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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Betreff des Beitrags: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant
BeitragVerfasst: 11.11.2018 14:08 
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LE VOLEUR DE CRIMES - 1969
R: Nadine Trintigiant
D: Jean Louis Trintigiant
Robert Hossein
Florina Bolkan


Es gibt viele Wege der Faszination Film zu unterliegen.
Einige erforschen viele Archive und lesen alles mögliche und wissen im Prinzip schon alles vorher was in dem Film passiert.
Da man meist einen Film besser genießen kann, wenn man nicht alles vorher in den Berichten gelesen hat, ist auch der Sinneseindruck stärker als wenn
man mit einer vorgefertigen Meinung sich den Film anschaut.

Das interessante an unserem Sammelgebiet ist, dass man teilweise bei den Filmen das Alter schon auf 1 bis 2 Jahre genau schätzen kann.
Dies erkennt man nicht unbedingt am Alterungszustand unser geliebten Darsteller, sondern an der Art Filme zu drehen.
Ein weiteres Indiz ist meist die Einrichtung. Der Flower Power Geist der frühen 70er Jahre ist in den späten 70er Jahren gar nicht mehr zu finden, denn das kühle
Industriedesign was da angesagt war, unterscheidet sich doch sehr deutlich.

Wer heute Filme ab Entstehungsjahr 2000 konsumiert, kann kaum einen Film von 2005 von einem Film aus dem Jahr 2015 unterscheiden.
Das liegt auch daran, dass die Art Filme zu machen heute völlig anders ist. Durch die Kommerzialisierung werden durch Kundenbefragungen etc immer mehr die
Sehgewohnheiten und die Erwartungen der Kundschaft der breiten Masse bedient. Das ist ein Vorgang, der nicht nur die Filme sondern auch das Design und alle Bereiche der
konsumierbaren Waren umfasst hat. Die Folge ist, dass Dinge austauschbarer und gleichartiger werden.

Hiervon zu unterscheiden ist die Vorgehensweise vor 30 oder 40 Jahren. Hier trat der Regisseur meist recht autoritär auf, genauso wie der Designer.
Gerade die Filme aus den späten 60er Jahren haben häufig einen 68er Einfluss.
Es geht darum mit Sehgewohnheiten zu brechen, Erwartungen sollten nicht erfüllt werden, der Zuschauer sollte dazu angeregt werden Dinge zu hinterfragen.
Im Vergleich zu den Produktionen der 40er, 50er und frühen 60er sind diese Filme als deutlicher Gegensatz zu verstehen.
Es geht hier nicht in erster Linie darum zu unterhalten.
Wer heutzutage amerikanische Serien konsumiert und in erster Linie leicht konsumierbare Kost gewohnt ist, dem ist von solchen Filmen abzuraten, da dieses
Brechen der Seh- und Erwartungsgewohnheiten bei derartigen Zusehern zu Frust und Desorientierung führt. Das ist so ein bisschen so wie mit Leuten die ausschließlich Whisky
vom Discounter kennen und diesen mit Cola mischen. Wenn sie zum ersten Mal einen edlen Tropfen genießen verziehen sie das Gesicht und sind mit der geschmacklichen Vielfalt und Komplexität überfordert.

Die Geschichte ist kurz erzählt, eine junge Frau begeht Selbstmord. Unser Held Jean Louis Trintigiant steigert sich in die fixe Idee hinein, er wäre der Mörder der Frau und
schreibt Bekennerbriefe an die Polizei und die Presse.
Es ist nicht ganz klar, ob es nur um die Darstellung eines Krankheitsbildes geht, oder ob auch hier wieder ein gesellschaftlicher Konflikt dargestellt werden soll.
So wird das Geschäftsmodell der Presse (Sensationsgier) kritisch gezeigt. So hinterfragt die Presse gar nicht, ob es sich um einen Mord oder Selbstmord handelt, sondern druckt
die Briefe von Trintigiant kritiklos ab.
Interessant ist auch die gewählte Darstellung der Drehorte. Man muss dies auch mit den Augen der Zeit sehen. Damals stellten die Wohnblöcke einen Ausdruck der Modernität dar. Die Wohnblöcke sind das Ziel der aufstrebenden Mittelschicht gewesen, während die heute charmant anmutenden Altbauwohnungen eher ein Symbol für Armut damals darstellten.
In dem Film werden diese modernen Wohngegenden als menschenleer und irgendwie seelenlos dargestellt, während die Altbauviertel voller Menschen sind und eine gewisse Lebendigkeit ausstrahlen. So werden die modernen Wohngegenden als maßstabslos gezeigt und der Mensch soll verloren vor dem Rastermaß der Fassaden erscheinen.

