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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: FRAU OHNE GEWISSEN - Billy Wilder
PostPosted: 23.04.2020 23:37 
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Gender: Female
"Frau ohne Gewissen" (Original: "Double Indemnity") (USA 1944)
mit: Barbara Stanwyck, Fred MacMurray, Edward G. Robinson, Jean Heather, Tom Powers, Byron Barr, Porter Hall, Richard Gaines, Fortunio Bonanova, John Philliber, Edmund Cobb, Betty Ferrington, Bess Flowers, Kernan Cripps, Sam McDaniel, Miriam Nelson u.a. | Drehbuch: Billy Wilder und Raymond Chandler nach dem Roman von James M. Cain | Regie: Billy Wilder

Walter Neff, ein ehrgeiziger Versicherungsvertreter, sucht einen Kunden auf, um sich die Verlängerung einer Police bestätigen zu lassen. Dabei lernt er dessen Frau kennen, die ihm im Gespräch unumwunden signalisiert, dass sie für ihren Mann gerne ohne dessen Wissen eine Lebensversicherung abschließen möchte. Zunächst zögert Neff, doch dann geht er der attraktiven Frau auf den Leim. Gemeinsam wollen sie ihren Mann töten und die doppelte Versicherungssumme kassieren, die in einem sehr seltenen Fall ausbezahlt wird: nämlich, wenn es zu einem Unglück in Verbindung mit der Eisenbahn kommt....

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Der Originaltitel ist wieder einmal vielschichtiger als sein deutsches Pendant, das nur die Skrupellosigkeit der Frau hervorhebt, ohne zu bedenken, dass der männliche Part mindestens genauso viel Schuld an dem Verbrechen trägt. "Double Indemnity" bedeutet "Doppelte Entschädigung bzw. Ersatzleistung", was sich auf die Versicherungssumme bezieht, die im Falle des Todes ausbezahlt werden muss. Im juristischen Sprachgebrauch wird es aber auch mit "Doppelte Sicherstellung" (gegen Strafe) übersetzt. Die Handlung erweist sich als nicht so eindeutig, wie man es von der Ausgangssituation erwarten könnte. Phyllis Dietrichson ist ein klassisches Exemplar des "Film Noir": Wir erfahren nichts über ihre Herkunft oder ihre Verwandtschaft und der einzige Hinweis auf die Zeit vor ihrer Ehe dient nur dazu, sie des Mordes an ihrer Vorgängerin zu überführen. Sie hat keine Freundinnen und die einzige Frau in ihrer Umgebung wird als Rivalin gesehen. Die wichtigste Person in ihrem Leben ist sie selbst. Um voranzukommen, nutzt sie jede Möglichkeit, doch da sie wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung keinen Beruf mehr ausübt, trägt sie ihre Kämpfe nicht an ihrem Arbeitsplatz, sondern auf familiärer Ebene aus. Ein ungeliebter, aber vermögender Ehemann steht der Freiheit und dem Wohlstand der Protagonistin im Wege. Ihr ganzes Denken konzentriert sich deshalb darauf, wie man ihn beseitigen könnte, ohne selbst in Verdacht zu geraten. Walter Neff wird als unauffälliger Versicherungsvertreter präsentiert, dessen Leben sich vor allem zwischen Büro und Außenterminen abspielt. Er hat nur einen Freund, seinen Arbeitskollegen Barton Keyes, dessen Verhalten ihm gegenüber zum großen Teil väterlicher Natur ist. Walter sehnt sich nach Abwechslung und Abenteuer und hat die Situation, welche seine Kundin Phyllis Dietrichson ins Auge fasst, schon oft im Geiste durchgespielt. Die Hemmschwelle, den Betrug auszuführen, ist sehr gering. Was den Mord anbelangt, so wird er nur als Begleitumstand gesehen, moralische Skrupel plagen Walter nicht. Vorerst nicht. Der Charakter des Mordopfers wird dem Publikum gerade so weit dargelegt, dass ein Bedauern über sein Ableben ausgeschlossen wird. Das Verhältnis zwischen Phyllis und Walter durchläuft nach dem Mord jedoch einen Wandel. Marschierte man zuvor gemeinsam und stand zueinander, bringen die Ermittlungen der Versicherungsgesellschaft den perfekten Plan ziemlich schnell zum Scheitern. Es ist offensichtlich, dass der Ablauf der Tat zwar minutiös durchdacht und umgesetzt, das Leben danach von beiden jedoch nicht organisiert wurde. Die Figur Nino Zachetti ist ein Beispiel dafür. Seine Anwesenheit wird eher beiläufig inszeniert. Er ist mit Lola Dietrichson befreundet und ähnelt in seiner Unbeherrschtheit ihrem Vater. Gegen Ende des Films wird suggeriert, dass er schon längere Zeit ein Verhältnis mit Phyllis unterhalte. Diese benutzte die Treffen mit ihm jedoch nur, um ihn von Lola fernzuhalten und den Versicherungsdetektiv glauben zu lassen, Nino wäre der Mann, der den Mord ausgeführt habe.

