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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.04.2015 21:19 
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Danke für die schönen Beiträge, lieber Prisma. "Der Kommissar" habe ich schon ewig nicht mehr gesehen, letztmalig vermutlich in den Achtzigern. Die "Fast-Gesamtbox" steht schon länger auf meiner Liste, dank deiner Resenzionen rückt sie beständig nach vorn.

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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.04.2015 21:24 
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Zuletzt habe ich den KOMMISSAR bei den sonntägigen Ausstrahlungen auf 3 SAT gesehen. Mit Sicherheit schon 15 Jahre her. Großartige Serie.

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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.04.2015 22:28 
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Wenn sich die Gelegenheit bei euch nochmal bieten sollte, schaut auf jeden Fall wieder rein bei Kommissar Keller und seiner Crew.
Ich finde die Serie auch großartig, spannende Kriminalfälle, ein klarer Aufbau und immer wieder tolle Darsteller.
Daher schaue ich mir immer gerne ein paar Folgen an, wenn ich nicht genau weiß, was ich mir sonst anschauen soll.
Eine "Kommissar"-Folge geht erfahrungsgemäß immer!


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.04.2015 23:09 
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Soll laut kommissar-keller.de ab 25. Mai bei ZDF Neo wiederholt werden!!!

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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.06.2015 22:41 
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Folge 87: Der Mord an Dr. Winter

Oberstudienrat Dr. Winter wird eines morgens tot im Straßengraben aufgefunden. Seine Leiche wurde anscheinend aus einem fahrenden Wagen geworfen. Winter war ein höchst unzugänglicher Mann und von Schülern und Kollegen verspottet, wie Kommissar Keller herausfindet. Doch alle Spuren führen in die Schule, in der er unterrichtet hat, speziell zu einem Freundeskreis, dem auch Hanna Bauer angehört, die von Winter Nachhilfe erhielt und die die einzige war, die einen Zugang zu ihm finden konnte. (kommissar-keller.de)


Auch diese Folge ist wohl aus urheberrechtlichen Gründen für die DVD-Auswertung gesperrt worden. Hier geht es um den Tod eines Lehrers, der sich eigentlich von der Menschheit abgewandt hat, von seiner Umgebung bestenfalls als eigenbrötlerischer Sonderling wahrgenommen und sowohl von seiner Klasse als auch vom Kollegium nicht ernst genommen wird. Doch warum sollte jemand das Objekt seines Spottes töten? Nur der Pfarrer kennt den Grund für Winters Verbitterung, die zuletzt neuen Erkenntnissen zu weichen schien.

So steht die Suche nach dem Motiv im Mittelpunkt der Folge, und dabei scheint die Schülerin Hanna Bauer, die gerne als arrogant beschrieben wird, die zentrale Figur zu sein, geling es ihr doch, Winters emotionalen Schutzpanzer zu durchbrechen.

Doch die Auflösung ist hier eine außergewöhnliche
denn der Mord an Dr. Winter ist gar keiner, sondern ein Suizid
, nachdem
Winter erfuhr, dass Hanna auf ihn angesetzt worden war, um an die Abiturprüfungsaufgaben zu gelangen
und
Hannas Clique seine Leiche aus Angst vor Scherereien aus ihrem Zimmer entfernte und aus dem fahrenden Auto in den Straßengraben warf.
In
einem Straßengraben endete 30 Jahre früher auch die Flucht seiner Frau und der Kinder aus Ostpreußen, im klirrenden Winter vom Wagen geworfen, weil andere Flüchtlinge mehr Geld zahlen konnten.


Eine bittere, sehenswerte Folge.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 29.06.2015 11:02 
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ugo-piazza wrote:
Eine bittere, sehenswerte Folge.

Das kann man wohl sagen. Ich finde sogar, dass es eine der bewegendsten K-Folgen geworden ist, irgendwie mutig.
Ohnehin finden sich in der Endphase der Serie einige hervorragende Folgen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 16.07.2015 22:21 
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● Folge 37: DIE ANDERE SEITE DER STRASSE (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz
Gäste: Gisela Dreyer, Bruno Hübner, Christine Ostermayer, Gerd Baltus, Kurt Beck, Klaus Höhne, Hans Brenner, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler




Auf offener Straße wird ein Mann erschossen, der zuvor in panischer Angst umher lief, und Kommissar Keller geht davon aus, dass der Fall schnell geklärt werden kann, da es genügend Augenzeugen zu geben scheint. Doch zu seiner Verwunderung will niemand der Befragten etwas gesehen haben. Egal wie die Verhöre ablaufen, es herrscht Schweigen. Auch gutes Zureden oder verschärfte Befragungen führen bei den Ermittlungen nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Es scheint, als seien alle Aussagen gut abgesprochen worden zu sein, doch was steckt wirklich dahinter? Erst als ein weiterer Mord geschieht, kann der Kommissar dem Mörder eine Falle stellen...

"Die andere Seite der Straße" ist eine der erstaunlichsten Folgen der gesamten Kommissar-Reihe. Erstaunlich deswegen, weil sich innerhalb von nur 90 Sekunden deutlich herausstellt, dass es für den ersten Mord eigentlich nur zwei Verdächtige geben kann. Ein inszenatorischer, respektive akustischer Patzer par excellence. Nach zehn Minuten ist dann auch schon völlig klar, dass nur noch eine in Frage kommende Person übrig bleiben wird. Also musste noch ein zweiter Mord her. Schnell findet man sich in einem heruntergekommenen Viertel wieder, in dem es von zwielichtigen Gestalten nur so zu wimmeln scheint, die man vorzugsweise in der nahe gelegenen Nacht-Bar finden kann. Es ist wirklich unglaublich, dass man das Potential dieser Folge im Handumdrehen verplemperte. Die Idee, dass alle die den Mord gesehen haben schweigen, ist vom Prinzip her ganz originell, da es unter diesen Umständen einige Möglichkeiten gibt, den Fall aufzurollen und das Warum exponiert in Erscheinung treten zu lassen. Doch Theodor Grädler kam erst gar nicht auf diesen Dreh, und er inszenierte von Anfang bis Ende unspektakulär und entsetzlich langweilig. Eintönige, schrecklich oberflächliche Wischi-Waschi-Dialoge, ermüdende Befragungen von stummen Zeugen und weitgehend uninteressante Charaktere machen Folge 37 zu einer Geduldsprobe. Selbst die permanenten Ortswechsel wirken hier wie eine Katze die sich in den Schwanz beißt, und auch die modernere Musik sorgt nicht für eine gewünschte, erfrischende Note.

Die Rollenverteilungen wirken wie ein russisches Roulette an Klischees. Da es wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, die schwachen Eindrücke zu schildern, sollen die soliden Auftritte lobend erwähnt werden. Kurt Beck wirkt überzeugend und agiert angemessen, ihn hätte man tatsächlich gerne häufiger in derartigen Rollen oder Serien gesehen, ansonsten ist unbedingt Gisela Dreyer zu erwähnen, die sich von allen anderen Beteiligten in Darstellung und Anlegung abheben kann. Mit ihrer Traurigkeit und Resignation zieht sie immer wieder versteckte, mitleidige Blicke auf sich, sie stellt eine besonders authentisch wirkende Schlüsselfigur im Dickicht der verkommenen Kneipe dar. Ansonsten hat man es reihenweise mit gescheiterten Existenzen zu tun, oder solchen, die auf dem besten Wege dazu sind. Der zweite Mord bringt nochmal eine gewisse, vage Spannung in die Geschichte und stiftet bestenfalls zunächst Verwirrung. Was man jedoch im Finale für Erklärungen aufgetischt bekommt, ist nicht unbedingt logisch, geschweige denn wahrscheinlich. Überhaupt lassen sich zahlreiche Mosaik-Steinchen finden, die etwas absurd anmuten, aber es ist dem gelangweilten Zuschauer schließlich auch irgendwie egal, da man sich das qualvolle Ende buchstäblich herbeiwünscht. Aufgesetzte Tragik, unbeholfene gesellschaftskritische Färbungen und ein im Endeffekt langatmiger Fall, machen "Die andere Seite der Straße" zu einem deutlichen Tiefpunkt der Serie. Mit Theodor Grädlers konservativer Regie ist der Jahrmarkt der Langeweile und der Unwahrscheinlichkeiten also wieder einmal eröffnet gewesen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 26.08.2015 18:57 
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● Folge 38: GRAU-ROTER MORGEN (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Lilli Palmer, Hans Caninenberg, Sabine Sinjen, Fritz Schmiedel, Fred Haltiner, Michael Hinz, Annemarie Wendl, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler




Ein Spaziergänger findet Am Ufer der Isar ein junges Mädchen, das erschossen wurde. Bei den Ermittlungen stellt sich schnell heraus, dass die Ermordete namens Billie drogensüchtig war. Bei den Befragungen lernt Kommissar Keller Frau Larasser, die Mutter der Toten kennen, die ihre Tochter fast zwei Jahre in der Sucht betreute, und die zum Erstaunen aller Dinge aus dieser Zeit mit ihrer Tochter schildert, die nur schwer zu verstehen sind. Die Familie fiel in dieser Zeit auseinander. Es gibt viele Tatverdächtige im einschlägigen Milieu und auch im Umfeld von Billie finden sich Motive, doch die Klärung des Falles gestaltet sich nicht so einfach, wie der Kommissar zunächst vermutet hat...

Folge 38 stellt innerhalb der Kommissar-Reihe einen Klassiker dar, vor allem weil die Thematik, beziehungsweise die Schilderung um Drogensucht und Mord eben alles andere als konventionell ausgefallen ist. Der Kriminalfall an sich wird hier eher wie eine Nebensächlichkeit abgehandelt, und der Fokus liegt auf dem Durchleuchten eines erdrückenden Scherbenhaufens und den dazugehörenden, gescheiterten Personen, die wegen einer Kettenreaktion kapitulieren mussten. Im Grunde genommen wirkt allerdings auch das alles untergeordnet, denn die konsequente Zwangszentrierung liegt im Endeffekt nur auf einer bestimmten Person, nämlich auf Stargast Lilli Palmer, die das komplette Szenario von Anfang bis Ende - für Kommissar-Verhältnisse nahezu beispiellos - dominieren wird. Dem Zuschauer wird eine Geschichte der empfundenen Befremdlichkeiten offeriert, man kann beinahe sagen zugemutet, und der Verlauf zeigt einen bizarren, gewollt verzerrten, aber auch teils ambitioniert erschreckenden Blick auf eines der vielleicht unzähligen Gesichter der Co-Abhängigkeit, des Leidensdruckes und der Verzweiflung. Theodor Grädler inszenierte sehr interessant, nicht zuletzt weil man Lilli Palmer die große Bühne überließ, die in dieser Folge wirklich alle Register zieht. Die Geschichte ist wie gesagt nicht besonders außergewöhnlich, aber es sind die unerwarteten Verhaltensweisen der Beteiligten, die für Aufsehen sorgen. Wo man zu Beginn, beziehungsweise in Rückblenden noch die üblichen Parolen und Sorgen einer Mutter gegenüber ihrer Tochter sieht, wirkt die mittlerweile tief verwurzelte Resignation in Verbindung mit den manchmal unbegreiflichen Hilfsaktionen der Frau Larasser wie ein kontraproduktiver Schlag ins Gesicht. Die indirekte Frage nach der Schuld stellt schließlich die Hauptwertung dieser Episode dar, auch wenn sie dem Zuschauer eher diffus präsentiert wird.

Es gibt wohl keine andere Kommissar-Folge, in der es so viele, und derartig ausgiebige Großaufnahmen gegeben hat. Jedes Mal wenn Lilli Palmers versteinertes Gesicht angezoomt wird, um damit Rückblenden einzuleiten, entsteht eine besonders dichte Atmosphäre, die hin und wieder sogar unangenehme Formen annimmt. Man kann sagen, dass es sich um Lilli Palmers Erzähl-Folge handelt, die eben nichts anderes brauchte, als ihre Dominanz und ihre Präzision. So liefert sie nicht nur erneut eine Lehrstunde in Sachen herausragender Schauspielerei, sondern sie verwirrt den Zuschauer förmlich mit ihren eigenartigen Auffassungen und Thesen, um ihre Filmtochter zu kurieren. Dabei stellt sich allerdings schnell heraus, dass Frau Larasser völlig falsche Ansatzpunkte gewählt hat, und erschreckend konsequent in die Abhängigkeit ihrer Tochter hineinwirkte. Diese seltsamen Formen sind allerdings keineswegs Produkte der späten Verzweiflung und Resignation, die sich langsam aber zielstrebig aufgebäumt haben, sondern diese Frau hat die Katastrophe, womöglich schon viele Jahre zuvor, fabriziert und provoziert, so dass sie nun hilflos vor ihrem eigenen Werk stehen muss. Es sind keine Tränen mehr übrig, die Beteiligten reagieren nüchtern und beinahe beruhigt auf die Todesnachricht. Nur dass es sich um Mord handelt, sorgt für stille Hysterie. Erwähnenswert sind auch die Leistungen von Sabine Sinjen, die der süchtigen jungen Frau eine authentische Aura verleihen konnte, auch Hans Caninenberg zeigt sich wieder einmal sehr überzeugend. Die Schilderung des Milieus und der dazu passenden Leute wirkt vielleicht ein wenig überzeichnet, erweist sich dennoch als nötige Zutat für diese Folge, die im Endeffekt ohne falsche Sentimentalitäten von seiten des Drehbuches auskommt, jedoch im Zweifelsfall das Potential besitzt, diese beim Zuschauer hervorzurufen. Theodor Grädler hat den schwierigen Stoff mit seiner nüchternen Arbeitsauffassung sehr ansprechend und interessant umsetzen können.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 30.01.2016 11:41 
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● Folge 39: ALS DIE BLUMEN TRAUER TRUGEN (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Sylvia Lukan, Paul Hoffmann, Inge Birkmann, Heinz Ehrenfreund, Klaus Wildbolz, Thomas Piper, Thomas Egg, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Dietrich Haugk




Dr. Trotta wird im Garten seines Hauses erschossen und die Spur zum Täter führt über eine Schallplatte der Band "Joker Five", die sich der Mann in mittleren Jahren immer und immer wieder anhörte. Jeanie, die Sängerin dieser Musikgruppe war die Freundin von Doktor Trottas Sohn Peter. Sie starb wenige Wochen zuvor an den Komplikationen einer Abtreibung. Kommissar Keller vermutet genau hier den Zusammenhang, doch genau deswegen scheint auch jeder der Beteiligten ein Tatmotiv zu haben. Die Ermittlungen ergeben, dass man niemandem eine direkte Schuld an Jeanies Tod nachweisen kann, doch es könnte sein, dass der Tat möglicherweise eine Racheaktion zugrunde liegt...

