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 Betreff des Beitrags: MARQUIS DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 30.07.2015 17:03 
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MARQUISE DE SADE: JUSTINE

Regie: Jess Franco
Drehbuch: Arpad De Riso, Erich Kröhnke
Produktion: Harry Alan Towers
Musik: Bruno Nicolai
Kamera: Manuel Merino
Schnitt: Nicholas Wentworth
Darsteller: Klaus Kinski, Romina Power, Akim Tamiroff, Maria Rohm, Jack Palance, Harald Leipnitz, Horst Frank, Rosemary Dexter


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Die Schwestern Juliette und Justine werden aus einem Kloster verwiesen und sollen sich fortan allein durchs Leben schlagen. Juliette wählt den Weg zur Macht und arbeitet sich mit Skrupellosigkeit nach oben. Justine, beschreitet den Weg der Tugendhaftigkeit und erleidet Schmerz und Qual. Werden sich die Wege der ungleichen Schwestern wieder kreuzen?

Jess Francos JUSTINE orientiert sich (zumindest grob) an der Romanvorlage des Marquis de Sade. Ähnlich ambitioniert ist Claude Piersons ca. 3 Jahre später entstandener JUSTINE – LUSTSCHREIE HINTER KLOSTERMAUERN. Hier fällt beim direkten vergleich unweigerlich auf, dass sich Piersons Film, detaillierter mit den Sexeskapaden auseinandersetzt. Dieses steht bei Francos Verfilmung eher hinten an, da sich seine Inszenierung schwerpunktmäßig mit den Eigenschaften Gut und Böse auseinandersetzt. Ferner wird die Tugendhaftigkeit in Frage gestellt, da diese den Menschen in den Abgrund stürzt.

JUSTINE zeigt sich als ganz starker Vertreter innerhalb Francos Harry Alan Towers-Ära. Der Film kann in einem Atemzug mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMORE genannt werden. Beide Filme zeigen sich als aufwendig inszenierte Großproduktionen und können selbst beim (Franco abgeneigtem) Publikum für positive Resonanz sorgen. Kostüme wie Kulissen lassen eine starke Optik resultieren. Dazu kommt eine Besetzungsliste mit zahlreichen großen Namen.

Romina Power macht ihre Sache als naive Justine (überraschenderweise) recht ordentlich. Maria Rohm darf als Juliette leider viel zu selten ran und kann somit nur ganz wenig Charme des Bösen versprühen. Klaus Kinskis Part als Marquis de Sade ist ebenfalls nur klein angelegt und fungiert als Erzähler sowie Reiseführer durch die Geschichte der ungleichen Schwestern. Dazu kommen teils überzeichnete Charaktere wie der von Derroches (gespielt von Gustavo Re) und „Kernassis“ wie José Manuel Martín als Victor. Ein Highlight das zum Schmunzeln anregt ist die Perücke die Howard Vernon als Clement trägt

Im Vergleich zu Claude Piersons JUSTINE Verfilmung verzichtet Franco auf einen versüßenden? bzw. verteufelnden? Zynismus.

So endet JUSTINE mit der wunderschönen Musik von Nicolai und den Fragen: ob Aufrichtigkeit, Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit den Menschen in tiefe Qualen und Schmerzen stößt? Und ob einzig das Gegenteilige (die Eigenschaft des Bösen, fernab jeglicher Moral), für ein erfülltes Leben sorgen kann?

Abschließen möchte ich das Thema mit einem Zitat der Schriftstellerin Marie Freifrau Ebner von Eschenbach. „Es würde viel weniger Böses auf Erden geben, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.“

In diesem Sinne…

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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 31.07.2015 19:56 
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Ja das ist einer der besseren Francos. Der hat sogar mir getaugt und ich fand ihn ganz ok ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 07.12.2016 19:37 
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Marquis De Sade: Justine – Jess Franco

(Deutschland / England / Italien / Liechtenstein / USA 1969)

