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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 21.07.2012 07:55 
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Anlässlich seines neuen Films MASK führte ich ein kleines Interview mit Andreas Marschall, bei dem er ausführlich Rede und Antwort stand. Ich muss sagen, Andreas wirkte schon vom ersten Kontakt an sympathisch und sagte sofort, ohne zu zögern, diesem Interview zu.

Andreas kann man ohne Umschweife als Allroundtalent bezeichnen. Seine Laufbahn begann er Comic-Zeichner, später als Illustrator und Coverdesigner für diverse Bands und schließlich drehte er einige Werbefilme, bevor er seinen ersten großen Film TEARS OF KALI drehte. Nach diesem Achtungserfolg steht nun seine langerwartete Eurocult-Hommage MASKS an...

Im Moment bereitet er ein neues Projekt vor, fand aber trotzdem Zeit, mir einige Fragen zu beantworten.


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1. Du begannst deine Karriere als Comic- und Plattencoverzeichner, kannst du uns mehr darüber erzählen?
Ich habe in der Tat in den frühen 80er Jahren versucht, eine sehr filmische Erzählart in die Comics einzuführen mit langen Kamerafahrten , Schärfeverlagerungen und photorealistischen Lichteffekten. Leider sind meine Schubladen voll mit unvollendeten Stories, weil der Arbeitsaufwand dafür unermesslich groß war. Es sind 4-5 Shortstories von mir erschienen, die bekanntesten waren von den französischen Autoren Rodolphe+Lentendre geschrieben und erschienen europaweit in diversen Magazinen wie Metal Hurlant. Als ich in dieser Arbeit keine Zukunft sah (und ahnte, dass ich meine Vorstellungen mit der Filmkamera unmittelbarer umsetzen konnte) verdiente ich mein Geld als Cover Artist von Bands wie Kreator, Sodom, Blind Guardian, Obituary, Rage etc.

2. Auf welches deiner Plattencover bist du besonders stolz?
Nach wie vor schätze ich sehr die Atmosphäre von „Nightfall in middle earth“ und die Härte von „Coma of Souls“. Mein nächstes Cover für Ordan Ogan, ein episch breites „umlaufendes“ Schnee-Szenario wird auch sehr schön.

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3. Da du Cover für bekannte Metalbands wie Sodom oder Blind Guardian designed hast, warst du teil der Szene bzw. gibt es in deinem Schaffen weiterhin Anknüpfpunkte?
Immer mal wieder. Vor ein paar Jahren habe ich meine ersten Videoclips für Kreator , vor allem „Terrorzone“ neu editiert und dabei wieder Mille Petrozza getroffen. Sebastian Levermann, der Sänger von Ordan Ogan hat die superbe Filmmusik für meinen Film „Masks“ gemacht.

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Ein junger Andreas Marschall...

4. Wie kam es vom Zeichnen zum Film?
Kreator suchten einen Regisseur für ihr Horror-video-Projekt „Halluzinative Comas“. Mit Jörg Buttgereit wurden sie sich nicht einig. Er schlug stattdessen mich vor. Ich bot an, die Geschichte des „Kreator-Kopfes“ zu verfilmen, und Mille war begeistert. Wir drehten back-to-back, also in einem Rutsch das Material für 7 Musikvideos plus auf Wunsch der Plattenfirma überflüssige Interviews, um den Film zu strecken. Auf Milles Wunsch hin habe ich für die Bonus-DVD auf „pulse of Capitulation“ die Interviews rausgeschnitten und „Halluzinative Comas“ so gestaltet, wie wir uns das 1990 eigentlich gedacht hatten. Nach den Kreator-Clips habe ich ca 100 Musikvideos für alle Arten von Bands gedreht. Das war in den 90er Jahren Dank MTV, VIVA und Headbanger´s Ball eine große Industrie. Ich hatte damals teilweise mehr Budget für einen 3-minütigen Clip, als ich heute für einen 100-minütigen Spielfilm ausgeben kann.

