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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Die Serie
PostPosted: 28.07.2014 09:32 
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TOD EINER ZEUGIN (Folge 16)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Götz George, Werner Bruhns, Joseph Vinklář, Wolfgang Spier, Renate Roland, Klaus Dahlen, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Zbyněk Brynych




In einem Mietshaus ist ein Mord an einer jungen Frau verübt worden. Ein Freund der Toten namens Karass und der Hausmeister haben die zwei Schüsse aus ihrer Wohnung gehört und alarmieren die Mordkommission. Schnell stellt sich heraus, dass die junge Dame einen breiten Kundenstamm bediente, was den Kreis der Verdächtigen ziemlich ausweitet, und auch auf ihrem Konto befindet sich bereits eine beträchtliche Summe. Liegt hier das Motiv? Die ersten Ermittlungen lassen anhand des Notizbuches der Ermordeten auf Erpressung schließen, doch es tauchen immer neue Erkenntnisse auf...

Um es direkt kurz und schmerzlos auf den Punkt zu bringen: die dritte Kommissar-Arbeit von Regisseur Zbyněk Brynych stellt den unwirschen Tiefpunkt einer kompletten Serie dar, bei dem wirklich alle Schüsse nach hinten losgehen werden. "Tod einer Zeugin" ist bis ins kleinste Detail abstrus und derartig verworren, in Verbindung mit den eigenartigen Ideen einer impulsiven, und daher rücksichtslosen Regie sogar - um meinen persönlichen Eindruck zu schildern - unerträglich. Man kann diese Experimente so oder so sehen. Wer sagt, sie seien originell oder extravagant, dem muss ich erwidern, dass sich hier nichts als totale Unsicherheit (nicht zu verwechseln mit Inkompetenz), verschleiert durch ein Angriffsprinzip einer diffusen Regie widerspiegelt, die beinahe manische Gedankensprünge transportiert. Diese Tatsache weist für mich nicht im Geringsten eine Spur von einigermaßen gelungener Unterhaltung auf, weil eine serielle Selbstinszenierung alles überschattet, vor allem aber leider den eigentlichen Kriminalfall. Wieder einmal ist diese Episode gerammelt voll mit übertriebenem Verhalten, überspitzten Reaktionen, nervenaufreibenden Stilmitteln und grotesken Inhalten. So fällt Günther Schramm beispielsweise mit seinem unsachlichen Ermittlungsstil auf, im Duell mit Götz George würde nur noch das Ziehen seines Colts fehlen, um das lächerliche Django-Gehabe perfekt zu machen, Werner Bruhns ist als bescheidenes "Fenster zum Hof"-Plagiat zu sehen, und eine Hure die permanent diesen nervtötenden Schlager im Lotterbett laufen ließe, würde schnellstens am Bettelstab gehen müssen, da die Kundschaft fern bliebe. Ein sinnloses, und daher über die Maßen verärgerndes, da groß angelegtes Kasperle-Theater.

Götz George spielt wahlweise Götz George, und nebenbei noch den Lebemann Manfred Karass. Ihn sehe ich ja eigentlich immer recht gerne, doch in diesem Fall ist es für mich kaum zu beantworten was man überhaupt von ihm halten soll. Daher trifft es wohl eher zu, dass er im Rahmen des Geforderten sehr sicher wirkt, angesichts einer, im üblichen Sinne überzeugenden Darbietung jedoch versagt. Man muss allerdings wohl auch betonen, dass er sich hier dem Konzept der Regie gut angepasst hat, und diese Seite vermutlich vollends zufrieden stellen konnte (wie auch der Rest der Crew). Insgesamt sehe ich nur bei Werner Bruhns eine zufriedenstellende Interpretation, falls man es denn schafft, die Frage nach der Bedeutung gewisser Charaktere bei Seite zu schieben, der Rest ist tatsächlich Schweigen. Überflüssig ist so zum Beispiel die blutleere Renate Roland, Klaus Dahlen ist wirklich kaum auszuhalten und Joseph Vinklářs Partizipation ist dem Vernehmen nach der Vetternwirtschaft zuzuschieben. Was soll ich es also noch schön reden? Diese Folge hat in fataler Weise mit einer lausigen, durch die Regie zum unteren Durchschnitt verurteilten Besetzung zu kämpfen, da die Charakterzeichnungen nicht überzeugen und deren Wirkung auch nicht ausgeblendet werden kann. "Tod einer Zeugin" wirkt über die gesamte Spieldauer schrecklich unruhig und ziellos, die unangebrachte Hysterie nimmt schließlich den letzten Funken Ernsthaftigkeit, das alles ist wirklich nicht mit Originalität oder gar Progressivität zu verwechseln. Der Serie einen neuen Schub geben, das ist ja generell eine lohnende Aufgabe, jedoch nicht mit aller Gewalt im Prinzip eines globalen Rundumschlages, und schon gar nicht durch eine unbeholfene Reizüberflutungsstrategie. So charakterisiert der Schlager letztlich diese sechzehnte Folge, und vor allem die Arbeit der Regie bis ins Detail: eine Platte mit Sprung. Um dieses ermüdende Musikstück in Endlosschleife schlussendlich zu rechtfertigen, wurde noch eine maßgeblich zur Auflösung beitragende Idee mit eingebastelt, die aber genau wie die meisten Inhalte keinen logischen Sinn ergibt. Ein positiver Nebeneffekt dieser unliebsamen Folge sei noch angemerkt, denn sie wertet "Die Schrecklichen" und "Der Papierblumenmörder" um ein Vielfaches auf. Mein Fazit lautet daher: Kaum zu ertragen, und mich hat dieser Verlauf um ehrlich zu sein schon beinahe aggressiv gemacht. Im Endeffekt viel zu viel Emotion für derartig sinnloses Material!


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Die Serie
PostPosted: 05.08.2014 16:53 
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PARKPLATZ-HYÄNEN (Folge 17)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Marianne Hoppe, Werner Pochath, Ida Krottendorf, Johannes Heesters, Fred Haltiner, Günther Neutze, Eva Mattes, u.a
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Zbyněk Brynych




Auf einem abgelegenen Autobahn-Parkplatz wird ein Mann von maskierten Ganoven beraubt und plötzlich niedergeschossen. Als die Kriminalpolizei am Tatort eintrifft, kann der schwer verletzte Mann vor seinem Tod noch Auskünfte über den Wagen, mit dem die Täter flüchteten, und über das Kennzeichen des Fahrzeuges geben. So führt die Spur in eine allgemein bekannte Wohngegend und direkt zu einer Familie namens Boszilke. Kommissar Keller staunt nicht schlecht, als alle seine Verhörtaktiken an der renitenten Sippe abprallen und zweifelhafte Alibis auftauchen...

Wie muss man - so frage ich mich ernsthaft - die obligatorischen Brynych-Beiträge mit all ihren widersinnigen Ideen eigentlich betrachten, um positive Schlüsse daraus ziehen zu können? Logik kann man gleich ausschließen, so viel ist klar, aber sollen diese Elemente tatsächlich als versteckte Hinweise funktionieren oder sogar Ablenkungsmanöver darstellen? Eine trübe Angelegenheit. "Parkplatz-Hyänen" startet jedenfalls ungewöhnlicherweise als sehr greifbarer Fall, der mit seinen ungeschönten Schauplätzen und der teils düsteren Atmosphäre zunächst bei der Stange halten kann. Die Regie übt sich hier in Zurückhaltung, was bedeutet, sie trägt nur halb so dick auf (was vergleichsweise wohl trotzdem eine dreifache Potenz gegenüber anderen darstellt), was letztlich die Aufmerksamkeit einigermaßen begünstigt. Die Hypothese, ob eigentlich etwas übrig bliebe, wenn man den Inszenierungen die ganzen Spielereien einmal abziehen würde, ist daher recht spannend. Bliebe eine solide oder eine durchschnittliche Kriminalgeschichte? Ich persönlich tendiere zu Letzterem. Die schwer überladenen Inszenierungen deuten auf die verdächtige Methode hin, dass man sich mit allen verfügbaren Mitteln abgrenzen wollte, koste es was es wolle. In dieser Strategie sehe ich eine mangelhafte Flexibilität und einen einseitigen, sehr stark begrenzten (in diesem Fall tatsächlich schnellstens ausgeschöpften) Ideenreichtum. Daher ist die Brynych-Trickkiste allerhöchstens auf den ersten Blick relativ interessant, wobei sich aber umgehend herausstellt, dass diese Empfindungen nicht lange aufrecht erhalten werden können. Dafür fehlt einfach gänzlich die Fähigkeit, eine inszenatorische Mehrfachanforderung (mit gleich hohem Niveau in allen Bereichen) glaubhaft zu gestalten. Der Verlauf der "Parkplatz-Hyänen" kippt leider wieder um, und man bekommt schnipselartig zusammengefügte Inhalte aufgetischt, die auf Dauer nur folgendes beweisen, nämlich dass der Geduldsfaden wirklich kein Drahtseil ist.

Im Zentrum der Story steht wieder einmal nicht der Kriminalfall an sich, sondern eine bestimmte Person, hier in Form von Marianne Hoppe als Übermutter der kompletten Bagage. Frau Boszilke fährt immer schwerere Geschütze auf und ihr Verteidigungsprinzip ist der diffuse Angriff, der sich gegen alle externen Beteiligten richtet. Gerade in diesem Charakter erkennt man frappante Parallelen zur Regie. So haben ihre teils grellen Ablenkungsmanöver sogar noch Erfolg, was man besonders im Zusammenspiel mit einer genervten und später gekränkten Fräulein Rehbein deutlich erkennen kann. Marianne Hoppe interpretiert die durch und durch gewöhnliche, oder sogar einfältige Frau, die im Endeffekt ein von Grund auf gutmütiger Mensch zu sein scheint recht überzeugend, wenn man von der entsprechenden Anforderung ausgeht. Ansonsten ist ihre Masche oft weniger nachvollziehbar und ihr Handeln und das Hau-drauf-Gehabe wird für den Zuschauer anstrengend. Persönlich habe ich sie schon dutzendfach besser gesehen. Johannes Heesters spielt nur eine unauffällige Nebenrolle. Es ist erstaunlich, wie durch die universelle Konzentration auf nur einen Charakter immer wieder so viel Potenzial liegen gelassen wurde, was sehr schade ist. Werner Pochath und Fred Haltiner runden die Sippschaft mit ihren einheitlichen Charakteren zufriedenstellend ab, ja und der Rest der Crew musste sich offenbar auch dem Willen der Regie beugen. Glücklicherweise hat die ganze Geschichte noch ein paar annehmbare Wendungen zu bieten, stellt insgesamt zwar nicht zufrieden, aber verlangt auch nicht so viel Geduld ab wie der Vorgänger. In der Integration des beispielsweise vollkommen überflüssigen Gitarrenspielers sehe ich übrigens einen plumpen Versuch der Regie, an die höheren kognitiven Fähigkeiten des Zuschauers zu appellieren, nämlich im Dschungel der Störfaktoren das Wesentliche herausfiltern zu können. Doch was ist eigentlich das Wesentliche bei den Inszenierungen des Zbyněk Brynych? Aufmerksamkeit kann man professioneller, leichter und vor allem nachhaltiger bahnen und auf sich ziehen. "Parkplatz-Hyänen" wird insgesamt, wenn auch nur bedingt, durch seine Darsteller aufgewertet, der eigentlich herkömmliche Kriminalfall wird eher zur Milieustudie getrimmt und die Unterhaltung hielt sich daher auch wieder einmal deutlich in Grenzen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 13.08.2014 11:34 
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DR. MEINHARDTS TRAURIGES ENDE (Folge 18)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz, Rosemarie Fendel
Gäste: Michael Verhoeven, Luise Ullrich, Richard Münch, Ilona Grübel, Karl John, Monika Lundi, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Michael Verhoeven




Auf der Terrasse seiner Villa wird Dr. Meinhardt von seiner langjährigen Hausangestellten Frau Wienand und dem Postboten gefunden. Er ist aus dem Fenster gestürzt und kam zu Tode. Bei den Ermittlungen von Kommissar Keller kommen allerdings Indizien zu Tage, die darauf schließen lassen, dass der Doktor aus dem Fenster gestoßen wurde. War es tatsächlich Mord? Wie Frau Wienand berichtet, sollen am Abend zuvor Gäste im Haus gewesen sein, die nun genauer untersucht werden. Für Keller besteht schon bald kein Zweifel mehr, dass der Täter nur unter diesen Leuten zu finden sein muss...

Folge 18 ist, trotz des gar nicht mal so atemberaubenden Themas, eine der interessantesten Arbeiten innerhalb der Reihe, da man hier dank der Regie von Michael Verhoeven einen erfrischenden Schub bemerken kann. Verhoeven halte ich nicht nur für einen sehr guten Darsteller, sondern auch vor allem für einen hervorragenden Regisseur. So viel ich weiß, handelt es sich jedoch um seine einzige Kommissar-Inszenierung. Hier kann man förmlich merken, dass inszenatorisch gesehen ein anderer Wind weht und schon alleine deswegen ist "Dr. Meinhardts trauriges Ende" sicherlich beachtenswert. Der Kriminalfall an sich besitzt im Orbit von Herbert Reinecker einen relativ hohen Wie­der­er­ken­nungs­wert, reifere Herren die sich mit jungen Damen vergnügen, die ihre Töchter sein könnten, erscheint da keine ganz so neue Erfindung zu sein. Dass die jüngere Generation hierbei die Füße still, und sich mit zerstörerischer Kritik an altbackenen Strukturen so lange zurück hält, wie sie dafür ausreichend finanziell entschädigt wird, halte ich jedoch für einen sehr interessanten Aspekt. Ein Mord ist also geschehen und es wimmelt geradezu von Gleichgültigkeit, die hier allerdings nicht zum Täter führen wird. Auffällig sind daher die wässrigen Tatmotive aller Beteiligten, was ein sehr interessanter Aspekt ist, der am Ende sogar sehr raffiniert wirkt. Hier wurde einfach das Optimum aus einer eher durchschnittlichen Geschichte herausgeholt.