Buch: Juni 2003 (Erstfassung, Marquis De Sade: Gesammelte Werke, Flensburg 1992)
Film: 2.11.2016; DVD (X.Cess, 1,66:1)
Buch: November 2016 (Zweitfassung, Marquis de Sade: Justine, Hamburg 1968)


Die literarischen Vorlagen:

„Justine“ existiert in 3 Romanfassungen, die 1787 (170 Seiten) , 1791 (450 Seiten) und 1797 (ca. 3000 Seiten) geschrieben wurden. Am verbreitetsten und bekanntesten ist die zweite Fassung. Während sich die Erstfassung noch wie ein amoralischer Abenteuerroman mit wenigen leicht sadoerotischen Momenten liest, wird bereits in der Bearbeitung von 1791 Sex mit teils detaillierten Beschreibungen und eine Philosophie der Amoralität stärker in den Vordergrund gebracht. In der mir unbekannten dritten Version wird beides noch drastischer und ausführlicher geschildert und mit den Erlebnissen Justines Schwester Juliette verschränkt. In den vorherigen Fassungen schlossen sich Justines Erlebnisse in Form eines zweiten Teils oder zweiten Buches an.


Inhalt der Bücher:

Die Schwestern Justine und Juliette verlieren im Alter von 12 und 14 Jahren ihre Eltern, während Juliette es sofort im Bordell zu einer Erfolgskarriere bringt, die sie letztlich in den Adelsstand erhebt und reich macht, folgt Justine dem Weg der Tugend. Dieser Weg führt sie unter anderem zu einem Wucherer, der sie zum Diebstahl aufstacheln will, ins Gefängnis, aus dem sie von Räubern befreit wird, die sie vergewaltigen wollen und zu einem homosexuellen Marquis, der sie zum Mord an seiner Mutter zu überreden versucht und sie, als sie den Plan verrät, auspeitschen bzw. in der zweiten Fassung von seinen Hunden zerfleischen lässt. Danach, mittlerweile 20 Jahre alt, heilt ein Arzt ihre Wunden, der jedoch an einer 12jährigen tödliche Menschenversuche unternehmen will – in der Zweitfassung seine eigene 15jährige Tochter; als Justine ihr zur Flucht verhelfen will, wird sie gebrandmarkt und verprügelt. Bis zu ihrem 26. Lebensjahr fristet Justine ihr Dasein gefangen in einem Kloster, in dem vier Mönche sexuelle Orgien veranstalten, hier verliert sie in der Erstfassung auch ihre Jungfräulichkeit. Nachdem sie entlassen wird – in der Zweitfassung: fliehen kann – lockt sie ein Falschmünzer auf sein Schloss, wo sie mit anderen Frauen Sklavenarbeit verrichten und in der Zweitfassung dem Schlossherrn auch sexuell zu Diensten sein muss. Justine wird zusammen mit den anderen Falschmünzern festgenommen, kann aber den Richter von ihrer Unschuld überzeugen und gerät wiederum an die Dubois, die Anführerin der Räuberbande, die ihr schon vor 10 Jahren zur Flucht aus einem Gefängnis verholfen hat. Sie will Justine benutzen, einen jungen Mann auszurauben, in den sich Justine verliebt, der aber von der Dubois vergiftet wird und stirbt. Justine wandert weiter durch Frankreich, bis sie eine Anstellung als Dienstmädchen findet, dort aber bei einem Hausbrand das Baby der Hausherrin versehentlich tötet, als sie beim Rettungsversuch stolpert. Erneut angeklagt, bittet sie einen der Mönche, die sie mehrere Jahre als Sexsklavin missbrauchten, um Hilfe, der jedoch vergewaltigt sie erneut und hilft ihr nicht aus ihrer misslichen Lage. Als sie hingerichtet werden soll, erkennt die 30jährige Juliette ihre Schwester und da ihr Mann ein einflussreicher Politiker ist, kann sie Justine zu sich nehmen. Juliette will nun ihr Leben ändern und tugendhafter werden, Justine aber wird grundlos immer trauriger, bis sie von einem Blitz erschlagen wird.

