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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 19.07.2011 20:10 
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Orginaltitel: Imputazione di omicidio per uno studente
Darsteller: Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Giuseppe Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly
Jahr: 1972
DVD / Video: UFA (Video)

Inhalt:

Bei Studentenprotesten an der Architektur-Fakultät eskalieren die Ereignisse. Die Polizei greift mit Schlagstöcken an, während die Studenten mit Steinen antworten und auf die Polizisten zustürzen. Als im Gemenge ein Schuss fällt und ein Student getroffen zu Boden fällt, verliert Fabio Sola (Massimo Ranieri) vor Wut die Kontrolle und schlägt mit einem zufällig auf dem Boden gefundenen Schlagring auf einen Polizisten ein. Dieser bleibt ebenfalls tot liegen.

Um den Schuldigen für den Tod ihres Kollegen zu finden, werden wahllos Studenten festgenommen, bevor der gleich zu Beginn der Demo verhaftete Massimo Trotti (Luigi Diberti) als Hauptverdächtigter präsentiert wird. Richter Sola (Martin Balsam) bekommt die Ermittlungen übertragen, ohne zu ahnen, dass sein Sohn der wirkliche Täter ist... ofdb

Toller Suspense-Thriller mit Polit-Einschlag im Stil von Elio Petri und Damiano Damiani.
Regisseur Bolognini zieht die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht durch ein simples Whodunit-Spielchen an, der Film zehrt hauptsächlich aus dem Dreiecks-Beziehungsgeflecht von Martin Balsam zu seinem Sohn und zu dem Rechtssystem. Balsam spielt hier den aufrichtigen Rechtsdiener, der irgendwo zwischen der extremen Linken (vertreten durch seinen Sohn und seinem inhaftierten Genossen) und den rechtkonservativen Kräften (hier der Polizeiapparat) oszilliert und dabei versucht den unmöglichen Spagat zwischen Gerechtigkeit und Familienzusammenhalt zu meistern.
Auf das Wesentliche heruntergebrochen ist Bologninis Film eigentlich der allzu bekannte Kampf zwischen alt und jung. Geschickt setzt es immer wieder subtile Seitenhiebe gegen Politik und Gesellschaft, wie zb in einer Szene als Balsam in ein Waffengeschäft geht und aus Recherchegründen ein Patrone kauft und dann resigniert zu seiner Frau sagt: "Nur 50 Lire für ein Menschenleben."

Untermalt wird das ganze von einem herrlichen Morricone-Score (der mich stark an seinen DER PROFI -Theme erinnert).

Bisher gibt's dieses gelungene Stück Italo-Kino nur gelegentlich im TV zu bewundern. Auf Video erschien das Teil in den späten 80er unter dem reisserischen Titel ITALIAN STREETFIGHTERS bei UFA. Keine Ahnung was die sich dabei gedacht haben, aber wahrscheinlich wollten die solch Action-Prolleten wie mich damit ködern...


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 19.07.2011 20:17 
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TRAXX wrote:

Auf Video erschien das Teil in den späten 80er unter dem reisserischen Titel ITALIAN STREETFIGHTERS bei UFA. Keine Ahnung was die sich dabei gedacht haben, aber wahrscheinlich wollten die solch Action-Prolleten wie mich damit ködern...



Klingt wirklich gut ... du möchtest nicht rein zufällig die VHS loswerden ? ;)


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 19.07.2011 20:30 
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Operazione Bianchi wrote:
TRAXX wrote:

Auf Video erschien das Teil in den späten 80er unter dem reisserischen Titel ITALIAN STREETFIGHTERS bei UFA. Keine Ahnung was die sich dabei gedacht haben, aber wahrscheinlich wollten die solch Action-Prolleten wie mich damit ködern...



Klingt wirklich gut ... du möchtest nicht rein zufällig die VHS loswerden ? ;)

Wenn ich se hätte dann eventuell schon... ;)

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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 20.07.2011 08:19 
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TRAXX wrote:
Auf Video erschien das Teil in den späten 80er unter dem reisserischen Titel ITALIAN STREETFIGHTERS bei UFA. Keine Ahnung was die sich dabei gedacht haben, aber wahrscheinlich wollten die solch Action-Prolleten wie mich damit ködern...


