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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Der Bulle von Tölz - Der Tod auf Tournee (Walter Bannert, 1997) 6/10

Resis Ziehtochter Hanna ist Schauspielerin geworden, und kommt in dieser Eigenschaft auf ein Gastspiel nach Bad Tölz. Mal ganz abgesehen davon, dass Hanna in Strapsen und so quasi nackt, also zumindest so fast, also so splitterfasernackt, also vor allen Leuten und so, also diese Aufführung wird ein Skandal, also mal abgesehen davon ist die Freude groß. Aber auch nur kurz, denn eine Schauspielerin wird auf der Bühne erschossen – Die Platzpatronen waren gegen echte Patronen ausgetauscht. Und Benno muss in der eigenen Familie ermitteln.

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Ein etwas müder Anfang, so als ob das Drehbuch zu Beginn noch nicht gewusst hätte wo die Reise hingehen soll. Dazu des öfteren improvisiert wirkende Dialoge und die Figur des Robert Rieber, die als Gegenspieler zu Benno Berghammer aufgebaut wird, nur um dann nach der Hälfte der Laufzeit spurlos aus der Handlung zu verschwinden ... Solche Dinge wirken irgendwie fahrig und lieblos, und lassen wie gesagt vor allem das erste Drittel etwas im TV-Einerlei verschwinden. Dagegen spielt dann die Perlinger Sissi an, die als Hanna ein paar ausgesprochen denkwürdige Auftritte hat. Ihr umwerfender Monolog über das Dasein einer jungen und gutaussehenden Schauspielerin und ihrer, durch das Aussehen begrenzten, Möglichkeiten stand so sicher nicht im Drehbuch ("Sissi, Du hast 3 Minuten für einen Monolog: Mach was draus!"), reißt aber die Folge ungemein nach vorne. Überhaupt ist es dieses mal weniger der Benno der sich mit der Resi kabbeln muss, als vielmehr die Ziehtochter die weltmännisch und großstädtisch daherkommt, und der Resi erklären muss dass sie keine Kinder will, und dem Benno erklären muss dass ihr Freund vorbestraft und ihr das scheißegal ist. Diese Szenen bringen frischen Wind in das kleine Bad Tölz, und lassen die Startschwierigkeiten dieser Folge ein wenig in den Kulissen verschwinden. Keine weltbewegende Folge, aber dank der Perlinger Sissi und dem Gastauftritt von Herbert Fux auf jeden Fall eine Folge mit Erinnerungswert.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 12.02.2020 19:08 
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Killer Cop
La polizia ha le mani legate
Italien 1975
Regie: Luciano Ercoli
Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D'Adda, Paolo Poiret, Valeria D'Obici, Giuliana Rivera, Franco Moraldi, Elio Jotta, Enzo Fisichella


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Kommissar Rolandi ist in einem Hotel gerade auf der Spur eines Drogendealers, als in der Hotelhalle eine Bombe explodiert. Ein Anschlag, ausgeführt von unbekannten Extremisten. Viele Tote, das Foyer gleicht einem Schlachtfeld, und Rolandi ist völlig geschockt von diesem Ereignis. Als er seinem Freund, dem degradierten Polizisten Balsamo davon erzählt, meint der, dass er den Täter schon gestellt hatte. Dieser richtete aber eine Pistole auf ihn, und Balsamo ist halt, wie der Name schon sagt, eher der Sanften einer und ließ den Mann laufen. Der Generalstaatsanwalt Di Federico, ein humorloser und knallharter Hund, übernimmt die Ermittlung, stutzt Balsamo zurecht und verbittet sich jede Einmischung seitens Rolandi. Als Balsamo erschossen wird, fängt Rolandi auf eigene Faust das Ermitteln an, was Di Federico wiederum fuchsteufelswild macht. Das geht soweit, dass Rolandi als einer der Hauptverdächtigen gilt. Und solange Di Federico diese Haltung nicht aufgibt, so lange sind der Polizei die Hände gebunden.

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Es gibt Polizeifilme, und es gibt Polizeifilme. Die einen sind unterhaltsame Actionvehikel mit jeder Menge Keilereien, Verfolgungsjagden und wilden Schnäuzern. Andere Polizeifilme sind dann eher Politthriller, welche in erster Linie die Hilflosigkeit der Polizei gegenüber korrupten Vorgesetzten, kraftlosen Gesetzen und einer aggressiven Presse an den Pranger stellen. Und dann gibt es noch ein paar ganz wenige Exemplare, die sich sehr sorgfältig zwischen alle Stühle setzen, sich jeglicher Kategorisierung verweigern, und genau deswegen so erstklassig sind. Sergio Martinos DIE KILLERMAFIA ist so ein Hybrid, aber der KILLER COP ist noch ein paar Ecken besser: Ein spannender Polizeifilm mit einer mühsamen Ermittlungsarbeit voller Hindernisse. Rolandi muss gegen alles und jeden ermitteln: Sein Vorgesetzter darf nicht wissen was er da tut, der Staatsanwalt verbietet es ihm glatterdings, und Rolandi selber scheißt auf alles und jeden – und ermittelt ganz einfach. Diese exponierte Stellung, prinzipiell ein klassischer Bestandteil eines Polizotteschis, wird von Claudio Cassinelli feinfühlig und mit viel Gespür für die Person und die Situation gespielt. Mit Mario Adorf oder Maurizio Merli, von Fernando Di Leo oder Umberto Lenzi inszeniert, wäre der Film komplett anders ausgefallen. Aber sowas von komplett anders …

Luciano Ercoli aber hatte einen eigenen Stil. Genauso wie in seinen Gialli (etwa dem erstklassigen DEATH WALKS AT MIDNIGHT) sind bei ihm neben der spannenden Kriminalarbeit auch fein herausgearbeitete Psychogramme von Menschen unter Druck zu bewundern: Nieves Navarro in DEATH WALKS ON HIGH HEELS etwa, oder Dagmar Lassander in FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT. Oder, um wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen, Claudio Casinelli in KILLER COP. Und neben dieser psychologischen Komponente und einer sehr spannenden Handlung liefert Ercoli, so ganz nebenher, auch noch punktgenau treffende Aussagen in punkto öffentliche Meinung versus schweigende Mehrheit: Ein Schwenk durch die Straßenbahn präsentiert allgemeine politische Ansichten in Form von zeitunglesenden Passanten und ihren Kommentaren. Die einen sind dafür dass sie dagegen sind, die anderen sind dagegen dass sie dafür sind, und eigentlich ist alles beim Alten. Aber diese sich allmählich aufladende Stimmung in dem Straßenbahnwaggon, der Austausch nicht von Meinungen sondern von Parolen, der gibt dem Film viel Spannung an einer Stelle, wo man sie überhaupt nicht erwartet hätte. Wenn die Szene noch länger gegangen wäre, dann hätte man wahrscheinlich irgendwann einem Lynchmord am nächsten, zufällig daherkommenden, Langhaarigen beiwohnen können.
Als Schmankerl dann aber auch immer wieder humorige Momente, welche die düstere und beklemmende Stimmung auflockern, ohne aber den Druck aus der Geschichte zu nehmen, eine unterschwellige Botschaft (wenn man nämlich irgendwann die Befürchtung hegen muss, dass Kommissar Rolandi das Schicksal des Anarchisten Giuseppe Pinelli teilen wird und aus dem Fenster im vierten Stock des Mailänder Polizeipräsidiums flüchten “muss“) sowie klandestine Hintermänner.

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Überhaupt, die Politik und die Männer im Hintergrund. Ercoli klagt nicht laut und vernehmlich an wie Damiano Damiani, er zeigt kein klar erkennbares Muster wie etwa Francesco Rosi, und er übt auch nicht aggressive Kritik wie zum Beispiel Elio Petri. Nein, Ercoli geht geschickter vor, indem er die Hintergründe des Bombenanschlags genauso im Unklaren lässt wie die eigentlichen Auftraggeber und ihre Motive. Als Zuschauer wissen wir zwar, dass es da einen Colonnello gibt der Befehle an die Bombenleger erteilt, aber wer das eigentlich ist erfahren wir nicht, und Rolandi noch viel weniger. Geheimdienst? Staatsschutz? Pff, wenn interessiert’s? Die Toten bestimmt nicht … Gerade dieses Diffuse, diese Unschärfe, zeichnet KILLER COP gegenüber dem erwähnten DIE KILLERMAFIA aus, wo zumindest einer der höheren Chargen deutlich benannt wird. Rolandi nimmt für uns die Stelle eines unbeteiligten Beobachters ein, der genauso wenig erfährt wie der durchschnittliche Zeitungsleser das tut, und tatsächlich ist Rolandi ja auch nur zufällig am Ort der Explosion. Und beginnt die Ermittlung ebenfalls nur aus persönlichen Bewegründen, nicht weil er von Berufs wegen müsste. Ercoli stellt diese Unschärfe zum einen dar, indem er immer wieder optische Spielereien platziert, welche die Bildränder verschwimmen lassen. Damit werden Personen verschleiert und in eine Halbwelt getaucht, zu der ein einfacher Kommissar keinen Zugang hat. Die Grenzen Rolandis sind, genauso wie unsere alltäglichen Grenzen, eng gesteckt, narrativ und bildlich gesprochen.

Das andere Element der Unschärfe ist die Sehschwäche Ludovisis, die Ercoli breit ausspielt und zum entscheidenden Element erklärt. Franco Ludovisi ist Rolandis “Gegenstück“ bei den Terroristen. Das extrem kurzsichtige Moppelchen, das eigentlich nur dazu da ist Befehle entgegenzunehmen und die Bombe zu platzieren, reibt sich auf seine Art genauso an der Gesellschaft wie Rolandi es tut. Der eine liest halt Moby Dick und übt den zivilen Ungehorsam, der andere meint, dass er mit politischem Extremismus etwas ändern kann. Doch als Ludovisi merkt was er da eigentlich tut, regt sich sein Gewissen. Kein kaltschnäuziger Anarchist, kein menschenverachtender Faschist ist Ludovisi, sondern nur ein fehlgeleiteter Mensch, der zu spät zur Besinnung kommt. Ein Befehlsempfänger, der seinen eigenen Willen viel zu spät entdeckt. Wie viele von denen mag es im aufgeheizten politischen Klima im Italien der 70er-Jahre gegeben habe? Und nicht nur dort … Die eben nicht fanatisierte Halbirre waren, sondern irgendwann mal eine Entscheidung getroffen haben, die sich nachträglich als falsch erwies, und die dann anschließend 20 Jahre im Gefängnis saßen …
Auf jeden Fall ist Ludovisi auf seine Weise in einer zunehmend kälter werdenden Gesellschaft genauso menschlich geblieben wie Rolandi. Beide handeln in erster nach ihrem Gewissen, nur die Wege unterscheiden sich.

Es ist einfach sehr viel drin in diesem nicht wirklich reinen Polizeifilm. Viel Politik, viel Krimi, viel Verbrechen, viel Verzweiflung. Viel Menschlichkeit. Und es ist interessanterweise nicht der erste Poliziotto mit Claudio Casinelli, bei dem ich nicht genau weiß was ich sagen soll. Der sich mir beim Versuch der Beschreibung entzieht und stattdessen eine ganz bestimmte Stimmung vorgibt. Eine Mischung aus Realismus, Härte und Verzweiflung. Liegt das an Cassinelli? Der hat mitunter so traurige Augen, und seine Rollenwahl in den70ern hat ja öfters solche Rollen wie hier gezeitigt: Der nach außen harte Cop, der nach innen so viel Gefühl hat, dass er an seinem Job fast zerbricht. Aber eben nur fast, denn wenn es sein muss kann er auch ordentlich auf den Putz hauen. Trotzdem, der wesentliche Unterschied zu, sagen wir, den Charakteren die Maurizio Merli so überlebensgroß dargestellt hat, ist der: Die Cassinelli-Figuren sind intelligent, sie sind leise - Sie sind irgendwie wie Freunde, die man gerne hätte.

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8/10

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Sicario (Denis Villeneuve, 2015) 6/10

Die FBI-Agentin Macer wird einem Sondereinsatz zugeteilt: Matt und Alejandro sollen mit den Männern einer speziellen Spezialeinheit an der mexikanischen Grenze arbeiten, und Macer soll dabei lernen und gegebenenfalls auch ein wenig schießen. Mehrere Dinge lernt sie dabei ganz schnell: Die “Männer“ sind übriggebliebene Irak-Veteranen mit Rocker-Habitus. Matt ist ausgesprochen selbstbewusst und zieht seinen Auftrag auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht durch. Alejandro ist ein trauriger Einzelkämpfer, den ein düsteres Geheimnis umgibt. Und der erste Einsatz geht … Nach Mexiko. Wo das FBI ja eigentlich gar nicht arbeiten darf. Dort lernt Macer auch Matts Auftrag kennen: Unruhe stiften, auf die Pauke hauen, und dafür sorgen, dass das Kartell Manuel Diaz nach Mexiko schickt. An den kann man sich dann heften um den Boss aufzustöbern und umzulegen. Bloß, wenn die CIA mitspielt, und das tut sie in Form von Matt, dann lautet die nächste Frage automatisch: Ist das der wahre Auftrag? Oder gibt es hinter der Wahrheit unter Umständen noch eine andere Wahrheit? Und welche Rolle spielt Alejandro, der auf eine fast unheimliche Art immer dann zur Stelle ist, wenn man gerade einen Killer benötigt …

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Also prinzipiell ist SICARIO erstmal gut. Die Schauspieler geben ihr Bestes, die Musik (Jóhann Jóhannsson!) geht ernsthaft unter die Haut, die Bilder sind eine Wucht, die Handlung ist komplex genug um anspruchsvoll zu sein, und nicht zu komplex um das Interesse zu verlieren, und die Twists sind … Ok, wenn die CIA im Spiel ist sind echte Überraschungen rar, zumindest in Bezug auf abgrundtiefe Schlechtigkeit.