In der Zweitfassung gibt es kleinere Ergänzungen: Saint-Florent, ein Kaufmann, taucht dreimal im Verlauf der Handlung auf und wird so zum Hauptgegner Justines. Er entjungfert sie, als er sie auf der Flucht vor den Räubern der Dubois vergewaltigt; bevor sie Jahre später bei den Falschmünzern landet, wird er auf sie aufmerksam und bittet sie, ihm dabei zu helfen, ihm Kinder zu besorgen, die er vergewaltigen und danach über die Rhone nach Südfrankreich in Kinderbordelle verkaufen kann; und vor Justines Begegnung mit Juliette stellt er fest, dass die gefangene Justine mittlerweile so stark geweitet ist, dass er ihre Öffnungen zunähen muss, damit sie ihm noch Lust bereiten kann. Zudem gibt es noch eine Episode, in der Justine an einen Mann gerät, der Frauen via Aderlass schwächt, damit er sich ihnen überlegen fühlen kann, sowie mehr Raum für die Machenschaften der Dubois, die Justine hier zudem noch entführt und einem Geistlichen zuführt, dessen Fetisch es ist, Frauen zu köpfen, und die den Brand legt, bei dem Justine das Unglück mit dem Baby passiert.


Die Philosophie der Romane:

In teils mehrseitigen Einlassungen stellt De Sade dem Leser die philosophischen Ansichten der Verbrecher vor, denen Justine begegnet, dabei muten die Ausführungen teils jedoch wie Fortführungen derer an, die der vorherige Verbrecher zuvor geäußert hat. Im Speziellen sind das:
-sexueller Utilitarismus (Hedonismus): Frauen sind nur nützlich, wenn sie dem Mann Lust bereiten, aber nicht, wenn sie tugendhaft leben.
-politischer und wirtschaftlicher Utilitarismus: Ausrottung aller unnützen Menschen, da sie dem Staat nur Kosten verursachen (siehe Todesstrafenbefürworter in aktuellen politischen, insbesondere rechten Positionen).
-Rechtfertigungsrhetorik: Die Verbrechen der Reichen rechtfertigen die Verbrechen der Armen. Die Reichen sind nur reich, weil sie Verbrecher sind, die Armen können nur überleben oder reich werden, wenn sie Verbrechen begehen.
-„Gut“ und „Böse“ als natürliches Gleichgewicht der Kräfte. Wer Böses tut, stellt nur das natürliche Gleichgewicht wieder her.
-Gott hat den Menschen und den Wurm geschaffen, wenn man einen Menschen tötet, nährt man den Wurm und verändert nur die Form eines Lebewesens. Gleichwertigkeit der Existenzformen.
-Gewissenlosigkeit: Wenn es Gott nicht gibt, gibt es auch keine immateriellen Güter wie das „Gewissen“.
-Naturphilosophie: Weil die Natur den Menschen dazu anregen will, sich zu vermehren, gibt es Liebe, wenn der Mensch sich rächen will, dann weil die Natur als Verantwortliche ihm eingibt zu töten.
-Der Mensch ist des Menschen Wolf, und weil Gott den Menschen so geschaffen hat ist das richtig so.
-Nur der Starke kann den Schwächeren zu etwas verpflichten, der Schwache den Starken aber nicht z. B. zur Dankbarkeit – dadurch versucht der Schwache nur, den Starken schwach zu machen.
-Verbrechen ist Ansichtssache: Im einen Staat gilt eine bestimmte Tat als Verbrechen, im nächsten schon nicht mehr und wird geduldet (vgl. Auslandsgesetzgebungen zu Cannabiskonsum, Schutzaltergrenzen und Geschwindigkeitsübertretungen im Straßenverkehr).

Die Positionen, die De Sade in Form von Äußerungen Justines diesen Hauptthesen entgegenhält, sind ungleich schwächer, kaum philosophisch begründet, sondern religiös:
-Die Schwächung des Starken durch die Gesetze der Tugend führt zu mehr Sicherheit aller Bürger.
-Die Tugend ist das wahre Glück
-Unrecht und Unglück geschieht nur, um dem Tugendhaften im Himmel eine größere Belohnung zukommen zu lassen.
-Ein sündhaftes Leben ist nicht gottgefällig.

