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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 20.07.2018 16:38 
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Michael Caine   in

DIE SCHWARZE WINDMÜHLE

● THE BLACK WINDMILL / DIE SCHWARZE WINDMÜHLE (GB|1974)
mit Delphine Seyrig, Donald Pleasence, Clive Revill, John Vernon, Joss Ackland, Catherine von Schell und Janet Suzman
eine Produktion der Universal Pictures | im Verleih der Cinema International Corporation
ein Film von Don Siegel


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»Es ist widerlich, was dieser Job aus dir gemacht hat!«

Der Sohn des britischen Geheimagenten Major John Tarrant (Michael Caine) wird von rücksichtslosen Waffenhändlern entführt und verschleppt. Wenig später geht eine beinahe unlösbare Forderung ein und die Entführer drohen, den Jungen zu töten, falls die strengen Bedingungen nicht eingehalten werden. Tarrants Frau Alex (Janet Suzman) steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch, doch rauft sich zusammen, um ihrem Mann zu helfen, der einen gefährlichen Alleingang plant, zumal er feststellen musste, dass es Korruption und Verrat in den eigenen Reihen gibt. Die Zeit drängt und immer mehr Beteiligte werden liquidiert, doch es taucht ein entscheidender Hinweis auf, der John zu der sogenannten schwarzen Windmühle führt...

Zwei Jungen spielen ausgelassen mit ihrem Modellflugzeug und um die Situation bestmöglich zu simulieren, findet dies alles auf einem alten Militärstützpunkt statt. Schnell eskaliert die Situation, als sie aufgegriffen und entführt werden. Don Siegels Entführungs-Thriller "Die schwarze Windmühle" schlägt somit einen schnellen Weg in Richtung Spannung ein, der wenige Augenblicke später seinen vorläufigen Höhepunkt in der Kunst der Pyrotechnik findet. Mitwisser dieser perfiden Aktion werden einfach ausrangiert. Die Drahtzieher besitzen noch perfidere Gesichter, um nicht zu sagen Engelsgesichter, um Kontraste innerhalb der Besetzung anzudeuten, die hier absolut traumhaft ist. Das Thema Kindesentführung wirkt stets so, als ob man einen Finger in eine Wunde legt, da es sich um eines der Verbrechen handelt, die am abscheulichsten und dementsprechend wenigsten nachvollziehbar sind. Das Ausspielen von völlig ungleichen Machtverhältnissen wirkt auch hier wie ein sich immer weiter zuziehender Strick, der die Betroffenen und Opfer im Würgegriff hält. Auffällig ist dennoch die manchmal gespenstische Ruhe des Szenarios und gewisser Personen, obwohl die Situation eigentlich laut aufschreien möchte. Kühle Köpfe und sachliche Überlegungen sind somit von den Charakteren, aber auch von der Regie gefragt, die hier überaus linear vorzugehen pflegt. Eine frühe Wendung sorgt für einen verwirrenden Paukenschlag und die Karten werden begrüßenswerterweise neu gemischt, sodass sich die Stärken des Films alleine schon aus der Strategie ergeben, Verdächtige zu liefern, die in wirklich allen Himmelsrichtungen und Gesellschaftsschichten zu finden sein könnten. Nach fortlaufender Zeit kommt einem der mysteriös klingende Titel des Films wieder ins Gedächtnis und wirft Fragen auf, ob es sich nur um ein Codewort handelt, oder möglicherweise tatsächlich um einen Ort des Grauens.

Um das Finden wichtiger Antworten zu gewährleisten, wird die Geschichte von einem im Genre sehr erfahrenen Michael Caine getragen. Von seinen Agenten-Figuren geht stets ein besonderer Reiz aus, da er dem weltmännisch und in besonderem Maße aristokratisch wirkenden Briten ein überaus dichtes Profil zu geben weiß. Auch hier fallen schließlich seine pragmatische Art und sein kühler Kopf auf, die als wichtige Eigenschaften trotz tödlicher Gefahr im Vordergrund stehen. Janet Suzman bietet das Kontrastprogramm der verzweifelten Mutter an, deren Angst und Hysterie sehr greifbare Momente erfahren. Im Umfeld der Tarrants finden sich weitere namhafte Interpreten wie beispielsweise Donald Pleasence oder John Vernon, die beide durch präzise, beziehungsweise bestimmende Charakterzeichnungen auffallen. Ein nettes, kurzes, aber ebenso pikantes Wiedersehen gibt es mit der schönen Catherine von Schell und selbstverständlich der großartigen Delphine Seyrig, die die ganze Palette der Wandlungsfähigkeit erneut zu bestimmen versucht. Regisseur Don Siegel nimmt sich den Luxus von Zeit, die ironischerweise in seinem Film davonzulaufen droht. Im Rahmen eines Zeitdiktats entstehen sehr gute Momente, doch letztlich hätte der Verlauf hier und da forciert werden müssen. Action ist verhältnismäßig wenig zu sehen, zugunsten der Konzentrierung auf ausladende Dialoge und einer breit angelegten Vorstellung der Charaktere. Ein satter Showdown und etliche gute Ideen, die man auf dem Weg dorthin vermittelt bekommt, sorgen für einen guten Gesamteindruck, ohne allerdings den ganz großen Wurf zu präsentieren. Die Stärken entstehen letztlich aus der Besonnenheit der Inszenierung, die Eleganz, Flair und genügend britisches Zeitkolorit zu vermitteln weiß. Abgerundet durch hervorragende Schauspieler, wirkt "Die schwarze Windmühle" ebenso frisch wie bestimmend, vor allem aber sehenswert aufgrund seiner hohen Qualitätsansprüche.