So weit die gute Nachricht. Die nicht so gute Nachricht: Der Film berührt nicht. Und ich weiß nicht so recht warum. Sind die Bilder vielleicht zu geleckt? Sind die “Guten“ zu unangreifbar und die Bösen zu gesichtslos? Emily Blunt spielt das harte Püppchen Macer mit Hang zur Schockstarre gut, aber ich habe ihre Rolle glaube ich einfach schon zu oft gesehen, um wirklich mitfiebern zu können. Nach dem Tod ihrer Kollegen macht sie nicht den Jason Statham, sondern glaubt weiterhin an das Gesetz, was zwar gut und wertvoll ist, aber die Figur zu etwas moralisch Einwandfreiem hochstilisiert. Etwas, wovon ein Weltverbesserer träumen mag, was aber die Anteilnahme des Zuschauers erschwert. Für die Identifikation ist mit Matt (Josh Brolin) der hemdsärmelige All American-Guy dabei und mit Alejandoro (Benicio Del Toro) der schwermütige Stille mit Hang zu Macer. Daniel Kaluuya spielt den Quotenneger, den Außenseiter, mit dem sich die Ausgestoßenen anfreunden können, und so hat jede mögliche Zuschauerregung ihre Bezugsfigur abbekommen. Chrakterisierungen vom Reißbrett, aber ohne wirkliche Tiefe.

SICARIO bietet so einiges an starken Szenen: Die Schießerei im Stau an der Grenze, der nächtliche Marsch durch die Wüste, der Kampf in der Wohnung, … Aber was verbindet diese Szenen? Ich meine nicht die Handlung, die ist stringent. Und ich meine auch nicht das durchgehende Action-Feuerwerk eines, sagen wir, TAKEN, das zwar fesselt, aber nicht anspricht. Nein, was ich vermisse ist einfach die gut(!) erzählte Geschichte. Zu dieser Kombination aus großartigen Bildern, stargespicktem Cast und wenig Inhalt fällt mir Ridley Scotts THE COUNSELOR ein, der exakt das gleiche Problem hat: Er ist leer. Er hat keinen Inhalt. Er bietet Schauwerte, ohne diese mit etwas zu füllen. Er erzählt umständlich und uninspiriert. Wenn Ridley Scott nicht bereits berühmt wäre, würde sich keine Sau für diesen Film interessieren. Und das ist bei Villeneuve genauso. Man steht nach dem Film auf und fragt sich, was man jetzt eigentlich gesehen hat. War da was? Genauso wie bei Büchern von Charlotte Roche …

Was im Fall von SICARIO doppelt schade ist, denn erst vor ein paar Wochen flimmerte PRISONERS über meinen Bildschirm, und da hat Villeneuve gezeigt dass er sehr wohl Inhalt auf die Leinwand zaubern kann. Dass er Figuren mit Tiefe und mit Charakterisierung durch eine erstklassig erzählte Story jagen kann, bei welcher der Zuschauer nicht merkt, dass sie 2 Stunden lang ist. SICARIO aber hatte eine sehr deutliche Dichte von Auf-die-Uhr-gucken-Momenten, und das ist bei mir niemals ein gutes Zeichen.

Als Unterhaltungsfilm passt SICARIO, weil er bei aller Kritik ein paar verdammt starke Momente zaubert. Und als Film mit Message taugt er nicht, da er uns nichts sagt was wir nicht schon wissen: Nord-Mexiko ist fest in der Hand der Drogenkartelle, und Frauen geben sich mitten im Job einem Mann hin, sind also schwach. Wir lernen, dass die CIA auch im Inland mitmischen darf. Und dies auch muss, weil sonst die Kartelle immer mehr Macht gewinnen. Wir erfahren, dass böse Drogenbosse liebe und gut erzogene Kinder haben. Und schlußendlich sehen wir, dass korrupte Cops nur in Mexiko existieren, niemals in den USA.

Ich muss aufhören, denn sonst schreib mich mir den Film schlechter als er eigentlich ist. Anders ausgedrückt: Vor ein paar Tagen gab es LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE, und dessen Klasse erreicht SICARIO in einzelnen Momenten durchaus, aber definitiv nicht in Summe. Keine vertane Lebenszeit, aber garantiert auch niemals eine Zweitsichtung …

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PostPosted: 18.02.2020 18:21 
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Die Kanonen von Navarone (J. Lee Thompson, 1961) 7/10

Die Ägäis, irgendwann im zweiten Weltkrieg. Eine griechische Insel, auf der 3000 britische Soldaten ihrem sicheren Tod entgegen sehen. Davor eine Meerenge, und diese Meerenge wird bewacht von zwei gigantischen, radargesteuerten Kanonen, die mit absoluter Sicherheit jedes Schiff versenken, das den Soldaten zu Hilfe kommen könnte. Major Mallory bekommt den Auftrag, mit einem Spezialkommando die Kanonen zu zerstören.

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Den Roman Die Kanonen von Navarone von Alistair McLean habe ich zweimal gelesen, so spannend ist der. Lange bevor bei McLean die alleskönnenden und dauertrinkenden Superhelden das Ruder übernahmen, sind hier Kriegsromantik und dreckiger Realismus perfekt miteinander vereint. Der Film, 2 Jahre nach dem Erscheinen des Buchs gedreht, hält sich ausgesprochen eng an die Vorlage. So eng, dass ich manchen meiner Vorstellungen beim Lesen plötzlich als Filmbild gegenüber saß. Diese Werktreue, eine gewisse Gigantomanie beim Drehen (67 Stunden Rohmaterial wurden aufgenommen, die Produktionskosten waren mit 6 Mio. Dollar dreimal so hoch wie ursprünglich angesetzt) und ein erstklassiger Cast, das ergibt in Summe hochspannende, dramatische und stringent erzählte Unterhaltung. Keine Blutbäder, keine ausgiebigen Brutalitäten (wenn der SS-Scharfführer Major Franklin foltert reicht es, dass er ihm den Pistolenknauf sanft auf das brandige Bein legt), kein Leerlauf, erstklassige Spezialeffekte, welche die gute Geschichte unterstützen, … Einfach ein guter Film. Nur Gregory Peck kommt mir persönlich ein wenig zu glatt rüber, da hätte ich lieber Richard Burton gesehen. Oder den ursprünglich vorgesehenen William Holden. Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.02.2020 14:42 
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Hatte ich den nicht schon mal? Wurscht, für gute Filme kann man immer Werbung machen :D

Agenten sterben einsam (Brian G. Hutton, 1968) 7/10

Im Jahr 1943 ist ein US-amerikanischer General, der alle Pläne der Invasion an der französischen Westküste kennt, in deutsche Hände gefallen. Ein Team britischer und US-amerikanischer Spezialisten soll ihn aus einer schwer bewachten Alpenfestung herausholen.

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Klar, Realismus geht anders, aber wer bei der filmischen Umsetzung eines Alistair McLean-Romans (bei dem der Meister selber das Drehbuch geschrieben hat) Realismus erwartet, der ist selber schuld. Die Deutschen sind böse und dumm, die Alliierten smart und unbesiegbar, die Alpen schwer verschneit, die Kugeln treffen nur Deutsche, und die Sprengladungen gehen immer dann hoch wenn es für das Team Eastwood/Burton gerade passt.
Aber der Spaßfaktor ist immens! Die Schauspieler, die Szenenbilder aus dem verschneiten Alpendorf (laut der DVD beiliegenden Doku in den Hochalpen gedreht, folgt man Wikipedia auf knapp 700 Meter Höhe inszeniert …), die sehr gelungenen Actionszenen und die ordentlichen Spezialeffekte – Zweieinhalb Stunden pures Vergnügen, insofern der Kopf ausgeschaltet wird. Für alle Fans altmodischer Kriegsunterhaltung ein Muss!

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Die rote Schlinge (Don Siegel, 1949) 6/10

Duke Halliday wird von Captain Vincent Blake verfolgt, weil er 300.000 Dollar gestohlen haben soll. Als Halliday in Vera Cruz vom Schiff gehen will wird er von Blake gestellt, kann aber mit dessen Brieftasche als Beute entkommen. Halliday hat eine Aufgabe: Er will seine Unschuld beweisen. In Wirklichkeit nämlich hat Jim Fiske das Geld geraubt, und Halliday war der Überfallene. Halliday lernt Joan Graham kennen, Fiskes Verlobte, der er (also Fiske) noch 2.000 Dollar schuldet. Er (also Halliday) gibt sich nun als Captain Blake aus und jagt hinter Fiske her, selber wiederum verfolgt vom echten Blake. Und die mexikanische Polizei in Form von Inspector Ortega schaut genüsslich zu, wie diese gottverdammten irren Gringos sich gegenseitig den Gar aus machen wollen. Denn Ortega ist klug. Er ist wie eine Katze, die warten kann, bis ihn die Maus zu einer anderen Maus führt. Zu der Maus, die hinter Fiske steckt.

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Weite, offene und sonnendurchglühte Landschaften. Mexikanische Rhythmen im Hintergrund, die leicht und beschwingt zu Dialogen aufspielen, die ich so ohne weiteres in jedem Tracy/Hepburn-Film verorten würde. Situationen die hochgradig abgedreht sind, und die mit unglaublichem Witz aufgelöst und in die nächste irrwitzige Situation überführt werden. Und immer wieder Robert Mitchum und Jane Greer, die hier so ganz anders als im Noir-Klassiker GOLDENES GIFT auftreten, nämlich erheblich lockerer und lustiger. Gelöst, und ständig kluge und sehr komische Kommentare auf den Lippen. Ein Noir? Nicht wirklich, höchstens für die kurze Zeit im Haus des Antiquitätenhändlers Seton, wenn die Schatten näher rücken und mit einem Mal der Tod im Zimmer steht. Aber abgesehen von einigen wenigen Spielereien mit der Kamera (etwa Hallidays Auftritt im Polizeipräsidium) eher ein Crossover zwischen Krimi und Screwball-Comedy. Eine Krimikomödie aus dem Jahre 1949 mit Dialogen, die auch heute noch zum Lachen bringen, und die teilweise ganz schön sexy sind.
Nicht ganz mein Geschmack, ich bin halt einfach kein Komödienmensch. Dafür aber absolut gelungen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 25.02.2020 22:52 
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Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

Das gleiche könnte ich in Bezug auf "Die rote Schlinge" schreiben. :)

Fiesta Noir trifft es sehr gut, wie ich finde. Ich liebe ihn.


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.02.2020 09:22 
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Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

10 von 10-Filme, das ist die Liga von ALIEN, von ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und von MILANO KALIBER 9. Das sind die Filme, wo ich über die komplette Laufzeit mit offener Kinnlade dasitze (Achtung Kopfkino ... :mrgreen: ). Der letzte 10-er war ATEMLOS VOR ANGST in der US-Fassung, und bei dem ging es mir genau so.

AGENTEN STERBEN EINSAM ist genial, aber in der Liga spielt er nicht mit.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.02.2020 09:28 
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ephedrino wrote:
Djabartana wrote:
Ouh "Agenten sterben einsam" da bekomme ich doch glatt Lust den zum ca. 10ten mal anzusehen :D
Ist einer meiner All-Time-Favorites und Ich finde es eine Frechheit von dir den nicht mit 10/10 zu bewerten ;)

Das gleiche könnte ich in Bezug auf "Die rote Schlinge" schreiben. :)

Fiesta Noir trifft es sehr gut, wie ich finde. Ich liebe ihn.

Fiesta Noir - ein schöner Ausdruck!! Trifft es wirklich hervorragend!

Aber bei Komödien bin ich sehr sehr eigen. Louis de Funès, Laurel & Hardy, Marx Brothers - und dann kommt lange lange Zeit nichts mehr. Höchstens noch EINS, ZWEI, DREI von Billy Wilder und ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN. Na ja, und dann halt noch die Sache mit der Erwartungshaltung: Nach GOLDENES GIFT, und mit dem tollen Cover der Koch-DVD, hatte ich was düsteres und spannendes erwartet, und da wurde ich ein wenig ... ich nenne es mal "enttäuscht".
Aber DIE ROTE SCHLINGE wird bei einer Zweitsichtung definitiv noch wachsen. Ein klasse Film, nur zur falschen Zeit geschaut ... :oops:

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 26.02.2020 22:01 
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"Atemlos vor Angst" habe ich noch vor mir. Ich hab mir die Blu-ray aus England geordert. Bin schon richtig gespannt drauf :D

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 28.02.2020 19:35 
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Bad Lieutenant 2 - Corrupt
Copkiller – L’assassino dei poliziotti
Italien / USA 1983
Regie: Roberto Faenza
Harvey Keitel, John Lydon, Nicole Garcia, Leonard Mann, Sylvia Sidney, Carla Romanelli, Nicola Cancellaro, Ettore Venturini, Antonio D’Acquisto, Benedetto Sestili, Giorgio Lucenti, Angelo Cecchetti


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Der Mann hat einen eigenartigen Lebensstil: Unter dem Namen Paul Stevens besitzt er eine Wohnung in der Nähe des Central Parks. Als Fred O‘Connor hat er ein Appartement in Brooklyn gemietet. Und von Beruf ist er Cop im Drogendezernat. Der Gedanke taucht auf, dass Fred der Cop Killer sein könnte, der als Polizist verkleidet Cops überfällt und sie ermordet. Aber möglicherweise er ist es auch nicht, denn eines Tages steht ein junger Mann vor seiner Tür, der sich Fred nennt, und der ebenfalls der Cop Killer sein könnte. Fred 2 ist sehr exaltiert, und es stellt sich schnell heraus, dass er selbst bei Gewaltanwendung nicht immer die Wahrheit sagt. Dass er in Wirklichkeit Leo Smith heißt, ein reicher Erbe ist der gerade vermisst wird, und nach dem eine Fahndung läuft. Klar wird er vermisst, denn er liegt ja gefesselt in Freds Badewanne. Einer von den beiden dürfte der Cop Killer sein – Fred? Oder Fred?