Innerhalb der "Kommissar"-Reihe bildet Dietrich Haugks "Als die Blumen Trauer trugen" einen der Klassiker, der mit einer unheimlichen Melancholie durchzogen ist, vielleicht könnte man es sogar Theatralik nennen. Diese Tatsache soll allerdings nichts Negatives über diesen Beitrag aussagen, denn der Zuschauer wird nicht zuletzt wegen der einfühlsamen und gleichermaßen fordernden Geschichte und der besonderen Charaktere so packend, sodass man sich nicht abwenden kann und mit der singenden, respektive toten Lichtgestalt der Episode mitfühlt. Folge 39 wird von Musik getragen, von einem Lied das allgegenwärtig ist und buchstäblich nachhallt. Doch zunächst kommt es zu einem plötzlichen Mord, dem eine packende Inszenierung zuteil wird und der sich ganz offensichtlich in der besseren Gesellschaft abspielt. Konträr dazu stehen die gleich zu Beginn integrierten Bandmitglieder, aber es kommt zu einem schnellen Aufzeigen von wichtigen Zusammenhängen und man bekommt es mit einem sehr klassischen Aufrollen eines Verbrechens zu tun, bei dem Kommissar Keller und seine Mannschaft förmlich jedes kleinste Detail aufgreifen werden. Im Mittelpunkt steht die Lethargie der jungen Männer aus der Band, denen deutlich anzusehen ist, dass eine Welt zusammengebrochen zu sein scheint. Außergewöhnlich dabei wirkt die Skizzierung der Emotionen, wenn es wie in diesem Fall dazu kommt, dass die Inspiration, Freundin, Liebe und das Elixier nicht mehr weiter existiert. Die Erfahrung Kommissar Kellers und des Zuschauers sagt, dass innerhalb solcher Zustände alles möglich sein könnte und man zieht es auch in Betracht, was die Folge mit einer merkwürdigen Spannung versorgt, die jedoch alles andere als klassisch erscheint. Die Abhandlung des sensiblen Themas erfährt jedenfalls durch die Regie sehr echte Momente, wobei die kritische Auseinandersetzung mit dem § 218 einigen Oberflächlichkeiten weichen muss.

Dietrich Haugk beschäftigt sich zwar umgehend mit dem Kriminalfall und dem dazu gehörenden Mord, außerdem werden diejenigen, die übrig geblieben sind, charakterisiert, aber letztlich lebt die Folge nahezu ausschließlich von ihren großen Rückblenden in der man die faszinierende Lichtgestalt Jeanie posthum kennenlernt. Wo man hinschaut, man sieht große Poster der Sängerin und sie ist allgegenwärtig, doch auch mit diesem ausgeprägten Kult ist der Tod nicht zu überwinden. Auch Daisy Doors Schlager "Du lebst in Deiner Welt (Highlights Of My Dreams)", der nach der Ausstrahlung über Nacht zum großen Hit wurde, wird Teil einer Kreation, der die österreichische Theater-Schauspielerin Sylvia Lukan den Feinschliff gibt. Ihr Wesen wirkt anziehend, ihre Art vereinnahmend und sie bleibt als eine der ganz besonderen "Kommissar"-Figuren in Erinnerung. Routiniers wie die stets großartige Inge Birkmann oder Paul Hoffmann setzen klassische Schauspiel-Akzente und drängen den oftmals auf zu modern getrimmten Charakter der Umgebung zu Serien-Maximen zurück, was stets eine gute Mischung zwischen Lethargie und Nüchternheit zu ergeben scheint. Erneut sieht man ein paar der 1000 Blüten der Liebe, eines der unzähligen Gesichter des Schicksals und ein halbes Dutzend von Leuten, die offensichtlich wirkliche Typen sind. Wie im Titel angedeutet, wird hier eine international verständlich wirkende Sprache gesprochen, nämlich die der Blumen, und es bleibt zu sagen, dass ein abwechslungsreiches Roulette der Emotionen und falschen Entscheidungen sehr gut bei der Stange halten kann. Die Auflösung wirkt zugegebenermaßen etwas eilig aus dem Ärmel gezaubert und insgesamt muss die angestoßene Kritik ganz simplen Populärthemen weichen. Dennoch bekommt man von Dietrich Haugk ein gelungenes Experiment offeriert, dass sich seiner kraftvollen Möglichkeiten zu jedem Zeitpunkt bewusst ist und daher in Erinnerung bleibt.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 30.01.2016 13:33 
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Im Abspann von "Als die Blumen Trauer trugen" lieh die deutsche Schlagersängerin Daisy Door der Darstellerin Sylvia Lukan ihre Stimme. Der Titel "Du lebst in Deiner Welt" wurde von Altmeister Peter Thomas komponiert und produziert. Nach der Ausstrahlung schoss der Song bis auf Platz 1 der deutschen Hitparade, der Ohrwurm verkaufte sich innerhalb der ersten drei Monate über 500.000 mal und zählt zu bis heute zu den bekanntesten Liedern aus TV-Serien. Immer wieder gerne gehört, trägt das Stück zum besonderen Flair der neununddreißigsten Episode bei.


www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 15.06.2016 11:39 
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● Folge 40: DER TOD DES HERRN KURUSCH (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Volkert Kraeft, Cornelia Froboess, Christiane Krüger, Wolfgang Büttner, Martha Wallner, Heinz Baumann, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler




Der nicht sonderlich beliebte Herr Kurusch sucht Monat für Monat die Bewohner seiner Mietshäuser auf, um die Mietgelder eintreiben, die er sich in bar auszahlen lässt. Dementsprechend weiß auch jeder, dass er Einnahmen von über 12 000 DM mit sich herumträgt. Einer seiner Mieter, der Student Ewald Lerche, fasst einen Entschluss, um sich aus der finanziellen Misere zu befreien. Mit einem Hammer will er Kurusch erschlagen und die Geldsumme erbeuten, doch der Plan geht nicht auf. Gerade als er zur Tat schreiten will, macht er eine verwirrende Entdeckung. Jemand kam dem jungen Mann zuvor und hat Kurusch erschlagen. Als Lerche fluchtartig die Wohnung verlässt, läuft er geradewegs der Nichte des Toten in die Arme, die ihn schließlich bei der Polizei als Mörder identifiziert...

Folge 40 der beliebten Krimi-Serie befasst sich vergleichsweise mit einem, auf den ersten Blick recht profanen Fall, dem Habgier zugrunde liegt. Die Einleitung konzentriert sich auf die lückenlose Vorstellung der Hauptpersonen, sodass man schnell weiß, mit wem man es zu tun bekommt. Die Charakterisierung des Herrn Kurusch geschieht somit schnell und ohne Umschweife, man sieht einen alten Mann mit pedantischen und unaufgeregten Zügen, der ganz offensichtlich keinen Wert auf (un)angebrachte Höflichkeiten legt. Naturgemäß zieht er den Unmut, um nicht zu sagen Hass auf sich, da er lediglich als unerbittlicher Geldeintreiber gilt, den die Nöte der Leute nicht im Geringsten interessiert. Der Grund für den wenige Minuten später folgenden Mord wird also mit Neid und Habgier ziemlich schnörkellos thematisiert und die Tatsache, dass junge Leute einen perfiden Mordplan ausarbeiten, lässt den Zuschauer etwas irritiert zurück. Der Clou der Geschichte ist, dass natürlich alles anders kommt, als erwartet, denn der potentielle Mörder findet nur noch eine Leiche vor. Da er quasi auf frischer Tat ertappt wurde, sich aber praktisch nichts vorzuwerfen hat, macht den besonderen Reiz der Geschichte aus. Ewald Lerche muss sich plötzlich rechtfertigen, seine Unschuld beweisen, auch wenn sie im moralischen Sinne längst nicht mehr besteht und da man die Vorgeschichte kennt, hegt man wenig Sympathien mit dem abgebrüht wirkenden jungen Mann, der zu allem Überfluss auch noch seine Freundin Helga hemmungslos mit in die Affäre zieht. Die Folge ist durchzogen mit Hektik, Nervosität, Beschuldigungen und Misstrauen, woraus die eigentliche Spannung entsteht. Im späten Verlauf tauchen noch interessante Personen auf, die wichtige Informationen für den Fall liefern, überhaupt lässt sich sagen, dass man gerade wegen der beteiligten Darsteller sehr aussagekräftige Charakterzeichnungen offeriert bekommt.

Zweifelhafter Protagonist dieser vierzigsten Episode ist der damals dreißigjährige Volkert Kraeft, der es geschickt in die Wege leitet, ihn zwischen Abneigung und Gerechtigkeitsempfinden wahrzunehmen. Da es dem Zuschauer möglich war, unmittelbar bei seinem gescheiterten Vorhaben dabei zu sein, und man ihn daher als eigentlich unschuldig identifiziert, wird man zu seinem unfreiwilligen Komplizen, eine Allianz, die kein besonderes Verständnis hervorrufen wird. Die Tatsache, dass er seine Freundin Helga, die von Christiane Krüger einmal mehr sehr eindrucksvoll dargestellt wird, rücksichtslos einspannt, macht ihn noch weniger sympathisch, allerdings verlangt der erfahrene Krimi-Zuschauer, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Der Plan der beiden ist, um es auf den Punkt zu bringen, dilettantisch und von Einfältigkeit geprägt, was sich vor allem post mortem zeigt, da die Verwischung von Spuren und das Konstruieren von falschen Fährten nichts anderes als den Mut der Verzweiflung dokumentiert. Ein gefundenes Fressen für einen Routinier wie Kommissar Keller, der vor allem Lerche im Visier hat, weil sein nervöses Gesicht Bände spricht. Sehr gute Leitungen bekommt man noch von Cornelia Froboess und Wolfgang Büttner geboten, die Vehemenz und charakterliche Starre personifizieren, auch Martha Wallner als Kuruschs kalt gestellte Ehefrau und Trinkerin hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Theodor Grädler inszeniert diesen Fall mit seinen üblichen pragmatischen Tendenzen, vor allem der Aufbau ist bei "Der Tod des Herrn Kurusch" besonders geglückt, sodass befürchtete Längen erst gar nicht aufkommen wollen. Die Auflösung lässt insgesamt vielleicht ein bisschen zu viel Überraschung vermissen, allerdings wurden die vorhandenen, vielleicht etwas begrenzten Möglichkeiten hier optimal ausgenutzt. Es bleibt eine Folge mit Profil und äußerst kurzweiligem Charakter, die gerade deswegen in Erinnerung bleibt.


Last edited by Prisma on 15.06.2016 13:51, edited 1 time in total.

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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 15.06.2016 13:23 
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Prisma wrote:
Gäste: Volker Kraeft,


Heißt der nicht Volkert Kraeft? :?


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 15.06.2016 13:51 
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ugo-piazza wrote:
Heißt der nicht Volkert Kraeft?

Ja, stimmt. Das Rechtschreibprogramm hat es als Fehler identifiziert, da hatte ich es korrigiert. Offensichtlich jeweils als Fehler. :lol:


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 17.06.2016 20:35 
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● CHRISTIANE KRÜGER als HELGA SCHWERIN in
DER KOMMISSAR - DER TOD DES HERRN KURUSCH (D|1971)



Christiane Krüger übernahm in "Der Tod des Herrn Kurusch" ihren zweiten von insgesamt drei Auftritten in der Kriminalserie "Der Kommissar" und bei den jeweiligen Rollen kam es zu sehr unterschiedlichen Anlegungen der Rollen, dementsprechend auch zu deutlich voneinander abgegrenzten Darbietungen. Dies sei kurz erwähnt, da es ja sehr häufig zu relativ einheitlichen Besetzungen kam, die oftmals dem Image entsprechend abgestimmt waren. Als Helga Schwerin sieht man Krüger auf relativ ungewohnten Pfaden, da sie eine Art Frau verkörpert, die sie nicht gerade häufig zu interpretieren hatte. Neben ihrem Partner Volkert Kraeft, kommt man aufgrund des offensichtlich einseitigen Umgangs nicht umhin, sie beinahe kritisch zu mustern, da sie dem Empfinden nach zunächst nur folgenes zu tun hat, nämlich schön auszusehen und hinzunehmen. Als offensichtlich unfreiwillige Komplizin eines einfältigen Mordplans, spürt man förmlich ihr Unbehagen, das mit einer unruhigen Spannung versehen ist. Beinahe nervös hält sie sich an ihrer Zigarette fest und es scheint, dass sie schwer dagegen anzukämpfen hat, nicht hysterisch zu werden. Von ihrem, vollkommen auf sich selbst fixierten Freund ist keine Beruhigung zu erwarten, da er sie mit Anweisungen und wenig feinfühligen Kommentaren unter Druck setzt, sie zum Funktionieren und Durchhalten animiert, doch es wird ziemlich schnell klar, dass Helga keine gewöhnliche Kriminelle sein kann und will, sich aber aus Zuneigung und einer möglichen Verbesserung der finanziellen Lage solidarisch zeigt. Die Solidarität mit dem Tod hat man in Krimis häufig in vielen Facetten erleben können, aber auch das Danach, wenn alle Masken fallen und sich das bohrende Gewissen meldet. Dem Zuschauer ist von vorne herein klar, dass Helga diese Last nicht aushalten kann und umkippen wird, wenn nicht heute, dann morgen.