5. Dein erster großer Spielfilm TEARS OF KALI war ja in der Untergrundszene ein beachtlicher Erfolg. Wie siehst du diesen Film im Nachhinein?
TOK war eine schwere Geburt. Zunächst ein Schauspielübungsprojekt an einer Schauspielschule (der Reduta Berlin, an der ich auch „Masks“ gedreht habe) dann ein Kurzfilm, schließlich kamen aufgrund dieser ersten Episode „Shakti“ Privatinvestoren und die Firma „Anolis“ mit an Bord, die mir eine weitere Episode und die Rahnmenhandlung finanzierten. Der unfertige Film wurde dann auf der MIFED, dem europäischen Filmmarkt in Mailand vorgeführt. Es waren so viele internationale Filmkäufer interessiert, dass Anolis mir das restliche Budget für die dritte und aufwändigste Episode „Kali“ bewilligte. Der fertige Film ist auch aufgrund seiner komplizierten Entstehung eine interessantes Experiment, das international viele Preise gewonnen hat und weltweit veröffentlicht wurde. In den USA wurde er sogar englisch synchronisiert, was für einen europäischen Film sehr selten ist.

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6. Für einen Amateur-/Independentfilm sah TEARS OF KALI fast schon zu gut aus! Hast du dir das Filmhandwerk selbst beigebracht?
Wie man oben über die Produktionsgeschichte lesen kann hat TOK mit einem Amateurfilm nichts zu tun, er ist eben ein privat und ohne Filmförderungsgeldern finanzierter Independentfilm. Außer den jungen Schauspielern, die fast alle zum ersten mal in einem Film spielten, waren alle Beteiligten Profis, die sonst für Werbung, Musikclips oder Fernsehen gearbeitet haben. Und ich hatte vor „Tears of Kali“ Fernsehserien wie die „Küstenwache“ geschnitten oder auch den 10- Millionen-Kinofilm „So weit die Füsse tragen“. Am meisten Filmhandwerk habe ich allerdings bei den Drehs der Musikvideos gelernt, bei denen sehr schnell und effizient gearbeitet werden musste.

7. Dein neuer Spielfilm MASKS wird ja oft mit Eurocultikonen wie Dario Argento verglichen! Wie stehst du zu dem Vergleich?
Der Film ist ganz klar eine Hommage an Argento und die goldene Ära des italienischen Films in den 70er-Jahren. Damals entstanden als europäische Co-Produktionen jährlich hunderte aufregende, delirierende Genrefilme voll Wahnsinn, Surrealismus, Sex und Gewalt. Beispielsweise im Genre des italienischen Thrillers, dem „Giallo“. Das war, bevor das große europäische Kino unter der Konkurrenz des Privatfernsehens zusammenbrach und der grauen Ödnis des staatlichen„Problemfilms“ weichen mußte . Ich versuche, die Erinnerung an diese Ära mit MASKS wiederzubeleben. Zum Beispiel ist in einer Schlüsselrolle Norbert Losch zu sehen, der schon unter Fellini spielte und den Glamour dieser Zeit ausstrahlt. Und die Licht- wie Kameraführung ist betont anders als bei den gängigen Horrorfilmen wie etwa SAW. Statt auf ausgebleichte dokumentarische Farben und Handkamera setze ich auf eine künstlichere theatralische Atmosphäre in leuchtenden Farben wie sie für 70er-Jahre Studio-Produktionen typisch waren.
Natürlich ist MASKS, was das Produktionsbudget angeht, ein viel kleinerer Film als seine Vorbilder, aber er erzählt dafür auch eine ganz eigenständige Geschichte, die man als eine Metapher auf den Casting-Show-Wahnsinn unserer Zeit sehen kann.

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8. Was erwartest du dir von MASKS? Mit Anolis Entertainment hast du ja ein hochgeschätztes Label an der Hand!
MASKS wird im Oktober auf DVD und BLURAY erscheinen. Vorher läuft er wahrscheinlich noch in einigen Programmkinos, sowie am 4. August beim Cinestrange-festival in Dresden in einer speziellen „Giallo“-Nacht. Weltweit war er übrigens inzwischen auf über 20 Festivals zu sehen. Er ist optisch wirklich für die große Leinwand gemacht und hat da ne ganz eigene Wirkung.