Barbara Stanwyck präsentiert einen Frauentypus, der faszinierend und prägend für eine ganze Filmepoche ist und sich ebenso unabhängig verhält wie die männlichen Figuren. Sie erweist sich ihnen dabei in puncto Durchsetzungsvermögen und Klugheit als ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Edward G. Robinson als Barton Keyes bezeichnet die Arbeit bei der Versicherungsgesellschaft als anspruchsvoll, da alle untersuchten Fälle Spiegel des Lebens voller Probleme seien. Ihm obliegt es, das Geständnis von Walter entgegen zu nehmen. Er hört die Beichte seines Freundes und er wird es sein, der ihn an die Gerichtsbarkeit ausliefert. So will es sein Pflichtgefühl und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Und so wollte es auch der Verhaltenskodex für Hollywood-Produktionen der damaligen Zeit. Neben den darstellerischen Leistungen beeindrucken auch weitere Komponenten des Films, wie die Musik von Miklos Rozsa, der im gleichen Jahr für "Spellbound" von Alfred Hitchcock mit dem Oscar prämiert wurde. Die stilvolle Ausleuchtung des Sets, die gestochene Schwarz-Weiß-Fotografie und die Wahl der Handlungsorte sprechen für eine düstere, aber ansprechende Atmosphäre. Trotz des damals noch geltenden strengen Reglements, das visuelle und akustische Elemente des Films nach moralischen Kriterien festlegte, gelingt es, die typischen Noir-Zutaten zu servieren. Vielleicht verhilft gerade die Diskretion, die Billy Wilder wahren musste, dem Film zu seiner geheimnisvollen Aura. Die sexuell aufgeladene Atmosphäre zu Beginn des Films, die jedoch nie in Unschicklichkeiten mündet, vertieft die Unnahbarkeit der Hauptdarstellerin und macht sie für das Publikum weniger fassbar. Trotz des verbindenden Verbrechens bleiben sich der Mann und die Frau im Grunde fremd und sobald sie nicht mehr an einem Strang ziehen, wird der Weg in den Abgrund freigemacht. - Ein Paradebeispiel für den Film Noir. Spannend, faszinierend und von nachhaltiger Wirkung, wobei sich die ganze Kraft und Schönheit des Klassikers erst bei mehrfacher Sichtung entfaltet und immer wieder neue Facetten enthüllt. Einen Filmklassiker wie "Frau ohne Gewissen" kann man immer wieder genießen, ohne das Gefühl zu haben, nur eine Zweitvorstellung zu sehen. Bei jeder neuen Sichtung erschließen sich Details und Nuancen, die man vorher nicht wahrgenommen, über die man nicht nachgedacht oder die man zunächst nicht hinterfragt hat. Neugierig geworden, erwirbt man meist erst nach dem Filmerlebnis weiterführende Literatur bzw. recherchiert in vorhandenen Unterlagen, um mehr Informationen zu bekommen und die Eindrücke zu vertiefen. Hierzu sei besonders das Büchlein "Double Idemnity" von Richard Schickel (BFI Film Classics bei Palgrave Macmillan) empfohlen, das sich hervorragend als Nachlese eignet. Begleitend kann man auch den Originalroman von James M. Cain konsultieren, der zusätzliche Angaben zum Tathergang oder der kriminellen Vergangenheit der weiblichen Hauptfigur enthält.