Die Besetzung ist sehr ausgewogen. Als nach kürzester Zeit bereits Luise Ullrich zu sehen ist, wird die Aufmerksamkeit massiv gesteigert. Ich dachte aber bei mir, ob das wohl reibungslos funktioniert hat mit dem Jungregisseur und dem Altstar? Ich weiß nicht so genau, warum mir dieser Gedanke über die gesamte Spieldauer im Kopf blieb, vielleicht meinte ich deswegen sogar eine gewisse Anspannung bei der Schauspielerin gesehen zu haben. Sicher, angespannt, nervös und distanziert soll diese Person in der Geschichte schließlich auch wirken, aber es blieb eben so eine Vorstellung von mir, zumal dem ehemaligen Star (sicherlich auch rollenbedingt) nicht die ganz große Bühne überlassen wurde. Beeindruckend agiert Richard Münch als unsympathischer Bekannter des Toten. Er stellt sich den Ermittlungen zielsicher entgegen und fällt durch seine Arroganz und gewissenlose Selbstüberzeugung auf. Im Kontrast dazu steht Karl John, der eher nervös und hektisch wirkt, anscheinend ist er es, dem das eigene Gewissen zu schaffen macht. Ilona Grübel als käuflicher Gast dieses Trios sieht nicht nur atemberaubend schön aus, sie besticht auch durch ihre ungeheuer unterkühlte Art und es ist verwirrend, dass es nicht ein Fünkchen Anteilnahme von ihr gibt und Michael Verhoeven spielt hier ebenso gut, wie er inszeniert hat. Die Folge kommt mit wenigen Verdächtigen aus, aber auch mit wenigen Motiven. Eigentlich ist es von vorne herein klar, dass es zu keiner herkömmlichen Auflösung kommen darf, die dann schließlich an das Mitleid des Zuschauers appelliert, aber gleichzeitig den gesunden Verstand provoziert. Trotz einiger Unwahrscheinlichkeiten des Tathergangs vermittelte mir das Finale einen Überzeugungsschub. Was diese Inszenierung schließlich noch doppelt aufwertet, ist die herausragende Musik von Improved Sound Limited, die von Anfang bis Abspann eine eigenartige Atmosphäre begünstigt. Beim Abspann kolportiert sie die plötzlich auftauchende Tragik, im Verlauf erschafft sie gedrückte und beinahe destruktive Tendenzen, einfach hochklassig. "Dr. Meinhardts trauriges Ende" ist eine unscheinbar faszinierende Folge, die Modernes und Dynamisches nahtlos mit Klassischem verbindet.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 18.08.2014 18:21 
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IN LETZTER MINUTE (Folge 19)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Heinz Reincke, Gisela Uhlen, Maria Sebaldt, Peter Eschberg, Eva Kinsky, Eric Pohlmann, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




Der Totschläger Kossitz kommt raus! Diese Ankündigung versetzt dessen Frau und einige weitere Personen in Angst und Schrecken, zumal diese im damaligen Prozess als Haupt-Belastungszeugen auftraten. Auch für Kommissar Keller ist diese Nachricht aus dem Zuchthaus ebenfalls sehr beunruhigend, da der unberechenbare Straftäter bei seiner Verurteilung Rache an den Zeugen geschworen hatte, die es nun zu beschützen gilt. Für die Polizei beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit und die potentiellen Opfer der Rache verleben unerträgliche Tage der Angst. Wird Kossitz seine Drohung wahr machen..?

Die Abwechslung bei dieser Kommissar-Folge von Wolfgang Becker besteht zunächst einmal darin, dass die Spannung hauptsächlich deswegen aufkommt, dass man förmlich auf einen Mord wartet. »Kossitz kommt raus - na dann ist was los!« Dieser Satz bleibt allgegenwärtig und schwebt wie ein schwarzer Schatten über dieser Episode, er wirkt wie eine böse Ahnung und eine gefährliche Prophezeiung. Die Hauptpersonen der Geschichte unterstützen diese Spannung sehr gut, der Zuschauer wird aufgrund der straffen Regie, gleich von Beginn an sehr eng in diesen Fall mit einbezogen. Für meine Begriffe ist der Titel von Folge 19 etwas zu wortwörtlich ausgefallen, ich hätte ihr in Anlehnung einer Bemerkung von Kossitz wohl eher den Titel "Vogel im Hals" gegeben. Alles in allem ist es wirklich etwas anderes, einmal nicht direkt mit einem Mord und dazugehöriger Leiche konfrontiert zu werden, was zum Eindruck führt, dass "In letzter Minute" mit einem äußerst klaren und logischen Aufbau überzeugen kann, da der Fall im Verlauf auch nochmals aufgerollt wird und für den Zuschauer transparent gemacht wird. Einige Schauplätze, wie eine beispielsweise immer wieder gerne servierte Nachtbar als Dreh- und Angelpunkt diverser Geschehnisse, enge Hinterzimmer und unübersichtliche Plätze, oder hier eine winterliche Kulisse sorgen für ein aussagekräftiges und auch nachhaltig in Erinnerung bleibendes Gesicht der neunzehnten Folge.

Die Hauptfiguren sorgen für Skepsis, Misstrauen und Widersprüche. Heinz Reincke in der Hauptrolle bekommt trotz Vorbelastung gleich eine gute Portion Sympathie-Punkte und man überlegt erstens hin und her zwischen der Frage der Unschuld und eines Komplotts, und zweitens stellt man sich die Frage, ob ihn die Umstände möglicherweise erst- oder nochmals zum Mörder machen könnten, oder ob es ihn sogar selbst erwischen wird. Kossitz wird ausreichend von allen Beteiligten charakterisiert und dank Heinz Reincke sieht man eine verlässliche und treffsichere Interpretation eines Mannes, dessen Gefühle man nachvollziehen kann, da er alles verloren hat und mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor weit größeren Problemen steht, nämlich wie er diesen Scherbenhaufen, einst Leben genannt, wieder in den Griff bekommen soll. Seine Gegenspieler sind in Gestalt von Gisela Uhlen, Maria Sebaldt und Peter Eschberg jeweils eine ausgezeichnete Wahl gewesen. Hilde Lenk, deren Mann damals zu Tode kam, wird von Gisela Uhlen bemerkenswert geformt. Die Stärke der Interpretation liegt in der Unsicherheit und der fürchterlichen Angst dieser Person. Ihre nervöse Anspannung ist für den Zuschauer fast spürbar, ihre Augen dokumentieren ein beinahe hysterisches Suchen nach Strohhalmen, ihr Kampf, nicht die Nerven zu verlieren erscheint sehr glaubhaft. Maria Sebaldt als Frau von Kossitz ertränkt ihre panische Angst mit einem Fließband an Drinks, was sie unempfindlich und teilnahmslos wirken lässt und Peter Eschberg überzeugt restlos als Mann ohne Skrupel. Mit allen Mitteln hält das Trio zusammen wie Pech und Schwefel, die Angst höhlt diese Herrschaften jedoch komplett aus und das eingefrorene Gewissen taut langsam auf. Besonders positiv fällt noch Eva Kinsky auf, die demonstriert, wie wichtig es ist, eigene Gedanken zuzulassen und sie ist eine der wenigen gefestigten Charaktere in dieser Geschichte. Wenn man die Vorhersehbarkeit des Falles außer Acht lässt, und sich auf die hochwertige Inszenierung mit ihren vielen Spannungsmomenten und Wendungen konzentriert, hat man es doch mit einer sehr guten Kommissar-Folge zu tun, vor allem, weil das Finale so eingeleitet wird, dass man das Gefühl des im Titel versprochenen Zeitdruckes, eindeutig wahrnimmt. Nach der Folge bleibt unterm Strich eine wenig erbauliche Prognose zurück, die nachdenklich stimmt.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 20.08.2014 16:51 
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● Folge 20: MESSER IM RÜCKEN (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Helmut Käutner, Christiane Krüger, Herbert Bötticher, Ursula Lingen, Werner Kreindl, Jörg Pleva, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Vor einer Kneipe wird ein Taxifahrer von einem, dem Anschein nach betrunkenen Mann angehalten. Als dieser eingestiegen ist und nicht auf die Fragen des Fahrers reagiert, stellt dieser Schreckliches fest. Der Fahrgast ist tot, denn es steckt ein Messer in seinem Rücken. Die Ermittlungen verlaufen zäh und ergebnislos, Kommissar Keller und seine Kollegen gelangen zunächst in die verkommene Kneipe, aus der der Ermordete kam, und dann in die besseren Kreise, bis man schließlich auf den Aufnahmen eines Pressefotografen, der Bilder am Tatort machte, entscheidende Hinweise findet. Zu sehen ist ein Detail, welches eine heiße Spur zum Mörder liefert...

Die zwanzigste Folge behandelt ein klassisches Kriminal-Thema und wurde von Wolfgang Staudte ganz reibungslos inszeniert. Der Verlauf der Ermittlungen zeigt sich ebenfalls sehr nachvollziehbar und es werden einige originelle, wenn nicht sogar raffinierte Wendungen geboten. Dennoch fehlt es für meine Begriffe eindeutig an Tempo, was sich im ruhigen Agieren der Hauptpersonen widerspiegelt. Die Schauplätze bieten erneut Gewohntes. Zunächst wäre dort die Kneipe, in der es nur Verdächtige zu geben scheint und im Kontrast dazu steht die feudale Villa des Ermordeten. Das aufeinander prallen zweier unterschiedlicher Milieus und von Leuten aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten hätte ebenfalls ein kleines bisschen mehr, vielleicht provokanter dargestellt werden können. In dieser Beziehung handelt es sich unterm Strich um eine eigenartig ruhige Folge. Für den Zuschauer wird hier besonders das Sammeln von Indizien sehr interessant dargestellt und die Protagonisten ersparen sich Selbstinszenierungen, was einem dann beinahe schon abwechslungsreich vorkommt.

Unter den Gästen befindet sich ein großer Name, der alleine deswegen schon für Vorfreude sorgt. Helmut Käutner, stilsicher bei jeder Interpretation, wirkt als Trinker und bester Kunde der Kneipe sehr überzeugend. Seine Prämisse scheint das Schweigen zu sein und er redet eigentlich nur (un)gerne, wenn er gefragt wird. Er zieht mit dieser Figur des Blasek meistens die Komplette Aufmerksamkeit auf sich, und die Zeichnung dieses Mannes ist schon sehr interessant, auch wenn sie meinen Geschmack im Grunde nicht trifft. Christiane Krüger als Maria, deren Mann ermordet wurde, betreibt Milieu-Flucht. Zunächst wirkt das Ganze etwas unmotiviert, doch sie entwickelt sich als Ausreißerin aus einer, für sie uninteressant gewordenen Schein-Konstruktion, im anspruchsvolleren Maße. Bemerkenswert ist auch ihre Ruhe und besonders positiv fällt wieder einmal Christiane Krügers Fähigkeit auf, besonders im Dialog Akzente zu setzen, die aufgrund ihrer angenehm-flexiblen Stimme für größere Momente sorgen. Herbert Bötticher und Ursula Lingen versuchen alles, um den Skandal herunterzuspielen, nur noch Geld hält die sich voneinander entfernenden Parteien zusammen. Für eine weitere gute Leistung sorgt ebenfalls Werner Kreindl als Kaschemmen-Wirt. Besonders reizvoll an dieser Folge ist, dass der Anfang auch gleichzeitig als Finale gezeigt wird, nachdem die Verdächtigen ganz klassisch in der Kneipe zusammen geführt wurden. Die Thematik wurde, obwohl sie gewiss kein großes Highlight darstellt, gut aufgearbeitet, Handlungsstränge wurden geschickt miteinander verknüpft, die Charaktere wirken durchgehend überzeugend, so dass "Messer im Rücken" den Stempel des deutlich gehobenen Mittelmaßes für sich beanspruchen kann.


➥ Maria Heynold


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 26.08.2014 22:28 
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● Folge 21: ...WIE DIE WÖLFE (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Grete Mosheim, Horst Tappert, Hilde Brand, Volker Kraeft, Wolfgang Engels, Ann Höling, Heinz Meier, Pierre Franckh, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




In einem schäbigen Mehrfamilienhaus wird eine ermordete alte Frau in ihrer Wohnung aufgefunden. Kurz zuvor hatte sie 3000 D-Mark in der Lotterie gewonnen, was sie allen anderen Bewohnern des Hauses ganz vertrauensselig berichtet hatte. Da alle Mitwisser aus der Nachbarschaft ohnehin Geld dringend nötig haben und sich natürlich erhofften, auch welches von der alten Dame zu bekommen, sieht sich Kommissar Keller mit einem Haus voller Verdächtiger konfrontiert, denn ein Motiv hat schließlich jeder. Als im Verlauf der Ermittlungen auch noch der erste 500 DM-Schein auftaucht, kann der Mörder bestimmt nicht mehr weit sein...

Folge 21 überrascht mit einem vergleichsweise ausgefallenen Konzept und besonders begrüßenswert ist, dass die unterschiedlichen Charakterzeichnungen so dicht geraten sind, so dass man tatsächlich wenige Beteiligte von vorne herein als Täter ausschließen kann. Das Tatmotiv ist ist nicht gerade besonders außergewöhnlich, weil es doch so alltäglich erscheint, dennoch wird es allerdings beim Hinterfragen der Tat mit einer guten Portion Tragik versehen. Eine alte Frau gewinnt unverhofft einen, für sie sicherlich immens hohen Geldbetrag, sie kann ihr Glück kaum fassen und erzählt es ihren Nachbarn, vermutlich ihren einzigen Ansprechpartnern innerhalb der persönlichen Isolation, mit denen sie aber prompt die schlafenden Wölfe weckt. Ihre Gedankenlosigkeit und diesen kurzen Moment des Glückes muss sie schließlich mit dem Leben bezahlen. Inszenatorisch überzeugt diese Folge auf ganzer Linie und gewährt einen ernüchternden Einblick in bestimmte soziale Verhältnisse und ein Haus voller Bittsteller, die die Frau wohl angebettelt und bedrängt haben müssen, um ihren Teil des Kuchens abzubekommen. Die Tragik besteht also nicht zuletzt in der Naivität des Opfers, aber auch in der Kaltschnäuzigkeit der anderen. Als auch noch das Tagebuch der ermordeten Frau Kluge auftaucht, werden die Wölfe nervös und kriechen aus ihren Löchern und schleichen nervös umher. Mal eine abwechslungsreiche, weil so vollkommen andere Art der Spannung.

Horst Tappert gibt in dieser Geschichte einen Alkoholiker, der so oft und so viel trinkt, dass ihm das Delirium durchaus vertraut ist. Er wirkt sowohl auf Kommissar Keller, als auch auf den Zuschauer dennoch vertrauenswürdig und bemitleidenswert, so dass man Kellers späteres Experiment nachvollziehen kann. Um entscheidende Gesichtspunkte finden zu können, soll der Zeitraum, in dem sich die Tat abgespielt hatte, genau simuliert werden, um aus der alkoholinduzierten Amnesie eine Art Remission zu erlangen. Ein ganz origineller Einfall und besonders für den Zuschauer sehr interessant mit anzusehen, wenn es auch im Endeffekt von der Wahrscheinlichkeit her als eher zweifelhaft zu bewerten ist. Grete Mosheim ist in Bestform, und sie präsentiert ein ganz neues Kaliber der geschwätzigen, neugierigen und etwas einfältigen Klatschtante, die nicht nur die Ermittlungen behindert, sondern Kommissar Keller und seinen Mitarbeitern sichtlich an die Nerven geht, mit Bravour. Mit beispielsweise Hilde Brand oder Volker Kraeft (und einigen anderen dieses Hauses), sieht man Personen, denen man einiges zutrauen würde. Der Zusammenhalt zwischen den beteiligten Personen ist genau so groß, wie ihre gegenseitige Antipathie zueinander. So bekommt man es in "...wie die Wölfe" mit überaus glaubhaften Charakterzeichnungen zu tun, die durch die darstellerische Kompetenz hervorgehoben werden. Identifikationsfaktoren oder ansatzweise Sympathien werden in dieser Folge so gut wie gar nicht offeriert. Mich persönlich hat die musikalische Untermalung, in dieser sonst tadellosen Inszenierung von Wolfgang Staudte, schon etwas gestört, da sie auf Dauer nicht gerade passend wirkt. Nach dem packenden und vielleicht sogar schockierenden Finale bleibt schließlich der Eindruck einer empfunden realistischen Kommissar-Folge, die in Sachen Unterhaltungswert und Anspruch einiges mehr als in vorher gegangenen Folgen zu bieten hat.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.08.2014 18:12 
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Du schreibst dir ja immer noch die Finger wund, alle Achtung. So ein Zufall, ich dachte gerade an meinen alten Plan eines Emily-Reuer-Abends in Köln und da stoße ich im Forum auf dein Werk hier.

