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 Post subject: DER ARZT VON STALINGRAD - Géza von Radványi
PostPosted: 13.10.2020 22:45 
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O.E. Hasse

DER ARZT VON STALINGRAD

● DER ARZT VON STALINGRAD (D|1958)
mit Eva Bartok, Walther Reyer, Hannes Messemer, Leonard Steckel, Vera Tschechowa, Mario Adorf, Siegfried Lowitz,
Paul Bösiger, Wilmut Borell, Michael Ande, Til Kiwe, Rolf von Nauckhoff, Eddi Arent, Erich Ebert und Valéry Inkijinoff
ein Divina Film | im Gloria Verleih
ein Film von Géza von Radványi


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»Sie haben ganze Russland kaputt gemacht!«

Nach der Schlacht von Stalingrad befinden sich überlebende deutsche Soldaten in seinem sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Trotz widrigster Bedingungen kümmert sich der Arzt Dr. Fritz Böhler (O.E. Hasse) gemeinsam mit seinen Kollegen um Kranke und Invalide. Nicht nur die spartanische Ausstattung, sondern auch die verhärteten Fronten zwischen den Insassen und der Führung des Lagers erschweren die Zusammenarbeit und Kommunikation erheblich, vor allem, wenn sich Böhler über Verbote und Bestimmungen hinwegsetzt, falls sie sich nicht mit den moralischen Auffassungen eines Arztes decken. Der Alltag ist geprägt von Ungerechtigkeiten und Restriktionen, doch das Blatt scheint sich zu wenden, als Sergej (Michael Ande), der kleine Sohn des Lagerkommandanten, Oberstleutnant Worotilow (Valéry Inkijinoff), schwer erkrankt und man auf Dr. Böhlers Hilfe angewiesen ist...

Der ungarische Regisseur und Drehbuchautor Géza von Radványi inszenierte "Der Arzt von Stalingrad" nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von Heinz G. Konsalik, welcher bereits 1956 erschienen war. Die aufwändig hergestellte und überaus packende Produktion kann sicherlich als einer der Klassiker des deutschen Nachkriegsfilms angesehen werden, in dem sich ein bemerkenswertes Star-Aufgebot versammelt. Die Geschichte rund um die alltäglichen, überaus harten Bedingungen und Geschehnisse in einem Strafgefangenenlager transportiert eine dem Empfinden nach hohe Authentizität, erfasst das Publikum dabei immer wieder über unüberwindbar scheinende Gegensätze und Widerstände zweier Parteien, die bis vor kurzem noch erbitterte Feinde waren und es dem Anschein nch immer noch sind. Die Thematik um den deutschen Arzt Böhler und sein Team gewinnt Gestalt in einer groß angelegten Rückblende, die quasi den kompletten Film ausmacht. Die Helfer müssen die Humanität dem bedingungslosen Gehorsam Tat für Tag unterordnen, was sich ganz deutlich in einer der ersten Szenen zeigt, als eine Operation in der heiklen Phase einfach abgebrochen werden muss, da ein russischer Soldat als wichtigerer Patient vorgeführt wird. Mit vorgehaltenen Waffen, muss der Schwerverletzte seinem Schicksal überlassen werden und markiert das immer wiederkehrende Dilemma des Doktors, da das eigene Gewissen beiseite geschoben werden muss. Weitere Eindrücke aus dem Lazarett schildern, dass jede Entscheidung von tiefem Hass geprägt ist, wenn kranke und völlig erschöpfte deutsche Soldaten blind als arbeitsfähig klassifiziert werden. Dem Publikum dürfte trotz der Kürze der Schilderungen schnell klar werden, dass die Stimmung langsam aber sicher hochkochen und es zu kleineren und größeren Katastrophen kommen wird.