Tatsächlich fordert De Sade den Leser dazu auf, selbst Stellung gegen die vielfach vorgetragene Propaganda für das Verbrechen zu beziehen, und sie nicht einfach nur hinzunehmen – damit ist De Sade Philosoph ganz im Geiste der Spätaufklärung. Trotz der bestialischen physischen Grausamkeiten, die Justine über sich ergehen lassen muss und des ebenso grausamen Weltbildes der Verbrecher eignet sich „Justine“ somit auch zur Lektüre für Humanisten, die an De Sade ihre Argumente schärfen können. Der Lebens- und Leidensweg der Justine findet eine Parallele im Alten Testament, im Buch „Hiob“, in dem Gott dem Teufel erlaubt, Hiobs Glaubensfestigkeit zu prüfen, indem dem Teufel gestattet wird, Hiob immer stärker leiden zu lassen. Aufgrund seiner Standfestigkeit erfährt Hiob nach jahrelanger Prüfung die Gnade Gottes. Philosophisch weist „Justine“ den Leser darauf hin, dass in einer atheistisch-aufgeklärten Zeit der Mensch Argumente braucht, um dem Bösen zu widerstehen. Diese Waffen muss er sich jedoch selbst erarbeiten, um nicht dem Bösen zu erliegen.


Inhalt des Films:

Die Schwestern Justine und Juliette verlieren im Jugendalter ihre Eltern; um Geld zu verdienen nimmt Juliette Justine sofort mit in ein Bordell, das diese jedoch aus Scham wieder verlässt. Die 100 Taler, die Justine vererbt wurden, gibt sie leichtgläubig einem Pfarrer zur Aufbewahrung, der sie zu Du Harpin schickt, da Justine eine Unterkunft sucht. Der ist jedoch geizig und versucht Justine zu einem Diebstahl zu überreden, als sie sich weigert, versohlt er ihr den Hintern. Kurz darauf wird die Brosche, die Justine stehlen sollte, bei ihr gefunden und Justine verhaftet. Im Gefängnis lernt Justine die Dubois kennen, die ihr mit vier Räubern zur Flucht verhilft. Obwohl sie Justine die Wahl lässt, vergewaltigt zu werden oder sich ihrer Bande anzuschließen und sich Justine für letzteres entscheidet, wollen die vier sie trotzdem vergewaltigen, doch Justine kann fliehen und findet sich in einem Maleratelier wieder, sie war 5 tagelang bewusstlos. Sie verliebt sich in Raymond, den Maler, doch bald wird ihr Unterschlupf von der Polizei entdeckt, die Justine als Ausbrecherin sucht. Sie kann erneut fliehen und überrascht den homosexuellen Chevalier De Bressac inflagranti. De Bressac schüchtert Justine ein wenig ein und bietet ihr schließlich eine Stellung als Dienerin seiner Gattin in seinem Schloss an. Dort versucht er Justine zum Mord an seiner Gattin zu überreden, Justine willigt zum Schein ein, warnt jedoch die Madame. De Bressac vergiftet seine Gattin selbst und brennt der gefesselten Justine ein „M“ für „Mörderin“ auf die Brust. Nach einem Hinweis einer Hirtin begibt sich Justine zum Kloster De Bois, um dort Trost und Unterkunft zu finden. Dort stellt sie jedoch fest, dass die vier dort lebenden Mönche Frauen gefangen halten, die ihnen für ihre sexuellen Ausschweifungen zur Verfügung stehen müssen. Ihre tatsächlichen Meditationen und Studien gelten nur dem Thema, wie man die Lust steigern kann! Als Justine schließlich barbrüstig aufgehängt und geopfert werden soll, schlägt ein Blitz ein und das Deckengewölbe des Klosters stürzt ein. Justine kann entkommen und findet Raymond wieder; die Dubois wiederum findet Justine und zwingt sie, nackt in einem Theaterstück aufzutreten. Dort wird sie aufgrund ihres Brandmals vom Publikum sofort als Mörderin erkannt und von der Polizei verhaftet. Auf dem Weg zu Hinrichtung erkennt Juliette ihre Schwester und da ihr Mann ein einflussreicher Politiker ist, kann sie Justine zu sich nehmen. Juliette erklärt Justine, wie reich sie mittlerweile geworden ist und Justine überlegt sich, ob nicht sie selbst ihr Leben ändern sollte. Juliette wehrt ab und meint, dass sie trotz ihres Reichtums eine innere Leere verspürt und stattdessen sie sich ändern will. In Zukunft will sie Justine ein glückliches Leben bieten.