Hat ja auch funktioniert. ;)

Die Suche nach dem Film lohnt sich aber wirklich, und teuer dürfte der auch nicht sein.


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 07.08.2011 14:54 
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Der ist ja vor kurzem im Tv gelaufen, hab ihn mir natürlich aufgenommen. ;) Gestern war es dann soweit...
Sehr starker Film! Martin Balsam wie immer ne wucht! Wie Traxx schon schrieb hauptaugenmerk liegt auf Balsam, seinem Sohn und dem Rechtssystem. Balsam als Richter muss den Mord an einem Polizisten, sowie an einem Studenten aufklären und sein Sohn ist darin schwer verwickelt was Balsam arg in die enge treibt.
Sein Sohn glaubt er wäre nur daran interessiert den Mörder des Polizisten zu finden und sich nen dreck um den Studenten zu kümmern. Zudem wurde ein unschuldiger als Polizistenmörder eingelocht und man dreht alles so hin das dieser schuldig ist, obwohl er es gar nicht gewesen sein kann...
Jaja das bübchen entfernt sich immer mehr von seiner Familie was der Mutter arg zu setzt. Auch macht man seine Freundin dafür verantwortlich das er auf die Schiefe bahn gerät...
Als der Junge untersuchungsankten seines Vaters abschreibt und an die Presse weiter gibt, scheint Balsam am ende, es kommt aber noch dicker!
Sau starkes ende! Er steht ja für Gerechtigkeit, muss aber auch die Familie unter einem hut bringen und tut am ende genau das richtige Finde ich ;)

Unbedingt mal ansehen den Film! 9/10. Die Ard hat ihn in einer spitzenqualli ausgestrahlt! ;)

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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 27.04.2014 20:09 
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Diesem hier vorliegenden Justiz- und Politthriller, der thematisch in die Ära der it. Studentenproteste Anfang der 70er eingebettet ist, konnte ich so einiges abgewinnen. Top Film :jc_doubleup:

Hierbei handelt es sich um eine weitreichende Verknüpfung aus unterschiedlichen Wertehaltungen und politischen Weltanschauungen, dem grundsätzlichen Generationskonflikt, Auswirkung staatlicher und politischer Gewalt, Beziehungskonflikte zwischen Beruf und Familie und den Grenzen der Rechtsprechung.

Hier gerät ein Unschuldiger in die Mühlen der Justiz und wird zum Spielball eines von Absichten und Ansichten Einzelner gesteuerten Justizverfahrens.
Die häufige Inkompatibilität zwischen Wahrheit & Gerechtigkeit und der eigentlichen Intention der entsprechenden Gesetzgebungen (die aber agesichts des späteren tatsächlichen Urteils z.B. aufgrund der hohen Anzahl im Strafprozess involvierten Entscheidungsträgern mit wiederum individuell-breitgefächerten Entscheidungs- u. Auslegungsspielräume und überwiegend interessensabhängigen Handlungsweisen meist ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt nicht mehr entspricht) wird hier gut im Handlungsverlauf der Geschichte dar gestellt.

Martin Balsam spielt die Rolle des ermittelten Richters routiniert gut und muss sich letztendlich zwischen seinen Pflichten als Vater und zwischen den Pflichten seiner beruflichen Position entscheiden, ein Problem was er meines Erachtens am Ende des Films bestens löst :good: Mehr zur eigentlichen Story wurde ja bereits zuvor geschrieben.

Das Drehbuch ist gut durchdacht und der Handlungsverlauf behält die Spannung den gesamten Film über bei. Der Soundtrack von Ennio Morricone ist (wie meistens) mehr als gelungen.

8,0 / 10,00 Pkt.

Ps: Wusste gar nicht, dass die italienische Polizei auch Maklerbüros unterhielt, da in einem Dialog (dt. Synchronisation) zwischen dem Richter und dem ermittelten Kommissar (Dialog wgn. Veröffentlichung konkreter Sachstände des laufenden Verfahrens) ganz klar eine "Haussuchung" angeordnet wird ... und sogar direkt im Anschluss noch 1x ganz klar von der Synchronstimme Balsams bestätigt :mrgreen: Scheinbar war der richtige Begriff einer "Hausdurchsuchung" dem zuständigen Synchronstudio bzw den beiden Sprechern zu der damaligen Zeit nicht geläufig......