Der Filmclub Akasava besteht nach wie vor nur aus mir als einzigem ordentl. Mitglied und Finanzier, nachdem die anderen ausgetreten sind. Aber ich schau mal, im November hab ich wohl genug Geld, um wieder ein Kino zu mieten. dann kombiniere ich Szenen mit ihr aus dem KOMMISSAR mit ihren aus PERCY STUART oder zeige auch ganze Folgen. Wenn die rechte zu teuer werden, als nichtöffentl. Vorstellung. aber ich gebs noch auf jeden Fall hier bei DP bekannt.
Der KRANKENSCHWESTERNREPORT lohnt sich übrigens nicht wegen Emely, sie ist nur kurz im Bild, ist auch keine von den Schwestern und zieht sich nicht aus.

_________________
FILM MÄG, Print-Fanzine im 13. Jahrgang

"Danach kam ja nur noch der subventionierte Staatsfilm."
(Herbert Fux. Er meinte die Zeit ab Mitte der 70er.)


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 01.09.2014 18:29 
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Schöne Idee mit dem Emily-Reuer-Abend, wäre wie gesagt toll, wenn das zu Stande kommen würde! Ich habe auch auf jeden Fall vor, nach ihrem Ausstieg beim "Kommissar" wenigstens eine kleine Hommage für sie zu schreiben. Eigentlich schade, dass sie so klammheimlich aus der Serie ausgeschieden ist, sie war eine interessante Bereicherung für Kommissar Kellers Team. Wenn ich so überlege, kenne ich allerdings keinen einzigen Spielfilm mit ihr, nur ihre Rollen aus diversen Serien. Vor ein paar Wochen habe ich sogar nochmal "Der Trotzkopf" geschaut. :mrgreen:


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 06.09.2014 21:35 
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● Folge 22: TOD EINES KLAVIERSPIELERS (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Ingrid Andree, Günther Ungeheuer, Manfred Spies, Bertha Drews, Karin Heym, Lambert Hamel, Georg Lehn, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Michael Kehlmann




In einer Pension wird ein Mann durch die Türe seines Zimmers erschossen, doch niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Die Ermittlungen führen Kommissar Keller in die Pacific Bar, eine Kneipe von zweifelhaftem Renommee, in welcher der Ermordete als Klavierspieler angestellt war. Schnell wird klar, mit welchen Leuten man es dort zu tun hat und für Keller besteht kein Zweifel mehr daran, dass man den Mörder unter den Stammgästen suchen muss. Doch die Befragungen mit dem Personal und Bekannten des Pianisten liefern zunächst keine Ergebnisse. Was also steckt hinter diesem rätselhaften Mord..?

Aufgrund des Titels dieser Folge könnte man spontan einen Mord in der besseren Gesellschaft erwarten. Schnellstens findet man sich allerdings in einer schäbigen Pension wieder, die Leute beherbergt, die gewiss nicht von Adel sind und die berüchtigte Pacific Bar gibt schließlich die letzten Hinweise darüber, in welchen Gesellschaftskreisen man sich wieder finden wird. Michael Kehlmann inszenierte sein Kommissar-Gastspiel mit viel Gespür für Atmosphäre und behandelte ganz klassische Motive sehr stilsicher, auch wenn die Folge insgesamt nicht zum allergrößten Spektakel geworden ist. Als sehr abwechslungsreich gestaltet sich die erneute Färbung des Kommissar-Teams, welches neben der unermüdlichen Arbeit vor allem aber nochmal folgendes charakterisiert, nämlich dass es sich um keine unfehlbaren Maschinen handelt, denen beispielsweise auch einmal der Zufall zur Hilfe kommen darf. Die zweiundzwanzigste Folge beginnt sehr temporeich und spannend, der anschließende Mord sorgt unmittelbar danach, aber vor allem im Verlauf für Verwirrung. Leider konnte das eigentlich konstant hohe Niveau der Inszenierung nicht bis zum Ende hin aufrecht erhalten werden, dem Empfinden nach hat irgendwie schon ein unkonventioneller Paukenschlag gefehlt. Aber man wird bei allen Folgen en route vielleicht auch ein wenig zu anspruchsvoll.

Die Folge ist insgesamt um keinen der Charaktere herum konstruiert worden, so dass die Interpretationen vielleicht deswegen sogar noch einen Tic überzeugender wirken. Direkt gegenüber des Mordzimmers wohnt Sabine Körner, die von Ingrid Andree, der Frau mit der wunderbaren Erzählstimme, dargestellt wird. Andree, die häufig komplexere Rollen überzeugend interpretierte, beweist auch hier ihre Wandlungsfähigkeit. Der Zuschauer bekommt die etwas gewöhnliche Bedienung aus der lausigen Bar ungeschönt und vis-à-vis präsentiert, was sehr interessant ist. Unter der unempfindlichen Hülle der manchmal teilnahmslos wirkenden Frau verbirgt sich Resignation und tiefe Enttäuschung, so dass man getrost von einer der lebenden Toten aus der Pacific Bar sprechen kann. Ingrid Andree überzeugt jedenfalls mit einer facettenreichen und nachhaltigen Darbietung. Dies ist ebenso bei Günther Ungeheuer der Fall, der auf Rollen von dubiosen Herrschaften ein Abonnement hatte, die er jedoch stets mit Charme und Überlegenheit auszustatten wusste. Harro Bosche ist wie es scheint, tatsächlich mit allen Wassern gewaschen. Bertha Drews, Manfred Spies, Karin Heym, Georg Lehn und Lambert Hamel setzen zufriedenstellende Akzente und unterstützen die undurchsichtige Geschichte mit allen Mitteln. Eine gelungene Folge, die vor allem durch die überzeugenden Zeichnungen der Charaktere, den atmosphärischen Settings und der konventionellen Kriminal-Unterhaltung überzeugen konnte. Ein Patzer fiel mir allerdings beim Anschauen noch auf. Als Günther Ungeheuer und Erik Ode vor der Bar miteinander sprechen sieht man den Namen der Spelunke sehr gut lesbar, und zwar falsch geschrieben. Oder hat der Begriff NIGTH CLUB irgend eine Bedeutung, die mir noch nicht geläufig ist?


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 18.09.2014 17:52 
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● Folge 23: TÖDLICHER IRRTUM (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Agnes Fink, Anton Diffring, Konrad Georg, Ullrich Haupt, Kurt Erhardt, Thomas Astan, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




Am späten Abend klopft ein Mann an das Fenster von Pfarrer Krüger. In der Kirche möchte er die Beichte abgenommen bekommen, jedoch will er auch unter allen Umständen unerkannt bleiben. Der aufgebrachte Mann behauptet, er habe einen Mord an einer gewissen Frau Dönhoff begangen. Die Polizei nimmt die Aussage des Pfarrers mit Skepsis auf, überprüft den Hinweis dennoch umgehend. Man staunt daher nicht schlecht, als man von der angeblich ermordeten Maria Dönhoff empfangen wird. Wenig später wird allerdings tatsächlich eine Ermordete in diesem Haus gefunden. Handelt es sich um eine tödliche Verwechslung..?

Die Kamera schwenkt über einen dunklen Friedhof, hinter dem man eine Kirche sieht, ein Unbekannter klopft an das Fenster des überraschten Pfarrers und man befindet sich direkt im Geschehen. "Tödlicher Irrtum" beginnt sehr spannend und unbehaglich, vielleicht sogar unheimlich, die Titelsequenz findet originellerweise direkt im Beichtstuhl statt und somit hat man es mit einem der prägnantesten Opener der frühen Phase zu tun (der animierte Abspann mit Szenen der Darsteller steht ihm in nichts nach). Wolfgang Becker inszenierte diese Folge sehr eingängig, im Verlauf wird das Geschehen allerdings zu kopflastig, da das gesamte Geschehen ausschließlich um Agnes Fink konstruiert wurde. Der konstant spannende Aufbau dieser dreiundzwanzigsten Folge wird jedenfalls durch ein überaus seichtes Tatmotiv und eine wenig glaubwürdige Auflösung ausgebremst, was bei diesen guten Voraussetzungen wirklich schade ist. Über der Episode schwebt das Beichtgeheimnis, unter dessen Siegel eine tödliche Gefahr für Maria Dönhoff entsteht. Die Frage nach dem Gewissen und dem Abwägen zwischen persönlicher Verantwortung und gemeinnütziger Pflicht wird zur Zerreißprobe und wurde recht überzeugend heraus gearbeitet. Das Warten auf die nächste Nacht, in welcher der Irrtum des Mörders korrigiert werden könnte, erzeugt zusätzliche Spannung, genau wie die Angst der potentiellen Todes-Kandidatin, die man bei dieser Gelegenheit besser kennen lernt. Man bekommt es insgesamt mit sehr einprägsamen Charakterzeichnungen zu tun, die diesen Beitrag doppelt aufwerten.

Die Spannung der Geschichte wird hauptsächlich über Agnes Fink aufgebaut, die hier wieder einmal großartig aufspielt. Maria Dönhoff, eine reiche Geschäftsfrau, wirkt auf den ersten Blick wie eine Philanthropin, da sie in ihrem Hause eine Reihe von Herren beherbergt, die ausschließlich auf ihre Kosten leben. So sind gleichzeitig alle Verdächtigen direkt unter einem Dach versammelt. Doch die prinzipiell einsame Frau bewegten andere Gesichtspunkte dazu, und nicht etwa die Nächstenliebe. Sie hat Angst, und zwar panische Angst vor dem alleine sein, also bezahlt sie für Zuwendung und Gesellschaft. Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass alle Befragten mit Respekt und Bewunderung von ihr gesprochen haben sollen, so dass Kommissar Keller nur kurz anmerkt, dass dies auf Dauer ein bisschen wenig für eine Frau sei. Maria Dönhoff hat alles im Überfluss, jedoch verkümmert sie langsam aber sicher an den schweigenden Vorwürfen der Männer, die ihr zu Verstehen geben, dass sie als Partnerin, Mutter, aber vor allem als Frau ausgedient hat. Agnes Fink verkörpert dies mit Bravour, ihre suchenden, fast springenden Augen charakterisieren ihre Angst und die Fassungslosigkeit, mit der sie ihrer Situation gegenüber steht. Sie ist angespannt aber gleichzeitig müde geworden vom emotionalen Tagesgeschäft, da sie weder geliebt wird, noch gehasst, so dass es für die wesentlich schlimmer kommt. Sie ist allen gleichgültig geworden. Anton Diffring gibt sich notgedrungen als Liebhaber her, geniest als Ausgleich aber das süße Leben nebst seiner schönen, aber vor allem jungen Freundin. Bei Konrad Georg, Thomas Astan und Kurt Erhardt, kommt es zu dem grotesken Anschein, dass sie ihre Geldgeberin, der alles gehört, eben nur noch aus diesem Grunde in deren eigenem Hause dulden und tolerieren. Ulrich Haupt rundet den Kreis der Verdächtigen gekonnt ab, die darstellerischen Leistungen bewegen sich in dieser Folge auf höchstem Niveau. So bekommt der Zuschauer im Endeffekt eher eine Studie präsentiert, gegen die sich der eigentliche Kriminalfall schwer behaupten kann. Das Grundgerüst ist zwar sehr gut und in Ansätzen genau so hochwertig ausgearbeitet worden, auffallend ist die stilsichere musikalische Untermalung, doch das Finale liefert einen ärgerlichen Durchhänger, in dem es vor Unglaubwürdigkeit und Inkonsequenz nur so wimmelt. Schade, die Regie hat leider in den letzten Minuten den Spannungshintergrund aus den Augen verloren. Insgesamt gesehen ist die Folge 23 aber allemal überdurchschnittlich unterhaltend (auch wenn ich sie besser in Erinnerung hatte), stellt letztlich aber keinen Überflieger der Kommissar-Reihe dar.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 03.10.2014 09:00 
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● Folge 24: EINE KUGEL FÜR DEN KOMMISSAR (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz und Rosemarie Fendel
Gäste: Harald Juhnke, Klaus Löwitsch, Horst Michael Neutze, Gert Günter Hoffmann, Angelika Zielke, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Erik Ode




Kommissar Keller wird direkt vor seiner eigenen Haustüre nieder geschossen. Die Täter agierten aus einem vorbei fahrenden Wagen und es handelt sich offenbar nicht um eine zufällige Verwechslung. Glücklicherweise trägt Keller keine lebensbedrohlichen Verletzungen davon und ein späterer Anruf bestätigt, dass es sich um keinen Zufall, sondern um einen Anschlag handelte. Am wahrscheinlichsten ist eine späte Rache eines Straftäters, den der Kommissar in seiner Laufbahn hinter Schloss und Riegel brachte, doch die Liste der potentiell Verdächtigen ist unübersichtlich und lang. Während die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, entschließt sich Frau Keller, der Sache auf eigene Faust nachzugehen...

Nach dem Attentat auf Kommissar Keller läuft der aufgeschreckte Polizeiapparat auf Hochtouren und die Mitarbeiter der Mordkommission heben sich, anders als sonst üblich, komplett voneinander ab und agieren eigenständig. Auch die Damen dürfen unter der Regie von Erik Ode einmal eindrucksvoll beweisen, welch glasklare Kombinationsgabe sie besitzen und dass sie zu mehr fähig sind, als es oftmals dem Anschein nach ausgesehen hatte. Alle Beteiligten haben ohne jeden Zweifel Vielfältiges unter dem Meister gelernt und können ihre geschulten Fähigkeiten nun gewinnbringend unter Beweis stellen. Obwohl Erik Ode die komplette Mannschaft ganz exponiert in den Vordergrund hebt und man dadurch meinen könnte, er hielte sich bezüglich der von ihm interpretierten Figur des Kommissars zurück, der ja tatsächlich nur am Rande agiert, handelt es sich im Endeffekt schon um eine indirekte Selbstinszenierung, wenn sie auch keineswegs aufdringlich wirkt. Die günstigste Voraussetzung bei dieser Folge ist, dass jeder Zuschauer sofort und uneingeschränkt auf der Seite der Inszenierung und der Geschichte an sich steht, da der Protagonist, der das Sinnbild der Reihe darstellt, in große Gefahr geraten ist. Ausgezeichnet konstruiert wurden die zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen der ermittelnden Gruppen. Die Männer bearbeiten den Fall im Sinne des Chefs, was auch die Frauen tun. Doch ihr großer Vorteil besteht darin, dass sie sich solidarisieren und wesentlich unkonventioneller wirken. Trotz unterschiedlicher Ansätze, bei denen der Verlauf ebenso kontrastreich wirkt, ist das wirklich interessante daran, dass man sich irgendwann an der gleichen Stelle wieder treffen wird.

