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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER SCHWARZE SPIEGEL - Robert Siodmak
PostPosted: 26.03.2020 17:44 
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"Der schwarze Spiegel" (The Dark Mirror) (USA 1946)
mit: Olivia de Havilland, Lew Ayres, Thomas Mitchell, Charles Evans, Richard Long, Gary Owen, Lela Bliss, Lester Allen, William Halligan, Jean Andren u.a. | Drehbuch: Nunnally Johnson nach einer Geschichte von Vladimir Pozner | Regie: Robert Siodmak

Der Arzt Dr. Perada wurde ermordet und mehrere Zeugen wollen gesehen haben, wie die attraktive Theresa Collins kurz nach der Tat seine Wohnung verließ. Bei der ersten Befragung durch den Ermittler Ltd. Stevenson kann sie jedoch ein glaubwürdiges Alibi vorweisen, das von zuverlässigen Zeugen bestätigt wird. Dennoch hält der Kriminalist an seiner Meinung fest, dass Terry Collins den Mann im Streit getötet hat. Zu seiner Verblüffung muss er feststellen, dass die Tatverdächtige eine Zwillingsschwester namens Ruth hat und sieht sich nun mit der Unmöglichkeit konfrontiert, einen Haftbefehl gegen die Frau zu beantragen. Der Psychologe Dr. Scott Elliott, der die Schwestern kennt und auf dem Gebiet der Zwillingsforschung tätig ist, erklärt sich bereit, der Polizei zu helfen, indem er Psychogramme der beiden Schwestern erstellen und damit herausfinden will, welche den Mord begangen hat. Kein leichtes Unterfangen, das ihn selbst in tödliche Gefahr bringt....

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Der Plot erschien ursprünglich als Fortsetzung in der amerikanischen Frauenzeitschrift "Good Housekeeping" und spiegelt den Konflikt, in dem sich viele Frauen nach Beendigung der Kämpfe in Europa befanden: Der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück und erwartete in den meisten Fällen, dass sich seine Frau wieder in das alte gesellschaftliche Rollenbild fügte, nachdem die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Frauen während des Zweiten Weltkriegs noch offiziell propagiert und eingefordert wurden. Anhand der Schwestern Terry und Ruth werden die zwei Seelen aufgezeigt, die in vielen Frauen schlummerten und nun in einen Gewissenskonflikt gerieten, da sich Pflicht und Neigung nicht immer vertrugen und die einmal erlangte Freiheit nicht wieder kampflos aufgegeben werden wollte. Unter diesem Aspekt betrachtet, stellt "Der schwarze Spiegel" mehr als eine simple Geschichte über Gut und Böse dar, sondern reflektiert ein gesellschaftliches Problem, das weite Kreise ziehen und sich teilweise über Jahrzehnte hartnäckig halten sollte. Olivia de Havilland bringt beste Voraussetzungen für die schwierige Doppelrolle mit, schöpft sie neben ihrem schauspielerischen Talent doch auch aus Erfahrungen, die sie im Privatleben sammeln konnte. Ihre lebenslange Rivalität mit Schwester Joan Fontaine - die u.a. Olivias Verlobten Brian Aherne heiratete - war legendär und sorgte dafür, dass ständig Vergleiche zwischen den begabten Schauspielerinnen gezogen wurden. Konkurrenz zwischen Geschwistern ist also nichts, was der dunkelhaarigen Schauspielerin fremd wäre. Sie schafft es überzeugend, zwei unterschiedliche Frauen zu zeichnen, deren persönliche Charakterzüge zugunsten des Selbsterhalts vor der Öffentlichkeit zurücktreten müssen. Die Mordanklage, die über einer der beiden schwebt, nimmt auch die unschuldige andere in Geiselhaft. Wer das Versprechen des Schweigens und der Loyalität bricht, gefährdet nicht nur die Täterin, sondern auch sich selbst. Die latente Drohung des stärkeren Teils, die andere mit in den Abgrund zu reißen, vergiftet die Atmosphäre nach und nach und lässt keinen Raum mehr für ein ohnehin restriktives Eigenleben.

Die Doppelgängerin - Trösterin in einsamen Stunden und Verbündete gegen die Unbill des Lebens - zeigt hier die andere Seite der Medaille und offenbart die Schattenseiten, die mit der Aufgabe der Einzigartigkeit des Individuums einhergehen. Das klassische Dreieck ist im vorliegenden Fall umso problematischer, als eine Verwechslung tödliche Gefahr in sich birgt und einen zweiten Mord auslösen kann. Die Schizophrenie der Gleichbehandlung von Ungleichen äußert sich sehr anschaulich in den Analysesequenzen, die im amerikanischen Unterhaltungskino kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs populär waren. Nachdem sich die Menschheit eine gewaltige Niederlage eingestehen musste - sie hatte auf mehreren Ebenen folgenreich versagt - versuchte sie, durch das Ergründen seelischer Befindlichkeiten, Erklärungen und Rechtfertigungen bzw. Entschuldigungen zu finden. Freilich erscheint es bequemer, die Schuld in den Genen zu suchen, als Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Das Motiv des zerbrochenen Spiegels, der als Todessymbol für die Auslöschung eines Rivalen steht, weist auf eine gespaltene Persönlichkeit hin, deren verzerrte Wahrnehmung das Schöne und Gute bedroht. Der Glamour der Vierziger Jahre äußert sich in der selbstbewussten, freidenkenden Terry, die eine hohe Meinung von sich selbst hat, während ihre sanfte, trotz identischer Kleidung bieder wirkende Schwester Ruth die Erwartungshaltung an die (Haus-)Frau der mittelständischen Zivilgesellschaft verkörpert. Sie ist anpassungsfähig und bescheiden, leidet aber zunehmend an Stimmungsschwankungen. Überträgt sich hier Terrys Persönlichkeit auf die schwächere Schwester? Oder gibt es doch mehr Gemeinsamkeiten als man uns glauben machen will? Beängstigend sind jedenfalls nicht nur Terrys eiskalte Dominanz und ihr brillanter Geist, sondern auch die Diktion des Films, Abweichungen von der Norm als erstes Anzeichen eines sich anbahnenden Wahnsinns darzustellen. Das Publikum sympathisiert mit Ruth, aber bewundert es Terry nicht auch für ihren Nonkonformismus? Sind Aggressionen unnatürlich, Egoismus verwerflich und abstraktes Denken unerwünscht? Robert Siodmaks Lippen sind versiegelt - nun denke selbst, progressive(r) Zuschauer(in)!

Fazit: Ein spannender, kriminalistisch hochinteressanter Film, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Technisch ausgefeilt, genretypisch glamourös und darstellerisch perfekt, unterhält der Film auf hohem Niveau.


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