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Prinzipiell ist COP KILLER erstmal ein Psychothriller, der das Machtspiel zweier Männer zeigt. Und das wesentliche Element des Films ist der Einsatz von Licht und Schatten – Das Ergebnis allerdings auch …

Fred O’Connor lebt im Licht, seine Wohnung und sein Name sind bekannt. Aber als Paul lebt er im Schatten. Er teilt sich eine Wohnung mit seinem Kollegen Bob. Bob möchte die Wohnung verkaufen, aber Paul weigert sich. Er will seine Zuflucht nicht verlieren. Sein persönliches Reich. Wo er Riten frönt und so sein kann wie er will. Keine Fassade, keine Schauspielerei. Nur er selbst, im Bademantel mit einer Zigarre und einem Whisky positiver Musik lauschend. Kein Schmutz, kein Firlefanz. Nur nüchternes Wohlbefinden, fernab jeder dreckigen Realität …

Licht und Schatten. Leo Smith steht als Erbe eines großen Vermögens im Rampenlicht, und wenn er sich für ein paar Tage verabschieden will wird er sofort vermisst und nach ihm gefahndet. Als Fred lebt er im Schatten. Er beobachtet Fred/Paul nach eigener Aussage seit 6 Monaten - offensichtlich ist Fred der wahre Leo. Derjenige mit den Obsessionen die er ausleben will. Auch wenn er zum Ende hin meint, dass er genug hat und wieder zurück will in sein wahres Leben, so zeigt der Blick doch etwas anderes. Das Funkeln in den gefährlichen Augen, der Blick eines … Psychopathen? Eines Polizistenmörders? Oder vielleicht auch nur der eines obsessiven Menschen, der sich in den Schatten wohl fühlt?

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Licht und Schatten. Die Wohnung, in der Fred/Paul (fortan Fred genannt) und Leo/Fred (ab jetzt Leo genannt) aufeinandertreffen, ist kahl. Es hat wenige Einrichtungsgegenstände: Ein Sofa, eine Stereoanlage, ein Kühlschrank. Lichtinseln erhellen Ecken der großen und geräumigen Wohnung, aber vieles bleibt im Zwielicht oder gleich im Dunklen. Im Schatten. Auch das Duell zwischen den beiden, das in diesen Räumen stattfindet, ist ein Duell zwischen Licht und Schatten. Fred hält den gefesselten Leo im weißen Badezimmer gefangen. Alles ist voller Licht, es ist grell, und Leo kann nicht in die Dunkelheit, und damit in sein Element, in sein eigenes Reich der Schatten, entkommen. Später, wenn Leo bei Fred wohnt, dann ist es dämmerig. Leo sitzt im Dunklen in der Küche und liest Zeitung, während Fred sehr bestimmt dem Abgrund entgegen taumelt. In die Schatten geht. Leo sitzt im dunklen Wohnzimmer und spielt ein Videospiel, bei dem er beweist wie zielsicher er Dinge treffen und sie zerstören kann. Ein Spiel, welches er nicht nur am Fernseher, sondern auch in der Psychologie vortrefflich beherrscht, denn er ist es, der Fred mit traumwandlerischer Sicherheit in die Hölle schickt. Und spätestens das Showdown findet im Schwarzen statt. In einem großen und leeren Raum, in dem nur die Dunkelheit greifbar ist, während außenrum die Zeit stehenzubleiben scheint.

Der Gegenentwurf zu Freds dunklem Reich ist Lenores Wohnung. Zwar chaotisch, aber gemütlich. Und vor allem hell. Es gibt keine Möglichkeiten sich zu verstecken und ein falsches Spiel zu spielen, was Lenore, die Freundin von Bob, aber auch gar nicht braucht. Sie ist die bürgerliche Kehrseite zum undergroundigen Fred, weswegen dieser sich in Lenores Wohnung auch sichtlich unwohl fühlt. Er sitzt bei ihr auf dem Sofa, trinkt seinen Whisky, und unbehaglicht vor sich hin. Ihm fehlt die Rückzugsmöglichkeit seines Appartements, die Schatten in denen er sich verkriechen kann.

Ich glaube, Fred wäre gerne unsichtbar. In Leo hat er seinen Gegenentwurf gefunden. Das Gegenstück, das ihn erst komplettiert. So wie Raman in dem indischen Alptraum-Thriller PSYCHO RAMAN sein Gegenstück in Raghavan gefunden hat. Er sich erst dann komplett fühlt, wenn er sein eigenes verkommenes Leben dem anderen übergestülpt und beide Teile zu einem Ganzen verschweißt hat. Leo und Fred sind wie zwei Enden des selben Stücks. Wie die zwei Klingen eines Schwertes, das rücksichtslos alles zerstört was es trifft. Und die nicht ohne einander sein können, auch wenn sie sich gegenseitig eigentlich zum Kotzen finden. Aber leben ohne den anderen, das geht einfach nicht mehr. Was auch zur Frage der homoerotischen Komponente führt. Immerhin liegt Leo nur mit Unterhose bekleidet in Freds Badewanne. Und Leo kehrt freiwillig zurück zu Fred, wenngleich er ab diesem Zeitpunkt auch als bestimmender Part der Beziehung in Erscheinung tritt. Leo verbringt den Tag im Bademantel mit Zeitung und Videospiel, während Paul, der bis dahin so stark und autark wirkte, sich dem selbstsicheren und beherrschenden Leo unterwirft und allmählich vor die Hunde geht.

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Licht und Schatten. Als böser Psychothriller funktioniert COP KILLER schon recht gut, aber während des Ansehens habe ich mich auch öfters nach dem Sinn des Films gefragt. Vielleicht sollte man das nicht tun, bei zum Beispiel DJANGO mache ich das schließlich auch nicht. Aber es ist schon interessant, dass die Frage mehrmals hochkam, was mir selbst bei wirklich eigenartigen Filmen normalerweise nicht passiert. Trotzdem ist COP KILLER ein Erlebnis, und sei es schon nur wegen der Schauspieler. John Lydon, von Haus aus Kopf und Sänger der Band Public Image Ltd., hat die Augen und die Ausstrahlung eines Psychopathen, und sein Schauspiel ist manisch und eindringlich. So schade, dass der Mann diese Karriere nicht weiter verfolgt hat. Harvey Keitel als bürgerlich-nichtbürgerlicher Fred ist der perfekte Konterpart zum anarchistischen John Lydon. Seine ganze Erscheinung spiegelt Solidität vor, soll Vertrauen erwecken, während er im Inneren das genaue Gegenteil ist - Ein Mensch voller Schatten, wohingegen der flippige Leo vor allem zu Beginn aussieht, wie ein Spät-70er-Postpunk nun mal aussieht, und sein Innenleben dabei tatsächlich so dermaßen geordnet und fokussiert auf die eine Aufgabe ist (die ich jetzt aber nicht spoilere …). Im Originalton kommt noch das Schmankerl dazu, dass der “biedere“ Fred ziemlich nuschelt, während der “abgedrehte“ Leo mit seinem deutlichen englischen Akzent sehr klar und sauber spricht. An der Sprache wird also die wahre Natur der Protagonisten deutlich …

Letzten Endes ist der Film hochgradig polarisierend: Bei seinem Erscheinen war es die Gewaltdarstellung, die bei Kritik und Publikum sehr zwiespältige Reaktionen auslöste, und fast 40 Jahre später ist es die eigenartige Geschichte mit den noch eigenartigeren Charakteren. COP KILLER ist auf jeden Fall ein Erlebnis, wenngleich aber ein verschlüsseltes und kompliziertes welches …

Die bislang einzige deutschsprachige digitale Veröffentlichung ist bei einem Label namens Mr. Banker Film erscheinen. Das Bild ist letterboxed, sehr dunkel, oft etwas unscharf, und die Version läuft 101 Minuten. Was viel scheint, denn die originale deutsche Kinofassung hatte 98 Minuten an Bord. Laut der italienischen Wikipedia müssten es 117 Minuten sein, und RottenTomatoes meldet 113 Minuten. Es würde mich brennend interessieren was in dieser verschwundenen(?) Viertelstunde enthalten ist, denn die Seite von schnittbericht.com meldet dazu rein gar nichts. Richie Pistilli war so überaus freudlich, bei italo-Cinema.de noch einige Fassungen mehr aufzulisten:

Richie Pistilli wrote:
Laut einigen Beiträgen auf *** The link is only visible for members, go to login. *** soll die italienische TV-Fassung (Rai) eine Laufzeit von 108 Minuten aufweisen, wohingegen die Fassung auf der italienische DVD von 'Medusa' 104 Minuten lang sein soll. Auf *** The link is only visible for members, go to login. *** wird wiederum (versehentlich?) die deutsche Kinofassung mit einer Laufzeit von 117 Minuten angegeben, wogegen die Angabe auf *** The link is only visible for members, go to login. *** 107 Minuten besagt. Zu allem Überdruss scheint dann auch noch eine auf 90 Minuten heruntergekürzte (deutsche) Kinofassung zu existieren.

Somit stehen alleine im deutschsprachigen Raum fünf verschiedene Schnittfassung zur Verfügung: Kino ( 107 Minuten und 90 Minuten) - DVD (101 Minuten) - VHS (92 Minuten) - TV (86 Minuten). Abschließend sei auch noch auf die französische Schnittfassung hingewiesen, die laut *** The link is only visible for members, go to login. *** eine Laufzeit von 114 Minuten aufweist.

Was für ein unfassbares Fassungswirrwarr...

Vielen Dank dafür! :hutheben:

Seit seiner Veröffentlichung 1983 ist der Film mittlerweile als Public Domain verfügbar. Allerdings scheinen die meisten der im Umlauf befindlichen Kopien Rips der VHS von Thorn EMI Screen Entertainment zu sein, die Mitte der 80er erschien. Eine offizielle Ausgabe scheint es genausowenig zu geben wie eine definitive Lauflänge. Ein paar Vermutungen auf die Kürzungen der deutschen(?) Fassung können aber gemacht werden. So prügelt Fred in der Küche zwar kurz auf Leo ein, wenn aber Leo in der nächsten Szene in der Badewanne liegt, hat er ein paar ernsthafte Blessuren im Gesicht. Da scheint wohl einiges an Gewalt zu fehlen. Plus, John Lydons Band Public Image Ltd. hat die Musik zu COPKILLER aufgenommen, inklusive eines Songs mit dem Namen The order of death, der sich auf den Titel der Buchvorlage bezieht. Laut der englischen Wikipedia taucht dieses Stück im Film auf, aber irgendwie kann ich mich da gerade so gar nicht dran erinnern. Also habe ich mir den Luxus erlaubt, mir neben der deutschen Veröffentlichung noch eines der vielen US-Bootlegs zu besorgen. Eines mit der Laufzeitangabe von 113 Minuten. Ergebnis: Das Teil läuft 93 Minuten, also deutlich kürzer als selbst die deutsche Kinofassung, das Musikstück taucht ebenfalls nicht auf, und von zusätzlichen Gewaltszenen ist ebenfalls nicht zu sehen. Oder war die Szene an der Mikrowelle nicht vielleicht doch ein klein wenig länger? Sollte jemand eine Version in seinem Besitz haben, die tatsächlich 113 Minuten läuft, darf er mich gerne kontaktieren. Bis dahin behaupte ich mal, dass so eine Version nicht zu existieren scheint. Vielleicht in den Schatten, sicher aber nicht im Licht …

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7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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3 Tage in Quiberon (Emily Atef, 2018) 6/10

1981 macht Romy Schneider eine Entgiftungskur an der Atlantikküste, im Nobelkurort Quiberon. Dort gewährt sie dem deutschen Journalisten Michael Jürgs ein Interview, auf Bitten ihres langjährigen Freundes Robert Lebeck, der als Fotograf ebenfalls dabei ist. Die vierte im Bunde ist Romys Sandkastenfreundin Hilde, die aus Wien angereist ist, um eine schöne Zeit zu erleben. Und statt Strandspaziergängen mit Romy ansehen muss, wie ein deutscher Reporter wieder mal nach Sissi fragt, und nach der Verantwortung einer niemals anwesenden Mutter …

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Romy Schneider. Leinwandgöttin. Traumfrau. Idol einer ganzen Generation. Unglückliche Mutter und einsame Ehefrau. Größter weiblicher Star Europas in den 60ern und 70ern. In meiner Generation hat Romy Schneider ein ganzes Filmliebhaberleben geprägt, und die Liebe zu Romy wird auch den Rest meines Lebens nicht versiegen.
Marie Bäumer gibt Romy Schneider ein Gesicht. Eine Stimme. Sie gibt ihr das Lachen einer lebenshungrigen Frau und die Einsamkeit einer verzweifelten Mutter. Sie lässt Romys Augen glitzern und leblos werden, sie gibt Romy ein Leben. Marie Bäumer IST Romy Schneider. Die Performance ist unglaublich, nicht nur wegen der Ähnlichkeit. Die Art zu sprechen, sich zu bewegen, das Lächeln. Ich weiß nicht sicher, ob das Standbild, das den Film beschließt, die Schauspielerin oder die Schauspielerin zeigt.

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Ist das nicht egal?

3 TAGE IN QUIBERON ist als Film sicher nicht der große Hit. Zu viel Nichtssagendes ist dabei, zu viel Unnötiges wird gezeigt, und die Leere in Romy Schneiders Leben ist geradezu mit Händen greifbar, auch wenn man das eigentlich gar nicht sehen möchte. Aber Marie Bäumer ist eine Wucht, und ihr zuzuschauen ist keine einzige Sekunde langweilig. Allein diese Performance ist es wert, sich den Film anzuschauen. Zu sehen, wie Romy Schneider auf dem Bildschirm präsent wird, als ob sie in einem Film mitspielt, den sie niemals gedreht hat. Beängstigend. Und beeindruckend.