Christiane Krüger thematisiert die Anspannung in jeder ihrer Szenen sehr gut, neben ihrem Partner wirkt sie sogar vollkommen untergeordnet, vor Kommissar Keller scheint sie sogar zu erstarren, wie das Kaninchen vor der Schlange. Fragend schaut sie ihren Freund an, wenn die Polizei Auskünfte oder Hilfe von ihr ersucht, dabei sieht es so aus, als warte sie stets auf die Zustimmung von ihm und agiert erst nach dessen Absolution. Die Angst steht ihr im Gesicht geschrieben und nur in wenigen schwachen Momenten kommt es von ihrer Seite zu verhaltenen Vorwürfen, die sie aber im gleichen Moment weder relativieren wird. Man sieht eine interessante Konstellation, weil sie eben nicht auf Augenhöhe präsentiert wird, und insgesamt eine sehr ansprechende Rolle, da man Temperament, Emotion und Gerechtigkeitsempfinden wittert. Beim Verhör in Kellers Büro wartet man als Zuschauer förmlich darauf, dass sie die Nerven verlieren wird, doch erneut transportiert Christiane Krüger eine in ihrem Wesen verankerte Stärke, egal in welcher Situation sie sich gerade befindet. Schnell ist sie als schwächstes Glied in dieser Kette identifiziert und gerade von solchen Rollen geht ein besonderer Reiz hervor, da sie möglicherweise Zünglein an der Waage werden können. Darstellerisch bewegt sich Christiane Krüger wieder einmal vollkommen auf solidem Terrain, sie vermittelt eine greifbare Figur, mit der man trotz der negativen Voraussetzungen mitgehen, und sie auch sympathisch finden kann. Insgesamt wirkt sie sogar eine Spur mehr verständlich, da sie ihren Gemütszustand im Rahmen ihrer eindeutigen Körpersprache zur Schau stellt. Weitere Akzente werden wie üblich in der Dialogarbeit und dem klassisch schönen Erscheinungsbild gesetzt, sodass man von einer Darbietung sprechen kann, die in "Kommissar"-Sphären sicherlich in Erinnerung bleiben wird. Ein überaus angenehmes Wiedersehen!


➥ CHRISTIANE KRÜGER


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 29.08.2016 09:40 
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● HELGA ANDERS als HERTA PANSE in
DER KOMMISSAR - DIE SCHRECKLICHEN (D|1969)



In "Die Schrecklichen" sieht man nicht nur den den ersten Auftritt von Helga Anders bei "Der Kommissar", sondern auch den ersten von vier Beiträgen des insbesondere für diese Serie berüchtigten tschechischen Regisseurs Zbyněk Brynych. Berüchtigt deswegen, weil er hier und dort zweifellos für unkonventionelle, unorthodoxe, Böse Zungen behaupten sogar unerträgliche Ausreißmanöver innerhalb klassischer Strukturen sorgte und er wegen seiner speziellen Art der Schauspieler-Führung stets auffallen konnte. Am Beispiel Helga Anders wird diese Strategie mehr als deutlich, beugt sie sich dem Willen der Regie doch wo sie nur kann. Zunächst macht sich die Episode das bestehende Schulmädchen- und Lolita-Image der zierlichen Interpretin dienstbar, außerdem spielt Helga Anders die Rolle eines Mädchens, das erneut wesentlich jünger sein sollte, als sie tatsächlich war. »Wie mach' ich das eigentlich mit 'ner 17jährigen?«, hört man Fritz Wepper seine Kollegin fragen, die ihm pauschal berichtet, dass man nur originell sein muss, was immer das auch heißen mag. Aber zunächst zum ersten Auftreten der jungen Darstellerin, die seinerzeit ja bereits eine feste Größe in der deutschen Schauspiel-Landschaft war. Herta Panse wird hier in eindeutiger Manier durch ihren Vater vorgestellt, gespielt von einem wie üblich aufbrausenden Dirk Dautzenberg, und seine Tochter befindet sich allem Anschein nach im Würgegriff dieses einfältigen Cholerikers. Er denkt nicht nur für sie, sondern er spricht auch für sie, was sich beim eigentlich nicht zustande gekommenen Verhör mit Sätzen wie »meine Tochter kennt den Mann nicht!« bemerkbar macht. Helga Anders schleicht der Situation entsprechend völlig verängstigt und angespannt im Szenario herum, sie unterlegt ihre stets so bemerkenswerte Ausstrahlung mit Resignation und Traurigkeit, was allerdings später von der Regie aufgesprengt wird.

Um es direkt zu sagen, man sieht in "Die Schrecklichen" einen von Anders' schwächeren Auftritten, was allerdings nicht an ihrer Interpretation liegt, sondern am Diktat der Regie und man kann Brynych erneut vorwerfen, dass er auch hier seinen liebsten Fehler beging, den Zuschauer und seine Darsteller zu unterschätzen. Aus welchem Grund sonst würde er immer wieder Emotionen und Stimmungen auf einem nicht zu übersehenden Silbertablett servieren? Helga Anders jedenfalls beugt sich souverän den offensichtlichen Anweisungen und man kann ihr wenigstens einmal attestieren, dass sie eher solide funktioniert. Im späteren Verlauf, wenn Harry Klein am herausfinden ist, wie man 17jährige anpackt, geht Herta Panse aus sich heraus und legt ihre Anspannung zugunsten eines typisch Brynych'schen Gefühlsausbruchs ab, fängt also aus heiterem Himmel an zu tanzen und zu lachen, was zugegebenermaßen sehr nett anzusehen, wenn auch völlig deplatziert ist. Im Rahmen von Gestik und Mimik berichtet sie unter dem typischen Repertoire der Helga Anders, dass sie endlich hinaus möchte aus ihrem elterlichen Gefängnis, indem sie den Polizisten mit der erfrischenden Direktheit eines Kindes fragt, ob er eine Wohnung habe, möglicherweise um zusätzlich zu demonstrieren, dass es sich bei ihr keineswegs mehr um ein kleines Mädchen handelt. Sowohl der genaue, als auch oberflächliche Blick auf die Dramaturgie dieser dreizehnten "Kommissar"-Geschichte zeigt, dass man im Zusammenhang mit Anders nur Eindrücke aus der Konserve und obendrein eine Rolle aufgetischt bekommt, die für das Geschehen eigentlich weitgehend überflüssig ist. Nichtsdestotrotz handelt es sich natürlich um ein insgesamt angenehmes Wiedersehen mit der sympathischen Schauspielerin, die unter Brynych aber leider vollkommen isoliert und nicht optimal eingesetzt wirkt bei dieser Gratwanderung zwischen Krampf und Tanz durch dieses unangenehme Fiasko.


➥ HELGA ANDERS


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 20.10.2016 23:45 
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● FOLGE 41 | DER KOMMISSAR | KELLNER WINDECK (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Michael Verhoeven, Angela Salloker, Inge Langen, Hans Korte, Edith Heerdegen,
Claus Biederstaedt, Rosemarie Kirstein, Thomas Frey, Harald Gruber, Iris Berben, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Erik Ode



Bei einem Fotoshooting wird ein Ermordeter in einem Brunnen gefunden. Kommissar Keller und seine Leute finden schnell heraus, dass es sich um einen Kellner namens Windeck handelt, der unmittelbar in der Nähe angestellt war. Bei den Befragungen fügt sich insbesondere durch die Aussagen der Frauen seines Umfeldes das Bild eines lebenswerten und aufmerksamen Mannes zusammen, der eigentlich allseits geschätzt gewesen sein müsste, doch es stellt sich ebenfalls heraus, dass ihn vor allem einige Ehemänner als Bedrohung angesehen haben. Ist hier das Motiv zu finden? Für Kommissar Keller ist aus eigener Erfahrung jedenfalls klar, dass er bei einem Mordfall alle Möglichkeiten in Betracht ziehen muss...

Eine große Besonderheit dieser 41. Episode stellt die Tatsache dar, dass Hauptdarsteller Erik Ode hier selbst auf dem Regiestuhl platz nahm, um einen Beitrag zu inszenieren, der von viel Fingerspitzengefühl und psychologischer Spannung geprägt ist. Auch gelingt es ihm hervorragend, der Titelfigur Windeck und vielen anderen Beteiligten sehr viel Tiefe mitzugeben. Ein Darsteller kann sich bestimmt ein Stück weit mehr in die Köpfe der anderen Interpreten hineindenken und somit ist "Kellner Windeck" zu bescheinigen, dass es sich um eine der dichtesten und wenn man so will, ergreifendsten Folgen der langjährigen Serie handelt. Natürlich bleibt auch der von vorne herein so überaus seltsam wirkende Kriminalfall nicht auf der Strecke und der Zuschauer wittert als Gegenpol zu so viel Sympathie und Herzlichkeit, die von der Titelrolle ausgeht, nichts als Missgunst, Eifersucht, Neid und die ganze Palette an niederen Beweggründen, die man sich nur vorstellen kann. »Alle Frauen weinen um diesen Kellner!«, was nicht nur dem Ermittler in frappierender Art und Weise auffallen will, aber auf der anderen Seite sieht man bei den Herren der Schöpfung Gleichgültigkeit, Erleichterung, unterschwelligen Hass und vermutlich den Rest der sieben Todsünden. Bereits nach der Hälfte des Verlaufs zeigt sich sogar der sonst so nüchterne Kommissar Keller von seiner beeindruckten Seite, denn die Zeugenbefragungen ergeben ein Psychogramm, dass er sicherlich nicht alle Tage gehört hat. Die Männer dieses Umfeldes waren durch den Respekt irritiert, den Windeck Frauen gegenüber bringen konnte und das auf vollkommen uneigennütziger Basis. Was Anfang der 70er-Jahre beinahe wie eine ferne Vision angemutet haben muss, besitzt vielleicht auch vielleicht heute noch nicht diesen allgemeinen Gültigkeitscharakter, daher ist die eher unorthodoxe Färbung des Themas umso beeindruckender.

Bereits der Anfang der Folge wird mit einem großen Ausrufezeichen versehen, als ein Fotomodell, alias Iris Berben, den Toten bei einem Shooting im Brunnen entdeckt. Die Ermittlungen ergeben ganz groteske Eindrücke im Dunstkreis des Umfeldes, denn seine Zimmerwirtin trauert um ihn wie eine verzweifelte Mutter, verachtet aber ihren eigenen Sohn, oder seine Wirtsfrau weint um den Kellner wie eine Schwester und tatsächlich alle Frauen erstarren in tiefer Trauer, kolportieren dabei ein Männerbild das absolut unüblich war und ist. Das Funktionieren der Folge wurde von Erik Odes besonderer Bearbeitung bereits geebnet, erlangt die wahre Kraft aber über die Titelfigur Windeck, interpretiert von einem nahezu unwirklich aufspielenden Michael Verhoeven in ganz großartiger Manier. Es handelt sich um einen jungen Mann, der überhaupt nicht auf die Idee kommen würde, jemandem etwas Böses zu wollen; das Gegenteil ist der Fall. Als große Gefahr wird er allerdings dennoch von jedem Mann seines Umfeldes identifiziert, weil er Frauen so behandelt, wie sie es nicht gewöhnt sind. »Da war jemand, der was von Frauen verstand!«, hört man eine von ihnen nachdenklich philosophieren und genau hier tut sich das einzig wahrscheinliche Tatmotiv auf. Durch die Bank bekommt man es mit großartigen Leistungen der Gast-Darsteller zu tun und hier sind insbesondere Inge Langen, Hans Korte, Claus Biederstaedt, Edith Heerdegen oder Angela Salloker zu nennen. Entstanden ist eine der ganz besonderen "Kommissar"-Folgen, die in diesem Fall sogar berührend wirkt, ohne ins Melodramatische abzudriften. Kommissar Keller lässt sich am Ende zu einer ungewöhnlich deutlichen Bewertung verleiten und selten hat man als Zuschauer einen Mordfall gesehen, der im Rahmen seiner Sinnlosigkeit so erschüttern konnte. "Kellner Windeck" markiert einen Klassiker der Reihe, der in allen Belangen hochwertig ausgefallen ist.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 24.10.2016 15:29 
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● FOLGE 42 | DER KOMMISSAR | EIN RÄTSELHAFTER MORD (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Maria Wimmer, Dieter Borsche, Heidi Stroh, Donata Höffer, Eva Ingeborg Scholz,
Herbert Fleischmann, Jane Tilden, Manfred Seipold, Hansi Jochmann, Thomas Astan, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte



Ein Student wird auf offener Straße hinterrücks erschossen, doch auch die anwesenden Augenzeugen können der Polizei nicht bedeutend weiterhelfen. Bei den Ermittlungen wird der Einschusswinkel genauer unter die Lupe genommen und man kommt zu dem Schluss, dass die tödliche Kugel nur aus einem bestimmten Haus gekommen sein kann. Umgehend befassen sich Kommissar Keller und seine Crew mit den Mietern dieses Hauses und es ergeben sich schnell unterschiedliche, aber auch eindeutige Lebensumstände dieser Personen. Eines haben sie alle gemeinsam, denn niemand will etwas gesehen oder gehört haben und sie glänzen durch eine sehr abweisende Haltung gegenüber der Polizei. Offensichtlich hat jeder etwas zu verbergen, doch wer hat den jungen Studenten ermordet..?