Das Fehlen einer tragenden weiblichen Hauptrolle ebnet die Bühne für Rosemarie Fendel, die als Franziska Keller leider nur sporadisch zu sehen war und stets unscheinbar in Szene gesetzt wurde. In Folge 24 räumte man ihr in ihrem letzten Kommissar-Auftritt endlich Möglichkeiten ein, sich zu profilieren. Trotz völliger Unerfahrenheit und nicht einzukalkulierender Risiken versucht sie eigenmächtig, den Fall aufzurollen. Dabei findet sie mit Fräulein Rehbein eine verlässliche und loyale Komplizin, die ihre langjährige Erfahrung effektiv nutzen kann. Erik Ode ist in der gefährlichen Situation die Ruhe selbst. Er spielt den Fall herunter, obwohl er ihn insgeheim vermutlich nicht unterschätzt, allerdings möchte er mit dieser Strategie die anderen, vor allem aber seine aufgebrachte Frau beruhigen. Als sehr gelungen zu bewerten ist, dass einer nach dem anderen in der Wohnung der Kellers auftaucht und diese quasi zum Ausweichbüro der Mordkommission avanciert. Frau Keller lässt es sich nicht nehmen, nicht nur die Ausnahmesituation, sondern generell den Beruf ihres Mannes kritisch zu hinterfragen, sie bleibt dabei aber verhältnismäßig ruhig und wirkt nicht hysterisch. Hier kann man wohl von ihrer jahrelangen Erfahrung als Kommissars-Gattin sprechen, von der sie in eigenartiger Weise profitieren kann. Es gestaltet sich als sehr interessant und originell, ihr im Verlauf schließlich bei ihren hartnäckigen Laien-Ermittlungen zusehen zu können. Die Spannung entsteht somit aus zahlreichen Komponenten. Die Kellers, sowohl sie als auch er, schweben in latenter Gefahr, der Anschlag könnte sich wiederholen und man hat es lange Zeit mit Phantomen zu tun; sie umgibt sich mit Leuten, denen sie nicht gewachsen ist, die Mitarbeiter der Mordkommission könnten nicht rechtzeitig intervenieren...man hat das Gefühl dass die Zeit knapp wird. Die zwielichtigen Gestalten sind mit einem sympathischen und sehr überzeugend spielenden Harald Juhnke sowie Klaus Löwitsch, Horst Michael Neutze und Gerd Günter Hoffmann ausgezeichnet besetzt worden. Folge 24 besticht durch einen klaren Aufbau, empfundene Authentizität, durchgehende und nicht verkrampft wirkende Spannung und mit einem sehr gelungenen Finale, so dass man sicherlich von einer der gelungensten Episoden der frühen Phase sprechen kann.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 18.10.2014 17:45 
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● Folge 25: DER MORD AN FRAU KLETT (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Alfred Balthoff, Hans Ernst Jäger, Vadim Glowna, Hilde Volk, Laurence Bien, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Erik Ode




In einem heruntergekommenen Viertel findet ein Lumpensammler eine Ermordete, die in einem Hinterhof einfach in einer Mülltonne abgelegt wurde. Um mit diesem rätselhaften Fall weiterzukommen, untersucht Kommissar Keller den sozialen Hintergrund der toten Frau Klett, die - wie sich schnell heraus stellt - ein sehr karges Leben geführt haben muss. Auch zu ihrem Mann und ihrem Sohn hatte sie schon länger keinen Kontakt mehr und keiner kann oder will eigentlich wirklich viel über die Frau berichten, bis die Spur in ein zweifelhaftes Lokal führt, wo sich einige Zusammenhänge entschlüsseln...

Folge 25 beginnt recht eindrucksvoll mit dem Ende einer Frau, die im Leben offensichtlich kaum das Nötigste zur Verfügung gehabt hat. Nicht nur für den Zuschauer, sondern auch die für ermittelnden Personen (die ja schließlich so einiges gewöhnt sind) offenbart sich eine Situation der Bestürzung, da die Tote einfach in einen Müll-Container abgelegt wurde, wie Abfall den man dringend loswerden möchte, weil man ihn nicht mehr ertragen kann. Hinzu kommt, dass die Frau schrecklich zugerichtet vorgefunden wird. Das Aufzeigen des sozialen Hintergrundes von Frau Klett dokumentiert wohl, dass nach Ansicht des Mörders einfach nur ein wertloses Leben beendet wurde. Zunächst bilden diese Bausteine eine gewisse Tragik und Nachdenklichkeit oder auch Entrüstung, doch eigentlich stellt sich relativ schnell heraus, dass man nur versuchte, eine äußerst schwache Geschichte durch Emotionen auf dem Servierteller zu verschleiern. Diese Krokodilstränen des Drehbuches verwässern leider die gesamte Angelegenheit in beinahe unangenehmer Art und Weise, so dass man es eigentlich vorweg nehmen kann: "Der Mord an Frau Klett" ist eine ungewöhnlich schwache und aufdringliche Kommissar-Folge geworden. Man kann ihr schließlich zu Gute halten, dass Dietrich Haugk versuchte, die Episode handwerklich-solide ins Ziel zu bringen.

Die Besetzungsliste mit Alfred Balthoff, Hans Ernst Jäger, Vadim Glowna und Hilde Volk bringt mir ein persönliches, für Kommissar-Verhältnisse beispielloses Horror-Kabinett zu Stande und auch hier hat man es in dieser Hinsicht mit der wohl bislang schwächsten Episode zu tun. Eine abgesattelte Truppe, die wenigstens die schäbigen Schauplätze und die triste Geschichte unterstreichen. Gut, die unsympathischen Charaktere gehören zwingend zu diesem Fall, da sie die nebulöse Geschichte mit ihren markanten, oder eher gesagt eigenartigen Kapriolen prägen sollen. Doch leider passt hier nichts zusammen. Alle klagen über das karge Leben und merken nicht, dass sie sich in ihrer Resignation und Lethargie bereits längst dem Schicksal hinnehmend gebeugt haben. Die einzige von ihnen, die schließlich ihr Leben aus Stroh zu Gold machen wollte, wurde ermordet. Diese hoffnungslosen Fälle wurden nicht im Geringsten stichhaltig, oder wenigstens annähernd verständlich für den Zuschauer herausgearbeitet, lediglich Else Knott als Frau Klett konnte eine hauchdünne Duftmarke setzen. Die Regie versucht jedenfalls die Folge durch Kompetenz glattzubügeln, was jedoch leider nicht komplett gelungen ist. Das Finale ist versöhnlicherweise noch sehr einprägsam und rasant ausgefallen, aber dennoch bleibt der Fall mit seinen Irrungen und Wirrungen im Rahmen dubioser Familienverhältnisse und dem Sinn des Ganzen Theaters eher schwach. Bei Zbyněk Brynychs Beiträgen hatte man trotz teils unerträglichen Passagen wenigstens eine auch teilweise beachtliche Besetzung (sozusagen als Tranquilizer) zur Verfügung, hier ist erstmals die Geschichte trotz schwerer Geschütze sehr wässrig, was allerdings viel schwerer ins Gewicht fällt ist, dass es keinen adäquaten darstellerischen Ausgleich gibt. Insgesamt eine überwiegend unbeeindruckende Folge, obwohl man sich angesichts der Intention dieser Erzählung nicht unbeeindruckt fühlen sollte. Einfach zu verdächtig!


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PostPosted: 05.11.2014 00:15 
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● Folge 26: DIE KLEINE SCHUBELIK (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz und Emely Reuer
Gäste: Peter Kuiper, Erni Mangold, Margarethe von Trotta, Susanne Schaefer, Josef Fröhlich, Sigfrit Steiner, Thomas Piper, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Georg Tressler




Der Gelegenheitsarbeiter Schubelik wird tot in seinem Bett aufgefunden. Starb er eines natürlichen Todes? Er bewohnte eine kleine Laube am Rande der Stadt. Zunächst deutet keine Spur auf ein Gewaltverbrechen hin, doch Kommissar Keller ist skeptisch und rekonstruiert den Tag vor Schubeliks Tod noch einmal. Es hat eine Feier stattgefunden bei der auch die minderjährige Tochter des Toten, genannt die kleine Schubelik und ein Freund von ihm anwesend waren. War noch jemand zur besagten Zeit dort und kommt daher als Täter in Frage? Die Ermittlungen durchleuchten die Familienverhältnisse und fügen das Puzzle schließlich zusammen...

Mit einer Regie-Arbeit von Georg Tressler weiß man die Angelegenheit eigentlich in sicheren Händen. "Die kleine Schubelik" gehört allerdings nicht zu dieser Gattung und kann aufgrund des eintönigen Kriminalfalles, vor allem aber wegen der denkbar schwachen Titel gebenden Figur kaum Punkten. Lediglich die Charakterzeichnungen der übrigen Akteure sind wirklich gelungen und überzeugen daher auch in den meisten Fällen. Wenige Verdächtige in Verbindung mit einem herkömmlichen Fall, lassen die Handlung hier deutlich an Spannungshintergrund verlieren und die Vorhersehbarkeit erscheint daher exponiert zu sein wie selten. Die Einführung in die Geschichte ist mehr als eindeutig, genau wie die Zeichnung des Ermordeten, der ein Tyrann gewesen sein muss, und über dessen Ableben man bei einigen Beteiligten mehrmals beinahe Erleichterung sehen kann. So ist die ganze Angelegenheit auch wieder einmal schnellstens eine Art Konglomerat aus Kriminalfall und Milieu-Studie mit einigen gescheiterten Existenzen geworden, allerdings der weniger beeindruckenden Sorte, da es zu empfundener, ja aufgesetzter Tragik kommt. Allerdings darf man Folge 26 zu Gute halten, dass sie handwerklich, der Schauplätze wegen und vor allem ermittlungstechnisch so manches an Überzeugung zu bieten hat.

Für ein derartiges Milieu hatte man mit einem Kaliber wie Peter Kuiper als Klenze auf jeden Fall den richtigen Mann zur Verfügung. Seine geprahlte Manneskraft steht offenbar antiproportional zu seiner Intelligenz und er präsentiert sich als klassischer, Ekel erregender Prolet. Warum lange Reden schwingen, wenn die Fäuste doch eine eindeutigere Sprache sprechen, warum Arbeiten, wenn diese doch bekanntermaßen nur krank macht, warum nur eine Frau haben, wenn es doch so viele gibt? Kuiper liefert eine großartige und vor allem glaubwürdige Interpretation ab. Beim ersten Verhör weiß man bereits sofort mit wem man es zu tun hat. Seine Frau, die er betrunken auch gerne windelweich prügelt, wird von ihm hin und herschickt, ja wie ein minderwertiges Objekt behandelt und man kann ihn beobachten, wie er die sichtlich angewiderte Helga mit einem geilen Grinsen fixiert, oder wirklich eher schon angafft. Dabei hört man ständig den Sekundenzeiger der Uhr ticken, die sich im Raum befindet, was Klenze eindeutig charakterisiert. Eine Zeitbombe, die jederzeit ausrasten könnte oder schon längst explodiert ist. Somit bietet diese Folge eines der wohl groteskesten, aber auch interessantesten Verhöre der ganzen Reihe. Margarethe von Trotta überzeugt als resignierte Ehefrau dieses Herrn ebenfalls und sie gehört wie die meisten anderen Interpreten in die Riege der bedauernswerten Personen (von denen besonders noch Erni Mangold hervorsticht), die sich mutwillig mit einer Art Hölle arrangiert haben. Emely Reuer hat in dieser wenig erbaulichen Atmosphäre leider schon ihren letzten Auftritt als Helga. Sie bekam hier eine der wenigen Möglichkeiten, sich ein etwas mehr in den Fokus zu rücken, was besonders im Zusammenspiel mit einem lüsternen Peter Kuiper zur Geltung kommt. So erteilt sie ihm die wohl beste Abfuhr der Kommissar-Reihe, als sie ihn auf seine plumpen Avancen quasi fragt, als ob er noch ganz bei Trost sei. Eine Köstlichkeit! Ansonsten verläuft die Episode wie gesagt wenig originell, für meine Begriffe sogar langweilig, weil sie vorhersehbar erscheint und man vergleichsweise wesentlich besseres gesehen hat. Auch dieser tragisch angehauchte Versuch von Georg Tressler hat mich persönlich unbeeindruckt zurück gelassen, genau wie es schon beim Vorgänger der Fall war.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 14.11.2014 00:13 
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Folge 83: Das goldene Pflaster

D 1974

R: Wolfgang Becker

Während Kommissar Keller sich in Wien von einer Schußverletzung (die er in Folge 82 erlitt) kurieren lässt, hat zuhause in München sein Team einen Mord an einem illegalen türkischen Gastarbeiter zu tun. Da er kein Geld hatte, um seine Schlepper vorab zu bezahlen, musste er nun in Deutschland Teile seines Verdienstes an die Menschenschmuggler abführen - und genau dies wollte er nun nicht mehr tun, wie die Beamten von Murada, der Tochter des Ermordeten erfahren, die in Ingolstadt als Ingenieurin arbeitet. Ihr kleiner Bruder kann den Geldkassierer der Organisation identifizieren, und über ihn führt die Spur zu dem Geschäftsmann Kolschak, der sich mit dem Geld mit dem Nachtzug auf nach Wien macht. Kurzerhand besteigen Grabert, Heines, Erwin Klein und Murada ebenfalls diesen Zug, Heines gar als Abteilgefährte von Kolschak. Der aber durchschaut ihn und kann mit Hilfe eines halsbrecherischen Wiener Taxifahrers, der schon mal über den Bürgersteig rast ("Sehens eh, die Straßen is blockiert!") und 1000 Schilling Extra-Fahrpreis die österreichische Polizei abhängt. Mit Mord allerdings will Kolschak nichts zu tun haben und erklärt sich bereit, sich mit Kommissar Keller und Oberinspektor Gruber in einem Kaffeehaus zu treffen, wird aber just in dem Moment, als er es betreten will, von einer MG-Salve dahingerafft. Doch es gibt noch eine Spur, die zu einem heruntergekommenen Lokal am alten Hafen führt...


Die einzige echte Giftschrank-Folge der Serie (zwei weitere sind meines Wissens aufgrund urherberrechtlicher Probleme gesperrt) führt in die auch heute stets aktuelle Thematik um Schleuserbanden und illegale Zuwanderung. Auch wenn natürlich die Lösung des Falles im Mittelpunkt steht, wirft die Folge doch einen interessanten Blick auf die Gastarbeiter-Welt des Jahres 1974, kurz nachdem der Anwerbestopp für Gastarbeiter in Kraft getreten war. In dem Münchner Mietshaus, in dessen Hof der Mord passiert, wohnen überwiegend Illegale, wie auch das Mordopfer selbst, die die Leiche zu einer nahegelegenen Baustelle verbringen, weil sie (zu Recht) Probleme befürchten, wenn die Leiche am eigentlichen Tatort gefunden wird. Der Polizei erscheint jedoch gerade verdächtig, dass die verbleibenden legalen türkischen Hausbewohner bei der Befragung zu schnell ihre Ausweise zur Hand haben. Die Dialogszenen unter den Türken sind konsequenter auf türkisch gehalten und nicht untertitelt. Murada, die Tochter des Ermordeten, ist eine attraktive und selbstbewusste Frau, die allerdings nicht auf ein Kopftuch verzichtet. Ihr ist vollkommen bewusst ist, dass sie nur mit hervorragenden Sprachkenntnissen eine Aufstiegsschance hat, die sie auch nutzt und als Ingenieurin arbeitet. Ihr Vater hingegen durfte aus gesundheitlichen Gründen nicht legal einreisen und wurde so zum illegalen Arbeiter. Und in der weiteren Familie ist ebenfalls macher legal hier und mancher nicht. Woran will man die Kriterien festmachen? Im "Zwischenschleusungspunkt" Wien werden die Illegalen in heruntergekommenen alten Ställen zusammengepfercht, bevor es nach Deutschland weitergeht. So großartig anders dürfte das auch 40 Jahre später nicht ablaufen. Man sollte nun keine ausgefeilte gesellschaftskritische Studie erwarten, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass man in der Zeit von 1974 an durchaus einiges mehr für die Integration von Zuwanderern hätte machen können.

So ist es eine interessante Folge, die auch durch den zweiten Schauplatz Wien und Fritz Muliar als Oberinspektor mit Wiener Schmäh dazugewinnt.