"Passender" Trailer zur VHS Fassung "Italian Street-Fighters" ;)
[BBvideo]http://www.dailymotion.com/video/xwvbm7_mordanklage-gegen-einen-studenten-german-trailer_shortfilms[/BBvideo]

www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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 Post subject: Re: AW: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 27.04.2014 21:32 
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Haussuchung ist doch die korrekte Vokabel.

Der Film, wie auch die Titelmelodie, ist sehr gelungen.


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 27.04.2014 21:36 
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Ok, Danke für den Hinweis.... hab's gerade mal überprüft und muss sagen, es ist tatsächlich korrekt. Somit zur Richtigstellung: Mir war dann der Begriff Haussuchung nicht geläufig...... ;) (wieder etwas gelernt)


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 01.08.2014 13:22 
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Herrliches Filmchen!
Mauro Bolognini geht hier das Thema Politthriller von einer anderen Seite an, als üblich, also gibt's hier keine Verstrickungen von Politik und Mafia gegen die die Polizei vorgeht, sondern einfach nur einen Richter, der hin und her gerissen ist, zwischen seiner Familie (speziell seinem Sohn) und der Pflichterfüllung; ist, wie ich finde, auch eine gute Art.
Martin Balsam in der Rolle des Richters, Massimo Ranieri als Sohn des Richters, dazu noch die beiden Bullen (Pino Colizzi und Turi Ferro) zwei miese Ratten, denen man am liebsten persönlich eine in die Fresse hauen würde und der unschuldig inhaftierte Massimo Trotti (Luigi Diberti); dieses Quintett ist in ihren jeweiligen Rollen einfach genial und sorgt dafür, dass nie Langeweile aufkommt.
Am Drehbuch hat auch wieder Ugo Pirro mitgearbeitet, womit der Film also nur genial sein kann, denn wenn er an einem Drehbuch zu einem Politthriller arbeitet, ist das schon eine Garantie für gute Unterhaltung.
Desweiteren kommt die Musik auch noch von Ennio Morricone und damit sollte endgültig klar sein, das wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun haben.
Die Kameraarbeit von Giuseppe Ruzzolini ist ebenfalls hervorragend, vor allem bei den Unruhen am Anfang und bei der Szene als die Studenten von irgendwelchen anderen Typen (weiß nicht mehr, wer das war) angegriffen werden.
Es fasziniert mich immer wieder, wie man solche Massenszenen so packend inszenieren und filmen kann.
Da brauch ich auch gar keine ausgeprägte Charakterzeichnung oder irgendwelche besonderen Ideen.
Das einzige, was man vielleicht kritisieren könnte, ist die fehlende Intensität der emotionalen Szenen; in diesem Fall eben die Streitereien zwischen Vater und Sohn. (Was mich aber nicht wirklich gestört hat)

Fazit: Mit diesem Film braucht sich Bolognini nicht vor Damiani verstecken! Ganz klar in der Oberklasse anzusiedeln!
9,5/10


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 01.08.2014 15:25 
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Den habe ich leider verpasst, da auf arte zeitgleich "Der große Stau " von Luigi Comencini lief, dieser Film fesselte mich so sehr, dass ich diesen hier unterschlagen haben :? :x

Aber sonst sehe ich solche Filme a la Damiano Damiani sehr gerne :!: :)


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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 10.08.2014 20:34 
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Wow, was für ein Film. Kann mich euren Lobeshymnen nur anschließen und ziehe ebenfalls die 9 von 10. Klasse Soundtrack dazu noch von Maestro Morricone.

