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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: GRABENPLATZ 17 - Erich Engels
PostPosted: 15.06.2014 20:11 
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D 1958

D: Wolfgang Preiss, Kai Fischer, Carl Lange, Gert Fröbe, Werner Peters, Maria Sebaldt, Charles Regnier

DVD-Backcover wrote:
Bei Hannover wird die Prostituierte Ella Peters erwürgt aufgefunden. Augenzeugen beobachteten, wie ihr neunjähriger Sohn aus dem Haus gerannt kam und geflüchtet ist. Die Mordkommission findet am Tatort eine Seemannsmütze. Verdächtig ist Ellas Ex-Mann. Er hat aber ein Alibi. Bei seiner Vernehmung wird klar, dass der Junge in Lebensgefahr schwebt. Er leidet unter einer seltenen Blutkrankheit und benötigt regelmäßige Infusionen, sonst stirbt er. Die nächste Spritze steht in einer Woche an. Bei einer Suche nach dem Jungen werden die Medien eingeschaltet. Einen Hinweis erhält Kriminalkommissar Jäger von der Tante des Knaben, bei der er unterkommen wollte. Als er sie nicht antraf, hinterließ er ihr einen Zettel mit der Nachricht, er sei auf dem Weg zu seinem Vater nach Hamburg. Dort erklärt ihm die Freundin von Michaels Vater, der Junge sei von einer angeblichen Kriminalbeamtin mitgenommen worden. Nach Verwicklungen und der Ermordung eines Verdächtigen stößt der Kommissar in den Nachtclub "Schwarze Spinne", muss aber feststellen, dass Michael weiter verschleppt worden ist.


Ein deutscher Kriminalfilm mit Bezug zum halbseidenen Milieu? Auch wenn der auslösende Mord in Hannover stattfindet, springt die Handlung dann nach Hamburg, bekanntlich DER Sündenpfuhl der Nation. Der Film soll übrigens auf wahren Ereignissen beruhen, die sich allerdings in England ereignet haben sollen.

Auch muss man hier "Hamburg" in Anführungszeichen setzen, denn es gibt zwar einmal eine originale Straßenaufnahme der legendären Reeperbahn zu sehen, ansonsten wurde aber offenbar komplett im Atelier gedreht, was natürlich Atmosphäre raubt. Aber selbst Rolf Olsen hat einen seiner Pauli-Kracher bekanntlich unter falscher Flagge gedreht, also mache ich da keinen großen Aufstand draus. Dass Engels dann aber noch real nicht vorhandene Straßennamen verwendete wie "Fischergasse", "Alte Jakobsgasse" und eben "Grabenplatz", lässt einen norddeutschen Fischkopp allerdings die Stirn deutlich runzeln. Dass der reiche Geschäftsmann Flint in einem luxuriösen Bungalow auf großem Grundstück lebt, ist nachvollziehbar. Dass dieser jedoch (wie der Film behauptet) im feinen Villenviertel Harvestehude stehen soll, eher weniger, ist dies doch eben durch Luxus-Villen, häufig aus der Zeit des Jugendstils geprägt. Und so würde ich Flints Haus eher im elbfernen Bereich der Elbvororte vermuten.

Anyway, der Film setzt seinen Fokus auf die Polizeiarbeit, hier verkörpert durch den Hannoveraner Kommissar (Wolfgang Preiss) und seiner rechten Hand Wagenknecht (Wolfgang Wahl), die zum einen den Mord an Ella Peters (es wird nicht bei diesem Einen bleiben) aufklären müssen, zum anderen den verschwundenen Sohn der Ermordeten suchen müssen, der ohne Medikament nur noch eine Lebenserwartung von einer Woche hat, weshalb die Verbrecher darauf setzen, diesen einzigen Augenzeugen nach erfolgtem Kidnapping nicht aktiv um die Ecke bringen zu müssen - man muss sich halt nur etwas Zeit nehmen...

Nachdem der Film anfänglich etwas viel mit Moralin gestreckt wurde (Regisseur Erich Engels war bereits 1938 für den wohl ersten deutschen Autobahnkrimi verantwortlich - der von den Nazis als "staatspolitisch wertvoll" ausgezeichnet wurde...) und wir gar die damals achtjährige Elke Aberle ertragen müssen (sie wird nicht erschossen...), kommt der Film gut in Schwung und sorgt trotz des Studio-Mankos für gute Unterhaltung, in einzelnen Momenten wähnt man sich gar in einem Film noir. Zuviel Reeperbahn-Verruchtheit gibt es trotz eines Damenringkampfs (hey, Willi Bartels hat bereits 1951 Damenschlammcatchen oben ohne veranstaltet!) nun nicht, man kann halt nicht alles haben. Sehr befremdlich aus heutiger Sicht ist der besorgniserregend leichtfertige Umgang mit Radioaktivität, welcher eine wichtige Rolle bei der Lösung des Falles darstellt.