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Tatort: Die Nacht gehört Dir (Max Färberböck, 2020) 4/10

Die erfolgreiche Immobilienmaklerin Barbara Springer wird am Tag nach ihrem Geburtstag tot aufgefunden. Todesursache: 2 Stiche mit einem Sushimesser. Recht schnell bekommen die beiden Kommissare Ringelhahn und Voss heraus, dass die integere, beliebte, menschenscheue und freigiebige Luxusdame sich schon seit Jahren erfolgreich in Dating-Portalen rumgetrieben hat. Vor einem halben Jahr allerdings war abrupt Schluss damit, und den Geburtstag hat sie ausgerechnet mit ihrer Kollegin verbracht. Könnte Eifersucht das Motiv gewesen sein? Oder steckt da vielleicht noch mehr dahinter?

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Als fast-gebürtiger Nürnberger habe ich mir die Folge eigentlich nur wegen der alten Mehr-oder-weniger-Heimat angeschaut. Entsprechend waren meine persönlichen Highlights die beiden Assis Fleischer und Schatz, die in breitestem Fränkisch immer wieder Stimmung erzeugten. Aber der Rest, also alles was mit dem Kriminalfall zu tun hatte, war eher dröge. Ein mühsam konstruiertes Drama mit mühsam konstruierten Zusammenhängen und mühsam konstruierten Figuren, die kaum Realitätsnähe hatten und einer wie der andere unsympathisch waren. Auch bei den beiden Kriminalhauptkommissaren hielt sich meine Zuneigung in Grenzen – Dagmar Manzel kam mir mit ihrer melancholischen Art im Lauf der Folge durchaus immer näher, während Fabian Hinrichs als alerter Nordfriese eher fremd blieb. Aber dann doch nicht so fremd, als dass er wie ein Fremdkörper in der fränkischen Gemütlichkeit gewirkt, und somit zu skurrilen oder merkwürdigen Situationen beigetragen hätte. Nein, der Fall an sich war nichts Besonderes, die Ermittler ebenfalls nicht, und nur die Ansichten der Städte Nürnberg und Fürth, sowie die Verwendung des traumhaft schönen Keep the streets empty for me von Fever Ray haben für Zustimmung und gegen Schlaf geholfen. Mühsame Durchschnittsfernsehware …

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Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding (Peter Thorwarth, 1999) 7/10

In den letzten Jahren hat der Kiffer Keek gut gelebt, und eine Menge Geld auf der Rennbahn verprasst. Dumm nur, dass das gar nicht sein Geld war, sondern das von Kalle Grabowski. Grabowski sitzt, aber nachdem er mitbekommen hat, dass der Typ vom Videoladen seine Alte bumst, macht Grabowski die Fliege und will von Keek die Kohle zurück haben. Aber flott! Da passt es gerade recht gut, dass der Spediteur Kampmann seinen Angestellten Schlucke damit beauftragt, bei ihm selber einzubrechen, wegen der Versicherung und so, und Schlucke nichts Besseres zu tun hat als das allen möglichen Leuten zu erzählen was er da für ein Riesending ausbaldowert hat. So erfahren es eben auch Keek und sein Kumpel Andi. Am Ende des Einbruchs allerdings ist Schlucke tot, Keek hat einen Daumen weniger, und Grabowski hat sein Geld immer noch nicht, dafür aber mächtig schlechte Laune …

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PULP FICTON im Ruhrpott, SNATCH in Unna, und unglaublich viel Spaß für den Zuschauer. Kleine Episoden, die mit vielen schrägen Charakteren zu einem großen und stimmigen Ganzen zusammengefügt werden. Mein Favorit ist Martin Semmelrogge als abgewirtschafteter und heruntergekommener Schlucke. Was Semmelrogge aus dieser Rolle rausholt ist wahrlich oscar-würdig! Knapp gefolgt von Diether Krebs als Kampmann: Spediteur, Vorsitzender des örtlichen Fußballvereins, und einfach nur ein mieses und fettes Schwein, dem Krebs in seiner letzten Rolle eine unglaubliche Präsenz gibt. Was für ein Schauspieler! Die Gastauftritte von Ingolf Lück als Porno-Regisseur und Til Schweiger als Rastafußballer sind absolute Höhepunkte in einem Film, der sich sowieso ziemlich gekonnt von Höhepunkt zu Höhepunkt schwingt. Hier passt fast alles (soll heißen, dass die Musik nicht ganz meines war. Falsche Generation …). Großes Ruhrpottkino, und die beiden Nachfolger sind schnurstracks auf meine Wunschliste gewandert, was als ganz großes Kompliment gewertet werden kann.

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… denn zum Küssen sind sie da (Gary Fleder, 1997) 8/10

In North Carolina verschwinden schon seit längerer Zeit schöne, junge Mädchen. Eine davon ist die Nichte des New Yorker Polizeipsychologen Alex Cross, der vor Ort versucht mitzuhelfen, die Mädchen wiederzufinden. Sowohl Cross wie auch die örtliche Polizei tappen hilflos im Dunkeln, bis die junge Ärztin Kate wie durch ein Wunder dem Psychopathen entkommen kann. Alex Cross und Kate lernen, dass der Mörder sich selbst Casanova nennt, dass er sehr grausam ist und mit Drogen arbeitet, und sie lernen auch, dass die anderen Mädchen alle noch leben. Eine erste, vorsichtige Spur, aber die führt nicht nur in die tiefen Wälder North Carolinas, sondern gleichzeitig auch noch nach Los Angeles. Es scheint, als ob Casanova an zwei Orten gleichzeitig mordet …

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Mir ist schon klar, dass KISS THE GIRLS die ein oder andere Schwachstelle hat. Dass er es mit der Logik nicht immer so ganz genau nimmt, und das sogar das Showdown eine ziemliche Schwachstelle hat. Aber der Film bietet noch etwas: Pure, atemlose Spannung! KISS THE GIRLS legt von vornherein ein gnadenloses Tempo vor, und kann das bis auf wenige Momente auch sehr gut halten. Die Schnitte zwischen den einzelnen Szenen sind großzügig und animieren zum selbständigen Denken, und die Atmosphäre, die zwischen der verzweifelten Polizei, dem Verlies mit den gequälten Mädchen und der toughen Kate pendelt, ist hochgradig druckvoll und dunkel. Nicht düster, KISS THE GIRLS ist kein zweiter SIEBEN. Aber so richtig Freude kommt trotz reichlichen Sonnenscheins nie auf, alle Menschen scheinen permanent in Angst zu leben. Die dadurch entstehende Stimmung überträgt sich ganz schnell auf den Zuschauer und setzt ihn ebenfalls unter Druck. Das ist es, was ich mit Dunkel meine. Menschen in Angst. Menschen am Rande ihrer Aufnahmefähigkeit. Menschen, die unter dem ihnen auferlegten Druck fast zerbrechen. Und den Zuschauer dabei mitnehmen auf eine Reise durch die Hölle.

Beeindruckend!

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PostPosted: 14.03.2020 08:42 
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Geißel des Fleisches
Geißel des Fleisches
Österreich 1965
Regie: Eddy Saller
Herbert Fux, Hermann Laforet, Hanns Obonya, Peter Janisch, Josef Loibl, Thomas Hörbiger, Hans Baldauf, Johannes Ferigo, Richard H. Lenau, Rudi Schippel, Edith Leyrer, Ingrid Malinka


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Der Barpianist Alexander Jablonsky steht vor Gericht. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, mehrere Frauen bestialisch ermordet zu haben, der Verteidiger erklärt dies mit der schweren Kindheit und dem Hass der Mutter wegen Jablonskys abstoßendem Äußeren. In Folge begleiten wir Jablonsky ein Stückchen seines Weges: Der grausame Mord an einer Balletttänzerin unter der Dusche, der Tod eines Unterwäschemodels, das Sterben einer lüsternen Anhalterin … Doch die Polizei hat eine heiße Spur, und mit Hilfe der Kriminalassistentin Marianne wird dem Unhold in der Playboy-Bar eine Falle gestellt. Dumm nur, dass Jablonsky gar nicht auf Marianne scharf ist, sondern auf die vor Erotik nur so strotzende Marion, die sich nackt auf seinem Klavier räkelt. Doch Marianne ist mir ihrem Latein noch nicht am Ende.

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Verruchte Damen, dümmliche Polizisten, schmierige Barbesitzer, ein hilfloser Kommissar, und natürlich er: Herbert Fux, der Herr über Leben und Tod, der wahre Herrscher der Wiener Nachtwelt.

Und so ziehen wir gemeinsam mit Jablonsky und seinem Mordtrieb durch die sündige Meile Wiens, durch eine Nacht voller nackter und aufreizender Damen, und vor allem durch eine Welt, in der moderne Frauen keine Scham mehr empfinden und die Röcke deutlich oberhalb der Knie enden. Eine Welt, in der die Frau offensiv auf Männerfang ist, und keine Scheu an den Tag legt, den Herrn der Schöpfung zu umgarnen und zu becircen. So zumindest legt es uns die Einführung in den Film dar. Und mittendrin der arme Jablonsky, den niemand jemals lieb hatte, und der seine Einsamkeit mit psychopathischen Hass und grausamen Gewalttaten zu bekämpfen versucht. Eine wunderbare Reise durch Stripschuppen, Kellerbars und Cafés, in denen junge Dinger Unterwäscheshows vor betagten Frauen(!) abhalten, und der Klavierspieler vor lauter Trieb gar nicht mehr weiß wo er noch hinschauen soll.

Die Schwarzweißfotografie ist vom Feinsten, und erinnert oft an den klassischen Noir-Film, nämlich wenn die Morde durch Schattenwürfe eines schleichenden Mannes angekündigt werden, was Stimmung und Spannung in diesen Momenten in ziemliche Höhen schraubt. Der einzige wirkliche Wermutstropfen ist die Synchro. Dass die Schauspieler alle hochdeutsch gedubbt wurden mag GEISSEL DES FLEISCHES vielleicht einiges von seinem Schmier nehmen, aber das Flair des Verruchten und Geheimnisvollen geht leider verloren. Wie mag der Film wohl im originalen Wiener Schmäh wirken? Trotzdem ist der Streifen eine gekonnte Gratwanderung zwischen einem frühen Exploiter und einem ernsthaften Drama, zwischen einer wilden Kolportage und dem Psychogramm einer gequälten Seele.

Irgendwo ist es schade dass Saller sich nicht so recht entscheiden konnte, in welche Richtung GEISSEL denn nun gehen sollte. Konnte, oder wollte? Denn auf der anderen Seite entsteht genau dadurch dieses besondere Spannungsfeld. Während die Eröffnungssequenz noch wie ein Vorgriff auf die späteren Report-Filme wirkt, und auch die folgenden Tanz- und Duschszenen schwer in die Richtung des Bahnhofskinos zeigen, sind die Morde eher düster und mit einer gesunden Härte dargestellt. Auch die Rahmenhandlung in Form der Gerichtsverhandlung mit den Rededuellen zwischen Staats- und Rechtsanwalt deutet eher auf eine klassisch-biedere Kriminalhandlung denn auf das Ausschlachten nackter und nackterer Tatsachen. Mit fortschreitender Laufzeit wird der Film dann immer finsterer, und hätte mit einer anderen Inszenierung auch problemlos als ernsthafter Großstadtkrimi durchgehen können. Was ich mit anderer Inszenierung meine? Damit meine ich, dass ein Film wie etwa SCHRITTE IN DER NACHT die Besessenheit seines Protagonisten ganz anders darstellt. Intensiver, obsessiver, düsterer – eben ernsthafter. Bei GEISSEL schwingt oft so ein Augenzwinkern mit, eine Leichtigkeit, die den Film krampfhaft aus dem Bahnhofskino heraushalten und in die großen Kinos hineinbringen sollte. So scheint es zumindest, aber genau diese Unentschlossenheit ist es, die wie gesagt GEISSEL dieses Besondere gibt. Wenn es jemals einen schmierigen Exploiter innerhalb der klassischen Edgar Wallace-Reihe gegeben hätte, dann würde er aussehen wie GEISSEL DES FLEISCHES …

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7/10

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PostPosted: 18.03.2020 07:32 
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Der Stern von Afrika
Der Stern von Afrika
Deutschland/Spanien 1957
Regie: Alfred Weidenmann
Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt, Carl Lange, Werner Bruhns, Alexander Kerst, Albert Hehn, Johannes Grossmann, Gisela von Collande, Arno Paulsen


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Jochen Marseille, ein wahrer deutscher Held. 158 Abschüsse feindlicher Flugzeuge in 388 Einsätzen. Auszeichnungen bis hin zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern (vom Führer persönlich verliehen, jawoll!) Und dabei eigentlich doch nur ein flugbegeisterter junger Mensch mit einem Hang zu Marianne Koch. DER STERN VON AFRIKA zeichnet das Leben des historischen Jochen Marseille nach: Disziplinarische Probleme in der Ausbildung, die ersten Einsätze über dem Ärmelkanal, die Karriere im Krieg in Afrika, und schlußendlich seinen Tod.

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Klingt heroisch, ist heroisch. DER STERN VON AFRIKA ist beileibe kein Propagandafilm aus den 40er-Jahren, aber mal abgesehen von so einigen nachdenklichen Stellen wird uns hier der Krieg als großes Jungenabenteuer verkauft, in dem Orden und Freunde zu gewinnen sind, und als ganz besondere Auszeichnung der Heldentod lächelt.