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 Post subject: Re: MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN - Mauro Bolognini
PostPosted: 26.05.2020 10:35 
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Mordanklage gegen einen Studenten
Imputazione di omicidio per uno studente
Italien 1972
Regie: Mauro Bolognini
Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Pino Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly, Mariano Rigillo, Carlo Valli, Sergio Enria, Gino Milli


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OFDB


Eine Demonstration von Studenten endet in einer schrecklichen Schlacht, und übrig bleiben zwei Tote: Ein erschlagener Polizist, und ein erschossener Student. Der Untersuchungsrichter Aldo Sola wird beauftragt, die beiden Schuldigen zu finden, aber seitens der Polizei ist eigentlich klar, dass die Sache mit dem toten Studenten ein Unfall, und damit nicht wirklich relevant ist. Tragisch, aber unwichtig. Wichtig ist nur derjenige Student, der grausam und vorsätzlich den Polizisten erschlagen hat. So zumindest sieht es Kommissar Cottone, für den Studenten allesamt nur rauschgiftsüchtige Verbrecher sind …
Ein Schuldiger ist auch gleich gefunden, der Architekturstudent Massimo Trotti, der sich mit der üblichen Mischung aus Trotz und Ressentiments gegen die da oben natürlich kaum in eine bessere Lage bringen kann. Dabei weiß zumindest der Zuschauer sehr früh, wer der denn der wahre Täter ist: Es ist Fabio Sola, der Sohn des Untersuchungsrichters, der sich auch gerne stellen möchte. Aber seine Freunde raten ihm ab: Solange eine Untersuchung gegen den unschuldigen Trotti läuft, solange kann die Propagandamaschine laufen! Richter Sola hat nun drei Probleme am Hals: Er versucht zwar die Unschuld Trottis aufzuzeigen, hat aber gegen die Indizien keine wirkliche Handhabe. Er versucht, die Polizei dazu zu bewegen, wenigstens eine Liste mit Waffeninhabern eines bestimmten Kalibers zu liefern, was diese aus Selbstschutz ins Leere laufen lassen. Und er versucht die Beziehung zu seinem Sohn zu behalten, der sich zunehmend von der Familie entfremdet.

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MORDANKLAGE… ist ein Film, der gemeinsam mit dem kurz vorher entstandenen METELLO aus dem Oeuvre von Mauro Bolognini seltsam herausragt. Bolognini hat in seiner langen Karriere viele Filme gedreht (laut der OFDB immerhin 46 Stück), und ist dabei quer durch die Genres galoppiert, wobei es inhaltlich meistens Literaturverfilmungen, Dramen und Komödien rund um die Liebe waren. MORDANKLAGE… ist prinzipiell ebenfalls ein Drama, hat dabei aber einen, in der Gesamtbetrachtung ein wenig fremd wirkenden, aktuellen Zeitbezug, der den Film in eine Richtung laufen lässt, die falsche Erwartungen weckt, und den Zuschauer am Ende fast nur enttäuschen kann. Aber warum? „Mordanklage gegen einen Studenten“, das klingt vielverheißend, wie eine Mischung aus Polizotto und Politkrimi, wie ein Crossover aus Umberto Lenzi und Damiano Damiani, vielleicht noch mit einem guten Schuss Giallo. Was passiert hier?

Wir starten mit einer Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten, und diese Schlacht ist hochgradig dynamisch und gefühlsecht gefilmt. Bilder von geprügelten Ordnungshütern und blutig zusammenbrechenden Demonstranten wecken zu allen Zeiten Emotionen, ob nun in die eine oder in die andere Richtung, und die Bilder der eingesperrten Jugendlichen wecken zumindest heute Erinnerungen an die Vorfälle bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Genua 2001. (Die Richtung der anschließenden Ermittlungen seltsamerweise ebenfalls.) Emotionen eben.
Anschließend lernen wir den Richter Sola kennen und stellen fest, dass er eine Sympathiefigur ist. Und dass er durchaus versucht, ausgewogen zu urteilen und in beide Richtungen zu ermitteln, so man ihn denn lässt. Wir lernen auch seinen Sohn Fabio und dessen Freunde kennen. Wir lernen, dass diese Gruppe keine Kommunisten sind sondern Studenten, und damit vermutlich für die Erneuerung des Staates und gegen die Repression kämpfen, wohl aber nicht unter speziellen politischen Vorzeichen (1). Wir besuchen Kellerclubs in denen Folkmusik gemacht wird, und schlussendlich lernen wir die großbürgerliche Familie von Fabio kennen, die er allein schon deswegen ablehnt, weil sie durch und durch bourgeois ist.