Befremdlich für jemanden, der in jungen Jahren im TV "Die Wichser Wicherts von nebenan" erleben musste, ist freilich auch, Maria Sebaldt als Reeperbahn-Ringerin zu erleben, die darauf besteht, als "Fräulein" angesprochen zu werden ("Warum soll ick denn Eenen unglücklich machen, wenn ick so ville glücklich machen kann?"). :shock: Gert Fröbe, der auf dem DVD-Cover groß herausgestellt wird, hat eigentlich nur eine Nebenrolle und verschwindet einfach so aus dem Film, macht hier seine Sache aber gut. Nach seiner Leistung in dem Reeperbahn-Film "Das Mädchen mit den Katzenaugen" bin ich davon nicht unbedingt ausgegangen... Am meisten beeindruckt war ich von Carl Lange in der Rolle des Unternehmers Flint.

Das der DVD beiliegende Booklet sollte man sich erst nach der Sichtung des Films vornehmen - es spoilert schon sehr. Auch das Kinoplakat verrät m.E. zuviel, weshalb ich darauf verzichtet habe, es einzubinden.

Ich finde es ja prinzipiell interessanter, Kriminalfälle im eigenen Land stattfinden zu lassen, während man bei der Wallace-Reihe und den folgenden Epigonen ja vorgab, in England unterwegs zu sein. "Grabenplatz 17" erweist sich als solider Krimi der späten 50er, dem man gerne ein Auge leihen darf. Ob Magnus Gäfgen den Film gekannt hat?


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 Post subject: Re: GRABENPLATZ 17 - Erich Engels
PostPosted: 30.07.2014 23:08 
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Für mich war der Film eine Neuentdeckung. Auf der einen Seite hat er einige durchaus interessante inszenatorische Einfälle zu bieten, auf der anderen Seite gleitet er etwas zu oft in reißerische "B-Film"-Manier ab. Bemerkenswert finde ich, dass der Film viele große Namen für sehr kleine Rollen zu bieten hat. Charles Regnier habe ich in der Aufmachung gar nicht erkannt, Ralf Wolter hat einen einzigen Satz als Ringrichter beim Damencatchen und wenn ich mich nicht täusche, hat auch der große Hans Korte einen Sekundenauftritt als Kellner. Günther Ungeheuer habe ich auch nicht bewusst wahrgenommen. Und auch die Rolle von Gert Fröbe, der großartig bösärtig agiert, hätte man etwas größer anlegen können. Der Name seiner Figur fällt irgendwann mal in einem Verhör, ohne dass der Zuschauer eigentlich weiß, um wen es sich da genau handelt. Trotz allem ist der Film spannend inszeniert und wartet mit schönen Locations und guter Kameraarbeit auf. Auch die Musik ist passend. Krimifreunde sollten ruhig einen Blick in dieses eher unbekannte Werk riskieren. Die Bildqualität der DVD von Filmjuwelen ist gut.


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 Post subject: Re: GRABENPLATZ 17 - Erich Engels
PostPosted: 25.03.2020 16:07 
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"Grabenplatz 17" (Deutschland 1958)
mit: Wolfgang Preiss, Kai Fischer, Carl Lange, Wolfgang Wahl, Elke Aberle, Werner Peters, Renate Küster, Stefan Haar, Maria Sebaldt, Gert Fröbe, Kurt Waitzmann, Franz Schafheitlin, Charles Regnier, Maria Litto, Carsta Löck u.a. | Drehbuch: Erich Engels und Wolf Neumeister | Regie: Erich Engels

Ella Peters wird von ihrem neunjährigen Sohn Michael, der an Leukämie leidet, tot aufgefunden. Die geschiedene Frau wurde ermordet. In seiner Panik läuft der Junge zu seiner Tante, wird dort jedoch von einer falschen Kriminalbeamtin abgeholt, da die Mörder glauben, einen wichtigen Augenzeugen ausschalten zu müssen. Kriminalkommissar Dr. Jäger trifft auf den Geschäftsmann Harald Flint, der ihm zunächst weiterhilft. Die Zeit arbeitet gegen die Polizei: Wenn Michael nicht innerhalb einer Woche ärztliche Behandlung erhält, muss er sterben....