Die Verbannung in den Giftschrank ist natürlich a Schmarrn, der darauf zurückzuführen ist,
dass sich ein Mitarbeiter der türkischen Botschaft in Wien als Organisator des Schlepperrings entpuppt, was empörte Beschwerden türkischer Diplomaten in Deutschland und Österreich nach sich zog.
Erbärmlich! In den Zeiten von Sultan Erdogan I. dürfte die Reaktionen allerdings auch heute noch wieder so ausfallen. :|


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 14.11.2014 12:55 
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Da Folge 83 damals ja Kontroversen ausgelöst hat und darauf hin in den Giftschrank verbannt wurde, hat sie für meine Begriffe irgendwie schon ins Schwarze getroffen, wenn auch in der letzten Konsequenz und angesichts der Reaktionen vermutlich nur unbeabsichtigt. Dafür setzte man die aufkommenden kritischen Untertöne in "Das goldene Pflaster" zu zaghaft, ja beinahe zu neutral ein, denn dieser Fall ist ohne viel Fantasie zu gebrauchen leicht auf andere Personen, Gruppen oder das Inland übertragbar und wird, zumindest weitgehend, ohne die unterstellte Wertung vorgetragen. Im Grunde genommen ist die Folge daher falsch, oder vielleicht sogar extra falsch verstanden worden, was sehr schade ist, handelt es sich dabei doch um eine recht beeindruckende Studie mit handwerklicher Finesse. Leztlich darf sich der Zuschauer also vorbehalten, die kritischen Reaktionen gegenüber dieser Episode ebenfalls (falsch = richtig) zu verstehen, oder ihren überaus liberalen Charakter anzuerkennen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 14.11.2014 18:44 
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Den habe ich damals für 40 DM beim ZDF bestellt und auch als VHS Tape erhalten.Völliger Schachsinn das man die Folge verbannt hat nur weil ein türkischer Botschaftsangehöriger als Mörder überführt wird.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 15.11.2014 20:00 
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● Folge 27: ANONYMER ANRUF (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Martin Lüttge, Gerlinde Locker, Jürgen Goslar, Dunja Rajter, Friedrich Joloff, Hanne Hiob, Paul Edwin Roth
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Helmut Käutner




»Ihre Frau betrügt Sie!« So lautet der erste seltsame Anruf, der bei Kurt Gersdorf eingeht und kurz darauf folgt ein zweites Telefonat, bei dem der Fremde behauptet, Frau Gersdorf betrüge ihn mit Herrn Stein, dessen eigenem Onkel. Von Zweifeln getrieben, sucht Gersdorf die Villa seines Onkels auf und schon beim Betreten fallen Schüsse und die Alarmanlage ertönt laut. Stein wurde soeben ermordet. Handelt es sich um eine mörderische Falle, oder hat der Neffe einen perfiden Plan ausgeführt? Kommissar Keller machen die unterschiedlichen Zeugenaussagen skeptisch, außerdem stellt sich heraus, dass die Mordwaffe dem Hauptverdächtigen Gersdorf gehört. Kann er seine Unschuld beweisen..?

Folge 27 beginnt mit Panorama-Einstellungen der Stadt, schwenkt in Gersdorfs Dachgeschoss und beschäftigt sich mit einigen Details seiner Wohnung, bis der erste anonyme Anruf ertönt. Bereits zu Beginn wird ganz klar deutlich, dass Helmut Käutners Episode mit einem glasklaren Aufbau überzeugen wird und die gesamte Konstruktion schmückt sich im Verlauf mit einigen raffinierten Zügen. Leider ist folgendes jedoch nicht wegzudiskutieren, denn der Kriminalfall an sich ist leider vollkommen unspektakulär. Man verfolgt das Ganze und merkt bald, dass es eigentlich kaum Tatverdächtige gibt und wenn man sich schließlich an den Titel der Episode erinnert, hinterfragt man natürlich, wer der anonyme Anrufer gewesen ist. Spätestens hier fällt der Groschen, da man die Stimme der Person aufgrund ihrer prägnanten Farbgebung erkennt. Ziemlich schade, denn spätestens damit ist eine gute Portion Spannung einfach hinfällig geworden. Die Falle, die gnadenlos in der Villa des Herrn Stein zuschnappt, ist ansonsten sehr originell, auch die beteiligten Personen, die einiges zu verbergen haben, und deren eigenartige Beziehungen zueinander, sind mindestens einmal anschaulich gestaltet worden, wenngleich auch die Integration einiger der berüchtigten heiligen Nutten der Serie erneut fadenscheinig wirkt. Insgesamt gesehen hebt sich diese Angelegenheit deswegen nicht vom Mittelmaß ab, eher das Gegenteil ist der Fall.

Die Besetzung ist bunt, aber nicht uninteressant zusammen gewürfelt worden. Martin Lüttge, der in Kommissar-Fragen bereits einen wesentlich prägnanteren Auftritt zu verbuchen hatte, wirkt als Student Gersdorf etwas bemitleidenswert, da er ohne Weitsicht und ziemlich naiv in eine mörderische Falle tappt. Dem Eindruck nach scheinen seine Kompensationsstrategien ziemlich begrenzt zu sein, auch die Tatsache, was ihm nahe stehende Personen aus seinem direkten Umfeld treiben und zu was Menschen im Allgemeinen aus Kalkül und Egoismus fähig sein können, scheint ihm vollkommen fremd zu sein. Gerlinde Locker als seine zunächst unscheinbar anmutende Gattin wirkt recht überzeugend als Verantwortliche zum Aufbessern der Haushaltskasse. Anschaffen fürs Studium ihres ziellos wirkenden Mannes, das hat man jedenfalls von Gerlinde Locker auch nicht alle Tage gesehen, wobei sich allerdings Zweifel etablieren, ob das Geschilderte der Logik oder der Wahrscheinlichkeit entspricht. Eine weitere Genossin der diskreten Prostitution stellt die aparte Dunja Rajter dar, die ich in ihren wenigen und belanglosen Rollen immer sehr gerne sehe. Leider wurde sie hier mit einer Stimme synchronisiert, die einem beinahe schmerzhaft ins Ohr springt. Ich musste dabei sofort an Evelyn Opela denken, die (wie Rajter eben auch) gerade durch ihre charmante Original-Stimme so nachhaltige Akzente setzen konnte, aber hier wie ein Fremdkörper wirkt. Mit Jürgen Goslar und Friedrich Joloff bekommt man sehr überzeugende Interpreten zu Gesicht, die im Endeffekt auch den Kreise der Verdächtigen darstellen, da der Anrufer zu Beginn schließlich ein Mann war. Die komplette Folge besteht dem Empfinden nach ausschließlich aus Verhören, das große Aha bleibt auch nach der sehr gelungenen Überführung des Täters, bei der alle in der Villa zusammen geführt werden, leider aus, die Charakterzeichnungen wirken wenig geschliffen. Auch das Prinzip, dass wieder einmal ein rücksichtsloser Unmensch das Zeitliche segnen musste, wirkt langsam überholt (wenn auch nachvollziehbar), das Tatmotiv offenbart sich 5 vor 12 und drängt sich quasi aus dem Nichts auf. Ja, diese Folge lässt einen nicht nur unschlüssig, sondern leider auch etwas unzufrieden zurück, da sie einerseits klassisch konstruiert wirkt, ihr andererseits aber das gewisse Etwas fehlt. Übrigens ist Helmut Käutners Beitrag ärgerlicherweise in der "Kommissar"-Box nicht enthalten.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 25.11.2014 21:58 
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● Folge 27: ANONYMER ANRUF (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Martin Lüttge, Gerlinde Locker, Jürgen Goslar, Dunja Rajter, Friedrich Joloff, Hanne Hiob, Paul Edwin Roth
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Helmut Käutner




»Ihre Frau betrügt Sie!« So lautet der erste seltsame Anruf, der bei Kurt Gersdorf eingeht und kurz darauf folgt ein zweites Telefonat, bei dem der Fremde behauptet, Frau Gersdorf betrüge ihn mit Herrn Stein, dessen eigenem Onkel. Von Zweifeln getrieben, sucht Gersdorf die Villa seines Onkels auf und schon beim Betreten fallen Schüsse und die Alarmanlage ertönt laut. Stein wurde soeben ermordet. Handelt es sich um eine mörderische Falle, oder hat der Neffe einen perfiden Plan ausgeführt? Kommissar Keller machen die unterschiedlichen Zeugenaussagen skeptisch, außerdem stellt sich heraus, dass die Mordwaffe dem Hauptverdächtigen Gersdorf gehört. Kann er seine Unschuld beweisen..?

Folge 27 beginnt mit Panorama-Einstellungen der Stadt, schwenkt in Gersdorfs Dachgeschoss und beschäftigt sich mit einigen Details seiner Wohnung, bis der erste anonyme Anruf ertönt. Bereits zu Beginn wird ganz klar deutlich, dass Helmut Käutners Episode mit einem glasklaren Aufbau überzeugen wird und die gesamte Konstruktion schmückt sich im Verlauf mit einigen raffinierten Zügen. Leider ist folgendes jedoch nicht wegzudiskutieren, denn der Kriminalfall an sich ist leider vollkommen unspektakulär. Man verfolgt das Ganze und merkt bald, dass es eigentlich kaum Tatverdächtige gibt und wenn man sich schließlich an den Titel der Episode erinnert, hinterfragt man natürlich, wer der anonyme Anrufer gewesen ist. Spätestens hier fällt der Groschen, da man die Stimme der Person aufgrund ihrer prägnanten Farbgebung erkennt. Ziemlich schade, denn spätestens damit ist eine gute Portion Spannung einfach hinfällig geworden. Die Falle, die gnadenlos in der Villa des Herrn Stein zuschnappt, ist ansonsten sehr originell, auch die beteiligten Personen, die einiges zu verbergen haben, und deren eigenartige Beziehungen zueinander, sind mindestens einmal anschaulich gestaltet worden, wenngleich auch die Integration einiger der berüchtigten heiligen Nutten der Serie erneut fadenscheinig wirkt. Insgesamt gesehen hebt sich diese Angelegenheit deswegen nicht vom Mittelmaß ab, eher das Gegenteil ist der Fall.

Die Besetzung ist bunt, aber nicht uninteressant zusammen gewürfelt worden. Martin Lüttge, der in Kommissar-Fragen bereits einen wesentlich prägnanteren Auftritt zu verbuchen hatte, wirkt als Student Gersdorf etwas bemitleidenswert, da er ohne Weitsicht und ziemlich naiv in eine mörderische Falle tappt. Dem Eindruck nach scheinen seine Kompensationsstrategien ziemlich begrenzt zu sein, auch die Tatsache, was ihm nahe stehende Personen aus seinem direkten Umfeld treiben und zu was Menschen im Allgemeinen aus Kalkül und Egoismus fähig sein können, scheint ihm vollkommen fremd zu sein. Gerlinde Locker als seine zunächst unscheinbar anmutende Gattin wirkt recht überzeugend als Verantwortliche zum Aufbessern der Haushaltskasse. Anschaffen fürs Studium ihres ziellos wirkenden Mannes, das hat man jedenfalls von Gerlinde Locker auch nicht alle Tage gesehen, wobei sich allerdings Zweifel etablieren, ob das Geschilderte der Logik oder der Wahrscheinlichkeit entspricht. Eine weitere Genossin der diskreten Prostitution stellt die aparte Dunja Rajter dar, die ich in ihren wenigen und belanglosen Rollen immer sehr gerne sehe. Leider wurde sie hier mit einer Stimme synchronisiert, die einem beinahe schmerzhaft ins Ohr springt. Ich musste dabei sofort an Evelyn Opela denken, die (wie Rajter eben auch) gerade durch ihre charmante Original-Stimme so nachhaltige Akzente setzen konnte, aber hier wie ein Fremdkörper wirkt. Mit Jürgen Goslar und Friedrich Joloff bekommt man sehr überzeugende Interpreten zu Gesicht, die im Endeffekt auch den Kreise der Verdächtigen darstellen, da der Anrufer zu Beginn schließlich ein Mann war. Die komplette Folge besteht dem Empfinden nach ausschließlich aus Verhören, das große Aha bleibt auch nach der sehr gelungenen Überführung des Täters, bei der alle in der Villa zusammen geführt werden, leider aus, die Charakterzeichnungen wirken wenig geschliffen. Auch das Prinzip, dass wieder einmal ein rücksichtsloser Unmensch das Zeitliche segnen musste, wirkt langsam überholt (wenn auch nachvollziehbar), das Tatmotiv offenbart sich 5 vor 12 und drängt sich quasi aus dem Nichts auf. Ja, diese Folge lässt einen nicht nur unschlüssig, sondern leider auch etwas unzufrieden zurück, da sie einerseits klassisch konstruiert wirkt, ihr andererseits aber das gewisse Etwas fehlt. Übrigens ist Helmut Käutners Beitrag ärgerlicherweise in der "Kommissar"-Box nicht enthalten.



Ja, das sieht die Frau recht locker! :lol:


Ich fand die Folge ja recht interessant angelegt mit dem anonymen Anruf, der Gersdorf dazu bringt, genau das zu tun, was der Anrufer bezweckt. Wie kommt er aus der Falle wieder raus?

Die Besetzung ist gut, und musikalisch gibt's diesmal Leonard Cohens "Suzanne" auf die Ohren.

Das Ende freilich erinnert mich zu sehr an Hercule Poirot, wenn alle Beteiligten am Tatort versammelt sind, und das Tatmotiv wird im letzten Satz von Kommissar Keller wie das Kaninchen aus dem Hut gezaubert.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 25.11.2014 22:39 
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ugo-piazza wrote:
Ich fand die Folge ja recht interessant angelegt mit dem anonymen Anruf, der Gersdorf dazu bringt, genau das zu tun, was der Anrufer bezweckt. Wie kommt er aus der Falle wieder raus?

Das stimmt schon, interessant aufgebaut ist der Verlauf schon.
Wie gesagt gibt es aber leider nur zwei Verdächtige und man kann die Stimme des Täters recht gut am Telefon erkennen.
So kommt nach der Anfangssequenz so gut wie keine Spannung mehr auf und das eigentlich geheimnisvolle Element des anonymen Anrufs wird vertan.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 26.11.2014 01:35 
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Das hat man damals mitunter gemacht, man hat darauf gesetzt, dass der "normale" Fernsehzuschauer über die Telefonstimme nicht auf den Täter schließen kann.

Später hat man das in einer Ringelmann-Produktion mal so gemacht, dass man ganz bewusst die Stimme am Telefon erkennen konnte, ich meine es wäre Peter Fricke gewesen, der in der Folge auch mitspielte. Am Ende spielte dieser Umstand aber überhaupt keine Rolle und man hatte den Zuschauer auf diese Weise bewusst in die Irre geführt. Laut der Geschichte hatte da jemand völlig anderes gesprochen. Der Zuschauer konnte am TV ja nicht zurückspulen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 26.11.2014 10:22 
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Prisma wrote:
ugo-piazza wrote:
Ich fand die Folge ja recht interessant angelegt mit dem anonymen Anruf, der Gersdorf dazu bringt, genau das zu tun, was der Anrufer bezweckt. Wie kommt er aus der Falle wieder raus?

Das stimmt schon, interessant aufgebaut ist der Verlauf schon.
Wie gesagt gibt es aber leider nur zwei Verdächtige und man kann die Stimme des Täters recht gut am Telefon erkennen.
So kommt nach der Anfangssequenz so gut wie keine Spannung mehr auf und das eigentlich geheimnisvolle Element des anonymen Anrufs wird vertan.


Es hätte ja auch noch die Möglichkeit gegeben, dass Käutner dem Zuschauer eine Falle stellen wollte, und Gersdorf wäre tatsächlich der Täter gewesen.


