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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: FLASH LIGHT - José Ramón Larraz
PostPosted: 21.03.2020 17:12 
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Flash Light
Whirlpool
Dänemark 1970
Regie: José Ramón Larraz
Karl Lanchbury, Vivian Neves, Pia Andersson, Johanna Hegger, Andrew Grant, Edwin Brown, Ernest C. Jennings, Larry Dann, Sibyla Grey, Lisbet Lundquist


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Das junge Fotomodel Tulia wird von der reifen Sara zum Wochenende auf ihr Landhaus eingeladen. Neffe Theo freut sich auch bereits. Theo ist nämlich ein fanatischer Fotograf, und möchte von Tulia viele Bilder machen. Allerdings merkt Tulia irgendwann, dass Theo eine sehr bestimmte Art hat, zu außerordentlich realistischen Fotos von in Panik geratenen jungen Mädchen zu kommen. So ganz zuwider ist ihr das zwar nicht, genausowenig wie die Annährungsversuche der bisexuellen Sara. Ernster wird es erst, als Theos Freund Tom sie vergewaltigen will – in Theos Gegenwart, und vor der gezückten Kamera! Und noch ernster wird es, als Tulia hinter das Geheimnis von Rhonda kommt, dem Mädchen, das zuletzt im Landhaus zu Gast war und seitdem spurlos verschwunden ist.

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Früher wurden die Filme einfach noch anders gemacht. Hans W. Geissendörfer hat mal sinngemäß erzählt, dass damals in einer Szene die Kamera einfach draufgehalten wurde, und die Schauspieler gespielt haben bis es nicht mehr weiterging. Mit den langen Einstellungen konnte man gut schneiden, die Schauspieler konnten sich in ihre Rollen hineinwühlen und darin aufgehen, und das Publikum hatte auch keine Probleme mit dieser Arbeits- bzw. Erzählweise. Sie kannten es ja nicht anders. Die vor 40 Jahren erzählten Geschichten wurden langsamer aufgebaut, die Höhepunkte akribischer vorbereitet. Es war einfach noch mehr Zeit vorhanden.

Was aus heutiger Sicht dazu führt, dass WHIRLPOOL erstmal einige Zeit benötigt bis er in Fahrt kommt. Zwar ist anhand der Figurenzeichnungen schon relativ früh klar wohin die Reise geht, aber auf welchem Weg und mit welchen Schlenkern, das wird erst unterwegs klar, und sorgt für einige Überraschungen. Dass aus Theos Augen der Wahnsinn schimmert, das weiß man (heute). Es sind die Augen von Elijah Wood aus MANIAC und aus SIN CIY, die uns da voller Bosheit und Mordlust anlächeln.
Die Augen-Blicke, die sich Theo und Tante Sara zuwerfen, etwa während der Strip-Pokerrunde, sind vielschichtig und abgründig. Und Tulias schreckgeweitete Augen der Schlusseinstellung haben das Falsche gesehen und werden darüber nie wieder so lustig funkeln.

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Aber wie gesagt, der Weg dorthin ist entscheidend. Und der wird, nicht ganz untypisch für britische Psychothriller dieser Zeit, mit viel Gefühl für unheimliche Stimmungen und wohl platzierten Schockmomenten garniert. Die Vergewaltigung Tulias zum Beispiel jagt den Zuschauer durch ein aufwühlendes Höllenfeuer - nach der Sichtung so einiger Rape and Revenge-Filme darf ich sagen, dass diese Szene komplett anders ist alles alles andere was ich gesehen habe.
Und überhaupt, die Sache mit dem Sex. Obwohl dieses Wort in leuchtenden Buchstaben ständig im Hintergrund flirrt, und die Atmosphäre des Films sehr unterschwellig sexuell aufgeladen ist (immerhin ist allen Beteiligten von Anfang bis Ende klar, dass es an diesem Wochenende nur um eines geht: Miteinander so viel Spaß wie möglich zu haben, auch wenn Theo dies etwas anders auffasst), trotz dieser Atmosphäre also sind die erotischen Darbietungen ausgesprochen unterkühlt in Szene gesetzt. Am Kaminfeuer ist es zwar romantisch, da aber kann Theo nicht – weil seine Tante sich nicht beteiligt. Die nämlich braucht Theo, um seine Männlichkeit zur Gänze beweisen zu können, und die dann folgende entsprechende Gelegenheit hat die Ausstrahlung eines Hotelzimmers bei voller Beleuchtung. Ein eigentlich ansprechender Dreier wird durch eine unsagbare Sterilität beherrscht, und lässt jeden Gedanken an Erotik beim Zuschauer verschwinden, obwohl die Charaktere sichtlich aufgeladen sind und sich dem Sex zur Gänze hingeben. Durch dieses Wechselbad der Gefühle entsteht beim Zuschauen ein Zwiespalt, wie man sich denn beim Ansehen nun verhalten soll: Soll man sich der erotischen Stimmung der Charaktere anschliessen, oder als Betrachter in kühler und distanzierter Betrachtung verharren?

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Auch interessant ist dieser Zwiespalt im Zusammenhang mit der Farbgebung des Films. Angesiedelt im Herbst, sind die Farben der Natur warm und erdig, das Haus wirkt von innen und außen behaglich und als gemütlicher Rückzugsort gegen das schlechte Herbstwetter. Auch die Kleidung der Männer ist ganz auf warme und vertrauenerweckende Farben abgestellt. Das Verhalten der Männer allerdings steht dann in direktem Gegensatz zu diesen Farben, was zu weiterer Irritation führt.