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Die Entstehungszeit des Films begünstigte Projekte dieser Art, wollte man in Deutschland doch in Sachen Kriminalfilm endlich richtig loslegen und den angelsächsischen Kollegen zeigen, dass man es ebenso gut kann wie sie. Ein Jahr vor dem ersten Edgar-Wallace-Film der Rialto legte die Deutsche Film Hansa unter der Regie von Erich Engels einen soliden Reißer vor, der neben Action und Humor auch auf die Tränendrüse drückte und das Publikum nicht nur fesseln, sondern auch rühren wollte. So beginnt die Handlung mit dem verzweifelten Schluchzen eines Jungen und endet auch mit dem Weinen eines zum Waisen gewordenen Kindes. Dieser Stilgriff ist ungewöhnlich und beleuchtet den Kriminalfilm unter dem Aspekt des psychologischen Films, der sich eben nicht nur auf die Aktionen der Gangster beschränkt, sondern auch die tragischen Nebenwirkungen ihrer Verbrechen aufzeigt. Wolfgang Preiss unterscheidet sich als Kriminalkommissar von seinen Kollegen bereits durch seinen akademischen Titel, was ihm das Vertrauen seiner Umgebung sichert, weil dadurch suggeriert wird, dass er sich Gedanken macht und nicht den kürzesten Weg geht. Er behält das Ziel, den Jungen vor Ablauf der Frist zu finden, stets im Auge und agiert konsequent, wobei er den Amtsweg auch einmal verlässt, wenn er davon überzeugt ist, dass dies sein Handeln beschleunigt. Neben Preiss sehen wir mit Carl Lange einen Darsteller, der harte Männer zu seinem Markenzeichen werden ließ und der oft in der zweiten Reihe zu finden ist. Diesmal beherrscht er neben Wolfgang Preiss die Szenerie und verleiht ihr durch seine unverwechselbare Ausstrahlung den nötigen Tiefgang, wie der Blick auf weitere Darsteller deutlich macht.

Gert Fröbe ist hier nur der dritte Mann in der Hierarchie der Verbrecher, ein Status, der ihm schlecht zu Gesicht steht. Der gebürtige Zwickauer braucht die Bühne für sich allein; entweder glänzt er als brillanter Außenseiter, der grausam und überlegt handelt oder er schlägt sich auf Seiten der Guten als Chefermittler oder Sympathieträger. Werner Peters benötigt zum Funktionieren weniger Platz, ein solider Gauner genügt, um sein Spiel authentisch werden zu lassen. Kräftig aufgetragen wird dafür von Maria Sebaldt, die zusammen mit Kollegin Kai Fischer für erotisches Prickeln sorgen soll und in Lokalen mit so klingenden Namen wie "Schwarze Spinne" und "Blaue Maus" das Publikum in Stimmung bringt. Den dankbareren Part hat dabei eindeutig Kai Fischer erwischt; weder muss sie sich im Ring mit einer feisten Frau prügeln, noch schrieb ihr Erich Engels platte Dialoge ins Drehbuch. Fischer sieht nichts dabei, sich durch Wettgeschäfte oder andere Gaunereien zu bereichern, doch hört der Spaß für sie auf, wenn das Leben eines Kindes bedroht wird. Bemerkenswert an der Produktion ist der Umstand, dass die Täter mit Gefühlsregungen ausgestattet werden, die sie sich eigentlich nicht leisten können. So erleben wir Carl Lange als fürsorglichen Vater, der seiner Tochter alle Liebe und Aufmerksamkeit schenkt, die seine Zeit erlaubt, sowie eine Kai Fischer, deren Handlungen zwischen Vorsicht und Aufbegehren pendeln und die versucht, größeren Schaden von dem entführten Kind abzuhalten. Die Kinder sind die Schwachstellen der Bande; sie lassen die Nutznießer der Straftaten angreifbar werden und stellen somit ein Sicherheitsrisiko dar.

Sowohl das Mädchen, als auch der Junge sind Halbwaisen und werden als Pfand in einem gefährlichen Spiel eingesetzt. Kriminalkommissar Jäger bewegt sich auf einem schmalen Pfad, als er psychologischen Druck auf Harald Flint ausübt. Die Sängerin Isabelle, die keine Rücksicht auf Dienstvorschriften nehmen muss, balanciert aus eigener Rücksichtnahme auf einem dünnen Seil. Kai Fischer, der man aufgrund ihrer authentischen Ausstrahlung Vertrauen schenkt, gewinnt die Sympathie des Publikums. Da der Junge selten zu sehen ist, verkörpert sie die Angst um ihn. In ihren Worten und Blicken spiegelt sich die Gefahr, die dem Knaben droht und die letztendlich auch andere Menschen in Mitleidenschaft ziehen wird. In einer kleineren Rollen sieht man Charles Regnier mit Toupet, Schnurrbart und einem ungewohnten Akzent. Der Durchhänger im Mittelteil, der auch einen längeren Aufenthalt im Lokal "Schwarze Spinne" umfasst, wird durch das spannende Finale wettgemacht. Lobenswert sind hier neben dem temporeichen Nervenkitzel auch das bittere Ende, das ungeschönt und ohne falsche Romantik abläuft. Die dezent angedeutete Sympathie, die Renate Küster und Wolfgang Preiss füreinander hegen, lässt Raum für Spekulationen bezüglich des Schicksals der beiden Kinder, fügt dem Film jedoch keinen süßlichen Zuckerguss bei. Hier macht es sich bezahlt, dass die Produktion ohne ein bekanntes Schauspieler-Traumpaar auskommen muss und sich einem Tatsachenbericht verpflichtet fühlt.


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