Nein, ganz so schlimm ist es nun nicht. Die damalige Kritik, welche die 1957 soeben stattgefundene Wiederbewaffnung freudig in die vernichtenden Kritiken mit einbezog, lag mit solchen Aussagen zwar nicht völlig daneben, übersah dabei aber, dass der Tod eben gerade nicht als Ideal dargestellt wird. Dafür hat es zu viel Nachdenklichkeit, zu viel Düsternis, auch im oft recht platt gezeichneten Helden selber (Frage: „Was erwartest Du vom Leben?“ Antwort von Marseille: „Fliegen und Abschießen!“). Auch das Ende des Films, welches den Zuschauer mit seinen Gefühlen ziemlich alleine lässt, macht deutlich, dass Krieg in den meisten Fällen mit dem Tod endet, und darum prinzipiell erstmal nichts Gutes ist. Joachim Hansen schafft es in seiner ersten Filmrolle recht gut, den Überschwang der Jugend und die Begeisterung für das Fliegen in Einklang zu bringen mit der aufkommenden Fassungslosigkeit und den Zweifeln. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die im Trailer großsprecherisch beworbenen Luftkämpfe eben gerade nicht zu sehen sind. Die Action findet im Off statt, was meiner eigenen Einleitung vom Krieg als Abenteuer dann doch ein wenig widerspricht, und als großer Pluspunkt des Films gesehen werden muss. Trotz einer martialischen Grundausrichtung bleibt STERN im Kern ein Melodram mit vielen leiseren Tönen. Die dann allerdings leider oft eher stereotyp rüberkommen: Die ängstlichen Eltern, der zweifelnde Jugendfreund, die leidende Geliebte, der kriegsmüde Hauptmann. Und was definitiv stört sind so die kleinen Momente: Dass die Männer im Führerhauptquartier eigentlich ganz patente Kerle sind, dass Schwarze gute Tänzer und begeistert-servile Diener sind, …
Als Marseille als frischgebackener Ritterkreuzträger vor seiner alten Schule spricht, war ich sehr gespannt ob Weidenmann sich traut, die adäquate Szene aus Lewis Milestones IM WESTEN NICHTS NEUES zu kopieren, in der Lew Ayres vor den kriegsbegeisterten Mitschülern nicht von toten Feinden und gewonnen Schlachten schwärmt, sondern stattdessen ins Stottern gerät, wenn er an die zerfetzten Kameraden, den Dreck und das Blut denkt. In WESTEN eine sehr eindrückliche Szene, verpasst Weidenmann es hier leider, deutlicher Position zu beziehen.

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Insofern ist das ist das Ganze eine etwas zwiespältige Sache, aber als Abenteuerfilm (ups, das Wort dürfte mir hier aber nicht reinrutschen) funktioniert der STERN ziemlich gut. Und als Dokumentation beliebter deutscher Schauspieler noch viel mehr: Roberto Blanco, Hansjörg Felmy und Joachim Hansen haben ihre ersten Auftritte vor der Kamera, Horst Frank und Fernando Sancho sind in sehr frühen Rollen zu bewundern, und Erich Ponto in seiner letzten. Aus heutiger Sicht also eigentlich(!) alles in Butter, nur das Geschmäckle bleibt, dass da eben doch der wiedererwachende Militarismus als segenbringende Errungenschaft verkauft werden soll. Aber spätestens wenn der groovige Rumba von Hans-Martin Majewski ertönt, sollte sich die Kriegerseele wieder entspannen. Als Statement zur Lage der Nation ein Grund zum Schämen, aber aus filmischer Sicht interessant und ausgesprochen kurzweilig.

7/10

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PostPosted: 21.03.2020 17:13 
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Flash Light
Whirlpool
Dänemark 1970
Regie: José Ramón Larraz
Karl Lanchbury, Vivian Neves, Pia Andersson, Johanna Hegger, Andrew Grant, Edwin Brown, Ernest C. Jennings, Larry Dann, Sibyla Grey, Lisbet Lundquist


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Das junge Fotomodel Tulia wird von der reifen Sara zum Wochenende auf ihr Landhaus eingeladen. Neffe Theo freut sich auch bereits. Theo ist nämlich ein fanatischer Fotograf, und möchte von Tulia viele Bilder machen. Allerdings merkt Tulia irgendwann, dass Theo eine sehr bestimmte Art hat, zu außerordentlich realistischen Fotos von in Panik geratenen jungen Mädchen zu kommen. So ganz zuwider ist ihr das zwar nicht, genausowenig wie die Annährungsversuche der bisexuellen Sara. Ernster wird es erst, als Theos Freund Tom sie vergewaltigen will – in Theos Gegenwart, und vor der gezückten Kamera! Und noch ernster wird es, als Tulia hinter das Geheimnis von Rhonda kommt, dem Mädchen, das zuletzt im Landhaus zu Gast war und seitdem spurlos verschwunden ist.

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Früher wurden die Filme einfach noch anders gemacht. Hans W. Geissendörfer hat mal sinngemäß erzählt, dass damals in einer Szene die Kamera einfach draufgehalten wurde, und die Schauspieler gespielt haben bis es nicht mehr weiterging. Mit den langen Einstellungen konnte man gut schneiden, die Schauspieler konnten sich in ihre Rollen hineinwühlen und darin aufgehen, und das Publikum hatte auch keine Probleme mit dieser Arbeits- bzw. Erzählweise. Sie kannten es ja nicht anders. Die vor 40 Jahren erzählten Geschichten wurden langsamer aufgebaut, die Höhepunkte akribischer vorbereitet. Es war einfach noch mehr Zeit vorhanden.

Was aus heutiger Sicht dazu führt, dass WHIRLPOOL erstmal einige Zeit benötigt bis er in Fahrt kommt. Zwar ist anhand der Figurenzeichnungen schon relativ früh klar wohin die Reise geht, aber auf welchem Weg und mit welchen Schlenkern, das wird erst unterwegs klar, und sorgt für einige Überraschungen. Dass aus Theos Augen der Wahnsinn schimmert, das weiß man (heute). Es sind die Augen von Elijah Wood aus MANIAC und aus SIN CIY, die uns da voller Bosheit und Mordlust anlächeln.
Die Augen-Blicke, die sich Theo und Tante Sara zuwerfen, etwa während der Strip-Pokerrunde, sind vielschichtig und abgründig. Und Tulias schreckgeweitete Augen der Schlusseinstellung haben das Falsche gesehen und werden darüber nie wieder so lustig funkeln.

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Aber wie gesagt, der Weg dorthin ist entscheidend. Und der wird, nicht ganz untypisch für britische Psychothriller dieser Zeit, mit viel Gefühl für unheimliche Stimmungen und wohl platzierten Schockmomenten garniert. Die Vergewaltigung Tulias zum Beispiel jagt den Zuschauer durch ein aufwühlendes Höllenfeuer - nach der Sichtung so einiger Rape and Revenge-Filme darf ich sagen, dass diese Szene komplett anders ist alles alles andere was ich gesehen habe.
Und überhaupt, die Sache mit dem Sex. Obwohl dieses Wort in leuchtenden Buchstaben ständig im Hintergrund flirrt, und die Atmosphäre des Films sehr unterschwellig sexuell aufgeladen ist (immerhin ist allen Beteiligten von Anfang bis Ende klar, dass es an diesem Wochenende nur um eines geht: Miteinander so viel Spaß wie möglich zu haben, auch wenn Theo dies etwas anders auffasst), trotz dieser Atmosphäre also sind die erotischen Darbietungen ausgesprochen unterkühlt in Szene gesetzt. Am Kaminfeuer ist es zwar romantisch, da aber kann Theo nicht – weil seine Tante sich nicht beteiligt. Die nämlich braucht Theo, um seine Männlichkeit zur Gänze beweisen zu können, und die dann folgende entsprechende Gelegenheit hat die Ausstrahlung eines Hotelzimmers bei voller Beleuchtung. Ein eigentlich ansprechender Dreier wird durch eine unsagbare Sterilität beherrscht, und lässt jeden Gedanken an Erotik beim Zuschauer verschwinden, obwohl die Charaktere sichtlich aufgeladen sind und sich dem Sex zur Gänze hingeben. Durch dieses Wechselbad der Gefühle entsteht beim Zuschauen ein Zwiespalt, wie man sich denn beim Ansehen nun verhalten soll: Soll man sich der erotischen Stimmung der Charaktere anschliessen, oder als Betrachter in kühler und distanzierter Betrachtung verharren?

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Auch interessant ist dieser Zwiespalt im Zusammenhang mit der Farbgebung des Films. Angesiedelt im Herbst, sind die Farben der Natur warm und erdig, das Haus wirkt von innen und außen behaglich und als gemütlicher Rückzugsort gegen das schlechte Herbstwetter. Auch die Kleidung der Männer ist ganz auf warme und vertrauenerweckende Farben abgestellt. Das Verhalten der Männer allerdings steht dann in direktem Gegensatz zu diesen Farben, was zu weiterer Irritation führt.

Und in Summe einen kleinen und ganz feinen Psychothriller ergibt, der mit den Gefühlen des Zuschauers spielt wie mit Knetmasse. Larraz hat gleich in seinem ersten Film ein unglaubliches Gespür für das Innenleben sowohl seiner Charaktere wie auch der Zuschauer an den Tag gelegt. In Folge bin ich schon ziemlich gespannt auf seine weiteren Filme! WHIRLPOOL auf jeden Fall ist eine starke Empfehlung für alle, denen Sachen wie der 4 Jahre später, ebenfalls von Larraz gedrehte und etwas bekanntere, SYMPTOMS gefallen: Eine abgründige Studie voll verborgener Bosheit …

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 24.03.2020 15:31 
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Italien 1978
Regie: Sergio Nuti
Sergio Nuti, Francesca Ferrari, Maurizio Rota, Francesco Scalco, Diana Nicolini, Massimo Scrivo, Manfredi Marzano, Antonio Spoletini


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Giorgio, genannt Flauto, lernt Maria kennen, als er sie fast über den Haufen fährt. Sie verlieben sich heftig ineinander, und obwohl Maria drogenabhängig ist, steht Flauto zu ihr. Er lernt ihre Freunde kennen und ihren Dealer (und Ex-Freund) hassen, und gemeinsam zieht man aufs Geratewohl durch Rom. Der Tag ist nicht weit, dass auch Flauto heroinabhängig wird. Die Beziehung erkaltet, die Abhängigkeit wird größer, und die Ziellosigkeit gewinnt zunehmend die Oberhand. Gleichgültigkeit macht sich breit und tötet alle Gefühle. Nur eines ist noch wichtig: Dass man Stoff bekommt …

Sergio Nuti nimmt den Zuschauer für 2 Stunden mit auf einen Spaziergang durch die Hölle der Interesselosigkeit. Das Fegefeuer der Gleichgültigkeit. Alles ist egal, Hauptsache man bekommt einen neuen Schuss. Die Düsternis und Verzweiflung von zum Beispiel CHRISTIANE F. fehlt hier völlig, das Gefühl der Wurschtigkeit ist das alles beherrschende Element. Es scheint Sommer zu sein in Rom, es ist warm, die Charaktere laufen die meiste Zeit halb- oder ganz nackt herum, und eigentlich könnten sie das Leben genießen. Pupo stirbt in Flautos Wohnung an einem Bauchschuss? Egal. Robi kommt ins Krankenhaus. Das ist dramatisch, aber selbst dort will Robi nur das eine: Stoff. Der hartnäckige Kommissar Corto stellt den Freunden nach und sperrt sie ein? Nun ja, geht auch vorbei. Flauto sticht dem Dealer Andy ein Messer in den Mund? Es gibt wichtigeres …

Ohne Zeitgefühl oder Spannungsbogen driften wir mit Sergio und Maria durch den römischen Sommer, immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Dieses Gefühl der Zeitlosigkeit teilen wir mit den Protagonisten, was dem Film einen starken realistischen Ton gibt. Die Verzweiflung, die Wut, die Enttäuschung, das alles wird hautnah mitgeteilt und überschwemmt den Zuschauer geradezu. Und trotzdem bleibt vor allem diese Antriebslosigkeit immer präsent, ist das desinteressierte Treibenlassen ununterbrochen spürbar. Während an die Wand des Junkie-Treffs ironischerweise der Satz “Es lebe das temperamentvolle Leben“ gesprüht wurde ...

Mit den Bildern der damaligen Polizotteschi im Kopf wird diese Reise noch viel intensiver. Wir kennen Rom aus den Merli- und Milian-Filmen dieser Zeit, aber hier schaut das alles so anders aus. Viel … realistischer. Die Straßen, der Verkehr, die Menschen – Die Kameraführung versetzt uns mitten hinein in das Viertel Primavalle im Nordwesten von Rom, wo keine klassizistischen Prachtbauten die Präfektur repräsentieren, und wo (fast) keine Polizeiautos mit quietschenden Reifen um die Ecken jagen. Ein ganz normales Arbeiterviertel mit hoher Arbeitslosigkeit und stetig wachsendem Elend, aber vor allem mit ganz normalen Menschen und ihren ganz normalen Alltagsproblemen. Man achte mal auf das Kränzchen der alten Frauen bei Robis Wohnung, wie NORMAL das ist. Robi ist auch nicht der üble und verkommene Junkie, sondern er ist in seiner Nachbarschaft als lieber und guter Mensch anerkannt, der sich halt zufällig Drogen spritzt. Andere saufen. So what? Die Drogen sind längst im Zentrum der Gesellschaft angekommen, und sie machen nicht böse (was uns die allermeisten Filme immer und immer wieder weis machen wollen), sondern sie machen lethargisch. Der heroinabhängige Dieb Pupi erzählt, dass er gestern ein Auto aufgebrochen hat, und dann darin eingeschlafen ist …

Eine Charakterstudie über ganz gewöhnliche Menschen mit ganz gewöhnlichen Drogengewohnheiten. Eine Zeitreise in ein tatsächlich existierendes Rom der späten 70er-Jahre.