Nach dem actionlastigen Auftakt läuft der Film nun also in erheblichem ruhigerem Fahrwasser, die Spannung bezieht die Geschichte auf anderen Wegen. Denn die Ermittlungen des Richters laufen nicht so richtig rund, und man merkt deutlich wie alle Gruppierungen, die an den Untersuchungen beteiligt sind, ihre Fallstricke auswerfen und den persönlichen Vorteil über die Wahrheitsfindung stellen. Was Solas Arbeit nicht gerade einfach macht.
Aber dieser, ich möchte es mal Krimianteil nennen, rutscht nach und nach immer mehr in den Hintergrund, um Platz zu machen für ein Familiendrama: Fabio nabelt sich von seinen Eltern ab, und die können gar nichts dagegen tun. Zwar versucht Vater Sola, ein Verständnis für die Jugend der Welt zu bekommen. Er stellt sich sogar mit seinem Sohn hin und diskutiert mit ihm beim Flippern, aber letzten Endes kann auch er nicht aus seiner Haut, wie die meisten Väter in dieser Situation. Was der Sohn, wie die meisten Söhne in diesem Alter, nicht akzeptieren kann.

Was dann wiederum zur Klimax zumindest des politischen Teils führt: Der Sohn gesteht dem Vater den Polizistenmord, der in Wirklichkeit nichts anderes als eine Tat im Affekt war, übergibt ihm das Tatwerkzeug, einen Schlagring, und verspricht sich zu stellen, wenn der Mörder des Studenten gefasst wurde. Sola muss also seine Ermittlungen intensivieren, allerdings wird das der Polizei, die sowieso schon über alle Maßen mauert, überhaupt nicht schmecken. Gleichzeitig gerät Sola damit in einen Konflikt: Es wird immer dieser Geruch der familiären Einflussnahme an ihm haften bleiben. Eine Ahnung von Vetternwirtschaft weht heran, und die Polizei, die sich recht undifferenziert als neo-faschistische Schlagstock-Einheit präsentiert, würde Sola mit dem allergrößten Vergnügen in der Luft zerreißen.

Eine schwierige Situation für Sola, doch ist dieser politische Krimi wie erwähnt nur die Rahmenhandlung, innerhalb derer das eigentliche Drama passiert: Das Drama, eine Familie auseinanderbrechen zu sehen. Miterleben zu müssen, wie Strukturen, die über Jahre hinweg funktioniert haben und eine sichere Heimat boten, plötzlich zerbrechen unter dem Einfluss unwägbarer Kräfte. MORDANKLAGE… ist in seiner hauptsächlichen Stoßrichtung somit nichts anderes als eine filmische Untersuchung über das schwierige Verhältnis von Eltern und Kindern in einer schwierigen Zeit.

Quote:
„Falsche Ideen machen mehr Angst als Drogen“. „Und wer sagt, welches die falschen Ideen sind?“


Der politische Teil von MORDANKLAGE… ist deutlich in den frühen 70er-Jahren zu verorten, und kann schnell einmal etwas unzeitgemäß wirken. Studenten, die mit dem Matrizenkopierer agitative Flugblätter vervielfältigen. Straßenkämpfe zwischen Linken und der Polizei. Angriffe rechter Schläger auf linke Studenten. Vieles, was in dieser Intensität vor allem in dieser Zeit stattgefunden hat und danach nicht mehr, wobei der letzte Part, die Überfälle rechter Schlägertrupps, im deutschsprachigen Raum in den 70ern eher die Ausnahme waren. Ein italienisches Phänomen, das wir spätestens in Carlo Lizzanis SAN BABILA, 20 UHR: EIN SINNLOSES VERBRECHEN aber als Alltag in den italienischen Großstädten kennengelernt haben. Aber auch wenn dieser Teil mittlerweile leider wieder aktueller geworden ist, so macht sich hier aus heutiger(!) Sicht doch ein gewisser Hang zur Nostalgie breit: Was waren wir damals nicht für tolle Hechte, in unserer autonom-revolutionären Zeit …

Der persönliche Teil des Films, das ist derjenige der innerhalb der Narration wirklich zählt. Der Konflikt zwischen dem Vater, der sich in wechselnden Zeiten eine Existenz aufgebaut hat, der eine Familie gegründet und Aufgaben übernommen hat, gegenüber dem Kind, welches das, was der Vater darstellt, grundlegend ablehnt und niederreißen möchte.