Filmanalyse:

Werktreue und Freiheiten

„Justine“ ist der vierte von neun Filmen, die Jess Franco Ende der 60er Jahre für den Produzenten Harry Alan Towers drehte. Wie bei den meisten Towersproduktionen spielt dessen Ehefrau Maria Rohm mit, hier in der Rolle der Juliette. „Justine“ ist zusammen mit „Der Hexentöter von Blackmoor“ mit 1 Million Dollar Produktionskosten der teuerste Film, den Franco gedreht hat.

Francos „Justine“ ist eine weitgehend werkgetreue Verfilmung der ersten Hälfte von De Sades Werk, die jedoch das Ende etwas positiver zeichnet, da Justine im Film nicht vom Blitz getroffen stirbt – allerdings schließt der Film dieses Ende nicht aus, man könnte als Kenner einer Justine-Buchfassung auch annehmen, dass der Film kein Happy-End, sondern ein offenes Ende zeigt, und Justine später doch noch wie im Buch endet. Der Film behält die stilistische Leichtigkeit der ersten Fassung De Sades bei und ist wie diese um philosophische Inhalte reduziert und konzentriert sich dadurch auf die Geschichte selbst. Diese Leichtigkeit erzeugt der Film eher aus Versehen: Die 16jährige Romina Power, deren Darstellung Franco, wie er in Interviews bezeugte, nicht gefiel, konnte sich in ihren Charakter wohl aufgrund jugendlicher Unreife kaum einfühlen und musste sich ständig beherrschen, um bei ihren Szenen nicht in Lachen auszubrechen. Man merkt Power den ganzen Film über ihre Beherrschtheit an, da sie sehr unbeteiligt und unbeeindruckt von einer Situation in die andere gleitet. Genau dies ist es aber auch, was die Romanfassungen bieten: Justine hält 15 Jahre lang – über diese Zeitspanne erstreckt sich die Handlung – an ihrer Tugend fest, entwickelt sich charakterlich überhaupt nicht und glaubt auch von Schurken, die sie mehrere Jahre lang jeden Tag vergewaltigt haben (Antonin, Mönch aus dem Kloster De Bois), dass sie ihre früheren Taten jetzt bereuen und ihr nun helfen würden. Neben dieser Leichtigkeit, mit der Justine in Buch und Film ihr Leid zu verkraften scheint, ist im Film ähnlich der Erstfassung des Romans Sex und Gewalt reduziert und wird zwar gezeigt bzw. benannt, jedoch nicht in der Ausführlichkeit eines Splatterfilms und Pornos, was eine werkgetreue Verfilmung der Zweitfassung und noch mehr der „Nouvelle Justine“ müsste, der Film als Produktion aus dem Jahr 1968 aufgrund gesetzlicher Bestimmungen aber gar nicht konnte. Das Fehlen des Charakters Saint-Florent, der mehrmals wiederkehrende Hauptschurke aus der Zweitfassung, deutet ebenfalls darauf hin, dass die Erstfassung die Hauptquelle Francos und des Drehbuchautors Towers war.