7/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Die Vögel
The birds
USA 1963
Regie: Alfred Hitchcock
Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor, Jessica Tandy, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Doreen Lang, Ruth McDevitt, Joe Mantell, Malcolm Atterbury, Karl Swenson


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Die junge und hübsche Melanie Daniels macht einen Trip ans Meer. Genauer: Nach Bodega Bay, einem verschlafenem Örtchen nördlich von San Francisco. Sie möchte dort einem Mann, der ihr kürzlich einen Streich gespielt und dabei ausnehmend gut gefallen hat, ebenfalls einen kleinen Streich spielen, wenn auch einen gutmütigen. Nun ja, wie es so kommt: Der Streich, bestehend aus 2 Vögeln für die kleine Schwester des Mannes, kommt gut an, Melanie wird zum Abendessen eingeladen, lernt die abweisende Mutter kennen sowie die einsame Lehrerin des Ortes, und wird für den nächsten Tag auch gleich noch zum Kindergeburtstag eingeladen. Nur die Natur scheint an dem Idyll nicht gerne teilzunehmen: Die Vögel in der Umgebung scheinen alle wie irre zu sein – eine Möwe attackiert Melanie in ihrem Boot, und beim Geburtstag fällt gleich ein ganzer Schwarm Möwen über die Kinder her. Doch das ist nur der Auftakt für eine grauenerregende und blutige Nacht …

DIE VÖGEL ist natürlich einer DER Klassiker des Tierhorrors, aber es stellt sich trotzdem die Frage, wie gut oder schlecht DIE VÖGEL gealtert sein mag. Da ist einmal die laaaaange Exposition, welche die gesamte erste Stunde des Films benötigt, und einige Subplots in den Raum stellt, ohne die der Film erheblich schlanker und einfacher (sprich: Weniger ermüdend) geworden wäre. Auf der anderen Seite hat es dann einige Szenen, die auch heute noch Gänsehaut erzeugen: Die Vögel, die wie eine Wolke über die flüchtenden Kinder herfallen, und sehr beeindruckt hat mich auch Rod Taylor, der vorsichtig aus seinem Haus tritt und sich lauter Raben gegenüber sieht. Düster das, düster …

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Sind es nun die geänderten Sehgewohnheiten, dass die erste Stunde des Films so langwierig wirkt? Ist man heute, nach dem Genuss unzähliger, schnell zur Sache kommender Genrefilme, so abgestumpft, dass ein langer und gründlicher Storyaufbau zum schnellen Abwinken animiert? Oder hatte Hitchcock 1963 möglicherweise seinen erzählerischen Höhepunkt bereits überschritten? Weder der Nachfolger MARNIE von 1964 noch TOPAS von 1969 werden allgemein als Highlights im Hitchcock’schen Schaffen wahrgenommen (DER ZERRISSENE VORHANG nehme ich hier bewusst aus, weil ich persönlich den Film wegen seiner deutschen Schauspieler einfach liebe. Ich weiß aber auch, dass das viele anders sehen …), und fast schaut es ein wenig so aus, als ob PSYCHO der filmische Höhepunkt einer langen Karriere war …?

Aus der heutigen Sicht ist das schwer zu beurteilen, aber ich neige zu der These, dass DIE VÖGEL ein klein wenig Straffung besser getan hätte. Der Subplot um die eifersüchtige Mama, die Nebenhandlung um die Lehrerin als Ex-Freundin, die Hintergründe von Melanies Abenteuer in Rom – Alles Dinge, die zur eigentlichen Handlung nichts beitragen. Die zwar sicher die Charaktere näher beleuchten und ihnen Tiefe geben, die aber auch Zeit kosten und die Geschichte an sich nicht um einen Deut vorwärts bewegen. Gerade die eifersüchtige Mutter kostet manchmal eher Nerven, als dass sie die Geschichte bereichert. Auch wenn an dieser Stelle die Aussage interessant wird, dass Hitchcock in seiner ganzen Karriere immer Liebesfilme gedreht hat, die halt aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zur Geltung kamen. Meistens im Gewand eines Thrillers. Da muss man dann schon erstmal drüber nachdenken …

Denn nichtsdestotrotz ist DIE VÖGEL ein guter Spannungsfilm, der seine Daseinsberechtigung hat, und den man fast 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch mit gutem Gewissen anschauen kann. Er wirkt oft altmodisch, was an Hitchcocks Inszenierungsstil liegt (Rück-Pros waren 1963 schon nicht mehr ganz en vogue), aber er ist spannend und überzeugt mit seinen Actionszenen, den Effekten – und, ganz im Gegensatz zu den weiter oben geäußerten Ansichten, interessanterweise gerade mit den Charakteren! Im Tierhorror sind die Personen oft eher eindimensional angelegt, was Hitch hier wohl bewusst umgehen wollte. Ob das dem Film gut tut, das sei nun mal dahingestellt …

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So weit, so gut.

Zwei Wochen, nachdem ich diesen Text bis hierher geschrieben hatte, las ich das Buch von Donald Spoto Hitchcock und seine Filme. Das Buch beleuchtet bei aller abgehobenen Intellektualität viele interessante Aspekte von Hitchcocks Werk, und gerade bei DIE VÖGEL war ich sehr gespannt auf die Analyse. So ist mir erst durch die Lektüre klar geworden, dass die Angriffe der Vögel immer dann stattfinden, wenn emotionale Momente stattgefunden haben. Wenn die Protagonisten versuchten, ihre, im sozialen Sinn gesehene, Leere und Oberflächlichkeit entweder zu füllen, oder sie auszuleben. Unter diesem Aspekt, der von Hitchcock so auch beabsichtigt ist, wird der Film gleich wieder interessanter und spannender. Er mutiert vom etwas altmodischen Tierhorror zur Tragödie mit Suspense-Effekten. Zu etwas Tiefem und Bewegendem, was seine Botschaft durch klug platzierte Schockmomente vermittelt. Er wird zu einem emotionalen Drama über den Austausch menschlicher Gefühle und das Überwinden der Einsamkeit.

Nein, ich werde jetzt nicht das entsprechende Kapitel aus Spotos Buch abschreiben. Ich möchte einfach nur anmerken, dass Hitchcocks Filme oberflächlich gesehen aus heutiger Sicht vielleicht langwierig wirken mögen, aber die Beschäftigung mit ihnen viele neue und spannende Aspekte hervorbringen kann. Und sie plötzlich um vieles tiefer und reichhaltiger dastehen, als so mancher Unfug, der von den modernen Filmemachern als tiefgehend und reichhaltig verkauft wird. Und unter Einbeziehung der sozialen und emotionalen Komponente ist DIE VÖGEL dann doch wieder ein Meisterwerk der Filmgeschichte …

8/10

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Der blinde Fleck – Täter. Einzeltäter. Attentäter?
Deutschland 2013
Regie: Daniel Harrich
Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner, Jörg Hartmann, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Anna Grisebach, Simone Kabst, Wowo Habdank, Tessa Mittelstaedt, Isolde Barth


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Als am 26. September 1980 eine Bombe am Eingang des Münchner Oktoberfests explodiert, ist es nach 2 Stunden bereits offiziell, dass Linksextreme dahinter stecken. Wenige Stunden später muss diese Meinung zwar revidiert werden, aber nachdem nicht sein kann was nicht sein darf, wird der als Attentäter identifizierte Gundolf Köhler kurzerhand zum Einzeltäter erklärt. Verbindungen zur erstarkenden rechtsextremen Szene und der aktiven und bekannten Wehrsportgruppe Hoffmann gibt es keine! Punkt.
Der Rundfunkjournalist Ulrich Chaussy kommt ein paar Jahre später darauf, dass Gundolf Köhler überhaut nicht so menschenfeindlich, bösartig und asozial war wie von der Presse und der Polizei dargestellt, sondern im Gegenteil 2 Wochen vor dem Attentat einen Bausparvertrag abgeschlossen und eine Woche später sogar eine Band gegründet hat. Beides Dinge, die Selbstmordattentäter eher selten tun. Chaussy stellt auch fest, dass an der Geschichte, die von der bayerischen Landesregierung verteilt, und vom Generalbundesanwalt Rebmann bestätigt wird, überhaupt nichts stimmt. Er scheint auf der Spur einer Verschwörung zu sein, und wähnt sich bereits als neuer Bob Woodward oder Carl Bernstein (die beiden Reporter hatten in den 70ern den Watergate-Skandal aufgedeckt). Selbst einen Deep Throat hat er als Informanten: Der persönliche Referent des obersten bayerischen Staatsschützers lässt Chaussy die kompletten und, für die Ermittlungsbehörden, ausgesprochen kompromittierenden Vernehmungsakten zukommen. Aber im Schlepptau dieser Akten kommt allmählich die Angst zu Chaussy: Drohbriefe im Briefkasten, Autos die nachts auf dem Heimweg hinter ihm herfahren ...

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Anstatt einer Rezension: *** The link is only visible for members, go to login. *** bzw.*** The link is only visible for members, go to login. ***. Aber nein, zum Film muss man dann schon auch ein wenig was sagen. Denn der hat es einigermaßen faustdick hinter den Ohren.

Prinzipiell kommt DER BLINDE FLECK ohne große Actionszenen aus. Die Originalaufnahmen vom Tatort hauen ziemlich rein, vor allem weil die Kamera der Tagesschau damals auch noch ziemlich auf die blutigen Leichen draufgehalten hatte. Und die einzige andere Sequenz, die kurze Verfolgungsjagd auf dem Heinweg, ist bewusst sehr vage gehalten, ist es doch zu keinem Zeitpunkt wirklich sicher, dass hinter Chaussy jemand her ist. Der Film gefällt sich mehr darin, eine Stimmung der Angst und der Paranoia zu erzeugen. Sicher nicht so grandios wie etwa in Damiano Damianis ICH HABE ANGST, aber unter Oberfläche lauert die ganze Zeit dieses Unterschwellige, dieser Gedanke das da gleich was passieren könnte. Das Damoklesschwert der rächenden Neonazis.

Und genau mit dieser Stimmung punktet DER BLINDE FLECK. Muss er auch, denn nach dem Film stellt man als Zuschauer erstmal fest, dass die Dynamik etwas ins Leere weht. Es gibt keine, in einer spannenden Verfolgungsjagd gestellten Attentäter, es gibt keine Verschwörung, es existiert überhaupt nichts Greifbares. Genauso wie in es in der Realität auch war (und in genügend Fällen auch immer wieder ist), verpufft das Komplott einfach irgendwie. Chaussy bekommt Angst und lässt die gefährlicher werdende Jagd sein. Zack aus. So wie es jeder normale Mensch tun würde. Warren Beatty in AUGENZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG mag vielleicht als Idol einer Reportergeneration dienen, aber in der Wirklichkeit gibt es solche Männer halt einfach nicht. Oder zumindest nicht so oft. Auf Rudolf Augstein und die Spiegel-Affäre 1962 möchte ich hier explizit hinweisen ...

Das heißt DER BLINDE FLECK bleibt recht nah an der Wirklichkeit, zumindest so wie ich es im Artikel der Wikipedia lese. Einiges ist aus dramaturgischen Gründen gestrafft, anderes wird fortgelassen, das ist nichts Neues. Aber dass Ulrich Chaussy am Drehbuch mitgearbeitet hat, dies ist deutlich zu merken. Ein unbedingter Wille zur Realität durchzieht den Film, und hinterlässt gerade duch die Abszenz von Höhepunkten viel mehr Eindruck, als wenn solche künstlich eingebaut worden wären. Die handelnden Figuren, vor allem der oberste Landesschützer Hans Langemann (Heiner Lauterbach) und sein Referent Meier (August Zirner), sind geradezu perfekte graue Eminenzen hinter den Kulissen. Keine exaltierten Fantasiegestalten, sondern Menschen, die allen Ernstes denken, dass sie ihrem Lande dienen indem sie Lügengeschichten erfinden, offensichtliche Staasfeinde schützen, und dies gegen alle Widerstände durchboxen. Ganz stark ist auch der Auftritt von Udo Wachtveitl als Quick-Reporter Werner Winter, der ohne großen Aufwand und ohne temperamentvolle Exzesse sehr überzeugend das andere, das hässliche Gesicht des Journalismus zeigt. Desjenigen Journalismus, der Wahrheiten über die Nicht-Existenz des Klimawandels, die Gefahr von Impfungen oder die latente Kriminalität von Nicht-Weißen verbreitet ...

So oder so kämpft(e) Chaussy in Film und Wirklichkeit gegen Windmühlen. Auf diese Windmühlen wird dann auch am Ende des Films in einem eleganten Schlenker Bezug genommen, wenn ein Verweis auf die NSU-Morde eingebaut wird, der belegt, dass das rechte Auge des Staates schon immer ein gutes Stück blinder war als das linke. Und dass Zeugen auch in den 80ern bereits eingeschüchtert, nicht ernstgenommen oder gar verunglimpft wurden, wenn gute und solide Zeugenaussagen dem Staat gerade nicht in dem Kram passen. Die sogenannten Pannen der NSU-Ermittlungen werden als alte Bekannte gezeigt, die sich durch die Geschichte der Bundesrepublik (und nicht nur der) ziehen, und ein schales Gefühl von Hilflosigkeit und verzweifelter Wut erzeugen. Geschichte wiederholt sich eben doch ...

Ein Polit-Thriller der ruhigen und gefassten Art, der nach seiner Veröffentlichung viel zu unbeachtet blieb. Was unbedingt geändert werden sollte ...

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7/10

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Under the Skin
Under the skin
Großbritannien/Schweiz/USA 2013
Regie: Jonathan Glazer
Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Robert J. Goodwin, Krystof Hádek, Scott Dymond, Jessica Mance, Michael Moreland, Jeremy McWilliams, Lynsey Taylor Mackay, Dougie McConnell, Kevin McAlinden, D. Meade


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In der Gestalt einer attraktiven Frau fährt ES in einem Lieferwagen durch Glasgow und spricht Männer an. Wenn die Männer alleinstehend und vertrauensselig sind steigen sie zu ES in den Wagen. ES verspricht ihnen schnellen Sex, doch die Männer werden in eine Falle gelockt. Ihr Körper wird lebendig konserviert und irgendwann ausgesaugt. Nur die Haut bleibt übrig. Denn ES ist ein Wesen aus einer Anderswelt, dessen einziger Lebenszweck das Töten zu sein scheint. Mit ES reist noch ein dunkler Motorradfahrer, der aufräumt, damit keine Fragen auftauchen. Eines Abends spricht ES einen verwachsenen Menschen an, einen, der die sogenannte Elefantenkrankheit hat. Nennen wir ihn der Einfachheit halber John Merrick. ES nimmt John Merrick mit, aber das, was John Merrick sagt, was er denkt, was er fühlt, seine unglaubliche Einsamkeit, das berührt und überwältigt ES durch die Intensität der erlebten Emotionen. ES flüchtet in die Highlands, in ein kleines Kaff. Dort lernt SIE Radiomusik kennen, Kuchen, Fernsehen, und körperliche Liebe. Doch das Schicksal hat andere Pläne …

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Scarlett Johansson, mit Perücke und Schminke so hergerichtet dass sie nicht erkannt wird, fährt mit einem Lieferwagen durch Glasgow. In dem Lieferwagen sind Kameras so geschickt versteckt, dass sie nicht auffallen. Johansson spricht Männer an, zufällige Passanten, die dann gefilmt werden. Auch wenn Johansson durch die Straßen läuft und schauspielert ist eine versteckte Kamera bei ihr und filmt die Reaktionen der Passanten. Das Kino durchbricht die Grenze zur Realität. Und umgekehrt.