Bei Wolfgang Staudtes mittlerweile achten Episode für die "Kommissar"-Reihe zeigt sich umgehend, dass es sich erneut um eine präzise Arbeit handeln wird und das Hauptaugenmerk wird auf die Arbeit der Ermittler und die damit verbundene, genaue Beobachtung gelegt. Ein junger Mann wird auf offener Straße erschossen. Zeigten sich die Zeugen noch bestürzt, sind es nun die Personen aus dem Haus neben dem Tatort, die sich in Schweigen hüllen, oder mit aggressiver Verweigerungshaltung glänzen. Die schnelle Vorstellung skizziert die unterschiedlichsten Charaktere. Eine Strohwitwe, die einen minderjährigen Liebhaber hat, eine ältere, alleinstehende Frau, die einen Studenten finanziert und bei sich leben lässt, ein unsympathischer Herr, der ein winziges Zimmer an ein halbes Dutzend Türken vermietet hat, oder eine neugierige Klatschtante, die offensichtlich zum Standard jedes Mehrfamilienhauses gehört. Auch die Freundin des Ermordeten wird vorgestellt, inklusive ihrem rätselhaft wirkenden Arzt, mit Sonnenbrille bei Tag und Nacht. »Der Tote auf der Straße interessiert mich nicht!« ist nur eine der kalten Duschen, die Kommissar Keller zu hören bekommt, aber wie gewohnt lässt er sich nicht beirren, auch wenn sich die Verdächtigen noch so renitent verhalten. Es gibt also gewohnheitsmäßig keinerlei Verbündete für Recht und Ordnung. Auffällig ist in der 42. Folge, dass Reinhard Glemnitz eine berufliche Pause eingelegt hat, aber die aufmerksamen Kollegen werden es schon richten. Der Mord wurde hier sehr gut inszeniert, die damit einhergehenden Vorstellungen der Personen ebenfalls, wenngleich viele Unzulänglichkeiten sofort auf einem Silbertablett serviert werden. Es kristallisieren sich mögliche Tatmotive heraus, genau wie ein eigentlich herkömmlicher Kriminalfall, der allerdings von Routinier Wolfgang Staudte eine sehr eingängige Bearbeitung erfahren hat.

Dreh- und Angelpunkte dieser Folge stellen Tatort, Mehrfamilienhaus und eine Kneipe dar, die kurzerhand zu einer Art Ermittler-Büro umfunktioniert wird, schließlich sitzt man dort an der Quelle, um die Verdächtigen ins Visier zu nehmen und etliche Gaumenfreuden bereit zu haben. Die Darsteller in "Ein rätselhafter Mord" wirken besonders mysteriös, beziehungsweise ziemlich weit weg vom Zuschauer. Zu nennen ist sicherlich Maria Wimmer, die mit Kommandoton und eiserner Härte und Disziplin auffällt. Manfred Seipold als Student, der von ihr finanziert wird, hat nichts zu sagen und nimmt die Befehle seiner Wirtin und Geldgeberin bedingungslos an. Dieter Borsche als merkwürdiger Arzt, der dem Empfinden nach ein paar Frühlingsgefühle bekommt, wenn er seine junge Patientin Donata Höffer betreut, macht einen soliden Eindruck, genau wie ein immer unbequem wirkender Herbert Fleischmann, oder eine wie so oft stimmungslabil wirkende Eva Ingeborg Scholz. Eine besondere Freude stolziert in Form von Heidi Stroh als Augenzeugin des Mordes umher und es ist wie gewöhnlich ein Fest, ihr beim Schauspiel nach Art des Hauses zu folgen. Letztlich bekommt man ein komplettes Gebäude geboten, in dem der Schlüssel so sicher wie das Amen in der Kirche zu finden sein wird, doch dem Titel der Folge entsprechend wird das Ganze tatsächlich auch eher rätselhaft gehalten. Ein Haus voller Klischees steht im Angebot der Episode, doch man verspürt unter dieser Voraussetzung keinen Grund zum Klagen, denn eigentlich erwartet man hier genau diese Art der Unterhaltung. Es wird ein bisschen mit Abgründen und persönlichen Geheimnissen jongliert, doch der ganz große Schock wird definitiv ausbleiben. Als positive Verstärker sind noch die originellen Karussellfahrten der Kamera und die zeitgenössische Musik in der Kneipe zu nennen und insgesamt unterhält diese Folge gut, obwohl sie eher seelenruhig verläuft.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 25.10.2016 23:33 
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● NACHTRAG ZU | DER KOMMISSAR | EIN RÄTSELHAFTER MORD (D|1971)



Schaut man sich die "Kommissar"-Folge "Ein rätselhafter Mord" an, kommt es beim Observieren einer der Wohnungen zu ein paar interessanten Eindrücken für Filmfreunde, denn die Wohnung des Sohnes von einem der Verdächtigen ist vom Boden bis zur Decke mit Genre-Requisiten aus der Filmwelt und Kino-Plakaten geschmückt, die damals mehr oder weniger bekannt waren. So ist beispielsweise ein Plakat von Dario Argentos "Die neunschwänzige Katze" oder Sergio Corbuccis "Lasst uns töten, Companeros" zu sehen, um richtig in Stimmung zu kommen läuft im Hintergrund "Spiel mir das Lied vom Tod". Da in einem Mordfall ermittelt und nach Verdächtigen gesucht wird, kommt es in diesem Zimmer zu einer interessanten Assoziation angesichts der Affinität für Filme, denn die indirekte Frage lautet: hat er sich zu einem Mord inspirieren lassen?

Davon einmal abgesehen, dass Waffen an der Wand hängen oder ein Strick von der Decke baumelt, kommen die Ermittler inklusive Zuschauern natürlich auf die Idee, dass es sich bei dem jungen Mann, gespielt von einem abwesend wirkenden Thomas Astan, der sich obendrein auch noch gerne mit seinem Motorrad durch die Stadt treibt, um den Täter handeln könnte, immerhin lässt er sich von Gewalt, Mord und Totschlag gerne passiv berieseln. Die indirekte Frage nach Realitätsverlust wurde in dieser Serie gerne häufiger und auf unterschiedliche Weise gestellt, dieses Mal musste eben der Film an sich herhalten, wenngleich sich am Ende ein Motiv offenbart, das eher nichts mit Kino und Film zu tun hat. Aber wie bereits in der Besprechung der Folge erwähnt, wimmelt es in diesem Mehrfamilienhaus geradezu von gängigen Klischees, was sich sogar noch als gute Zutat erweisen konnte.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 01.04.2017 23:34 
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● FOLGE 43 | DER KOMMISSAR | TRAUM EINES WAHNSINNIGEN (D|1972)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper
Gäste: Curd Jürgens, Christine Kaufmann, Günther Stoll, Victor Beaumont, Wera Frydtberg und Horst Frank
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




In einer psychiatrischen Klinik ist ein Mord geschehen. Die Polizei wird unmittelbar danach verständigt, kann jedoch einen weiteren Mord nicht verhindern. Auf der Suche nach dem Täter kristallisiert sich schnell heraus, dass es sich nur um einen soeben Entflohenen handeln kann, nämlich den Verwandlungskünstler Kabisch, dem es möglich ist, in die unterschiedlichsten Rollen und Masken zu schlüpfen. Kommissar Keller durchleuchtet Kabischs Vorleben und stößt dabei auf beunruhigende Entdeckungen. Diese weisen unbedingt darauf hin, dass sich weitere Personen in tödlicher Gefahr befinden. Für Kommissar Keller und seine Leute beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und die Unberechenbarkeit Kabischs erschwert die Ermittlungen um ein Vielfaches...

Die Palette des "Kommissar"-Orbit ist trotz immer wiederkehrender Strukturen und ähnlicher Geschichten sehr vielfältig und abwechslungsreich, was insbesondere die nahezu experimentelle Folge "Traum eines Wahnsinnigen" eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. Als Basis dienen hierbei sehr dunkle und noch tiefere Abgründe der zerrütteten menschlichen Psyche, was alleine von der Umsetzung her, durch einen Krimi-Experten wie Wolfgang Becker, zu einem leichten Spiel werden sollte. Leicht ist gemessen an der sehr komplexen Thematik aber möglicherweise etwas zu viel gesagt, denn den einfachen Weg wird die Regie in Folge 43 definitiv nicht wählen, was diesen Beitrag umso interessanter, vor allem geheimnisvoller werden lässt. Die Episode überrascht durch einen vollkommen ungewöhnlichen Einstieg, da die mysteriöse Note, die im gesamten Verlauf mitschwingen wird, von vorne herein preisgegeben wird. Bizarre, an den Nerven zerrende und hoch spannende Momente ebnen den Weg für eine Geschichte, die sich im weiteren Sinn sogar in einem Psycho-Thriller oder Giallo hätte wohlfühlen können, zumindest vom Prinzip her, falls man auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Schreie durchziehen die weitläufigen Flure einer Klinik, verzweifelt versucht man eine Kettenreaktion aufzuhalten, doch plötzlich spricht ein unheimlicher Schatten mit dem Chef der Anstalt, der es mit verständnisvoller Gesprächsführung und Sachlichkeit versucht, die ihn aber letztlich das Leben kosten wird. Damit der Wahnsinnige seinen bizarren Traum verwirklichen kann, muss er hinaus aus dem weißen Vakuum mit Gittern und seine Verwandlungskünste werden ihm anscheinend uneinholbare Vorteile verschaffen. Durch das sachliche Ermitteln der Polizei und die kühle Analyse der Medizin scheinen Welten aufeinanderzutreffen, sodass sich schnell herausstellt, dass von fachlicher Seite kaum brauchbare Hilfe zu erwarten ist, was ungemein dichte Formen annimmt.

Hier zu nennen ist selbstverständlich Curd Jürgens, der überheblich im Beruf, aber sonderbar in seinem Allgemeinzustand wirkt. Schnell nötigt er sich Kommissar Keller als unabdingbaren Faktor bei der Suche nach dem entflohenen Kabisch auf und es wird sich im Rahmen einer Präzisionsleistung herausstellen, ob er die Ermittlungen eher behindern, oder unterstützen wird. In "Traum eines Wahnsinnigen" sind es ohnehin die perfekt abgestimmten Leistungen der Interpreten, die die Folge in Glaubhaftigkeit erstrahlen lassen. So zum Beispiel Christine Kaufmann, deren Ausstrahlung sich hier regelrecht zu einer unfassbaren Aura entwickeln kann, obwohl sie als Verfolgte die Ur-Klischees des Krimis bedient. Günther Stoll an ihrer Seite wirkt gewöhnungsbedürftig, was allerdings ausschließlich an Kaufmann liegt, denn die Darbietung ist wie üblich solide. In Episode 43 kommt der Zuschauer in außerdem den Genuss, das höchste Ausmaß von Horst Franks Vielfältigkeit kennenzulernen, sozusagen in sechsfacher Potenz, was der Geschichte im Rahmen dieser Serie zurecht einen Ausnahmestatus verleiht. Keller und seine Mannschaft laufen insgesamt nicht nur einem Wahnsinnigen hinterher, sondern auch einem strengen Zeitdiktat und es erscheint fraglich wie nie, ob die Polizei das anvisierte Opfer schützen kann, da ein völliger Ausnahmezustand angesichts bestehender Serien-Gesetzte nicht auszuschließen ist. Die Spannung wird genau wie die Verwirrung immer wieder auf die Spitze getrieben und auch wenn die Motive im Allgemeinen nur unzureichend transparent erklärt werden, gibt genau dieser Eindruck dieser Geschichte ihre Brisanz, da gerade die angeschlagene Psyche unergründlich zurück bleibt. Ein packendes Doppel-Finale artet zumindest für die Verhältnisse der Reihe in blanken Horror aus, was insbesondere von Christine Kaufmann reflektiert wird. Doch die Regie behält es sich stets vor, noch eine Schippe draufzulegen. Insgesamt eine ungewöhnliche aber hervorragend inszenierte Folge, deren Atmosphäre ungeahnte Dimensionen erreicht.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 04.01.2018 19:39 
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● CHRISTINE KAUFMANN als EVA RASSNER in
DER KOMMISSAR - TRAUM EINES WAHNSINNIGEN (D|1972)



Oftmals scheint es so, als es habe es sich die langjährige "Kommissar"-Serie immer wieder gerne zur vornehmsten Aufgabe gemacht, gerade bestimmte Darstellerinnen im Rahmen von Episoden-Hauptrollen - oder für die jeweiligen Geschichten relevante Charaktere - in den Fokus zu rücken. In "Traum eines Wahnsinnigen" wurde Christine Kaufmann mit dieser dankbaren Aufgabe betraut und letztlich ist sie es auch, die der Folge ihren unmittelbaren Sinn gibt, und das aus mehreren Gründen zugleich. Ihre erste Szene gestaltet sie nahezu tänzerisch und eher noch traumwandlerisch, da sie eine seltsame Präsenz und Abwesenheit in einem präsentiert. Unterlegt mit Ludwig van Beethovens sogenannter "Mondscheinsonate" entstehen mit wenig Aufhebens ganz große Momente durch eine Akteurin, die die Szenerie ganz unaufdringlich dominieren wird.

Wikipedia wrote:
Es scheint geradezu im Naturell dieser 1800/1801 komponierten Klaviersonate zu liegen, die Fantasien der Hörer zu entzünden. In der Literatur und auch in der bildenden Kunst hat sie ihren vielfachen Niederschlag gefunden. Sie war Gegenstand zahlreicher romantischer Interpretationsversuche, die sich meist auf den langsamen ersten Satz konzentrieren.

Auch hier werden die Anfänge der Klaviersonate Nr. 14 in perfekten Einklang mit der Aura von Christine Kaufmann gebracht, die in dieser Folge nicht nur als titelgebender Traum, sondern gleichermaßen als Träumerin integriert wird. Eine ungewöhnlich hohe Dichte von Großaufnahmen ihres makellosen, aber genauso maskenhaft und zerbrechlich wirkenden Gesichts, versuchen das Konglomerat aus Wahnvorstellung und Traum transparent und verständlich zu beschreiben, was der aufmerksamen Kamera spielend gelingt. Gerade in den 70er-Jahren war die Schauspielerin häufig als Projektionsfläche für Angst und Panik, sowie als Spiegel der Mechanik zu beobachten, sodass im Serienkontext eine Leistung in Erinnerung bleibt, die für stille Furore, vor allem aber bleibende Erinnerung sorgt. Der Mörder Kabisch ist aus der psychiatrischen Klinik ausgebrochen und man vermutet, dass er Eva, seine Adoptivtochter, umbringen will. Dies kolportiert zumindest der behandelnde Arzt, Dr. Hochstätter. Es dauert nur wenige Minuten bis die weibliche Hauptrolle von mehreren Seiten charakterisiert und beschrieben ist, was sehr eigenartige Formen annimmt. Dr. Hochstätter beispielsweise, spricht beinahe ehrfürchtig von dieser Frau, beruft sich dabei jedoch auf die Informationslage, die nur auf den Erzählungen seines entflohenen Patienten basiert, den er in überaus seltsam anmutenden Phasen zitiert und schließlich beinahe Verhöre mit Eva veranstaltet. Auch die Kamera macht es sich zur Hauptaufgabe, Christine Kaufmanns Gesicht förmlich abzutasten, ihre Emotionen einzufangen, um sie somit transparent zu machen, was aber nicht gelingt. Pure Angst diktiert das Geschehen, bei dem es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis sich Ventile entladen. Kabischs Traum vom vollkommenen Menschen sollte in seiner Adoptivtochter Erfüllung finden, doch wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, wollte er das Ergebnis später vernichten.