9. Wie stehst du zu Gewalt in Filmen? Deine Filme sind ja nicht gerade zimperlich!
Blut ist eine der Farben auf der Palette. Manche Stories verlangen nach Gewalt und dann sollte man sich nicht durch die Schere im Kopf selbst blockieren. Ein Giallo ohne Gewalt wäre für mich uninteressant und glücklicherweise kommt MASKS ohne Schnittauflagen auf den Markt. Es gibt andere Filme des Genres, reine Mysterythriller etwa, in denen Gewalt nicht notwendig ist. Es kommt eben immer ganz auf die Story an. In Deutschland steckt hinter der notorisch zaghaften Darstellung von Gewaltszenen meist keine Moral, sondern pure Feigheit.

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10. Kannst du uns schon etwas über deine kommenden Projekte verraten?
Derzeit bereite ich parallel einige Projekte vor. Ich weiß nie, welches davon wirklich realisiert wird. Aber eines ist ein Film namens „Oltretomba“, den ich möglicherweise in Italien drehen werde und der ein wenig an die Filme Horrorfilme Lucio Fulcis erinnern wird.

11. Welchen deiner deutschen Kollegen schätzt du besonders?
Dominik Graf, der nicht nur als Regisseur viel für den deutschen Genrefilm getan hat sondern auch durch seine Essays wie zB. über den Polizeifilm. Auch Andy Fetscher (Urban Explorer) ist ein großes Talent.

12. Zum Schluß noch die obligatorischen Top 3:
Filme, Bücher, Bands?
Suspiria, Clockwork Orange, Vertigo
Es-Stephen King, viel von Lovecraft, zB. Mountains of Madness, „Choral des Todes“Jean-Christophe Grangé
Musik: Arvo Pärth, Killing Joke, Riz Ortolani

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Vielen herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine nächsten Projekte und MASKS!

(Sämtliches Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Andreas Marschall)

Interview geführt von Malastrana

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Zensor, der - Beamter gewisser Regierungen, dessen Aufgabe es ist, geniale Werke zu unterdrücken. In Rom war der Zensor
ein Inspektor der öffentlichen Moral; die öffentliche Moral moderner Nationen verträgt jedoch keinerlei Inspektion.
(Ambrose Bierce - Des Teufels Wörterbuch, 1911)


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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 21.07.2012 08:13 
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Ein schöner Start ins Wocheende dank dieses interessanten Interviews! Schön gemacht!

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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 21.07.2012 08:13 
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Danke, gern geschehen! ;)

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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 21.07.2012 09:24 
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:manpower: Sehr interessant ! Gut gemacht mala ;)

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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 25.07.2012 14:27 
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Sehr informatives und aufschlußreiches Interview ! Ich erinnere mich noch gut daß früher im Rock Hard / MH ein Marschall-Cover gerne als ein weiteres Kauf-Argument diverser Metalscheiben galt (ähnlich wie bei Dan Seagrave) ! 8-)

"Tears of Kali " habe ich zwar leider nicht gesehen , aber viele meiner damaligen Bekannten haben regelrecht von dem Film geschwärmt ! Der "Masks" Trailer sieht auch richtig klasse aus , wollen wir hoffen daß sich ein Kino in meiner Nähe erweicht diesen Film zu zeigen , ansonsten muß ich mich doch demnächst mal wieder in einer Videothek anmelden !


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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 25.07.2012 14:34 
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Mit den Metalcovern gings mir genauso ;) TEARS fand ich sehr gut, teils sehr dicht und unheimliche Atmosphäre und dazu noch ein kleines Anti-Nazi Statement (die Skinhead Episode, in der der Skin in gewisser Weise "skinned" wird).

Kurzum der Andi ist ein dufter und nicht abgehobener Typ und die Kommunikation hat sich als ausgesprochen angenehm herrausgestellt.

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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 27.07.2012 18:00 
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Tolles Interview. ich kenne den Andreas eigentlich nur von seinem Artwork (und meine dass er auch mal was für den Jörg gezeichnet hat- Nekromatik Todesking etc.), da ich früher zu einer bekannten deutschen Metalband und vor allem deren Roady einen recht guten Draht hatte. Da wurde der Andreas jedenfalls oft erwähnt.

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 Post subject: Re: Interview mit ANDREAS MARSCHALL
PostPosted: 27.07.2012 20:33 
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sid.vicious wrote:
da ich früher zu einer bekannten deutschen Metalband und vor allem deren Roady einen recht guten Draht hatte.


Na, dann pack mal aus! ;)

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