Auf der anderen Seite dann hochartifizielle Szenen, die jedem Bezug zur realen Welt entbehren. ES übernimmt den Körper einer Frau. ES lockt die Männer in eine Flüssigkeit, auf der ES laufen kann, während die Männer untergehen und hilflos im Nichts treiben. Weiter weg kann Realität gar nicht sein – als Vergleich fallen mir vielleicht französische Comics aus den 70ern ein, die ebenfalls oft in einer in sich logischen Welt angesiedelt waren, welche vollkommen autark neben einer wie auch immer gearteten Realität stehen konnte.

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Und wenn UNDER THE SKIN nicht so einen furchtbaren dramaturgischen Hänger hätte, dann wäre die Bewertung um einiges höher ausgefallen. Die erste Stunde ist bildgewaltiges und hypnotisches Kino. Fast ohne Dialoge wird mit Gesichtern und Stimmungen erzählt. Mit Körpern und vor allem mit langen und eindringlichen Einstellungen. Wenn ES/SIE im Nebel verschwindet, dann bleibt die Kamera auch mal noch einige Zeit im Wagen und beobachtet den Dunst, der durch die Einöde zieht. Wie ein Beobachter, der dem Objekt der Begierde nicht folgen mag. Leider kann diese Magie in den Highlands nicht aufrecht erhalten werden. Die Stimmung drängt dort öfters fast ins Komische, wenn zum Beispiel SIE beim versuchten Geschlechtsverkehr entdecken muss, dass zwischen ihren Beinen etwas anderes ist als bei dem Mann, und SIE mit einer Lampe dorthin leuchtet um das Problem zu verstehen.

Erst zum Schluss, im Wald von Lochgilphead, ist die Magie wieder da. Der Waldarbeiter, SIE und die Verbindung zur Natur, zum Wald, und dann wieder der Waldarbeiter. Der Motorradfahrer, der sich ebenfalls längst als Wesen aus einer Anderswelt zeigt, und der auf einem verschneiten Berg steht und verzweifelt nach ES sucht. Die grausamen Bilder am Ende …

Wer Filme wie WALHALLA RISING mag, oder den “klassischen“ Rollin aus den 70ern, der darf hier unbedenklich zugreifen. UNDER MY SKIN ist fremd, wild, anders und blutig, Hypnotisch und beeindruckend. UNDER MY SKIN zieht den Zuschauer wie ein Wesen aus einer anderen Welt in seinen Bann um es auszusaugen, und nur die leere Hülle auf dem Sofa zurückzulassen.

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8/10

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Vampyres
Vampyres
Großbritannien 1975
Regie: José Ramón Larraz
Marianne Morris, Anulka Dziubinska, Murray Brown, Drian Deacon, Sally Faulkner, Michael Byrne, Karl Lanchbury, Margaret Heald, Gerald Case, Bessie Love, Elliot Sullivan


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OFDB
Italo-Cinema


Das alte Schloss am Ende des Weges scheint unbewohnt zu sein, genau der richtige Ort um seinen Wohnwagen abzustellen und sich ein paar schöne Tage auf dem Land zu machen. Er angelt, sie malt – ein perfektes Idyll. Doch das Schloss ist nicht unbewohnt. Zumindest in der Nacht sind dort zwei junge Frauen zu finden, oft gemeinsam mit Männern. Und morgens, kurz vor Sonnenaufgang, kann man die beiden Schönheiten in aller Eile gen Friedhof eilen sehen. Allerdings ohne die Männer, die dann kurze Zeit darauf von der Polizei als Opfer von Verkehrsunfällen in der Gegend gefunden werden. Harriet, die Malerin aus dem Wohnwagen, hat so ihre Vermutungen, dass auf dem Schloss etwas nicht stimmt, macht sich dabei allerdings nicht bewusst, wie exponiert ihre Situation ist: Mit einem zweifelnden und schwachen Ehemann an ihrer Seite, in einem einsamen Wohnwagen …

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Ein ganz tiefer Griff in das Repertoire der Gothic-Novel und ihrer Versatzstücke! Das Schloss schaut von außen aus wie bei REBECCA,
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und innen tobt der erotische Blutrausch in Form zweier gut aussehender und (lebens-) hungriger nackter Frauen, die sich erst dann richtig wohl fühlen, wenn der rote Saft in Strömen über ihre gutgebauten Körper fließt. Vorhergehender Sex inbegriffen! Insofern ist VAMPYRES erstmal ein reiner Exploiter, der nackte, blutige Frauen in Bezug setzt zu gängigen Mythen der Pop-Kultur. Männer dürfen hier das erleben, was sie sich immer erträumen: Tod mit zwei Frauen gleichzeitig. Nicht der kleine Tod, sondern der große …

Aber Larraz wäre nicht Larraz, wenn da nicht noch mehr mitschwingen würde. Die Geschichte könnte so auch von Jean Rollin stammen, während die ganze Grundstimmung eher an Larraz’ eigenen SYMPTOMS erinnert. Tatsächlich sind auch einige der Landschaftsaufnahmen für beide Filme verwendet worden, was die Stoßrichtung von VAMYPRES in etwa vorgibt. Diese ganze distinguiert wirkende Atmosphäre des Verfalls und der Verderbnis, die von der oft enervierenden Musik von James Clarke passend unterstützt wird, die Gegenüberstellung der hemmungslosen Dekadenz der beiden Vampirinnen mit dem biederen Dasein der beiden Camper, da wird ein Spannungsfeld erzeugt von dem der Film in hohem Maße lebt. Trotz massenweisen Einsatz von Kunstblut und einigen sehr intensiven erotischen Bildern (sowie der expliziten Kombination der beiden Stilmittel!) schwebt eine schwer zu fassende Eleganz und eine Ahnung von Fin de Siècle über dem Film. Was dann eben dazu führt, dass VAMPYRES nicht nur ein reiner (S)Exploiter wurde, sondern ein gotisches Märchenstück, um zig Jahre seiner Zeit voraus, und dabei doch klar verwurzelt in den 70ern. Tief romantisch, sexuell erregend und blutig abstoßend zugleich. Die blutige Variante von Harry Kümels BLUT AN DEN LIPPEN. Vampirella für die Leidenschaftlichen. Jess Franco ohne jegliche Hemmungen, dafür aber mit Interesse an der eigenen Geschichte …

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PostPosted: 08.04.2020 07:44 
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Das Haus der Angst
La casa della paura
Italien 1974
Regie: William Rose
Daniela Giordano, Raf Vallone, John Scanlon, Angelo Infanti, Karin Schubert, Rosalba Neri, Brad Harris, Frank Latimore, Giovanna Galletti, Nuccia Cardinali, Dada Gallotti, Marian Fulop


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OFDB
Italo-Cinema.de


Frisch aus dem Gefängnis entlassen, kommt die junge Margaret Bradley in der Pension der Ms. Grant unter. Doch von Beginn an fühlt sich Margaret dort nicht wohl: Ihre Vormieterin im Zimmer 2a, Edie Whitman, starb unter mysteriösen Umständen, der Sohn der Vermieterin, Frank, stellt ihr offensichtlich nach, und hat mit der Herstellung von Puppen nebenbei noch ein merkwürdiges Hobby, Ms. Grant selber versucht, Margaret nicht außer Haus zu lassen, und ein merkwürdiger Mann, Mr. Dreese, scheint sie seit der Freilassung zu verfolgen. Schön, dass sie mit dem Bruder von Edie einen Verbündeten hat, der versucht sie aus dem Haus herauszuholen und ihre geistige Gesundheit zu bewahren. Allerdings ist die Bruderschaft der Bösen ziemlich auf Zack, und treibt Margaret mit großem Einsatz psychedelischer Ideen in Richtung Wahnsinn …

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Das mit den mysteriösen Umständen, das darf man ruhig wörtlich nehmen. Oder anders ausgedrückt: Hier passiert so viel ernst gemeinter Unfug, dass DAS HAUS DER ANGST schon fast unter der Rubrik Trash laufen könnte. Da wird ein laut ratternder Filmprojektor eingesetzt um Margaret eine Filmsequenz zu zeigen, mittels derer sie dann einen hysterischen Anfall bekommt. Da wird eine Art Enthauptung vor Publikum durchgeführt, bei der das Opfer blutüberströmt flüchten kann. Bei der sofort darauf folgenden nächsten Exekution ist zwar das Publikum dann spurlos verschwunden, dafür bricht aber das Opfer mit dem Henker problemlos eine Diskussion über Schuld und Sühne vom Zaun. Und die Verfolgung des Henkers durch einen der Beteiligten hat irgendwie einen gewissen Touch von Slapstick. Was aber durchaus auch an der verwendeten Musik liegen kann. DAS HAUS DER ANGST ist nämlich ein überaus praktisches Beispiel dafür, was Musik einem Film antun kann. Oder auch nicht. Die hier gelegentlich verwendete Gitarrenmusik aus Giulio Questis ARCANA ist gut und stimmungsvoll eingesetzt, genauso wie das grundlegende symphonische Stück. Aber vor allem gegen Ende des Films taucht auf der Tonspur urplötzlich eine Bigband auf, die spannende und stimmungsvolle Momente mit swingendem Brass vertont. Resultat: Ende der Stimmung, Ende der Spannung, Start des ungläubigen Gelächters …

Schade, denn auch wenn HAUS DER ANGST Dinge wie eben diese Musik oder vollkommen sinnbefreite Schnitte bereithält, so ist die Grundausrichtung gar nicht schlecht: Eine schöne junge Frau soll von einer Sekte voller Spinner in den Wahnsinn getrieben und dann ermordet werden. Zusammen mit dem Love Interest kommt man der Verschwörung auf die Spur, doch es ist fast zu spät. Klingt spannend? Ist spannend! Nur die Umsetzung ist eben … eigen. DIE FARBEN DER NACHT war da schon eine ganze Ecke straighter in seiner Erzählung. Stattdessen musste ich ein paar Mal an den etwas später entstandenen BLUTIGE MAGIE denken, der sich mit HAUS DER ANGST ein paar Dinge teilt: Neben einem unglaublich ähnlichen Plakatmotiv auch den Hang zu idiotischen Situationen wie den oben geschilderten, sowie zu einem Skript, welches sich einen Scheiß um Dinge wie Logik oder einen ordentlichen Storyaufbau schert, sondern einfach aus dem vollen Wahnsinn schöpft.

Das klingt nun alles recht abschreckend, ist aber eigentlich(!) gar nicht so gemeint. Denn: Der Flick unterhält ungemein! Ich habe während der gesamten Laufzeit nur einmal auf die Uhr geschaut (das Kennenlernen von Brad Harris ist zugegeben sehr langatmiges Geschwafel), Daniela Giordano ist wunderschön, die Handlungsplätze sind noch viel schöner, die Musik ist meistenteils passend und stimmungsvoll (Ausnahmen siehe oben), und die Schauspieler (u.a. Raf Vallone, Angelo Infanti, John Scanlon) sind erstklassig gecastet und spielen hervorragend auf. Und auch wenn mir etwa die Rolle von Karin Schubert beim besten Willen nicht klar ist, tut das dem Gesamteindruck keinen Abbruch: Ordentlich gemachte Giallo-Ware mit Gruselanleihen und einigen heftigen Unglaublichkeiten. Spaßig …

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 11.04.2020 09:14 
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The killer that stalked New York
USA 1950
Regie: Earl McEvoy
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OFDB


Sheila Bennett kommt mit geschmuggelten Juwelen zurück nach New York, hart verfolgt von einem Mann der Zollbehörde. Aber weder Sheila noch der Zollmensch wissen, dass sie noch etwas anderes von ihrem Kuba-Trip mitbringt: Die Pocken! Hochgradig ansteckend und in den meisten Fällen tödlich, verbrennen die Pocken den Kranken geradezu von innen, mit einem, wie es heißt, gierigen und heißen Fieber. Sheila kann den T-Man vom Zoll abhängen und zu ihrem Mann Matt Krane durchkommen, nachdem sie noch einen Kurzbesuch bei Doktor Wood gemacht und dort die kleine Walda in den Arm genommen hat. Krane hat allerdings ganz andere Pläne: Zum einen betrügt er seine Frau mit ihrer Schwester Francie, und zum anderen will die Juwelen für sich selbst haben. Also wirft er Sheila aus der gemeinsamen Wohnung, und nach einem Irrweg über viele Stationen erfährt sie dann beim Hehler Moss die grausame Wahrheit über Kranes Verhalten. Und während die Krankheit sich zunehmend ausbreitet, die Gesundheitsbehörden der Stadt New York eine gigantische Impfaktion starten, und immer mehr Menschen sterben, wird auch Sheila immer schwächer und schwächer. Aber ein Gedanke hält sie aufrecht: Sie will Rache! Rache an dem Mann, der sie betrogen und ihre kleine Schwester getötet hat.