Die an einem halben Tag abgedrehten Szenen mit Klaus Kinski als Marquis De Sade nutzt Franco, um auf die Philosophie des Werkes hinzuweisen und schneidet in den Film immer wieder zurück auf den inhaftierten De Sade, um den Gehalt der Geschichte zu intensivieren. Der Marquis wird dabei als Verzweifelter und Getriebener portraitiert, der ergründen möchte, ob es immer so sein muss, dass die Tugend ein Opfer der Gewalt und des Verbrechens ist, und ob die Grausamkeit in der Natur des Menschen verwurzelt ist. Während er diesen Gedanken nachhängt, erscheinen vor seinen Augen Abbilder von Justine und Juliette, die reglos wie Puppen posieren, schließlich beginnt der eigentliche Film als Fiktion des schreibenden De Sade. Mit Hilfe dieses Kunstgriffs, De Sade selbst den Film erzählen zu lassen, erspart Franco dem Zuschauer Schurken, die ihm bzw. Justine in aller Ausführlichkeit ihre verbrecherischen Grundsätze erklären.


Surrealismus und Avantgarde

Künstlerisch ist Francos Stil in Justine ausgesprochen deutlich und intelligent eingesetzt. Schon zu Beginn, wenn De Sade Justine und Juliette im Gefängnis halluziniert, öffnet sich ganz im Sinne des Surrealistischen Manifests (André Breton, 1924) in einer Traumsituation ein Spalt ins Unbewusste De Sades, den der Zuschauer nachvollziehen soll und kann. Dieser Spalt soll ihm einen Zugang zum erwähnten Grundproblem der Justine-Geschichte ermöglichen: kann man es sich in der materiell-materialistischen Welt leisten, konsequent tugendhaft zu leben? Auch im Laufe des Films gelingt es Franco immer wieder, Stilelemente des Surrealismus einfließen zu lassen: Das Haus Du Harpins ist von einer bizarren Enge, gefilmt aus der Oberperspektive und mit Fischaugenobjektiv, es gibt grelle Ausleuchtungen in den Farben grün, orange und pink mehrerer Bildausschnitte gleichzeitig – eine Bebilderung, unmittelbar und jenseits aller ethischen und ästhetischen Überlegung – und ein grotesk überzeichnetes Spiel Jack Palances als Bruder Antonin. Den Wahnsinn De Sades bebildert Franco mit seiner typischen, in „Justine“ aber sinnvoll wie selten eingesetzten rasend hin- und her zoomenden, fixierenden und sich wieder in der Unschärfe verlierenden Kamera – ein grandioses Mittel, die Perspektive eines haltsuchenden ruhelosen Menschen einzunehmen. Diese Herangehensweise an die Bildinszenierung ist nicht allein surrealistisch, sondern auch zeitgemäß avantgardistisch, indem sie vom Zuschauer fordert, das filmische Geschehen nicht konventionell, sondern mit anderen Augen wahrzunehmen. So beschönigt Franco nicht das Hässliche, sondern zeigt es naturgetreu bis hin ins grotesk-überzeichnete und stellt nicht etwa Schönes hässlich dar, wie Fehlinterpreten der avantgardistischen Kunst und auch Francos oft annehmen..