Und in Summe einen kleinen und ganz feinen Psychothriller ergibt, der mit den Gefühlen des Zuschauers spielt wie mit Knetmasse. Larraz hat gleich in seinem ersten Film ein unglaubliches Gespür für das Innenleben sowohl seiner Charaktere wie auch der Zuschauer an den Tag gelegt. In Folge bin ich schon ziemlich gespannt auf seine weiteren Filme! WHIRLPOOL auf jeden Fall ist eine starke Empfehlung für alle, denen Sachen wie der 4 Jahre später, ebenfalls von Larraz gedrehte und etwas bekanntere, SYMPTOMS gefallen: Eine abgründige Studie voll verborgener Bosheit …

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


Last edited by Schmutziger_Maulwurf on 14.04.2020 06:32, edited 2 times in total.

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 Post subject: Re: FLASH LIGHT - José Ramón Larraz
PostPosted: 26.03.2020 17:36 
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Ein wirklich toller Film, für den man sich Zeit nehmen muss, damit er seine Wirkung entfalten kann; es scheint so, als ob José Ramón Larraz bei seinem "Vampyres" eine ganz ähnliche Szenerie anwendet. Denn auch dort gibt es - wie in FLASH LIGHT - eine diabolische Zweierkonstellation (die beiden weiblichen Vampire), die ihr / ihre Opfer an einen abgelegenen Ort locken (und später, in "La visita del vicio", geschieht dies ebenso). Vor allem die Ruhe und der langsame Plotaufbau schätze ich am Larraz-Kino doch sehr, weshalb ich auch dazu...

Schmutziger_Maulwurf wrote:

Früher wurden die Filme einfach noch anders gemacht. Hans W. Geissendörfer hat mal sinngemäß erzählt, dass damals in einer Szene die Kamera einfach draufgehalten wurde, und die Schauspieler gespielt haben bis es nicht mehr weiterging. Mit den langen Einstellungen konnte man gut schneiden, die Schauspieler konnten sich in ihre Rollen hineinwühlen und darin aufgehen, und das Publikum hatte auch keine Probleme mit dieser Arbeits- bzw. Erzählweise. Sie kannten es ja nicht anders. Die vor 40 Jahren erzählten Geschichten wurden langsamer aufgebaut, die Höhepunkte akribischer vorbereitet. Es war einfach noch mehr Zeit vorhanden.



voll zustimme...

Ich habe mir beispielsweise gestern "John Wick: Chapter 3" ansehen und dort jagt ein Höhepunkt ja sofort den nächsten - der Film fängt zudem ohne nähere Plot-Erklärung an (man muss die Teile davor schon gesehen haben); was hier gezeigt wird, ist eher ein "Video-Spiel", ein "Game", welches seinen Hauptdarsteller mehrere Spielstufen mit hohem Tempo meistern lässt - ob mir "John Wick - Part 3" gefallen hat, kann ich im Moment noch nicht richtig sagen (ist natürlich auch eine Stimmungssache); das Larraz-Werk jedoch habe ich gleich ins Herz geschlossen - besonders FLASH LIGHT... danke für die großartige Kritik, Schmutziger_Maulwurf...


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 Post subject: Re: FLASH LIGHT - José Ramón Larraz
PostPosted: 26.03.2020 20:32 
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VAMPYRES habe ich ein paar Tage später gesehen, und war vollkommen platt ob der dort gezeigten Dinge. Wo Larraz in WHIRLPOOL noch forscht und auslotet, geht er in VAMPYRES komplett in die Vollen. Sex, Gewalt, gotische Stimmung, Düsternis, Einsamkeit, Tod, Begehren - alles ein paar Ecken intensiver. Lauter. Jeder der beiden Filme hat seine Existenzberechtigung, und ich bin bei beiden sehr froh dass ich sie sehen durfte. aber auf die einsame Insel mitnehmen würde ich, glaube ich, eher VAMPYRES, weil der mich im Kern mehr anspricht. Ich bin und bleibe im Herzen einfach ein alter Schwarzkittel :lol:

THE COMING OF SIN habe ich noch nicht gesehen, den schiebe ich ein wenig vor mir her. Lohnt der?

Das Geissendörfer-Zitat habe ich übrigens von der JONATHAN-DVD. Und der ist ja auch ein klassisches Beispiel für diese damalige Art, Filme zu drehen. Von den JOHN Wick-Filmen habe ich noch keinen einzigen gesehen, aber ich weiss genau was Du meinst. Aus familiären Gründen habe ich neulich THE COLD LIGHT OF DAY sehen müssen, und da ist mir ebenfalls diese Atemlosigkeit aufgefallen. Dieses ununterbrochene Rennen und Schießen und Explodieren und Ballern und wieder Rennen. Alles nur, um die Abstinenz einer Geschichte zu kaschieren. Bei SOUTH PARK wurde mal vorgeschlagen, dass Michael Bay die Welt rettet, und er wurde gefragt was er für Ideen habe um die Bedrohung abzuwenden. Michael Bay meinte in etwa, dass er Hubschrauber sehen würde, und Waffen und Explosionen, und Menschen, die während des Flugs von Hubschrauber zu Hubschrauber springen ... "Mister Bay, das sind keine Ideen, das sind Spezial Effekte." Antwort: "Oh, für mich ist das eigentlich das selbe." Genau so ...

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