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 Post subject: Re: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 26.07.2020 13:52 
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THE BLACK WINDMILL



Für mich gewinnt der Film mit jeder neuerlichen Seherfahrung wesentlich hinzu. Bei meiner Erstsichtung vor vielen Jahren im TV hatte ich noch deutlich die „Action“ vermisst – und verglichen mit Siegels DIRTY HARRY, oder auch mit seinem CHARLEY VARRICK, nimmt THE BLACK WINDMILL sich äußerst viel Zeit, bis am Schluss der Fall actionreich aufgelöst wird. Der Plot konzentriert sich mehr auf die Ausformung seines unterkühlten Protagonisten, der zunächst als loyaler und dienstbeflissener Agent vorgestellt wird. Dies ändert sich jedoch im Laufe der Handlung,
als „John Tarrant“ die Machenschaften aus den eigenen Reihen erkennt, und er einsehen muss, dass sein Sohn als billiges Opfer für eine interne Intrige herhalten muss.


Siegel, der hier wieder einmal einen Einzelkämpfer zeigt, welcher gegen das (eigene) „Machtsystem“ antritt, referiert in THE BLACK WINDMILL auffällig häufig auf das Genre des Agententhrillers, indem er beispielsweise Tarrants Vorgesetzten den Namensversprecher „Sean Connery“ in den Mund legt oder auch einen schussfähigen Trickkoffer vorstellt, wie es denn etwa „Q“ in den Bondfilmen mit ähnlichen Gadgets praktizieren würde. Doch wie oben bereits angedeutet: THE BLACK WINDMILL unterscheidet sich von den leichtverdaulichen „Bonds“ ganz zentral, ist in seiner Erzählweise eher sperrig, und so werden von Regisseur Siegel manche Szenen übermäßig ausführlich ausgespielt (zum Beispiel die Flucht von Tarrants Exfrau durch London), wodurch Siegels Film authentischer wirkt – als wäre hier „das echte Leben“ am Werk, welches eben unberechenbar ist. Man könnte somit in THE BLACK WINDMILL einen Vorgriff auf die späteren Siegelfilme THE SHOOTIST und ESCAPE FROM ALCATRAZ sehen, wo ebenfalls die üblichen Genreformeln „wirklichkeitsnah“ verschoben sind, wobei Siegels TELEFON (Koch Media bitte übernehmen!!!) das Agentenmotiv aus THE BLACK WINDMILL sodann überstaatlich weiterspinnt. Wie Prisma in seiner Besprechung schon angeführt hat, ist die Besetzung und die schauspielerische Darstellung in THE BLACK WINDMILL ganz ausgezeichnet ausgefallen. Neben Michael Caine und Donald Pleasence möchte ich außerdem noch John Vernon herausheben, den ich immer sehr gerne in seinen Rollen mir anschaue. Und Delphine Seyrig kann in manchen ihrer Szenen dann auch nicht ihre angeborene Eleganz „verheimlichen“, die sie in BLUT AN DEN LIPPEN so vollständig ausleben durfte. Das Entführungsthema, das hier im Agententhriller-Kontext eingesetzt wurde, kam dann ein Jahr später in Fernando Di Leos AUGE UM AUGE abermals in die Kinos – und sowohl Siegels als auch Di Leos Film möchte ich einen interessanten Erzählansatz bescheinigen, der weit über den üblichen Genremustern angesiedelt ist…


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 Post subject: Re: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 27.07.2020 16:42 
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Ja, die Action habe ich beim ersten Schauen auch vermisst, jetzt nicht mehr, so ging es mir auch.
Was ich an dem Film jetzt auch sehr schätze, wie viel man von London sieht und wie viele Innenräume und Wohnungen, die keine Studiobauten sind. Da ist die Atmosphäre schon die halbe Miete.

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 Post subject: Re: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 27.07.2020 18:43 
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Prima, die Infos und Meinungen kommen genau zur rechten Zeit, unser nächstes Heft geht über Michael Caine.

Eine Sache stimmt nicht ganz: Wenn der Film von 74 ist, war Caine in diesem Genre noch nicht sehr erfahren.

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 Post subject: Re: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 27.07.2020 18:45 
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Korrektur: Ich dachte, es geht ums Horrorgenre. Wenn Agentenfilme gemeint sind, war er natürlich erfahren.

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 Post subject: Re: DIE SCHWARZE WINDMÜHLE - Don Siegel
PostPosted: 01.08.2020 21:27 
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Howard Vernon wrote:
Und Delphine Seyrig kann in manchen ihrer Szenen dann auch nicht ihre angeborene Eleganz „verheimlichen“, die sie in BLUT AN DEN LIPPEN so vollständig ausleben durfte.

"Die schwarze Windmühle" hatte ich mir seinerzeit vor allem wegen Delphine Seyrig angesehen, wie etliche andere Produktionen übrigens auch. Mir war immer klar, dass es eigentlich nicht möglich sein kann, sie nur an ihrer Über-Performance aus "Blut an den Lippen" zu messen, was sich bei der verfügbaren Werkschau auch bestätigen konnte. Von ihrer Wandlungsfähigkeit und Aura bin ich nachhaltig beeindruckt, die auch hier in abgewandelter Form zum Vorschein kommt und den Film veredelt. Meines Erachtens eine leider viel zu wenig beachtete Schauspielerin. Den Film werde ich mir demnächst auch noch einmal anschauen, denn ich mochte die ruhigere und entgegen der Thematik oft unaufgeregt wirkende Marschrichtung sehr gern.


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