Zurück zu unserem Held, er ist verheiratat und Vater von Kindern. Er führt eine glückliche Ehe mit einer hübschen Frau.
Eines Tages zieht er plötzlich aus und kriecht unter bei seinem Kumpel Robert Hossein.
Dieser lebt ein freies Leben, er ist Künstler und feiert mit attraktiven Frauen immer mal wieder Partys. Dieses freie Leben zieht Jean Louis magisch an.
Nach dem Selbstmord der jungen Frau steigert sich Trintigiant in die Idee hinein er wäre der Mörder.
Es geht hier aber nicht um die Darstellung einer Krankheit, dafür ist Trintigiant zu sachlich und zu berechnend. Zu seiner Frau sagt er, ihm sei langweilig und vor dem Spiegel übt er die besten Posen wie man in den Zeitungen als Verbrecher dargestellt wird. Er kalkuliert wie das größte Medieninteresse hervorrufen kann und legt es darauf an, in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.
Er konstruiert somit ein Bild in der Öffentlichkeit eines wahnsinnigen Mörders, der jederzeit zuschlagen könnte.

Fazit:
Dieser Film ist definitiv kein Partyfilm und sicherlich nicht ein Einstiegsfilm für Normalos in den gehobenen Filmgeschmack. Der Film ist ein Produkt seiner Zeit.
So spielt das Moment mit Konventionen zu brechen genauso eine Rolle wie die Sensationsgier der Medien. Hossein und Trintigiant spielen den Film hervorragend.
Der Film hinterlässt einen ratlos zurück. Auf die Zuschauer der damaligen Zeit muss der Film recht verstörend gewirkt haben.
Für die Freunde des französischen Films ein absolutes Muss.


Zuletzt geändert von Kent am 12.11.2018 08:59, insgesamt 2-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Voleur de crimes - Nadine Trintignant (1969)
BeitragVerfasst: 11.11.2018 14:19 
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Hier ein kleiner Eindruck mit der wunderbaren Florinda Bolkan (der Geliebten von Helmut Berger!).

www.youtube.com Video From : www.youtube.com


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 Betreff des Beitrags: Re: Le Voleur de crimes - Nadine Trintignant (1969)
BeitragVerfasst: 11.11.2018 20:03 
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Danke für deinen Beitrag, aber die Kopfzeile entspricht (mal wieder) nicht unseren Regeln.
Bitte ändern!

Danke.

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 Betreff des Beitrags: Re: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant (1969)
BeitragVerfasst: 12.11.2018 10:31 
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Ich gelobe Besserung, hatte das nicht mehr in Erinnerung.
Ich hoffe jetzt passt es so gut wie ein Elfmeter von Andy Brehme ;)


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 Betreff des Beitrags: Re: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant (1969)
BeitragVerfasst: 12.11.2018 22:27 
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Kent hat geschrieben:
Ich gelobe Besserung, hatte das nicht mehr in Erinnerung.
Ich hoffe jetzt passt es so gut wie ein Elfmeter von Andy Brehme ;)

Nee, nicht ganz.
Da gibt's noch n kleinen Schönheitsmakel. ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant (1969)
BeitragVerfasst: 13.11.2018 13:34 
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Schon klar, es fehlen J&B Beweisfotos 8-)


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 Betreff des Beitrags: Re: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant
BeitragVerfasst: 13.11.2018 20:41 
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Crime Thief (D + INT)
Le voleur de crimes (F)
Il ladro di crimini (IT)
El ladrón de crímenes (ES)

F / IT 1969

R: Nadine Trintignant
D: Jean-Louis Trintignant, Robert Hossein, Florinda Bolkan, Serge Marquand, Giorgia Moll, Bernadette Lafont, Tanya Lopert, Karen Blanguernon, Lucienne Hamon u.a.

Score: The Electric Prunes, Jack Arel und Jean-Claude Petit

Italo-Cinema.de

OFDb



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LE VOLEUR DE CRIMES zählt auch ganz klar zu meinen Favoriten französisch-italienischer Filmkunst, denn der gezeigte Wahnsinn zog mich bereits während meiner Erstsichtung gänzlich in seinen Bann. Die drei Hauptdarsteller -Jean-Louis Trintignant, Florinda Bolkan und Robert Hossein- legen allesamt eine erstklassige Darbietung aufs Parkett, wobei der Erstgenannte in seiner Wahnsinnsrolle eigentlich schon alles in Grund und Boden spielt. Obendrein gesellen sich dann auch noch die reizende Giorgia Moll, die in der Rolle von Jean-Louis Ehefrau 'Olga' ebenfalls eine überzeugende Darbietung abgibt, als auch Serge Marquand, der bei mir alleine schon aufgrund seiner markanten Außenerscheinung punktet. Die eigentliche Imposanz dieses glänzenden Kriminalfilms liegt aber letzten Endes in der ungewöhnlichen Geschichte begründet, worin sich dann ein psychopathenhafter Jean-Louis Trintignant sprichwörtlich den Teufel aus dem Leib spielt. Und Florinda Bolkan? Die reizende Brasilianerin konnte in ihrer Rolle bereits einen kleinen Vorgeschmack erhaschen, was es heißt, mit einem größenwahnsinnigen Psychopathen liiert zu sein - denn nur ein Jahr später begab sie sich in ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER erneut in die Fänge eines solchen Prachtkerls, wobei dieser dann nicht nur auf den Namen Gian Maria Volonté hörte, sondern auch noch ein weitaus höheres Wahnpotenzial mit sich brachte...