Ein Mordanschlag eilt der Geschichte also voraus, sodass die Spannung weiter über Christine Kaufmann aufgebaut werden kann, die sich dieser Strategie jedoch nicht im eigentlichen Sinne beugt, sondern hauptsächlich über ihre Emotionen. Irritiert blickt man auf Wechselbäder der Gefühle, die zwischen Angst, Verwirrung, unverständlicher Ruhe, bis hin zu unbegreiflichem Vertrauen und kindlicher Neugierde pendeln. In schwachen Momenten fühlt man sich eindeutig und unverblümt an Gordon Hesslers "Mord in der Rue Morgue" erinnert, in dem Christine Kaufmann eine ähnliche Rolle spielt, vor allem aber mit der exakt gleichen Körpersprache auffällt. Wolfgang Becker benutzt seine Interpretin angesichts des verheißungsvoll klingenden Titels wie ein Instrument. Dabei stellt sich mit Hilfe der talentierten weiblichen Hauptrolle schnell heraus, dass der Regisseur dieses Instrument auch perfekt zu bedienen weiß, insbesondere, wenn er einem unheimlich intensiv agierenden Horst Frank die Bühne überlässt, um sich im Rahmen einer Maskerade zu inszenieren. Vielleicht ist es zu viel gesagt, dass gediegene Horror-Elemente mitschwingen, jedoch werden die Hauptakteure so eingesetzt, wie es beispielsweise in diesem Genre an der Tagesordnung ist. Neben Horst Frank in einer Sechsfachrolle, ist es Christine Kaufmann, die sich in der Erinnerung des Zuschauers verankern wird. Durch ihre Fremdsynchronisation wird zusätzlich der Eindruck einer Person kreiert, die einem absolut fremd und unbegreiflich erscheint, obwohl sie von der Dramaturgie her die klassische Identifikationsfigur der Geschichte ist, mit der man auch naturgemäß mitfiebert. Ganz im Sinne dieser experimentierfreudigen Folge unterstützt Kaufmann diese Strategie mit einer beachtenswerten Leistung, die dem Empfinden nach weniger mit minutiös geplantem, als mit hin und wieder improvisiertem, aber letztlich stark antizipiertem Schauspiel zu tun hat. Im Serien-Kontext hat man es daher bestimmt mit einer der Top-5-Darbietungen bezüglich einer magischen Aura zu tun.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 16.09.2018 14:16 
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BEWERTET: Der Kommissar: "Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S."
(Deutschland 1973)

mit: Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Günther Schramm, Fritz Wepper, Helma Seitz sowie Mathieu Carrière, Hans Caninenberg, Margarethe von Trotta, Anneliese Uhlig, Günther Ungeheuer, Anita Mally und Lisa Helwig | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Wolfgang Becker

Als Professor Steger und seine Frau um 1 Uhr nachts nach Hause kommen, finden sie ihre Wohnung hell erleuchtet. Der Plattenspieler läuft und Haushälterin Erna liegt tot in ihrem Bett: erwürgt. Der Einbrecher hat nichts entwendet und sich nach dem Mord noch drei Stunden in der Wohnung aufgehalten, wo er gegessen und am Schreibtisch gelesen hat. Kommissar Keller vermutet einen geistig gestörten Täter hinter dem Mord und erbittet sich Einblick in Stegers Patientenkartei. Dieser wird ihm verweigert, doch die Sprechstundenhilfe Ute Hinz scheint mehr zu wissen als sie sagt. Zudem zeigt sich Stegers Sohn Alfred auffallend interessiert an dem Mord, was Kommissar Kellers Misstrauen erhöht....

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Nach dem unheimlichen Auftakt mit dem Todeskampf der taumelnden Haushälterin und der mysteriösen Anwesenheit des Mörders beim Eintreffen des Ehepaars Steger, betritt Kommissar Keller gewohnt zackig das Terrain. Trotz der gesellschaftlichen Stellung des bekannten Psychiaters geht er mit Fragen schroff zur Sache und wählt den direkten Weg über die Person, welche am ehesten eine Erklärung liefern könnte. Diese ist scheinbar schnell zur Hand, handelt es sich bei dem Mörder offensichtlich um einen Patienten, der aus unerklärlichen Gründen bei Steger eingestiegen ist. Hans Caninenberg und Anneliese Uhlig müssen erst ihr Entsetzen über die Tat verarbeiten und scheinen deshalb dem Verhör durch den Kommissar bereitwillig und widerstandslos ausgeliefert. Nach neun Minuten wendet sich das Blatt und es erscheint jener Mann auf der Bildfläche, der die Kamera geradezu magnetisch anzieht: Mathieu Carrière. Die lähmende Atmosphäre wird augenblicklich aufgebrochen, das ratlose Schweigen weicht bohrenden Fragen, die investigativ und unmissverständlich in den Raum geworfen werden und keine Ausflüchte dulden. Keller und sein Team rücken in den Hintergrund, weil Alfred Steger den Raum einnimmt und die Aufmerksamkeit für sich beansprucht. Mit konventionellen Kombinationen ist dieser Fall nicht zu lösen, so viel steht bald schon fest, weswegen Keller Robert auf Steger junior ansetzt. Doch selbst der forsche Mann ohne Emotionen kommt gegen den psychologisch versierten Maschinenbaustudenten nicht an. Keller beißt sich deshalb am Professor und der Patientenkartei fest, weil er überzeugt ist, dass dort der Schlüssel zur Lösung zu finden sein muss. Dabei macht er jedoch den gleichen Fehler wie der angeblich weitsichtige Psychiater.

Die Episode profitiert von drei Aspekten, die für das Gelingen der Geschichte unabdingbar sind: Mathieu Carrière, Margarethe von Trotta und Lobos "I'd love you to want me". Das große Verständnis und die Empathie, die Carrière in seiner Rolle vermitteln, liegen erneut in den feinen Nuancen begründet, mit denen der Schauspieler arbeitet. Seine Fähigkeit, die Beweggründe der Figur aufzunehmen und visuell überzeugend zu transportieren, zeigt Einfühlungsvermögen und begünstigt das Verständnis für die sensible Thematik. Mimik und Gestik werden dabei von der Kamera in atmosphärischer Dichte eingefangen und unterstreichen die Aussagekraft von Alfred Steger. Wenn er einen Raum durchschreitet oder einen intensiven Monolog hält, lenkt er den Fokus auf sich allein, während sein Umfeld meist ratlos daneben steht. Mit Margarethe von Trotta verhält es sich im umgekehrten Sinn. Ihre Aussagen bleiben vage, ihre Antworten knapp und ihr Bedürfnis, sich zu artikulieren ist gleich null. Ihre Introversion macht sie schutzlos, sie handelt nicht, sondern wird behandelt und hat weder die Kraft, sich zu wehren, noch eigene Wünsche zu äußern. Die Frage nach der Beziehung zwischen ihr und Alfred Steger wirft interessante Gedankenspiele auf, weil sie aus dem Takt geraten ist und einer von beiden die Balance verloren hat. Das Bedürfnis nach Halt und Unterstützung, die Entfremdung und Wiederannäherung der beiden und letztendlich der Versuch, den anderen durch die eigene Kraft aus der Verzweiflung zu ziehen, sind in ihrer optischen Umsetzung beeindruckend, profitieren aber auch in nachhaltiger Weise von der Musik, deren Klänge die Sprachlosigkeit kaschieren, die beklemmend im Raum steht, während das Büro Keller noch nach sachlicher Aufklärung sucht.

Das ungewöhnliche Tatmotiv überfordert die klassischen Kombinationen der Inspektoren Heines, Grabert und Klein, denen Habgier, Eifersucht und Hass als Erklärung für den Mord tausendmal lieber wären als das psychologische Puzzle, das sich ihnen im Haus von Professor Steger präsentiert. Deshalb ist es auch nicht an ihnen, den Fall am Ende aufzudröseln, sondern es obliegt Alfred Steger, der durch sein Umfeld und seine eigene Biografie von den Ereignissen betroffen ist. Dabei bedient sich das Drehbuch des Vielschreibers Herbert Reinecker eines besonders sensiblen Themas, einer geliehenen Identität, eines Selbstbetrugs, wenn man so will. Die Augenblicke der Wohltat, wie sie Alfred Steger nennt, sind eine Illusion und geben nur so viel Wärme ab, wie beispielsweise das Anreißen eines Streichholzes in Hans Christian Andersens Märchen "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Sobald das Zündholz erloschen ist, und der helle Schein des vergangenen Glücks verschwindet, wirkt das Dunkel noch schwärzer und die Gegenwart noch trostloser. Somit gestaltet sich "Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S." als außergewöhnlich nachhaltige Episode, die nicht nach dem üblichen Krimistrickmuster abläuft, sondern mehr als sonst auf das einfühlsame Spiel der Darsteller angewiesen ist. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Auswahl hier gelungen ist und die Regie von Wolfgang Becker die Balance zwischen Schauspielführung und spannender Umsetzung mit Erfolg schafft. Gerade solche Folgen heben die Kriminalserie "Der Kommissar" über den Durchschnitt und geben ihr Individualität und Charakter, weil nicht jede Episode nach dem sicheren Schema F abläuft.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 01.01.2019 12:20 
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BEWERTET: Der Kommissar: "Tod im Transit" (Deutschland 1976)
mit: Erik Ode, Günther Schramm, Elmar Wepper, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz, Peter Fricke, Udo Vioff, Paul Muller, Petra Drechsler, Arthur Brauss, Karl-Otto Alberty, Angela Hillebrecht, Dirk Dautzenberg, Minja Vosivodic, Thomas Astan, Hugo Panczak, Peter Martin Urtel, Christian Dorn u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Theodor Grädler

Als ein Gast seinen teuren Wagen vor dem Hotel stehen lässt, ohne ihn abzuschließen, ergreifen zwei Männer die Gelegenheit, ihn zu stehlen. Im Kofferraum finden sie jedoch die Leiche eines Mannes und verständigen die Polizei. Der Mann wurde mit mehreren Messerstichen getötet, doch der Besitzer des Wagens, ein Geschäftsmann aus Essen namens Eckert, bestreitet, mit dem Fall etwas zu tun zu haben. Kommissar Keller stellt fest, dass sich Franz Eckert regelmäßig in München aufhält und mit ihm die Herren Krefelder und Prunell. Dieser betreibt ein Transportunternehmen, ebenso wie Eckert und der Tote war ein Kraftfahrzeugmechaniker....

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Obwohl Erik Ode den Massenblättern gegenüber oft behauptet hatte, dass er aus der Serie aussteigen wolle, weil ihn das Serien-Korsett zu sehr einenge, war er am Ende doch enttäuscht, dass kurz vor der hundertsten Episode Schluss war. In gewisser Hinsicht spiegelt Kommissar Keller die Gefühle, die der Schauspieler und Regisseur Ode nach all den Jahren als Zugpferd des ZDF-Freitagabendkrimis empfunden haben muss. Er merkt an, dass die Gangster brutaler geworden wären und dass er zum ersten Mal in seiner Berufslaufbahn Angst verspüre. In der Tat zeichnet die letzte Folge der Erfolgsreihe eine Härte aus, die man in früheren Folgen selten so deutlich wahrgenommen hat. Die Protagonisten sind freilich für derartige Zwecke sorgfältig gewählt und erfüllen die Erwartungen, die man mit ihrem Image verbindet. Udo Vioff steigerte sich in seinen vier "Kommissar"-Auftritten vom ahnungslosen Protegé und Nutznießer fremder Vermögen zum eiskalten Mörder, der seine Opfer ohne Emotionen tötet und sie bereits vergessen hat, bevor die Leichenstarre einsetzt. Er stellt für einen Kriminalfilm stets eine Bereicherung dar, weil ihn seine charakteristische Physiognomie, sein Gang und sein Timbre als ungerührt und berechnend ausweisen, während Kollege Peter Fricke weitaus unruhiger und emotionaler agiert. Seine Nervosität ist ein Markenzeichen des feigen, verunsicherten Mitläufers, der Angst vor der eigenen Courage bekommt und den das Flackern in seinen Augen stets verrät, auch wenn die Zunge nach Ausflüchten sucht. Paul Muller verleiht der Organisation ein respektables, wenn auch nicht unbedingt seriöses Gesicht, umgibt ihn doch eine Nähe zur Diplomatie und deren Sprache weist ihn selbst in den Augen der Kriminalpolizei als "très charmant" aus.

