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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN - Zbynek Brynych
PostPosted: 21.03.2020 16:08 
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"Engel, die ihre Flügel verbrennen" (Deutschland 1970)
mit: Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Ellen Umlauf, Harald Baerow, Siegfried Rauch, Karl-Otto Alberty, Jochen Busse, Werner Kreindl, Manfred Spies, Wolfgang Völz, Liane Hielscher, Hertha von Walther, Gert Wiedenhofen u.a. | Drehbuch: Herbert Reinecker | Regie: Zbyněk Brynych

Robert Susmeit folgt seiner Mutter Hilde und deren Liebhaber zu einem Apartmenthaus im Münchner Stadtzentrum. Diese pflegt sich dort drei- bis viermal im Monat mit Männern zu heimlichen Tête-à-têtes zu treffen. Als Hildes Liebhaber eine Runde im Pool unter dem Dach dreht, erschlägt ihn Robert mit einem Schlauch. Er wird dabei von Moni Dingeldey, der Tochter einer vermögenden Witwe beobachtet. Robert und Moni, die beide das gleiche Schicksal teilen, freunden sich an. Währenddessen steht die Kriminalpolizei vor der Aufgabe, den Mörder eines Mannes zu finden, dessen Identität unbekannt ist. Hildes größte Sorge ist, den Verdacht von sich und ihrer Familie abzulenken....

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"Die 'Kommissar'-Folge, die Sie nie gesehen haben" - unter diesem Slogan könnte der in der Anfangsphase der Erfolgsserie gedrehte Film des böhmischen Regisseurs Zbyněk Brynych vermarktet werden, wartet er doch mit allen Zutaten auf, die sonst so schmackhaft und teilweise unkonventionell für die Neue Münchner Fernsehproduktion zusammengerührt wurden. Ein schmissiger Peter-Thomas-Soundtrack (während des Vorspanns hört man das Thema der Episode 21 ["... wie die Wölfe"] heraus); ein Cast, der sowohl die Optik als auch den Nostalgiefaktor bedient und gleichzeitig neuen Talenten eine Chance bietet, sowie ein entfesselter Mann auf dem Regiesessel, der sich hemmungslos aus seiner Handwerkskiste bedienen darf. Freilich alles ein wenig lauter, kruder und verrückter - und in der Laufzeit großzügiger. Man kann diesen "Omicidio al diciasettesimo piano" (italienischer Verleihtitel) als Kolportagekrimi bezeichnen und er weiß durchaus zu provozieren. Vor allem aber fällt auf, dass die Darsteller in ihrer Exaltiertheit freie Hand haben und Herbert Reineckers moralischer Zeigefinger im Hintergrund präsent ist, auch wenn sich alle Personen so geben, wie es der disziplinierte Erfolgsautor seinem bürgerlichen Fernsehpublikum nie zugemutet hätte.

Die groteske Zügellosigkeit zeigt sich in mehr oder weniger akrobatischen Liebesszenen, die im Fall von Ellen Umlauf zu einem Ringen der Löwin (ihre rote Mähne wird mehrfach in den Fokus gerückt) mit ihrem Opfer wird. Aufgestaute Wut entlädt sich in brachialer Gewalt, die der "High-Society-Kindergarten" (O-Ton Wolfgang Völz) an jenen auslässt, die für ihre emotionale Vernachlässigung verantwortlich sind. Zwischen weißen Flokati-Teppichen, Ball Chairs und poppig bunten Grafiktapeten lümmeln sich die Erwachsenen wie die Halbwüchsigen und wirken entweder zu Tode gelangweilt, übersättigt und müde oder aufgekratzt und in Erwartung baldiger Lustbarkeiten. Die Farbe ist ein wichtiger Faktor in dieser Produktion und zeigt die Möglichkeiten eines verspielten Regisseurs, der seine Filme so inszeniert, als habe er sich von spontanen Einfällen leiten lassen, hinter dessen Bildern jedoch durchdachte Botschaften stehen. Immer wieder verharrt die Kamera auf Gesichtern und Augen und lässt den Figuren Zeit, einen Gedanken zu entwickeln, der leider nicht formuliert wird. Nadja Tiller ist die zentrale Figur, deren Egoismus ungeniert und ohne Tabus vorgeführt wird und ihre Rolle zur Reizfigur Nr. 1 macht. Ihre gepflegte Schönheit, das aggressive Weiß der makellosen Zähne, die ausgefallene und dennoch stilvolle Garderobe - diese Faktoren machen sie zu einer Siegerin, die katzenartig durch die Menge schleicht, immer auf der Suche nach einem neuen Spielzeug.

Ihr Flirt mit dem unterbeschäftigten Siegfried Rauch, der allein mit der Strahlkraft seiner blauen Augen ermittelt und ansonsten Beobachter bleibt, deutet Möglichkeiten an, die diese Frau wie immer bis ins letzte Detail auskostet. Die Jungdarsteller Susanne Uhlen und Jan Koester rebellieren innerlich gegen die Welt der Erwachsenen, auch wenn sie Nutznießer des Reichtums und der Sorglosigkeit ihrer Eltern sind. Ihre Leere kompensieren sie mit unentwegtem Musikgenuss (bei dieser einlullenden Platte kein Wunder!), dem Ausspielen ihrer kleinen Macht ("Der Wein ist zu warm!") oder dem Abstecken ihrer Grenzen. Die Verlorenheit in Susanne Uhlens Augen steht stellvertretend für das Lebensgefühl der Zeit und spiegelt so viele Figuren wider, die uns aus dem "Kommissar" vertraut sind - mit und ohne Papierblumen. Die relativ lange Laufzeit sorgt natürlich für teilweisen Stillstand, der durch die gefasste und lässige Vorgangsweise der Polizei unterstützt wird. Während Emotionen ausgekostet werden, müssen klassische Ermittlungen ruhen. So ist Siegfried Rauch weder ein Herbert Keller, noch ein Stephan Derrick, sondern scheint seine Präsenz für Gesellschaftsstudien zu nutzen. Früher oder später müssen die Beteiligten aneinander zugrunde gehen oder die formelle Welt des Rechts benötigen - dann ist er ihr Mann.

Fazit: Ausgelassenes Sittenbild der frühen Siebziger Jahre mit einem prominenten Cast, der alle Scheu über Bord wirft und sich ganz auf die Vorgaben der Regie verlässt. Unkonventionell und herausfordernd nehmen die Darsteller ihre Positionen ein, die je nach Persönlichkeit zu abstrusen Posen verkommen oder von großer Schauspielkunst zeugen.


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