Tatsächlich hatte ich auf die Stimme des Anrufers gar nicht so richtig geachtet. Der Täter wurde mir verdächtig, weil er eigentlich so unverdächtig erschien. Die Auflösung des Tatmotivs ließ mich ziemlich bedröppelt zurück, weil da in der letzten Sekunde eine Tatsache eingeführt wurde, die vorher gar nicht benannt wurde. So gesehen wurde der Zuschauer eine Stunde lang an der Nase herumgeführt.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 30.11.2014 15:00 
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● Folge 28: DREI TOTE REISEN NACH WIEN (1970)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper und Fritz Eckhardt
Gäste: Hans Caninenberg, Dieter Borsche, Herbert Steinmetz, Hilde Weissner, Christoph Bantzer, Susanne Wisten, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Dietrich Haugk




Eine anonyme Morddrohung richtet sich gegen Schreiner Bessmer, den Buchhändler Sasse und den Großkaufmann Roth. Diese Ankündigung steht in direktem Zusammenhang zu der letzten Vergnügungsfahrt nach Wien, die die drei alten Freunde gemeinsam unternommen hatten. Es gab häufiger solche Reisen, um dem Alltagstrott und dem langweiligen Eheleben entkommen zu können. Als Bessmer auf offener Straße ermordet wird ist klar, dass es sich um tödlichen Ernst handelt. Auch die Schüsse wurden aus einem Wagen mit Wiener Kennzeichen abgegeben. Was ist bloß in Wien geschehen und warum führen alle Wege dort hin? Kommissar Keller versucht, die übrig gebliebenen Herren vor Anschlägen zu schützen, doch die Zusammenhänge liegen im Dunkeln...

Dietrich Haugk lieferte mit "Drei Tote reisen nach Wien" einen richtigen Kommissar-Klassiker ab, der sogar - wenn man das Ganze ein bisschen mehr gestreckt sieht - blendend als Spielfilm funktioniert hätte. In Folge 28 merkt man wieder, dass man sich noch einmal aufraffte, um frischen Wind in die Reihe und in das übliche Konzept zu bringen, was nach den schwächeren Vorgängern der zweiten Staffel auch dringend notwendig war. So kommt es zu einigen Neuerungen und unterschiedlichen Herangehensweisen, die genügend Potential liefern, um sich abzuheben, was ja im Endeffekt auch gelungen ist, da es sich außerdem um einen sehr spannenden Stoff handelt. Episode 28 wirkt überraschend. Der maskierte Mörder sorgt für eine richtig unheimliche Atmosphäre, auch seine Vorgehensweise erscheint wesentlich brutaler zu sein als es sonst den Anschein hatte. Dieser wesentlich nachhaltigere Eindruck entsteht nicht zuletzt auch deswegen, da die Morde hier gezeigt werden und die Toten, nicht wie sonst üblich, gefunden werden, und die Tat an sich eine Sache der Fantasie zu bleiben hatte. Auch bleibt es diesmal nicht nur bei einem Mord und insgesamt bekommt man es bei Kommissar-Verhältnissen schon mit einer neuen Ebene der Spannung zu tun. Zusätzlich gibt es ein gelungenes Crossover mit der Integration des Wiener Kollegen, Oberinspektor Marek, so dass "Drei Tote reisen nach Wien" schließlich wesentlich aufwendiger inszeniert wirkt, als viele seiner Artgenossen.

Bei derartig gehobenen Voraussetzungen durfte natürlich eine Glanz-Besetzung nicht fehlen, die alleine mit den Titel-Figuren schon bemerkenswert ausgestattet ist. Die drei Toten, die Vergnügungen nicht abgeneigt sind, bekamen durch Hans Caninenberg, Dieter Borsche und Herbert Steinmetz sehr überzeugende, wenn auch vollkommen unterschiedliche Gesichter. Auch die Familienverhältnisse bekamen sehr differenzierte Färbungen. Wo es bei Erwin Bessmers Tod zu Tränen seiner Frau kommt, was innerhalb der Serie einen Seltenheitscharakter besitzt, denn meistens waren die Beteiligten über diverse Ableben erleichtert oder zeigten sich sogar unempfindlich, gibt es im Hause Sasse vorwurfsvolle und desillusionierte Konversationen, die von Hans Caninenberg und Hilde Weissner scharfzüngig und pointiert dargeboten werden. Auch Dieter Borsche als wohlhabender Kaufmann glänzt durch einen Präzisionsauftritt. Alle schüren sie die Befürchtung, dass Schweigen letztlich tödlich sein kann, so dass die Folge deswegen, aber auch aus den unterschiedlichsten Gründen von einer gesunden Spannung profitiert. Episode 28 offenbart ihre Stärken wie am Fließband, was durchaus positiv zu verstehen ist. Originelle Wendungen, dosierte Effekte, stichhaltige Charakterzeichnungen, tolle Schauplätze und schließlich die klassischen Ermittler-Tätigkeiten überzeugen hier restlos. "Drei Tote reisen nach Wien" verblüfft letztlich durch die Verschleierungstaktik des Drehbuches, und man ist sich als Zuschauer bis zum Ende hin nicht im Klaren darüber, wohin die Reise denn tatsächlich gehen wird. Dass die Regie die günstigen Voraussetzungen optimal genutzt hat, wird in jeder Minute dieser weit über dem Durchschnitt liegenden Kommissar-Folge sichtbar. Auch viele Einfälle, wie beispielsweise der alternative Abspann mit Darstellern und Namen, Rückblenden als Standbilder, etc., wirken als Bonus sehr erfrischend. Ein überzeugender Kommissar-Volltreffer voller Dynamik, Kompetenz und Vorstellungsvermögen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 07.12.2014 21:00 
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● Folge 29: DER MOORMÖRDER (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Harald Leipnitz, Charles Regnier, Louise Martini, Gustl Halenke, Angelika Zielcke, Hartmut Becker, Hilde Hildebrand, Simone Rethel, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




Spaziergänger finden in einer unwegsamen Moorlandschaft eine Leiche, und wie sich bei den Ermittlungen herausstellt, wurde sie ermordet. Der Kriminalpolizei gelingt es, die Tote zu identifizieren und die Tage vor dem Mord zu rekonstruieren. Die Spur führt in einen unscheinbaren Gasthof im Moor und schon bald bekommt es Kommissar Keller mit einigen verdächtigen Personen zu tun. Doch wo liegt das Motiv? Als man schließlich glaubt, den Mörder in eine Falle locken zu können, geschieht ein zweiter Mord, der dem ersten verdächtig ähnlich sieht...

Schon der Anfang dieser, von Wolfgang Becker inszenierten Folge, hat einiges zu bieten. Eine Moorlandschaft die zu atmen scheint, die bedrohlich wirkt und Grausames ans Tageslicht bringt. Es ist schon eine starke Szene, als man die Hand der Toten mit einem Stock herausfischt und zum Vorschein bringt. Ein lautloser Tod, jedenfalls normalerweise, denn es ist davon auszugehen, dass das Moor keine Geheimnisse mehr preisgibt. So dachte vermutlich auch der Mörder. Schon zu Beginn zeigt die Regie ein gutes Gespür für die nötige Atmosphäre für Folge 29 und bringt schnellstens mehrere Personen zusammen, die - aus welchen Gründen auch immer - verdächtig wirken. Dreh- und Angelpunkt für eigenartige Vorkommnisse und potentielle Täter ist ein relativ trostlos wirkender Gasthof, in den schließlich auch die ersten Spuren führen. Immer wieder wird dem Zuschauer das bedrohliche Moor ins Gedächtnis gerufen oder unmittelbar vor Augen gehalten, so dass man formlich auf das nächste Unglück wartet, das ja auch folgen wird. Hier entstehen sehr starke Szenen, als man in der Dunkelheit Todesschreie aus einer nicht genau zu definierenden Richtung hört, der die beteiligten Personen Angst und Schrecken, und den Zuschauer das Gruseln lehrt. Eine Folge voll Atmosphäre und Überzeugungskraft, auch wenn der tatsächliche Fall bereits einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die guten Voraussetzungen fanden mit bekannten und überzeugenden Gastdarstellern zuverlässige Helfershelfer für ein Gelingen der kompletten Angelegenheit. Harald Leipnitz überzeugt als Wirt, der alles daran setzt, seine eigene Frau in diesem trostlosen Ambiente festzunageln, da sie lieber heute als morgen raus will auch diesem Loch. Er macht sich geschickt verdächtig und funktioniert überzeugend in dieser Rolle, die ihm auch aufgrund der unterschiedlichen Anlegung bezüglich der meisten seiner anderen Rollen gut steht. Seine Frau wird von Louise Martini gegeben, eine Wirtin die sich im Kopf offenbar für ein Mannequin hält. Sie will weg, sie will raus, der Ruf der großen Städte hat sie erfasst, in denen sich Leben abspielt. In dieser Umgebung hat sie nichts als Alltag und nur das Radio lässt sie zeitweise kurz vergessen, wo sie sich eigentlich befindet. In einer Szene macht sie Harry schöne Augen, in denen man genau ablesen kann, was sie antreibt. Sie würde sich an jeden hängen, der sie aus dieser Misere befreit. Charles Regnier überzeugt ebenfalls in seiner Rolle als Doktor, der offenbar etwas zu verbergen hat. Durch seine Abgebrühtheit behindert auch er die Ermittlungen erheblich, leider wurde das Alles nicht optimal dosiert und liefert zu viele Hinweise in einer Folge, die ohnehin nicht viele Verdächtige zu offerieren hat. Hartmut Becher mit dem Beruf: Sohn und Gustl Halenke als Jungfer, die sich in extra dafür vorgesehenen Lokalen von Männern ansprechen lässt, bekleiden für ihre Verhältnisse sehr bekannte Rollen, allerdings wie immer recht glaubwürdig und unbedingt hervorzuheben ist noch Angelika Zielcke, die als erstes Mordopfer ihre Stärken in Rückblenden unter Beweis stellen darf. Insgesamt hat man es bei "Der Moormörder" mit keinem zu außergewöhnlichen Fall zu tun, aber die Episode überrascht durch ihre hervorragende Umsetzung. Trotz erwarteten Verlaufes gibt es am Ende noch einen netten Twist, der Zufriedenheit beim Zuschauer hervorruft und letztlich ist der Fall doch sehr klar aufgebaut und bemerkenswert rekonstruiert worden. Eine starke Kommissar-Folge.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 13.12.2014 22:00 
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● Folge 30: BESUCH BEI ALBERTI (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz
Gäste: Christine Wodetzky, Carl Lange, Herbert Mensching, Klaus Schwarzkopf, Signe Seidel, Stephan Stroux, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Firmenchef Alberti wird ermordet in seinem Büro aufgefunden. Zuvor benahm er sich seinem Angestellten Sidessen, der Überstunden machte und darauf wartete, dass ihn seine Frau abholt, recht sonderbar. Um ein Haar erlebt er stattdessen den Mord an seinem Chef mit und ertappt den mutmaßlichen Täter beinahe auf frischer Tat. Doch handelt es sich dabei auch tatsächlich um den Mörder? Die Kriminalpolizei durchleuchtet das Umfeld des Toten und rekonstruiert die letzten Minuten des Geschehens. Dabei kommt es kommt zu erstaunlichen Indizien, die den Mörder jedoch zunächst nicht überführen können...

Wolfgang Staudtes Beitrag hatte ich ehrlich gesagt in besserer Erinnerung und bei der damaligen Erstansicht fiel die Durchschaubarkeit der ganzen Angelegenheit wohl nicht so schwer ins Gewicht, da die guten darstellerischen Leistungen vermutlich ausreichend ablenken konnten. Es ist sicherlich nicht uninteressant, wie das rätselhaft wirkende Puzzle hier Stück für Stück zusammengefügt wird, aber das hat es auch bei anderen "Kommissar"-Fällen bereits gegeben und ganz bestimmt noch überzeugender. Auch die Tatsache, dass man zwischen einer richtigen und einer falschen Variante des Tathergangs wählen muss, sorgt für gelungene Abwechslung. Die vielen Kehrtwendungen beteiligter Personen bringen lange kein wirkliches Licht in diesen relativ nebulösen Fall, aber Kommissar Keller zeigt sich wie immer gerne hartnäckig und spürt Ungereimtheiten zielstrebig auf. Insgesamt ist hier tatsächlich die Arbeit der ermittelnden Personen das interessantere Vergnügen, was im Kontrast zu einem eigentlich unspektakulären Fall im aufregenden Gewandt steht, bei dem unterm Strich mit allen Mitteln versucht wurde, ihn irgendwie aufzupolieren, nachdem er doch so spannend begonnen hatte. Die Schauplätze wirken aufgrund des Geschehens reichlich limitiert, auch wenn anfängliche Sequenzen wie die Verfolgung durch den unübersichtlichen Heizungskeller sehr rasant wirken, doch Tempo mag im anschließenden Verlauf leider kaum mehr im überzeugenden Maße aufkommen.

Folge 30 sieht sich in folgendem Prinzip: Wachse oder weiche. Da der Kriminalfall nicht über sich hinauswachsen kann - dafür ist er definitiv nicht satt genug - musste er schließlich einem anderen Konzept weichen, und zwar der beinahe bis ins Vakuum gehenden, viel zu zentrierten Ansicht auf die wenigen, beteiligten Charaktere. Am Ende sollen alle möglichst transparent dastehen, was auch eigentlich gelungen ist, dennoch wurden Tat und Motiv nicht besonders stichhaltig herausgearbeitet, wobei das noch gar nicht einmal der Fall sein muss, wenn man es mit empfundener Langeweile verwechselt. Christine Wodetzky wirkt überaus rätselhaft, was sie auch wieder einmal exponiert in Erscheinung treten lässt, doch man bekommt die Quelle ihres Handelns nicht erklärt. Warum? Weshalb? Wieso? Damen die genau so sind wie sie, und bei denen es keine (un-)nötigen Erklärungen mit auf den Weg gibt, wirken entgegen der eigentlichen Intention vollkommen uninteressant. Sie wirkt wie eine Art schwarze Witwe und genau so präsentiert sie sich auch, was schließlich noch von der Optik untermauert wird. Hat sie ihren Mann auf dem Gewissen, kann man sich tatsächlich auf seine Eindrücke verlassen? Wenn ja, dann wäre es eine ziemlich fade Angelegenheit, denkt man sich, denn der Kreis der Verdächtigen ist so schrecklich übersichtlich. Christine Wodetzky jedenfalls, liefert eine ihrer leichtesten Fingerübungen beim Interpretieren einer derartigen Fassade, für mich ist sie stets überzeugend, aber vor allem gerne gesehen, obwohl eingeräumt erden muss, dass sie hier einen ihrer schwächeren Auftritte hatte. Carl Lange in der Titelrolle spielt in seinen kurzen Sequenzen ausgezeichnet, genau wie Herbert Mensching und Klaus Schwarzkopf. Für eine besonders große persönliche Freude sorgt schließlich noch eine der wenigen Partizipationen von Signe Seidel, die allerdings innerhalb dieser Serie auch schon einen besseren Gastauftritt hatte. Die Personen werden also auf dem Präsentierteller serviert, die Rechtfertigungsarbeit von Regie und Drehbuch kann letztlich nicht überzeugen, das Ende kommt viel zu abrupt, und im Großen und Ganzen hat man es mir einer durchschnittlichen Arbeit von Wolfgang Staudte zu tun, darüber hinaus mit einer der eher durchwachsenen Folgen innerhalb der Kommissar-Reihe.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 17.12.2014 13:05 
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● Folge 31: ENDE EINES TANZVERGNÜGENS (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper
Gäste: Alexandra Marischka, Gisela Peltzer, Karl Michael Vogler, Ellen Umlauf, Alice Treff, Dirk Dautzenberg, Detlev Eckstein, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Ein junger Mann wird auf offener Straße, genau vor seiner Wohnungstür erschlagen. Seine Schwester, die ihm öffnen wollte, jedoch die verschlossene Türe nicht aufbekam, hört auf der anderen Seite nur noch die Todesschreie ihres Bruders. Die Kriminalpolizei stellt schnell fest, dass der Ermordete zuvor auf einer Tanzveranstaltung gewesen ist, doch alle Zeugen behaupten, sich plötzlich an nichts mehr erinnern zu können. Die Schwester des Toten glaubt die Ursache des Mordes zu kennen und führt die Polizei zu einem jungen, atemberaubend schönen Mädchen namens Ilo Kusche, die sie für verantwortlich hält. Doch ist das Tatmotiv tatsächlich Eifersucht? Keller gerät in überaus groteske Familienverhältnisse...

