglich unbedingt die US-amerikanische Version anschauen! Die deutsche Schnittfasssung, um fast 30 Minuten gekürzt, zerstört durch eine Ummontierung der Vorgeschichte den Erzählfluss, und zieht durch die eingebauten Rückblenden gerade das Ende der Odyssee unnötig in die Länge. Außerdem fehlt hier der Schluss der Rahmenhandlung um Scanlon, die nochmal den zusätzlichen Tritt in die Weichteile des Zuschauers gibt. Die US-Fassung ist erzählerisch geradezu perfekt. Es gibt keine einzige Sekunde Langeweile, keine Einstellung ist unnötig, und alles zielt nur auf den einen Punkt: Dem Zuschauer die volle Breitseite Elend um die Ohren zu hauen. LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG ist nach wie vor einer der erdrückendsten Filme die ich jemals gesehen habe. Aber gemeinsam mit NACKT UND ZERFLEISCHT kommt SORCERER gleich danach. Grandios!!

10/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: ATEMLOS VOR ANGST - William Friedkin
PostPosted: 13.02.2020 12:06 
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Gab es wirklich noch keinen Thread zu diesem Film? :o Dann will ich auch mal... :)


Atemlos vor Angst ("Sorcerer" USA 1976-77, Regie: William Friedkin)

Irgendwo in Südamerika - Diese Gegend wird nicht umsonst als "des Teufels Arschloch" bezeichet: Um eine brennende Ölbohrstelle zu löschen, benötigt man hochexplosives Nitroglyzerin. Dieses muss zuvor aber über eine lange, unwegsame Strecke durch den Dschungel transportiert werden. Aus einer Gruppe Freiwilliger werden vier Fahrer ausgewählt, die mit zwei schrottreifen Lastwagen die brandgefährliche Fracht zur Unglücksstelle transportieren sollen. Ein fast aussichtsloses Unternehmen, aber für die vier Männer ist es nichts anderes als die Rückfahrkarte aus der Hölle!

Was für ein Brett! William Friedkins spektakuläres Remake des französischen Thriller-Klassikers "Lohn der Angst" steht seiner Vorlage in nichts nach, wurde aber dennoch von vielen Kritikern verrissen und lief im Kino mit bescheidenem Erfolg. Friedkin hat es sich mit dieser Neuverfilmung von Henri Georges Girards Roman nicht gerade leicht gemacht und das sieht man in jeder Einstellung. Kinofassung: Gleich zu Beginn wird der Zuschauer mit einer schnell montierten Bildfolge richtig eingenordet. Hier gibt es weit und breit nur Armut, Leid und Dreck... viel Dreck! Man kann das Elend förmlich riechen, so direkt und eindringlich klatscht uns Friedkin diese Bilder um die Ohren. Der passende Start für einen filmischen Höllentrip, der dem Zuschauer keine Atempause gönnt. Insofern passt der deutsche Titel schon ganz gut, finde ich. "Atemlos vor Angst" zieht mich auch nach dem x-ten Ansehen immer wieder in seinen Bann. Der Elektro-Soundtrack von TANGERINE DREAM wird sparsam, aber dafür umso wirkungsvoller eingesetzt und untermalt hervorragend die düstere und (zunehmend) fiebertraumartige Stimmung des Films. Die Szenen mit den Lastwagen auf der maroden Hängebrücke sind wahrhaft unvergesslich und lassen die Besessenheit erahnen, mit der Friedkin diesen Film inszeniert haben muss. In diesem Punkt erinnert er durchaus an die Filme von Werner Herzog, der seine Filme unter schwierigsten Bedingungen drehte. Der Originaltitel "Sorcerer" (= "Zauberer", oder auch "Hexenmeister") bekommt hier eine tiefere Bedeutung.

Dieser Film hat mMn nichts von seiner Wirkung verloren und dürfte heute im Kino besser funktionieren, als damals. Leider wartet er immer noch auf seine (Wieder-)Entdeckung.

Die deutsche Kinofassung ist ca. 26 Min. kürzer als die US-Fassung, enthält aber dafür ca. 8 Min. alternative Szenen, die nicht in der US-Fassung zu finden sind. Die Vorgeschichten der Protagonisten werden hier nur in kurzen Sequenzen angerissen, die nach und nach im Film verteilt sind. Die Art und Weise, wie diese Bruchstücke in den Film eingebaut wurden, hat aber durchaus etwas für sich, finde ich. Auch wenn andererseits eine ganze Menge Hintergrundinformationen verloren gehen. Es passt mMn sehr gut zu William Friedkins rauen Stil. Auch er montiert oft kurze Handlungsfragmente in seine Filme, die erst einmal verwirrend und abgehackt wirken. Insofern würde ich die internationale Fassung als alternative Originalversion ansehen. Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass diese Fassung NICHT der Intention von William Friedkin entspricht, sondern nur die längere US-Fassung.

Die US-Fassung beginnt mit den Vorgeschichten der Protagonisten, die sich über das erste Viertel des Films erstrecken. Wenn dann in den südamerikanischen Dschungel umgeschnitten wird, kennt der Zuschauer die Hintergründe der Hauptfiguren bereits. So kann sich der weitere Verlauf voll auf den waghalsigen Sprengstofftransport konzentrieren.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Filmperle auch hierzulande bald eine würdige Veröffentlichung erfährt. D. h. es müssen auf jeden Fall BEIDE Fassungen dabei sein. Bildstörung hat es z. B. bei "Blut an den Lippen" vorgemacht - so sollte es immer sein! Immerhin liefen hierzulande schon beide Schnittfassungen des Films im TV. Auf Arte lief vor einigen Jahren erstmals die US-Version, die extra neu synchronisiert wurde. Die Synchro ist mMn sogar recht gelungen und hier die Kinosynchro als Basis zu verwenden, hätte auch gar nicht funktioniert, dazu sind die Fassungen zu verschieden (siehe auch "Zombie"). Bloß der Stereo-Upmix (bei dem auch Geräusche ausgewechselt wurden) hätte mMn nicht sein müssen. Ein Film von 1977 muss m. E. nicht klingen, wie ein Film von heute. Den möchte ich lieber mit der Geräuschkulisse sehen, mit der er damals in die Kinos kam und in dieser Form (das möchte ich noch mal betonen) in die Filmgeschichte einging.

Und so könnten sie aussehen - die deutschen VÖ. :D Das Ganze dann natürlich auch auf BD - ein Träumchen, oder?

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Lange Rede, kurzer Sinn: (Wie die Erstverfilmung) Ein Meisterwerk! Da ändert auch die Schnittfassung des Verleihs nichts daran.

10/10

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PHOBOS (Trailer - deutsch)


THC statt TTIP!


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