Barbara Stanwyck und Fred MacMurray sind das zentrale Paar des Films, obwohl man nach eingehender Betrachtung weitere Paarungen ausmachen kann; subtilere, aber auch vertrautere und sogar unbewusste. Da wäre zunächst die auf Profitdenken beruhende Ehe zwischen Phyllis und Mister Dietrichson. Sie wurde - von seiner Seite aus - in einer emotionalen Ausnahmesituation geschlossen und hat vor allem einen offiziellen Charakter. Sie ist ein Aktivposten in seiner Bilanz und aufgrund seiner häufigen Abwesenheit mehr Reizfigur für seine Tochter aus erster Ehe. Lola Dietrichson hasst ihre Stiefmutter, da sie - zu Recht - vermutet, sie habe ihre Mutter zu Tode "gepflegt". Lola unterhält eine Beziehung zu Nino Zachetti und begibt sich dabei von einer Abhängigkeit in die andere. Sie glaubt, sich von der Bevormundung ihres Elternhauses freimachen zu können, übersieht dabei aber, dass ihr "Verlobter" ebenso besitzergreifend und intolerant ist wie ihr Vater. Sie wird die Freiheit nicht erlangen, sondern nur den Gebieter wechseln. Die nachhaltigste menschliche Bindung besteht zwischen Walter Neff und seinem Arbeitskollegen Barton Keyes. Seit elf Jahren ist Neff als Versicherungsvertreter in der Firma tätig, in der Keyes seit sechsundzwanzig Jahren dafür sorgt, dass kein Cent zu viel oder unrechtmäßig ausbezahlt wird. Keyes wird derjenige sein, der seinem Freund in den letzten Momenten seines Lebens beisteht, der ihm verzeiht und ihm Rückhalt gibt. Die beiden sind wie ein altes Ehepaar, das aufeinander eingespielt ist, in dessen Beziehung es aber aufgrund täglicher Routine und Gewöhnung nicht mehr prickelt. So ist es möglich, dass eine frische Brise wie die verführerische Phyllis Dietrichson Raum für sich beanspruchen kann und das Denken und Handeln von Walter Neff ganz und gar beeinflusst. Ihr Auftritt wird im Roman wie folgt beschrieben: "A woman was standing there. I had never seen her before. She was maybe thirty-one or -two, with a sweet face, light blue eyes, and dusty blonde hair." Um sich nach dem Mord und den beginnenden Verdächtigungen von Keyes ein wenig Luft zu verschaffen, trifft sich Walter mit Lola. Die beiden speisen zusammen und fahren am Sonntag ins Grüne. Diese Atempause soll den Zuseher auf die Klimax vorbereiten, die jeden Weg zurück für immer versperren wird. Das erhoffte Geld, die doppelte Versicherungssumme in Höhe von 100.000 Dollar wird freilich nie ausbezahlt. Den Zeitpunkt der Entstehung sieht man dem Film nicht an. Wie Schickel unter einer Fotografie aus einer Drehpause vermerkt:"Stanwyck and MacMurray shooting at a Los Angeles supermarket in wartime, the shelves groaning with food and guarded by members of the L.A.P.D." Auch die Kostümabteilung unter Edith Head leistete ihren Tribut: So trägt Phyllis ("Die Frau mit den kalten, harten Augen") z.B. bei ihrem ersten Besuch bei Walter einen schlichten Pullover, ein eng anliegendes Modell, unter dem man ihren Büstenhalter erkennen kann. "I never loved you, Walter," bekennt sie am Ende freimütig. "Ich hab dich ja auch gern," so das Fazit von Neff zu Keyes. Der Preis, den Walter Neff für die Erfüllung seiner (erotischen) Phantasie gezahlt hat, war zu hoch.


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