Thematisierten frühere Folgen häufig die Schwächen der Menschen - seelische Nöte, verhängnisvolle Begierden oder hoffnungslose Verzweiflung - so bleibt der Mord an Heinz Coffa leidenschaftslos und das Opfer uninteressant. Vielmehr rückt die Sorge um Inspektor Grabert in den Mittelpunkt, um den das Publikum mehr bangt als um einen Toten, von dem man wenig mehr als seinen Beruf erfährt, was in einer Serie, in der Mordopfer oftmals verklärt, überhöht oder verteufelt werden, als Ausnahme gesehen werden kann. Die Episode bewegt sich in einem Umfeld, in dem es zu keiner Identifikation kommt. Das Ambiente negiert alles Persönliche; angefangen vom klinisch sauberen Hotelzimmer, wo Fingerabdrücke diskret entfernt wurden, über vielbesuchte Autobahnraststätten bis zum geräumigen Lagerhaus, in dem Korbmöbel gegen lukrativere Güter eingetauscht werden. Umso augenfälliger erscheint in diesem Zusammenhang die warmherzige Vater-Tochter-Beziehung, die jedoch letztlich auch dem Schein dient, es hier mit "anständigen" Leuten zu tun zu haben. Das Geschäft mit dem Tod - denn darum geht es bei den Machenschaften von Krefelder, Prunell und Eckert - verlangt nach einer gewissen Härte, die Theodor Grädler mit seinem gewohnt klaren Regiestil angemessen in Szene setzt. Die Ortswechsel symbolisieren nicht nur die internationale Vernetzung moderner Verbrecher - die einen radikalen Bruch mit "cosy little whodunits" darstellen, wie sie zum Beispiel die erste Folge "Toter Herr im Regen" (1968) repräsentiert. Im Zusammenspiel mit der eisigen Jahreszeit, in welcher der Monopteros von Schnee überzuckert und der immer ungemütliche Brenner in frostigem Sonnenschein liegt, macht die Episode ihrem Namen alle Ehre.

Wie kaum eine deutsche Kriminalserie deckt "Der Kommissar" alle Aspekte seiner Zeit ab, angefangen vom Generationskonflikt, der nach dem Zweiten Weltkrieg vorerst vom Bedürfnis nach Ruhe und Normalität verdrängt wurde, sich mit zunehmendem Wohlstand und der Infragestellung der gesellschaftlichen Normen, jedoch wie ein Lauffeuer zunächst in der Studentenbewegung verbreitete und dann letztlich zur Erschütterung des Staatsgefüges wurde. Kommissar Keller verkörpert trotz seines väterlichen Habitus und der oftmals autoritären Führung seiner Mitarbeiter auch einen Beobachter, der prinzipiell für jede neue Entwicklung ein offenes Ohr hat und sich in einer sich verändernden Welt und im Gespräch mit deren Menschen leichter zurecht findet als die mehrfach stereotyp vorgehenden Robert Heines und Walter Grabert. Er sammelt zunächst alle für einen Fall relevanten Informationen, hört sich die Zeugenaussagen an und bildet sich dann ein Urteil. Während er wegen seines Zögerns und Abwartens von den jüngeren Inspektoren als langsam und wenig dynamisch gesehen wird, verkörpert Kommissar Keller den Ruhepol, der sich in einer chaotischen Welt seine Bastion erhalten konnte, von der aus er analysiert und wertet. Das Publikum schätzte die Mischung aus Besonnenheit, Beharrlichkeit und Engagement, zudem wurden aktuelle Themen in ansprechender Weise aufgearbeitet, weil sie fast immer von etablierten Schauspielern umgesetzt wurden, die dafür oft gegen ihr Image anspielten und ihrem Repertoire neue Nuancen entlockten. Ebenso bewiesen junge Talente ihre Eigenwilligkeit und Individualität und zeichneten Charaktere von ungewöhnlicher Faszination, die einen hohen Anteil am fortwährenden Erfolg der ZDF-Serie hatten.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 04.01.2019 22:19 
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3sat
Der Kommissar

Fr 04.01.2019
22:26 (01) Toter Herr im Regen
23:24 (10) Schrei vor dem Fenster
00:25 (16) Tod einer Zeugin
01:22 (24) Eine Kugel für den Kommissar
02:25 (27) Anonymer Anruf
03:26 (28) Drei Tote reisen nach Wien
04:26

Sa 05.01.2019
22:45 (43) Traum eines Wahnsinnigen
23:40 (53) Mykonos
00:40 (81) Der Liebespaarmörder
01:40 (93) Ein Playboy segnet das Zeitliche
02:35 (97) Tod im Transit
03:35

Die Folge "Anonymer Anruf" fehlt in der DVD-Box!!

Am Samstag zwei der besten Episoden.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 17.11.2019 20:57 
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BEWERTET: Der Kommissar: "Der Papierblumenmörder" (Deutschland 1970)
mit: Erik Ode, Fritz Wepper, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz, Rosemarie Fendel, Christiane Schröder, Herbert Tiede, Gisela Fischer, Thomas Fritsch, Hilde Weißner, Evi Mattes, Kurt Horwitz, Marion Abel, Christina Kuon, Ursula Wolff, Dagmar Hanauer, Otto Friebel, Alfred Hallmann, Dagmar Klaus | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Zbynek Brynych

Die siebzehnjährige Sibylle Hohner wird in einem ausrangierten VW-Bulli erschossen. Da der Täter flüchtig ist, konzentrieren sich die Ermittlungen von Kommissar Keller auf Billies beste Freundin Bonny, die ebenso wie sie im Fürsorgeheim lebte, von dort aber immer wieder ausriss. Gesucht wird ein Mann, der sich rennend vom Tatort entfernte und eine verrostete Pistole zurückließ. Der Geschäftsmann Dr. Winkelmann gesteht nach anfänglichem Zögern, dass er mit der jungen Frau ein intimes Verhältnis unterhielt, das er wegen der sozialen Unterschiede jedoch geheim halten wollte. Welche Rolle spielt die Papierblume, die neben der Leiche gefunden wurde? Und wer ist "Teekanne", nach dem Bonny sich in den Münchner Szenekneipen erkundigt?

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Die Meriten der Kriminalserie "Der Kommissar" liegen in der Abbildung von zeittypischen Stimmungen, die das Wertesystem der Altersklasse ihrer Macher - des Drehbuchautors Herbert Reinecker und des Produzenten Helmuth Ringelmann - immer wieder aufbrechen und der Väter- und Tätergeneration einen zerborstenen Spiegel vorhalten, dessen Glasscherben die Welt in Verzerrung und in all ihrer hässlichen Unbequemlichkeit wiedergeben. Zbynek Brynych machte sich bereits im ersten Viertel der Erfolgsserie daran, dem bundesdeutschen Sinn für Biederkeit gehörig Angst und Schrecken - und teilweise auch Unbehagen - einzujagen. Seine Inszenierungen sind wie Knallbonbons, die nicht immer im richtigen Kontext und zum richtigen Zeitpunkt zum Einsatz kommen, die jedoch stets eine unverwechselbare Handschrift zeigen und oftmals für nachhaltige Eindrücke und beeindruckende Schauspielerleistungen sorgen. Der Irrsinn, den Mord für eine funktionierende Gesellschaftsordnung bedeutet, hebt der böhmische Regisseur mit lauten und häufig überspitzten Effekten hervor und zeigt damit Ursache und Wirkung einer Tat, die nicht nur Zerstörung bedeutet, sondern auch eine Herausforderung an ihre Umgebung, die meistens unvorbereitet auf eine Vernichtung und ihre Konsequenzen blicken muss. Die Erheiterung, die sich in Brynychs Folgen oftmals in heftiger Weise Bahn bricht, löst die Anspannung, in der die Figuren verharren und kommentiert den Wahnsinn, der durch den Mord ein greifbares Gesicht erhalten hat. Auch wenn die Regie-Arbeiten manchmal improvisiert wirken, läuft doch alles nach einer präzisen Choreografie ab, selbst der Einsatz der Handkamera, die das Ungleichgewicht symbolisiert, in dem sich die Personen befinden.

Die Welt der Jugend wird von Herbert Reinecker oft und gerne thematisiert. Die Distanz zwischen den Generationen; das Unverständnis, das sich die beiden Seiten entgegenbringen und die Neugier, mit der die Lebensentwürfe der jungen Leute trotz aller Skepsis und Vorurteile betrachtet wird, lassen die Episoden wie Exkursionen in eine Parallelwelt erscheinen, die mit all ihren Kuriositäten und Besonderheiten gezeigt wird. Christiane Schröder steht im Zentrum der Geschichte um den Tod eines Mädchens, das nirgendwo zuhause war und sich vom Leben treiben ließ, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Die Aufforderung, ins Licht der Scheinwerfer zu treten, muss nicht zweimal ausgesprochen werden, denn Christiane Schröder okkupiert den Platz der widerspenstigen jungen Frau mit überzeugendem Engagement. Sie fegt die Spinnweben des Anstands, der Zurückhaltung und der Bigotterie mit einer energischen Handbewegung weg und zerpflückt die Lügen und die Heuchelei der Erwachsenen mit diebischem Vergnügen. Die Zielscheibe ihrer entlarvenden Attacken ist Dr. Winkelmann, den Herbert Tiede mit angstvoller Gier und unbeherrschter Doppelmoral ausstattet. Überhaupt lässt sich feststellen, dass die Riege der Erziehungsberechtigten, der Ordnungshüter und der Sittenwächter nicht sehr gut abschneidet, werden ihre Motive doch als fragwürdig dargestellt und die Wahl ihrer Mittel als wirkungslos. Bonny erhält dadurch eine große Bühne für ihre Renitenz und ihre Absicht, einen Schuldigen zu finden, der stellvertretend für die gescheiterten Vorbilder ihrer Kindheit und Jugend an den Pranger gestellt werden soll. Das Unverständnis über den Tod ihrer Freundin, die ihr nah und doch so fremd war, sucht sich hier ein adäquates Ventil.

Die Frage nach dem Motiv für das vorzeitige Ableben der siebzehnjährigen Billie, wird trotz intensiver Gespräche und Recherchen letztendlich nicht beantwortet. Die Fähigkeit, einen Kriminalfall zu lösen, ohne die Geschichte ihres Zaubers zu berauben, findet man in etlichen Folgen der Serie "Der Kommissar". Stilbildend sind dabei vor allem die skurrilen, verschrobenen und introvertierten Charaktere, die durch die Episoden wandeln, ihre Spuren hinterlassen und dann wieder im Nichts verschwinden. Thomas Fritsch reiht sich als "Teekanne" glaubwürdig in die Phalanx der geheimnisvollen Menschen neben dem Leben ein, die man nicht ergründen kann und deren Schicksal jedes Mal aufs Neue betroffen macht. Kommissar Keller vertraut bei diesem Fall besonders auf das Gespür seines jüngsten Mitarbeiters, der im Umgang mit den jungen Frauen eine natürliche Scheu mitbringt und sich trotz eines gewissen Verständnisses vordergründig in der Pflicht des Staatsdieners sieht. "Der Papierblumenmörder" wiegt sich wie ein Grashalm im Wind, wobei es zu einer poetischen Symbiose zwischen Wort, Ton und Bild kommt. Zwischen Momenten der aggressiven Exzesse gibt es immer wieder Augenblicke des Verweilens und der Bewusstseinsbildung, sowohl bei der reflektierten Bonny, als auch bei den Personen, die zu ihrem Schutz abgestellt sind. Szenen wie jene im Antiquitätenladen von Kurt Horwitz, der seine Beobachtungen des jungen Paares wiedergibt, haben nichts von ihrer berührenden Intensität verloren, während draußen der Lärm und die Gleichgültigkeit der Straße ablaufen. Nicht nur der finale Schuss hallt lange nach, sondern auch die Episode unter der Leitung des böhmischen Regie-Meisters, die das Experimentelle zum lyrischen Kunstwerk erhebt.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 08.03.2020 14:23 
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BEWERTET: Der Kommissar: "Die Kusine" (Deutschland 1975)
mit: Erik Ode, Elmar Wepper, Reinhard Glemnitz, Günther Schramm, Helma Seitz sowie Agnes Dünneisen, Udo Vioff, Louise Martini, Liane Hielscher, Rainer Basedow, Thomas Astan, Veronika Fitz, Uwe Dallmeier, Charlotte Witthauer, Siegurd Fitzek, Hilde Brand, Michael Mendl, Willy Harlander, Harry Kalenberg u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Helmuth Ashley

Drei Werbegrafiker aus Nürnberg trinken am Abend noch ein Bier zusammen, als einer von ihnen ein junges Mädchen anspricht, das vor dem Lokal auf und ab geht. In der Annahme, es handele sich um eine Prostituierte, nimmt er sie in seinem Wagen mit. Am nächsten Morgen findet man ihn ausgeraubt und erschossen am Isarufer. Aufgrund der Personenbeschreibung der jungen Frau durchkämmen Kommissar Keller und sein Team verschiedene Münchner Bars, in der Hoffnung, das Mädchen ausfindig zu machen. Als ein zweiter Mord nach der gleichen Methode passiert, kommt Erwin Klein der Zufall zu Hilfe: Er begegnet der jungen Frau mit dem Kindergesicht vor einem Kino und heftet sich an ihre Fersen....

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Die Erfolgsserie "Der Kommissar" schwang sich gerade im letzten Jahr ihrer Entstehung zu neuen Höhen auf und präsentierte sich tiefgründig und psychologisch reizvoll. Herbert Reinecker zeigte einmal mehr, dass er sein Pulver noch nicht komplett verschossen hatte, auch wenn ihm Kritiker vorwarfen, dass ein Vielschreiber wie er Schwierigkeiten haben könnte, sich laufend neue Geschichten auszudenken. Zu einem Déjà-vu-Erlebnis der besonderen Art kommt es in "Die Kusine". Die Folge greift den "Fall Popp/Marchlowitz" auf, eine Raub- und Mordserie, die der Hannoveraner Kriminalpolizei in den Jahren 1956/57 einiges Kopfzerbrechen bereitete und von Regisseur Jürgen Roland fünf Jahre später innerhalb seiner "Stahlnetz"- Reihe umgesetzt wurde. Der fatale Einfluss eines abgebrühten Ganoven auf ein junges Mädchen bildete den Grundstock für die Episode, die detailgetreu alle Schlingen rekonstruiert, die das Duo für seine Opfer ausgelegt hatte. Der unheimliche Unterton der Handlung ergibt sich aus dem Schrecken, der im menschlichen Gehirn seinen Ursprung findet und sich mit eiskalter Präzision seinen Weg nach außen bahnt. Das Phantom, welches aus dem Schatten tritt, zum tödlichen Schlag ausholt und dann wieder im Dunkeln verschwindet, ist ein beliebtes Motiv des Kriminalgenres, weil es die Unberechenbarkeit des Lebens aufzeigt, das jederzeit sein Ende finden kann. Herbert Reinecker begnügt sich jedoch nicht damit, die Fahndung nach der Mörderin mit dem Kindergesicht zu inszenieren, sondern er platziert diese zentral in seiner Handlung, eingebettet in teilweise konträr voneinander abweichende Rahmenbedingungen, die der enigmatischen jungen Frau eine Struktur verleihen und sie für den Zuseher greifbar machen.