Wolfgang Staudtes "Ende eines Tanzvergnügens" zählt definitiv zu meinen Lieblingsbeiträgen innerhalb der Reihe, denn abgesehen von der hochklassigen Inszenierung ist es der denkwürdige Gast-Auftritt von Alexandra Marischka, der etwas ganz Extraordinäres darstellt. Schon das Intro der Folge setzt ein dickes Ausrufezeichen und bahnt eine spannende Geschichte um fatale Verwicklungen an. »Wer war das?«, schreit die verzweifelte Schwester des Toten und der Zuschauer sieht sich nach kürzester Zeit mit einer beinahe rhetorischen Frage konfrontiert. Wo die Charakterzeichnungen in Staudtes Vorgänger-Episode noch ausbaufähig waren, bekommt man hier schon wesentlich mehr Überzeugendes geboten. Der Kriminalfall an sich steht lange Zeit im Licht eines eher profanen Mordfalles, doch zahlreiche Wendungen und Überraschungen wurden vornehmlich zum Finale hin mit eingebaut. Außerdem hat man es mit der Figur der Ilo Kusche mit einer der gefährlichsten Frauenrollen innerhalb der Reihe zu tun. So funktioniert jedes Zahnrad in dieser Geschichte exzellent und transportiert im Endeffekt eine hohe Glaubwürdigkeit und ein denkwürdiges Thema zugleich. Gut herausgearbeitet wird die jeweilige Atmosphäre, ob bei den Kusches zu Hause, quasi in komplett verdrehter Verhältnismäßigkeit, wo Ilo in keinem goldenen Käfig sitzt, denn sie ist eher der goldene Vogel in einem ziemlich heruntergekommenen Milieu. Oder beruflich, wo sie in einem Ambiente arbeitet, das ihr zwar temporär genügt, jedoch auf Dauer ihren Bedürfnissen nicht entsprechen kann. In Discotheken sieht man sie ausgelassen und die Zeichnungen der anderen Personen zeigen, dass ihr unbekümmertes Dasein ausschließlich auf Kosten anderer ausgetragen wird, und dass viele Männer um sie herum gefährdet sind, den Verstand zu verlieren.

Alexandra Marischkas erster Auftritt wird mit den folgenden, eindeutigen Worten der verbitterten Schwester des Ermordeten eingeleitet: »Komm raus du Dreckshure!«, ruft Lisa Stoltze in das Fenster der sich in einem Hinterhof befindenden Wohnung, in jenes Fenster, an dem auch ihr Bruder oft stand und auch andere junge Männer wohl Nacht für Nacht Schlange gestanden haben. Die verwunderte Polizei findet nur eines vor, nämlich die Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit einer jungen Frau, die selbst einen Mord lediglich abwesend zur Kenntnis nimmt. Die junge Frau wird von ihren Eltern wie ihr wertvollster Besitz behandelt und alle Unannehmlichkeiten werden von ihr ferngehalten, damit es zu keinem Wertverlust kommt. Sie soll einmal ein besseres Leben haben (und vor allem auch für andere mit sich bringen). Dabei heiligt der Zweck schließlich alle Mittel. Wird es durch die persönlichen Umstände also verständlicher, warum Ilo Kusche so ist, sie sie ist. Nein! Diese junge Frau besitzt alle Waffen, die Männer freiwillig zur bedingungslosen Kapitulation bringen. Kusche ist auf den ersten Blick eine Kreuzung aus einer Art amourösen, und einer elitären Narzisstin. Sie liebt sich selbst so sehr, dass die Liebe der anderen wertlos und uninteressant wird. Dementsprechend wird jeder, der ihren Köder schluckt, auf der Strecke bleiben. Der Tote reagierte beispielsweise eindeutig auf die falschen Signale, für die offenbar jeder Antennen hat: »Ich bin fasziniert, ich bin einfach glücklich!« Ein hoher Preis für ein wirkungsvolles Gefühl ohne greifbaren Ursprung der Gegenseite, wenn am Ende schließlich der Tod steht. Über die perfekte Besetzung durch Alexandra Marischka braucht man nicht lange weiter zu diskutieren. Besonders hervorzuheben ist in dieser Folge die Interpretation von Gisela Peltzer, deren Person zum universellen Vorwurf wird. Auch Karl Michael Vogler, der der Versuchung in vollem Umfang verfallen zu sein scheint, spielt sehr überzeugend, genau wie Ellen Umlauf als hinnehmende, aber autonome Ehefrau, der ihre gute materielle Stellung wichtiger als Treue erscheint, so lange sie nicht durch ein jüngeres, aufregenderes Modell ausgetauscht wird. Ilos Eltern bekommen durch Alice Treff und vor allem Dirk Dautzenberg beinahe paradoxe Anstriche, die Besetzung ist durchgehend ein Fest! Folge 31 überrascht durch die eher unkonventionelle Herangehensweise und stellt eine kleine Ausnahmeerscheinung dar. Das Finale liefert schließlich noch einen der vielen atemberaubenden Momente der Kommissar-Reihe, so dass man es aufgrund unterschiedlichster Komponenten mit einer ausgefallenen und lange in Erinnerung bleibenden Episode zu tun hat. Die Prognose der Folge bleibt unterm Strich ernüchternd: Ilo Kusche wird definitiv weiter tanzen, es werden noch unzählige Motten, die um dieses verwirrende Licht schwirren, über die Klinge springen. Mein persönlicher Eindruck ist schlussendlich deckungsgleich mit der Aussage von Hansi Stoltze: »Ich bin fasziniert!« Fasziniert von Alexandra Marischka, von deren Schönheit so durchdringend wirkt, und angezogen von der verträumten, kühlen Distanz einer Frau, die hier die Möglichkeiten hatte, Verrückte zu machen.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 08.01.2015 23:50 
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● Folge 32: DIE ANHALTERIN (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Karin Baal, Helga Lehner, Werner Pochath, Max Mairich, Peer Schmidt, Lambert Hamel, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Ein Zug naht mit hoher Geschwindigkeit heran. Auf den Gleisen liegt eine junge Frau, die in letzter Minute gerettet werden kann, doch von Rettung kann keine Rede sein. Sie ist bereits tot und wurde dort nur platziert, um sie unkenntlich zu machen, und um womöglich einen Selbstmord vorzutäuschen. Die Ermittlungen ergeben, dass die Ermordete an Wochenenden immer zur gleichen Zeit als Anhalterin von einem Lastwagenfahrer mit ins Wochenende genommen wurde. Nun heißt es für die Kripo, die betreffende Spedition ausfindig zu machen. Die Schwester der Toten begibt sich derweil in tödliche Gefahr, da sie sich selbst an die Autobahn-Auffahrt stellt, um von dem betreffenden LKW mitgenommen zu werden...

Erneut schickte Wolfgang Staudte einen rasanten Beitrag ins Rennen, der Bereits in der Anfangssequenz für Hochspannung sorgt. Dabei merkt man durch die schnelle Montage fast einen Sekundenzeiger ticken. Der Zug naht heran, die Tote wurde auf die Gleise gelegt, dann wieder der Zug und abwechselnd die Gleise, der Mörder rennt durch den neben der Strecke liegenden Wald, man fiebert mit. Dem Zuschauer ist natürlich klar, dass die Frau nicht mehr am leben ist, doch es entsteht eine große Hektik, da man befürchten muss, dass der Zug über den Kopf rollen wird und es sich dabei um ein überaus grauenvolles Vorhaben handelt, die Leiche unkenntlich machen zu wollen. Dass die Spur sehr schnell an die richtige Adresse führt, und damit die richtige Spedition ausgemacht wurde, tut der Spannung keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, denn man bekommt in diesem Unternehmen eine Reihe von zwielichtigen Verdächtigen serviert, die dem Vernehmen nach schon so mancherlei auf dem Kerbholz haben. Interessant ist die Idee, die Schwester der Toten als laienhafte Ermittlerin in der Geschichte zu sehen. Man befürchtet, dass sie früher oder später in Gefahr geraten wird, es kommt ja auch tatsächlich dazu, sozusagen auf freiwilliger, oder eher fahrlässiger Basis. Auch die Hauptpersonen bekamen in dieser abwechslungsreichen Geschichte erneut genügend Spielraum, sich glaubhaft zu profilieren und dafür hatte man eine blendende Besetzung zur Verfügung.

Zunächst sollte auf die schöne, und leichtfüßig agierende Helga Lehner ("Scharfe Küsse für Mike Forster") aufmerksam gemacht werden, die alleine von der Optik her eine glaubwürdige Schwester von Karin Baal abgibt. Die 1944 geborene Schauspielerin, deren Arbeiten für den Film leider auch recht übersichtlich sind, formt eine überzeugende Titelrolle, die in Rückblenden angelegt ist. Da sie so sympathisch wirkt und ihr die eigene Zutraulichkeit zum Verhängnis wurde, stattet das sie mit einer ordentlichen Portion Tragik aus. Das stichhaltige Pendant zu ihr liefert Karin Baal, die ihre Wandlungsfähigkeit erneut unter Beweis stellen konnte. Ihr hätte ein wenig mehr Temperament sicherlich ganz gut gestanden, außerdem vermisst man vielleicht etwas mehr Emotion, beispielsweise in der Pathologie, als sie die Todesnachricht bekommt. Wie dem auch sei, Karin Baal trumpft dennoch auf. Ihr erscheinen alle Mittel recht zu sein, um in der Mordsache weiterzukommen, sie wirkt gehetzt und getrieben. Auch pfeift sie auf alle möglichen Konventionen und agiert kaltschnäuzig und indiskret. »Sie haben noch nie ein Mädchen angerührt?«, fragt sie einen der Fahrer, der sich in Gedanken eine intimere Beziehung mit der Anhalterin vorstellte, und dies unter Kollegen als Tatsachen hinstellte. Diese Frage bekommt übrigens Werner Pochath ab, und als Zuschauer hält man einen Moment den Atem an, da man es ja oft gewöhnt war, dass er bei solchen unliebsamen Konversationen gerne mal ausgerastet ist. Aber nicht hier, er zeichnet einen eher bedauernswerten Charakter, der genau wie sein Kollege Peer Schmidt sehr überzeugend wirkt. Das kann man auch uneingeschränkt vom Chef der Spedition, Max Mairich behaupten, der einen insgesamt unangenehmen Eindruck in der Rolle, und einen hochklassigen Eindruck in seiner Darstellung präsentiert. Folge 32 ist insgesamt sehr ansehnlich geworden, sie wurde mit genügend Spannung versehen und auch mit unterschwelliger Gefahr, da sich Karin Baal immer wieder mutwillig tödlichen Gefahren aussetzt. Die Schauplätze und das Ambiente passen, so dass unterm Strich ein solider Kriminalfall steht, der gute Unterhaltung liefert. Besonders gut hat mir die alternative Abspann-Idee gefallen, in der die Kamera immer weiter über die Autobahn davon fährt, und somit erneut Distanz beim Zuschauer hervorruft.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 12.01.2015 23:32 
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● Folge 33: LAGANKES VERWANDTE (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Josef Meinrad, Konrad Georg, Ralf Schermuly, Susanne Uhlen, Volker Lechtenbrink, Peter Martin Urtel, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




Als Herr Schöndorf eines Nachts mit seinem Hund um den Block gehen möchte, hört er verdächtige Geräusche im Juwelierladen, der sich im gleichen Haus befindet. Umgehend alarmiert er den Inhaber des Geschäfts, Laganke, der eigenhändig versucht, den Einbrecher zur Strecke zu bringen. Doch plötzlich fallen Schüsse und der Juwelier kommt ums Leben. Für die Polizei stellt sich bei den Ermittlungen heraus, dass der Täter unbedingt mit den Örtlichkeiten vertraut gewesen sein muss, außerdem benutzte er wohl einen Schlüssel bei dem Einbruch. Die Befragungen unter den Verwandten des Toten ergeben schnellstens eindeutige Hinweise, denn jeder von ihnen hätte ein Tatmotiv gehabt...

Wolfgang Beckers Beitrag startet seht vielversprechend und kann mit einer gelungenen Atmosphäre überzeugen, wobei man jedoch sagen muss, dass es nur zunächst der Fall ist. Die Anfangssequenz erweist sich als sehr gelungen und zählt zu den bislang überzeugendsten Openern, es kommt eine gute Portion Spannung auf, was der Folge dann im Verlauf aber leider vollkommen abgeht. Negativ in dieses Gesamtbild wirken im Besonderen die beteiligten Personen, die einen gehörigen Schliff nötig gehabt hätten, da sie teilweise einfach zu uninteressant wirken, sich aber dennoch mit aller Gewalt wichtig zu machen versuchen. Die beinahe drastische Unterteilung in sehr verdächtig und vollkommen unverdächtig kann man als absolut misslungen bezeichnen, ohnehin gibt es sowieso kaum Verdächtige, was zu allem Überfluss noch schwammige Motive zu Tage bringt. So bekommt der Zuschauer nur gewöhnliche familiäre Schuldzuweisungen aufgetischt, also kleine Privatkriege, die alles andere als Aufsehen erregend wirken. Sowohl der Kriminalfall, der schnellstens untergeordnet erscheint, als auch die ungelenk wirkenden Psychogramme der Hauptpersonen können nicht überzeugen und machen "Lagankes Verwandte" zu einer über weite Strecken zähen Angelegenheit.