Kritik der Kritik: Stephen Throwers Buch „Murderous Passions“

2015 ist ein ausgesprochen informatives Buch über Jess Francos Filme bis 1974 erschienen. Der Autor wertet dabei in mühevoller Arbeit alle Fakten zu Francos Filmen aus, deren er habhaft werden konnte und bespricht die Filme in ausführlichen Reviews. Eben jene zu „Justine“ halte ich für ausgesprochen unfair. So missdeutet er De Sades „Justine“ als ironisch (lediglich der Stil ist leichtfüßig, jedoch nicht ironisch! – und beklagt sich, dass Francos Film nicht ironisch, sondern zu heiter ist. Er kritisiert, dass nach Justines Flucht von den Räubern eigentlich die Rodin-Episode gezeigt werden müsste, also der pädophile Arzt, der seine Tochter für tödliche Experimente missbrauchen will und meint in mehreren Seitenhieben, dass der nicht im Buch auftauchende Maler Raymond eigentlich ein Pädophiler sein müsste. Das ist eine wissenschaftlich unzulässige Vermengung zweier Werke, bei denen das eine lediglich auf dem anderen basiert! Und dass ein Film nie exakt ein literarisches Werk abbilden, sondern es in filmische Bilder und Dramaturgie übersetzen sollte und damit Änderungen und Auslassungen fast immer nötig sind, sollte jedem, der sich mit Film wissenschaftlich oder kritisch befasst, klar sein. Ärgerlich ist zudem die Missdeutung De Sades hinsichtlich sexueller Orientierungen in seinem Werk. Thrower meint, dadurch, dass De Sade Sex und sexuelle Gewalt sowohl von Männern als auch von Frauen ausgehen lässt, sowohl Männer als auch Frauen sexuelle Gewalt erfahren lässt, sowohl homosexuellen Sex als auch heterosexuellen Sex und sexuelle Gewalt schildert, De Sade Heterosexualität und Homosexualität moralisch als gleichwertig achtet. Tatsächlich aber bezeichnet De Sade in der Bressac-Episode der Erstfassung der „Justine“ Homosexualität mehrmals als „abscheuliche Ausschweifung“ und reiht sie damit in die zahlreichen Verbrechen ein, die er schildert. Berücksichtigen muss man natürlich, dass die Geschichte aus der Sicht Justines erzählt wird und Homosexualität damit in erster Linie für Justine eine abscheuliche Ausschweifung darstellt; dass Thrower aber etwas von einer Gleichwertigkeit faselt und sich dann bezüglich der Darstellung dieser Szenie in Francos Film beschwert, dass auch sie wieder nicht werkgetreu sei und Justines Charakter ins Gegenteil verkehrt wird, weil sie amüsiert reagiert, als sie Bressac inflagranti beobachtet, halte ich für maßlos überzogen. Es passt zu ihrem Charakter und es passt zu einer sexuell unreifen 16jährigen, in einer solchen Situation amüsiert zu reagieren!


Fazit:

Vorläufig mein Favorit unter meinen 33 bisher gesichteten Filmen Jess Francos. Weitgehend werkgetreu und intelligent in kunstvoll gestaltete Bilder übersetzt.


Wertung:

9 / 10


Zuletzt geändert von Pacific Nil am 08.12.2016 14:35, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 07.12.2016 19:39 
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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 07.12.2016 20:17 
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Danke und Respekt für diesen Beitrag! :231:

Muss ich gleich mal im Bücherregal nachsehen welche Fassung ich daheim hab!...


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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 07.12.2016 22:09 
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Wow, sehr interessante Besprechung! Danke dafür! (Würde sich toll als Booklet für eine deutsche BD machen! ;-) )

Besonders der Hinweis darauf welche Fassung des Buchs als Vorlage diente, ist hochinteressant und klingt sehr schlüssig. Ich hab schon eine ganze Menge über den Film gelesen, aber so tief in die Materie vorgedrungen ist da noch keiner...