Die neunzehnjährige Schweizerin Agnes Dünneisen offenbart eine reichhaltige Palette an Eindrücken, Emotionen und Facetten, wobei sie über weite Strecken nonverbal kommuniziert und sich auf ihrem Gesicht ein breites Spektrum von Empfindungen spiegelt, die sowohl auf große Gefühle, als auch auf Gleichgültigkeit schließen lassen. Der Wechsel zwischen den Emotionen geschieht dabei unvermittelt; hat sich die junge Frau eben noch ihrem Gegenüber geöffnet, so kann sie sich im nächsten Augenblick umgehend zurückziehen. Die Kamera fokussiert sich immer wieder auf dem fein geschnittenen Gesicht der Hauptdarstellerin, die als Schlüssel zur Lösung gesehen wird und deren Beweggründe teilweise die klassische Suche nach dem Täter in den Hintergrund rücken lassen. Einmal mehr konzentriert sich die Episode auf das "Warum?" statt auf das "Wer?" und hebt sich damit von einer traditionellen Serienfolge ab, in der Polizeimethoden im Vordergrund stehen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der empathische Erwin Klein besonderen Anteil am Fall nimmt und es ihm obliegt, die Verbindung zu der in zwei Parallelwelten lebenden jungen Frau herzustellen. Elmar Wepper eignet sich in besonderem Maße für diesen Part, weil er über eine mitfühlende Ausstrahlung verfügt und stellvertretend für eine reflektierte Generation steht, die Paradigmen nicht einfach übernimmt, sondern hinterfragt. Seine Kollegen Heines und Grabert halten sich diesmal im Hintergrund, weil ihr Zugang zum Fall ein völlig anderer wäre und das psychologische Element einer weitaus handfesteren Ermittlung weichen müsste. Der Unterschied in Charakter und Temperament der einzelnen Inspektoren befördert eine individuelle Sicht auf den Fall, was den Ermittlungserfolg erhöht.

Die Motive, welche zu der Komplizenschaft bei dem Kapitalverbrechen führten, werden subtil angedeutet. Es bleibt dem Publikum überlassen, moralische Wertungen zu fällen und veränderte gesellschaftliche Strukturen für die fehlgeleitete Entwicklung der jungen Renate verantwortlich zu machen. Sinnsuche und Sehnsucht stehen in der Rangliste der Erklärungen ganz weit oben und ein negativ geprägtes männliches Vorbild als Auslöser der Abstumpfung gegenüber dem Nächsten. Udo Vioff freilich bringt alle erforderlichen Attribute mit, um Skrupellosigkeit und Macht zu demonstrieren und seine ihn anhimmelnde Begleiterin durch Nacht und Wind in ein psychisches Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. Sein Anspruch, Herr und Gebieter zu sein, der über Leben und Tod entscheidet und notfalls auch seine loyale Gehilfin opfert, ist der Gegenentwurf zur starken Frau in Gestalt von Liane Hielscher als Repräsentantin einer geordneten Welt, in der sich frau durch eigene Kraft eine Stellung im Leben erarbeitet. Der faszinierende Sog, in den der Zuschauer gezogen wird, lenkt seine Kombinationsgabe für Momente ab und lässt ihn nachsichtig mit dem Drehbuch sein, das Indizien zur Überführung des Duos verzögernd wirken lässt, um eine Klimax zu schaffen, die das verhängnisvolle Element im Finale noch einmal dramatisch betont. Anhand paralleler Verläufe und einiger Rückblenden erhält der Kriminalfall einen glaubwürdigen Rahmen, der besonders durch seine geschickte Ausleuchtung und die dominante und charakteristische Musikuntermalung für Nachhall sorgt. Die Figur der Renate Billert reiht sich mühelos in die Riege geheimnisumwitterter Frauen ein, die beim "Kommissar" durch ihre Eigenwilligkeit für Aufsehen in Biedermanns Wohnzimmer sorgen - ob sie nun Eva Kersky, Ilo Kusche, Jeanie, Eva Kabisch oder Inge Sobach heißen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 16.03.2020 11:47 
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BEWERTET: "Der Kommissar: Schwierigkeiten eines Außenseiters" (Deutschland 1974)
mit: Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Günther Schramm, Elmar Wepper, Helma Seitz sowie Raimund Harmstorf, Curt Bois, Elfriede Irrall, Joachim Ansorge, Rosl Mayr, Dirk Dautzenberg, Wolf Richards u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Michael Braun

Der Spirituosenhändler Helmut Domrose hört um 1 Uhr nachts, wie jemand die Scheibe der Hintertür zu seinem Laden einschlägt. Eilig ergreift er seine Schusswaffe und begibt sich nach unten, wo nach einem kurzen Handgemenge ein Schrei ertönt. Minuten später findet Frau Domrose die Leiche ihres Mannes, er wurde mit einer Flasche erschlagen - seine Pistole war nicht geladen. Obwohl für die ganze Umgebung klar ist, dass nur Einer für den Mord in Frage kommt, konzentriert sich Kommissar Keller auch auf Nebenaspekte des Falls und wundert sich über das ungewöhnliche Verhalten der Witwe: Sie steht fortwährend am Fenster ihres Wohnzimmers und beobachtet Theo Klinger, den Schrecken der Nachbarschaft....

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Feindbilder lenken von eigenen Unzulänglichkeiten ab und fokussieren negative Gefühle wie Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen auf jemanden, der zum seelischen Abladeplatz all dessen dient, was die Psyche belastet. Das personifizierte Hassobjekt in Episode 78 der Kriminalreihe ist Theo Klinger, mit dem die Bewohner des Mehrfamilienhauses nicht nach Lodz fahren wollen, sondern ihn zum Teufel wünschen. Raimund Harmstorf verkörpert den Prototyp des muskelbepackten Mannes mit rauer Schale und weichem Kern; sein Vater wird von ihm beschützt und gehegt wie ein Kind. Die Rollen innerhalb der Familie haben sich verkehrt, wie es oft der Fall wird, wenn Eltern alt werden und ihre körperliche und geistige Eigenständigkeit verlieren. Die Fürsorge des Sohnes und das Mitleid mit dem Schicksal seines Vaters machen den jungen Mann angreifbar, obwohl seine Physiognomie Unverwundbarkeit und Stärke verheißt. Das ungleiche optische Gespann erregt die Aufmerksamkeit der bürgerlichen Nachbarn, deren Grundbedürfnisse Ruhe und Sicherheit lauten und die sich in der Enge des Hinterhauses gegen Einflüsse von außen abschotten. Die Insignien der Rebellion - schweres Motorrad und genagelte Cowboy-Stiefel - verschaffen Theo Klinger ein prominentes Auftreten, wohin er auch kommt. Die Meinung seiner Mitmenschen ist ihm herzlich gleichgültig, ein Umstand, der seine Umgebung rasend macht und den Mord am Ladenbesitzer zur willkommenen Chance einer Denunziation. Dabei wirkt Theo Klinger weit ausgeglichener als die anderen Bewohner des Hauses, weil er seine Prioritäten kennt und genau weiß, wann welcher Schritt erforderlich ist. Dieses Verhalten erschüttert die Grundsätze der anderen Mietparteien, deren Leben nach Struktur verläuft.

Hintertreppengeschichten haben bei "Der Kommissar" immer ihren Reiz, weil sie tief in die bundesdeutsche Seele der ausgehenden Sechziger bzw. der ersten Hälfte der Siebziger Jahre blicken. Es gibt mehrere Folgen, die im Mikrokosmos kleinbürgerlichen Wohnens angesiedelt sind. Sie verfügen fast durchwegs über eine bunte Mischung an extro- und introvertierten Charakteren, deren Leben von ihrer trostlosen Umgebung befruchtet wird. Die grauen Mauern bilden den Rahmen für gescheiterte Existenzen und halten ihre Bewohner in geistiger Quarantäne, wobei jeder Ausbruch zwangsläufig zu Konflikten führt. Gewaltverbrechen finden hier vielfach ihre Keimzelle, wobei die bedrückende Atmosphäre der engen Räumlichkeiten Vorschub leistet und negative Gedanken unterstützt und fördert. Das Füllhorn der gesellschaftlichen Vorurteile ergießt sich über die Wohnkomplexe und deren Bewohner, was Herbert Reinecker in seinen Büchern mit detailgenauen Schilderungen bestätigt. Alkoholismus, häusliche Gewalt und Kleinkriminalität scheinen an der Tagesordnung zu sein, wie etliche Momentaufnahmen aus dem Alltag der Mordkommission beweisen. Das Publikum erhält regelmäßig eine Sozialstudie in Miniatur, ergreift für gebeutelte Charaktere Partei und hofft auf eine Entschärfung der Situation, die nicht selten trotz der Überführung und Verhaftung des Täters ausbleibt. Das Milieu umfasst die Menschen mit eisernem Griff und erlaubt ihnen selten, es zu verlassen. Gelingt es doch, so liefert diese Veränderung Motive für Spekulationen und Konflikte, die ihrerseits wiederum einen Grund darstellen, zu einem Fall für Kommissar Keller und sein Team zu werden. Der soziale Sprengstoff lässt sich nur mit Mühe entschärfen.

Nachdem die Folge in den ersten Minuten gleich in medias res geht, konzentriert sie sich bald auf die schillernde Figur der Episode, um die herum die komplette Handlung konstruiert worden ist. Das Mordopfer und seine Witwe bleiben weitgehend blass, ebenso die wenigen weiteren Mordverdächtigen, deren Motive für die Tat kaum erörtert werden. Elfriede Irrall als Frau Domrose ist viel zu rational, um als geheimnisvoll und zweideutig durchzugehen; Eigenschaften, die den Damen innerhalb der Serie sonst oft und gern zugeordnet werden. Ebenso unscheinbar bleiben Joachim Ansorge und Wolf Richards, nur die bairische Rosl Mayr darf ein bisschen Gift verspritzen, flankiert vom Kölner Kollegen Dirk Dautzenberg. Raimund Harmstorf steht deshalb fast konkurrenzlos im Scheinwerferlicht und bildet zusammen mit dem fragilen Curt Bois ein sehr ungleiches Gespann im "Kommissar"- Kosmos. Die Vorurteile der Hausgemeinschaft wecken im Chefermittler wie gewohnt Zweifel, neigt er doch zu einer inneren Rebellion gegen vorgefertigte Meinungen und schnelle Kombinationen zulasten offensichtlicher Tatverdächtiger. Moralische Unterstützung erhält er vom Jüngsten im Team; einmal mehr erweist sich Erwin Klein als empathisch und aufgeschlossen und notiert wohlwollend die Zuneigung des Sohnes zum zerschundenen Vater. Helma Seitz erhält eine der wenigen Gelegenheiten, ihre Schreibmaschine zu verlassen, wobei sich dieser Fall nur vor Ort und nicht vom Büro aus klären lässt. Mit einem Trick wiegt Kommissar Keller den Täter in Sicherheit und dröselt den Fall anhand einer Rückblende auf, wobei die möglichen Tatszenarien von Beginn an limitiert waren und primär dazu dienten, ein Sittenbild zu zeichnen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 18.03.2020 11:41 
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BEWERTET: "Der Kommissar - Der Held des Tages" (Deutschland 1975)
mit: Erik Ode, Günther Schramm, Elmar Wepper, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz sowie Sonja Sutter, Claus Biederstaedt, Georg Wondrak, Johannes Schaaf, Gottfried John, Burkhardt Driest, Hans Helmut Dickow, Herbert Steinmetz, Harry Kalenberg, Henner Quest u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Dietrich Haugk

Zwei maskierte Räuber steigen über den Balkon bei Bankfilialleiter Weise ein und zwingen ihn und dessen Frau zur Geschäftsstelle zu fahren, um dort den Tresor aufzuschließen. Der zehnjährige Sohn des Paares beobachtet den Überfall und erkennt einen Mann, der Schmiere steht, um die Räuber zu warnen. Als die Polizei eintrifft, fliehen die Männer und töten bei einem Schusswechsel einen Beamten. Hans Weise verschweigt gegenüber der Kriminalpolizei, dass er einen der Männer unmaskiert gesehen hat. Am folgenden Tag radelt er in die nächste Siedlung, wo derjenige wohnt, der die Räuber durch ein akustisches Signal gewarnt hat. Der schüchterne Mann und der Junge freunden sich an, doch die Bankräuber wittern Gefahr....

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Dietrich Haugk vereint in der vorletzten "Kommissar"- Folge Poesie und Gefahr auf sehr einnehmende Weise und zeichnet das Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft, die unter Voraussetzungen zustande kommt, die von Beginn an eine latente Bedrohung darstellen. Die Welt des Kapitalismus mit ihren negativen Begleiterscheinungen kontrastiert dabei mit menschlichen Grundbedürfnissen wie Aufmerksamkeit, Zuwendung und Sympathie. Die Verteidiger des Geldes und jene, die es sich unrechtmäßig aneignen wollen, stellen eine geschlossene Front gegen die Ungezwungenheit derer, welche sich emotional abgehängt fühlen und in ihrer Einsamkeit nach unkonventionellen Wegen suchen. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die Kameradschaftlichkeit zwischen Robert Stimmel und Hans Weise eine Provokation für jene, die bei all ihren Überlegungen eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen. Die Schwachstelle des Verbrechens ist dort auszumachen, wo Solidarität und Fürsorge verletzt werden, weshalb die Überführung der Täter zu einem spannenden Parallellauf zwischen Routine-Ermittlungen und psychologischen Deduktionen gerät. Die Frage nach dem kriminellen Potential aller Handlungsträger, präsentiert die Figuren in diversen Schattierungen, wobei festzustellen ist, dass nicht das Offensichtliche zur absoluten Wahrheit führt. So findet man innerhalb der Gemeinschaft der Räuber Zweifel am eigenen Tun, es gibt Mitleid und Fürsorge und Selbstlosigkeit. Auf der anderen Seite zeigt der Bankfilialleiter Aggressionen, die sich gegen seinen Sohn richten, der wiederum sein Wissen dazu benutzt, das schwächste Glied in der Kette der Gangster für sich zu beanspruchen. Seine Erwartungshaltung widerspricht seinem Gerechtigkeitsgefühl, was ihn nur die halbe Wahrheit sagen lässt.