Das Gäste-Karussell sieht schon einmal sehr verlockend aus, doch erweist sich im Rahmen der schwachen Rahmenbedingungen als eher ebenbürtig. Josef Meinrad hinterlässt beispielsweise einen unbefriedigenden Gesamteindruck. Die Anforderung sicherlich ernst nehmend, agiert er dennoch verhalten und inkonsequent genug, um Angriffsflächen entstehen zu lassen. Das gilt nicht nur für die Personen um ihn herum, sondern auch für seine Leistung im Allgemeinen. Das Tauziehen mit der Verwandtschaft wirkt ermüdend, da bei keinem der Beteiligten eine klare Motivation, oder ein greifbarer Ursprung für ihr Handeln zu erkennen ist. Auch die emotionalen Verbindungen werden nicht erklärt, sind daher weitgehend schleierhaft. Als Zuscher wünscht man sich bei der ungleichen Konstellation Meinrad/Schermuly, dass es einfach mal zu einem gewöhnlichen, primitiven Gefühlsausbruch kommen sollte, denn dieses ewige unter Druck setzen, um Reaktionen zu erzwingen, beziehungsweise dieses blinde Hinnehmen ohne zu Hinterfragen, um dem Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen, fällt nach kürzester Zeit komplett durch. Diese Folge bringt keine der anvisierten Komponenten auf den Punkt, und redet sich schlussendlich selbst um den heißen Brei herum. Die vollkommen irrelevante Rolle einer hier so schrecklich uninteressant zurück bleibenden Susanne Uhlen rundet das Bild geschickt ab. Konrad Georg ist hier der einzige nennenswerte Akteur in dieser Riege, der nachhaltig überzeugen konnte. Schade, dabei hatte das Spektakel doch so gut angefangen, aber hier wurde die Tür ganz offensichtlich ins Schloss geworfen. Spannung und Atmosphäre ebben zum gewollt bizarren Finale ab, die merkwürdige Orgelmusik der Episode 33 konnte ebenfalls kaum überzeugen. Da diese Kommissar-Folge so inkonsequent ausgefallen ist, wirkt ihre Vorhersehbarkeit letztlich um so ärgerlicher.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 26.01.2015 06:00 
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● Folge 34: DER TOTE VON ZIMMER 17 (1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Peter Pasetti, Hannelore Elsner, Günther Mack, Peter Chatel, Hans Quest, Hans Schweikart, Joseph Offenbach, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker




Aufruhr in einem noblen Hotel. Ein dort abgestiegener Gast wird in seinem Zimmer mit der Nummer 17 ermordet aufgefunden. Die Polizei stellt sofort Ermittlungen an und befragt sowohl das Personal, als auch einige Hotelgäste. Schnell liegt auch ein mögliches Motiv auf der Hand, das allerdings in mehrere Richtungen zu deuten ist. Der Ermordete wird durchgehend als unsympathischer Zeitgenosse charakterisiert, der gerne Angestellte schikanierte und im Allgemeinen äußerst unbeliebt war. Doch ist der Mörder tatsächlich im Kreise des Hotel-Personals zu finden, oder muss Kommissar Keller von einem Motiv ausgehen, das bislang noch im Unklaren liegt..?

Wolfgang Beckers "Der Tote von Zimmer 17" war als eher schwacher Beitrag in Erinnerung geblieben, und auch die erneute Sichtung konnte wieder keinen anders gearteten Eindruck entstehen lassen. Zwar erschienen einige Komponenten dieses Mal wesentlich stichhaltiger, beziehungsweise eher gelungen, doch die Vorhersehbarkeit der Geschichte und die isoliert wirkende Handlung stören das Krimi-Vergnügen doch erheblich. Ein Hotel ist eigentlich wie geschaffen für einen überzeugenden Schauplatz des Verbrechens, doch hier wurde unverständlicherweise einiges an Möglichkeiten liegen gelassen. So entsteht unweigerlich der Eindruck, als habe man sich nicht die Mühe gemacht, das sicherlich vorhandene Potential auch nur ansatzweise auszunutzen. Das Hauptaugenmerk liegt schließlich auf dem atmosphärischen Aufbau in Form des Aufzeigens von deutlichen Kontrasten, wie beispielsweise die feudale Bar, in der man sich amüsiert und Ausgelassenheit an den Tag legen darf. Gegensätzlich dazu stehen die schäbigen, dunklen Dachkammern, die Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit vermitteln, in denen die eingezwängten Angestellten ihre Zeit absitzen, wenn sie sich nicht gerade die Finger wund arbeiten müssen. Das wurde zwar alles recht gut herausgearbeitet und auch im Bilde eingefangen, doch wirken die sozialkritischen Themen bei ihrer Häufigkeit langsam etwas zu kopflastig.

Überdurchschnittlich wirken hingegen die Leistungen der Hauptdarsteller, die hieb- und stichfest agieren. Peter Pasetti passt ausgezeichnet in dieses gehobene Ambiente, genau wie seine Verhaltensweisen. Es scheint, als fühle er sich durch eine Nebensächlichkeit wie Mord belästigt, was er bei den Verhören offen zur Schau trägt. Nicht gerade kooperativ und ungeduldig wirkend, zeichnet er den klassischen Snob, der nicht gerade Sympathien auf sich zieht. Das interessiert ihn aber auch nicht im Geringsten, denn die Ressentiments der anderen sind ihm vollkommen egal. Günther Mack hat keinen sonderlich großen Part zu tragen, jedoch füllt er ihn sehr markant aus, Hans Quest trifft den Nagel mit seiner Darstellung wie fast immer auf den Kopf, Hans Schweikart als desillusionierter Angestellter, zeichnet im Namen vieler Leidensgenossen einen hoffnungslosen Lebensabschnitt bemerkenswert glaubhaft, und Joseph Offenbach wirkt unscheinbar, jedoch sympathisch. Hannelore Elsner ist darüber hinaus vollkommen eins mit ihrer Aufgabe als Zimmermädchen und man kann insgesamt sagen, dass die Besetzung hier nochmal einiges aus dieser leider nur mäßig spannenden und schließlich weitgehend vorhersehbaren Geschichte herausholen kann. "Der Tote von Zimmer 17" bleibt also bei jeder erneuten Ansicht nur eine durchschnittliche Folge, die herunter gespult wirkt, und wenig Liebe zum Detail preisgibt. Positiv hervorzuheben sind schließlich eher die Befragungen und die Interaktion der beteiligten Personen, die einen gewissen Realitätstransfer herstellen können.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 08.03.2015 12:06 
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● Folge 35: LISA BASSENGES MÖRDER (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Boy Gobert, Klausjürgen Wussow, Diana Körner, Peter Ehrlich, Jan Hendriks, Gert Haucke, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Wie immer winkt Lisa ihrem Geliebten, dem Lokführer Leo, vom Fenster ihrer Wohnung zu, wenn er vorbei fährt. Als er seine Freundin nach Beendigung seiner Schicht besuchen möchte, steht er vor verschlossener Tür, doch Leo weiß, dass sie zu Hause sein muss. Wenig später findet er sie ermordet auf, sie wurde erwürgt. Die Tote, die als Serviererin in einem Lokal am Bahnhof gearbeitet hatte, liefert Kommissar Keller nach kurzer Zeit ein eindeutiges Motiv, nämlich Eifersucht, da ihr die Männer zu Füßen lagen. Um so schwerer für die Polizei, denn der Kreis der Verdächtigen ist somit erheblich weitläufiger. Die Ermittlungen ergeben lange keine eindeutigen Hinweise, so dass Keller den Mörder aus der Reserve zu locken versucht...

Wolfgang Staudtes Beitrag ist bezüglich der Thematik und der gut konstruierten Geschichte seit jeher als starke Episode in Erinnerung geblieben, was sich auch bei der erneuten Sichtung bestätigen konnte. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um einen außergewöhnlichen Kriminalfall, aber Folge 35 spricht den Zuschauer auf einer recht eigenartigen Ebene an. Ich möchte es gar nicht Sentimentalität nennen, doch eine gewisse Tragik des Falles und die blendend funktionierenden Charaktere geben dieser Angelegenheit einen besonders erschreckenden, aber im Endeffekt auch einen einfühlsamen Schliff, der bei aller Nüchternheit immer wieder durchschimmert. Der Schauplatz des Verbrechens spielt sich im bürgerlichen Milieu ab, das gekennzeichnet ist von den üblichen Problemen seiner Überlebenskünstler. Lisa Bassenge wirkt wie ein Lichtblick in diesem Szenario, doch sie wird bei den eindringlichen Ermittlungen keineswegs als Heilige dargestellt. Eher handelt es sich bei dieser seltsamen Lichtgestalt erneut um eine Person, der ihre Naivität und Leichtfertigkeit zum Verhängnis wurde. Für den Zuschauer wird die junge Frau in Rückblenden transparent gemacht und mit fortlaufender Zeit wird immer mehr deutlich, dass man sich in einer ziemlich nachdenklichen Folge befindet. Für den Zuschauer wird es dieses Mal kein leichter miterlebter Tod, da man es mit einer Person zu tun hat, die im Gegensatz zu vielen anderen Mordopfern alle Sympathiepunkte vereint.

Das glaubhafte Gesicht dazu liefert eine bezaubernde Diana Körner, die mir persönlich selten einmal derartig imponiert hat. Es ist nicht nur ihre Schönheit, die Männer aller couleur reizt bis aufs Blut, es ist ihre Art, die in dieser Reihe oft Verwendung fand, aber immer mit anderen Gesichtern ausgestattet wurde, die erneut etwas indirekt Aufforderndes transportiert. Verlieren Männer tatsächlich so leicht den Kopf oder die Contenance? Bei den richtigen Objekten rückt es die Folge, und schließlich die Serie, immer wieder in den Bereich des Möglichen. Boy Gobert und Klausjürgen Wussow als ungleiche Brüder agieren sehr glaubhaft. Der eine leidet unter einer nicht näher erläuterten Erkrankung, die seine Motorik stark beeinträchtigt, und er ist es, der möglicherweise das Wahre-Liebe-Motiv bedient. Im Endeffekt ist es nicht einmal seine körperliche Beeinträchtigung die ihn für Frauen, beziehungsweise für Lisa, uninteressant macht, sondern es ist sein Verwirrung stiftendes Wesen, das eine Mischung aus bestem Freund, großem Bruder und möglichem Liebhaber diffus vereint. Wussow als Draufgänger kommt mit seiner direkten Art schließlich besser an, und hat daher permanent wechselnde Liebschaften. Doch er investiert keine nachhaltigen Gefühle, im Gegensatz zu Alfred, der beinahe manische Tendenzen entwickelt, die seinen Komplexen entspringen. Die Dreieckskonstellation lässt also viel Spielraum zum spekulieren. Hätte Lisa gerne Alfreds Kopf und Leos Körper als perfect match, entwickelt sie Gefühle für Alfred, da sie sich des Ursprungs nicht bewusst ist, weil sie nur eine Sorte Männer kennen gelernt hat? Das soll alles der Zuschauer entscheiden, und egal zu welchem Ergebnis man letztlich kommt, der Mordfall ist und bleibt einer der tragischen in der Kommissar-Reihe. Dass sich viele falsche Untertöne im Szenario breitgemacht haben, erscheint daher verkraftbar zu sein, auch dass der Fall eigentlich unspektakulär und vorhersehbar ist, jedoch glücklicherweise eine gute Umsetzung erfuhr, tut der Unterhaltung keinen Abbruch. Nicht nur die immer wieder auftauchende Melancholie, die im Wechsel mit kleinen Lichtblicken ein regelrechtes Tauziehen veranstaltet, sondern vor allem das Finale wirkt letztlich schon ziemlich bitter.


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 Post subject: Re: DER KOMMISSAR - Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte u. a.
PostPosted: 28.04.2015 19:46 
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● Folge 36: TOD EINES LADENBESITZERS (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Curt Bois, Werner Kreindl, Hans Herrmann Schaufuss, Fritz Rasp, Margarethe von Trotta, Lisa Helwig, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte




Aufruhr in einer kleinen Ortschaft. Kurz nachdem der Kleinhändler Heinze sein Ladenlokal abgeschlossen hat, geschieht ein Verbrechen. Als Kommissar Keller und seine Leute den Tatort untersuchen, scheint es zunächst klar zu sein, dass der Erschlagene einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Doch handelt es sich wirklich um dieses Tatmotiv? Die Ermittlungen ergeben, dass der Ladenbesitzer nicht sehr umgänglich war, und die ältere Kundschaft eines nahe liegenden Seniorenheims sehr schlecht behandelte. Plötzlich steht das Rachemotiv im Raum, was Kommissar Keller veranlasst, sich näher mit den alten Herren des Heims zu beschäftigen...

Ein alter Mann steht vor dem Spirituoren-Sortiment und hat die selben glänzenden Augen wie sie Kinder haben, wenn sie vor dem Süßigkeiten-Regal stehen. Doch diese beinahe unschuldig wirkende Situation wird plötzlich durch einen Zwischenfall und einen unangenehmen Ladenbesitzer gestört, der den alten Herr vor die Türe setzt und entnervt abschließt. Plötzlich geschieht ein Mord, der in Standbildern lediglich von den Schreien des Opfers untermalt wird. Schnell führt die Spur in das nicht weit entfernt liegende Altenheim, und es wird sich ebenso als interessant, wie auch schwierig erweisen, weil es die Polizei mit Gegenspielern zu tun bekommt, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Schnell stellt sich heraus, dass das Drehbuch mit uralten Konflikten der Generationen jonglieren möchte, so wie es die Dialoge mit der Erfahrung älterer Menschen tun, die in diesen Fällen nicht mehr das höchste, sondern das einzig verbliebene Gut dieser Menschen im goldenen Käfig darstellt. Die Angst ausgedient zu haben, die Furcht vor dem Abstellgleis, oder besser gesagt vor der Endstation wird quasi stillschreiend thematisiert, die besseren Lösungen haben nun stets die jüngeren Generationen parat. Das Szenario wirkt überaus grotesk. Mord und Polizei scheinen alle Beteiligten zu belästigen, die Heimleitung kommt ins Rudern weil die mühsam aber unerbittlich aufgebaute Tagesstruktur gestört wird. Ansichten und Befehlston kommen dem Umgang in einer Kaserne gleich, der von lebenden Toten nur noch resigniert oder unbeteiligt quittiert wird. Die überspitzte Darstellung soll bestenfalls auf Missstände hinweisen und schlimmstenfalls die Realität schildern.

Die Heimleitung wird von Werner Kreindl ausgezeichnet dargestellt. Mit Wendungen wie »Alle Vergünstigungen werden gestrichen!« oder »Alte Leute haben ein anderes Verhältnis zur Realität!« fällt er binnen kürzester Zeit als überaus unbequem auf. Die außerordentliche Situation macht ihn sichtlich nervös und er fühlt sich von der neuen Unordnung bedroht, denn sie ist einfach zu spontan für ihn. Bei den älteren Herrschaften fällt im Besonderen Curt Bois auf, der das erfahrene Sprachrohr einer kompletten Mannschaft glaubhaft darstellt. Da man versuchte, alle Generationen abzudecken und in dieser Farce zu Wort kommen zu lassen, ist der kurze Auftritt von Margarethe von Trotta noch erwähnenswert, die ihren Großvater in das Seniorenheim bringt. Obwohl kein Leerzimmer, sondern nur noch ein einzelnes Bett frei ist, lässt sie ihn zurück, da sie den alten Herrn sonst wieder mit sich nehmen müsste. Kommissar Keller geht sachlich und zielstrebig vor, vergisst es jedoch in keinem Moment, den Senioren mit Respekt gegenüber zu treten. Was ihm und dem Zuschauer so eigenartig erscheint ist, dass der Mord keinerlei Bestürzung auslöst, sondern eher Solidarität und beinahe eine neue Agilität. Der Heimleiter wittert eine Meuterei und geht mit verschärften Methoden vor, um die renitenten Gäste in die Schranken zu weisen. Folge 36 ist insgesamt schön fotografiert worden und überrascht mit einer eigenartigen, hinsichtlich des Geschehens beißend und kontrakt wirkenden Musik. Wolfgang Staudte inszenierte schließlich nicht uninteressant, jedoch basiert diese Folge, aus der man das Möglichste herausnehmen konnte, auf Unwahrscheinlichkeiten und kippt für meinen Geschmack thematisch gesehen zum Ende hin leider erwartungsgemäß um, darüber kann auch die ziemlich spannend inszenierte finale Sequenz nicht hinwegtäuschen. Zu viele dumpf klingende, unangenehm formulierte Untertöne, und eine entgleiste Absolution für ein Verbrechen haben insgesamt schließlich nicht überzeugen können.


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