Im Kreuzfeuer steht ein unermüdlich wirkender O.E Hasse, der das Geschehen in der Titelrolle nachhaltig prägt. Beeindruckend wirkt seine Besonnenheit, die trotz aller Konfrontation und Demütigung noch ungebrochen scheint. Ebenso imponierend erscheint seine Fähigkeit, positiv auf hitzige Köpfe und resignierte Kollegen einwirken zu können, genau wie auf die Obrigkeit, mit der er sich diplomatisch arrangiert, auch wenn keine Antennen dafür vorhanden sind. Im Fokus stehen somit nicht eigennützige sondern humanitäre Motive, außerdem hat er immer seine Leute als Kollektiv im Auge, da der Einzelne nichts auszurichten weiß. Eine besonders unangenehme Art der Spannung entsteht, wenn sich Dr. Böhler auflehnt, wie etwa bei der Durchführung einer für ihn strikt verbotenen Operation, da der Patient andernfalls sterben würde. Ohne Angst vor den drakonischen Konsequenzen wird überraschenderweise eine Kosten-Nutzen-Rechnung von den Befehlshabern aufgestellt, die unterm Strich nur aufweist, dass man im Endeffekt widerwillig zu dem Schluss kommen musste, dass es wesentlich schlimmer wäre einen derartig begabten und erfahrenen Arzt zu verlieren, als ihn empfindlich zu bestrafen. Im Krieg und im Lager gehen die Uhren anders, was allerdings jede der Seiten anerkennen muss. Renitente Personen werden einfach abgeführt und verschwinden immer dann in der Versenkung, wenn ein Spitzel aus den eigenen Reihen wieder zum Rapport bei Oberleutnant Pjotr Markow gewesen ist, der exzellent von Hannes Messemer dargestellt wird. Nicht nur er, sondern auch Kollegin Eva Bartok bereichert das Geschehen mit Härte und Unerbittlichkeit, was sich ebenso über Oberstleutnant Worotilow sagen lässt, der von alleine wegen seiner Physiognomie auffallenden Valéry Inkijinoff mit nahezu eiskalter Aura versehen wird.

Neben dem kargen Alltag im Lager bekommt die Geschichte ihre zusätzliche Brisanz durch das Miteinbeziehen einer sich entwickelnden Zuneigung zwischen der Lagerärztin Alexandra Kasalinskaja alias Eva Bartok und Walther Reyer in der Rolle des Dr. Sellnow. Interessant zu beobachten ist, dass diese sich anbahnende Liaison nicht dazu verwendet wird, die Situation seicht aufzulockern oder für einen Hoffnungsschimmer zu sorgen, sondern eher dazu, um die latente Gefahr zu skizzieren. In welcher Form auch immer, die verschiedenen Fronten haben generell keine zwischenmenschlichen Beziehungen zu unterhalten, da sie sich wechselseitig für Unmenschen und Barbaren halten oder vielmehr zu halten haben. Abgerundet wird das Ganze durch besondere schauspielerische Leistungen von Leonard Steckel, Mario Adorf, Til Kiwe, Siegfried Lowitz, Michael Ande, Eddi Arent oder Vera Tschechowa. Am Ende wird es vor allem die Titelfigur dieser Geschichte sein, welche mit Geduld und Menschlichkeit mühsam vermitteln kann, auch wenn der Weg dorthin sehr steinig, teils sogar gefährlich sein wird. Aufgrund von Géza von Radványis Fingerspitzengefühl und der überaus sorgsamem Herangehensweise an diesen Stoff entwickelt sich ein durchgehend ernstzunehmender Genre-Beitrag, der nicht vordergründig daran interessiert ist, falsche Hoffnungen zu fabrizieren oder die Realität zu beschönigen. Viele beklemmende und dramatische Phasen beherrschen das Geschehen eindringlich, was durch die Bebilderung in hartem Schwarzweiß-Kontrast untermalt wird. Authentische Kulissen und diverse Originalaufnahmen aus dem Krieg tun das Übrige dazu. "Der Arzt von Stalingrad" zählt schließlich zu den fesselnden und wirklich bedeutenden Genre-Vertretern des deutschen Nachkriegsfilms, der es alleine schon wegen O.E. Hasse wert ist, ihn sich anzuschauen.


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