Das Schauspielerensemble fügt sich überzeugend in das Szenario von Misstrauen und Schuld ein und wartet mit einigen Charaktergesichtern auf, die ihrem Image entsprechend agieren. Claus Biederstaedt, der den Charme seiner Jugendjahre gegen Unbeherrschtheit ausgetauscht hat, gefällt sich zwischen Einschüchterung und Ironie und hinterlässt deutliche Spuren, wann immer ein cholerischer Mann benötigt wird. In die Kerbe "schwere Jungs" hauen Burkhardt Driest und Gottfried John, die allein durch ihre Physiognomie für Unbehagen und Wachsamkeit sorgen, wobei Letzterer stets Bedenken an der Richtigkeit seines Tuns aufblitzen lässt, was die Brutalität seines Partners zusätzlich betont. Johannes Schaaf hinterlässt innerhalb der "Kommissar" - Reihe durch seine Verkörperung des Friedfertigen den Eindruck eines Gegenentwurfs zu seiner unruhigen Umgebung. Sonja Sutter sucht nach dem Ausgleich zwischen der Berechenbarkeit ihres Ehemanns und dem undurchschaubaren Verhalten ihres Sohnes. Während auf der einen Seite gepoltert wird, werden anderswo stille Kombinationen angestellt; Überlegungen, die keiner Rückversicherung benötigen und nicht danach verlangen. Die Autonomie des Individuums zeigt sich im Schlüsselkind Hans, der schon lange gelernt hat, selbst zu denken und zu handeln und der sich den Gegebenheiten trefflich anpasst. Verschwiegenheit und Geheimniskrämerei gehen dabei eine Allianz ein, die zur inneren Isolation einiger Familienmitglieder führt, andererseits aber auch ihre Selbständigkeit fördert und Dynamiken in Gang bringt, die üblicherweise vom geordneten Alltag verschluckt werden. Der Fokus liegt deshalb auf Hans Weise, der diesen unkonventionellen Weg beschreitet.

Herbert Reinecker bleibt seinem Konzept treu und rückt auch in dieser Episode der populären Krimireihe aktuelle gesellschaftliche Strukturen in den Mittelpunkt, wobei er sich erlaubt, mehr oder weniger mit dem Zeigefinger auf Schwachstellen hinzuweisen. Die Familie als fragiles Konstrukt in unruhigen Zeiten, wird dabei von allen Seiten beleuchtet und präsentiert sich in allen möglichen und unmöglichen Formen. Während beispielsweise niemand beanstandet, wie wenig Zeit der Vater seinem Sohn widmet, stellt die Berufstätigkeit der Mutter mehrfach einen Grund für interessierte Fragen dar. Während der Haushalt Weise sauber und proper ist, steht die Männerwirtschaft Stimmel für ein Laisser-faire, das vom Drehbuchschreiber sinnbildlich als Gleichgültigkeit gegenüber Recht und Ordnung gesehen wird. Neben der psychologisch anspruchsvollen Geschichte bietet die Episode auch optische und akustische Eindrücke, die auf hochwertige Art präsentiert werden und dem harten Realismus der Eingangssequenz Momente der Beschaulichkeit gegenüberstellen. Das ländliche Ambiente mit seinen sonnenbeschienenen Schauplätzen unterstreicht den pfiffigen Unterton, der sich immer wieder bemerkbar macht und den jugendlichen Hauptdarsteller spiegelt, der die Widrigkeiten des Lebens pragmatisch nimmt. Dietrich Haugk beweist einmal mehr sein feines Gespür für Stimmungen, die sich auf den Zuschauer übertragen und an sein Mitgefühl appellieren. Selten löst sich die Anspannung mit der Festnahme des Täters, sondern vertieft nur die Tragik, die hinter dem Verbrechen liegt. Die emotionale Komponente hallt länger nach als das Klicken der Handschellen, wobei dem Kommissar im vorliegenden Fall gerade jene Amtshandlung besonders schwer fällt.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 21.04.2020 11:29 
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Joined: 11.2017
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BEWERTET: "Der Kommissar: Das goldene Pflaster" (Deutschland 1974)
mit: Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Günther Schramm, Elmar Wepper, Helma Seitz sowie Gracia Maria Kaus, Traugott Buhre, Fritz Muliar, Wolfgang Gasser, Hugo Gottschlich, Rose Renée Roth, Jane Tilden, Peter Gebhart, Walter Sedlmayr, Ellen Umlauf, Alexander Trojan, Gernot Möhner, Herbert Prikopa, Franziska Kalmar u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Wolfgang Becker

Während sich Kommissar Keller in Wien von den Folgen der Schießerei am Prinzregentenstadion erholt, ermitteln Heines, Grabert und Klein im Mordfall an einem Türken, der sich illegal in Deutschland aufhielt. Er wurde erschossen, weil er sich weigerte, weiterhin Geld an die Schlepper zu bezahlen, die ihn über Wien nach München schleusten. Seine Tochter Murada, die in Ingolstadt arbeitet, hilft der Kriminalpolizei bei der Suche nach dem Mann, dem ihr Vater regelmäßig Geldbeträge aushändigen musste. Bald stellt sich heraus, dass sich der Hintermann der Bande in Wien befinden muss. Seine Opfer schweigen aus Angst, von den Behörden ausgewiesen zu werden, weil sie kein Bleiberecht in der Bundesrepublik haben, die in den Augen vieler Türken ein goldenes Pflaster darstellt....

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Im "Giftschrank" des Zweiten Deutschen Fernsehens lagert bis zum heutigen Tag die dreiundachtzigste Episode der Kriminalserie, die nach der Ausstrahlung ein empörtes Schreiben der türkischen Botschaft zur Folge hatte, das mit seiner Kritik an der Auflösung des Falls im speziellen und der Darstellung der Türken im allgemeinen, erreichen konnte, dass sich nicht nur der Programmdirektor des ZDF kleinlaut und unterwürfig entschuldigte, sondern die Episode nie wieder gezeigt werden durfte. Dabei sind die Umstände des Kriminalfalls bis zum heutigen Tag aktuell und legen den Finger in eine Wunde, die offenbar so sehr schmerzt, dass lieber der Schleier des Schweigens darübergebreitet wird als die Missstände zu beseitigen. Dabei wartet "Das goldene Pflaster" nicht nur mit einem packenden Fall auf, sondern auch mit einem Ortswechsel in die österreichische Hauptstadt, in der Kommissar Keller zur Rekonvaleszenz weilt und mit seinem Kollegen Oberinspektor Gruber bei Mokka und Zigaretten über die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit philosophiert. Die Probleme sind seit Jahren bekannt und verschärfen sich zusehends, solange fern der Heimat das gelobte Land gesucht und neue Abhängigkeiten geschaffen werden. Der soziale Sprengstoff köchelt unter der Oberfläche und kaum einem Bürger ist bewusst, was sich in den Parallelwelten abspielt. Die Reaktionen der Ermittler des Teams der Mordkommission pendeln je nach Charakterisierung der Figur zwischen Mitleid, Anteilnahme, Pragmatismus und Resignation. Die Verhältnisse werden vor allem durch die Betroffene selbst - die Tochter des Mordopfers - kommentiert, wobei falsche Erwartungen, Gutgläubigkeit und Angst gegen die Skrupel- und Rücksichtslosigkeit der Menschenhändler aufgerechnet werden. Wenige markante Szenen zu Beginn genügen, um zu zeigen, dass man es hier fraglos mit Machenschaften zu tun hat, die Kapital aus einer Nachfrage schlagen, die mit rationalen Argumenten nicht zu stoppen ist. Das Geschäft mit der Hoffnung ist zu einträglich, um es zu vernachlässigen und deshalb wird geworben und versprochen und verraten und verbrochen. Wie kaum eine andere Folge aus der deutschen Erfolgsserie zeigt sich "Das goldene Pflaster" von einer Vielseitigkeit, die trotz des ernsten Themas viele auflockernde Momente ins Spiel bringt.

Die Berlinerin Gracia-Maria Kaus bringt eine exotische Note mit in die Folge und fokussiert das Interesse auf sich, weil sie nicht nur das Sprachrohr der türkischen Gemeinde, sondern auch das Bindeglied zu den deutschen Behörden darstellt. Die Welt der Gastarbeiter ist den Vertretern der Kriminalpolizei nicht nur durch die sprachliche Barriere fremd, sondern stellt sich als unzugänglich und unbegreiflich vor. Die Irritation im Team Keller ist deutlich zu spüren und macht es der Mordkommission noch schwerer, einen Täter zu finden, der in einer Gesellschaft zu suchen ist, von der man wenig bis nichts weiß und im Prinzip auch gar nichts wissen möchte. Solange die Gesetze eingehalten werden, kümmert man sich nicht um die parallele Ordnung, die hier entstanden ist und deren kulturelle Eigenheiten teilweise einen großen Widerspruch zu dem darstellen, was in Deutschland üblich ist. Die sensible Darstellung der Murada, die sich in ihrem neuen Lebensumfeld nicht nur Wissen, sondern auch ein Gespür für gemäßigtes Handeln angeeignet hat, vermittelt Gracia-Maria Kaus mit leisen Tönen, die ihre Anliegen dennoch präzise und analytisch auf den Punkt bringt und die tödliche Falle, in die ihre Landsleute tappen, enttarnt. Doch nicht nur die türkische Mentalität ist Gegenstand der Betrachtung, auch bayerische und Wiener Eigenheiten treten durch markante Vertreter wie Walter Sedlmayr und Fritz Muliar zutage. Der ungehaltene Fahrkartenkontrolleur, dessen Intoleranz durch die Monotonie seines Berufs noch verstärkt wurde; die Aufgebrachtheit einer Zimmervermieterin, die durch Jane Tilden nun endlich Gehör findet, wenn auch nur für ein paar Minuten und völlig ohne Erfolg; die schlechte Laune einer anderen Frau, bei der die Bezeichnung 'Dame' schon lange vom Alkohol weggespült wurde und die in Ellen Umlauf ein dankbares Subjekt findet; sowie Hugo Gottschlich, dessen Kaffee genauso fad schmeckt wie sein Gerede, das aus Resignation und Gleichgültigkeit gespeist wird und dessen trostlose Umgebung längst auf ihn abgefärbt hat. Die Energie von Kommissar Keller, der endlich wieder arbeiten möchte und den neuen Fall als Lebenselixier empfindet, hebt sich in wohltuender Weise vom regionalen Schmäh ab, der die Tatkraft ganzer Landstriche zu lähmen scheint, was freilich von findigeren Burschen prompt ausgenutzt wird. Unterm Strich bleibt zu sagen, dass diese Episode eine besondere Stimmung vermittelt, auch wenn sie nicht von einem Mann wie Brynych inszeniert wurde. Sie weiß gut zu unterhalten und man kann offen sagen, dass der Skandal, dessentwegen die Folge damals gesperrt wurde, angesichts weltweiter Fälle von Korruption, Schmiergeldern und Betrug, keinen aufgeklärten Bürger mehr zu schockieren vermag.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 30.05.2020 20:34 
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Trotz aller Behaglichkeit, die der Konsum einer Erfolgsreihe wie "Der Kommissar" beim heutigen Publikum auslöst, darf nicht vergessen werden, dass die Serie damals Neuland beschritt. Action und Spannung kamen in den Sechziger Jahren aus Amerika oder England, eine durch und durch deutsche Kriminalreihe hatte es noch nicht gegeben. Umso bemerkenswerter, dass die Serie dem breiten Fernsehpublikum immer wieder Nüsse zu knacken gab, welche die bundesbürgerliche Normalität ad absurdum führten und spleenige Außenseiter zu den Sehnsuchtsgestalten der Episoden machten. In 97 Folgen begegnet man regelmäßig Charakteren, die kauzig, rebellisch, merkwürdig und faszinierend erscheinen und so gar nicht dem Durchschnitt entsprechen. War es ein Zeichen der Auflehnung gegen die Erwartungen des Publikums, die Herbert Reinecker veranlasste, solche Figuren in seine Drehbücher zu schreiben? Wollte er provozieren oder schockieren? Warum umgibt gerade diese Rollen ein besonderer Zauber, der auch heute noch wirkt und wie ein Traumbild im Alltagsgrau erscheint? Denkt man an die Serie "Der Kommissar", so fallen einem unwillkürlich immer auch die bizarren Typen ein, die dort auftauchen und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Sei es nun der Hippie "Teekanne" (15/1969 "Der Papierblumenmörder"), der kein einziges Wort spricht, dessen anrührende Präsenz jedoch wie der Schuss am Ende lange nachhallt. Oder die schöne Ilo Kusche (31/1971 "Ende eines Tanzvergnügens"), die Unheil über alle Männer bringt und dabei scheinbar ungerührt bleibt. Ulrike Durich (33/1971 "Lagankes Verwandte") sieht mit großen Augen in die Kamera und gibt ebenso Rätsel auf wie Herta Panse (11/1969 "Die Schrecklichen"), die gleichfalls nach einem Ausweg aus der Enge des Elternhauses sucht. Natürlich gibt es vor allem in den von Zbynek Brynych inszenierten Episoden "sonderbare" Menschen, aber auch andere Regisseure zeigen ungewöhnliche Figuren "am Rande der Ereignisse".


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