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THE KILLER… hat so einige ernsthafte Schwächen. Da ist die pathetisch-patriotische Erzählstimme von Reed Hadley, der uns allen Ernstes erzählen will, dass New York die schönste und sicherste aller Städte ist. (Dem stand bereits 8 Jahre vorher CASABLANCA entgegen, wo Rick sinngemäß erklärt, dass es Viertel in New York gibt, wo er Hitler nicht empfehlen würde einzumarschieren …) Da ist die ideenlose Inszenierung, die eine ordentliche Krimihandlung neben einen semi-dokumentarischen Katastrophenfilm stellt, und es nicht wirklich schafft, die beiden Erzählstränge überzeugend miteinander zu verbinden. Da sind die routiniert-einfallslosen Darsteller, die bis auf Evelyn Keyes ihre Rollen abspulen und offensichtlich darauf warten, dass ihnen die Gage ausbezahlt wird. Aber vor allem ist da die vergebene Chance, eine von Grund auf spannende Geschichte auch spannend zu erzählen. Es fehlen einfach die Überraschungen, die Wendungen, die Höhepunkte, die den Zuschauer mit sich ziehen und mitfiebern (höhö) lassen.

Auf der anderen Seite ist da Evelyn Keyes, die vor allem in den letzten 20 Minuten zur rächenden Hochform aufläuft. Und es sind gerade diese 20 Minuten in denen klar wird, was der Film unter einer besseren Regie hätte werden können. Da wird nämlich ordentlich Druck aufgebaut, da wird es spannend und düster, und das Showdown auf dem Dachsims hätte in den Händen eines fähigeren (Sprich: einfallsreicheren) Regisseurs tatsächlich nervenzerfetzend werden können.
Trotzdem, die Krimihandlung ist gradlinig erzählt und macht durchaus ein wenig gespannt auf die Fortführung der Story. Gerade die charakterlich zweifelhafteren Figuren sind schön beschrieben, und es macht Spaß ihnen zuzuschauen wie sie in ihr Verderben rennen. Die Story um die Epidemie ist im Gegensatz dazu dann hanebüchen aufgebaut, und lässt den (heutigen) Zuschauer in ihrer hilflosen Romantik und dem verzweifelten und geschwätzigen Pathos müde abwinken. Was den Film letzten Endes rettet, und da kann ausgerechnet der Film in seiner Narration nicht allzu viel zu, sind die eindrucksvollen Bilder der Stadt New York.

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Die offensichtlich ungestellten Straßenszenen in den nicht so guten Vierteln erzeugen jede Menge Stimmung und Lokalkolorit, was dann insgesamt eben doch noch zu einer eher positiven Einschätzung führt. Sagen wir neutral mit einem leichten Übergewicht zum Wohlwollen. Bestimmt nichts was ich ein zweites Mal sehen muss, aber ich freue mich ihn gesehen zu haben …

6/10

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PostPosted: 14.04.2020 06:18 
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The Beyond (Lucio Fulci, 1981) 5/10

Lisa kommt aus New York, ist modern erzogen worden, und glaubt nicht an Geistergeschichten. Jetzt hat sie allerdings in den Sümpfen von Louisiana ein altes und ziemlich heruntergekommenes Hotel geerbt, und muss nun damit anfangen, an Geistergeschichten zu glauben. Denn das Hotel steht auf einer der sieben Pforten der Angst, und durch Lisas Renovierungsarbeiten wird diese Pforte geöffnet, und die Toten kommen in die Welt der Lebenden zurück …

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Ich habe euch ja wirklich alle lieb, und GLOCKENSEIL und FRIEDHOFSMAUER haben mir auch richtig gut gefallen. Aber der hier, der hat mir einfach gar nichts gesagt. Vielleicht habe ich den falschen Tag und die falsche Zeit erwischt, aber immerhin habe ich es mit zwei Anläufen versucht (den ersten Versuch habe ich nach 30 Minuten abgebrochen wegen steigenden Desinteresses), und beide Male war ich nicht wirklich richtig begeistert. Ja, JENSEITS hat definitiv starke Momente. Eigentlich alle Szenen im Krankenhaus sind atmosphärisch und stimmungsvoll, und vor allem der Schluss im Keller und darüber hinaus hat mir richtig gut gefallen. Auch dass die Grenze zwischen Realität und Traum zunehmend verschwindet und am Ende jegliche Logik absichtlich außer Kraft gesetzt wird erzeugt viel Dichte und Spannung. Aber auf der anderen Seite hat es dann Sachen wie den ekligen und überflüssigen Angriff der Spinnen, oder das “Ende“ der blonden Emily, was ich einfach nur als nervig nervig nervig empfinde.

Wie gesagt, vielleicht die falsche Zeit und die falsche Stimmung erwischt. Vielleicht ist es aber auch nur die schlechte und viel zu dunkle Laser Paradise-DVD, die mir den Bildgenuss versaut hat. Denn die Bilder auf Italo-Cinema schauen tatsächlich hinreißend aus und könnten mich glatt zu einem dritten Versuch verführen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es da wieder in die Hose gehen könnte. Vielleicht stimmt ja etwas mit meinem Gefühl nicht …

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PostPosted: 17.04.2020 07:04 
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Watchers (Michael Raven, 2000) 3/10

Ein Dämon möchte die Welt der Menschen beherrschen, und dafür benötigt er eine bestimmte Anzahl an rituellen Morden. Sein letztes Opfer soll Mary werden, doch Mary hat ihren persönlichen Schutzengel Michael, der seine Hand (und nur diese) über sie hält.
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Ein Film der verpassten Chancen. Mr. Marcus als Dämon, in mitten einer Gruppe lack- und lederbewandeter Stecher. Dauergeile und gutaussehende Frauen, eine heruntergekommene Fabrikhalle als Ambiente, viele Kerzen und Trockeneis als Dekor, und was wird geboten? Na? Richtig: Kuschelsex! Kein SM, keine Spielchen mit Verführung und/oder Herrschaft, kein Schmutz. Nichts als purer Kuschelsex. Der Dämon legt selber zärtlich Hand an und alle machen böse lächelnd mit beim gegenseitigen Liebsein. Unter dem Thema Dämonen und Opferungen hätte ich mir da ganz andere Dinge erwartet. Da steht zum Beispiel die Gruppe mit brennenden Kerzen um eine nackte Frau die auf einem Tisch liegt, und was passiert? Die Gruppe lässt ein Mantra erklingen und das war‘s …

Wahrlich, ein Film der verpassten Chancen. Beim Zusehen hätte ich so viele Einfälle gehabt in Bezug auf den Umstand, dass der Dämon in andere Personen schlüpfen kann. Da ließen sich, gerade in einem HC-Film, einige nette und fiese Dinge tun. Auch sind Dämonen meines Erachtens nicht unbedingt dafür bekannt, besonders nett und freundlich zu sein. Aber da ist einfach nichts. Es wird liebevoll gepoppt, die deutsche Synchro ist ein Ausbund an Peinlichkeit, die Hintergrundmusik ist noch viel peinlicher (ob Dämonen wirklich Synthiemuzak bevorzugen wenn sie Sex haben?), der Weichzeichner (Weichspüler?) wird bis zur Stufe 10 der David Hamilton-Skala übertrieben, und es macht sich, der guten Grundidee zum Trotz, schnell Langeweile breit. Nur die schönen Frauen und die Ausstrahlung von Mr. Marcus und Sydnee Steele machen noch ein wenig was gut. Aber insgesamt lohnt der einfach nicht …

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Asterix bei den Briten (Pino van Lamsveerde, 1986) 9/10

Ganz Britannien ist von den römischen Truppen besetzt. Ganz Britannien? Nein, denn ein kleines Dorf leistet erfolgreich Widerstand gegen die Besatzer. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis die Bewohner klein beigeben müssen. Da kommt Teefax die rettende Idee: Sein Vetter drüben in Aremorica, Asterix, der hat doch einen Druiden bei sich im Dorf, der das Geheimnis des Zaubertranks kennt der unbesiegbar macht. Also reisen Asterix, Obelix, Idefix und Teefax gemeinsam mit einem Fass Zaubertrank nach Britannien. Wo es plötzlichen Nebel gibt (aber nur wenn es nicht regnet), weichgekochtes Wildschwein in Pfefferminzsauce, lauwarme Cervisia, ein seltsames Spiel das man mit einem Kürbis spielt der aussieht wie eine Olive, und natürlich jede Menge Römer zum Verprügeln.

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Lange Zeit war ich der Überzeugung, ASTERIX EROBERT ROM wäre der beste Asterix-Film. Wegen der lustigen Episoden, und vor allem wegen der Frage aller Fragen, der sich Asterix auf dem Schicksalsberg stellen muss. In den letzten Jahren allerdings bin ich darauf gekommen, dass ASTERIX BEI DEN BRITEN noch besser ist. Zum einen, weil er wesentlich liebevoller animiert ist, und die Zeichnungen wirklich hinreißend sind. Vor allem aber auch, weil die Autoren ganz offensichtlich unheimlich Spaß an ihrer Story hatten, und sich neben dem Haupterzählstrang ganz viele kleine Details haben einfallen lassen, die man beim ersten Anschauen oft gar nicht entdeckt, und die somit den Film auch über häufigeres Ansehen hinweg spannend und interessant halten. Obelix, der beim Verlassen des Wagendieb-Hauses mit der Maske des Räubers spielt, und damit ausschaut wie eine Mischung aus einem Panzerknacker und einem Waschbären. Der aufgefluffte Idefix vor dem Kaminfeuer im Pub. Der Legionär, der immer sein Pilum verliert. Und so einiges mehr …
Dazu kommt die Treue zum Text des Originals, die den Kenner und Liebhaber erst recht zum Lachen bringt. Und in der deutschen Fassung ist dann die dicke fette Sahnehaube, dass Chris Howland den Teefax spricht, und allein durch seinen Tonfall, den Akzent und die ins deutsche übernommene britische Grammatik zum sich vor Lachen Wegschmeißen animiert. Ein Animationsfilm eben …

Kurz: ASTERIX BEI DEN BRITEN ist auch bei der Viert- oder Fünftsichtung immer noch ein Feuerwerk an inhaltlichen und optischen Ideen. Das Asterix-Gegenstück zu einem Louis de Funès-Film. Aus Erfahrung ein Film, der auch an traurigen und trüben Scheißtagen die Laune auf das heftigste aufbessert.

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PostPosted: 23.04.2020 06:17 
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Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (Steven Soderbergh, 2013) 6/10

Dr. Jonathan Banks hat alles was man sich wünschen kann: Eine schöne und verliebte Frau, eine süßes Kind, ein schickes Appartement mit einer guten Adresse, eine gut gehende psychiatrische Praxis mit ebenfalls einer erstklassigen Adresse, einen Nebenjob als Pharmaberater, … In Summe ein arbeitsreiches und ausgefülltes Leben. Bis Emily Taylor in das selbige tritt. Emily ist depressiv und hat versucht sich umzubringen. Mehrfach. Und interessanterweise gerade zu dem Zeitpunkt, als ihr Mann aus dem Gefängnis entlassen wird. Neben einer regelmäßigen Therapiestunde verschreibt Dr. Banks ihr also Medikamente, ist ja auch am Einfachsten, und um die Krankengeschichte kennenzulernen trifft er sich mit Emilys früheren Ärztin, Dr. Victoria Siebert. Doch Dr. Siebert mauert, und die Verträglichkeit der Medikamente lässt zu wünschen übrig, also nimmt er Emily in eine neue Studie mit einem unerprobten Präparat auf. Zu Beginn ist das Ergebnis riesig: Emily hat Lebenslust. Sie kann lachen. Sie hat Sex. Sie ersticht sie ihren Mann und legt sich anschließend ins Bett.
Emily wird angeklagt, aber Dr. Banks schafft es, die Gerichtsverhandlung auf “nicht schuldig“ enden zu lassen und sie in eine psychiatrische Anstalt zu überweisen. Allerdings hat er bis dahin seine Praxis verloren (“Der Mann, der die Pillen einer Mörderin verschrieb“), seinen Beratervertrag (“Wie können sie es wagen, unsere Medikamente an eine Mörderin zu geben?“), und seine Frau (die eindeutige Fotos anonym zugeschickt bekommen hat). Und jetzt fangen seine Probleme erst richtig an! Denn er kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Emily zum Tatzeitpunkt geistig abwesend war, oder nicht vielleicht doch voll zurechnungsfähig …

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Nicht ungelungener Thriller, der geschickt einen Perspektivenwechsel (Der Film beginnt mit Emily, wechselt dann irgendwann über zu Dr. Banks, und endet aber wieder mit Emily) sowie eine anspruchsvolle Story miteinander verbindet. Und wenn der Regisseur nicht Steven Soderbergh hieße, dann wäre das Experiment auch sicher in die Hose gegangen. Aber Soderbergh ist ein alter Routinier und weiß genau, wie auch komplexe und anspruchsvolle Geschichten abwechslungsreich und spannend unter die Leute gebracht werden können. Ein Pluspunkt für den Film also …
Die Schauspieler geben nicht wirklich ihr Äußerstes, sind aber ordentlich anzuschauen. Einzig Rooney Mara als Emily lässt in Tiefen blicken, die wir eigentlich niemals sehen wollten, und entsprechend ist sie es auch, die den Film in trockene Tücher bringt. Jude Law, der über weite Strecken die Hauptrolle innehat, ist einfach zu distinguiert in seiner ganzen Art, um wirklich ein Gefühl für die Handlung zu geben (was übrigens in gleichem Maße für die Antagonistin Catherine Zeta-Jones gilt). Er wird nicht richtig in den Schmutz gezogen, den andere für ihn ausbreiten, stattdessen läuft er irgendwie immer auf diesem Dreck. Vielleicht, dass er bis zu den Knöcheln einsinkt, aber er hat diese Ausstrahlung, dass an ihm einfach nichts Schlechtes hängen bleiben kann. Was bestimmt in vielen Filmen hilfreich sein mag, hier ist das eher nicht so. Ein Saubermann im Kampf mit dem Fleckenteufel, und das Ergebnis ist ein Minuspunkt für den Film …

Trotzdem, SIDE EFFECTS macht Spaß und unterhält einen Abend lang. Kein Film für die Ewigkeit, aber für einen flotten Fernsehabend. Oder, um eine beliebte Floskel zu verwenden: Kann man sehen, muss man aber nicht …

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