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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: MÖRDER AHOI! - George Pollock
PostPosted: 27.10.2019 10:25 
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BEWERTET: "Mörder ahoi!" ("Murder ahoy", Großbritannien 1964)
mit: Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Charles Tingwell, William Mervyn, Joan Benham, Derek Nimmo, Norma Foster, Francis Matthews, Gerald Cross, Stringer Davis, Terence Edmund, Nicholas Parsons, Henry Oscar, Miles Malleson, Henry Langhurst, Edna Petrie, Lucy Griffiths u.a. | Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon aufgrund ihrer Interpretation von Agatha Christies Miss Marple | Regie: George Pollock

Miss Marple wird in den Stiftungsausschuss für das Schulschiff "HMS Battledore" berufen, das sich der sinnvollen Beschäftigung und Ausbildung von gestrauchelten Jugendlichen widmet. Als das Kuratoriumsmitglied Cecil Folly-Hardwicke vor seiner Wortmeldung tot zusammenbricht und seine Schnupftabakdose kurz darauf von einem Eindringling geleert wird, vermutet Miss Marple richtig: Es handelt sich hier nicht um Tod durch Herzinfarkt, sondern um einen Giftmord....

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"Rule Britannia, Britannia rule the waves....!"

Es wurde viel diskutiert, ob es besser gewesen wäre, einen weiteren Film nach einem Originalroman der Erfolgsautorin zu drehen, statt sich die Freiheit zu nehmen, der beliebten Darstellerin Margaret Rutherford einen maßgeschneiderten Fall auf den Leib zu schreiben. Mittlerweile hatte sich die populäre Figur der Amateurdetektivin zu einem Selbstläufer entwickelt, der das enge Korsett der literarischen Vorlage sprengte und wesentlich mehr Platz beanspruchte, als die Autorin ihrer ruhigen, aber scharfsinnigen alten Jungfer in den Büchern zugestanden hatte. Statt ihre Kombinationen beim Beobachten der Vögel oder der Pflege ihres Gartens zu ziehen - wie es die bescheidene Miss Marple in den Romanen tat - zog die matronenhafte Jane Marple der Filme hinaus aufs Land und nun auch auf See, um sich dort tatkräftig in Situationen einzumischen, deren Hintergrund Mord war. Das Publikum liebte die vollschlanke Dame für ihr Engagement und ihren herzhaften Mut, der eine unbezahlbare Werbung für England war und gerade in Deutschland das Bild der Inselbewohner prägte. Immer wieder gibt es Anspielungen auf die Stärke des Albions, der in der unverwechselbaren Margaret Rutherford eine selbstbewusste Botschafterin fand. Und wo äußert sich der Stolz der ehemaligen Weltmacht besser als in seiner Flotte?

Die Abgeschiedenheit des Schauplatzes ist ein Merkmal der Serie und wurde hier in pittoresker Weise umgesetzt. Miss Marple fühlt sich auch auf diesem Terrain zuhause, da sie auf eine Reihe von Seefahrern in ihrer Familie zurückblicken kann. So ist sie mit einigen Aspekten der Marine durchaus vertraut und steuert ein Ruderboot ebenso wie sie erfolgreich das Morsealphabet anwendet. Ihre Kenntnisse der Chemie stellt sie in einer eindrucksvollen Szene in ihrem Cottage unter Beweis. Die umfassende Bildung, die ihr als Mädchen schon früh zuteil wurde, wird immer wieder durch Beweise ihrer Eignung für sportliche oder geistige Herausforderungen betont. Die starke Frau, die durch Alter und Figur nicht dem zeitgenössischen Prototyp der Werbung entspricht, behauptet ihren Platz und ist gerade deshalb ein wichtiges Vorbild für den Zuschauer. Der Umgangston zwischen Miss Marple und dem Inspektor hat sich verschärft und ist aggressiver geworden, was in der Inhaftierung der alten Dame gipfelt. Der Polizeibeamte scheint zunehmend genervt von der Eigenmächtigkeit und dem Vorsprung der Hobbydetektivin. Durch ihre Anwesenheit an den Tatorten bzw. ihrem gesellschaftlichen Umgang mit den Personen der Handlung, kann sie inoffiziell viel mehr Informationen sammeln als ein Vertreter der Rechtsstaatlichkeit.

Die Charaktergesichter der Darsteller geben dem Film Authentizität, was bereits bei der ersten Sitzung des Kuratoriums ersichtlich wird. Der knorrige Folly-Hardwicke und seine drei Kollegen stehen für das steife Establishment, für Tradition und Abgeschlossenheit, was sie anfällig für Nachlässigkeit macht. Die Kontinuität, für die sie eintreten, wurde durch einen cleveren Betrüger unterwandert und bereitete zudem den Boden für eine neue Generation von Verbrechern. Lionel Jeffries als launiger Kapitän ist mehr mit seiner Eitelkeit, seinen Manierismen und dem Verbergen privater Verbindungen beschäftigt als mit der Führung eines Schiffs. Er delegiert seine Aufgaben an die ihm untergeordneten Mitglieder der Besatzung, wobei keinerlei Wertschätzung erkennbar ist. Alles läuft nach einem Schema ab, das in seiner Abgedroschenheit anfällig für Angriffe ist. Der Blick auf die Welt von gestern ist unverkennbar. Zukunft erhält die Gemeinschaft erst, als die Karten offengelegt werden und die kriminellen Mitglieder das Schiff verlassen. Mehr Spielzeit hätte man Francis Matthews gegönnt, der seinen Leutnant Compton interessant skizziert und im Zusammenspiel mit Nimmo und Foster für eine lebendige Dreieckssituation sorgt.

Die Kriminalhandlung profitiert von ihrem räumlichen Umfeld, das mit offenen Schauplätzen eine buchstäblich frische Brise in den Film bringt. Der Humor präsentiert sich in der Gestalt des Kapitäns, der sich in permanentem Jammern und Klagen ergießt, wobei hier ein Paradebeispiel für britische Exzentrizität gestellt wird, was auf Dauer in einem Kriminalfilm als unpassend empfunden werden kann. Die einzelnen Schiffsbereiche bieten Miss Marple eine passende Bühne für nächtliche Nachforschungen und profitieren von unheimlichen Schatten, einer angespannten Ruhe und einem daraus resultierenden angenehmen Rhythmus. Mister Stringer kann sich ebenfalls tatkräftig einbringen und beweisen, dass er über Ausdauer und Mut verfügt. Er dient nicht nur zur Beschaffung von Dokumenten, sondern auch als Ablenkungsmanöver und loyaler Freund. Da die Detektivin nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann, erfüllt er eine wichtige Funktion als Beobachter von außen. Wie im Falle des Gespanns Sherlock Holmes und Dr. Watson findet man hier eine langjährige Symbiose zweier unterschiedlicher Charaktere, von denen einer dominant und der andere nachgiebig ist, wobei der intellektuell überlegene Teil den anderen wegen seiner Beständigkeit und Treue schätzt.

"Der Spielfilm hat nur stellenweise mit Motiven aus Christie-Geschichten zu tun. Dennoch amüsiert der Mord und Totschlag auf dem Schiff dank der köstlich schrulligen Protagonistin wie gewohnt." ("Berliner Zeitung") Originelle Versatzstücke machen das maritime Abenteuer für das Publikum zum kurzweiligen Vergnügen, wobei durch den exaltierten Lionel Jeffries Abstriche gemacht werden müssen. 4 von 5 Punkten


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