Quote:
„Was bis Du geworden?“ „Alles was Du nicht wolltest.“


Diesen Part dürften die meisten von uns kennen, und sich in Fabio vielleicht sogar wiedererkennen. Wobei nicht jeder einen Vater wie den Untersuchungsrichter Sola hat, der versucht Verständnis für die Rebellion aufzubringen und sich seine Gedanken zu den Ereignissen macht. Und der seinen Sohn so sehr liebt, dass er sogar versucht mit ihm gemeinsam zu flippern. Das dramatische Ende des Films mag vielleicht ein klein wenig übertrieben wirken, birgt aber einen Funken Hoffnung in der düsteren Stimmung eines Revolutionärs, der meint sich von seinen Eltern abwenden zu müssen: Vielleicht wird ja doch noch alles besser. Und vielleicht kommen die Generationen ja doch noch irgendwie und irgendwann zusammen. Giordano Lupo schreibt dazu: „Heute, wo politische Gründe Generationen nicht mehr trennen, weil niemand mehr an Politik glaubt, gibt es immer noch einen Abgrund, in dem Eltern und Kinder voneinander getrennt werden können. Manchmal fragen wir uns, was unser Sohn geworden ist, und wir antworten traurig: Genau das, was wir nicht wollten. Allein durch die Sichtung dieses Films ist der Zweifel entstanden, dass wir etwas falsch gemacht haben, und vielleicht sollten wir - wie Richter Sola - den Mut haben, anzuhalten und nachzudenken und zu versuchen, zu verstehen.“ (2)

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MORDANKLAGE… ist ein guter Film, und er ist auch heute noch ein wichtiger Film. Was MORDANKLAGE… aber definitiv nicht ist, ist ein Meisterwerk des politischen Thrillerkinos, denn dann hätte er, wie zum Beispiel Damianis ICH HABE ANGST, eine komplett andere Ausrichtung und eine andere Aussage. Ganz im Gegenteil schafft es Bolognini sogar, eine Ausgewogenheit zwischen den politischen Lagern darzustellen, und beide Seiten, sowohl die Polizei wie auch die Protestierenden, in ein gleichermaßen gutes Licht zu stellen. Jede der Gruppen hat ihre Daseinsberechtigung, und jede Gruppe hat ihre guten und ihre schlechten Beteiligten. Ein Umstand, wegen dem MORDANKLAGE… selbst in Italien keine größere Beachtung fand, da im Jahre 1972 die Extremisierung der Proteste sowie ihre gewalttätige Bekämpfung bereits in vollem Gange war. Ausgeglichenheit war nicht das Motto der Zeit.
Auch war Bolognini niemals ein politischer Filmemacher, und er ist es auch hier nicht, in dieser vermeintlichen Ausnahme zu seinem sonstigen Filmschaffen. MORDANKLAGE… ist ein sehr persönlicher Film, ein Familiendrama mit einem spannenden und politischen Aufhänger und außergewöhnlich aufspielenden Schauspielern. Gekonnt werden die beiden Pole einer (nicht nur damaligen) Jugend, nämlich Rebellion und Familie, Politik und soziales Umfeld, gegeneinander abwägt und geschickt miteinander verbunden, und dieses Spannungsfeld ist interessant und dramatisch, aber es ist, wie gesagt, eben kein reiner Polit-Thriller. Was dann allerdings auch schnell mal zu falschen Erwartungen und, daraus resultierend, zu Enttäuschungen führen kann. Vor allem, wenn man vor der deutschen Videokassette mit dem reißerischen Titel ITALIAN STREET-FIGHTERS steht, und sich in einem Actioner, irgendwo zwischen Joschka Fischer und Renato Curcio , wähnt …

(1) Da die Synchronisation der deutschen VHS bei der DEFA erstellt wurde, möchte ich mich für die inhaltliche Korrektheit dieser Aussagen nicht verbürgen! Möglicherweise ist das im Originalton auch genau andersherum …
(2) Quelle: *** The link is only visible for members, go to login. ***

6/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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