In familiärer Zusammenarbeit inszenierte Nadine Trintignant einen der außergewöhnlichsten Thriller, der jemals in Frankreich gedreht wurde - denn sie war zum damaligen Zeitpunkt nicht nur die Ehefrau von Jean-Louis gewesen, sondern auch die Schwester von Serge Marquand.

Abschließend sei auch noch kurz auf eine weitere hochkarätige Zusammenarbeit des Trintignant/Marquand-Clans hingewiesen, nämlich auf DIE ANGST VOR DER WAHRHEIT aus dem Jahre 1973.



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Kent hat geschrieben:
Es ist nicht ganz klar, ob es nur um die Darstellung eines Krankheitsbildes geht, oder ob auch hier wieder ein gesellschaftlicher Konflikt dargestellt werden soll.
So wird das Geschäftsmodell der Presse (Sensationsgier) kritisch gezeigt. So hinterfragt die Presse gar nicht, ob es sich um einen Mord oder Selbstmord handelt, sondern druckt
die Briefe von Trintigiant kritiklos ab.

Ich würde sagen, weder - noch, denn eigentlich erzählt der Film die Geschichte eines gesellschaftlichen Außenseiters, dessen psychische Disposition ein wenig krankhaft geraten zu sein scheint. Hinzu gesellen sich ein gemindertes Selbstwertgefühl, das zwanghafte Streben nach Anerkennung und eben sein Hang zum Größenwahn. Und dies alles kommt dann erst so richtig in Fahrt, als er dem Suizid der unbekannten Dame beiwohnt, denn nachdem er die fiktive Persönlichkeit des 'Steinbruchmörders' erfand und die Zeitungen auf seine Briefe ansprangen, quillt in ihm plötzlich das Gefühl auf, nicht nur erstmalig 'Macht' zu besitzen, sondern endlich auch 'jemand' zu sein, der eben 'nicht' sang- und klanglos in der Anonymität der Gesellschaft untergeht. Und ausgerechnet dieser langersehnte 'Ruhm' lässt bei ihm dann auch noch die letzten Sicherungen durchknallen, wodurch er sich in seinem kranken Kopf nicht nur immer tiefgreifender mit seiner neu erschaffenen Persönlichkeit identifiziert, sondern mit dieser letzten Endes sogar vollends verschmilzt. Bum!



Kent hat geschrieben:
Es geht hier aber nicht um die Darstellung einer Krankheit, dafür ist Trintigiant zu sachlich und zu berechnend. Zu seiner Frau sagt er, ihm sei langweilig und vor dem Spiegel übt er die besten Posen wie man in den Zeitungen als Verbrecher dargestellt wird.

Schizophrenie ist niemals sachlich oder berechenbar ;)

Ich würde das Ganze eher als ein psychopathologisches Kalkül bezeichnen, über das der Erkrankte keine Kontrolle mehr hat, denn die sogenannten 'Stimmen' (oder besser gesagt: der gespaltene Persönlichkeitsanteil) halten dann schon meist das Ruder fest in der Hand.


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Abschließend sei auch noch auf die außergewöhnliche Filmmusik hingewiesen, für die sich in erster Linie die psychedelische Garage-Rock-Band THE ELECTRIC PRUNES auszeichnet. Die dargebotenen Kompositionen stammen allesamt aus dem choral-hypnotischen Album Mass In F Minor, dessen Eröffnungstrack 'Kyrie Eleison' bereits in Dennis Hoppers 'Easy Rider' seine Verwendung fand. Der Höhepunkt stellt für mich aber eindeutig der easy-beatlastige Hammond-Sound-Feger von JACK AREL und JEAN-CLAUDE PETIT dar, zu der Florinda Bolkan dann in der Rolle der 'Florinda' munter mit der Hüfte kreist.
(siehe und höre hierzu auch das bereits von Kent gepostete Video)


THE ELECTRIC PRUNES - Kyrie Eleison + Gloria
www.youtube.com Video From : www.youtube.com



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 Betreff des Beitrags: Re: LE VOLEUR DE CRIMES - Nadine Trintignant
BeitragVerfasst: 14.11.2018 08:50 
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Das hast du sehr sehr hübsch gemacht, vielen Dank.
Auch sehr schöne Infos rausgesucht - Top :D


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