Pacific Nil hat geschrieben:
Francos „Justine“ ist eine weitgehend werkgetreue Verfilmung der ersten Hälfte von De Sades Werk, die jedoch das Ende etwas positiver zeichnet, da Justine im Film nicht vom Blitz getroffen stirbt – allerdings schließt der Film dieses Ende nicht aus, man könnte als Kenner einer Justine-Buchfassung auch annehmen, dass der Film kein Happy-End, sondern ein offenes Ende zeigt, und Justine später doch noch wie im Buch endet. Der Film behält die stilistische Leichtigkeit der ersten Fassung De Sades bei und ist wie diese um philosophische Inhalte reduziert und konzentriert sich dadurch auf die Geschichte selbst. Diese Leichtigkeit erzeugt der Film eher aus Versehen: Die 16jährige Romina Power, deren Darstellung Franco, wie er in Interviews bezeugte, nicht gefiel, konnte sich in ihren Charakter wohl aufgrund jugendlicher Unreife kaum einfühlen und musste sich ständig beherrschen, um bei ihren Szenen nicht in Lachen auszubrechen. Man merkt Power den ganzen Film über ihre Beherrschtheit an, da sie sehr unbeteiligt und unbeeindruckt von einer Situation in die andere gleitet. Genau dies ist es aber auch, was die Romanfassungen bieten: Justine hält 19 Jahre lang – über diese Zeitspanne erstreckt sich die Handlung – an ihrer Tugend fest, entwickelt sich charakterlich überhaupt nicht und glaubt auch von Schurken, die sie mehrere Jahre lang jeden Tag vergewaltigt haben (Antonin, Mönch aus dem Kloster De Bois), dass sie ihre früheren Taten jetzt bereuen und ihr nun helfen würden. Neben dieser Leichtigkeit, mit der Justine in Buch und Film ihr Leid zu verkraften scheint, ist im Film ähnlich der Erstfassung des Romans Sex und Gewalt reduziert und wird zwar gezeigt bzw. benannt, jedoch nicht in der Ausführlichkeit eines Splatterfilms und Pornos, was eine werkgetreue Verfilmung der Zweitfassung und noch mehr der „Nouvelle Justine“ müsste, der Film als Produktion aus dem Jahr 1968 aufgrund gesetzlicher Bestimmungen aber gar nicht konnte. Das Fehlen des Charakters Saint-Florent, der mehrmals wiederkehrende Hauptschurke aus der Zweitfassung, deutet ebenfalls darauf hin, dass die Erstfassung die Hauptquelle Francos und des Drehbuchautors Towers war.


Bezüglich Thrower stimme ich dir auch zu. Bin zwar insgesamt begeistert von seinem Buch, aber gerade die Towers-Produktionen hasst er wohl, was er da teilweise zusammenschreibt ist schon haarstäubend, was ärgerlich und auch erstaunlich ist, da seine Analysen ja ansonsten oft sehr gut sind.


Zuletzt geändert von samgardner am 08.12.2016 03:10, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 08.12.2016 00:56 
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Pacific Nil hat geschrieben:
Kann ein Mod beim Threadtitel bitte ein "e" streichen: Marquis, nicht Marquise :mrgreen:

Danke für den Hinweis! 8-)
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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUISE DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 08.12.2016 07:16 
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samgardner hat geschrieben:

Bezüglich Thrower stimme ich dir auch zu. Bin zwar insgesamt begeistert von seinem Buch, aber gerade die Towers-Produktionen hasst er wohl, was er da teilweise zusammenschreibt ist schon haarstäubend, was ärgerlich und auch erstaunlich ist, da seine Analysen ja ansonsten oft sehr gut sind.


Interessant ist, dass Thrower sich in den Featurettes der Blue Underground-BD's - etwa zu "Marquis de Sade: Justine" - teils selbst revidiert. Da sagt er in den Interviews mitunter sehr von seinem Buch abweichende Dinge, bzw. relativiert. Aber vielleicht hat er sich auch nur gedacht, in einer BD-Featurette müsse er milder urteilen, um das Produkt nicht abzuwerten.

Ich bin schon gespannt, was Thrower auf der "99 Women"-BD zu sagen hat, die in ein paar Tagen erscheint.


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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUIS DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 11.07.2018 12:14 
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Ich habe mir die 3 fach Blu-ray Veröffentlichung mit Soundtrack CD von Blue Underground gekauft.
Das Bild ist wirklich ein Traum und gerade bei diesem Film ein wirklicher Hochgenuß.
In Punkto HD Bildqualität kenne ich bisher keine bessere Jess Franco Blu-ray.


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 Betreff des Beitrags: Re: MARQUIS DE SADE: JUSTINE - Jess Franco
BeitragVerfasst: 11.07.2018 16:57 
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Das liest sich toll. Ich habe immer noch die Hoffnung auf eine deutschsprachige VÖ dieses tollen Filmes. Bisher habe ich mich mit der X-Rated Hartbox begnügt.

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